Florian David Fitz: Terror & Signale
Posted: March 8, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentJeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf

Florian David Fitz (Foto: Anika Molnar/Netflix) war lange der schludrige Lover vom Dienst. Seit Terror wurde er spürbar ernster – und darf jetzt den Witwer einer Astronautin im vierteiligen SciFi-Drama Das Signal bei Netflix spielen. Ein Gespräch über deutsche Mystery, die Angst vorm Fremden und ob eigentlich alles gut wird.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Fitz, Netflix kündigt Das Signal als Science-Fiction-Mystery-Thriller an. Aber ist nicht eigentlich ein gesellschaftskritisches Familiendrama?
Florian David Fitz: Naja, das ist genau, was ich von Anfang an am Stoff mochte. Er ist beides. Das kleine Drama im großen Ganzen: das Rätsel, das die abgestürzte Astronautin der Welt hinterlässt, und das ganz kleine Drama ihrer Tochter, um die sich der hinterbliebene Vater fortan allein kümmern muss, während er versucht das Rätsel zu lösen.
Konnten Sie dafür auch ein bisschen aus ihrem Privatleben als Familienvater schöpfen?
Klar hilft das. Das ist ja das Schöne am Schauspielen. Jeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf. Aber unsere Gefühle kleinen Kindern gegenüber, kommen doch direkt vom Stammhirn. Das kann jeder nachvollziehen. Ich musste auch mit 17 schon heulen, als Meryl Streep sich bei Sophies Entscheidung an der Rampe im KZ für eines ihrer Kinder entscheiden soll. Das lässt keinen fühlenden Menschen unberührt. Was eigene Kinder allerdings bewirken: Sie machen einen empfindlicher.
Inwiefern empfindlicher?
Jetzt kann ich mir die Szene in Sophies Entscheidung nicht mal mehr anschauen. (lacht)
Machen Kinder auch optimistischer? Ihr Sven sagt allein in der ersten Folge mindestens achtmal zu Charlie, alles wird gut, obwohl gar nichts gut wird.
Vielleicht sagt sich Sven das Mantra auch selbst vor, damit er durchkommt. Aber darum geht es in der Serie: Du kannst dein Kind nicht vor der Wahrheit schützen, indem du die Unwahrheit sagst, musst aber auch abwägen, was man ihm zumuten kann. Das ist unglaublich schwer, abzuwägen.
Sind Sie denn eher der Wahrheits- oder der Beschwichtigungstyp?
Als Vater weiß ich das noch gar nicht, dafür sind meine Kinder zu klein. Aber als Mensch bin ich definitiv kein Beschwichtigungstyp (lacht). Ich sage nie, alles wird gut, wenn es schlecht zu werden droht. Was aber nicht heißt, dass ich ein Pessimist bin. Mir kommt es in der aktuellen weltpolitischen Lage nur so vor, dass wir immer mal wieder im Dreck unserer Geschichte landen müssen, um etwas zum Besseren zu verändern. Wir müssen beim Baden im Meer den Mund voller Plastik haben, damit wir merken, davon zu viel zu produzieren. Wir haben einen klugen Kopf auf den Schultern, aber….
Holen aber nicht das Optimum raus.
Milde ausgedrückt nein. Aber vielleicht hängen wir das mit der Vernunft zu hoch. Die Vernunft kostet uns viel. Sie entspringt uns nicht unbedingt mühelos. Wir sind intelligente Tiere. Schwierige Kombination.
Transportiert die Netflix-Serie diesbezüglich Botschaften?
Was meinen Sie denn?
Eine Botschaft könnte die Angst vorm Fremden sein und wie sehr sie uns im Wege ist.
Unbedingt. Und je weiter die Serie fortschreitet, desto mehr. Verkörpert unter anderem ja von meiner Figur. Ein Zyniker, der als Geschichtslehrer nach der Maxime lebt, der Mensch ist des Menschen Wolf, während seine Frau eher der philanthropische Typ ist. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte, aber es bleibt mühsam mit unserer Spezies. Und auch deshalb gibt die Serie keine Wahrheiten vor, sondern lässt ständig alle Interpretationsräume offen.
Dabei geht Das Signal angesichts der geringen Aufmerksamkeitsspanne heutzutage ein großes Risiko ein. Die Serie ist nämlich unfassbar langsam und leise.
Finden Sie? Eigentlich passiert ja ständig etwas, die Wahrheiten drehen sich dauernd auf den Kopf. Aber eben nicht unbedingt actionmäßig. Spannung und Tempo sind ja nicht dasselbe. Ich hätte Angst, wenn Sie sagen würden, es ist langweilig. Genau deshalb ist die Bildsprache leiser Science-Fiction wie Gravity oder Interstellar sinnlich, aber zugleich spannend. Und das gilt meines Erachtens auch fürs Signal.
Stand für Sie als Ko-Autor dabei je im Raum, dass Sie den Astronauten spielen und Peri Baumeister die daheimgebliebene Geschichtslehrerin?
Nee, nie. Natürlich steckt auch ein emanzipatorisches Element darin, klassische Rollenmuster aufzubrechen, aber wir wollten den unkonventionellen und damit auch interessanteren Ansatz, ohne ein Riesenthema daraus zu machen. Wobei Home-Dads ja mittlerweile ebenso wenig die absolute Ausnahme sind wie geniale Wissenschaftlerinnen.
Dafür steht bei Ihnen jetzt noch immer Astronaut auf der To-do-Liste, den sich nicht nur Jungs wünschen, wenn sie beschließen, Schauspieler zu werden…
Natürlich war ich ein bisschen eifersüchtig auf Peri, aber dafür war meine Arbeit verglichen mit ihrer auch ungleich entspannter. Was sie technisch für ihre Figur leisten musste, war extrem anspruchsvoll.
Ist ihre Umgebung im Raumschiff komplett animiert oder wurde viel Kulisse geschoben?
Obwohl bei solchen Einstellungen naturgemäß CGI im Spiel ist, war auch viel Handarbeit dabei oder eben eine Mischung aus beidem. Etwa Schwerelosigkeit dadurch zu simulieren, dass die Darsteller auf einer Wippe sitzen, Oldschool Hollywood. Witzigerweise sah das richtig gut aus. Aber alles andere hätte unser Budget aber auch gnadenlos überschritten. (lacht)
Das dennoch eher im oberen Drittel deutscher Produktionen als darunter lag, oder?
Zahlen kann ich nicht nennen, aber es war definitiv keine billige Serie. Netflix will zwar zunächst mal den lokalen Markt ansprechen, aber laut Feedback fühlt sich die Serie schon international an. Dark hat schließlich gezeigt, dass deutsche Produktionen auch im Ausland funktionieren können.
Bis Sie Mitte der Zehnerjahre Die Lügen der Sieger und vor allem Terror gemacht haben, waren Ihre Rollen oft leichter, gern auch komödiantisch. War das eine bewusste Entscheidung?
Ich weiß gar nicht, ob diese Beobachtung so pauschal stimmt, denn ich versuche auch Komödien immer mit Härte und Schmerz zu versehen. Deshalb waren meine Komödien zwar leicht, aber Leichtigkeit und Flachheit sind ja unterschiedliche Dinge. Das lag allein schon an der Themenauswahl. Ob es um Transsexualität ging, das Tourette-Syndrom oder den Tod – ich habe kaum Filme gemacht, bei denen es nicht auch ums Eingemachte ging. Humor war da oft nur der Haken, um die Leute ins Kino zu ziehen.
Gibt es dennoch eine Art Altersweisheit, die komödiantische Schauspieler ab 40 in ernstere Stoffe bringt?
Nein, denn ich habe auch früher schon ernstere Sachen gemacht, die hat nur kein Arsch gesehen. Obwohl, nicht mal das stimmt. Terror – Ihr Urteil lief sehr gut. Aber stimmt schon: seit Vincent will Meer…
Wofür Sie 2010 erstmals auch das Drehbuch geschrieben haben.
… ging es eigentlich immer um was Tieferes. Mittlerweile glaube ich, dass es gar nicht so trivial ist, was wir machen: Wir setzen die Leute 90 Minuten in ein anderes Leben, lassen sie die Erfahrungen anderer Menschen machen. Das relativiert viel in unserem eigenen Leben, und lässt uns ab und an über den Tellerrand gucken. Das empfinde ich als sehr befriedigend.
Teddy Teclebrhan: Anarchie & Improvisation
Posted: February 23, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentEs gibt bei mir keinen Pointen-Zwang

Unter den konsensfähigen Comedians ist Teddy Teclebrhan (Foto: Amazon Prime Video) definitiv der anarchistischste. Jetzt sogar mit eigener Unterhaltungsshow bei Amazon Prime. Ein Gespräch über gespaltene Persönlichkeiten, improvisierende Stars und die neue Lust am Scheitern.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Teddy, kannst du mir deine Show kurz erklären? Ich habe zwei der sechs Folgen gesehen, bin aber weit davon entfernt, das Konzept dahinter zu verstehen…
Teddy Teclebrhan: Der beste Weg, sie zu verstehen, ist vermutlich, es gar nicht erst zu versuchen, sie zu verstehen. Die Geschichte hinter der Show war ja, dass ich bei Prime Video war, den Vertrag unterschrieben habe, und als sich die Tür hinter mir geschlossen hat, standen da drei Typen und fragten: Okay, und was ist mit uns?
Weil Ihre Unterhaltungspersönlichkeit gleich vierfach in Teddy Teclebrhan, Ernst Riedler, Antoine Burtz und Percy gespalten ist?
So kann man das interpretieren. Prime hat den Vertrag mit mir gemacht und die anderen drei wollten halt ihren Anteil daran. Aber brauchen Sie das Konzept der Show für Ihr Leben oder das Interview?
Eher letzteres.
Dann einigen wir uns darauf, dass es kein Konzept gibt, okay?
Okay, aber in dieser Konzeptlosigkeit hat mich Ihre Show dennoch ein bisschen an Filme von Bully Herbig oder Otto Waalkes erinnert, die im Grunde Verdichtungen früherer Sketche waren…
Bei mir war es anders. Ich habe die Fernsehshows so gebaut, wie ich auch meine Liveshows baue: So konzipiert wie nötig, so organisch wie möglich.
Und das wussten auch deine Gäste mit klangvollen Namen von Iris Berben über Megaloh und Caprice bis Heiner Lauterbach?
Wer mich kennt und von mir eingeladen wird, dürfte sich darüber im Klaren sein, dass meine Nummern improvisiert sind. Die wussten das also, und alle sind professionell genug, damit umgehen zu können.
Also gegebenenfalls in den Pointen-Battle mit einem Improvisationsprofi wie Ihnen einzutreten?
Nee, denn es gibt bei mir keinen Pointen-Zwang.
Aber ja schon einen Schlagfertigkeitszwang, sonst tritt das Schlimmste einer Live-Sendung ein, nämlich peinliches Schweigen.
Genau deshalb sind alle Schauspielerinnen und Schauspieler, die wir eingeladen haben, richtig gut in ihrem Fach.
Der Regisseur Jan Georg Schütte sammelt mit dieser Art Impro-Fiktion gerade so viele Film- und Fernsehpreise, dass die größten Stars mittlerweile bei ihm vor der Tür scharren, um mitmachen zu dürfen. Gibt es eine neue Lust an Fallhöhe, der Chance zu scheitern?
Die Lust war immer da, aber jetzt gibt es viel mehr Formate als früher, in denen sie sie nutzen können. Mir ist allerdings fast noch wichtiger, dass man nicht erkennen kann, ob es gescripted oder improvisiert ist. Dieses Überraschungsmoment mag ich sogar noch mehr als gut aufgeschriebene Witze.
Als Schauspieler musst du dich aber vermutlich streng an Texte halten – etwa in deiner Rolle als Erzieher Robert in Nora Fingscheidts Meisterwerk Systemsprenger.
Da gab es zwar ein Drehbuch, aber auch da ist man mit der Regisseurin ständig im Austausch darüber, ob man was mundgerecht anpassen kann – manchmal sogar in der Szene selbst. Aber richtig improvisieren kann man da natürlich nicht.
Was hat dich eigentlich so früh daran fasziniert, ohne schriftliche Fahrbahnbegrenzung gegen die Wand fahren zu können?
Die Möglichkeit, in Momenten der Unsicherheit etwas wirklich Besonderes zu finden, ist wesentlich höher als mit Netz und doppeltem Boden eines Drehbuchs. So wie wir jetzt miteinander reden, ist ja auch nichts gescripted und kann daher in jede Richtung gehen. Improvisation ist Leben. Deshalb habe ich keine Angst, gegen diese Wand zu fahren.
Weil Sie generell ein angstfreier Typ sind?
Nein, nein. Ich bin kein angstfreier Typ, aber ich weiß ganz gut, wie ich mit Ängsten umgehen sollte. Um keine Angst vorm Scheitern zu kriegen, habe ich sie deshalb von einer Gefahr zum Wegweiser umdefiniert, der kein unerwünschtes Ziel, sondern nur die Richtung vorgibt. Einiges vom Scheitern bleibt daher auch im Programm, anderes fliegt raus – aber nicht etwa, weil ich mich dafür schäme, sondern weil ich mein Energielevel nicht erreicht habe.
Ist dieses Energie-Level am Ende eines deiner Humor-Prinzipien?
Unbedingt.
Und was noch – vielleicht das Aushalten von Schmerzpunkten hinausgezögerter Pointen, die Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo es wehtut, auch wenn der Umweg eventuell leichter ist?
Ja. Wobei ich gemerkt habe, dass dieser Schmerzpunkt bei anderen nicht nur früher kommt als bei mir; ich empfinde ihn oftmals gar nicht.
Damit hast du gerade ziemlich genau mein Leiden angesichts einiger Momente der Teddy Teclebrhan Show beschrieben…
(lacht) Sehen Sie? Mich entspannen solche Momente eher…
Das dritte und letzte Prinzip könnte sein: Dein Humor ist radikal unpolitisch. Ist er das?
Schon, und zwar als bewusste Entscheidung. Wenn es mal ein bisschen politischer wird, überantworte ich das gerne an die ältere Figur Ernst Riedler, denn ich als Teddy mache schon deshalb durch und durch Unterhaltung, weil meine gesamte Existenz auch ohne darüber zu reden schon politisch ist. Vom Zwang, mich politisch äußern zu müssen, habe ich mich dementsprechend frei gemacht. Folge 5 der Show handelt allerdings von Heimat und ist somit ein wenig politischer.
Hat sich Amazon Prime diesbezüglich eingemischt?
Null, denn die Leute bei Prime haben Bock auf was Neues. Wenn sie sich eingemischt hätten, hättest du am Anfang womöglich nicht nach dem Showkonzept gefragt. Natürlich gab es auch mal Diskussionen, aber am Ende haben Sie mich meinen Style machen lassen. Die akzeptieren mich so, wie ich bin. Wie schön ist das denn?!
Aber würde Prime als renditeorientiertes Unternehmen denn auch einen Misserfolg akzeptieren?
Das müssen Sie dort fragen, aber ihr Glaube an mich und uns war jederzeit spürbar. Ich feiere die Shows gerade so sehr, weil ich konsequent mein Ding machen und alles komplett Teddy ist.
Auch das Knopfdruck-Gelächter des eingepeitschten Publikums?
Da sprichst du was an (stöhnt)… Das war nicht meine Idee und hat mich echt genervt – gerade, weil ich jemand bin, der mit Stille spielt oder dem, was Sie vorhin peinliches Schweigen genannt haben. Das war auch für mich eine Herausforderung (lacht). Beim nächsten Mal machen wir das safe ohne Publikumsanimation.
Anne Will: Sportschau & Ersatzparlament
Posted: February 15, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDanke für Ihre Ruhe

Im Dezember hat Anne Will (Foto: Marlene Gawrisch) nach 553 Ausgaben die wichtigste Talkshow der Fernsehrepublik an Caren Miosga abgegeben. Ein Interview über 16 Jahre Ersatzparlament im Ersten, den Unterschied zwischen Grillen oder Fragen und was für ein Medienland sie Branche, Land, Gesellschaft hinterlässt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Will, verspüren Sie sonntags zwischen Tatort und Tagesthemen mittlerweile eigentlich eine Art medialen Phantomschmerz?
