Michael Mittermeier: Pointen & Wuchtln

Humor ist immer gleich wichtig

Dank seiner Gabe, Stand-up mit Kabarett zu versöhnen, ist Michael Mittermeier ein Lichtblick im trüben Comedy-Teich. Bei 3sat läuft nun sein Solo-Programm Lucky Punch. Ein Telefonat mit dem 54-Jährigen über Lachen in der Krise, miese Corona-Witze, den Charme der Wuchtl und was er von seiner Tochter gerade fürs Leben lernt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Michael Mittermeier, zu Beginn Ihres Bühnenprogramms Lucky Punch, das noch vor der Corona-Krise aufgezeichnet wurde, sagen Sie heute Abend auf 3sat, wir müssten uns in dieser Zeit einfach unseren Humor bewahren.

Michael Mittermeier: Und er stimmt auch heute, denn Humor ist immer gleich wichtig.

Aber ist er in einer globalen, alles umfassenden, unkalkulierbaren Krise wie dieser jetzt womöglich noch ein bisschen wichtiger als zuvor?

Es mag sein, dass er in weniger krisenhaften Situationen leichter fällt. Aber als ich vor zehn Jahren in Burma einen Komiker besuchen wollte, der dort im Gefängnis saß, befand ich mich zum einzigen Mal in meinem Leben wirklich in Gefahr und wusste ihn besonders zu schätzen, als wir dort von Bewaffneten verfolgt wurden. Deshalb gilt der Satz auch und grad jetzt. Wobei ich das große Glück hatte, die Show im März, zwei Tage bevor alle Bühnen geschlossen wurden, noch aufzeichnen zu können.

Obwohl Corona schon in aller Munde war, kommt das Virus darin allerdings nicht vor.

Ganz bewusst. Ich hatte die Wochen davor ein bisschen damit improvisiert und gelästert, dass die Ellbogengesellschaft in der Ellbogenbegrüßung ihre Vollendung findet. Aber als ein Kollege bei einer Open-Mike-Veranstaltung wie wild gehustet hat, fiel mir auf, dass alle acht Komiker dasselbe Mikro benutzen. Deshalb habe ich bei Lucky Punch dazu improvisiert. Weil die Krise da allerdings schon Fahrt aufnahm, haben wir im Schnitt entschieden, es rauszunehmen; das hätte sonst rückblickend in die Irre geführt. Und ich meine – Klimawandel, Harvey Weinstein, der Brexit haben ja kein bisschen an Aktualität verloren.

Aber was haben diese Themen Ihres Programms den Zuschauern inmitten der laufenden Krise denn zu geben?

Ich bin selbstbewusst genug, zu sagen: das ist einfach ein geiles Standup-Special zu den Fragen der Zeit, die sich auch durch Corona kein bisschen gebessert haben. Und dabei wird passieren, was immer passiert: die einen reflektieren die Gegenwart, andere entfliehen ihr damit für einige Minuten, alle fühlen sich dabei auch ohne Corona hoffentlich gut unterhalten. Denn ehrlich: ich habe so viele auf die Schnelle geschriebene Witze darüber gehört, dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Warum nicht?

Weil ich es nicht erproben könnte. Früher bist du mit deinen Ideen durch kleinere Formate gegangen und hast sie vor wenig Publikum ausprobiert. Heute gibt’s kein Publikum. Und wer Witze direkt vom Blatt aufnimmt, macht den Humor nicht besser.

Sind Sie trotzdem aktiv und arbeiten an Programmen von übermorgen?

Nein. Kurz vorm Lockdown habe ich bei Dieter Nuhr noch eine Nummer darüber gemacht, wie ich mit meiner zwölfjährigen Tochter zuhause sitze, Serien gucke und merke, dass es draußen aussieht wie bei der Zombie-Apokalypse von Walking Dead. Seither beschäftige ich mich auf Facebook und Instagram mit anderen Dingen.

Nämlich?

