Referenzen mögen ja Orientierung geben, womöglich gar schmeichelhaft sein – aber was bitte soll die Augsburger Gitartenkrach-Band Das Format mit Vergleichsgrößen wie Idles, Die Nerven, Fountaines DC anfangen, außer Messlatten höher zu legen als nötig. Dieses Format, ziemlich noisiger Alternativerock, dem Labels wie Postpunk auch nicht aus der schlechten Laune helfen, ist sein eigenes Referenzgrößen-Irgendwas.
Und das klingt nicht neu, aber schon individuell nach No-Future-Attitüde, wenn sich emotional ergriffene Schredder-Riffs von Sänger Bruno Teschert durch Liebesquälereien wie “Du bist wie Urlaub / Ich will in Ferien / Du hältst dich raus / und ich halte mich aus” drängeln. Bässe wie Bauchweh, stinksaure Drums, alles nicht Idles oder sonstwas, sondern das fatalistische (Über)Lebensgefühl der GenZ in trostloser Zeit.
Das Format – Das Format (paulpaulplatten)
Warhaus
So richtig gut gelaunt klingt auch Balthazar Maarten Devoldere zwei Jahre, nachdem das Solodebüt den Belgier als Warhaus in ein trübe flackerndes Rampenlicht brachte. Aber das täuscht. Wenn er im Opener des Nachfolgers Karaoke Moon von seiner Kindheit singt, klingen Zeilen wie “I can still remember the number they pinned to my shirt / it was a talent show for kids and I was an introvert” zwar bestenfalls melancholisch.
Das liegt allerdings eher an der Stimme als deren Aussage. Denn eigentlich darf der Mann aus Brügge, das man bekanntlich sieht und dann sterben möchte, bester Laune sein. Sein Gesang atmet zwar ein Art-Gainsbourg-Aura, mogelt sich aber so beschwingt unter den sixtieslastigen, elektronisch angehauchten LoFi-Pop hindurch, dass man sich dabei eher am Meer als am Trauern wähnt. Gute Laune muss ja nicht immer auf dicke Hose machen.
Warhaus – Karaoke Moon (Play it Again Sam)
Rogê
Und wem selbst das noch zu subtil amüsiert, kann sich schön auf die Seite unzweideutiger Offenherzigkeit schlagen und das neue Album des brasilianischen Sängers Rogê hören, der vor zwei Jahren die komische Idee hatte, vorm rechtsradikalen Irrsinn seiner Heimat in die USA zu fliehen, wo der rechtsradikale Wahnsinn nun expandiert. Wie gut, dass er sich (und uns) mit Samba-Interpretationen bei Laune hält.
Die Coverversionen seiner Ahnen João Donato and Caetano Veloso, denen er auf Curryman II die Ehre erweist, sind von einer intrinsischen Fröhlichkeit, die niemanden kalt lässt. Ihre Neubearbeitung mithilfe von Drummachine oder Synthesizer untergräbt sie allerdings mit einer eleganten Verschrobenheit, die ungleich tiefer geht als ihre Originale. Trotzdem gut zu tanzen natürlich. Samba eben.
Die griechisch-bayerische Wienerin Adele Neuhauser ist nicht nur als Tatort-Kommissarin seit Jahrzehnten gut im Fernsehgeschäft. Dank ihrer burschikosen Art darf die 65-Jährige jetzt sogar die Transperson des ARD-Dramas Ungeschminkt spielen. Ein Gespräch über Rollenprofile, Vorurteile und mit wem sie sich auf ihre Josefa vorbereitet hat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Neuhauser, Sie spielen in Ungeschminkt eine Frau, die früher als Mann gelesen wurde. Für Leute, die sich mit den Begriffen der Geschlechteridentität nicht auskennen: Welche hat Josefa 25 Jahre, nachdem sie in ihrem Dorf alle nur als Josef kannten?
Adele Neuhauser: Dieselbe wie 25 Jahre zuvor: Josefa ist eine Frau. Transmenschen wechseln durch eine Angleichung ja nicht ihr Geschlecht, sie vervollständigen das, zu dem sie sich in der Regel seit jeher zugehörig fühlen. Weil ihr Umfeld dies allerdings nicht begriffen hätte, hat sie einst Hals über Kopf das Dorf, die Ehefrau, ihr altes Leben verlassen. Deshalb handelt Ungeschminkt auch gar nicht von der Angeleichung an sich, sondern den Verletzungen, die sie ihr und anderen zugefügt hat.
Hat der Film dabei explizites Aufklärungsbedürfnis oder nur Unterhaltungsbedürfnis?
Unbedingt auch ein Aufklärungsbedürfnis. Denn was bei der Thematisierung von Transsexualität oft vergessen wird: dass betroffene Menschen in erster Linie Menschen sind, keine Betroffenen. Trotzdem haben viele Angst vor ihnen. Dabei müssen allenfalls sie Angst vor Menschen haben, die darin irgendeine Art von Norm verletzt sehen und darauf nicht selten mit Aggressivität reagieren.
Umso mehr stellt sich die Frage, an wen genau sich der Film richtet – die Überzeugten, Eingeweihten, persönlich Betroffenen oder die Unkundigen, Schwankenden, Kritischen?
An alle, aber für letztere könnte er heilsame Wirkung haben. Weniger durch meine Figur der Josefa als durch die ihrer Freundin Antonia.
Die ihre Transidentität sehr offen lebt.
Sie erzählt viel mehr über die Aggressivität bis hin zur Gewalt, der Transpersonen ausgesetzt sind. Durch sie lernen wir, dass sich Gesellschaften immer im permanenten Wandel befinden, mit dem wir umgehen müssen – um andere Identitäten zu akzeptieren und mehr Rücksicht auf sie zu nehmen. Denn die sind ja nichts Neues, Modisches, sondern seit jeher Teil der Realität, also normal.
Dabei fällt auf, dass Uli Brée und Dirk Kummer Josefa nicht mit dem Rad ins vegane Restaurant fahren lassen, wie es Transpersonen oft unterstellt wird, sondern mit dem Auto ins Wirtshaus, wo sie zur Überraschung aller Bier und Schweinsbraten bestellt.
Ein toller Kniff, wie ich finde. Normalität ist schließlich das, was Menschen sind und machen, nicht das, was andere von ihnen erwarten. Diese Normalität zeigt sich ja auch darin, dass sie mit einem Mann – toll gespielt von Matthias Matschke – verheiratet ist, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend läuft, und Toleranz einfordert.
Der Film fordert eigentlich im Gegenteil eher Toleranz für die Intoleranten ein, oder?
