Schäferkordt und die Georges

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 15.-21. Juli

Deutsches Fernsehen ist einfach toll. Private Blockbuster über Tornados, Viren oder irgendwas mit Hitler verkaufen sich weltweit blendend. Seriösere Produktionen über Berlin Berlin, Ost-Berlin Ost-Berlin oder irgendwas mit Nazis heimsen global Preise bis hin zum Oscar ein. Und heute das: RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt kriegt bei den 41. Emmy Awards in New York der International Emmy Directorate Award für besondere Verdienste um die Renditemaximierung ihres Arbeitgebers verliehen. Schäferkordts Kommentar: „Wir sind dabei, unsere Geschäfte in die digitale Welt zu transformieren und konzentrieren uns dabei auf unsere Kernkompetenz: Das Erstellen attraktiver Bewegtbildinhalte, die unser Publikum bestens unterhalten und informieren.“ Wollen wir ihre Worte doch mal kurz mit dem Programm des abgelösten Exmarktführers vergleichen, solange ihn Pro7 noch nicht überholt hat:

9.30-17.30 Uhr laufen – unterbrochen von einem Boulevardmagazin – fünf Dokusoaps, die ihr Publikum mit scheinbarer Realität für noch dümmer verkaufen, als es ohnehin gemacht wird

17.30-20.15 Uhr laufen – unterbrochen von drei Boulevardmagazinen nebst dem, was RTL so unter „Nachrichten“ versteht – drei Seifenopern mit Folgenzahlen hoch im vierstelligen Bereich

20.15-00.00 Uhr laufen – unterbrochen vom nächsten Boulevardmagazin – drei weitere Dokusoaps voller Helfer, die so tun, als würden sie ein paar Exemplaren des Stammpublikums helfen

Gediegene Unterhaltung, seriöse Informationen, Fernsehen für Anspruchsvolle. Danke, Anke! Und nächstes Jahr gibt’s den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für die 250. Wiederholung der Literaturadaptionen Harry Potters. Bei so viel Hintersinn kann man sich glatt drauf freuen, was die Filmfabrik Dreamworks ankündigt: Eine Remake von– kein Scherz! – Lassie. Den man vor 40 Jahren noch auf Röhren von Nordmende, Saba, Grundig sehen konnte, künftig aber nicht mal mehr auf Flatscreens von Loewe, der Insolvenz angemeldet hat und damit wohl Metz als letzten deutschen Fernseherhersteller hinterlässt.

Seine nötige Dosis, sagen wir: Spitzensport der Art von Fußball muss man sich bald also auf, sagen wir: koreanischen Modellen der Marke Samsung ansehen. Aber immerhin frei empfangbar. Denn da insbesondere Fußball vielerorts als Grundnahrungsmittel gilt, müssen Übertragungen laut einem Beschluss des Europäischen Gerichtshofs kostenfrei und unverschlüsselt zu sehen sein. Die Fifa hat angesichts ungehöriger Gewinnausfälle für Blatters Dunstkreis reflexhaft gemault, aber es bleibt dabei: Großereignisse von Olympia bis WM gelten quasi als Menschenrecht.

Dass da irgendwie was dran ist, belegen stattliche 7,5 Millionen Fußballfans, die an einem beliebigen Abend das deutsche Vorrundenspiel bei der Frauen-EM gegen Island im ZDF gesehen haben. So was lief früher mittags vor sechsstelligen Zuschauerzahlen. Schöne neue welt. Jetzt müssen die Berichterstatter nur noch merken, dass die sich immer weiter dreht. Dann wird ein solches Turnier irgendwann vielleicht nicht mehr mit einer Spielerin getrailert, die einen Ball in eine Waschmaschine schießt.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 22.-28. Juli

Sonst nämlich gibt es womöglich Ärger mit der womöglich modernsten Frau des deutschen Entertainments, die bildungsbürgerliche Fernsehverächter immer mal wieder mit der verstörenden Tatsache konfrontiert, dass selbst kommerzielle Comedy durchaus witzig sein kann: Anke Engelke. Um ihr Potenzial endlich auch über den Humor hinaus nutzbar zu machen, darf sie ab Samstag zur super Sendezeit um 0.15 Uhr im WDR eine „Kulturshow für Künstler, Schauspieler, Philosophe und Musiker“ namens Anke hat Zeit präsentieren. Dass ihre Gäste von Sophie Hunger über Nils Mönkemeyer oder Michael Schiefel bis Lianne La Havas der Masse eher unbekannt sein dürften und dennoch nie beim perfekten Promidinner gekocht haben, lässt Gutes erhoffen. Es braucht schließlich nicht immer große Namen, um gute Unterhaltung zu liefern.

Normalerweise. Idealerweise dagegen steht Götz George auf der Besetzungsliste. In den vergangenen 30 seiner nunmehr 75 Jahre auf Erden er schließlich vornehmlich grandiose Rollen gespielt. Zu seinem Geburtstag am Dienstag schenkt ihm die ARD tags drauf (und Arte tags zuvor) folglich ein Biopic namens George, in dem Götz seinen Vater Heinrich spielt und zwar, was sonst: ziemlich gut. Dass es inmitten der Sommerferien läuft, und dann auch noch nach einer Schimanski-Wiederholung um 21.45 Uhr, hat der Jubilar zwar heftig kritisiert, aber dafür dürfte er sich über runde zwei Wochen Dauerbeschuss mit Wiederholungen freuen, die ihn praktisch nie als Nebendarsteller führen. Samstag, um kurz vor Mitternacht zum Beispiel mit einem alten Schimanski-Tatort von 1991 im NDR, und XYZ mit einem ganzen Thementag im WDR, was irgendwie anspruchsvoller klingt, als siebeneinhalb Stunden Mario Barth, mit denen RTL am Samstagabend den Bildschirm verschmutzt.

Dann doch lieber ARD gucken, also nicht Freitag natürlich, wenn die üblichen Schnulzen mit Titeln wie Im Fluss des Lebens noch nicht mal in Erstaustrahlung laufen. Sondern auf dem Doku-Platz am Dienstag um 22.45 Uhr, wo sechs Homosexuelle den Filmemachern Ringo Rösener und Markus Stein in beeindruckender Weise schildern, wie es Unter Männern – schwul in der DDR war. Ein irgendwie noch immer eher unterbelichtetes Thema. So wie Die Lust der Männer … jenseits der 60 , was 3sat am Mittwoch die beste Sendezeit wert ist. Beide Sendungen zeigen selbstbewusst, dass man über vermeintliche Tabus laut reden muss. Fehlt nur noch der Bruch des letzten großen no-gos für Männer: schwule Fußballprofis. Weil sich da aber leider immer noch niemand outet, wird derzeit weiter und weiter und weiter und weiter über Pep Guardiola berichtet werden, bis der Ball endlich wieder läuft. Der Countdown tickt, noch knappe drei Wochen.

