Hamburg-Kolumne: Leerstand zu Wohnraum
Posted: October 10, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Wahnsinnsstadt
Mit einem neuen Gesetz kann die Stadt Hamburg seit voriger Woche Immobilien beschlagnahmen, um Flüchtlinge unterzubringen. Fast liegt ein Hauch von Sinneswandel in der Luft, dass Leerstand weder Privatsache noch Kavaliersdelikt ist.
Von Jan Freitag
Das Grundgesetz listet bekanntlich frühzeitig ein paar fundamentale Rechte auf, die heute wie vor 66 Jahren schlichtweg nicht verhandelbar sein sollen: Gleich vorweg die unumstößlichen Schutzgüter Würde, Körper, Geist und Seele, dicht gefolgt von Freiheiten wie Glaube, Meinung, Presse, Berufswahl, solche Sachen. Bis auf Schul- und Wehrpflicht verlangen die Bürger also erstmal einiges vom Staat – der sich dann in Artikel 14, Absatz 2 endlich mal was für sich herausnimmt: „Eigentum verpflichtet“, heißt es da seltsam literarisch. Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit bedürften zwar einer gesetzlicher Basis bei angemessenem Ausgleich. Sie sind aber erlaubt. Grundsätzlich. Olaf Scholz weiß das gut. Von Beruf ist er Anwalt.
Nun unterstellt man Juristen wie ihm gern, dass sie am Formellen kleben wie Paragrafen im Amtsschreiben. Zumal dann, wenn sie im Haupterwerb Politiker sind. Nun allerdings hat der ernste Bürokrat im Ersten Bürgermeister, dem zwar so mancher Wahlsieg, aber auch eine eher spröde Aura zu verdanken ist, endlich sein Herz geöffnet, ohne gleich das Gesetzbuch zuzuklappen: Vorige Woche brachte der rot-grüne Senat auf Initiative von Justizsenator Till Steffen sein „Gesetz zur Flüchtlingsunterbringung“ durch die Bürgerschaft, das Behörden den rechtlichen Rahmen zur Beschlagnahme leerstehender Gewerbeflächen vorgibt.
Klingt dröge, ist explosiv.
Denn trotz des duften Gedankens der Grundgesetzväter (plus eine Mutter), Privatbesitz rein theoretisch unter die Einflussgewalt des Allgemeinwohls zu stellen, hat sich der Eigentumsschutz im Verständnis der Menschen hierzulande klammheimlich so konsequent Richtung Präambel vorgerobbt, dass dem Recht auf, sagen wir: ein eigenes Smartphone mittlerweile mehr Bedeutung beigemessen wird als dem auf, sagen wir: saubere Umwelt zulasten, sagen wir: der freien Fahrt für freie Bürger. Und mitten hinein in diese Besitzstandswahrermitte pfeffert der wirtschaftsfreundlichste Sozialdemokrat seit dem Industriefreund Wolfgang Clement plötzlich seine Idee vom Bürogebäude, das die Hansestadt vorm drohenden Winter mit all den Hilfsbedürftigen füllt, die in der globalen Dauerkrise grad ungebremst nach Hamburg getrieben werden.
Das ist zum Herzerweichen hinreißend, nicht nur aus humanitären Gründen dankenswert, macht in Zeiten, da sogar die unsägliche Bild kurz mal von rassistischer Dummheit aufs pragmatische Demut schaltet, bereits Schule in anderen Bundesländern. Und auch wenn das Gesetz zunächst mal bis März 2017 befristet wurde, ist es weit über die kurzfristige Wiederbelebung alter SPD-Werte wie Solidarität oder Mitgefühl auch stadtsoziologisch von Belang. Schließlich steht im stinkreichen Hamburg so derart viel Gewerberaum leer (von unrentabler Altbauwohnsubstanz ganz zu schweigen), dass im Grunde ein Errichtungsstopp für Büros jeder Art geboten wäre.
Für den Anfang ganz schön
Das ist natürlich reine Fantasie; Bauen gilt ungeachtet der späteren Nutzung als Ausweis anpackenden Regierungshandelns schlechthin. Wenn aber Flüchtlinge in Gebäudebrachen einquartiert werden, könnte sich nicht nur der juristische Rahmen für sozial genutzten Privatbesitz ändern; es läge ein Hauch von Sinneswandel in der Luft, dass Leerstand weder Privatsache noch Kavaliersdelikt ist, sondern schlichtweg – hier passt dieses vergiftete Wort mal wirklich: asozial.
Dass die bürgerliche Mitte von CDU bis FDP bei derlei Eingriffen ins prall gefüllte Festgeldkonto ihrer wohlhabenden Kernklientel notorisch aufheult, kann man da als Kniesehnenreflex der Ungleichheitsverfechter getrost ignorieren: Erst, wenn Immobilienbesitz in der Freien und Abrissstadt Hamburg wirklich eine Art Allgemeinwohlgedanken entfaltet, kann es darin so was wie soziale Wärme geben. Den Flüchtlingen reicht bis dahin ein beheiztes Zimmer im enteigneten Büroblock. Für den Anfang ganz schön.
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Essay: Gibt’s ein richtiges Leben im Falschen?
Posted: October 4, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Vorbilddysfunktion
Wer versucht, ein richtiges Leben im Falschen führen, ist hin- und hergerissen zwischen Missionieren und Vorleben. Beides scheint zum Scheitern verurteilt. Eine zusehends mutlose Betrachtung der herrschenden Verhältnisse, an denen Kants Kategorischer Imperativ Tag für Tag zerschellt wie eine achtlos weggeworfene Pfandflasche.
Von Jan Freitag
Alles begann mit Tierlauten. Wann immer ich (frisch zum Vegetarismus konvertiert) mit meiner (unverändert konventionell ernährten) Clique essen war, simulierte ich den Ton sterbender Schweine oder das, was ich für deren Emission beim Sterben hielt. Wahlweise variierte ich das Todeskonzert mit Kalbs-, besser: Kükenklang in der Hoffnung, die akustische Konfrontation mit den süßen Opfern des Kadaverkonsums würde anwesende Augen öffnen und so die der Welt insgesamt. Doch abgesehen davon, dass mein Einsatz vor allem meiner eigenen Erhabenheit diente, war sein Nutzen, nun ja, gering. Lars, Tim, Tina, Nadine, Christoph und wie sie hießen, traten nämlich nicht flugs meinem Orden fleischlicher Entsagung bei, sie bestellten lieber noch einen Big Mac obendrauf. Gurke könn’se weglassen.
So war das, am Anfang einer Laufbahn missionarischen Eifers in den Religionen des Alltags, die mein Glaube nicht selten zur Weisheit erkoren hatte: Tofu statt Wurst, Rad statt Auto, links statt rechts, Orientalistik statt BWL, taz statt Bild, Buch statt TV, Punkrock statt Pärchenabend, klug statt schön, gut statt böse – mein halbes Leben bestand aus lautstark verbreiteter Richtungsentscheidung eines richtigen Lebens im Falschen, oft im Brustton der Empörung. Echt, ihr zieht in‘ne Doppelhaushälfte? Tja, ganz die Eltern…
Doch seltsam – die wohnen da noch immer, essen weiter Fleisch, fahren weiter Auto, wählen weiter mittig, arbeiten weiter für Geld, lesen weiter Boulevard, sehen weiter fern, spielen weiter paarweise, sind dabei schön und trotzdem nicht böse. Offenbar verklang mein Sendungsbewusstsein im Funkloch. Bestenfalls. Denn je mehr ich auf die Mitteilungsbedürftigkeitstube drückte, desto langsamer ging es voran. Also eröffnete ich jenseits der 30 eine neue Kampflinie: ressourcenschonender, defensiver, klüger. Dachte ich.
Und lag furchtbar fehl.
Seit mir bewusst wurde, dass niemand sein tägliches Handeln den moralischen Maßstäben anderer unterstellt, dass – zumal öffentliches – Anprangern selbst offenkundigem Fehlverhalten tendenziell bloß frischen Brennstoff zuführt, halte ich es mit modernerer Pädagogik und lebe meine Ideale bloß vor, statt sie in die Köpfe zu prügeln. So kaufe ich meine Brötchen beim Bäcker nebenan kommentarlos im Leinenbeutel, statt die obligatorische Papiertüte nach 75-sekündigem Gebrauch faltenfrei zu entsorgen, und trage stoisch Tupperware zur Salatbar in Büronähe, deren Gewicht mir im Gegensatz zu den Einwegschalennutzern vom Preis abgezogen wird. Innerstädtisch lege ich fast jede Strecke mit dem Fahrrad zurück, überörtlich per Bahn, ohne den motorisierten Gegenverkehr ständig meine Energiebilanz vorzuhalten.
