Siegmunds Hölle & Schwochows Horrotrip

Die Gebrauchtwoche

31. August – 6. September

Schwer zu sagen, was dem MDR durchs Erfurter Sendezentrum ging, als 94 Jahre nach dem Einzug der NSDAP ins Magdeburger Parlament abermals eine rechtsextreme Partei die Landtagswahl gewonnen hatte: Erleichterung, dass AfD-Führer Ulrich Siegmund nur die relative Mehrheit bekam? Ernüchterung, weil ihn das BSW wohl dennoch zum Ministerpräsidenten wählen wird? Entsetzen, weil beide dem verhassten ÖRR so oder so die Hölle heiß machen?

Tatsache ist: Deutschland, Europa, die halbe Welt ist eine etwas andere, seit 43,8 Prozent der Wähler*innen bei vollem Bewusstsein Neonazis, Faschisten und ihre freundlichen Gesichter mit der Regierungsbildung beauftragt haben. Dass der Rechtsaußenruck wie nach Donald Trumps erstem Wahlsieg in den USA die Qualitätspresse stärkt, ist da eher unwahrscheinlich: Abseits öffentlich-rechtlicher Lokalredaktionen sind ostdeutsche Medien mehrheitlich längst Wachkomapatienten.

Sobald die Rest-Demokratie aus ihrer Schockstarre erwacht, dürfte sie allerdings merken, wie spannend unsere Zeiten aus publizistischer Sicht sind. Erinnert sich noch jemand ans Sommerloch? Gott, war das langweilig! Heute hingegen landen Dinge am unteren Ende der Nachrichtenskala, die es früher zur Spitzenmeldung gebracht hätten. Dass russische Finanzminister am Freitag vorvoriger Woche zum G20 Gipfel in den USA eingeladen war, zum Beispiel, nicht aber Vertreterinnen von New York Times oder Bloomberg.

2026 sorgt das auch deshalb allenfalls für leichtes Schulterzucken, weil die Aufmerksamkeitsökonomie andere Schlüsselreize setzt. Den ersten Werbetrailer von GTA 6 etwa haben in 24 Stunden nahezu 100 Millionen Netflix-Abonnierende gestreamt. Drei Monate vorm offiziellen Launch des weltweit erfolgreichsten Videogames. Und dann auch noch auf einer kostenpflichtigen Plattform. Irre Zeiten – in denen nicht wenigen selbst die Lust am Fernsehen vergehen dürfte oder wahlweise ein Fenster in den Eskapismus öffnet.

Die Frischwoche

7. – 13. September

Das der kommende Donnerstag jedoch meterdick verrammelt. Dann nämlich jährt sich der islamistische Terroranschlag aufs World Trade Center und Pentagon zum 25. Mal. Es wird also zeitungsauf, senderab und überall sonst an 9/11 nebst Konsequenzen gedacht, die ja bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Hervorzuheben ist da die großartige Zeitzeugenbegleitung September, seit ein paar Tagen bereits in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Und sonst so? Erinnert uns die fünfte und nun aber mal wirklich allerletzte Staffel des ARD-Historientheaters Babylon Berlin ab Donnerstag – auch ohne Sky ungeheuer opulent – daran, was geschieht, wenn Faschisten an die Macht kommen. Na, herzlichen Glückwunsch, Sachsen-Anhalt. Zur Entspannung entführt uns LOL Next ab Donnerstag bei Amazon Prime mit Influencern statt Comedians in die Welt verbotenen Lachens. Und parallel dazu feiert Paramount+ 60 Jahre Star Trek mit einer Reihe Filmen, Episoden und Dokumentationen.

Gerade mal ein Drittel so alt ist dagegen das drollige Samstagabend-Event Frag‘ doch mal die Maus, deren 20. Geburtstag das Erste mit Esther Sedlaczek am Mikro begeht. Schon seit Montag läuft in der Arte-Mediathek das großartige sechsteilige Familiendrama Die letzte halbe Stunde um einen Alzheimer-Patienten inmitten politischer Wirren des Nahen Ostens. Die Mystery-Serie Possession entführt uns derweil ungeheuer bildgewaltig ins kolonialistische Erbe Jamaikas.

Und dann wäre da noch das Highlight der Woche: Last Seen. Christian Schwochow begleitet den australischen Ex-Cop Ian (Patrick Brammall) darin auf dessen Horrortrip in die Vergangenheit einer unverarbeiteten Kindesentführung. Und wie der deutsche Regisseur den australischen Thriller ab Mittwoch bei AppleTV+ mit melancholischer Energie verfüllt – das ist abermals ein kleines Meisterwerk unsichtbarer Eskalationen.



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