Ja. Obwohl es das nicht besser macht, wenn Josefas bester Freund von früher sagt, es sei fast schon eine Mode, sich umoperieren zu lassen. Dieser flapsige Umgang mit der Persönlichkeit anderer verdient gewiss keine Toleranz, wohl aber die Unsicherheit vieler im Umgang mit gesellschaftlichem Wandel, der selbst tolerante Menschen manchmal intolerant macht. Denn die Gewöhnung an Veränderungen ist Ergebnis langer Übung. Umso intensiver habe ich mich auf diese Herausforderung vorbereitet, um ihr für alle Seiten gerecht zu werden.
Wodurch zum Beispiel?
Indem ich Dokumentationen geschaut oder Fachliteratur und Interviews gelesen habe. Um die medizinischen Aspekte der Geschlechtsumwandlung zu verstehen. Außerdem habe ich natürlich Transpersonen gesprochen.
Auch aus dem eigenen Umfeld?
Ja, ich konnte Gott sei Dank zwei, die ich gut kenne, intensiv befragen. Dennoch habe ich in meiner Darstellung bewusst darauf verzichtet, dem Publikum zu viele Vorgaben zu machen.
Ist die Geschichte eigentlich zu Ihnen gekommen oder sind Sie es zur Geschichte?
Claudia Simionescu, Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk, die mit Faltenfrei bereits einen anderen Film von Uli Brée für mich und mit mir entwickelt hatte, wollte wieder was mit mir machen und hat sich frühzeitig auf diese Idee von Uli eingelassen.
Dachten Sie beim Lesen des Drehbuchs, na toll – jetzt muss die burschikose Adele Neuhauser mit der dunklen Stimme so eine Rolle spielen, keine Person, die wirklich trans ist wie die Darstellerin von Josefas Freundin Antonia?
Na, dafür bin ich ja Schauspielerin. Und hier habe ich zudem betroffene Menschen gefragt, ob es für sie in Ordnung sei, dass ich Josefa spiele.
Mit kultureller Aneignung, in ihrer extremem Ausprägung Blackfacing höchst umstritten, haben Sie also kein Problem?
Überhaupt nicht! Ich nähere mich jeder Rolle mit demselben Respekt, der gleichen Recherche, und habe auch bei der hier jeder Hysterie oder Überspitzung enthalten. Ich fühle mich durch solche Rollen eher herausgefordert als unbefugt.
Hat es Ihnen dabei geholfen, das Landleben aus persönlicher Erfahrung zu kennen, also das Umfeld derer, die mit Veränderungen ein bisschen überforderter sind?
Da ich lange im oberbayerischen Klosterdorf Pollingen gelebt habe, wo auch mein Sohn zur Welt gekommen ist, ist mir das überhaupt nicht fremd. Obwohl ich solche Situationen dort nie erlebt habe, fällt es mir aber nicht schwer, mich in sie hineinzufühlen. Auch, weil das Drehbuch sehr gefühlvoll und empathisch geschrieben wurde.
Könnte Josefa Ungeschminkt in den Kursen zur Transidentität also bedenkenlos als Anschauungsmaterial nutzen, die sie im Film gibt?
Ich finde sogar, er sollte permanent im Kino laufen!
Die Säulen der Demokratie werden viele wohl erst vermissen, wenn sie eingerissen sind. Eine besonders wichtige davon: unabhängige, pluralistische, objektive, sachorientierte Medien. Wie die Süddeutsche Zeitung. In der hat ein fünfköpfiges Team heute veröffentlicht, was es übers Ampel-Aus herausgefunden hat: Dass es die FDP-Spitze offenbar akribisch vorbereitet hatte, sich nun aber als Opfer darstellt.
Wer künftig an der Wahlurne steht, könnte auf Basis solcher Erkenntnisse also darüber nachdenken, für eine Partei zu stimmen, die aus reinem Eigensinn ins Innere intrigiert. Wenn er (m/w/d) denn künftig überhaupt noch die Wahl an der Urne hat – was in den USA, dessen nächster Präsident den Fox-News-Hetzer Pete Hegseth zum Verteidigungsminister machen will und den Klimawandel-Leugner Chris Wright zum Energieminister, den Verschwörungsmystiker Matt Gaetz zum Justizminister und den Impfgegner Robert F. Kennedy Jr. zum Gesundheitsminister.
Im Vergleich zu solchen Ressort-Dilettanten wäre Elon Musk als Effizienz-Berater geradezu überqualifiziert. Wobei Qualifikation für öffentliche Aufgaben offenbar ohnehin überschätzt wird. In Argentinien zum Beispiel lief der Influencer Ivan „Spreen“ Buhajeruk nur deshalb beim Erstliga-Spiel von Deportivo Riestra auf, weil er bei Twitch und Youtube zusammen auf 17 Millionen Follower kommt – und wurde exakt deshalb auch nach einer Minute ausgewechselt.
Sportlich bedeutender ist dagegen der boxende Youtuber Jake Paul, dem 20,8 Millionen Fans fast acht Milliarden Clicks beschert haben. Grund genug, dass der 58-jährige Mike Tyson Freitagnacht für kolportierte 20 Millionen Dollar live bei Netflix gegen den MAGA-Fan gekämpft – und sehr, sehr deutlich verloren – hat. Das hat auch Facebook in einem spektakulären Fall von Datendiebstahl vorm Bundegerichtshof.
Deutsche Opfer der weltweit mehr als einer halben Milliarde Betroffenen aus dem Jahr 2021 hätten zwar vermutlich nur Anspruch auf niedrige dreistellige Summen. Zum einen aber kommt auch dabei einiges zusammen. Zum anderen macht so ein Urteil international womöglich Schule. Wobei: in den USA müsste Mark Zuckerberg sich nur auf Donald Trumps Seite schlagen und, sagen wir: Familienminister werden; dann wäre er alle Sorgen los.
Die Frischwoche
18. – 24. November
Ein Zustand, von dem Birgit und Horst Lohmeyer nur träumen. Wer sie nicht kennt: so heißen zwei Unbeugsame, die sich der braunen Mehrheit um den zigfach vorbestraften Hammerskin Sven Krüger im nahezu national befreiten Nazi-Dorf Jamel seit 2007 mit einem Musikfestival entgegenstellen. In der ARD-Mediathek porträtiert Martin Groß die zwei Veranstalter, ihre Crew und teilnehmende Stars von Deichkind über Toten Hosen und Ärzte bis hin zu Herbert Grönemeyer, und das ist zwar oft schwer erträglich, aber höchst erbaulich.
