Mykki.BoysYouKnow.RobbingMillions.Antwoord

covernoresizeMykki Blanco

Was immer auch über HipHop an Klischees existiert – all das Gangsterhafte, Blingblingbesetzte, CNNsurrogative, Wackelärschige, Popaffine, Geldgeile, Befreiende, Fesselnde: Man kann das in jahrelanger Exegese der Abermillionen Raps, die jedes Jahr den Lagerbestand von Abermilliarden anderer erweitern, bestätigen oder widerlegen, je nach Herangehensweise. Man kann aber auch einfach mal Mykki Blanco zuhören und sich selbst Track für Track für Track dabei beobachten, wie der Kopf von ganz allein geräumt wird. Denn was der schwule Transvestit diffuser Hautfarbe da in seinem/ihrem Debütalbum Mykki fabriziert, ist die endgültige Sprengung aller Grenzen des Genres.

Produziert von Woodkid und Jeremiah Meece, walzt es der Performance-Künstler aus New York so variabel aus, dass alles andere verglichen damit irgendwie stereotyp und fade wirkt. In seinem Aberwitz erinnert das dann manchmal an Busta Rhymes, in der überdrehten Künstlichkeit wiederum an Plastikpop der Marke Dragostea din tei, überall scheppert und flattert und weht irgendwas Verschrobenes unter den Sprechgesang, der seltsam blechern, diffus, geschlechtslos umherirrt. In dieser Platte wird alles so virtuos mit nichts verbunden und nichts mit allem, dass am Ende niemand mehr weiß – war das jetzt bedeutsam, war es relevant, gar gut? Es war! Auch, weil es das nicht zwanghaft sein will…

Mykki Blanco – Mykki (!K7)

tt16-boysThe Boys You Know  

Es geschieht nicht oft, dass Bands aus dem deutschsprachigen Raum ihre Herkunft verleugnen, wenn sie auf Englisch singen. Die Hardrock-Fossilien Scorpions tun es zwar trotz niedersächsischer Intonation, das Hamburger Softpopduo Boy hingegen wegen der Aktzentfreiheit. Ansonsten aber fallen zurzeit nur The Boys You Know auf, deren Wiener Wurzeln allenfalls aus den Namen sprechen: Thomas Hangweyrer, Wolfgang Möstl, hörbar alpine Kaliber. Ihr College-Rock indes klingt vom Gesang bis in die Bläsesequenzen hinein so amerikanisch, als wäre er vor 30 Jahren unter der Sonne Kaliforniens entstanden.

https://youtu.be/0n7v-gGYpaw

Parallel zu neuen Platten alter Powerpopstars wie Dinosaur Jr. und Teenage Fanclub ist Elephant Terrible eine verträumt coole Reminiszenz an die Westcoastrock-Ära der Neunziger, als Männer erstmals alternativen Rock mit Gitarrensoli garnieren durften, ohne in Mackerposen zu erstarren. Jeder der neun Songs mahnt das aufgestaute Testosteron der neuen Maskulinität daher, bitte in den Drüsen zu bleiben und lieber entspannt beim Bier gen Abendhimmel zu blicken als, sagen wir, die Harley anzuschmeißen. Allein dafür schönen Dank!

The Boys You Know – Elephant Terrible (wohnzimmer records)

tt16-robbingRobbing Millions

Man hört ja selten Gutes aus Molenbeek. Weltweit als Keimzelle islamistischen Terrors europäischer Prägung verschrien, dringt aus dem Brüsseler Stadtteil allenfalls das desillusionierte Allahu Akbar desperater Integrationsverlierer an die Öffentlichkeit. Aber Musik? Dafür muss man an Betonburgen und Schlagzeilen vorbei schon genauer lauschen. Doch wer es tut, taucht in einen Mikrokosmos, der aller Todessehnsucht ringsum funkensprühend Märsche purer Lebensfreude bläst. Der eingeborene Jazzgitarrist Lucien Fraipont und ein befreundeter Cartoonist namens Gaspard Ryelandt haben sich zum elektronischen Duo Robbing Millions vereint.

Und es ist nicht allein so, dass es auch im hellsten Sonnenlicht noch besonders strahlen würde; an klischeehaft tristen Brennpunkten wie ihrem gleicht ihr Auftritt einer Supernova kreativer Energie. Abgemischt vom New Yorker Studio-Wizzard Nicolas Vernhes (Deerhunter), bringen sie ein gleichnamiges Debütalbum zum Leuchten, dessen psychedelischer Faulenzerpop mit absurdem Doppelfalsett in englischer Sprache symphonisch und gleichsam minimalistisch klingt. Ein himmlischer Hoffnungsschimmer aus dem sprichwörtlichen Höllenloch.

