Ob Tocotronic (Foto: Noel Richter) wollen oder nicht: Mit 14 Platten in 30 Jahren zählen sie zum Kanon der deutschsprachigen Popkultur wie Grönemeyer, Rammstein, Herr Lehmann. Vielleicht klingt ihr neues Album Golden Years deshalb so nostalgisch. Ein falscher Eindruck, meinen Sänger Dirk von Lowtzow und Drummer Arne Zank. Bestenfalls nach vorauseilender Wehmut dreier Mittfünziger auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft.
Von Jan Freitag
Der Titel eurer neuen Platte „Golden Years“ klingt irgendwie nostalgischer als man es von Tocotronic erwartet hätte. Habt Ihr Heimweh nach früher?
Dirk: Ich würde ihn eher als offenes System bezeichnen, das man sarkastisch aufs Gestern gerichtet deuten darf, apokalyptisch auf die leuchtenden Brände von L.A. grad oder des Golden Age, das Donald Trump ausgerufen hat. Es funktioniert aber auch als Hoffnungsschimmer einer Momentaufnahme absolut reiner Gegenwart, die der Protagonist im Titelstück als etwas ansieht, das vielleicht nicht mehr besser wird. Ich würde es daher als vorauseilende Wehmut bezeichnen, aber nicht als Nostalgie.
Arne: Weil man den Titel im Englischen auch mit „Ruhestand“ übersetzen kann, verstehe ich ihn auch als Sehnsucht nach vorne, als Vorfreude aufs Rentendasein.
Dirk: Ach! (lacht)
Das habt ihr mit Anfang 50 schon im Hinterkopf?
Arne: Mit etwas Humor schon. Der hat übrigens auch mit unserem ersten Label L’Age D’Or zu in Hamburg tun hat, das ständig mit dem Gold-Begriff gespielt hat.
Dirk: Gold ist ja auch immer ein bisschen tacky, wie man heute sagt, ein billiger Glanz, nicht ganz echt. Aber wie auch immer: alle dürfen den Titel deuten, wie sie wollen. Das Schöne am Pop ist ja, dass die Kommunikation beim Hören entsteht. Aber wenn du uns fragst, war Nostalgie definitiv nicht der erste Impuls.
Wobei man nach 14 Platten in 30 Jahren durchaus nostalgisch zurückblicken darf, oder?
Dirk: Klar, aber unsere Entwicklung ging innerhalb eines fortlaufenden Prozesses relativ geradlinig von Punkt zu Punkt bis heute. Genau aus diesem Grund waren wir stets eine Album-Band, die mit sich, der Welt und den Zeitläuften in Dialog treten. Unser Ansinnen war immer, in dem Sinne großzügig zu sein, viel von uns persönlich mitzuteilen.
Arne: Geradezu geschwätzig sogar.
Dirk: Heute würde man es wohl „oversharing“ nennen, wie wir uns als Personen und Band mitgeteilt haben. Tocotronic war immer öffentlich Tagebuch führen.
Aber waren die Ich-Botschaften wirklich Veräußerungen eures Innersten oder nicht doch einfach Kunstgriffe, von sich zu singen, aber alles zu meinen?
Dirk: Natürlich, denn es waren am Ende ja Songtexte, keine Tagebücher, also objektive Tatbestände mit der Möglichkeit, sie subjektiv zu deuten. Dennoch waren gerade die frühen Platten stark von unserem echten Leben geprägt. Liebe, Freundschaft, Jugend…
Arne: Oder die ständige Erklärung, warum wir überhaupt eine Band geworden sind.
In einer Zeit, die verglichen mit unserer Dauerkatastrophe als sorgloses Jahrzehnt gilt, der Francis Fukuyama das Label Ende der Geschichte verpasst hatte. Konnte man darin lockerer aus dem Bauch denken, während die Gegenwart verkopfter ist?
Arne: Ich finde ja, wir waren schon mal verkopfter als heute, haben mittlerweile aber zur Unmittelbarkeit zurückgefunden, einem direkteren Ausdruck in der Sprache wie früher.
Dirk: Und ich habe aber auch die Neunziger nie als so unbeschwert empfunden, dass alles aus dem Bauch heraus war. Wir hatten halt andere Interessen und wollten den Alltag darstellungsrealistischer aufsaugen. Von 1999 bis Mitte der Zehner ungefähr war unser Songwriting zwar stärker von Theorien als Praxis geprägt, hat aber immer noch unseren Alltag verdaut. Damals war uns Theorie zum Verständnis der Verhältnisse halt wichtiger. Danach sind die Songs dann wieder ins Autofiktionale gerutscht. Da ist dieses Album eine Mischform all unserer Epochen.
Arne: Wenn ich an die Neunziger zurückdenke, kommt mir weniger Hedonismus in den Sinn als die Baseballschlägerjahre, die Nationalisierung der Popkultur, die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl, dieses ganze Das-Boot-ist-voll-Rhetorik. Politisch war da vieles grauslich und persönlich verklemmt, vergrübelt. Soziologisch kann man der Zeit vielleicht Sorglosigkeit attestieren, aber jetzt hier im Rückblick fällt mir das schwer.
Dirk: Ich empfinde uns bisweilen heute sogar als freigeistiger. Wenn man wie wir so Ende der Achtziger in den Indie-Hardcore-Punk hinein sozialisiert wurde, gab viele extrem einengende Regeln, Gebräuche, Codices bis hin zur Frage, ob man auf Major-Labels publizieren dürfe.
Arne: Ich persönlich habe das gar nicht als einengend empfunden. Weil politische Korrektheit oder wie sie heute heißt: Wokeness meist einen ernsten Hintergrund hat, nähern wir uns beidem sprachlich und stilistisch halt seit jeher spielerisch, also weder explizit politisch noch unpolitisch.
Auf der neuen Platte klingt immerhin ein Lied explizit politisch: Denn sie wissen, was sie tun, was nach einer direkten Ansprach an AfD und Identitäre klingt.
Dirk: Es geht eher um die Hegemonie der Niedertracht zur Durchsetzung politischer und persönlicher Zwecke. Dass diese Hegemonie hauptsächlich von rechtspopulistischen oder -extremen Politker*innen und ihrer gewaltbereiten Gefolgschaft betrieben wird, liegt auf der Hand. Aber unsere Lieder sind eher biografische als politische Mikrolebensdramen. Deshalb würde ich dieses hier als Protestsong beschreiben. Ein Genre, das uns schon immer interessiert.
Arne: Besonders ihr radikales Image, die eigentlich das Gegenteil gesellschaftlicher Sichtweisen beinhaltet, sondern radikal subjektiv ist.
