Fettes Brot: Spaßrap & Politpop

Fettes Brot @ Ondrey LudkovskiUnser Chef ist der Song

Kaum zu glauben, aber selbst Fettes Brot (Foto@Ondrey Ludkovski) werden sichtbar älter, wenn man die drei HipHopper aus Hamburg genau 20 Jahre nach ihrem Debüt vor sich hat. Seltsam jünger wird hingegen ihr Sound, der den gewohnt schnodderigen Rap ihrer neuen Platte musikalisch absolut discotauglich begleitet. Das erklärt vielleicht den Titel: Teenager vom Mars. Textlich indes vollführt auch das achte Album seit Nordisch by Nature den unvergleichlichen Mix aus parolenhaftem Humor und linksalternativer Attitüde, die Martin Vandreier alias Doktor Renz, „König“ Boris Lauterbach und Björn (Beton) Warns mit „Unterhaltung & Haltung“ umschreiben. Ein überraschend sachliches Gespräch mit drei Spaßveteranen des Diskurs-Raps.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ich habe in den letzten Jahren etwas den Anschluss an euer Werk verloren, aber kann es sein, dass Fettes Brot ein wenig den Anschluss an den HipHop verloren haben?

Martin: Wann denn ungefähr – 1996?

Schon später, eher zwischen Domotape und 3 is ne Party. Habt ihr euch in all den Jahren zusehends dem Pop geöffnet oder verklärt man damit die Vergangenheit?

Boris: Wir waren ja noch nie eine Band, die ängstlich war im Umgang mit genrefremder Musik und dem Übertreten von Grenzen im Sinne eines puristischen Ansatzes von HipHop. Die große Klammer sind und bleiben wir drei, unsere Stimmen, die Texte. Auch auf dem neuen Album hört man Songs wie K.L.A.R.O oder Ganz schön Low unsere Wurzeln genau an, aber wir haben auch nix gegen Pop.

Mit dem Begriff tritt man euch nicht zu nahe?

Boris: Anderen im Genre vielleicht schon. Uns nicht. Pop ist, wenn es das Zeug zur Popularität hat, da hat keiner von uns was gegen.

Björn: Dass wir heute klingen, wie wir klingen, hat ja auch damit zu tun, dass wir uns als Musiker weiterentwickelt haben und im Songwriting besser geworden sind. Learning by doing halt und growing up in public, um mal ganz hiphop-mäßig ein paar Anglizismen einzustreuen.

Benutzt ihr also richtige Poppeitschen wie die Cher-mäßige Stimmverzerrung in Mein Haus, weil ihr es könnt oder steckt da ein Konzept hinter?

Martin: Cher? Ein älteres Beispiel ist dir nicht eingefallen?!

Boris: Das ist einfach nur ein Effekt, der drinbleibt, wenn es geil klingt, und rausfliegt, wenn nicht. Unser Chef ist immer der Song, nicht irgendein Anspruchsdenken. Wenn er uns sagt, ein Gitarrensolo reinzupacken, gehorchen wir ihm.

Martin: Und ob nun Hall, Verzerrung, Delay, was immer: So was gehört eben zum modernen Popsound dazu, um etwa eine Stimme mal artifizieller klingen zu lassen. Da nutzen wir nur die gegebenen Möglichkeiten.

Boris: Und machen uns generell nicht mehr so viele Gedanken über Sparten.

Bedeutet „nicht mehr“, dass ihr euch diese Gedanken früher gemacht habt?

Björn: Wir nicht, aber viele um uns herum, allerdings früher mehr noch als heute. Zu Beginn wurde die Frage einfach viel öfter gestellt, ob das noch HipHop ist. Heute ist er auch in Deutschland vielfältig wie nie, da passen die Schubladenbegriffe nicht mehr.

Martin: Nimm mal einen Song wie Hey Ya! von OutKast, das ist kein HipHop, man hört ihm aber in jeder Zeile an, dass André 3000 aus dem Fach kommt.

Boris: Oder Cee-Lo Green mit Crazy.

Martin: Da gibt’s Hunderte von Beispielen, wo die Grenzen verwischen. HipHop hat Musik, die er früher nur gesampelt hat, weiterentwickelt und sich dabei weit für andere Sparten geöffnet. Das macht ihn so spannend.

Gibt es bei aller Veränderung, die auch euer Sound durchlaufen hat, so etwas wie einen Kernbestand von Fettes Brot – Humor zum Beispiel, die Suche nach einer Punchline?

Boris: Beides, auf jeden Fall.

Martin: Die Krone des Songwritings ist für uns, Unterhaltung und Haltung zusammenzubringen, wenn die Leute auf den Dancefloor gezogen werden, das Gehirn aber angeschaltet bleibt und mal subversiv, mal plakativ mit Gedanken gefüttert wird, die uns am Herzen liegen oder wütend machen.

Würdet ihr euch als politische Band bezeichnen?

Martin: Da wir uns alle als politische Menschen bezeichnen und vieles davon in unsere Musik einfließt, wahrscheinlich schon.

Björn: Wobei man politische Musik auf keinem Fall mit dem verwechseln darf, was an Politik in den Nachrichten, geschweige denn den Parteien geschieht. Unser Weg ist eher zu kommentieren, wenn etwas mal sehr richtig läuft.

Boris: Oder sehr falsch.

Ist es da gewollt, dass viele Leute irritiert sind, wenn ihr zum 25. Geburtstag der Roten Flora in Hamburg auf der Bühne eines linksautonomen Zentrums steht aber vor allem auf die Partytube drückt?

