Khesrau Behroz: Ken Jebsen & Drachenlord
Posted: May 6, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch bin ja nur das Gesicht und die Stimme

Mit Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen wurde der deutsch-afghanische Journalist Khesrau Behroz (Foto: Hannes Wiedemann) zum aktuell angesagtesten Podcaster ohne Promi-Faktor im audiophilen Medienland und auch das nächste Hörstück aus der dunklen Ecke digitaler Mythenbildung zum Bestseller gemacht. Ein Interview mit dem 36-jährigen Flüchtlingskind übers Hören und Gesehenwerden.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Khesrau Behroz, hier im Kreuzberger Hinterhof-Loft Ihrer Produktionsfirma Undone steht einer der vielen Preise, die Sie für Cui Bono gekriegt haben, eher schmucklos auf der Fensterbank.
Khesrau Behroz: Das liegt aber eher an der Fensterbank als am Preis. Der ist nämlich sehr schmuckvoll! Es handelt sich um den Robert Geisendörfer Preis, den wir letztes Jahr für Noise erhalten haben.
Den Deutschen Podcastpreis für Cui Bono konnten Sie dagegen nicht persönlich entgegennehmen, weil Ihnen zugleich der Grimme Online Award in Marl verliehen wurde…
Ja, das war schon ein irrer Abend. Wir haben unser Team aufgeteilt. Ich saß mit einigen aufgeregt in Köln, hab aber parallel die ganze Zeit auf mein Handy geschaut und auf gute Nachrichten aus Berlin gehofft, wo ein anderer Teil des Teams gewesen ist. Ein richtig schöner Abend, der Höhepunkt unserer gemeinsamen Reise.
Aber auch ein anstrengender, könnte man meinen – so viel öffentliche Resonanz und Medienpreise für etwas zu bekommen, was anfangs eher unter dem Radar lief?
Ich würde das Ausgezeichnetwerden nicht als anstrengend beschreiben, aber es stimmt natürlich, dass wir damals einfach gar keine Zeit hatten, diesen Erfolg mal richtig zu reflektieren. Wir waren einfach atemlos – und haben den Rausch genossen.
Gibt es da ein inneres Ranking, welcher der vier Awards wichtiger war?
Nein, jeder davon steht ja für ein bestimmtes Umfeld mit einem bestimmten Background. Der Podcastpreis kommt zum Beispiel direkt aus dem Inneren des Mediums, der Reporter:innen-Preis ist einer für die fachliche, also vor allem journalistische Leistung. Der Grimme Online Award dagegen geht mehr in die Breite und zeigt damit nicht nur, wie populär und angesehen Cui Bono ist, sondern das Podcasten insgesamt, weswegen es schon Ehre genug war, für den Nannen-Preis nur nominiert worden zu sein. Und dann gab es ja auch noch den Preis für Popkultur.
Der eher aus den Musikbereich prämiert.
Und uns als „Schönste Geschichte“, die vorher unter anderem Rezos Zerstörung der CDU gewonnen hatte. Es war unser erster Preis, der vor allem für Unterhaltung steht. Da standen wir also neben Zoe Wees, Danger Dan und den No Angels auf dem Podium, hatten aber überhaupt nicht das Gefühl, es sei irgendwie weniger wert, weil gute Popkultur zu machen mindestens so schwierig ist, wie guter Journalismus. Und beides ist unser Anspruch.
Ist Podcasten demnach ein popkulturelles Phänomen oder einfach die natürliche Weiterentwicklung von Radio und Hörspiel?
Podcasten ist vor allem ein Riesensprung der medialen Verbreitungsmöglichkeiten, individuell und dezentral über Geräte wie Smartphones, die unser aller Leben massiv mitbestimmen, jederzeit auf kreative, kuratierte Arbeiten zugreifen zu können. Das ist nicht nur gut für den Journalismus, sondern auch die Unterhaltung und erklärt einen Teil unseres Erfolges.
Was erklärt den anderen, dass ausgerechnet Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen so durch die Decke gegangen ist?
Das liegt zum einen an der schön polierten Oberfläche, in die wir nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch und künstlerisch wahnsinnig viel investiert haben. Es reicht vom Sounddesign bis hin zur Musik. Jakob Ilja hat sie eigens für den Podcast komponiert und so gestaltet, dass sie mit dem Text korrespondiert. Jeder Satz, der geändert wurde, ging zurück an Jakob, um die Musik entsprechend anzupassen.
Und inhaltlich?
Waren wir einfach zur richtigen Zeit im richtigen Medium. Die gesellschaftliche Unsicherheit und Sensibilität war angesichts grassierender Verschwörungsideologien 2021 einfach besonders groß. Die so genannten „ganz normalen Leute“ haben Schulter an Schulter mit bekannten Rechtsradikalen zu Tausenden auf Querdenken-Demos gegen die Gesetze von Wissenschaft und Logik gehetzt. Da haben wir uns, wie viele andere Journalist:innen auch, gefragt, wo die alle herkommen und das am Beispiel von Ken Jebsen versucht, nachvollziehbar zu machen.
Was war denn zuerst da – die Querdenken-Ideologie als Massenphänomen oder eure Idee, daraus einen Podcast zu machen?
Das massenhafte Aufwallen der Querdenken-Ideologie war definitiv zuerst da. Wir suchen unsere Themen fast immer entlang bestehender gesellschaftlicher Irritationen. Diese war also bereits da und hat uns motiviert, genauer hinzusehen, welche Spielfiguren dahinterstecken. Und als uns dabei der umgeschwenkte Radiomoderator Ken Jebsen aufgefallen ist, haben wir uns da mit allem, was wir haben, draufgestürzt.
Wie viele Personen sind denn an einer sechsstündigen Produktion von dieser Qualität wie lange beschäftigt?
Viele, ich bin ja nur das mittelmäßige Gesicht und die Stimme. Die Herstellung dauerte ein Jahr. Und beteiligt waren immer so zwischen zehn und 15 Personen von Redaktion, Recherche, Musik über drei Producer:innen, die das ganze technisch zubereiten, bis hin zur optischen Ausgestaltung, also Coverdesign oder Online-Auftritt. Genauso, wie der Inhalt Ausdruck einer Collage verschiedener Faktoren ist, war es auch das Team dahinter.
Klingt teuer…
Ist es auch, wobei der Preis überhaupt nichts über die Qualität aussagt; du kannst mit sehr wenig Geld hervorragende Podcasts produzieren und mit sehr viel Geld, durchschnittliche. Aber ein gutes Team und hohes technisches Niveau sind selten billig.
Also wie teuer nun?
Ich werde hier jetzt keine genaue Summe nennen, aber wir bewegen uns auf jeden Fall im sechsstelligen Bereich.
Gehört dazu mittlerweile auch Marketing oder hat sich die zweite Folge Cui Bono über den Drachenlord dank Ken Jebsen quasi selbst vermarktet?
Wir versuchen schon unsere Netzwerke aller Kanäle zu nutzen und investieren auch etwas in Pressearbeit, die Zeit und Arbeit kostet.
Sind Studio Bummens und K2H dabei denn anfangs in Vorleistung auf einen theoretisch denkbaren Erfolg gegangen oder war das Projekt von Beginn an durchfinanziert?
Vor allem Studio Bummens ist mit dem Projekt ein gehöriges Risiko eingegangen und hat es vorfinanziert. Ich selbst war damals angestellt bei K2H, als wir mit der Arbeit an der ersten Staffel begonnen haben. Und da standen die Kooperationspartner:innen, also NDR und rbb, noch gar nicht final fest. Ihre Teilnahme hat die Fertigstellung und Veröffentlichung dann auch ermöglicht.
War damals denn mit dieser Resonanz zu rechnen?
Nein, die hat unsere wildesten Erwartungen übertrumpft! In erster Linie wollten wir einen guten Doku-Podcast machen, der sich am Niveau amerikanischer Formate wie Wind of Change und 9/12 oder Running from Cops von Dan Taberski orientiert.
Woher kannten Sie die?
Ich habe natürlich auch vor Cui Bono schon Podcasts gehört – da kommt man um diese Arbeiten nicht umhin. Das verbindet auch mich und Tobias Bauckhage von Studio Bummes, mit dem ich sehr eng zusammengearbeitet habe und ohne dessen klugen inhaltlichen wie formalen Ideen Cui Bono nicht geworden wäre, was es geworden ist. Als er aus Amerika zurückkam und wir uns getroffen hatten, haben wir gemerkt, ähnliche Interessen und Ideen zu haben, was dokumentarisch erzählte Podcasts angeht.
Woher rührt denn Ihr Interesse beim Doku-Podcast an den dunklen Ecken des Internets, in dem zwar nur wenige zu hören sind, das aber sehr laut?
Eben weil sie kaum zu überhören sind, dabei jedoch eine Irritation erzeugen, die mich dazu animiert, genauer hinzusehen, was genau da mit uns und der Gesellschaft passiert. Unser Bestreben ist es, durch die Lautstärke zum eigentlichen Kern der Sache vorzudringen. Denn popkulturelle, aber auch journalistische Betrachtungen bleiben da oft auf der phänomenologischen Ebene stecken, berichten also über Gerichtsprozesse, Demonstrationen oder Events, auf denen etwas Außergewöhnliches gesagt, passiert, entstanden ist. Nichts gegen diese Art der Betrachtung, aber wir betreiben eher Ursachenforschung. Und dafür ist Podcast ein sensationelles Medium.
Warum genau?
Unter anderem, weil wir selber entscheiden, wie viel Sendezeit eine Story benötigt, um sie ganz zu erzählen.
Ist lang erzählt generell besser als kurz?
Nein, man findet Erhebungen in beide Richtungen. Beim Hören ist kurz oder lang letztlich eine Frage von Geschmack, Zeitbudget und der Aktivität, die man nebenbei betreibt. Aber das Schöne am Podcasten ist ja: Es ist für alle etwas dabei.
Orientiert sich Cui Bono dennoch an Zielgruppen?
Wenn wir eine Idee haben, die uns begeistert, stellen wir uns die Zielgruppen-Frage gar nicht. Deshalb kann ich mich auch nicht daran erinnern, dass wir uns mal hingesetzt hätten, um darüber zu sprechen. Wir haben auch keine Personas entwickelt oder irgendwelche anderen Methoden der Formatentwicklung angewendet. Uns war früh klar: Wir haben eine interessante Recherche, eine gute Geschichte, tolle Leute, die uns dabei unterstützen – wir haben uns also voll und ganz darauf verlassen.
Und Plattformen wie Podigee oder Spotify mischen sich auch nicht ein?
Nein. Spotify hat Zielgruppen sicher genau im Blick, wenn sie neue Originals in Auftrag geben. Aber bei Cui Bono sind sie ja – wie Apple, Amazon, Google und andere – ausschließlich Plattforminhaber gewesen. Wenn wir dort laufen, erheben sie ganz gewiss eigene Metadaten, die sie ja auch teilweise mit den Publishern teilen, Absprungraten und dergleichen, aber das hat keinen unmittelbaren Einfluss auf unsere Arbeit, unsere Themenauswahl oder unsere Interessen.
Sind diese Interessen wie vorhin erwähnt allein soziokultureller oder auch persönlicher, also privater Natur?
Immer beides. Wer sich wie wir einer Geschichte schon mal zwölf Monate widmet, muss davon definitiv auch persönlich gepackt werden. Ich würde niemals so viel Lebenszeit investieren, wenn es mir nicht auch als Mensch wichtig wäre und das Gefühl gäbe, damit was bewirken zu können.
Was möchten Sie denn bewirken?
Ich möchte Sinn machen und vertraue nicht immer darauf, dass er sich einfach so von alleine ergibt. Heißt: Ich möchte Momente der Wahrheit finden, Sinnzusammenhänge herstellen. Das geht nur, wenn man sich, wie wir, die Zeit nimmt und auch mal ordentlich rauszoomt. Wie gesagt: Weg von der rein phänomenologischen Betrachtung, hin zu mehr Kontext. Nur so lassen sich komplexe gesellschaftliche Entwicklungen erzählen. Ich möchte, dass unsere Zuhörer:innen nicht unbedingt das Gefühl haben, hinterher klüger zu sein, sondern dass sich bei ihnen so etwas wie Verständnis entwickelt. Es geht um Befähigung und nicht um Erziehung.
Kosten sich berufliches und privates Interesse gegenseitig weder journalistische Objektivität noch emotionale Verbundenheit?
Niemand macht Journalismus, um Braveheart-mäßig „Objektivität!“ brüllend in die Schlacht zu ziehen. Journalismus machen, das ist für mich auch eine Frage der Haltung. Und die kann emotional sein. Oder satirisch aufgearbeitet, siehe auch ZDF Magazin Royale. Gerade beim Podcasten ist es aus meiner Sicht völlig in Ordnung und möglich, ohne an journalistischer Glaubwürdigkeit einzubüßen, Emotionen zuzulassen – solange ich mir darüber im Klaren bin, wo sie herrühren und was sie bewirken, also reflektiert und erzählt werden. Auch deshalb ist Cui Bono ja komplett gescriptet.
Wie komplett genau?
Jedes Wort, jede Regung, alle Chuckles und Seufzer, manchmal sogar das hörbare Ausatmen oder Schlucken – all diese Dinge schreibe ich in der Regel direkt in die Skripte rein, weil sie als Signale bei den Hörer:innen ankommen, die besonders bei einem sensorisch reduzierten Medium wie Podcasts wahnsinnig wichtig sind.
Sind Sie selbst ein so akustischer Typ und haben früher schon gern Radio gehört?
Ich habe nie routinemäßig Radio gehört. Ich höre im Übrigen auch gar nicht so viele Podcasts, vor allem auch nicht jetzt, wo ich mich fast täglich mit unseren eigenen auseinandersetze. Natürlich gibt es ein paar, bei denen ich sehr gerne einschalte, und ein paar Autor:innen, von denen ich sogar Fan bin.
Zum Beispiel?
Da fällt mir wieder Dan Taberski ein, ich bin echt Fan all seiner Arbeiten. Was er mich beim Zuhören gelehrt hat: Nichts geht über Empathie und Neugier. Ich muss auch meine Antagonist:innen wie Held:innen erzählen können – oder ihnen zumindest empathisch begegnen. Mir ist einfach wichtig, dass bei den Menschen was hängenbleibt, das sie berührt. Und weil wir buchstäblich im Ohr der Leute hängen, ist Podcast als äußerst intimes Medium dafür so gut geeignet. Ein Medium, bei dem es ums Zuhören geht.
Und damit eigentlich ein extrem anachronistisches in unserer maximal visuellen Zeit optischer Optimierungszwänge über soziale Medien!
Und genau deswegen empfinde ich Podcasts inzwischen als so etwas wie einen Befreiungsschlag gegen den Zwang zur visuellen Dauerberieselung. Oder etwas weniger drastisch: als gute Alternative. Wenn man sich Plattformen wie Netflix oder auch Youtube ansieht, ist man dabei schließlich sensorisch komplett gebunden, also auch örtlich gefesselt und von vielen anderen Sinnen abgekoppelt. Podcasts kann man nebenbei hören und dennoch auf beide Tätigkeiten fokussiert bleiben, es ist im besten Sinne des Wortes ein Begleitmedium.
„Nebenbei begleiten“ klingt allerdings auch ein bisschen nach „beiläufig berieseln“. Wie hält ein guter Podcast sein Publikum anspruchsvolle bei der Stange, ohne es einzulullen oder einzuvernehmen?
Da muss man als Geschichtenerzähler das Rad nicht neu erfinden. Inhalt, Dramaturgie, Fallhöhe, Cliffhanger, Pausen, Tempo, Twists, Teaser, Wendungen – all das war auch vorm Podcast schon wichtig für fesselnde Spannungsbögen.
Wie wichtig ist eine gute Stimme? Wo wir uns jetzt hier gegenübersitzen, reden Sie zwar pointiert und fehlerfrei, allerdings auch wahnsinnig schnell…
Danke?
In Cui Bono dagegen ist Ihr Erzähltempo eher gemächlich. Legen Sie vorm Mikro einfach einen Schalter um?
Den gibt es, im Tonstudio spreche ich natürlich anders als außerhalb. Was aber ganz sicher nicht nur mir so geht, sondern den meisten Hosts und Sprecher:innen. Außerdem habe ich zum Glück eine gute Regie, die mir im Zweifel hilft.
Und eingreift, wenn die Geschwindigkeit anzieht?
Genau. Aber nicht nur dann. Manchmal sagt mir Tobi bei den Cui Bono-Aufzeichnungen auch, wenn ich zu gesetzt klinge, zu unernst oder schlicht nicht passend zum Text.
Wie viele Takes gönnt sich eine Independent-Produktion dafür im Zweifel pro Szene, bevor man die zweitbeste nimmt?
In der ersten Staffel Cui Bono, wo ich meinen Rhythmus noch finden musste, auf jeden Fall mehr als in der zweiten. Wenn es tricky wird, können es aber auch heute noch locker 20 sein und trotzdem nimmt man am Ende den vierten Take. Aber so oder so: Manchmal braucht man nur einen für komplizierte Passagen, manchmal fünf für vermeintlich leichte. Podcasten ist unberechenbar.
Haben Sie mal Sprechtraining gemacht?
Nein.
Und würden Sie es anderen empfehlen?
Das ist eine persönliche Entscheidung, die auch davon abhängt, was man machen möchte. Es ist auch irgendwo eine philosophische Überlegung vielleicht. Ich würde ja sagen: Ich spreche überhaupt nicht, ich bin kein Sprecher, sondern Host. Mit der Haltung wiederum spreche ich ganz anders…
Ist dieses konzentrierte Sprechen mit der richtigen Betonung an der richtigen Stelle demnach Begabung, learning by doing, beides?
Es ist vor allem learning by hearing. Und dann, ja, by doing. Und anders als beim Verlesen der Nachrichten muss man Podcast-Texte eher noch ein wenig spüren. Da hilft es sehr, sie selbst verfasst zu haben.
Muss ein guter Storytelling-Podcast über dieses Gefühl hinaus noch weitere, vielleicht sogar goldene Regeln beachten?
Es gibt für uns ein paar goldene Grundsätze, ja. Musik sollte zum Beispiel niemals als Hintergrundgedudel wahrgenommen werden. Sie ist ein eigener, wertiger Teil der Dramaturgie, um die Geschichte zu erzählen und Stimmungen nicht bloß zu verstärken, sondern zu moderieren. Bei Cui Bono hatten wir anfangs ein Orchester, dessen Sound sich immer weiter aufgebaut hat, bevor er im Finale förmlich in sich zusammenbricht und damit Ken Jebsens Werdegang kommentiert. Wenn Musik nur reingegoogelt wird, lieber weglassen.
Weitere Grundsätze?
Das Sprechtempo hatten wir ja schon. Wenn du so schnell redest, wie ich gerade mit Ihnen, so schnell, dass dich die eigenen Worte überholen, wird es zu unruhig. Also: Sorry, das wird in der Transkription bestimmt anstrengend… Außerdem ist es gerade bei umfangreicheren, faktenbasierten, stark gebündelten Podcasts wie unserem wichtig, Wegweiser und -marken zu setzen, also das Publikum zwischendurch mal auf einen gemeinsamen Kenntnisstand zu setzen, sonst verliert es sich in der schieren Informationsfülle. Man darf sich nie ganz auf das Kreativ-Künstlerische verlassen, sondern immer auch aufs Technisch-Erklärende.
Zum Beispiel?
Ach, wenn du einen Zeitsprung ins Jahr 1996 machst und dort eine Weile weitererzählst, ist es extrem hilfreich, irgendwann noch mal die Jahreszahl auszusprechen. Da braucht das Skript präzisere Handreichungen als nur einen Ton, der ein Szenenwechsel ankündigt.
Könnten Sie angesichts dieser Genauigkeit Ihrer Skripte bis ins kleinste Detail eigentlich auch einen Gesprächspodcast machen oder brauchen Sie als Host präzise vorgefertigten Text?
Naja, der präzise vorgefertigte Text ist ja mein eigener; im Schreibprozess lese ich ihn sicherlich hundertmal laut vor. Das fertigstellte Skript, mit dem ich ins Studio gehe, ist gewissermaßen die Transkription des Vorgelesenen. Aber klar könnte ich mir vorstellen, mal einen Gesprächspodcast zu machen und denke auch darüber nach. Ich habe großen Respekt vor allen, die diese ungeskripteten Formate machen – denn so einfach wie das klingt, ist es nicht.
Sind Sie, was Podcasten betrifft, ein Perfektionist, der aufs größtmögliche Publikum zielt?
Durchaus. Ich hatte vorhin zwar erwähnt, dass mögliche Zielgruppen eher am Ende der Erwägung stehen, aber Reichweite ist uns schon wichtig.
Kleben Sie demnach manchmal an den Metadaten und zählen Zugriffe?
Klar. Vor allem kurz nach Veröffentlichung eines neuen Podcasts. Da ist die Aufregung schon groß. Ich möchte ja nichts nur für mich selber machen, vor allem nicht bei diesen großen Produktionen, in die wir viel Zeit reinstecken. Ein ganzes Team, das viele Monate an etwas arbeitet, hat mehr als ein paar Hundert Zuhörer:innen verdient.
Spätestens an dem Punkt stellt sich die Frage: Cui Bono – wem zum Vorteil ist dieser Podcast, wer verdient daran und wie viel?
Zunächst einmal impliziert Cui Bono ein dunkles Motiv, vielleicht sogar eine Verschwörung. Die Wahrheit ist: Wir sind Journalist:innen, Produzent:innen und Musiker:innen, die mit ihrer Arbeit natürlich Geld verdienen wollen, um Mieten zu bezahlen, Rechnungen zu begleichen und überteuerte vegane Restaurants auszuprobieren. Irgendwie ist das ein wenig so, als würde man einen Bäcker fragen, warum er Brötchen backt. Ich finde die Antwort darauf evident… Aber um die Frage nach dem „wie viel?“ zu beantworten: Wer das große Geld verdienen will, ist mit aufwendigen Doku-Podcasts, an denen man ein Jahr lang arbeitet und die man dann innerhalb von fünf Wochen ausspielt, sicherlich nicht so gut bedient.
Verglichen mit Gesprächspodcasts also?
Das ist definitiv der lukrativere Weg – sofern man es schafft, ein Publikum zu finden. Allein die Regelmäßigkeit im Wochen- oder Monatsrhythmus, womöglich mit messbar wachsendem Zugriffszahlen, hilft bei der Suche nach Werbepartner:innen enorm – besonders dann, wenn prominente Persönlichkeiten am Mikro sitzen und Werbung ziehen. Damit verdienen mittlerweile nicht wenige ganz gutes Geld. Wir werden als Undone da dieses Jahr noch was Anderes ausprobieren, aber ein Format wie Cui Bono funktioniert vorerst besser durch Kooperationen, etwa mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder privaten Partner:innen wie RTL+Musik.
Storytelling braucht Sponsoring, ein Gesprächspodcast richtige Werbung?
So ungefähr. Der deutsche Podcastmarkt lebt aktuell von so genanntem Empfehlungsmarketing. Deine liebsten Podcaster:innen empfehlen dir also diese eine Matratze, die auch ihnen dabei hilft, wun-der-bar zu schlafen!
An welchem Punkt der Planung sind bei Cui Bono denn NDR und rbb mit ihren gut gefüllten Gebührentöpfen hinzugekommen?
Es gab erst die Idee, dann die Annäherung und bald die Zusage.
Weil man dich in Hamburg und Berlin vorher schon kannte oder vom Konzept überzeugt war?
Als Angestellter der Produktionsfirma K2H…
Die damals schon Informationsinhalte für beide Sender geliefert hatte.
… der weder Host noch Autor war, kannten die seinerzeit allenfalls meinen Namen. Der Lead in den Verhandlungen war Tobias Bauckhage von Studio Bummens. Ich bin zwar immer noch Teil eines Teams, aber mittlerweile wissen die schon, wer ich bin. Zumindest hoffe ich das!
