K.Flay, Frittenbude, Jimi Tenor

K.Flay

Allein überwältigt dagegen K.Flay. Auf ihrem Debütalbum grundiert die Kalifornierin Hip-Hop mit elektronischem Eigensinn zu einem Alternative-Pop, der offenbar nur zur Entfaltung kommt, wenn man dafür dem Verwertungsbetrieb der großen Musikkonzerne entflieht. Die hatten Kristine Flaherty ja längst im Visier, als sich die Beastie Boys oder Snoop Dog ihres Sounds bedienten, den sie noch während des (erfolgreichen) Psychologiestudiums an der Elite-Uni Stanford ersann. Doch bevor die Branche ihrer impulsiven Kreativität Fesseln anlegen konnte, setzte sich K.Flay nach New York ab und produzierte fast im Alleingang Life As A Dog.

Ein furioses Sammelwerk lässiger Großstadtphilosophie, das Vergleiche zu M.I.A., Mattafix oder Run The Jewels nicht zu scheuen braucht. Mit ihrer auf liebliche Art aufsässigen Stimme erzählt sie in robusten Raps von der Angst, etwas zu verpassen, mehr aber noch von jener, darüber hektisch zu werden. Die großen Musikkonzerne stehen schon wieder Schlange. Hoffentlich ganz weit hinten.

K.Flay – Live As A Dog (Humming Records)

Frittenbude

Ganz weit vorne stehen abermals die Elektropunkrapper Frittenbude. Gestartet 2006 als Spaßkapelle mit ausgewiesener Antifa-Attitüde und bierzelttauglicher Poesie im niederbayerischen Bauch der Republik, hat sich das Trio spätestens seit dem Umzug nach Berlin zum Sprachrohr fein austarierter Sozialkritik gemacht, die an große Vorbilder der swingenden Linken heranreicht und sich vor Geistesverwandten wie Brothers Keepers, Mediengruppe Telekommander oder Samy Deluxe keinesfalls verstecken braucht. Was auch daran liege, so behauptet zumindest der Texter Johannes Rögner, dass Küken des Orion alles Plakative, Parolenhafte zugunsten sublimerer Botschaften verdrängt, die sein Sprechgesang gewohnt nölig ins Unterbewusstsein massiert.

“Wir sind nicht immer dagegen / aber auch selten dafür”, singt er auf dem vierten Album und schildert damit die trotzige Verlorenheit linker Renitenz zwischen rassistischem Mainstream und kapitalismuskritischem Fatalismus. Vertont von Martin Steers Gitarre und dem technoiden Soundgewitter von Jakob Hägelsperger treffen Frittenbude damit exakt den Ton gleichgesinnter Rezipienten. Und die anderen? Tanzen einfach mit.

Frittenbude – Küken des Orion (Audiolith)

Jimi Tenor

Das übrigens, Tanzen nämlich, geht mittlerweile auch zur Musik von Jimi Tenor. Nach seiner Frühzeit im kakophonisch treibenden Industrial vor bald drei Jahrzehnten, gefolgt von einer experimental-elektronischen Phase, die Ende der Neunziger zunehmend in den Freejazz abbog, ist der finnische Klangvirtuose auf seinem neuen Album Mysterium Magnum nun im Neo-Swing gelandet. An der Seite von UMO, dem nationalen Jazz Orchester seiner Heimat, verdichtet er die Atmosphäre einer Big  Band so gekonnt mit dem Sog eines gelungenen Soundtracks, dass Entkommen kaum möglich ist.

Mit geschlossenen Augen wähnt man sich unwillkürlich im Thriller der Siebziger, dessen Handlung Tenors Arrangements im anschwellenden Moll-Ton vor sich hertreibt wie auf einer Verfolgungsjagd in schweren US-Kutschen auf den Straßen von San Francisco. Nie kommt das Gemüt hier vollends zur Ruhe, stets dräut selbst in den ruhigen Passagen irgendwo ein Bläserteppich oder Tenors Altsaxophon, gepaart mit seinem russischen Synthesizer Ritm-2. Dem Titel macht das alle Ehre, dem Komponisten sowieso. Ein funkiges Spätwerk des Jazz, nebulös, einvernehmend, einfach fabelhaft!

Jimi Tenor & UMO – Mysterium Magnum (Herakles)

Ein Teil der Texte ist vorab auf ZEIT-Online erschienen


Ochsenknecht & Jaenicke: Udo & Franz

profile-ezone-gallery348Verarscht werden die nicht

Erst Beckenbauer in echt, jetzt als Kopie: In der überdrehten Sat1-Groteske Die Udo Honig Story verpasst Hannes Jaenicke dem Kaiser eine famose Schmierigkeit, die nur durch die skurrile Selbstgerechtigkeit von Uwe Ochsenknechts Bayern-Manager im Knast übertroffen wird. Interview mit zwei Persiflierern (Foto: Arvid Uhlig/Sat1), die ihre Figuren gar nicht persiflieren wollten.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Uwe Ochsenknecht, Hannes Jaenicke, ist Udo Honig eine Satire mit ernster Komponente über den Fall Uli Hoeneß oder ein Drama mit heiteren Momenten?

Uwe Ochsenknecht: Im Idealfall beides.

Hannes Jaenicke: Dazu müsste man gleich zurückfragen, wie man Satire korrekt definiert.

Als humoristische Überspitzung der herrschenden Verhältnisse?

Jaenicke: Dann hat Uwe Recht. Udo Honig schafft es, zwei in Deutschland heikle Genres zu bedienen: Komödie und Satire, und das mit großer Liebenswürdigkeit, ohne die Figuren respektlos durch den Kakao zu ziehen.

Ochsenknecht: Außerdem macht es aus meiner Sicht gute Satire aus, Fiktion und Wahrheit nicht mehr zweifelsfrei auseinanderhalten zu können, ohne bloß noch Unsinn zu erzählen.

Jaenicke: So wie bei Wag the Dog.

Mit Dustin Hoffman als Regisseur, der Amerika zur Verdrängung einer Sex-Affäre des Präsidenten fiktional in den Krieg gegen Albanien ziehen lässt.

Jaenicke: Das ist für mich die ultimative Satire, weil alles darin nahezu genauso geschehen ist oder hätte geschehen  können, in seiner Überspitzung aber so irreal wirkt, dass keiner mehr weiß, was Wahrheit ist, was Dichtung. Ein  schmaler, aber sehr unterhaltsamer Grat.

Sagt uns die Udo Honig Story also mehr über Uli Hoeneß Vergehen oder jenes System, das sie erst möglich macht?

Ochsenknecht: Das bedingt sich gegenseitig, ohne die bedingungslose Liebe der Deutschen zum Fußball wäre eine Affäre wie diese nie zustande gekommen oder ganz anders gelaufen.

