Baggerschaufelsex & Bundeswehrterror

TVDie Gebrauchtwoche

10. – 16. Oktober

Fast psychotischer Verfolgungswahn ist ebenso wie krankhafte Selbstsucht ein schweres Leiden, das dringend ärztliche Behandlung erfordert. Kompliziert wird es allerdings, wenn beides in ein und derselben Person durchbricht. Recep Tayyip Erdoğan ist so gesehen unheilbar hinfällig, weshalb es nicht sonderlich überrascht, dass der türkische Präsident gegen die Entscheidung der Mainzer Staatsanwaltschaft, ihre Ermittlungen zu Jan Böhmermanns so genanntem Schmähgedicht einzustellen, über seinen Anwalt Beschwerde eingelegt hat. Erdoğan kann halt nicht anders, er ist eben ernsthaft seelensiech. Deshalb ist es im Grunde als therapeutische Maßnahme zu werten, dass der Delinquent (Böhmermann) bei seiner anschließenden Sendung gleich mehrfach betonte, keinerlei staatsfeindliche Poesie mehr zu verbreiten und das Thema überhaupt, tihi, zu verschmähen.

Was aber auch daran lag, dass sein Neo Magazin Royal am Donnerstag anders hieß, nämlich Wetten, dass…?. Und das war definitiv nicht als Schmähung gemeint, sondern glaubhaft ernst. Starwetten wie ein Bauarbeiter, der es seiner Frau per Baggerschaufel besorgen wollte, oder Saalwetten auf der Suche nach fünf saarländischen Ehen, die nicht unter Geschwistern geschlossen wurden, waren natürlich ulkig gemeint; doch der Moderator gab sich mit Gästen von Ulrich Wickert über Eva Padberg bis DJ Bobo tatsächlich Mühe, einigermaßen seriös zu wirken. Und überzog gar ganz gottaschalkig so sehr, dass die Show diesen Donnerstag fortgesetzt wird.

Das ist bei aller melodramatischen Nostalgie, mit der uns die einmalige Rückkehr des allerletzten Fernsehlagerfeuers sachte wärmt, allerdings mitnichten die bedeutsamste Sendung der anstehenden Woche. Eine davon haben Burkhart Hirsch und Gerhart Baum, zwei FDP-Veteranen aus einer Zeit, als ihre Partei unter „Freiheit“ noch mehr verstand als die zur Renditemaximierung, gerade in einem FAZ-Interview mit ihrer Kritik geadelt, es gehe darin allen Ernstes zu real zu für eine Fiktion.

Touché.

0-FrischwocheDie Frischwoche

17. – 23. Oktober

Oder doch knapp daneben?

Nach Ferdinand von Schirchs erfolgreichem Theaterstück Terror, stellt die ARD heute Abend nicht nur einen Strafprozess von geradezu gespenstischer Wahrhaftigkeit nach; sie lässt den Ausgang, wie der Untertitel Ihr Urteil belegt, auch noch vom Publikum wählen. Ob nämlich ein Bundeswehrpilot (Florian David Fitz) des Mordes an 164 Passagieren einer entführten Linienmaschine schuldig ist, mit deren Abschuss er vermeiden wollte, dass sie in die vollbesetzte Allianz-Arena von München gelenkt werden könnte. Sein Anwalt (Lars Eidinger) fordert Freispruch, die Staatsanwältin (Martina Gedeck) lebenslänglich, dazwischen moderiert Burghart Klaußner die Verhandlung als Richter so virtuos, dass man meinen könnte, in einem echten Gerichtssaal zu sitzen.

Unabhängig davon also, für welches der zwei vorgefertigten Finalversionen die Zuschauer abstimmen und wie im Anschluss bei Frank Plasberg darüber diskutiert wird, ist dieses hochspannende Justizdrama schon jetzt die Sensation des laufenden TV-Jahres. Befindet sich dabei allerdings im Wettstreit mit dem Dokumentarfilm Inside Nordkorea, in dem das Erste am Mittwoch um 22.45 Uhr ebenfalls zeigt, dass es zwar selten leicht unterhalten, aber perfekt informieren kann. Vitalij Manskij begleitet darin über zwölf Monate die achtjährige Sin Mi durch einen Alltag, den das Regime so offenkundig inszeniert, dass man vorm Bildschirm verrückt zu werden droht vor so viel menschenverachtender Selbstverblendung.

Auf staatlicher Ebene gleichen die Steinzeitstalinisten da dem Architekten Hans, der im vielfach prämierten ARD-Mittwochsfilm Hirngespinster seine Schizophrenie so lange leugnet, bis seine Familie (genial verkörpert von Jonas Nay und Stephanie Japp) daran zu zerbrechen droht. Ein anderer Psychopath hat dann in der Nacht auf Donnerstag um 2.55 Uhr seinen Auftritt. Dann tritt Donald Trump live im ZDF zum letzten Duell gegen Hillary Clinton an und könnte den Medien aller Farbschattierungen damit wieder viel Futter für ein paar Tage Schlagzeilen geben.

Da freut man sich doch gleich doppelt über die hedonistische Tiefenentspannung, in die uns der BR am Samstag versetzt. Bis spät in die Nacht werden dort Filme und Serien von Helmut Dietl wiederholt, an den zwischendurch (22.20 Uhr) im fabelhaften Porträt „Schwermut und Leichtigkeit“ gedacht wird. Es gibt also mal wieder Schtonk! (20.15 Uhr) zu sehen, je eine Folge von Monaco Franze (23.05 Uhr), Kir Royal (23.50 Uhr) und Der ganz normale Wahnsinn (1.40 Uhr) sowie den Start der legendären Münchner Geschichten (0.50 Uhr) von 1974. Womit wir schnurstracks bei den Wiederholungen der Woche, wozu die geniale Folksänger-Fiktion Inside Llewyn David ausdrücklich nicht zählt, obwohl die Ausstrahlung am Dienstag nach Mitternacht im ZDF nicht darauf hinweist, dass es sich hier um die Erstausstrahlung eines Films der Coen-Brüder handelt.

Schon vielfach gezeigt, doch immer wieder besonders: Schwarzweißfilme von Julien Duvivier, dessen Arte-Retrospektive heute mit den Klassikern Zünftige Bande von 1935 und dem vier Jahre jüngeren Lebensabend über ein Kloster für gealterte Schauspieler endet. In Farbe widmen wir uns diese Woche mal dem, nein – nicht gediegenen, sondern ironiefrei trashigen Trash. Heute im MDR Roy Black als Kinderarzt Dr. Fröhlich von 1971 und aus demselben Jahr (Donnerstag, 23.35 Uhr, Arte) die Horrorgroteske In den Krallen des Hexenjägers. Was gruseliger ist, ist Ansichtssache. Das betrifft auch den Dokutipp Hauptsache Progressive (Freitag, 21.45 Uhr, Arte) über jene Zeit vor 50 Jahren, als der Rock sinfonisch wurde.

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