Dirk: Im Pop ist Politik für mich immer eher Werden als Sein. Das sieht man zum Beispiel an Bye Bye Berlin – eine Art Vogelperspektive, aus der das Berghain brennt, beeinflusst von einem amerikanischen Maler, also gar nicht explizit politisch. Durch die Kürzungsorgie des Berliner Senats und seine Austeritätspolitik ist es das aber geworden.
Spürt ihr diese Austeritätspolitik an eurer künstlerischen Arbeit in dort?
Dirk: Klar. Aber umso mehr gilt, dass die politischen Momente unserer Songs nicht gesetzt sind, sondern entstehen. Denn sie wissen, was sie tun ist demzufolge eine Beschäftigung mit Protestsongs.
Es heißt darin, ihre wollt die Rechten nicht mit Gewalt bekämpfen, sondern auf die Münder küssen. Scheitert diese Umarmungstaktik nicht gerade krachend?
Dirk: Deshalb empfehle ich den Kuss ja als Umarmung, bei der man den Geküssten die Luft zum Atmen nimmt. Der Todeskuss als Tötungsfantasie im poetischen Sinne, gewaltsames Abschwören von der Gewalt gewissermaßen. Durchaus ironisch.
Genau 19 Jahre nach dem Start geht Germany’s Next Topmodel (Foto: Rankin/ProSieben) am 13. Februar in die 20. Staffel. Über ein fernsehgeschichtsträchtiges Format, das bis heute polarisiert – und verstört.
Von Jan Freitag
Das sonnige Sommermärchenjahr 2006 war ein folgenschweres, und nein: es hatte wenig mit Fußball zu tun, noch weniger mit der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs und am allerwenigsten mit Plutos Degradierung zum Zwergplanet. Um gegen sexualisierte Gewalt zu protestieren, ersann die amerikanische Frauenrechtlerin Tarana Burke Mitte Oktober den Kampfbegriff #MeToo, und das ist fast 20 Sonnenumrundungen später nicht nur so beachtlich, weil sie es auf einem Netzwerk namens – Ältere erinnern sich – MySpace verbreitete. Mindestens ebenso interessant ist, welcher Fixstern der Fernsehunterhaltung ihr neun Monate zuvor in den Rücken gefallen war.
Am 26. Januar hatte Heidi Klum die Casting-Show ihrer US-Kollegin Tyra Banks importiert. Und zehn Mittwochabende lang sorgte Germany’s Next Topmodel fortan nicht für gewaltige Resonanz auf allen, damals noch meist analogen Kanälen. Ein Dreivierteljahr nach Tarana Burkes öffentlicher Anklage erbrachte ProSieben damit auch den Beweis, dass Sexisten zwar größtenteils Kerle sind, aber keinesfalls sein müssen. Denn geringschätziger als von der Bergisch-Gladbacher TV-Domina, wurden ihre Geschlechtsgenossinnen nur selten behandelt.
Ein Dutzend makelloser, teils minderjähriger Frauen, das die strenge Heidi aus 11.637 Bewerberinnen oberflächlich selektiert hatte, gab jahrzehntelang erstrittene Freiheiten bereitwillig an der Garderobe ab. Mindestens 172 (später 176) komplett körperfettfreie Zentimeter groß, strahlendweiß und wohlgefällig, setzten sich anfangs zwölf Finalistinnen bei aberwitzigen Challenges fortan der Bewertung einer Jury aus, die bis zur 14. Staffel 2019 mal abgesehen von Heidi Klum ausnahmslos aus Männern bestand. Wobei das Urteil von Bruce Darnell, Peyman Amin oder Armin Morbach oft weniger mit Modeln als Voyeurismus, Fremdscham, Quälerei zu tun hatte.
Als „Male Gaze“ berüchtigt, wurden bis heute also annähernd 500 „Mädels“, zu denen die Organisatorin ihr Frischfleisch nicht nur sprachlich degradiert, exakt dem ausgesetzt, was diverse Emanzipationsbewegungen eigentlich beendet hatten: Weiblichkeit als Ware maskuliner Gebrauchs- und Geschäftsinteressen. Bei Heidi Klum trafen die verklemmten Fünfziger ungemein rentabel auf die freizügigen Nullerjahre und griffen dem reaktionären Backlash der rechtspopulistischen Gegenwart (hoffentlich unfreiwillig) voraus. In dem bestand allerdings nicht die einzige Grundsatzkritik an GNTM.
Als die 17-jährige Lena Gehrke am 29. März 2006 vor fast fünf Millionen Zuschauern – überwiegend weiblich und schwer pubertierend – zu Heidi Klums erstem Topmodel gewählt wurde, verlor besonders das gehobene Feuilleton die Contenance. Dabei musste man gar nicht wie Roger Willemsen zum Start der 4. Staffel sinnbildlich „sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln“, um Heidis misogynes Zuchtgestüt anzuprangern. Sachlichere Tadel reichten von Sadismus, Zynismus, Rassismus über Verstöße gegen Jugend-, Arbeits-, Medienrecht bis zum „Sexismus in Reinkultur“, den die Philosophin Catherine Newmark 2015 im Deutschlandfunk beklagte.
Daran ändert ein Sinneswandel wenig, der im Weinstein-Skandal Ende 2017 einsetzte. Drei Jahre später gewann die Transperson Alex Peter zwar eine Staffel, in der weder Konfektions- noch Körpergröße normiert waren, bevor ein Jahr drauf erst die Altersgrenze, dann das Männerverbot fiel. Parallel aber haben abermillionenfach geklickte Videos von STRG-F oder Rezo Klums angebliche Läuterung mithilfe zahlreicher Kronzeuginnen früherer Ausgaben als Diversitäts-Washing entlarvt. Dazu passt, dass ein Gericht Lijana Kaggwa größtenteils Recht gab als die 22er-Finalistin von Manipulation, gar psychischer Gewalt sprach und von ProSieben wegen Bruchs der Verschwiegenheitserklärung angeklagt wurde.
Bevor am 13. Februar die 20. Staffel mit paralleler Version männlicher Models startet, hätte man von Hannes Hiller bei aller legitimen Freude übers quotenstarke Format da gern ein paar Worte sachlicher Reflexion über seine Cashcow gehört. Auf Anfrage hat der Senderchef „Selbstkritik“ allerdings mit „Selbstbetrug“ verwechselt und die Königin der „modernen Cinderella-Story“ mit „höchster Glaubwürdigkeit und Kompetenz“ bei „großer Akribie und Leidenschaft“ umschrieben. Fehlt nur noch dynastisches Denken. Nach Heidis Schwager Bill agiert diesmal schließlich Tochter Leni als Jurorin.