Die Gespräche mit meiner Tochter, das ist ein Stück Krisenbewältigung für beide. Denn wer hört den Jüngeren sonst schon wirklich zu? Selbst in meiner Branche gibt es höchstens Witze über die Pubertät. Auch deshalb rede ich jetzt unter anderem auf Instagram mit meiner Tochter über die Französische Revolution und höre, wie sie Ludwig XVI. mit Donald Trump vergleicht. What?!

Sie führen diese Gespräche also nicht als Komiker?

Das versuche ich zumindest und lerne dabei seit zwölf Folgen ohne Drehbuch, nur aus dem Gespräch heraus enorm dazu. Trotzdem ist das hoffentlich nicht nur ehrlich, sondern amüsant.

Ihr Programm trägt im Untertitel das österreichische Wort „Wuchtl“ für unverhoffte Schlagfertigkeit. Ihre social-media-Gespräche basieren also eher auf Wuchtln als Pointen?

Ganz genau. Wenn ich mit meiner Tochter Star Wars sehe und sie sagt, hör mal, der hat sein Beatmungsgerät immer dabei, dann ist das eine Wuchtl in Reinform.

Arbeiten Sie beruflich eher mit impulsiver Wuchtl oder gescripteter Pointe?

Ich lasse mich immer ein aufs Publikum, weshalb manche Themen fünf Minuten dauern, andere das Dreifache. Fürs Fernsehformat werden die sichtbarsten Improvisationen zwar reduziert, aber im Grunde entstehen meine Programme auf der Bühne. Ich bin keiner, der vorher lange schreibt, sondern habe Ideen und nehme sie mit.

Welche Ideen kämen Ihnen angesichts der Corona-Krise, die vermutlich auch bei Ihnen Teil kommender Programme sein wird?

Also kürzlich dachte ich, dass dieser Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann nur deshalb veganer Koch geworden ist, weil er wirklich daran glaubt, dass Bill Gates und George Soros Krisen wie diese nutzen, um billig an Kinderfleisch zu kommen. Man kann der Absurdität nur mit noch mehr Absurdität begegnen. Trotzdem kann ich nicht sagen, welche Witze ich irgendwann darüber mache. Vielleicht merke ich das während der Autokino-Shows, die jetzt gerade aufpoppen.

Sind die denn adäquater Ersatz für echte Live-Shows vor Publikum?

Nicht annähernd, aber auch dort kann man kleine Momente der Wahrhaftigkeit schaffen. Und um die geht es mir. Humor ist wie Wasser: du kannst ihn nie ganz aufhalten. Auch das wurde mir in Burma bewusst, wo sich die Gefangenen so lange Witze erzählt haben, bis sie vor der Knastmauer gelandet sind. Diese Kette konnten wir tatsächlich nachvollziehen! Und als wir auf der Flucht einmal schnell das Hotel verlassen mussten, bin ich an einem roten Telefon an der Wand vorbeigelaufen, das plötzlich klingelte. Da sagte ich zu mir, jetzt bist du wirklich in der Matrix gelandet, und musste lachen.

Sind Sie denn rangegangen?

Dafür war leider keine Zeit, aber schon dieses Lachen hat mir gutgetan. Lachen hilft immer.

Gibt es dennoch Dinge, über die sich das Lachen oder Witzemachen verbietet?

Billige Lacher auf Kosten Schwächerer, wie sie einige meiner Kollegen gern machen, schon. Ansonsten ist alles erlaubt; das zeigte sich besonders im jüdischen Humor zur NS-Zeit, der vielfach für Erleichterung gesorgt hat. Trotzdem maße ich mir nicht an, zu entscheiden, welche Art Witz worüber erlaubt sein soll. Das Gremium müsste man mir noch zeigen, das dazu befugt wäre. Wenn Jesus oder Gandhi auferstehen, würde ich es mir von denen vielleicht vorschreiben lassen. Aber auch nur, wenn sie Humor haben.



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