Ich meide Lebensmittel mit Palmöl und Städtereisen mit Kerosin, lächle an, wer nett zu mir ist, und verachte meist still, wem das schwer fällt. Falls wieder Alufolie in der braunen Tonne liegt, topfe ich sie stillschweigend um in die gelbe. Falls mein Fußballteam gebildeter Mittelstandskids pfundweise Massentierleichen auf den Grill legt, verschaffe ich mir wortlos Platz für meine Seitanwürstchen auf gleichem Rost. Und in der Bahn raschelt meine Zeitung nur ganz zart durchs sonore Surren der Tablets. Ich tue dies alles nicht immer so kommentarlos, wie es hier den Anschein hat, aber bei Weitem weniger redselig als ehedem, weil ich das richtige Leben im Falschen lieber vorführen möchte, statt es dauernd zu proklamieren.
Die Sozialwissenschaft kennt dafür tolle Begriffe wie Robert K. Mertens „Bezugsindividuum“, das Mitmenschen durch pure Lebensart als „Role Model“ dient, dem nachzueifern nicht nur klug, sondern cool ist. Wofür neben ostentativer Präsentation auch subtilere Techniken wie „Framing“ zur Verfügung stehen, also Dinge durch beiläufiges Benennen im Kopf des Adressaten zu verankern: „Vegetarisch“ nur oft genug mit „lecker“ kombinieren, schon assoziieren auch Karnivoren Tofugeschnetzeltes mit Genuss statt Würgereiz. So einfach.
Und so erfolglos.
Denn als ich meinem Bäcker fragte, wer seine Brötchen sonst noch müllreduziert kaufe, sah ich in ein gequältes Lächeln und vernahm: Keiner. Never. Tja. Gleiches Szenario bei der Salatbar. Mein sachliches Posting zum Dschungeldieb Palmöl hat keinem Facebookfreund das Nutella verleidet. Unsere Komposttonne schluckt weiter unverderbliches Verpackungsmaterial. Im Straßenverkehr werde ich fürs Nutzen simpler Rechte wie das Fahren auf der Straße trotz Existenz eines Radwegs oder fundamentaler Regeln wie rechts-vor-links ständig auf den Bürgersteig gehupt, was umso mehr auffällt, als Fahrräder selbst in der Uni- und Hipsterstadt Hamburg rar sind wie Akademiker auf RTL2. Gewaltfrei gegen Nazis zu latschen oder Immigranten in einer Art auf links gedrehten Rassismus mein Mitgefühl zuzulächeln, das mir allein ihre Andersartigkeit abringt, hat noch kein Flüchtlingsheim feuerfester gemacht.
Fürs philanthropische Laissez Faire scheint mir demnach nicht nur die Masse, sondern selbst der reflexive Rest mit steigender Genussfreude zu ignorant. Was nur einen Schluss zulässt: Die Leute brauchen keine Vorbilder, sie brauchen Druck! Das Prinzip Freiwilligkeit ist angesichts von Klimawandel, Finanzkrisen, Heidenau gescheitert. Gewalt jeder Art etwa – ob gegen Fremde, Frauen, Kinder, Tiere, Passivraucher, Homosexuelle, den Planeten, was auch immer – muss reglementiert werden, damit tradierte Verhaltensmuster ihr destruktives Potenzial verlieren. Ohne Gesetze keine Emanzipation, so einfach ist das.
Und so kompliziert.
Es gibt da nämlich ein Problem: Gesetze, Regeln, Recht & Ordnung sind selten Resultat objektiver Sachzwänge, sondern subjektiver Machtverhältnisse. Nicht umsonst wird der tödliche Alkohol im Land der Stammtische allen ab 16 verabreicht, während das harmlose Cannabis allenfalls einer Handvoll Todkranker erlaubt wird. Mehr Beispiele gefällig? Die Meinungshoheit schickt Hilfsbedürftige durch den Ganzkörperscanner der Bürokratie, brandmarkt aber jede Selbstauskunft reicher Erben als Stalinismus. Lebensmittelampel, Tempolimit, Dosenpfand? Öko-Diktatur! Wir spenden uns für Kinderrechte gewissensrein, aber nicht gegen Umweltzerstörung, obwohl letztere erstere bald biologisch erledigt. Wir sorgen uns um süße Katzen, nicht um multiresistente Keime. Verbannen Gerüche aus dem Klo, aber keine Antibiotika aus dem Grillfleisch. Finden billige Energie super, but not in my backyard. Wir sind, in einem Wort, zu vernebelt, um klar zu sehen.
Ob die Ordnung jener, denen es weniger um gesunden Menschenverstand als die eigene Klientel vor der nächsten Wahl geht, den Nebel lichtet, darf trotz einiger Fortschritte von Energiewende bis Gleichstellungsgesetz bezweifelt werden. Als linker Vegetarier mit Fahrrad- und Gerechtigkeitsfimmel voller Vorbehalte gegen ultraliberale Rassisten mit Fleisch- und Benzinfimmel könnte man glatt wieder zum Klang sterbender Tiere neigen, wäre das nicht so kontraproduktiv. Also doch weiter vorleben. Denn das heißt laut Konfuzius auch vorleiden. Grad war übrigens doch einer mit Tupperware an der Salatbar. Vielleicht taugt der ja als Vorbild.
Die ganze Debatte bei ZEIT-Online.
Wahnsinnsstadt: Mega-Events
Posted: September 19, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Alles, was dumm und scheiße ist
Seit einem Jahr kommentiert Jan Freitag einem im Monat die dunklen wie hellen Seiten einer Großstadt wie Hamburg auf dem hyperlokalen Blog HH-Mittendrin. Freitagsmedien dokumentieren sie künftig am Wochenende. Zum Auftakt: Mega-Events wie der Hafengeburtstag (Foto@Dontpanic). Denn Während man als Hamburger eine Großveranstaltung nach der anderen hinnehmen muss, stoßen selbstorganisierte Straßenfeste oft an bürokratische Hürden. Nicht mehr lange, dann ist die Innenstadt für Bewohner ganz gesperrt.
Von Jan Freitag
Schon richtig, angesichts des engmaschigen Netzes an Radwegen, Bus- und Bahnverbindungen braucht in einer Stadt wie dieser niemand, den weder körperliche Handicaps, noch materielles Geltungsbewusstsein an die Straße fesseln, ein Automobil. Manchmal jedoch geht es selbst im örtlichen Dauerstau nur eigenmotorisiert voran. Wenn man was Untragbares transportieren muss, zum Beispiel, sagen wir: eine zentnerschwere Musikanlage nebst Platten und DJs. Theoretisch. Praktisch jedoch wird den Bewohnern innerstädtischer Quartiere tendenziell an jedem zweiten Sommerwochenende die Zufahrt verweigert. Nachhause, wohlgemerkt. Wie ein mittelalterlicher Bann, wenngleich begrenzt auf halbe Tage.
Alles was dumm und scheiße ist
Der Grund sind, klar, Hamburgs Großveranstaltungen. Pardon: Events. Pardoner: Megaevents. Harley Days und Hanse-Marathon, Hamburg-Triathlon oder Schlager Move, Alster-, Hafen-, Ballermannvergnügen und zuletzt, so nötig wie eine nordkoreanische Militärparade: Das dreckschleudernde Urlaubsschlachtschiffmanöver Cruise Days. Zwischen Alster und Elbe finde nun mal, Zitat Rocko Schamoni, alles das statt, „was dumm und scheiße ist“. Was man als Bewohner offenbar klaglos hinzunehmen hat. Denn Hamburg, Zitat eines Polizisten, der den Ring 2 mithilfe hunderter Kollegen unlängst wieder einen Dreiviertel Augustsonntag lang zur Sperrzone für all jene verriegelte, die nicht an den Cyclassics teilnahmen, sei nun mal eine „Entertainment-Metropole“. Oje!
Nachbarschaftsparty statt Hochglanzevent
Blättern wir doch mal kurz im Duden. Entertainment, steht da, ist „berufsmäßig gebotene leichte Unterhaltung“. Abgesehen davon, dass die Teilnehmer, Tagesgäste und sonstwie touristisch Angereisten einwohneraussperrender Entertainmentmetropolenmegaevents zusammenaddiert spielend das Gewicht des jährlichen Warenumschlags im Hamburger Hafen erreichen, ist das eine schallende Ohrfeige ins Gesicht all jener Einwohnenden, die sich unter Unterhaltung doch etwas mehr vorstellen, als berufsmäßig gebotene Leichtigkeit. Ein wenig mehr Schwere, ohne belastend zu sein, konnte man zum Beispiel kurz nach den Cyclassics in der Bernstorffstraße erleben, wo Menschen mit Bezug zum Umfeld ein Straßenfest auf die Beine stellten, dass des nachts ebenfalls das Vorankommen blockierte – allerdings nicht mit grimmiger Polizeigewalt, sondern einem Gratiskonzert des Lokalmatadors Nico Suave, der in seinem Hood für lau rappte, dass der laue Abend zum helllichten Tag geriet.