Boris: Wenn jemand so irritiert ist, dass er sich zwischendurch fragt, ob das nun sozialkritisch ist oder nicht, haben wir unser Ziel schon erreicht. Wir wollen nicht schwarz oder weiß sein und trennen selten zwischen Entertainment und Diskurs. Wenn wir zum Jubiläum der Roten Flora spielen, ist das für sich ja schon Aussage genug, selbst wenn wir das nicht extra betonen. Aber was das Publikum daraus macht, hängt von jedem einzelnen darin selber ab. Sowas mögen wir alle auch als Hörer.

Heißt das im Umkehrschluss, dass ihr es weniger mögt, wenn sich Musik allzu explizit positioniert und womöglich offen politisieren will?

Boris: Kommt auf den Einzelfall an.

Martin: Wenn etwas oft genug gesagt wurde, würde ich es mir jedenfalls wegen der Aussage allein nicht kaufen. Andererseits wirst du selten ein Stück finden, dass konkreter wird als Ganz schön Low.

In dem es um was genau geht?

Martin: Sexismus im Rap, Fremdenfeindlichkeit, deutsche Angst vor Flüchtlingen, Gewalt im Allgemeinen, Themen einer breiten Palette, die uns ankotzen.

Was ist bei euch als erstes da: das Thema, ein griffiger Slogan oder die Musik?

Martin: Kann alles vorkommen, aber schon oft auch Slogans. „Das letzte Lied auf der Welt“ zum Beispiel war so ein Aufhänger, der mal im Proberaum fiel und schnell den Eindruck erweckte, da könne man was draus machen. Wichtig ist aber immer, dass daraus ein Song entsteht, der unseren Ansprüchen genügt. Bei aller Party darf der nie zu oberflächlich bleiben.

Björn: Wir unterhalten uns ja manchmal einfach nur darüber, was wir lesen, gucken, uns beschäftigt. Alles taugt da zur Inspiration. Ich kann mich noch gut erinnern, wie aus dem Anschlag auf die Redaktion der Charlie Hebdo sofort was in uns entstanden ist. Erst, wenn man am Ende eines Produktionsprozesses schaut, welche Lieder auf der Platte bleiben oder runterfliegen, sieht man, was uns offenbar im letzten Jahr beschäftigt hat.

Boris: Da findet sich inhaltlich immer wieder was Neues, aber auch wiederkehrende Themen.

Björn: Vor dieser Platte hätte ich mir zum Beispiel nicht vorstellen können, mal ein Lied über Barbara Emme, genannt Emmely, zu machen, die diesen gefundenen Pfandbon eingelöst und daraufhin ihren Job im Supermarkt verloren hat. Sehr komplexes Thema, bei dem die künstlerische Herausforderung darin bestand, es trotzdem kunstvoll, schön und unterhaltsam zu machen, ohne mit überflüssigen Erklärungen zu langweilen.

Boris: Da ist die Arbeitsweise intuitiver, als es von außen den Anschein hat, und letztlich ist immer auch ein bisschen Glück dabei, was uns thematisch vor die Füße fällt.

Plant ihr eure Platten heute mehr oder weniger als früher?

Björn: Weder noch, viel geplant haben wir nie.

Martin: Wir haben uns früh dagegen entschieden, uns konzeptionell einzuschränken und haben ja auch bei niemandem unterschrieben, besonders politisch sein zu müssen.

Boris: Oder sonstwie thematisch stringent.

Björn: Das stimmt so nicht.

Martin: Du sagst, ich lüge?!

Björn: Hier mal nicht… Aber ich hatte schon manchmal das Gefühl, dass uns ein paar Ideen zu gagig waren, um dem Ernst der Sache gerecht zu werden. Aber da geht es explizit um unsere eigenen Ansprüche, nicht darum, was jemand von außen von uns erwartet.

Martin: Wobei wir uns ein kreatives, kritisches Umfeld bewahrt haben, dass immer wieder…

Boris: Gern auch ungefragt…

Martin: … Meinungen reinruft; so verfolgen wir oft verworfene Ideen weiter oder werden auf Schwachstellen hingewiesen. Das war früher allerdings ungestümer und hat sich auf sehr erwachsenem Niveau eingependelt.

Entspricht diese Mischung von Haltung und Unterhaltung, von der öfter die Rede war, eigentlich auch euren Persönlichkeiten?

Martin: Keine Fragen zur Übereinstimmung von Image und Person, dass regeln die Genfer Konventionen unmissverständlich!

Boris: Verschiedenste Leute interpretieren verschiedenste Sachen in uns hinein, manchmal entsprechen wir denen mehr, manchmal weniger. Wichtig ist, dass wir uns davon frei gemacht haben, es beeinflusse unser Glück, ob wir uns richtig oder falsch interpretiert fühlen.

Björn: Was ich allerdings sagen kann, ist, dass mir die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, eigentlich durchweg sympathisch sind und ich mich unter ihnen zuhause fühle.

Seid ihr mit den Leuten groß geworden oder wächst da was nach?

Björn: Da sind sogar so junge Leute dabei, dass ich mich immer mal frage, ob sich deren Eltern 1994 auf einem Konzert von uns kennengelernt haben.

Martin: Wir haben ja das große Glück, dass unsere Konzerte immer größer geworden sind im Laufe des Jahres. Hier in Hamburg passen 13.000 Leute in die Arena und die werden aller Voraussicht nach auch kommen. Da findest du alles von 15 bis was weiß ich.

13.000 – hattet ihr vor 20 Jahren im Hinterkopf, so was erreichen zu können?