Jaenicke: Nicht ohne Grund werden unbequeme Gesetze an Tagen wichtiger Fußballspiele durch den Bundestag gepeitscht. Zum Fracking an dem des Viertelfinals, die Diätenerhöhung vorm Halbfinale. Das Volk will da verarscht werden, was Politik und Manager zu nutzen wissen.

Werden Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer es dann lustig finden, wie beide auf Sat1 verarscht werden?

Ochsenknecht: Verarscht werden die ja gar nicht. Aber wenn sie sich durch so was auf den Schlips getreten fühlen, empfände ich es als arm. Beachtung ist in dieser Branche eine wichtige Währung, die von den Beachteten gern selbst in Umlauf gebracht wird; da muss man es auch hinnehmen, dass sie manchmal so wie bei uns ausfällt. Zumal wir keinen beleidigen oder derangieren. Das zu ertragen, dazu gehört nicht mal Größe.

Jaenicke: Allenfalls Professionalität. Ich hoffe  da ein wenig auf Gelassenheit.

Ist es trotz dieses Anspruchs etwas anderes, reale statt fiktive und dann auch noch lebendige Figuren zu spielen?

Ochsenknecht: Wenn ich ein Drehbuch kriege, ist es nicht immer wichtig, ob die Figur existiert, Hauptsache es gelingt mir, sie glaubhaft zu machen. Trotzdem wächst bei realen Figuren natürlich der Bedarf, sie an der Realität zu messen. Wir wollten keine Dokumentation machen, aber ein Mindestmaß an Physiognomie, Sprache, Gesten ist schon wichtig.

Jaenicke: Und unsere Rollen waren da äußerst dankbar. Franz Kaiser ist vermutlich einer der Deutschen, dessen Auftritte und Eigenarten am besten bekannt sind. Aber weil das, was er als Fußballer erreicht und bewirkt hat, allerdings so bewundernswert ist, wollte ich ihm nie an den Karren pinkeln. Franz sagt zwar oft Dinge, die ich politisch bedenklich finde, wie über Katar oder die FIFA, aber darum geht es nicht, wenn man eine solche Figur spielt

Ochsenknecht: Und hat in dieser Art Film auch nichts zu suchen.

Jaenicke: Interessiert mich auch nicht. Dramaturgisch hat Franz Kaiser im Film die Aufgabe, seine schützende Hand über Udo Honig zu halten, egal wie der sich vergaloppiert.

Haben Sie die beiden je kennengelernt?

Jaenicke: Hoeneß ja, Beckenbauer nein.

Ochsenknecht: Ich kenne Beckenbauer besser als Hoeneß, aber beide nicht gut genug, um etwas zum Film beizutragen. Das war auch nicht nötig; Konrad Kujau hab ich vor „Schtonk“ auch nie getroffen. Es geht ja nicht um eine baugleiche Kopie.

Jaenicke: Zu viel persönliche Kenntnis ist vielleicht sogar hinderlich.

Ochsenknecht: Es gibt Biografien. Freunde aus dem engsten Umfeld der Person und das Netz, das sehr hilfreiche Dinge liefert.

Sie beide sind seit mehr oder weniger 30 Jahren kontinuierlich im Geschäft.

Jaenicke: Wir standen sogar vor exakt 30 Jahren das erste Mal gemeinsam  vor der  Kamera.

Ochsenknecht: Stimmt. 30 Jahre? Wow!

Wäre Ihr neuer Film damals in ähnlicher Form möglich gewesen oder herrschte 1985 größerer Zurückhaltung gegenüber lebenden Figuren der Zeitgeschichte?

Jaenicke: Er hätte stilistisch anders ausgesehen, aber ohne Frage mutiger. Die Siebziger waren bis in die Achtziger hinein verglichen mit unserer eine ungeheuer couragierte Film- und Fernsehzeit.

Ochsenknecht: Heute zählt doch nur so günstig wie`s geht. aber die beste Quote.

Jaenicke: Die Bereitschaft von Publikum, Kreativen, Produzenten, neue Wege zu gehen, geht hierzulande gegen Null. Ein Dietl wäre heute kaum möglich. Oder Monk, wie heißt der mit Vornamen?

Ochsenknecht: Egon. Peter Schulze-Rohr, Dieter Wedel, Wolfgang Menge.

Jaenicke: Die haben den Fernsehfilm als Verhandlungsort relevanter Themen erfunden und zu Straßenfegern gemacht. Seit deren Glanzzeit sind uns nicht nur die USA, sondern kleinere Länder mit weniger Geld wie Dänemark, Norwegen, England, Neuseeland uneinholbar davongezogen.

Ist das Wut oder Wehmut, die aus Ihrer Empörung bei diesem Thema spricht?

Jaenicke: Beides! Erzähl mal einem amerikanischen Produzenten, dass allein die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland acht Milliarden Euro zur Verfügung haben. Der fällt um vor Neid – bis er sieht, was daraus gemacht wird.

Ochsenknecht: Und keiner weiß, wo das ganze Geld hinfließt. Von früheren Drehtagen und Honoraren kann man jedenfalls nur noch träumen. Hannes und ich können gewiss als lange etablierte Schauspieler nicht klagen, aber frag mal, was bei Jungen hängen bleibt!

Jaenicke: Umso mehr muss man diesen Film hier hervorheben. Es gibt richtig was zu spielen, es gibt ein hervorragendes Drehbuch, das dich nicht schon bei der Lektüre langweilt oder beleidigt, es ist hochkarätig besetzt, es ist mit Liebe umgesetzt.

Ochsenknecht: Und dann geht es noch um was von Relevanz, versucht aber dennoch gut zu unterhalten.

Jaenicke: Das ist ein echter Lichtblick. Wie Uwe Janson allein schon Bayerns Pseudoidylle karikiert, wunderbar. So was hätten wir alle gern öfter.

Das dies so selten der Fall ist – verleidet Ihnen das manchmal den Beruf?

Ochsenknecht: Verleiden nicht, aber es fällt manchmal schwer, nicht bloß Dienst nach Vorschrift zu machen. Zum Glück ist mein Spieltrieb ausreichend ausgeprägt, aber manchmal deprimiert es schon, für was hierzulande die Mittel aufgewendet werden.

Jaenicke: So was wie House of Cards, Lillehammer oder True Detective könnten auch wir hier stemmen, aber stattdessen gibt es immer noch mehr TV-Krimis oder Schmonzetten.

Ochsenknecht: Wir machen eben das Beste aus dem, was hierzulande möglich ist.

Oder, dass irgendwann HBO anruft und zwei Deutsche braucht?