Anne Will: Nein, es gefällt mir, dass der Sonntag jetzt wieder mir gehört. Ich fand es schön, dass ich vorige Woche auf dem Sofa liegend mal wieder linear den Polizeiruf gucken konnte. Wenn überhaupt, dann hatten Freundinnen und Bekannte sowas wie einen Phantomschmerz. Jedenfalls kamen so 21.46 Uhr SMS, wo ich denn bitte sei, jetzt sei doch eigentlich meine Sendung (lacht).
Kontern Sie das Ende Ihrer Talkshow da gewissermaßen mit unpolitischen Krimis?
Nein, ich habe am selben Abend auch noch Bericht aus Berlin und Berlin direkt gesehen und danach die Tagesschau. Ich muss ja jetzt nicht plötzlich vom politischen Weltgeschehen detoxen, oder sowas, im Gegenteil: Ich habe jetzt wieder Zeit, breiter, themenunabhängiger zu gucken und zu lesen. Bislang war ich Richtung Ende der Woche auf das jeweilige Thema der Sendung fokussiert und habe mit einem klaren Verwertungsinteresse gelesen. Mir fehlte manchmal schlicht die Zeit, auch noch alles links und rechts davon zu lesen.
Sie verspüren als keine News Fatigue oder gar News Avoidance nach 553 Sendungen in 16 Jahren?
Nee, das kenne ich nicht.
Was macht es eigentlich mit Mensch und Journalistin, wenn beide sich tagein tagaus an den Frontverläufen der Weltpolitik aufhalten?
Naja, das ist ja mein Job. Und Politik interessiert mich. Mir ist zu Beginn meiner Tagesthemen-Zeit aber was klar geworden, was man in diesem Job, wenn Sie so wollen, als Mensch mitbringen sollte. Nämlich: Ruhe auszustrahlen. Ich habe im April 2001 angefangen, die Tagesthemen zu moderieren, war gut ein halbes Jahr dabei, als es die Terroranschläge vom 11. September gab. Wir haben tagelang gesendet, eine Sondersendung nach der anderen. Und dann erreichten mich – damals noch per Fax – etliche Reaktionen von Zuschauerinnen und Zuschauern, die da lauteten: „Danke für Ihre Ruhe“. Da habe ich gecheckt, dass es darum also auch geht.
Das Chaos hat Sie ruhiger gemacht?
Ich bin sowieso ein ruhiger Typ. Ich habe in dem Moment nur etwas Zusätzliches über meine Rolle verstanden: Wenn ein Ereignis weltweit für derart große Verunsicherung sorgt, müssen in den Top-Nachrichten- und Politiksendungen auch Grundton und Ausstrahlung der Moderatorinnen und Moderatoren sitzen. Ich habe mir rund um 9/11 auch die Frage gestellt, ob es angemessen ist, die Sendung mit einem angedeuteten Lächeln zu beginnen oder ob das dem Ernst der Lage nicht gerecht wird. Und ich habe mich entschieden: Doch, ein freundlicher Einstieg ist richtig. Und das habe ich auch all die Jahre beibehalten. Darin sehe ich auch eine meiner Aufgaben als Moderatorin.
Aus der heraus es sowohl bei Nachrichten also auch Gesprächssendungen wichtig ist, zunächst mal eine kommunikative Wohlfühlatmosphäre zu schaffen?
Wohlfühlatmosphäre trifft es nicht. Es geht um ein leises Lächeln, einen freundlichen Eindruck, den man zu Beginn macht. Mehr nicht.
Mussten sich Lachen und Ruhe dennoch gegen die weltpolitische Krisenhaftigkeit Ihrer gesamten Laufbahn im politischen Journalismus durchkämpfen oder kam beides quasi von innen aus dem Gemüt heraus?
Weiß ich nicht so genau. Ruhe ist wichtig, Souveränität, journalistische Kompetenz und gute Vorbereitung sowieso, darüber brauchen wir nicht zu reden. Lachen, wenn es passt, und Pausen können eine gute Moderationstechnik sein, die es Zuschauerinnen und Zuschauern gestattet, wenn man so will, mitzufühlen. Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das allerdings auch aus dem Jahr 2001 stamm…
Nur zu.
Es war ein paar Tage nach den Anschlägen vom 11. September. Wir hatten einen Beitrag über die Feuerwehrleute am Ground Zero im Programm. Und einer davon kommt total erschöpft über und über mit dieser weißen Asche bedeckt aus den Ruinen des World Trade Centers auf die Kamera zu. Es war der Tag, an dem klar war, dass die Bergungsarbeiten eingestellt werden, es also keine Hoffnung mehr gab, noch Überlebende unter den Trümmern zu finden. Und dieser Feuerwehrmann, ein großer, kräftiger Mann, kommt nun also auf die Kamera zu, und man sieht, wie er einem Kollegen in die Arme fällt und bitterlich zu weinen beginnt. Das war das letzte Bild des Beitrags, den ich vorher nicht kannte, danach war ich wieder im Bild und musste mich echt zusammenreißen, um nicht auch in Tränen auszubrechen.
Ein menschliches, aber heikles Gefühl, weil es an der journalistischen Distanz kratzt…
Genau! Ich habe dann kurz innegehalten, habe bewusst eine Pause gemacht. Einerseits, um mich zu sammeln, andererseits, um den Zuschauerinnen und Zuschauern Zeit zu lassen und damit auch der Situation Respekt zu zollen. Stille zuzulassen, Pausen zu machen, kann bei aller gebotenen Distanz ein starkes journalistisches Mittel sein, finde ich. Das habe ich auch in der Talkshow häufiger gemacht, hab‘ gewartet, wenn jemand nach Worten rang, bin nicht dazwischen geplatzt. Das kann man dann machen, wenn man der eigenen Frage traut und sicher weiß, dass der Ton stimmt.
Und wie lautet ihr Rezept, beides zu schaffen?
Na ja, indem man bei sich bleibt. Ich habe außerdem mein Team gebeten, mir sofort einen Hinweis zu geben, wenn ich daneben liege. Da hat mir im Zweifel auch mal jemand aufs Ohr gesagt: „bleib dran“ oder „guck nicht so streng“ oder „lass ihn jetzt mal raus, du hast ihn gestellt, mach weiter mit der Runde“. So ein Hinweis aus der Regie kann helfen. Zum Beispiel auch, wenn es darum geht, ob man gänzlich ungeübten Gästen mit dem richtigen Ton und der passenden Ansprache begegnet. Die muss man ja ein bisschen anders befragen als super erfahrene Spitzenpolitikerinnen.
Na?
Ich lege normalerweise Wert darauf, jeweils nur eine Frage zu stellen und nicht acht oder zwölf auf einmal. Bei ungeübten Gästen, die vielleicht noch nie in einer Fernsehsendung waren, habe ich Fragen aber oft verstolpert, um dem- oder derjenigen das Gefühl zu geben, dass es erlaubt ist, nach Worten zu suchen oder sich zu verhaspeln, dass hier lauter Leute sitzen, die Fehler machen und auch Fehler machen dürfen.
Und das ließ sich auf die Sportschau genauso anwenden wie auf die Tagesthemen oder Anne Will?
Das lässt sich immer anwenden und funktioniert formatunabhängig. Eigentlich geht es darum, jemandem den Raum zu lassen, den er oder sie braucht, um sich verständlich zu machen. Genauso wie man das in jedem anderen Gespräch außerhalb eines Fernsehstudios ja auch macht. Man lässt Platz, gibt Raum, man hört geduldig, im besten Fall empathisch zu. Nur sitzt man da halt in einer höchst unnatürlichen Situation, die nochmal mehr danach verlangt, sowas wie Sicherheit vermittelt zu bekommen.
Hatten Sie dennoch das Gefühl, ihr medienpolitischer Einfluss war im Ersatzparlament Talkshow nochmals größer als in den Tagesthemen, von der Sportschau ganz schweigen?
Ich finde ja nicht, dass Talkshows Ersatzparlamente sind, fand ich noch nie. Die Talkshow am Sonntagabend hat allerdings eine große Reichweite, die größte von allen. Da dreht man das ganz große Rad, haben wir im Team gerne gesagt und gemeint: Es hat einen Einfluss, wenn unsere Sendung drei bis fünf oder sechs Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht. Was da besprochen wird, wissen tags darauf dann mindestens so viele. Hinzu kommt: Zeitungen berichten im Nachklapp, Nachrichtensendungen zitieren daraus, das, was bei uns gesagt wird, verbreitet sich weiter. Das wussten wir und waren uns der Verantwortung bewusst. Und zwar in beiderlei Hinsicht: Dinge positiv zu beeinflussen, aber auch gehörig daneben liegen zu können.
Inwiefern?
Na ja, es ist uns auch nicht immer alles super gelungen. Aber wenn wir es gut gemacht haben, wie zuletzt mit unseren Nahost-Sendungen, dann konnte man in den Tagen darauf natürlich beobachten, wie sich der Diskurs verändert.
Haben Sie diesen Einfluss nur toleriert, weil politische Entscheidungen ja eigentlich in Parlamenten getroffen werden sollten, oder wollten Sie ihn auch aktiv nutzen?
Also, wir haben natürlich keine politischen Entscheidungen getroffen, waren uns als Redaktion aber unserer Reichweite und unseres Potentials bewusst. Das meinte ich. Die Fragen, die wir an Themen gestellt haben, sollten schon sitzen, die sollten was offenlegen, Dinge einordnen, Weltlagen verständlich machen. Wenn Sie vor Millionen Menschen live ein irrsinnig heikles Thema wie den neuen Gaza-Krieg diskutieren, dann sollten Sie das besser mal präzise machen und sauber abwägend, denn wir wissen alle um die aufgewühlte Stimmung, den Hass, den neu aufflammenden Antisemitismus weltweit und nicht zuletzt auch in Deutschland.
Ausgerechnet in Deutschland!
Da haben wir uns als Team echt viele Gedanken darüber gemacht, wie wir das Thema angehen, um zum Beispiel rhetorische Figuren wie das unsägliche „ja, aber…“ zu vermeiden. Da muss man konzentriert sein. Denn über 60 Minuten in einer Live-Sendung kann einem natürlich sprachlich immer mal was verrutschen, darf es hier aber nicht. Zumal, wenn der israelische Botschafter mit in der Runde sitzt, dem deutlich anzumerken war, wie verletzt er und sein gesamtes Land sind, aber auch wie aufgebracht und erschöpft er war. Ich wollte, dass mir da jetzt bitte kein einziger Satz missrät. Ist mir aber auch nicht passiert.
Aber wie schafft man es dann, selbst einer solchen Person kritische Fragen zu stellen?
Indem man die Fragen zum Beispiel einfühlsamer einfliegt als sonst.
Also nochmals zurück zur Frage der Bedeutung einer politischen Talkshow im Kontext einer Mediendemokratie: Muss man sich als Moderatorin solch bedeutender Debatten dennoch ab und zu mal wachrütteln und selbst versichern, nicht die Parlamentspräsidentin des Deutschen Bundestags zu sein, sondern bloß ein Talkshow-Host?
Nein. Ich weiß und wusste schon, was ich da tue und was meine Rolle und die meines Teams ist. Wir sind Journalistinnen und Journalisten. Wir sagen, was ist. Und mit dem, was ist, müssen wir kritisch umgehen. Mal knallhart, mal tastend und nach Erklärungen suchend wie zum Beispiel während der Pandemie.
Als anderthalb Jahre lang gefühlt jede Talkshow von Corona handelte.
Bei uns waren es mindestens 30 Sendungen in Folge, ich weiß es gar nicht mehr genau. Aber sie trafen durch die Bank auf riesiges Interesse. Es war halt eine Phase großer Verunsicherung, in der sich Millionen Menschen auch von uns Erklärung und Orientierung erhofft haben. Parteipolitischer Streit dagegen, den die Zuschauerinnen und Zuschauer sonst ganz gerne bei uns geguckt haben, schien völlig fehl am Platz. Die Menschen wollten wissen, wie es weitergeht, was die Virologinnen und Virologen sagen, wann der Spuk endlich mal vorbei ist. Aus dieser Wissbegierde entstand ja zum Beispiel auch der große Erfolg von Christian Drostens NDR-Podcast.
Coronavirus-Update, später mit seiner Kollegen Sandra Ciesek.
Es gab einfach ein riesiges Bedürfnis nach Aufklärung und Information, wie lange nicht mehr, weil jede und jeder unmittelbar betroffen war und irgendwie versuchte, mit der verwirrenden Situation klarzukommen.
Wobei das Durcheinander seither nur noch größer geworden. Der Titel Ihrer letzten Sendung am 3. Dezember lautete daher: „Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?“
Wichtiger war uns sogar der Halbsatz davor: „Die neue Weltunordnung“ hatten wir die Sendung überschrieben, und dann: „Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?“. Wobei Navid Kermani, der Schriftsteller und Friedenspreisträger, der zu Gast war, gleich gesagt hat, die Fragestellung sei jetzt nicht so rasend gut gelungen, weil sie das Grunddilemma deutscher Debatten zeige: Wir würden egal, was weltweit passiert, immer alles als deutsche Nabelschau betrachten.
Als ginge es immer nur um uns?
Ja. Ich fand den Titel trotzdem gut. Er passte, um nochmal alle losen Fäden des katastrophalen Jahres zusammenzubinden. Und wenn man dann gleichsam die Großwesire des Reiches zu Gast hat, wie eben Navid Kermani, die Zukunftsforscherin Florence Gaub und den Historiker Raphael Gross, dann kann man das machen.
Ein verblüffend unpolitischer Cast fürs Finale…
Immerhin ergänzt um Vizekanzler Habeck, der sich auf solche Überblicksthemen ja auch einlässt. Mit einer thematisch so breit angelegten Sendung aufzuhören, war natürlich riskant. Aber wir wollten fürs Finale die Latte eher zu hoch als zu niedrig legen.
Und wie würden Sie die Titelfrage nach den Herausforderungen Deutschlands ein paar Wochen nach dem Finale beantworten?
Dass Deutschland diesen Herausforderungen eher nicht gewachsen ist. Nehmen Sie die Landesverteidigung: Wenn Boris Pistorius neuerdings sagt, wir müssten „kriegstüchtig“ werden, müssten Putins Drohungen ernstnehmen und hätten noch fünf bis acht Jahre, uns als Land und NATO-Mitglied auf einen möglichen Angriff vorzubereiten, dann sagt er das, weil Deutschland alles andere als kriegstüchtig ist. Und die Lage dürfte sich weiter verschärfen, wenn die USA ihre Militärhilfe für die Ukraine zurückfahren. Dann kommt es ja nochmal mehr auf uns an. Die Lücke kann Europa aber nicht füllen, geschweige denn Deutschland alleine.
Und da wären wir noch lange nicht beim sehr viel komplizierteren Gaza-Krieg.
Tja, da müssten wir uns eigentlich fragen, was denn die vielbeschworene Staatsräson konkret bedeutet. Was wäre denn, wenn es zum Beispiel einen noch größeren Krieg etwa mit dem Iran gäbe. Enthält sich Deutschland dann nicht mehr bei UN-Resolutionen? Unterstützt es Israel mit Waffen? Und falls ja: womit genau? Wir haben dafür weder Material noch Manpower …
Es ist interessant, dass Sie auf die Frage nach den Herausforderungen Deutschlands zunächst außen- und sicherheitspolitisch antworten, statt innen- und gesellschaftspolitisch, wo es vom Klimawandel über den Fachkräftemangel bis hin zur rechtspopulistischen Gefahr mindestens ebenso große Gefahren gibt.
Das liegt sicherlich daran, dass Außenpolitik das Thema der letzten Sendung war, ist aber dennoch ein guter Hinweis. In Ihrer Auflistung fehlt nur noch der anhaltende Haushaltsstreit. Und bei keinem dieser Konfliktfelder hat man den Eindruck, Regierung oder Opposition handelten visionär oder wie aus einem Guss.
Gehen der Mensch und die Journalistin Anne Will auch damit unterschiedlich um?
