Wüstenfüchse & Mediterranean Noir
Posted: June 30, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche

22. – 28. Juni
Ägypter sind also Pharaonen, Japaner Samurai und Algerier Wüstenfüchse? Wer den Live-Kommentatoren bei der Fußball-WM so zuhört, erwartet häufig eher Trachtenvereine als Nationalmannschaften – die mitunter übrigens das Modewort des Mammut-Turniers haben oder auch nicht: Momentum. In der Spielanalyse mit Lea Wagner zum Beispiel hat der ARD-Experte Robin Gosens dieses alberne Ersatzwort für „Gunst der Stunde“ gefühlt fünfundzwanzigmal verwendet und das Erste damit ans Tabellenende der Moderationsrangliste gebracht.
Seit Jahren bereist unangefochten auf Platz 1: Per Mertesacker und Christoph Kramer im Zweiten, etwa bei der zweifelhaften Ehre, das deutsche Ausscheiden im – neues Vokabular: Sechzehntelfinale abzumoderieren. Dazwischen ein wenig außerhalb der Wertung: Die selbstverliebten Dampfplauderer Jürgen Klopp und Thomas Müller, denen sachdienliche Fakten bei Magenta TV nicht halb so wichtig sind wie provokante Punchlines und obendrein das sind, was nur seltene Ausnahmen mal durchbrechen: Männer.
Und damit zu Dieter Nuhr. Wie seine klammheimliche Sack- und Hoden-Partei AfD findet er, für Femizide sind zunächst mal Frauen selbst verantwortlich, die ihre Partner vorm Geschlechtsverkehr doch einfach mal besser kennengelernt hätten. Dämliche Weiber… In der Logik des misogynen Schwurbel-Komikers sind Miniröcke Vergewaltigungsgründe, die Juden ohnehin an allem Schuld und drei Tage Hitzerekorde am Stück halt Sommerwetter, aber kein Klimawandel.
Fragt sich umso mehr, warum die ARD inmitten des reaktionären Backlashs nur noch den Klimawandelskeptiker Nuhr als Witzbold beschäftigt, während das ZDF kurz vor der 100. Anstalt zum kabarettistischen Zentralorgan avancierte. Noch mehr fragt sich, warum ARD aktuell ausgerechnet an Gesundheit und Klima spart – zwei Themen, die Fridays 4 Future und Covid19 einst populär gemacht hatte. Nur werden sie vermutlich auch deshalb kaputtgespart, weil den Leuten die Realität zu viel wird – was wiederum ein Grund dafür ist, dass der ZDF-Fernsehgarten auch nach 40 Jahren noch immer so sensationell erfolgreich ist.
Die Frischwoche

29. Juni – 5. Juli
Das gilt nach halb so langer Zeit auch für eine Pop-Milliardärin, der sich die ARD-Mediathek in ihrer Dokumentation The Taylor Swift Years kurz nach einer baugleichen ZDF-Serie ab Mittwoch nähert. Nette Fan-Bespaßung, aber nichts Neues. Ganz im Gegensatz zu einer wirklich bedrückenden Analyse herrschender Verhältnisse: Erdoğan. Viermal 35 Minuten leuchten Michael Wech und Kristina Karasu den Werdegang des türkischen Diktators aus.
Das ebenso gelungene wie bedrückende Porträt einer demografischen Machtergreifung sollte im Angesicht des deutschen Wahlherbstes Pflichtprogramm aller Wahlberechtigten sein, die denken, mit der AfD könne man es ja mal probieren. Trübe Aussichten. Die auch fürs fiktionale Programm gelten. Portale und Sender graben gerade das, was im linearen Zeitalter mal als Sommerloch bekannt war. Um es zu füllen, hat Viaplay seit voriger Woche angeblich ein neues Genre kreiert.
Es heißt Mediterranean Noir und bläst in der griechischen Thriller-Serie Save Me zur Jagd auf einen Serienkiller am Mittelmeer. Nicht unbedingt innovativ, aber vor allem dank eines sehr weiblichen Casts um die kantige Ermittlerin Despina Loukidis (Elena Mavridou) herum auf angenehm unmännliche Art eigensinnig. Davon dürfte ab Mittwoch bei Prime Video im Serien-Ableger der Film-Reihe Natürlich blond 1-3 eher nicht die Rede sein.
Elle ist Feel Good. Fertig. Feel Bad will hingegen die indische Thriller-Serie Isapakatnam ab Donnerstag an gleicher Stelle liefern. Sie zeigt aber zunächst, dass der weltgrößte Filmmarkt mehr zu bieten hat als Bollywood. Und ab Freitag auf Arte, kleines Schmankerl: alle vier Staffeln der Tragikomödie Five Bedrooms um fünf Australier*innen, die sich beim Speeddating darauf einigen, gemeinsam ein Haus zu mieten.