Andrea Sawatzki, Hamburg 2010

399px-Andrea_Sawatzki_Berlinale_2010Jetzt geht es erst richtig los!

Andrea Sawatzki 2010 auf der Berlinale. Foto: Siebbi

Andrea Sawatzki ist eine unfassbare Erscheinung, mit gewaltigem Lächeln im sommersprossigen Gesicht begrüßt einen die bayerische Schauspielerin zum Interview und unglaublicher als ihre Erscheinung ist nur noch die Tatsache, dass sie schon 50 ist. In Doris Dörries brillanter Serie Klimawechsel ist Andrea Sawatzki allerdings anders als in der Realität in den Wechseljahren. Was sie von denen so erwartet und wie die Vorbereitungen aussehen, erzählte Andrea Sawatzki vor drei Jahren zu der Serie, die ab Freitag, 21.45 Uhr, endlich bei Arte wiederholt wird

Frau Sawatzki, mein erster Gedanke beim Anblick von Klimawechsel war: Oh Gott, sind die Wechseljahre wirklich so furchtbar?

Andrea Sawatzki: Aus eigener Erfahrung kann ich das noch nicht beurteilen. Nach allem, was man so von Betroffenen hört, scheint es tatsächlich ziemlich schlimm zu sein. Aber wie die Serie das Thema angeht, ist es natürlich schon ein wenig überspitzt. Zumal es sich darin durchweg um Frauen handelt, die sich auch sonst im Leben verschlossen haben, die zu sehr in der äußeren Welt leben, ihre innere also vernachlässigt haben. Die für diese schwere Zeit der Umstellung also nicht ausreichend vorbereitet sind.

Sind Sie vorbereitet?

Witzigerweise habe ich mich vor dieser Serie überhaupt noch nicht mit den Wechseljahren beschäftigt und selbst als sie mir angetragen wurde nur deshalb zugesagt, weil Doris Dörrie Regie führte. Beim Lesen des Drehbuchs war ich dann umso gespannter und wurde tatsächlich erst dadurch darauf gestoßen, ja gar nicht mehr soweit davon entfernt zu sein (lacht). Deshalb beginne ich aber jetzt nicht gleich mit den Vorbereitungen. Die Serie sagt mir ja ein bisschen, was mich erwartet.

Und Ihr Rezept?

Besteht wohl in einer Art Rückbesinnung, durch welche Höhen und Tiefen man gegangen ist bis zu diesem Zeitpunkt. Und wenn ich mir meine Erfolge und Rückschläge so vor Augen halte, bin ich im Alter von 47 so glücklich wie nie zuvor. Weil ich durch das Alter viel gelassener bin als mit 20 oder 30. Da denke ich, es kann sogar nur noch besser werden, egal, ob ich bald oder später in die Wechseljahre komme. Das kann mich nicht erschüttern.

Und andere? Schürt die Serie durch die Groteske, die alle Protagonistinnen durchlaufen, nicht auch Ängste davor?

Nein, nein. Ich glaube dem beugt der Humor darin vor. Er sorgt dafür, dass sich Betroffene eher ein bisschen getröstet fühlen. Und weil er zugleich auf einer gewissen Traurigkeit basiert, muss sich keine Zuschauerin allein fühlen mit dem, was in ihr grad passiert. Das macht ja eher Mut als Angst. Außerdem wird keine der Frauen im Film denunziert, jede versucht in ihrem egoistischen Wahnsinn über diese Zeit irgendwie hinwegzukommen, ohne genau zu wissen, was danach passiert. Durch meine vielen Gespräche mit Frauen in diesem Alter, habe ich nun sogar das Gefühl, dass diese Serie zum Sprechen ermuntert und das Tabu bricht.

Ist es denn noch eins?

Ich glaube schon. Viele Frauen fühlen sich unwohl, wenn sie sagen, sie seien in den Wechseljahren. Die empfinden das als Defizit, und das finde ich schade, weil die Wechseljahre ja auch die Grenze einer zurückliegenden Zeit darstellen, die man aus neuer Perspektive betrachten kann. Sicher – wir können dann keine Kinder mehr kriegen, aber das ist doch fast das Einzige.

Und wer will das noch mit Mitte 50…

Ganz genau. Witzigerweise war ja die Menstruation, also quasi das Gegenteil, auch mal tabuisiert.

Ist das Fernsehen erst jetzt reif, beides zu thematisieren?

Es ist zumindest mal an der Zeit. Auch den Frauen zu sagen: Jetzt geht es erst richtig los! Es geht eben nicht mehr darum, einen tollen Körper zu haben, um von Männern angehimmelt zu werden. Je älter man ist, desto stressfreier wird unser Leben, weil wir eben nicht mehr so aufs Äußere reduziert werden. Wobei – viele reduzieren sich ja selbst auf Schönheitsideale. Den meisten Männern sind die egal, wenn man sie fragt.

Und das glauben Sie?

Tja (lacht). Ich kaufe ihnen ab, dass sie es tatsächlich schön finden, morgens neben einer ungeschminkten Frau aufzuwachen, die womöglich nur sie selbst so sehen können. Diese Intimität, die Tiefe, finden Männer oft viel spannender als Perfektion. Insofern entspannt das Alter. Man macht Bekanntschaften mit Männern, die an einem selbst interessiert sind und Erfahrungen austauschen wollen. Diese Reife setzt ein gewisses Alter voraus.

Nun dürften einige Frauen da draußen sagen: Frau Sawatzki hat ja auch leicht reden, mit Ihrem Äußeren.

Das weiß ich nicht, aber ich habe diesen gelassenen Blick auf meinen Körper auch erst jetzt. Mit 30 war ich geradezu perfektionistisch. Ich habe wahnsinnig viel Sport getrieben zum Beispiel…

Bis hin zur Erwägung gezogen, sich körperlich zu modellieren?

Nicht über Schönheitschirurgie, aber der Schlankheitswahn hatte mich zeitweise voll im Griff. Ich hatte einfach zu wenig Selbstbewusstsein, aber viele Selbstzweifel. Je älter ich werde, desto besser kann ich mich akzeptieren, mögen, desto zufriedener bin ich mit mir. Ich treibe noch immer Sport, aber in Maßen, weil nicht mehr dieser Zwang dahinter steht. Ich bin belastbarer als früher.

Und freizügiger, so scheint es. In Ihren letzten Rollen abseits vom Tatort wie dieser agieren Sie geradezu offenherzig.