Beides trifft in dieser Kombination auch auf die Netflix-Doku Unsere Ozeane zu, in der Barack Obama als Host ebenso schöne wie bedrückende Bilder präsentiert. Und Sonntag gilt es für den beeindruckenden ARD-Film Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush über die Mutter der deutschen Guantanamo-Geisel Murat Kurnaz. Was sonst noch so läuft? Am bildgewaltigsten natürlich Dune: Prophecy.
Das Serien-Prequel setzt 10.000 Jahre früher an als die wuchtigen Kino-Blockbuster, hat ab Montag bei Sky allerdings eher Eye-Candy als dramaturgische Neuerungen zu bieten. Ähnliches gilt vermutlich auch für die Staffel 2 der Kaiserin Sissi, Freitag bei Netflix. Konventionelle, aber keinesfalls schlechte Nordic-Noir bietet parallel die schwedische ARD-Serie Veronika um eine Provinzpolizistin, deren Fälle sich zu einer mysteriösen Reise in die Geschichte verknüpfen.
Ebenfalls erwähnenswert ist Montag bei Disney+ die berauschende Dramaserie Landman mit Billy Bob Thornton als texanischer Krisenmanager im Ölgewerbe, worin seit Dallas nun mal brachiale Machtspiele wie dieses stattfinden. Tags drauf an selber Stelle: die Romanverfilmung Interior Chinatown, zehnteiliger Comedy-Thriller um einen Mord und seine Folgen im chinesischen Amerika. Und Freitag bei AppleTV+: Steve McQeens Historiendrama Blitz um einen Londoner Jungen in den Wirren des 2. Weltkriegs.
Singer/Songwriting aka Liedermachen – schwieriges Terrain. Allzu oft gehen mit jungen Männern dabei die white tears durch und zwingen uns zur Anteilnahme. Meist nervt das, bei Toni Kater strahlt es. Auch, weil es gar kein Mann ist, sondern Anett Ecklebe, die seit 20 Jahren unterm Radar der Öffentlichkeit singt, was weder Radar noch Öffentlichkeit schmeichelt. Denn ihr achtes Album ist wie die sieben zuvor ein umwerfendes Plädoyer fürs Überwältigungsunderstatement.
Wenn sie im zweiten Track übers Scheitern an Bürokratie, Alltag, sich selbst zehnmal Fuck you singt und ein episches Fu-u-u-u-u-u-u-uuuck obendrauf setzt, ist alles über uns und die Welt da draußen gesagt – nur hier eben mit einer wundervoll zerkratzten Gitarre und Toni Katers lieblichem Trotz in der Stimme, dem man sich zwölf seelenschwarzen, hoffnungsfrohen, selbstverlegten Singer/Songwritings nicht entziehen kann.
Toni Kater – Jemals (Toni Kater Records)
Warmduscher
Gut anderthalb Jahre sind vergangen, furchtbare 19 Monate, seit Warmduscher ein Album veröffentlicht haben. Und wer das neue hört, darf sagen: es war viel zu lang, es ist wunderbar! Denn erneut zerdeppern Clams Baker Jr., Benjamin Romans Hopcraft, Adam J. Harmer, Marley Mackey, Quinn Whalley, Bleu Ottis Wright in ihrer bizarren Mischung, die man am ehesten vielleicht als Swimmingpool-Noise bezeichnen könnte, alle Kategorien und ein paar darüber hinaus.
Elf tiefenentspannt hektische Tracks für sedierte Zitteraale, passt hier oft ohrenscheinlich nichts zusammen und bleibt doch seltsam kongruent, ja zwingend. Denn psychedelischer Trashpop gibt theatralischem Punkwave hier elektrisch geladene Klinken in die Hand, hinter deren Tür nur immer neue Türen ins Unterbewusstsein verschrobener Bigband-HipHop-Speedfolk-Bedroom-Metal Parodien führen. Verstörend. Und grandios.
Too Cold to Hold (Strap Originals)
Homer & Fazerdaze
Und damit zu zwei Platten, die dem Begriff der Harmonie unabhängig voneinander ungeahnte Facetten verleihen. Der Schlagzeugvirtuose Homer Steinweiss definiert auf seinem Solo-Debüt Ensatina (Big Crown Records) die Grenzen, vor allem aber Stichwege von Soul, Pop und HipHop neu aus und klingt dabei dank seiner Engelsstimme der Earthgang auf einer Überdosis Andersen .paak, also einfach hingebungsvoll toll.
Amelia Murrey alias Fazerdaze hat uns seit Morningside ewig zappeln lassen. Volle sieben Jahre, also fast dreieinhalb quälende Minuten, danach ist jetzt Soft Power (Partisan Records) erschienen und macht ihrem Titel alle Ehre. Denn wie damals singt sie ihren Westcoast-Pop durch Wände aus Watte ins Gemüt und klingt dabei nach Lust auf Chillen oder doch lieber Feiern, also Feierchillen, falls das geht. Und ja: es geht!
Mit Büchern wurde sie bekannt, mit Else Stratmann berühmt – jetzt hat Elke Heidenreich (Foto: Leonie von Kleist) ein furioses Buch übers Altern geschrieben und beim 10. Sylter Literaturwochenende vorgestellt. Ein Festival, das die 81-Jährige gegründet hat, um den November aufzuhellen. Ein Gespräch übers politische Lesen, Atmen als Therapie und warum sie 105 werden sollte.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Heidenreich, Donald Trump wurde grad wiedergewählt, die rot-gelb-grüne Koalition ist geplatzt – merkwürdiger Zeitpunkt für ein Literaturfestival, oder?
Elke Heidenreich: Das weiß man ein Jahr vorher, wenn die Planungen für so ein Festival beginnen, noch nicht. Komisch ist daher zunächst der terminliche Zeitpunkt, an dem ich gleich aus meinem Buch lese. Normalerweise findet so was abends statt, jetzt morgens. Sylt hat halt seine eigenen Gesetze. Aber vielleicht ist der politische Zeitpunkt auch perfekt, um der Welt zu zeigen, dass Literatur, Kultur, Kunst trotz der Wahl und dem Zusammenbruch der Bundesregierung eine Rolle spielen. Aber wissen, Sie, warum es noch ein sehr seltsamer Termin ist?
Na?
Weil er in der Kirche stattfindet, wo auch Christian Lindner geheiratet hatte. Wünschen wir ihm mal, dass seine Ehe länger hält als seine Regierung. Ansonsten geht mein normales Leben aber einfach weiter. Und auch die Leute, die vor der Kirche Schlange stehen, wollen offenbar für eine Stunde an was anderes denken.
Wobei Literatur ja nicht nur der Ablenkung dient, sondern auch der Konfrontation.