Warum haben Sie nach dem Erfolg von WTF happened to Ken Jebsen dennoch Ihre eigene Firma Undone gegründet und gemeinsam mit Studio Bummens und RTL+Musik Staffel 2 produziert?
Zum einen, weil im Jahr nach der ersten Staffel so wahnsinnig viel passiert ist, dass eine Änderung nötig war. Zum anderen, weil ich mich schon lange mit eigener Firma und meinem besten Freund Patrick Stegemann selbstständig machen wollte. Der Wunsch war immer da, und der Erfolg von Cui Bono hat ihm krassen Rückenwind gegeben. So entstand Undone.
Mit wie vielen Mitarbeiter:innen?
Mittlerweile acht festangestellten und eine Reihe freier, die wir projektbezogen für die Recherchen dazu holen.
Hat sich das Arbeiten dadurch verändert?
Schon, die Partner haben sich ja geändert. Statt NDR und rbb war in der 2. Staffel RTL+Musik dabei, aber weiterhin Studio Bummens und eben wir als Undone. Aber den anderen Podcast des Vorjahrs…
Legion übers Hacker-Kollektiv Anonymous.
… haben wir wieder mit NDR und rbb gemacht. Das wechselt anlass-, themen- und konzeptbezogen. Wir arbeiten da wirklich gerne offen mit allen zusammen, solange das zu den Projekten passt.
Machen Sie sich Ihre Popularität gepaart mit eigener Firma und wachsender Netzwerkdichte künftig nutzbar, um Ihr Portfolio breiter aufzustellen oder bleiben Sie in der lauten Nische des Internets, den Drachenlords und Verschwörungsideologen?
Weder noch, denn unser Themenkern kreist immer noch um die Frage: Haben wir eine kleine Geschichte, um die große dahinter zu erzählen? Wer mich ein bisschen besser kennt, kann den Vergleich vermutlich nicht mehr hören, aber Leute wie Ken Jebsen oder Rainer Winkler sind für mich Trojanische Pferde, die ich in all ihrer Pracht vor die Türen unserer Zuschauer:innen stelle, um mit deren Hilfe hineingebeten zu werden. Wer dann einmal drin ist, kann langweiliges Zeug wie Gesellschaftsanalyse und Ursachenforschung machen. (lacht)
Haben Sie das Trojanische Pferd Ken Jebsen dafür persönlich getroffen?
Nein, es gab mehrere Kontaktversuche, bei denen ich ihn mit unseren Rechercheergebnissen konfrontiert habe, aber es gab nie eine Antwort. Auch so hat das Pferd „Aufstieg und Fall eines bekannten Radiomoderators“ jedoch bestens funktioniert, um die Mauer der Verschwörungsideologie zu überwinden. Oder am Beispiel des „Drachenlords“ Rainer Winkler: durch dessen Schicksal sind wir in die dunkelsten Bereiche des Cyber Mobbings vorgedrungen. So lernt man am Beispiel beider auch viel über die letzten zehn, zwanzig Jahre bundesdeutscher Geschichte – etwa, was Reality TV aus der Gesellschaft gemacht hat, in der wir leben.
Geht es Ihnen abseits von Unterhaltung und Journalismus darum – Bildung, Lernen, letztlich also Pädagogik?
Nein. Wie vorhin kurz angedeutet: Es geht um Befähigung. Das ist für mich die Aufgabe von gutem Journalismus, vor allem in einer Demokratie: Menschen neue Sinnzusammenhänge aufzeigen, sie nicht verteufeln und nicht auf sie hinabschauen. Die Wahrheit ist: Auch wir lernen ja erst im Laufe unserer Recherche all die Dinge, die wir dann sehr selbstbewusst in Podcasts und Interviews von uns geben.
Reflektieren Sie am Beispiel Ihrer Recherche eigentlich hauch das eigene Mediennutzungsverhalten?
Na klar. Deshalb haben wir uns gerade im Zuge der zweiten Staffel Cui Bono mehr denn je selbst hinterfragt. Wir nehmen uns bei der Kritik an den Verhältnissen nicht raus.
Man steht schließlich nicht im Stau, man ist der Stau!
Ganz genau. Ich bin auch auf sozialen Medien und Messengern aktiv, habe auch Big Brother geschaut, bleibe bis heute manchmal bei Reality TV hängen und binge fix mal zehn Stunden Netflix, wenn mir nichts Besseres einfällt. Aber das ist mir und uns auch wichtig für unsere Art des Podcastings: Es gibt kein „wir“ und kein „ihr“, es gibt ein kollektives „uns“, das alle und alles betrifft. Der Podcast geht auch mich selber an.
Hat Ihre Impulskontrolle auf Social Media auch schon versagt, haben Sie mal jemanden gehatet, gar gemobbt?
Jetzt hören Sie einen Satz, den ein weniger seriöses Blatt in die Überschrift nehmen würde: Ich war nie ein Mobber. Aber klar habe ich auch mal übertrieben, hab schneller getippt als gedacht. Das gilt nicht nur für die öffentliche, sondern auch die private Kommunikation.
Wie ist es mit Ihnen als Adressat – kriegen Sie, auch als Mensch mit dem berühmten Migrationshintergrund, viel Hass ab im Netz?
Ja, ja. Da kommt einiges an.
Wie gehen Sie damit um?
Der beste Weg für mich ist, gar nicht zu reagieren. Social Media funktioniert als Abfolge von Reaktionsmustern, auf die man sich einlässt oder eben nicht. Ich neige zu letzterem. Das regt die höllisch auf.
Wo befindet sich da denn Ihre Reaktionsschwelle?
Ach, es wird meistens relativ schnell klar, ob jemand diskutieren oder pesten will. Und wenn es die Aussage nicht offenbart, tut es spätestens ein Click aufs Profil der Person und ihre Postings. Meine persönlichen Filter funktionieren da mittlerweile bestens. Hater sieht man sofort.
Wie stark wird beim Hass Ihre Herkunft thematisiert, die sich in Namen und Gesicht sichtbar widerspiegelt?
Stark.
Sie sind im Alter von sieben Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Hat diese Biografie etwas mit Ihrer thematischen Gewichtung bei Cui Bono zu tun?
Diese Biografie spielt natürlich immer eine Rolle – beruflich ebenso wie privat. Es nützt überhaupt nichts, das wegzuleugnen… Aber die Links in mein aktuelles journalistisches Themenfeld ist mindestens zu gleichen Teilen Zufall und generellem Interesse wie meiner Herkunft geschuldet. Selbst die erste Staffel Cui Bono, wo meine Mutter und meine Kindheit in Kassel zur Sprache kommen, folgt da eher dramaturgischem Interesse. Ich versuche eben grundsätzlich kein afghanischer Journalist zu sein, der ständig über sein Geburtsland berichtet.
Klingt, als käme da noch ein Aber?
Aber irgendwann möchte ich mich dennoch auch in einer größeren Arbeit beruflich damit auseinandersetzen. Es hat sich bislang nur noch nicht angeboten.
Aber doch womöglich von anderen aufgedrängt; wurden Sie, etwa nach dem Fall Kabuls, als Afghanistan-Experte angefragt?
Na klar, da kamen ständig Interviewanfragen – Fernsehen, Online, Radio, überall. Und das ist ja auch besser, als überhaupt nicht nach unserer Situation, unserer Stimmung, unserer Expertise befragt zu werden. Ich würde nur gerne was über Afghanistan erzählen, wenn dort gerade mal nichts explodiert.
Auch in Form eines Podcasts?
Warum nicht. Bislang hat mich allerdings noch niemand gefragt. Beziehungsweise, wenn ich denn mal was angeboten habe, hieß es, Afghanistan sei gerade kein Thema. Tja.
Waren Sie denn wenigstens schon in Frank Joungs fabelhaftem Gesprächspodcast Halbe Katoffl zu Gast, bei dem er mit Menschen fernerer Wurzeln redet, ohne dauernd deren Herkunft zu thematisieren?
Kenne ich, war ich aber noch nicht.
Und was folgt als Host und Sprecher als nächstes?
Also noch genießen wir den Launch von Cui Bono 2 in vollen Zügen. Von Cui Bono 3 gibt’s noch nichts zu berichten. Dafür geht Noise in die 2. Runde und Ende des Jahres kommen zwei große Investigativ-Geschichten raus, über die wir natürlich nichts sagen können. Außerdem läuft bald unser erstes wöchentliches Format….
Also doch.
Also doch!
Aber weiterhin strikt akustisch oder könnten Sie sich auch vorstellen, vor Kameras sichtbar zu werden?
Auch darüber wird nachgedacht. Wir denken ja generell über vieles nach.
Phil Laude: Y-Titty & Almania
Posted: April 29, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentKing of Cringe

Im Youtube-Trio Y-Titty hat sich Phil Laude (Foto: SWR) über verhaltensauffällige Männer unter 30 lustig gemacht. Mit über 30 nimmt er seine Altersgruppe erneut auf die Hörner – wie den Spießerpädagogen Frank Stimpel in der ARD-Mockumentary Almania.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Phil Laude, was ist – in Ihrer Definition – eigentlich genau ein „Alman“ wie in Ihrer Serie Almania?
Phil Laude: Auf der Basis eher lustiger Beobachtung ist ein Alman prototypisch deutsch, ohne abhängig von der zugehörigen Nationalität oder Herkunft zu sein.
Also eher ein Habitus oder ein Mindset?
Ein Lifestyle aus beidem, den absolut jeder annehmen kann, sofern er lang genug hier lebt. Da ich viele Almans verschiedener Nationalitäten kenne, empfinde ich den Begriff also gar nicht als Schimpfwort.
Aber schon als despektierlich?
Auch nicht. Wer andere Alman nennt, siezt sie meistens. Das wirkt dann eher respektvoll. Es kommt halt drauf an, was man draus macht.
Was macht ihre Serienfigur, der Brennpunktschullehrer Frank Stimpel, denn aus dem Alman in sich?
Garantiert den King of Cringe, der zwar wahnsinnig peinlich sein kann, dabei aber als Lehrer und Pädagoge gute Arbeit leistet. Vielleicht mag ich Frank Stimpel umso mehr, je länger ich ihn spiele.
Weil er den Alman in Ihnen widerspiegelt?
So wie ein Stück davon er tief in allen steckt, die hier groß werden. Ich bin vorsichtig und beständig, investiere konservativ, habe eine Hausratsversicherung, in der Sauna ein Handtuch auf dem Holz – der Alman, über den ich mich lustig mache, hat den Alman, der viel länger in mir steckt, also nur nach außen gekehrt. Küchenpsychologisch gedeutet, könnte das erklären, warum ich ihn so gern spiele. Mein Vater war übrigens ziemlicher Alman, aber meine Mutter ist Künstlerin.
Klingt, als kämpfen zwei Seelen in Ihrer Brust.
Ja, aber meinen Alman hole ich dennoch eher aus Beobachtungen und lege dann komödiantische Facetten drüber wie Stimpels ständige Dad-Jokes. Dabei ist mir wichtig, mich nicht über ihn lustig, die Figur also lächerlich zu machen. Deshalb stehen andere Figuren der Serie auch gar nicht so in seinem Schatten, sondern entwickeln eigene Perspektiven. Alle teilen hier aus, alle stecken aber auch ein.
Ist das von Fall zu Fall unterschiedlich oder Ihr komödiantisches Prinzip?
Draufknüppeln finde ich generell nicht so cool. Selbst auf meinen Verschwörungstheoretiker oder den BWL-Schnösel, die ich auf Youtube spiele, blicke ich aus mehreren Blickwinkeln. Auch die sind ein Teil von mir, wenn ich sie ergründe, ergründe ich also auch mich selber.
In welcher Almania-Figur ergründen sie den Schüler Phil?
Am ehesten relate ich wohl mit Annika.
Die unbeliebte Außenseiterin der Klasse?
Das war ich auch und hatte wohl auch deshalb schon immer ein Herz für uncoole Außenseiter. So ab der sechsten Klasse war ich ja selbst ein Mobbing-Opfer. Schreckliche Erfahrung, wirklich schlimm, wünsche ich niemandem.
War Ihr Sketch-Portal Y-Titty so gesehen die späte Rache des Mobbing-Opfers an den Täter:innen?
Der erste Ansatz, die 8. Klasse freiwillig zu wiederholen, nicht mehr der Kleinste zu sein, ans Schultheater zu gehen, hatte schon vorher funktioniert. Daraus ist am Ende dann auch Y-Titty entstanden. Dieser Impuls, es den anderen mal zu zeigen, steht ja am Anfang vieler Comedy- und Kunstkarrieren.
Empfehlen Sie das auch anderen Mobbing-Opfern?
Ich finde das Thema zu komplex, um anderen Empfehlungen auszusprechen. Bis auf die, offen und ehrlich darüber zu sprechen. Je mehr das auch auf Social Media machen, desto transparenter werden die Konsequenzen des Mobbings – auch für die, die es selber tun.
Was war an „Y-Titty“ denn heilsamer: der Inhalt oder dessen Erfolg?
Letzteres, glaube ich. Inhaltlich haben wir uns eher unterschwellig an unserer Vergangenheit abgearbeitet. Davon thematisiert Almania definitiv mehr als Y-Titty. Witzigerweise waren wir drei Jungs, die zwar ihr Ding durchgezogen haben, im Rückblick aber wahnsinnig uncool waren – nur, dass es eben auf selbstbewusste Art uncool war. Gerade weil wir uns so wenig Gedanken um unser Auftreten gemacht haben, waren wir aber vielleicht Vorbilder für andere. Zur Uncoolness zu stehen, kann ganz schön cool sein.
Ist Ihnen diese Uncoolness acht Jahre später dennoch manchmal peinlich?
Ich war auf einer Party und als dann plötzlich das Video unseres Songs Ständertime lief, fanden wir’s eher lustig als peinlich. Man kriegt da heute vielleicht einen leicht roten Kopf, ist am Ende aber schon auch ein bisschen stolz drauf.
Kann man die Anarchie des Youtuben mit der redaktionell betreuten Arbeit am ARD-Format Almania vergleichen, was steckt von ersterem im letzteren?
Einiges, wir durften relativ frei sein, haben auch am Set viel improvisiert und ohnehin meine Vorstellung von Humor umgesetzt.
Welche genau?
Möglichst viele verschiedene Menschen damit abzuholen. Klingt langweilig und irgendwie ja auch öffentlich-rechtlich. Aber mir gefällt es sehr, dass Almania nicht nur für Jüngere ist, sondern auch Ältere.
Demokratische Comedy gewissermaßen?
Und damit verbindende Comedy, irgendwie wertvoller als ausgrenzende.
Steckt mehr Internet-Anarchie von gestern im Fernsehen von heute oder umgekehrt?
(überlegt lange) Ich glaube, das hält sich die Waage. Fifty-fifty.
Weil Ihnen grad nichts Besseres einfällt?
(lacht) Ich versuche halt einfach mein Mindset offen zu halten und weder nostalgisch zu werden noch besserwisserisch. Aber natürlich färbt das Internet stärker aufs ältere Medium Fernsehen ab als umgekehrt. Mein Anspruch ist da, das beste beider Welten zu verbinden und mit Leidenschaft gute Geschichten zu erzählen. Der Ausspielweg ist dabei eher nebensächlich.
Auf welchem sehen Sie sich in fünf Jahren – nach Digitalmaßstäben also einer Ewigkeit?
Je älter ich werde, desto stärker liegt mein Fokus auf langen Geschichten. Von daher sehe ich mich im Fernsehen, will aber auch keine Fünfjahrespläne aufstellen. Ich lasse mich treiben.
Anna Winger: Deutschland 83 & Transatlantic
Posted: April 21, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentFeier des Lebens in schrecklicher Zeit

Seit Deutschland 83 gilt die New Yorkerin Anna Winger (Foto: Netflix) als feinste Beobachterin deutscher Gegenwartsgeschichte. Ihr siebenteiliges Netflix-Drama Transatlantic reist nun ins Marseille des Jahres 1940, wo eine realexistierende Flüchtlingsorganisation jüdische Intellektuelle vor den Nazis rettet. Gespräch mit einer Überzeugungstäterin.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Nach Deutschland 83/86/89 und Unorthodox beschäftigt sich auch Transatlantic mit Ihrer deutschen Wahlheimat, wenngleich Jahrzehnte früher. Warum dieser Sprung in eine Zeit so lange vor Ihrem Umzug nach Berlin?
Anna Winger: Stimmt, jetzt wo Sie es sagen… Wobei ich auch 1986 nicht in Berlin war, mir mein Wissen darüber also mit harter Recherche erarbeiten musste. Über Musik und Popkultur hatte ich zwar einen Bezug zum Deutschland jener Jahre, aber nie über die Folgen des Kalten Krieges für Berlin nachgedacht, bevor ich dort hingezogen bin. Von daher war Deutschland 83 anders als Unorthodox, das im Berlin meiner Zeit hier spielt, eher ein zeitgenössisches Kostümdrama als irgendwie biografisch.
Was haben die Formate dennoch gemeinsam?
Meine Geschichten entstehen immer aus Neugierde, sind häufig Fish-out-of-water-Stories und führen sie auf unterschiedliche Art aus der Dunkelheit ins Licht. Trotzdem wollte ich eigentlich nie etwas über Zweiten Weltkrieg oder Nationalsozialismus machen und war nach all den Angeboten, die ich dazu abgelehnt hatte, selbst überrascht, dieses hier angenommen zu haben.
Was hat Sie dennoch überzeugt?
Vor allem, was mein Vater mir darüber mal erzählt hatte, als wir gemeinsam über den Potsdamer Platz gegangen sind und ihm dort die Varian-Fry-Straße auffiel.
Benannt nach einer Hauptfigur, die mit Mary Jane Gold das Emergency Rescue Committee zur Rettung europäischer Juden betrieben hatte.
Den kannte er zwar nicht persönlich, dafür zwei andere Seriencharaktere, die fürs ERC gearbeitet hatten. Mit Lisa Fittko protestierte er in den Sechzigern gegen den Vietnamkrieg, mit Albert Hirschman lehrte er in den Siebzigern in Harvard. Als mein Vater mir davon 2012 erzählte, war ich schon deshalb so fasziniert von der Geschichte, weil der Einfluss jüdischer Intellektueller auf mein akademisch geprägtes Elternhaus in Cambridge, Massachusetts, wo ich aufgewachsen bin, so enorm war.
So gesehen kam „Transatlantic“ für Sie sogar vor „Deutschland 83“.
Ja. In meiner Kindheit und später in New York, hatten so viele im Umfeld meiner Eltern deutschen Akzent, dass ich deren Immigrationsgeschichte fühlen konnte. Genau darüber hatte ich wieder nachgedacht, als die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge zu Tausenden nach Berlin kamen. Am Ende war das aber nicht der Hauptgrund, Transatlantic zu machen.
Sondern?
Dass uns Gemeinschaft, Kreativität und Lebensmut oder Liebe, Sex und Freundschaft dieser Erzählung daran erinnern, wie viel Licht selbst in tiefster Dunkelheit steckt. Dabei fasziniert mich besonders, dass Leute verschiedenster Herkunft, Klassen, Hintergründe und Ansichten, die sich ansonsten wohl nie getroffen hätten, eine Art magischer Gemeinschaft bilden. Neben Deutschland waren 1940 ja auch Italien, Nordfrankreich, Spanien faschistisch, England wurde bombardiert, Amerika war neutral – selten zuvor war eine Zeit dunkler als diese.
Umso mehr handelt Transatlantic abseits all jener, die sich und anderen geholfen haben, von denen, die es wie die USA nicht getan haben, den untätigen Ignoranten also.
Sie machen dunkle Zeiten noch dunkler: Menschen und Bürokraten verbrecherischer Systeme und ihrer Nachbarn, die ihrem Alltag nachgehen und den menschlichen Preis ignorieren. Wobei Marseille eine Sonderrolle spielt. Unabhängig vom Pétain-Regime im Norden, gab es dort einerseits Kollaborateure, andererseits Anfänge der Résistance und mittendrin diese Intimität des ERC. Aus Sicht einer Autorin war das alles sehr interessant.
Ist es am Ende diese Intimität im Umfeld herzloser Zerstörungswut, die Transatlantic von der Vielzahl anderer Fiktionen zwischen Shoah und Weltkrieg unterscheidet?
Und die Feier des Lebens in schrecklicher Zeit. Beides hat mich damit verbunden, obwohl es im Kern tieftraurig bleibt. Ich habe mich oft gefragt, wie ich empfunden hätte, wenn mein Umzug aus den USA nach Berlin 2002 eine Flucht gewesen wäre, und habe mich da an Filme meiner Kindheit erinnert, die vielfach von jüdischen Emigranten stammten.
Die haben einfach weitergemacht.
Und ihre Traumata mit Humor, Liebe, Kunst in einer großen deutsch-jüdischen Exilgemeinde aufgearbeitet. Die halbe Crew von Casablanca bestand aus Flüchtlingen. Billy Wilder und Ernst Lubitsch waren deshalb als Künstler und Menschen unglaublich inspirierend für mich.
Würden Sie Transatlantic als deutsche oder internationale Produktion bezeichnen?
Deutsch. Unbedingt.
Glauben Sie, dass sie besonders in den USA auch als deutsche Produktion wahrgenommen wird oder doch eher, schon wegen der Sprache, der Organisation ERC und einiger Darsteller:innen, als internationale?
Macht das einen Unterschied?
Insofern, als deutsches Kino und Fernsehen in den USA nur dann wahrgenommen wird, wenn es sich mit Krieg und Tyrannei beschäftigt – wie man an vier Oscars für Im Westen nichts neues sieht.
Das sehe ich komplett anders. Zum einen gibt es in den USA selbst unglaublich viele Produktionen, die mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben. Zum anderen sind mittlerweile auch aus Deutschland Projekte erfolgreich, die damit gar nichts zu tun haben.
Mir fiele da nur Dark ein und dann wieder die beiden Historien-Serien Babylon Berlin oder Deutschland 83.
Trotzdem sind Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg nicht immer deutsche Themen und deutsche Themen nicht immer Zweiter Weltkrieg oder Kalter Krieg. Und hier geht es auch nicht um Deutsche und Flüchtlinge oder Opfer und Täter, sondern um gewöhnliche Menschen, die ungewöhnliche Dinge machen. Ich glaube, wir sind uns einig, hier uneinig zu bleiben.
Okay, aber?
Am wichtigsten ist mir, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die meine Vision teilen. Deshalb sind es auch immer wieder dieselben Leute, etwa die deutsche Bühnenbildnerin Silke Fischer, der Kameramann Wolfgang Thaler aus Österreich oder die Kostümbildnerin Justine Seymore aus England. Auch, wenn diese Show am Ende eine deutsche Produktion ist, schlägt sie demnach Brücken und ist auf organische Weise international.
Als wir 2015 anlässlich von Deutschland 83 übers Fernsehen geredet haben, meinten Sie, in den USA wüsste niemand, was das abseits einiger Witze in 30 Rock zu Wetten, dass…? eigentlich sei.
Und nicht nur darüber (lacht). Tina Fey ist halb Deutsche, deshalb hat sie ständig Witze über Deutschland gemacht…
Hat sich an dem Bild durch deutsche Produktionen, die über Streamingdienste ein weltweites Publikum finden, etwas geändert?
Definitiv. Weil das alte Bild von Deutschland altmodisch, also überholt war und sich die Welt seither geändert hat, und zwar radikal. Es wird zusehends unwichtiger, wo etwas entsteht, solange es gut ist. Früher haben Amerikaner fast nichts Ausländisches gesehen. Punkt. Jetzt haben sich Fenster in alle Länder geöffnet – auch das nach Deutschland. Ich finde wirklich nicht alles von hier gut, aber es gibt viele Produktionen, die ich liebe.
Zum Beispiel?
Miss Merkel bei RTL, eine Comedy über die Bundeskanzlerin als Hobbydetektivin.
Ich habe darüber bei DWDL geschrieben.
So unglaublich! Jeder in den USA würde es lieben, weil die meisten Angela Merkel lieben.
Als Anker der Stabilität in einer instabilen Welt?