Ich hatte damit noch nie ein Problem, weil ich Figuren verkörpere, die eben offenherzig sind und das nicht nur für irgendeinen Voyeurismus inszenieren. In Entführt etwa war ich eine Frau, die absolut schamlos ist und den Körper bewusst einsetzt. Da wäre es falsch gewesen, das nur anzudeuten. Das ist Teil meiner Schauspielerei.

Sie haben da keinen exhibitionistischen Hang?

Nein. Alles, wie es die Rolle vorgibt. Meine Desiree läuft in Klimawechsel irgendwann nur noch mit Männerunterhosen rum und hat schon deshalb überhaupt kein Problem mit ihrem Körper, weil ihr dazu schlicht die Zeit fehlt und die Kraft.

Bieten einem Produzenten mehr freizügige Rollen an, wenn man sie mal gespielt hat?

Gar nicht. So viele Rollen sind es im Fernsehen generell nicht, die auf Kleidung verzichten. Es ist alles eine Frage des Umgangs mit sich, dem Beruf, der Öffentlichkeit.

Auch der ist bei Ihnen eher aufgeschlossen. Mit Ihrem Mann Christian Berkel erwecken Sie nie den Eindruck, rote Teppiche und Kameras zu meiden.

Wenn man sich dort befindet, ist man als öffentliche Person verpflichtet, die Erwartungen an sie im bestimmten Rahmen zu erfüllen. Sonst sollte man sich von roten Teppichen fern halten. Umso mehr ziehen wir uns privat zurück. Da haben wir unseren kleinen Freundeskreis und igeln uns schon mal ein. In der Öffentlichkeit tun wir das nicht.

Haben Sie das mal versucht und bemerkt, dass das nicht funktioniert?

Ja. Deshalb gibt es Veranstaltungen, die wir meiden. Und eine Homestory lasse ich von mir nicht machen, das ist zu privat. Auch meine Kinder werden niemals Teil der Medien sein.

Gab es da je Druck auf Sie?

Das wird akzeptiert. Wenn man als Schauspieler allerdings den ersten Schritt macht und zu viel von sich preisgibt, gibt man dem Boulevard ein Signal, das schwer zu revidieren ist. Das haben wir nie ausgesandt.

Wenn man Sie und Ihren Mann als Glamour-Paar bezeichnet – was sagen Sie da?

Dass das ein bisschen dick aufgetragen ist. Wir sind ein gutes Paar, wir passen zusammen. Ich finde, wir sind eine tolle Familie, ein bisschen verrückt, aber total geerdet.

Interview: Jan Freitag

Freitagsgebetsmühle

fragezeichen_1_Wann immer der Orient in Film und Fernsehen fiktional ins Bild rückt, ruft garantiert gleich der Muezzin, als hätte der nur auf die Kamera gewartet. Merkwürdig

Es gab mal Zeiten, da wurde an Wochenenden nur in Ausnahmefällen Filme gedreht. Als die Fünftagewoche noch galt, vor Urzeiten also, war Arbeitnehmerschutz eben stärker als jede Regieanweisung. Umso bemerkenswerter, dass sich die Arbeitszeiten am Drehort Orient auf wenige Minuten pro Tag beschränkt – zu Sonnenauf- und -untergang nämlich. Den Eindruck erwecken zumindest sämtliche Szenen, die in muslimischer Umgebung spielen. Sobald die Kamera dort draufhält, ruft garantiert der Muezzin vom Minarett. Merkwürdig.

Aber auch verständlich. Denn ob Kinoklassiker oder ZDF-Schnulze, James Bond oder ARD-Kommissar – der Zuschauer soll nicht nur sofort wissen, wo er sich gerade befindet, um ihn gar nicht erst zum Nachdenken zu bringen, was vom Impulsgewitter des Mainstreamfernsehens nur ablenkt; nein – er soll auch gleich mal spüren, mit wem er es zu tun hat. Den Guten, den Bösen, Gefahren, Geborgenheit. Und dafür eignet sich wenig besser als religiöse Symbole. Wenn folglich Allahu Akbar über die Szene weht, weiß das Publikum: oha, aufgepasst, hier wird’s heikel. Die Kirchglocken überm Alpendorf dagegen symbolisieren: Heile Welt. Das Schlimmste aber ist die Abwesenheit von Religion. Das heißt Atheismus. Nicht nur für den öffentlich-rechtlichen Stammzuschauer also: die Hölle.


Spiegelkunde und Retrospektiven

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 8.-14. Juli

Er hat es schon wieder getan, er tut es zwanghaft, und er braucht dafür nicht mal mehr den preußischen Großgrundverweser Stefan Aust: In gewohnt eindimensionaler Grundregelverletzung ethisch fundierten Journalismus schoss der einst (kein Scherz!) linksliberale, dabei oft polemische, aber selten einfältige Spiegel alternativer Stromerzeugung abermals in den Rücken. Das tun die Meinungshenker aus der Hamburger Speicherstadt zwar seit Jahren notorisch, als professionelles Hobby quasi, diesmal indes hat es die Lobbyarbeit zum Wohle der wohlhabenderen Klientel unterm Titel Aufstand in der Rotorsteppe auf die Spitze getrieben: Wuchtige 79 Formulierungen im fünfseitigen Frontalangriff auf die Energiewende attackieren die Windkraft als „Verhunzung“ … „touristisch wertvoller Gegenden“ durch „dreiarmige Banditen“ einer „gemästeten“ … „Kaste“ … „aufgeblähter Firmen“, die „anmutige Bergpanoramen“ mittels „Monstertrucks“ voller „Vögelschredder“ zu „seelenlosen Fluren“ … „verpargeln“, bis „Schallopfer mit leeren Augen“ für deren Kohle „Verzwergungsgefühle“ erleiden, die „gemästeten“ … „Stromzockern“ ihren „Riesenschwindel“ finanzieren helfen. Fazit: „Deutschland dreht durch.“

Dass Matthias Schulz, willfähriger Hofberichterstatter von „700 Bürgerinitiativen“, seine Kamprosa wider die Nachhaltigkeit bisweilen in Zitate verpackt und immerhin einmal die Nachhaltigkeit von (Braun-)Kohle und Atomstrom zumindest sanft in Frage stellt, ändert nichts daran, dass der Spiegel wohlwollend formuliert Kritik nur um der Kritik Willen verbreitet, negativ formuliert jedoch bloß meistbietend Partikularinteressen verhökert.