Ochsenknecht: Ich hab schon mehr als die Hälfte meines Berufslebens hinter mir, da will ich nicht mehr auf irgendwas warten, da muss ich aktiv sein. Aber wenn ich mir ansehe, dass ich seit drei Jahren ein Serienprojekt am Wickel habe, für das man erfolglos durch die Gremien renne – manchmal verliert man die Geduld…

Sie könnten selber aktiv werden und zu schreiben beginnen…

Jaenicke: Also ich schreibe sporadisch,  brauche aber pro Buch im Schnitt sechs bis sieben Jahre.

Ochsenknecht: Auch das muss man können.

Der Film ist in der Sat1-Mediathek abrufbar


Franz Beckenbauer: Denkmal & Denkverbote

fussball-ein-leben-franz-beckebauer-100-_v-standard368_01ed56Halbgott in Rot

Der Kaiser und sein Hofberichterstatter (Foto: ARD) – zum 70. Geburtstag am Freitag hat der versierte Dokumentarfilmer Thomas Schadt dem Fußballmonarchen Franz Beckenbauer ein Porträt geschenkt, das hinreißend komponiert ist, aber leider alles ausspart, was auch nur annähernd am Denkmal des Kaisers zu kratzen vermag. Wie peinlich.

Von Jan Freitag

Nico Hofmann, der frisch gebackene Ufa-Chef, gibt‘s offen zu, ist „nicht sonderlich fußballaffin“. Im Land der 40 Millionen Bundestrainer ist das eine durchaus mutige Aussage – die den wichtigsten Fernsehmacher im Land keineswegs davon abhält, gern mal was mit Fußball zu produzieren. Am Dienstag etwa verballhornte Sat1 in Hofmanns Auftrag den Fall Uli Hoeneß zur Udo Honig Story, in der zwar kaum ein Ball rollte, dafür das „R“ auf Franz Beckenbauers Zunge, herrlich großkotzig verkörpert von Hannes Jaenicke.

Zwei Tage zuvor jedoch spielte sich der Kaiser selbst, besser: er zelebrierte sich, wofür ihm die ARD am Sonntag die wichtige Sendezeit nach dem ersten Tatort der neuen Saison freiräumte. Franz Beckenbauer wird nämlich präsidiale 70 und das Erste, nur fünf Jahre jünger, beschenkt ihn so reichlich, als würde das Diktum, über Tote nicht schlecht zu reden, kurz mal auf Lebende erweitert. Fußball – Ein Leben heißt die Huldigung des Regenten vom heiligen Rasen und gewährt dem Pöbel namens Publikum Audienz beim Ehrenspielführer aus Münchens Südosten.

In Spielfilmlänge lässt Thomas Schadt die Sonne aufs Haupt jenes Liberos scheinen, der dem Sport eine neue Richtung gab. 18 Monate hat ihn der gefeierte Regisseur begleitet, ist ihm in dunkle Archive voller Schwarzweiß- und Bonbonfarbenbilder gefolgt, zu den Stadien zwischen Giesing, Rom und New York, die einen Mythos zur Unsterblichkeit geformt haben. Mit seiner herausragenden Fähigkeit, altes mit neuem Material sinfonisch zu arrangieren, ist dem versierten Dokumentarfilmer somit ein Blick ins Wesen dieses weiß gereiften Über-Ichs des globalen Fußballs gelungen, der ihm nicht bloß die Seele öffnet, sondern sogar seine vier Wände. Nur wo genau die stehen – das hätte dem Autor schon mal einen Nebensatz wert sein können.

In Salzburg nämlich.

Ein Steuerparadies, zumindest von Beckenbauers Heimat aus betrachtet, wo die Abgaben weit höher sind, was des Kaisers Ruf vom Fiskusflüchtlings grundiert. Aber im Film? Kein Wort davon! Wie so viele Schattenseiten der Lichtgestalt unbeleuchtet bleiben. Da wäre die Stimme des früheren Fifa-Funktionärs für die Weltmeisterschaften in Katar und Russland, was auf unappetitliche Weise mit PR-Tätigkeiten für Putins Staatskonzerne sowie seiner menschenverachtenden Aussage über Arbeitssklaven im vulgärkapitalistischen Scheichtum korreliert, von denen er partout keinen gesehen haben will. Da wäre auch das dumpfe Raunen über Unregelmäßigkeiten beim Zustandekommen des Sommermärchens, Beckenbauers Baby. Da wären also diverse Matschflecken auf des Kaisers Hermelin, die dieser charmanten, einvernehmenden, manchmal cholerischen, meist umgänglichen Persönlichkeit sicher keinen Zacken aus der Krone gebrochen hätten. Die ARD aber hat sie ganz gelassen. Nur warum?

Weil derlei Kritik mit fünf Minuten nonchalanter Einlassung Beckenbauers zum Ausschluss von der WM 2014 infolge nicht beantworteter Fragen der Ethikkommission zur WM-Vergabe „abgehandelt worden sind“, wie Produzent Jochen Laube vorab in einem Hamburger Kino betonte. Weil der Film dem Gefilmten „ein Versprechen auf Vertrauensebene gemacht“ habe, das zu brechen ein „ganz anderes Projekt hervorgebracht hätte“, wie Bettina Reitz als Fernsehdirektorin des zuständigen BR hinzufügte. Weil der Franz auf all die heiklen Fragen „ohnehin nur das geantwortet hätte, was man sich tausendfach bei Youtube“ ansehen könne, sekundierte der hauptverantwortliche Nico Hofmann und verwies auf die feinen Zwischentöne über den Schwerenöter oder dessen Selbstvermarktungsdrang.

Allein, das kann man auch mit einem Gutteil der fabelhaften Archivbilder eines lebenden Denkmals, das schlicht zu solide ist, um durch ein paar harte Worte der Wahrheit Kratzer zu erlangen. So bleibt nach 90 durchaus tief greifenden, toll komponierten, tadellos inszenierten Minuten aus dem Dasein eines grandiosen Sportlers der Makel, ihm nicht allzu nahe treten zu wollen. So war Thomas Schadt im Dokudrama Der Mann aus der Pfalz bereits mit Helmut Kohl verfahren, das den verschwiegenen Wende- und Spendenkanzler als äußerlich ruppigen, innerlich sittenstrengen Politikmacher mit menschlichem Antlitz porträtierte. Es war ein Film gewordener Kniefall vorm Alphatier, dem als Moderator Schadt willfährige die Steigbügel hielt. Vielleicht erklärt das ja den Sendeplatz seiner Beckenbauer-Eloge. Es ist der von Günther Jauch.