Vielleicht. Aber auch, weil sie ein so einzigartiger Charakter ist, dass man ihr auch abkauft, nach der Pensionierung Kriminalfälle in der Uckermark zu lösen.
Weckt das Ihr Interesse, eine Historienserie übers Leben Angela Merkels zu machen?
Nein, zumindest vorerst nicht. Wobei ich durchaus Fantasien in andere Richtungen als bisher habe, Real Crime zum Beispiel oder Comedy. Auch in Transatlantic steckt Humor. Meine Serien sind immer ein Genremix.
Welche wird ihre nächste?
Ich arbeite unter Hochdruck daran, kann aber noch nicht verraten, worum es darin geht.
Wenigstens Zeit und Ort?
Es spielt in der Gegenwart Großbritanniens.
Müssen Sie dafür wie bei Transatlantic und der Geschichte Ihres Vaters eine persönliche Verbundenheit zum Stoff spüren?
Über der Oberfläche nicht, sonst hätte ich Deutschland 83 nie machen können. Unter der Oberfläche fühle ich mich mit all meinen Charakteren verbunden. Wer über die Vergangenheit schreibt, schreibt immer über die Gegenwart. Und wer über andere Menschen schreibt, schreibt immer auch ein bisschen über sich selbst.
Tim Raue: Sternekoch & Restaurantretter
Posted: April 14, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentScheitern, aber bitte mit Konzept

Was machen Tim und Katharina Raue (Foto: RTL/Pascal Buenning) eigentlich nach Feierabend? Ein Doppel-Interview (vorab erschienen bei DWDL) mit dem Sternekoch und seiner Geschäfts- und Ehepartnerin über die Arbeit mit oder ohne Kamera und wie da noch Platz für Raue – Restaurantretter bei RTL bleibt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Raue, Frau Raue – kann es sein, dass Sie mit der kreativ wie geschäftlich enorm zeit- und kraftraubenden Spitzengastronomie nicht ausgelastet sind?
Tim Raue: Katharina, es geht ums Geschäft, also du bitte!
Katharina Raue: Wir sind beide durchaus ausgelastet, aber wenn uns etwas über den Weg läuft, von dem wir beide glauben, dass es ebenso spannend wie erfolgsversprechend ist, machen wir es einfach zu gerne, um nein zu sagen.
Raue – Der Restaurantretter ist Ihnen also auch über den Weg gelaufen und erschien erfolgversprechend?
Tim Raue: So muss es gewesen sein, denn bei Fernsehformaten bin ich eher schwierig. Deshalb hatte ich auch lange gewartet, bevor ich bei Magenta TV mein erstes eigenes Format gemacht habe. Ich möchte mich darin nicht nur wiederfinden, sondern überzeugt sein, dass es funktioniert.
Wobei die Spitzengastronomie als arbeitsintensiv am Rande menschlicher Belastungsgrenzen gilt. Wie schaffen Sie es, jetzt noch ein TV-Format reinzuquetschen?
Tim Raue: Dazu muss man vor weg sagen, dass meine jetzige Frau Katharina mit dem Restaurant Tim Raue, das ich mit meiner Ex-Frau Marie-Anne führe, nichts zu tun hat. Dafür haben wir die Raue-Consulting, in der acht weitere Restaurants verhackstückt werden.
Sie müssen also nichts quetschen, sondern gut delegieren?
Tim Raue: Ich muss schon auch quetschen, kann aber womöglich etwas zeitintensiver arbeiten als andere.
Katharina Raue: Dafür hat mein Mann aber auch exzellente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die selbst dann exzellente Arbeit abliefern, wenn er nicht im Restaurant ist.
Tim Raue: Zum Glück habe ich die Fähigkeit, Menschen vertrauen zu können; nur so konnte ich schon sehr jung Küchenchef werden. Dass mir das nie gereicht hat, sieht man aber an den anderen Restaurants, die ich berate. Arbeit – selbst viel – ist für mich nichts, was ich machen muss, sondern Ausdruck meiner Persönlichkeit.
Katharina Raue: Geht mir genauso. Ich arbeite, weil es mir Spaß macht, und wenn ich dafür Geld bekomme – umso besser. Aber Geld ist nie mein Antrieb.
Tim Raue: Und da ist es bei aller Bescheidenheit ein großes Glück, dass wir in unseren Jobs gut genug sind, um nicht nur darin tätig zu sein, sondern aktiv zu gestalten. Deshalb sind wir auch in der RTL-Sendung keine Marionetten, sondern haben von Anfang an darauf bestanden, die Fälle – im Einvernehmen mit dem Sender natürlich – auszusuchen oder abzulehnen.
Katharine Raue: Es geht dabei immer um ein größtmögliches Miteinander.
Tim Raue: Das im Arbeitsalltag des ganzen Teams herrscht. Wir sind keine Egoshooter, die sich für die Größten halten, sondern beziehen jene, denen wir vertrauen, in alle Prozesse ein. Deswegen war es wichtig, das mit meiner Frau zu machen; was Marketing, Gestaltung, soziale Medien angeht, ist sie mir einfach um Längen voraus. Ich kann gut und gern Hilfe von denen annehmen, die etwas besser können als ich.
Tim kreativ, Katharina betriebswirtschaftlich – das ist also die Arbeitsteilung beim Restaurantretter?
Katharina Raue: Fast, auch Betriebswirtschaft erfordert Kreativität und umgekehrt. Weil wir beide gestalterisch tätig sind, besteht die Arbeitsteilung eher darin, dass Tim alles kulinarisch schön macht und ich optisch. Dafür schauen wir uns im Vorfeld des Castings an, inwiefern sie bei den Kandidaten der Sendung funktioniert.
Gemeinsam?
Katharina Raue: Gemeinsam, aber das visuelle Konzept vom Restaurantretter folgt in aller Regel erst aufs kulinarische.
Tim Raue: Wobei der Name eigentlich das Einzige ist, was Rach, der Restauranttester ähnelt. Inhaltlich haben wir einen komplett anderen Ansatz.
Nämlich?
Katharina Raue: Wir bespielen unterschiedlichere Dimensionen und betrachten das Restaurant als Gesamterlebnisraum, den wir auf bestimmte Zielgruppen zuschneiden wollen.
Tim Raue: Und zwar zu zweit auf 90 Minuten statt allein auf 45. Deshalb gehen wir tiefer in die Materie, arbeiten intensiver mit den Menschen und packen die Materie schon deshalb anders an, weil Gastronomie 2023 eine völlig andere ist als 2002 – gerade, was die Außendarstellung betrifft.
Katharina Raue: Außerdem haben sich die Gäste – nicht zuletzt durch die Pandemie – vom reinen Versorgungsdenken hin zu mehr Kost- und Küchenverständnis emanzipiert.
Tim Raue: Umso mehr wollen wir niemandem beim Scheitern zusehen, sondern suchen gezielt nach dem Potenzial, etwas bewegen, also überleben zu können.
Klingt gastronomisch, also fachlich. Wie hat sich denn das Kochfernsehen seit Christian Rachs Pionierarbeit verändert?
Tim Raue: Ich kann da nicht fürs Genre sprechen, aber wir nehmen uns mehr Zeit für die Bilder, arbeiten also nicht mit schnellen Schnitten, sondern Konzentration aufs Wesentliche. Momente brauchen Emotionen und umgekehrt, wir legen den Fokus auf den Menschen, ohne ihm dabei zusehen zu wollen, auf die Fresse zu fallen.
Haben Sie den Restauranttester seinerzeit als Referenzobjekt gesehen?
Tim Raue: Natürlich, es war schließlich ein Format, das über zehn Jahre hinweg grandios gelaufen ist und damit eine echte Benchmark, die wir damals – noch unabhängig voneinander – beide gern gesehen haben.
Katharina Raue: Räumlich getrennt, aber vereint in der Faszination fürs Format.
Tim Raue: Bei dem ich jedes Mal wieder aufs Neue den Kopf darüber schütteln musste, warum nahezu jeder ein Restaurant eröffnen kann, ohne die geringste Idee davon zu haben. Wie viel weniger Not und Tragödie würde es geben, wenn Restaurant-Betreiber ein Lehrberuf mit Abschluss wäre.
Katharina Raue: Ich höre es jetzt noch klatschen, so oft hat Tim als Restaurantretter die Hände überm Kopf zusammengeschlagen.
Sie halten es nicht mit dem amerikanischen Business-Modell fail, try again, fail better?
Katharina Raue: Doch, aber bitte mit einem Konzept, von dessen Erfolg man vorm Scheitern überzeugt war.
Tim Raue: Wir hatten diesbezüglich Kandidaten, die zwar das falsche Konzept am falschesten Ort mit dem falschesten Personal hatten, was eigentlich zu sinnfrei ist, um daran zu arbeiten. Aber wenn die Überzeugung der Betroffenen groß ist, kann man versuchen, kulinarisch und gestalterisch neue Zielgruppen zu fokussieren.
Katharina Raue: Wer auf die Frage nach denen antwortet, sie sei Jung und Alt oder für jeden Geschmack was dabei, hat schon verloren.
Tim Raue: Das Problem ist, dass finanzielle Sorgen schnell dazu führen, Basics wie Disziplin und Hygiene zu vernachlässigen. Aus diesem Strudel herauszukommen, ist extrem schwierig.
Und wie helfen Sie dabei, es doch zu schaffen?
Tim Raue: Durch positives Bestärken.
Katharina Raue: Das Besinnen auf eigene Stärken und Konzepte, die anfangs vielleicht vorhanden waren, aber dem Misserfolg zum Opfer gefallen sind.
Würden Sie ähnlich vorgehen, wenn es in der Sendung um Ihr Restaurant ginge?
Tim Raue: Ja, aber das machen wir doch eh ständig. Ich bin 25 meiner 48 Jahre Küchenchef und wäre kaum so lange erfolgreich, wenn ich nicht jeden Tag mit dem Ansatz starten würde, mich und das Restaurant zu optimieren. Von daher macht der Restaurant-Retter gar nicht viel anders als der -Betreiber. Ich consulte mich an 222 Tagen, die ich zwischen all meinen Unternehmungen unterwegs bin, selbst.
Wenn Sie also maximal 143 Tage die Chance haben, Ihre Frau persönlich zu treffen – ist so eine Sendung dann auch ein bisschen We-Time für beide?
Tim Raue: Da haben Sie die falsche Vorstellung von Drehtagen und wieviel Gelegenheit zur Zweisamkeit sie bieten (lacht). Wir haben ein Beziehungsleben, das viele sich weder vorstellen können noch wollen, genießen die gemeinsame Zeit dafür halt umso mehr und bewusster.
Wie sieht ein gemeinsamer Feierabend bei Raues dann aus?
Katharina Raue: Wie bei normalen Paaren, die nach schwerem Arbeitstag gemeinsam essen, übern Tag reden, sich noch mal hinsetzen, entspannen, zu Bett gehen.
Tim Raue: Kein Halligalli! Und weil mir schleierhaft ist, was die Leute übers Kochen hinaus an mir finden, stehen wir auch nur zweimal pro Jahr auf red carpets und versuchen schon wegen unserer verschiedenen Lebensmittelpunkte Zeit gemeinsam zu genießen, und da gibt es ein Prinzip: keiner von uns beiden kocht. Auf gar keinen Fall!
Katharina Raue: Essen heißt bei uns zuhause daher, was Leckeres bestellen.
Tim Raue: Oder essen gehen, das machen wir natürlich auch sehr gern. Schon, weil man unsere Kollegen überall auf dem Planeten unterstützen sollte. Die haben’s nicht leicht gerade.

Was machen Tim und Katharina Raue (Foto: RTL/Pascal Buenning) eigentlich nach Feierabend? Ein Doppel-Interview (vorab erschienen bei DWDL) mit dem Sternekoch und seiner Geschäfts- und Ehepartnerin über die Arbeit mit oder ohne Kamera und wie da noch Platz für Raue – Restaurantretter bei RTL bleibt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Raue, Frau Raue – kann es sein, dass Sie mit der kreativ wie geschäftlich enorm zeit- und kraftraubenden Spitzengastronomie nicht ausgelastet sind?
Tim Raue: Katharina, es geht ums Geschäft, also du bitte!
Katharina Raue: Wir sind beide durchaus ausgelastet, aber wenn uns etwas über den Weg läuft, von dem wir beide glauben, dass es ebenso spannend wie erfolgsversprechend ist, machen wir es einfach zu gerne, um nein zu sagen.
Raue – Der Restaurantretter ist Ihnen also auch über den Weg gelaufen und erschien erfolgversprechend?
Tim Raue: So muss es gewesen sein, denn bei Fernsehformaten bin ich eher schwierig. Deshalb hatte ich auch lange gewartet, bevor ich bei Magenta TV mein erstes eigenes Format gemacht habe. Ich möchte mich darin nicht nur wiederfinden, sondern überzeugt sein, dass es funktioniert.
Wobei die Spitzengastronomie als arbeitsintensiv am Rande menschlicher Belastungsgrenzen gilt. Wie schaffen Sie es, jetzt noch ein TV-Format reinzuquetschen?
Tim Raue: Dazu muss man vor weg sagen, dass meine jetzige Frau Katharina mit dem Restaurant Tim Raue, das ich mit meiner Ex-Frau Marie-Anne führe, nichts zu tun hat. Dafür haben wir die Raue-Consulting, in der acht weitere Restaurants verhackstückt werden.
Sie müssen also nichts quetschen, sondern gut delegieren?
Tim Raue: Ich muss schon auch quetschen, kann aber womöglich etwas zeitintensiver arbeiten als andere.
Katharina Raue: Dafür hat mein Mann aber auch exzellente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die selbst dann exzellente Arbeit abliefern, wenn er nicht im Restaurant ist.
Tim Raue: Zum Glück habe ich die Fähigkeit, Menschen vertrauen zu können; nur so konnte ich schon sehr jung Küchenchef werden. Dass mir das nie gereicht hat, sieht man aber an den anderen Restaurants, die ich berate. Arbeit – selbst viel – ist für mich nichts, was ich machen muss, sondern Ausdruck meiner Persönlichkeit.
Katharina Raue: Geht mir genauso. Ich arbeite, weil es mir Spaß macht, und wenn ich dafür Geld bekomme – umso besser. Aber Geld ist nie mein Antrieb.
Tim Raue: Und da ist es bei aller Bescheidenheit ein großes Glück, dass wir in unseren Jobs gut genug sind, um nicht nur darin tätig zu sein, sondern aktiv zu gestalten. Deshalb sind wir auch in der RTL-Sendung keine Marionetten, sondern haben von Anfang an darauf bestanden, die Fälle – im Einvernehmen mit dem Sender natürlich – auszusuchen oder abzulehnen.
Katharine Raue: Es geht dabei immer um ein größtmögliches Miteinander.
Tim Raue: Das im Arbeitsalltag des ganzen Teams herrscht. Wir sind keine Egoshooter, die sich für die Größten halten, sondern beziehen jene, denen wir vertrauen, in alle Prozesse ein. Deswegen war es wichtig, das mit meiner Frau zu machen; was Marketing, Gestaltung, soziale Medien angeht, ist sie mir einfach um Längen voraus. Ich kann gut und gern Hilfe von denen annehmen, die etwas besser können als ich.
Tim kreativ, Katharina betriebswirtschaftlich – das ist also die Arbeitsteilung beim Restaurantretter?
Katharina Raue: Fast, auch Betriebswirtschaft erfordert Kreativität und umgekehrt. Weil wir beide gestalterisch tätig sind, besteht die Arbeitsteilung eher darin, dass Tim alles kulinarisch schön macht und ich optisch. Dafür schauen wir uns im Vorfeld des Castings an, inwiefern sie bei den Kandidaten der Sendung funktioniert.
Gemeinsam?
Katharina Raue: Gemeinsam, aber das visuelle Konzept vom Restaurantretter folgt in aller Regel erst aufs kulinarische.
Tim Raue: Wobei der Name eigentlich das Einzige ist, was Rach, der Restauranttester ähnelt. Inhaltlich haben wir einen komplett anderen Ansatz.
Nämlich?
Katharina Raue: Wir bespielen unterschiedlichere Dimensionen und betrachten das Restaurant als Gesamterlebnisraum, den wir auf bestimmte Zielgruppen zuschneiden wollen.
Tim Raue: Und zwar zu zweit auf 90 Minuten statt allein auf 45. Deshalb gehen wir tiefer in die Materie, arbeiten intensiver mit den Menschen und packen die Materie schon deshalb anders an, weil Gastronomie 2023 eine völlig andere ist als 2002 – gerade, was die Außendarstellung betrifft.
Katharina Raue: Außerdem haben sich die Gäste – nicht zuletzt durch die Pandemie – vom reinen Versorgungsdenken hin zu mehr Kost- und Küchenverständnis emanzipiert.
Tim Raue: Umso mehr wollen wir niemandem beim Scheitern zusehen, sondern suchen gezielt nach dem Potenzial, etwas bewegen, also überleben zu können.
Klingt gastronomisch, also fachlich. Wie hat sich denn das Kochfernsehen seit Christian Rachs Pionierarbeit verändert?
Tim Raue: Ich kann da nicht fürs Genre sprechen, aber wir nehmen uns mehr Zeit für die Bilder, arbeiten also nicht mit schnellen Schnitten, sondern Konzentration aufs Wesentliche. Momente brauchen Emotionen und umgekehrt, wir legen den Fokus auf den Menschen, ohne ihm dabei zusehen zu wollen, auf die Fresse zu fallen.
Haben Sie den Restauranttester seinerzeit als Referenzobjekt gesehen?
Tim Raue: Natürlich, es war schließlich ein Format, das über zehn Jahre hinweg grandios gelaufen ist und damit eine echte Benchmark, die wir damals – noch unabhängig voneinander – beide gern gesehen haben.
Katharina Raue: Räumlich getrennt, aber vereint in der Faszination fürs Format.
Tim Raue: Bei dem ich jedes Mal wieder aufs Neue den Kopf darüber schütteln musste, warum nahezu jeder ein Restaurant eröffnen kann, ohne die geringste Idee davon zu haben. Wie viel weniger Not und Tragödie würde es geben, wenn Restaurant-Betreiber ein Lehrberuf mit Abschluss wäre.
Katharina Raue: Ich höre es jetzt noch klatschen, so oft hat Tim als Restaurantretter die Hände überm Kopf zusammengeschlagen.
Sie halten es nicht mit dem amerikanischen Business-Modell fail, try again, fail better?
Katharina Raue: Doch, aber bitte mit einem Konzept, von dessen Erfolg man vorm Scheitern überzeugt war.
Tim Raue: Wir hatten diesbezüglich Kandidaten, die zwar das falsche Konzept am falschesten Ort mit dem falschesten Personal hatten, was eigentlich zu sinnfrei ist, um daran zu arbeiten. Aber wenn die Überzeugung der Betroffenen groß ist, kann man versuchen, kulinarisch und gestalterisch neue Zielgruppen zu fokussieren.
Katharina Raue: Wer auf die Frage nach denen antwortet, sie sei Jung und Alt oder für jeden Geschmack was dabei, hat schon verloren.
Tim Raue: Das Problem ist, dass finanzielle Sorgen schnell dazu führen, Basics wie Disziplin und Hygiene zu vernachlässigen. Aus diesem Strudel herauszukommen, ist extrem schwierig.
Und wie helfen Sie dabei, es doch zu schaffen?
Tim Raue: Durch positives Bestärken.
Katharina Raue: Das Besinnen auf eigene Stärken und Konzepte, die anfangs vielleicht vorhanden waren, aber dem Misserfolg zum Opfer gefallen sind.
Würden Sie ähnlich vorgehen, wenn es in der Sendung um Ihr Restaurant ginge?
Tim Raue: Ja, aber das machen wir doch eh ständig. Ich bin 25 meiner 48 Jahre Küchenchef und wäre kaum so lange erfolgreich, wenn ich nicht jeden Tag mit dem Ansatz starten würde, mich und das Restaurant zu optimieren. Von daher macht der Restaurant-Retter gar nicht viel anders als der -Betreiber. Ich consulte mich an 222 Tagen, die ich zwischen all meinen Unternehmungen unterwegs bin, selbst.
Wenn Sie also maximal 143 Tage die Chance haben, Ihre Frau persönlich zu treffen – ist so eine Sendung dann auch ein bisschen We-Time für beide?
Tim Raue: Da haben Sie die falsche Vorstellung von Drehtagen und wieviel Gelegenheit zur Zweisamkeit sie bieten (lacht). Wir haben ein Beziehungsleben, das viele sich weder vorstellen können noch wollen, genießen die gemeinsame Zeit dafür halt umso mehr und bewusster.
Wie sieht ein gemeinsamer Feierabend bei Raues dann aus?
Katharina Raue: Wie bei normalen Paaren, die nach schwerem Arbeitstag gemeinsam essen, übern Tag reden, sich noch mal hinsetzen, entspannen, zu Bett gehen.
Tim Raue: Kein Halligalli! Und weil mir schleierhaft ist, was die Leute übers Kochen hinaus an mir finden, stehen wir auch nur zweimal pro Jahr auf red carpets und versuchen schon wegen unserer verschiedenen Lebensmittelpunkte Zeit gemeinsam zu genießen, und da gibt es ein Prinzip: keiner von uns beiden kocht. Auf gar keinen Fall!
Katharina Raue: Essen heißt bei uns zuhause daher, was Leckeres bestellen.
Tim Raue: Oder essen gehen, das machen wir natürlich auch sehr gern. Schon, weil man unsere Kollegen überall auf dem Planeten unterstützen sollte. Die haben’s nicht leicht gerade.
Heidenreich & Hoffmann: SZ & Lokales
Posted: March 24, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDas Kleine im Großen im Kleinen

Als Ressortleitung der größten und wichtigsten überregionalen Tageszeitung in Deutschland, prägen Ulrike Heidenreich und René Hofmann (Foto: Sebastian Arlt) das lokale Bild der weltumspannenden Süddeutsche Zeitung. Sind sie damit damit Vorreiter:innen oder Außenseiter:innen? Ein Interview mit Blick über München sucht nach Antworten – die vorab im Medienmagazin Journalist erscheinen sind.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Heidenreich, Herr Hofmann – Sie leiten die Gemeinschaftsredaktion München-Region-Bayern der Süddeutschen Zeitung in einer Epoche voll globaler Krisen von Krieg übers Klima bis Inflation mit unmittelbarer Auswirkung aufs Lokale. Welche hat es auf die Berichterstattung im Weltdorf München und Umgebung?
Ulrike Heidenreich: Wie früher eigentlich: Das Kleine im Großen zu finden. Erst dieses Herunterbrechen vom Globalen, Nationalen aufs Regionale macht Lokaljournalismus interessant.
Und wird durch digitale, überall verfügbare Informationen in Echtzeit noch interessanter?
René Hofmann: Dadurch können fast alle Weltlagen im Lokalen Thema werden. Bestes Beispiel ist das Erdbeben in der Türkei und Syrien. Fliegen auch bayerische Helfer und Helferinnen dorthin? Wie geht die türkische und syrische Community bei uns damit um? Was ist am Münchner Flughafen los? Wie beim Krieg in der Ukraine hat so eine Katastrophe sehr direkte Auswirkungen auf unser Einzugsgebiet.
Heidenreich: Mir fiele jetzt auch keine einzige gesellschaftliche, politische Großwetterlage mehr ohne Einfluss auf uns hier ein.
Hofmann: Bei der man sich zurücklehnen könnte und denken, lass das mal andre verhandeln.
Hat sich also nur die Quantität heruntergebrochener Großwetterlagen verändert oder auch ihre Qualität, also die Art, sie lokal zu thematisieren?
Heidenreich: Inhaltlich hat sich in jedem Fall verändert, dass auch lokale Themen ferner Regionen überregional relevant werden, die man jetzt direkter ansprechen kann. Kürzlich zum Beispiel wurde ja über ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, in dem auf 800 Einwohner 700 Geflüchtete kommen, berichtet. Da habe ich mich an eine Geschichte aus meiner Zeit als Bayern-Reporterin vor gut zehn Jahren aus der Nähe von Deggendorf erinnert, wo das Verhältnis noch deutlicher war. Es waren 900 Einwohner in dem Dorf und über 1000 Geflüchtete.
