Sigis braune Gefahr & Club der roten Bänder
Posted: September 1, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
24. – 30. August
Bis zu 100 Euro – so viel kostet bei Ebay angeblich der Spiegel vom 18. August, dessen Titelbild den AfD-Führer Ulrich Siegmund als „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ adelt. Signierte Cover kosten angeblich sogar das Zehnfache. In der Sache absolut stichhaltig, darf man Ausgabe Nr. 34 also als rechtspopulistisches Win-Win-Magazin bezeichnen. Denn die kostenlose Wahlkampfwerbung dürfte dem westdeutschen Verlag zumindest in Ostdeutschland Rekordabsätze beschert haben.
Wobei die AfD echt keine Verlagsreklame aus Hamburg braucht, wenn ihr der Bundeskanzler in Berlin Prozentpunkte auf dem Silbertablett medialer Selbstverstümmelung liefert. Jüngstes Beispiel: Sein Auftritt in der RTL-Talkshow mit dem schmissigen Fünfzigerjahre-Titel „Friedrich Merz am Tisch mit Bürgerinnen und Bürgern“. Da nämlich geht der Erstgenannte auf die Kinderärztin Bea Merscher los, bezeichnet sie als Nutznießerin des Gesundheitssystems und drischt auch ansonsten auf alles ein, was sich kein Privatflugzeug leisten kann.
Was man Merz zu Gute halten muss: Anders als Hans-Thomas Tillschneider hat er die Talkshow nicht beim ersten Gegenwind verlassen wie Ulrich Siegmunds Propagandaminister in spe in Amann unframed, nachdem die unbotmäßige Gastgeberin, Achtung: Establishment-Angriff: Fragen gestellt hatte. Das also, was der FAZ-Korrespondent Michael Martens mit Wolodimir Selenskij versuchte, wobei ihm aber allen Ernstes folgendes herausgerutscht ist: Was Europa tun könne, „um ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten. Also russische Soldaten.“
Auweia.
Für so viel publizistische Instinktlosigkeit müsste es eigentlich eine Geldstrafe zugunsten seriöserer Medien wie – sagen wir: das Goldene Blatt geben, die – sagen wir: dem letzten Quartalsgewinn entspricht. Bei META entspräche das 17 Milliarden Dollar. So viel soll Mark Zuckerbergs Hass- und Hetzplattform in den USA an Strafe zahlen, weil sie digitalen Kindesmissbrauch nicht nur duldet, sondern fördert. Schade nur, dass sein Konzern die Summe aus der Portokasse zahlt.
Die Frischwoche
31. August – 6. September
Und damit zu besserem Entertainment für weitaus weniger Geld. Bei RTL+ zum Beispiel ist vorige Woche Der Club der roten Bänder nach neun Jahren Pause in die 4. Staffeln gegangen. Und siehe da: auch The Next Generation schafft es mit völlig neuem Serienperson spielend, der Jugend am Abgrund Stimmen zu geben, die gleichermaßen unterhalt- und bedeutsam klingen. Beides möchte auch die ARD-Serie Selling Sex sein.
Eine BWL-Studentin verdingt sich darin sechs Folgen lang als Escort Girl, was eigentlich ein mutiger Schritt ist, um weibliches Empowerment sexpositiv darzustellen – hätten sich die Filmemacherinnen nicht dazu entschieden, die Oberfläche radikal glattzubügeln und einfach mal auf alle entscheidenden Gewaltaspekte der Sexarbeit zu verzichten. Trotzdem kein schlechtes Format. Ganz im Gegensatz zu SPYON.
Das ZDF schafft es darin ab Freitag in seiner Mediathek, eine Workplace-Comedy aus dem Reich deutscher Geheimdienste zu zeigen, in der absolut gar nichts witzig ist, aber absolut alles zum Fremdschämen platt, billig, berechenbar und didihallervordenartig klischeehaft. Dann doch lieber die 2. Staffel von Guy Ritchies sensationeller Gangster-Groteske The Gentlemen, ab Donnerstag bei Netflix. Oder ab Sonntag bei Prime: A Tale of Two Cities, ungefähr 25. Verfilmung des Dickens-Klassikers, diesmal mit GoT-Star Kit Harrington.
Und noch auf die Schnelle zum Abhaken: Mythos Schalke, Langzeitbeobachtung des Traditionsclubs in den vergangenen anderthalb Jahren bei Sky/Wow. Dazu die spanische Dramaserie Familiengeheimnisse (Arte). Ab Freitag in der ZDF-Mediathek: Bis es blutet, ein Kleines Fernsehspiel aus den Untiefen des Sensationsjournalismus. Und zwischendurch, ob wir wollen oder nicht: eine Serienversion der holländischen 80er-Prollsippe Die Flodders bei RTL+.