Also diese Trennung, die Sie da machen, verstehe ich nicht. Wenn ich privat diskutiere, bin ich sicherlich aufgebrachter. Etwa in Sachen Unterstützung der Ukraine oder auch beim Umgang mit der Klimakrise. Da hatte ich mir von der Bundesregierung mehr versprochen als das, was jetzt auf den Weg gebracht ist. Als Journalistin bin ich da nüchterner und mache halt meinen Job: Recherchieren, analysieren, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger konfrontieren, nachhaken.
Aber kommt jetzt denn der Mensch Anne Will stärker zum Tragen als die Journalistin, zeigen Sie mehr Gefühle, Haltung, Subjektivität?
Nee, die Journalistin wird bei dem, was ich als Nächstes mache, stärker zum Vorschein kommen als bislang in meiner Rolle als Moderatorin der Talkshow. Moderieren ist ja nur eine Spielform unseres Berufs. Da war ich schon auch sehr der Neutralität verpflichtet. Überparteilichkeit braucht es in unserem Beruf eh, das ist ja klar, aber wer eine so genannte „Rundendiskussion“ moderiert, der muss nochmal anders arbeiten. Der oder die darf sich auf keine Seite schlagen, sollte neutral bleiben, muss am besten bei jeder Frage die jeweilige Gegenposition zur Position der Befragten einnehmen, um die Diskussion in Gang zu bringen. Man darf nicht riskieren, plötzlich selbst zur Diskussionsteilnehmerin zu werden. Dann killt man die Debatte und verliert jede Steuerung.
Ihre viel jüngere, aber höchst erfahrene Kollegin Sophie von der Tann hat dazu gesagt, sie möge den Begriff Neutralität nicht und würde ihn gern durch Objektivität ersetzen.
Klug!
Ist es schwierig, neutral oder objektiv zu bleiben, wenn viele ihrer Gesprächspartnerinnen und -partner das genaue Gegenteil davon sind?
Ob schwierig oder nicht: Objektivität ist das Nonplusultra. Darum müssen sich Journalistinnen und Journalisten immer bemühen. In meiner speziellen Rolle passte das Bemühen um Neutralität den Positionen der Gäste gegenüber aber noch besser. Eine Korrespondentin wie Sophie von der Tann hat einen anderen Job. Wer über einen so aufgeladenen Konflikt mit so viel Leid berichtet, der oder die kann nicht neutral, im Sinne von: unbeteiligt berichten. Aber es gilt objektiv zu bleiben, sonst handelt man ganz schnell nicht mehr journalistisch, sondern aktivistisch. Spätestens das wäre der Punkt, an dem man den Beruf an den Nagel hängen müsste.
Und wie ist es als Moderatorin?
Das habe ich ja versucht, zu erklären. Aber mal ehrlich: Ich habe das jetzt mehr als 16 Jahre gemacht, ungefähr dreimal so lang wie jeden meiner Jobs zuvor. Jetzt ist erstmal gut mit Moderatorin einer Talkshow; ich will wieder stärker als Journalistin kenntlich sein. Darauf freue ich mich total.
Wobei man beim Querschauen ihrer Talkshows auch selten das Gefühl hatte, Sie würden allzu subjektiv agieren. Haben Sie in all den Jahren überhaupt mal jemanden richtig à la Lanz gegrillt?
Ich bin nicht sicher, ob „Grillen“ eine Technik ist, die in Journalismus-Seminaren gelehrt wird (lacht), weil dabei gern mal eine gewisse Unfairness mitschwingt. Aber wenn Sie es auf „hartnäckig nachfragen“ bringen, dann habe ich das dauernd gemacht. Man darf und muss Leute nachdrücklich zur Verantwortung ziehen für Dinge, die sie zu verantworten haben. Im Fall von Sahra Wagenknechts Russland-Bild etwa habe ich das zuletzt mehrfach getan. Und kurz, nachdem Alexander Gauland gesagt hatte, niemand wolle Jérôme Boateng als Nachbarn haben…
Während der sogenannten Flüchtlingskrise in einem FAZ-Interview.
…habe ich ihm bei mir in der Sendung den Mitschnitt einer seiner Reden vorgespielt, bei der er was Kritikwürdiges gesagt hatte. Und was behauptet Gauland? „Das hab‘ ich nicht gesagt!“ Da habe ich ihm die Stelle nochmal vorgespielt und immer wieder gefragt, er könne doch jetzt nicht behaupten, es nicht gesagt zu haben, wir hätten es ja nun alle gehört. Irgendwann platzte Heiko Maas, damals Bundesjustizminister, der Kragen, der mit in der Runde saß.
Was hat Sie als Medienkonsumentin da persönlich mehr geprägt: Kragenplatz-Pranger wie Der heiße Stuhl mit Ulrich Meyer oder einfühlsames Abtasten à la Heut‘ Abend mit Blacky Fuchsberger?
Beides hatte seine Daseinsberechtigung, lässt sich aber nicht miteinander vergleichen. Es kommt, wie ich finde, drauf an, was man gerade macht. In den Tagesthemen zum Beispiel habe ich in der Regel hart konfrontativ gefragt. Etwa den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der mir danach kein Interview mehr geben wollte.
Ein Ritterschlag?
(lacht) Eher ein bisschen schade; ich hätte ihn später – jetzt nicht mehr – gern wieder zu Gast gehabt, aber er hatte sich ungerecht von mir behandelt fühlte. Das war es aus meiner Sicht nicht; er hatte halt nur nicht damit gerechnet, dass ich bei einer Schalte nach Washington mit dem ungeschriebenen Gesetz breche, Kanzler bei Auslandsbesuchen nicht innenpolitisch zu befragen.
Worum ging es dabei?
Um die Vertrauensfrage, die er tags zuvor angekündigt hatte. Ich wollte wissen, ob er damit rechnet, damit durchzukommen und hab das mit der zugegeben etwas übertriebenen Behauptung begründet, 80 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger würden das jetzt echt gern von ihm wissen. Ein Teil von denen fand es im Anschluss unbotmäßig, so mit dem Bundeskanzler zu reden, der andere Teil meinte das Gegenteil. Aber das war weder Heißer Stuhl noch Heut‘ Abend, sondern einfach kritischer Journalismus.
Dann zwei andere Referenzgrößen zur Auswahl: Michel Friedman und Reinhold Beckmann, also eher Konfrontation oder Einfühlungsvermögen?
Eher Konfrontation, aber eben auf meine Art. Ich will mich da aber gar nicht mit Kolleginnen und Kollegen vergleichen, die allesamt herausragende Fähigkeiten haben.
Hatten, haben Sie denn so etwas wie Vorbilder?
Hatte ich. Allen voran Juliane Bartel. Als ich Anfang der Neunzigerjahre volontiert habe, war sie Radio-Moderatorin bei SFB2 und neben Giovanni di Lorenzo Gastgeberin bei 3 nach 9. Ihre knallhart fragende Lässigkeit wollte ich mir abgucken. Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Berliner Immobilienhai, der sich irgendwann nur noch bitterlich über ihre Fragen beklagte. Dann hörte man sie lange an der Zigarette ziehen, genüsslich ausatmen und dann sagen: „Ach, Herr Bendzko, mir kommen die Tränen.“ Sensationell!
Aber weder neutral noch objektiv!
Dafür sausouverän von der Palme runter auf den Boden der Tatsachen geholt.
Als Frau einer männerdominierten Zeit zumal, in der Journalistinnen generell in der Minderheit waren und auch eher mit defensiv assoziiert wurden.
Total. Schon deshalb hatte ich mir Juliane Bartel zum Vorbild genommen, bis aufs Rauchen wollte ich genauso werden. Wahnsinnsstimme, tolle Präsenz, in meinem Verständnis als 26-jährige Volontärin eine echte Vorreiterin.
Wobei Sie das auch waren. Sie haben als erste Frau die Sportschau moderiert und den prominentesten Sendeplatz der Talkshow-Landschaft übernommen.
Aber Herr Freitag, haben Sie da jetzt nicht jemanden vergessen?
Herrje – Sabine Christiansen natürlich, die auch Ihre Vorgängerin bei den Tagesthemen war. Trotzdem waren Sie früh prominent in einer Branche vertreten, die seinerzeit noch männlich dominiert war. Was war für die Gleichberechtigung da einschneidender: Ihre Rolle im Sportjournalismus oder der politischen Debattenkultur?
Wenn überhaupt, dann habe ich mit der Sportschau noch was freigekämpft. Denn da sah ich mich tatsächlich noch mal mit spießigsten Zweifeln konfrontiert, ob Frauen sowas überhaupt können. Im Politjournalismus hatte aber zum Beispiel Sabine Christiansen bereits etliche Schlachten geschlagen, die bei den Sportkommentatorinnen ja bis heute andauern.
Claudia Neumann kriegt heute noch bei jedem kommentierten Fußballspiel einen Shitstorm, als lebten wir in den Fünfzigern…
Tja, traurig, aber wahr, der Kampf um Gleichstellung ist eben längst nicht gewonnen, da muss man dranbleiben. Deshalb wollte ich auch immer möglichst viele, auch junge Frauen im Team haben – egal, mit wie vielen Schwangerschaften man dann als Arbeitgeberin umgehen muss. Das sage ich nur, weil das ja immer noch manchen Einstieg verhindert. Und ich sage es auch, weil sich in dem Zusammenhang in den zurückliegenden 16 Jahren tatsächlich was zum Besseren verändert hat.
Zum Beispiel?
Dass mittlerweile dann doch ein paar mehr Männer in Elternzeit gehen, und zwar auch mehr als die üblichen zwei Monate. Und: Manch einer kündigt so einen Plan selbstverständlich ungefragt auch schon beim Vorstellungsgespräch an. Als mir das passierte, war ich wirklich baff und fand es super. Eine meiner Mitarbeiterinnen sagte mal, wahre Gleichstellung hätten wir erst, wenn Arbeitgeber auch bei jungen Männern als erstes damit rechneten, dass sie demnächst sicher in Elternzeit gehen. Recht hat sie. So weit sind wir aber nicht. Da gibt es ja mit der neuen Elternzeitregelung eher wieder eine Form von Backlash. Umso wichtiger ist, auch an der Repräsentation von Frauen zu arbeiten. Wir hatten uns deshalb die Regel gesetzt: mindestens zwei Frauen in der Runde zu haben.
Inklusive oder exklusive Ihrer Person?
Exklusive. Und das klappt auch. Leicht ist es allerdings immer noch nicht. Denn Männer sind in Entscheidungs- und Leitungsfunktionen nun mal weiterhin in der Mehrheit. Nehmen wir die Parteien: Bei FDP und CDU/CSU kommt man da, anders als bei Grünen und SPD, schnell an Grenzen, weibliche Vorsitzende in eine Sendung einladen zu wollen.
Gibt es geschriebene oder ungeschriebene Regeln, wie genau Talkrunden zusammengesetzt sein sollten oder besser nicht, also was das Verhältnis von Männern und Frauen, Wissenschaft und Politik, Biodeutschen und Zugewanderten, Prominenten und Ottonormalverbraucherinnen betrifft?
Nein, das gibt es nicht. Besetzungen von Runden sind rein journalistische Entscheidungen. Es geht darum, unterschiedliche Positionen und Perspektiven vertreten zu sehen. Terminfragen von Wunschgästen können noch eine Rolle spielen. Mindestens zwei Frauen dabei zu haben, war halt unsere Regel. Jemand von der Regierung und der Opposition dabei zu haben, kann nicht schaden, muss aber nicht sein. In der letzten Sendung war nur ein Politiker dabei. Geht auch. Aber eine Pandemie-Ausgabe ohne Virologin oder Virologen? Schwierig! Wichtig ist, was die Person beizutragen hat, weniger wen sie repräsentiert.
Hatten Sie je persönliche Präferenzen, mit wem Sie lieber sprechen?
Am liebsten spreche ich mit eloquent argumentierenden, lebendigen, leidenschaftlichen Menschen. Da ist mir ihre Funktion erstmal herzlich egal. Menschen, die sich reinwerfen in die Thematik, denen ich sowas wie Wahrhaftigkeit abnehme und die am Ende womöglich sogar die Größe haben, sich vom besseren Argument überzeugen zu lassen.
Trifft all dies auf Laien, die verglichen mit früher zusehends häufiger in Talkshows sitzen, eher zu als auf Profis?
Da mache ich keinen Unterschied. Und so neu ist die Entwicklung hin zu Gästen ohne Kamera-Erfahrung auch gar nicht. Wir jedenfalls haben damit schon 2007 begonnen. Wir haben ihnen damals sogar einen eigenen Platz zugewiesen, der dann gleich mal geringschätzig „Betroffenensofa“ genannt wurde.
Puh.
Tja (lacht). Wir sind irgendwann davon abgekommen, in jeder Sendung eine Betroffene zu haben, und haben dann doch wieder mehr auf Multiplikatoren gesetzt. Bürgermeister zum Beispiel, Gewerkschafts- oder Städtetagvertreterinnen, die nicht nur für sich, sondern für viele sprechen können. Aber wir haben in 553 Sendungen und mehr als 1300 Gäste wirklich alle möglichen Gäste bei uns gehabt – vom zu Unrecht wegen Mordes Verurteilten bis hin zur Supermarktverkäuferin, die wegen eines angeblich geklauten Pfandbons über 20 Cent ihren Job verloren hatte.
Wen hätten Sie denn – prominent oder nicht – gern mal in Ihrer Sendung gehabt, aber nie bekommen oder es gar nicht erst versucht?
Lustigerweise habe ich mich in der Tat jahrelang darum bemüht, einmal Navid Kermani in die Sendung zu bekommen, der tatsächlich noch nie in einer Talkshow war. Sein erster Auftritt in meiner letzten – das hat mich riesig gefreut.
Und sonst so?
Na ja, da sagt man dann üblicherweise: der Papst, Joe Biden, Barack Obama. In Wahrheit habe ich aber gar nicht von grandiosen Namen, sondern von bestmöglichen Runden zu richtig guten Themen geträumt.
Könnten Sie sich vorstellen, noch mal in einer anderen Talkshow an anderer Stelle bestmögliche Runden zu richtig guten Themen zusammenzustellen?
Klar, kann ich mir das vorstellen. Ich habe meine Sendung ja gerne moderiert, rasend gerne sogar. Sonst hätte ich es auch nicht so lange gemacht. Aber das ist aktuell nicht das erste auf meiner Liste.
Wovor haben Sie denn diesbezüglich mehr Angst: Unterforderung und Langeweile oder einen Preis fürs Lebenswerk zu kriegen?
Sehr schöne Frage. Für den Lebenswerkpreis bin ich zu jung und gegen Unterforderung und Langeweile werde ich schon was tun. Bei beidem besteht also vorerst kein Grund zur Sorge.
Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist/in erschienen
Charles M. Huber: Der Alte & Passau-Krimi
Posted: February 2, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentVon Micky Maus zu Karl Marx

Charles M. Huber (Foto: Elena Ternovaja) war weg vom Fernsehfenster. Fast 40 Jahre nach seinem Kommissar Johnson beim Alten aber spielt der afrikanische Niederbayer Figur im ARD-Krimi Gier nach Gold aus Passau, die ihm nicht unähnlich ist. Ein Interview über Herkunft, Vorbilder und wie man als Schwarzer Diplomatensohn Unionspolitiker wird.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Huber, Sie machen sich seit vielen Jahren rar am Bildschirm. Warum spielen Sie da ausgerechnet im Passau-Krimi „Gier nach Gold“ den unehelichen Sohn eines GI?
Charles M. Huber: Ich hatte mich eigentlich schon innerlich davon verabschiedet, nochmals für eine TV-Produktion zu drehen. Aber da es in Niederbayern spielt, empfand ich meine Figur, die noch dazu im Dialekt spricht, als ebenso charmant wie interessant.
Auch als Schwarzer im weißen Bayern, dessen Vater ebenfalls früh fort war?
Ich bin zwar Sohn eines Diplomaten aus dem Senegal; das wussten die Leute im niederbayrischen Dorf, wo ich aufwuchs. Mein Vater war also kein GI, der Frau und Kinder aus Deutschland wegen der Segregation gar nicht mit in die USA nehmen konnte. Die Situation war für uns aufgrund der Hautfarbe die gleiche. Aber diese Situation sogenannter Mischlingskinder fiel mir eigentlich erst beim Schreiben meines Buches auf.