Ein Sozialist, wer hier Trumpismus wittert. Bleibt zu hoffen, dass beide mehr anhaben als in ihrer ebenso hüllen- wie würdelosen Dessous-Kampagne. Denn für den Erfolg tut Heidi Klum, die 1992 bei einem RTL-Casting des übergriffigen Thomas Gottschalk entdeckt wurde und hernach fürs „gebärfreudige Becken“ geschmäht, fast alles. Nur so konnte sie den Umsatz nach Forbes-Schätzungen 2020 in drei Jahren auf 34,8 Millionen Euro verdoppeln. Vor allem dank Germany’s Next Topmodel. Ein Goldesel, der den Zusatz by Heidi Klum trägt, aber von Papa Günther gemanagt wird und damit seit 20 Jahren Erfolg hat. Mehr zumindest als die Topmodels selber.
Langfristig laufen viele ja eher auf Zweitverwertungsrampen als Laufstegen, und falls sie im Casting-Beruf tätig sind, dann meist für Günther Klums Modelagentur ONEeins. Analog zu Bohlens wesensverwandten Superstars sind von Klums Topmodels eigentlich nur drei der ersten vier Staffeln erinnerlich. Nach Lena Gehrcke, Barbara Meier, Sara Nuru brechen die Wikipedia-Einträge vieler Epigoninnen zwei Jahre nach dem Sieg ab. Vielleicht hat Bruce Darnell dieses Scheitern ja geahnt, als er vor 19 Jahren „Drama, Baby, Drama!“ forderte. Um viel mehr ging es bei Germany’s Next Topmodel eigentlich nie.
Germany’s Next Topmodel, 20. Staffel, seit 13. Februar (Frauen), ab 18. Februar (Männer), ab 27. März gemeinsam, dienstags und donnerstags um 20.15 Uhr bei ProSieben
Endlich! Nachdem es hierzulande auch in der vorigen Woche wieder unzählige Opfer sinnloser Gewalt gab, greift die Politik hart durch und reguliert – nein, nicht den Autoverkehr, der auch im vorigen Jahr nahezu 3000 Tote (nicht selten durch polizeibekannte Wiederholungstäter) gefordert hatte. Stattdessen schießt sich die Gesellschaft mithilfe populistischer Medien kollektiv auf alle Menschen ein, die erkennbar andere als Biodeutsche sind und deshalb offenbar dringend tatverdächtig.
Fast ebenso befremdlich ist allerdings der umgekehrte Fall verdrehter Prioritäten. Die öffentlich-rechtlichen Quadrelle und Klartexte nämlich zeichnen sich bislang durch Saalpublikum aus, das allzu offensichtlich nach Parteipräferenzen, besser: Parteiabneigungen gecastet wurde. Auch am Donnerstag waren Studiogäste rechts der Mitte rar, während Linksliberale hör- und sichtbar waren. Besonders das ZDF hat an Michelle Obamas Bonmot, when they go low, we go high, irgendwas gehörig missverstanden. Einerseits.
Denn andererseits gewinnen reaktionäre Narrative so zügig die Oberhand über progressive, dass der angeblich „linke Mainstream“ an seiner Objektivität zu ersticken droht. Zumal auch dessen Themen auch im gestrigen Spitzengespräch bei RTL praktisch keinerlei Erwähnung fanden. Klimawandel, Gerechtigkeitslücke, Digitalisierung oder auch nur die Kinderbetreuung vorm Schuleinritt waren allenfalls Robert Habeck mal Randbemerkungen wert. Dafür haben Pinar Atalay und ihr grumpy Kollege Günther Jauch alles getan, um für Unterhaltung zu sorgen.
Multiple-Choice-Fragen à la Wer wird Millionär? zum Beispiel, was die Befragten gelegentlich an der Zurechnungsfähigkeit des Fragenden zweifeln ließ. Erkenntnisgewinn? Null! Banalisierungswert? Zehn! Oder um es mit dem SZ-Autor Andrian Kreye zum Rassismus-Vorwurf gegen Olaf Scholz wegen dessen Hofnarr-Tirade gegen den Berliner Kultur-Zerstörer Joe Chialo auszudrücken: „Eigentlich bräuchte das gesamte öffentliche Leben inzwischen eine Trigger-Warnung.“
Vor allem bräuchte es andere Medien als die der inoffiziellen AfD-Pressestelle Springer SE. Sonntag gab sie Alice Weidel wieder Wahlkampfhilfe und titelte mit deren Interview-Aussage: „Höcke kann Minister“. Fast wünscht man sich, demokratische Institutionen würden Bild und Welt ignorieren. Das wäre immerhin eine Eskalationsspirale vor Donald Trumps Verbannung der größten US-Nachrichtenagentur AP aus dem Weißen Haus, weil sie den Golf von Mexiko nicht Golf von Amerika nennt.
Die Frischwoche
17. -23. Februar
Damit zeigt sich erneut, dass die USA heute von exakt jenen Kräften regiert werden, die bei Amazon Prime noch am Rande der Gesellschaft stehen. Julian Kurzels Politthriller The Order skizziert eindrucksvoll, wie sich die Terror-Gruppe vor gut 40 Jahren von der Aryan Nation abspaltete, um einen faschistischen Führerstaat auf amerikanischem Grund zu errichten. Mit Jude Law als aufrechter Cop bietet der Film nicht nur gutes Historytainment, sondern Anschauungsmaterial, was uns seit Donald Trump demokratischem Putsch blüht.
Ach, wie schön ist da doch ein bisschen ansehnlicher Eskapismus wie die dritte Staffel White Lotus, mit der Sky ab heute sein unvergleichliches Luxusurlaubsuniversum in Thailand fortsetzt – und abermals außergewöhnliches Fernsehen liefert. Würde Netflix nicht wie so oft jegliches Pressematerial verweigern, könnte man das vielleicht auch über die Thriller-Serie Zero Day mit Robert DeNiro ab Donnerstag als was auch immer sagen. Tja…
Was sich definitiv nicht zur kleinen Weltflucht am Bildschirm eignet, ist dagegen die ARD-Serie Families Like Ours, tags drauf in der Mediathek. Weil Dänemark darin im Klimawandel versinkt, begleitet Thomas Vintergard darin eine Patchworkfamilie auf umgedrehter Fluchtroute südwärts, was der Oscar-Preisträger (Der Rausch) in seiner ersten TV-Serie wirklich grandios inszeniert. Ansonsten startet morgen das männliche Spin-Of von GNTM und parallel zur Bundestagswahl am Sonntag die 2. Staffel der Paramount-Serie 1923 – ein Format, dass wie The Order auch viel mit dem Rechtsruck der globalen Politik zu tun hat.
Würden Wahlen etwas ändern, wären sie verboten – so lautet ein fatalistisches Bonmot staatskritischer Kräfte, das auch auf die medialen Kräfte der aktuellen Duelle und Quadrelle übertragbar ist. Würden Fragen etwas ändern, den Eindruck haben nach Andreas Wunn im Zweiten gestern auch Sandra Maischberger und Maybrit Illner im Ersten verfestigt, hätte man sie womöglich gestellt. Weil weder ARD noch ZDF, geschweige denn CDU und SPD daran interessiert sind, die wichtigen Probleme zu erörtern, fiel das Wort Klimawandel bisher kein einziges Mal.
