Jan Böhmermann: Royale & Überraschung
Posted: October 26, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch bin nur ein dummer Clown

In weniger als zehn Jahren Fernsehpräsenz hat sich Jan Böhmermann (Foto: Jens Koch) zur umstrittensten Figur des deutschen Infotainments zwischen Comedy und Kabarett gemausert. Im großen Interview, vorab im Medienmagazin journalist/in erschienen, erzählt er, wie es dazu kommen konnte und ob das so bleibt.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Jan Böhmermann, ich habe vorm Interview einen Reality-Check mit meinem Sohn – fast schon Generation Alpha – gemacht und gefragt, ob er Jan Böhmermann kennt.
Jan Böhmermann: Aha, und?
Nicht nur das. Er meinte noch ZDF-Neo, woker Typ, gegen die AfD und gendert immer.
Spektakulär. Zumal mir das Gendern erst vor einem Dreivierteljahr von der Bundesregierung, Klimaklebern und George Soros befohlen wurde. Eine ziemlich aktuelle Anamnese also.
Und damit die Zielgruppe ihrer ZDF-Show Lass dich überwachen beschrieben, die Sie nach drei Jahren Pause wieder moderieren?
Nein, denn Lass dich überwachen holt alle Zuschauerinnen und Zuschauer dort ab, wo sie sich im Alltag am liebsten aufhalten und Spuren hinterlassen, ohne genau zu wissen, was damit geschieht: im Internet. Sorglos und unreflektiert im Netz ist aber nicht die Generation Ihres Sohnes, eher Millennials abwärts bis tief in den Boomerbereich – was dem ZDF natürlich gut gefällt. Stichwort: Kernzielgruppe. Während jüngere Menschen viel bewusster mit Informationen im Internet umgehen und sich anonymisierte Online-Avatare zulegen, löst die Sendung bei den digital immigrants vermutlich noch stärkere Adrenalinschübe aus.
Damit wäre das Publikum beschrieben. Wie steht es um die Studio-Gäste, denen Sie ihre Online-Geheimnisse um die Ohren hauen – wissen die, was auf sie zukommen könnte?
Nein, unser Studiopublikum denkt, es käme zur Aufzeichnung einer Jubiläumsfolge des ZDF-Magazin Royale. Aus den knapp 3000 Bewerbungen für die Tickets haben wir gut 200 ausgewählt, die – was absolut üblich ist – dafür Name, Geburtstag, Wohnort angegeben haben. Auf Grundlage dieser Datensätze haben wir unser Studiopublikum dann mehrere Monate digital ausspioniert und zusammenzutragen, was im Internet und den sozialen Netzwerken öffentlich verfügbar ist. Daraus machen wir lustige Geschichten, von denen niemand im Studio etwas ahnt – bis das rote Licht angeht und die Kameras laufen.
Leute digital auszuspionieren und die Resultate in einer großen Fernsehshow zu veröffentlichen, klingt allerdings nicht nur lustig, sondern nach datenschutzrechtlich bedenklichem Cyber Mobbing.
Wir wollen Fernsehunterhaltung machen, bei der ganz normale Menschen im Mittelpunkt stehen und keine Promis – und für alle unsere Kandidatinnen und Kandidaten gibt es natürlich immer ein Happyend und tolle Überraschungen. Der Moment, wo jene, die völlig ahnungslos vor laufender Kamera realisieren, dass jetzt aus dem Internet im Fernsehen Wirklichkeit wird, der ist schon magisch. Das kommt zwar für viele sichtlich überraschend, aber wir versuchen uns anhand der Informationen natürlich ein gutes Bild der Leute zu machen, ihre Belastungsgrenzen auszuloten, den richtigen Tonfall zu treffen, die richtige Dosis Humor und Empathie.
Und dass Sie es dann nochmals nachveröffentlichen, dafür geben die Betroffenen hinterher Einverständniserklärungen ab?
Natürlich. Wer das – aus welchem Grund auch immer – nicht will, wird rausgeschnitten, das ist doch Ehrensache. Die Aufzeichnung für Lass Dich Überwachen hat fünfeinhalb Stunden gedauert, gezeigt werden 90 Minuten. Das zeigt doch schon, wie viel rausgeflogen ist. Diese Show ist nur begrenzt planbar.
Führt die Show also eher das System der selbstoptimierenden Aufmerksamkeitsökonomie vor als Individuen, die sie darin sich bewegen?
Es ist zunächst mal nur Fernsehunterhaltung. Aber wir arbeiten eben mit den veränderten, gegenwärtigen Lebenswirklichkeiten. Wer zeitgemäße Unterhaltung machen will, schaut sich um, wo die Menschen sind und wie ihr Alltag aussieht. Am Ende aber bleibt es eine Überwachungsshow, die an Rudi Carells Lass dich überraschen! vor über dreißig Jahren angelehnt ist und vor allem Spaß machen soll. Mit ganz normalen Leuten übrigens, nicht den üblichen Promis, die bei Quizshow Spendengelder erspielen.
Dennoch klingt es ein bisschen nach Deppen-Shaming all derer, die das Informationsmarketing der großen Digitalkonzerne nicht verstehen oder ignorieren…
Ach, was heißt Deppen? Zu Deppen werden wir doch alle, wenn jemand unsere Online-Persona im real life mal hinterfragt. Warum nicht gemeinsam drüber lachen? Wir haben in der Show zum Beispiel einen Kandidaten, der bei TikTok gerne Videos von TikTokerinnen mit eigenen Videos kommentiert. Da haben wir uns erlaubt, eine dieser Frauen einzuladen und neben ihn zu setzen. Was er den ganzen Abend nicht gemerkt hat, bis wir’s ihm gesagt haben. Das ist natürlich ein bisschen gemein, zeigt aber auch gut, wie weit Wirklichkeit und Selbstdarstellung in den sozialen Medien auseinandergehen, wer im Internet groß scheint, ist in der Realität vielleicht ganz klein oder andersrum. Das ist nach drei Jahren Pandemie und sozialer Vereinzelung nochmals deutlicher geworden.
Aber folgt dieses Prinzip nicht der Harald-Schmidt-Schule, Dinge zu tun oder sagen, die eigentlich tabu sind, und damit die Grenzen des Mach- und Sagbaren zu verschieben?
Unsere Sendung ist ein großes Fernsehunterhaltungsexperiment, um 20.15 Uhr in der ZDF-Primetime, keine nischige Late-Night-Show. Aber, helfen Sie mir bitte auf die Sprünge, wer war noch mal Harald Schmidt?
Ein Veteran des dualen Systems, der früher mal wirkmächtiges Fernsehen gemacht hat, sich aber heute Richtung antiwoker Weltkriegsopa bewegt.
Ach, Sie meinen den Moderator, dessen beste Witze ich jahrelang ganz alleine geschrieben habe?
Genau den. Ist ein Infotainer wie Jan Böhmermann ohne Harald Schmidt Vorarbeit, die seinerzeit den unterhaltsam informativen Grenzübertritt mainstreamtauglich gemacht hatte, überhaupt denkbar?
Kulturarbeit bedeutet immer standing on the shoulder of giants. Den Aberwitz des Lebens in lustige Formen zu gießen, das ist natürlich eine Verbindung zu Harald und allen anderen, die vor mir, nach mir, mit mir vor Kameras standen und stehen. Ich finde es immer schön, wenn Entertainment etwas Bedeutsames beinhaltet und Menschen nicht nur berührt, sondern auch betrifft. Kunst muss sich der Wirklichkeit verpflichtet fühlen. Harald kotzt bei solchen Sätzen, ich nicht. Ich halte sie aus.
Das klingt berufsethisch einwandfrei. Wenn Wikipedia Sie als Entertainer, Satiriker, Fernseh- und Radiomodertor, Musiker, Autor, Filmproduzent und Journalist bezeichnet – ist das in dieser Reihenfolge dann korrekt?
Na, wenn Wikipedia das sagt, wird es ja wohl stimmen. Ich bleibe lieber beim Sammelbegriff Kunst. Klar, ich bin gelernter Journalist und finde es auch spannend Unterhaltung zu machen, die juckt. Ob ich mich heute mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik beschäftige oder früher mit dem Mittelfinger von Yanis Varoufakis.
Ein Bild, mit dem der griechische Finanzminister vor acht Jahren inmitten der Euro-Krise für Aufsehen sorgte, weil Sie behauptet haben, es sei ein Fake von Ihnen.
Und der Spaß lag natürlich darin, eine spielerische Kritik an der Aufmerksamkeits- und Medienindustrie zu formulieren. Witzig, dass sich Deutschlands Austeritätspolitik gegenüber Griechenland auf einen Stinkefinger für Günther Jauch und die Bild-Zeitung reduzieren lässt – von dem heute keiner mehr weiß, ob es ihn überhaupt jemals gegeben hat oder doch nur ein Fake war. Die kommunikationstheoretische Analyse ist der Spaß vorher und das Herausschleudern der Aktion in die Praxis ist die Kunst. Und am schönsten und lustigsten sind Sendungen, die auch politisch spannend sind, neue Perspektiven aufzeigen und Frischluft bringen.
Und die sind seit ihrem Wechsel von Neo ins Hauptprogramm ausgeprägter?
Der Wunsch unseres Kernteams inklusive meines Egos jedenfalls bestand darin, bei der Neuaufstellung im ZDF mindestens ebenso relevant zu bleiben, aber formell berechenbarer zu werden, um nicht jeden Montag aufs Neue zu überlegen, womit man die Sendung am Freitag füllt. Da war es eine pragmatische Entscheidung, das auszubauen, worin wir ohnehin stark waren und neue, starke Kolleginnen und Kollegen mit ins Team zu holen.
Nämlich welche?
Hanna Herbst und Nora Nagel leiten die journalistische Redaktion, Tim Wolff die humoristische, Julia Thiel, Susi Engelmann, Alex Hesse und Constantin Timm sind für die Produktion verantwortlich und Lorenz Rhode leitet das einzige wöchentlich sichtbare Rundfunkorchester Deutschlands. Und getragen wird alles von einer schlagkräftigen Redaktion, Juristinnen, der Postproduktion, Ausstattung, Kostüm, Maske und Technik-Crew. Im ZDF Magazin Royale arbeiten sehr viele mutige, starke und schlaue Menschen, die jede Woche auf Augenhöhe verhandeln, wie man Fernsehen relevant, zeitgemäß und unterhaltsam macht.
Sind Sie demnach bereits durch die Varougate genannte Mittelfinger-Affäre oder erst beim Wechsel ins ZDF zum Investigativ-Satiriker geworden?
Och, ich bin und bleibe Unterhaltungskünstler, betrachte die Welt eher ganzheitlich und am Ende gilt immer der alte Leitsatz von Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen. Aus meiner Sicht reicht das journalistische Handwerk nicht, um die Vielgestaltigkeit der Welt voll zu erfassen. Zum Abschluss unserer Montagskonferenz muss jede Woche eine Kollegin oder ein Kollege ein Gedicht vortragen, das befreit sehr. Aber nennen Sie mich, wie Sie wollen, labeln Sie mich ruhig weiter!
Gut, dann mit „Feuilleton-Jäger“, der vom Hochsitz der Hochkultur das waidwunde Wild der restlichen Gesellschaft anvisiert und gegebenenfalls erlegt.
Wenn eines Tages rauskommt, dass ich einfach nur ein einigermaßen normaler, nachdenklicher, freundlicher und empathischer Typ bin, der Unrecht und Konflikte hasst, kann ich einpacken.
Gibt es unabhängig vom Label einen Jagdtrieb in der Redaktion, wenn nicht gar Jagdfieber?
Schon bei Neo galt die Warnung: niemals den Drachen jagen! Niemals auf Projektionen reinfallen, nicht auf die eigenen und nicht die anderer. Glaube niemals die dir unterstellte Wichtigkeit, im Guten wie im Schlechten. Das ZDF Magazin Royale will tatsächlich gar nichts auslösen, sondern unser breit gefächertes Interessensspektrum, die Themen, die wir spannend finden, unterhaltsam bearbeiten.
Ist es für einen Entertainer, dessen Unterhaltung vielfach auf harter journalistischer Recherche beruht, dennoch hilfreich, sich auf den Sockel einer gewissen Überlegenheitsarroganz zu stellen?
Dafür sind die Arbeitsabläufe bei uns einfach zu simpel und nachvollziehbar. Das ZDF Magazin Royale hat eine sehr große, starke Redaktion, die sich regelmäßig in Konferenzen trifft, wo jede und jeder Themen vorschlagen kann, auch nicht-inhaltlich arbeitende Gewerke. Und aus allen Themenvorschlägen versuchen wir, gemeinsam die Themen der gesamten Staffel zu finden. Daran ist nichts abgehoben, das ist ganz normaler Arbeitsalltag. Vielleicht mit einem Trick: wir sind sehr genau und versuchen immer zeitgemäße Perspektiven auf die Wirklichkeit zu finden.
Welcher Perspektive worauf zum Beispiel?
In unserer Sendung über Bosnien-Herzegowina haben wir uns zum Beispiel die merkwürdige Konstruktion des Hohen Kommissars angeschaut. Bei der Recherche wurde uns schnell klar: die Perspektive junger, pro-europäischer, muslimischer Bosnierinnen- und Bosnier ist in der der bisherigen Berichterstattung in Deutschland komplett unterrepräsentiert. Also haben wir da thematisch unseren Schwerpunkt gesetzt. Das war dann natürlich ein Schlag ins Gesicht des FAZ-Korrespondenten, der seit 25 Jahren vom Balkan berichtet, sich regelmäßig mit dem bosnisch-serbischen Nationalisten Milorad Dodik zur Sliwowitz-Verkostung verabredet und die Handynummer des CSU-Politikers Christian Schmidt im Kurzwahlspeicher hat. Oder nehmen Sie die „Cyberclown“-Ausgabe zu Arne Schönbohm.
Damals Chef des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, den Nancy Faeser infolge Ihrer Sendung über dessen Russland-Verstrickung entlassen hat.
Wir beschäftigen uns seit 2018 immer wieder mit Fragen der Cyber-Sicherheit. Was im Bundesinnenministerium los ist, war für uns schon immer wichtig. Und da haben wir uns Hans-Georg Maaßen als Verfassungsschutzchef ebenso angesehen wie seinen Parteigenossen Arne Schönbohm beim BSI. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine erschien es uns besonders berichtenswert, welche merkwürdigen Beziehungen der von Schönbohm mitgegründete, private Lobbyverein für Cyber-Sicherheit so zu Russland und russischen Nachrichtendiensten pflegt. Manchmal wird ein bekanntes Thema eben erst interessant, wenn sich die äußeren Umstände ändern.
Und gab es wie bei jeder investigativen Verdachtsberichterstattung auch in Ihrer Redaktion den Ablauf Recherche, Konfrontation, raus damit?
Die Sendung zum BSI-Fall ging sogar noch einen Schritt weiter, denn es ging darin gar nicht um Verdachtsberichterstattung; dass wir den BSI-Chef für nicht sonderlich kompetent halten und sein Urteilsvermögen und seine Amtsführung kritisieren, ist ja kein Verdacht. Es ist Tatsache, dass ein langjähriger Lobbyist unterm CDU-Innenminister de Maizière zum Amtsleiter aufgestiegen ist. Nach Kriegsbeginn haben wir das Amt und ihn also ganz seriös mit unseren Rechercheergebnissen konfrontiert.
Und kommt in der Sendung selbst zu Wort?
Natürlich. Alles, was wir darin behandeln, stützt sich auf bekannte Vorkriegs-Recherchen von Zeit oder dem RBB-Magazin Kontraste und unsere eigenen Recherchen, die seriös, ausreichend belegt und handfest sind. Die Sendung steht seit einem Jahr unbeanstandet, wahrheitsgemäß und faktisch korrekt online – und wird jetzt politisch motiviert zum Komplott verschwurbelt. Nach einem Jahr! In Medienzeitrechnung eine Ewigkeit.
Die allerdings juristische Folgen bis hin zur Redaktionsdurchsuchung haben könnte.
(lacht) Da bringen Sie die Shitstorms durcheinander. Das mit der angeblich drohenden Redaktionsdurchsuchung war die Sendung über „Organisierte Rituelle Gewalt“, bei der unsere Recherche zu den fragwürdigen Praktiken einer Psychotherapeutin dazu führte, dass wir anonym angezeigt wurden und der polizeiliche Staatsschutz und die Staatsanwaltschaft instrumentalisiert wurden, um unsere Sendung zu verhindern oder wenigstens zu diskreditieren.
Sind die ZDF-Justiziare demnach von Beginn an am Prozess solcher Geschichten beteiligt wie Christian Sell bei Axel Springer?
ZDF-Justiziare nur zuallerletzt. Wir haben natürlich unsere eigenen Juristinnen und Juristen, die bei Verdachtsberichterstattungen oder Investigativ-Recherchen in die Entstehungsprozesse und Recherchen involviert sind. Von der ersten Idee bis zur letzten Abnahme sind außerdem noch mindestens zwei Redakteurinnen und Redakteure des ZDF in jedes Detail eingebunden. Und am Ende lassen wir uns die Sendung dann noch vom Papst und dem Dalai Lama abnehmen und auch die Illuminaten gucken zur Sicherheit nochmal drüber. Dass ich im ZDF Magazin Royale irgendetwas ungeprüft rausblubbere oder wir eine satirische Sendung um einen falschen Tatsachenkern bauen – da muss ich mit aller Überlegenheitsarroganz widersprechen.
Ihr ZDF-Kollege Markus Lanz allerdings hat ungefähr das kritisiert, als er sinngemäß sagte: Sie zündeln und drücken sich dann durch den Notausgang Satire vor der Verantwortung.
Ich kann Markus Lanz intellektuell leider nicht immer folgen. Markus Lanz ist Podcaster, ich bin nur ein dummer Clown.
Aber was darf denn – Podcastclownspaß beiseite – Satire, was Journalismus abgesehen vom lustig sein nicht darf oder kann oder sollte?
Wenn wir im ZDF Magazin Royale mit Humor versuchen, den wahren Kern einer Sache zu ergründen, dann darf der Humor den wahren Kern nicht verfälschen oder verstellen. Wir denken uns unsere Witzobjekte doch nicht selber aus, das wäre viel zu viel Arbeit. Und ehrlich: für ein satirisches Produkt, reicht es inzwischen oft aus, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen.