Weltbühne Afrika: Zwischen Politik und Schauspiel.
Meine Identität wurzelt in Bayern, sie ist Teil einer geografischen und inneren Herkunft. Die meines Vaters spielt aber ebenfalls eine Rolle. Senegalesen haben einen ähnlich sturen Schädel wie Niederbayern, beide sind in der Regel aber auch höfliche Menschen, was mir in Großstädten wie Berlin manchmal ein bisschen fehlt. Im Alter wird man eben harmoniebedürftiger.
Vermittelnd waren Sie allerdings auch schon 1984 tätig, als Sie in „Der Alte“ die erste Serienhauptrolle eines Schwarzen außerhalb Amerikas gespielt haben.
Damals musste man sich als schwarzes deutsches Kind immer erklären, noch dazu, wenn man Dialekt sprach. Das schärfte früh mein analytisches und politisches Bewusstsein. Man sollte das Thema Hautfarbe aber auch nicht überbewerten. Niederbayern habe ich als Kind als empathisch und herzlich in Erinnerung. Oft merkte ich damals nur beim Blick in den Spiegel, dass an mir etwas anders war.
Wollten Sie davon unabhängig durch Ihren Weg von den Theaterbühnen ins Fernsehen etwas bewegen oder nur spielen?
Damals wurden Schwarze nur als Zuhälter und Drogendealer besetzt. Aber ich komme aus einer intellektuellen Familie, ein Verwandter war der erste Präsident des Senegals und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, mein Vater erhielt von Heinrich Lübke das Verdienstkreuz 1. Klasse – da stimmt das Konzept afrikanischer Klischees im deutschen Film einfach nicht. Ich komme aus der Hippie- und Babyboomer-Generation. Da fing man an die Welt mit etwas anderen, mit etwas offeneren Augen zu sehen.
Wann ging das bei Ihnen los?
Auf dem Gymnasium wechselte ich von Micky Maus zu Karl Marx. Wie damals üblich, widmete man sich früh anspruchsvoller Literatur. Schopenhauer, Erich Fromm, die Stoiker, aber auch Jimi Hendrix, Muhammed Ali oder Malcolm X – das waren für mich Chiropraktiker, die Blockaden eines verengten Blicks auf die Welt und sich selbst gelöst hatten.
Umso seltsamer, dass ihr Weg 2003 zur CSU führte.
Die CSU ist eine wirtschaftsaffine Partei. Nach mehreren Aufenthalten in Afrika – unter anderem als Berater des Tourismusministers in Äthiopien – fühlte ich mich als jemand, der schon vor meiner Zeit im Bundestag die wirtschaftlichen Beziehungen zu Afrika verbessern wollte, bei so einer Partei besser aufgehoben. Wer das seltsam findet, sucht den geraden Weg.
Zwischen gerade und umgekehrt besteht allerdings schon noch ein Unterschied…
Obwohl ich eher sozialliberal war, missfiel mir schon damals der mangelnde Pragmatismus der Entwicklungshilfe, die nicht auf Effizienz ausgerichtet war und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Drittstaaten eigentlich gar nicht gefördert hatte. Im Gegenteil: Resultat ist nun, das die Menschen ihr Land verlassen und Arbeit im Ausland suchen. Auch in Europa. Mein Ansatz war und ist daher, ein verstärkter Wirtschaftsdialog mit Afrika.
Deshalb sind Sie ja seinerzeit unter anderem auch in die Politik gegangen. War Ihre Popularität als Schauspieler bei diesem Quereinstieg eher hilfreich oder hinderlich?
Schauspieler werden häufig unterschätzt. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan waren auch Schauspieler und als Politiker erfolgreich. Ein Onkel war Botschafter im Vatikan, eine Tante Ministerin, ebenso ihr Ehemann. Mit dem Hintergrund meiner Vorerfahrung in Bezug auf meine Aktivitäten im Senegal und Äthiopien, sowie dem familiären Fundus an Erfahrungen kam ich eigentlich relativ komplett in den Bundestag.
Wie schätzen Sie Ihren Einfluss aufs Fernsehen denn ein – hat er dabei geholfen, Menschen anderer Ursprünge akzeptabler, gewöhnlicher zu machen?
Jein. In Bezug auf mich ja, in Bezug auf weniger populäre Kollegen weniger. Und insgesamt muss man sagen, dass die Akzeptanz in den Medien nicht analog zur Akzeptanz in der Gesellschaft verläuft. In der Werbung zum Beispiel gibt es ungleich mehr schwarze Menschen als in Führungspositionen. Das wird von vielen kritisiert, aber ich empfinde es als gerechtfertigt, da man die Existenz der schwarzen Deutschen über Jahrzehnte fast verschwiegen hatte. Wir waren eine Minorität ohne Stimme in der Politik und in der Gesellschaft.
Umso erstaunlicher war Ihr Kriminalkommissar bei Der Alte.
Schwarze gäbe es bei der Kripo nicht, hieß es. Ich habe jedoch gleich zu Beginn meiner Zeit beim „Alten“ einen kennengelernt. Raimund Eichner, von der Kripo München. Die 800.000 schwarzen Deutsche mussten erst von einer US-Organisation gezählt werden. Wenn es dich nicht gibt, wirst du auch nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden.
Haben Sie sich – ob in Politik oder Fernsehen – je als Alibi-PoC zur Bestätigung der eigenen Aufgeschlossenheit empfunden?
Weil ich dafür bekanntlich ungeeignet bin, erübrigt sich Ihre Frage. Niederbayrische Schädel kann man nicht einfach in jede Richtung biegen. Ebenso wenig ich diese Herkunft verleugne, würde ich es mit meiner afrikanischen tun. Außerdem kann man 1984 nicht mit heute vergleichen, obwohl das gesellschaftspolitische Klima sich seit der sogenannten Flüchtlingswelle verschlechtert hat und junge Menschen mit einem anderen kulturellen Erbteil schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Dialekt ist nochmals ein besonderes Indiz für kulturelle Verwurzelung.
Warum? Einen Dialekt spricht man nicht nur, man lebt ihn irgendwie auch. Eine Rolle in einem Film wie Gier nach Gold hilft vielleicht, den Menschen klarzumachen, dass Menschen anderer Hautfarbe, ob sie TV sind oder nicht, sich auch selbst als Teil der Kultur verstehen. Viele von ihnen kennen auch keine andere. Nun bin ich nur noch gespannt, ob Ihr mich da oben im Norden ohne Untertitel versteht (lacht).
Heinz W. Hübner: Holocaust & Helmut Oeller
Posted: January 18, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDas war ein Psychoschock

Heinz Werner Hübner (1921-2005) ist WDR-Programmdirektor, als er 1979 Fernsehgeschichte schreibt, die US-Serie Holocaust ins Erste holt und Unionskreise gegen sich und seinen Sender aufbringt. Zum Ausschwitz-Gedenktag am 27. Januar dokumentiert freitagsmedien ein Interview mit Hübner, dass er 25 Jahre nach der Erstausstrahlung gab – und in Zeiten einer rechtsextremen Bundestagspartei neue Aktualität erhält.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Hübner, Hand aufs Herz – kannten Sie im Sommer 1978 bereits das Wort Holocaust?
Heinz Werner Hübner: Nein, der Begriff ist in Deutschland erst durch die Serie aufgetaucht. Vorher war er nur einer Minderheit bekannt, zu der ich damals offenbar noch nicht gehörte.
Nach der Ausstrahlung von Marvin J. Chomskys epochaler Serie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss im darauffolgenden Januar kannte ihn dann das ganze Land und hat darüber ausgiebig diskutiert. War Ihnen im Vorfeld bewusst, welche Macht das Fernsehen hat?
Dass es Einfluss auf die Meinungsbildung hatte, war klar. Aber nicht im Zusammenhang mit dem Holocaust.
Bundeskanzler Helmut Schmidt hat seinerzeit sogar eine Finanzdebatte im Bundestag unterbrochen.
Also damit war überhaupt nicht zu rechnen. Die Vorgeschichte ist ja so, dass die Serie schon in etlichen europäischen Ländern gelaufen ist. Es gab eine Diskussion, ob sie hier gesendet werden soll. Ich sagte, wenn wir es kaufen, haben wir eine große Diskussion, und wenn nicht, auch. Ein Rückzug war gar nicht mehr drin.
War das auch eine erzieherische Maßnahme?
Überhaupt nicht. Die Sender hatten Dutzende von Büchern und Schicksalen verfilmt. Dass das Thema zwischen 1950 und 1979 keine Rolle in den Medien gespielt hat, ist einfach falsch. Es gibt eine Parallele: als hätte es vor Günter Grass und der Gustloff keine Vertriebenendebatte gegeben. Das ist eine Wellenbewegung: Alle 25 Jahre entdecken die Menschen ein Thema und tun so, als sei es vorher nie erörtert worden.
Dennoch: Holocaust bewegte die Menschen mehr als alles zu diesem Thema zuvor. Wieso ausgerechnet dieser amerikanische Typ Spielfilm?
Das war vielleicht doch ein Psychoschock. Er hat angerührt und vor allem den Jüngeren klar gemacht, was wirklich passiert ist. Die ältere Generation, das ist kein Geheimnis, hat mit ihren Kindern nicht darüber gesprochen.
Erinnern Sie sich noch an die Debatte der Rundfunkanstalten?
Natürlich. Auf einer Tagung in Bremen ging es für die Programmdirektoren der neun Sender um den Sendeplatz, und Fernsehspielzeit war Mittwochabend. Dafür hatte ich eine Mehrheit von 5:4.
Dagegen war vor allem BR-Programmchef Helmut Oeller,
Genau. Und ich wollte niemanden vergewaltigen. Da kam mir der Einfall: wir senden es in den Dritten, aber innerhalb einer Woche. Mit Ausnahme Oellers waren alle dafür. Es gab danach eine Menge Kritik, die heftigste von der Welt, die am Tag vor der Ausstrahlung forderte, dass ich dieses Machwerk aus meiner Tasche bezahlen müsste. Oder so absurde, in England habe jemand einen Herzinfarkt bekommen, man könne das also den Menschen nicht zumuten.
War der Sendeplatz der kleinste gemeinsame Nenner, damit der BR nicht, wie von Oeller angedroht, aus dem Sendeverbund aussteigt?
Na ja, das hatte er schon oft getan. Also acht zu eins – da hätte der BR schon aussteigen können.
Wovor hatte er solche Angst?
Konservatives Unbehagen, möchte ich es mal nennen. Weil sie nicht genau wussten, wie es ankommt. Deutschland wurde total verunglimpft, einer dieser Anti-Nazi-Filme, wo Deutsche immer Unholde mit Hakenkreuz sind.
Dabei wurde den Zuschauern eine erschütternde, aber historisch holprige Familiensaga geboten, mit Hollywood-Pathos, relativ netten Nazis und wohlgenährten KZ-Häftlingen.
Ein filmisches Meisterwerk ist Holocaust sicher nicht.
Aber das Maximum des Zumutbaren.
Das halte ich für überspitzt. Die Mehrheit des Publikums wollte wie heute einfach nur unterhalten werden.
Ephraim Kishon hat damals gesagt, wer an Holocaust Kritik übe, sei verdächtig, weil er „den Antisemitismus wachruft“.
Auch das halte ich für überspitzt.
Also waren nicht alle Kritiker verkappte Antisemiten?
Das muss man die einzelnen Kritiker fragen. Der Erfolg jedenfalls war die Resonanz, zumal die dritten Programme nur minimal wahr genommen wurden. Hinterher gab es ja die Diskussionssendung mit einem Zuschaueranteil von bis zu 30 Prozent.
In den Anrufen und in Zuschriften fielen Begriffe wie Rotfunk, Volksmord oder Brunnenvergiftung.
Es gab zwar Beschimpfungen und Morddrohungen, aber das war der Bodensatz von fünf bis vielleicht sieben Prozent. Die Mehrzahl sagte, sie hätte zum ersten Mal begriffen, was damals überhaupt geschehen ist. Viel kam auch von Betroffenen, von Nachkommen, auch früherer SS-Angehöriger. Der kleine Rest waren Altnazis.
Bald nach Holocaust gründete das ZDF seine Redaktion für Zeitgeschichte unter Guido Knopp. Was halten Sie von seiner Form des Historytainments maximaler Emotionalisierung des Themas und Delegierung der deutschen Schuld auf Führungscliquen, die in spätestens Ende der Neunzigerjahre State of the Art des deutschen Fernsehens wurde?
Über Knopp will ich mich nicht auslassen. Diese Geschichtsklitterung mit der Masche, einzelne Schnipsel aneinander zu reihen, finde ich nicht gut und guck ich mir das nicht an.
Das Prinzip Knopp arbeitet eher ausgleichend auf und versieht deutsche Verbrechen gern mit Verweisen auf die der Gegner. Wären die Wogen 1979 so glatter geblieben?
Das glaube ich nicht. Und wir haben ja auch deutsche Geschichten gezeigt. Aber als der WDR plante, Dokumentationen über deutsche Städte im Bombenkrieg zu machen, haben wir das aufgegeben. Wissen Sie: die haben ja alle dasselbe erlebt und sagen alle dasselbe. Aus unserer Sicht brachte das nichts.
Gäbe es heute noch ein Format, mit der man Aufsehen erregen könnte wie 1979 mit Holocaust?
Kaum. Sie würden nie diese Zuschauerzahlen erreichen. Fernsehen war damals ein Erlebnis. Heute erreichen Sie mit Dokumentationen nicht mehr viele. Das ist das Wesen der Spaßgesellschaft. Sie fesseln damit nicht mehr die Nation.
Schauen Sie etwas wehmütig auf die Spielräume von damals?
Nein. Dafür sind die Möglichkeiten von heute, Fernsehen zu machen, so viel größer. Die Welt entwickelt sich, also was soll’s.
Sophie von der Tann: Israel, Hamas & die ARD
Posted: January 4, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch will da lebendig rauskommen

Seit dem 7. Oktober, als die Hamas Israel überfiel, ist Sophie von der Tann (Foto: Dominik Butzmann) das ARD-Gesicht im Kriegsgebiet schlechthin – auch, weil sie auf empathische Art sachlich von dort berichtet, wo ihr Herz bereits als Schülerin hing. Ein – vorab im journalist erschienenes – Interview mit der 31-jährigen Nahost-Korrespondentin über die Arbeit einer so jungen Journalistin unter Extrembedingungen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau von der Tann, so von Zivildienstleistendem zu Zivilistin – wie fühlt es sich bei der Arbeit mit Helm und Schutzweste in Tarnfarben an?
Sophie von der Tann: Darüber mache ich mir in dem Moment, wo ich das trage, eigentlich kaum Gedanken, weil es einfach das ist, was ich eben tragen muss in Situationen wie aktuell in Israel und den palästinensischen Gebieten. Wenn das Sicherheitskonzept vorsieht, das anzuziehen, ziehe ich es an.
Und mit welchem Gefühl also?
In so einer exponierten Lage fühlt es sich vor allem geschützter an als ohne. Die Ausstattung ist ganz schön schwer, und ich glaube, dass die Sicherheitsfirmen noch viel zu tun haben, damit sie am Ende auch Frauen gut passt (lacht). Aber an Orten wie diesen ist es jetzt nun mal Teil unseres Alltags.
Hat sich das Sicherheitsbedürfnis an einem konfliktträchtigen Einsatzort wie Israel seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober spürbar verschärft oder war es auch vorher schon groß?
Wenn man als Korrespondentin nach Israel und in die palästinensischen Gebiete geht, muss man sich darüber klar werden, dass es zur Eskalation kommen kann, die potenziell gefährlich wird. Ich jedenfalls war mir dessen sehr bewusst. Wir versuchen natürlich, alles zu tun, nicht in solche Situationen zu kommen und arbeiten auch mit erfahrenen Leuten zusammen. Außerdem habe ich ein Krisentraining absolviert. Aber dass es zu diesem Zeitpunkt in dieser Dimension eskaliert – damit hat, glaube ich, niemand gerechnet.