Leicht, lässig, locker zu überbrücken mit dem Tipp des Tages: Ab heute zeigt der BR montags und donnerstags zur Primetime den seligen Helmut Fischer als ewigen Stenz Monaco Franze aus einer Zeit vor 30 Jahren, als Fernsehen noch maßgeblich sein konnte.

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Reise: Thailand/Isaan

Eile und Weile

Thailand ist ein Land der Widersprüche. Und nirgends werden sie schöner deutlich als in der unerschlossenen Region Isaan im Nordosten, der bettelarmen, touristisch erfrischend unerschlossenen Kornkammer am Mekong.

Von Jan Freitag

Wenn Tao von Comicstars redet, klingt es selten freundlich. „Das ist doch Micky Maus“, sagt er dann mit abfälliger Geste und zeigt auf Thailands spätindustrielle Substanz: Beton. Für sie hat Tao zumeist nur Spott übrig und er spottet oft auf dieser langen Fahrt, den Mekong hinauf durch den Isaan, die gemächliche, grünschattierte, bezaubernde, urwüchsige, bettelarme Kornkammer des Landes, oben im Nordosten. Eigentlich gibt es daran wenig zu bemängeln, gäbe es da nicht die religiösen Touristenattraktionen. An ihnen lässt Tao oft kein gutes Haar.

Nicht dass er gotteslästerlich wäre oder Atheist gar, nein. Der massige Reiseleiter mit dem faustgroßen Buddha-Amulett vor der Brust ist ein zutiefst frommer Mensch, wie seine Landsleute insgesamt. Aber diese Tempelanlage in Ufernähe ist selbst für die duldsame Frohnatur zu viel. „Wie in Disneyland“, mäkelt er an den goldglänzenden Rekonstruktion des historischen Wat Phra That Phanom, das immerhin einen Brustbeinknochen des Religionsstifters beherbergen soll, herum. So wie er zuvor schon über die großstädtischen Urlaubergruppen mit ihren krächzenden Plastikmegafonen in der geheiligten Ruinenanlage Phi Mai lästerte oder über jene Klöster im staatsreligiösen Land, die sich als Herbergen hergeben – für Tagesgäste. Thailands Umgang mit Kulturdenkmälern ist in der Tat leicht pragmatisch, doch dieser Tempel an der Grenze zu Laos, der Legende nach kurz auf Buddhas Tod errichtet und spirituell höchst bedeutsam, ist seit seiner Restaurierung ein wahres Kitschinferno. Dabei hätte der Isaan solche Mätzchen gar nicht nötig.

Es ist eine der schönsten Gegenden Südasiens, touristisch noch unerschlossen, ganz anders als der Schmelztiegel Bangkok oder die endlosen Sandstrände im Süden. Gelegen auf der Khorat-Hochebene zeigt sich der sommers staubtrockene Isaan zur Regenzeit als ein Naturreservat von beeindruckender Vielfalt. Eine prall gefüllte Schatzkiste der längst vergangenen Khmerkultur zudem und ein Beleg dafür, mit welchem Tempo sich der Agrarstaat auf dem Weg in die Zukunft bewegt. Er ist feiner asphaltiert als manch deutsche Bundesstraße und wären da nicht die monsungetränkten Felder ringsum, die gemütlich kreuzenden Wasserbüffel, die sakralen Bauten – man könnte sich glatt auf einer wähnen. Das hat auch mit Tao zu tun. Im pfälzischen Restakzent eines vierjährigen Auslandsstudiums erklärt der gelernte Elektrotechniker seine alte, neue Welt und verkörpert sie gleichermaßen wie kaum ein zweiter, diese sonderbare Mischung aus Eile und Weile, Aufbruch und Tradition, aus westlichem Effizienzdenken und buddhistischer Kontemplation, aus überladenen Horden rasender Zweitakter und Betelnusskauenden Lebenskünstlern am Straßenrand.

Alles liegt dicht beieinander. Hat man die ewige Rushhour Bangkoks auch nur fünf Minuten hinter sich gelassen und fährt auf der Schnellstraße Richtung Nordosten, die amerikanische GIs 1968 zur Truppenversorgung in den Tropenwald schlugen, spürt man sofort den Ruhepuls des Landes. Nur einmal noch, in der grauen Millionenstadt Korat, dem Tor zum Isaan, wallt die Unruhe kurz auf, dann herrscht eine dunstige, arbeitsame, schwüle Gelassenheit, die nur dort unterbrochen wird, wo viele Menschen auf einem Fleck herumwuseln. Meistens sind es nur wenige. Viele, zu viele sind es in der Tempelruine Phanom Rung nahe Kambodscha, dem Auftakt der Rundfahrt. Mit ihren drachengesäumten Freitreppen gleicht sie dem berühmten Angkor Wat jenseits der Grenze und wird erst langsam zum globalen Fotomotiv. Hier merken Europäer noch, was es heißt, abgelegene Gegenden zu bereisen. Als Langnase wird man zwischen den restaurierten Mauern unversehens selbst zur Sehenswürdigkeit unter der quirligen Schar Einheimischer, die dem Heiligtum ihre Pflichtbesuche abstatten wie Moslems der Kaaba. Und mittendrin im knipsenden, plappernden Gewusel eine Schar Gläubiger, die dem Gott Wishnu im stillen Gebet Blattgold zwischen die Stierhörner reiben, als seien sie allein mit sich und der Statue. Zwei Geschwindigkeiten, auch hier, im Kleinen.

Sie begleiten den Mekong bis zur Quelle. Mal kriecht er braun und träge zum Golf, mal reißt die Strömung alles mit sich, so energisch, dass die Flüchtlinge aus dem kommunistischen Laos kaum eine Chance haben in ihren maroden Holzbooten. Es ist an Dekadenz kaum zu überbieten, den Grenzpatrouillen aus dem Edelhotel mit Pool dabei zuzusehen, wie sie das Wasser mit Scheinwerfern absuchen. Auch das ist Teil des Widerspruchgewirrs am Mekong, der Mutter aller Flüsse, wie ihn die Thai nennen. Doch noch ist übertriebener Luxus im Isaan eher Ausnahme als Regel. Wer die Tropen sucht und dafür weder Diktatur noch Turbokapitalismus ertragen möchte, wer Komfort jenseits von Backpackerrustikalität und Fünfsterneluxus will, ohne sich dabei mit devoten Dienstboten oder xenophoben Muffelköpfen zu umgeben, der wird im Isaan bestens versorgt. Die Menschen wirken aller Entbehrung zum Trotz so zufrieden, wie es westliches Anspruchsdenken nie zuließe und läge nicht das bettelarme Laos in Sichtweite, man wäre mit sich auf gediegener Fernreise völlig im Reinen.