Und haben es für eine aktuelle Berichterstattung aufgegriffen?
Heidenreich: Die Geflüchteten sind inzwischen alle fortgezogen. Aber schon damals konnte man daran alle Probleme aufzeigen, die sich im politischen und sozialen Miteinander ergeben, von der praktischen Versorgungslage bis zur inneren Haltung. Das hat eine Wucht, mit der man menschlich, aber auch publizistisch viel in Bewegung setzen kann.
Hofmann: Ein anderes Beispiel, Geschichten abseits vom großen Radar weiterzuerzählen, ist unsere Kolumne „Typisch Deutsch“, wo ein Kollege im Herbst 2015 zunächst geflohene Journalisten darum gebeten hat, ihren Blick auf uns in der SZ darzustellen.
Heidenreich: Damals waren es vor allem syrische und nigerianische Kollegen, jetzt ist es auch eine ukrainische Kollegin, die eine ähnliche Kolumne hat.
Hofmann: Und das funktioniert schon deshalb wunderbar, weil es nicht nur Einblicke in deren Lebenswelten gewährt, sondern auch solche zurück auf uns, wie diese ehemaligen Neuankömmlinge Phänomene vom Oktoberfest bis zum Gassigehen also wahrnehmen.
Heidenreich: Wenn der syrische Kollege eine Stilkritik über den Verzehr von Schweinebraten mit Knödeln schreibt, ist das ja nicht nur informativ und unterhaltsam, sondern manchmal auch auf lustige Art entlarvend.
Hofmann: Das hilft besonders in den Landkreisen sehr dabei, zu zeigen, dass diese Menschen nicht nur gekommen, sondern geblieben sind.
Und wie findet das die lokale Kundschaft ländlicher Verbreitungsgebiete, die womöglich in ihrer Welt ein bisschen verkapselter und damit konservativer sind?
Hofmann: Weil SZ-Leserinnen und -Leser generell eine gewisse Offenheit mitbringen, ist die Resonanz grundsätzlich positiv, aber klar gibt es auch – nennen wir es mal: Verwunderung.
Heidenreich: Die meisten unserer lokalen Leserinnen und Leser verstehen das ironische Augenzwinkern solcher Geschichten schon. Sie wissen ja, warum sie die SZ abonniert haben und was sie mit ihr bekommen.
Und verspüren Sie beim Rest eine Art Erziehungsauftrag, ihm die Weite der Welt jenseits von Ober- und Niederbayern zu erklären?
Heidenreich: Erziehungsauftrag, oh je. Wer will als Erwachsener schon erzogen werden…
Hofmann: Damit muss man sehr aufpassen. Wir haben während der Pandemie gemerkt, wie fein die Antennen vieler Leserinnen und Leser sind, sobald wir versuchen, sie in irgendeine Richtung zu informieren, die als gewünscht empfunden werden könnte. Das hat unsere Objektivität noch gewissenhafter gemacht.
Heidenreich: Wir bilden nicht, wir bilden ab.
Auch, um es sich mit seiner zahlenden Kundschaft in Zeiten sinkender Abo-Erlöse und Kiosk-Verkäufe nicht zu verscherzen?
Heidenreich: Nicht, was die inhaltliche Berichterstattung betrifft. Wo wir auf sie zugehen, ist allenfalls die Art, wie wir mit unseren Leserinnen und Lesern in Dialog treten. Das betrifft aber nicht nur uns, sondern das ganze Haus. Ich war vorher in der Politik-Redaktion, René lange Sportreporter – seither sind wir hier wie dort verantwortungsbewusster beim Austausch mit unserem Publikum geworden.
Was sich worin zeigt?
Heidenreich: Dass wir oder die Social-Media-Abteilung Zuschriften oder Kommentare noch gewissenhafter und intensiver beantworten als früher.
Hofmann: Und dabei zu erklären, warum wir diesen oder jenen Zugang so und nicht anders gewählt haben. Da geht es nicht um Inhaltskorrektur, sondern um Transparenz.
Heidenreich: Runter von dieser unerreichbaren Elfenbeinturmspitze, aus der Redaktionen die Welt erklärt haben, ohne Rückfragen zuzulassen. Das gibt es schon lange nicht mehr.
Hofmann: Dieses selbstkritische Herangehen wird geschätzt, aber das wichtigste bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der Sache an sich, also den Berichtsgegenständen. Deshalb ist das Feedback der Leserinnen und Leser auch eher positiv als negativ. Mit affirmativem Journalismus gewinnen Sie im Lokalen heutzutage nix.
Aber mit anteilnehmendem, interaktivem Journalismus. Geht der bei Ihnen auch Richtung Twitter-Charts oder Leserinnen-Kolumnen, um die Kundschaft redaktionell einzubinden?
Heidenreich: Wir arbeiten natürlich mit Dashboards, erkennen, wenn Geschichten von sehr großem Interesse sind, und legen dann vielleicht noch ein paar Geschichten und Longreads zu dem Thema nach. Aber am Produktionsprozess beteiligen wir die Leute nicht. Schließlich haben wir die gleichen journalistischen Grundsätze und Qualitätsanforderungen wie das gesamte Haus.
Zugleich wünschen sich die Menschen, was vielfach gepanelt wird, vom Lokaljournalismus Nähe und Geborgenheit. Fällt das einer überregionalen Zeitung wie der Süddeutschen, deren Fokus anders als bei Regionalblättern weit über den Tellerrand der Landkreise hinausgeht, schwerer?
Heidenreich: Wir machen da idealerweise gar keinen Unterschied zwischen SZ im Lokalen, Regionalen, Nationalen und Globalen. Alle Standbeine sind absolut gleichwertig und das Lokale und Regionale ist schon allein deshalb nicht weniger bedeutend, weil es vom Personal her das größte Ressort bei der SZ ist. Diese Gleichwertigkeit findet sich auch im Redaktionsstatut, dem Wertepapier des Redaktionsausschusses, dem publizistischen Kompass der Chefredaktion wieder. Die journalistischen Qualitätsansprüche sind – auch im Digitalen – identisch.
Hofmann: Wir wollen im Lokalen das Gleiche beherrschen wie überregional, also alle Stilformen von der Härte des Investigativen übers Packende der Reportage bis hin zum Leichten des Streiflichts beherrschen und nutzen. Gäbe es qualitativ und stilistisch von Ressort zu Ressort Unterschiede, dann würden die Leserinnen und Leser das schon deshalb seltsam finden, weil auf der Homepage alles nebeneinander zu finden ist. Je näher man München kommt, desto eher wird, glaube ich, ein gewisser SZ-Sound erwartet, aber das Gefühl dafür ist in allen Regionen ähnlich.
Erhebt die Süddeutsche, ob ihre Leser:innen sie eher wegen oder trotz der Lokalberichterstattung kaufen?
Heidenreich: Natürlich [blättert in Papieren]. Laut Marktforschungen ist der MRB-Teil, also die Ressorts München/Region/Bayern, die wir leiten, neben dem Politik-Teil der beliebteste der SZ. Als einzige überregionale Zeitung in Deutschland mit relevanter Regionalberichterstattung haben wir da ein echtes Alleinstellungsmerkmal.
Hofmann: Das allerdings auch Herausforderungen mit sich bringt, denn wir haben gleich von drei Seiten Konkurrenz: Auf Bundesebene von FAZ, taz und Welt, aber auch den Wochenmagazinen Stern, Spiegel, Die Zeit. Auf Landesebene vor allem vom Bayerischen Rundfunk, der als einziges Medium Bayerns ein – wenngleich deutlich – größeres Korrespondentennetz unterhält als wir. Und im Kernverbreitungsgebiet vor allem den Münchner Merkur, der im ländlichen Raum stark ist, und den Boulevardzeitungen Abendzeitung, tz und Bild. In der digitalen Welt ist es umso sportlicher, aber auch spannend, unser Versprechen, mit lokalem Herz in die Welt hinauszublicken, jeden Tag aufs Neue gerecht zu werden.
Und nach welcher Hierarchie-, womöglich gar Kommandostruktur agieren die verschiedenen Landes-, Lokal- und Regionalredaktionen da?
Heidenreich: Wir haben das gesamte Groß-Ressort in den vergangenen zwei Jahren komplett umstrukturiert, inklusive unserer neun Lokalredaktionen, um es angesichts von Etatkürzungen, Personalabbau und den Herausforderungen beim digitalen Wandel neu aufzustellen. Unsere Redakteurinnen und Redakteure müssen ja inzwischen Aufgaben stemmen, die noch vor wenigen Jahren gar nicht erfunden waren. Die digitale Aufbereitung ist zusätzliche Arbeit. Andererseits müssen sie sich nun weniger an der Konkurrenz wie etwa dem Münchner Merkur messen, der auf Kreisebene einfach breiter aufgestellt ist.
Mit welcher Folge?
Heidenreich: Dass wir nicht mehr auf jeder Gemeinderatssitzung präsent sein und die Sperrung jeder Sackgasse redaktionell begleiten müssen. Unsere Arbeit ist da eher themen- als ereignisorientiert.
Hofmann: Die Struktur ist dreigeteilt: die Bayern-Redaktion hat den Freistaat und die Landespolitik im Blick, die München-Redaktion kümmert sich um die das Geschehen in der Stadt und in der Region um diese herum sind wir in den Landkreisen Dachau, Fürstenfeldbruck, Ebersberg, Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und Freising plus Erding mit Redaktionen präsent. Hab‘ ich jetzt eine vergessen?
Heidenreich: Bloß nicht!
Hofmann: Ja, den Landkreis München, natürlich. Alle Landkreisredaktionen sind trotz verschieden hoher Auflagen eigenständige Einheiten unterm MRB-Dach, also nicht in einen Pool organisiert. Wer draußen ist, hat das eigene Berichtsgebiet besser im Blick als wir. Im digitalen Zeitalter ist es jedoch wichtig, dass Stories, die in Haar im Landkreis München spielen, so gedacht werden, dass sie theoretisch auch in Hamburg Interesse finden. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer der Baumarkt-Kater aus Starnberg.
Alkohol oder Tier?
Hofmann: Ein Katzenmännchen, das sich jeden Tag im Baumarkt rumtreibt und abends wieder heimgeht. Früher hätte die Geschichte nur Leute in Starnberg erreicht, jetzt hatte sie inzwischen mehr eine Million Zugriffe auf unserer Homepage. Das mag eine kuriose Schmonzette sein, aber ähnlich wie die erste bayerische Gemeinde mit gegenderten Ortsschildern sorgt sie überregional für Interesse. Wir können zwar nicht mehr alles 360 Grad covern, müssen uns aber auf das konzentrieren, was Interesse findet. Und dafür geben wir den Kolleginnen und Kollegen vor Ort alle Freiheit, die sie brauchen.
Also auch die, bei Interesse doch jede Gemeinderatssitzung oder Sackgassensperrung zu besuchen?
Hofmann: Da geben wir keine Richtlinien vor. Dafür sind die Landkreise viel zu unterschiedlich und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort erfahren genug, um das selbst abzuwägen. Sie müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass man sich mit begrenzter Kapazität bei der Entscheidung für ein Thema im Zweifel gegen ein anderes entscheidet.
Heidenreich: Wobei die automatische Präsenzpflicht von früher schon deshalb nicht mehr nötig ist, weil wir die Print-Umfänge bei unserer Strukturreform reduziert haben. Das aus der Printlogik entstandene Konstrukt stand dem digitalen Wandel eher im Weg, als dass es ihn beförderte. Es brachte unsere Leute bei der Arbeitsbelastung an den Anschlag und entsprach nicht ihrem eigenen Anspruch. Durch starre Seiten-Vorgaben war die Redaktion gezwungen, Platz zu füllen, anstatt nach journalistischer Relevanz Inhalte auszuwählen. Durch diesen Zwang, lokalen Platz zu füllen, stand da mitunter nicht immer wirklich relevanter Stoff.
Hofmann: Na ja, nennen wir es mal „nicht so spannender“ (lacht).
Heidenreich: Wir haben vor unserer Reform eine Lesewertstudie gestartet und herausgefunden, dass solche Meldungen manchmal, nunja, äußerst niedrige Einschaltquoten haben. Für diese Resonanz nicht mehr ungeachtet journalistischer Relevanz Platz füllen zu müssen, ist für die Leute vor Ort eine Riesenentlastung.
Und wie viel Personal wurde dafür nun abgebaut?
Heidenreich: Das lässt sich nicht genau beziffern. Der Personalabbau betraf zum Beispiel Assistentinnen, die Tag für Tag Serviceseiten gefüllt haben – also ein Angebot, das sich im digitalen Zeitalter ebenfalls überholt hat. Für alle, die so etwas dennoch gern auf Papier möchten, bieten wir es halt nur noch ein, zweimal die Woche an.
Hofmann: Der personelle Abbau im Lokalen war anteilig zum Gesamthaus.
Heidenreich: Digital haben wir sogar Personal aufgebaut, weil die Nachfrage und Notwendigkeit massiv gewachsen ist.
Hofmann: Wir haben beispielsweise eine Kollegin für den Bereich Social Media. Es gibt auch jemand, der sich gezielt für die Suchmaschinen-Optimierung der Inhalte kümmert, die im Ressort entstehen. All das ist essenziell, um auf dem digitalen Marktplatz bestehen zu können. Diese Aufgaben und Stellen sind hinzugekommen.
Unterliegt Ihr Lokalteil eigentlich geringerem Selbstfinanzierungs-, also Rentabilitätsdruck als Konkurrenzblätter ohne derart lukrativen Mantel im Rücken?
Heidenreich: Die Frage klingt jetzt, als müsse uns der Mantel querfinanzieren… Wir erwirtschaften Erlöse dank unserer hohen Auflage im Kernverbreitungsbereich sogar auch noch durch gedruckte Werbung. Da kommt Einiges rein. Übrigens finanziert sich die SZ seit gut einem Jahr vollständig über die Einnahmen aus dem Verkauf in Print und Online, also durch den Vertrieb und nicht durch Anzeigen. Das gab es noch nie.
Hofmann: In einer prosperierenden Region wie München drängen außerdem gerade zur Weihnachtszeit erfreulich viele Unternehmen ins Werbegeschäft. Manchmal wird es dann mühsam, um die alle auf den Printseiten herum zu layouten.
Bringen solche Luxusprobleme auch mit sich, dass Ihre Lokalausgaben nicht den einen großen Werbepartner vieler Landkreise haben, über den sie besser nicht allzu kritisch berichtet, weil sein Verlust Riesenlöcher in den Etat reißen würde?
Hofmann: Natürlich gibt es große und wichtige Anzeigenkunden, aber um die kümmert sich die Anzeigenabteilung. Für unser Standing im Haus ist es sicher gut, dass das, was wir journalistisch bieten, auch einen ökonomischen Wert hat.
Heidenreich: Das ist die eine Seite. Um immer auf Augenhöhe zu sein, haben und fördern wir als Ressortleitung auch den redaktionsübergreifenden Personal-Austausch. Viele aus der Lokalredaktion wechseln in Mantel-Ressorts, umgekehrt geschieht dies auch, zuletzt zum Beispiel aus der Politik in den Bayern-Teil.
Ist das Bestandteil einer strukturellen Fluktuation?
Heidenreich: Natürlich gibt es in den Außenredaktionen Leute, die noch nicht in den großen Mantelressorts gearbeitet haben. Aber wir achten wirklich sehr drauf, dass unsere Leute auch für andere Ressorts schreiben – sei es als lokale Zulieferung von Geschichten in der Politik, sei es auf der Meinungsseite oder auch als eigene Geschichte auf der Seite Drei. Gerade zum Beispiel der Text mit dem hinreißenden Titel „Ein Mann für jeden Kuhfladen“ über Hubert Aiwanger, den bayerischen Wirtschaftsminister. Die Reportage haben unsere Bayern-Reporter Andreas Glas und Johann Osel gemeinsam mit Roman Deininger, dem SZ-Chefreporter, verfasst.
Hofmann: Deshalb hat natürlich die Kollegin Carolin Fries aus der Redaktion Starnberg über den ersten Corona-Fall in Deutschland geschrieben, der dort aufgetreten war. Sie hatte die Kontakte, sie hatte die Informationen – was brauchte sie da noch?!
Offene Türen!
Hofmann: Genau. Dabei hilft zum Beispiel, dass die langjährige Leiterin der Redaktion in Erding jetzt in dem Team ist, das sich um die Titelseite und das Thema des Tages, also die zweite Zeitungsseite, kümmert. Dafür kümmert sich die ehemalige stellvertretende Nachrichtenchefin jetzt um Wirtschaftsthemen im München-Teil, weil sie wieder mehr inhaltlich arbeiten wollte. Ein erfahrener Sportkollege hat die Chance ergriffen, Polizeireporter im München-Teil zu werden, der Kollege, der sich hier schon um Kirchen-, Schul- und Umweltthemen gekümmert hat, ist dagegen jetzt im Wissen-Ressort. Durchlässigkeit in beide Richtungen finde ich schon deshalb gut, weil Erfahrungsaustausch immer hilfreich ist.
Das klingt jetzt, mit Verlaub, fast ein bisschen zu harmonisch für eine Qualitätszeitung, in dem einige Ressorts bundesweit höchstes Ansehen genießen, die – wie zuletzt im Falle Nico Frieds oder Frederick Obermaiers – entsprechend Personal an Konkurrenten verloren haben…
Hofmann und Heidenreich: (beide lachen) Bundesweites Ansehen genießt übrigens auch der MRB-Teil, denn wir bestücken täglich eine Seite auch für die Fernausgabe in Print. Und auf der Homepage stehen unsere Texte sowieso.
Gibt es hier wirklich keine Form von Mantel-Dünkel, die wahrnehmbarere, preiswürdigere, weltbedeutendere Arbeit zu leisten als das tägliche Brot im Lokalen?
Heidenreich: Um sich vom Gegenteil zu überzeugen, müssten Sie mal morgens an der Konferenz aller Ressorts teilnehmen; da herrscht gegenseitige Wertschätzung, also auch für die kreative und gut recherchierte Arbeit der Lokalredaktionen.
Hofmann: Und als Sportredakteur, der freiwillig ins Lokale geht, bin ich doch das beste Beispiel, dass dieser Dünkel nicht existiert. Wir beiden haben vorher die Wochenendausgabe im Mantel koordiniert.
Heidenreich: Ich habe zu viele Stationen in verschiedenen Medienhäusern in verschiedenen Städten hinter mir, um Vorbehalte zu haben. Umso mehr achten wir drauf, den Stempel des Seppltums lokaler Geschichten gar nicht erst zuzulassen. Außerdem versuchen wir – da sind wir als Lokalredaktion sogar echte Vorreiter – möglichst viele Frauen aus der Teilzeitfalle zu holen.
Hofmann: Dennoch darf man diesen Wechsel ins Lokale durchaus als Signal verstehen, dass das Pendel in beide Richtungen und wieder zurückschwingen darf. Aber das kann man nicht verordnen, sondern nur fördern – etwa, indem wir uns eine Kollegin mit der Seite Drei auf einer doppelten Stelle teilen. Die Idee kam übrigens von der Chefredaktion und beugt Stockwerksdenken vor.
Also Großkopferte, die sich für was Besseres halten?
Heidenreich: Die Silberrücken am Konferenztisch sind definitiv seltener geworden in den letzten 15, 20 Jahren, und das ist auch gut so.
Hofmann: Ein Prozess, den das Zusammenwachsen der Print- und Onlineredaktion beschleunigt hat. Das war ein echter – ohne dass es sozialistisch klingen soll – Gleichmacher.
Heidenreich: Wir haben vor einem halben Jahr den Podcast München persönlich gegründet, der mit exakt der gleichen Akkuratesse gepflegt wird wie die politischen Podcasts.
Aber wie ist es denn auf der horizontalen Ebene vor Ort: treten Ihre Lokalredakteur:innen gegenüber Kolleg:innen kleinerer Zeitungen bei den angesprochenen Gemeinderatssitzungen nicht manchmal großkopfert auf, weil man schließlich von der prächtigen SZ kommt?
Heidenreich: Interessante Frage, aber auf dem platten Land ist die SZ manchmal verglichen mit der Lokalzeitung gar nicht so wichtig, denn wir berichten ja nicht mehr über jede kleine Pressemeldung eines dort möglicherweise gewichtigen Amtsinhabers.
Aber aufregend ist schon, wenn die Süddeutsche vorbeikommt, oder?
Heidenreich: Allein durch die Höhe der Auflage genießen wir da ein gewisses Ansehen, das stimmt. Aber wie gesagt: Wir befinden uns nicht im Wettlauf um die größtmögliche Präsenz, sondern pflegen das, was wir als SZ mit digitaler Expertise am besten können. „Leuchtturmprojekte“ hört sich womöglich zwar auch wieder von oben herab an, aber sie stehen für das, was uns auszeichnet. Deshalb haben wir für unsere Kolleginnen und Kollegen ohne Redaktionsschließungen, aber durch beispielsweise Seiten, die von zwei benachbarten Redaktionen gemeinsam erstellt und eingehängt werden, Freiräume geschaffen, die sie nun für digitale Projekte nutzen können.
Dennoch ist das Arbeiten im Lokalen mit einer hohen Taktung wie in der Politik doch ein anderes als, sagen wir: im Feuilleton oder Wissen…
Hofmann: Ich bin 2000 von der Journalistenschule als Sportredakteur zur Süddeutschen Zeitung gekommen, und einmal im Jahr gab es die Redaktionsvollversammlung, wo immer die Klage geführt wurde, dass die Arbeitsbelastung im Lokalen so hoch sei. Das hab‘ ich mir ungefähr zehn Jahre lang angehört und meinte dann, im Sport ist die Arbeitsbelastung fast jeden Tag oft bis tief in den Abend genauso hoch.
Zuzüglich Wochenenden.
Hofmann: Jede Redaktion hat halt ihre Herausforderungen. Denken Sie an die Ministerpräsidenten-Konferenzen der Corona-Krise, wo das Politikressort bis spätnachts am Platz war. Weil wir jedoch gemerkt haben, dass diese Arbeitsbedingungen unsere eifrigsten Leute ausbrennen, haben wir in den letzten zwei Jahren gezielt darauf hingewirkt, sie – etwa durch Teilzeitmodelle und Freizeitausgleich – beherrschbar zu machen.
Mithilfe der ominösen Work-Life-Balance?
Hofmann: Ja, denn im Wettbewerb um die besten Köpfe müssen wir ihre Arbeit konkurrenzfähig organisieren. Dazu gehört allerdings auch, dass unsere Autorinnen und Autoren sich für ihre Geschichten die Zeit nehmen, die sie brauchen; nur dann sorgen sie auch im Digitalen für Zuspruch. Seit der thematische Vollversorgungsanspruch im Lokalen Geschichte ist, garantieren wir lieber, große Geschichten groß, wichtige Geschichten schnell und schöne Geschichten schön zu erzählen. Die Leute erwarten von uns gutes Story-Telling.
Alle Leute oder nur jüngere, während ältere noch etwas mehr am chronistenpflichtigen Lokaljournalismus früherer Jahre hängen?
Heidenreich: Alle, die auch alle von den Lesegewohnheiten der jeweils anderen profitieren.
Hofmann: Wenn wir, was unser Ziel ist, neue Leserschichten erschließen wollen, müssen wir diesen Weg gehen. Mit der Stadt hat sich ja auch ihr Umland radikal gewandelt. Weil Jahr für Jahr Zehntausende Menschen nach München ziehen, nimmt die durchschnittliche Verwurzelung ab. Dass jemand 30, 40, 50 Jahre in Feldkirchen wohnt, kommt inzwischen seltener vor, und dieser Fluktuation müssen wir gerecht werden.