Martin: Wir sollten damals mal im Huxley’s in Berlin vor 2000 Leuten spielen, was uns so erschreckt hat, dass wir lieber zweimal vor der Hälfte im SO36 auftreten wollten, obwohl das viel anstrengender war. Mittlerweile haben wir Spaß daran gefunden, zu wachsen.

Björn: Auch wenn manche Ängste größer werden.

Martin: Aber das ist ja das Gute am Erwachsenwerden.

Der Text ist vorab bei Musikblog erschienen


Das Dienstagsgeheimnis

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Superschurkenhelferrekrutierung

Woher nur beziehen die finstersten Gegenspieler der strahlendsten Helden bloß immer all die uniformierten Söldnerheere, mit denen es nicht nur 007 gern zu tun kriegte? 

Superschurke müsste man sein: Ebenso viel Geld wie Gehirnzellen, Superschurkenzentrale vom Umfang mittlerer Zwergstaaten, dazu siedend heiße Gespielinnen im Dutzend und etwas, das die Weltherrschaftseroberung viel leichter macht als ganz allein vom Sessel aus: Söldnerheere, riesengroß, skrupellos, bis zum bitteren Ende auf ihren finsteren Bandenboss eingeschworen, der ihnen dafür allerdings auch – nun ja, was eigentlich als Gegenleistung erbringt? Wer das berittene Cowboykanonenfutter im technikolorbunten Western à la Winnetou betrachtet oder James Bonds Rivalen, die unterirdische Weltherrschaftseroberungsheere gleich zu Hunderten bevölkern, könnte da ja durchaus neugierig werden…

Denn um sich in mausgrauer bis staubbrauner Uniform für sinistre Despoten mit eher ilimitiertem Gerechtigkeitsverständnis reihenweise abknallen zu lassen bedarf es abseits vom weltlichen Ertrag ja doch eine Perspektive im Jenseits, mindestens das Paradies, Jungfrauen inklusive. Da all die Blofelds und Rattlers der Filmwelt selten islamischen Glaubens waren, muss der Lohn des Todesmutes demnach schon größer als alle Genüsse im Jenseits. Weil aber bislang noch kein einziges Gangsterheer erfolgreich war, bliebe also nur eins: Warhols 15 Minuten Berühmtheit im Dienste eines echt widerlichen Bösewichts, Option unmittelbare Nähe zur Höllenmachine, die 007 Sekunden vor der Detonation noch schnell entschärft. Ein vergänglicher Ruhm, zugegeben. Aber irre aufregend.


Kerners Stumpfsinn & wahre Detektive

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Wenn der latente Rassismus bürgerlicher Mittelschichten mit süffiger Fernsehempathie überkleistert wird, darf er natürlich nie fehlen: Johannes B. Kerner. Benannt nach einem Heiligen und irgendwas mit Taufen, stellt sich der werbende Fan industriell gefertigten Schlachtviehs notorisch an die Bühnenkante, wenn kindliche Kulleraugen den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen sollen. Was da allerdings am Donnerstag im als eilends anberaumte Spendengala für Flüchtlinge ins ZDF-Programm suppte, war selbst für JBK an Zynismus, Stumpfsinn und Banalität kaum zu übertreffen. Mit debilem Floskelmüll wie „war’s hart oder ging’s einigermaßen“ lief die Emotionsmaschine dauerhaft heiß und behandelte die Betroffenen dabei so, wie sie in derlei Zusammenhängen so eben noch akzeptabel sind: als kurzzeitig tolerable Schablonen deutscher Gewissenbereinigung, die den Kauf von Billigkleidung aus Bangladesch oder Kerners Foltergeflügel tags drauf ein bisschen erträglicher machen.

Andererseits sollte man sich hüten, alles schlecht zu reden an der furiosen Welle des Mitgefühls, die sich der unbeugsamen Fremdenfeindlichkeit ringsum zum Heulen schön entgegenstellt. Wenn selbst der Boulevard jene Flüchtlinge, die er sonst als Asylbetrüger in die Armut zurückpöbelt, willkommen heißt, scheint sich tatsächlich was getan zu haben, im Einwanderungsland D. Und um nicht zu denken, alles sei nun gut, gibt‘s ja noch Gegenmodelle wie Eva Herman, die nach ihrer Eloge aufs nationalsozialistische Familienmodell eine putzige Idee ins Netz geblasen hat. Lügenpresse, Nato, Politik und IS, meint die blondeste Nachrichtensprecherin seit der Wochenschau auf dem Verschwörungstheroretikerforum Wissensmanufaktur, hätten Länder wie Libyen ins Chaos getrieben, um mit den Flüchtlingsmassen das alte Europa zu zerstören. Gut, warum diese Koalition des Schreckens das will, hat Herman sicher nur zu erwähnen vergessen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. September

Umso gespannter erwarten wir da den Flüchtlingsreport im Ersten, der Montag, 22.15 Uhr, darüber hoffentlich Aufschluss über gibt. Vielleicht gönnen wir uns aber zwischendurch auch eine Auszeit vom Dauerbrenner Flucht, das seit Wochen die News dominiert, als stünde die restliche Welt still. Zur niveauvollen Ablenkung ohne Einschläferungswirkung taugt da die zweite Staffel von True Detective, in der es ab Donnerstag auf Sky Atlantic nun Colin Farrell und Vince Vaughn mit den Abgründen ritueller Kriminalität zu tun kriegen, was kaum an ihre Vorgänger Matthew McConaughey und Woody Harrelson heranreichen dürfte, aber immer noch in jeder Minute mehr Substanz haben, als deutsche Durchschnittskrimis in ganzen Staffeln.