In Worten: Null.
Weil das auch für Mietexplosion oder Verkehrswende gilt, sind die Arenen am Ende bloß PR-Shows mit AfD-Fetisch. Dazu passt, dass im ZDF-Schlagabtausch nur TinoChrupallas Einstiegsstatement vom Saalpublikum benachbarter Unis bejubelt unterbrochen wurde, während der Schnitt eines heute-Beitrags vom CDU-Parteitag de facto Tatsachen verdreht. Wie gesittet Olaf Scholz und Friedrich Merz gestern debattiert haben, ist da ein Beleg für den Konsens aller medienpolitischen Akteure auf realitätsferne Themenauswahl.
Damit ist der deutsche Fernsehzirkus zwar noch nicht auf dem Niveau der Merz-Wahlkämpferin Bild oder Fox, wo Lara Trump künftig Schwiegerpapa Donald feiern darf, der zugleich liberale Medien wie Politico aus dem Weißen Haus wirft und durch rechtsradikale wie Breitbart ersetzt. Aber wenn 500 Kreative eine Brandmauer der demokratischen Kräfte gegen AfD und ihre Steigbügelhalter fordern, sollten einige davon dringend zuvor in den Spiegel sehen.
Um Geister zu vertreiben, die man rief, kann sonst irgendwann nur noch Buffy helfen, die 22 Jahre nach ihrem Abschied mit Sarah Michelle Gellar in der Hauptrolle zurückkehrt – sonst droht uns irgendwann endgültig das Recht des Dschungels. Apropos: Gestern ging IBES mit routinierter Ödnis zu Ende, hat RTL aber nochmals Topquoten beschwert, die der Superbowl anschließend geschreddert von gefühlt 274 Werbespots nochmals toppte.
Die Frischwoche
10. -16. Februar
Von solch einem Zuspruch darf das Quadrell am Sonntag schon angesichts des zahmen Moderationsduos Günther Jauch und Pina Atalay wohl ebenso nur träumen wie davon, dass Faktenchecks endlich während der Ausstrahlung anstatt hinterher erfolgen. So kann Alice Weidel auch Donnerstag beim ZDF-Klartext die Zahl jüdischer AfD-Mitglieder gewiss unwidersprochen auf 1000 beziffern, obwohl es keine zwei Dutzend sind, oder die Lüge verbreiten, regenerative Energie würde als einzige subventioniert.
Bleibt als seriöse Entscheidungshilfe eigentlich nur noch Stephan Lambys gewohnt grandios recherchierte Dokumentation Die Vertrauensfrage über die Wahlkämpfe aller großen Parteien, Montagabend zur besten Sendezeit im Ersten. Oder man lenkt sich einfach ein bisschen ab vom Weltgeschehen. Mit der True Story of Rihanna zum Beispiel, ab Dienstag in der ZDF-Mediathek, die natürlich alles außer der Wahrheit liefert, aber sehr kurzweilig ist.
Außerdem feiert ProSieben ab Donnerstag die 20. Staffel Germany’s Next Topmodel, bevor der frühere Kanzlerduell-Moderator Stefan Raab tags drauf bei seiner Chefsache ESC als King of Kotelett firmiert. Fiktional dagegen hat die Woche eher wenig zu bieten. Parallel zur Entwicklungshilfe für den NDR startet Paramount+ die 3. Staffel der immer noch fesselnden Robinsonade Yellowjackets.
Am Samstag dann startet das ZDF sein amüsantes Online-Experiment, aus dem abgedroschenen Zombie-Genre einen Endkampf der englischen Generation Z gegen untote Boomer zu machen. Und zeitgleich verabschieden wir uns nach 920 Einsätzen in 382 Jahren von Stubbe, der tatsächlich und abschließend in Rente geht. Genieß ihn bitte, Wolfgang Stumph.
Wenn Männergruppen der 2020er aussehen wie Boygroups der 1990er, ist immer Obacht geboten: Ist das nur ein billiger Abguss hedonistischer Säuseligkeit am Ende der Geschichte, den Optimisten vor 30 Jahren mal proklamiert hatten? Im Fall der niederländischen Männergruppenboyband The Vice wird die Antwort zweigespalten. Einerseits sehen sie aus wie Ein-Euro-Shop-Versionen von Oasis, stellen deren Britpop aber ins Regel zeitgenössischer Designshops.
Ihr drittes Album Before It Might Be Gone klingt zwar manchmal leicht nostalgisch nach den Feel-Good-Oberflächen irgendwie ja unbestreitbar besserer Zeiten. Aber wenn sie fuzzige Offbeat-Riffs mit schrillen Grungebeats zerdeppern und engelsgleich Guess We’re All the Same singen, kriegt der Retrofuturismus irgendwie Substanz zwischen Beach Boys und Fountaines. Man kann das gut weghören. Wie damals. Auch mal schön.
The Vices – Before It Might Be Gone (V2 Records)
Alex Wilcox
Mindestens ebenso retrofuturistisch, ohne den allergeringsten Hauch öliger Nostalgie zu versprühen, ist und bleibt der amerikanische Exilberliner Alex Wilcox auf seiner neuen Platte Take Me to Lake Ta Ta. Wie deren aberwitziger Titel andeutet, mixt er technoiden House darin mit einer Dröhnung Punk der frühen Nuller, als hätte Fat Boy Slim mit den Chemical Brothers in einer Wanne Pep gebadet.
Das Tempo der sechs entfesselten Tracks überholt sich permanent selbst, wenn er Gaga-Lyrics unter fast schon gabberigen Big Beat mischt, bis die Sequencer glühen. Funky Dubstep gewissermaßen, den man sich besser nicht zuhause auf dem Sofa anhört. Davor allerdings macht diese Überdosis beats per minute Druck auf dem Dancefloor, der jeder Nacht den Trott gleichförmiger Tage aus den Poren quetscht.
Alex Wilcox – Take Me to Lake Ta Ta (Ufo Inc)
Arliston
Und damit man am Ende so einer Nacht auch wieder zu Kräften kommt, wären mehr Alben wie jenes von Arliston angebracht. Vom Instrumentarium her ist das britische Duo gar nicht so weit von Alex Wilcox entfernt. Was Sänger Jack Ratcliffe und sein Producer George Hasbury aus ihrer digital-analogen Paartherapie machen, bringt auf der ganzen Platte jedoch nicht mal die Beats eines halben Wilcox-Songs zusammen.
Disappointment Machine ist schließlich eher Kammerspiel-Electronica mit getupfter Gitarre und gesampeltem Piano, verwehenden Lyrics und einer Aura, die das Studio im Wald errichtet und sich darin verliert. Eher Singer/Songwriting also, aber mit pfiffiger Ironie voller Autotune im Celloregen. Nichts davon ist für die Ewigkeit, aber den Moment kann man damit wundervoll genießen.