Natürlich. Durch die Jahrhunderte hindurch wurden immer zuerst Dichter, Sänger, Schriftsteller in die Gefängnisse der Potentaten gesteckt und mundtot gemacht. In Chile brach man Victor Jara die Hände, damit er keine Protestlieder gegen Pinochet spielen konnte. Das zeigt, wie groß die Angst der Tyrannei vor den Wahrheiten der Kunst ist. Obwohl wir – so sehr darin alles grad drunter und drüber geht – in einer funktionsfähigen Demokratie leben, sollten wir uns dessen immer bewusst sein.
Hatten Sie im halben Jahrhundert, das Sie bereits im Literaturbetrieb stecken, immer dieses Sendungsbewusstsein?
Ganz sicher. Aber nicht nur, weil es zur Literatur gehört, sondern mir selber wichtig war. Deswegen war ich über die Jahrzehnte hinweg fast missionarisch, die Leute ans Lesen zu bringen, um sich den Problemen der Realität zu stellen – ob Liebe, Krankheit, Politik oder wie in meinem neuen Buch: das Altern. Literatur kann da nicht nur Denkimpulse geben, sondern tröstlich sein und demütig machen, Teil einer Demokratie zu sein, in der alle sagen dürfen, was sie denken.
Bezogen aufs Altern schreiben Sie dazu: Man sollte einfach atmen und dankbar sein.
Also nicht nur jammern, sondern weiterleben. Altern ist ein Geschenk. Das Geschenk, leben zu dürfen.
Darf man das Altern trotzdem auch ätzend finden?
Klar, aber ich fand Jugend ätzender. Ich bin ein sehr glücklicher 81-jähriger Mensch. Mit 20 war ich als ketterauchendes Kind von Nazi-Eltern, das von Lehrern ständig Prügel bezogen und im Studium ein möbliertes Zimmer, anstatt ein Zuhause hatte, viel unglücklicher. Heute denke ich an jedem neuen Tag: Was tun wir Schönes?
Zum Beispiel auf dem Langen Literaturwochenende Sylter Privathotels lesen, dass Sie vor zehn Jahren mitbegründet haben. Ist das eher Eskapismus oder Konfrontation?
Eine Mischung. Mit Arno Geiger oder Giovanni di Lorenzo sind ja sehr politische Gäste dabei. Aber wir wollen ja nicht unentwegt belehrt, sondern auch gut unterhalten werden. Ablenkung ist wichtig. Beides schafft dieses Festival auch, um zu zeigen, dass Sylt mehr als Sommerfrische und Weihnachtszauber bietet. Die Leute kommen Anfang November teilweise von weit her, die Lesungen sind voll, die Hotels ausgebucht. Der Bedarf ist da.
Sind Sie selber denn eher Typ Sommerfrische oder Herbstnebel?
Herbstnebel, unbedingt. Die Jahreszeit, die ich am meisten verabscheue, ist der Sommer: zu heiß, zu aufdringlich, zu nackt, überhaupt nicht mein Ding. Im Frühling mühe ich mich oft vergeblich, mit ihm um die Wette zu sprießen. Aber im Herbst, wenn oben die Kraniche ziehen und unten der Nebel steht, bin ich glücklich.
Unglücklich macht Sie hingegen der aktuelle Umgang mit der deutschen Sprache.
Oh ja.
Von Korrekturen alter Werke wie dem Negerkönig bei Pipi Langstrumpf halten Sie nichts?
Oder der Oberindianer bei Udo Lindenberg. Das macht mich nicht nur unglücklich, sondern empört. Ich finde, das ist Schwachsinn. So wie man die Musik von Wagner nicht ändert, hat man auch nicht in Literatur herumzupfuschen. Und das Gendern hasse ich sogar noch mehr, das werde ich niemals tun.
Viele empfinden es als Respekt vor der menschlichen Diversität.
Also ich möchte mich durch *innen ebenso wie Susan Sontag nicht aufs Mädchen in mir reduzieren lassen. Ich bin Autor, verdammt noch mal. Ich bin Schriftsteller. Wenn andere das machen, akzeptiere es, nehme mir aber das Recht heraus, es scheußlich zu finden.
Weil es elitär ist?
Nein, aufgeblasen und dumm.
Sie selbst waren, als Ihre Kunstfigur Else Stratmann Teil der Popkultur wurde, so etwas wie der kleinbürgerliche Haken im hochkulturellen Feuilleton.
Was aber auch nur deshalb so gut funktioniert hat, weil ich bereits Teil dieser Hochkultur war. Ich hatte als Germanistin an Kindlers Literaturlexikon mitgearbeitet, gehörte aber auch zu den Gründungsmitgliedern der Popwelle SWF3, um die jungen Leute fürs Radio zu kapern. Dafür haben wir uns irgendwann Kunstfiguren ausgedacht. Michael Bollinger zum Beispiel Gotthilf Penibel und ich als Kind aus dem Ruhrgebiet eben die Else Stratmann.
Die mit Kissen unterm Bauch durchs Fenster das Leben erklärt.
Und zwar alles daran, von Königshäuser bis Relativitätstheorie. Hat mir Riesenspaß gemacht. Aber als sie zweimal die olympischen Spiele kommentiert hatte, ist sie mir über den Kopf gewachsen und hat alles andere überlagert. Außerdem wollte ich schreiben, und zwar als Elke, nicht Else. Seitdem habe ich die nie mehr gespielt.
Und was sind Sie seitdem?
Ein Autor, der Bücher, Essays, Kritiken schreibt, Mitglied im Schweizer Literaturclub und aktuell sehr viel mit meinem Buch „Altern“ unterwegs.
Was Sie offenbar vor allem sind: noch längst nicht fertig!
Darüber denke ich wirklich nicht nach. Man kann mit 27 sterben oder mit 85, was in meinem Alter etwas näher liegt. Aber vielleicht werde ich ja wie eine gute Freundin 105. Und solange man in der Welt ist, sagt der 90-jährige Cees Noteboom, nimmt man daran auch teil.
In der ARD-Satire Bad Influencer kämpfen ein misogyner Macker und sein feministisches Opfer acht Teile darum, wer die meisten Follower findet. Das ist manchmal drüber, aber vor allem dank Lia von Blarer auf amüsante Art wahrhaftig.
Von Jan Freitag
Die Herren der Schöpfung haben über deren angeblich bessere Hälfte oft schlichtere Ansichten. „Frauen wollen Jäger“, glaubt ein misogynes Prachtexemplar mit offenem Hend unterm Dreitagebart, „das liegt in ihrer Biologie“. Als passionierter Waidmann ist Pascal deshalb auf der Jagd – und hat gerade „Nummer 5 von 7“ erlegt, wie er nach dem Sex mit Donna in sein Smartphone hechelt. Pascal ist nämlich nicht nur ihr One-Night-Stand, sondern ein Pickup-Artist. Frauen flachzulegen betrachtet er als Sport.
