Interview-Classics: Franco Nero

DjangoManchmal ein wenig mürrisch

Franco Nerom geboren 1941 als Francesco Sparanero in Modena, ist der Inbegriff des Spaghetti-Westerns. Dabei hat er seinen Django, der vor genau 50 Jahren in die Kinos kam, vor und nach einem lausigen Remake 20 Jahre später nur ein einziges Mal gespielt. Drumherum kamen vor allem B-Movies und Trash-TV wie die bemerkenswert hirnrissige Adels-Schnulze Der Fürst und das Mädchen vor zehn Jahren im ZDF. Der damals 65-jährige Schauspieler über blaues Blut, Rollenfestlegungen, deutsche Vorurteile und seinen Plan, Quentin Tarrantino zu erschießen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Seniore Nero, der alte Desperado Franco Nero spielt 40 Jahre nach Django einen Adligen in einer deutschen Fernsehserie. Das allein ist überraschend.

Franco Nero: (lacht) Ja, das hoffe ich.

Was halten Sie persönlich vom Adel?

Na ja, allzu viel Sympathie für den Adel habe ich natürlich nicht. Es ist eine völlig andere Welt als meine und die der meisten anderen. Ich kenne einige von ihnen und es sind sehr verwöhnte Personen mit Eigenarten und Angewohnheiten, die mir völlig fremd sind.

Verspüren Sie so was wie Abneigung?

Nicht wirklich, aber ich bevorzuge entweder einfache Menschen oder gebildete, kultivierte, am liebsten alles in einem. Ich selbst entstamme ja auch eher einfachen Verhältnissen und mag deshalb Bauern, Fischer, Schriftsteller lieber als Adlige.

Und jetzt spielen Sie selber einen. Wieso?

Ganz einfach: Der hat in meiner Karriere noch gefehlt. Ich bin zu neugierig, um diese Facette auszulassen. Schon zuvor war ich mit meinen mehr als 165 Rollen vielleicht der einzige italienische Schauspieler, der tatsächlich die ganze Palette gespielt hat. Nur den Herzog eben noch nicht. Bis jetzt.

Muss man mit 65 Jahren noch auf sein Repertoire achten?

Oh ja, selbstverständlich, hören Sie mal. Nur so bleibe ich schließlich jung. Wenn diese Begeisterung für neue Facetten nicht mehr da wäre, müsste ich aufhören zu spielen. Sofort.

Besteht denn die Gefahr?

Natürlich, aber im Moment reicht meine Euphorie noch aus, um weiterzumachen. Gerade hat mir zum Beispiel ein Produzent aus Hamburg angeboten einen Western zu drehen. Noch dieses Jahr. Einen Western – ich werde ganz aufgeregt, wenn ich nur davon rede… (lacht laut). Endlich! Das mache ich natürlich.

Dass man Sie für einen Western in Betracht zieht, liegt auf jeden Fall näher als für eine Adels-Saga?

Wie das ZDF jetzt ausgerechnet auf mich gekommen sind, weiß ich auch nicht. Aber die Produzenten sind eigens zu mir nach Rom gereist und haben mich davon überzeugt. Das ging auch allein deshalb sehr, sehr schnell, weil Maximilian Schell mit dabei ist, ein Weltstar. Das hat mich natürlich angelockt, er wäre sehr glücklich, hieß es, wenn ich mitspielen würde. Wirklich schmeichelhaft. Ich habe bereits vier Filme mit ihm gedreht. 1970 zum ersten Mal, seither kennen wir uns gut.

Auch mit Maximilian Schell haben Sie allerdings stets Kino gemacht. Es scheint fast, als hätten Sie das Fernsehen bislang gemieden.

Ja, ich habe in der Tat wenig fürs Fernsehen gedreht. Es gefällt mir einfach nicht so gut wie das Kino, das war lange Zeit fast eine Abneigung. Und wissen Sie warum? Fernsehen machen kann jeder, Kino dagegen nur wenige. Außerdem brauche ich die Größe der Leinwand, auf einem kleinen Bildschirm wirke ich nicht so gut.

Und woher der jetzige Sinneswandel?

(lacht) Nennen Sie es einfach Neugierde. Außerdem ist es ein kleines Tauschgeschäft, ich hoffe auf einen Kompromiss mit der jetzigen Produktion. Voriges Jahr habe ich einen Film namens Forever Blues gespielt, gedreht, produziert, geschrieben, der bereits in Italien herausgekommen ist, und ich möchte, dass er auch hierzulande läuft.

Sehen Sie selber fern?

Nur Sport, nichts anderes. Und Nachrichten, natürlich, aber hauptsächlich Sport. Fußball vor allem. Es gibt viele Schauspieler, die zu mir kommen, um irgendwas mit mir zu machen, aber ich kenne Sie oftmals nicht, weil die meisten eben fürs Fernsehen arbeiten, nicht fürs Kino. Ich bin natürlich nicht komplett dagegen, um Gottes Willen. Ich habe dafür immerhin Rodolfo Valentino oder den italienischen Nationalhelden Garibaldi gedreht. Aber eins muss ich hinzufügen: Ich bin einer der wenigen bekannten Schauspieler, die niemals Werbung gemacht haben. Ich habe Milliarden Angebote bekommen und alle abgelehnt. Mit Schauspielern verbindet man Träume und wenn man ihnen dann dabei zusieht, wie sie ihr Können für Kaffee oder Milch hergeben, zerplatzen diese Träume rasch.

Diese Verweigerung muss man sich leisten können.