Fußball – Ein Leben: Abrufbar in der ARD-Mediathek, Wiederholung Freitag, 20.15 Uhr, im BR


Pochers Witz & Plasbergs Remake

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

31. August – 7. September

Warum man von Oliver Pocher zuletzt so wenig gehört hat? Vielleicht ja, weil selbst die anspruchslosesten Privatsender langsam gemerkt haben, dass der Glaube allein, witzig zu sein, nicht bedeutet, dass man witzig ist. Womöglich auch, da er sich länger nicht mit einer neuen Freundin ähnlich oberflächlicher Ausstrahlung in die Bild gewanzt hat. Insgesamt könnte es also daran liegen, dass vom humorlosesten Humoristen unserer Zeit ohnehin nichts länger im Kopf bleibt als ein grundschulischer Furzwitz. Wobei so einer gegen Pochers menschenverachtend witzlosen Spaßbesuch im rassistisch verseuchten Heidenau die blanke Philosophie ist.

Und wo wir schon bei den merkwürdigsten Comebacks der Medienwoche sind: Stefan Aust, einst linksliberaler Journalist von Rang mit Hang zur publizistischen Keule gegen alles, was ihn – etwa Windkraftanlagen – in der Nähe seines Landsitzes stört, ist wieder Chefredakteur. Diesmal allerdings nicht beim Spiegel, sondern dem früheren Erzfeind Welt. Dass er Axel Springers alttestamentarisches Kampfblatt früherer Tage redaktionell führt, erinnert ein wenig daran, als würde Alice Schwarzer den Playboy führen. Oder, sagen wir, der Welt geschmeidigste Historytainer Nico Hofmann den Kulturkanal Arte. Geht aber nicht, weil er nun die altehrwürdige Ufa leitet. Erste Sensationsmeldung seiner Amtszeit: Das fiktionale Großprojekt Turnschuhgiganten um die Brüder Dassler wird nicht von Hofmanns Teamworx produziert.

Verrückt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. September

Die hat dafür das Premiumprodukt der Woche gemacht: Die Udo Honig Story, eine aberwitzige Groteske über die Haft von Uli Hoeneß, der in Uwe Jansons überdrehter Sat1-Version am Dienstag seinen Knast übernimmt, was nicht immer so witzig ist, wie es sein will, aber dank Uwe Ochsenknecht als Honig und Hannes Jaenicke (Franz Kaiser) allemal unterhaltsamer als das öffentlich-rechtliche Dokudrama der Vorwoche, in dem ein hinlänglich bekanntes Blatt nur neu sortiert wurde.

Das wiederum erinnert ans erstaunlichste Remake im Fernsehjahr: Frank Plasberg lädt heute um 21 Uhr offenbar exakt jene Gäste ein, die vor neun Monaten so populistisch übers Thema Gender gestritten hatten, dass die ARD das Stück kürzlich aus der Mediathek warf. Ein Schicksal, dass man dem alten Musikantenstadl unterm neuen Namen (Stadlshow) mit, hüstel, „frischem“ Personal (Francine Jordi, Alexander Mazza) nach neun Sekunden wünscht. Der neuesten Fassung eines hirntoten Genres hingegen lieber schon 30 Minuten vor der Erstausstrahlung: Mila, eine irgendwie lustig gemeinte Telenovela mit Susan Sideropudingsbums als liebeshungrige Ulknudel auf der 287-tägigen Jagd nach Mr. Right, wofür sich mittlerweile vermutlich nur noch der Herzschmerzkanal Sat1 zwei Stunden zuvor nicht zu blöde ist.

Fünf Minuten nach Beginn des folgenden Tags dann nimmt das ZDF in Twinfruit aufs Korn, womit Sender wie Sat1 ihr Programm umrahmen: Reklame. In der Mockumentary genannten Pseudo-Doku soll ein Team selbstgerechter Werber die nächste Kampagne für Dosenobst ersinnen und betrügt sich dabei fast noch mehr als ihre Kundschaft, was sich vor Stromberg nicht zu verstecken braucht. Weniger absurd, dafür nicht minder unterhaltsam, sind die zwei herausragenden Dramen der Woche: Am Mittwoch um 22.45 Uhr zeigt das Erste Die Erfindung der Liebe. Endlich, muss man sagen! Denn nach dem Tod der Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky als Frau, deren Freund eine todkranke Millionärin heiraten soll, musste Lola Randl den Film völlig neu konstruieren – was ihr auf atemberaubende Art gelungen scheint.

Atemberaubend ist auch Clive Owen im anrührenden Familienfilm The Boys Are Back (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) um einen Sportreporter, der nach dem Tod seiner Frau zwei Kinder allein erziehen muss und damit heillos überfordert ist. Nicht atemberaubend, aber immerhin herzergreifend ist dafür die Wiederholung der Woche in Farbe, Samstag um 15 Uhr, BR: Das fliegende Klassenzimmer von 1973 mit dem unvergessenen Blacky Fuchsberger als Lehrer Böhk und reichlich Schlaghosen. Schwarzweiß, aber nie grau in grau ist hingegen Die Teuflischen von 1954 mit Simone Signoret als Geliebter eines Sadisten, den sie mithilfe seiner Frau am Sonntag (20.15 Uhr) auf Arte auf unerreicht perfide Art zur Strecke bringt. Bliebe noch der Doku-Tipp. Er lautet Grüezi Schweiz, ein Fünfteiler, der Montag und Mittwoch zur besten Sendezeit vier Einwanderer-Familien begleitet, die mal nicht nur aus Syrien stammen, sondern auch aus Deutschland, Italien und Schottland. Sehr heilsam!


Hamburg: Hockey, Polo, Elitensport

polo-hamburg-540x304Eine Frage des Geldes

Polo ist eine der letzten Sportarten, die konsequent wohlhabenderen Schichten vorbehalten bleibt. Dass ihr deutsches Herz trotz der raumgreifenden Spielfelder ausgerechnet im engen Hamburg schlägt (Foto@Stefanie Schmalz), sagt viel über die Hansestadt aus, in der auch andere Elitesportarten von Hockey über Rudern bis Tennis bedeutsam sind.

Von Jan Freitag

Hamburg hat, wie jede Großstadt, höchst verschiedene Seiten. An dieser zum Beispiel grasen gemächlich ein paar Pferde, während es ringsum zwischen den Wipfeln tiriliert, als lägen sie im Schwarzwald, nicht wenige Minuten entfernt vom zentralen Wohngebiet mit Autobahnanschluss. Es ist still hier, fast ländlich, die Bienen summen, sanft trappeln die Hufe. Dann aber durchbrechen krächzende Kommandos das Osdorfer Naturidyll: „Wenn eure Rückhand nach rechts knickt“, fegen sie über die gepflegte Rasenfläche von zwei Fußballfeldern Größe, „ist der Schlag im Arsch“.

Rückhand?