In Chong Mek scheint es fast, als räche sich Laos beim aufstrebenden Nachbarn für diese Diskrepanz mit einem Grenzübergang, der an Hässlichkeit nicht zu überbieten ist. Vor dem gezackten Steinungetüm in Veilchenlila zeigt sich das ländliche Thailand, wenn es sich sammelt. Ein Brodem aus totem Vieh, dampfenden Garküchen, Schweiß und Gewürzen durchzieht den verwirrenden Markt des Ortes. „Taste, is good“, ruft die runzlige Verkäuferin im lindgrünen Pumaimitat und zeigt auf einen Sack Chilis. Sekunden später lacht ein Dutzend Stände; der ein oder andere mag schon probiert haben und hinterher Feuer gespuckt. Diese Fröhlichkeit, die dem Fremden selbst im abgelegensten Dorf entgegenströmt, ist sprichwörtlich für die Menschen des Isaan. So wie ihr stolzes Hilfsbedürfnis oder jene ausgeglichene Lässigkeit, mit der ein 86-jähriger Mönch von Khong Chiam den Besichtigungswünschen weit gereister Gäste in seinem unaufgeräumten Tempel nachkommt, tief im Osten, wo der Mun River den Mekong trifft. Viele Thai sind kontaktfreudig, wissbegierig, improvisationsfähig wie Samay, ein greiser Mekongkapitän, der mit seiner geschweißten Symbiose aus verschrotteter Tupolew und marodem Fischerboot Händler zur laotischen Hauptstadt schippert und unablässig redet und lacht und bohrt. Und sie sind fernsehsüchtig, gesellig, spielwütig wie Tao, der jede Info zum Quiz adelt. „Wer ist Reinkarnation Wishnus?“, fragt er auf der Fahrt zum Grenzort Nong Khai im Westen. Tao hebt stolz die Nase: „Der König!“. Galerist ist der 39-Jährige schon gewesen, Akademiker und Gastronom, ein urbaner Typ mit Bildung, Polohemd, Digicam, aber auf Gott und König, da lässt er nichts kommen. Das ist hier gute Sitte und Bürgerpflicht.

Das Reich erinnert an eine geografische Frau im Spiegel. Bhumipol, der weltweit dienstälteste Monarch, prangt samt Familie an Gangways, Kreuzungen und Brücken, in Fluren, Schlafzimmern und Büros, stets in Regenbogenfarben, überlebensgroß. Und dazwischen die lokale Spielart des Gartenzwergs: bonbonfarbene Miniaturtempel vor jeder Haustür. Wie gesagt: Thailand ist Kitschland, nur hat der Kitsch hier Tradition, seit die Khmer den Isaan vor 900 Jahren mit Tempeln pflasterten, deren Erhalt nun mit Goldfarbe, Beton und Nippeshandel betrieben wird. Der Rückweg gen Süden treibt ihn nochmals zu unfassbarer Blüte: im Skulpturenpark von Wat Khaek unweit der imposanten Bergwelt rings um Loei, wo man die Götter vor 30 Jahren zu Dutzenden in turmhohe Betonskulpturen gegossen hat. Darunter verblasst selbst die absurdeste Eigenart thailändischer Gastlichkeit: Crazy Busses, quietschbunt besprühte Doppeldecker, in denen Karaoke gesungen wird wie überall im Land. Bei schalem Bier, die Boxen nach draußen gerichtet, am Mittwochmorgen. Ein paar Kilometer zuvor, wo sich die Hochebene vom Mekong trennt, fragte ein Bauer, ob die deutschen Besucher Japaner seien. Im Isaan, so scheint es, wäre selbst Micky Maus einfach nur ein Fremder.

Anreise

LTU fliegt sechsmal die Woche nonstop ab Düsseldorf sowie dreimal ab Berlin und München nach Bangkok. Der Preis in der Economy-Class beträgt ab 249 Euro pro Flug inklusive aller Gebühren. Von Bangkok in den Isaan reist man individuell günstig per Mietwagen. Der Berliner Reiseveranstalter Geoplan Touristik GmbH organisiert zudem Rundreisen in den Nordosten.

Info: www.geoplan-reisen.de; www.thailandtourismus.de


Oliver Pocher: Sichtbares Moderations-Nichts

471px-Oliver-Pocher-fotoIn der Messlattenfalle

Sind das etwa Pubertätspickel? Foto: http://www.promiflash.de

Oliver Pochers Humor an dem begabter Komiker zu messen ist ähnlich unfair, wie Wolkenkratzer mit Wellblechhütten zu vergleichen. Besser, man misst ihn an seinen eigenen Ansprüchen, die er in Deppenformaten von Pro7 ebenso klar unterlaufen darf wie an der Seite von Harald Schmidt, als Talkgast bei Günther Jauch, Sidekick der Sportschau oder morgen (19. Juli, 20.15 Uhr) als Moderator von Der große SAT.1-Führerschein-Test 2013. Ein unvollständiges Protokoll des Scheiterns.

Von Jan Freitag

Wer wissen will, wie Fernseh-Comedy funktioniert und scheitert zugleich, muss sich nur eine unlängst vergangene Fußball-EM ins Gedächtnis rufen. Nach Live-Spielen der ARD versuchte Oliver Pocher, den Turnierverlauf humoristisch zu begleiten und es misslang ihm so herzlich, dass man darüber eigentlich schweigen sollte. Den Krawallkomödianten zu verreißen, hat bis auf Bild und Pro7 schließlich jeder längst getan, nicht selten im Tonfall abendländischer Untergangsphantasien: Oli, der Totengräber deutscher Hochkultur, Oli, der Beleg ethischer Verwahrlosung des Privatfernsehens, Oli, die Bankrotterklärung öffentlich-rechtlichen Relevanzbestrebens. Es ist en vogue, auf den kleinen Niedersachsen mit der großen Klappe rumzuhacken.