Arliston – Disappointment Machine (Sob Story Records)
In der Apple-Serie Prime Target (Foto: AppleTV) wird dröge Mathematik zur Actionfigur. Das ist auch deshalb amüsant, weil die Macken fiktionaler Genies nicht nur originell sind. Sie haben auch den sympathischen Nebeneffekt, das Selbstwertgefühl ihres Publikums ein kleines bisschen aufzuwerten.
Von Jan Freitag
Das Actionkino liebt Archetypen. Agile Schmerzensmänner wie John McLane, virile Geheimagenten wie 007, introvertierte Zombiejäger wie Daryl Dixon oder smarte Haudegen wie Indiana Jones. Für Edward Brooks ist da eigentlich kein Platz im Blutschweißundpatronen-Fach. Dabei hat er ein singuläres Talent: Der Mathematiker erkennt Muster, wo andere Chaos sehen. Seine Waffen sind weder Fäuste noch Pistolen, sondern sein Verstand. Und Primzahlen, Endgegner zahlloser Gymnasiasten, nur durch 1 oder sich selbst teilbar und darum, tja – was eigentlich?
Für Normalbegabte hat Eds Fachgebiet in etwa die Relevanz sumerischer Keilschrifttraktate. Der Cambridge-Student hingegen versucht Tag und Nacht, Struktur ins algebraische Durcheinander zu bringen. Klingt arg trocken für eine Thrillerserie? Nicht, wenn Autor Steve Thompson ihr den Titel Prime Target gibt. Weil der sich sowohl mit „primäres Angriffsziel“ als auch „Forschungsobjekt Primzahl“ übersetzten ließe, tröpfelt er akademische Theorie in die physische Praxis explosiver Action.
Ein klischeeanfälliges Genre, das auch bei Apple mit Stereotypen wuchert. Zu Beginn nämlich erschüttert ein Terroranschlag Bagdad, bevor drei Schnitte weiter acht Ruderer 5000 Kilometer nordwestlich vor idyllischer College-Kulisse das tun, was man mit Cambridge halt assoziiert. Im Osten Chaos, im Westen Kultur: Brady Hooks Achtteiler scheint früh für eurozentristische Ordnung zu sorgen – würde sich die Explosion im Irak nicht als Unfall erweisen, der etwas zutage fördert, dem das Elite-College Teile ihrer Geschichte verdankt.
Denn unterm Bombenkrater tritt das sagenhafte Haus der Weisheit zutage. Ein Ort mittelalterlicher Gelehrigkeit, der die Cambridge-Ikone Isaac Newton widerlegen könnte. Womit genau, gehört wohl eher ins Wissensressort als das Feuilleton. Nur so viel: es hat mit Primzahlen zu tun, für die sich der Cambridge-Neuling Ed (Leo Woodall) so interessiert. Und wie wir seit Dan Browns Da Vinci Code wissen, sind Altertumsfunde in Blockbustern meist Symbole globaler Verschwörungen mit Thriller-Potenzial.
Wer das Prime Target dechiffriert, kann folglich jedes Computernetzwerk kapern. Um dieses Zerstörungspotenzial im Keim zu ersticken, überwacht ein US-Geheimdienst weltweit Primzahlen-Forscher. „Mathe-Nerds“, erklärt die NSA-Agentin Taylah (Quintessa Swindell) den Aufwand, „sind vermutlich die gefährlichsten Leute des Planeten“. Also auch Ed, dessen Professor (David Morrissey) wie seine Frau (Sidse Babett Knudsen) ebenfalls unter Beobachtung steht. Und damit zurück ins Action-Fach.
Als Prof. Mallinders Student das Prime-Rätsel zu lösen droht, gehen Wissenschaft und Staat, die dubiose Spionageorganisation NSA und eine noch dubiosere namens Kaplar aufeinander los. Es gibt Verfolgungsjageden durch schicke Kulissen, Schießereien seltsam unpräziser Scharfschützen und konspirative Treffen im Kirchenschiff. Niemand traut niemandem, alle sind verdächtig, und mittendrin ein Zahlenfresser, den die zähe Taylah erst belauert, aber bald durch den Schlamassel lotst. Damit kombiniert Prime Target achtmal 45 Minuten zwei strikt getrennte Sujets.
Normalerweise haben brillante Geistesmenschen nicht die Vitalität physischer Thriller-Helden. Deshalb tut Apple gut daran, die unfreiwillige Action-Figur unheroisch auszustatten. Ed ist nicht nur leicht linkisch und soziophob. Er trägt hässliche Strickjacken, kritzelt ständig Notizblöcke voll und erklärt sein Büro ohne Computer damit, „die sind mir zu langsam“. Was zwei Nebenaspekte der Serie grundiert. Einerseits stellt sein selbstreferenzieller Wissensdrang auf derart vermintem Feld moralische Fragen danach, ob Erkenntnisgewinn per se erstrebenswert ist oder gegebenenfalls – Stichwort Kernspaltung – gefährlich.
Andererseits ziehen uns Macken Höchstbegabter, etwa der schizophrene Spieltheoretiker John Nash in Beautiful Mind aus dem Tal der Minderwertigkeitsgefühle. So ganz bei Trost sind die Klügsten der Klugen fiktional ja selten. Umgänglich schon gar nicht. Vom paranoiden Mathematiker im Experimentaldrama Pi über sozial verkrüppelte Kombinationsvirtuosen wie Sherlock und GoodWill Hunting bis zum depressiven Hacker Mr. Robot: Intellektuell mögen uns Film- und Seriengenies elfenbeinturmhoch überragen; menschlich will man mit keinem davon tauschen. Das sorgt für Nähe und Distanz, Missgunst und Mitleid. Gegensatzpaare, die auch Prime Target trotz aller Klischees auf buchstäblich schlaue Art unterhaltsam machen.
Prime Target, 8×45 Minuten, Mittwoch mit einer Doppelfolge bei AppleTV+, danach jeden Mittwoch
Ganz egal, ob die in Teilen rechtsextreme AfD unter der Kuppel des in Teilen bundespolitisch genutzten Reichstags mit der in Teilen reaktionären CDU/CSU fürs sprachlich in Teilen völkische Zustrombegrenzungsgesetz zur in Teilen fremdenfeindlichen Säuberung des in Teilen arischen Landes verhilft: RTL, wo ein saftiger Skandal letztlich noch immer ein bisschen wichtiger ist als die Demokratie, will das Kanzler-Duell zum Vierer-Disput mit Alice Weidel ausbauen.