In Hamburg ist der Begriff selbst tief im Grünen nichts Ungewöhnliches. Rückhände gibt es hier bekanntlich im Tennis, eine äußerst hanseatische Sportart, die ihre deutsche Verbandszentrale, das wichtigste Turnier, tausende von Aktiven zwischen Elbe und Alster beherbergt. Rückhände gibt‘s auch im Hockey, noch so eine Leibesübung, deren nationales Herz in Hamburg schlägt, fast alle Kammern sogar, Serienmeister und Nachwuchsmassen inklusive. Diese Rückhände hier aber erfolgen nicht nur auf edlem Grund nobler Clubs, sondern hoch zu Ross. Denn was hier bei falschem Armwinkel noch zu missraten droht, sind Rückhände blutjunger Polo-Schüler von Thomas Winter, Deutschlands bester Spieler, Fachleute meinen gar: der international einzig konkurrenzfähige.

Und das hat gute Gründe. Zunächst mal seine Mutter, eine Reitlehrerin, die den Kaufmannssohn im ostafrikanischen Sambia Anfang der Siebziger als Fünfjähriger zum Pferdenarren gemacht hat. Mehr aber noch lag es am zweiten: Hamburg. Die Stadt, so scheint es, ist ein Eldorado für Ertüchtigungen von elitärem Ruf. Neben Hockey und Tennis gilt das besonders für Rudern, dessen nationale Keimzelle – der noble DHRC Germania – vor beinah 200 Jahren gegründet wurde, als es ansonsten allenfalls Turnvereine gab. Auch Golf, Springreiten, Trabrennen, deren Kosten für Material und Mitgliedschaft bis heute weite Teile der Bevölkerung ausschließen, haben hier bedeutsame Stützpunkte. Vom Polo, dem altpersischen Königsspiel, ganz zu schweigen.

Die TopTen der nationalen Rangliste, schwärmt Thomas Winkler nach Trainingsende verdreckt, aber glücklich vom Standort seiner Poloschule, residiere vollzählig in seiner Stadt. Dass die „bundesweit qualitativ wie quantitativ spitze“ sei, habe aber nicht nur mit Tradition plus Herkunft zu tun, sondern einer gewissen „Affinität zu England“, wie er es im breitesten Hamburger Slang ausdrückt. All die Sportarten mit Oberschichtsaura nämlich sind einst vom Empire über die Waterkant ins ganze Land gespült worden. Ein Freizeitspaß für Pfeffersäcke also, nichts für den Pöbel, klischeehanseatisch und snobistisch? Mitnichten, beteuert der wettergegerbte Profi in dreckiger Jeans und Sweater unterm wilden Fünftagebart. „Eine Frage des Geldes“ werde sein zugegeben aufwändiger Sport erst, „wenn man ihn professioneller betreiben will“. Dann brauche man locker sechs Pferde pro Spieler plus Angestellte, „das kostet“.

Und es hindert das noble Vergnügen mehr als andere daran, bürgerlich zu werden. Der Deutsche Tennisbund am Rothenbaum verzeichnet seit Beckers Wimbledon-Sieg vor 30 Jahren – wenngleich längst sinkenden – Zulauf aus allen Schichten. Als olympische Kerndisziplinen hat Hockey wie Rudern trotz einiger Standesdünkel sein bourgeoises Image abgeschüttelt. Trotz hermetischer Clubs vom gräflichen GC Breitenburg nordwestlich der Landesgrenze bis hin zum edlen Treudelberg hat es selbst das distinguierte Golf ein Stück weit aus der Luxusecke in die Masse geschafft. Allein Polo hält neben dem Highend-Hobby Hochseesegeln noch die Fahne der Oberen Zehntausend hoch. Auch, wenn man es nicht so recht wahrhaben will.

Wolle man seinen Sport mit Ehrgeiz betreiben, meint Jens Thomsen, „muss man schon 5000 Euro pro Pferd übrig haben“. Klingt nach einer realistischen Einschätzung des Immobilienmaklers mit drei eigenen Tieren. Als der Hamburger jedoch vor Jahresfrist im bayerischen Fünfsternegut Ising die „Deutsche Polo Meisterschaft Medium Goal“ moderierte, fügte er mit hochgeschlagenem Polohemdkragen hinzu: „Das kann man sich doch leisten.“ Das „man“ ist hingegen Interpretationssache. 280 Euro kostet das Training seines Sohnes im Monat, erklärt etwa der Vater – Beitrag: 420 Euro – eines zwölfjährigen Schülers von Thomas Winter. Das dürfte der Durchschnittsmiete jener Sozialwohnungen verwahrloster Plattenbauriegel entsprechen, die das angrenzende Pologelände zum Inferno aberwitziger Gegensätze machen, leicht übertreffen.

Bei guter Sicht darf sich die anwohnende Unterschicht dann auch noch an den Karossen der 80 Nutzer des 45 Hektar großen Areals erfreuen. Während des Jugendtrainings parkt dort zwischen zwei Luxusmodellen deutscher Herkunft ein englischer Traum von Oldtimer, dem eine Mutter mit englischem Akzent und Tasche von Louis Vuitton entsteigt. Das aber ist noch lange nichts verglichen mit dem Fuhrpark vorm gediegenen Hamburger Polo Club von 1889, ältester seiner Art auf dem europäischen Festland, der im nahgelegenen Klein Flottbek Karossen ums schneeweiße Vereinsheim schart, für die man Jens Thomsens 5000-Euro-Pferde im Dutzend kaufen könnte.

So herrscht auch hier, im reichsten Teil der wohlhabenden Hansestadt, ein elitensportlicher Selbstbetrug, der bei einer Umfrage unter Funktionären den Eindruck erwecken möchte, die 22 Golfclubs im Hamburger Landesverband seien trotz Jahresbeiträgen von 800 Euro aufwärts ohne Ausrüstung, Trainer, Turniere Hartz4-kompatibel. „Vincent“, ruft der rustikale Polo-Profi Winter mit rauer Stimme über die gewaltige Grasfläche des Spielfelds von 275 Metern Länge, „linke Hand nicht ablegen, sondern am Zügel halten“. Dann hört man zwischen zwitschernden Vögeln und Hufgetrappel nur noch das helle Klacken geschlagener Plastikbälle. An einem unwirklichen Ort mit sozialem Brennpunkt. In einer Hochburg für alles, was britisch ist, sportlich. Und edel.