Heidenreich: Weil sich die Lebens- und Arbeitswelten gewandelt haben, bilden wir sie seit langem schon urbaner ab, wozu auch gehört, das, was wir können, digital und analog gleichwertig zu verbreiten. Dafür wollen wir im Regional-Bereich auch eine Investigativ-Abteilung aufbauen, denn damit können wir dank unseres Ansehens ebenso punkten wie zum Beispiel in den Bereichen Gastronomie und Kulturberichterstattung.
Hofmann: Viele der Münchnerinnen und Münchner sind nicht mehr hier geboren, weniger als die Hälfte sind inzwischen in keiner kirchlichen Konfession mehr organisiert. Auf sowas muss man journalistisch eingehen.
Ohne die anderen 50 Prozent zu verschrecken.
Hofmann: Ja, wobei diejenigen, die wir schon haben, wahnsinnig treu sind und uns größtenteils durch alle Neuerungen folgen. Das hätte ich vorher nicht gedacht und das gibt uns viele Freiheiten, weniger verwurzelte Zielgruppen – etwa durchs Digitale oder Podcasts – zu gewinnen, um nicht hinter den Stand anderer Redaktionen zurückzufallen.
Wie sehr sind Sie beide denn in München verwurzelt?
Heidenreich: Ich bin in Bayern geboren, habe 1985 bei der Neuen Passauer Presse volontiert und arbeite seit 1996 bei der SZ, bin zwischendurch aber von Italien über Norddeutschland bis Ost-Berlin gut rumgekommen und spreche nicht mal Dialekt, wie Sie hören. Nach meiner Zeit im Politikressort und als Wochenendkoordinatorin wollte ich daher eigentlich auch gar nicht mehr unbedingt zurück ins Lokale, fühle mich hier jetzt aber sehr wohl.
Hofmann: Als Schüler habe ich bereits im Sublokalen der Würzburger Main-Post gearbeitet und kam 1995 an die Journalistenschule nach München, bin hier klassisch hängengeblieben, dann aber durch Themen wie Formel 1 oder Olympische Spiele ebenfalls viel rumgekommen.
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht als Regional-Chefs denn da, dass Ihre Autorinnen und Autoren im eigenen Arbeitsumfeld verwurzelt sind?
Heidenreich: Man sollte die Leute schon kennen und auch ein bisschen mögen; das gilt ja in gewisser Weise auch umgekehrt. In München sind René und ich vermutlich bekannter als die Mantel-Chefredaktion und müssen uns entsprechend öfter mal sehen lassen. Deshalb war ich gestern auf der Gedächtnisveranstaltung mit Frank-Walter Steinmeier für die Weiße Rose und René beim Jahresempfang der Grünen.
Um zu berichten oder zu repräsentieren?
Heidenreich: Teils, teils, aber wenn wir irgendwo auftauchen, dann immer auch als Repräsentanten der SZ.
Könnte ein hervorragender Journalist aus Berlin oder Saarbrücken ohne Vorkenntnisse und Wurzeln über und aus Erding berichten?
Heidenreich: Klar, sofern er die Leute verstehen will und es auch kann. Buchstäblich! Denn obwohl ich selbst aus Bayern komme, war ich schon mal in Außenredaktionen und habe den harten Dialekt der Leute dort kaum verstanden (lacht).
Hofmann: Auch deshalb schickt die SZ all ihre Volontäre zum Lackmus-Test in die Landkreise, da gibt es dann beiderseits wundervolle Erfahrungen zu machen. Am Ende hängt es zwar immer vom Einzelnen ab, aber der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis ist Commitment mit der Region, den Menschen, ihren Themen.
Und wer sind dabei als Lokalteil Ihre Hauptkonkurrenten – kleine Kreiszeitungen, größere Regionalblätter, die Bild?
Heidenreich: Wir beobachten alles. Wenn wir zur Arbeit kommen, hat der MRB-Desk daher schon die erste Auswertung bayerischer Medien erstellt – aber nicht nur, um zu wissen, was die Konkurrenz macht, sondern um nachfolgende Berichterstattungen oder eventuell Kampagnen zu erspüren.
Hofmann: Wobei zur Konkurrenz nicht nur klassische Medien, sondern auch digitale zählen wie muenchen.de oder Instagram-Accounts, die besonders im Servicebereich interessante Sachen machen. Weil die wirtschaftliche Ausrichtung bei der Geschäftsführung liegt, sind wir dabei aber stets inhaltlich getrieben, also aus journalistischer Neugier. Unser Selbstbewusstsein ist groß genug, um zu sagen, dann setzen wir halt eigene Geschichten als andere weiterzuspinnen. Schon weil es nicht viele Quer-Leser gibt, die bei Bedarf eben eine andere Zeitung aus den stummen Verkäufern ziehen.
In denen Sie aber auch gar nicht immer liegen, oder? Am Bahnhof Berg am Laim jedenfalls gab es kein SZ-Fach…
Hofmann: Ausverkauft! (lacht) Wie immer!
Heidenreich: Wir überlegen noch, wie wir damit umgehen, dass die Zeit der so genannten Stummen Verkäufer zuende geht. Auch die Zeit der Abendverkäufer, die abends durch die Bars und Restaurants gingen und Charles Schumann ihn gleich mal fünf Exemplare abgekauft hat, ist vorbei. Denn das hat sich leider alles nicht mehr rentiert.
Hofmann: Die Herausforderung unserer Marke an diesem Ort besteht deshalb darin, sie trotz Digitalisierung sichtbar im Ortsbild zu halten. Früher funktionierte das über Leser mit Zeitung in der Tram oder Studierenden-Abos. Heute werden wir zwar von mehr Menschen als früher gelesen, aber auf dem Smartphone bleibt es halt unauffällig.
Und wie lautet der Ausweg?
Hofmann: Fahrgastfernsehen zum Beispiel in der Trambahn, in Bussen oder der S-Bahn, wo die Süddeutsche Zeitung – wie auch der BR – Nachrichten präsentiert. Oder auch Kulturveranstaltungen, mit denen wir uns im Gespräch halten.
Trauern Sie der Nostalgie sichtbarer Zeitungen und Abendverkäufer nach?
Heidenreich: Ach, wer wie ich mit Print groß geworden ist, hat da doch ständig nostalgische Gefühle.
Hofmann: Aber wenn du abends spät auf einem Termin warst und morgens früh siehst, wie viele Menschen den Text gelesen haben, oder wenn bei Instagram zu deiner Glosse über Wiesen-Plakate die Herzchen nur so aufploppen – das sind neue Freuden, die den Verlust der alten mindestens kompensieren.
Aber auch die Gefahr des Click-Baitings mit sich bringen, also Resonanz um der Resonanz willen…
Heidenreich: Das ist wie überall Teil einer permanenten Diskussion im Haus. Unser Grundsatz lautet da: Wir orientieren uns an Zahlen, machen uns aber nicht zu ihren Sklaven.
Hofmann: Wir alle hier, mich eingeschlossen, freuen uns doch, wenn unsere Inhalte goutiert werden. Aber wir alle haben auch einen inneren Kompass, Qualität von Quantität zu unterscheiden. Wichtig ist, dass das Bedeutsame auf jedem SZ-Kanal ausgespielt wird, wofür wir uns – auch wenn Ihnen das vielleicht wieder zu schön, um wahr zu sein klingt – dann entsprechend gemeinsam verantwortlich fühlen.
Und wofür fühlen sich alle hier in, sagen wir: zehn Jahren gemeinsam verantwortlich – die letzte große regionale Tageszeitung im Konkurrenzkampf mit ein paar Redaktionsgemeinschaften und Social Media?
Heidenreich: Untersuchungen in dieser Richtung führen regelmäßig zum Ergebnis, dass große Häuser wie die Süddeutsche bleiben, kleinere eher nicht. Aber um zu wissen, woran wir sind, wollen wir nun gemeinsam mit der Chefredaktion eine Perspektive für München-Region-Bayern 2030 erarbeiten. Denn am Ende ist alles davon abhängig. Auch, wohin jetzt schon Personal und Etats verschoben werden.
Hofmann: Im Lokalen wurde zuletzt jedenfalls deutlich mehr ausprobiert als im Überregionalen, da geht die Evolution weiter. Aber im Moment steht unsere Zeitung sehr solide auf ihren zwei Standbeinen.
Und bleiben sie mittelfristig beim lokalen Standbein?
Heidenreich: Bislang habe ich im Berufsleben in regelmäßigen Abständen mein Themengebiet und die Ressorts gewechselt und empfehle das auch anderen, weil es einem selbst und dem jeweiligen Medium guttut. Weil mein Job hier als Ressortleiterin aber mit unglaublich viel Personal verbunden ist, etwaeinem Viertel der SZ-Belegschaft, und man alle gut kennen muss, um eine sinnvolle Personalpolitik mit entsprechendem journalistischen Output zu leisten, könnte es für mich hier aber auch ein bisschen länger dauern.
Hofmann: Als ich hier angefangen habe, hatte ich das Lokale kaum auf dem Schirm. Aber in den vier Jahren habe ich darin und davon so viel gelernt, dass ich die ganze Welt tagtäglich im Kleinen spannend genug finde, um damit weiterzumachen. Der Rennfahrer Gerhard Berger meinte mal, in der Formel 1 erlebe man in fünf Jahren so viel wie andere im Leben. Dieses Gefühl habe ich hier manchmal auch.
Ulrike Heidenreich (*64), René Hofmann (*74)
30.552 Zeichen
Interview: Jan Freitag
Frau Heidenreich, Herr Hofmann – Sie leiten die Gemeinschaftsredaktion München-Region-Bayern der Süddeutschen Zeitung in einer Epoche voll globaler Krisen von Krieg übers Klima bis Inflation mit unmittelbarer Auswirkung aufs Lokale. Welche hat es auf die Berichterstattung im Weltdorf München und Umgebung?
Ulrike Heidenreich: Wie früher eigentlich: Das Kleine im Großen zu finden. Erst dieses Herunterbrechen vom Globalen, Nationalen aufs Regionale macht Lokaljournalismus interessant.
Und wird durch digitale, überall verfügbare Informationen in Echtzeit noch interessanter?
René Hofmann: Dadurch können fast alle Weltlagen im Lokalen Thema werden. Bestes Beispiel ist das Erdbeben in der Türkei und Syrien. Fliegen auch bayerische Helfer und Helferinnen dorthin? Wie geht die türkische und syrische Community bei uns damit um? Was ist am Münchner Flughafen los? Wie beim Krieg in der Ukraine hat so eine Katastrophe sehr direkte Auswirkungen auf unser Einzugsgebiet.
Heidenreich: Mir fiele jetzt auch keine einzige gesellschaftliche, politische Großwetterlage mehr ohne Einfluss auf uns hier ein.
Hofmann: Bei der man sich zurücklehnen könnte und denken, lass das mal andre verhandeln.
Hat sich also nur die Quantität heruntergebrochener Großwetterlagen verändert oder auch ihre Qualität, also die Art, sie lokal zu thematisieren?
Heidenreich: Inhaltlich hat sich in jedem Fall verändert, dass auch lokale Themen ferner Regionen überregional relevant werden, die man jetzt direkter ansprechen kann. Kürzlich zum Beispiel wurde ja über ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, in dem auf 800 Einwohner 700 Geflüchtete kommen, berichtet. Da habe ich mich an eine Geschichte aus meiner Zeit als Bayern-Reporterin vor gut zehn Jahren aus der Nähe von Deggendorf erinnert, wo das Verhältnis noch deutlicher war. Es waren 900 Einwohner in dem Dorf und über 1000 Geflüchtete.
Und haben es für eine aktuelle Berichterstattung aufgegriffen?
Heidenreich: Die Geflüchteten sind inzwischen alle fortgezogen. Aber schon damals konnte man daran alle Probleme aufzeigen, die sich im politischen und sozialen Miteinander ergeben, von der praktischen Versorgungslage bis zur inneren Haltung. Das hat eine Wucht, mit der man menschlich, aber auch publizistisch viel in Bewegung setzen kann.
Hofmann: Ein anderes Beispiel, Geschichten abseits vom großen Radar weiterzuerzählen, ist unsere Kolumne „Typisch Deutsch“, wo ein Kollege im Herbst 2015 zunächst geflohene Journalisten darum gebeten hat, ihren Blick auf uns in der SZ darzustellen.
Heidenreich: Damals waren es vor allem syrische und nigerianische Kollegen, jetzt ist es auch eine ukrainische Kollegin, die eine ähnliche Kolumne hat.
Hofmann: Und das funktioniert schon deshalb wunderbar, weil es nicht nur Einblicke in deren Lebenswelten gewährt, sondern auch solche zurück auf uns, wie diese ehemaligen Neuankömmlinge Phänomene vom Oktoberfest bis zum Gassigehen also wahrnehmen.
Heidenreich: Wenn der syrische Kollege eine Stilkritik über den Verzehr von Schweinebraten mit Knödeln schreibt, ist das ja nicht nur informativ und unterhaltsam, sondern manchmal auch auf lustige Art entlarvend.
Hofmann: Das hilft besonders in den Landkreisen sehr dabei, zu zeigen, dass diese Menschen nicht nur gekommen, sondern geblieben sind.
Und wie findet das die lokale Kundschaft ländlicher Verbreitungsgebiete, die womöglich in ihrer Welt ein bisschen verkapselter und damit konservativer sind?
Hofmann: Weil SZ-Leserinnen und -Leser generell eine gewisse Offenheit mitbringen, ist die Resonanz grundsätzlich positiv, aber klar gibt es auch – nennen wir es mal: Verwunderung.
Heidenreich: Die meisten unserer lokalen Leserinnen und Leser verstehen das ironische Augenzwinkern solcher Geschichten schon. Sie wissen ja, warum sie die SZ abonniert haben und was sie mit ihr bekommen.
Und verspüren Sie beim Rest eine Art Erziehungsauftrag, ihm die Weite der Welt jenseits von Ober- und Niederbayern zu erklären?
Heidenreich: Erziehungsauftrag, oh je. Wer will als Erwachsener schon erzogen werden…
Hofmann: Damit muss man sehr aufpassen. Wir haben während der Pandemie gemerkt, wie fein die Antennen vieler Leserinnen und Leser sind, sobald wir versuchen, sie in irgendeine Richtung zu informieren, die als gewünscht empfunden werden könnte. Das hat unsere Objektivität noch gewissenhafter gemacht.
Heidenreich: Wir bilden nicht, wir bilden ab.
Auch, um es sich mit seiner zahlenden Kundschaft in Zeiten sinkender Abo-Erlöse und Kiosk-Verkäufe nicht zu verscherzen?
Heidenreich: Nicht, was die inhaltliche Berichterstattung betrifft. Wo wir auf sie zugehen, ist allenfalls die Art, wie wir mit unseren Leserinnen und Lesern in Dialog treten. Das betrifft aber nicht nur uns, sondern das ganze Haus. Ich war vorher in der Politik-Redaktion, René lange Sportreporter – seither sind wir hier wie dort verantwortungsbewusster beim Austausch mit unserem Publikum geworden.
Was sich worin zeigt?
Heidenreich: Dass wir oder die Social-Media-Abteilung Zuschriften oder Kommentare noch gewissenhafter und intensiver beantworten als früher.
Hofmann: Und dabei zu erklären, warum wir diesen oder jenen Zugang so und nicht anders gewählt haben. Da geht es nicht um Inhaltskorrektur, sondern um Transparenz.
Heidenreich: Runter von dieser unerreichbaren Elfenbeinturmspitze, aus der Redaktionen die Welt erklärt haben, ohne Rückfragen zuzulassen. Das gibt es schon lange nicht mehr.
Hofmann: Dieses selbstkritische Herangehen wird geschätzt, aber das wichtigste bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der Sache an sich, also den Berichtsgegenständen. Deshalb ist das Feedback der Leserinnen und Leser auch eher positiv als negativ. Mit affirmativem Journalismus gewinnen Sie im Lokalen heutzutage nix.
Aber mit anteilnehmendem, interaktivem Journalismus. Geht der bei Ihnen auch Richtung Twitter-Charts oder Leserinnen-Kolumnen, um die Kundschaft redaktionell einzubinden?
Heidenreich: Wir arbeiten natürlich mit Dashboards, erkennen, wenn Geschichten von sehr großem Interesse sind, und legen dann vielleicht noch ein paar Geschichten und Longreads zu dem Thema nach. Aber am Produktionsprozess beteiligen wir die Leute nicht. Schließlich haben wir die gleichen journalistischen Grundsätze und Qualitätsanforderungen wie das gesamte Haus.
Zugleich wünschen sich die Menschen, was vielfach gepanelt wird, vom Lokaljournalismus Nähe und Geborgenheit. Fällt das einer überregionalen Zeitung wie der Süddeutschen, deren Fokus anders als bei Regionalblättern weit über den Tellerrand der Landkreise hinausgeht, schwerer?
Heidenreich: Wir machen da idealerweise gar keinen Unterschied zwischen SZ im Lokalen, Regionalen, Nationalen und Globalen. Alle Standbeine sind absolut gleichwertig und das Lokale und Regionale ist schon allein deshalb nicht weniger bedeutend, weil es vom Personal her das größte Ressort bei der SZ ist. Diese Gleichwertigkeit findet sich auch im Redaktionsstatut, dem Wertepapier des Redaktionsausschusses, dem publizistischen Kompass der Chefredaktion wieder. Die journalistischen Qualitätsansprüche sind – auch im Digitalen – identisch.
Hofmann: Wir wollen im Lokalen das Gleiche beherrschen wie überregional, also alle Stilformen von der Härte des Investigativen übers Packende der Reportage bis hin zum Leichten des Streiflichts beherrschen und nutzen. Gäbe es qualitativ und stilistisch von Ressort zu Ressort Unterschiede, dann würden die Leserinnen und Leser das schon deshalb seltsam finden, weil auf der Homepage alles nebeneinander zu finden ist. Je näher man München kommt, desto eher wird, glaube ich, ein gewisser SZ-Sound erwartet, aber das Gefühl dafür ist in allen Regionen ähnlich.
Erhebt die Süddeutsche, ob ihre Leser:innen sie eher wegen oder trotz der Lokalberichterstattung kaufen?
Heidenreich: Natürlich [blättert in Papieren]. Laut Marktforschungen ist der MRB-Teil, also die Ressorts München/Region/Bayern, die wir leiten, neben dem Politik-Teil der beliebteste der SZ. Als einzige überregionale Zeitung in Deutschland mit relevanter Regionalberichterstattung haben wir da ein echtes Alleinstellungsmerkmal.
Hofmann: Das allerdings auch Herausforderungen mit sich bringt, denn wir haben gleich von drei Seiten Konkurrenz: Auf Bundesebene von FAZ, taz und Welt, aber auch den Wochenmagazinen Stern, Spiegel, Die Zeit. Auf Landesebene vor allem vom Bayerischen Rundfunk, der als einziges Medium Bayerns ein – wenngleich deutlich – größeres Korrespondentennetz unterhält als wir. Und im Kernverbreitungsgebiet vor allem den Münchner Merkur, der im ländlichen Raum stark ist, und den Boulevardzeitungen Abendzeitung, tz und Bild. In der digitalen Welt ist es umso sportlicher, aber auch spannend, unser Versprechen, mit lokalem Herz in die Welt hinauszublicken, jeden Tag aufs Neue gerecht zu werden.
Und nach welcher Hierarchie-, womöglich gar Kommandostruktur agieren die verschiedenen Landes-, Lokal- und Regionalredaktionen da?
Heidenreich: Wir haben das gesamte Groß-Ressort in den vergangenen zwei Jahren komplett umstrukturiert, inklusive unserer neun Lokalredaktionen, um es angesichts von Etatkürzungen, Personalabbau und den Herausforderungen beim digitalen Wandel neu aufzustellen. Unsere Redakteurinnen und Redakteure müssen ja inzwischen Aufgaben stemmen, die noch vor wenigen Jahren gar nicht erfunden waren. Die digitale Aufbereitung ist zusätzliche Arbeit. Andererseits müssen sie sich nun weniger an der Konkurrenz wie etwa dem Münchner Merkur messen, der auf Kreisebene einfach breiter aufgestellt ist.
Mit welcher Folge?
Heidenreich: Dass wir nicht mehr auf jeder Gemeinderatssitzung präsent sein und die Sperrung jeder Sackgasse redaktionell begleiten müssen. Unsere Arbeit ist da eher themen- als ereignisorientiert.
Hofmann: Die Struktur ist dreigeteilt: die Bayern-Redaktion hat den Freistaat und die Landespolitik im Blick, die München-Redaktion kümmert sich um die das Geschehen in der Stadt und in der Region um diese herum sind wir in den Landkreisen Dachau, Fürstenfeldbruck, Ebersberg, Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und Freising plus Erding mit Redaktionen präsent. Hab‘ ich jetzt eine vergessen?
Heidenreich: Bloß nicht!
Hofmann: Ja, den Landkreis München, natürlich. Alle Landkreisredaktionen sind trotz verschieden hoher Auflagen eigenständige Einheiten unterm MRB-Dach, also nicht in einen Pool organisiert. Wer draußen ist, hat das eigene Berichtsgebiet besser im Blick als wir. Im digitalen Zeitalter ist es jedoch wichtig, dass Stories, die in Haar im Landkreis München spielen, so gedacht werden, dass sie theoretisch auch in Hamburg Interesse finden. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer der Baumarkt-Kater aus Starnberg.
Alkohol oder Tier?
Hofmann: Ein Katzenmännchen, das sich jeden Tag im Baumarkt rumtreibt und abends wieder heimgeht. Früher hätte die Geschichte nur Leute in Starnberg erreicht, jetzt hatte sie inzwischen mehr eine Million Zugriffe auf unserer Homepage. Das mag eine kuriose Schmonzette sein, aber ähnlich wie die erste bayerische Gemeinde mit gegenderten Ortsschildern sorgt sie überregional für Interesse. Wir können zwar nicht mehr alles 360 Grad covern, müssen uns aber auf das konzentrieren, was Interesse findet. Und dafür geben wir den Kolleginnen und Kollegen vor Ort alle Freiheit, die sie brauchen.
Also auch die, bei Interesse doch jede Gemeinderatssitzung oder Sackgassensperrung zu besuchen?
Hofmann: Da geben wir keine Richtlinien vor. Dafür sind die Landkreise viel zu unterschiedlich und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort erfahren genug, um das selbst abzuwägen. Sie müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass man sich mit begrenzter Kapazität bei der Entscheidung für ein Thema im Zweifel gegen ein anderes entscheidet.
Heidenreich: Wobei die automatische Präsenzpflicht von früher schon deshalb nicht mehr nötig ist, weil wir die Print-Umfänge bei unserer Strukturreform reduziert haben. Das aus der Printlogik entstandene Konstrukt stand dem digitalen Wandel eher im Weg, als dass es ihn beförderte. Es brachte unsere Leute bei der Arbeitsbelastung an den Anschlag und entsprach nicht ihrem eigenen Anspruch. Durch starre Seiten-Vorgaben war die Redaktion gezwungen, Platz zu füllen, anstatt nach journalistischer Relevanz Inhalte auszuwählen. Durch diesen Zwang, lokalen Platz zu füllen, stand da mitunter nicht immer wirklich relevanter Stoff.
Hofmann: Na ja, nennen wir es mal „nicht so spannender“ (lacht).
Heidenreich: Wir haben vor unserer Reform eine Lesewertstudie gestartet und herausgefunden, dass solche Meldungen manchmal, nunja, äußerst niedrige Einschaltquoten haben. Für diese Resonanz nicht mehr ungeachtet journalistischer Relevanz Platz füllen zu müssen, ist für die Leute vor Ort eine Riesenentlastung.
Und wie viel Personal wurde dafür nun abgebaut?
Heidenreich: Das lässt sich nicht genau beziffern. Der Personalabbau betraf zum Beispiel Assistentinnen, die Tag für Tag Serviceseiten gefüllt haben – also ein Angebot, das sich im digitalen Zeitalter ebenfalls überholt hat. Für alle, die so etwas dennoch gern auf Papier möchten, bieten wir es halt nur noch ein, zweimal die Woche an.
Hofmann: Der personelle Abbau im Lokalen war anteilig zum Gesamthaus.