Weil dieser hier allerdings nicht nur ein sexistisches Arschloch ist, sondern genau damit Millionen Follower erreicht, darf man pascal_pickup101 getrost einen Bad Influencer nennen. So betitelt die ARD-Mediathek acht Episoden einer bermerkenswerten Satire. Wobei es darin weniger um ihn als Nr. 5 von 7 geht. Dank der gestreamten Demütigung plus anschließendem Shitstorm verspricht Donna ihrer Web-Community nämlich, in vier Wochen „mehr Follower*innen als dieser Dummschwanz“ zu haben.
Nach eigenen Drehbüchern (mit Anika Soisson) inszeniert Lilli Tautfest (mit Melanie Waelde) also einen Wettstreit geschlechtsspezifischer Ideologien. Hier der toxische Macho, da die burschikose Feministin, dazwischen ihre nonbinäre Mitbewohnerin Milou (Salome Kießling) – alles wie im Glossar genretypischer Klischees, also ein bisschen wohlfeil. Wäre nicht das Personal, allen voran Lia von Blarer. Die Schweizerin verpasst ihrer Figur eine Art achselhaariger Wut, der man jedes noch so derbe Kampfgetöse abkauft.
Wenn sich Donna AngryKillJoyFeminist nennt und „Femi-Fotze“ aufs T-Shirt druckt. Wenn sie einem sexuell übergriffigen Gast im Edelrestaurant Schampus über den Kopf gießt (und dafür rausfliegt, nicht er) oder „verfickte Dic-Pics“ grölt (und dafür mehr Likes als Hates erntet). Wenn Blarer ihren Zorn in die Klaviatur ihrer virtuosen Mimik speist. Dann werden ein paar drollige Übertreibungen nicht nur plausibler; sie lenken das Format in einen neuen, aber anschwellenden Zufluss des Fernsehmainstreams.
Wie zuvor Karin Hanczewski in Lilli Tautfests Knastausbrecherinnen-Groteske „Heul doch!“, wie demnächst Marie Blochin in Elsa von Damkes Superheldinnen-Satire „Angemessen Angry“, wie unterdessen Laura Tonke in Ulrike Koflers Vergewaltigerinnen-Parodie „Sexuell verfügbar“, dreht Donna den Spieß um und wird vom Objekt zum Subjekt jahrhundertealter Erniedrigung. Zum Glück aber bleibt es nicht bei einer saftigen Selbstermächtigungsstudie. Schließlich wird das anfängliche Opfer mit jeder 20-minütigen Folge mehr ihrerseits zum „Bad Influencer“.
Auch hier ist es drüber, wenn sich im Gym von Donnas Ex und Manager Rico (absolut hinreißend: Nils Hohenövel) alle beim Workout filmen oder die Influencerin in spe für billige Clicks sexpositive Pornoszenen dreht. Aber natürlich dürfen Comedys im Hamsterrad der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie die Kritik daran aufbauschen. Doch eben das tut Tautfest in einer Weise, die sich auf amüsante Art wahrhaftig vom Durchschnitt deutscher Lifestyle-Karikaturen abhebt.
Außerdem verdeutlicht erst die Kombination aus Gesellschafts- und Medienkritik, wie perfide Selbst- und Fremdausbeutungsmechanik 2024 wirken. „So schmeckt also Fame“, sagt Donna beim ersten Schluck aus der Pulle Perlwein, die ihr neuer Ruhm ins Haus gebracht hat. Am Ende der 3. Folge hat er ihre Community auf 317.167 Follower geschraubt. Dreihundertmal mehr als vorm Kräftemessen mit Pascal. Bis zu seinen 1,5 Millionen Fans hat sie da noch fünf Folgen Zeit. Man sollte sie besser nicht verpassen.
Der vorige Mittwoch ist hierzulande mehr als irgendwo sonst in die Geschichte des Nachrichtenwesens eingegangen – vergleichbar mit 11. September oder 9. November. Und zwar nicht nur, weil sich Donald Trump und Olaf Scholz mit unterschiedlich weltbewegender Wirkung ins Rampenlicht geschossen haben. Sondern weil diese Koinzidenz einiges übers perfekte Timing in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie aussagt.
Warum schließlich sollte der Bundeskanzler seinen Finanzminister nur Stunden nach der desaströsen US-Wahl verkünden, wenn nicht aus pressepolitischem Kalkül? Umso mehr fiel auf, dass die Tagesschau den Kollaps der Ampelkoalition statt Trumps Triumph zur Spitzenmeldung erkoren hat. Und zwar nach einer Nacht, in die Berichterstattung gezeigt hat, wie vielfältig ein pluralistisches System sein kann.
Während das ZDF drollige Gimmicks unter die überdrehte Studioband schaltete, sedierte Jörg Schönenborn das ARD-Publikum mit betulicher Langsamkeit, was allerdings noch gar nichts gegen den Stoizismus von CNN war, wo es stundenlang wirklich nichts anderes als rot-blaue Grafiken zu sehen gab. Das allerdings sind Geschmacksfragen im Vergleich dazu, was besonders der liberalen Presse unter der angekündigten Tyrannei eines Faschisten blüht.
Der cleverste Kommentar dazu kam übrigens von PhilippBovermann, der Donald Trumps Erfolg zwei Tage später in der Süddeutschen Zeitung wie folgt erklärte: „Die Demokraten haben Follower, die Republikaner haben Influencer“. Damit haben beide im Grunde von beidem mehr als öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland, die irgendwie nix von alledem haben, dafür aber ganz schön ratlos sind, wie sie neues Publikum gewinnen, ohne altes zu verschrecken.
Die Frischwoche
11. – 17. November
Mit dem aktuellen ARD-Mittwochsfilm jedenfalls misslingt das eine wie das andere deutlich. Er heißt Ungeschminkt und erzählt von einer Frau, die nach jahrzehntelanger Abwesenheit in ihr bayerisches Dorf zurückkehrt, wo sie einst als Mann gelesen wurde und daher für reichlich konservative, wenn nicht gar reaktionäre Verwirrung sorgt. Das ist auch dank der burschikosen Adele Neuhauser ganz gut gemeint, was dummerweise ein Gegenteil von gut ist.
Das Gegenteil von schlecht war hingegen die deutsche Late-Coming-of-Age-Serie Deadlines, die am Donnerstag in der ZDF-Mediathek den 40. Geburtstag ihrer wankelmütigen Protagonistinnen feiert. Wieder gelungen. Wieder lustig. Aber eben auch schon Staffel 4 und damit ungefähr so abgehangen wie Boybands der Neunzigerjahre, denen die Paramount-Doku Larger Than Life am Mittwoch ein filmisches Denkmal setzt.