Mehr Text, Infos, Bilder, Kommentar auf ZEIT-Online


BOY, Le Very, The Arcs

BOY

Die deutsche Sprache ist voller Worte der Überwältigung. „Hinreißend“ ist eines, gefolgt von „betörend“. Beide jedoch sind auf die schönen Dinge gebucht: Blumen, Kleider, Leichtigkeit. Wie viel Gewicht hinterm Liebreiz steckt, kommt da kaum zum Vorschein. Boy zum Beispiel, deren Debütalbum vor vier Jahren wie ein Wellnessurlaub aus der Nische gediegenen Easy Listenings in die Aufmerksamkeitsindustrie rauschte, mag ja hinreißenden Gitarrenpop mit betörender Sommerwindpoesie machen; auch auf dem Nachfolger schwingt abseits aller Gefälligkeit eine so viel tiefgründige Seinsbeschreibung mit, dass es härterer Worte bedarf, um des Duos aus Hamburg und Zürich habhaft zu werden.

https://youtu.be/mMdNOiplpEc; http://youtu.be/xYpK0Z95MYg

Wo Sonja Glass und Valeska Steiner von der Einsamkeit des mobilen Lebens singen, wirkt es trotz der Engelsstimmen nie larmoyant, sondern kraftvoll. Wenn reduzierte XX-Gitarren durchs Titelstück tupfen, erhält es eine trotzige Melancholie. Und wenn das analoge Songwriting digitaler grundiert wird, klingt „betörend“ zu luftig. Dann sind die beiden einfach nur überwältigend.

BOY – We Were Here (Grönland)

Le Very

Überwältigend, wenngleich auf anderem Gebiet als der musikalischen Reduktion aufs Wesentliche mit großer Wirkung ohne übertriebenen Aufwand, sind hingegen Le Very: Fünf überstylte Berliner vom Prenzlberger Coolnesserbhof Neukölln, neben denen selbst ortsübliche Hipster verblassen. Auf ihrem Debütalbum V bieten sie feil, wofür der Begriff Pop erfunden wurde: Mehr Hülle als Inhalt, weniger Intellekt als Spaß. Umso seltsamer, dass der kreative Kopf Nikolas Tillmann nebst Keyboarderin Naemi Simon und Milian Vogel (Drums), flankiert von zwei flamboyanten Gogo-Girls, beim Spartenlabel Zukunftsmusik gelandet sind.

Nicht so seltsam ist, dass ihr viriler Mix aus klassischer Instrumentierung und digitalem Disco-Chichi, von der Spex „very interdisziplinär“ getauft, längst die Tanzböden der Metropolen erhitzt. Mit englischen Texten über, nun ja, nichts Weltbewegendes, viel Clapclap und Woohoohoo, ein paar Autoscooterorgeln und weit ausgefahrener Antenne für diverse Ursachen des Hüftwackelns, holt ihr erstes Album ein bisschen Poledance ins Wohnzimmer. Nicht vordergründig klug, nicht übertrieben prollig, irgendwie angenehmer zu hören als einem der Intellekt weismachen will. Drauf gepfiffen.

Le Very – V (Zukunftsmusik)

The Arcs

Auf seinen Erfolg gepfiffen hat offenbar Dan Auerbach. Der Sänger, Gitarrist, Produzent  geht nach all den Trophäen, Soundtracks und Einnahmen seines lukrativen Garagenrock-Duos The Black Keys kurz mal eigene Wege und nennt sie The Arcs. Mit fünf befreundeten Musikern aus halb Amerika hat der Mittwestler aus Ohio ein sagenhaft unterhaltsames Debütalbum namens Yours, Dreamily gemacht, in zwei Wochen, so heißt es, schnelle Ideen, schnelle Umsetzung, fertig. Fertig? Noch lange nicht! Die 14 Songs klingen, als hätte sich Robert Palmer mit Sam Genders zur Neujustierung des Indiepop getroffen und bei einem Abstecher in die staubigen Weiten des Folks die Abfahrt zurück zur Hauptstraße verpasst.

So mäandern The Arcs also durch die Historie klassischer Bandmusik, naschen hier etwa Soul wie in der Single-Auskopplung Stay in my Corner, rasten dort im Americana wie beim nachfolgenden Cold Companion und ringen dem Rock dabei immer wieder Facetten ab, die ihm ein Überschuss an Testosteron regelmäßig vorenthält. Das ist ungeheuer lässig, selten weltbewegend, aber rundum schön zu hören. Hoffentlich verfahren sich die sechs noch ein bisschen weiter.

The Arcs – Yours, Dreamily (Nonesucht)

Zwei der Kritiken sind zuvor auf www.zeit.de erschienen

 


Dieter Hallervorden: Honig & Chuzpe

rote-rosen-fuer-die-damen-edek-rotwachs-ist-ein-kavalier-alter-schule-102-_v-standard368_a9eb88Was Sie Klamauk nennen…

Zwei Jahrzehnte lang war Dieter Hallervorden (Foto@ARD-Degeto/Julia Terjung) nur Didi mit der Flasche Pommes. Seit ein paar Jahren aber wagt sich der gelernte Kabarettist zusehends an Charakterrollen – wie in der ARD-Komödie Chuzpe (Samstag, 5. September, 20.15 Uhr), wo er einen jüdischen Spätheimkehrer mit verrückter Geschäftsidee in Berlin spielt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Dieter Hallervorden, Sie haben die einmalige Gelegenheit, sich ein Thema auszusuchen, über das wir nicht reden!

Dieter Hallervorden: Oh, dann nehme ich Griechenland, bitte. Oder denken Sie da an Privatangelegenheiten? Die können wir natürlich auch gern weglassen…

Ich dachte vor allem an Didi, Ihre Kunstfigur der Siebziger.

Stimmt, über die ist nun wirklich alles gesagt – auch, weil ich so viele Jahre danach noch immer ständig was dazu sagen muss. Aber wenn Sie so fragen, brennt Ihnen doch garantiert was unter den Nägeln. Also schießense mal los!

Ist alles darüber gesagt, weil es Geschichte ist oder weil Ihnen der Klamauk dieser Geschichte womöglich ein bisschen unangenehm ist?

Ersteres, weil ich das nie als Klamauk empfunden habe. Klamauk ist Bild-Zeitung, Didi dagegen ist ja daraus entstanden, dass ich seinerzeit Marty Feldman synchronisiert habe, der in seiner Heimat ein gefeierter Superstar war, weil Komödie im englischsprachigen Raum als ganz hohe Kunst gesehen wird. Aber obwohl Goethe mal gesagt hat, wie ernst man sein müsse, um was Heiteres zustande zu bringen, wird es in Deutschland noch immer nicht anerkannt. Komödie gilt hier als minderwertig, mit dem seltsamen Nebeneffekt, dass ich erst durch späte Filme wie Honig im Kopf oder jetzt Chuzpe Anerkennung kriege, die es in England auch mit dem gegeben hätte, was Sie Klamauk nennen.

Haben Sie das Gefühl, jetzt Fähigkeiten zeigen zu dürfen, die zuvor brach lagen?