Zum Beispiel?
Wenn der CDU-Vorsitzende öffentlich sagt, seine Partei sei die Alternative für Deutschland mit Substanz und ich daraus ohne größeren Kunstgriff schlussfolgere: ach so, die CDU sieht sich jetzt also als Alternative für Nazis mit Substanz? Genau das hat Friedrich Merz zwar sagen, aber nicht aussprechen wollen. Also habe ich das freundlicherweise für ihn erledigt.
Stimmt denn der Vorwurf an den politischen Humor insgesamt, dass er sich – Stichwort Monika Grubers Heizhammer-Demo mit Hubert Aiwanger – aktuell öfter auf die Seite der großen Tiere stellt, anstatt sie zu kritisieren?
Diese saudumme gedankliche Verrenkung wird seltsamerweise stets von großen Tieren geäußert, die dafür aber bitte nicht kritisiert werden wollen. Es wird immer Menschen geben, die alles lieber gern so hätte, wie es schon früher nicht war. Mich persönlich langweilt das endlos. Aber niemals, niemals dürfen Meinungsdifferenzen dazu führen, das Menschliche zu verlieren.
Ach was…
Wenn der AfD-Fascho Stephan Brandner in der ICE-Toilette kollabiert, bricht man die Tür auf und hilft ihm – egal, wo man politisch steht.
Stephan Brandner hier offen AfD-Fascho zu nennen, spricht jedenfalls dafür, dass Sie keine Angst vor Tieren jeder Art haben, wie auch ihr Gedicht über Recep Tayyip Erdogan zeigte, das weltpolitische Komplikationen nach sich zog. Hat Sie das damals beruflich, gar menschlich verändert?
Ach, wenn man so lange fürs Fernsehen arbeitet wie ich, ist da unter der Oberfläche doch sowieso nicht mehr viel Leben übrig. Wenn Sie den Begriff „AfD-Fascho“ abdrucken und Herr Brandner das hier liest, wenn er aus dem Krankenhaus zurückkommt und ein ostdeutscher Amtsrichter zu dem Schluss kommt, dass Herr Brandner gar kein „AfD-Fascho“ sei, sondern einfach nur ein harmloser Nationalsozialist, der die Freiheitlich Demokratische Grundordnung von Herzen verachtet, machen Sie sich übrigens presserechtlich möglicherweise mithaftbar. Sie merken: all die Aufregungen machen einen entspannter, was weitere betrifft.
Entspannter oder abgebrühter?
Entspannter. Wenn die Polizei oder die Staatsanwaltschaft anrufen, da hätte ich vor vier Jahren drei Wochen schlecht geschlafen. Heute sage ich: Ach, moin Thomas, hallo Manfred, Ihr schon wieder! Was gibt’s dieses Mal? Davon abgesehen: Der klassische Promifaktor verändert meiner Erfahrung nach Menschen persönlich viel mehr und drastischer. Wenn du in Berlin-Schöneberg nicht mehr Falafel kaufen gehen kannst, ohne dass alle dich erkennen: „Hach, das bin ja ich da auf dem Plakat!“ Irgendwann hältst du dann deine neue Gucci-Tasche in die Instastory, verwandelst den Motor deinen Schaffens – lebenslange Unsicherheit plus Außenseiterhaftigkeit – inpassiv-aggressive body positivity und dann ist es vorbei. Dann willst du dazugehören. Dann hast du gegen dich selbst verloren.
Gibt es da Rückzugstendenzen, so was wie ein spätes Cocooning zuhause?
Auch wenn es am Bildschirm nicht so aussieht, suche ich außerhalb der Arbeit die Öffentlichkeit bekanntlich weniger. Ich habe auch keinen Stapel Autogrammkarten in der Tasche. Am Ende gehe ich einfach jeden Tag zur Arbeit, von der am Ende eben manchmal richtig viele Menschen etwas mitbekommen.
2016 hat das GQ-Magazine Sie zum wichtigsten Meinungsmacher Deutschlands gekürt. Was war daran peinlicher: GQ, Meinungsmacher oder Deutschlands?
Sie sprechen mit dem amtierenden Playboy-Mann des Jahres 2022. Mir ist offensichtlich gar nichts peinlich. Journalist*innen wollen oft irgendetwas sein, was sie nicht sind. Mir ist das wirklich, ganz ehrlich, nicht so wichtig. Ekelhaft, oder? Mir ist wichtig, dass mein Team und ich meinem öffentlichen Ich weiterhin ins Gesicht gucken können.
Mit Schwerpunkt auf sich oder dem Team?
Fernsehsendungen entstehen immer kooperativ. Aber sagen Sie das bitte niemandem, sonst müssen weite Teile der deutschen Fernsehgeschichte neu geschrieben werden. Am schönsten ist es doch, in guten Diskussionen von guten Argumenten niedergerungen zu werden.
Was aber nicht heißt, dass Sie uneitel sind?
Dazu möchte ich mich nicht weiter erklären, um die geheimnisvolle Umnebelung meiner öffentlichen Person nicht zu entmystifizieren.
Wenn man in diesen Nebel hineinsticht und sagt, Jan Böhmermann sei so etwas wie der deutsche Jimmy Fallon – empfinden Sie das als Schmeichelei oder Affront?
Da ich nicht weiß, ob Sie den öffentlichen Jimmy Fallon meinen oder den Jimmy Fallon, der hinter den Kulissen seinem Team verbietet, ihm in die Augen zu schauen, der seine Kolleginnen und Kollegen legendär schlecht behandelt und heftige Alkoholprobleme hat, möchte ich mich auch bei dieser Frage nicht auf eine Antwort festlegen.
Das Boot 4: Interview Gansel, Wolfart, Ammon
Posted: September 21, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentWer ist Ihnen denn nicht rechts genug?

Auch die 4. Staffel Das Boot muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass Sky Nationalsozialismus und Kollektivschuld hinter der hochauflösenden Kriegsästhetik mit einer Handvoll Bösewichte versteckt. Dass die Produzenten Marcus Ammon (Bild li, Foto: Rica Reeb/Rosa Merk/Sky) und Fabian Wolfart (2.v.r.) das ebenso wie Regisseur Dennis Gansel (2.v.r.) anders sehen, zeigt ein freitagsmedien-Gespräch mit den drei Machern.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Ammon, Herr Gansel, Herr Wolfart – was fasziniert nicht nur Deutsche seit 1981 so an Soldaten im U-Boot, dass es von der zweiten Serie nun die vierte Staffel gibt?
Marcus Ammon: Das Boot wurde 1981 zum Welterfolg, weil es den Krieg erstmalig aus der Perspektive der Besatzung erzählt und somit für die Zuschauer greifbar macht. 2016 war ich bei Sky für den Bereich Eigenproduktion verantwortlich; als die Bavaria damals mit der Idee auf uns zukam, auf Basis dieser starken IP ein neues Format zu entwickeln, war von Anfang an klar, dass wir kein Remake von Wolfgang Petersens Film produzieren, sondern mit einer High-End-Serie eigenständig und vielschichtiger werden wollen.
Dennis Gansel: Ich habe die ersten zwei Staffeln nur als Zuschauer wahrgenommen, aber aus meiner Sicht hat das Publikum großes Interesse an historischen Stoffen mit aktueller Relevanz, die leider zuletzt wieder aktueller geworden sind. Wenn sich die Protagonisten in der 4. Staffel über den 2. Weltkrieg unterhalten, sagt das teilweise mehr über die Gegenwart als die Vergangenheit.
Fabian Wolfart: Ich glaube, dass Zuschauer oft fasziniert sind von Welten, die sie nicht kennen oder erlebt haben, und wenn sie dann auch noch viele Emotionen abbilden, tauchen sie schnell in diese Welt ein.
Wenn ich Sie richtig verstehe, liegt der Fokus von Das Boot also weniger auf dem Nationalsozialismus als dessen Krieg?
Gansel: Sowohl als auch.
Dieses „als auch“ allerdings muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass der Nationalsozialismus am Guido-Knopp-Syndrom leidet, ein Volk von Widerstandskämpfern zu zeigen, die ein paar fiese Nazis in den Untergang treiben.
Gansel: Also für mich persönlich lasse ich das so wenig gelten wie für die Serie als Ganzes. Dafür hat mich die Herangehensweise von Beginn an zu sehr überzeugt. Wir hatten diverse historische und wissenschaftliche Berater, mit denen jeder Handlungsstrang eng abgestimmt wurde – eben, weil wir hier besonders sorgfältig arbeiten wollten. Die Recherchetiefe ist so großflächig und präzise in die Drehbücher eingeflossen, dass mir der Vorwurf eher fremd erscheint. Worin genau besteht er denn?
Dass es an Bord wie immer exakt einen Nazi gibt, den die Mannschaft hier auch noch als Feind ausfindig macht. Und an Land beschränkt sich die Zahl faschistischer Funktionsträger auf ausgewählte Figuren, was den Eindruck erweckt, sie seien in der Minderheit gewesen. Warum setzt sich die Produktion dem Verdacht aus, durch die Unterschlagung der Kollektivschuld anschlussfähig für revisionistische Sichtweisen zu sein?
Gansel: Ich versuche mich da wirklich in Sie hineinzuversetzen. Wenn ich mir nur die Admiralitäten ansehe, die bereit sind, sämtliche Bootsbesatzungen in aussichtslosen Missionen zu verheizen…
Was wiederum kriegs-, nicht diktaturimmanent ist.
Gansel: Oder nehmen Sie die SS in Berlin. Von der gibt es nicht wenige, und wir haben uns bemüht, sie so zu zeichnen, dass es eben keine schwarz-weißen Bösewichte sind. Dieses Bild entsteht auch, wenn man die Großeltern-Generation betrachtet, obwohl sie ihre eigene Verstrickung teilweise unkorrekt dargestellt haben. Meine eigenen übrigens auch, was meine Eltern als 68er wiederum angeprangert und meinen Opa als Nazi bezeichnet haben. Dabei liegt die Wahrheit doch in der Mitte. Und die versuchen wir in Das Boot darzustellen, etwa in Gestalt von Obersturmbannführer Koch, der als Folterknecht und Familienvater vorkommen darf. So zeichnen wir gerade für jüngere Generationen ein Bild der Zwischentöne. Denn für meinen Sohn ist der 2. Weltkrieg so weit weg wie für mich der 1. Weltkrieg.
Wie alt ist der denn?
Gansel: Der wird sieben, versteht zwar die Zusammenhänge noch nicht, kam aber gerade aus der Schule und meinte an einer Stelle mal, irgendwer sei ja böse wie Putin.
Fabian Wolfart: Mein Sohn ist schon elf, aber weiß noch nicht viel über Weltkrieg und Nazis. Dennoch ist das Thema Ukraine sehr präsent für ihn und es kommen oft Fragen. Und da erscheint mir wichtig, ihn darüber aufzuklären, dass die Einteilung in Gut und Böse nicht so einfach ist, wie es scheint, ohne sich auf eine Seite zu schlagen.
Ammon: Aber wer ist Ihnen denn jetzt nicht „rechts“ genug gezeichnet – die Bootsbesatzungen oder die Serie im Ganzen?
Letzteres, wofür die U-Boote nur exemplarisch stehen. Ich will keineswegs Ihre Integrität anzweifeln, frage mich aber, ob die Serie Film- und Fernsehregeln befolgt, selbst im Nationalsozialismus mehr positive Identifikationsfiguren als Antagonisten darzustellen, an die das Publikum andocken kann?
Ammon: Wir haben die Serie unter der Prämisse produziert, Geschichte in all ihren Schattierungen darzustellen. Und für ideologiekonforme Antagonisten gibt es in den wesentlichen Rollen reihenweise Charaktere. Den Forster, den Schulz, den Koch, den Werner, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig wollten wir ein breites Publikum unterhalten.
Wolfart: Was hat Ihnen denn gefallen an der Serie, Herr Freitag?
Wie in den ersten drei Staffeln die klaustrophobische Intensität unter Deck, der Überlebenskampf ungeachtet politischer Prämissen, die schon Wolfgang Petersen genial inszeniert hat. Aber sobald die Kampfhandlung endet, schlagen sich Serie und Film auf die Seite eines Tätervolkes, das eher als Opfervolk zu sehen ist.
Wolfart: Haben Sie konkrete Beispiele, die Ihre These belegen können?
Samuel Greenwood, dessen Name seltsam jüdisch klingt und in der 1. Staffel insinuiert, der Krieg könnte ein kapitalistisches Komplott unter Beteiligung der Amerikaner sein. Oder den englischen Offizier Swinburne, der zu Beginn der 3. Staffel hinterrücks arme Wehrmachtssoldaten abknallt.
Gansel: Unsere Figuren und Handlungen wurden von irischen und englischen Headwritern entwickelt. Beide meinten, Deutsche seien bei der Geschichtsschreibung manchmal ein bisschen übervorsichtig. Und wir wissen ja, dass sich Swinburne bei der Kriegsmarine dafür rächen will, dass deutsche U-Boote völkerrechtswidrig ein Schiff der Handelsmarine angegriffen und dabei seinen Sohn getötet haben. Swinburne handelt im Affekt und aus tiefer Trauer heraus.
Rache also statt Ratio…
Gansel: Aber als inszenierender Regisseur bin ich doch froh, dass die Figur kein strahlender Held ist, nur weil er zu den Alliierten gehört. Interessanterweise fanden die Leute in England Das Boot mehrheitlich fein gezeichnet und ausgewogen. Ich gebe Ihnen Recht, dass wir eine besondere Verantwortung haben, genau hinzuschauen.
Daher nochmals die Frage: versucht die Serie auch den Zuschauern gerecht zu werden, die von der Kollektivschuld nichts mehr hören wollen?
Gansel: Nein, uns geht es um die Banalität des Bösen, die sich jetzt wieder in der Betrachtung einer Figur wie Wladimir Putin findet, den viele trotz allem auch hierzulande verehren.
Die Planungen zur 4. Staffel haben bestimmt lange vor dessen Krieg begonnen, oder?
Wolfart: Natürlich. Die Bücher für diese Staffel waren bereits entwickelt und bei Kriegsbeginn waren wir gerade auf Location-Tour in Prag.
Hat er dennoch Einfluss genommen auf Entstehungsprozess und Dreharbeiten?
Gansel: Ein absolutes Ja. Vor und hinter der Kamera waren alle extrem auf Authentizität des Gezeigten aus. Dafür hatten wir ja unsere internationalen historischen Berater, die darauf geachtet haben.
Mündet diese Authentizitätsbedarf in eine Art Bildungsauftrag, den Formate wie diese womöglich haben?
Ammon: Bildungsaufträge haben eher Dokumentationen als fiktionale Stoffe. Dennoch ist es eine Anti-Kriegsserie mit einer klaren Haltung, die immer wieder deutlich macht, dass Kriege keine Gewinner kennen.
Gansel: Jede Erzählung muss da einen historisch korrekten Kern haben.
Ammon: Wir fühlen uns den Realitäten der deutschen Geschichte verpflichtet, wollen aber ohne erhobenen Zeigefinger unterhalten und sind dafür mit einer Vielzahl an Figuren auf eine lange Reise gegangen.
Kann diese Reise noch weitergehen?
Ammon: Weil Sky keine deutsche Fiktion mehr produziert, wissen wir momentan noch nicht, ob es weitergeht. Aber wir alle wünschen uns eine Fortsetzung, denn unsere Figuren sind noch nicht auserzählt.
Elias Nerlich: Eligella & Millionen Follower
Posted: September 10, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentSieben, acht Jahre mach ich noch so weiter

Millionen Fans sehen Elias Nerlich alias Eligella zu, wie er zockt oder das Zocken anderer kommentiert. In Berlin hat der Youtuber jetzt zum dritten Mal ein Fußballturnier voller Ex-Profis und Influencern veranstaltet – vor 16.000 Hallengästen und Hunderttausenden im joyn-Stream. Der Versuch, mit ihm das eigene Phänomen zu ergründen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Elias Nerlich, als Eligella hast du Millionen Follower und Followerinnen in einem Bereich, der für viele eher Freizeit ist. Wie erklärst du dir dieses Phänomen selber?
Elias Nerlich alias Eligella: Das ist echt ‘ne gute Frage, die ich mir abends manchmal selber im Bett stelle, aber keine richtig gute Antwort finde. Viele Leute folgen mir, glaube ich, weil wir sehr authentisch sind und nicht aufgesetzt wirken. Bei Fußballern ist diese Bindung einfacher zu erklären, weil sie über ihre Außenwirkung hinaus auch noch gut kicken. Aber dass wir, ohne sie persönlich zu kennen, eine Verbindung zu den Leuten herstellen, die aufrichtig wirkt und ist, weil wir das, was wir machen, wirklich ernst meinen – ich glaube, darum geht es.
Was ist dir als Follower von anderen wichtig?
Das Mindset vor allem. Ich bin zum Beispiel ein extremer Fan von Cristiano Ronaldo, weil er einerseits so gut Fußball spielt, aber eben auch, weil er mich abseits davon inspiriert und motiviert. Sein Denken, sein Handeln – das hat großen Einfluss auf mich.
Apropos Einfluss: Wie lautet eigentlich deine Eigenbezeichnung – Influencer?
Das kommt echt auf die Situation. Jüngeren gegenüber bezeichne ich mich in der Regel als Streamer oder Youtuber, damit kann jeder was anfangen. Älteren erkläre ich mich eher als Unternehmer, weil die es womöglich gar nicht verstehen, dass ich mich dabei filme, Playstation zu spielen oder zu kommentieren.
Was sagt deine Oma denn, wenn sie von deinem Beruf spricht?
Das war anfangs schwierig (lacht). Ich habe versucht, es ihr so zu erklären, dass ich quasi meine eigene Fernsehshow im Internet mache.
Welche Rolle spielt so ein Event wie dein „Real Life Eligella Cup III“ in einer so riesigen Halle dabei?
Eine wichtige.
Ist das eher ein sportliches Event oder doch ein PR-Instrument?
Beides, auf jeden Fall. Für die Vermarktung ist das super, eine der größten Hallen in Deutschland voll zu kriegen. Das darf aber nicht davon ablenken, dass es hier auch schon um richtigen Sport geht, den die Spieler alle sehr, sehr ernst nehmen. Das sind schließlich aktuelle Regionalligisten, teilweise Ex-Profis oder Jugendbundesligisten. Das in Kombination mit Influencern ist zwar lustig, aber auch ernst gemeint.