Tags drauf startet eine Literatur-Adaption, die Paramount+ vor seinem Abschied von deutscher Fiktion produziert und nun bei Sky untergebracht hat: In Peter Grandls Bestseller Turmschatten lässt Heiner Lauterbachs Holocaust-Überlebender Zamir das Publikum sechs Teile lang über Leben und Tod zweier Neonazis abstimmen, die er in seinem Hochbunker gefangen hält, nachdem sie in den Mord an seiner Adoptiv-Tochter beteiligt waren. Die moralische Debatte darin ist sogar relativ gehaltvoll – wäre die Story ringsum nicht so heillos mit Klischees überfrachtet.
Deshalb zum Abschluss noch drei sehenswertere Tipps: Am Mittwoch startet bei Disney+ die Crime-Serie Grotesquerie mit ermittelnder Nonne. Ab Donnerstag läuft an gleicher Stelle das neunteilige FX-Drama Say Nothing aus der heißen Phase des Nordirland-Konfliktes. Und Sonntag setzt Amazon Prime seine Porträt-Reihe deutscher Glamour-Krimineller mit Milliarden Mike fort.
Es ist das Comeback der Woche, und nein – damit ist nicht Donald Trump gemeint, sondern El Hotzo. Im Sommer hatte er die Meinung der Mehrheit demokratischer Menschen über ein bildmächtiges Attentat in zwei pietätlose Pointen gepackt und war von Deutschlands Medienmoralinstanz schlechthin – dem RBB – gecancelt worden. Jetzt kehrt er in Jan Böhmermanns RTL+-Doku I’m sorry, Mr. President – Der tiefe Fall des El Hotzo auf den Bildschirm zurück, und siehe da – die 38-minütige Entschuldigungs-Mockumentary ward auf wahrhaftige Weite witzig.
Also das genau Gegenteil dessen, was dem Planeten Mittwochnacht auf allen Kanälen droht. Womit an dieser Stelle ausnahmsweise nicht das Comeback des Herbstes gemeint ist, nämlich Stefan Raabs Rückkehr zum ESC, für den er gemeinsam mit dem NDR die Kandidatensuche betreiben wird. Nein, knapp fünf Monate vorm deutschen Gesangswettbewerbssieg, den der Rückkehrer verspricht, könnte tatsächlich ein Faschist als US-Präsident vereidigt werden.
Es wären dunkle Zeiten für alle. Wobei liberale Medien womöglich gar kurzfristig profitieren wie 2016, als der Thrill um Trump die Zugriffszahlen seriöser Zeitungen und Portale kurz explodieren ließ. Um den Grund dafür zu verhindern, haben sich reihenweise Promis aller Gattungen gegen den Ex-Präsidenten positioniert. Im Medien-Biz allerdings war es eigentlich nur Netflix-Chef Reed Hastings, während praktisch alle anderen den Schwanz einzogen
Allen voran natürlich Amazon-Chef Jeff Bezos, der seiner Washington Post erstmals eine Wahlempfehlung untersagte. Mark Zuckerberg dagegen verordnet sich und Facebook eine Art Neutralität, die alle Vernunftbegabten leicht als Votum pro Trump dechiffrieren. Und von Elon Musk können wir an dieser Stelle nur schweigen und reden stattdessen lieber übers Entertainment in trauriger Zeit.
Die Frischwoche
4. -10. November
Es unterhält uns ab Mittwoch in der ARD-Mediathek zum Beispiel mit Staffel 4 der wunderbaren EU-Satire Parlament. Fügt dem Daily-Kosmos von RTL+ zwei Tage später den 26-teiligen DSDS-Ableger Uferpark mit Skateboardern und Jo Gerner als Jo Gerner als Jo Gerner hinzu. Macht aus Frederick Forsyths Spionage-Bestseller Der Schakal 24 Stunden zuvor die Sky-Serie The Day of the Jackal. Und fügt der endlosen Reihe fiktionalisierter True Crime heute Abend in der ZDF-Mediathek den nächsten Sechsteiler hinzu.
In Kidnapped Chloe Ayling geht es ums gleichnamige Model (Nadia Parks), das sieben Jahre zuvor von einem Menschenhändlerring in Mailand entführt wurde. Ganz real kriminell ist auch die deutsche Titelfigur der Prime-Doku German Cocaine Cowboy ab Sonntag, wo sie in ein kolumbianisches Drogenkartell aufsteigt. Und dann wäre da ja noch Real Crime, die lange Zeit auf Sendersuche war: Zeit Verbrechen.
Produziert von Paramount+, dann aber dem Kahlschlag deutscher Fiktionen zum Opfer gefallen, hat die vielfach preisgekrönte Serien-Adaption des gleichnamigen Podcasts nun bei RTL+ Asyl gefunden. Zunächst vier Folgen à rund 60 Minuten lang stellen Helene Hegemann, Mariko Minoguchi, Jan Bonny und Faraz Shariat am Mittwoch beispiellose Straftaten nach, wobei besonders die ersten zwei Filme absolute Sensationen sind.
Was alle eint, sind aber experimentelle, fast revolutionäre Bildsprachen, die teils jede Sehgewohnheit auflösen, ohne das Publikum damit alleine zu lassen. Dieses Niveau erreicht da eigentlich nur noch die ARD-Tragikomödie Bad Influencer, ab Freitag in der Mediathek. Lia von Blarer spielt darin eine Hardcore-Feministin, die acht Teile lang mit einem Pick-up-Artist darum kämpft, wer am Ende des Monats mehr Follower*innen hat.
Das ist manchmal leicht übersteuert, aber in Donnas berechtigter Wut durchaus glaubhaft und ziemlich amüsant. Ob das auch für die Pro7-Show Destination X, gilt, in der deutsche Weltstars von Andreas Elsholz bis Hanna Sökeland auf Roadtrip durch Europa gehen? Na ja… Dann doch lieber auf Thomas Manns Zauberberg, dessen Erstveröffentlichung vor 100 Jahren Arte ab Mittwoch feiert.
Nun ist es durch – das Reformstaatsvertrag genannte Zwischenresultat monatelanger Vorarbeiten der Zukunftsrat genannten Kommission zur Aufarbeitung jahrzehntelanger Versäumnisse öffentlich-rechtlich genannter Sendeanstalten. Der große Wurf sollte im Auftrag diverser Fachleute unter Führung von Julia Jäkel aufgeblähte Strukturen verschlanken, um die Programmvielfalt zu erhalten. Worüber die Länder nun allerdings abstimmen, ist das genaue Gegenteil: die Strukturen bleiben ähnlich fett wie zuvor, während die Inhalte abspecken.