In diesem Sinne legen wir den Mantel des Schweigens über den schwäbischen Privatschnüffler Huck, den die ARD ab Dienstag auf Sendung schickt. Und wenden uns einer Perle öffentlich-rechtlichen Humors mit Niveau zu, die Freitag fortgesetzt wird. In Lerchenberg kriegt es die wunderbar spröde Eva Löbau als verdruckstes Mainzer Büro-Tierchen Billie mit dem wunderbar schmierigen Sascha Hehn als wunderbar schmieriger Sascha Hehn zu tun, was wie 2014 wirklich witzig ist – und dafür die Sahnesendezeit um 23 Uhr kriegt, knapp übertroffen von den Folgen 2-4, die Dienstag nach Mitternacht starten.

Etwas mehr Glück haben da die ARD-Großprojekte: Iris Berben als merkeleske Bundeskanzlerin, die eine Amnesie ins Jahr 1989 vergleichsweise heiter zurückwirft, was in den besseren Momenten charmanter ist als ein seifiges Happyend (Die Eisläuferin, Mittwoch, 20.15 Uhr), das Axel Milberg als Star-Psychiater erspart bleibt, wo er neben Mario Adorf als zotteliges Über-Ich den Hamburger Woody Allen gibt, der besser seine eigenen Neurosen behandeln würde (Der Liebling des Himmels, Freitag, 20.15 Uhr).

Alles solide, alles okay, alles nichts gegen Happy Valley, ein britischer Thriller, der mittwochs ab 22 Uhr im WDR sechs Teile lang die schmerzhafte Frage stellt, warum so was bei uns unmöglich ist. Antwort: hierzulande (oder in den USA) wäre die Kleinstadtpolizistin Catherine Cawood (Sarah Lancashire) auf der Jagd nach dem Mörder hübsch, cool und hochhackig im Einsatz, also nicht glaubhaft spannend, sondern klischeehaft artifiziell. Wie die farbige Wiederholung der Woche von 1977: Ein ausgekochtes Schlitzohr (Samstag, 1.15 Uhr, ZDF) mit Burt Reynolds als Trucker im Rennen mit der Polizei, was natürlich totaler Quatsch ist, aber so faszinierend wie die schwarzweiße Wiederholung Zähl bis drei und bete, einem Western von 1957 (Freitag, 22.15 Uhr, Servus) mit Glen Ford als Streiter für die Gerechtigkeit. Was direkt zum dokumentarischen Wochentipp überleitet: Das Justizschiff, eine Art schwimmendes Gericht auf dem Amazonas, das 3sat am Mittwoch (20.15 Uhr) besteigt.


K.Flay, Frittenbude, Jimi Tenor

K.Flay

Allein überwältigt dagegen K.Flay. Auf ihrem Debütalbum grundiert die Kalifornierin Hip-Hop mit elektronischem Eigensinn zu einem Alternative-Pop, der offenbar nur zur Entfaltung kommt, wenn man dafür dem Verwertungsbetrieb der großen Musikkonzerne entflieht. Die hatten Kristine Flaherty ja längst im Visier, als sich die Beastie Boys oder Snoop Dog ihres Sounds bedienten, den sie noch während des (erfolgreichen) Psychologiestudiums an der Elite-Uni Stanford ersann. Doch bevor die Branche ihrer impulsiven Kreativität Fesseln anlegen konnte, setzte sich K.Flay nach New York ab und produzierte fast im Alleingang Life As A Dog.

Ein furioses Sammelwerk lässiger Großstadtphilosophie, das Vergleiche zu M.I.A., Mattafix oder Run The Jewels nicht zu scheuen braucht. Mit ihrer auf liebliche Art aufsässigen Stimme erzählt sie in robusten Raps von der Angst, etwas zu verpassen, mehr aber noch von jener, darüber hektisch zu werden. Die großen Musikkonzerne stehen schon wieder Schlange. Hoffentlich ganz weit hinten.

K.Flay – Live As A Dog (Humming Records)

Frittenbude

Ganz weit vorne stehen abermals die Elektropunkrapper Frittenbude. Gestartet 2006 als Spaßkapelle mit ausgewiesener Antifa-Attitüde und bierzelttauglicher Poesie im niederbayerischen Bauch der Republik, hat sich das Trio spätestens seit dem Umzug nach Berlin zum Sprachrohr fein austarierter Sozialkritik gemacht, die an große Vorbilder der swingenden Linken heranreicht und sich vor Geistesverwandten wie Brothers Keepers, Mediengruppe Telekommander oder Samy Deluxe keinesfalls verstecken braucht. Was auch daran liege, so behauptet zumindest der Texter Johannes Rögner, dass Küken des Orion alles Plakative, Parolenhafte zugunsten sublimerer Botschaften verdrängt, die sein Sprechgesang gewohnt nölig ins Unterbewusstsein massiert.

“Wir sind nicht immer dagegen / aber auch selten dafür”, singt er auf dem vierten Album und schildert damit die trotzige Verlorenheit linker Renitenz zwischen rassistischem Mainstream und kapitalismuskritischem Fatalismus. Vertont von Martin Steers Gitarre und dem technoiden Soundgewitter von Jakob Hägelsperger treffen Frittenbude damit exakt den Ton gleichgesinnter Rezipienten. Und die anderen? Tanzen einfach mit.

Frittenbude – Küken des Orion (Audiolith)

Jimi Tenor

Das übrigens, Tanzen nämlich, geht mittlerweile auch zur Musik von Jimi Tenor. Nach seiner Frühzeit im kakophonisch treibenden Industrial vor bald drei Jahrzehnten, gefolgt von einer experimental-elektronischen Phase, die Ende der Neunziger zunehmend in den Freejazz abbog, ist der finnische Klangvirtuose auf seinem neuen Album Mysterium Magnum nun im Neo-Swing gelandet. An der Seite von UMO, dem nationalen Jazz Orchester seiner Heimat, verdichtet er die Atmosphäre einer Big  Band so gekonnt mit dem Sog eines gelungenen Soundtracks, dass Entkommen kaum möglich ist.