Auch für die ist das aber ein Marketing-Tool.
Klar, das ist auch legitim. Die machen hier eigenen Content oder sind in meinen Streams zu sehen, wollen aber alle gewinnen.
Also trifft hier eSport gewissermaßen auf aSport, also Konsole auf Rasen?
Das ist zumindest ein Teilaspekt. Da treffen zwar zwei Welten aufeinander, aber ich habe ja auch lange eSport gemacht, die Grenzen verschwimmen da seit langem. Das Publikum mag es jedenfalls gern, ihre Streamer beim echten Fußball zuzusehen.
Und gegebenenfalls beim Scheitern?
Auch das kommt immer gut an, klar (lacht).
Was bedeutet es, dass ein Sender wie Joyn als Streamingplattform eines linearen Senders wie ProSieben den „Real Life Eligella Cup III“ live streamt?
Eine Menge. Es ist nicht mein erstes Event mit Joyn und sorgt dafür, dass wir uns über die Verbindung zum Fernsehen neue Zielgruppen auch in Richtung alter Medien, also des Fernsehens erschließen. Das ist eine win-win-Situation für beide Seiten, denn die profitieren ja ebenso von uns.
Aber wer profitiert aktuell noch mehr vom anderen?
Bei der Vermarktung kann eSports definitiv noch vom richtigen Sport lernen. Umgekehrt komme ich aus dem eSport, habe aber mit Delay Sport einen eigenen Verein in Berlin gegründet, der mehr Follower hat als Union und Hertha zusammen. Was Social Media betrifft, kann der richtige Fußball also schon was vom Digitalen lernen, ist aber in Sachen Professionalität und Business noch meilenweit voraus. Beide Seiten lernen voneinander.
Wird das Lernen so weit gehen, dass eSport aSport irgendwann überholt?
Glaube ich nicht, und das ist auch cool so. Richtiger Fußball und Sport im Allgemeinen werden immer die Nr. 1 sein.
Es gibt die Legende, dass junge Fußballer und Fußballerinnen viele ihrer Tricks heute an der Playstation lernen und dann auf dem Rasen anwenden. Ist da was dran?
Na ja, man kann sich da schon was abgucken, nicht nur was Tricks, sondern auch das Spielverständnis betrifft. Aber keinem Spieler gelingt ein Move, nur weil er ihn im Videospiel beherrscht. Rasen ist schon noch mal was anderes.
Wo warst du denn besser?
Im Virtuellen, auf jeden Fall.
Du bist jetzt Mitte 20. Wie lange kannst, wie lange willst du noch auf Plattformen aktiv sein, die ja eher Teil einer Jugendkultur sind?
In diesem Ausmaß? Schwer zu sagen, da können ja auch immer Schicksalsschläge dazwischenkommen oder die Familienplanung. Wenn ich mal ein, zwei, drei Kinder habe, ist dieser Aufwand nicht mehr zu schaffen. Ich würde mal sagen: sieben, acht Jahre mache ich noch weiter und dann bisschen piano.
Klingt ziemlich konkret nach Masterplan?
Da ist was dran.
Julia Becker: Funke-Group & Springer-Shelte
Posted: September 8, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentEs geht mir gar nicht so um Größe

Nicht alle dürften Julia Becker (Foto: Dominik Asbach) kennen, aber als Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Group ist sie eine der mächtigsten Verleger*innen im Land, für Qualitäts- ebenso wie für Gossenpublizistik verantwortlich, legt sich schon mal mit Springer an und will den männlichen Medienzirkus weiblich unterwandern. Zweiter Teil des journalist-Interviews über Journalismus in schwieriger Zeit.
Interview: Jan Freitag
Wo Sie Verantwortung ansprechen: Funke ist in den Top 10 der größten Medien-Unternehmen in Deutschland, als Verlagsgruppe mindestens vierter…
Wer ist denn zweiter?
Nach Axel Springer die Bauer Media Group und bei regionalen Tageszeitungen vermutlich Madsack.
Wissen Sie, es geht mir gar nicht so um Größe. Aufgrund unserer Reichweiten bei den Regionalmedien und den Zeitschriften haben wir zweifellos ein Alleinstellungsmerkmal. Das müssen und werden wir noch stärker ins Spiel bringen.
Welche Verantwortung, die daraus erwächst, ist denn größer: fürs Unternehmen, sein Publikum, die Tradition, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Demokratie und Zivilgesellschaft?
Spannende Frage. In meiner Position spricht man natürlich öfter mal über Verantwortung, und Sie dürfen mir gern glauben, dass es mein größter Anspruch ist, ihr gerecht zu werden.
Also wem gegenüber?
Dem Gesamtunternehmen inklusive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Damit die ihre Miete zahlen können und gern für uns arbeiten, muss es allerdings wirtschaftlich sein. Die zweite Verantwortung gilt, wie es unten an der Wand steht, dem Qualitätsjournalismus aus Leidenschaft für unsere Leserinnen und Leser. Er richtet sich, dritte Verantwortung, also an eine Gesellschaft, die sich auch aufgrund unserer gut recherchierten, sachlichen, nicht polarisierenden Inhalte Meinungen bilden kann. Nur eine informierte Gesellschaft kann demokratisch agieren.
Und wie steht es mit der Tradition eines Zeitungshauses im Herzen von Deutschlands größter Metropolregion?
Ich werde häufig gefragt, ob ich die Führung eines solchen Familienunternehmens als Last empfinde, die mich bedrückt.
Im Sinne von erdrückt?
Ja. Riesige Fußstapfen einer publizistisch und wirtschaftlich erfolgreichen Vergangenheit, in denen das Geld nur so sprudelte, manche Gesellschafter aber vor lauter Sprudeln oft ein bisschen zu sehr an die eigene Tasche gedacht haben. Zusammengenommen sorgen diese Verantwortungen für eine Struktur, um das Unternehmen an die künftige Generation weiterzugeben, die ja aus fünf Kindern besteht. Ich mache es aber auch für die nächste Generation Nachrichten- oder Unterhaltungskonsumenten.
Kurzfristig hatten Sie auch Verantwortung für die Branche übernommen, als Funke wegen der ungebrochenen Unterstützung für BDZV-Präsident Mathias Döpfner aus dem wichtigsten Verlagsverband ausgetreten ist.
Wobei es dabei nicht darum ging, mich als „Anti-Döpfner“ zu inszenieren. Den Anfang hatte ja eigentlich die Aufforderung zum Gespräch über einen Springer-Skandal gemacht, den viele im BDZV allerdings als interne Angelegenheit betrachtet hatten. Über diese Doppelrolle von Herrn Döpfner als Verbands- und Springerchef habe ich – übrigens auch mit ihm – diskutiert, welche Konsequenzen es für uns alle hat, wenn wir damit nicht transparent umgehen. Als ich gemerkt habe, dass jede Bereitschaft fehlte, die Strukturen hinterm Skandal zu beseitigen und für Diversität zu sorgen, ohne die uns nicht nur Mitarbeiterinnen, sondern Leserinnen weglaufen, blieb uns nur der Rückzug. Wir haben jetzt schon Schwierigkeiten, junge Menschen für uns zu gewinnen.
Aber ja nicht, weil der BDZV so springerhörig ist?
Nein, das liegt auch an den Einstellungsvoraussetzungen zum Beispiel für ein journalistisches Volontariat: Es ist oft immer noch ein Studium und – ich übertreibe jetzt natürlich – sieben Auslandsaufenthalte und fünf Jahre freie Mitarbeit gefragt. Ein anderes Thema ist die Herausforderung, Redaktionen und Verlag deutlich diverser aufzustellen. Denn misogyne Strukturen schrecken nicht nur Bewerberinnen ab. Außerdem sind wir eine Kommunikationsbranche, die davon lebt, über andere zu berichten. Wenn wir über uns selbst Mäntel des Schweigens hüllen, sobald es schwierig wird, verstärkt es ein Glaubwürdigkeitsproblem, das ohnehin längst schwelt.
Hatten Sie die Erkenntnis schon, bevor das Machtmissbrauchssystem bei Springer publik wurde und der BDZV trotzdem an Döpfner festhielt?
Ja, aber danach habe ich mir umso mehr vorgestellt, eine meiner Töchter wäre davon persönlich betroffen. Ich war nicht damit einverstanden, dass über unsere Reformvorschläge zwar viel diskutiert, jedoch nur sehr wenig davon konstruktiv umgesetzt wurde.
Hat auch der Jahresbeitrag von 700.000 Euro eine Rolle gespielt?
Als ich 2018 Vorstandsvorsitzende wurde, haben wir BDZV und VDZ eingeladen, um zu klären, welchen Mehrwert es für uns hat, zwei Verbänden insgesamt anderthalb Millionen Euro Mitgliedsbeiträge zu zahlen, und einen Reformprozess angeregt, der das in ökonomisch komplizierter Zeit rechtfertigen könnte.
Und?
Der VDZ hat etwas gemacht, der BDZV hat nichts unternommen. Das lag allerdings gar nicht so sehr an Mathias Döpfner, der als Doppelmitglied durchaus Veränderungswillen hat; es lag an einem Verband, für den ich und meine Position aus Sicht der, nun ja, meist älteren Herren, nicht so diskussionswürdig war. Ich bin trotz klarer Haltung zur Gleichbehandlung, Gleichbezahlung, Gleichstellung keine Feministin, die das Matriarchat fordert, aber dass über meine Ideen nicht mal gesprochen wurde, hat mir den Austritt erleichtert.
Zeugt die Tatsache, dass Sie noch nicht wieder eingetreten sind, davon dass weiterhin nicht gesprochen wird?
Wir sprechen auf vielen Ebenen miteinander.
Ebenen, auf denen Sie sich nicht nur in Fragen der Diversität exponieren, sondern Qualitätsmängel und reines Gewinnstreben kritisieren. Wie steht es als Besitzerin eines Verlags, dem zuletzt im Medium-Magazin lautstark Tarifflucht, Personalabbau oder den Betrieb menschenleerer Zombieredaktionen vorgeworfen werden, mit Selbstkritik aus?
Ich schätze den kritischen Blick des Medium-Magazins auf die Branche sehr, muss aber vorweg einwenden, dass meine Geschwister und ich dem Denken, Geschäftsführungen hätten zuerst der Rendite zu dienen, damit am Jahresende Ausschüttungen und Boni stimmen, zumindest bei Funke ein Ende bereitet haben. Damit das angesichts der Übernahme von Gruner + Jahr durch RTL, das selbst funktionierende Titel einstellt, Schule macht, habe ich mich damit so aus dem Fenster gelehnt, und ja auch Lösungsvorschläge angeboten.
Nämlich welche?
Wie wär’s denn mal mit Kreativität? Wie wär’s mit Kooperationen? Wie wär’s mit Synergie? Wie wär’s mit mehr Gemeinsinn einer Branche, die keine Schrauben produziert, sondern Systemrelevanz? Um Auflagenrückgänge abzufedern, muss man vieles neu denken.
Also auch, zurück zur Frage, Entlassungen oder Einkommenseinbußen für Freelancer?
Das sind operative Entscheidungen, die unser Management auf dem Weg zum Spartenkonzern manchmal treffen muss, um den Tanker Funke wirtschaftlich auf Kurs zu halten. Ich würde mir als Freiberuflerin auch keine schlechter dotierten Verträge wünschen. Auf der anderen Seite hat freiberuflicher Content vor zehn Jahren noch ganz andere Wertschätzung und damit Monetarisierung erfahren. Dem muss die Bezahlung Rechnung tragen.
Zu dumm, dass Preise und Mieten dennoch steigen…
Es gibt aber auch Arbeitgeber, die Entlassungen in hoher Zahl vornehmen, ohne sich wie wir heute den Herausforderungen wirklich gestellt zu haben. Ich kann es nicht ändern, was in der Vergangenheit hier falsch gemacht wurde, stehe aber für eine Branche, deren Zukunft von allen schlechtgeredet wird und gerate immer dann in Diskussionen, wenn sich Menschen durch unser Unternehmen schlecht behandelt fühlen. Um die Zukunft von Funke zu sichern, haben wir zum dritten Mal Geld aus dem Familienvermögen in die Gruppe gepumpt.
Wie viel genau?
Meine Mutter hat rund 500 Millionen Euro investiert, um die Brost-Anteile zu übernehmen. Ich kann verstehen, wenn die Menschen besorgt sind, würde mir aber wünschen, dass häufiger mal anerkannt wird, mit welchem Aufwand wir versuchen, Funke eine Zukunft zu geben. . Sicher denken viele, wie gut es uns in der Lounge hoch über den Alltagssorgen anderer geht. Aber die Wahrheit reicht manchmal ein bisschen tiefer. Das Wort „fair“ jedenfalls habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen.
Für sich oder andere?
Für Schüler und Senioren zum Beispiel, die sich mit Zeitungsaustragen etwas dazu verdienen wollen, aber nicht dürfen, weil ich ihnen Nachtzuschlag und Mindestlohn zahlen müsste, was sich schlicht nicht rentiert. Natürlich würde ich 80 Prozent gesparter Ausschüttungen, die nun ins Unternehmen fließen, gern vor allem ins Personal stecken, aber wir haben noch ganz andere Veränderungen damit zu schultern. Es ist meine Aufgabe, dieses Unternehmen so nachhaltig aufzustellen, dass Funke auch in zehn Jahren regional präsent und erfolgreich ist.
Und dafür dulden Sie dann eben auch Clickbaiting auf Reichweiteportalen wie derwesten.de oder faktenfreie Mimik-Analysen der Yellowpress?
Genau mit dieser Frage habe ich mich heute Nacht um drei bei Vollmond, der mir stets den Schlaf raubt, auch beschäftigt: Reichweitenjournalismus vs. Qualitätsjournalismus vs. Boulevardjournalismus.
Alles reichlich vertreten im Funke-Portfolio.
Das vergleiche ich mit Fußballmannschaften, wo der Stürmerstar für Aufmerksamkeit, also Reichweite sorgt, während das Mittelfeld spielerische Qualität zur Verfügung stellt und die Abwehr mit gröberen Mitteln dahinter aufräumt. Clickbaiting hingegen besteht, wenn eine Überschrift verspricht, was der Text nicht hält. Als mir bewusstwurde, dass das auf Portalen wie derwesten.de geschieht, hatte ich meine ersten Fremdschäm-Momente im Aufsichtsrat.
Mit welcher Konsequenz?
Mit der Konsequenz, dass sich Bettina Steinke als Chefredakteurin aller Reichweitenportale nun darum kümmert, dass Videos wie jenes, wo eine Frau ihrem Hund brennende Zigaretten in die Augen drückt, nicht mehr viral gehen. Für die Anzeigenabteilung waren Millionen Zugriffe ein Segen, fürs Verlagsrenommee ein Desaster.
Und der Boulevardjournalismus, der Ihnen in Gestalt des nicht als solches gekennzeichneten KI-Interviews mit Michael Schumacher in Die Aktuelle einen Shitstorm plus juristische Konsequenzen eingebracht hat?
Wissen Sie, wie der Boulevard-Journalismus entstanden ist? Ende des 19. Jahrhunderts haben sich William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer, beide später renommierte Persönlichkeiten der amerikanischen Medienlandschaft, einen Wettstreit darüber geliefert, wer die gruseligere Berichterstattung über einen Leichenfund im Hudson River liefert. Ich weiß nicht mehr, wer gewonnen hat, aber beiden war klar, dass mehr emotionale Aufregung mehr verkaufte Zeitungen bedeutet – ein Prinzip, mit dem der Boulevard plus einfache Sprache bis heute funktioniert.
Und damit zurück zum Schumacher-Fake.
Der natürlich nicht ging. Wir haben dafür öffentlich und auch bei der Familie Schumacher um Entschuldigung gebeten und klare personelle Konsequenzen gezogen. Grundsätzlich spricht aber nichts dagegen, auch in einem Regionalmedienhaus wie unseren Boulevardjournalismus mit eigenständigen Vermarktungs- und Erlösregeln zu betreiben, solange er unseren Guidelines entspricht.
Aber wenn Sie jede beliebige Ausgabe vom Goldenen Blatt bis zur Aktuellen lesen, finden sich darin doch Dutzende spekulativer Berichte mit oder ohne Michael Schumacher, die oft schlicht erfunden sind. Wo wären da noch mal die Guidelines?
Wir wollen verantwortungsvollen Boulevardjournalismus mit klarer Grenze. Ob wir das gut genug hinkriegen, darüber lässt sich ja streiten. Aber es ist der eigene Auftrag an uns. Klatsch und Tratsch bilden als Kulturtechniken Kitt, der Gesellschaften in Zeiten von News Fatigue nochmals bessere Halt gibt und darüber hinaus – auch wenn man mit der Vokabel gerade vorsichtig sein sollte: nicht kriegsentscheidend für die Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt ist. So gesehen hatte die Sache mit Schumacher auch ihr Gutes.
Nämlich?
Wir haben uns innerhalb einer Viertelstunde zusammengeschaltet und klargemacht, diese Art der respektlosen Herabwürdigung mittels KI künftig gemäß unseren Guidelines nicht wieder vorkommen zu lassen
Hat dieser Sinneswandel auch damit zu tun, dass Sie massiv die Frauenquote aller Führungsbereiche erhöhen, weshalb die Verlagsleitung erstmals zu drei Fünfteln weiblich ist?
Ich finde es interessant, dass Sie mich das als Mann fragen, weil es impliziert, Männer seien zu dieser Art Selbstreflexion weniger tauglich als Frauen. Also nein, es gibt viel zu viele wunderbare Männer, um ihnen generell die Bereitschaft zur moralischen, verlegerischen, journalistischen Leitplanke abzusprechen. Es geht also nicht nur darum, die Frauenquote zu erhöhen, sondern generell diverser zu werden.
Generell heißt?
Mehr Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund zum Beispiel, aber auch alleinerziehende Väter. Ich vergleiche unseren Verlag da gern mit einem Linienbus, in dem unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten sitzen, die der Fahrer ohne Ansehen ihrer Hintergründe mitnimmt. Also keine Sorge, liebe Männer: ihr fliegt nicht alle bei erster Gelegenheit raus. Wahrer Feminismus bedeutet für mich Gleichbehandlung – egal ob Mann oder Frau oder wie immer man sich definiert.
