Programmpräsentationen & Finsterwälder

TVDie Gebrauchtwoche

11. – 17. Juli

Weil wir zur Nachrichtenlage zwischen Putsch, Terror und Rassismus hier jetzt auch nichts Erhellendes beitragen könne: on statistics! Das Dortmunder Medienforschungsinstitut Formatt, vermutlich eher Experten als Publikum bekannt, brachte es vorige Woche auf den Punkt: im Studienzeitraum 2014 wurden mit rund 117.000 Minuten Fernsehprogramm etwa 33.000 weniger produziert als im Jahr zuvor. Weil zugleich weit mehr kostengünstige Unterhaltungsformate hergestellt wurden als Serien und Filme, sank der Anteil fiktionaler Formate erstmals unter 20 Prozent. Nun sagen Zahlen allein noch nichts über Inhalte aus; wer aber am Mittwoch in den Genuss der Programmpräsentation von ProSiebenSat1 kam, wo das saisonale Angebot wie jedes Jahr um diese Zeit in Hamburg mit Köstlichkeiten vom Grill und PR-Personal auf halsbrecherischen Highheels serviert wurde, dem dröhnte all die Theorie plötzlich sehr praktisch in Auge, Ohr und Nase.

Auf den sechs Kanälen der kommerziellen Sendergruppe gibt es bis tief in den Winter hinein vor allem dreierlei: viel Lärm um wenig, vorwiegend billige Dokusoaps mit erniedrigungsbereiten Protagonisten und einen Blockbusterplatzregen, der nur bei abgeschaltetem Ton kollektivem Tinnitus vorbeugt. Simone Thomalla begutachtet Tattoos, Jack the Ripper rippt auf Deutsch, Foodtrucks ergänzen die Showküchen, das Herzblatt kehrt zurück, Promis spielen Darts, FBI-Agenten gibt’s ausschließlich vom Laufsteg und damit all das nicht durch lästige Realität gestört wird, lagert Kabel1 Informationen an einen Doku-Kanal aus.

Schöne neue Fernsehwelt. In der für Debütfilme mit Niveau dummerweise nur die billigen, also abseitigen Plätze zur Verfügung stehen.

POCUTF8_18172880743_Original_DaccordDie Frischwoche

18. – 24. Juli

Dass Frauke Finsterwalders fabelhaftes Erstlingswerk Finsterworld Dienstagnacht um 23 Uhr im Ersten läuft, ist nicht nur respektlos, sondern angesichts der hinreißenden Kreativität des Episodenmosaiks schlicht Blödsinn. Corinna Harfouch und Bernhard Schütz spielen darin zwei Yuppies, die im protzigen Mietwagen ihre Großartigkeit feiern, während der verwöhnte Sohn auf Studienreise ins KZ die Existenz seines idealistischen Lehrers (Christoph Bach) zerstört, derweil Sandra Hüller als Sachfilmerin daran scheitert, die Realität der Unterschicht abzubilden und die ihres Mannes (Roland Zehrfeld) hinzunehmen, der seine Polizeiuniform gern mit Plüschtierkostümen tauscht. Wenn Fußpfleger Michael Maertens seiner Angebeteten dann noch Kekse aus Hornhaut backt und ein Einsiedler wahllos auf Autos schießt, wirkt das lose montiert, skizziert aber die Verlorenheit unserer Gesellschaft, wie es nie zuvor jemand wagte. Was für ein Debüt!

Apropos: Kurz vorm 1000. Tatort feiert der SWR die Reihe ab Mittwoch mit einer nostalgisch schönen Rückschau auf die ersten Fälle aktueller Ermittler (und dem pensionierten Wein-Junkie Bienzle). Angefangen mit Lena Odenthal 1989 geht die Zeitreise vom Bodensee über Köln, Hannover, Münster nach München weiter zu Lannert/Bootz nach Stuttgart. Die wahren Krimis aber spielen sich bekanntlich ohnehin in der Realität ab. Das zeigt der morgige Arte-Schwerpunkt zum Thema Geheimdienst eindrücklich. Angefangen mit der Doku Schattenwelt BND und einer über die Nazi-Verstrickung in selbigem danach, zeigt der Kulturkanal fünf Stunden lang, wie wichtig es ist, staatlicher Fürsorge gegenüber stets wachsam zu sein.

Einer, für den das fast zeitlebens galt, heißt Gregor Gysi. Die Angriffslust seiner Gegner hatte aber natürlich auch mit dem streitbaren Geist des Linken-Politikers zu tun, der bis heute reichlich Angriffspunkte für alle bietet und somit die ideale Projektionsfläche für Persiflagen. Zum Auftakt der neuen Runde von Kessler ist… schlüpft der Verwandlungskünstler Michael K. in Gysi hinein und befragt sich am Ende gewissermaßen selbst, was auch auf besserem Sendeplatz (Donnerstag, 23.15 Uhr, ZDF) ungebrochen erhellend ist. Das ist gewissermaßen auch die Sportpolitik des gleichen Senders. Ein irrelevantes Testspiel der Bayern gegen das Milliardärsspielzeug Manchester City am Mittwoch live zu zeigen und beiden Clubs die Taschen somit immer weiter und weiter und weiter zu füllen, ist nichts weiter als illegitimes Product Placement im Dienste der eigenen Champions-League-Rechte. Lausig, lausiger, ZDF.

Von derart berechnender Kommerzialisierung kann eigentlich nur noch The Substance ablenken, der 3sat im heutigen Dokutipp (22.25 Uhr) nachspürt: LSD. Wobei es die Erfindung des Schweizer Chemikers Albert Hofmann anfangs sogar besser mit seinen Nutzern meinte als das ZDF zuweilen mit den seinen. Die schwarzweiße Wiederholung der Woche von 1957 ist übrigens nur 14 Jahre älter als Hofmanns Halluzinogen: Antonionis neorealistisches Meisterwerk Der Schrei (Mi, 1.55, ARD) macht aus dem ziellosen Herumirren eines verlassenen Italieners eine Art Kammerspiel im öffentlichen Raum.

Gleich um die Ecke spielt die Farbempfehlung Der Göttliche (Montag, 23.25 Uhr, WDR). Sie zeichnete 2008 ein groteskes, aber präzises Porträt des siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, dessen Mafiakontakte in ihrer Offensichtlichkeit sprachlos machen. So wie Benedict Cuberbatchs Durchbruch aus dem Jahr 2004, als der spätere Sherlock in Die Suche nach dem Anfang der Zeit (Dienstag, 20.15 Uhr, ServusTV), den jungen Steven Hawking an der Grenze zur Brillanz verkörperte.

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