Das nächste Alphamännchen an der Redaktionsspitze muss also gar nicht – was da nur folgerichtig wäre – Kai Diekmann heißen, um ihr von Herzen zu wünschen, einen Großteil der aktuellen Verluste am Printmarkt zu tragen. Dummerweise aber leiden überregionale Zeitungen mit Niveau und regionale mit dem Rücken zur Wand weit mehr unter der Lesekrise als die profitablen Ethikverächter vom Spiegel. Wobei die Lesekrise ja eigentlich gar keine ist. Zurzeit werden nämlich mehr Presseprodukte gelesen denn je, selbst digital natives greifen regelmäßig zu tagesaktuellen Druckerzeugnissen. Krisis? What Krisis? Absatzkrisis, logo! Anzeigenkrisis, das auch! Aber eben keine Akzeptanzkrisis.

Mal abgesehen vom Fernsehen, versteht sich, das kanalübergreifend von fast allen auf den Deckel kriegt, besonders ARD und ZDF. Da können beide noch so eifrig RTL-Gesichter von Christian Rach bis Inka Bause abwerben – Idioten meiden das Öffentlich-Rechtliche, weil es zu klug ist, Intellektuelle, weil es zu blöd ist, der Rest dazwischen ist – laut Pass oder Gemütszustand – weit über 60 und wird grundversorgt mit Formaten wie Deutschlands größte Grillshow aus einer westfälischen Tennishalle, in der die sehr süße, sehr blonde, sehr visuelle Moderatorin Mirja Weichselbraun den inhaltserstarrten Aberwitz einer Sendung voll der üblichen Promis von Matthias Steiner über Sonya Kraus bis Laferlichterleckmich den einzig klugen Satz des Samstagabends im Zweiten sprach: „Wurst mit Fleisch – wer hat denn solche Ideen?“. Tja, wer bloß…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 15.-21. Juli

… sicher dieselben Programmmacher, denen das nächste gebührenfinanzierte Samstagsinferno aus Verstehen Sie Spaß? und Rette die Million! flatulenzgleich entfahren ist. Formate, deren Untertitel darauf verweisen, wie tief ARZDF im Rektum der Saisonzwänge stecken: Best-of beziehungsweise Das Prominentenspecial. Da die einschlägigen Kanäle im Sommerloch offenbar noch unfähiger sind, auch nur den Hauch gediegener Showunterhaltung zu liefern, bleibt also nur ein Blick auf die Retorte, genauer: Spielfilme und Serien, noch genauer: Adaptionen nebst Wiederholungen.

Das Sommerkino etwa zeigt da wie jedes Jahr, dass das Erste – zumindest in der Ferienzeit – durchaus bereit ist, gutem fiktionalen Fernsehen auch gute Sendeplätze zu bieten: Den Auftakt der sechsteiligen Kinoreihe am Bildschirm macht schließlich die TV-Premiere von The King’s Speech, während zeitgleich im ZDF der grandios groteske Küstenthriller Mörder auf Amrum von 2010 mit dem grotesk grandiosen Hinnerk Schönemann läuft, den zu verpassen für Krimianbeter fast schon ein Sakrileg wäre. Noch älter, noch grotesker, dabei aber noch grandioser ist (ebenfalls um 20.15 Uhr) Luis Bunuels Frühwerk Der diskrete Charme der Bourgeoisie, der den ethischen Verfall des reichsten Zehntels in eine filmische Form gegossen hat, die heute fast zeitgemäßer ist als 1972.

Und weil Wiederholen im Sommerloch nicht gestohlen, sondern geboten scheint, angesichts urlaubsbedingter Abwesenheit vorm heimischen Flatscreen, sei auch noch auf eine der wunderbarsten deutschsprachigen Serien der vergangenen Jahre hingewiesen: Klimawechsel, ab Freitag (21.45 Uhr) auf Arte, Doris Dörries aberwitzige Liebeserklärung an die Menopause und all jene, die von ihr heiß erwischt werden. Nicht aber, aber doch vergleichsweise witzig ist dagegen die NDR-Comedy Krude TV, in der angeblich regionaltypischer Humor verabreicht wird, der zwar manchmal wirklich lustig ist, leider jedoch freitags um Mitternacht läuft. Mitternacht.

Kein Wunder, denn zur Hauptsendezeit herrscht wie gesagt die Retrospektive. Mit Mark Wahlberg als The Fighter zum Beispiel, der Sonntag auf Pro7 als Boxer zwischen Visionen und Vergangenheitsbewältigung zeigt, wie gut unterschätzte Schauspieler sein können, wenn sie passende Drehbücher kriegen. So wie eine gewisse Pam Grier: In den Siebzigern eine Ikone des anspruchsvollen B-Movie, gab ihr Quentin Tarrantino 1997 die Hauptrolle in Jackie Brown, zu sehen zeitgleich auf Arte. Wiederholung deluxe, könnte man sagen, und sie macht eine weniger schöne in Dauerschleife erträglicher: Die unablässige Beweihräucherung Pep Guardiolas auf allen, wirklich allen Kanälen. Selbst die eher unsportliche Zeit widmet dem neuen Bayern-Trainer ja ganze Dossiers. Alles zur Überbrückung der fußballfreien Phase, bis die Bundesliga am 8. August aktiv in die Sportschau zurückkehrt. Wir zählen die Tage, bis TV-Unterhaltung, nun ja, kaum besser wird, aber irgendwie weniger repititv. Am Ende nerven Sommerpausen eben doch. Der Countdown läuft.


Reportage: Schanzenwasserturmhotel

Zu Gast bei Feinden

Genau sechs Jahre ist es her, dass im denkmalgeschützten Wasserturm am Rande des Hamburger Schanzenviertels ein Luxushotel eröffnet hat. Einer der ersten Gäste war ausgerechnet freitagsmedien-Reporter Jan Freitag, der zuvor gegen den Bau demonstriert hatte. Heute ist der Widerstand längst verebbt, nicht aber jene Gentrifizierung, die viele Projektgegner auch dank des H2Otels im Krisenjahr 2007 befürchtet hatten.

Von Jan Freitag

Die lassen mich gar nicht erst rein. Als ich vor der Tiefgarage warte, kriecht leiser Verfolgungswahn in mich hinein. Schließlich stand ich ganz in der Nähe gepanzerten Polizeireihen gegenüber, als das schönste Industriedenkmal Hamburgs zum umstrittensten Hotelprojekt der Republik wuchs: Dem Mövenpick im Schanzenpark. Sie sollten es schützen, Tag für Tag, vor mir und anderen Demonstranten. Das war Anfang 2005, beim Baubeginn.