Ich kann halt nur spielen, was man mir anbietet. Und da bin ich Kilian Riedhof dankbar, dass er den Mut hatte, die Rolle des Marathonläufers in Sein letztes Rennen vor ein paar Jahren auf mich zuzuschreiben. Ein Film, wo der Humor allenfalls hintergründig ist. Das war mein Wiedereinstieg in die Charakterrolle, was – ohne mir auf die Schulter zu klopfen – schon auch meine Vielseitigkeit beweist.

Empfinden Sie das angesichts des ersten Karrieredrittels als zweiten Frühling oder angesichts des mittleren eher als vergoldeten Spätherbst?

Wer sich genauer mit mir beschäftigt hat, weiß ja, dass ich auf der Schauspielschule schon Franz Moor in Schillers Räuber gespielt habe und zunächst mal Filme wie Springteufel oder Millionenspiel gedreht, was dann aber durchs politische Kabarett und Nonstop Nonsens überdeckt wurde. Umso größere Freude bereitet es mir, die Zuschauer meiner neuen Filme mit einem Hallervorden zu überraschen, den sie noch nicht kannten.

Statt noch irgendwen überraschen zu wollen könnten Sie sich aber auch in ihr bretonisches Schloss mit eigenem Wikipedia-Eintrag setzen und den Ruhestand genießen oder haben Sie dafür zu viele Hummeln im Hintern?

Wissen Sie, wenn man einen Beruf hat, der aus einem Hobby entstanden ist, kann man damit nicht einfach aufhören, nur weil es daheim gemütlicher ist. Solange mich meine Beine noch auf die Bühne tragen, da oben genug Grips steckt und ein paar Leute zusehen, werde ich dieser Leidenschaft immer nachgehen. Die anderen Hobbys von Gärtnern über Surfen bis Lesen würden nie ausreichen, mein Dasein mit Leben zu füllen. Ich bin im Unruhestand.

Das haben Sie mit Ihren jüngsten Rollen gemeinsam, die nochmals ganz von vorn anfangen und wie in „Chuzpe“ eine Bulettenfabrik in der alten Heimat aufmachen.

Was uns mehr noch vereint, ist die Tatsache, dass wir uns diese Ziele gegen alle Widerstände setzen. Aus Steinen, denen man Menschen in den Weg legt, lassen sich durchaus solide Gebäude bauen. Gut, ich werde 80; aber das Leben ist wie ein Theaterstück: Es kommt nicht drauf an, wie lange es dauert, sondern wie interessant es ist. Meins ist noch nicht uninteressant genug, um aufzuhören.

Man hat das Gefühl, dieses Motto gilt für die ganze Branche, wo es immer mehr Senioren gibt, die im Alter nochmals Fahrt aufnehmen. Hat das mit der demografischen Entwicklung zu tun?

Was meinen Sie denn?

In meiner Fernseherinnerung saßen alte Leute vor 30 Jahren im Sessel und waren gute Großeltern, heute müssen sie partout noch mal Firmen gründen und tollen Sex haben…

Wie weit das im Trend liegt, vermag ich nicht zu sagen. Aber es war und ist wünschenswert, dass die letzen Jahre oder Jahrzehnte nicht fremdbestimmt werden. Insofern ist ein Film wie Chuzpe angesichts der wachsenden Anzahl älterer Menschen, die zusehends fitter werden, absolut zeitgemäß. Darüber hinaus interessiert es mich der Kontext meiner Filme weit weniger als die Qualität seiner Bücher und Figuren. Und an dieser hat mich unabhängig vom Alter besonders die Lebensphilosophie interessiert. Sein Glas ist nämlich immer halb voll.

Das ist es bei Ihnen auch?

Meistens.

Was über seine Kraft hinaus interessant ist, ist sich nach 60 Jahren im australischen Exil irgendwie aus Jiddisch, Deutsch und Englisch zusammensetzt.

Das war die Idee: Eine Kunstsprache zu erschaffen. An der hab lange gebastelt. War nicht einfach. Weit authentischer ist allerdings die Figur selbst, diese Lebensfreude, da steckt im Gegensatz zu Honig im Kopf Gott sei Dank schon auch eine Menge von mir selbst drin. Ich hab wie er ja noch einiges vor.

Dafür spricht, dass Sie sich das zweite Berliner Theater zugelegt haben.

Nicht zugelegt – nur gemietet. Ein Haus, das eine hohe internationale Reputation hat, aber als ich es vor sechs Jahren übernommen habe total heruntergekommen war. Wir beginnen am 5. September mit der siebten Spielzeit. Richtig stolz bin ich aber eher auf die Wühlmäuse, die ich 1960 gegründet habe und seither ohne Subventionen am Laufen halte. So schlecht kann der Spielplan da nicht gewesen sein. Dennoch ist das Schlosspark-Theater mein Lieblingsprojekt, da steckt so viel Liebe, Herzblut und Geld von mir drin.

Müssen sie eigentlich noch irgendwem etwas beweisen?

Das nicht, aber die Arbeit als Intendant so eines Hauses war schon eine besondere Herausforderung. Wir gehen noch immer nicht mit plusminus Null aus einer Saison heraus, aber die Kurve weist nach oben.

Glas fast voll also…

Auf jeden Fall.

Bleibt da noch Zeit und Lust zum politischen Kabarett?

Lust ja, Zeit nein. Und Kraft? Ich bin schon jetzt total überlastet, da freue ich mich erstmal auf ein bisschen Ferien, um die Batterien aufzuladen und zu sehen, welchen Schritt ich als nächstes tun kann. Zurück darf keiner gehen.

Wenn Sie ein Cowboy wären, würden Sie offenbar in Ihren Stiefeln sterben wollen…

Ich will Molière nicht alles nachmachen und auf der Bühne sterben, aber solange mich die Leute sehen wollen, müssen Sie damit rechnen, dass ich noch etwas weiter mache.


2 Bier, 1 Platte

BOY_window_press_pic_II_by_Debora_Mittelstaedt_800BOY – Colvin & Phoenix

Manche Begegnungen sind schicksalhaft. So auch die von Valeska Steiner und Sonja Glass an der Musikhochschule in Hamburg. Sie gründen BOY (Foto@Debora Mittelstaedt) und erreichen mit ihrem Debut Mutual Friends 2011 Goldstatus. Im selben Jahr wird ihr Song Little Numbers durch seine zahlreiche Verwendung in der Werbung zum Ohrwurm. Nun ist mit We were here das lang ersehnte zweite Studioalbum der Wahl-Hamburgerinnen erschienen. Mit ihrer Musik treffen BOY bei HörerInnen weltweit einen Nerv. Welche Alben bei den Beiden einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, erzählen sie im Interview.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Eure eigene Musik ist, besonders durch die Texte, sehr ausdrucksstark und bedeutungsvoll. Genießt ihr in entspannten Momenten auch gerne mal Musik ohne große Inhalte?