Sie eingeschlossen?
Mich eingeschlossen. Mir war immer klar, dass hier ein gewisses Risiko für Eskalationen besteht, aber wirklich unsicher gefühlt habe ich mich deshalb eigentlich selten – auch wenn latent immer eine gewisse Spannung herrscht, manche Orte gefährlicher sind als andere und entsprechend andere Sicherheitsvorkehrungen erfordern. Wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen wäre, hätte man auch schon vorher in Terrorangriffe geraten können. Aber für mich war die Gefahrenlage in Tel Aviv definitiv eine andere als für Kollegen im Westjordanland oder Gaza-Streifen.
Wenngleich Sie dort vermutlich häufiger im Einsatz waren.
Natürlich, mehrfach. An beiden Orten war ich in den zwei Jahren hier schon mehrfach. In unserem Berichtsgebiet Israel und den Palästinensergebieten sind wir fast überall unterwegs.
Legt man sich da automatisch eine Art virtuellen Panzer der Abgebrühtheit an, der über den materiellen hinausgeht, den Sie gerade häufig in der Tagesschau tragen?
Ich hoffe nicht, weil er mich daran hindern würde, mich auf die Geschichten dort einzulassen, den Menschen wirklich zuzuhören und zu sehen, was wirklich los ist, anstatt es teilnahmslos an sich vorbeiziehen zu lassen.
Gilt das für Sie oder alle Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten vor Ort?
Ich erinnere mich an eine Situation im Mai, als ich während einer Eskalation eine Woche lang zusammen mit einem Kollegen im Gaza-Streifen festsaß. Als wir dann mitten in der Nacht mit UN-Fahrzeugen evakuiert wurden, war es ein merkwürdiges Gefühl, an Bewohnern vorbeizufahren, die vor Beschuss oder Luftangriffen nicht wie wir evakuiert werden. Andere im Fahrzeug haben sich dagegen so ein bisschen locker über Anekdoten von ihrer Evakuierung aus Kabul unterhalten, als wäre das normal. Da dachte ich: Hoffentlich werden wir nie so abgebrüht, hoffentlich sehen wir immer, was da vor sich geht. Man gewöhnt sich an einiges, aber mir ist wichtig, noch alles wirklich wahrzunehmen – auch, wenn das manchmal wehtut.
Zumal der 7. Oktober gezeigt hat, dass man gar nicht abgebrüht genug sein kann, um von der Weltgeschichte nicht doch überrollt zu werden.
Genau.
Was hat dieser Tag mit Ihnen als Journalistin, aber auch als Mensch gemacht?
Es hat mich wie alle anderen vollkommen entsetzt. Wie sehr, das kann ich im Nachhinein gut an Chatverläufen nachverfolgen. Ich habe mir meinen bei WhatsApp – interessanterweise mit jenem Kollegen, mit dem ich im Mai im Gaza-Streifen festsaß – gestern zufällig noch mal angesehen. An Morgen des 7. Oktobers habe ich zum ersten Mal überhaupt Raketenalarm in Tel Aviv gehört. Bei den vorigen Malen war ich zufällig nie im Land. Wir waren beide total fassungslos über die Videos, die Hamas-Terroristen in israelischen Ortschaften zeigten. „Das hat eine andere Dimension“, habe ich ihm früh am Morgen geschrieben, das war uns schnell klar.
Damals noch reine Intuition?
Nicht nur. Wenn man wie ich schon mehrfach die Grenze überquert hat und sehen konnte, wie hoch diese Mauern sind und wie stark bewacht sämtliche Sicherheitsanlagen, war es umso unvorstellbarer, dass Terrorkommandos da einfach durchkommen. Das war ein echter Schock.
Schalten Sie als Journalistin dann in eine Art Notfallmodus und lassen persönliche Befindlichkeiten nicht an sich heran, um beruflich funktionieren zu können?
Das ist in dem Moment schon deshalb wichtig, weil ich von da an fünf Tage am Stück eigentlich durchgearbeitet habe. Und da mein TV-Kollege nach einer langen Dokumentation gerade in Deutschland war und nicht einfliegen konnte, weil alle Flüge gecancelt wurden, waren wir im TV-Studio ein kleines Team. Er hat von München aus versucht, alles Mögliche beizusteuern, was für die Berichterstattung nötig ist. Aber vom Morgenmagazin um 7 Uhr bis zu den Tagesthemen israelischer Ortszeit nach Mitternacht war ich konstant on air und musste zwischendurch auch noch die Termine draußen koordinieren. Wenn man da nicht im Funktionsmodus bleibt, ist das unmöglich.
Geht das so weit, seine Körperfunktionen wie im Schlaf herunterzuregeln und weniger Schlaf- oder Essbedarf zu haben?
Nein, Hunger hatte ich zum Glück schon verspürt und konnte ihn bei Gelegenheit auch stillen (lacht). Und Zeit, um zwischendurch mal mit jemandem auch persönlich zu telefonieren, blieb ebenfalls. Ich hatte sogar ein kleines Ritual, nach der 20-Uhr-Tagesschau auf dem Rückweg nach Tel Aviv kurz meine Eltern anzurufen und auf den neuesten Stand zu bringen – womit ich gewissermaßen sogar die nächste Schalte üben konnte. Ich bin kein Roboter, aber es war faszinierend, zu sehen, was Körper und Geist mit ausreichend Adrenalin in Extremsituationen wie dieser zu leisten in der Lage sind, dass vier, fünf Nächte in Folge mit vier, fünf Stunden Schlaf machbar sind, wenn’s drauf ankommt. Aber auch das geht natürlich nur…
… Mit Teamwork.
Und unser Team hat nicht nur viel Erfahrung, sondern wenn’s drauf ankommt dieselbe Einsatzbereitschaft, von sieben Uhr früh bis ein Uhr nachts zu arbeiten. Alle. Die Kameraleute natürlich, die Producer mit den nötigen Kontakten, den Sprachkenntnissen, dem Überblick, die Techniker. Und wir arbeiten auch eng mit unseren Radiokollegen zusammen, mit denen wir einen sehr konstruktiven Austausch haben, um Situationen besser einschätzen zu können. Für all dies bin ich sehr dankbar, denn andernfalls ist Fernsehen dieser Art nicht möglich.
Entscheidet dieses Team am Ende auch gemeinsam, was von Ihnen am Bildschirm zu sehen und hören ist?
Nein, was ich in einer Live-Schalte sage, sage ich. Das ist mir auch wichtig – obwohl ich natürlich ständig auf der Suche nach Input vom Team in Tel Aviv oder Ortskräften im Westjordanland und Gaza bin, die unter ganz anderen Bedingungen als wir arbeiten, zurzeit aber oft schlecht erreichbar sind. Ich finde es unerlässlich, anderen zuzuhören. Aber über das, was ich sage, entscheide ich allein. Wenn es um TV-Beiträge geht, entscheiden die Redaktionen letztlich, welche Geschichten gesendet werden, und zum Teil auch, wie sie aufgebaut werden. Da wir aber die Gesichter auf den Bildschirmen sind, wird Resonanz auf die gesamte Berichterstattung oft auf uns projiziert. Auch wenn wir nicht alle Entscheidungsprozesse in der Hand haben.
Angesichts von Krieg und Terror im Zeitalter digitaler Kommunikationsnetzwerke ist dabei wichtiger denn je, welche Bilder verbreitet werden und welche nicht. Wer kuratiert abgesehen von ihren Wortbeiträgen letztlich, was zu sehen ist?
Das geschieht immer in enger Absprache mit den Redaktionen, um gemeinsam – auch mithilfe technischer Tools wie visual fact tracking – zu entscheiden, was aus unterschiedlichen Gründen gesendet wird oder eben nicht. Zum Beispiel wenn etwas zu viel Gewalt zeigt, zu propagandistisch ist, nicht authentisch oder nachverfolgbar ist. In jedem Fall müssen wir die Quellen angeben, wenn Videomaterial nicht selbst gedreht wurde oder von Nachrichtenagenturen kommt, sondern aus Social Media stammt oder zum Beispiel vom israelischen Militär veröffentlicht wird. Bilder von Menschen in einer entwürdigenden Situation, etwa aufgrund von Misshandlungen oder während Verhören, verpixeln wir.
Dient all dies auch dem journalistischen Neutralitätsgebot insbesondere als Teil einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktion die trotz der vielzitierten Sicherheit Israels als deutscher Staatsräson keine Partei für eine der Konfliktseiten ergreifen darf?
Ich finde Neutralität einen schwierigen Begriff und würde ihn lieber durch Objektivität ersetzen. Das bedeutet, dass wir uns mehrere Positionen anschauen, Quellen prüfen und alles einordnen, ohne zu bewerten. Unser Job besteht darin, aus unterschiedlichen Blickwinkeln gut informiert bestmöglich zu berichten, was vor Ort passiert. Das ist für mich Objektivität, die gerade in einer solchen Situation wie in Israel und den palästinensischen Gebieten ungeheuer wichtig ist. Eine der großen Herausforderungen ist, dass wir uns aktuell kein eigenes Bild von der Lage machen können.
Weil der Gaza-Streifen gesperrt ist.
Und unser lokales Team, das dort unter großen Gefahren arbeitet, kann auch nicht überall hin. Außerdem können wir sie, wenn das Netz zusammenbricht, oft länger nicht erreichen.
Was fühlt sich in dieser Situation gerade lauter an: der physische Gefechtslärm gegenseitiger Angriffe oder der virtuelle Gefechtslärm in den sozialen Netzwerken?
Dieser Krieg wird auf unterschiedlichen Schlachtfeldern ausgetragen. On the ground, also im Gaza-Streifen, entlang mehrerer Grenzgebiete, aber auch im israelischen Kernland, wohin Raketen abgefeuert und abgefangen werden. Parallel zur militärischen Auseinandersetzung gibt es aber auch diejenige auf Social Media oder in verschiedenen Ländern in der Welt, wo sie auch wieder – teilweise gewalttätig – vor Ort ausgetragen werden. Da wiederum gibt es Konfliktschauplätze, die zwischen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit kreisen. Es ist digital und real alles sehr aufgeheizt. Ich persönlich versuche, mich auf den physischen Konflikt vor Ort zu fokussieren.
Haben die Debatten in den Netzwerken und Messenger-Diensten darauf dennoch Einfluss oder blenden sie die völlig aus?
(überlegt lange) Unser Ziel ist es natürlich, darüber zu berichten, was vor Ort passiert. Ebenso klar ist aber, dass man Social Media sehr genau beobachtet. Ich agiere ja nicht in einer Blase, wo ich einfach mein Handy ausmache und dann nicht mehr nach rechts oder links gucke. Digitale Informationen auf Wahrheitsgehalt und Relevanz zu überprüfen, ist allerdings eine enorme Herausforderung. Es ist auch nicht so, dass ich dort etwas lese und dann denke, ich müsste an meiner Berichterstattung etwas grundlegend ändern, weil die Debatte im Netz eine völlig andere Richtung einschlägt.
Wo sich die Kolleg*innen vom heute journal gerade mit Vorwürfen auseinandergesetzt haben, sie würden einseitig vom Krieg berichten – gibt es so was wie Stimmungen, wenn nicht gar Direktiven aus der Heimatredaktion, die zumindest mittelbar Vorgaben machen?
Nein. Wir sind vor Ort. Wir schlagen die Themen vor, die wir wichtig finden. Wir berichten davon, was wir vor Ort mitkriegen.
Trotzdem könnte es doch gerade in diesem Fall so sein, dass ARD-aktuell oder der Bayrische Rundfunk als Basis aller Auslandskorrespondent*innen eine antisemitische oder antiislamische Stimmung in Deutschland feststellt und möchte, dass die Berichterstattung dem entgegenwirkt oder die Balance herstellt.
Natürlich diskutieren wir auch mit den zuständigen Redaktionen darüber, was in welchem Zusammenhang berichtenswert wäre oder nicht. Aber mir persönlich hat von dort noch nie jemand reinredigiert oder eine Meinung vorgegeben.
Sie befinden sich als junge Journalistin gerade in einem Konflikt, auf dem die eine Seite ein extrem misogynes Frauenbild vertritt, die andere hingegen ein vergleichsweise modernes. Welchen Einfluss hat das auf Sie, Ihr Selbstvertrauen, die Arbeit?
Da so ein Schwarzweiß Szenario zwischen verschiedenen Gesellschaften und Kulturen aufzumachen, finde ich nicht richtig. Das wird der Situation vor Ort nicht gerecht. Und Einfluss – sollte es denn Einfluss auf mich haben?
Die Frage ist nicht, ob es das sollte, sondern hat?
Also für mich macht es wirklich keinen Unterschied, von dort als Frau oder Mann zu berichten. Dass sich viele so für den Umstand interessieren, wenn jung und weiblich aus Krisengebieten berichten, wirft bei mir die Frage auf, warum es in der deutschen Medienlandschaft immer noch als Ausnahme wahrgenommen wird, also der Rede wert zu sein scheint. Wenn ich mich gerade unter internationalen Kolleginnen und Kollegen, besonders den britischen oder amerikanischen Korrespondenten in Israel und den palästinensischen Gebieten so umschaue, liege ich altersmäßig eher im Schnitt.
Mit 32 Jahren?
Nur mal als Beispiel: der Büroleiter der New York Times Patrick Kingsley ist 34 Jahre alt. In Deutschland scheint das allerdings noch immer als zu jung angesehen zu werden. Zum anderen gibt es auch viele Frauen vor Ort. Bei CNN Hadas Gold, beim niederländischen Rundfunk NOS Nasrah Habiballah oder um mal ein deutsches Beispiel zu nennen: Katharina Willinger, Leiterin des ARD-Büros in Istanbul. Wenn Sie trotzdem Fragen nach meiner Position hier als vermeintlich junge Frau stellen, wirft das für mich solche danach auf, wo wir in der deutschen Medienlandschaft eigentlich stehen in Sachen Diversity.
Wenn man Ihnen jetzt folgt, befinden wir uns jedenfalls schon in einer Zaubertraumwelt vollendeter Gleichberechtigung, in der es allenfalls ein Wahrnehmungsproblem, aber kein Darstellungsproblem gibt.
Ich kann nur sagen, dass wir uns, als wir am 7. Oktober die Schutzwesten angezogen haben und losgefahren sind, überhaupt keine Gedanken über solche Sachen gemacht haben, weil es in unserem Team einfach keine Rolle spielt. Bei uns vor Ort wirklich nicht. Und da mir auch meine Vorgesetzten nie dieses Gefühl geben, dass ich als Frau da eine andere Rolle hätte, ist das keine Zaubertraumwelt, sondern zumindest für mich hier die Realität. Einer Rakete ist es schließlich auch egal, ob sie eine Frau oder einen Mann trifft. Muss man erst ein fünfzigjähriger Mann sein, um in meinem Beruf nicht aufzufallen?
Das war halt mehr als 70 Jahre der Fall, und wenn Sie heute bei ProQuote oder der MaLisa-Stiftung nachfragen, werden Sie vermutlich hören, dass diese Zeiten keineswegs vorüber sind. Deshalb existiert das Bild maskuliner Haudegen, die sich in jedes Krisengetümmel werfen, ja fort…
Klar laufen hier auch noch solche Haudegen rum, die gibt’s immer. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass es mittlerweile besonders bei den englischsprachigen Medien viele junge und weibliche Kolleginnen und Kollegen gibt.
Es gab also, als sie vor zwei Jahren mit knapp 30 nach Israel gegangen sind, keine Platzhirsche und Danger Seeker, die seit 30 Jahren aus aller Welt berichten, ihren Standesdünkel pflegen und bezweifeln, dass die junge Deutsche das packt?
In unserem Team, ganz ehrlich, gibt’s das nicht. Klar, trifft man hier und da so richtige Veteranen. Vielleicht habe ich mich dann auch intuitiv eher an die gehalten, die ihren Erfahrungsschatz mit mir teilen, und die gemieden, die einen bevormunden wollen.