Bürokratische Hürden im Bezirk
Im Gegensatz zu anwohnerfeindlichen, aber fremdenverkehrsfreundlichen Hochglanzevents sind manchmal laute, aber stets liebenswerte Nachbarschaftspartys wie diese allerdings vom Wohlwollen störrischer Bezirksbürokraten abhängig, die dem nachfolgenden Wohlwillstraßenfest zwei Wochen später die Zustimmung verweigern. Der Grund: die Anmeldefrist habe sich verlängert, sei also diesmal überschritten. Punkt. Einspruch abgelehnt. Allenfalls eine Duldung sei drin. Dann aber ohne polizeiliche Ordnungsmaßnahmen, weshalb sich Menschen, Musik und Stände den knappen Raum am Samstag mit allerlei parkenden Autos teilen dürfen.
„Bewohner bitte draußen bleiben“
Auf derlei Festen, die nicht grad im stinkreichen Eppendorf stattfinden, gibt’s halt nix zu verdienen außer ein Stück stimmungsvoller Atmosphäre, die dem zügig zur Unkenntlichkeit gentrifizierten Wohnraum altbauverzierter Stadtteile ein klein wenig über den Weltschmerz glasstahlbetonierter Lebensfreude hinweghilft – und für einen Moment vergessen macht, dass der Kreislauf übersteigerter Monsterveranstaltungen im Werbegewitter von Red Bull bis Beck’s im nächsten Jahr aufs Neue startet. Bewohner bitte draußen bleiben. Die Innenstadt ist leider gesperrt. Für Konsumenten statt Menschen.
Aus: HH-Mittendrin
Hamburg: Hockey, Polo, Elitensport
Posted: September 5, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Eine Frage des Geldes
Polo ist eine der letzten Sportarten, die konsequent wohlhabenderen Schichten vorbehalten bleibt. Dass ihr deutsches Herz trotz der raumgreifenden Spielfelder ausgerechnet im engen Hamburg schlägt (Foto@Stefanie Schmalz), sagt viel über die Hansestadt aus, in der auch andere Elitesportarten von Hockey über Rudern bis Tennis bedeutsam sind.
Von Jan Freitag
Hamburg hat, wie jede Großstadt, höchst verschiedene Seiten. An dieser zum Beispiel grasen gemächlich ein paar Pferde, während es ringsum zwischen den Wipfeln tiriliert, als lägen sie im Schwarzwald, nicht wenige Minuten entfernt vom zentralen Wohngebiet mit Autobahnanschluss. Es ist still hier, fast ländlich, die Bienen summen, sanft trappeln die Hufe. Dann aber durchbrechen krächzende Kommandos das Osdorfer Naturidyll: „Wenn eure Rückhand nach rechts knickt“, fegen sie über die gepflegte Rasenfläche von zwei Fußballfeldern Größe, „ist der Schlag im Arsch“.
Rückhand?
In Hamburg ist der Begriff selbst tief im Grünen nichts Ungewöhnliches. Rückhände gibt es hier bekanntlich im Tennis, eine äußerst hanseatische Sportart, die ihre deutsche Verbandszentrale, das wichtigste Turnier, tausende von Aktiven zwischen Elbe und Alster beherbergt. Rückhände gibt‘s auch im Hockey, noch so eine Leibesübung, deren nationales Herz in Hamburg schlägt, fast alle Kammern sogar, Serienmeister und Nachwuchsmassen inklusive. Diese Rückhände hier aber erfolgen nicht nur auf edlem Grund nobler Clubs, sondern hoch zu Ross. Denn was hier bei falschem Armwinkel noch zu missraten droht, sind Rückhände blutjunger Polo-Schüler von Thomas Winter, Deutschlands bester Spieler, Fachleute meinen gar: der international einzig konkurrenzfähige.
Und das hat gute Gründe. Zunächst mal seine Mutter, eine Reitlehrerin, die den Kaufmannssohn im ostafrikanischen Sambia Anfang der Siebziger als Fünfjähriger zum Pferdenarren gemacht hat. Mehr aber noch lag es am zweiten: Hamburg. Die Stadt, so scheint es, ist ein Eldorado für Ertüchtigungen von elitärem Ruf. Neben Hockey und Tennis gilt das besonders für Rudern, dessen nationale Keimzelle – der noble DHRC Germania – vor beinah 200 Jahren gegründet wurde, als es ansonsten allenfalls Turnvereine gab. Auch Golf, Springreiten, Trabrennen, deren Kosten für Material und Mitgliedschaft bis heute weite Teile der Bevölkerung ausschließen, haben hier bedeutsame Stützpunkte. Vom Polo, dem altpersischen Königsspiel, ganz zu schweigen.
Die TopTen der nationalen Rangliste, schwärmt Thomas Winkler nach Trainingsende verdreckt, aber glücklich vom Standort seiner Poloschule, residiere vollzählig in seiner Stadt. Dass die „bundesweit qualitativ wie quantitativ spitze“ sei, habe aber nicht nur mit Tradition plus Herkunft zu tun, sondern einer gewissen „Affinität zu England“, wie er es im breitesten Hamburger Slang ausdrückt. All die Sportarten mit Oberschichtsaura nämlich sind einst vom Empire über die Waterkant ins ganze Land gespült worden. Ein Freizeitspaß für Pfeffersäcke also, nichts für den Pöbel, klischeehanseatisch und snobistisch? Mitnichten, beteuert der wettergegerbte Profi in dreckiger Jeans und Sweater unterm wilden Fünftagebart. „Eine Frage des Geldes“ werde sein zugegeben aufwändiger Sport erst, „wenn man ihn professioneller betreiben will“. Dann brauche man locker sechs Pferde pro Spieler plus Angestellte, „das kostet“.
Und es hindert das noble Vergnügen mehr als andere daran, bürgerlich zu werden. Der Deutsche Tennisbund am Rothenbaum verzeichnet seit Beckers Wimbledon-Sieg vor 30 Jahren – wenngleich längst sinkenden – Zulauf aus allen Schichten. Als olympische Kerndisziplinen hat Hockey wie Rudern trotz einiger Standesdünkel sein bourgeoises Image abgeschüttelt. Trotz hermetischer Clubs vom gräflichen GC Breitenburg nordwestlich der Landesgrenze bis hin zum edlen Treudelberg hat es selbst das distinguierte Golf ein Stück weit aus der Luxusecke in die Masse geschafft. Allein Polo hält neben dem Highend-Hobby Hochseesegeln noch die Fahne der Oberen Zehntausend hoch. Auch, wenn man es nicht so recht wahrhaben will.
Wolle man seinen Sport mit Ehrgeiz betreiben, meint Jens Thomsen, „muss man schon 5000 Euro pro Pferd übrig haben“. Klingt nach einer realistischen Einschätzung des Immobilienmaklers mit drei eigenen Tieren. Als der Hamburger jedoch vor Jahresfrist im bayerischen Fünfsternegut Ising die „Deutsche Polo Meisterschaft Medium Goal“ moderierte, fügte er mit hochgeschlagenem Polohemdkragen hinzu: „Das kann man sich doch leisten.“ Das „man“ ist hingegen Interpretationssache. 280 Euro kostet das Training seines Sohnes im Monat, erklärt etwa der Vater – Beitrag: 420 Euro – eines zwölfjährigen Schülers von Thomas Winter. Das dürfte der Durchschnittsmiete jener Sozialwohnungen verwahrloster Plattenbauriegel entsprechen, die das angrenzende Pologelände zum Inferno aberwitziger Gegensätze machen, leicht übertreffen.
Bei guter Sicht darf sich die anwohnende Unterschicht dann auch noch an den Karossen der 80 Nutzer des 45 Hektar großen Areals erfreuen. Während des Jugendtrainings parkt dort zwischen zwei Luxusmodellen deutscher Herkunft ein englischer Traum von Oldtimer, dem eine Mutter mit englischem Akzent und Tasche von Louis Vuitton entsteigt. Das aber ist noch lange nichts verglichen mit dem Fuhrpark vorm gediegenen Hamburger Polo Club von 1889, ältester seiner Art auf dem europäischen Festland, der im nahgelegenen Klein Flottbek Karossen ums schneeweiße Vereinsheim schart, für die man Jens Thomsens 5000-Euro-Pferde im Dutzend kaufen könnte.
So herrscht auch hier, im reichsten Teil der wohlhabenden Hansestadt, ein elitensportlicher Selbstbetrug, der bei einer Umfrage unter Funktionären den Eindruck erwecken möchte, die 22 Golfclubs im Hamburger Landesverband seien trotz Jahresbeiträgen von 800 Euro aufwärts ohne Ausrüstung, Trainer, Turniere Hartz4-kompatibel. „Vincent“, ruft der rustikale Polo-Profi Winter mit rauer Stimme über die gewaltige Grasfläche des Spielfelds von 275 Metern Länge, „linke Hand nicht ablegen, sondern am Zügel halten“. Dann hört man zwischen zwitschernden Vögeln und Hufgetrappel nur noch das helle Klacken geschlagener Plastikbälle. An einem unwirklichen Ort mit sozialem Brennpunkt. In einer Hochburg für alles, was britisch ist, sportlich. Und edel.
