Elmar Theveßen: Interview 25 Jahre 9/11

Erst problematisch, wenn es knallt

Als am 11. September 2001 drei Flugzeuge ins World Trade Center und das Pentagon flogen, war US-Korrespondent Elmar Theveßen (Foto: ZDF/Max Sonnenschein) zwar gerade wieder zurück in Deutschland. Von dort aus hat der Terror-Experte die Ereignisse allerdings monatelange in Echtzeit begleitet – wie sich der Leiter des ZDF-Büros in Washington genau 25 Jahre nach 9/11 erinnert.

Von Jan Freitag

Herr Theveßen, sie sind nach sechs Jahren Washington ausgerechnet kurz vorm 11. September 2001 nach Deutschland zurückgekehrt. Fühlte sich das für den Ex-Korrespondenten nach falscher Zeit am falschen Ort an?

Elmar Theveßen: Aus beruflicher Sicht wäre ich definitiv lieber vor Ort gewesen, als Familienvater hingegen weniger gern. Wir haben natürlich auch mitbekommen, dass eine Nachbarin von uns an Bord des Flugzeugs war, das ins Pentagon geflogen ist. Das hat uns auch persönlich sehr bewegt. Aber ich war halt nicht mehr in Washington, sondern Reporter bei Frontal 21, als plötzlich jemand die Tür zum Schneideraum aufriss und fragte, warum wir noch einen anderen Beitrag bearbeiten.

Über wen genau?

Rudolf Scharping, der dadurch womöglich schon etwas eher zurückgetreten wäre. So aber bin ich umgehend von Berlin nach Mainz geflogen, um die Berichterstattung über die Anschläge zu unterstützen. Denn auch wenn ich vorher nicht mit einem solch großen Anschlag gerechnet hatte, war mir schnell klar, dass mit höchster Wahrscheinlichkeit Al-Qaida dahintersteckt.

Woher nahmen Sie diese Gewissheit?

Weil ich sehr tief in der Materie drinsteckte und Ende der Neunziger bereits über die Bombenanschläge von Kenia und Tansania berichtet hatte. Mir war bekannt, dass Al-Qaida plant, zehn entführte Flugzeuge in Ziele zu steuern. Dass dieser sogenannte Bojinka-Plot 2001 Wirklichkeit geworden war, machte mich natürlich fassungslos. Schließlich wussten die Amerikaner davon. Fürs ZDF war es ein Vorteil, dass ich mich mit dem Thema gut auskannte.

Gab es vom Moment dieser Erkenntnis an standardisierte Abläufe, um über 9/11 und seine Folgen zu berichten?

Das nicht, aber ich bin aus dem Schneideraum tatsächlich sofort zum Flughafen Tegel gefahren, wohin auch meine Frau und unsere drei kleinen Kinder mit meinem Gepäck kamen, um mich zu verabschieden. Als ich in Mainz ankam, bin ich sofort zum Lerchenberg gefahren und habe mit Wolf von Lojewski, Thomas Kausch, Steffen Seibert oder wie sie alle hießen, live über die Ereignisse berichtet. Dass Osama bin Laden wirklich dahintersteckt, war da zwar noch eine Mutmaßung, allerdings mit der höchsten Wahrscheinlichkeit.

Wie wahrscheinlich war zu der Zeit denn die Verbindung zur Hamburger Terrorzelle?

Wir konnten schon bei den Anschlägen in Nairobi und Daressalam 1998 nachweisen, dass dabei Gelder aus Deutschland geflossen sind. Wir hatten auch die Rolle von Mohammedou Ould Slahi bei den geplanten „Millenniumsanschlägen“ recherchiert. Er hatte in Duisburg studiert und soll den mutmaßlichen Attentäter der vereitelten Attacke auf den Flughafen Los Angeles, Ahmed Ressam, aktiviert haben. Deswegen waren die Deutschland-Bezüge bei 9/11 nicht so megaüberraschend.

Man merkt daran, wie leicht Ihnen die Namen und Zusammenhänge von den Lippen gehen, dass Sie auch 25 Jahre später gut im Stoff stecken. Wie wird man eigentlich Terror-Experte eines öffentlich-rechtlichen Senders?