Zumal Sie eher Ihren Erfahrungsschatz mit anderen teilen könnten. Wer Ihren Werdegang betrachtet, sieht eine akademisch hervorragend ausgebildete Nahost-Expertin, die sich seit vielen Jahren mit Israel befasst und neben Französisch und Englisch auch Hebräisch und Arabisch spricht. War der Weg zur Israel-Korrespondentin da vorgegeben?
Es war auf jeden Fall eine gezielte Entscheidung. Schon während meines Volontariats durfte ich einen Monat beim Studio in Israel verbringen. Später war ich mal zur Vertretung da, habe fürs Radio und für die News-WG auf Instagram von hier berichtet, kenne also auch verschiedene Verbreitungsmöglichkeiten und bin ohnehin beim BR crossmedial ausgebildet worden. Ich fand die Region schon immer spannend. Dass es hier mal so spannungsgeladen werden würde, hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht erwartet.
Wäre trotzdem ein anderer Einsatzort als Israel vorstellbar gewesen?
Ich hätte mir auch andere Orte vorstellen können, mein Studium habe ich komplett in England und den USA verbracht. Und ich hatte dank meiner Kontakte und Beziehungen auch die Idee, dort zu bleiben und arbeiten. Dass ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, lag auch am Brexit. Und ich wollte den Bezug zu meiner Heimat nicht vollständig verlieren. Der Wunsch, wieder ins Ausland zu gehen, war allerdings immer da. Deswegen ist für mich hier zu sein nicht nur eine Chance, sondern ein Traum.
Gehört denn, wo Sie gerade angesprochen haben, wie unerwartet spannend es in Israel nun geworden ist, eine gewisse Risikobereitschaft, wenn nicht sogar Risikoleidenschaft dazu, in Krisenregionen wie diese zu gehen?
Was ich suche, ist gute Berichterstattung und für diese Berichterstattung muss man eben auch vor Ort sein. Dabei geht es allerdings überhaupt nicht darum, sich zu gefährden, sondern im Gegenteil: Risiken sorgsam abzuwägen, durch gute Vorbereitung zu minimieren und im Fall, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist, zu gehen und nicht um den Preis guter Bilder unbedingt dort zu stehen, wo es knallt. Denn das hat für mich nichts mit gutem Journalismus zu tun.
Sicherheit geht also immer vor Information?
Mein Ziel ist definitiv: Ich will da lebendig rauskommen! Das wollen wir alle für uns und unsere Mitarbeiter. Das ist ein ständiger Abwägungsprozess mit dem Berichtsinteresse. Deshalb darf ich mich in diesem Konflikt aber auch nicht nur aufs Studiodach in Tel Aviv stellen, sondern muss dahin, wo sich der Konflikt abspielt, im Zweifel also auch zum Gaza-Streifen, wo ich mit eigenen Augen sehen kann, wie israelische Panzerverbände auffahren, aus der Luft angegriffen wird, Raketen aus dem Gaza-Streifen fliegen. Und ich will natürlich mit den Menschen sprechen, die vor Ort sind.
Kommen dabei subjektive Abwägungsprozesse mit eigenen Ängsten hinzu oder sind die generell keine Entscheidungshilfen?
Genau dafür ist es ja so wichtig, mit Profis und Locals zu arbeiten wie unserem palästinensischen Kameramann, der sehr erfahren ist und viel gesehen hat. Wenn er sagt, das wird hier gleich unangenehm, wir gehen jetzt, dann vertraue ich ihm und wir gehen. Wenn er sagt, hier ist es ok, dann vertraue ich ihm ebenso und wir bleiben. Ich bin zwar am Ende diejenige, die das Wirrwarr an Informationen für das deutsche Publikum bestmöglich aufbereitet, kann und muss mich als Profi dieses Bereiches aber auf Profis anderer Bereiche verlassen, die einfach mehr Ahnung von Krisensituationen haben als ich. Das nimmt mir definitiv die Ängste.
Und falls die doch mal überhandnehmen, gibt es dann Kriseninterventionen – psychologische Hilfsangebote seitens der Sender, kollegiale Stuhlkreise oder wie Hollywood gern vermittelt, Gesprächstherapien an der Hotelbar?
Es gibt in der Tat Angebote vom Bayerischen Rundfunk, auf die wir auch aktiv hingewiesen wurden. Ich finde, dass Möglichkeiten zur psychologischen Betreuung oder Supervision im modernen Medienbetrieb dazugehören. Gespräche unter Kollegen sind ebenso wichtig. Man sollte seine Zweifel, Gedanken, Ängste und Sorgen in diesem Beruf unbedingt teilen können und vor allem: das nicht als Schwäche, sondern Stärke betrachten. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir das im Team praktizieren, weil es uns als Gesamtgefüge stärker macht. Statt als Einzelkämpfer aus Teflon durch solche Krisensituationen durchzumarschieren, sprechen wir miteinander und suchen gemeinsam nach Lösungen – sei es bei einer Zigarette und einem Bier.
Das Sie also durchaus mal trinken?
Ja, klar.
Und haben Sie die psychologische Hilfe des BR auch schon mal in Anspruch genommen.
Tut mir leid, aber die Frage zielt in einen sehr persönlichen Bereich. Ich habe es tatsächlich bislang nicht in Anspruch genommen. Wenn Sie sie aber jemandem stellen würden, bei dem das der Fall war, käme er in die Verlegenheit einer womöglich unangenehmen Antwort.
Dann bitte ich für die Frage um Entschuldigung und stelle eine, die vielleicht noch unangemessener ist, weil sie zynisch klingt: Sind Ausnahmesituationen wie die aktuelle in Israel und den Palästinensergebieten das Salz in der Suppe alltäglicher Berichterstattungen, so etwas wie die Quintessenz einer konfliktgeladenen Zeit?
Die traurige Wahrheit ist, dass die Nachrichten von schlechten Nachrichten dominiert werden und wir besonders dann gefragt sind, wenn schlimme Dinge passieren. Beruflich gesehen sind solche Momente also besonders herausfordernd und lassen uns irgendwie wachsen. Gleichzeitig ist das ein, wie soll ich es sagen: bittersüßes Gefühl, besonders dann viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. In den zwei Jahren seit meiner Ankunft im Sommer 2021 gab es Zeiten, in denen das Interesse an unserer Arbeit eher gering war.
Weil es im Schatten des Ukraine-Krieges stand?
Das hat natürlich stark die Berichterstattung dominiert und dann ist für „noch einen Konflikt“ erstmal weniger Platz. Mittlerweile ist es umgekehrt und ich frage mich manchmal – was ist denn jetzt eigentlich mit der Ukraine?
Plus zwei Dutzend weiterer Krisen inklusive Klimawandel.
Der Fokus bewegt sich immer um Aktualitäten herum, die andere Krisen dann oft in den Schatten stellen.
Rührt ihr journalistisches Interesse an diesen und allen anderen Themen eigentlich auch daher, dass Sie mit dem ARD-Korrespondenten und Sportreporter Hartmann von der Tann verwandt sind?
Er ist ein entfernter Onkel, den ich sehr schätze. Aber er war nicht der Grund, warum ich in den Journalismus gegangen bin. Meine Eltern machen beruflich übrigens etwas komplett anderes, haben mich auf dem Weg zur Journalistin aber immer sehr unterstützt.
War dieser Weg zuerst da oder Ihr Interesse für jüdische und israelische Geschichte, das ja auch weite Teile Ihres Studiums bestimmt hat?
Journalismus hat mich schon früh interessiert, inklusive erster kleiner Berichte für die Lokalzeitung. Als Jugendliche begann ich mich auch für die jüdische Geschichte in Deutschland zu interessieren und wollte mehr darüber herausfinden, was in meiner Heimat während des Nationalsozialismus passiert ist. Deswegen hat es mich extrem gefreut, eine Familie in Israel kennengelernt zu haben, für deren Vorfahren in unserem Ort Stolpersteine verlegt wurden.
Kleine Messingplatten im Asphalt, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern.
Und einer ihrer Verwandten hat den Terror-Angriff der Hamas in einem Kibbuz überlebt – da schließt sich schon wieder der Kreis meines historischen Interesses mit dem journalistischen. Studiert habe ich Theologie und Orientalistik und danach Geschichte und habe mich letztlich über mein geschichts- und religionswissenschaftliches Interesse, begleitet von meiner Leidenschaft für Sprachen und Reisen, an die Gegenwart herangetastet.
Sie und Israel klingt nach Perfect Match. Gibt es Grundregeln, wie lange Auslandskorrespondent*innen am selben Ort bleiben sollten, weil sie dort Erfahrung haben, beziehungsweise wann sie spätestens wechseln sollten, um keinen Tunnelblick zu kriegen?
Das variiert etwas, aber an einem Ort wie Israel ist es sicherlich besser, regelmäßig zu wechseln. Persönlich, weil diese Region sehr an einem zehren kann. Und publizistisch, weil es unbedingt eines frischen Blickes für neue Geschichten, neue Perspektiven, neue Zielgruppen mit neuem Elan bedarf. Sonst passiert es vermutlich schnell, dass man die Situation hier für zu verfahren für irgendwelche Lösungen hält. Nicht, dass es unser Job wäre, welche zu finden. Wir berichten nur darüber.
Das heißt aber, die Exit-Option ist nach zwei Jahren bereits Teil Ihrer Lebensplanung?
Ich würde es nicht Exit-Option nennen, weil es einfach Teil des Systems ist. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel lautet: maximal fünf Jahre an einem Ort.
Für Sie also noch ungefähr drei. Wohin könnte es Sie denn danach ziehen?
Ach, wenn ich mir darüber jetzt schon Gedanken machen würde, würde mein Kopf endgültig rauchen. I cross that bridge when I get there…
Dürfte die Brücke denn zu einem etwas entspannteren Ort, sagen wir innerhalb der EU, führen oder zieht es Sie dann erneut dorthin, wo es weltpolitisch spannungsreich ist, also gefährlich werden könnte?
Gefahr suchen oder meiden ist nichts, was mich antreibt. Ich möchte eine spannende Berichtsform in einem spannenden Berichtsgebiet. Momentan mache ich zwar viel Nachrichten, wir haben aber auch einen Podcast namens Lost in Nahost gestartet. Podcasts zu entwickeln oder eigene Dokumentationen zu machen, würde mir zum Beispiel auch Spaß machen. Beides ist nicht so leicht, wenn man in dieser Korrespondentinnenmühle steckt. Mein Kollege Christian Limpert hat es geschafft mit zwei tollen Dokus. Ich könnte mir daher alles Mögliche vorstellen. Ausland finde ich grundsätzlich spannend, aber – let’s see.
Vielleicht sprechen wir uns, wenn Sie direkt an der Brücke stehen.
Gern.
Langmaack/Graf: Hanne & Der Falke
Posted: December 13, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch schreibe Drehbücher, keine PR-Texte
Wenn Filme Mein Falke heißen, drohen öffentlich-rechtliche Tierliebesschmonzetten. Es sei denn, Dominik Graf verfilmt Skripte von Beate Langmaack – dann kommt ein leises Meisterwerk heraus, in dem Anne Ratte-Polle (ARD, 20.15 Uhr und Arte-Mediathek) als Rechtsmedizinerin (Foto: NDR/Frédéric Batier) beim Versuch, ihre Einsamkeit mithilfe eines Wildvogels zu zähmen, so brilliert, dass der Film den Grimme-Preis kriegen dürfte. Ein Gespräch mit Regisseur und Autorin über Werk und Umstände.
Interview: Jan Freitag
Frau Langmaack, Herr Graf, die Traumdeutung kennt drei Interpretationen von nächtlichen Begegnungen mit Falken: Neben Jagdglück, von dem wohl nur wenige noch träumen, feindliche Umgebung und Akte der Selbstbefreiung. Waren diese Metaphern Basis von Mein Falke?
Beate Langmaack: Höchstens unterschwellig, aber ich nehme alle drei gern, danke. Wichtiger war aber die Tatsache, dass die Hauptfigur als Naturwissenschaftlerin in Materie hineinblickt und der Vogel von oben drauf. Dieses Spannungsfeld fand ich über alle Befreiungsmetaphern hinaus interessant.
Dominik Graf: Als ich erstmals mit dem Stoff zu tun bekam, gab es bereits ein fertiges Drehbuch.
Langmaack: Zumindest ein sehr konkretes Exposé.
Graf: Schon deshalb war die Traumdeutung für mich metaphorisch eher nebensächlich. Über den Falken mussten wir allerdings nie diskutieren, weil er mich von Anfang fasziniert hatte – und zwar nicht nur erzählerisch, sondern taktil; schon die Körperhaltung von Annes Inga, dieses Gerade, Erhabene: toll! Mit einem Falken am Arm sieht man echt gut aus…
Wer ist denn in der Stoffentwicklung zu wem gekommen – die forensische Biologin zum Vogel oder umgekehrt?
Langmaack: Die Einsamkeit der Frau war zuerst, das Ventil des Falken als Ersatz menschlicher Nähe kam danach.
Und wer ist bei der Umsetzung zu wem gekommen – Sie zu Herrn Graf oder Herr Graf zu Ihnen?
Langmaack: Beide gleichzeitig. Es stand von Beginn an fest, dass wir zusammenarbeiten. Zum Glück!
Führt das angesichts der eigensinnigen Bildsprache Ihres Regisseurs dazu, ihm gewissermaßen nach der Kamera zu schreiben?
Langmaack: Im Gegenteil. Weil wir bei Hanne bereits miteinander gearbeitet hatten, fühlte mich sehr frei in allem, was ich tat. Mir war klar, dass ich alles erstmal aufschreiben und bei Bedarf hinterher konstruktiv mit ihm besprechen kann. Auch die Redaktion meinte, lass‘ die erstmal machen; das ist selten.
Graf: Hanne hat ein tiefes gegenseitiges Vertrauen bei uns, aber auch der Auftraggeberseite hinterlassen. Mir ist bis heute schwerverständlich, wie man Drehbücher für Regisseure schreiben kann, von denen man noch gar nichts weiß. Je näher, länger, genauer ich die Leute kenne, desto besser kann ich mit ihnen arbeiten. Deshalb finden Sie in meinem Werk Menschen aller Gewerke, mit denen ich öfter, teils regelmäßig arbeite.
Ist das nur Ihre Herangehensweise oder eine Regel für gutes Filmemachen?
Graf: Das ist individuell. Es gibt Teams, die stoßen aus dem Nichts zusammen und alles passt perfekt. Aber das Vertrauen in Beate ist für mich unbezahlbar. Was das an Debatten erspart!
Langmaack: Am Anfang bin ich am liebsten ganz allein.. Es kann durchaus stören, wenn Regisseure und Regisseurinnen mich bei der Stoffentwicklung mit eigenen Ideen impfen wollen.
Können Sie ihr Buch dennoch loslassen, wenn es fertig in der Hand anderer liegt?
Langmaack: Bei Dominik schon, ohne dieses Vertrauen, würde ich es ihm gar nicht erst überantworten. Aber wenn ich Vertrauen gefasst habe, lasse ich komplett los. Ich bin nie am Drehort. Was soll ich da?
Graf: Trotzdem habe ich dir früh schon erste Schnittversionen gezeigt, oder?
Langmaack: Stimmt. Und die waren schon sehr lang.
Graf: Dass wir trotz enger Formatvorgaben der ARD über 100 Minuten lang sind, war ungeheuer wichtig für den Film, der durch seine langen Einstellungen lebt. Aber auch da wusste ich, das ist in Beates Sinne.
Das betrifft offenbar auch die Figuren ihrer beiden Filme, in denen es um Frauen mittleren Alters an Weggabelungen ihrer Existenzen geht.
Langmaack: Obwohl sich Hanne mit dem eigenen Tod auseinandersetzt und Inga mit dem Tod anderer, sind es aber dennoch komplett unterschiedliche Typen, die den Tod auf jeweils eigene Art in den Hintergrund persönlicher Geschichten rücken.
Graf: Mein Falke ist mehr als Hanne ein zutiefst stofflicher, haptischer Film, in dem es um die Varianten des Todes in ihrer chemischen Zusammensetzung bis hin zu Zwangsarbeitern der Vierzigerjahre geht.
Ist der Boom forensischer Formate wie CSI schuld, dass auch Sie jetzt so einen Stoff machen können?