Valeska: Viele sagen ja, dass sie bei Musik auf das Gesamtpaket achten und die Texte nicht so wichtig sind. Das ist bei mir absolut nicht der Fall. Wenn ich etwas beim ersten Hören cool finde, mir beim zweiten Hören aber auffällt, dass ich die Texte nicht mag, dann mag ich das ganze Lied einfach nicht mehr. Anders ist es, wenn die Texte rätselhaft sind, wie zum Beispiel bei Bon Iver. Das wiederum finde ich sehr reizvoll.

Sonja und Valeska kannten zwei Bier – eine Platte vor unserem Treffen nicht. Jetzt überlegen sie fieberhaft, von welcher Platte sie gemeinsam erzählen möchten.

Sonja: Mensch, ich hätte das so gerne vorher gewusst! Das ist ja ein tolles Thema!

Valeska: Ja, ich hätte mir gerne vorher was überlegt. Das ist gerade wirklich schwierig. Ich möchte ja auch was über die Texte erzählen können. Ich bin gerade auch so müde.

Am Abend zuvor gaben BOY ein exklusives Konzert, um ihr neues Album zu präsentieren. Ich kann die Müdigkeit gut nachvollziehen.

Wenn nun jede von euch ein eigenes, für sie prägendes Album wählen könnte, welche wären das?

Valeska: Es gibt eine Platte, die für mich besonders wichtig war: A Few Small Repairs von Shawn Colvin. Ich habe51JhZWUgRcL sie von einem befreundeten Musiker geschenkt bekommen, als ich ungefähr sechzehn war. Die Musik ist so eine Art Country oder amerikanischer Folk. Shawn Colvin hat mir einfach die Welt der Singer und Songwriter eröffnet. Sie schreibt Texte, die ganze Geschichten erzählen.

Nach ihrer Zusammenarbeit mit Tracy Chapman und Suzanne Vega begann Shwan Colvin Ende der Achtziger mit der Veröffentlichung eigener Alben. A Few Small Repairs war ihr erster großer Erfolg. Für die darauf enthaltene Single Sunny Came Home erhielt sie 1998 zwei Grammys.

Deine Teenagerzeit ist nun ja schon einige Zeit vergangen. Hörst du die Platte heute noch?

Valeska: Nein, eher nicht. Aber damals war sie eine Art Erleuchtung für mich. Ich war damals auf einer Gesangsschule. Da war es üblich, Songs von Christina Aguilera und Whitney Houston zu singen. Es ging vor allem darum, besonders beeindruckend zu singen. Und dann war da plötzlich Shawn Colvin mit ihrer Musik, in der es um die Texte ging und darum, mit dem Singen eine Botschaft zu vermitteln. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Heute ist sie wegen des Musikstils einfach nicht mehr so interessant für mich. Vielleicht höre ich sie ja wieder etwas öfter, wenn ich älter bin.

Sonja: Ich kenne die Platte ja gar nicht. Eigentlich müsste ich sie mir mal anhören! Ich muss ja wissen wo Du herkommst!

Valeska: Ja! Ich wäre total gespannt ob sie dir gefällt. Unsere eigene Musik ist sehr weit weg von dem, was Shawn Colvin macht. Aber die Texte sind wirklich gut! Du musst sie unbedingt mal hören!

220px-PhoenixAlphabeticalalbumcoverSonja: Für mich ist die Alphabetical von Phoenix eine ganz wichtige Platte. Aber die haben Dir wahrscheinlich schon viele genannt.

Nein, noch niemand!

Sonja: Echt nicht? Also bei mir ist die total eingeschlagen. Unser jetziger Produzent hat sie mir gezeigt. Damals war er noch gar nicht unser Produzent, zu der Zeit kannte ich Valeska auch noch gar nicht. Ich war mit Philipp Steinke mit einer anderen Band auf Tour. Irgendwann kam er mit der Platte in der Hand in den Tourbus und sagte: „Ich hab mir gerade eine coole Platte gekauft! Die musst Du Dir anhören!“ Ich war sofort völlig beeindruckt. Irgendwie war die Alphabetical etwas total Neues. Sie verbreitet so eine positive Energie und ist gleichzeitig so wild. Es fällt mir schwer das genau zu beschreiben, ich finde sie einfach wahnsinnig gut.

Das sehen viele andere ähnlich, und so wurden auch Phoenix schon mit einem Grammy ausgezeichnet. Die französische Band steuert hin und wieder Songs zu den Filmen von Sofia Coppola bei und trat in selbigen schon als Hofband auf. Ihr bisher letztes Album Bankrupt erschien 2013.

Verbindest du die Platte seither mit dem Unterwegssein oder kannst du sie in jeder Stimmung hören?

Sonja: Die kann man wirklich immer hören. Auf Partys, unterwegs, überall! Immer wenn ich irgendwo bin und sie zufällig läuft freue ich mich sehr. Sie ist einfach ein all-time-favourite.

Stell dir vor ich würde Phoenix nicht kennen…

Valeska: Was (mit fünf a)? Also dann hast du was vor dir! Die sind wirklich so gut!

Sonja: Also eigentlich kann man das Gleiche auch über das vierte Album sagen. Wolfgang Amadeus Phoenix. Hör sie dir bitte unbedingt an!

Erledigt! Ich kann diese Empfehlung nur weiter geben…

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht einen Song von Shawn Colvin oder Phoenix zu covern?Marthe1

Valeska: Also bei mir ist das eher so: Wenn ich Musik höre, dann höre ich sie tatsächlich als Hörerin. Ich habe dann nicht den Gedanken, dass ich selber Musikerin bin und etwas dazu beitragen möchte.

Sonja: Ich glaube, vor denen, die man am Tollsten findet, hat man wahrscheinlich auch am meisten Respekt. Ich glaube ich hätte da auch eher Schiss.

Ihr covert aber manchmal Lonely Boy von The Black Keys. Das macht Ihr doch nicht nur wegen des Wortspiels?

Sonja: Also das ist höchstens ein lustiger Nebeneffekt. Wir haben zwei längere Touren durch die USA gemacht. Wenn man da die Radiostationen besucht, wird sich neben den eigenen Songs meist auch ein Cover gewünscht. Das hat da irgendwie Tradition. So haben wir angefangen Lonely Boy zu covern. Wir finden den Song einfach super, deshalb spielen wir ihn auch auf manchen Konzerten.

Vielleicht kommen die Besucher der kommenden Konzerte ja auch in diesen Genuss. BOY sind ab jetzt auf großer Tour durch Europa. Die meisten Termine sind bereits ausverkauft. Wer noch Tickets ergattern möchte, geht auf http://www.listentoboy.com.