Und nun sitze ich im billigen Kleinwagen vor der fertigen Nobelherberge und zögere, als mich eine Frauenstimme durchs Mikrofon hereinflötet. Ich glaube, erkannt zu werden. Überall. Zwischen parkenden BMW-Limousinen, im kahlen Treppenhaus, auf dem Weg zur Rezeption, beim Feind. Welch ein Unsinn, aber im linksalternativen Schanzenviertel herrscht diffuses Misstrauen, seit die Investoren vor zehn Jahren zugaben, was jeder ahnte: Der Wasserturm, in Teilen 140 Jahre alt, im Ganzen seit 1961 ungenutzt, erhält kein Mischkonzept aus Arbeit und Gemeinnutz wie vereinbart, sondern vier Sterne. Und das inmitten der letzten größeren Grünanlage vor Ort.

Sie wirkt ferner denn je, als ich ein langes Förderband vom Souterrain zur Empfangshalle empor gleite. Ich bin drin, in der „Höhle des Möven“, wie Gegner spotten. Es tropft aus verborgenen Boxen, die akustische Untermalung dessen, was denkmalschützerisches Minimum und atmosphärisch stimmig ist. Unter pyramidenförmigen Lichtschächten dominieren Wasserkunst und Wellenformen aus der Ursuppe des Turms, Fotos all seiner Epochen, Reservate früherer Bausubstanz. Ein Schiffshorn dröhnt – maritimes Flair sells, gerade an der Waterkant.

Auch wenn die Erkenntnis schmerzt: das Hotel ist von kühner Schönheit. Kreuzgangartig führt das Klinkergemäuer zu den Liften. Sein meterdickes Betonfundament wurde nur durchbrochen, nicht beseitigt, nicht überall. Der Stil ist schlicht, Typ Design-Hotel, die höchste Kategorie Kunst am Gasthofbau. Vielleicht wäre elitär treffender. Nebenan steht das Wort für Strukturwandel, sozialen Kahlschlag und Vertreibung.

Dagegen geht ein „Netzwerk zum Erhalt des Schanzenparks“ vor, zusammen mit Anwohnern, Sympathisanten, Autonomen, mit Leuten wie mir, friedfertigen und gewalttätigen. Der Turm ist das Ziel. Abseits der Demos gab es 15 Anschläge, mit Steinen, Farbe, Bolzenschneider. Der Staatsschutz ermittelte gegen eine „kriminelle Vereinigung“, erfolglos. Kein Wunder, dass der erste Gast einzog, als sich der Protest vor Jahresfrist einem anderen Luxushotel widmete: in Heiligendamm. Die Eröffnungsparty fiel trotzdem aus.

Kathrin Wirth-Ueberschär lächelt, das ist ihr Job. „Soft Openings“ statt grandioser Premierenpartys seien durchaus üblich, sagt die Hotelsprecherin. Im blumigen Kostüm verkauft sie die Investition von rund 50 Million Euro als Gewinn für alle und alle seien eingeladen, den 60-Meter-Koloss zu betreten. Natürlich nicht die 17 Wohnetagen, hinauf zur Turmsuite. Es sei denn, man hat 990 Euro übrig. Und eine Chipkarte, ohne die der Fahrstuhl gar nicht erst startet. Aber das Restaurant, die Lobby, eine Bar seien öffentlich. „Wir wollen gute Nachbarn sein.“ Ärger schreckt Kunden ab wie der Bauzaun zur ebenerdigen Hotelterrasse.

Mittlerweile ist er weg und wir glauben mal, dass ich auch im Kapuzenpulli mit rotschwarzem Stern rein gekommen wäre, nicht termingerecht im gediegenen Zweiteiler. Anzugträger sind es jedenfalls nicht, die polizeiliche Platzverweise erhalten, viele Hundert bereits, noch immer. Frau Wirth-Ueberschär lächelt: „Da müssen Sie das Bezirksamt fragen.“ Und der Investor zahle ja eine Million an soziale Initiativen, eine Art finanzielle Ausgleichspflanzung für die Privatnutzung öffentlichen Raums, den sogar Gerichte beanstanden. Selbst im Viertel gibt es Rückhalt fürs Projekt, und tragfähige Alternativen fallen auch mir nicht ein, nur Zuschussgeschäfte, doch davon hält der wirtschaftsliberale Senat [damals: Schwarz-Schill] herzlich wenig.

Soziale Teilnutzung, wie mit jenem Architekten vereinbart, der den städtischen Besitz 1990 für eine Mark kaufte? Wohnraum? Leerstand, vulgo: Verfall? Ein Luxushotel mag ja ethisch bedenklich sein, betriebswirtschaftlich war es das nie, zumal Büros für Broker oder Werber kaum besser gepasst hätten. Ein idyllischerer Standort für Sternehäuser ist dagegen zwischen City, Szene, Messe undenkbar. Durch mein Gaubenfenster im 14. Stock kann ich ihn überblicken.

Von oben sind die Sorgen da unten kleiner und die Polizei unsichtbar. Wo sie unablässig patrouilliert, habe ich oft gelegen. Dort spielte das Viertel Frisbee, ein Freiluftkino Filme, das Leben im Freien. Jetzt scheinen Grillfeste am Fuße eines Hotels mit beheizten Geländern und Lifestylemagazinen auf 226 Zimmern, die Gucci-Gartenschaufelsets für 700 Euro anbieten, nicht nur mir utopisch. Die Betreiber vermarkten das Nebeneinander indes als PR-Gag wie den Park, ihren Garten. Das Alleinstellungsmerkmal liegt nicht im Service, der Sauna oder gediegenen Möbeln, es steckt in den drei A: Ambiente, Ausblick, Aggression. Die Gegner sagen: der Nutzung; die Nutzer sagen: ihrer Gegner.

Als mich tief in der Nacht ein Lautsprecher auffordert, das Hotel sofort zu verlassen, denke ich an sie. Ein Anschlag? „Es gibt ja viele, die das Hotel hier nicht wollen“, murmelt ein Evakuierter im Park und sieht zum Gebüsch. Auch ich erwarte irgendwie, dass gleich einer raus hüpft und mich beschimpft. Schlimmer: erkennt. Als Gast eines Hotels, das ich ästhetisch zwar durchaus zu schätzen weiß, strukturell aber ablehne.

So bin ich doch froh, bald wieder ins Bett zu dürfen. Es war bloß Feueralarm, ein falscher dazu. Gar nichts los also. Die noble Eleganz meines Zimmers wirkt nach der Rückkehr allerdings noch schizophrener als zuvor. Beim Duschen mit Blick über Hamburg denke ich an Wasserwerfer, die uns fixiert haben, damals, im Januar. „Das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, steht in die Glastür zum Fitnessstudio graviert, „ist die Erinnerung“. Kunst kann so wahr sein.