Damit sinkt der Kölner Senderkeller ins dritte Untergeschoss einer in Teilen boulevardesken Bild-Zeitung, die vorigen Mittwoch und Freitag alles auf den Fall bröckelnder Brandmauern setzte, indem sie Friedrich Merz bedingungslos für seine AfD-Wahlkampfhilfe unterstützte. Kurze Frage dazu an die KI DeepSeek: Wird der CDU-Kanzlerkandidat „definitiv niemals mit der AfD koalieren“? Antwort: „The server is busy. Please try again later“. Dann was leichteres: Ist Bild eine völkische Zeitung?
Dem entgegnet der chinesische Chatbot, „die Grenze zwischen populistischer Sensationsberichterstattung und völkischem Gedankengut ist fließend, weshalb die Debatte über ihre Rolle in der Gesellschaft weiterhin kontrovers geführt wird“. Was vermutlich auch fürs „Massaker am Tian’anmen-Platz vom 4. Juni 1989“ gilt. Aber da ist dann leider, leider der Server wieder überlastet. Der hat aber auch echt viel zu tun… Denn dass CNN-Urgestein Jim Acosta gekündigt hat, weil er nicht noch mal vier Jahre mit Donald Trump streiten will, hat DeepSeek ebenfalls noch nicht mitbekommen.
Zu Pressekonferenzen lädt sich der US-Präsident allerdings künftig tollen Ersatz ins Weiße Haus: Erstmals erhalten Podcaster, Youtuber, Influencer Akkreditierungen, was zwar grundsätzlich ihrer wachsenden Bedeutung entspricht, aber – na ja: Trump eben, den man sich nirgendwo sehnlicher wünscht als im Dschungelcamp, das RTL vorigen Donnerstag allen Ernstes parallel zum Euroleague-Spiel von Eintracht Frankfurt bei AS Rom übertragen hat.
Die Frischwoche
3. – 9. Februar
Sportlich wird es ohnehin auch in dieser Woche, wenn ARD und ZDF ab Dienstag jedes Rennen der alpinen Ski-WM übertragen. Dazu passen so ein ganz klein wenig Die Åre Morde, ab Donnerstag bei Netflix – schwedisches Neo Noir um eine suspendierte Polizistin auf Mörder-Jagd im Wintersportresort. Ohne Schnee kommt dagegen die Serienversion von Ian Rankins Krimi-Bestseller Rebus um einen schottischen Cop mit Motivationsstörung, ab Donnerstag bei Magenta TV, aus.
Nach realem Vorbild ermittelt Nina Kunzendorf tags drauf vier Teile lang in der ZDF-Serie Spuren, die sie als Kriminalrätin Barbara Kramer in der baden-württembergischen Provinz verfolgt, wo zwei Frauenmorde miteinander verbunden sind und abermals belegen: Nina Kunzendorf würde man vermutlich auch beim Schafe-Hüten gerne zusehen. Ob das Gleiche für Serie Máxima gilt, ein sechsteiliges Biopic (Dienstag, 21.45, Neo) über die holländische Prinzessin an der Seite von König Willem? Na, ja…
Was indes unbedingt empfehlenswert wäre, ist parallel dazu die Near-Future-Dystopie Cassandra. Ab Donnerstag zieht ein Ehepaar aus Hamburg mit Kind und Kegel in ein Smart Home der Siebzigerjahre. Als dessen KI in Gestalt eines vernetzten Haushaltsroboters (Lavinia Wilson) zum Leben erwacht, beginnt ein Sechsteiler, der zwar durchaus Fragen nach Fortschritts- und Technologiegläubigkeit stellt. Er legt allerdings spürbar mehr Wert auf Thriller-Elemente als Ethik-Debatten.
Macht aber nichts. Denn wie Showrunner Benjamin Gutsche beides ausbalanciert, ist für deutsche SciFi-Verhältnisse ausgesprochen pfiffig. Pfiffiger vermutlich als Freshtorges Reality-Persiflage Einsame Herzen, tags drauf in der ZDF-Mediathek. Mit ebenso vielen Klischees spielen zwei US-Formate: Bereits heute startet das zehnteilige FBI-Anime Common Side Effects um durchgeknallte Agenten bei Warner. Und ab Donnerstag struggelt ein Waschstraßen-Besitzer aus dem reaktionären Alabama in der Prime-Serie Clean Slate damit, dass sein Sohn als Trans-Person zurückkehrt.
Es fällt zusehends schwer, als Journalist herauszufiltern, was die Weltpolitik katastrophaler macht. Dass sie mit Donald Trumps Wahl und seiner Fanbase zur Broligarchie stinkreicher Männer wird? Dass längst auch Netflix und Prime den Ring des Diktators im Weißen Haus küssen und lieber Millionen für die Filmrechte an Melania Trumps Biografie als Faktenchecks ausgeben? Dass pluralistische Medien für pluralistische Berichterstattung künftig strafbar gemacht werden?
Die Liste ernüchterter Relativsätze ließe sich von Microsofts 500-Milliarden-Spritze in den Arbeitsplatzfresser KI über Elon Musks römischen Hitlergruß bis zur Einschränkung sämtlicher Medien, die AfD sei (wie dieser Logik folgend auch die kommunistische NSDAP) nur in Teilen rechtsextrem, endlos fortführen und sorgt unter Vernunftbegabten für stilles Entsetzen – oder auch mal verblüffend lautes. Etwa beim entnervten Phoenix-Dolmetscher Frank Deja.
Sein Zwischenruf bei der Übersetzung von Trumps Amtseinführungsgefasel, „wie lang bleiben wir noch bei diesem Scheiß?!“, ist schon jetzt legendär. Wobei man die Frageklage direkt an den rbb weiterleiten könnte. Wie lange schafft es der Hauptstadtsender noch, seine Inkompetenz zu kultivieren? Nachdem man zwischenzeitlich dachte, Katrin Vernau hätte den Laden vorm Wechsel zum WDR einigermaßen zukunftsfähig saniert, macht er sich mit einer Nicht-Recherche zum Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar unmöglich.
Fehler passieren, Fehler sind menschlich. Bei einer Verdachtsberichterstattung den Namen der Hauptbelastungszeugin Anne K. nicht mal pro forma zu googeln – das ist allerdings fast so verwerflich wie das Verhalten all derer, die Gelbhaar offenbar aus der eigenen Partei gemobbt haben. Wie schön, dass die Branche doch noch Zeit und Muße für die Thematisierung wirklich wesentlicher Dinge hat. Und dein, damit ist leider nicht der Klimawandel gemeint.
Dem messen derzeit schließlich weder Politik noch ihre Berichterstattung auch nur annähernd angemessene Bedeutung bei. Aber wenn Luise Neubauer ein sexy Abendkleid mit Hot Hotter Dead auf dem Berliner Presseball spazieren trägt, dann reagieren zumindest die notgeilen Sabberlappen der Bild-Redaktion erwartbar erregt und hören sogar ganz kurz mal auf, den Klimawandel zu leugnen.