Das Interesse wurde bereits in meinem Politikstudium bei Manfred Funke, damals einer der großen Extremismusforscher Deutschlands, geweckt. Als ich später beim ZDF für die Sicherheitspolitik zuständig war, hatte ich neben der notwendigen Expertise auch die nötigen Kontakte zum BKA, zum BND, zum Verfassungsschutz aufgebaut. Und dazwischen lag ja noch meine Zeit in den USA ab 1995, wo es große Terroranschläge gab wie die rechtsextreme Attacke von Oklahoma City. Als dann 9/11 passierte, lag es fürs ZDF irgendwie nah, mir das Etikett Terrorismus-Experte anzuheften.

Was haben Sie in den Tagen, Monaten und Jahren nach 9/11 über den Terrorismus gelernt, das Ihnen wirklich neu war?

Das Ausmaß der Arroganz, der Unfähigkeit, der Naivität bei uns allen, vor allem aber bei den Sicherheitsbehörden. Mir wurde damals mit jeder neuen Recherche klarer, wie viel vorhandenes Wissen – übers Training der Terroristen auf amerikanischem Boden zum Beispiel – aufgrund von Eifersucht, Missgunst und Konkurrenzdenken verbündeter Behörden wie FBI und CIA unbeachtet geblieben war. In diese Lücken konnte Al-Qaida mit entschlossener Dreistigkeit stoßen.

Was haben Sie als Berichterstatter dabei über sich selbst gelernt?

Ehrlicherweise etwas, das ein Journalist eigentlich immer im Auge behalten sollte: Es ist sehr einfach, Kurzschlüsse zu ziehen und Fehler zu machen. Die überwältigende Mehrheit meiner Berichte hat das vermieden. Aber es gab auch Fälle, in denen ich aus Selbstgewissheit überzogen habe. Meine wichtigste Erkenntnis lautet: tief in der Materie zu stecken, reicht nicht; man muss die aktuelle Faktenlage ständig einbeziehen und selbst bei Quellen vorsichtig sein, die die sich sonst immer als verlässlich erwiesen haben.

Und was haben Sie über Ihren Beruf Neues gelernt, den Journalismus?

Dass sich auch die Medien gern damit befassen, was gerade am meisten ins Auge sticht. Journalisten reagieren oft nur, anstatt es zu antizipieren, weil die notwendigen Ressourcen für arbeits- und kostenintensive Vorfeldrecherche fehlen, wenn man nicht weiß, ob es sich lohnt. Darin ähneln viele Medien mitunter den Sicherheitsbehörden. Oft wird etwas erst als problematisch angesehen, wenn es knallt.

Und das hat sich mit 9/11 geändert?

Ja, aber mit kontraproduktivem Nebeneffekt. Weil viele Redaktionen ihren Fokus massiv auf den Islamismus gelegt haben, wurde der Rechtsextremismus vernachlässig. Die Folgen kann man an der Mordserie des NSU sehen. Was dabei oft übersehen wird: Terrorismus, egal von welcher Seite, ist brutal einfach. Man braucht ein Messer oder Auto und viel Aufmerksamkeit. Dass Islamisten wie ISIS oder Al-Qaida parallel dazu eine hochtechnisierte Infrastruktur des Terrors aufgebaut haben, bereitet mir heute übrigens noch mehr Sorge als damals.

Warum?

Weil sie Ihre Waffen mithilfe künstlicher Intelligenz noch gefährlicher machen. Umso wichtiger ist es, nicht wieder in die Muster der Gleichgültigkeit der Zeit vor 9/11 zurückfallen.

Die Gefahr besteht?

Sie wächst sogar. Denn anders als 9/11 arbeiten sunnitische und schiitische Terrororganisationen, etwa Al-Shabaab in Somalia und die Huthi im Jemen, nun teilweise zusammen. Al-Qaida hat in einem Drittel der afghanischen Provinzen neue Stützpunkte, der IS Ableger in 20 Staaten. Sie können neue Technologien und KI für ihre Planungen nutzen. Gleichzeitig schlagen die USA unter Donald Trump viele Lehren aus 9/11 in den Wind und schwächen das System internationaler Sicherheitszusammenarbeit. Das ist auch für uns in Europa brandgefährlich.



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