Sex on the TV: Erotik im Fernsehen

254236-preview-pressemitteilung-zdfneo-im-hot-summer-von-zdfneo-wird-es-heiss-fettig-ausserdem-free-tv-premiere-der-us-serie-girls-bildLängst jugendfrei

Vor 20 Jahren knackte das Privatfernsehen mit Sexsendungen und Softpornos noch allerlei Konventionen. Heute gibt es statt genuiner Erotikformate Beischlaf im Vorabendprogramm, moralische Grenzen überschreiten eher die Sommermädchen auf Pro7. Und wenn ZDFneo heute Heiße Nächte ankündigt, werden die eher witzig als hitzig, nicht zuletzt dank der famosen US-Serie Girls.

Von Jan Freitag

Wenn es um Sex geht, ist die Schwelle der Erregung variabel. Als Sünderin Hildegard Knef 1951 im Kino ihre Brüste entblößte, kochte das Bürgertum noch vor sittlichem Eifer. Als 16 Jahre später der ARD-Report auch nachrichtlich erstmals blank zog, blieben Proteste bereits auf Bayerns Bibelgürtel beschränkt. Als Ingrid Steeger 1973 barbusig Klimbim machte, empörte sich grad noch der Klerus. Und als RTL Mitte der 80er seinen Trieben freien Lauf ließ, blieb die Kritik endgültig ästhetischer Natur.

Kein Wunder, dass ein Themenschwerpunkt wie Heiße Nächte da keinen mehr echt erregt. Warum auch? Das Schlüpfrige an der Reportage-, Doku- und Filmreihe bei ZDFneo erschöpft sich schließlich schon zum Auftakt „Heiß und Fettig!“ darin, dass Moderator Thilo Mischke bei seinem mehrteiligen Streifzug durch die Welt des Beischlafs ständig „Ficken“ sagen darf. Komödien wie Amy’s Orgasmus“ zeigen sodann vom eigenen Titel wenig. Und die famose Serie Girls mag vom Lotterleben New Yorker Praktikantinnen handeln – kopuliert wird eher andeutungsweise als offen.

Und das ist ja schon mal bemerkenswert. Einerseits nämlich haben einst als „Tittenkanäle“ verschriene Sender wie RTL mit Tutti Frutti und Lederhosenzoten vor gut zwei Jahrzehnten den Weg für explizite Bettszenen am öffentlich-rechtlichen Vorabend geebnet. Andererseits scheint der Bedarf danach im Internetzeitalter wieder zu sinken. Magazine wie M und Sexy Follies filmten sich Ende der 80er noch von Pornoset zu Swingerclub, offen sichtbare Paarakrobatik wurde zum Standard selbst harmloser Filme, während nachts Perspektiven jugendgefährdender Streifen liefen, die mit Zweitkameras zur TV-Verwertung gedreht wurden. Porno light eben. Doch diese Zeiten sind passé.

RTL mag weiter als irgendwie dumpf gelten – Anzügliches läuft dort kaum. Die letzte Beanstandung liegt 20 Jahre zurück, Erika Berger ist 73 und Dailytalks über Windelfetischisten, für die Sat1 einst Bußgelder kassierte, sind mangels Quote Geschichte. Da Pornographie laut einem BGH-Urteil von 1969 die Funktion ihrer Darsteller reißerisch und kontextfrei zu austauschbaren Lustobjekten reduziert, erregen folglich andere Sendungen Anstoß: turbosexistische Zuchtstationen wie Sommermädchen etwa oder Germany’s Next Topmodel.

Nachdem das Fernsehen den Sog des Aktes also erst angedeutet, dann ausgebeutet und bald zu Tode gesendet hat, ist dies die jüngste Stufe körperlicher Bereitstellung: Formate vom gediegenen ZDF-Kopfkino Erotic Tales bis hin zur Sexshoptour Wa(h)re Liebe auf Vox waren im Kern Akte der Emanzipation, die beide Geschlechter gleichermaßen zu Sexobjekten gemacht haben; Pro7 dagegen mag die Fleischbeschau seiner bulimischen Stöckelschuhherden als Teil weiblicher Unabhängigkeit verkaufen – in Wahrheit liefert Gestütsleiterin Heidi Klum nur eine fernsehgerechte Form der Prostitution.

Aus Sicht des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“ (FSF), 1994 im Zuge der Kritik an Sex und Gewalt im Privatfunk gegründet, ist das jedoch eher eine Geschmacksfrage, also weniger zu beanstanden als allzu unverblümter Sex. Der seine Sogwirkung aus Sicht von Volker Herres ohnehin eingebüßt hat. „Kopulationsakrobatik mit Hintergrundstöhnen im Fernsehen“, so der ARD-Programmchef, „hat einen Ermüdungseffekt“. Entscheidend für wahre Erotik sei die Inszenierung, etwa bei ästhetischen Reihen wie den Sommernachtsphantasien im ZDF oder der US-Serie Californication (RTL2). Hier wird Beischlaf in allen Facetten praktiziert, ohne ihn wirklich zu zeigen.

Und genau das ist es auch, was Heiße Nächte auf ZDFneo sehenswert macht. Denn zu sehen ist, was der Kopf draus macht, nicht was hineingepresst wird. Die Art und Weise zum Beispiel, wie Hauptdarstellerin Lena Dunham ihren angenehm unmodellierten Leib in der global gefeierten HBO-Serie Girls einsetzt, ist durch die Mixtur aus vulgär und dezent begehrenswerter als Heidis „Mädels“ je sein werden. Dafür muss man gar nicht allzu viel davon sehen.

Sex am Bildschirm, sagt schließlich selbst der alte Aufklärungspapst Oswald Kolle, sei doch mittlerweile „total out.“ Und es mag „in vielen Serien harte Sexszenen“ geben, wie die Medienforscherin Joan Bleicher weiß; als „Aufmerksamkeitsfaktor“ sei Erotik ins Internet abgewandert. Wer braucht dort folglich Softpornos, wenn in Christine Neubauers Schmonzetten eifrig geschnakselt wird; und wer braucht RTL, wenn youporn Hardcore ohne Schranken liefert. Bei den meisten Sendern bemängelt die Kommission für Jugend- und Medienschutz allenfalls noch den Teletext. Im Programm dagegen suchen die Privaten laut Joan Bleicher neue Tabus. Als Beispiel nennt sie Scripted Reality wie Eltern auf Probe. Wer so anstößiges Fernsehen hat, braucht sich über Sex darin nicht aufzuregen.