Heidenreich: Digital haben wir sogar Personal aufgebaut, weil die Nachfrage und Notwendigkeit massiv gewachsen ist.
Hofmann: Wir haben beispielsweise eine Kollegin für den Bereich Social Media. Es gibt auch jemand, der sich gezielt für die Suchmaschinen-Optimierung der Inhalte kümmert, die im Ressort entstehen. All das ist essenziell, um auf dem digitalen Marktplatz bestehen zu können. Diese Aufgaben und Stellen sind hinzugekommen.
Unterliegt Ihr Lokalteil eigentlich geringerem Selbstfinanzierungs-, also Rentabilitätsdruck als Konkurrenzblätter ohne derart lukrativen Mantel im Rücken?
Heidenreich: Die Frage klingt jetzt, als müsse uns der Mantel querfinanzieren… Wir erwirtschaften Erlöse dank unserer hohen Auflage im Kernverbreitungsbereich sogar auch noch durch gedruckte Werbung. Da kommt Einiges rein. Übrigens finanziert sich die SZ seit gut einem Jahr vollständig über die Einnahmen aus dem Verkauf in Print und Online, also durch den Vertrieb und nicht durch Anzeigen. Das gab es noch nie.
Hofmann: In einer prosperierenden Region wie München drängen außerdem gerade zur Weihnachtszeit erfreulich viele Unternehmen ins Werbegeschäft. Manchmal wird es dann mühsam, um die alle auf den Printseiten herum zu layouten.
Bringen solche Luxusprobleme auch mit sich, dass Ihre Lokalausgaben nicht den einen großen Werbepartner vieler Landkreise haben, über den sie besser nicht allzu kritisch berichtet, weil sein Verlust Riesenlöcher in den Etat reißen würde?
Hofmann: Natürlich gibt es große und wichtige Anzeigenkunden, aber um die kümmert sich die Anzeigenabteilung. Für unser Standing im Haus ist es sicher gut, dass das, was wir journalistisch bieten, auch einen ökonomischen Wert hat.
Heidenreich: Das ist die eine Seite. Um immer auf Augenhöhe zu sein, haben und fördern wir als Ressortleitung auch den redaktionsübergreifenden Personal-Austausch. Viele aus der Lokalredaktion wechseln in Mantel-Ressorts, umgekehrt geschieht dies auch, zuletzt zum Beispiel aus der Politik in den Bayern-Teil.
Ist das Bestandteil einer strukturellen Fluktuation?
Heidenreich: Natürlich gibt es in den Außenredaktionen Leute, die noch nicht in den großen Mantelressorts gearbeitet haben. Aber wir achten wirklich sehr drauf, dass unsere Leute auch für andere Ressorts schreiben – sei es als lokale Zulieferung von Geschichten in der Politik, sei es auf der Meinungsseite oder auch als eigene Geschichte auf der Seite Drei. Gerade zum Beispiel der Text mit dem hinreißenden Titel „Ein Mann für jeden Kuhfladen“ über Hubert Aiwanger, den bayerischen Wirtschaftsminister. Die Reportage haben unsere Bayern-Reporter Andreas Glas und Johann Osel gemeinsam mit Roman Deininger, dem SZ-Chefreporter, verfasst.
Hofmann: Deshalb hat natürlich die Kollegin Carolin Fries aus der Redaktion Starnberg über den ersten Corona-Fall in Deutschland geschrieben, der dort aufgetreten war. Sie hatte die Kontakte, sie hatte die Informationen – was brauchte sie da noch?!
Offene Türen!
Hofmann: Genau. Dabei hilft zum Beispiel, dass die langjährige Leiterin der Redaktion in Erding jetzt in dem Team ist, das sich um die Titelseite und das Thema des Tages, also die zweite Zeitungsseite, kümmert. Dafür kümmert sich die ehemalige stellvertretende Nachrichtenchefin jetzt um Wirtschaftsthemen im München-Teil, weil sie wieder mehr inhaltlich arbeiten wollte. Ein erfahrener Sportkollege hat die Chance ergriffen, Polizeireporter im München-Teil zu werden, der Kollege, der sich hier schon um Kirchen-, Schul- und Umweltthemen gekümmert hat, ist dagegen jetzt im Wissen-Ressort. Durchlässigkeit in beide Richtungen finde ich schon deshalb gut, weil Erfahrungsaustausch immer hilfreich ist.
Das klingt jetzt, mit Verlaub, fast ein bisschen zu harmonisch für eine Qualitätszeitung, in dem einige Ressorts bundesweit höchstes Ansehen genießen, die – wie zuletzt im Falle Nico Frieds oder Frederick Obermaiers – entsprechend Personal an Konkurrenten verloren haben…
Hofmann und Heidenreich: (beide lachen) Bundesweites Ansehen genießt übrigens auch der MRB-Teil, denn wir bestücken täglich eine Seite auch für die Fernausgabe in Print. Und auf der Homepage stehen unsere Texte sowieso.
Gibt es hier wirklich keine Form von Mantel-Dünkel, die wahrnehmbarere, preiswürdigere, weltbedeutendere Arbeit zu leisten als das tägliche Brot im Lokalen?
Heidenreich: Um sich vom Gegenteil zu überzeugen, müssten Sie mal morgens an der Konferenz aller Ressorts teilnehmen; da herrscht gegenseitige Wertschätzung, also auch für die kreative und gut recherchierte Arbeit der Lokalredaktionen.
Hofmann: Und als Sportredakteur, der freiwillig ins Lokale geht, bin ich doch das beste Beispiel, dass dieser Dünkel nicht existiert. Wir beiden haben vorher die Wochenendausgabe im Mantel koordiniert.
Heidenreich: Ich habe zu viele Stationen in verschiedenen Medienhäusern in verschiedenen Städten hinter mir, um Vorbehalte zu haben. Umso mehr achten wir drauf, den Stempel des Seppltums lokaler Geschichten gar nicht erst zuzulassen. Außerdem versuchen wir – da sind wir als Lokalredaktion sogar echte Vorreiter – möglichst viele Frauen aus der Teilzeitfalle zu holen.
Hofmann: Dennoch darf man diesen Wechsel ins Lokale durchaus als Signal verstehen, dass das Pendel in beide Richtungen und wieder zurückschwingen darf. Aber das kann man nicht verordnen, sondern nur fördern – etwa, indem wir uns eine Kollegin mit der Seite Drei auf einer doppelten Stelle teilen. Die Idee kam übrigens von der Chefredaktion und beugt Stockwerksdenken vor.
Also Großkopferte, die sich für was Besseres halten?
Heidenreich: Die Silberrücken am Konferenztisch sind definitiv seltener geworden in den letzten 15, 20 Jahren, und das ist auch gut so.
Hofmann: Ein Prozess, den das Zusammenwachsen der Print- und Onlineredaktion beschleunigt hat. Das war ein echter – ohne dass es sozialistisch klingen soll – Gleichmacher.
Heidenreich: Wir haben vor einem halben Jahr den Podcast München persönlich gegründet, der mit exakt der gleichen Akkuratesse gepflegt wird wie die politischen Podcasts.
Aber wie ist es denn auf der horizontalen Ebene vor Ort: treten Ihre Lokalredakteur:innen gegenüber Kolleg:innen kleinerer Zeitungen bei den angesprochenen Gemeinderatssitzungen nicht manchmal großkopfert auf, weil man schließlich von der prächtigen SZ kommt?
Heidenreich: Interessante Frage, aber auf dem platten Land ist die SZ manchmal verglichen mit der Lokalzeitung gar nicht so wichtig, denn wir berichten ja nicht mehr über jede kleine Pressemeldung eines dort möglicherweise gewichtigen Amtsinhabers.
Aber aufregend ist schon, wenn die Süddeutsche vorbeikommt, oder?
Heidenreich: Allein durch die Höhe der Auflage genießen wir da ein gewisses Ansehen, das stimmt. Aber wie gesagt: Wir befinden uns nicht im Wettlauf um die größtmögliche Präsenz, sondern pflegen das, was wir als SZ mit digitaler Expertise am besten können. „Leuchtturmprojekte“ hört sich womöglich zwar auch wieder von oben herab an, aber sie stehen für das, was uns auszeichnet. Deshalb haben wir für unsere Kolleginnen und Kollegen ohne Redaktionsschließungen, aber durch beispielsweise Seiten, die von zwei benachbarten Redaktionen gemeinsam erstellt und eingehängt werden, Freiräume geschaffen, die sie nun für digitale Projekte nutzen können.
Dennoch ist das Arbeiten im Lokalen mit einer hohen Taktung wie in der Politik doch ein anderes als, sagen wir: im Feuilleton oder Wissen…
Hofmann: Ich bin 2000 von der Journalistenschule als Sportredakteur zur Süddeutschen Zeitung gekommen, und einmal im Jahr gab es die Redaktionsvollversammlung, wo immer die Klage geführt wurde, dass die Arbeitsbelastung im Lokalen so hoch sei. Das hab‘ ich mir ungefähr zehn Jahre lang angehört und meinte dann, im Sport ist die Arbeitsbelastung fast jeden Tag oft bis tief in den Abend genauso hoch.
Zuzüglich Wochenenden.
Hofmann: Jede Redaktion hat halt ihre Herausforderungen. Denken Sie an die Ministerpräsidenten-Konferenzen der Corona-Krise, wo das Politikressort bis spätnachts am Platz war. Weil wir jedoch gemerkt haben, dass diese Arbeitsbedingungen unsere eifrigsten Leute ausbrennen, haben wir in den letzten zwei Jahren gezielt darauf hingewirkt, sie – etwa durch Teilzeitmodelle und Freizeitausgleich – beherrschbar zu machen.
Mithilfe der ominösen Work-Life-Balance?
Hofmann: Ja, denn im Wettbewerb um die besten Köpfe müssen wir ihre Arbeit konkurrenzfähig organisieren. Dazu gehört allerdings auch, dass unsere Autorinnen und Autoren sich für ihre Geschichten die Zeit nehmen, die sie brauchen; nur dann sorgen sie auch im Digitalen für Zuspruch. Seit der thematische Vollversorgungsanspruch im Lokalen Geschichte ist, garantieren wir lieber, große Geschichten groß, wichtige Geschichten schnell und schöne Geschichten schön zu erzählen. Die Leute erwarten von uns gutes Story-Telling.
Alle Leute oder nur jüngere, während ältere noch etwas mehr am chronistenpflichtigen Lokaljournalismus früherer Jahre hängen?
Heidenreich: Alle, die auch alle von den Lesegewohnheiten der jeweils anderen profitieren.
Hofmann: Wenn wir, was unser Ziel ist, neue Leserschichten erschließen wollen, müssen wir diesen Weg gehen. Mit der Stadt hat sich ja auch ihr Umland radikal gewandelt. Weil Jahr für Jahr Zehntausende Menschen nach München ziehen, nimmt die durchschnittliche Verwurzelung ab. Dass jemand 30, 40, 50 Jahre in Feldkirchen wohnt, kommt inzwischen seltener vor, und dieser Fluktuation müssen wir gerecht werden.
Heidenreich: Weil sich die Lebens- und Arbeitswelten gewandelt haben, bilden wir sie seit langem schon urbaner ab, wozu auch gehört, das, was wir können, digital und analog gleichwertig zu verbreiten. Dafür wollen wir im Regional-Bereich auch eine Investigativ-Abteilung aufbauen, denn damit können wir dank unseres Ansehens ebenso punkten wie zum Beispiel in den Bereichen Gastronomie und Kulturberichterstattung.
Hofmann: Viele der Münchnerinnen und Münchner sind nicht mehr hier geboren, weniger als die Hälfte sind inzwischen in keiner kirchlichen Konfession mehr organisiert. Auf sowas muss man journalistisch eingehen.
Ohne die anderen 50 Prozent zu verschrecken.
Hofmann: Ja, wobei diejenigen, die wir schon haben, wahnsinnig treu sind und uns größtenteils durch alle Neuerungen folgen. Das hätte ich vorher nicht gedacht und das gibt uns viele Freiheiten, weniger verwurzelte Zielgruppen – etwa durchs Digitale oder Podcasts – zu gewinnen, um nicht hinter den Stand anderer Redaktionen zurückzufallen.
Wie sehr sind Sie beide denn in München verwurzelt?
Heidenreich: Ich bin in Bayern geboren, habe 1985 bei der Neuen Passauer Presse volontiert und arbeite seit 1996 bei der SZ, bin zwischendurch aber von Italien über Norddeutschland bis Ost-Berlin gut rumgekommen und spreche nicht mal Dialekt, wie Sie hören. Nach meiner Zeit im Politikressort und als Wochenendkoordinatorin wollte ich daher eigentlich auch gar nicht mehr unbedingt zurück ins Lokale, fühle mich hier jetzt aber sehr wohl.
Hofmann: Als Schüler habe ich bereits im Sublokalen der Würzburger Main-Post gearbeitet und kam 1995 an die Journalistenschule nach München, bin hier klassisch hängengeblieben, dann aber durch Themen wie Formel 1 oder Olympische Spiele ebenfalls viel rumgekommen.
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht als Regional-Chefs denn da, dass Ihre Autorinnen und Autoren im eigenen Arbeitsumfeld verwurzelt sind?
Heidenreich: Man sollte die Leute schon kennen und auch ein bisschen mögen; das gilt ja in gewisser Weise auch umgekehrt. In München sind René und ich vermutlich bekannter als die Mantel-Chefredaktion und müssen uns entsprechend öfter mal sehen lassen. Deshalb war ich gestern auf der Gedächtnisveranstaltung mit Frank-Walter Steinmeier für die Weiße Rose und René beim Jahresempfang der Grünen.
Um zu berichten oder zu repräsentieren?
Heidenreich: Teils, teils, aber wenn wir irgendwo auftauchen, dann immer auch als Repräsentanten der SZ.
Könnte ein hervorragender Journalist aus Berlin oder Saarbrücken ohne Vorkenntnisse und Wurzeln über und aus Erding berichten?
Heidenreich: Klar, sofern er die Leute verstehen will und es auch kann. Buchstäblich! Denn obwohl ich selbst aus Bayern komme, war ich schon mal in Außenredaktionen und habe den harten Dialekt der Leute dort kaum verstanden (lacht).
Hofmann: Auch deshalb schickt die SZ all ihre Volontäre zum Lackmus-Test in die Landkreise, da gibt es dann beiderseits wundervolle Erfahrungen zu machen. Am Ende hängt es zwar immer vom Einzelnen ab, aber der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis ist Commitment mit der Region, den Menschen, ihren Themen.
Und wer sind dabei als Lokalteil Ihre Hauptkonkurrenten – kleine Kreiszeitungen, größere Regionalblätter, die Bild?
Heidenreich: Wir beobachten alles. Wenn wir zur Arbeit kommen, hat der MRB-Desk daher schon die erste Auswertung bayerischer Medien erstellt – aber nicht nur, um zu wissen, was die Konkurrenz macht, sondern um nachfolgende Berichterstattungen oder eventuell Kampagnen zu erspüren.
Hofmann: Wobei zur Konkurrenz nicht nur klassische Medien, sondern auch digitale zählen wie muenchen.de oder Instagram-Accounts, die besonders im Servicebereich interessante Sachen machen. Weil die wirtschaftliche Ausrichtung bei der Geschäftsführung liegt, sind wir dabei aber stets inhaltlich getrieben, also aus journalistischer Neugier. Unser Selbstbewusstsein ist groß genug, um zu sagen, dann setzen wir halt eigene Geschichten als andere weiterzuspinnen. Schon weil es nicht viele Quer-Leser gibt, die bei Bedarf eben eine andere Zeitung aus den stummen Verkäufern ziehen.
In denen Sie aber auch gar nicht immer liegen, oder? Am Bahnhof Berg am Laim jedenfalls gab es kein SZ-Fach…
Hofmann: Ausverkauft! (lacht) Wie immer!
Heidenreich: Wir überlegen noch, wie wir damit umgehen, dass die Zeit der so genannten Stummen Verkäufer zuende geht. Auch die Zeit der Abendverkäufer, die abends durch die Bars und Restaurants gingen und Charles Schumann ihn gleich mal fünf Exemplare abgekauft hat, ist vorbei. Denn das hat sich leider alles nicht mehr rentiert.
Hofmann: Die Herausforderung unserer Marke an diesem Ort besteht deshalb darin, sie trotz Digitalisierung sichtbar im Ortsbild zu halten. Früher funktionierte das über Leser mit Zeitung in der Tram oder Studierenden-Abos. Heute werden wir zwar von mehr Menschen als früher gelesen, aber auf dem Smartphone bleibt es halt unauffällig.
Und wie lautet der Ausweg?
Hofmann: Fahrgastfernsehen zum Beispiel in der Trambahn, in Bussen oder der S-Bahn, wo die Süddeutsche Zeitung – wie auch der BR – Nachrichten präsentiert. Oder auch Kulturveranstaltungen, mit denen wir uns im Gespräch halten.
Trauern Sie der Nostalgie sichtbarer Zeitungen und Abendverkäufer nach?
Heidenreich: Ach, wer wie ich mit Print groß geworden ist, hat da doch ständig nostalgische Gefühle.
Hofmann: Aber wenn du abends spät auf einem Termin warst und morgens früh siehst, wie viele Menschen den Text gelesen haben, oder wenn bei Instagram zu deiner Glosse über Wiesen-Plakate die Herzchen nur so aufploppen – das sind neue Freuden, die den Verlust der alten mindestens kompensieren.
Aber auch die Gefahr des Click-Baitings mit sich bringen, also Resonanz um der Resonanz willen…
Heidenreich: Das ist wie überall Teil einer permanenten Diskussion im Haus. Unser Grundsatz lautet da: Wir orientieren uns an Zahlen, machen uns aber nicht zu ihren Sklaven.
Hofmann: Wir alle hier, mich eingeschlossen, freuen uns doch, wenn unsere Inhalte goutiert werden. Aber wir alle haben auch einen inneren Kompass, Qualität von Quantität zu unterscheiden. Wichtig ist, dass das Bedeutsame auf jedem SZ-Kanal ausgespielt wird, wofür wir uns – auch wenn Ihnen das vielleicht wieder zu schön, um wahr zu sein klingt – dann entsprechend gemeinsam verantwortlich fühlen.
Und wofür fühlen sich alle hier in, sagen wir: zehn Jahren gemeinsam verantwortlich – die letzte große regionale Tageszeitung im Konkurrenzkampf mit ein paar Redaktionsgemeinschaften und Social Media?
Heidenreich: Untersuchungen in dieser Richtung führen regelmäßig zum Ergebnis, dass große Häuser wie die Süddeutsche bleiben, kleinere eher nicht. Aber um zu wissen, woran wir sind, wollen wir nun gemeinsam mit der Chefredaktion eine Perspektive für München-Region-Bayern 2030 erarbeiten. Denn am Ende ist alles davon abhängig. Auch, wohin jetzt schon Personal und Etats verschoben werden.
Hofmann: Im Lokalen wurde zuletzt jedenfalls deutlich mehr ausprobiert als im Überregionalen, da geht die Evolution weiter. Aber im Moment steht unsere Zeitung sehr solide auf ihren zwei Standbeinen.
Und bleiben sie mittelfristig beim lokalen Standbein?
Heidenreich: Bislang habe ich im Berufsleben in regelmäßigen Abständen mein Themengebiet und die Ressorts gewechselt und empfehle das auch anderen, weil es einem selbst und dem jeweiligen Medium guttut. Weil mein Job hier als Ressortleiterin aber mit unglaublich viel Personal verbunden ist, etwaeinem Viertel der SZ-Belegschaft, und man alle gut kennen muss, um eine sinnvolle Personalpolitik mit entsprechendem journalistischen Output zu leisten, könnte es für mich hier aber auch ein bisschen länger dauern.
Hofmann: Als ich hier angefangen habe, hatte ich das Lokale kaum auf dem Schirm. Aber in den vier Jahren habe ich darin und davon so viel gelernt, dass ich die ganze Welt tagtäglich im Kleinen spannend genug finde, um damit weiterzumachen. Der Rennfahrer Gerhard Berger meinte mal, in der Formel 1 erlebe man in fünf Jahren so viel wie andere im Leben. Dieses Gefühl habe ich hier manchmal auch.
Sebastian Fitzek: Literatur & Fernsehen
Posted: March 17, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch bin erkennbar-Speed-Boot-Fan

Sebastian Fitzek (Foto: Martin Kraft, CC BY-SA 3.0) hat 14 Millionen Bücher in 36 Sprachen verkauft und mit der RTL-Adaption seiner Auris-Reihe nun ein paar mehr davon werbewirksam am Bildschirm platziert – auch wenn er nur Co-Autor der eigenen Idee war. Ein Interview über forensische Phonetiker, erfolgreiche Psychothriller, druckreife Sätze und auf welchen Sinn er nicht verzichten könnte.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Fitzek, die Verfilmung vom Auftakt Ihrer Romanreihe Auris nimmt von der ersten Minute an Fahrt auf. Entspricht die gesendete Beschleunigung 1:1 der literarischen oder wird sie am Bildschirm nochmals hochgefahren?
Sebastian Fitzek: Es entspricht jedenfalls meiner Art zu arbeiten, aber auch der von Vincent Kliesch, mit dem ich Teil 1 ja noch sehr eng gemeinsam geplottet und geschrieben habe.
Hat Auris demnach Ihr persönliches oder eher typisches Thriller-Tempo?
Stephen King hat mal gesagt, beim Schreiben eines Thrillers gäbe es nur zwei Transportmittel: Speed-Boot oder Ozean-Dampfer. Ersteres setzt in Höchstgeschwindigkeit ab und fesselt damit pausenlos, letzteres dagegen langsamer, ist dafür bei voller Fahrt aber kaum noch aufzuhalten. Ich bin erkennbar ein Speed-Boot-Fan.
Auch als Konsument?
Auch als Konsument. Obwohl ich mir da eher mal gemächliche Thriller gefallen lasse.
Mittlere Bootsklassen, um im Bild zu bleiben, interessieren Sie als Autor gar nicht?
Doch. Wenn ein Thriller zum Psychothriller wird, darf er selbst über Hunderte Seiten hinweg zum Kammerspiel ohne Action oder Leiche geraten. Bei mir ist es nur so: Ich lese mir alles – ob Roman oder Drehbuch – immer laut vor. Und wenn dabei auffällt, dass ich Stellen schneller als nötig lese, streiche ich sie tendenziell raus. Erst durch Kürzung entsteht oft Spannung. Aber nur, weil ich Fan einer gewissen Ereignisdichte bin, haben Millionen andere Arten natürlich trotzdem ihre Berechtigung.
Das ist also kein Stil- oder Genre-Urteil?
Nein, es ist meine persönliche Präferenz. Weil ich mich selbst nicht langweilen will, lege ich daher schnell den Rotstift an. Ein großer Regisseur meinte mal, gute Filmszenen beginnen so spät wie möglich. So halte ich es beim Schreiben auch und glaube, das tut ganz gut.
Wo Frank Schätzing gerade die Serien-Verfilmung von Der Schwarm kritisiert hat…
Ach, hat er das?
Ziemlich offen und sogar ein bisschen wütend über die Mutlosigkeit des ZDF. Wie zufrieden sind Sie mit der Verfilmung von Auris bei RTL?
Ich finde es gelungen und die beiden Hauptdarsteller machen ihre Sache wirklich gut!
Wobei die Reihe zwar Ihre Idee war, aber das Werk eines anderen.
Na ja, ich wollte Auris zunächst als Hörspiel umsetzen, das ich mit Audible dann auch entwickelt habe. Aber weil mir mehrere Eisen im Feuer die Konzentration rauben, arbeite ich generell nur an einem Projekt zurzeit und hatte Glück, dass mein Kollege Vincent, den ich sehr schätze, angeboten hat, daraus auch noch Romane zu machen, die dann vom Hörbuch abweichen. Anfangs habe ich daran noch als Co-Autor mitgearbeitet.
Und dann?