Mit geschlossenen Augen wähnt man sich unwillkürlich im Thriller der Siebziger, dessen Handlung Tenors Arrangements im anschwellenden Moll-Ton vor sich hertreibt wie auf einer Verfolgungsjagd in schweren US-Kutschen auf den Straßen von San Francisco. Nie kommt das Gemüt hier vollends zur Ruhe, stets dräut selbst in den ruhigen Passagen irgendwo ein Bläserteppich oder Tenors Altsaxophon, gepaart mit seinem russischen Synthesizer Ritm-2. Dem Titel macht das alle Ehre, dem Komponisten sowieso. Ein funkiges Spätwerk des Jazz, nebulös, einvernehmend, einfach fabelhaft!

Jimi Tenor & UMO – Mysterium Magnum (Herakles)

Ein Teil der Texte ist vorab auf ZEIT-Online erschienen


Ochsenknecht & Jaenicke: Udo & Franz

profile-ezone-gallery348Verarscht werden die nicht

Erst Beckenbauer in echt, jetzt als Kopie: In der überdrehten Sat1-Groteske Die Udo Honig Story verpasst Hannes Jaenicke dem Kaiser eine famose Schmierigkeit, die nur durch die skurrile Selbstgerechtigkeit von Uwe Ochsenknechts Bayern-Manager im Knast übertroffen wird. Interview mit zwei Persiflierern (Foto: Arvid Uhlig/Sat1), die ihre Figuren gar nicht persiflieren wollten.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Uwe Ochsenknecht, Hannes Jaenicke, ist Udo Honig eine Satire mit ernster Komponente über den Fall Uli Hoeneß oder ein Drama mit heiteren Momenten?

Uwe Ochsenknecht: Im Idealfall beides.

Hannes Jaenicke: Dazu müsste man gleich zurückfragen, wie man Satire korrekt definiert.

Als humoristische Überspitzung der herrschenden Verhältnisse?

Jaenicke: Dann hat Uwe Recht. Udo Honig schafft es, zwei in Deutschland heikle Genres zu bedienen: Komödie und Satire, und das mit großer Liebenswürdigkeit, ohne die Figuren respektlos durch den Kakao zu ziehen.

Ochsenknecht: Außerdem macht es aus meiner Sicht gute Satire aus, Fiktion und Wahrheit nicht mehr zweifelsfrei auseinanderhalten zu können, ohne bloß noch Unsinn zu erzählen.

Jaenicke: So wie bei Wag the Dog.

Mit Dustin Hoffman als Regisseur, der Amerika zur Verdrängung einer Sex-Affäre des Präsidenten fiktional in den Krieg gegen Albanien ziehen lässt.

Jaenicke: Das ist für mich die ultimative Satire, weil alles darin nahezu genauso geschehen ist oder hätte geschehen  können, in seiner Überspitzung aber so irreal wirkt, dass keiner mehr weiß, was Wahrheit ist, was Dichtung. Ein  schmaler, aber sehr unterhaltsamer Grat.

Sagt uns die Udo Honig Story also mehr über Uli Hoeneß Vergehen oder jenes System, das sie erst möglich macht?

Ochsenknecht: Das bedingt sich gegenseitig, ohne die bedingungslose Liebe der Deutschen zum Fußball wäre eine Affäre wie diese nie zustande gekommen oder ganz anders gelaufen.

Jaenicke: Nicht ohne Grund werden unbequeme Gesetze an Tagen wichtiger Fußballspiele durch den Bundestag gepeitscht. Zum Fracking an dem des Viertelfinals, die Diätenerhöhung vorm Halbfinale. Das Volk will da verarscht werden, was Politik und Manager zu nutzen wissen.

Werden Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer es dann lustig finden, wie beide auf Sat1 verarscht werden?

Ochsenknecht: Verarscht werden die ja gar nicht. Aber wenn sie sich durch so was auf den Schlips getreten fühlen, empfände ich es als arm. Beachtung ist in dieser Branche eine wichtige Währung, die von den Beachteten gern selbst in Umlauf gebracht wird; da muss man es auch hinnehmen, dass sie manchmal so wie bei uns ausfällt. Zumal wir keinen beleidigen oder derangieren. Das zu ertragen, dazu gehört nicht mal Größe.

Jaenicke: Allenfalls Professionalität. Ich hoffe  da ein wenig auf Gelassenheit.

Ist es trotz dieses Anspruchs etwas anderes, reale statt fiktive und dann auch noch lebendige Figuren zu spielen?

Ochsenknecht: Wenn ich ein Drehbuch kriege, ist es nicht immer wichtig, ob die Figur existiert, Hauptsache es gelingt mir, sie glaubhaft zu machen. Trotzdem wächst bei realen Figuren natürlich der Bedarf, sie an der Realität zu messen. Wir wollten keine Dokumentation machen, aber ein Mindestmaß an Physiognomie, Sprache, Gesten ist schon wichtig.

Jaenicke: Und unsere Rollen waren da äußerst dankbar. Franz Kaiser ist vermutlich einer der Deutschen, dessen Auftritte und Eigenarten am besten bekannt sind. Aber weil das, was er als Fußballer erreicht und bewirkt hat, allerdings so bewundernswert ist, wollte ich ihm nie an den Karren pinkeln. Franz sagt zwar oft Dinge, die ich politisch bedenklich finde, wie über Katar oder die FIFA, aber darum geht es nicht, wenn man eine solche Figur spielt

Ochsenknecht: Und hat in dieser Art Film auch nichts zu suchen.

