Birgit Schrowange: Extra & Abschied

Man lässt ständig irgendwas los

Als Moderatorin des RTL-Magazins Extra hat Birgit Schrowange (Bild: RTL) den Boulevard 1994 neu erfunden. 25 Jahre und 1500 Sendungen später hat sie den Staffelstab melodramatischer Anteilnahme nun an Nazan Eckes übergeben – auch, weil sie mit fast 62 kürzer treten will. Ein Gespräch über Privatsphäre, Dschungelcamp, Helmut Thoma und was aus all der Zeit haften geblieben ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schrowange, herzlichen Glückwunsch!

Birgit Schrowange: Äh, wozu genau?

Sie heiraten bald Ihren Verlobten Frank Spothelfer.

Oh, danke schön.

Anders als viele Kollegen machen Sie Ihr Privatleben publik. Kommt diese Transparenz von Herzen oder ist sie eine Reminiszenz an Ihren Beruf als Boulevardmoderatorin?

Ach, ich bin doch schon seit 40 Jahren eine öffentliche Person und werde 30 davon gefragt, wann ich denn nun endlich mal heirate. Trotzdem hat die Offenheit natürlich Grenzen.

Welche zum Beispiel?

Meinen Sohn, den ich seit jeher aus der Öffentlichkeit heraushalte. Darüber bin ich auch sehr froh. Obwohl, mittlerweile ist er ein so kluger, schöner Mann – da würde ich ihn schon gern mal mit auf den roten Teppich nehmen. Für mich gehört er halt dazu. Doch weder ich noch mein Freund würden so weitgehen wie Boris Becker und ein Kamerateam zum Traualtar lassen.

Ins Dschungelcamp würden Sie also nicht gehen?

Für kein Geld der Welt! Ich hab mich trotz einiger Angebote ja auch nicht für den „Playboy“ ausgezogen.

Verlangt der Markt, also das Publikum, von Moderatoren, die ihrerseits in die Privatsphäre anderer vordringen, dennoch größere Bereitschaft, mehr von sich selber preiszugeben als sagen wir: Nachrichtensprecher?

Absolut. Deshalb kann jemand, die wie ich im Boulevard tätig ist, schwerer völlig zu machen. Und weil ich nie etwas zu verbergen hatte, hab ich auch gar kein Problem damit, mich an seine Spielregeln zu halten. Aber wenn Paparazzi meinem Sohn aufgelauert haben, musste ich trotzdem die eine oder andere Zeitschrift verklagen.

Haben Magazine wie Extra, das den Boulevard vor 25 Jahren hierzulande mitgeprägt hat, aus Ihrer Sicht die Grenzen der Privatheit Prominenter verschoben?

Nein, denn Prominente machen wir fast gar nicht, Sie verwechseln uns da mit einem People-Magazin wie Exklusiv!. Frauke Ludowig würde uns was husten, wenn wir in ihrem Revier wildern. Haben sie „Extra“ überhaupt schon mal gesehen?

Klar! Und da gibt es unter anderem Aufarbeitungen eigener Sendungen wie Dschungelcamp oder DSDS, in denen Prominenz eine wichtige Rolle spielt.

DSDS kommt fast nie bei uns vor und über die Prominenz der Dschungel-Kandidaten könnte man jetzt streiten. Wenn wir über so etwas berichten, dann als Cross-Promotion vorangehender Sendungen, in denen es äußerst selten mal um Prominente geht. Wir machen eher Schicksalsgeschichten ganz normaler Leute wie die aus einem Kinderhospiz in Olpe, wo ich gleich hinfahre, und geben Themen eine Öffentlichkeit, über die sonst wenig berichtet wird.

Bezeichnen Sie sich demnach als Journalistin, womöglich gar Reporterin, oder doch als Moderatorin?

Also ich bin gern unterwegs, gehe auf Menschen zu und brenne für emotionale Geschichten. Gleichzeitig drehe ich selten selber welche. Deshalb kann man mich als Moderatorin mit journalistischen Aufgaben bezeichnen.

Sie machen den Beruf seit 1981 und sind die meisten Zeit davon auf dem Boulevard tätig. Wie hat sich die Branche, wie hat sich Ihr aktuelles Genre in dieser Zeit verändert?