Julia Becker: Funke Group & Springer-Schelte
Posted: August 24, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentSowas sollte man eine Mutter nie fragen
Nicht alle dürften Julia Becker (Foto: Dominik Asbach) kennen, aber als Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Group ist sie eine der mächtigsten Verleger*innen im Land, ist für Qualitäts- ebenso wie für Gossenpublizistik verantwortlich, legt sich schon mal mit Springer an und will den Männermedienzirkus überhaupt weiblich unterwandern. Ein journalist-Interview über Journalismus in schwieriger Zeit, wegen der Länge verteilt auf zwei donnerstagsgespräche.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Becker, Sie sind Aufsichtsratschefin eines der größten deutschen Medienhäuser. Könnten Sie aus dem Stehgreif sämtliche Titel der Funke-Mediengruppe aufzählen?
Julia Becker: Also bei unseren Yellow-Titeln könnte es sein, dass ich mich mal vertue. Auch die Me-too-Produkte der anderen Verlage wie Lisa, Laura, Lena und wie sie sonst alle heißen bringen einen schon mal durcheinander.
Und die Tageszeitungen?
Könnte ich selbstverständlich alle aufzählen. Wenn ich da keinen konkreten Überblick übers Portfolio meines eigenen Verlages hätte, wäre ich als Aufsichtsratsvorsitzende die Falsche.
Und welche Digital-Portale hat Funke mittlerweile?
Angesichts der Bewegungen am Markt ist es auch da nicht so leicht, alles auseinanderzuhalten. Aber jüngere Akquisitionen wie Musterhaus.net, gofeminin.de oder EDITION F, kenne ich natürlich gut.
Und haben alle gleich lieb?
So was sollte man eine Mutter eigentlich nie fragen (lacht), aber natürlich mag ich alle – auch wenn jedes einzelne sehr eigene Herausforderungen, Bedürfnisse, individuelle Betrachtungsweisen mit sich bringt. Um im Familienbild zu bleiben: das alte Markenportfolio, besonders traditionelle Zeitungs- oder Magazintitel, kann man nicht identisch wie junge Online-Portale behandeln. Da muss man zwischen selbst geboren und adoptiert unterscheiden.
Letzteres gilt fürs Springer-Paket, das Funke vor elf Jahren für annähernd eine Milliarde Euro gekauft hatte.
Großartige Marken, aber am Medienstandort Hamburg sozialisiert, also völlig anders als hier im Ruhrpott. Umso wichtiger ist es für eine Mutter, alle morgens, mittags, abends in Essen an einen Tisch zu holen und ihnen zwar klarzumachen, dass uns zwar an einer abgestimmten, kooperativen Strategie des Miteinanders gelegen ist, am Ende aber das Elternhaus die Entscheidungen trifft.
Können auch zu viele mit am Tisch sitzen? Kann ein Medienunternehmen wie Funke zu diversifiziert für eine erkennbare Verlagsstrategie sein?
Na ja, jedes Unternehmen sollte sich wie jedes Paar bitte vor der Entscheidung überlegen, ob und wie viel Zuwachs es haben will. Also klares nein! Unser Haus lebt im Unterschied zur gewöhnlichen Familie von Diversifikation – und dieser Bedarf ist im Zuge der digitalen Transformation noch größer geworden. Etwa, was technische und personelle Auswirkungen einzelner Marken aufs restliche Unternehmen betrifft. Nehmen Sie Edition F.
Ein feministisches Online-Portal, das Ihre Gleichstellungsoffensive kennzeichnet.
Die haben eine Wahnsinnsreichweite bei Instagram und hohe Social-Media-Kompetenz, davon profitiert das gesamte Haus. Auf analoger Ebene galt das auch für den Springer-Deal, bei dem wir nicht nur ein umfangreiches Portfolio neuer Titel erworben haben, sondern zahlreiche großartige Journalistinnen und Journalisten, die im Digitalen damals teilweise schon weiter waren als wir in Essen. Viele der main claims von 2012 sind 2023 genauso aufgegangen, wie geplant – übrigens auch, was die Unternehmenskulturen angeht.
Sind die schwerer zu vereinbaren als Portfolios?
Natürlich. Zumal wir damals erst seit kurzem nicht mehr WAZ-Gruppe hießen.
Was eine viel stärkere Verwurzelung im regionalen Zeitungsmarkt mit sich brachte.
Ein Jahr zuvor erst hatte unsere Mutter die Anteile der Familie Brost übernommen und Funke in den alleinigen Besitz der Nachfahren von Jakob Funke mit ihr als Mehrheitseignerin gebracht. Darauf folgte im zweiten Schritt die Etablierung des Aufsichtsrats, gefolgt von der Umbenennung und zuletzt dem Springer-Deal, das gehörte alles zusammen. Es waren schwierige, aber wichtige Prozesse, unterschiedliche Persönlichkeiten zu integrieren und damit das bis dahin vorherrschende Verlagsdenken zu überwinden.
Das worin bestand?
Neue Akquisitionen unter den Hut alter Strukturen zu pressen und zu hoffen, alle seien dankbar fürs traditionsreiche Unternehmen, dem man nun angehören darf. Neues Denken versucht Synergie-Effekte dagegen eher durch ein gemeinsames Verständnis dessen zu erlangen, was der eine vom anderen hat. Und dieses Verständnis muss prozesshaft wachsen, weshalb es bis heute noch individueller Nachjustierungen bedarf, um sich wirklich als Teil eines Ganzen zu verstehen. Redakteure und Redakteurinnen des Hamburger Abendblatts fühlen sich ja nicht ausschließlich durch die Besitzverhältnisse einem Essener Unternehmen zugehörig. Das muss man pflegen. Soll ich Ihnen mal eine Geschichte erzählen, die mich bis ans Ende meiner Laufbahn verfolgen wird?
Nur zu!
Wir hatten damals die Idee eines Get-togethers, um das alte mit dem neuen Personal bekannt zu machen, und dafür eine Scheune außerhalb Essens organisiert, die so ein bisschen rustikal-ländlich dekoriert war. Alles sehr unkompliziert. Jeder bekam eine Flasche Bier in die Hand – ehrlich, robust, von Herzen, Ruhrpott eben. Wenn da einer sagt, komm her du Arsch, ist das nett gemeint.
Und dann kamen die Hamburger?
Und dann kamen die Hamburger (lacht)! Wenn denen einer sagt, komm her du Arsch, klingt da halt weniger nett gemeint als hier. Und robustes Bier fanden auch nicht alle so toll. Vorbehalte existierten allerdings auch umgekehrt. Ich erinnere mich, dass meine Mutter gar nicht so sehr beim Kaufpreis geschluckt hatte, sondern weil die Goldene Kamera nun zu uns käme. Rote Teppiche waren so gar nichts für sie.
Aber was ist bei alledem denn nun das wichtigere Motiv der Funke-Gruppe, sich durch Käufe und Neugründungen breiter aufzustellen – Diversifikation, Wachstum, beides?
Der wichtigste Treiber war 2012 – vor der heutigen Aneinanderreihung pausenloser Krisen – ein strategischer. Nämlich Größe am Markt gleich Sicherheit. Funke hatte seinerzeit praktisch nirgendwo Führungsrollen in der deutschen Medienlandschaft. Dennoch folgte die Erweiterung keiner Eitelkeit, sondern dem Bedarf, neben wirtschaftlichen und publizistischen auch unsere Vermarktungs- und Vertriebsmöglichkeiten zu verbessern. Nur so sind wir in eine Liga aufgestiegen, die aus eigener Kraft unerreichbar gewesen wäre. Wissen Sie, was immer das liebste und aus seiner Sicht beste Blatt meines Großvaters Jakob Funke neben der WAZ war?
Es gab für ihn etwas auf Augenhöhe der WAZ?!
Ja, das Hamburger Abendblatt. Er hat es immer als Paradebeispiel für guten Lokaljournalismus hochgehalten und sogar in Essen täglich gelesen. Deshalb hatte es auch so emotionale Bedeutung für den Verlag und mich, da hat sich ein Kreis geschlossen.
Aber haben 920 Millionen Euro für ein Bündel Papiermedien die Digitalisierung des Unternehmens nicht eher gebremst?
Im Gegenteil. Wir haben diese analogen Titel auch und wegen ihrer Online-Expertisen geholt. Damals allerdings weniger im Hinblick auf digitale Abos, sondern technische und personelle Kompetenzen. Denn um ehrlich zu sein, hatten wir in Essen noch aufs Internet geschaut, wie wir es jetzt auf KI tun: alle ahnen, das wird wichtig, aber was genau wir damit anfangen, muss sich erst noch zeigen.
Die seinerzeit auch eher noch in Homepages mit Print-Inhalten bestand als selbstständiger, geschweige denn profitbringenden Online-Auftritten.
Was haben wir da aus dem Gefühl heraus, bisher habe es doch auch analog immer gereicht, an Zeit vertan, um Dinge anzugehen, die eigentlich längst alle auf dem Tisch lagen. Da muss ich allerdings unsere Geschäftsführung in Schutz nehmen; in Unternehmensstrukturen zweier Eigentümer, die sich eher gegenseitig blockieren als sachorientiert unterhalten, war es schwer, grundlegende Innovationen voranzutreiben.
Gibt es auch unter Ihrer Führung, wo Gewinne nicht mehr an die Familie, sondern das Unternehmen ausgeschüttet werden, noch immer eine nostalgische Verbundenheit zum alten Printgeschäft mit der WAZ als Flaggschiff?
Wir feiern bald Free-Funke-Tag, an dem zwei Jahre zuvor die letzten Minderheitsanteile durch die Übernahme durch meine Geschwister und mich – und meine Mutter hält ja auch noch ein Prozent – in den Besitz einer Familie übergegangen sind. Es war ein echter Game Changer, strategische Entscheidungen fortan einvernehmlich treffen und ihre Umsetzung einfordern zu können. Bis 2021, das muss man sich mal vorstellen, gab es wegen der Ausschüttungspraxis nahezu null Spielraum für Digitalstrategien.
Das zu verändern, war Ihre ganz persönliche Entscheidung.
Ja, denn sonst – und damit zurück zu Ihrer Frage – wären wir tatsächlich weiter ein Print-Verlag mit Online-Zweitverwertung geblieben. Das hat sich zum Glück geändert. Aber weil uns klar ist, dass wir die Mittel zur Digitalstrategie unserer jahrzehntelang treuen Magazin- und Zeitungskundschaft verdanken, sind wir alle überzeugt davon, mit beidem in die Zukunft zu gehen. Das Analoge aufzugeben, wäre ebenso falsch wie zuvor die Vernachlässigung des Digitalen war.
Aber wie passt es dazu, dass Sie im Verbreitungsgebiet der Ostthüringer Zeitung, wo die physische Zustellung kaum noch kostendeckend ist, eine Kampagne zur Umwandlung analoger in digitale Abos unternehmen?
Wissen Sie – was wir in dieser logistisch schwierigen Region machen, hat doch bislang noch kein Verlag vor uns getan. Wir nötigen den Menschen, die seit Jahrzehnten OTZ lesen, nichts auf, sondern versuchen sie von unseren digitalen Produkten, vor allem den E-Papern, zu überzeugen.
Mit welchem Ergebnis?
Zugegeben – mit ernüchterndem, aber auch motivierendem. Ein Drittel der Leserinnen und Leser haben Digital-Abos abgeschlossen. Das ist nicht genug, aber ein Anfang, den der Verlag vor Free-Funke wohl nach kühler Kosten-Nutzen-Abwägung kaum fortgesetzt hätte. Wir haben diesen Aufwand trotzdem gerne betrieben, weil wir ihn Marken schuldig sind, die wir den Menschen, aber auch ihrer Region unbedingt erhalten wollen.
In einer ländlichen Region, wo das Durchschnittsalter Ihrer Kundschaft bei 60+ liegt…
Ehrlicherweise liegt es sogar bei 70+ und drüber. Das war eine Erkenntnis unserer Aktionen vor Ort. Aber die gute Nachricht ist, mit welcher Leidenschaft sie erklären, warum ihr Print-Abo so wichtig ist. Solche Basis-Informationen braucht ein Verleger manchmal mehr als so manches Digitalisierungskonzept, in dem die Liebe zur Haptik gedruckter Zeitungen oft gar nicht vorkommt. Wenn das Vorhaben, Journalismus ins Digitale zu transformieren, misslingt, dann liegt die Versuchung oft nahe zu sagen, der Markt, die Technik oder eine Chefredakteurin/ein Chefredakteur ist schuld. Dabei hat es womöglich auch mit dem Bruch des Vertrauens zu tun, das die Leserschaft in uns hatte.
Bleibt Ihr Dilemma, dass diese Leserschaft buchstäblich ausstirbt.
Und eben deshalb ist unser Anspruch, nicht ebenfalls zu sterben, sondern vor Ort mit der und für die Marke im Austausch mit denen, denen sie etwas bedeutet, Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Vertrauen derer, die glauben, wir hätten morgens ein Briefing mit der Bundesregierung, um unsere Artikel zu diktierten und der Rest sei gelogen, ist vermutlich längst verloren. Für alle anderen aber müssen wir lernen, auf der Straße für unsere Sache zu kämpfen: verlässlichen Qualitätsjournalismus.
Und wenn der Kampf um den Wechsel ins Digitale misslingt?
Es gibt – und das haben wir bei unserem Pilotprojekt ja gemerkt – Leserinnen und Leser, die aus den verschiedensten Gründen nicht auf digital umstellen wollen oder können. Und dann finden sich auch irgendwie Wege. Die OTZ zum Beispiel stellen wir dort, wo sich Austragen nicht lohnt, auf Wunsch auch später mit der Post zu.
Machen Erstellung, Druck und Vertrieb solche Medien dann zu Zuschussgeschäften?
Wir haben – bedingt auch durch Corona, Krieg, Inflation, Papier- und Energiemangel – sicher Herausforderungen. Aber von Zuschussgeschäften zu reden, von denen wir weit entfernt sind, sendet ein völlig falsches Signal nach außen, als gehe es nur um Anzeigen oder Logistik. Wir müssen über Qualität, Service, Inhalte sprechen und erst dann über Erträge oder Verbindlichkeiten, die wir Banken gegenüber natürlich haben. Dafür benötigen wir intensive Datenauswertungen, um herauszufinden, was die Leute bei uns lesen wollen.
Das wäre allerdings nachfrageorientierter Journalismus.
Nicht, wenn unser Anspruch zugleich lautet, auch dunkle Ecken der Gesellschaft zu beleuchten, auf Missstände aus seriösen Quellen, die vielleicht nicht so gut klicken wie Promi-Geschichten, aber unserem journalistischen Selbstverständnis entsprechen. Darauf konnten wir uns, genauso wie auf die Strategie digital first, trotz aller internen Querelen schon 2018 einigen. Deshalb bin ich auch optimistisch, dass wir unser Ziel erreichen, mit Regionalmedien bis 2025 eine Million Abos zu erreichen, die Hälfte davon digital.
Puh, klingt ehrgeizig…
Aber machbar. Denn es gibt auf dem Weg dorthin ja viele positive Signale. Zuletzt haben wir zum Beispiel das 100.000 ePaper gefeiert.
Im gesamten Portfolio?!
Im gesamten Portfolio der Regionalzeitungen, ja. Aber es ist ein Schritt nach vorn, der undenkbar gewesen wäre, als wir ohne Digitalstrategie auch noch untereinander zerstritten waren. Die Lage war 40 Jahre so verfahren, dass es keine einheitlichen Lösungswege gab. Digital first kam daher spät, aber rechtzeitig genug, um das Ruder noch rumzureißen. Hätten wir es nur unwesentlich verschoben, wäre uns Corona in die Quere gekommen.
Woran genau zum Beispiel?
Nehmen Sie den „Orden wider den tierischen Ernst“ für Marie-Agnes Strack-Zimmermann im letzten Karneval. Früher hätte es von ihrem Dracula-Kostüm ein Bild gegeben, Text dazu, fertig. In den digitalen Produktenkönnen wir jetzt mit Videos zeigen samt Schwenk aufs Gesicht von Friedrich Merz und damit eine Emotionalität erzeugen, die sich dann zusätzlich auch bei Tiktok oder Instagram verwerten lässt. Diese Tools können und müssen wir zwar noch viel besser vermarkten, merken aber schon jetzt, wie sie greifen. Damit werden wir unserer Verantwortung für Personal und Publikum auf zeitgemäße Art und Weise gerecht.
Fortsetzung am 31. August
Afrob: Deutscher Rap & König ohne Land
Posted: June 23, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch bin an Lösungen interessiert

Unterm Pseudonym Afrob macht der schwäbische Rapper Robert Zemichiel seit 25 Jahren HipHop, der zugleich politisch und persönlich ist. Beides vereint er auch auf seiner neuen Platte König ohne Land, auf dem der Mittvierziger anfangs stinkwütend klingt, um später ruhig zu werden. Ein Gespräch über Hoffnung im Chaos, Durchatmen im Lockdown und warum er das ewige Kämpfen satthat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Im Intro deiner neuen Platte sagst du, „Menschen dieser Zeit / sind absolut verrückt“. Alle Menschen?
Afrob: Nein, denn nichts auf der Welt gilt für alle, aber aus meiner Sicht ist schon ein Großteil der Leute außer Kontrolle geraten. Trotzdem glaube ich an die Menschheit, die macht nämlich – auch wenn man davon gerade nur wenig sieht – insgesamt mehr schöne als schlechte Dinge. Was für mich bedeutet, nie die Hoffnung zu verlieren.
Musikalisch klingt das Album allerdings so rough und wütend, als hättest du einen Teil deiner Hoffnung eingebüßt.
Nach hinten heraus werde ich versöhnlicher, aber stimmt: zu Beginn schmeiße ich den Leuten ein paar Stücke Fleisch hin und schaue, was sie damit machen. Klingt dann vielleicht negativ und verschwörungsideologisch, aber ein bisschen Provokation kann nie schaden.
Ist es das Negative, Verschwörungsideologische, was die Leute aus deiner Sicht am wahnsinnigsten macht?