Jaenicke: Interessiert mich auch nicht. Dramaturgisch hat Franz Kaiser im Film die Aufgabe, seine schützende Hand über Udo Honig zu halten, egal wie der sich vergaloppiert.

Haben Sie die beiden je kennengelernt?

Jaenicke: Hoeneß ja, Beckenbauer nein.

Ochsenknecht: Ich kenne Beckenbauer besser als Hoeneß, aber beide nicht gut genug, um etwas zum Film beizutragen. Das war auch nicht nötig; Konrad Kujau hab ich vor „Schtonk“ auch nie getroffen. Es geht ja nicht um eine baugleiche Kopie.

Jaenicke: Zu viel persönliche Kenntnis ist vielleicht sogar hinderlich.

Ochsenknecht: Es gibt Biografien. Freunde aus dem engsten Umfeld der Person und das Netz, das sehr hilfreiche Dinge liefert.

Sie beide sind seit mehr oder weniger 30 Jahren kontinuierlich im Geschäft.

Jaenicke: Wir standen sogar vor exakt 30 Jahren das erste Mal gemeinsam  vor der  Kamera.

Ochsenknecht: Stimmt. 30 Jahre? Wow!

Wäre Ihr neuer Film damals in ähnlicher Form möglich gewesen oder herrschte 1985 größerer Zurückhaltung gegenüber lebenden Figuren der Zeitgeschichte?

Jaenicke: Er hätte stilistisch anders ausgesehen, aber ohne Frage mutiger. Die Siebziger waren bis in die Achtziger hinein verglichen mit unserer eine ungeheuer couragierte Film- und Fernsehzeit.

Ochsenknecht: Heute zählt doch nur so günstig wie`s geht. aber die beste Quote.

Jaenicke: Die Bereitschaft von Publikum, Kreativen, Produzenten, neue Wege zu gehen, geht hierzulande gegen Null. Ein Dietl wäre heute kaum möglich. Oder Monk, wie heißt der mit Vornamen?

Ochsenknecht: Egon. Peter Schulze-Rohr, Dieter Wedel, Wolfgang Menge.

Jaenicke: Die haben den Fernsehfilm als Verhandlungsort relevanter Themen erfunden und zu Straßenfegern gemacht. Seit deren Glanzzeit sind uns nicht nur die USA, sondern kleinere Länder mit weniger Geld wie Dänemark, Norwegen, England, Neuseeland uneinholbar davongezogen.

Ist das Wut oder Wehmut, die aus Ihrer Empörung bei diesem Thema spricht?

Jaenicke: Beides! Erzähl mal einem amerikanischen Produzenten, dass allein die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland acht Milliarden Euro zur Verfügung haben. Der fällt um vor Neid – bis er sieht, was daraus gemacht wird.

Ochsenknecht: Und keiner weiß, wo das ganze Geld hinfließt. Von früheren Drehtagen und Honoraren kann man jedenfalls nur noch träumen. Hannes und ich können gewiss als lange etablierte Schauspieler nicht klagen, aber frag mal, was bei Jungen hängen bleibt!

Jaenicke: Umso mehr muss man diesen Film hier hervorheben. Es gibt richtig was zu spielen, es gibt ein hervorragendes Drehbuch, das dich nicht schon bei der Lektüre langweilt oder beleidigt, es ist hochkarätig besetzt, es ist mit Liebe umgesetzt.

Ochsenknecht: Und dann geht es noch um was von Relevanz, versucht aber dennoch gut zu unterhalten.

Jaenicke: Das ist ein echter Lichtblick. Wie Uwe Janson allein schon Bayerns Pseudoidylle karikiert, wunderbar. So was hätten wir alle gern öfter.

Das dies so selten der Fall ist – verleidet Ihnen das manchmal den Beruf?

Ochsenknecht: Verleiden nicht, aber es fällt manchmal schwer, nicht bloß Dienst nach Vorschrift zu machen. Zum Glück ist mein Spieltrieb ausreichend ausgeprägt, aber manchmal deprimiert es schon, für was hierzulande die Mittel aufgewendet werden.

Jaenicke: So was wie House of Cards, Lillehammer oder True Detective könnten auch wir hier stemmen, aber stattdessen gibt es immer noch mehr TV-Krimis oder Schmonzetten.

Ochsenknecht: Wir machen eben das Beste aus dem, was hierzulande möglich ist.

Oder, dass irgendwann HBO anruft und zwei Deutsche braucht?

Ochsenknecht: Ich hab schon mehr als die Hälfte meines Berufslebens hinter mir, da will ich nicht mehr auf irgendwas warten, da muss ich aktiv sein. Aber wenn ich mir ansehe, dass ich seit drei Jahren ein Serienprojekt am Wickel habe, für das man erfolglos durch die Gremien renne – manchmal verliert man die Geduld…

Sie könnten selber aktiv werden und zu schreiben beginnen…

Jaenicke: Also ich schreibe sporadisch,  brauche aber pro Buch im Schnitt sechs bis sieben Jahre.

Ochsenknecht: Auch das muss man können.

Der Film ist in der Sat1-Mediathek abrufbar


Franz Beckenbauer: Denkmal & Denkverbote

fussball-ein-leben-franz-beckebauer-100-_v-standard368_01ed56Halbgott in Rot

Der Kaiser und sein Hofberichterstatter (Foto: ARD) – zum 70. Geburtstag am Freitag hat der versierte Dokumentarfilmer Thomas Schadt dem Fußballmonarchen Franz Beckenbauer ein Porträt geschenkt, das hinreißend komponiert ist, aber leider alles ausspart, was auch nur annähernd am Denkmal des Kaisers zu kratzen vermag. Wie peinlich.