Graf: Es war jedenfalls nicht hinderlich. Wir haben lange überlegt, ob die Kamera an Maden vorbei in faulige Wundkanäle fahren sollte, um den Tod plastisch zu machen (lacht); filmtechnisch hätte mich das durchaus gereizt. Innerhalb dieses schlichten Filmes wäre es aber eine Nummernrevue geworden.
Langmaack: Mir ging es schließlich nicht um den Tod an sich, sondern vordergründig um Bindung, teilweise über 80 Jahre hinweg. Das hat Dominik einfach verstanden. Uns geht’s ums Leben!
Umso mehr fällt auf, dass beide Filme Frauen in Lebensphasen um die 50 aufwärts skizzieren, in denen sie – besonders, was Film und Fernsehen betrifft – langsam verschwinden. Das ließe sich als Plädoyer für mehr Sichtbarkeit lesen.
Langmaack: Ist aber keins, sorry. Ich schreibe Drehbücher, keine PR-Texte (lacht).
Graf: Filmen hat für mich keine soziale Funktion. Ich will keine gesellschaftlichen Fehlentwicklungen geradebiegen. Nicht mal im Subtext. Ich wäre auch gar nicht auf den Gedanken des Verschwindens von Frauen im Alter von Anne Ratte-Polle und Iris Berben gekommen, weil sie bei mir ständig Hauptfiguren sind. In Zeiten, wo die Leute beinah ewig leben, finde ich es da umso interessanter, was sie nach kaum der Hälfte für Kämpfe austragen.
Langmaack: Während wir hier über zwei Filme mit Frauen mittleren Alters reden, hatte mich nie jemand gefragt, warum die Ermittler meiner „Polizeirufe“ und „Tatorte“ ähnlich alte Männer waren.
Weil der Ausnahmezustand interessanter ist als der Normalfall?
Langmaack: Zwei Frauen hintereinander ist schon ein Ausnahmezustand?
Graf: Wobei man es unabhängig vom Geschlecht schon auch so schreiben können muss wie Beate, um Altersfragen zu thematisieren, ohne sie in den Vordergrund zu rücken.
Mindestens ebenso ungewöhnlich ist der Drehort von Mein Falke. Steht Wolfsburg für irgendwas oder ist es einfach eine Stadt irgendwo im Nirgendwo?
Graf: Eigentlich wollten wir wie Hanne in Wilhelmshaven drehen. Aber erstens war unklar, wohin der LNG-Terminal kommt. Was zweitens sämtliche Hotels ausgebucht hätte. Und drittens hat unser Ausstatter irgendwann Wolfsburg ins Spiel gebracht, weil das wegen des Handlungsstrangs nationalsozialistischer Zwangsarbeiter bei VW naheliegender als Wilhelmshafen war. Außerdem kannte ich Andreas Weizsäcker.
Den Sohn von Richard von Weizsäcker.
Graf: Der vor seinem viel zu frühen Tod Baumschnitzereien ehemaliger Zwangsarbeiter entdeckt und das Thema damit erstmals in Wolfsburg publik gemacht hatte. Das hat mich enorm fasziniert.
Werden Drehorte durch so etwas zu Protagonisten?
Graf: Drehorte sind immer Protagonisten, und meistens mit seltsamer Persönlichkeit. Wolfsburg war zwar Führerstadt, ist aber im Grunde gar keine Stadt, sondern Ortskerne um Fabriken herum.
Planen Sie, wo auch immer, nach Ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit eigentlich bereits an der dritten?
Graf: Von mir aus sehr gerne.
Langmaack: Von mir aus auch. Und wir können dann ja mal einen Mann in den Mittelpunkt stellen, Dominik.
Graf: Ach, muss nicht sein. Obwohl es mittlerweile auch schon wieder heikel ist, wenn Männer Frauen inszenieren.
Langmaack: Dürfen Frauen umgekehrt dann auch keine Männer inszenieren? Langsam wird’s schwierig…
Maren Kroymann: Kabarett & Televisionale
Posted: November 30, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Natürlich wollte ich auch gemocht werden

Seit 40 Jahren geht Maren Kroymann lächelnd dahin, wo es besonders Männern wehtut. Ab heute leitet die feministische Kabarettistin das Fernseh-Festival Televisionale in Baden-Baden. Ein DWDL-Gespräch über kollegiale Kritik, weibliche Komik und Altersmilde vs. Jugendwut.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Kroymann, Sie haben bei der TeleVisionale den Vorsitz der Film- und Fernsehjury, ist das Neuland für Sie?
Maren Kroymann: Neuland nicht. Jurytätigkeit habe ich schon einige Male gemacht, und mache das auch gerne. Zum Beispiel beim Hessischen Filmpreis oder bei der Berlinale in einer Nebenjury. Aber dass die Jury vor Publikum debattiert, und das in Gegenwart der Nominierten, das gibt’s sonst nur beim Bachmann-Preis. Da setzen wir uns als Kritiker*innen ja auch selbst der Kritik aus, das bringt auch eine gewisse Spannung rein.
Und idealerweise Entertainment?
Deshalb haben die mich genommen, meinen Sie? Fürs Entertainment!?
Ach, das konnte Ihr Vorgänger Dominik Graf auch; vor 200 Leuten im Podium blühte der auf!
Das ist schön, das glaube ich sofort. Es sind ja auch vorwiegend Fernsehinteressierte im Publikum. Nicht unbedingt Spezialisten, aber vorgebildet, ohne akademisch zu sein. Da reicht es wenn man ganz normal redet, da geht es ja nicht um Performance, sondern um Argumente.
Hält man sich als Kritikerin der eigenen Branche zurück oder im Gegenteil voll drauf?
Auf Kolleg*innen halte ich nicht voll drauf, nein. Als Satirikerin entdecke ich beim Fernsehen zwar Dinge, an die ich kritisch rangehe, aber draufhalten kann ein Böhmermann, der nicht zugleich Schauspieler ist, besser. Außerdem bin ich grundpositiv und gegen übertriebene Konkurrenz, besonders unter uns Frauen.
Bringen es aber dennoch zum Ausdruck, wenn Ihnen ein Format missfällt?
Ja klar. Mein Anspruch wäre, nicht rumzueiern, aber ohne Häme und Schärfe.
Sind Sie denn selber kritikfähig oder als Komikerin mit der Qualifikation zuzuspitzen gar kritikfreudig?
Kommt drauf an, ob man etwa Freunde oder Fremde kritisiert, Starke oder Schwache, privat oder öffentlich. Aber ich finde, gepflegtes Lästern kann zur qualifizierten Meinungsbildung gehören, fast eine Quintessenz von Kabarett und Comedy, das absolut seine Existenzberechtigung hat.
Jetzt haben Sie als Absenderin, nicht Empfängerin von Kritik geantwortet. Können Sie nur austeilen oder auch einstecken?
Natürlich ist positive Kritik angenehmer, aber da ich relativ früh in eine Männerdomäne vorgedrungen bin, konnte ich 40 Jahre üben, auch negative Kritik auszuhalten. Als Mädchen der Fünfziger wurde ich konditioniert, gemocht werden zu wollen. Das hat nach meinem Coming-out überhaupt nicht geklappt, wo viele mich plötzlich ziemlich blöd fanden. Aber eine Satirikerin muss ja auch aushalten nicht von allen Zustimmung zu bekommen. Vor allem nicht von denen, die ich selber angreife.
Also lautet die Antwort „ja“ – Sie können beides?
Mittlerweile kann ich beides oder zumindest viel an mir abprallen lassen, was in Zeiten ständiger Shitstorms überlebenswichtig ist, aber meiner Generation von Frauen zumindest nicht als erstes beigebracht wurde. Außerdem ist Kritik ja manchmal auch berechtigt.
Ist das weibliche Fell automatisch dicker, weil die Kritik an Frauen oft unberechtigt ist?
Es setzt ja viel früher an, dass mangelndes Selbstbewusstsein viele Frauen daran gehindert hat oder hindert, etwas zu tun, für das sie überhaupt kritisiert werden könnten. Diese Herausforderung mussten wir ja erst mal annehmen und uns nicht hinter der Option verstecken, die die Gesellschaft damals noch für uns vorsah – Hausfrau und Mutter zu werden. Ich spreche von den 50er Jahren. Ich fand es schon mit 18 am US-College grauenvoll, wie Frauen das Beliebtsein bei Männern als Wert an sich eingebläut wurde. Zum Glück waren meine Brüder da weiter. Der zweitälteste, Burkhard, meinte mal, dieses Appreziiert-werden-wollen kannste dir mal abgewöhnen.
Appreziiert?
Von appreciate im Englischen, unbedingt wertgeschätzt werden zu wollen.
Hat das bei Ihnen zum Gegenteil geführt, gar nicht wertgeschätzt werden zu wollen, gar nicht mehr nett, gar nicht mehr hübsch oder sympathisch?
Überhaupt nicht. Natürlich wollte ich auch gemocht werden. Meine Aufstandsphase in den Sechzigern nahm sich nur deutlich gemäßigter aus als etwa die der Punks in den Siebzigern. Ich habe die Taktik entwickelt, äußerlich nett zu sein, aber inhaltlich hart. Das ist vielleicht sogar mein Stilmittel als Kabarettistin. Bis heute.
Es gab also weder Jugendwut noch Altersmilde?
Die Rebellion meiner Generation hat sich halt stark über die Musik definiert. Flächendeckend rabiater aufgetreten sind erst die 68er. Als ich 1967 Abitur gemacht habe, sagte unser Lehrer: Sie waret die letschte nedde Klasse. Schön unpolitisch, keine Drogen, so wie es sich aus seiner Sicht gehörte für junge Menschen. Dass Ungehorsam interessant sein könnte, musste ich mir erst später erarbeiten.
Wobei sich Ihre kabarettistische Renitenz in fast allem, was man heute noch im Internet findet, vor allem gegen das Patriarchat und seine Protagonisten richtet.
Sogar im Mainstream wie Oh Gott, Herr Pfarrer – im Grunde die erste feministische Fernsehserie mit komplett eigenständiger Ehefrau. Dafür mussten wir viel Kritik einstecken. Für mich war die Serie ein Segen; ich hatte Fernsehen vorher gar nicht auf dem Schirm und das Medium tendenziell verachtet. Als bildungsbürgerliche Familie in Tübingen hatten wir gar keins. Mich hat es erst interessiert, als ich anfing dafür zu arbeiten, 1985 im Scheibenwischer, 1988 die Pfarrer-Serie, 1993 Nachtschwester Kroymann.
Als die Sie sich fast ausnahmslos an Ungleichheit und Emanzipation abgearbeitet haben.
Das waren – anders als Männer im Kabarett, die sich vor allem Politiker vornahmen – meine Themen. Auch die gemischten Ensembles, zum Beispiel mit der von mir hochverehrten Lore Lorentz, machten das so. Sogenannte Frauenthemen sprachen vielen Frauen aus der Seele, von vielen Männern wurden wir gedisst, weil das ja kein richtiges Kabarett sei, sondern nur Frauenkabarett. Geschlechterverhältnisse galten seinerzeit als unpolitisch.
Haben Sie denn einfach nur eine Marktlücke besetzt oder sich sozusagen als humoristische Botschafterin der Gleichberechtigung verstanden?
Ich wollte zunächst nur meine Sicht der Gesellschaft zeigen, als Feministin. Als ich angefangen habe, dem Patriarchat lächelnd vors Knie zu treten, konnte ich viele mitnehmen. Das Subversive kommt bei mir auch manchmal in Gestalt des Trivialen daher. Damit erreiche ich nebenbei auch ein anderes Publikum. Was ich immer gut konnte: die Position einer Minderheit für die Mehrheit verständlich machen, egal ob Feminismus oder LGBTIQ+-Rechte. Und ja: Ungleichheit und Emanzipation sind Themen, die sich durch mein gesamtes Leben ziehen.
Da müsste es Ihnen doch sauer aufstoßen, wenn man sich die Televisionale betrachtet. Bei drei der zehn Filmbeiträge stammen die Bücher von Frauen und ganze zwei führen Regie. Sind das nur Zahlen oder Symptome?
Symptome, aber durch Zahlen belegbar. Die MaLisa-Stiftung rechnet Ungleichheit seit Jahren vor und kommt nach wie vor zu Ergebnissen, die wir nicht akzeptieren können.
Werden Sie das als Jury-Präsidentin anprangern?
Das wird wahrscheinlich zur Sprache kommen, wenn wir als Jury die Gespräche führen. Aber mein Thema in Baden-Baden sind ja die Serien.
Bei denen das Verhältnis viel besser ist – zwei von fünf wurden von Frauen geschrieben, bei drei Regisseurinnen…
Schon mal super.
Hat das Massenphänomen Serie den Spielfilm emanzipatorisch abgehängt?
Serien wurden lange verachtet. Und in weniger wertgeschätzten Bereichen haben Frauen traditionell eher die Chance Fuß zu fassen. Aber ich will da nicht vorschnell urteilen. Nach drei Staffeln Babylon Berlin hat sich zum Beispiel was verändert, jetzt sind zwei Autorinnen dabei. Es fällt mittlerweile negativ auf, wenn im Abspann einer so großen Produktion nur Männernamen stehen.
Wobei man es Männern großer Produktionen auch kaum zum Vorwurf machen kann, nicht freiwillig auf Angebote zu verzichten, um Frauen den Vortritt zu lassen. Wie kriegen wir die Strukturen dahinter denn gleichberechtigter?
Indem es nicht mehr als selbstverständlich gilt, Frauen den Intellekt abzusprechen, wie es immer noch geschieht. Gerade im Humorbetrieb. Als Anke Engelke Harald Schmidts Late Night übernommen hat, war das weder eine gute Idee noch eine gute Sendung, aber das wär’s auch bei keinem Mann gewesen, weil Harald Schmidt nicht zu ersetzen war. Dennoch hat eine seriöse Tageszeitung gefragt: Wollen wir uns die Welt nach 23 Uhr wirklich von einer Frau erklären lassen?
Heute undenkbar!
Hoffentlich. Deshalb müssen wir Frauen Inhalte und Themen bestimmen und von Drehbuch über Regie bis Redaktion und Produktion Schlüsselpositionen besetzen. Dafür bin ich auch schon früh Pro Quote Film beigetreten. Bis auf Fußball, wo Claudia Neumann weiterhin für jedes kommentierte Spiel fertiggemacht wird, bewegt sich ja was. Und natürlich ist Claudia Neumann eine Pionierin, die auch Entwicklungen auslöst.
Würden Branche, Publikum, Kritik mit einer Serie wie Klimawechsel, in der Sie 2010 das Tabuthema Wechseljahre humortauglich gemacht haben, heutzutage eigentlich besser oder schlechter klarkommen?
Ich glaube wir sind weiter als damals. Das Klimakterium ist heute sehr viel mehr und offensiver Thema, die nächste Generation Frauen will diese gravierenden Veränderungen nicht mehr verstohlen wegwedeln. Abgesehen davon hat die Serie polarisiert. Es gab Menschen beiderlei Geschlechts die not amused waren über unsere bisweilen gnadenlose Art uns über uns selbst lustig zu machen. Sich selber als Thema in die Satire einzubeziehen, finde ich ja hohe Kunst und eine Voraussetzung dafür, intellektuell ernstgenommen zu werden. Als Doris Dörrie später eine Fortsetzung machen wollte, hat das ZDF abgelehnt – obwohl die Serie wirklich Denkprozesse ausgelöst hatte.
Glauben Sie, das Fernsehen kann nicht nur Denk-, sondern auch Handlungsprozesse anstoßen?
Ich glaube vor allem, dass wir als Fernsehschaffende Handlungsprozesse auslösen können, in dem wir uns weigern, überkommene Rollenbilder zu erfüllen.
Sind Sie guter Dinge, dass das Fernsehen 2033 ein gleichberechtigterer Ort ist als 2023?