Arbeitsurlaubsabwesenheitsnotiz

Hallo freitagsmedien-Lesende. Die gesamte Blog-Redaktion, also ich, ich und ich, sind von Samstag bis Samstag auf Reportagreiseurlaub und daher nicht in der Lage, den Blog zu füllen. Ab Donnerstag gibt’s aber von unterwegs wieder erste Lebenszeichen und Montag, 15. Juli, wird dann wieder pausenlos gepostet. Bleibt mir gewogen, treu und zugewandt! Zur Überbrückung ist bereits eine frische wochenendreportage online. Danke!


Reportage: Bad Kleinen, 20 Jahre danach

Bad_Kleinen_Gleis_4Das Schweigen am Gleis

Bad Kleinen, Gleis 4. Foto: Dr. Mattias Kreutz

Vor genau 20 Jahren starben am Bahnhof von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Ob einer davon förmlich exekutiert wurde, ist im Zuge einer gewaltigen Pannen- und Verdunkelungsserie der staatlichen Einsatzkräfte noch immer ungeklärt – heute, wie vor zehn Jahren, als diese Reportage in mehreren deutschen Tageszeitungen erschienen ist. Zum traurigen Jubiläum eines Tages, der wie kaum ein zweiter fürs bundesrepublikanische Dilemma von Sicherheitsbedürfnis und Repression steht, dokumentieren die freitagsmedien die Stimmung im Ort, zehn Jahre danach

Von Jan Freitag

Ein Tag im Frühsommer. „Da, ein Hubschrauber“. Christian Poppe zeigt nach oben. „Wie damals.“ Von seiner Terrasse aus genießt er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte das Provinznest weiter. Auch jetzt scheint die Sonne durch eine löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197 Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf den mutmaßlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.

Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem verbogenen Gitterstab. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Die Strebe im Geländer „haben wir erhalten“. Er schwenkt nach rechts. „Und da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?“. Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen, als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall. Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was … Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein. Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung – die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen, von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt. Noch aufregender als das Ereignis selbst „waren die Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten“, berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos. Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen, doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter Schluss. „Wir wissen schlichtweg nicht“, verkündete ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, „was genau passiert ist“. Fall erledigt. Seither, sagt Hans Kreher, „ist alles ruhig“.

So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig 3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation, mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz das Café auf der Plattform gegenüber. Stets im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still, als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung aufmachte.

Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere. Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht. Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper. Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen, um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre nie dort gewesen. „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll, hat die 44-Jährige Grams’ Hinrichtung beobachtet – durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft waren, ist Teil der Legende.Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz. Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von ’93, sagt sie, „interessiert im Dorf keinen“. Anschlussreisende dagegen schon eher. „Eine Bockwurst, und sagen sie: War hier nicht mal … „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“ Seit 1995, als sie den Pachtvertrag abschloss.

„Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit“, meint Ex-Bürgermeister Kreher. „Arbeitslosigkeit, das hat die Leute interessiert“. Auch heute sucht jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt, der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag gekündigt. Von der „Sache mit dem Terroristen“ haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen, gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.

http://www.tagesspiegel.de/politik/schweigen-am-gleis/426252.html


Oli Geissen, RTL-Moderator

Der Alleswegmoderierer

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Hamburger Radioquasselstrippe Oli Geissen moderiert seit genau zehn Jahren ein RTL-Format, das sich trotz Sender, Moderator und Stil zur letzten echten Musiksendung im deutschen Vollprogramm gemausert hat: Die ultimative Chart Show. Zum Geburtstag der Ranglistensause ein Porträt des vielleicht seltsamsten Lila-Laune-Bärs im Privatfunk

Von Jan Freitag

Wer einen Raum so betritt wie dieser Mann, der hat nicht bloß gesundes Selbstvertrauen, es suppt ihm förmlich aus jeder Pore. „Moin, Moin zusammen“, sagt, nein: ruft Oliver Geissen durchs Separee einer Hamburger Spielbank und nimmt jeden einzelnen Gast kurz fest in den Blick. „Alles gut?“, ruft, nein: johlt er mit weit geöffnetem Armen hinterher und meint das natürlich strikt rhetorisch. Alles gut! Was nach einer Frage ans knappe Dutzend Gäste seines kleinen Jubiläums-Dinners klingen mag, ist schließlich reines, unverblümtes, kompromissloses Eigenlob eines Moderators, den es eigentlich nicht geben sollte. Von einer Show, die es eigentlich nicht geben dürfte. Mit einem Erfolg, der nun wirklich vollends unfassbar ist: Denn dieser braungebrannte Brusthaarentblößer mit dem vielen Bling Bling am Körper, er leitet seit zehn Jahren Die ultimative Chart Show. Und das grenzt an ein Wunder. Besser: an mehrere.

Als die Rankingshow von allem, was musikalisch Mainstream ist, Ende Mai 2003 auf Sendung ging, war der gelernte Radioreporter für seriöse Abendunterhaltung im Grunde verbrannt. Das Jahrzehnt zuvor hatte er den geladenen Nebenerwerbsproleten ja an 1807 Nachmittagen von Promiskuität über Sexsucht bis wechselnde Bettgeschichten alles entlockt, was knallt. Kein allzu seriöses Bewerbungsschreiben für die Primetime; aber Olli, wie ihn alle nur nennen, war ja auch bei keinem seriösen Sender beschäftigt, sondern bei RTL, das sich seinerzeit nur mühsam vom Ruf des Tittenkanals befreite.

Also ließ man ihn 2002 Die 80er Show moderieren, noch nicht ultimativ, aber zehn Folgen lang mit ultimativ guten Quoten. Sechs Millionen, bei der Zielgruppe sogar mehr als Wer wird Millionär vorab – das schaffte sonst nichts Serielles. Bald wühlte – Wunder zwei – auch die Konkurrenz so fleißig in der Pophistorie, das daraus eine Retrowelle wurde. Und auf der schwamm niemand erfolgreicher als Geissen, womit wir beim letzten Wunder wären: Olis zappelige Nummernrevue verkaufsstarker Rock-, Pop-, Party-, Netz-, Radio-, Cover-, Welt-, Deutsch- oder Siebziger- bis Neunzigerhits samt One-Hit-Wonder brachte es bislang nicht nur auf 117 Ausgaben; genau genommen ist sie die letzte echte Musiksendung im Vollprogramm. MTV? Seit Jahren kostenpflichtig! VH1? Längst Geshichte! ARD? Sendet Schlager. Viva? Sendet nicht mal mehr die!