Von Jan Freitag

Nico Hofmann, der frisch gebackene Ufa-Chef, gibt‘s offen zu, ist „nicht sonderlich fußballaffin“. Im Land der 40 Millionen Bundestrainer ist das eine durchaus mutige Aussage – die den wichtigsten Fernsehmacher im Land keineswegs davon abhält, gern mal was mit Fußball zu produzieren. Am Dienstag etwa verballhornte Sat1 in Hofmanns Auftrag den Fall Uli Hoeneß zur Udo Honig Story, in der zwar kaum ein Ball rollte, dafür das „R“ auf Franz Beckenbauers Zunge, herrlich großkotzig verkörpert von Hannes Jaenicke.

Zwei Tage zuvor jedoch spielte sich der Kaiser selbst, besser: er zelebrierte sich, wofür ihm die ARD am Sonntag die wichtige Sendezeit nach dem ersten Tatort der neuen Saison freiräumte. Franz Beckenbauer wird nämlich präsidiale 70 und das Erste, nur fünf Jahre jünger, beschenkt ihn so reichlich, als würde das Diktum, über Tote nicht schlecht zu reden, kurz mal auf Lebende erweitert. Fußball – Ein Leben heißt die Huldigung des Regenten vom heiligen Rasen und gewährt dem Pöbel namens Publikum Audienz beim Ehrenspielführer aus Münchens Südosten.

In Spielfilmlänge lässt Thomas Schadt die Sonne aufs Haupt jenes Liberos scheinen, der dem Sport eine neue Richtung gab. 18 Monate hat ihn der gefeierte Regisseur begleitet, ist ihm in dunkle Archive voller Schwarzweiß- und Bonbonfarbenbilder gefolgt, zu den Stadien zwischen Giesing, Rom und New York, die einen Mythos zur Unsterblichkeit geformt haben. Mit seiner herausragenden Fähigkeit, altes mit neuem Material sinfonisch zu arrangieren, ist dem versierten Dokumentarfilmer somit ein Blick ins Wesen dieses weiß gereiften Über-Ichs des globalen Fußballs gelungen, der ihm nicht bloß die Seele öffnet, sondern sogar seine vier Wände. Nur wo genau die stehen – das hätte dem Autor schon mal einen Nebensatz wert sein können.

In Salzburg nämlich.

Ein Steuerparadies, zumindest von Beckenbauers Heimat aus betrachtet, wo die Abgaben weit höher sind, was des Kaisers Ruf vom Fiskusflüchtlings grundiert. Aber im Film? Kein Wort davon! Wie so viele Schattenseiten der Lichtgestalt unbeleuchtet bleiben. Da wäre die Stimme des früheren Fifa-Funktionärs für die Weltmeisterschaften in Katar und Russland, was auf unappetitliche Weise mit PR-Tätigkeiten für Putins Staatskonzerne sowie seiner menschenverachtenden Aussage über Arbeitssklaven im vulgärkapitalistischen Scheichtum korreliert, von denen er partout keinen gesehen haben will. Da wäre auch das dumpfe Raunen über Unregelmäßigkeiten beim Zustandekommen des Sommermärchens, Beckenbauers Baby. Da wären also diverse Matschflecken auf des Kaisers Hermelin, die dieser charmanten, einvernehmenden, manchmal cholerischen, meist umgänglichen Persönlichkeit sicher keinen Zacken aus der Krone gebrochen hätten. Die ARD aber hat sie ganz gelassen. Nur warum?

Weil derlei Kritik mit fünf Minuten nonchalanter Einlassung Beckenbauers zum Ausschluss von der WM 2014 infolge nicht beantworteter Fragen der Ethikkommission zur WM-Vergabe „abgehandelt worden sind“, wie Produzent Jochen Laube vorab in einem Hamburger Kino betonte. Weil der Film dem Gefilmten „ein Versprechen auf Vertrauensebene gemacht“ habe, das zu brechen ein „ganz anderes Projekt hervorgebracht hätte“, wie Bettina Reitz als Fernsehdirektorin des zuständigen BR hinzufügte. Weil der Franz auf all die heiklen Fragen „ohnehin nur das geantwortet hätte, was man sich tausendfach bei Youtube“ ansehen könne, sekundierte der hauptverantwortliche Nico Hofmann und verwies auf die feinen Zwischentöne über den Schwerenöter oder dessen Selbstvermarktungsdrang.

Allein, das kann man auch mit einem Gutteil der fabelhaften Archivbilder eines lebenden Denkmals, das schlicht zu solide ist, um durch ein paar harte Worte der Wahrheit Kratzer zu erlangen. So bleibt nach 90 durchaus tief greifenden, toll komponierten, tadellos inszenierten Minuten aus dem Dasein eines grandiosen Sportlers der Makel, ihm nicht allzu nahe treten zu wollen. So war Thomas Schadt im Dokudrama Der Mann aus der Pfalz bereits mit Helmut Kohl verfahren, das den verschwiegenen Wende- und Spendenkanzler als äußerlich ruppigen, innerlich sittenstrengen Politikmacher mit menschlichem Antlitz porträtierte. Es war ein Film gewordener Kniefall vorm Alphatier, dem als Moderator Schadt willfährige die Steigbügel hielt. Vielleicht erklärt das ja den Sendeplatz seiner Beckenbauer-Eloge. Es ist der von Günther Jauch.