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Club-Mausoleum: Weltbühne (2002-05)
Posted: July 4, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentIm Löschsenfinferno
Selten wurde in Hamburg so heftig gefeiert wie in einem ehemaligen Kaufhaus am Ende des Kiezes. Gleich vier Clubs luden zum Exzess. Am irrsinnigsten: die Weltbühne.
Von Jan Freitag
Senf und Zeit sind zwei grundverschiedene Ressourcen, die man allerdings gleichermaßen mit Vorsicht dosieren sollte. Wird beides über die Maßen vergeudet, geht es schließlich entweder zulasten des Geschmacks oder der Lebensqualität. Nun sind natürlich andere Substanzen weit mehr von globaler Verknappung betroffen als Senf und Zeit. Süßwasser zum Beispiel, seltene Erden oder auch Kabeljau. Trotzdem ist es bedenklich, wenn die beiden Rohstoffe aus vollen Rohren verschossen werden, wie damals, vor fast genau zehn Jahren, in der Weltbühne.
Und das kam so.
An einem Tag im Frühjahr, vermutlich fast Wochenende, hatte Tino Hanekamps und Alvaro Piñas pittoreskes Clubwunder am Nobistor die Band Jeans Team auf dem Programm. Heiterer Elektropop aus Berlin mit Hang zum digitalen Aberwitz, aufmerksamkeitsökonomisch eher nebensächlich, aber allemal einen schönen Tanzabend wert. Wenn sie denn kommen.
Doch sie kamen nicht. Und kamen nicht. Und kamen nicht. Nicht um elf, wie an der verwüsteten Stahltür parterre plakatiert. Nicht um zwölf, wie von Angestellten bald in Aussicht gestellt. Auch nicht um eins, als ich im Kreise ebenso genervter Freunde die Faxen dicke hatte und die funktionsuntüchtige Rolltreppe abwärts am Phonodrome vorbei Richtung Kiez verschwand, Aufnimmerwiedersehensflüche im Hals. So nicht! Nicht so!
Natürlich kamen wir der legendären Weltbühnen-Zeitverschwendung zum Trotz alle wieder, und nicht nur einmal, sondern ständig. Der anarchistische Wohnzimmerclub mit Holstenstraßenblick war Anfang der 2000er schließlich das Beste, was Hamburgs alternative Partykultur zu bieten hatte. In dem verlassenen Bekleidungskaufhaus, in dem zuvor Kinder stilunsicherer Eltern mit Hosen der Marke Palomino gemartert wurden, pulsierte der Sound jener Tage ja am heftigsten.
Ganz unten das Phonodrome, damals derbster Technoclub in zentraler Lage, den sein Gründer, die örtliche Powerhouse-Größe Wolf von Waldenfels, 2002 aus einer alten Autowerkstatt am Zirkusweg ins vormalige Unit am Westende der Reeperbahn verlegt hatte. Er bot fortan 202 Beats pro Minute und mehr für dauergestromte Teenager-Synapsen. Die jungen Besucher, oft aufgereiht zu Hunderten, blickten die Bomberjackentürsteher so abgebrüht erwachsen an, dass die wenigen Gäste über 25 für derlei schauspielerisches Geschick zuweilen Applaus auf offener Straße spendeten.
Im Seiteneingang ging es ins Click, eher gediegen als stampfend, Ambient, Deephouse, Runterkommzeugs. Darüber lag die Echochamber, ein Backsteinverschlag mit ebenerdiger Bühne für alles, was analog Asyl erbat in diesem digitalen Eldorado der Hansestadt. Und Wand an Wand, mit freiem Blick durch mächtige Fenster zur Holstenstraße: die Weltbühne, knallroter Irrsinn im WG-Format.
Womit wir beim Senf wären.
Knapp zwei Jahre nach der eigenen Eröffnung und gute drei nach der des ganzen Komplexes, als sein Abriss schon einen festen Termin hatte, zeigte sich Hamburgs Subkultur nochmals von ihrer originellsten Seite und lud zur “All-you-can-eat-BBQ-Gala” in die Weltbühne. Die lokale Countrypunk-Ikone Butch Meier spielte auf, sein Grillmeister schleuderte in blutiger Metzgerschürze kiloweise rohes Fleisch auf den Rost und sodann in den Saal. So lange, bis das Plüschambiente unter Rauchschwaden verschwand.
Selbst die autonomen Veganer im entfesselten Publikum drückten angesichts der performativen Metaebene ein Auge zu – bis sie beide zudrücken mussten, als Butch Meier aus einem Feuerlöscher verdünnten Senf verspritzte. Viel Senf. Literweise. So reichlich, dass es die gemütlichen Separees in der Wand gegenüber ebenso gelb färbte wie die durchgesessenen Sofas ringsum. Es war ein Inferno.
Und es war das Ende. Nach gerade mal 21 bewegten Monaten schloss die Weltbühne. Ende 2005, an Silvester, stieg die große Abschiedsparty des gesamten Betonklotzes. Das Phonodrome hieß bereits KdW und die Bagger scharrten schon mit den Schaufeln, um an gleicher Stelle das zu errichten, was im August zuvor ohne jede Vorwarnung angekündigt worden war: den neuen Flügel der privaten Endo-Klinik. Blitzeblank steht der neue Gebäudetrakt heute in aseptischem Weiß am leblosen Verkehrsring und wartet auf zahlungskräftige Patienten statt auf tanzwütige Partypeople. Hamburger Subkulturbereinigung in Reinform, ersatzlos gestrichen, weitergehen bitte!
Und plötzlich erscheint die Ressourcenvergeudung viel wärmer. Ein nostalgisch verklärtes Licht umgibt sie. All die Stunden, aufaddiert ganze Wochen, die zahlende Gäste vergeblich auf auch nur annähernd pünktlichen Konzertbeginn hofften. All der Senf, den man selbst nach mehrmaligem Waschen nie wieder aus den Klamotten kriegte. All der Schweiß, der von den Panoramascheiben lief, wenn die Weltbühne mal wieder tobte wie Hamburg selten tobt. Nur wohlige Erinnerungen an ein paar Jahre anarchistischer Unterhaltung, die so nie wieder kommt, nicht an diesem Ort, der keine dreckigen Flecken mehr duldet. Zu finden ist sie höchstens noch in luftiger Höhe, auf dem Flakbunker an der Feldstraße: Dort eröffneten die zwei displaced persons Waldenfels und Hanekamp bald darauf ein Asyl namens Uebel & Gefährlich.
Mehr pics’n’files unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-06/hamburg-subkultur-club-weltbuehne
Club-Mausoleum: Heinz Karmers (1994-97)
Posted: June 13, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentKoma ist Kunst
Das Heinz Karmers auf St. Pauli eröffnete in einer ekligen alten Domschänke. Es ist lange geschlossen, steht aber für den Übergang von der Kneipen- zur Clubkultur. Folge 6 des Hamburger Club-Museums.
Von Jan Freitag
Erinnerungen an alte Orte des wilden Feierns und wehen Erwachens, der knietiefen Abstürze und schmerzhaften Auferstehung sind häufig nicht nur zigarettenrauch- bis bierdunstgetrübt; sie verfliegen förmlich im Nebel nostalgischer Rückbesinnung auf durchzechte Nächte, die vielleicht besser waren, aber eben auch krasser, extremer, manchmal richtig böse. Wie zerbombte Kirchtürme ragen sie dann aus den Trümmerlandschaften persönlicher Geschichtsschreibungen hervor oder ekliger ausgedrückt, eklig wie, sagen wir, die Klos im Heinz Karmers: wie braune Zahnstümpfe aus einem ungepflegten Gebiss.
Es befand sich ringsum, damals, vor auch schon wieder mehr als 20 Jahren: Der Kiez, Mitte der Neunziger noch immer reichlich ungewaschen, roh, ludendominiert und waffenverbotsschilderfrei, weil das ohnehin kaum exekutierbar gewesen wäre. Gegenüber lag wie heute das Stadion, nur war es eine bessere Bretterbude, in der glaubhaft „Nazis raus!“ gebrüllt wurde, die dann wirklich auch raus sind, Richtung Reeperbahn, um mit Autonomen oder der Polizei Bambule zu machen. Und dazwischen, noch ungewaschener, noch roher, aber luden- wie verbotsschildfrei: Das Heinz Karmers. Bis 1994 eine „Asso-wir-saufen-uns-tot-Kneipe“, wie Oliver Hörr mal erzählte, aus der für die darauffolgenden drei Jahre ein „Asso-wir-saufen-uns-tot-haben-dabei-aber-mehr-Spaß-Club“ wurde, den der Mitbetreiber in einer versifften Domschänke installiert hatte und einfach weiter versiffen ließ. Gezielt, raunte man sich zu, mit aufgemalten Schimmelflecken und Bierflaschenabräumverbot, um dem pillenbunten Folgejahrzehnt der aseptischen Achtziger etwas entgegenzusetzen.