Die Frischwoche
27. Januar – 2. Februar
Was beim Springer-Verlag (noch) noch niemand leugnet, ist die Shoah inklusive Existenz des Vernichtungslagers Auschwitz, dessen Befreiung sich heute zum 80. Mal jährt. Das findet sich natürlich auch im Fernsehen wieder. Zumindest partiell. Denn während die Öffentlich-Rechtlichen dem Tag zumindest außerhalb der Primetime gedenken, machen Sat1 und RTL, Kabel1 und RTLzwei, Vox, One und vier Dritte business as usual. Ein Wettstreit der Niedertracht, mit Sonderpreis für 3sat, das um 21.45 Uhr allen Ernstes die schönsten Bahnhöfe der Welt feiert.
Eine Übersicht liefert das montagsfernsehen hier. Hervorzuheben wäre aber das abgefilmte Theaterstück Die Ermittlung mit Rainer Bock als Richter im ersten Auschwitzprozesse und drei Dutzend prominenter Darsteller*innen als Opfer & Täter. Dieses vierstündige Echtzeitepos läuft sowohl bei Arte und Sky als auch in der ARD-Mediathek und ist der größtmögliche Kontrast zum Dschungelcamp, das 2024 bereits ab 20.15 Uhr ums Publikum kämpft – mit Methoden, die sich zusehends abnutzen, aber immer noch Höchstquoten erzielen.
Die dürfte auch das Erste bejubeln, wenn sein Donnerstags-Krimi aus Brandenburg tut, was alle Reihen mit regionalem Ermittlungsfokus tun: Voyeurismus und Angsttrigger mit Heimatgefühl verknüpfen. Wobei Alina Stiegler als supersensorischer Lausitz-Cop angenehm eigensinnig agiert. In Ostberlin siedelt Alexander Osang ab Freitag die ARD-Serie The Next Level um eine Reporterin (Lisa Vicari) an, die eine den Tod einer US-Touristin recherchiert und dabei ins Netz einer Stadt als Beute neoliberaler Profitinteressen gerät. Mehr darf man über den Plat nicht verraten.
Nahezu nichts darf man über alles, was morgen in der Disney-Serie Paradise passiert, sagen; dafür sind die Plot-Twists in Dan Fogelmans Achtteiler um den Sicherheitschef eines US-Präsidenten schlicht zu überraschend – was den Actionthriller aufs höhere Niveau kluger Milieu- und Gefühlsstudien hebt. Zu beachten wäre noch der Doku-Dreiteiler Die Derbys in der ARD-Mediathek (Samstag) über große Fußballduelle wie St. Pauli vs. HSV oder Spaniens Clásico. Und Liebes-Kind-Star Kim Riedle im ZDF-Fehlurteils-Drama Die Stille der Nacht.
Zum 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung (Foto: Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0) gibt es heute ein reichhaltiges Gedenkprogramm aller Sender und Portale. Nun ja: fast aller. Eine Übersicht des Erinnerns am Bildschirm.
Von Jan Freitag
In Momenten tiefster Dunkelheit sucht der Mensch bekanntlich nach Halt, Orientierung, nach Licht. Und ausgerechnet, als seine Nacht am dunkelsten war, gab es davon besonders wenig. Bis die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau aufstieß und die Finsternis erhellte. Genau 80 Jahre ist dieser Tag her, an dem das nationalsozialistische Terrorregime zwar noch kein Ende fand, aber das Fenster ins Grauen seiner Verbrechen öffnete. Eine Menschenverachtung von so epochalem Ausmaß, dass die Erinnerung daran auch und gerade dem Fernsehen ungemein schwerfällt. Einigen etwas zu schwer.
Denn wer das heutige TV-Programm durchstöbert, findet dort vielerorts nichts, was dem Gedenktag auch nur ansatzweise gerecht würde. Mehr noch: Sat1 und RTL, Kabel1 und RTLzwei, aber auch ein paar Dritte wie WDR, SWR, HR, rbb, ja selbst 3sat machen 80 Jahre nach dem denkbar größten Ausnahmezustand zumindest linear business as usual. Was darin gipfelt, dass Vox, wo schon mal Schindler’s Liste ohne Werbeunterbrechung zur Primetime läuft, Goodbye Deutschland mit dem rassistischen Richter Ronald Schill zeigt und Pro7 von morgens bis abends Comedy.
Falls Humor tatsächlich ist, wenn man trotzdem lacht, hätten empathische Programmplaner vielleicht die KZ-Komödie Das Leben ist schön, Charlie Chaplins Der große Diktator oder zumindest politisches Kabarett gezeigt, aber gut – es gibt ja Alternativen. Die ARD zum Beispiel startet den Tag um 15.55 Uhr mit der Übertragung des offiziellen Festaktes im Vernichtungslager und beendet ihn mit Verfolgt – Die sieben Leben des Dany Dattel, der erst Auschwitz überlebt und später an einem Bankencrash beteiligt war.
Das ZDF überträgt am Mittwoch die Gedenkstunde aus dem Bundestag und zeigt zwei Tage zuvor zwei erstaunliche Fiktionen zum Thema: um 22.15 Uhr die Erstausstrahlung One Life mit Anthony Hopkins als Judenretter im besetzten Prag, gefolgt vom Gegenwartsdrama Am Ende kommen Touristen um Hilfskräfte der polnischen Gedenkstätte aus Deutschland. Öffentlich-rechtliche Staatsauftragserfüllung eben, die in der Mediathek ihre Fortsetzung findet. Dort verhilft das Zweite Widerstandskämpfern (Nicht wie Lämmer zur Schlachtbank), Befreiern (Roadtrip 1945) oder Antisemiten (80 Jahre nach Auschwitz) zu Aufmerksamkeit.
Während sogar die Sendung mit der Maus beim Kinderkanal (Thema Stolpersteine) mehr Erinnerungsvermögen beweist als alle kommerziellen Sender zusammen, läuft der vielleicht wichtigste Beitrag (natürlich) bei Arte. Abseits vom Themenschwerpunkt, den der Kulturkanal bereits seit sechs Tagen online streamt, stellt das gefilmte Theaterstück Die Ermittlung heute (22.45 Uhr) den ersten Auschwitzprozess von 1962 nach. Damit sorgt er vier Stunden lang mit einer Vielzahl prominenter Darstellerinnen und Darsteller um Rainer Bock als Richter für ein ebenso bedrückendes, wie furioses Mahnmal der Schande deutscher Nachkriegsverdrängung.