Tja, das kann ich in der Tat. Ich habe immer in seriösen Produktionen gearbeitet, war immer fleißig und spiele lieber eine verhältnismäßig kleine Serie wie diese in Deutschland, als mich für Werbung herzugeben. Obwohl in der Werbung mittlerweile auch schauspielerisches Talent gefragt ist und hochwertig gescriptet wird.

Vor 25 Jahren sagten Sie mal in einem Interview, nun vor der Entscheidung zu stehen, so weiterzumachen wie bisher und als Star schnell viel Geld zu verdienen, oder die Rollen zu wechseln und eine längere, interessantere Karriere zu machen. Was ist dabei raus gekommen?

Wissen Sie, ich komme aus der englischen Schauspielschule, hatte eine englische Frau…

Vanessa Redgrave.

…und die Möglichkeit, wirklich große Schauspieler wie Lawrence Olivier kennen zu lernen. Der sagte einst zu mir: Mit deinem Aussehen könntest du einmal im Jahr einen großen Helden spielen, viel Geld verdienen und ein großer Star sein. Aber glaub mir: das wäre immer das gleiche und am Ende unglaublich langweilig! Willst du nicht lieber ein wahrer Schauspieler sein? Dann allerdings muss man Risiken eingehen, Höhen und Tiefen hinnehmen, wird aber mit etwas Geduld auf lange Sicht Früchte ernten, die mehr wert sind als Geld und Ruhm. Den Rat habe ich befolgt.

Inklusive Tiefen?

Sicher.

Stört es Sie, dass man Franco Nero dennoch auf diese eine Rolle als Django festlegt?

Natürlich, aber das geschieht mir wirklich ausschließlich in Deutschland. Dabei habe ich genau einen einzigen Django gespielt und zwanzig Jahre später noch einen, nachdem mich alle Welt wegen des großen Erfolgs vom ersten Teil beackert hat. Ehrlich, diese Festlegung ist nicht mein Problem.

Ist sie denn typisch deutsch?

Ich hoffe nicht, aber hier sieht es wirklich so aus, als hätte ich nichts anderes gemacht. Dabei habe ich – bitte halten Sie mich nicht für angeberisch – mit den größten Schauspielern, mit Oscarprämierten Regisseuren gearbeitet, bei den größten Produktionen mitgewirkt. Das ist weit mehr als Django?

Dennoch haben Sie stets gern den Typus Einsamer Wolf gespielt.

Ein paar waren dabei, das stimmt. Und Charles Bronson hat eine meiner Rollen als Desperado, als einsamer Rächer sogar mal kopiert. Aber das war’s auch schon fast.

Steckt ein wenig des Wolfes in Ihnen selbst?

Fast. Meine Freunde nennen mich “Der Bär”, das ist in etwa die italienische Entsprechung: zurückgezogen, einzelgängerisch, manchmal ein wenig mürrisch.

Auch jemand, der sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt?

Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: du kannst morgens noch so früh aufwachen, aber dein Schicksal ist schon eine halbe Stunde vor dir auf den Beinen. Ich finde, alles ist Schicksal im Leben. Im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, den richtigen Film zur richtigen Zeit zu machen. Es kann sein, dass du ein Meisterwerk drehst, den die Leute zu diesem Zeitpunkt nicht als solchen erkennen, oder ein schlechter Film wird hochgejubelt. Mir ist schon beides passiert.

Was für eine Person ist Herzog Massimo di Romano in Der Fürst und das Mädchen?

Ein einstiger Freund und Rivale des Fürsten, den Maximilian Schell spielt. Wichtig ist: beide hegen großen gegenseitigen Respekt voreinander.

Ist es eine gute oder böse Rolle?

(lacht) Beides, das liegt mir am besten. Ein Adliger eben.

Wenn man Sie jetzt so betrachtet – blauer Zweireiher, Einstecktuch, schwerer Schmuck –, gingen Sie auch privat als Adeliger durch.

Finden Sie? Das entscheidende an der Rolle des Adligen ist doch der Adel in der Seele. Den habe ich nicht.

Werden Sie eine Waffe ziehen?

Nur die Waffe des Wortes.

Ihr erster Western liegt bereits vier Jahrzehnte zurück, ihr letzter auch schon über zehn Jahre her, nun werden Sie wieder im Sattel sitzen. War das eine Art Herzenswunsch?

Ja. Das ist mir ein großes Bedürfnis. Ob Sie’s glauben oder nicht: alle großen Schauspieler haben im Alter das Bedürfnis, wieder einen Western zu spielen. Mit kaum einen Genre lässt es sich besser träumen, gerade im italienischen, mit seiner großen Stille und seinen Botschaften an einfache Menschen. Dem Traum des Untergebenen, irgendwann zu denen da oben zu gehen und zu sagen: jetzt bin ich der Boss. Und sei es mit der Waffe in der Hand.

Würden Sie gern mal mit Quentin Tarantino drehen?

Glauben Sie’s mir: Jedes Mal, wenn er nach Italien kommt, sagt er mir, dass ich sein Idol sei. Und wenn Sie sich Tarantinos Filme ansehen, werden Sie auch mich darin entdecken können. Er wird in meinem neuen Western übrigens eine Rolle spielen.

Tatsächlich? Vielleicht wird sich dann ja sein Wunsch erfüllen. Tarrantino sagte mal in einem Interview, er könne sich nichts Besseres vorstellen, als von Franco Nero erschossen zu werden.

Und wenn wir diesen Film drehen, werde ich ihm diesen Gefallen auch tun.

Welche Ehre für ihn.

Für uns beide.

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