Statt einer großen Verwaltungseinheit zumindest die Geschäftsführung zu überantworten, werkeln die neun Landesfunkhäuser weiter vor sich hin – wenngleich für weniger Sport und Kanäle, die teilweise zusammengelegt werden. Das ist also der Preis dafür, dass ostdeutsche Landesregierungen ein bisschen weniger auf den so genannten „Staatsfunk“ eindreschen und Anfang 2025 womöglich sogar der Beitragserhöhung um 58 Cent zustimmen.
Das aber wird trotz klarer KEF-Empfehlung nicht passieren. Zu nah stehen die CDU-Fraktionen von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen-Anhalt medienpolitikphilosophisch AfD und BSW Zu niedrig sind die Brandmauern zur Eindämmung faschistischer Tendenzen dort, wo der Nationalsozialismus schon einmal seinen Siegeszug begonnen hat. Zu wenig weiß man hinter Eisernen Vorhang diktatorischer Tage die Segnungen des ÖRR zu schätzen.
Und so werden die 58 Cent im Frühjahr abermals vom Bundesverfassungsgericht bestätigt – und liefern den Gegnern des pluralistischen Liberalismus neues Futter, genau den verächtlich zu machen. Herzlich willkommen in der Welt des Elon Musik also, der sich aktuell zwar 25/7 auf seinem Feldzug für Donald Trumps anstehende Despotie befindet und dafür sogar Zeit für deutsche Nachrichtenmagazine hat.
Kürzlich warf er dem Spiegel vor, er habe zu Attentaten auf ihn aufgerufen, wogegen sich der Verlag in Hamburg ein bisschen wehrt und damit exakt jene Aufmerksamkeit kreiert, von der sich Musk zu ernähren scheint. Für echte Nahrungsaufnahme dürfte ihm schließlich keine Zeit bleiben – bei bis zu 300 Tweets gegen alles links der Rechtsextremen, die er pro Tag bei X absetzt.
Die Frischwoche
28. Oktober – 3. November
Ob es sich da überhaupt noch lohnt, am 5. November der US-Wahl bei seriösen Sendern wie ARD, CNN oder NBC zu verfolgen, steht komplett in den Sternen. Vielleicht sollte man sich also doch lieber mit Entertainment sedieren. Der bemerkenswerten Disney-Serie Rivals zum Beispiel, die uns Richtung Achtziger entführt, wo Rupert Murdoch den Boulevard gerade ohne Trump zu kennen, auf dessen Kurs manövrierte.
Mit David Tennant als fiktive Version des rechtspopulistischen Steigbügelhalters erinnert die Serie an ein gemischtes Doppel aus Guy Ritchie und Steven Soderbergh, was maximal drüber ist, aber sehr unterhaltsam. Beide könnten theoretisch auch hinter Achtsammorden stehen – hätte Netflix die Serie nicht in Deutschland produziert. Auf der Basis von Carsten Dusses Bestseller spielt Tom Schilling darin einen Sozius der Berliner Unterwelt und wird durchs Achtsamkeitstraining von Peter Jordan nur noch effizienter.
Das ist zwar ebenfalls heillos absurd, aber auf originelle Art umwerfend und deshalb jeden der acht Teile wert. Das komplette Gegenteil bringt dagegen die ARD-Sketchcomedy Smeilingen ab Donnerstag zustande. Ein Dutzend eigentlich komischer Vögel von Uwe Ochsenknecht über Mirja Boes und Cordula Stratmann bis Armin Rohde karikieren darin deutsches Landleben, schaffen es aber, in 30 Minuten pro Folge keinen Witz zu machen. Nicht einen. Nullkommanull.
Dann doch lieber den Netflix-Welterfolg Nobody Wants This um eine schicke New Yorker Podcasterin bingen, die sich in einen Rabbi verliebt und dabei allerlei Kulturen ineinander clashen lässt. Vielleicht sogar den nächsten Versuch, Franz Beckenbauer ohne falsche Lobhudelei zu porträtieren wie im Magenta-Dreiteiler Der letzte Kaiser ab Donnerstag. Oder noch besser parallel: Licht aus!, ein englischer Prime-Import, in dem acht deutsche 1b- bis C-Promis sechs Tage lang komplett im Dunkeln verbringen. Klingt nach buchstäblich finsterem Dschungelcamp, ist aber absolut sehenswerte Reality.
In der ARD-Serie Schwarze Früchte kämpfen die Hauptfiguren gegen Diskriminierung – und fürs Recht, trotz und wegen ihrer postmograntischen Queerness ätzend zu sein. Eine Begegnung mit Hauptdarsteller, Headautor, Showrunner Lamin Leroy Gibba in Hamburg.
Von Jan Freitag
Intersektionalität umschreibt ein sozialwissenschaftliches Phänomen, das Betroffene doppelt und dreifach gesellschaftlicher Herabwürdigung aussetzt. Als Schwarzer zum Beispiel bietet der schwule Lalo seiner Umgebung praktisch zeitlebens zwei Angriffsflächen, die eine fiese Hautkrankheit einst sogar noch vergrößert hatte. Damit nicht genug, ist er obendrein das, was ihm seine beste Freundin Karla, ebenfalls Schwarz und sexuell offen für vieles, brutal an den Kopf knallt: „Übertrieben nervig!“
Ihre Schlussfolgerung, er sei deshalb in seiner Jugend ständig verprügelt worden, hält vermutlich keiner tieferen Täter-Analyse stand; aber sie kennzeichnet einen der vielen guten Gründe, warum die ARD-Serie Schwarze Früchte mit das Beste ist, was dem Fernsehen zum Thema Diversität widerfahren konnte. Acht durchschnittlich 30-minütige Folgen lang erzählt Hauptdarsteller und Headautor Lamin Leroy Gibba zwar von postmigrantischer Queerness in Deutschland. Sein vorerst größtes Serienprojekt verkneift sich dabei jedoch wohltuend klassische Opferrollen und ausgefahrene Zeigefinger.
Noch keine 30, steckt Gibbas Alter Ego schließlich aus tausend Gründen bis zum Hals in der Sinnkrise. Erst stirbt sein Vater, dann bricht er das Architekturstudium ab, kurz darauf macht auch noch Tobias (Nick Romeo Reimann) Schluss. Und weil Lalos Sandkastenfreundin Karla (Melodie Simina) an einer ganzen Reihe Fronten mit ihrer eigenen Intersektionalität zu kämpfen hat, schlingert er zusehends allein durch eine Gesellschaft, deren Abgründe sich bereits in der grandiosen Einstiegssequenz entfalten: Nach zwei Jahren Beziehung lernt Lalo darin endlich Tobis Familie kennen.