Es ist nicht so leicht, Erinnerungen an diesen alten Ort des wilden Feierns und wehen Erwachens wachzurufen, die über den optischen Zustand des Ladens substanziell hinausreichen. Viele kamen schon vorgeglüht an, verharrten in der Menschentraube vorm bröckelnden Flachbau mit den blickdichten Fenstern. Und sie mieden den Weg vorbei an immobilen Herumstehenden zum winzigen Tresen elegant überforderter Barkräfte, die das Wort „Service“ fürs Porzellanset in der elterlichen Vitrine vorbehielten und grundsätzlich niemanden bedienten, der ihnen am nächsten stand, sondern lieber irgendwem im hintersten Eck mit lautstarken Kommandos das Astra zureichen ließen, was zwar kommunikativ und abenteuerlich war, aber schrecklich ungerecht.
Auch deshalb blieb ich gern vor der Tür statt dahinter, hab bei Nordwind auf der ungeschützten Hauptverkehrsadervorfläche halt den Trainingsjackenreißverschluss überm Hoodie, der seinerzeit noch Kapuzenpulli hieß, hochgezogen und bin allenfalls im Winter oder nach verregneten Heimspielen des benachbarten Fußballclubs reingegangen. Wobei auch dann der Weg das Ziel war. Denn Hamburgs härteste Tür, sie mag seinerzeit das Top Ten in Blickweite verschlossen haben; den härtesten Gang hatte Heinz K. Er war gewissermaßen Türsteher, Tür, Zu- und Rückweg in Personalunion, weniger eng als inexistent. Womöglich lud er grad deshalb stets ein Drittel der Gäste zum Verweilen ein.
Immerhin entging man in der dortigen Kakophonie aus Stimmengewirr, Durchzug und Toilettenspülung dem paradoxen Klangsalat vom einzigen Raum, der an guten Tagen aus heillos übersteuertem Live-Sound von heillos untrainierten Bands wie Boy Division stammte, die sich angeblich hier gegründet hatten, an weniger guten Tagen Shanties und Surf-Trash-Punk mit Schlager kompilierte, an schlechten alles zugleich übereinander legte, weil wieder mal wer mit ausgeleierten Musikkassetten auflegte. Umso bemerkenswerter, dass die Legende am Übergang von der Kneipen- zur Clubkultur zum Fluchtpunkt wurde. Ein Heimatsurrogat. Zuhause.
Denn ob es die konsequente Regellosigkeit war, der kunstvolle Dreck, das kollektive Koma: hier herrschte noch (un)gepflegtes Miteinander des Inseldaseins an einer dicht befahrenen Monsterkreuzung, die schon damals bis aufs Karmers tot war und nun eben mausetot ist. Denn als der marode Flachbau in einer legendären Abschiedsparty vor 18 Jahren vom eigens herbeigeeilten Eventpublikum im Schutze der Nacht sprichwörtlich dem Erdboden gleichgemacht wurde, war im Sog der aufkommenden Gentrifizierung des angrenzenden Schanzenviertels mit allem zu rechnen: Cocktaillounge, Einkaufszentrum, Hochhauskomplex, Mehrzweckhalle. Dass dort allerdings das entstünde, was nun dort ist, erschien im Tränenmeer des Wohnzimmerverlustes selbst eingefleischten Miesmachern undenkbar. Wo das Heinz Karmers einst von zwei Werbewänden umrahmt wurde, ist heute:
Nichts.
Außer Zäunen, Asphalt, gähnender Leere. Kein Mensch hält sich da auf, niemals, nirgendwo. Selbst die Fans des FC, der seine Heimspiele längst in der schicken Stadtteilarena austrägt, gehen nach Abpfiff achtlos vorbei oder nutzen das Areal als öffentliches Pissoir, das Nobelhotel East vor Augen, errichtet auf den Ruinen des Muckibuden-Rap-Schuppens Powerhouse, von dem sich hier auch keine Spur mehr findet. Vielleicht ist es ganz gut so, dass der gierige Kraken Kiez seine Tentakel nicht bis hier auswirft, wo St. Pauli Wohngebiet ist und auch ein weiterbetriebenes Tanzcafé früher oder später entdeckt worden wäre vom Eventmarketing. Womöglich waren drei Jahre genug, und der Original-Tresen war ja noch ein paar mehr auf Reisen durch Hamburgs alternative Clubkultur. Die Erinnerung schmerzt zwar, aber Trainingsjacken trägt ja auch kein Mensch.
Aus: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-05/heinz-karmers-club-hamburg
Günther Jauch: Plaudertasche & Talkpensionär
Posted: June 10, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentIrrtum ade!
Nach kaum mehr als vier Jahren beendet der König des belanglosen Plauderns an diesem Sonntag seine sündhaft teure ARD-Talkshow – und damit ein großes Missverständnis: Günther Jauch ist weder Journalist noch Anwalt des kleinen Mannes. Sondern einfach ein sehr, sehr guter Geschäftsmann mit gewissen Entertainerqualitäten.
Von Jan Freitag
Irrtümer können ganz schön hartnäckig sein. Derjenige zum Beispiel, nach drei Bierchen könne man problemlos Auto fahren, hält sich bekanntlich selbst unter bayrischen Spitzenpolitikern beharrlich. Auch, dass Hunde den Mond anheulen, Jugendliche immer gewalttätiger werden oder Erkältungen durch Kälte entstehen, wird nicht dadurch richtiger, dass man es dauernd wiederholt. Da könnte man ja gleich dem denkbar größten Irrtum unserer Tage Glauben schenken: Bei einer Direktwahl durchs Volk bekäme Günther Jauch die Mehrheit.
Wer das glaubt, glaubt womöglich auch, Deutschlands beliebtester Fernsehmoderator sei auch ein guter Talkshowmaster oder noch ein bisschen verrückter: Journalist. Aber gut – jetzt ist mit diesem Märchen ja Schluss. Diesen Sonntag hört Günther Jauch auf, zu sein, wofür er einfach nicht bestimmt ist und doch Abermillionen sinnlos vergeudete Euro kriegt: Günther Jauch. Dann wechselt das RTL-Gesicht letztmals zum Wochenendfinale vom privaten Biotop rüber ins öffentlich-rechtliche Exil und begrüßt seine Gäste bei der ARD. Dann ist seine Gesprächsrunde nach vier Jahren auf Sendung trotz konstanter Einschaltquoten überm Senderschnitt Geschichte. Ein Irrtum weniger auf dem Feld beharrlicher urban legends.
Denn Günther Jauch war, er ist alle Mögliche: Ein Kaiser arglosen Entertainments, der König des belanglosen Plauderns, Edelmann diverser Unterhaltungsshows für Bürger, Bauern Bettelleute. Er kann profane Alltagsquizrunden ebenso wie übersteuerte Samstagabendsausen zum heiteren Hochamt gesamtdeutscher Abendgestaltung weihen und dem Altmedium Fernsehen somit eine Art nonchalanter Relevanz suggerieren. Noch besser aber kann Jauch den Hochadel seriöser TV-Dispute so profanisieren, dass sie intellektuell belanglos werden, äußerlich mitunter wärmend, innerlich bedeutungslos und leer.
Dafür muss man nur ein paar Monate zurückwandern auf der Zeitachse linearen Fernsehens. Im April war es, da ertranken im Mittelmeer zwar auch nicht mehr Flüchtlinge als üblich, aber die Medien waren durch ein paar besonders verlustreiche Schlepperhavarien aufgeschreckt. Aus diesem Grund nun lud der nette Herr Jauch nicht nur den rassistischen Brachialpublizisten Roger Köppel aus der Schweiz zum Disput, sondern auch einen freundlichen Philanthropen, der auf eigene Faust Schiffbrüchige rettet und plötzlich etwas tat, das den Moderator an den Rande der Zurechnungsfähigkeit brachte: Er forderte Schweigeminute für die Opfer von Europas Abschottungspolitik.
Und was tat Jauch? Er sträubte sich, stammelte, winkte ab, rang sichtbar um Regelhoheit und gewährte doch eine Audienz der Stille im Quasselforum, nur dass sie keine 60 Sekunden währen durfte, sondern rund die Hälfte – dann brach er den erhabenen Moment ab, ging zur Tagesordnung über und riss sich somit endgültig die Maske vom Gesicht. Günther Jauch, 1958 in Münster geboren, als dort noch Priester statt Grüne den Ton angaben, gilt nämlich im Medium der Machtinteressen als Stimme des kleinen Mannes – obwohl er sich wie kein zweiter Promi seines Ranges den Fangarmen der Springerkrake entzieht.