Wurde ich von Teil zu Teil mehr zum Sparringspartner und bin sehr glücklich mit den Ergebnissen. Und letztlich wurde auch bei der Verfilmung mehr richtig als falsch gemacht: Schauspiel, Production Value, visuelle Ausarbeitung, also Look & Feel finde ich wirklich gut. Geradezu brillant finde ich dagegen, wie das akustische Empfinden der Hauptfigur Hegel in Szene gesetzt wurde.
Wie kommt man eigentlich auf die Idee eines forensischen Phonetikers? Ich wusste nicht mal, dass es so was gibt…
Ich auch nicht. Die Idee kam mir beim Telefonieren auf der Autobahn, als die Verbindung so schlecht war, dass ich nicht wusste, wer mich anruft. Da dachte ich, wie spannend es wäre, anhand von Geräuschen allein Rückschlüsse auf die Person am anderen Ende der Leitung zu ziehen. Über Recherchen habe ich mich dann ans Thema herangetastet und bin auf Fachleute gestoßen, die bei Geiselnahmen Stimm- und Geräuschanalysen vornehmen. Für Verfilmungen, insbesondere bei Thrillern, ist dieses sensorische Werkzeug perfekt.
Auf welchen Ihrer sieben Sinne könnten Sie als Mensch und Autor auf keinen Fall verzichten?
Das Sehen, unbedingt. Sätze, die ich schreibe, muss ich sehen und verändere sie deshalb beim Lesen am Computer. Leider fehlt mir nämlich die Gabe, schon im Kopf druckreife Sätze entstehen zu lassen.
Können Sie am Computer druckreife Sätze entstehen lassen, die sich automatisch zur Verfilmung eignen?
Das nicht, aber ich habe beim Schreiben Bilder im Kopf, die sich daher auch visuell leichter umsetzen lassen. Andererseits ahne ich oft schon beim Schreiben, wenn dies nicht der Fall sein wird, und schreibe es trotzdem hin, weil es für die Geschichte wichtig ist
Nehmen Sie dennoch Einfluss auf Verfilmungen?
Auch hier bestenfalls als Sparringspartner, der seine Meinung nur sagt, wenn er gefragt wird. Schließlich ist alles, was am Set passiert, eine Kunst für sich, die ich zu beherrschen mir niemals anmaßen würde. Ob Drehbuch, Casting, Ausstattung, Regie, Schnitt – niemand aus der zweiten Reihe sollte den Profis sagen, wie es läuft. Nur weil ich schon viele Fußballspiele gesehen habe, könnte ich – auch wenn 80 Millionen Trainer das vor jeder WM glauben – keine Nationalmannschaft aufstellen.
Schön, dass Sie den Gewerken hier mal Ihren Respekt zollen!
Klar, sie liefern auch meinen Romanen das Fundament funktionierender Verfilmungen. Ohne sie bricht alles zusammen! Jeder Film ist ein Kunstwerk, das aus Kunstwerken anderer Künstler und ihren Visionen besteht.
Welche Kunstform macht Ihnen mittlerweile den meisten Spaß – das Recherchieren, das Schreiben, das Verkaufen, das Lesen, das Podcasten, das Verfilmen lassen?
Recherchieren definitiv am wenigsten; es sei denn, mir kommen Aha-Erlebnisse wie beim forensischen Phonetiker. Mein Kollege und Freund Peter Prange sagt, am meisten Spaß mache ihm das Geschrieben-haben. Wenn etwas den Anschein erweckt, es könnte so ineinandergreifen, dass es funktioniert, bereitet mir schon das Schreiben ein gutes Gefühl. Ob es am Ende dann wirklich aufgeht, bleibt am Anfang aber immer nur eine Hoffnung.
„Auris – Der Fall Hegel“ und „Die Frequenz des Todes“, beide in der RTL-Mediathek
Jeanette Hain: Luden & leise Töne
Posted: March 12, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | 2 CommentsEs bricht selten richtig aus mir heraus

Jeanette Hain (Foto: Susanne Schramke/Prime Video) ist die Schauspielerin der leisen Töne mit großer Wirkung. Ihre Prosituierte im Amazon-Sechsteiler Luden kann auch mal laut werden. Damit verleiht sie dem schillernd brutalen, explizit frauenfeindlichen St. Pauli der frühen 80er damit enorme Dringlichkeit – und Prime Video damit verblüffend bedeutsame Unterhaltung. Beides gilt auch fürs vorab bei DWDL erschienene Interview.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Hain, Sie sind im Münchner Speckgürtel aufgewachsen, also Lichtjahre vom Hamburger Rotlichtviertel der Achtzigerjahre, das Luden beschreibt.
Jeanette Hain: In Neuried, total dörflich.
Was hatten Sie seinerzeit für ein Bild von St. Pauli?
Oh Gott, als Kind war ich dort viel zu sehr mit Baumhausbauen beschäftigt, um einen Bezug zum Kiez zu entwickeln. Ich bin ihm einfach niemals begegnet. Und falls doch mal ein Funke zu mir aufs Land geflogen ist, war er für mich überhaupt nicht greifbar.
Wenn das Traumschiff vom Hamburger Hafen in See gestochen ist, haben Sie es in ZDF aber schon gesehen?
Auch nicht. Bis ich mit 15, 16 erstmals in Berlin war und mich sofort darin verliebt hatte, waren Stadt und Land für mich getrennte Planetenkonstellationen.
Was war denn dann Ihr Blick auf diese weit entfernte Galaxie, bevor Sie Luden gedreht haben?
Ich habe einmal mit Hermine Huntgeburth neben Martin Brambach dort gedreht und hatte mal zwei, drei Drehtage in der legendären „Ritze“ mit Boxring im Keller, durfte das also live erleben. Dort spürt man zwar noch den Herzschlag vergangener Jahrzehnte, kriegt ihn aber kaum zu fassen. Bei aller Neugier nehme ich mir daher nicht heraus, diesen Kosmos zu bewerten.
Sondern?
Versuche mit Achtung und Respekt langsam einzutauchen. Dieses Erspüren durch Annäherung ist mir durch viele Dokumentationen jener Zeit hoffe ich gelungen, also nicht wie bei Aaron Hilmer der aus Hamburg stammt, aus eigener Erfahrung, sondern reiner Beobachtung.
Ist das grundsätzlich ihre schauspielerische Herangehensweise?
Schon. Aber ich sehe es so, dass wir – ob als Menschen oder als Schauspieler – viele fremde Räume in uns tragen, aber noch nie betreten haben. Bei der Suche nach passenden Schlüsseln helfen dann die Geschichten der Menschen dort, ihre Erzählungen und Bilder. Wenn ich ihn dann gefunden habe, wird in mir oft etwas geweckt, was gar nichts mit Schauspielerei zu tun hat, sondern dem Gefühl, wie viel meiner Rollen ohnehin in mir stecken. Also auch von Jutta.
Was genau verbindet Sie denn mit dieser gealterten Sexarbeiterin mit Drogenproblem?
Ein Alleinsein, das nichts mit Einsamkeit zu tun hat. Ich bin mit Anfang 20 Mutter geworden, mein Sohn ist 31, meine Tochter 16. Trotzdem habe ich als Frau fast immer alleine gelebt und war, wie Jutta, auf der Suche nach Geborgenheit, Miteinander, Gemeinschaft mit Leib und Seele, ohne dass mein Leben schlecht gewesen wäre. Das verbindet uns.
Wobei Jutta unglaublich verzweifelt wirkt.
Absolut, das war ich nie, habe mich aber auch nicht annähernd in einer Situation wie ihrer befunden, mit jahrzehntelanger Heroin-Abhängigkeit und weggegebener Tochter. Zugleich aber teilen wir Grundbedürfnisse, die man auch an so verschiedenen Orten hat wie Jutta und ich.
Obwohl Jutta eine durchsetzungsfähige, selbstbewusste Frau dieser männlich dominierten Zeit war, war sie aber doch immer auch ein Objekt anderer und dadurch stets getrieben.
Dass andere über sie bestimmen, ist mir in der Tat fremder. Aber das Gefühl von Abhängigkeiten oder Unfreiheit kenne ich natürlich trotzdem – wenngleich nicht in solchem Ausmaß. Dem nachzugehen, sich ihm hinzugeben, wächst beim Spielen fast automatisch. Wichtig ist, seine Figuren im Ganzen aller Aspekte zu sehen, ohne sie zu verurteilen.
Dass Jutta trotz allen Elends, in dem sie sich befindet, immer leise bleibt – ist das da die Drehbuchfigur oder deren Darstellerin, von der man ebenfalls kaum laute Töne hört?
Es bricht in der Tat – ob vor oder abseits der Kamera – selten richtig aus mir raus. Jutta hat es sich in ihrer Situation zwar eingerichtet, lässt sich aber trotzdem nicht alles gefallen und begehrt auf, auch wenn das nicht zu grundliegenden Veränderungen führt. Die übernimmt dann ihre Tochter, obwohl der Kiez auch von ihr Besitz ergreift und versucht sie leiser zu machen.
Was an Ihrer Rolle auffällt, ist wie sehr Sie sich dafür seelisch, aber auch körperlich entblößen. Waren Sie je zuvor in einer Rolle nackter als bei dieser?
Seelisch versuche ich immer nackt zu spielen. Körperlich erinnere ich an Arbeiten mit Dominik Graf zum Beispiel oder zuletzt Faking Hitler – nur nicht in dieser Intensivität.
Was macht das mit einer Schauspielerin, sich physisch wie psychisch so auszuziehen?
Ich finde, wenig. Am Anfang hat die Regisseurin uns geraten, alles fallenzulassen wie in den freizügigen Achtzigern. Was mir dabei hilft, ist dass ich beim Drehen gar keinen Plan, kein Bild von mir habe, sondern nur die Rolle bin. Ob die angezogen ist oder splitternackt, verändert demnach kaum etwas für mich, solange Nacktheit etwas erzählt. Dann beschreibt sie Zustände, die von Bedeutung sind. Wir Menschen setzen uns aus so vielen Puzzleteilen zusammen – da gehört Nacktheit einfach dazu.
Es sei denn, sie wird selbstreferenziell, also voyeuristisch?
Genau, aber das spürt man ja schon beim Lesen des Drehbuchs, so wie man jedem Dialog anmerkt, ob er inhaltlich bedeutsam ist oder nicht. Aber obwohl mir Nacktheit normal erscheint, muss ich mich dann auch nicht ausziehen…
Oder nach dem Sex nur mit Bettdecke überm Dekolletee aufstehen, wie im prüden Hollywood…
Stimmt, wobei auch das eine Bedeutung haben kann, sofern es etwas über die Beziehung aussagt, in der es ja trotz Sexualität verklemmt zugehen kann. Bei Luden jedenfalls ging es nie darum, etwas über die Zurschaustellung ihrer Zeit hinaus zu entblößen. Das macht die Serie so gut.
Was machen Sie denn nach so einer intensiven Rolle voller Gewalt jeder Art – müssen Sie da erstmal mit einer Romantic Comedy detoxen oder sind im Gegenteil gestählt für die wirklich harten Stoffe?
Detoxen nein, harte Stoffe ja. Denn je länger ich über die Serie nachdenke, desto klarer wird mir, dass solche Serien nötig sind, um Tabus zu brechen. Deshalb erzählen wir die Geschichte in all ihren Facetten. Nur so kann man sich mit den Figuren identifizieren, und uns aus unseren Mustern lösen. Die Serie lässt schon wegen ihres Humors viel Raum für konstruktive Gedanken. Auch bei mir.
Steve Youngwood: Nickelodeon & Sesamstraße
Posted: February 23, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch fand immer Samson am Besten

Seit 2015 leitet Steve Youngwood (Foto: Sesame Workshop) eine weltweit wichtige, weithin unbekannte Firma: Sesame Workshop. Unterm Dach dieser Non Profit Organisation entsteht seit genau 50 Jahren auch die Sesamstraße. Zum Geburtstag kam der New Yorker nach Hamburg.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Mr. Youngwood, Sie haben Ihr halbes Leben für Kinderprogramme wie Nickelodeon gearbeitet, den Sie hierzulande sogar mit aufgebaut haben. Was hat es Ihnen da bedeutet, 2015 beim Sesam Workshop anzufangen?
Steve Youngwood: Das war natürlich ein Traum, aber auch autobiografisch passend. Schließlich wurde ich im selben Jahr geboren wie die Sesame Street in den USA, bin also buchstäblich mit ihr gewachsen. Auch andere Kindersender, für die ich später gearbeitet habe, wären ohne Sesame Street nicht denkbar.
Weil sich alle anderen an ihr orientiert haben?
Weil Kinder durch Medien zu erziehen 1969 eine kühne Idee war. Auch wenn es als amerikanische Show begonnen hat, waren die Ideale und Prinzipien, Kinder als Medienkonsumenten ernst zu nehmen und ihnen Wissen mit Spaß zu vermitteln, dabei stets global. Es ging uns nie darum, ob Kinder lernen, sondern was. Die Idee zur Sesame Street entstand, weil Kinder seinerzeit vor dem Fernseher Texte von Bier-Reklame lernten.
Und dem hat die Sesamstraße das neue Konzept des Edutainments entgegengesetzt?
Genau. Wir unterhalten, um zu bilden. Das kann konkret um Lesen und Schreiben gehen, aber auch die Herausbildung einer positiven Identität und selbstwirksamen Persönlichkeit. Denn der Grundsatz If you can’t reach, you can’t teach ist kein Marketing-Aspekt, sondern unser Daseinsgrund. Nur wenn Lehrer die Herzen der Kinder erreichen, erreichen sie deren Köpfe.
Was unterscheidet Edutainment 1969 da von heute?
Vor allem durch die Kanäle. Damals hatte Sesame Street im Fernsehen 70 Prozent der Kinder erreicht. In unserer fragmentierten Medienwelt besteht die Herausforderung demnach darin, sie überhaupt noch zu erreichen. Andererseits kann man dies viel zielgerichteter tun.
Und inhaltlich?
Muss man heute ein bisschen schneller zum Punkt kommen, um Kinder bei der Stange zu halten, aber das Prinzip respektvoller Wissensvermittlung durch Unterhaltung ist geblieben. Was sich noch geändert hat: früher konnten wir langfristiger planen, heute reagieren wir eher mal auf aktuelle Entwicklungen.
Auf Covid zum Beispiel?
In der Pandemie haben wir die Puppen daher ins Home-Office geschickt und vermittelt, dass Masken und Impfstoffe richtig sind. Während einer der größten humanitären Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte haben wir zudem ein Programm für syrische Kinder in Flüchtlingslagern geschaffen und dafür 100 Millionen Dollar Spenden erhalten. Wer die Bildung der Kinder am Übergang zur Schule vernachlässigt, braucht ein Leben lang, um die Lücken zu schließen. Flüchtlingskinder in Bangladesch oder der Ukraine zu erreichen, wäre vor 20 Jahren mit der Sesamstraße allein gar nicht möglich gewesen.
Wie viel Politik vertragen Vorschulkinder denn?
Wir verstehen Politik als gesellschaftliches Handeln und vermitteln sozial-emotionale Skills, damit Kinder die Umstände, in denen sie sich befinden, so verstehen, dass keine Traumata entstehen oder vorhandene aufgearbeitet werden können. Das Konzept ist global, die Umsetzung lokal; deshalb gibt es in Südafrika eine Puppe, die HIV-positiv ist, um das Thema Aids nicht zu verstecken und Erkrankte zu destigmatisieren.
Was ist da am deutschen Markt einzigartig?
Auf dem ersten mit eigener Sendung nach Brasilien oder Mexiko und dem NDR als langjährigster Partner weltweit, geht es abseits schulischer Kompetenzen um Identität und Zugehörigkeit. Witzigerweise höre ich von Deutschen oft, sie wüssten gar nicht, dass es die Sesamstraße auch in den USA gebe…
Welche ist denn Ihre deutsche Lieblingsfigur?
Als Fan von Big Bird fand ich immer Samson am besten. Aber es sagt definitiv etwas über die Persönlichkeit aus, ob man Krümelmonster mag, Ernie & Bert oder Elmo. Aber davon unabhängig ging es immer um die Darstellung gesellschaftlicher Diversität.
Was in Bayern zunächst mal gar nicht gern gesehen wurde.
Ach, war die Sesamstraße trotzdem zu sehen?
Zu Beginn nicht.
Wie in Mississippi zum Beispiel. Aber jetzt weiß ich nichts mehr von Kontroversen. In unserer fragmentierten Medienlandschaft hat niemand mehr dasselbe Mindset wie in den Siebzigern mit vier Fernsehprogrammen.
Heute sind es Dutzende plus Streamingdienste.
Und da müssen wir uns immer wieder neu aufstellen, um Kinder zu erreichen.
Auch Ihre eigenen?
Die sind inzwischen 19, 16, 11 Jahre alt natürlich mit der Sesamstraße aufgewachsen. In den USA haben wir noch immer Aufmerksamkeitsraten von 98 Prozent und genießen hohes Vertrauen. Besonders in Zeiten der Krise suchen die Menschen Sicherheit und wenden sich dem zu, was sie kennen und schätzen.
Und warum bleibt Ihre schon so lange erfolgreich?
Ein Geheimnis unserer Marke ist, dass sie von Beginn an generationenübergreifend war, was wir anfangs, als in jedem Haushalt ein Fernseher für alle stand, durch viel Musik und Prominente gefördert haben. Deshalb wird es die Sesamstraße auf allen Kanälen noch jahrzehntelang geben. Die Welt braucht uns und in 50 Jahren feiern wir hier den 100. Geburtstag der Sesamstraße.
Jennifer Wilton: Welt-Chefin & Werte-Fan
Posted: February 9, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | 1 CommentSo wäre ich auch als Mann

Seit gut einem Jahr ist Jennifer Wilton (Foto: Paula Winkler/journalist) Chefredakteurin der Welt in Berlin und damit einer konservativen Zeitung auf dem Sprung in die Gegenwart, den also ausgerechnet eine Frau Mitte 40 mitorganisieren soll. Erster Teil eines Gesprächs fürs Medienmagazin journalist über rechten oder linken Publizismus, Frauen an der Spitze und die Debattenkultur im Hause Springer, zweiter Teil.
Von Jan Freitag
Pflegen – auch wenn die Frage allein schon wieder sexismusanfällig ist – Frauen an der Spitze eine andere Streit-, Debatten- und Führungskultur?
Ich glaube schon, dass es in Hinblick auf flache Hierarchien und Teamfähigkeit etwas gibt, das man als weibliche Führungskultur bezeichnen könnte Aber selbst, wenn es geschlechtsspezifische Herangehensweisen gibt – das heißt ja nicht, dass nicht auch Männer eine solche Führungskultur verfolgen, oder einige Frauen „männlich“ führen. Letztlich ist es eine Frage der Machtdefinition und -ausübung, weibliche Führung ist oft dialogorientierter.
Beschreiben Sie damit auch ein wenig die eigene Führungspersönlichkeit?
Ich bin jetzt schon weit über zehn Jahre Teil der Welt und damit auch Teil des Teams, das hat sich durch die neue Position gar nicht so großartig geändert und funktioniert so besser als hierarchisch. Ich habe aber auch kein Problem damit, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. So wäre ich vermutlich auch als Mann.
Selbst, wenn Sie sie nicht als solche empfinden: Verändert so eine Machtposition den Menschen dahinter?
Das habe ich mich schon gefragt. Und auch da bin ich dankbar, all die Schritte nach oben hintereinander gemacht zu haben – erst als Reporterin, dann Redakteurin und Ressortleiterin, schließlich als Chefredakteurin. Weil ich in jeder Position von Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen gelernt habe, konnte ich mir treu bleiben und, habe ein Bewusstsein für andere Positionen behalten, und die Souveränität gewinnen können, das Amt auszuüben, ohne dass es mich als Menschen stark verändert.
Erschrickt man dennoch manchmal vor der Macht- oder zumindest Einflussfülle, die Chefredakteurinnen plötzlich haben?
Komischerweise nicht, und mir war nach zwei Wochen klar, genau an der richtigen Stelle angekommen zu sein. Vermutlich auch, weil wir ein Kollektiv an Chefredakteuren sind, das im Zweifel als Korrektiv wirkt. Diese Einbindung im Team erlebe ich als überaus angenehm, ich arbeite im Alltagsgeschäft eng mit dem Digitalchef Oliver Michalsky. Und ich kooperiere viel und immer mehr mit Jan Philipp Burgard vom Fernsehen… Insofern bin ich eigentlich nie in die Gefahr geraten, lonely at the top zu sein.
Mal vorausgesetzt, das gilt auch für Dagmar Rosenfeld an der WamS-Spitze: Hat sich die paritätische Aufteilung der vier Chefredaktionen zufällig ergeben oder war sie Plan der Geschäftsführung?
Das müssen Sie im Zweifel die Geschäftsführung fragen, ich glaube allerdings, es war schlicht dem Umstand geschuldet, dass die entsprechenden Leute, also geeignete Frauen, bereits hier waren. Der Axel Springer Konzern hat das Thema Frauenförderung schon sehr früh zur Priorität gemacht.
Die Springer SE dagegen wird weiterhin von drei Männern geführt, ergänzt immerhin von Niddal Salah-Eldin…
… die auch von uns aus der Welt kommt!
Und als weiblicher PoC die Abteilung Talent & Culture leitet. Ist diese Personalie bereits Ausdruck oder erst der Anfang einer entsprechenden Firmenkultur?
Beides. Ich empfinde es so, einen Verlag hinter mir zu haben, für den Frauen in Führungspositionen bereits selbstverständlich waren, als andere erst darüber nachgedacht hatten. Wir haben eine Führungsquote von fast 40 Prozent Frauen. Natürlich war es, als ich Journalistin wurde, überall noch anders als heute. Wir haben hier in der WELT zum Beispiel schon lange viele Ressortleiterinnen. Und gerade, weil das – anders als früher, wo wir darüber ständig intensiv diskutiert haben – jetzt gar nicht mehr groß thematisiert wird, halte ich diese Entwicklung für organischer als in anderen Redaktionen.
Wissen Sie das aus Ihrer persönlichen Arbeitserfahrung in diesen anderen Redaktionen?
Da ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in anderen Redaktionen tätig war, weiß ich das eher aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen oder über die Frauennetzwerke, zu denen ich branchenübergreifend Kontakt habe.
Tut mir leid, dass ich das Thema Gleichberechtigung durch meine Fragen womöglich daran hindere, organisch zu werden…
Mit dieser Frage müssen und wollen wir uns trotz aller Fortschritte weiter auseinandersetzen. Frauen, die fünf Jahre jünger sind als ich, haben schließlich einen anderen Zugang dazu als ich, die wiederum einen anderen hat als Frauen, die fünf Jahre älter sind als ich. Schon aus meiner Erfahrung heraus, als Journalistin anfangs immer mal alleine unter Männern gewesen zu sein und später dann zunächst eine der wenigen Ressortleiterinnen. Das hat sich total verändert, aber die weiblichen Stimmen sind – in fast allen gesellschaftlichen Bereichen – abgesehen von ein paar lauteren Ausnahmen schon noch ein wenig leiser als die männlichen.
Quantitativ, weil sie zu wenige sind, oder qualitativ, weil sie übertönt werden?
Beides, wobei ich gar nicht weiß, ob wir quantitativ insgesamt noch immer in der Minderheit sind in der Redaktion, aber nach oben hin wird es halt kontinuierlich dünner, besonders in vielen Unternehmen. Es gibt gewiss Frauen, die es ablehnen, andauernd über Frauenthemen zu sprechen, ich finde das nachvollziehbar, und auch ich fühle mich nicht allein durch mein Geschlecht dafür zuständig.
Aber betroffen?
Ja. . Dass Frauen in unserer Branche so häufig über Dinge wie Familie und Kinder berichten, hat am Ende ja auch damit zu tun, dass sie sich privat noch immer mehr damit beschäftigen als ihre Männer. Und ja, ich finde, es müssen mehr weibliche Stimmen in die WELT und darum kümmere ich mich.
Heißt das, Sie haben da ein aktives Sendungsbewusstsein?