Leider zeigt sich am reichgedeckten Esstisch im Speckgürtel von Dibbas Heimatstadt Hamburg, dass offen homophober Rassismus, dem der Creator und seine Figur nahezu lebenslang ausgesetzt sind, nicht zwingend die unangenehmste Form tagtäglicher Diskriminierung sein muss. Wenn Tobis linksliberale Mutter Maren (Judith Engel) mit der Frage, „du bist aber schon mit deinem Vater aufgewachsen?“ suggeriert, Schwarze täten das sonst nicht, verströmt ihr Linksliberalismus ölige Toleranz. Und als Lamin bei der Bitte um ein paar Rassismus-Erlebnisse den Spieß mit Fragen zu Marens ehelicher Treue umdreht, sinkt der Stimmungspegel in aller kultivierten Stille so tief, dass die Luft vor lauter Schweigen vibriert.
Die passive Aggressivität solcher Szenen bleibt bei aller Wahrhaftigkeit jedoch fiktiv. Schwarze Früchte sei „kein autobiografisches Projekt, schon gar nicht mein Leben“, sagt Lamin Leroy Gibba am Tag nach der Hamburger Filmfest-Premiere, „aber sie reimt sich an manchen Stellen darauf“. Aber auch, wenn das fremdschamschreckliche Klischeedinner erfunden ist, sind dem Showrunner die „Machtdynamiken solcher Verhörsituationen“ ebenso vertraut wie seiner queer-migrantischen Crew. Umso cleverer, dass sich diese Dynamiken acht Teile lang im Hintergrund höchstpersönlicher Schicksale halten.
Produziert von Studio Zentral und Jünglinge Film, die mit Angemessen Angry und Futur Drei bereits zwei exzellente Fiktionen um Last und Lust diverser Identitäten im Portfolio haben, will Gibba die mannigfaltige Diskriminierung seiner Figuren von Rassismus über Sexismus bis Klassismus „nicht erklären, sondern sichtbar machen, ohne ihnen die Deutungshoheit darüber zu nehmen“. Und das gelingt ihm mit einer Volte, für die man dringend den Liedermacher Fanny van Dannen zitieren muss: „Auch schwarze lesbische Behinderte / können ätzend sein.“
Wenn Gibbas Regisseure Elisha Smith-Leverock und David Uzochukwu, bislang vor allem durch Musik- oder Werbevideos auffällig geworden, in Kopf, Herz und Seele bindungsgestörter Großstadtgewächse blicken, bleibt nämlich niemand ungeschoren. Während Karla, als Führungskraft aus reichem Hause das Gegenteil tradierter Filmklischees über Schwarze Frauen, mit jeder übergriffigen Person, der sie vor den Kopf stößt, toxischer agiert, wird Lalo mit jeder abweisenden Person, die er anhimmelt, strapaziöser. „Wie ich selbst“, sagt sein Darsteller, „sucht er Strategien, um aus einem System, das nicht für ihn gebaut ist, das Beste rauszuholen“. Nur, leider ist dieses Beste meist unerträglich.
Natürlich ist Lalos Harmoniesucht am Rand der Realitätsflucht nicht schuld am queerfeindlichen Rassismus derer, die ihm seit jeher Gewalt antun. Doch für alle anderen aber zeigt sie sich als das, was Karla eingangs sagte: übertrieben nervig. Einerseits. Denn andererseits ist dieses Nerven als queere Person of Colour unter weißen Heteros ein ebenso seltener wie nötiger Akt der Selbstermächtigung. Für die Lalos und Karlas am Bildschirmrand der Mehrheitsgesellschaft gab es früher nämlich exakt zwei Aggregatszustände: Opfer oder Täter, Putzfrau oder Ganove, geflüchtet oder kriminell.
Seit der Münchner Senegalese Charly Huber parallel zu Carsten Flöters Coming-out in der Lindenstraße 1986 Deutschlands erster schwarzer TV-Kommissar wurde, hat sich einiges geändert, manches gar zum Guten. Die Kombination beider Identitäten – heute als LGBTQI+ und BIPoC bekannt – bleibt jedoch eine Rarität. Ausnahmen wie in der (lesbischen) Neo-Serie Loving her oder der (schwulen) ARD-Serie All you need sind zwar nicht makellos, aber liebenswert und stets attraktiv. Die Schwarzen Früchte dürfen dagegen faul und fleckig sein – verglichen mit Empowerment Marke Hollywood von The L-Word bis Queer as Folk ein echter Quantensprung.
Übertragen auf Dax-Vorstände, die erst als gleichberechtigt gelten, wenn eine Frau darin so ungestraft versagen darf wie Männer, hieße das allerdings: wahrer Emanzipation sind wir erst den nächsten Trippelschritt näher, wenn Intersektionalität so ungestraft nerven darf wie Lalo. Nur: darum geht es dessen Schöpfer gar nicht. Im Gegenteil. Auf St. Pauli, wo Lamin Leroy Gibbas Outfit und Habitus weniger auffallen als sein Minztee, versucht er die Seriencharaktere lieber vom soziokulturellen Ballast aus Identität und Herkunft zu befreien.
„Während ihre Erfahrungen spezifisch sind, sind die Emotionen universell“, sagt er in Lamins Tonfall. Daher sei Schwarze Früchte für alle gedacht, „auch wenn sie weder schwarz noch queer oder Mitte 20 sind“. In einer Milieustudie digitaler Kommunikation und ihrer Fallstricke. Mit wunderbarem Cast bis in die Episodenrollen (Paula Kober). Mit suggestiver statt manipulativer Musik (Don Jegosah). Mit authentischer Kostümierung (Freya Herrmann). Vor allem aber mit einem Creator, der aufopferungsvoll für die Sichtbarkeit benachteiligter Gruppen ringt und frei von Eitelkeit Fremdscham erduldet, bis es wehtut.
Noch zieht Gibba dafür mehr Strippen als ihm lieb ist. In zwei von drei Projekten hat das 30-jährige Multitalent zuletzt auch noch Regie geführt. Nur so könne er postmigrantische Queerness „abseits gängiger Klischees realisieren“. Ein Privileg, gewiss. Aber es zeige, „dass man als marginalisierter Schauspieler viel Extraarbeit leisten muss, um seinem Beruf nachgehen zu können“. Im Fall der Schwarzen Früchte kann man nur sagen: Danke für den Einsatz! Er hat sich bis zur letzten Sekunde gelohnt.