Wahnsinnig ist vor allem, dass sie sich nicht mehr zuhören können und wollen, dass sie die Aussagen des Gegenübers nicht mehr in ihre Argumentationen einfließen lassen, dass sie deren Grenzen nicht respektieren, also Grundprinzipien der Kommunikation missachten.
Verglichen mit deiner Anfangszeit 1999 ist also alles schlimmer geworden?
Ja, damals hab‘ ich den Wahnsinn im Mikrokosmos empfunden als einer, der nicht so aussieht wie andere und es zu spüren kriegt. Das hat den Mikrokosmos nun in den Makrokosmos verlassen und macht es mir schwer, durch die Öffentlichkeit zu navigieren und gemeinsame Nenner zu finden.
Das versuchst du?
Klar. Schließlich bin ich trotz meiner Hautfarbe privilegiert, sozial aufgestiegen, gut beschäftigt. Aber die Außenwahrnehmung auf mich ist eine andere. Und den ewigen Kampf, der mir als Schwarzer im weißen Mitteleuropa auferlegt wurde, wollte ich gar nicht; das sollten eigentlich jene machen, die dafür gewählt wurden. Ich bin an Lösungen interessiert, nicht an Problemen.
Mit deiner Musik als Kommunikationsangebote oder sind das nur Statements?
Darin sehe ich keinen Widerspruch, sofern es nicht erzieherisch ist. Wenn sich jemand mit meiner Sicht der Dinge identifizieren kann und will, bin ich froh drüber, würde es aber nie voraussetzen. Dennoch habe ich Überzeugungen, deren Gegenposition indiskutabel ist, durch Social Media allerdings unglaublich viel schneller als früher Verbreitung finden.
Der Bullshit wird vernehmbarer.
Was wir jetzt erleben, gab es in ähnlicher Form schon immer, selbst Dinge wie Cancel Culture. Sie verlassen allerdings schneller den Raum erzeugen ungleich lautere Empörung.
Erreicht ein Kommunikationsangebot wie „König ohne Land“ denn auch die lauthals Empörten oder am Ende doch nur die Gleichgesinnten deiner eigenen Bubble?
Da mache ich mir schon lang keine Illusionen mehr, nein.
Weil du trotz deiner Erfolge nicht die Reichweite größerer Popstars hast?
Weil ich mir meines Dunstkreises bewusst bin, in dem ich niemanden belehren und sagen will, wie sie ihr Leben führen sollen. Deshalb bleiben meine Texte meistens eher auf zwischenmenschlicher Ebene.
Warum wimmelt es auf König ohne Land dann nur so vor Hinweisen auf Krieg und Waffen?
Stimmt, das bringt vielleicht die Schwarze Perspektive mit sich. Darüber hinaus aber wird es gerade im zweiten Teil des Albums ruhiger.
Ist das auch eine Altersfrage, mehr Gründe zur Wut zu haben, aber sich weniger darüber aufzuregen?
Vielleicht, aber wenn jemand wie ich, der tendenziell noch immer am Rand der Gesellschaft steht, ständig wütend wird, würde er viele Klischees erfüllen, die ich nicht erfüllen will. Es ist einfach klüger, emotionslos und strategisch ans Thema Rassismus heranzugehen. Damit es mir irgendwann nicht mehr auf die Eier geht, brauche ich daher Ergebnisse, und zwar nicht nur für mich, sondern alle, die aussehen wie ich. Dafür braucht man gelegentlich ein bisschen Wut, aber auch den Kopf, das Herz, bisschen Muskeln, sonst ist es schwer, Leute auf den Weg zu bringen. Und dafür machte mein Album ein paar Angebote, die der HipHop mit sich bringt.
Das CNN der Schwarzen, wie es früher hieß.
Jedenfalls ein Medium mit sehr viel Text, dem zugehört wird. Und weil ich es noch richtig physisch auf Vinyl pressen lasse, erreicht es die Menschen besser.
Empfindest du dich dabei als Einzelkämpfer oder Teil einer Bewegung?
Weil die Leute, mit denen ich privat zu tun habe, oft dieselben sind, mit denen ich Musik mache, existiert schon ein gemeinsamer Nenner, was aber nicht heißt, dass wir alle dieselben Kämpfe ausfechten. Zumal ich, obwohl sich das gesellschaftliche Klima durch die Flüchtlingsdebatten seit 2015 nochmals verschärft hat, selber nicht dauernd welche führe. Ich mache auch keine Gesinnungstests bei Leuten, mit denen ich zu tun habe. Weißt du, wer meine Platten kauft?
Fans & Friends?
Überwiegend Deutsche, Männer vor allem, denen es völlig egal ist, wie ich aussehe, weil sie meine Musik lieben. Das ist meine Bewegung.
Und wie ist es mit der HipHop-Szene, deinen Wurzeln in Stuttgart zum Beispiel?
Beste Stadt der Erde (lacht). Nee, diese Romantisierungen alter Subkulturen an einem Ort, die zusammenhalten, sind schön, aber falsch. Das macht die Wirklichkeit allerdings nicht unbedingt schlechter, nur realistischer. In den letzten fünf Jahren, die in jeder Hinsicht hart für alle waren, haben sich neue Gemeinschaften rausgebildet, die mir neue Hoffnung machen. Ich glaube an die Zukunft. Weißt du, was ich mit meinen Platten mache?
Na?
Ich schicke drei Kopien davon zu einem Archiv in München, das deutsche Kunst sammelt, und hoffe, die lagern das 300 Meter tief unter der Erde, und in 200 Jahren holt jemand meine Alben als Zeitdokumente hoch und hört rein, was wir damals zu sagen hatten.
Du schreibst deine Texte für die Ewigkeit?
Klar, ich bin Schwabe. Alles muss von Dauer sein: das Haus, der Garten, die Alben.
Macht dich das zum Perfektionisten?
Ja, und das macht mich wahnsinnig, immer in Schönheit sterben zu wollen (lacht). Ich beneide Leute, die ins Studio gehen und in zwei Wochen ein Album produzieren; ich brauche manchmal zwei Wochen für einen Vers.
Bist du denn mit diesem Album in Schönheit gestorben und kannst es nach München schicken?
Sonst würden wir hier nicht sitzen, deshalb hab‘ ich den Start ein Jahr verschoben, und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ist es womöglich falsch, tagelang über einer Zeile zu brüten. Das ist nicht gewissenhaft, sondern ängstlich. Aber Angst ist okay, Angst ist gut, Angst kann dich schützen, vor dir und anderen. Deshalb sage ich im Intro: „Ich denk’s immer groß / ich mach’s immer klein“.
An anderer Stelle rappst du über die Corona-Lockdowns: Ich durfte nicht ans Mic / doch ich war niemals so frei“. Ernsthaft?
Ernsthaft. Obwohl meine Eltern beide gestorben sind, ist dieses Durchatmen unbezahlbar. Ich hatte endlich mal keinen Zwang, irgendwas zu machen. Schön.
Kai Gniffke: Wagenburg & ARD-Vorsitz
Posted: June 9, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentAlle Medienanbieter sind momentan gestresst

Nach 100 Tagen als ARD-Vorsitzender spricht SWR-Intendant Kai Gniffke (Chiara Bellamoli) mit journalist und freitagsmedien über die großen Themen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wie umgehen mit der Kritik am System? Welche Lehren zieht die ARD aus den RBB- und NDR-Skandalen? Und wie stellt sich die Sendergemeinschaft für die Zukunft auf?
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Gniffke, sie haben die hunderttägige Schonfrist als ARD-Vorsitzender gerade hinter sich.
Kai Gniffke: Ziemlich genau sogar.
Also Schonfrist beendet. Was ist nach drei Monaten im Amt leichter: einen Sack Flöhe hüten, Schalke 04 trainieren oder neun Sendeanstalten der ARD leiten?
Weder noch, es ist eher, wie den SC Freiburg trainieren. Die ARD fühlt sich nämlich gerade an, wie ein sehr spannendes Team, das richtig erfolgreich spielt: mit sehr viel Enthusiasmus, sehr gutem Spirit und sehr genauer Aufgabenverteilung. Weil alle genau das Gleiche wollen, nämlich dem Publikum bestmöglichen Journalismus und bestmögliche Unterhaltung bieten.
Puh, das klingt angesichts vom Stress des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seit den Skandalen von RBB und NDR ein bisschen arg positiv…
Alle Medienanbieter sind momentan gestresst, weil alle damit zu tun haben, dass sich die Mediennutzung komplett verändert. Wir zum Beispiel müssen uns darauf einstellen, dass schon in wenigen Jahren mehr Menschen nichtlineare Inhalte nutzen als lineare. Unsere Herausforderung besteht deshalb darin, die Angebote in Radio und Fernsehen stark zu halten und gleichzeitig ARD-Mediathek und Audiothek noch erfolgreicher zu machen, um das Feld nicht chinesischen oder amerikanischen Tech-Konzernen zu überlassen.
Und welche Aufgabe kommt Ihnen als Vorsitzender dieser Arbeitsgemeinschaft neun höchst verschiedener Rundfunkanstalten dabei zu – die eines Mediators?
Als ARD-Vorsitzender ist man an manchen Stellen Impulsgeber, an anderen Moderator, aber am Ende jeder Diskussion auch dafür mitverantwortlich, dass Entscheidungen gefällt werden. Mediator wäre mir da zu wenig.
Wie wäre es mit Streitschlichter?
Auch nicht.
Sind die Sendeanstalten im Zuge der Skandale des vorigen Sommers zusammengewachsen oder beäugt man sich ein bisschen kritisch bis skeptisch?
Die berechtigte Kritik hat sich am Ende stark auf ein einzelnes Haus fokussiert, darum war von Beginn an selbstverständlich, dass beim RBB zunächst mal die Aufarbeitung der Fehler erfolgen muss. Dennoch herrschte schon Ende vorigen Jahres, unter der kommissarischen Leitung von Tom Buhrow als ARD-Vorsitzender, eine Stimmung des Unterhakens in der ganzen ARD im Zeichen gegenseitiger Solidarität.
Womöglich gar eine Art Wagenburgmentalität zur Abwehr äußerer Bedrohungen?
Das Wagenburg-Bild passt nicht. Wir wollen die berechtigten Angriffe auf das, was schiefgelaufen ist, nicht abwehren, im Gegenteil. Wir müssen uns damit doch auseinandersetzen und alles dafür tun, dass solches Fehlverhalten sich nicht wiederholen kann. Das haben wir getan. Und dann geht es darum, gemeinsam wieder auf Kurs zu kommen, Tempo aufzubauen. Und da ist es schon sinnvoll, wenn alle im gleichen Rhythmus, vor allem in die gleiche Richtung rudern. So viel in Metaphern. Natürlich waren die vergangenen Monate für alle in der ARD sehr anstrengend, aber nicht wegen eines Gegeneinanders. Was da beim RBB vorgefallen ist, war zuvor schlicht undenkbar. Aber natürlich geht uns das alle etwas an. Schließlich ist der RBB Teil der ARD-Familie, und zwar ein wichtiger.
Und welchen Einfluss hat das turnusmäßige Oberhaupt auf diese Familie?
Weder ich noch irgendjemand sonst sollte versuchen, sich in dieser herausfordernden Zeit als Retter oder Erneuerer der ARD auf Kosten anderer zu profilieren. In einer Arbeitsgemeinschaft neun unabhängiger Landesrundfunkanstalten, deren Unternehmenskultur und regionale Beschaffenheit höchst unterschiedlich geprägt sind, können wir nur zusammen gewinnen oder verlieren.
Klingt, als sei das winzige Radio Bremen auf Augenhöhe mit dem riesigen WDR…
Das klingt nicht nur so. Seit dem Herbst 2022 haben wir gemeinsam sehr schnell Konsequenzen aus den Vorgängen beim RBB gezogen und unsere Regeln im Bereich Compliance, Controlling und Transparenz, die für alle gleichermaßen gelten, geschärft und vereinheitlicht.
Und das reicht für alle Baustellen?
Nein, darüber hinaus benötigen wir den ganz großen Aufschlag umfassender Reformen. Dieser gewaltige Prozess hat allerdings nicht erst in meiner Amtszeit begonnen, aber jetzt ist er unumkehrbar. Egal wo ich hinkomme: kaum jemand sagt, wir wollen die ARD weghaben, aber viele sagen, wir wollen euch anders und zukunftsfähig haben. Daran arbeiten wir.
Woran genau jetzt?
Wir brauchen eine neue ARD, also weg vom „jeder macht alles“, hin zum „jeder macht, was er am besten kann“, und stellt es letztlich allen anderen zur Verfügung. Kooperation und Arbeitsteilung müssen da einen ganz neuen, viel größeren Stellenwert kriegen als bislang.
Erst heute hat NRW-Medienminister Nathanael Liminski in der Süddeutschen ein ganzes Bündel Synergie-Effekte von zusammengelegten Verwaltungsstrukturen über gemeinsame Service- und Magazinangebote bis hin zur Fusion ganzer Intendanzen angeregt – könnten Arbeitsteilung und Kooperation so weit gehen, dass ganze Führungsstäbe verschwinden?
Vieles von dem, was Nathanael Liminski vorschlägt, ist bei uns schon in Arbeit. Wir bilden redaktionelle Kompetenzzentren in zunächst vier Bereichen; Klima, Gesundheit, Verbrauchermagazine und Hörspiel – weitere können folgen. Wir kaufen zunehmend gemeinsam ein, wir vereinheitlichen unsere SAP-Systeme. Und bestimmt gibt es noch weitere Verwaltungsbereiche, in denen wir mehr gemeinsam machen können. Dass die Geschäftsleitungen selbständiger ARD-Medienhäuser aber miteinander verschmelzen, ohne dass die Sender selbst fusionieren– das halte ich nicht für realistisch.
Und ginge bei den Dritten Programmen damit weiter, was Sie durch Schlagworte wie „Mantelredaktionen“ oder „Pool-Lösungen“ kennzeichnen?
Absolut. Wir haben beispielsweise im Hörfunk verschiedene Prozesse eingeleitet, die von gemeinsam genutzten Beiträgen über geteilte Sendestrecken bis hin zum Austausch ganzer Sendungen reichen. Im Fernsehen kann das so weit gehen, dass sich die Dritten Programme auf ihren regionalen Kern konzentrieren und alles drumherum wird gemeinsam gestaltet. Nicht jeder Sender muss für jedes Thema eine eigene Fachredaktion unterhalten. Das ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel.
Für den sich die Gewerkschaften, Personal- und Betriebsräte herzlich bedanken dürften, falls dafür immer noch weiter Personal abgebaut wird.
Warum? Ich kann jetzt hier nur für den SWR sprechen, nicht als ARD-Vorsitzender. Wir sind und bleiben ein fairer und verlässlicher Arbeitgeber. Wir müssen in der ARD unsere Medienhäuser den Erfordernissen der Zukunft und dem uns anvertrauten Geld anpassen. Dass Beschäftigte diesen Reformprozess mit Leben füllen und sich für die neue ARD engagieren, ist ebenso anstrengend wie verdienstvoll. Dabei muss aber hier beim SWR niemand fürchten, entlassen zu werden.
Ist der angestrebte Wandel strukturell bedingt oder finanziell, geht es also eher darum Prozesse zu optimieren oder dabei Geld einzusparen?
Die Zeiten, in denen alle alles machen, sind völlig unabhängig vom finanziellen Druck einfach vorbei. Außerdem benötigen wir in der heutigen Zeit mehr denn je journalistische Exzellenz. Und die gewinne ich eher, wenn Kräfte gebündelt als gestreut werden. Journalistische Exzellenz und betriebswirtschaftliche Effizienz miteinander verbinden – so lautet aktuell die Zauberformel.
Was Sie als Chefredakteur von ARD-aktuell 16 Jahre in Hamburg erprobt haben. Welche Themenfelder abseits der Nachrichten gibt es noch, in denen Synergie-Effekte stecken?
Wir prüfen das zum Beispiel gerade beim Thema Klima, das habe ich vorhin angedeutet. Dass das ein großes, wenn nicht das größte Thema unserer Zeit ist, hat jedes Haus längst begriffen. Wahrscheinlich entstehen überall gerade Fachredaktionen, die sich im Rahmen der Arbeitsteilung in einem senderübergreifenden Kompetenzzentrum sehr gut bündeln ließen, an dem alle partizipieren, von dem aber auch alle profitieren.
„Alle“ beinhaltet vermutlich auch das Publikum. Wie hoch schätzen Sie dessen Wohlwollen für öffentlich-rechtliche Sender angesichts der zurückliegenden Skandale ein?
Sehr hoch. In einer repräsentativen Studie haben wir die Menschen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz unlängst gefragt, was sie vom SWR halten. Nach dem SWR Image Trend 2022 sagen zwei Drittel der Befragten, dass der SWR sein Geld wert ist. Und auch nach einer anderen repräsentativen Studie von 2022 gibt es für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkangebote in den Kategorien „gesellschaftliche Relevanz“ mit 81 Prozent und „Glaubwürdigkeit“ mit 78 Prozent Zustimmungswerte (Quelle: ARD/ZDF Massenkommunikation Trends 2022).
Und dafür zahlen die Leute bereitwillig und gerne fast 20 Euro im Monat?
Na ja, Zahlungen lösen selten große Begeisterung aus, das ist wie bei Steuern und Abgaben: Ungeachtet all der Leistungen, die sie dafür bekommen, dürfte die Antwort, ob die Leute sie gerne zahlen, eher Nein lauten. Damit müssen wir umgehen.
Zumal Vertrauen in den SWR nicht deckungsgleich mit Zufriedenheit mit dem SWR oder anderen Funkhäusern bedeutet…
Wobei Vertrauen ein soliderer Wert ist als Gefallen, darum ist mir das Vertrauen zunächst mal wichtiger. Wir werden den Menschen und den Regionen weiterhin, wenn nicht gar stärker, Gesicht und Stimme geben, so wächst Zufriedenheit. In der Zeit der Pandemie jedenfalls waren die Vertrauenswerte und damit die Akzeptanz für ARD und ZDF so groß wie nie. Gerade in schwieriger Zeit sind wir den Menschen ein verlässlicher Begleiter, der ihnen Orientierung, Heimat und Geborgenheit gibt.
Reichen, zurück zum Rundfunkbeitrag, die 18,36 Euro dafür mittelfristig aus?