Er ist also wie gemacht fürs Unterschichtenfernsehen von RTL mit seiner verantwortungslosen Ballermannbespaßung, das die Lüge strukturell zum Faktum verdreht und Sachlichkeit allenfalls homöopathisch dosiert. Hier spielt das sportaffine BR-Gewächs seit 1999 für gut fünf Millionen Zuschauer den vertrauenswürdigen Ratepaten mit lausbübischer Empathie für den rätselnden Pöbel. Spätestens die Flüchtlingssendung vom April aber legt nahe, wie viel Pose darin steckt und wie wenig Wahrhaftigkeit.
Dafür spricht nicht zuletzt der Geschäftsmann im Moderator, dem das mitfühlende Image seit Jahren das Konto bläht, seit 2011 mit geschätzt zehn Gebührenmillionen im Jahr für eine Stunde Wochenarbeitszeit plus Vor- und Nachbereitung, die er zudem von seiner eigenen Firma i&u TV produzieren lässt. Dafür hat der Elitenzögling mit herrschaftlichem Anwesen in der reichen Residenzstadt Potsdam nicht nur die bessere Anne Will vom wichtigen „Tatort“-Anschluss auf den Aschenputtelplatz am Mittwoch verdrängt, sondern die „Gremlins“ der ARD auch sonst am Nasenring durch die Arena des Kampfs um unerreichbare Zielgruppen gezogen.
Selbst Vater Ernst-Alfred, er immerhin tatsächlich Journalist, soll mal über seinen Sohn gesagt haben, „was Günther macht, verstehe ich zwar nicht, aber es wird wohl gut bezahlt“, um hinzufügen: „Kein Mensch weiß, warum.“ Dem kann man, auch wenn es dem beruflichen Standesdünkel eines alten Printreporters vor Wer wird Millionär entsprungen sein mag, nur beipflichten. Jauch Junior ist zwar überaus nett, aber erschreckend beliebig; bildungsstark, aber meinungsschwach; unterhaltsam, aber trivial. Alles Relationen, die einer lukrativen Karriere im Kommerzfunk zuträglich sind. Fürs staatsvertraglich grundierte Hauptabendprogramm des Grundversorgers ARD taugen sie deutlich weniger.
Dass er mit kaum 60 Jahren nun – aus privaten und beruflichen Gründen, wie er mitteilen ließ – die Reißleine zieht und zum morgigen Finale allein mit Wolfgang Schäuble über Terror, Flucht und Pegida spricht, ist somit ein Schlag ins Kontor des verlängerungswilligen NDR als Auftraggeber. Bedauern sollte sie es dort nur solange, wie sich ein seriöserer Host am wichtigsten Talkshowplatz der Medienrepublik findet. Irgendjemand, der nicht nur über hohe Sympathiewerte beim anspruchsloseren Publikum verfügt, sondern über ein paar andere Dinge, die politischem Fernsehjournalismus dienlich sind: Kompetenz, Informiertheit, Augenhöhe. Irrtum ade.
Mehr Bilder und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-06/guenther-jauch-talksendung-ard-irrtum-ade
Reise: Barfuß über Bucheckern
Posted: May 30, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentSauber veschlammt
Ohne Schuhe über Bucheckern, Lehm oder Glasscherben entdeckt man degenerierte Sinne wieder (@Barfußpark Egestorf). Zu Besuch in einem Barfußpark nahe Hamburg.
Von Jan Freitag
Der Fuß ist ein empfindliches Werkzeug. Was heißt ist: er wurde dazu gemacht. Eingepfercht in enges Schuhwerk, malträtiert mit absurden Absätzen, geformt, gepresst, gestreckt vom Diktat wechselnder Moden. Wir können nicht mehr mit den Zehen tasten, der Ferse rollen, dem Ballen federn. Wir lassen ein Meer aus Rezeptoren verkümmern und ein Viertel unserer Knochen, spüren Schmerz, wo er nicht hingehört, und Scham wenn uns ganz unten wer zu nahe kommt. Degeneriert zu taktilen Autisten, sind uns die Fundamente seltsam fremd, nackt zumal. Barfüße: Kinderkram.
Doch dann – unversehens, unerwartet, Huch! – versinkt man knöcheltief in einer breiigen Masse, tritt nach langen Sekunden braun verschmiert heraus und mit einem Mal werden die Füße wieder zu Körperteilen, Extremitäten, zu sich selbst. So fühlt sich also ein Barfußpark an. Inmitten der Lüneburger Heide gibt es eine dieser Massagebänke der Natur, Trampelpfade fürs Wohlergehen des kompliziertesten aller Glieder. Exakt 50 davon existieren in Deutschland, aber der in Egestorf, am Rande des Naturschutzgebiets, zählt zu den schönsten. Und härtesten. Womit wir beim Wesentlichen wären.
Denn schon die ersten Schritte sind qualvoll, fühlt man sich doch in der Öffentlichkeit ohne Schuhe sonderbar entblößt, abseits von Badegewässern. Also rasch ins Kneipbecken, zum nächsten, dem wahren Schmerz. Grundwassertemperiert beißt er sich durchs Schienbein zum Knie in die Wade und zurück. Ein Playstation-Teeny mit schiefem Basecap gibt schon hier schreiend auf. Das kann ja heiter werden…
Wird es auch: Auf Rasengittersteinen Kieseln, selbst Glasscherben – alles ungewohnt, so ohne Socken, aber nicht ungewöhnlich. Und dann Rindenmulch, ein Gefühl wie auf Flokati, wie Erinnerungen aus Kindtagen. Nur welche? Die nächsten werden klarer: nasser Lehm, Moor, Reisig und Torf, gefolgt von Hängebrücken, Plattenwegen, Hochstelzen, flankiert von lehrreichen Gimmicks zum Hören, Tasten, Riechen von Flora und Fauna. Es sind sensorische Genüsse zwischen Attraktion, Überraschung und Balance in Vorbereitung auf die echten Grenzerfahrungen: Bucheckern etwa (aua?), Heidekraut (aua?!), Tannenzapfen (aua!). Nichts verpflichtet zum Erdulden, überall gibt es Nebenstrecken auf Sand, Holz, Wiese – aber das wäre ja feige…
Dennoch ist der Parcours kein Ort der Kasteiung; er führt über verschüttete Sinne zu einem Gefühl innerer Reinigung. Verkrustet, schlammig, bestens durchblutet sind die Füße nach knapp drei Kilometern Spaziergang auf 30 Fußballfeldern Wald und doch scheint man sauberer als zuvor. Es ist ein Extremsport der Reize, die erdnahe Variante jener Nude Shoes, mit denen die Lifestyleindustrie uns Großstadtkrüppel Natur vorgaukelt, ohne gleich darin zu versinken; Schuhe, die sich tragen, als ginge man ohne. Tut man aber nicht, man tut nur so. Ein Barfußpark dagegen ist echter. Eine Touristenattraktion zwar, aber von Neurologen empfohlen, sogar mitentwickelt, wie hier in Egestorf, ein Naturheilmittel. Verschreiben lassen kann man es sich dennoch nicht. Schade eigentlich.
Smaland: Pippi, Holz & Bullerbü
Posted: May 23, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Kleines Land ganz groß
Nirgends können sich Kinder so erwachsen fühlen und Erwachsene gleichsam so jung wie in Småland, dem Rohstoff von Astrid Lingrens Erzählungen einer selbstbewussten Kindheit. Ein Rundreise durch Vergnügungsparks ohne Karussele, liebliche Landschaften und eine Stadt aus Holz zu Pippi Langstrumpfs 70. Geburtstag.
Von Jan Freitag
Ob Steine reden können? Die Frage drängt sich förmlich auf in dieser Kleinstadt am Nordrand Smålands: Eksjö, Inbegriff südschwedischer Betulichkeit, wo das Knüppelpflaster rumpelt als rollten noch Pferdefuhrwerke zum Markt, wo jeder Ziegel Geschichte atmet. „Unsere Steine sind sogar richtig gesprächig“, sagt Christina Giebs in fließendem Deutsch. Sie lacht. „Aber Holz“, fügt die ortskundige, ach: ortsversessene Lehrerin hinzu und ihre Begeisterung schüttelt den ganzen Leib vor Heimatliebe, „Holz redet nicht nur, es erzählt“. Und zwar von mehr als bloß Architektur, Wohnen, Vergangenheit. Holz, wieder dieses Ganzkörperlachen, „Holz hat Gefühle“. Und von denen wolle es berichten.
Also lassen wir es zu Wort kommen, in einem skandinavischen Bilderbuchort, dessen Name von Eingeborenen wie Christina intoniert wird, als gurgele sie dabei mit Magerquark. Aus Eksjö wird also Ähch’hö, unaussprechlich wie dieser zauberhafte Ort in einem verzauberten Land. Småland. Kleines Land. Lindgren-Land, doch dazu später mehr. Zunächst mal geht es um die „Holzstadt“, wie
Eksjö genannt wird. Es ist die wohl süßeste all jener nicht allzu großen bis ziemlich kleinen Siedlungen der Provinz, die vornehmlich aus dem schwatzhaften Lieblingsmaterial dieser waldreichen Gegend gefertigt sind. Meist sind es rotweiß getünchte Zungenbrecher à la Hjo, und glaube niemand, Gränna spräche sich auch Gränna aus. Vieles hier ist in seiner schlichten Schönheit schwer begreiflich. Und wenig ist so unbegreiflich schön wie Eksjö. Zumindest im Innern.
