Ronald Zehrfeld: Regierookies & Dominik Graf

9903455_8dece0603dd181a150742a70e7253f4f_1280re0Ich bin Teamplayer

Roland Zehrfeld (Foto: BR) zählt zu den Großen des hiesigen Films, gebucht von noch größeren Regisseuren, allen voran Dominik Graf. Im ARD-Debüt Finsterworld (noch verfügbar in der Mediathek) jedoch spielt der Berliner in Frauke Finsterwalders erstem Langfilm. Warum? Ein Gespräch über junge Filmemacher, autoritäre Kollegen und den Zauber des Teamworks.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Ronald Zehrfeld, sind Sie am Set eigentlich eher Herdentier oder Leithammel?

Ronald Zehrfeld: Weder noch. Dafür finde ich es viel zu spannend, wenn alle zusammen mit ihrer ganzen Vorstellungskraft auf eine Reise gehen, an deren Kommunikation man sich reiben, aber auch wachsen kann. Leithammel und Herdentiere machen das eher langweilig und unergiebig. Ich bin Teamplayer.

Hatten Sie schon Regisseure, bei denen das Teamplay nicht funktioniert hat?

Natürlich, aber nur eine Handvoll. Ich will es auch gar nicht verurteilen, wenn jemand einen eher autoritären Ansatz hat; in meiner Biografie kamen halt nur die interessanteren Filme dabei heraus, wenn es demokratisch zuging.

Ist das Autoritäre eine Angewohnheit renommierter Regisseure, die glauben, aus Erfahrung keine Ratschläge mehr zu brauchen?

Ach, jeder verliebt sich auf seinem Weg doch in eine Arbeitsweise, die ihm liegt und Erfolge bringt. Deswegen ist es am schlimmsten, wenn Regisseure gar keinen Weg haben, beide Methoden also ins Leere laufen. Mangels Erfahrung ist es bei Jüngeren dagegen oft so, dass sie aufs Team geschult sind und sich hinterher manchmal fragen, ob nicht mehr Einflussnahme besser gewesen wäre.

Wie war es bei Frauke Finsterwalder, die mit Ihnen ihren ersten Langfilm gedreht hat?

Sie hatte klare Vorstellungen, ein offenes Ohr, vor allem aber Mut zur Veränderung. Es gab zum Beispiel einen Drehtag, dessen Ergebnis allen gelungen erschien, bis Sandra Hüller und ich eine Idee hatten, es doch zu verbessern. Da hat Frauke nach dem Mittagessen gesagt, wir machen das Ganze noch mal – und es war toll! Frauke weiß genau, was sie will, ist aber flexibel genug, es immer wieder infrage zu stellen.

Kannten Sie sie eigentlich vorher schon?

Nur dem Namen nach, aber vor allem in Kombination mit ihrem Mann Christian Kracht, der ja auch das Buch mitgeschrieben hat.

Achten Sie bei einem Drehbuch darauf, wer es verfasst hat?

Grundsätzlich drücke ich bei jedem Buch auf meinem Tisch die Reset-Taste und beginne vorbehaltlos zu lesen. Es ist natürlich schwer zu ignorieren, ob man den Autor kennt, gar Bücher von ihm verfilmt hat; aber von diesem hier war ich unabhängig von Christian Krachts Beitrag sofort begeistert und interessiert. Ich wollte Frauke unbedingt sofort kennenlernen und erfahren, wie sie das umsetzen will. Und als ich dann später erfahren habe, wer da noch alles mitmacht, Sandra Hüller vor allem, Michael Maertens, gab es keinen Zweifel mehr für mich.

Sie haben zuvor bereits unter Regiestars wie Christian Petzold, Lars Kraume, Matthias Glasner gedreht und zählen zum Stammpersonal von Dominik Graf – worin unterscheidet sich da die Arbeit einer Anfängerin wie Frauke Finsterwalder?

Ich würde es nicht über Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten beantworten: Was gute Regisseure gleich welcher Erfahrung eint, sind Fragen wie: brennen die für den Film? Leuchten ihre Augen? Sind sie gut vorbereitet? Wir groß sind Offenheit, Mut, cineastische Lust? Wer all das über die Jahre bewahrt, als wäre er frisch dabei, zählt für mich zu den ganz Großen.

Woran hat man es darüber hinaus dennoch gemerkt, dass Frauke Finsterwalder unerfahren ist?

Das äußert sich natürlich an der einen oder anderen Unsicherheit im Umgang mit Schauspielern, wo man sich vielleicht manchmal fragt, sag ich jetzt etwas oder lasse ich ihn spielen und gebe ihm Raum. Umso schöner ist es, wenn das Team dann zusammenrückt, um gemeinsam Lösungen zu finden, die den Erfahrungshorizont aller erweitern. Deshalb weiß ich genau: Frauke wird ihren Weg machen.

Wobei ihr Debütfilm eher klassisches Autorenkino ist, während die Zukunft von Film und Fernsehen angeblich doch im Writersroom liegt, mit diversen Schreibern und Regisseuren. Was bevorzugen Sie?

Das lässt sich schwer verallgemeinern. Aber ich schätze es sehr, wenn alle Beteiligten an der Entwicklung eines Stoffes mitwirken können und dafür auch die nötige Zeit bekommen. Das ist unter den aktuellen Produktionsbedingungen zwar immer schwieriger, aber besonders die großen Serien zeigen ja, dass wieder mehr in die Breite geplant wird, hin zu komplexen Stoffen mit viel Fantasie und Aufwand. Auch in der totalen Demokratie muss zwar irgendjemand am Ende Entscheidungen treffen, aber Vielschichtigkeit gibt’s selten im Alleingang. Fraukes Film mag also ein Stück Autorenkino sein; im Ergebnis ist es Gemeinschafsarbeit.

Wo ordnen Sie die in ihrer langen Filmliste ein?

Ganz weit oben, definitiv. Der Film ist ein absolutes Geschenk. Ich wünsche mir mehr Mut der Verantwortlichen, so was zu realisieren; und der ist auch da, das spüre ich. Es gibt zwar immer wieder Redakteure, die sich wegen des Bildungsauftrags beschweren, wenn mal einer im Auto nicht angeschnallt ist oder so. Aber es geht um die Realität, wie sie ist, nicht wie sie sein sollte. Leben ist nie schwarzweiß und Film kann das zeigen. Dieser hier auf jeden Fall!

 

INFO Zehrfeld

Wäre die Mauer nicht gefallen, Roland Zehrfeld hätte es vielleicht zum Judo-Olympiasieger gebracht. 1989 jedoch brach die Sportkarriere des zwölfjährigen Ostberliners ab und er wandte sich nach Zivildienst, Germanistikstudium und einem Theaterworkshop der Schauspielerei zu. Nach seiner Entdeckung durch Peter Zadek blieb er der Bühne lange treu, bis Dominik Graf ihn vor die Kamera holte, wo er im Mauerbau-Drama Der Rote Kakadu 2006 seinen Durchbruch feierte. Auch danach drehte er viel mit seinem Lieblingsregisseur, etwa dessen Serie Im Angesicht des Verbrechens. Zuletzt gewann Zehrfeld für seine Rolle als Staatsanwalt in Der Staat gegen Fritz Bauer den Deutschen Fernsehpreis als bester Nebendarsteller. Der Vater einer Tochter lebt in Berlin.

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