Mit dem Geld, das uns die Beitragszahler und -zahlerinnen anvertrauen, haben wir auszukommen. Ich kann ja nicht sagen, verschulden wir uns mal, nachfolgende Generationen zahlen das schon. Dennoch müssen wir uns und dem Publikum bewusst machen, dass der aktuelle Betrag festgelegt wurde, als noch niemand eine Inflation von acht und mehr Prozent erwarten konnte und derart steigende Energiepreise. Umso mehr ist es Teil meiner Aufgabe, verantwortungsvoll mit dem umzugehen, was wir haben.
Wofür würden Sie dennoch mehr ausgeben als zurzeit, wofür entsprechend weniger?
Ich würde gern mehr in die Zukunft investieren, also mehr in exzellenten Inhalt und moderne Technologie insbesondere dort, wo die Zukunft spielt: der ARD Mediathek und der Audiothek. Und wenn wir dafür kein zusätzliches Geld bekämen, müssten wir diese Kraft an anderer Stelle gewinnen.
Zum Beispiel?
Wir verteilen unsere Ressourcen zurzeit sehr ungleichmäßig. Fast drei Viertel gehen in Angebote für Menschen, die älter sind als 50 Jahr wie das SWR-Fernsehen oder unsere beiden SWR4-Wellen. Für die andere Hälfte der Bevölkerung geben wir nur 25 Prozent aus. Das ist nicht angemessen. Deshalb steuern wir hier um.
Weit größere Lücken reißt allerdings die Pensionskasse. Lässt sich dieser Kostenfaktor irgendwann zum Guten reformieren?
Dafür müssten wir Tarifverträge ändern. Natürlich ächzen wir unter der Pensionslast ganz schön. Aber da geht es um Verträge, die teilweise bereits Generationen vor uns abgeschlossen wurden. Vor gut sechs Jahren ist es uns unter dem Vorsitz von Karola Wille…
Damals wie heute Intendantin des MDR.
… bereits gelungen, den Anstieg der Betriebsrenten zu deckeln. Das entlastet die ARD heute um Milliarden. Trotzdem sind die Pensionslasten noch immer sehr hoch. Zugleich aber verstehe ich natürlich Arbeitnehmervertretungen, die auch heute für Berufseinsteiger eine gute Altersversorgung erkämpfen wollen. Wir können als Sender Tarifverträge nicht einseitig diktieren und das ist auch gut so.
Ist es denn theoretisch denkbar, dass die Höhe künftiger Pensionen dadurch gesenkt wird, heutige Einkommen – zumindest im oberen Gehaltssegment – zu senken?
Interessanter Gedanke. Diese Idee legt nahe, dass die hochqualifizierte Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk weniger wert wäre als vergleichbare Arbeit bei anderen Medienhäusern, bei Daimler oder Bosch. Das würde ich in Abrede stellen. Die Leute hier arbeiten Tag für Tag sehr hart. Dafür dürfen sie auch eine angemessene Bezahlung erwarten. Für solche Fragen gibt es die segensreiche Erfindung der Tarifautonomie.
Glauben Sie, dass die KEF in knapp einem Jahr die Erhöhung des Rundfunkbeitrags empfehlen wird, sofern Inflation und Energiepreise nicht signifikant sinken?
Das kann ich überhaupt nicht sagen. Die KEF ist der Garant unserer Unabhängigkeit, weil ihr niemand – auch nicht der ARD-Vorsitzende – dabei reinredet.
Schon bei gleichbleibender Höhe gibt es aber Gegenwind aus vielerlei Richtungen – zuletzt etwa von der Landesregierung Sachsen-Anhalts.
Welche der verschiedenen Richtungen meinen Sie denn genau?
Vorwürfe eines regierungsnahen Staatsfunks, bei dem linksliberale Stimmen gegenüber konservativen, gar rechten massiv in der Mehrzahl sind.
Ich persönlich kann mit dem Vorwurf herzlich wenig anfangen; unterstellt er doch, dass Journalistinnen und Journalisten ihr Handwerk nicht beherrschen, was man anderen Berufsständen vorbehaltlos zubilligt: die eigene, persönliche Haltung von der beruflichen Arbeit zu trennen. Ein Tischler, der CDU- oder AfD-Mitglied ist, zimmert den Dachstuhl doch genauso stabil, unabhängig davon, ob sein Kunde ein SPD- oder Grünen-Mitglied ist.
Wobei ein Dachstuhl tendenziell unpolitischer ist als ein tagesthemen-Bericht.
Aber bei beiden wünsche ich mir, dass ihr Zustandekommen nicht politisch gefärbt ist. So wie ich Journalismus gelernt und verstanden habe, ist er ein Handwerk, in dem die Meinung keine Rolle zu spielen hat – es sei denn, auf winzigen Programminseln, die geschätzte 0,1 Prozent unseres Angebotes ausmachen und dann auch „Meinung“ heißen. Da sage ich: Feuer frei! Mir ist wurscht, was jemand wählt, solang er der staatsbürgerlichen Pflicht nachkommt und wobei ich hoffe, dass er oder sie überhaupt wählen geht. Hauptsache die Arbeit wird professionell gemacht. Außerdem wüsste ich nicht, wie ich die persönliche Parteipräferenz feststellen sollte. Denn vor einem müssen wir uns hüten.
Nämlich?
Gesinnungsschnüffelei beim Einstellungsgespräch.
Aber wo steht denn, noch eines Ihrer Schlagworte, die Brandmauer – bei der AfD, der NPD, der autonomen Antifa oder nicht mal dort, sofern es das Handwerk nicht beeinträchtigt?
Wer den demokratischen Verfassungsstaat und seine fundamentalen Werte, Normen und Regeln ablehnt, wird als Extremist bezeichnet und hat bei uns keinen Platz. Wer zu unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung steht und seine journalistische Arbeit professionell macht – der ist frei, seine eigene Meinung zu haben.
Dessen ungeachtet gibt es doch ständig Vorwürfe von konservativer Seite, deren Stimme sei im Verhältnis zur linksliberalen in der ARD unterrepräsentiert – wozu eine Umfrage unter ARD-Volontär:innen passt, die offenbar mit großer Mehrheit grün ticken.
Selbstverständlich gibt es konservative Stimmen, man muss sie nur auch wahrnehmen wollen. Aber in sozialen Medien wird es offenbar eher hervorgehoben, wenn Anja Reschke oder Georg Restle auf ihre Weise kommentieren, während ein Kommentar von Kerstin Palzer, in dem sie den Weiterbetrieb der verbliebenen Atomkraftwerke fordert, kaum Erwähnung fand.
Die Filterblasen der Aufmerksamkeitsgesellschaft…
In denen es einfach eine Falschinformation ist, es gebe keine konservativen Stimmen bei der ARD. Wobei die Umfrage, von der Sie sprechen, sogar von Ihrem Magazin stammt. Sie war nicht repräsentativ. Der Journalistenberuf ist nun mal eher für kritische Geister attraktiv. Wobei es zunächst mal gar kein Beinbruch ist, dass unser Beruf diese Haltung seit jeher anzieht – sofern sie nicht mit dem Handwerk kollidiert. Wer das nicht trennen kann, kriegt auch mit mir ein Problem.
Hoffen Sie dennoch auf die innerredaktionellen Selbstheilungskräfte solcher Ungleichgewichte oder greifen Sie von oben ein?
Nein, es ist eine Kernaufgabe des Volontariats, angehenden Journalisten das Handwerk der neutralen Berichterstattung beizubringen, da habe ich volles Vertrauen in unsere Leute.
Wurde Ihnen Ihre SPD-Mitgliedschaft eigentlich je zum Vorwurf gemacht?
Nie! Und nach 16 Jahren Leitung der Tagesschau bin ich darauf ehrlich gesagt stolz, dass mir nicht ein einziges Mal vorgehalten wurde, ich hätte politische Kräfte egal welcher Richtung bevorzugt oder benachteiligt. Das zeigt mir: es geht, und zwar auch an einer so exponierten Stelle, die nun wirklich unter Beobachtung steht.
Sie waren mit Ihrer SPD also auch nicht, wie der Lehrer des eigenen Kindes, sogar ein bisschen strenger als mit anderen?
Nein, denn Überkompensation wäre ja auch wieder problematisch. Der vermeintliche Widerspruch wird aus meiner Sicht aber ohnehin künstlich aufgebauscht – als gäbe es keine politischen Meinungen ohne Parteibuch. Es geht einfach um professionelle Standards, mit denen man in der Regel sehr gut durchkommt. Wir haben doch alle irgendeine Haltung oder politische Einstellungen, aber trotzdem kann man gewissenhaft seine Arbeit machen. Man muss auch über die Politik hinaus Berufliches von Persönlichem trennen.
Wie reagieren Sie da auf Polemiken wie jene von Mathias Döpfner als BDZV-Präsident und Springer-Chef, ARD und ZDF mit Nordkorea zu vergleichen: Ignorieren oder Zurückschlagen?
Ach, manchmal unterschreiten Argumente ein Niveau, bei dem ich mich nicht mehr zur Reaktion aufgerufen fühle.
Sein Vorwurf öffentlich-rechtlicher Nähe zur jeweiligen Regierung findet sich ähnlich oft im gesellschaftlichen Diskurs wie „Linksliberalismus“ oder „Gebührenverschwendung“. Wollen Sie eigentlich wissen, was die Leute draußen über die ARD wissen oder folgen Sie lieber dem inneren Kompass?
Wir wollen es wissen und tun auch was dafür – sowohl durch repräsentative Studien als auch direkte Gespräche. Wenn ich mich per Insta-Live an die Leute wende, kriege ich ungefiltert mit, was sie über uns und gegebenenfalls mich denken. Über eines müssen wir uns dabei jedoch im Klaren sein: Diejenigen, die uns verachten und weghaben wollen, sind ungleich lauter als diejenigen, die uns mögen und behalten wollen.
Analog oder digital?
Überall. Von den etwa 15 Millionen Menschen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, für die der SWR Tag für Tag da ist, veranstaltet keiner Demos für uns, sondern hört oder sieht einfach zu, bleibt ansonsten aber leise. Dieses stille Vertrauen nicht zu verspielen, heißt allerdings nicht, sich der lauten, gelegentlich unsachlichen Kritik zu verweigern. Ich rede auch mit denen, die rustikal argumentieren, sofern gewisse Mindeststandards des menschlichen Zusammenlebens eingehalten werden.
Wo also wären die unterschritten?
Bei Beleidigungen, gar Bedrohungen. Wir haben während der Pandemie einige Kritiker zu einem Online-Dialog eingeladen. In dieser Runde von einigen Leuten zeigte sich, dass der persönliche Kontakt selbst bei denen, die zuvor extrem emotional waren, zum echten Dialog führen kann, ohne am Ende einer Meinung sein zu müssen.
Eine dieser uneinigen Meinungen bezieht sich auf die inhaltliche Ausrichtung der ARD zugunsten leichter Unterhaltung – zu viele Shows und Krimis, zu viel Kai Pflaume und Rote Rosen bei zu schlechten Primetime-Plätzen für harte News und Reportagen.
Einspruch, Sie sprechen vom Ersten Programm, das nur einen Teil der ARD ausmacht. Wer dabei einen aufmerksamen Blick auf die Programme wirft, findet dort gewiss nicht zu wenig harte News und Reportagen. Das gilt umso mehr für die 64 Hörfunkwellen der ARD, wo das Regionale ein noch stärkeres Gewicht hat. Und ganz besonders gilt es für die Videos der Mediathek – mehr Info geht da kaum.
Sie hatten eingangs von ein paar Jahren gesprochen, bis das digitale Angebot das lineare übersteigt.
Es ist müßig, einen Zeitpunkt festzulegen. Es wird bald passieren. Fertig. Darauf müssen wir uns mit brillanten Inhalten in Mediathek und Audiothek einstellen, sonst werden die Menschen ihre mediale Heimat dort suchen, wo mit Emotionalität statt Inhalten, mit Polarisieren statt Analysieren, und nicht nur mit Qualität um Publikum geworben wird.
Dürfen ARD und ZDF bei dieser Suche manchmal emotionaler, polarisierender, quantitativer sein als gewünscht?
Um Gottes Willen, nicht mit mir! Wir müssen das machen, was wir am besten können. Und das ist übrigens nicht nur Information, sondern auch Fiktion. Der SWR hat voriges Jahr den großartigen Film Ich bin dein Mensch mitproduziert, regionale Mehrteiler wie Höllgrund. Sehen Sie sich eine Serie wie Asbest von Kida Ramadan an. Wir können spannend erzählen, müssen es nur auch bekannt machen. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich die mediale Lebensader eines Landes sein will, dann muss ich des Lebens pralle Fülle auch in ihrer Gesamtheit von Information über Fiktion und Service bis zu Bildung oder Beratung abbilden.
Mit PR-Agenturen wie FischerAppelt zum Beispiel, die Sie zusätzlich zu den gut besetzten Pressestellen zur Verbesserung der Außendarstellung engagiert haben?
Der SWR hat den ARD-Vorsitz ein Jahr früher übernommen als geplant. Das ist eine besondere Herausforderung, denn wir mussten einen Kommunikationsbereich gewissermaßen aus dem Boden stampfen, denn wir wollen ja offen sein gegenüber unserem Publikum und anderen Medienhäusern. Zur Unterstützung hat der SWR für die Anfangsphase externe Unterstützung eingeholt. Das ist ein Gebot der Professionalität.
Und wie weit ist jenseits dieser Anfangsphase der Plan gediehen, die Mediatheken von ARD und ZDF zu bündeln?
ARD und ZDF haben 2021 das gemeinsame Streaming-Netzwerk vereinbart, das heute schon sichtbar ist. Wer gezielt nach Dokumentationen im Ersten sucht, bekommt auch ZDF-Dokus angeboten und umgekehrt. Dieser Prozess verschränkter Inhalte mit technisch hervorragender Suchfunktion, kluger Empfehlungslogik und gutem Player geht weiter. Dabei bleibt die publizistische Vielfalt erhalten und die Absenderschaft klar. Die Senderfarben Orange und Blau bleiben weiterhin unterscheidbar.
Bis zu welchem Punkt genau?
Bis dahin, in Bezug auf die Technik das Beste beider Welten gut zugänglich zu machen. Würden wir das Branding verwässern, ginge es nämlich zulasten der journalistischen Vielfalt. Und das wäre gerade angesichts anhaltender Konzentrationsprozesse im Mediensektor der völlig falsche Weg.
Sind inhaltliche Synergien von ARD und ZDF dennoch denkbar, etwa in Rechercheverbünden, wie sie NDR und WDR mit Süddeutscher Zeitung oder der Zeit pflegen und bei Sportereignissen wie Olympia oder Fußball-WM, wo bisweilen die Studiotechnik geteilt wird?
Wir teilen uns Arbeit mit dem ZDF im Morgen- oder Mittagsmagazin und bei Sportgroßveranstaltungen. Das hat sich alles sehr bewährt und der journalistischen Qualität genutzt. Denn es geht bei jeder Synergie darum, den Qualitätsjournalismus generell zu stärken. Dafür könnten wir alle in den nächsten Jahren auch mit Verlagshäusern enger zusammenarbeiten.
Finden das auch die Verlage, denen die presseähnlichen Angebote gebührenfinanzierter Sender ja eher zu weit als zu kurz gehen?
Die Frage des Textes in den Web-Angeboten der ARD, wird ein Thema bleiben. Die Verlage sind durch hohe Papier- und Energiepreise oder den Mindestlohn mit einer äußerst schwierigen Situation konfrontiert, in der Kooperationen besser sind als Konfrontationen. Darum wollen wir als Sender Signale an Verlage senden, dass wir deren Lage erkennen und gemeinsame Schmerzpunkte ausmachen. Dafür gibt es eine gute Gesprächsgrundlage.
Auf verstetigten Gesprächsplattformen?
Über das Instrument der Schlichtungsstelle hinaus, die jederzeit angerufen werden kann, hatten wir im vergangenen halben Jahr drei Gespräche mit Vertretern des BDZV, und ein weiteres Gespräch ist bereits geplant. Das kann man schon stetig nennen.
Wie ist es mit dem Publikumsdialog – wird der, wenn das Pendel vom Linearen ins Digitale kippt, leichter oder schwerer, weil im Internet kommunikative Anarchie herrscht?
Ja und nein. Durch die Möglichkeiten der Interaktion haben wir natürlich viel größere Möglichkeiten, mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Zugleich aber vervielfacht sich Kommunikation im Bereich sozialer Medien so sehr, dass die Unübersichtlichkeit der Gesprächskanäle rapide wächst. Auch deshalb versuchen wir, regelmäßige Dialogformate zu etablieren, um mit dem Publikum im Gespräch zu bleiben.
Womit zum Beispiel?
Der Tagesschau etwa, das erfolgreichste deutsche Medienangebot bei TikTok oder auch bei Instagram. Das zeigt uns: Traditionsmarken wie diese haben auch in der Generation Z große Bedeutung. Wenn wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen, ist mir vor dem Wandel des Mediennutzungsverhaltens nicht bange.
Wird das gehobene Durchschnittsalter ihres Publikums demnach automatisch sinken, wenn die ARD von Jüngeren als digitales, statt analoges Medium wahrgenommen wird?
Na ja, das Durchschnittsalter unserer Jugendwelle DASDING ist Anfang 20, bei funk liegt es nur unwesentlich höher. Wenn wir es weiter absenken, landen wir im Bereich des KiKa. Deshalb müssen wir einfach mit dem Vorurteil aufräumen, öffentlich-rechtliche Angebote dienten ausschließlich der Senioren-Bespaßung. Die 4,4 Millionen Follower der tagesschau bei Instagram dürften im Durchschnitt keine 60 sein…
Da die lineare Nutzung noch auf Jahre überwiegt, liegt der Altersschnitt insgesamt aber doch eher drüber, oder?
Nur, wenn man die ARD und ihr Publikum auf das Erste und die Dritten Programme reduziert.
Für ARD-Programmdirektorin Christine Strobl sind aber auch die bereits Teil dessen, was sie „Digitales Powerhouse“ nennt. Was ist das aus Ihrer Sicht?
Wenn die digitale Powerfrau der ARD das sagt, schließe ich mich dem gerne an. Sie versteht sich halt mehr als all ihre Vorgänger auch als Programmdirektorin der Mediathek und hat schon bei ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren gesagt, die Mediathek sei gleichwertig mit dem linearen Angebot. Damals war das eine Revolution, jetzt ist es die Realität einer atemberaubenden Entwicklung.