In dieser Klangleere sorgt abseits von Raabs TV total ausgerechnet die Chart Show des gelernten Dudelfunkreporters Geissen für etwas, das einst stilbildend war fürs Medium: Videos und Livemusik. Und das liegt auch am Moderator. Der hat schließlich alle Instanzen kommerzieller Unterhaltung so frei von Tiefgang durchlaufen, dass ihm der RTL-Entertainer zur zweiten Haut geworden ist. Nach seinem Weg vom Leistungssport (Fußball, Football) übers Radio hin zum Nachwuchsreporter beim ZDF vor fast 20 Jahren, ist der Wuschelkopf mit den dicken Tränensäcken im Knautschgesicht notorisch auf Sendung – erst als Live-Moderator bei Big Brother, später als Pseudo-Moderator seiner Trashtalks, weiter als Musik-Moderator der Chart Show, nebenbei als Robert-Lembke-Imitator bei Es kann nur e1nen geben. Und stets gelingt dem Schnellschnacker aus Hamburg ein seltsamer Spagat: Präsent zu sein, ohne Präsenz zu zeigen.

Geissen ist eine Moderationsmaschine mit Start- und Stopptaste, die man überall hinstellt, wo Massengeschmack werbewirksam bedient wird. Die Kunst daran: man merkt ihm seine Teilnahmslosigkeit kaum an. „Mein Lieber“, begrüßt er schon mal einen Gast, „bist ja hier rübergekommen, und du … du hast eben im Filmchen gesagt, du hast immer davon geträumt ein … ein … ein Star, ein Popstar zu werden“. So klingt es oft im Plausch mit seinem Sofastammpersonal von halbnackten Showmiezen wie Sonya Kraus über halbkluge Muskelprotze wie Ralf Möller bis halbwitzige Comediens wie Cindy aus Marzahn, deren Qualifikation mit Ausnahme des ewigen Dieter M. Stein bestenfalls darin beruht, was der Moderator von sich selbst behauptet: „Ich kann kein Instrument spielen, habe aber eine riesige Leidenschaft für Musik.“

Er spricht all das auch zur Vorstellung der vierstündigen Geburtstagsausgabe „Die erfolgreichste Single der deutschen Chart-Geschichte“ aus, als säße er vor Publikum im Studio statt Journalisten in der Spielbank: Spontan, locker, zappelig, ohne Punkt und Komma. Der Oli eben. Haare strubbelig, Schnauze kodderig, Grinsen großartig. Mit gerade mal 43 Jahren hat sich dieses Moderator gewordene Spaßfernsehen also zur Topmarke eines ganzen Genres gemacht. Im Rudel der Marco Schreyls und Jochen Schropps gibt Oli Geissen also den Lila-Laune-Leitwolf und lacht sich wohl innerlich schlapp übers viele Geld, das er mit gesendetem Nichts nebst einer PR-tauglichen Liebe zur Schauspielerin Christina Plate verdient. „Du darfst nicht stören und du muss zuhören“, lautet sein Moderationscredo hinterm Erfolg. Dass beides auf ihn nicht zutrifft, macht seine Karriere so besonders.

Der Text ist erschienen in der Berliner Zeitung: http://www.berliner-zeitung.de/medien/10-jahre-rtl-chart-show-die-moderationsmaschine-feiert-jubilaeum,10809188,23299344.html


CT “Matula” Gärtner, Frankfurt 2008/13

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Claus Theo Gärtner, 1943 als Kaufmannssohn in Berlin geboren, sammelte in Oberhausen Erfahrungen am Kindertheater, bevor er nach allerlei Gelegenheitsjobs rund um die Bühne mit 23 Jahren sein Rollendebüt gab. Ende der Sechziger wechselte er zum Fernsehen und erhielt 1972 für seine Rolle im Thriller Zoff den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsschauspieler. Nach diversen Episoden- und Nebenrollen folgte an der Seite seines alten Freundes Günther Strack 1981 der Durchbruch als Josef Matula in Ein Fall für zwei. Damit ist mittlerweile Schluss, aber es gibt ja Wiederholungen wie Freitag, 20.15 Uhr, im ZDF. Und die freitagsmedien, mit einem Interview aus der Zeit, als Matula noch seine Lederjacke trug…

freitagsmedien: Herr, Matula, Verzeihung, Herr Gärtner…

Claus Theo Gärtner: (lacht) Ach, da gewöhnt man sich dran.

Wissen Sie oft Josef Matula bislang verprügelt wurde?

Die genaue Zahl weiß ich nicht, aber es waren einige Male. Ich glaube, das ZDF führt darüber sogar Statistik.

Mehr als 40 Mal, dazu ein Dutzend Mal verhaftet und neun Mal entführt.

Das kommt hin.

Entspricht das dem Bild, Matula sei die Hand der Serie und der Anwalt das Hirn?

Man könnte das so vereinfacht ausdrücken, besser wäre aber: jeder Deutsche braucht einen Chef.

Sind Sie das nicht längst selbst?

Mittlerweile vielleicht. Mit dem Günter Strack war das ein väterliches Verhältnis, mit Rainer Hunold ein brüderliches. Komischerweise war das Team von Georg Althammer und Karl Heinz Willschrei als alternder Detektiv mit einem jungen Anwalt geplant. Da hat die Hauptabteilung Fernsehspiel gesagt: gute Idee, aber wir machen das umgekehrt. Zuerst waren der Produzent und sein Drehbuchautor zu Tode betrübt und jetzt ist es so, wie sie es ursprünglich haben wollen.

Das ZDF folgte dem alten Denken, der Chef hat jünger zu sein, als sein Angestellter.

Tja.

Was fasziniert das Publikum so sehr am unkonventionellen Ermittlertypus, der das Recht im Zweifel zum Wohle des Rechts beugt?

Matula ist ja eine Kunstfigur, die sich alles leisten kann. Vielleicht, weil das authentischer wirkt und am Ende auch für Gewöhnung sorgt. Man kennt die Charaktere, Freitagabend ist Lessing- und Matula-Zeit.

Oder Sonntag, wo ein Schimanskis robuste Art am besten ankam.

Ich glaube, das liegt daran, weil viele gern so wären – ein bisschen antiautoritär, ein bisschen flippiger, als man es sich leisten kann.

Könnte das an einer unterbewussten Rebellion gegen deutschen Bürokratismus liegen.

Sehr reizvolle Idee, oder?

Das passt zu ihrer Rebellenzeit.

Als 68er sowieso. Es steckt eben viel von mir im Matula. Es ist zwar alles gespielt, aber die Gestaltung der Figur ist ja keine historische Vorlage, sondern ein Stück erdachtes Papier. Da gibt es viele Freiheiten, die ich nutze. Ich habe jeden Einfluss auf die Serie. Es gibt mittlerweile 90 bis 100 Autoren, aber wir haben einen roten Faden und eine bestimmte Sprache Matulas, die sich nicht in jedem Film ändert. Es ist die Sprache der Straße und ich stelle mir auch keinen Rotwein in den Kühlschrank.