Ja. Wobei es viele Baustellen gibt. Die Frage der Repräsentation, von alten Menschen etwa, insbesondere Frauen, für die Rollen, aber auch Inhalte, bislang rar gesät sind. Aber auch das wird diverser. Auch dank der Bewegung Let’s change the picture. Der ARD-Film neulich, in dem Corinna Harfouch eine ältere Frau spielte, begann mit deren Orgasmus mit dem jüngeren Freund. Früher ausgeschlossen, heute darstellbar. Aber wir müssen uns aktiv dafür einsetzen.
Und tun Sie das 2033 auch noch auf der Bühne?
Da ich mit den Mitteln des Entertainments kämpfe, bei denen die Leute den Kampf manchmal gar nicht bemerken: ja. Das Frauenthema bleibt mir, bis ich tot umfalle.
Culk: Hedonismus & Verzweiflung
Posted: November 26, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch, 5 freitagsmusik | Leave a commentSollen wir uns um alles kümmern?!

Die Wiener Shoegazer Culk erweitern das Pop-Spektrum Österreichs um einen Sound, der so politisch wie melancholisch die Bürden ihrer Gen/ zum Ausdruck bringt. Das zweite Album heißt daher nicht umsonst Generation Maximum und ist eine kraftvolle Mischung aus Trotz und Verzweiflung, über die Sängerin Sophie Löw und Gitarrist Johannes Blindhofer hier sprechen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Sophie, Johannes – eigentlich ganz schön, dass ihr beide hier sitzt und lächelt. Auf Bildern, die von euch online kursieren, tut ihr das praktisch nie. Hat das was mit dem Konstrukt der Band dahinter zu tun oder euren Mentalitäten?
Johannes: Keine Sorge, es gibt Bilder von uns, auf denen wir lächeln.
Sophie: Besonders auf Instagram.
Johannes: Aber wenn das dein Eindruck war, ist er nicht Teil irgendeiner gewünschten Ästhetik, sondern schlicht Zufall.
Sophie: Andererseits passt dieser Ausdruck natürlich auch zu dem unserer Musik.
Spiegelt die daher gar nicht unbedingt euch als Personen wider?
Sophie: Doch, doch. Weil sich die meisten Musiker*innen mit ihrer Musik persönlich ausdrücken, ist sie entsprechend ja auch Teil ihrer Persönlichkeiten.
Schön wär’s, oder?
Sophie: Ich jedenfalls arbeite beim Schreiben eher aus dem Bauch als dem Kopf heraus, habe aber in Österreich Kunst studiert, insbesondere Fotografie und Grafik. Was mich betrifft, ist daher auch das Visuelle intuitiv, entspringt also ebenfalls meiner Persönlichkeit.
Johannes: Wir sind definitiv alle eher dem Grübeln zugeneigt, was allerdings überhaupt nicht ausschließt, uns nicht auch ironisieren zu können.
Sophie: Während man die Melancholie im Alltag gern von sich wegschiebt, um alles schaffen und dennoch Spaß dabei haben zu können, bietet die Musik Ventile dafür, was uns politisch oder gesellschaftlich ansonsten überwältigen würde.
Mit dem Ziel, auch eurem Publikum Ventile zu bieten?
Sophie: Ja.
Als Teil der Generation Z habt ihr es da mit zwei Polen zu tun: radikalem Aktivismus, etwa in Gestalt der Last Generation, und radikalem Hedonismus als Versuch, sich die Katastrophe schön zu feiern. Ist eure Melancholie da sozusagen ein vermittelndes Element zwischen Konfrontation und Verdrängung?
Johannes: Vor allem ein beobachtendes, würde ich sagen.
Sophie: In unserer Generation und der danach ist so oder so ein Gefühl von Ohnmacht verankert, einer Zukunft entgegenzusehen, die nicht bright ist und auch kaum noch beeinflussbar. Da ist es kein Wunder, dass ihr Humor zunehmend schwarz oder gar sarkastisch wird und die Stimmung melancholisch oder eskapistisch.
Aber was genau beschreibt darin denn dann euer Albumtitel Generation Maximums?
Sophie: Dass ein Zenit erreicht wurde, über den es nicht mehr hinausgeht.
Johannes: Und dass von unserer Generation dennoch zu viel verlangt wird, irgendwie darüber hinaus zu kommen. Als Frage formuliert: Sollen wir uns eigentlich um alles kümmern?
Also auch den Mist, den das bedingungslose Wachstum vorheriger Generationen euch jetzt hinterlassen?
Johannes: Genau. Zugleich werden wir damit komplett allein gelassen. Wir sollen den ganzen Mist aufräumen. Wir sollen materiellen Verzicht leisten. Wir sollen uns selbst um unsere psychische und physische Gesundheit kümmern. Dem kollektiven Versagen wird unser individuelles Handeln verordnet.
Sophie: Wir befinden uns in einem Zustand permanenter Überforderung.
Johannes: Den man oft nur noch mit Galgenhumor erträgt.
Umso mehr fällt auf, dass die Platte eher trotzig als deprimiert klingt.
Johannes: Unbedingt. Resignation hilft auch nicht weiter, um ein solidarischeres Miteinander zu erreichen. Wir wollen uns ja aufbäumen, da ist Trotz angebrachter als Hedonie.
Ein Begriff, den ihr auch auf der Platte verwendet.
Sophie: Um dem des Hedonismus andere Dringlichkeit zu verleihen.
Gleich zu Beginn singst du in 2000 die Zeile „alles zu viel und alles zu wenig“.
Sophie: Die Idee dazu kam mir, als ich auf Tour eine Doku übers letzte Silvester vorm neuen Jahrtausend gesehen habe. Damals lag überall Hoffnung in der Luft. 23 Jahre später ist davon keine Spur.
Johannes: Die Vorfreude auf das, was kommt, ist vollständig verloren gegangen.
Sophie: Interessanterweise profitieren jüngere Generationen in Europa weiterhin vom Wohlstand, den ihre Eltern mit der massiven Ausbeutung des Planeten erzielt haben. Trotzdem haben gefühlt alle jungen Menschen das Gefühl, die Welt geht zugrunde, und zu wenig Zeit, noch was daran zu ändern.
Spielen Culk entsprechend für die?
Sophie: Das schon, aber umso schöner wäre es, Ältere würden mal reinhören und dadurch vielleicht Verständnis für Jüngere zu gewinnen. Am Ende bringt es aber doch nur zum Ausdruck, was ich fühle.
Was euch aber nicht zu einer unpolitischen Band macht.
Johannes: Nein.
Sophie: Wir sind eine politische Band. Geworden.
Johannes: Allerdings schnell geworden.
Sophie: Als ich das erste Mal gespürt habe, welche Resonanz unsere explizit politischen Lieder kriegen, wurde mir schnell bewusst, dass wir strukturelle Themen ansprechen, aber auf eine persönliche, individuelle Ebene bringen wollen.
Kanntet ihr euch denn schon aus politischen Zusammenhängen?
Johannes: Nein, wir waren einfach befreundet.
Und wurdet dabei von der fast schon gespenstisch kreativen, einflussreichen Musikszene Österreichs geprägt?
Johannes: Definitiv. Es gab schon bedeutend schlechtere Zeiten, um in Wien mit Musik anzufangen. Da wird von außen zwar vieles hineinprojiziert, aber die Fülle toller Musiker*innen ist einerseits groß, andererseits so überschaubar und familiär, dass alle davon inspiriert werden.
Sophie: Gerade in Wien allerdings – correct me if I’m wrong – geht es weniger ums richtige Vermarkten als darum, sein eigenes Ding zu machen.
Johannes: Wenn du in Deutschland Musik machst, kann es dir relativ schnell passieren, dass du in den großen Studierendenstädten vor ein paar Hundert, wenn nicht gar Tausend Leuten spielst und eine Weile ganz gut davon leben kannst. Das gibt der markt einfach her. Der österreichische tut das nicht, weshalb es vielen von Beginn an um Inhalte geht, nicht deren Rentabilität.
Mit der Konsequenz, dass sich österreichische Musiker*innen eher als Community verstehen?
Sophie: Man kennt sich untereinander schon schnell und häufig.
Johannes: Gerade in Wien, die zwar eine Riesenstadt ist. Aber man trifft sich trotzdem ständig an denselben Spots. Und weil es einen auf Dauer auch nicht weiterbringt, sich an den immer gleichen Wiener Orten totzuspielen, waren wir von Beginn an viel in Deutschland auf Tour. Kleine Städte in Deutschland sind anders als österreichische immer noch groß genug für alternative Szenen.
Es geht also auch mit der neuen Platte auf Deutschland-Tour.
Beide: Ja.
Sarah Bosetti: Haltung & Late Night
Posted: November 4, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDemokratie bedeutet, gut zu streiten
Die haltungsstarke und damit polarisierende Sarah Bosetti (Foto: ZDF) sticht nicht nur durch ihre feministischen Kampfgedichte aus dem Humorbetrieb hervor. Bei 3sat kriegt sie nun ihre Late Night. Ein Gespräch über Bullshit-Buttons, Anke Engelke und das Privileg der Nische.
Von Jan Freitag
Sarah Bosetti, haben sie kurz vorm Start Ihrer Late Night Show eigentlich schon Ihren Nachlass geregelt?
Sarah Bosetti: Sie rechnen also damit, dass ich noch während der Sendung sterbe? Das würde der ersten Folge zumindest die gebührende Dramatik verleihen.
Weniger physisch als empirisch. Besonders für Frauen ist dieses Genre schließlich ein Friedhof der Fernsehtiere.
Ich lege an mich als Frau keine anderen Maßstäbe an, als wenn ich ein Mann wäre. Und unabhängig vom Geschlecht sterben zum Glück nicht die Moderator*innen, sondern allenfalls ihre Sendungen, wenn es nicht gut läuft. Und mit einer Sendung zu scheitern, ist nicht das Schlimmste, was Menschen widerfahren kann.
Schon gar nicht, wenn es mit Würde geschieht. Anke Engelke allerdings wurde vor fast 20 Jahren alles andere als würdevoll aus ihrer Late Night kritisiert.
Dennoch war sie vorher wie nachher eine wahnsinnig erfolgreiche Frau, und zwar zu recht. Ihre Sendung mag also gescheitert sein, aber Anke Engelke ist es weder als Mensch noch als Bühnenfigur. Außerdem weiß ich nicht, wieso ich mich ausgerechnet mit Anke Engelke vergleichen sollte. Bloß, weil wir beide Frauen sind? Ich bin, auch was diese Sendung betrifft, höchstens in der Hinsicht aufgeregt, dass sie wirklich gut werden soll.
Aufgeregt also nicht im Sinne von ängstlich?
Nein, voll freudiger Erwartung und hochmotiviert. Ich mag ja meine Arbeit sehr, und wenn ich so zielgerichtet auf etwas hinarbeiten kann, bin ich selbst dann glücklich, wenn es stressig ist. Man kann vor so vielen Dingen Angst haben. Einsamkeit, Krankheit, Tod. Aber doch nicht vor einer Fernsehsendung…
Wenn Sie sagen, diese hier solle gut werden – bezieht sich das dann auf die Formaterfordernisse oder die der Moderatorin?
Es geht mir schon sehr um meine eigenen Ansprüche. Aber Schreiben, Bühne und Fernsehen sind Formen von Kommunikation. Natürlich möchte ich auch Menschen erreichen.
Das klingt ein bisschen, als wäre Ihr Konzept eher nachfrageorientiert und würde nicht dem eigenen Anspruch, sondern dem des Publikums folgen.
Eigentlich nicht. Gelungene Kommunikation lässt sich nie nur auf Sender oder Empfänger reduzieren. Natürlich gilt das auch für die Kunst.
Zum Auftakt reden Sie mit Marlene Engelhorn, Tijen Onaran und Nikita Miller. Drei Gäste, die zwar Wikipedia-Einträge haben, aber bei den meisten kein Klingeln im Ohr auslösen.
Selbst, wenn das stimmt: Fürs Thema soziale Gerechtigkeit sind es spannende Gäst*innen. Und in der zweiten Folge kommen Luisa Neubauer und Marc-Uwe Kling; da klingelt es vielleicht bei einigen lauter. Mir ist es vor allem wichtig, Leute nicht wahllos nach Popularität einzuladen, sondern danach, ob sie spannende Dinge zum Thema zu sagen haben.
Und mit welchem Gesprächsablauf geht es weiter, wenn die Gäste erstmal da sind?
Ach, das möchte ich nicht vorwegnehmen. Ein bisschen Überraschung sollte da noch bleiben.
Sprechen Sie denn – Ihr Markenzeichen – gelegentlich in Reimen?
(lacht) Verrate ich Ihnen auch nicht.
Okay, letzter Versuch: Folgt die Sendung der klassischen Late-Night-Metrik aus Stand-up, Schreibtisch, Gastgesprächen?
Die, so viel vorab, ist uns völlig egal.
Aber witzig wird’s schon?
Auf jeden Fall wird es auch witzig. Und traurig. Im Idealfall beides zugleich.
Was wollte 3sat denn von Ihnen? Immerhin steht Late Night drüber…
3sat war tatsächlich sehr gnädig und hat mir bislang viel Freiheit in dem Projekt gewährt.
Das Privileg der Nische!
Das sind jetzt Ihre Worte. Inhalt und Qualität sind bei 3sat sicherlich wichtiger als die Quote, aber erstens ist 3sat ja für alle Menschen im linearen Fernsehen zugänglich, und zweitens steht Bosetti Late Night auch in der ZDF-Mediathek und bei Youtube, wo man auch Bosetti will reden findet. Und das hat eine höchst treue und diskussionsfreudige Community hinter sich.
Darf man sich Ihre Late Night demnach interaktiver als andere vorstellen?
Ja. Am Mittwoch vor der Show bitte ich das Publikum auf dem Sendeplatz von Bosetti will reden darum, uns Meinungen und Fragen zum jeweiligen Thema zu schicken, die wir dann in die Show einbinden. Und das Studiopublikum hat gleich zwei Elemente, um sich einzubringen: einen Bullshit-Button für den Fall, dass das Publikum der Meinung ist, auf der Bühne werde Unsinn geredet…
Was allerdings die Gefahr mit sich bringt, dass ständig in der Sendung die Buzzer tröten.
Deshalb trötet er auch nicht laut, sondern treibt einen Zähler hoch, den meine Gäst*innen sehen und reagieren können, damit die Zahl wieder sinkt. Das zweite Element ist ein Talk-Pult, an das sich die Leute im Studio bei Bedarf stellen und etwas zur Debatte beitragen können. Mein Ziel ist aber nicht, künstlichen Streit zu erzeugen; wenn niemand drückt, drückt niemand. Und wenn sich niemand ans Talk-Pult stellt, dann macht’s halt niemand. Es soll ja konstruktiv sein.
Aber schon mit feministischer, politisch durchaus konfrontativer Haltung?
Ich werde nicht den neutralen Host spielen. Ich finde, diese Rolle hat absolut ihre Berechtigung, aber ich glaube, ich könnte das gar nicht.
Also im Zweifel parteiisch.
Für Empathie und Menschlichkeit, klar. Ich möchte ehrliche Unterhaltungen, in denen auch ich ehrlich sein darf.
Auch streitbare Unterhaltungen, indem Sie auf der Gästeliste Kontrapunkte setzen?
Natürlich ist es langweilig, wenn alle einer Meinung sind. Zugleich muss es auch nicht immer das größtmögliche Konfliktpotenzial sein. Spannend finde ich, wenn sich in einem Gespräch unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema finden. Deshalb müssen sie aber nicht entgegengesetzt sein.
Wie in Ihrer ersten Gesprächsrunde?
Genau: Marlene Engelhorn ist Millionenerbin, die Reiche höher besteuern will. Tijen Onaran hat sich nach oben gearbeitet und das kapitalistische Leistungsprinzip zu Eigen gemacht. Die werden sich kaum die Köpfe einschlagen, haben aber verschieden Ausgangspositionen zum selben Thema. Außerdem lassen wir diverse Armutsbetroffene zu Wort kommen. Nichts gegen Streit, aber gut muss er sein. Bei „Bosetti Late Night“ geht es vor allem darum, wie über wichtige Themen gesprochen wird. Demokratie bedeutet, gut zu streiten. Schlechter Streit gefährdet sie. Und wir müssen gerade ein bisschen auf unsere Demokratie aufpassen.