Die offenbar viel mit einer weiblichen Führungskraft zu tun hat. Merkt man es der ARD an, dass aktuell vier der neun Funkhäuser von Frauen geleitet werden?
Dass unser Spirit so gut ist, hat womöglich durchaus etwas mit dem Geschlechtermix zu tun, aber ich kann Ursache und Wirkung da nicht genau auseinanderhalten.
Anders gefragt: ist Geschlechterparität auf den Führungsetagen der ARD ein zeitgenössischer Automatismus oder Selbstzweck, um nicht als anachronistisch zu gelten?
Weder noch. Wenn ich am Ende gute Angebote für die Menschen haben will, muss ich zusehen, dass sich die Vielfalt der Gesellschaft auch in den verschiedenen Hierarchie-Ebenen der eigenen Häuser abbildet. Weil etwa die Hälfte der Bevölkerung nun mal weiblich ist, war es bei meinem Amtsantritt beim SWR mein Bestreben, in der Geschäftsleitung paritätisch aufgestellt zu sein. Das geht natürlich nur, wenn wir im selben Maße qualifizierte Frauen und Männer haben. Dem Himmel sei Dank: das haben wir.
Aber Sie würden einen besser qualifizierten Mann einer gut qualifizierten Frau selbst dann vorziehen, wenn das Ungleichgewicht dadurch zunähme?
Lassen Sie es mich an einem anderen Beispiel illustrieren: Wer Volontäre sucht, kann sie wie früher nach dem Schul- oder Studienabschluss auswählen, bekommt dann aber eine komplett uniforme Belegschaft. Wenn mir hingegen Vielfalt wichtiger ist, andere Perspektiven auf Politik und Gesellschaft, die Sicht von Menschen im Rollstuhl oder Wurzeln außerhalb Deutschlands – dann gewichte ich das höher als zwei Zehntel im Notendurchschnitt. Wir müssen den Qualitätsbegriff jenseits klassischer Bildung neu definieren, also erweitern.
Und wie sieht es mit der Diversität da aus bei den ARD-Anstalten?
Es ist noch viel zu tun. Dazu gehört aber auch, dass sich Menschen mit der eben angesprochenen Perspektivenvielfalt überhaupt erstmal dafür interessieren, bei uns zu arbeiten. Was nicht dazu gehört: jemanden einstellen, der nicht unsere Anforderungen erfüllt, allein weil die Person auf dem Papier mehr Diversität bringt. Wir brauchen schon alles: Neigung und Eignung und Vielfalt.
Übersteigt die Nachfrage da bereits das Angebot, müssen die ARD-Sender mehr suchen als absagen?
Im Moment übersteigt das Angebot noch die Nachfrage. Die Bewerbungen großartiger Menschen sind immer noch hoch, aber absolut wird ihre Zahl kleiner.
Wenn Sie jetzt, in dieser Sekunde, die Chance hätten, etwas Grundlegendes zu ändern – was wäre das?
Die gute Fee gewährt mir einen Wunsch, meinen Sie? (überlegt sehr lange)
Dann vorweg: wo Sie sowohl SWR als auch ARD aus jahrelanger Erfahrung kennen – was kann der eine von der anderen lernen und umgekehrt?
Da jedes Haus ein bisschen die ARD im Kleinen ist, gibt es sie im Grunde gar nicht ohne ihre Bestandteile. Was der SWR gerade dennoch von der ARD lernen kann, ist größere Arbeitsteilung, bei der nicht mehr jeder der drei großen SWR-Standorte alles machen muss, sondern nur das tut, was er am besten kann.
Und die gute Fee?
Von der würde ich mir wünschen, dass sie uns die Abkürzung zu dem sehr langen, sehr steinigen Weg der Reform zur neuen, arbeitsteiligen, kooperativen ARD zeigt. Ein paar dieser Prozesse sind angeschoben, andere liegen noch vor uns. Wenn uns die gute Fee die Abkürzung zur Vollendung Ende 2023 zeigen würde, wäre ich ihr unendlich dankbar.
Marka und Yesilkaya: Tatort & Der Greif
Posted: June 2, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentUnsere erste gemeinsame Liebe war Hohlbein

Acht Tatorte haben der Autor Erol Yesilkaya (hi.li.) und sein Regisseur Sebastian Marka (hi.re., Foto: Amazon Prime Video) gemeinsam gedreht. Mit der Amazon-Serie von Wolfgang Hohlbeins Fantasy-Saga Der Greif erfüllen sie sich nun einen Kindheitstraum – wie das Interview mit beiden, vorab erschienen bei DWDL, zeigt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Marka, Herr Yesilkaya – Sie haben bereits sieben „Tatorte“ zusammen gemacht.
Sebastian Marka: Ich glaube sogar acht, wobei wir beide auch welche ohne den anderen gemacht haben.
Waren das dann sozusagen teambildende Maßnahmen, um auch ein riesiges Mystery-Projekt wie „Der Greif“ zu bewältigen?
Marka: Das kann man so sagen. Seither können wir alles miteinander machen – von der Großhochzeit über Krimifilme bis hin zur großen Fantasy-Serie.
Erol Yesilkaya: Wir haben ja sogar schon am Vorabend gemeinsam angefangen, mittlerweile unsere gemeinsame Produktionsfirma DogHaus gegründet und sind überhaupt sehr eingespielt aufeinander.
Marka: Wobei der „Tatort“ sozusagen die Spielwiese war, auf der wir vieles, was jetzt auch im „Greif“ so passiert, bereits ausprobiert haben: witzig, düster, skurril, gruselig, Thriller – alles dabei, alles nach unserem Geschmack.
Yesilkaya: Wir haben ohnehin einen sehr ähnlichen Geschmack, können einander die Sätze vervollständigen und streiten uns dennoch sehr selten, wofür es bei einer Produktion wie dieser echt genügend Anlässe gegeben hätte. Wir sind aber noch immer die besten Freunde. Alles super!
Alles super, weil Fantasy, was das Handwerk betrifft, am Ende die gleichen Schreib- und Drehprozesse erfordert, wie Krimi oder Komödie?
Marka: Es ist auf der einen Seite das Gleiche, weil man Schauspieler, Crew und acht Stunden Drehzeit hat.
Yesilkaya: Deshalb war der Genre-Wechsel auch organischer als der Format-Wechsel. Von Film zu Serie ist ein ganz schöner Sprung.
Marka: Aber auf der anderen Seite bringt das Fantasy Genre Elemente mit, wie teure Kulisse und jede Menge CGI, die viel größer und komplexer sind als beim „Tatort“. Handwerklich haben uns gemeinsame Routinen also sehr geholfen. Das war schon ein anstrengender Ritt, an dem wir insgesamt fünf Jahre gearbeitet haben.
Pausenlos?
Marka: Erol hat parallel noch an einer weiteren Serie geschrieben und ich einen „Tatort“ gedreht.
Yesilkaya: Aber sonst war „Der Greif“ über diesen Zeitraum hinweg unser Hauptprojekt – was sich auch dadurch erklärt, dass unsere erste gemeinsame Liebe gar nicht „Tatort“, sondern Hohlbein war.
Marka: Die meiste Aufmerksamkeit für tolle Storys kriegt man hierzulande definitiv für Tatorte. Aber unsere Entscheidung, überhaupt Filme machen zu wollen, hing auch damit zusammen, früher die Bücher von Hohlbein gelesen zu haben. Deshalb haben wir ihn auch aktiv angesprochen. Ich habe hier einen 20 Jahre alten Brief liegen, wo ich ihn um die Rechte an seinem Stoff bitte.
Yesilkaya: Seither haben wir ihn regelrecht gestalkt.
Marka: Als ich Wolfgang unseren ersten gemeinsamen Tatort aus seinem Riesenfernseher gezeigt habe, meinte er [imitiert Hohlbeins Stimme] „ja, also eure Bilderwelten, schön düster, das ist mein Geschmack“. Dann durften wir wiederkommen und haben uns mit jedem Film quasi nach oben zu ihm hochgearbeitet, bis er unserer neu gegründeten Produktionsfirma die Rechte gegeben hat, mit denen wir zu Quirin Berg gegangen sind.
Als Partner von Wiedemann & Berg verantwortlich für Serien wie „Dark“ und „Pass“.
Marka: Also der deutsche Produzent, der so ein großes Ding verantworten kann. Und genauso wie wir hat er mit 13 Jahren den Greif gelesen und deshalb sofort gesagt, er sei dabei.
Yesilkaya: Und auch Philipp Pratt, bei Prime Video für deutsche Originals zuständig, kam nicht rein und fragte, was wir da hätten, sondern: wo muss ich unterschreiben? Mit diesem Spirit sind wir da rein und haben nicht mehr zurückgeschaut. Zeig ihm mal das Bild, Sebastian.
Marka: [zeigt Handyfoto als Kind mit T-Shirt von „Der Greif“] Das bin ich an meinem elften Geburtstag mit diesem Geschenk an.
Was macht die epische Story zwischen realer und surrealer Welt über Ihre Kindheitserinnerungen hinaus denn verfilmbar? Anders als bei Büchern von Schätzing oder Fitzek ist die Visualisierung ja nicht schon in der Literatur geplant und verankert.
Yesilkaya: Absolut richtig. Wolfgang Hohlbein hat dieses Stilmittel intuitiver Erzählung mit Sätzen wie Mark – die Hauptfigur – wusste einfach, er müsse nach Norden gehen. Da denkt ein Drehbuchautor: Oh mein Gott, wie sollst du das adaptieren? Das wird aber durchs Kopfkino, das seine Ideen auslösen, locker ausgeglichen. Und für mich stellt sich natürlich auch die Frage: wenn alles im Roman bereits perfekt für eine Verfilmung vorformuliert wäre – warum sollte ich es dann adaptieren, wo bliebe da der eigene künstlerische Ausdruck?
Hat Ihnen Wolfgang Hohlbein den denn zugebilligt?
Yesilkaya: Hat er, es war großartig! Wir konnten unsere Aspekte des Romans in die Verfilmung einbringen.
Marka: Und anders wär’s auch nicht gegangen, unsere Empfindungen als Jugendliche in die Verfilmung als Erwachsene zu transportieren. Figuren wie der türkischstämmige Metalhead aus Erols Heimatstadt Krefeld, die wir zu Krefelden gemacht haben, sind Kombinationen unserer Jugend und macht den Roman erst verfilmbar, weil er in einer echten Welt spielt, zu der wir persönlich Bezüge haben, und zugleich in der parallelen Fantasy-Welt, die allein – wie in Hohlbeins Buch „Midgard“ zum Beispiel oder US-Serien wie „The Witcher“ – nicht funktionieren würde.
Haben Sie trotz dieser autobiografischen Perspektive auf den Greif dennoch das Publikum und dessen Sehgewohnheiten im Blick?
Yesilkaya: Da hat uns der „Tatort“ geholfen, weil er zwar stark im Krimi-Realismus wurzelt, aber meist Genre bleibt. Wenn du das nicht selbst in Geister-Tatorten, die wir auch gemacht haben, ausreichend im Mainstream der Wirklichkeit erdest, funktioniert es nicht. Und da helfen persönliche Erfahrungen mit dem Stoff ungemein.
Marka: Deshalb sind wir ja auch nicht Regisseur und Autor allein, sondern das Publikum.
Yesilkaya: Also auch Amazon-Prime-Abonnenten.
Marka: Wir haben ständig im Hinterkopf, die Zuschauer nicht nur dramaturgisch, sondern auch emotional mitzunehmen. Da hilft es übrigens enorm, dass wir nicht nur gegenseitig unsere größten Fans, sondern auch die größten Kritiker sind.
Yesilkaya: Die Formel, wie man erfolgreich für sich und das Publikum Filme macht, ist noch immer nicht geknackt. Wäre das der Fall, würden alle nur noch danach drehen.
Gibt es unabhängig von dieser Formel so etwas wie Lehrsätze, nach denen man Fantasy verfilmen sollte – oder auch nicht?
Yesilkaya: Ernstnehmen, wie ein Arthaus-Drama behandeln, dabei so echt bleiben wir möglich, also keinen Trends folgen – dann werden die Leute spüren, dass du ein Überzeugungstäter bist.
Marka: Gerade weil Fantasy teuer ist und mehr Vorbereitung erfordert, darf man nicht zulassen, dass es die anderen Elemente, wie Comedy und Drama zu stark überlagert.
Normalerweise müsste man bei einem so teuren Produkt hinzufügen: Und unbedingt auf Englisch drehen. Warum haben sie sich für Deutsch entschieden?
Marka: Weil Amazon Prime Deutschland dafür da ist, deutschen Content zu produzieren, der weltweit funktioniert. Vor 20 Jahren hätte man es dennoch auf Englisch machen müssen, aber dank international erfolgreicher Formate wie „Dark“, schaffen es deutsche Serien mittlerweile selbst in die USA.
Yesilkaya: Heute würde man deshalb auch „Die unendliche Geschichte“ auf Deutsch drehen, damals ging das nicht.
Marka: Es ist einer der Nebeneffekte des Streaming-Zeitalters, das Publikum weltweit an untertitelte oder synchronisierte Serien zu gewöhnen.
Hat „Der Greif“ womöglich sogar eine deutsche Ton- und Bildsprache, die als solche im Ausland wahrgenommen, gar geschätzt wird?
Marka: Bei „Dark“ war es der dunkle Wald, sehr deutscher Mythos, bei uns – hoffe ich – die Mischung aus deutscher Architektur und deutschen Neunzigern mit einer präzisen, ökonomischen Erzählsprache, die aus Gründen geringerer Budgets international fast schon ein deutsches Qualitätskriterium ist. CGI zum Beispiel einzusetzen, wo es sinnvoll ist, nicht nur der Computereffekte willen.
Yesilkaya: Wir haben deshalb sogar mal darüber gesprochen, auf Film zu drehen, um diesen digitalen Bonbonlook zu vermeiden, den heutzutage fast jede Serie hat. Das leicht Körnige macht es echter – und passt perfekt zu Hohlbein.
Haben Sie von dem bereits das nächste Buch in petto?
Yesilkaya: Wenn „Der Greif“ erfolgreich wird, wird es auch mehr Hohlbein von uns geben.
Marka: Dafür haben wir gesorgt.
Dirk Steffens: TerraX & RTL GEO-Show
Posted: May 26, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentMan wird zum Abenteurer wider Willen

Seit Jahren schon erklärt Dirk Steffens (Foto: RTL) beim ZDF die Welt – und wie wir sie zerstören. Jetzt wechselt er für eine GEO-Show zwischenzeitlich zu RTL und will dort Großes für den Naturschutz erreichen: Durchschnittsmenschen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Steffens, was genau ist ein Abenteurer?
Dirk Steffens: Ein Abenteurer ist jemand, der aus persönlichem Interesse und Leidenschaft Reisen unternimmt, von denen er oder sie nicht weiß, wie sie enden.
Macht Sie das zu einem?
Eher zum Dokumentarfilmer, der jeden Drehtag bestmöglich durchplant. Aber es liegt zum Glück im Wesen unserer Arbeit, unvermeidbar ins Unvorhersehbare zu schlittern. Tauchgänge mit Haien oder Gletscherbesteigungen können Sie noch so präzise vorbereiten; irgendwann wird man dabei zum Abenteurer wider Willen.
Hat RTL diese Einschränkung also nur vergessen, wenn es Sie in der GEO-Show als Wissenschaftler und Abenteurer ankündigt?
(lacht) Ach, das ist bei der Ankündigung eines Berufsreisenden wie mir schon okay.
Kippt übers Sprachliche hinaus noch mehr, wenn Sie nach jahrzehntelanger Arbeit fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen nun ins Private wechseln?
Ja, denn ob Sie’s glauben oder nicht: Wir sind wissenschaftlicher, schlagen aber zumindest in den Dokus ab Herbst dramaturgisch publikumswirksamere Bögen, stellen uns also die Frage, warum Menschen sich überhaupt für einen Vulkan am anderen Ende der Welt interessieren sollen, wenn sie vorher acht Stunden lang gearbeitet haben und sich eigentlich, so wie ich es ja auch gern mache, nur noch mit Bierchen auf dem Sofa entspannen wollen.
Und die Antwort?
Suchen wir durch andere Herangehensweisen als im Wissenschaftsformat am Sonntagabend. Aber wissen Sie, ich bin mit GEO aufgewachsen, und der Heft-Claim „die Welt mit anderen Augen sehen“ beschreibt präzise unsere Haltung: Vorgefertigte Meinungen muss ein Wissenschaftsjournalist auf jeder Reise hinterfragen, sich also im positiven Sinn selbst ständig verunsichern. Um Neues zu lernen.
Zurück zu RTL…
Da beginnen wir das GEO-Abenteuer mit einer Show, um GEO beim Publikum populär zu machen, was sehr wichtig ist. Wenn man die großen Probleme der Menschheit wie Artensterben und Klimawandel lösen will, darf man in Demokratien nämlich nicht nur mit der Minderheit ohnehin sensibilisierter TerraX-Zuschauer um die 65 kommunizieren, sondern muss die Mehrheit erreichen, den Durchschnitt, und beides repräsentiert RTL. Durch die – zugegeben holprige – Fusion von RTL mit Gruner + Jahr, sind für mich jetzt ein paar Dinge möglich, die zuvor unmöglich waren.
Dinge inhaltlicher Natur?
Zunächst mal publizistischer. Das größte Medienhaus Europas ist ein 360-Grad-Unternehmen, das GEO-Themen, also auch meine, breit in die weite Welt trägt. Ich kann unsere Arbeit über alle Medien verbreiten. Dazu gehören mehrere TV-Sender, der Streamingdienst RTL+ inklusive Podcast-Plattform, dazu Beteiligungen an ein paar Dutzend Radiosendern, die Zeitschriften, nicht zu vergessen den weltgrößten Buchverlag Penguin Random House, mit dem wir innerhalb des Bertelsmann-Konzerns zusammenarbeiten, da erscheinen ja auch meine Bücher. Und natürlich GEO selbst, immer noch das führende Wissensmagazin in Deutschland.