Sehr, sowohl technisch als auch inhaltlich! Als ichanfing, gab es ja noch TV-Ansagerinnen wie mich. Und das war im Wesentlichen auch die Hauptaufgabe von Frauen in dieser reinen Männerwelt. Ich kann mich deshalb noch gut an den Aufschrei erinnern, als Barbara Dickmann 1979 die Tagesthemen moderiert hatte. Da sind wir heute zum Glück ein Stück weitergekommen. Auch RTL, das allerdings schon früh auf Frauen gesetzt hat, etwa mit Ulrike von der Groeben als Sportmoderatorin.

Sie sind dort in einer Zeit hingewechselt, als RTL Marktführer war und vom legendären Helmut Thoma geleitet wurde…

Aber schon längst nicht mehr das Schmuddelimage der Anfangszeit hatte. Dafür gab es viel mehr Geld und Quoten. Heute sind die Mittel knapper, der Markt ist zersplitterter, die jungen Leute gucken kaum noch lineares Fernsehen, mit Netflix und Amazon gibt es neue Konkurrenten – man kann die damalige Zeit mit heute überhaupt nicht mehr vergleichen.

Hat die frühere Marktmacht von RTL für Sie als Moderatorin mit sich gebracht, mehr wagen zu können, sich nicht ständig in Formatgrenzen zu bewegen?

Ja, wir konnten uns früher mehr trauen und auch mehr investieren. Ich erinnere mich an den Fall eines amerikanischen Serienmörders, der in den USA zum Tode verurteilt war. Da bin ich mit Frank Hoffmann, meinem damaligen Redaktionsleiter…

… und bis Anfang des Jahres Geschäftsführer.

… hingefahren und mit einer monothematischen Sendung zurückgekommen. Einfach los, vor Ort schauen, was daraus wird, und gegebenenfalls alles in die Tonne kloppen – das wäre heutzutage unmöglich.

Auch wegen der gesunkenen Aufmerksamkeitsspanne des Publikums?

Vermutlich. Man hat sich aber auch damals ein Stück weit den Zuschauern angepasst und am Quotenverlauf beobachtet, welche Beiträge gut liefen, welche weniger. Wie hat Dr. Thoma so schön gesagt: Der Wurm muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch.

Was für ein Chef war Helmut Thoma verglichen etwa mit Anke Schäferkordt?

Ach Gott, darüber möchte ich ausgerechnet jetzt, wo ich bei RTL aufhöre, nicht mehr reden.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Ausgaben von Extra Sie moderiert haben?

Fast 1500, meine ich.

Gibt es da Sendungen, Momente, auch Begegnungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Viele sogar. Einer war, als ich Natascha Kampusch nach ihrer Befreiung exklusiv interviewt habe. Spannend war es auch, als wir Monica Lewinsky in New York besucht haben. Am Ende hängen gute Geschichten aber nie an großen Namen. Erst Montag hatte ich eine junge Frau im Studio, die ihren schwerkranken Vater pflegt, seit sie acht Jahre alt ist. Acht! Und das ist kein Einzelschicksal in Deutschland. Das war ebenso eindrücklich wie Besuche im Drogenmilieu oder bei Flüchtlingen. So was berührt einen emotional schon sehr.

Wird man da mit den Jahren nicht abgebrühter?

Ich kann einiges ab, aber besonders, wenn Kinder beteiligt sind, fasst es einen immer noch an. Andererseits war Extra schon immer eine bunte Wundertüte, in der es neben Schicksalsgeschichten auch mal leicht und lustig zugehen kann. Diese Mischung war mir stets wichtig.

Warum machen Sie dann gerade jetzt damit Schluss?

Weil mir eine innere Stimme seit drei Jahren schon flüstert, dass ich den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht verpassen solle – und mit dem 25. Geburtstag ist der für mich erreicht. Nach 40 Jahren im Beruf, möchte ich ein bisschen kürzer treten, mehr Zeit für mich haben, andere Sachen machen. Mein Ziel war es immer, dass man mich nicht aus dem Studio raustragen muss. Ich werde nächstes Jahr 62, da ist es ein großartiger Moment, zu sagen: danke RTL! Ich hatte eine großartige Zeit, aber jetzt ist es Zeit zu gehen.

Können Sie generell gut loslassen?

Ja, schließlich lässt man ständig irgendetwas los. Man lässt los von der Kindheit, man lässt los von der Jugend, man lässt los von den Eltern, man lässt los von den Kindern, man lässt los von der Schönheit. Wer das nicht akzeptieren kann, verkrampft am Leben.



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