Wenn der unflätige Exsidekick Harald Schmidts also heute mal wieder irgendwas Sinnloses mit Promis moderieren darf, sollte man ihn also weniger an objektiven Ansprüchen messen als den eigenen: Konventionen sprengen, ohne sich zu schonen; auf den Putz hauen, ohne Schamgefühle zu entwickeln; schlagfertig sein, ohne zu zögern; juvenil eben, nicht infantil. Keine kabarettistischen Tugenden zwar, aber Indizes eines Humors, der Mario Barth Olympiastadien füllen hilft und ein paar Gleichgesinnte immerhin die Bankkonten. Nur: Barth findet tatsächlich witzig, wer latent frauenfeindlich tickt. Bully Herbig, wer auf Tuntenparodien steht. Den Maddin, wem Grimassenhumor liegt. Selbst Gaby Köster amüsiert jene, die Mundart als Selbstzweck sehen. Und Oli? Der ist laut.

Zumindest, solange man ihn unbehelligt lässt. Wem seine Beißbereitschaft, die gandenlose Hemmungslosigkeit bis zur vollständigen Selbstentblößung fehlen, kann ihm kein Paroli bieten, nicht vor laufender Kamera. Ansonsten sieht Pocher blass aus. Man kann es ein Dilemma nennen, wenn jemand die Messlatte hochlegt und dann ständig reißt. Aber er steckt in einer Menge Dilemmata. In Fallen, die er sich selbst stellt. Hier ist eine Auswahl:

Die Dreistigkeitsfalle

Wird jemand obszöner als er, verstummt Oliver Pocher. Als Lady Bitch Ray ihn mit vaginalen Sudelwortattacken zur Late-Night attackiert, schweigt der Frechdachs seine Unterlegenheit in Sachen Krawallhumor einfach aus und errötet wie ein Schulbub. Besser ist Pocher, wenn er einer Journalistin auf einer Pressekonferenz den USB-Stick aus dem Computer zieht und eine burschikose PR-Dame öffentlich auslacht. Aber wehe dem, der seine Arbeit kritisiert – ihm kommt der Oli gleich klassistisch: Wer sein Gegröle nicht mag, ist ein elitärer Spaßverächter. Austeilen ist seine große Stärke, Einstecken weniger.

Die Schlagfertigkeitsfalle

Charlotte Roche sagt ebenfalls in der ARD, mit ihrem Buch Feuchtgebiete habe sie „Muschis für Pocher und Hämmorhoiden für Schmidt“ liefern wollen. Die Retourkutsche überlässt Oli einem Harald in schlagfertiger Hochform („den Titel wollten wir für die Sendung, aber da saßen Marianne und Michael schon drauf“); Oli selbst, der Stand-up-Praktikant, wie ihn die taz nennt, stammelt nur zustimmend.

Die Konfrontationsfalle

Als Mark Medlock ihm bei einer Preis-Verleihung auf Viva im Frühling zubrüllt, er sei nicht sein Geschmack, „aber hör in Zukunft auf mit deinen Scheißschwulenwitzen“, tut Oli beharrlich, als hätte er ihn akustisch nicht verstanden, um sodann eine homophobe Zote zu reißen. Niederlage nach Punkten gegen einen Kurzzeitpromi, der eigentlich auf gleicher Wellenlänge funkt („zum Abspritze geil“). Wenn Mangel an menschlicher Größe auf Selbstüberschätzung trifft…

Die Vorbildfalle

Oliver Pocher spielt sein Vorbild Otto Waalkes bei dessen Geburtstagsgala auf RTL nach und schafft es, der Sketch-Kopie nicht eine persönliche Note hinzuzufügen. Bei anderen hieße das vielleicht Respekt, bei ihm nur Tiefenschärfedefizit.

Die Persiflagefalle

Im deutschen Nationalteam kann Oli ausschließlich Kevin Kuranyi persiflieren, weil der Bartträger ist und lispelt. Jürgen Knopp kann er auch – indem er beim Torjubel wild herumhüpft. Versucht er sich an konturärmeren Charakteren wie Jogi Löw, sagt selbst sein Intimus Harald Schmidt, das sei erbärmlich und beweist durch beharrlich entsetztes Dreinblicken, dass er sich Pocher nur in die Show geholt hat, um bei untergehender Sonne der Kultur einen längeren Schatten zu werfen.

Die Zielgruppenfalle

In seinem EM-Schunkellied Bringt ihn heim fällt ihm nichts Besseres als Zeilen ein wie „Bitte lieber Fußballgott/lass uns heute nicht im Stiiich/denn wir wollen den Pokal/alles andere wollen wir niiicht“. Da beweist ein Xavier Naidoo mehr Esprit im Umgang mit dem plebejischen Thema. Immerhin reicht es für Platz 8 der Pöbelcharts und satte Tantiemen.

Die Kontinuitätsfalle

In der Bayern-WG, bei EM-Pocher und zwischendurch gar in der Sportschau erhält er die Chance, eine Art komödiantischer Kontinuität zu entwickeln. Ergebnis: Oli simuliert den Franzosen Ribéry mit bulgarischem Akzent, läuft gegen Laternen, brüllt verschreckte Kind mundtot und ruft unablässig Ohhh. Oder er erklärt als eine Art Lukas Podolski den Kölner Geißbock für schwul. Der Rest ist – Rumgrölen.

Die Relevanzfalle

Als Oliver Pocher kürzlich die erstaunliche Ehre zuteil wurde, sich in der Talkshow Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß zu äußern, wozu ihn mangels Fußballsachverstand einzig die Moderation stupider Privatfernsehcastings für Amateurkicker qualifizierte, offenbarte er seine Inkompetenz mit entwaffnend schlichten Antworten wie „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen, aber ich würde sagen…“ – worauf er dann doch lieber nichts sagte. Nichts jedenfalls von Belang für die spannende Debatte.

Soviel zur Bestandsaufnahme. Der gut verdienende Komödiant Oliver Pocher ist ein selbsterklärter Christ und ausgebildeter Versicherungskaufmann von 35 Jahren aus Hannover, ein sympathischer Kerl mit etwas jungen, aber oft hübschen Freundinnen, ein eloquenter Entertainer für Bravo-Shows, also durchaus geeignet für eine Beamtenlaufbahn im Comedybiz. Jetzt warten wir nur noch auf die erste echte Pointe, auf einen Witz, auf Esprit, Charme oder wenigstens gute Unterhaltung. Es lohnt sich, der Oli hat Talent. Und er ist ja noch jung.


Andrea Sawatzki, Hamburg 2010

399px-Andrea_Sawatzki_Berlinale_2010Jetzt geht es erst richtig los!