Wuchtige Werbung, die ich Ihnen sogar abkaufe. Aber kann man dann sagen, sie sind aktuell der einzige Journalist bei RTL formerly known as Gruner + Jahr, der wirklich von dieser umstrittenen Übernahme profitiert?
Ob ich der Einzige bin, der davon profitiert, weiß ich jetzt nicht… Aber falls ja, möchte ich es nicht bleiben. So eine Fusion ist hochkomplex, da klappt naturgemäß nicht alles auf Anhieb. Hoffentlich wird GEO der Showcase für die gelungene Fusion, und wir können GEO als neue Marke unterm RTL-Dach etablieren, ohne die inhaltliche DNA zu verlieren. Das ist bei allem Risiko für beide Seiten sehr spannend.
Und der Klima- und Artenschutzzweck heiligt dabei so die Mittel, dass Ihre GEO-Show ständig auf Tränendrüsen drücken und Saalapplaus fordern darf?
Religiös formuliert: Wer nur in der eigenen Kirche predigt, wird die Gemeinde nie erweitern. Deshalb musste ich vom Hügel der Erkenntnis runter, auf dem ich mich noch zwei Jahrzehnte gemütlich von der Abendsonne meiner öffentlich-rechtlichen Karriere hätte bescheinen lassen können. Falls es schiefgeht, kriege ich für diesen Abschied aus der Komfortzone sicher Häme, aber um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen: RTL ist eben echtes Abenteuer. Mit ungewissem Ausgang. Und genau deshalb so spannend.
Häme könnte es auch im Erfolgsfall geben, sofern man Ihnen Greenwashing unterstellt, ausgerechnet beim langjährigen Formel-1-Sender RTL, [GM[+J1] dem eine gute Quote im Zweifel lieber ist als das Klima, für Umweltschutz zu unterhalten.
Dessen bin ich mir schon deshalb bewusst, weil ich als RTL-Moderator nicht nur nach außen wirken soll, sondern als Nachhaltigkeitsbotschafter auch nach innen. Bertelsmann hatte sich vorher schon halbwegs ambitionierte Klimaziele verordnet, die aber im Gesamtkonzern noch nicht überall angekommen sind. RTL ist eben in alle Richtungen ein Spiegel der Gesellschaft. Meine Herausforderung ist da, Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber mit den Widersprüchen, mit denen RTL als langjähriger Formel-1-Sender zu kämpfen hatte, kämpfe ich auf andere Art auch in meinem Leben. So wie wohl jeder Mensch.
Es gibt kein richtiges Leben im Falschen?
Kein perfektes. Ich war gestern auf einem Maifest, und was habe ich gegessen? Ne Bratwurst! Mache ich ab und zu gern, dürfte es streng ökologisch gesehen aber nicht, wenn sie nicht bio ist. Da weiß ich es zu schätzen, was RTL versucht. Der Laden ist genauso menschlich und widersprüchlich wie das echte Leben. Diese inneren Konflikte sind keine Schwäche, sie machen stark. Es ist natürlich bequemer, sich gegenseitig in derselben Filterblase zu applaudieren, das führt aber zu nix.
Und was führt zu was?
Wenn wir uns fragen, was in der Handwerkerin oder dem Vater auf dem Weg zum Kindergarten vorgeht, wenn er oder sie vor Klimaklebern im Stau steht.
Das Merkel-Mantra, alle mitnehmen zu müssen?
Man kann demokratische Gesellschaften nicht ohne Mehrheiten verändern. Die finde ich bei RTL und bin darüber hinaus in der Lage, durchs 360-Grad-Projekt innerhalb von vier Wochen theoretisch 99 Prozent der Deutschen zu erreichen, also alle.
Und praktisch?
Wird das nie so sein, ich bin ja nicht doof. Aber wir erreichen bei RTL mehr von denen, die hart – oder auch gar nicht – arbeiten, aber dabei nie reich werden, und können ihnen erklären: Oberhalb deiner Probleme gibt es etwas Übergeordnetes wie Arten- oder Klimaschutz. Und wenn wir beides nicht in den Griff kriegen, Deine alltäglichen und unser aller übergeordnete Probleme, dann ist alles andere bald auch egal, also lass uns reden. Aber nicht ideologisch.
Wie ideologisch ließe sich bei mindestens 120 bereisten Ländern Ihr ökologischer Fußabdruck beurteilen?
Wenn ich das nicht selbstkritisch sähe, wäre ich unseriös. Wir kompensieren die Vielfliegerei daher im Rahmen des Möglichen. Ich muss für meinen Beruf reisen, so wie jemand, der fürs Außenministerium arbeitet, für eine Hilfsorganisation, eine große Firma oder Klimaforschung betreibt. Der Vorwurf, Wasser zu predigen und Wein zu trinken, kommt ja auch meist aus der Ecke, in der auch Klimawandelleugner sich tummeln, die wollen Menschen auf persönlicher Ebene jenseits der sachlichen desavouieren, weil sie keine Argumente haben. Wer es Verrat nennt, wenn Leute ins Ausland fahren, um aus dem Ausland zu berichten, ist weltfremd oder Populist. Auf der wissenschaftlichen Ebene: Die Naturschutzgebiete der Erde haben acht Milliarden Gäste jährlich. Was glauben Sie, würde damit passieren, wenn keiner hinreist?
Nichts Nachhaltiges, nehme ich mal an…
Genau. In der Corona-Krise konnte das Phänomen, was passiert, wenn der Flugverkehr eingestellt wird, erstmals konkret gemessen werden. In Afrika zum Beispiel ist die Wilderei seither schlimmer denn je. In Südamerika gilt Ähnliches für die Abholzung der Wälder. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige weltweit. Und weil die Menschen sich beim Reisen lieber intakte als zerstörte Landschaften ansehen, hat der Fremdenverkehr ein intrinsisches Interesse daran, sie zu schützen. Natürlich ist auch Tourismus oft von Profitgier getrieben und betreibt Greenwashing. Aber auf lange Sicht bleibt er ein wichtiger Hebel des Umwelt- und Klimaschutzes. Pauschal Flüge zu verbieten, wird der Komplexität der Zusammenhänge da schlicht nicht gerecht.
Was war eigentlich für Ihre Karriere als umweltbewegter Wissenschaftsjournalist ausschlaggebender – Fernweh, Tierliebe, Ökologie?
Zwei Dinge, an denen Sie sehen, was ich für’n alter Knacker ich bin: Ich habe als Sechsjähriger noch auf dem Schwarzweißfernseher ferngesehen, Jüngere kennen das ja gar nicht mehr. Bei Sendungen von Bernhard Grzimek habe ich dann beschlossen, Tierfilmer zu werden, und bin darüber vielleicht ein bisschen nerdig geworden. Zweite Motivation: Ich bin in den Siebzigern in einem Dorf der norddeutschen Tiefebene aufgewachsen, aus dem ich nur wegwollte. Je weiter weg, desto besser. Das war mein Antrieb.
Wie RTL ihn bei DSDS formulieren würde: Sie leben Ihren Traum!
Ich habe den schönsten Beruf der Welt, und ja – er macht mich jeden Tag glücklich.
Aber ist er nicht ein Albtraum, darin jeden Tag zu erleben, wie unsere Zivilisation gegen die Wand fährt und alle machen einfach weiter wie immer?
Ja, zumal ich diesen Job vor 30 Jahren als junger Mann begonnen habe, der einfach mit Kumpels um die Welt fahren und Naturfilme drehen wollte. Mein erster Tauchgang durchs Great Barrier Reef war ‘ne Glücks-Party in einer Welt von solcher Schönheit, dass ich zwei Nächte nicht schlafen konnte. Seither war ich ein halbes Dutzendmal dort und die Zerstörung wurde immer schlimmer. Also Schluss mit Schönfärberei, habe ich mir gesagt, und begonnen, auch über Naturzerstörung zu berichten. Dieser Lernprozess ist bis heute frustend, denn wir haben kein Erkenntnis-, sondern nur ein Handlungsproblem. Das macht einen manchmal schon irre.
Nur irre oder auch mutlos?
Dafür zitiere ich gern einen Satz von Karl Popper, den wir zum Motto unseres GEO-Projektes gemacht haben: Es gibt zum Optimismus keine vernünftige Alternative. Ohne Hoffnung auf den Sieg braucht auch ein Fußballer gar nicht erst anzutreten, dann ist er chancenlos. Was die Natur und damit unsere Zukunft betrifft: Sieht nicht gut aus im Moment, zugegeben. Klimakrise und Artensterben sind mächtige Gegner, aber Homo sapiens darf man nie unterschätzen. Das Spiel ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.
Max Mauff: Mapa & die Traurigkeit
Posted: May 19, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentMein Ziel ist Kommunikation

Max Mauff ist einer der unwahrscheinlichsten Fernsehstars im Land – daran hat seine Hauptrolle als junger Witwer in der ARD-Serie Mapa (Foto: Carolin Weinkopf/RBB) großen, aber nicht alleinigen Anteil. Interview zum Start der 2. Staffel über traurige Rollen, ihre Heilungsversprechen, Kapitalismus am Set oder warum er für Nebenrollen manchmal alles stehen und liegen lässt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Max Mauff, Ihr Witwer Metin ist in der 2. Staffel Mapa teilweise richtig gut drauf. Ist es nach dem Trübsinn der 1. Staffel eine Erleichterung, ihn so positiv spielen zu dürfen?
Max Mauff: Eine Riesenerleichterung sogar! Und mir fällt erst dadurch auf, wie schwer der Weg durch die erste Staffel für uns war. Die Drehzeit, das gesteht man sich währenddessen ja gar nicht ein, war damals streckenweise schon richtig belastend. Ich bin oft erstaunt darüber, was ich von meinen Figuren auch danach noch mit rumschleppe, gerade bei den eher aggressiven. Abgefahren.
Ist das eine Frage der Mentalität oder der Bücher, Geschichten auch persönlich so an sich heranzulassen?
Beides, aber ich bin ein Typ, den Geschichten wirklich erreichen und gegebenenfalls auch fertigmachen. Dieses Gespür muss man aushalten können, denn manchmal ist es wie ein Fluch, den ich seit 20 Jahren in meinem Beruf mit mir herumtrage.
Fluch oder auch Segen? Je näher einem Charaktere emotional kommen, desto mehr kann man ihnen emotional ja auch entlocken…
Stimmt. Da ich Schauspielen immer machen wollte, aber nie richtig gelernt habe, musste ich mich immer eher aufs Fühlen als Können verlassen. Wenn ich etwas über mich herausgefunden habe, dann Emotionen finden zu wollen, aber auch ertragen zu können. Trotzdem hat es Riesenspaß gemacht, bei Mapa jetzt endlich mal fröhlich, statt immer nur traurig zu sein. In der ersten Staffel hatten die anderen viel damit zu tun, mich zu stützen, damit ich in der Traurigkeit nicht untergehe.
Ist Traurigkeit, ohne traurig zu sein, schwerer zu spielen, als Freude, ohne froh zu sein?
Also mir fällt es leichter, zu lachen; weinen ist intimer. Es bleiben natürlich Abstraktionen meiner wahren Gefühle, aber so sehr, wie ich mich auf Szenen einlasse, ist es am Ende gar nicht so abstrakt, sondern ein Teil von mir. Diesen Kontrollverlust erhoffe ich mir als Schauspieler selbst von Drehbüchern, die mich eigentlich perfekt führen. Es klingt vielleicht esoterisch, aber wenn ich Metin spiele, bin ich so etwas wie sein Medium. Manchmal dachte ich dabei fast, ich zwinge alle anderen am Set in meine Emotionen rein, obwohl wir letztlich ja doch eine gute Zeit zusammen haben…
Andererseits ist Mapa ja nicht Lars von Trier, hatte also bei aller Melancholie und Traurigkeit auch in der ersten Staffel schon lichte Momente.
Unbedingt sogar. Fast alle Aspekte der Trauer enthalten ja ein Heilungsversprechen. Das hilft am Ende nicht nur bei der realen Bewältigung, sondern auch der filmischen Heldenreise, die dazu neigt, alles vorm Trauerfall zu idealisieren und alles danach zu problematisieren.
Das klingt ziemlich souverän. Hatten Sie selbst schon mal einen Trauerfall im engeren Umfeld, der Ihren künstlerischen Umgang mit dem Tod beeinflusst hat?
Nein. Ich hatte auch während der Kindheit zwar schon erste Verlusterfahrungen, aber so richtig gestorben wird um mich herum erst jetzt so langsam, je mehr ich meine Dreißiger durchschreite. Meine Oma ist zum Beispiel, ohne die ich vielleicht gar kein Schauspieler geworden wäre, weil sie mir schon ganz früh immer alles, was ihr als Anschauungsmaterial wichtig erschien, in der Fernsehzeitschrift angekreuzt und aufgenommen hatte, damit ich es mir beim nächsten Besuch auf VHS-Kassetten ansehen konnte. Als sie nach der ersten Staffel Mapa gestorben ist, habe ich erstmals gespürt, was Trauer für ein zähes Brett sein kann.
Kann Film oder Filmemachen da therapeutisch wirken, als Hilfe bei der Trauerarbeit?
Ich denke schon, glaube generell auch fest an den therapeutischen Effekt des Spielens für sich und andere. Wir sind alle manipulierbar. Zugleich aber sollte man sich hüten, als Schauspieler oder Publikum zu viel von Fiktion zu erwarten – gerade in Bezug auf Heilung innere Verletzungen. Obwohl Filme und Serien Denkanstöße geben, muss man den Bärenanteil der Aufarbeitung schon noch privat leisten. Das ist aber auch ein Entwicklungsprozess. Mit Anfang 20 dachte ich noch viel eher, wir werden den deutschen Film dahingehend verändern, dass er die Menschen wirklich beeinflusst. Da wurde ich doch ein bisschen desillusioniert.
Neigen Sie zur Desillusionierung, also großen Träumen und geringem Ertrag?
Manchmal mehr, manchmal weniger. Ich will da allerdings gar nicht so fatalistisch klingen. „Mapa“ zum Beispiel kann definitiv therapeutisch wirken, so was will ich häufiger machen, darum geht es doch als Schauspieler.
Seit wann nennen Sie sich so – schon bei Ihren ersten Rollen als Achtjähriger mit Aelrun Goette oder erst später?
Später, obwohl ich nicht erst bei Aelrun am Set, sondern sogar vorher schon in der Theaterklasse genau wusste, Schauspieler werden zu wollen. Es gab nie einen zweiten Berufswunsch, ich habe ihn allerdings erst so bezeichnet, als ich meine erste Agentur hatte, so mit 14 Jahren.
Was macht es mit dem Schauspieler und Menschen, Dreiviertel seines Lebens vor der Kamera zu stehen – abgebrüht oder demütig?
Ich hab‘ ja nur das eine Leben und deshalb auch keinen Vergleich, kenne also auch keinen anderen Arbeitsrhythmus als meinen – manchmal wochenlang durchzuarbeiten und dann wieder lange auf was Neues zu warten. Alles bleibt ungewiss, nirgends gibt’s feste Strukturen, dazu ständig diese Widersprüche, etwas zu wollen, was dich nicht will oder umgekehrt, und das ohne protegierende Instanzen wir in Frankreich, die dir das Geschäft von der Pike auf erklären. Weil man sich hier alles erst mühsam erarbeiten muss, bin ich demnach weder abgebrüht noch demütig, sondern Realist.
Was bedeutet?
Das kapitalistische Konkurrenzsystem der Schauspielerei zu akzeptieren, wie ich es in meiner Anfangszeit Ende der Neunziger erlebt hatte. Gleichzeitig merke ich, wie wenig es mir gibt, wie sehr ich mich darin zurückziehe und wie toll es ist, wenn sich die Konkurrenz im Ensemble auflöst, wenn man nicht gegen-, sondern miteinander spielt. Das ist so viel inspirierender.
Belebt Konkurrenz im Schauspiel also nicht das Geschäft?
Doch, die gehört schon dazu. Ich musste auch für Mapa mit anderen um die Titelrolle konkurrieren. Aber je länger ich im Geschäft bin, desto klarer wird mir, dass diese Konkurrenz zwar dazu gehört, aber nichts verbessert. Wirklich gut bin ich erst, wenn es ein Miteinander gibt. Mir ist einfach mittlerweile klar geworden, dass ich diesen Beruf nicht für Geld, Renommee, tolle Regisseur:innen oder Figuren mache, sondern dafür, sich im Kollektiv auf etwas Gemeinsames einzulassen. Mein Ziel ist Kommunikation. Das Gegenteil hab‘ ich mal mit Heiner Lauterbach erlebt.
Ach…
Das schlimmste Casting meines Lebens, vor 15 Jahren ungefähr, der hatte mich da so kleingemacht, diesen Schock werde ich – ohne nachtragend zu sein – schon aus purem Selbstschutz, so nicht werden zu wollen, niemals vergessen.
Aus einem Duell überdimensionaler Egos wie Klaus Kinski und Werner Herzog würden Sie also keine Energie ziehen, sondern flüchten?
Vielleicht würde ich da so etwas wie konstruktiven Trotz entwickeln, aber tendenziell machen mich solche Machtspiele aus einer Zeit lange vor #MeToo einfach nur unglücklich. Ich verbinde mit der Schauspielerei ja eher Begriffe von Freiheit statt Autorität.
Gehört zu dieser unautoritären Freiheit auch, trotz ihres gewachsenen Ansehens und damit auch Einflusses nicht mehr nur Hauptrollen zu spielen, sondern wenn nötig freiwillig ins hinter Glied kleiner Nebenrollen zurückzutreten?
Auf jeden Fall! Das Gefühl, unbedingt Hauptrollen spielen zu müssen, ist mir aber seit jeher völlig fremd. Ich habe erst vor kurzem eine Tagesrolle bei Schalko gemacht.
Na ja – für David Schalko lässt man halt so einiges stehen und liegen…
(lacht) Okay, aber abgesehen davon, dass mein Freund und Kollege Joel Basman auch dabei war, ist mir generell wichtig, den Druck solcher Nebenrollen zu erspüren, in ein eingespieltes Team zu kommen, seine Leistung abzuliefern und wieder rauszugehen. Nebenrollen sind richtig harte Arbeit. Ich wünsche mir ja auch als Hauptdarsteller, dass für Nebenrollen tolle Leute engagiert werden, die für die Familie alles reinwerfen.