Sind sie selber ein Haudegen?

Schon, aber nicht in dem Maße. Wenn ich die Lederjacke ausziehe, bin ich wieder Claus Theo Gärtner.

Laut ZDF verkörpert Matula das Volk.

Sicher, es ist eine Volksfigur.

Sind Jeans und Lederjacke dafür Pflicht?

Hilfreich, aber bei ihm ist das eher eine Sache des Geldmangels. Wenn er jetzt auf einmal im Anzug rumlaufen würde, wäre das doch eine langweilige Konstellation. Matula als Schlipsträger… (lacht) Der soziale Unterschied zwischen ihm und dem Anwalt soll ja spürbar werden; der macht die gewisse Spannung aus.

Wie wichtig ist sein Singledasein?

Eine Frau würde nur stören. Wir müssen in 60 Minuten den Plot erzählen und das könnten wir kaum, wenn wir nebenbei die Geschichte einer Frau, Freundin, Geliebten unterbringen müssten.

Bei der Jubiläumsfolge hätten sie 30 Minuten mehr dafür gehabt.

Tja, da kann man etwas präziser und epischer erzählen, aber die Fernbedienung droht immer.

Sie sind bald 70 – wann droht eine so kernige Figur unglaubwürdig zu werden?

In dem Moment, wo sie gebrechlicher wird und man die Körperlichkeit türken muss. Ich mache aber im Grunde noch alles selber und was ich kann, kann auch der Matula. Ich sage den Autoren aber manchmal, Leute, da muss es eine intelligentere Lösung geben für den Matula, als dass er gleich jemanden auf die Nase haut.

Der Legende nach haben Sie 1981 im Bierkeller auf einen Zettel geschrieben: „100 Folgen, okay CTG“.

Was heißt Legende.

Welche Zahl würden Sie knappe 300 Folgen später noch draufschreiben?

Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich das zig Jahre mache, wäre es nicht zu diesem Vertrag gekommen. Es ging damals um sechs oder acht Folgen. Bis zum ersten Drehtag hat Georg Altheimer ein Jahr lang auf mich eingeredet wie auf einen kranken Gaul, weil ich damals an der Berliner Schaubühne war und nicht mit Fernsehurlaub kommen konnte. Nach sechs Folgen ging das auch noch gleichzeitig mit dem Theater. Ich flog morgens nach Frankfurt, drehte, flog abends zurück nach Berlin und spielte, aber als es dann zehn Folgen wurden, ging das nicht mehr. Aber dann hatte ich als Ausgleich mein geliebtes Hobby Motorsport und das wäre am Theater auch wieder nicht gegangen.

Was ist für Sie wichtiger: Die Serie oder ihre Autorennen?

Meine Serie! Autorennen war immer ein Hobby, wenn ich auch das Glück hatte, schöne Werksautos fahren zu dürfen, aber ich war ja nie Profi.

Hatten Sie eigentlich je Angst davor, auf Matula festgelegt zu sein?

Ich habe mal mit Götz George einen Film gedreht, da bin ich kein Detektiv. Matula war ja eine freiwillige Festlegung und ich kann nicht mehr spielen als diese zehn Filme, auch nicht, um mir und anderen zu beweisen, dass ich noch drei mache, bei denen ich nicht Matula bin. Das habe ich 25 Jahre am Theater bewiesen. Die Zeit fehlt mir einfach, es gibt ja noch ein Leben vor dem Tod.

Zuletzt haben Sie sogar selber Regie geführt. Woran merkt man, dass Ein Fall für zwei Claus Theo Gärtners Handschrift trägt?

Das merkt man nicht, Fachleute, Feinschmecker vielleicht, die kennen meine Vorlieben, aber es gibt nichts Typisches von Claus Theo Gärtner. Mich interessieren nicht so die ungeheuren Actiongeschichten, wo brennende Benzinfässer durch die Luft fliegen, eher schon kleine psychologische, kammerspielartige Aspekte mit wenigen, aber guten Schauspielern.

Und damit ist jetzt nach 300 Folgen Schluss.

Ja, ich habe mir gedacht, nach 30 Jahren habe ich eine größere Pause verdient

Verschwinden Sie dann ganz hinter die Kamera?

Vielleicht, sofern mir als Schauspieler nichts mehr angeboten wird. Vielleicht mach ich aber auch erstmal längeren Urlaub.

Eine Weltreise? Sie gelten ja als Weltenbummler.

Ja, das werde ich wohl wieder machen.


Superlativismus

fragezeichen_1_Der Superlativ ist Fernsehens größter Freund. Ständig sind alle auf der Jagd nach dem Höher, Schneller, Weiter – und zwar grundsätzlich „aller Zeiten“. Merkwürdig

Erst kürzlich wurde an dieser Stelle zur Frage, warum schlechte Schauspieler wie Christine Neubauer beliebter sind als gute, die These vom Sog des Mittelmäßigen zur Antwort geboten. Widerlegt werden könnte sie jedoch vom Sog des Superlativs. Denn besonders das Fernsehen ist ja ständig auf Weltrekordjagd. Und nicht nur das: Falls irgendwer irgendwas ist/macht/kann, was sonst keiner je war/tat/konnte, fügen die Superlativverwalter gern „aller Zeiten“ an. Das ist nicht nur grammatikalisch seltsam.

Der Superlativ gilt nämlich auch ohne Zeitachse immer, überall. Aus der Bestenliste rutscht er nur bei entsprechender Einschränkung, der Höchste/Schnellste/Weiteste im Kreis Ostwestfalen-Lippe zu sein etwa oder im Jahr 2013. Aber bei der Superlativhatz geht es eben nicht um sprachliche Korrektheit, sondern Ausschaltimpulse in der Leistungsgesellschaft. Wer im medialen Sperrfeuer nur das Zweitbeste liefert, fällt fix aus der Aufmerksamkeitsspanne leicht abzulenkender Durchschnittszuschauer, also der meisten. Second place is first loser – da kann das Alleinstellungsmerkmal gar nicht intensiv genug ausgedrückt werden. Also: Dass Christine Neubauer die schlechteste gut bezahlte Schauspielerin ist, reicht der breiten Masse an Betonung nicht aus. Für alle verständlich muss es also heißen: Sie ist die schlechteste gut bezahlte Schauspielerin weltweit aller Zeiten überhaupt und bis in alle Ewigkeit. Erst so kapiert’s am Ende auch bei RTL jeder.