Andrea Sawatzki 2010 auf der Berlinale. Foto: Siebbi

Andrea Sawatzki ist eine unfassbare Erscheinung, mit gewaltigem Lächeln im sommersprossigen Gesicht begrüßt einen die bayerische Schauspielerin zum Interview und unglaublicher als ihre Erscheinung ist nur noch die Tatsache, dass sie schon 50 ist. In Doris Dörries brillanter Serie Klimawechsel ist Andrea Sawatzki allerdings anders als in der Realität in den Wechseljahren. Was sie von denen so erwartet und wie die Vorbereitungen aussehen, erzählte Andrea Sawatzki vor drei Jahren zu der Serie, die ab Freitag, 21.45 Uhr, endlich bei Arte wiederholt wird

Frau Sawatzki, mein erster Gedanke beim Anblick von Klimawechsel war: Oh Gott, sind die Wechseljahre wirklich so furchtbar?

Andrea Sawatzki: Aus eigener Erfahrung kann ich das noch nicht beurteilen. Nach allem, was man so von Betroffenen hört, scheint es tatsächlich ziemlich schlimm zu sein. Aber wie die Serie das Thema angeht, ist es natürlich schon ein wenig überspitzt. Zumal es sich darin durchweg um Frauen handelt, die sich auch sonst im Leben verschlossen haben, die zu sehr in der äußeren Welt leben, ihre innere also vernachlässigt haben. Die für diese schwere Zeit der Umstellung also nicht ausreichend vorbereitet sind.

Sind Sie vorbereitet?

Witzigerweise habe ich mich vor dieser Serie überhaupt noch nicht mit den Wechseljahren beschäftigt und selbst als sie mir angetragen wurde nur deshalb zugesagt, weil Doris Dörrie Regie führte. Beim Lesen des Drehbuchs war ich dann umso gespannter und wurde tatsächlich erst dadurch darauf gestoßen, ja gar nicht mehr soweit davon entfernt zu sein (lacht). Deshalb beginne ich aber jetzt nicht gleich mit den Vorbereitungen. Die Serie sagt mir ja ein bisschen, was mich erwartet.

Und Ihr Rezept?

Besteht wohl in einer Art Rückbesinnung, durch welche Höhen und Tiefen man gegangen ist bis zu diesem Zeitpunkt. Und wenn ich mir meine Erfolge und Rückschläge so vor Augen halte, bin ich im Alter von 47 so glücklich wie nie zuvor. Weil ich durch das Alter viel gelassener bin als mit 20 oder 30. Da denke ich, es kann sogar nur noch besser werden, egal, ob ich bald oder später in die Wechseljahre komme. Das kann mich nicht erschüttern.

Und andere? Schürt die Serie durch die Groteske, die alle Protagonistinnen durchlaufen, nicht auch Ängste davor?

Nein, nein. Ich glaube dem beugt der Humor darin vor. Er sorgt dafür, dass sich Betroffene eher ein bisschen getröstet fühlen. Und weil er zugleich auf einer gewissen Traurigkeit basiert, muss sich keine Zuschauerin allein fühlen mit dem, was in ihr grad passiert. Das macht ja eher Mut als Angst. Außerdem wird keine der Frauen im Film denunziert, jede versucht in ihrem egoistischen Wahnsinn über diese Zeit irgendwie hinwegzukommen, ohne genau zu wissen, was danach passiert. Durch meine vielen Gespräche mit Frauen in diesem Alter, habe ich nun sogar das Gefühl, dass diese Serie zum Sprechen ermuntert und das Tabu bricht.

Ist es denn noch eins?

Ich glaube schon. Viele Frauen fühlen sich unwohl, wenn sie sagen, sie seien in den Wechseljahren. Die empfinden das als Defizit, und das finde ich schade, weil die Wechseljahre ja auch die Grenze einer zurückliegenden Zeit darstellen, die man aus neuer Perspektive betrachten kann. Sicher – wir können dann keine Kinder mehr kriegen, aber das ist doch fast das Einzige.

Und wer will das noch mit Mitte 50…

Ganz genau. Witzigerweise war ja die Menstruation, also quasi das Gegenteil, auch mal tabuisiert.

Ist das Fernsehen erst jetzt reif, beides zu thematisieren?

Es ist zumindest mal an der Zeit. Auch den Frauen zu sagen: Jetzt geht es erst richtig los! Es geht eben nicht mehr darum, einen tollen Körper zu haben, um von Männern angehimmelt zu werden. Je älter man ist, desto stressfreier wird unser Leben, weil wir eben nicht mehr so aufs Äußere reduziert werden. Wobei – viele reduzieren sich ja selbst auf Schönheitsideale. Den meisten Männern sind die egal, wenn man sie fragt.

Und das glauben Sie?

Tja (lacht). Ich kaufe ihnen ab, dass sie es tatsächlich schön finden, morgens neben einer ungeschminkten Frau aufzuwachen, die womöglich nur sie selbst so sehen können. Diese Intimität, die Tiefe, finden Männer oft viel spannender als Perfektion. Insofern entspannt das Alter. Man macht Bekanntschaften mit Männern, die an einem selbst interessiert sind und Erfahrungen austauschen wollen. Diese Reife setzt ein gewisses Alter voraus.

Nun dürften einige Frauen da draußen sagen: Frau Sawatzki hat ja auch leicht reden, mit Ihrem Äußeren.

Das weiß ich nicht, aber ich habe diesen gelassenen Blick auf meinen Körper auch erst jetzt. Mit 30 war ich geradezu perfektionistisch. Ich habe wahnsinnig viel Sport getrieben zum Beispiel…

Bis hin zur Erwägung gezogen, sich körperlich zu modellieren?

Nicht über Schönheitschirurgie, aber der Schlankheitswahn hatte mich zeitweise voll im Griff. Ich hatte einfach zu wenig Selbstbewusstsein, aber viele Selbstzweifel. Je älter ich werde, desto besser kann ich mich akzeptieren, mögen, desto zufriedener bin ich mit mir. Ich treibe noch immer Sport, aber in Maßen, weil nicht mehr dieser Zwang dahinter steht. Ich bin belastbarer als früher.

Und freizügiger, so scheint es. In Ihren letzten Rollen abseits vom Tatort wie dieser agieren Sie geradezu offenherzig.

Ich hatte damit noch nie ein Problem, weil ich Figuren verkörpere, die eben offenherzig sind und das nicht nur für irgendeinen Voyeurismus inszenieren. In Entführt etwa war ich eine Frau, die absolut schamlos ist und den Körper bewusst einsetzt. Da wäre es falsch gewesen, das nur anzudeuten. Das ist Teil meiner Schauspielerei.