Interessant dabei ist, dass dieses Meisterwerk im Stil von Eric Friedlers Geschichtsexperiments Aghet, wo der NDR den Völkermord der Türkei an ihrer armenischen Minderheit erzählen lässt, auch bei Wow zu sehen ist. Abgesehen vom History Channel, der Dokumentationen wie das bewegende Dachau-Porträt Heute ist das Gestern von morgen aus Überzeugung zeigt, betreibt ansonsten kein Streamingdienst sichtbares Erinnern. Der des Bezahlsenders Sky dagegen hat ein ganzes Paket geschnürt. Darunter die Erstausstrahlung Der Schatten des Kommandanten, wo Hans Jürgen Höß versucht, sich seinem Vater Rudolf anzunähern.
Als halbfiktionale Version steht der Auschwitz-Leiter (Christian Friedl) neben Gattin Hedwig (Sandra Hüller) auch im Mittelpunkt der oscarprämierten Alltagsstudie „Zone of Interest“ und spielt im Sky-Original The Tattooist of Auschwitz oder Spielbergs Schindlers Liste zumindest Nebenrollen. Im Rahmen eines erweiterten NDR-Kultur-Journals nennt ihn das Kinodrama Aus einem deutschen Leben um 22.45 Uhr zwar Franz Lang. Der Weg des Weltkriegsveteranen zum Massenmörder mit Götz George war 1977 allerdings fast körperlich spürbar. Zeitgleich weicht der BR leicht ab vom üblichen Erinnerungspfad und zeigt die Doku Kunst im Todeslager, während der MDR 35 Minuten zuvor in alter DDR-Tradition das tragikomische Ghetto-Märchen Jakob, der Lügner (CSSR, 1975) zeigt.
Und zum Abschluss noch ein Abschied: Die ZDFinfo-Reihe Auschwitz. Überleben in der Hölle sammelt Geschichten von Opfern und Tätern, deren Wege sich im Vernichtungslager kreuzen. Darunter Häftlinge, ein heimliches Liebespaar, Josef Mengele – und womöglich zum letzten Mal am Bildschirm: die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch. Auch mit fast 100 Jahren noch ein strahlendes Licht im Dunkel der Menschheit.
Nun ist es also amtlich. So amtlich zumindest, wie es in den USA aktuell sein kann: weil der Supreme Court chinesische Infiltration befürchtet, ließ er TikTok am Sonntag sperrt. Eigentlich unbefristet, faktisch aber nur bis heute, wo Donald Trump das Verbot gleich nach seiner Inauguration als Teil einer immensen Zahl präsidentieller Erlasse wieder zurücknehmen und damit weiteres Öl ins Feuer der gesellschaftlichen Zerrüttung schütten will.
Denn auch den Messenger wird der globale Rechtsruck mindestens so weit nach rechts rücken wie aktuell X oder Facebook, denen Trump-Fans wie Elon Musk und Mark Zuckerberg die Faktenchecks verbieten. Dafür sind in der Regel computerisierte Prüfverfahren zuständig, die in der Tat zuweilen mindestens ebenso bedenklich sind wie der Kniefall praktisch sämtlicher Medien- und Tech-Akteure vorm neuen Herrscher im Weißen Haus.
Nach Zeit-Recherchen, also durch Reporter*innen aus Fleisch und Blut, haben Facebook und Instagram allein zwischen Oktober 2023 und 2024 in Europa 168 Millionen Posts gelöscht, weil sie angeblich Hate Speech aller Art enthielten. Zu dumm, dass 161 Millionen davon mit vielfach absurder Begründung durch KI auf den Index kamen, weil der Mutterkonzern Meta die Arbeit echter Menschen massenhaft ersetzen ließ.
Aber gut – wie das Beispiel Katapult zeigt, sind auch die nicht vor Fehleinschätzungen gefeit. Das mecklenburgische Magazin hatte den pfiffigen Einfall, Hunderttausende von AfD-Wahlprogrammen voll volksverhetzender, demokratiefeindlicher Zitate zu verteilen. Zu dumm, dass bereits ein oberflächlicher Faktencheck diverse Fehler aufdeckte der originellen Aktion aufdeckte. Damit schoss Katapult ein ähnliches Eigentor wie die Kommission zur Ernennung vom Unwort des Jahres.
Eigentlich ein lobenswertes Ranking, gewann dieses Jahr Biodeutsch, weil der Begriff angeblich rassistisch sei. Falsch! Denn wie sein Vorvorgänger Herdpremieist er nicht diskriminierend, sondern prangert Diskriminierung an. Und damit zur einzig irgendwie angenehmen Nachricht der Medienwoche: Die sachkundig-sympathische Sportmoderatorin Esther Sedlaczek bleibt der Sportschau bis 2029 erhalten.
Die Frischwoche
20. – 26. Januar
In der ARD darüber hinaus aktuell sehenswert, ist etwa die Fortsetzung von Tokyo Vice über einen US-Amerikaner, der es nach realem Vorbild zum Reporter der größten Zeitung Japans brachte und uns in einer herausragenden Serie die Lebensart des fernöstlichen Landes näherbringt. Neu ist dagegen der sechsteilige Mediatheken-Thriller The Next Level, in dem es ab Freitag um den mysteriösen Tod einer US-Touristin in Berlin geht. Und eine Serie müssen wir hier noch nachholen, weil Netflix nichts darüber verlauten ließ: American Primeval.
Regisseur Peter Berg reist darin nach Mark L. Smiths Drehbuch ins Jahr 1857, als die US-Regierung radikale Mormonen mit Waffengewalt davon abhielt, Utah zum Gottesstaat zu machen. Die Geschichte um eine Siedlerin, die mit Sohn und Scout vorm Gesetz westwärts flieht, mag in ihrer endlosen Abfolge bestialischer Zivilisationsbrüche zwar fast schon surreal brutal sein. Weil sie inklusive mehrerer Protagonisten historisch verbürgt ist, versteht man darin ein bisschen besser, warum die USA den Faschisten Donald Trump erneut wählen konnte.
Komplett fiktionale und dennoch tief in der Realität verwurzelt ist dagegen die Apple-Serie Prime Target. Ab Mittwoch versuchen Geheimdienste einen Cambridge-Studenten davon abzuhalten, das Rätsel der Primzahlen zu entschlüsseln, weil er – Obacht Verschwörungsmythos – damit die Sicherungsprogramme sämtlicher Computer knacken könnte. Das ist zwar manchmal ein bisschen plakativ, aber ungeheuer fesselnd und trotz aller Abstraktion ein bisschen realistischer als die Disney-Serie Whiskey on the Rocks.
Die persifliert parallel dazu nämlich den Kalten Krieg in einer wilden Satire und ist eher drollig als wahrhaftig. Um die Wahrheit geht es der neuen Folge 37° Leben Freitag in der ZDF-Mediathek, wo Nachkommen den Nazi in meiner Familie suchen. Bliebe noch die Disney-Serie High Potential um eine alleinerziehende Ermittlerin ab Donnerstag, und damit alles Gute für die nächsten vier Jahre Donald Trump.