Sendungsbewusstsein weiß ich nicht, empfinde aber eine Stimmenvielfalt in jeder Beziehung als wichtig. Dazu gehören junge und alte, arme und reiche, mächtige und ohnmächtige, aber eben auch weibliche und männliche. Wenn Sie Zeitungen – und damit meine ich nicht nur unsere, sondern alle von SZ bis FAZ – aufschlagen, sehen sie auf den ersten vier, fünf Seiten vor allem männliche Köpfe. Diese Dominanz müssen wir ändern, weshalb wir bei Gastbeiträgen darauf achten, insbesondere auch Autorinnen zu fragen und Frauen im eigenen Haus ermutigen, ihre Stimmen zu erheben.
Tun Sie das auch ganz persönlich?
Klar. Ein Beispiel – vor dem internationalen Frauentag haben wir überlegt, ob wir daraus kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges eine Sondernummer machen oder ob wir es ignorieren. Wir haben uns dann für einen Schwerpunkt entschieden und Frauen eingeladen, über Freiheit zu sprechen. Aber nicht zwingend bezogen auf Geschlechterrollen, die Autorinnen sollten schreiben, was sie wollten. Und obwohl alle total unterschiedliche Ansätze verfolgt haben, stellte sich heraus: Freiheit ist auch ein sehr weibliches Thema. Denn wenn Frauen unfrei sind, ist es meist auch die restliche Gesellschaft.
Weil ihr Freiheitskampf im Grunde schon bei der Geburt beginnt und bei Männern erst mit der Volljährigkeit?
Das beste Beispiel erleben wir momentan doch gerade im Iran. Natürlich haben wir Frauen manchmal andere Perspektiven auf Dinge als Männer. Ich möchte aber viele Perspektiven sehen. Und grundsätzlich will ich niemanden nötigen, über irgendwas zu schreiben, weil er oder sie dafür prädestiniert erscheint. Das wäre ja auch wieder zwanghaft.
Wir beschränken das Thema Diversität hier gerade stark auf Geschlechterfragen. Wie sehr versuchen Sie, auch auf anderen Feldern inklusiv zu sein – Hautfarbe, Herkunft, Behinderungen zum Beispiel?
Wünschenswert ist all dies auf jeden Fall und daher auch ständig ein Thema bei uns. Aber der Journalismus hinkt da gerade im Vergleich mit anderen Branchen schon noch ein Stück hinterher. Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel, so schwierig ich den Begriff finde, wenn die Personen in dritter, vierter Generation hier leben, sind definitiv zu wenig vertreten in den klassischen Medien. Wenn man betrachtet, wie sich die Bevölkerung unter 30 jetzt zusammensetzt, ist es demnach keine altruistisches, sondern ein egoistisches Motiv, sie mehr in den Blick zu nehmen.
Kann mehr Diversität auf der Angebotsseite, also im Journalismus, eigentlich für weniger Wut und Hass in den Echoräumen der Nachfrageseite, also beim Publikum, sorgen?
Das wäre glaube ich zu einfach gedacht, denn das Wutpotenzial der Gesellschaft wird von vielen Themen gespeist. Diversität zum Beispiel steigert es in einigen Schichten sogar noch. Aber so wichtig Journalismus in einer und für eine pluralistischen Demokratie auch ist: Wir sind keine Volkserzieher!
Bei all den Veränderungen, die das Blatt – in den vergangenen Jahren auch zusehends von weiblicher Seite mitgestaltet – seit Jahrzehnten durchmacht, geht der positive Wandel, was die Verkaufszahlen betrifft, jedoch eher in die entgegengesetzte Richtung.
Sowohl die tägliche als auch die wöchentliche Zeitung haben natürlich das Problem aller Printerzeugnisse, nicht mehr zu wachsen. Das wird man weder in Deutschland noch anderswo je umdrehen. Aber unsere Zahlen sind doch generell gut!
Na ja, Abos und Kioskverkäufe sind 2020 unter 50.000 gerutscht, kaum ein Fünftel der Werte 20 Jahre zuvor – das ist auch im Vergleich aller Printmedien ein dramatischer Rückgang.
Wir denken schon seit langem vom Digitalen her, weit länger als andere Medienmarken, nämlich seit fast 20 Jahren, und unsere Website ist überaus erfolgreich.
Woran bemisst sich das?
Wir haben täglich zwischen 4 bis 5 Millionen Visits und stehen damit sehr weit vorne unter den überregionalen Medien, wir haben vor einer Weile die 210.000 Grenze mit digitalen Abos geknackt.
Und für die gedruckte Zeitung gilt, wie gesagt, dass ich es für einen Erfolg halte, das Niveau zumindest zu halten und nach der coronabedingten Delle wieder zugelegt zu haben.
Eine Delle, die auch von der enormen Zahl an Bordexemplaren herrührt, die 2020 nahezu komplett ausgefallen sind.
Ja. Aber wie gesagt, im Rahmen dessen, was heute zu erwarten ist, sind wir – trotz und wegen struktureller Veränderungen wie der neuen Wochenendausgabe kurz vor meiner Zeit – auf gutem Wege. Darauf kann man durchaus stolz sein.
Sie hängen also nicht am Papier?
Ich bin mit Zeitungen aufgewachsen, ich liebe Zeitungen, und bin immer noch ein bisschen aufgeregt, wenn ich sie morgens aus dem Briefkasten hole. Aber die Zeiten ändern sich. Wir versuchen auch auf Papier jeden Tag die bestmögliche Zeitung machen und dafür neue Abonnentinnen und Abonnenten zu gewinnen, können aber auch keine Wunder vollbringen.
Dafür aber eine Digitalstrategie erstellen, die das absehbare Ende der gedruckten Welt kompensiert. Wie sieht die aus?
aus meiner Sicht kann man heutzutage – egal ob Papier oder online – nicht mehr von der einen Strategie sprechen. Dafür verändert sich zu viel. Wir können hier gern spekulieren, wie Journalismus in zehn Jahren aussieht, aber das sind eben ein Stück weit Spekulationen. Der Axel Springer Verlag war mit Strategien wie digital first und online to print immer Vorreiter, wir beobachten permanent neue Entwicklungen und wie man sich neu aufstellen kann. Strategien sind langfristig, man muss sie aber auch kurzfristig anpassen können.
Sie steuern die Welt also auf Sicht Richtung nähere Zukunft?
Wir haben dabei alle stets die erweiterte Zukunft im Blick. Ich bin ja persönlich noch nicht kurz vor der Rentengrenze und möchte auch in 20 Jahren noch Journalismus machen. Das Wichtigste ist doch der Inhalt, nicht seine Form. Wo er zu lesen ist und wie, verändert zwar auch ein bisschen, was dort zu lesen ist, aber nicht die Grundsätze, nicht die Definition von gutem Journalismus.
Aber wie optimistisch sind sie denn beim Blick aufs Überübermorgen, dass Ihre Welt die große Flurbereinigung überregionaler, aber auch lokaler Zeitungen überlebt?
Sehr optimistisch! Ich bin sogar überzeugt, dass die Welt nahezu alles überlebt. Aber wenn man sich überlegt, wie die Branche vor 15 Jahren aussah, wäre es doch absurd zu glauben, in 15 Jahren wäre irgendetwas noch so wie heute. Wenn Sie allein schon betrachten, welche Zusammenarbeit es in den letzten paar Monaten bei uns von TV, Print, Audio und Digitalem gab, da sind wir echt Pioniere. Und wenn von den Neuerungen mal irgendwas nicht funktioniert, macht man halt neuere Neuerungen.
Fail, stand up, fail better…
Es ist wichtig, den bedauernden Tonfall der Lethargie zu vermeiden, was früher alles besser war. Umso mehr muss man um seine journalistischen Grundlagen und Werte kämpfen, an beidem besteht hierzulande ja immer noch großer Bedarf und Nachfrage. Anders als in den USA zum Beispiel.
Wo mittlerweile nicht nur die publizistische Vielfalt, sondern die Ein-Zeitungs-Countys aussterben.
Ja, mit Gegenden, in denen sich deutlich mehr als die Hälfte der Menschen ausschließlich per Facebook oder Youtube informieren und Posts auf soziale Medien für echte Nachrichten halten. Aber gerade da ist es doch auch unsere Aufgabe, das nicht nur zu kritisieren, sondern bessere Nachrichten und intelligente Debatten anzubieten, also gute Gründe, guten Journalismus zu nutzen.
Informieren Sie selber sich denn gelegentlich bei Social Media oder sind das reine Konsumplattformen?
Natürlich versuche ich mir jeden Tag einen Überblick zu verschaffen, was auch dort stattfindet, berücksichtige dabei aber natürlich die Bedingungen, unter denen die Inhalte dort zustande kommen. Debatten, die auf Facebook, Instagram, Twitter und auch auf TikTok, wo wir bewusst nicht vertreten sind, stattfinden, würde ich niemals eins zu eins bei uns abbilden, verfolge sie aber aufmerksam.
Was poppt als erstes auf Ihrem Smartphone auf morgens?
Tatsächlich Emails und diverse Newsletter, die meisten Zeitungen lese ich dann als E-Paper. Aber Eilmeldungen erreichen mich natürlich immer. Und die Webseite ist ständig offen.
Und was poppt als Letztes auf, vorm Schlafengehen?
Ehrlicherweise hab‘ ich früher stets aufgepasst, dass das Letzte abends ein Roman oder Sachbuch ist; es gelingt mir nur leider nicht mehr ganz so oft. Das hat aber auch mit der Nachrichtenlage zu tun, gerade in diesem Jahr. Wenn die wie zuletzt oft derart dramatisch ist, sitze ich doch mit Handy und Fernseher vorm Weltgeschehen.
Jennifer Wilton: Welt-Chefin & Werte-Fan
Posted: February 2, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDieter Nuhr würde nicht auf uns zugehen

Seit gut einem Jahr ist Jennifer Wilton (Foto: Paula Winkler/journalist) Chefredakteurin der Welt in Berlin und damit einer konservativen Zeitung auf dem Sprung in die Gegenwart, den also ausgerechnet eine Frau Mitte 40 mitorganisieren soll. Erster Teil eines Gesprächs fürs Medienmagazin journalist über rechten oder linken Publizismus, Frauen an der Spitze und die Debattenkultur im Hause Springer. Der zweite Teil kommt nächste Woche.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Wilton, empfinden Sie es eigentlich als Statement des Springer-Konzerns, dass die gute alte Welt der Wirtschaftswunderjahre im futuristischen Neubau residiert, während freshe, junge, digitale Start-ups wie der Business Insider im leicht angegilbten Stammhaus gegenübersitzen?
Jennifer Wilton: Ich würde „angegilbt“ sofort widersprechen. Und die Welt gehört in ihrem 77. Jahr zu den innovativsten Medienmarken. Es war von Anfang an so geplant, dass wir in den Neubau ziehen, sobald er fertig ist. Auch aus dem einfachen Grund, endlich im gleichen Gebäude mit unserem Fernsehsender arbeiten zu können, die Welt-Redaktionen Print, Digital und TV also auch räumlich miteinander zu verzahnen.
Journalistisch und organisatorisch war das schon vorher der Fall?
Ja, aber nicht in der gleichen Intensität. Nur ein Beispiel aus jüngster Zeit: Das erste Scholz-Interview nach dem G20-Gipfel lief bei Welt TV und wurde parallel bereits digital für die Online-Redaktion aufbereitet und für die Zeitung verschriftlicht. Unsere Reporter und Redakteure sind inzwischen täglich zu Gast im Studio. Da hat sich sehr viel getan.
Ihr Standort hat also nichts mit der konservativen Mischung aus Laptop & Lederhose zu tun, die Edmund Stoiber mal spezifisch bayerisch, also erfolgreich nannte?
Eher nicht (lacht). Als die Planungen begannen, gehörte zum Beispiel der Business Insider noch nicht mal zum Verlag. Mit konservativ oder nicht hat das also nichts zu tun.
Was genau ist im postideologischen, aber ziemlich populistischen Jahr 2022 eigentlich genau noch mal konservativ?
Auf die Welt bezogen würde ich den Begriff „konservativ“ um „liberal“ erweitern. Wir haben ein großes Spektrum an Meinungen im Blatt und auf der Seite. Wir verstehen uns als Portal, auf dem unsere Redakteure und Gastautoren Spielraum haben und ihn sich nehmen. Mit Konservatismus ist vor allem Wertekonservatismus gemeint.
Der heutzutage welche Werte vertritt?
Das ist angesichts aktueller Debatten gar nicht immer einfach zu benennen. In den vergangenen zwei Jahren zum Beispiel stand wegen der vielen Freiheitsbeschränkungen durch Corona das Liberale bei uns oft stark im Vordergrund. Darüber hinaus stehen wir aber immer auch für das, was man „bürgerliche Werte“ nennen könnte, Familie zum Beispiel, verteidigen aber zugleich die Freiheiten des Einzelnen, haben also keine grundsätzlichen Kontrapositionen etwa zur Homoehe.
Aber persönliche?
Es gibt innerhalb unserer Redaktion wie gesagt unterschiedliche Positionen, das macht uns aus. Ich persönlich etwa verteidige gesellschaftliche Kompromisse wie die Streichung des Paragrafen 219a in diesem Jahr, bei anderen wäre die Grenze da überschritten.
Und wo findet innerhalb solcher und ähnlicher Debatten die Abgrenzung nach rechts statt?
Überall und jeden Tag. Rechts und links an den Rändern ist nicht unsere Welt. Wobei ich mich frage, ob Sie die Chefredakteure der Süddeutschen Zeitung auch fragen würden, wie sich ihre Zeitung von ganz links abgrenzen.
Genau das würden wir Judith Wittwer ungefähr zur selben Zeit des Interviews fragen, wie Sie, keine Sorge.
Ich würde mich auf die Position des liberalen Verfassungspatriotismus begeben und sagen: wir grenzen uns immer da von rechts ab, wo die Gültigkeit des Grundgesetzes in Frage gestellt, die freie Entfaltung des Einzelnen beschnitten oder es extrem wird. Darüber hinaus aber versuche ich auch, mich von Begrifflichkeiten wie links und rechts zu lösen, weil sie gerade für jüngere Generationen nicht mehr so entscheidend sind, wie sie es für ältere waren – zumal die Abgrenzung voneinander zusehends unklarer wird. Wir positionieren uns vor allem in der Mitte. Aber: Journalismus muss auch unberechenbar sein.
Wurde die Welt verglichen mit den Vorwendejahrzehnten, als sie politisch oft stramm rechte Kampagnen etwa gegen Palästinenser gefahren hat, da sozusagen von innen heraus entideologisiert?
Da nennen Sie ein eher unglückliches Beispiel, darüber könnten wir jetzt lang diskutieren. Bekanntlich orientierten sich damals wie heute alle Redaktionen von Axel Springer an Grundwerten, unseren Essentials. Die Zeit, die Sie da ansprechen, hat sich lange vor meiner als Journalistin abgespielt und man kann sie nur schwer mit heute vergleichen.
Nicht nur die Welt war damals eine andere, sondern auch Die Welt, meinen Sie?
Genau. Seitdem gab es immer gesellschaftspolitische Wellenbewegungen, auch im Blatt. Ein sehr maßgeblicher Schritt der Liberalisierung war da zum Beispiel, als der heutige Vorstandsvorsitzende…
Matthias Döpfner.
… die Welt Mitte der Neunziger als Chefredakteur übernommen und gleich mal dahingehend geöffnet hatte, mehrere taz-Redakteure zu uns zu holen.
Ihren Vize Robin Alexander zum Beispiel.
Der gehörte nicht zu dieser ersten Gruppe, sondern kam später. . Aber auch andere Chefredakteure haben die Welt von heute mitgeprägt. Und Jan Eric Peters war da natürlich eine ganz andere Führungsfigur als etwa Roger Köppel. .
Hat sich diesbezüglich auch noch mal was geändert, seit sie den Führungsposten von Dagmar Rosenfeld übernommen haben?
Da sind die Unterschiede jetzt nicht so wahnsinnig groß, wir arbeiten ja eng zusammen. Und wichtiger als Ähnlichkeiten oder Differenzen bleibt auch, dass die Welt ein Debatten-Medium mit Führungspersonen unterschiedlich ausgeprägter Meinungen ist. Es gibt die erwähnten Grenzen, aber wir bewegen uns immer in einem definierten Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens versuchen wir, Haltungen verschiedenster Art möglichst breiten Raum zu geben. Ich selber kommentiere gern, wenn mir etwas am Herzen liegt, aber wenn ein Kollege die gut durchargumentierte Gegenposition dazu vertreten möchte – nur zu.
Aber wie eng, wie breit sind die Meinungskorridore der Welt – hat wirklich jede Haltung im Rahmen der Gesetze und Verlagsprinzipien Platz oder müssen sie politisch schon ein bisschen auf Linie von Chefredaktion und Stammpublikum liegen?
Natürlich arbeiten wir für unsere Leser und Zuschauer, und die schätzen Welt als Debattenmedium. Und wir haben in der Redaktion sehr, sehr lebendige Diskussionen, da kann es schon hoch her gehen, und das ist auch richtig so. Aber dabei war es bislang nur selten der Fall, dass mal jemand meinte, so geht’s auf keinen Fall. In der Regel betraf das aber Gastbeiträge.
Welche zum Beispiel?
Etwa, als mehrere Wissenschaftler im Juni unterm Titel „Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren“ die öffentlich-rechtliche Berichterstattung zu sexueller Identität und Zweigeschlechtlichkeit kritisiert haben. Meine Positionen sind andere, ich hatte mit dem Stück damals inhaltlich persönlich Schwierigkeiten.
Haben aber nicht ihre Richtlinienkompetenz als Chefredakteurin wahrgenommen und sie im Vorweg unterbunden?
Das Stück war angemessen als Gastbeitragt gekennzeichnet, und in Gastbeiträgen muss und darf mehr möglich sein darf als in einem Leitartikel. Danach erschien unter anderem ein Kommentar unseres CEOs, der eine ganz andere Position vertrat, und ein weiterer kritischer unseres Chefredakteurs Ulf Poschardt. Zur Rolle einer Chefredakteurin gehört, nicht nur zu senden, sondern auch zu empfangen und andere sprechen zu lassen.
Und welche Kontrollinstanzen gibt es abseits vom Grenzschutz der Chefredaktion, damit solche Debatten nicht aus der Mitte des demokratischen Diskurses über deren Rand ins Extreme ausfransen?
Natürlich ist es die Aufgabe von Chefredaktion und Ressortleitungen, genau draufzuschauen, ob solche Debatten im Rahmen unserer Haltungen und Grundwerte bleiben. Aber zugleich ist die Redaktion auch ein Kollektiv, das Themen auch ohne Grenzschutz kontrovers diskutiert. Inhaltlich nehme ich eine Richtlinienkompetenz daher seltener wahr als formell.
Inwiefern formell?
Ich bin zum Beispiel höchst empfindlich, wenn es um die Trennung von Bericht und Meinung geht. Wo beides ineinander übergeht, greife ich schon mal ein. Diese Aufgabe wird allerdings nicht nur bei der Welt wichtiger; ich sehe bei diversen Websites und Zeitungen, dass die klare Trennung immer mehr aufweicht.
Wobei gerade die alte Medienbranche vollredaktionell betreuter, vorwiegend gedruckter Zeitungen doch seit Jahren betont, wie wichtig klare Haltungen gemeinsam mit regionaler Berichterstattung fürs Überleben sind?
Beides ist wichtig, aber gerade klare Haltung muss bleiben, wo sie hingehören – auf die Meinungsseite. Auch digital müssen Kommentare als solche gekennzeichnet werden. Das ist ein wesentlicher Punkt der dritten Überlebensstrategie: unbedingte Glaubwürdigkeit. Dass wir Debatten in den Vordergrund stellen, ändert daran nichts, solange Debatten als Debatten erkennbar bleiben und nicht wie Nachrichten aussehen.
Ist das nur ihre persönliche Haltung zum Qualitätsjournalismus oder objektivierbar, also dahingehend gepanelt, dass es auch Ihr Publikum von der Welt erwartet?
Unabhängig vom Anspruch der Leserinnen und Leser, der definitiv so besteht, unabhängig auch von der Welt als Medium, ist es vor allem eine journalistische Haltung, die nach 1945 ja nicht ohne Grund aus dem angelsächsischen Raum nach Deutschland gebracht wurde.
Damals gab es allerdings auch nicht im heutigen Ausmaß Filterblasen und das, was abwertend Cancel Culture genannt wird. Wie geht ein altes Medium wie die Welt 77 Jahre später mit beidem um?
Filterblase finde ich eher gesamtjournalistisch problematisch, als dass wir als Welt eine wären oder hätten. Aber ich mache keinen Hehl daraus, dass nicht nur wir als Redaktion, sondern ich als Person es extrem problematisch finden, wenn man bestimmte Dinge nicht mehr offen aussprechen darf. Ich empfinde den Begriff der „Cancel Culture“ allerdings oft als zu hart; nur weil man gewissen Sichtweisen oder Autoren kein Forum bieten möchte, wird noch nichts gecancelt.
Würden Sie denn extrem rechten Publizisten wie Götz Kubitschek oder extrem frauenfeindlichen Comedians wie Dieter Nuhr Foren bieten?
Für Kubitschek und seine Phantasien sind wir sicher nicht die richtige Plattform. Dieter Nuhr würde wohl eher nicht auf uns zugehen. Aber ich kann mich jedenfalls an keinen, an Fakten orientierten Text der letzten Monate erinnern, der es wegen persönlicher Vorbehalte gegenüber dem Autor oder der Autorin nicht ins Blatt geschafft hätte. Selbst Sahra Wagenknecht kam bei uns zu Wort, obwohl der Text persönlich an meine Schmerzgrenze ging.
Wie wichtig ist bei Ihrer Themensetzung und Personalpolitik die Provokation, also nicht abzuwarten, wie sich Debatten entwickeln, sondern sie bewusst entfachen, was Welt-Chef Ulf Poschardt ganz offen als quotenförderlich bezeichnet?
Wir sind da sicher unterschiedliche Charaktere. Aber es ist nicht falsch, zu provozieren, um Antworten zu forcieren. Zu einer lebendigen Debatte gehören immer auch pointiertere Standpunkte. Wir berichten über alles zunächst mal neutral, aber wenn wir dann mit einem zugespitzten Statement andere herausfordern, darauf zu reagieren, sehe ich darin nichts Verwerfliches. Im Gegenteil.
Ist es aus Ihrer Sicht denn sogar legitim, eine Debatte anzufachen, bevor sie überhaupt als solche wahrgenommen wird?
Nennen Sie mal ein Beispiel?
Die Hamburger Morgenpost hat mal von der Party einer Schülerin erfahren, zu der sie seinerzeit bei Facebook öffentlich, statt privat eingeladen hatte, und so viele Titelstorys dazu gemacht, bis es tatsächlich mit 2000 Gästen eskalierte. Geht das zu weit?
Ja, das finde ich. Aber da ging es ja nicht um eine Debatte. Es ist gut, gelegentlich Debatten anzuregen, statt ihnen hinterher zu laufen.
Wären Sie persönlich denn streitlustig genug, wie Ihre Vorgängerin Dagmar Rosenfeld mit jemanden wie Markus Feldenkirchen vom Spiegel ins konservativ-liberale Gefecht zu gehen und damit in die Fußstapfen der legendären Streithähne Augstein/Blome oder Kienzle/Hauser zu treten?
Ja, ich fand das super.
Und steht es zur Debatte?
Im Moment nicht, aber vor dieser Form der Auseinandersetzung, sich immer wieder mit Vertretern gegensätzlicher Standpunkte zu batteln, habe ich größten Respekt, das würde mir Spaß machen.
Befinden Sie sich als frische, junge Kraft an der Spitze denn auch innerredaktionell da in diesen Battles?
Ich sehe meine Aufgabe häufiger im Moderieren. Aber es gibt natürlich Themen, bei denen ich andere Positionen einnehme als andere Mitarbeiter – wobei es da keine Rolle spielt, ob es Reporter sind, Redakteure oder Führungskräfte. Für alle ist da Raum zur Meinungsentfaltung