Sie haben da keinen exhibitionistischen Hang?

Nein. Alles, wie es die Rolle vorgibt. Meine Desiree läuft in Klimawechsel irgendwann nur noch mit Männerunterhosen rum und hat schon deshalb überhaupt kein Problem mit ihrem Körper, weil ihr dazu schlicht die Zeit fehlt und die Kraft.

Bieten einem Produzenten mehr freizügige Rollen an, wenn man sie mal gespielt hat?

Gar nicht. So viele Rollen sind es im Fernsehen generell nicht, die auf Kleidung verzichten. Es ist alles eine Frage des Umgangs mit sich, dem Beruf, der Öffentlichkeit.

Auch der ist bei Ihnen eher aufgeschlossen. Mit Ihrem Mann Christian Berkel erwecken Sie nie den Eindruck, rote Teppiche und Kameras zu meiden.

Wenn man sich dort befindet, ist man als öffentliche Person verpflichtet, die Erwartungen an sie im bestimmten Rahmen zu erfüllen. Sonst sollte man sich von roten Teppichen fern halten. Umso mehr ziehen wir uns privat zurück. Da haben wir unseren kleinen Freundeskreis und igeln uns schon mal ein. In der Öffentlichkeit tun wir das nicht.

Haben Sie das mal versucht und bemerkt, dass das nicht funktioniert?

Ja. Deshalb gibt es Veranstaltungen, die wir meiden. Und eine Homestory lasse ich von mir nicht machen, das ist zu privat. Auch meine Kinder werden niemals Teil der Medien sein.

Gab es da je Druck auf Sie?

Das wird akzeptiert. Wenn man als Schauspieler allerdings den ersten Schritt macht und zu viel von sich preisgibt, gibt man dem Boulevard ein Signal, das schwer zu revidieren ist. Das haben wir nie ausgesandt.

Wenn man Sie und Ihren Mann als Glamour-Paar bezeichnet – was sagen Sie da?

Dass das ein bisschen dick aufgetragen ist. Wir sind ein gutes Paar, wir passen zusammen. Ich finde, wir sind eine tolle Familie, ein bisschen verrückt, aber total geerdet.

Interview: Jan Freitag

Freitagsgebetsmühle

fragezeichen_1_Wann immer der Orient in Film und Fernsehen fiktional ins Bild rückt, ruft garantiert gleich der Muezzin, als hätte der nur auf die Kamera gewartet. Merkwürdig

Es gab mal Zeiten, da wurde an Wochenenden nur in Ausnahmefällen Filme gedreht. Als die Fünftagewoche noch galt, vor Urzeiten also, war Arbeitnehmerschutz eben stärker als jede Regieanweisung. Umso bemerkenswerter, dass sich die Arbeitszeiten am Drehort Orient auf wenige Minuten pro Tag beschränkt – zu Sonnenauf- und -untergang nämlich. Den Eindruck erwecken zumindest sämtliche Szenen, die in muslimischer Umgebung spielen. Sobald die Kamera dort draufhält, ruft garantiert der Muezzin vom Minarett. Merkwürdig.

Aber auch verständlich. Denn ob Kinoklassiker oder ZDF-Schnulze, James Bond oder ARD-Kommissar – der Zuschauer soll nicht nur sofort wissen, wo er sich gerade befindet, um ihn gar nicht erst zum Nachdenken zu bringen, was vom Impulsgewitter des Mainstreamfernsehens nur ablenkt; nein – er soll auch gleich mal spüren, mit wem er es zu tun hat. Den Guten, den Bösen, Gefahren, Geborgenheit. Und dafür eignet sich wenig besser als religiöse Symbole. Wenn folglich Allahu Akbar über die Szene weht, weiß das Publikum: oha, aufgepasst, hier wird’s heikel. Die Kirchglocken überm Alpendorf dagegen symbolisieren: Heile Welt. Das Schlimmste aber ist die Abwesenheit von Religion. Das heißt Atheismus. Nicht nur für den öffentlich-rechtlichen Stammzuschauer also: die Hölle.


Spiegelkunde und Retrospektiven

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 8.-14. Juli

Er hat es schon wieder getan, er tut es zwanghaft, und er braucht dafür nicht mal mehr den preußischen Großgrundverweser Stefan Aust: In gewohnt eindimensionaler Grundregelverletzung ethisch fundierten Journalismus schoss der einst (kein Scherz!) linksliberale, dabei oft polemische, aber selten einfältige Spiegel alternativer Stromerzeugung abermals in den Rücken. Das tun die Meinungshenker aus der Hamburger Speicherstadt zwar seit Jahren notorisch, als professionelles Hobby quasi, diesmal indes hat es die Lobbyarbeit zum Wohle der wohlhabenderen Klientel unterm Titel Aufstand in der Rotorsteppe auf die Spitze getrieben: Wuchtige 79 Formulierungen im fünfseitigen Frontalangriff auf die Energiewende attackieren die Windkraft als „Verhunzung“ … „touristisch wertvoller Gegenden“ durch „dreiarmige Banditen“ einer „gemästeten“ … „Kaste“ … „aufgeblähter Firmen“, die „anmutige Bergpanoramen“ mittels „Monstertrucks“ voller „Vögelschredder“ zu „seelenlosen Fluren“ … „verpargeln“, bis „Schallopfer mit leeren Augen“ für deren Kohle „Verzwergungsgefühle“ erleiden, die „gemästeten“ … „Stromzockern“ ihren „Riesenschwindel“ finanzieren helfen. Fazit: „Deutschland dreht durch.“

Dass Matthias Schulz, willfähriger Hofberichterstatter von „700 Bürgerinitiativen“, seine Kamprosa wider die Nachhaltigkeit bisweilen in Zitate verpackt und immerhin einmal die Nachhaltigkeit von (Braun-)Kohle und Atomstrom zumindest sanft in Frage stellt, ändert nichts daran, dass der Spiegel wohlwollend formuliert Kritik nur um der Kritik Willen verbreitet, negativ formuliert jedoch bloß meistbietend Partikularinteressen verhökert.