Denn wer das Herz dieses sorgsam konservierten Mittelalterfleckens mit seinen kaum 10.000 Bewohnern durchmisst, unternimmt eine kleine Zeitreise durch die lange Vergangenheit einer Gemeinde, die es so gar nicht geben dürfte. Nicht mehr. Zwei Drittel der Altstadt, schwärmt Christina, die es nach 20 ihrer 47 Jahre in Deutschland erst kürzlich wieder heimwärts zog, seien vor 1900 erbaut, ein Viertel gar bis 1850. Und dass der Durchschnitt dieses abrissfreudigen Landes von sechs Prozent so deutlich übertroffen werde, liege weniger an der Verwaltung oder gar Zufall, „es liegt an den Bewohnern“. Einfache Leute, meint Christina fühlbar stolz, die schon zu einer Zeit gegen drohende Wurzelvergessenheit ihrer Stadt protestierten, als etwas Abstraktes wie Denkmalschutz noch gar keinen Platz im Alltag fand.
Im beschaulichen Krusagården nämlich, dem König Gustav VI. Adolf 1954 bei einem Besuch persönlich den ortsüblichen Glücksbaum als symbolischen Brandschutz ins Hofzentrum pflanzte, sollte zehn Jahre zuvor anstelle des alten Handelshofs ein modernes Warenhaus entstehen. Doch es regte sich rasch Widerstand. Heftig. Und erfolgreich. Ohne ihn hätte, wo heute ein Verein älterer Damen inmitten redseligen Holzes Kaffee und Waffeln serviert, fortan schweigsamer Stein regiert. Geschäfte statt Gemütlichkeit. „Es wäre der Anfang vom Ende unserer Seele gewesen“, glaubt Christina. Und zwar lang vorm Beginn ihres Hobbys, in den endlosen Sommerferien dieser winterdunklen Region Besucher durch die Gassen, Winkel, Gebäude zu lenken.
Es sind beredte Zeugen eines Wohnraum gebliebenen Museums, um das sich der Eksjöån schlängelt, als sei der Bach, den selbst zugezogene Schweden oft falsch aussprechen, ein Burggraben. Das städtische Markenzeichen aber sind die reich bepflanzten Innenhöfe, deren Baumbestand wie besagte Königseiche ein magisches Licht auf verwitterte Sitzbänke in wilden Blumenbeeten streut. Liebevoll vernachlässigt, erzählen Dutzende Gården genannten Oasen in der Oase von den Menschen, die darin weiterhin leben, mehr aber noch von jenen, die es einst taten. Vom Hutmacher Axel, dessen militärischer Auftraggeber so gut zahlte, dass der Laubengang im Forssellska Gården noch 100 Jahre später den Wohlstand seines bekanntesten Besitzers bezeugt. Vom Kupferschläger Nils, der dem Fornminnesgården gegenüber des Stadtmuseums schon im 17. Jahrhundert sein uriges Gesicht verlieh. Vom Barbier Johann, der ein paar Meter weiter vor bald 400 Jahren als Bader Kranke heilte, wovon noch heute eine Rasierschüssel über der Tür und putzige Anekdoten von Christina berichten. Und natürlich vom Aschanska Gården, dem ältesten vor Ort, der jedem Stadtbrand getrotzt hat und dennoch aussieht, als hätte man nach dem letzten schlampig renoviert – unprätentiös, aber urgemütlich, wie er sich zwischen die zwei Hauptwege der Altstadt legt.
Fast alles hier wie überall in der Gegend verströmt einen speziellen Duft aus Pragmatismus und Verspieltheit, gestern und heute, aus Fürsorge und Laissez Faire, im Grunde also Erwachsenenwelt und Kindheit – jene Mischung, die Småland auch literarisch prägt. Denn im Rückzugsraum von Eksjö spürt man ebenso wie in den Ortschaften ringsum, wie in ganz Südschweden das, was Astrid Lindgren in ihrer Heimatregion gespürt haben mag, um die Zeitlosigkeit ihrer Geschichten zu grundieren. Wer zum Beispiel Michel liest, der im Herbst 50 Jahre Erstveröffentlichung feiert, findet in der Gemeinde Eksjö all die realen Vorbilder literarischer Orte: Lönneberga, Mariannelund, selbst Katthult, als Dorf und als begehbare Drehkulisse, Michels Fluchtschuppen inklusive. In Småland, wo neben vielen Büchern auch ein Großteil der Filme entstand, wird aus Lindgrens Einfallsreichtum Wirklichkeit und aus ihr wieder Phantasie.
Denn nur hier, so scheint es, konnte die Wechselwirkung von Wahrheit und Fiktion eine solch schöpferische Wucht entfalten. Weshalb daraus wohl nur hier ein wahres Märchenland entstehen konnte wie Astrid Lindgrens Värld am Rande Vimmerbys, wo die Schriftstellerin 1907 zur Welt kam. Und diese Welt eine Stunde östlich von Eksjö ist nicht weniger als der schönste Erlebnispark überhaupt, Schwedens größtes Freilichttheater, dessen sechs Bühnen von früh bis spät die Werke der Nobelpreisträgerin vorführen. Auf Schwedisch zwar, aber das macht den 50.000 Deutschen pro Jahr offenbar nichts aus, die den 76 Schauspielern lauschen, als sprächen sie eine universelle Sprache. In Kulissen, die nicht bloß Hintergründe bilden, sondern Organe eines lebendigen Körpers.
Ronja Räubertochters Matthisburg etwa, in annähernd voller Pracht aus solidem Stein erbaut; die Villa Kunterbunt, statt nur Fassade ein richtiges Haus mit richtigem See, richtigem Piratenschiff und falschem Pferd, das eine der drei jungen Pippi-Darstellerinnen per Seilzug hebt. Oder Michels Bauernhof, als sei die berühmten Serie 1971 hier gedreht worden, statt in der Gegend um Marinannelund, wo die Zeit nach der letzten Klappe stehen geblieben scheint. Dazu Bullerbü und Karlssons Dach, viel Wald und Viehweiden, robuste Spielgeräte aus Astrid Lindgrens Schaffensperiode und bloß am Anfang, mehr Pflicht als Profitmodell, die Merchandisingshops nebst Kino.
Das Einzigartige aber, eine Art Alleinstellungsmerkmal: Supermegamammutloopingbahnen gibt es hier ebenso wenig wie simple Karussells und auch sonst nichts vom überdrehten Entertainment der Marke Disney. Auf diese Reduktion bestand die Autorin bereits 1990, als aus der kostenlosen Miniaturversion ihres Heimatortes peu à peu die große Welt ihrer Figuren wurde. Weil sie Kommerz strikt ablehnte, gibt es auch elf Jahre nach ihrem Tod statt Pommes und Cola nur Gerichte, die auch ihre Protagonisten essen. Deshalb kosten Kaffee und Zimtschnecke keine zwei Euro, deshalb ist das einzige, was keinen Bezug zu den Büchern hat, Pippis selbsternannte Gouvernante Fräulein Prysselius, die nur in den Filmen vorkommt. Und deshalb, das vor allem, ist die einzig echte Sensation hier eine Stille, die für Erinnerung, Besinnlichkeit und doch ein Gefühl von Abenteuer, Freiheit, Renitenz sorgt.
Kein Teich ist umzäunt, kaum ein Weg befestigt und wenn der Vorhang eines Stückes fällt, dürfen, nein: sollen die Zuschauer jede Kulisse betreten. So gerät der Park zum Refugium der Anarchie im verregelten Spaßalltag moderner Freizeitparks. Hier ist definitiv nicht Thomas-und-Annika-Land, hier ist Pippi-Land. Was auch bedeutet: Astrid Lindgrens Värld ist ein Erwachsenenpark für Kinder und umgekehrt Kinderpark für Erwachsene. Und sicher nicht ohne Grund legt die Erfinderin ihrer berühmtesten Figur einen Satz in den Mund, der dieses Paradox betont. „Liebe kleine Krummelus“, sagt Pippi am Ende zu einem der vielen Produkte ihrer unerschöpflichen Vorstellungskraft, „lass uns niemals werden gruss“.
Mit diesem holprigen Reim wünscht sie sich und ihren Freunden, ewig Kinder zu bleiben. Was allerdings – wie Lindgren selbst mal sagte – ein zutiefst erwachsener Wunsch ist. Denn Kinder wollen ja wachsen und zwar schnell. Nur die Großen wünschen sich bisweilen wieder klein zu sein, spätestens dann, wenn sie hier mit Tränen in den Augen die Anfangsmelodien der zeitlosen Filme hören, wenn die Figuren dazu Lindgrens Idee vom selbstbewussten Reifen zelebrieren, wenn Eltern spüren, was diese Bücher aus ihnen gemacht haben und ihre Kinder, wie sie mit ihnen das Gleiche anstellen.