Fußball – Ein Leben: Abrufbar in der ARD-Mediathek, Wiederholung Freitag, 20.15 Uhr, im BR


Pochers Witz & Plasbergs Remake

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

31. August – 7. September

Warum man von Oliver Pocher zuletzt so wenig gehört hat? Vielleicht ja, weil selbst die anspruchslosesten Privatsender langsam gemerkt haben, dass der Glaube allein, witzig zu sein, nicht bedeutet, dass man witzig ist. Womöglich auch, da er sich länger nicht mit einer neuen Freundin ähnlich oberflächlicher Ausstrahlung in die Bild gewanzt hat. Insgesamt könnte es also daran liegen, dass vom humorlosesten Humoristen unserer Zeit ohnehin nichts länger im Kopf bleibt als ein grundschulischer Furzwitz. Wobei so einer gegen Pochers menschenverachtend witzlosen Spaßbesuch im rassistisch verseuchten Heidenau die blanke Philosophie ist.

Und wo wir schon bei den merkwürdigsten Comebacks der Medienwoche sind: Stefan Aust, einst linksliberaler Journalist von Rang mit Hang zur publizistischen Keule gegen alles, was ihn – etwa Windkraftanlagen – in der Nähe seines Landsitzes stört, ist wieder Chefredakteur. Diesmal allerdings nicht beim Spiegel, sondern dem früheren Erzfeind Welt. Dass er Axel Springers alttestamentarisches Kampfblatt früherer Tage redaktionell führt, erinnert ein wenig daran, als würde Alice Schwarzer den Playboy führen. Oder, sagen wir, der Welt geschmeidigste Historytainer Nico Hofmann den Kulturkanal Arte. Geht aber nicht, weil er nun die altehrwürdige Ufa leitet. Erste Sensationsmeldung seiner Amtszeit: Das fiktionale Großprojekt Turnschuhgiganten um die Brüder Dassler wird nicht von Hofmanns Teamworx produziert.

Verrückt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. September

Die hat dafür das Premiumprodukt der Woche gemacht: Die Udo Honig Story, eine aberwitzige Groteske über die Haft von Uli Hoeneß, der in Uwe Jansons überdrehter Sat1-Version am Dienstag seinen Knast übernimmt, was nicht immer so witzig ist, wie es sein will, aber dank Uwe Ochsenknecht als Honig und Hannes Jaenicke (Franz Kaiser) allemal unterhaltsamer als das öffentlich-rechtliche Dokudrama der Vorwoche, in dem ein hinlänglich bekanntes Blatt nur neu sortiert wurde.

Das wiederum erinnert ans erstaunlichste Remake im Fernsehjahr: Frank Plasberg lädt heute um 21 Uhr offenbar exakt jene Gäste ein, die vor neun Monaten so populistisch übers Thema Gender gestritten hatten, dass die ARD das Stück kürzlich aus der Mediathek warf. Ein Schicksal, dass man dem alten Musikantenstadl unterm neuen Namen (Stadlshow) mit, hüstel, „frischem“ Personal (Francine Jordi, Alexander Mazza) nach neun Sekunden wünscht. Der neuesten Fassung eines hirntoten Genres hingegen lieber schon 30 Minuten vor der Erstausstrahlung: Mila, eine irgendwie lustig gemeinte Telenovela mit Susan Sideropudingsbums als liebeshungrige Ulknudel auf der 287-tägigen Jagd nach Mr. Right, wofür sich mittlerweile vermutlich nur noch der Herzschmerzkanal Sat1 zwei Stunden zuvor nicht zu blöde ist.

Fünf Minuten nach Beginn des folgenden Tags dann nimmt das ZDF in Twinfruit aufs Korn, womit Sender wie Sat1 ihr Programm umrahmen: Reklame. In der Mockumentary genannten Pseudo-Doku soll ein Team selbstgerechter Werber die nächste Kampagne für Dosenobst ersinnen und betrügt sich dabei fast noch mehr als ihre Kundschaft, was sich vor Stromberg nicht zu verstecken braucht. Weniger absurd, dafür nicht minder unterhaltsam, sind die zwei herausragenden Dramen der Woche: Am Mittwoch um 22.45 Uhr zeigt das Erste Die Erfindung der Liebe. Endlich, muss man sagen! Denn nach dem Tod der Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky als Frau, deren Freund eine todkranke Millionärin heiraten soll, musste Lola Randl den Film völlig neu konstruieren – was ihr auf atemberaubende Art gelungen scheint.

Atemberaubend ist auch Clive Owen im anrührenden Familienfilm The Boys Are Back (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) um einen Sportreporter, der nach dem Tod seiner Frau zwei Kinder allein erziehen muss und damit heillos überfordert ist. Nicht atemberaubend, aber immerhin herzergreifend ist dafür die Wiederholung der Woche in Farbe, Samstag um 15 Uhr, BR: Das fliegende Klassenzimmer von 1973 mit dem unvergessenen Blacky Fuchsberger als Lehrer Böhk und reichlich Schlaghosen. Schwarzweiß, aber nie grau in grau ist hingegen Die Teuflischen von 1954 mit Simone Signoret als Geliebter eines Sadisten, den sie mithilfe seiner Frau am Sonntag (20.15 Uhr) auf Arte auf unerreicht perfide Art zur Strecke bringt. Bliebe noch der Doku-Tipp. Er lautet Grüezi Schweiz, ein Fünfteiler, der Montag und Mittwoch zur besten Sendezeit vier Einwanderer-Familien begleitet, die mal nicht nur aus Syrien stammen, sondern auch aus Deutschland, Italien und Schottland. Sehr heilsam!