Das nächste Alphamännchen an der Redaktionsspitze muss also gar nicht – was da nur folgerichtig wäre – Kai Diekmann heißen, um ihr von Herzen zu wünschen, einen Großteil der aktuellen Verluste am Printmarkt zu tragen. Dummerweise aber leiden überregionale Zeitungen mit Niveau und regionale mit dem Rücken zur Wand weit mehr unter der Lesekrise als die profitablen Ethikverächter vom Spiegel. Wobei die Lesekrise ja eigentlich gar keine ist. Zurzeit werden nämlich mehr Presseprodukte gelesen denn je, selbst digital natives greifen regelmäßig zu tagesaktuellen Druckerzeugnissen. Krisis? What Krisis? Absatzkrisis, logo! Anzeigenkrisis, das auch! Aber eben keine Akzeptanzkrisis.

Mal abgesehen vom Fernsehen, versteht sich, das kanalübergreifend von fast allen auf den Deckel kriegt, besonders ARD und ZDF. Da können beide noch so eifrig RTL-Gesichter von Christian Rach bis Inka Bause abwerben – Idioten meiden das Öffentlich-Rechtliche, weil es zu klug ist, Intellektuelle, weil es zu blöd ist, der Rest dazwischen ist – laut Pass oder Gemütszustand – weit über 60 und wird grundversorgt mit Formaten wie Deutschlands größte Grillshow aus einer westfälischen Tennishalle, in der die sehr süße, sehr blonde, sehr visuelle Moderatorin Mirja Weichselbraun den inhaltserstarrten Aberwitz einer Sendung voll der üblichen Promis von Matthias Steiner über Sonya Kraus bis Laferlichterleckmich den einzig klugen Satz des Samstagabends im Zweiten sprach: „Wurst mit Fleisch – wer hat denn solche Ideen?“. Tja, wer bloß…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 15.-21. Juli

… sicher dieselben Programmmacher, denen das nächste gebührenfinanzierte Samstagsinferno aus Verstehen Sie Spaß? und Rette die Million! flatulenzgleich entfahren ist. Formate, deren Untertitel darauf verweisen, wie tief ARZDF im Rektum der Saisonzwänge stecken: Best-of beziehungsweise Das Prominentenspecial. Da die einschlägigen Kanäle im Sommerloch offenbar noch unfähiger sind, auch nur den Hauch gediegener Showunterhaltung zu liefern, bleibt also nur ein Blick auf die Retorte, genauer: Spielfilme und Serien, noch genauer: Adaptionen nebst Wiederholungen.

Das Sommerkino etwa zeigt da wie jedes Jahr, dass das Erste – zumindest in der Ferienzeit – durchaus bereit ist, gutem fiktionalen Fernsehen auch gute Sendeplätze zu bieten: Den Auftakt der sechsteiligen Kinoreihe am Bildschirm macht schließlich die TV-Premiere von The King’s Speech, während zeitgleich im ZDF der grandios groteske Küstenthriller Mörder auf Amrum von 2010 mit dem grotesk grandiosen Hinnerk Schönemann läuft, den zu verpassen für Krimianbeter fast schon ein Sakrileg wäre. Noch älter, noch grotesker, dabei aber noch grandioser ist (ebenfalls um 20.15 Uhr) Luis Bunuels Frühwerk Der diskrete Charme der Bourgeoisie, der den ethischen Verfall des reichsten Zehntels in eine filmische Form gegossen hat, die heute fast zeitgemäßer ist als 1972.

Und weil Wiederholen im Sommerloch nicht gestohlen, sondern geboten scheint, angesichts urlaubsbedingter Abwesenheit vorm heimischen Flatscreen, sei auch noch auf eine der wunderbarsten deutschsprachigen Serien der vergangenen Jahre hingewiesen: Klimawechsel, ab Freitag (21.45 Uhr) auf Arte, Doris Dörries aberwitzige Liebeserklärung an die Menopause und all jene, die von ihr heiß erwischt werden. Nicht aber, aber doch vergleichsweise witzig ist dagegen die NDR-Comedy Krude TV, in der angeblich regionaltypischer Humor verabreicht wird, der zwar manchmal wirklich lustig ist, leider jedoch freitags um Mitternacht läuft. Mitternacht.

Kein Wunder, denn zur Hauptsendezeit herrscht wie gesagt die Retrospektive. Mit Mark Wahlberg als The Fighter zum Beispiel, der Sonntag auf Pro7 als Boxer zwischen Visionen und Vergangenheitsbewältigung zeigt, wie gut unterschätzte Schauspieler sein können, wenn sie passende Drehbücher kriegen. So wie eine gewisse Pam Grier: In den Siebzigern eine Ikone des anspruchsvollen B-Movie, gab ihr Quentin Tarrantino 1997 die Hauptrolle in Jackie Brown, zu sehen zeitgleich auf Arte. Wiederholung deluxe, könnte man sagen, und sie macht eine weniger schöne in Dauerschleife erträglicher: Die unablässige Beweihräucherung Pep Guardiolas auf allen, wirklich allen Kanälen. Selbst die eher unsportliche Zeit widmet dem neuen Bayern-Trainer ja ganze Dossiers. Alles zur Überbrückung der fußballfreien Phase, bis die Bundesliga am 8. August aktiv in die Sportschau zurückkehrt. Wir zählen die Tage, bis TV-Unterhaltung, nun ja, kaum besser wird, aber irgendwie weniger repititv. Am Ende nerven Sommerpausen eben doch. Der Countdown läuft.


Reportage: Schanzenwasserturmhotel

Zu Gast bei Feinden

Genau sechs Jahre ist es her, dass im denkmalgeschützten Wasserturm am Rande des Hamburger Schanzenviertels ein Luxushotel eröffnet hat. Einer der ersten Gäste war ausgerechnet freitagsmedien-Reporter Jan Freitag, der zuvor gegen den Bau demonstriert hatte. Heute ist der Widerstand längst verebbt, nicht aber jene Gentrifizierung, die viele Projektgegner auch dank des H2Otels im Krisenjahr 2007 befürchtet hatten.

Von Jan Freitag

Die lassen mich gar nicht erst rein. Als ich vor der Tiefgarage warte, kriecht leiser Verfolgungswahn in mich hinein. Schließlich stand ich ganz in der Nähe gepanzerten Polizeireihen gegenüber, als das schönste Industriedenkmal Hamburgs zum umstrittensten Hotelprojekt der Republik wuchs: Dem Mövenpick im Schanzenpark. Sie sollten es schützen, Tag für Tag, vor mir und anderen Demonstranten. Das war Anfang 2005, beim Baubeginn.