In dieser Welt können also beide beides sein, alt und jung, groß wie klein, erwachsen aufwachsend. Und das teilt Lindgrens Värlt mit der erlebnisreich ereignislosen Nachbarschaft Smålands, in der so wenig passiert und gerade deshalb so viel. In der es rotweiße Holzhäuser gibt wie andernorts Autos, und kostenlose Badestrände wie Parkplätze, aber keine künstliche Unterhaltungsstruktur. Nur Land und Leute. Wer die Landstraße 40 gemächlichen Tempos von Ost nach West und zurück fährt, dem zeigt sich halb Südschweden, ganz Småland, die Gemeinden Eksjö und Vimmerby nicht als Resultate städtebaulicher Prozesse, sondern eigens entworfen für die Bestätigung dessen, was als Bullerbü-Syndrom in den Strom unverwüstlicher Klischees vom idyllischen Nachbarland einfließt.
Das merkwürdige an diesem Klischee aber ist: irgendwie stimmt es, wenigstens ein bisschen. Sofern man sich drauf einlässt und für ein paar Wochen im Sommer sein Alter vergisst, den Alltag, alles. Am Hunsnäsen-See etwa, sagt Christina Giebs, „da ist das möglich“. Einfach ans Ufer setzen, übers gekräuselte Wasser auf Eksjö schauen und sich fühlen wie zu Astrid Lindgrens Zeit. Sie lacht wieder ihr Ganzkörperlachen. So einfach ist das.
Der Text ist vorab in der Süddeutschen Zeitung erschienen
Infos Smaland/Eskjö/Astrid Lindgrens Värld
Eselwandern in der Steiermark
Posted: May 16, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Grenzerfahrungen
Den uralten Grenzpanoramaweg zwischen der Steiermark und Slowenien mit einem Esel zu wandern, ist ein besonderes Erlebnis. Weil man die Natur in ungewohnter Intensität erlebt. Und weil Kinder endlich mal jemanden dabei haben, der noch störrischer ist als sie.
Von Jan Freitag
Heidi bockt. Gut, das ist sie ihrem Renommee auch schuldig; Heidi ist ein gemeiner Hausesel und somit zum Starrsinn förmlich berufen. Aber was dieses Exemplar grad veranstaltet, gibt dem Begriff des Störrischen eine neue Dimension. Heidi bockt nicht nur, sie verweigert jede Zusammenarbeit, da helfen die engelsgleichsten Zungen nicht. Ende. Keinen Zentimeter geht es an dieser steilen Stelle den Schotterweg hinauf, und natürlich hat sich das eigensinnige Tier dafür einen Platz im Sonnenschein ausgesucht, alpine Sommerhitze zur Mittagszeit, zwischen Mischwald und Blumenwiese weht kein Lüftchen, von Schatten ganz zu schweigen. Mit Heidi zu wandern ist eine echte Grenzerfahrung.
In jeder Hinsicht.
Denn Equus asinus asinus, wie auch dieser Esel akademisch heißt, bockt nicht auf irgendeinem Weg, sondern hoch droben, wo sich Österreich und Slowenien auf einem Bergkamm begegnen. Grenzpanoramaweg heißt die Strecke offiziell. Seit der Alpenverein den historischen Verkehrspass von 130 Kilometern Länge nach Jahrzehnten Eisernen Vorhangs restauriert hat, kann man ihn gemütlich wandern oder strammen Schrittes laufen, entspannt mit leichtem Gepäck oder körperlich zehrend per Mountainbike. Doch wer den Weg mit Heidis Artgenossen geht, macht andere Grenzerfahrungen: Physisch, psychisch, oft meditativ, manchmal erschöpfend, meist wunderschön, jedenfalls unvergesslich.
Und dafür sorgt Horst Wagner. Ein rustikaler Kerl mit mächtigen Händen und ledrigem Lächeln, einst Ingenieur von Beruf, den 16 Stunden Dienst an der IT-Branche, aber nicht der eigenen Lebenslust aus der Stadt in die Südweststeiermark geführt hat. In die Idylle des Daseins ohne Tempo, ohne Stress. Fünf Esel hat er sich gekauft und zu Begleitern ausgebildet, die Gästen den Urlaub – nun ja, nicht vereinfachen, aber doch bereichern.
Esel, sagt er zur halbstündigen Einführung, die er ohne Ironie „Führerschein“ nennt, „sind neugierig, ängstlich, verfressen“, vor allem letzteres. Als Herdentier sei es grundsätzlich kooperativ, aber ebenso grundsätzlich dickköpfig, also schwer lenkbar. Wer es dennoch versucht, solle sich daher an exakte Regeln halten: Zum Anhalten „Steeh“ sagen, statt wild am Zaumzeug zu zerren. Bei übertriebener Folgeleistung nicht vorwärts ziehen, sondern leicht von hinten antreiben. Zwischenzeitliches Grasen durch Sicherheitsabstand zum Wegesrand unterbinden, im Misserfolgsfall aber gewähren lassen und – rückblickend wirkt Horst Winklers Grinsen verdächtig – „mit Geduld und Zuneigung zum Weitergehen motivieren“.
Geduld, Zuneigung, Ohrenblick, Sicherheitsabstand – klingt alles machbar. Bis zu besagtem Schotterweg, Kilometer Null von rund 18, eine halbe Stunde nach dem Start. Totalblockade. Wie eingemauert steht Heidi am Ackerrain, kaut genüsslich am saftigen Bewuchs und zeigt gleich mal, wer fortan Herr im Haus ist: Nicht der sportliche Stadtbewohner dahinter. Auch nicht seine ebenfalls zupackende Frau. Und schon gar nicht ihr kleines Kind mit dem Stock zur Hand, das es mit mantrischem „Nein“ versehen sanft aufs Hinterteil der Dame in schwarzgrau patscht, knapp unterhalb der hölzernen Kiepe, die scheinbar spielend das Reisegepäck staut. Heidi rules. Und das wird sich die nächsten drei Tage nicht ändern, niemals.
Zum Glück.
Mit dem Esel durch unwegsames, aber gangbares Gelände zu trotten, ist eines der bezauberndsten Erlebnisse, das man naturnah haben kann. So eindrücklich, dass sich der strömende Schweiß dreißigprozentiger Anstiege über knorriges Wurzelwerk am Körper anfühlt wie das nötige Schmieröl einer belastbaren Maschine. Dass man bald beginnt, die Eselohrsignale – zurückgelegt: zornig; nach vorne: Neugier; aufrecht: alles okay – auch bei Menschen zu suchen. Dass selbst ein infernalisches Gewitter auf 1000 Metern Höhe klingt wie der perfekte Soundtrack eines Abenteuers fürs ewige Langzeitgedächtnis. Als explodiere der Berg, entladen sich die Blitze auf dem Gebirgskamm zeitgleich in mächtigem Donner, doch was Fünfjährigen sonst eine Heidenangst verpasste – hier sorgt es für jene Motivation, die Horst Winkler erwähnt hat. Es gleicht einem Wunder, welche Wirkung Esel auf Kinder haben.
Die nämlich kriegen womöglich erstmals im kurzen Leben das seltsame Gefühl, da sei allen Ernstes jemand bockiger ist als sie selbst. Der Starrsinn des Lastentiers lässt die Kooperationsbereitschaft Heranwachsender auf ein sensationelles Maß wachsen. Johnny motzt praktisch nie auf dieser beschwerlich schönen Reise. Er tut es nicht, als die Sonne vom Himmel brennt. Er tut es ebenso wenig, als sich die Himmelsschleusen mit warmem Starkregen öffnen. Er tut es kaum, als Heidi dem ausgelaugten Jungen über Stunden das Aufsitzen verweigert und das fast bis zur Dämmerung.
Trotzdem ist es eine Erleichterung, gegen Abend den Berghof Siebenegg zu erreichen, müde und froh, Heidi über Nacht in bäuerliche Obhut zu geben, gleichsam beseelt von soviel unmittelbarem Naturerleben. Und wie intensiv es war, erkennt erst wirklich, wer auf dem Rückweg zwei Tage später ein paar der Stationen des Hinwegs passiert. Der gewaltige Ameisenhügel an der süßen Waldkirche St. Pongratzen, drei gekreuzte Birken am Kapunerkogl, das verwitterte Grenzschild auf slowenischer Seite – all dies ist im Kopf hängengeblieben, vertieft wie man in die Umgebung zuvor war. Wann man in welchem Land ist, erschließt sich in solch friedlichen Zeiten oft nur an fremdsprachigen Hinweisschildern, aber eine Grenzerfahrung ist dieser Ausritt dennoch. Und bei der Abreise bockt Heidi auch beim nächsten Gast. Wie beruhigend. In jeder Hinsicht.
Der Text ist vorab in der Süddeutschen Zeitung erschienen