Und nun sitze ich im billigen Kleinwagen vor der fertigen Nobelherberge und zögere, als mich eine Frauenstimme durchs Mikrofon hereinflötet. Ich glaube, erkannt zu werden. Überall. Zwischen parkenden BMW-Limousinen, im kahlen Treppenhaus, auf dem Weg zur Rezeption, beim Feind. Welch ein Unsinn, aber im linksalternativen Schanzenviertel herrscht diffuses Misstrauen, seit die Investoren vor zehn Jahren zugaben, was jeder ahnte: Der Wasserturm, in Teilen 140 Jahre alt, im Ganzen seit 1961 ungenutzt, erhält kein Mischkonzept aus Arbeit und Gemeinnutz wie vereinbart, sondern vier Sterne. Und das inmitten der letzten größeren Grünanlage vor Ort.

Sie wirkt ferner denn je, als ich ein langes Förderband vom Souterrain zur Empfangshalle empor gleite. Ich bin drin, in der „Höhle des Möven“, wie Gegner spotten. Es tropft aus verborgenen Boxen, die akustische Untermalung dessen, was denkmalschützerisches Minimum und atmosphärisch stimmig ist. Unter pyramidenförmigen Lichtschächten dominieren Wasserkunst und Wellenformen aus der Ursuppe des Turms, Fotos all seiner Epochen, Reservate früherer Bausubstanz. Ein Schiffshorn dröhnt – maritimes Flair sells, gerade an der Waterkant.

Auch wenn die Erkenntnis schmerzt: das Hotel ist von kühner Schönheit. Kreuzgangartig führt das Klinkergemäuer zu den Liften. Sein meterdickes Betonfundament wurde nur durchbrochen, nicht beseitigt, nicht überall. Der Stil ist schlicht, Typ Design-Hotel, die höchste Kategorie Kunst am Gasthofbau. Vielleicht wäre elitär treffender. Nebenan steht das Wort für Strukturwandel, sozialen Kahlschlag und Vertreibung.

Dagegen geht ein „Netzwerk zum Erhalt des Schanzenparks“ vor, zusammen mit Anwohnern, Sympathisanten, Autonomen, mit Leuten wie mir, friedfertigen und gewalttätigen. Der Turm ist das Ziel. Abseits der Demos gab es 15 Anschläge, mit Steinen, Farbe, Bolzenschneider. Der Staatsschutz ermittelte gegen eine „kriminelle Vereinigung“, erfolglos. Kein Wunder, dass der erste Gast einzog, als sich der Protest vor Jahresfrist einem anderen Luxushotel widmete: in Heiligendamm. Die Eröffnungsparty fiel trotzdem aus.

Kathrin Wirth-Ueberschär lächelt, das ist ihr Job. „Soft Openings“ statt grandioser Premierenpartys seien durchaus üblich, sagt die Hotelsprecherin. Im blumigen Kostüm verkauft sie die Investition von rund 50 Million Euro als Gewinn für alle und alle seien eingeladen, den 60-Meter-Koloss zu betreten. Natürlich nicht die 17 Wohnetagen, hinauf zur Turmsuite. Es sei denn, man hat 990 Euro übrig. Und eine Chipkarte, ohne die der Fahrstuhl gar nicht erst startet. Aber das Restaurant, die Lobby, eine Bar seien öffentlich. „Wir wollen gute Nachbarn sein.“ Ärger schreckt Kunden ab wie der Bauzaun zur ebenerdigen Hotelterrasse.

Mittlerweile ist er weg und wir glauben mal, dass ich auch im Kapuzenpulli mit rotschwarzem Stern rein gekommen wäre, nicht termingerecht im gediegenen Zweiteiler. Anzugträger sind es jedenfalls nicht, die polizeiliche Platzverweise erhalten, viele Hundert bereits, noch immer. Frau Wirth-Ueberschär lächelt: „Da müssen Sie das Bezirksamt fragen.“ Und der Investor zahle ja eine Million an soziale Initiativen, eine Art finanzielle Ausgleichspflanzung für die Privatnutzung öffentlichen Raums, den sogar Gerichte beanstanden. Selbst im Viertel gibt es Rückhalt fürs Projekt, und tragfähige Alternativen fallen auch mir nicht ein, nur Zuschussgeschäfte, doch davon hält der wirtschaftsliberale Senat [damals: Schwarz-Schill] herzlich wenig.

Soziale Teilnutzung, wie mit jenem Architekten vereinbart, der den städtischen Besitz 1990 für eine Mark kaufte? Wohnraum? Leerstand, vulgo: Verfall? Ein Luxushotel mag ja ethisch bedenklich sein, betriebswirtschaftlich war es das nie, zumal Büros für Broker oder Werber kaum besser gepasst hätten. Ein idyllischerer Standort für Sternehäuser ist dagegen zwischen City, Szene, Messe undenkbar. Durch mein Gaubenfenster im 14. Stock kann ich ihn überblicken.

Von oben sind die Sorgen da unten kleiner und die Polizei unsichtbar. Wo sie unablässig patrouilliert, habe ich oft gelegen. Dort spielte das Viertel Frisbee, ein Freiluftkino Filme, das Leben im Freien. Jetzt scheinen Grillfeste am Fuße eines Hotels mit beheizten Geländern und Lifestylemagazinen auf 226 Zimmern, die Gucci-Gartenschaufelsets für 700 Euro anbieten, nicht nur mir utopisch. Die Betreiber vermarkten das Nebeneinander indes als PR-Gag wie den Park, ihren Garten. Das Alleinstellungsmerkmal liegt nicht im Service, der Sauna oder gediegenen Möbeln, es steckt in den drei A: Ambiente, Ausblick, Aggression. Die Gegner sagen: der Nutzung; die Nutzer sagen: ihrer Gegner.

Als mich tief in der Nacht ein Lautsprecher auffordert, das Hotel sofort zu verlassen, denke ich an sie. Ein Anschlag? „Es gibt ja viele, die das Hotel hier nicht wollen“, murmelt ein Evakuierter im Park und sieht zum Gebüsch. Auch ich erwarte irgendwie, dass gleich einer raus hüpft und mich beschimpft. Schlimmer: erkennt. Als Gast eines Hotels, das ich ästhetisch zwar durchaus zu schätzen weiß, strukturell aber ablehne.

So bin ich doch froh, bald wieder ins Bett zu dürfen. Es war bloß Feueralarm, ein falscher dazu. Gar nichts los also. Die noble Eleganz meines Zimmers wirkt nach der Rückkehr allerdings noch schizophrener als zuvor. Beim Duschen mit Blick über Hamburg denke ich an Wasserwerfer, die uns fixiert haben, damals, im Januar. „Das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, steht in die Glastür zum Fitnessstudio graviert, „ist die Erinnerung“. Kunst kann so wahr sein.