Robbing Millions – Robbing Millions (PIAS)

Hype der Woche

covernoresize-1Die Antwoord

Aus welchem Höllenloch Die Antwoord einst gekrochen sind, dürfte all jenen, die ihre Kinder schon immer vor denen gewarnt haben, schlaflose Nächte bereiten. Geografisch ist es erst mal Südafrika, das ja auch so ein Land am Rande des Wahnsinns ist. Atmosphärisch ist es für die Einen ein satanischer Abgrund verstörender Inszenierungen, für andere der Himmel kreativer Vielfalt ohne Geschmacks- und Soundgrenzen. Auf ihrem vierten Album Mount Ninji And Da Nice Time Kid (Kobalt) oszilliert das rappende Ehepaar ¥o-Landi und Ninja nebst DJ Hi-Tek wieder furios zwischen HipHop, Techno, Punk und Grime, mischen dem Irrsinn diesmal allerdings noch mehr ethnische Klänge wie Kwaito bei. Die Videos dazu sind gemeinhin Feuerwerke diabolischer Diesseitszerstörung. Doch das Besondere: für solche Bilder im Kopf braucht man überhaupt keine visuellen Anreize; es reicht, sich voll und ganz auf dieses Meisterwerk des Clutureclashs einzulassen.

 


High Maintenance: Schöner kiffen bei Sky

high-maintenance-tease-876959-1_pro1-300Wartungsbedürftig

Wäre die US-Serie High Maintenance nicht von HBO, sondern der ARD, geriete die Story eines New Yorker Grasdealers gewiss pädagogisch, aber wohl weniger unterhaltsam. Auf Sky On Demand zeigt die Fortsetzung eines Web-Erfolgs ab heute die lustigen Seiten der Sucht, ohne sie lächerlich zu machen.

Von Jan Freitag

Wenn fremdsprachige Fiktion vor deutschem Publikum läuft, werden ihre Titel verblüffend vielfältig verunstaltet. Mal geht dabei die Logik flöten (Die Hard/Stirb langsam), mal der gute Geschmack (Glass Bottom Boat/Spion in Spitzenhöschen). Meist jedoch gehen dem Übersetzer aber schlicht die Pferde durch, wenn aus Stripes die Militärkomödie Ich glaub‘, mich knutscht ein Elch! wird. Schon deshalb ist zu begrüßen, dass der Titeltrend wieder zum Original geht. Andernfalls hieße Pulp Fiction womöglich „Schundliteratur“, Scrubs in etwa „Arztkittel“ und High Maintenance gar „Wartungsintensiv“. Und das würde dem neuen Stern am Fernsehhimmel nun wirklich nicht gerecht werden.

Heute geht er auf, hierzulande zunächst auf Englisch bei Sky On Demand und Go, ab Frühjahr dann zusätzlich in deutscher Fassung. Doch auch dann dürfte die hinreißende HBO-Serie über einen New Yorker Grasdealer so heißen, wie es schon seit vier Jahren die Online-Welt begeistert. Im Herbst 2012 hatte sich der rührige Filmemacher Ben Sinclair persönlich zum Antihelden seiner eigenen Sammlung abgeschlossener Episoden gemacht, in denen er durch die bezaubernden Backsteinfluchten von Brooklyn fährt, um Kunden aller Schichten, Couleur und Kreise mit jenem Stoff zu versorgen, den hierzulande eigentlich nur die bierseligsten Dampfplauderer der CSU noch für gefährlicher halten als Alkohol.

So gesehen ist es ein Segen, dass High Maintenance beim kosmopolitischen Bezahlsender statt in der provinziellen ARD läuft; andernfalls könnte der Bayerische Rundfunk die vermittelte Botschaft als willkommenen Anlass nehmen, sich mal wieder wie einst bei schwulen Küssen und Hildebrandts Attacken aus dem Gemeinschaftsprogramm zu klinken. Schließlich enthalten die sechs halbstündigen Fortsetzungen der 19 Netz-Folgen alles Mögliche: präzise Gesellschaftsanalysen, kluge Typbeschreibungen, seriöse Sozialkritik, versetzt mit bissigem Humor und stichhaltigen Dialogen, alles in allem also Fernsehunterhaltung auf hohem Niveau. Was jedoch in jeder halbstündigen Episoden fehlt, ist die branchenübliche Verarbeitung sämtlicher Klischees über Marihuana nebst seiner Nutznießer zum Zwecke der Warnung.

Es beginnt schon beim Ben Sinclair, der nicht nur Hauptfigur, sondern – gemeinsam mit seiner Ehefrau Katja Blichfeld – Autor, Regisseur, Produzent in Personalunion ist. Zum Auftakt betritt sein Händler illegaler Drogen die TV-Bühne bei einem Friseur, der den unprätentiösen Vollbartträger mit dem schütteren Haupthaar gleich mal in die Welt des Kleinbürger einweist: „Ich bin Barbier, kein Magier“, kommentiert er den Wunsch einer nicht coolen Frisur. Dann setzt er den uncoolen Helm auf die fliehende Stirn und radelt zum ersten Kunden: Einen muskelbepackten Tagedieb, der die Ware partout aus dem Kleingeldglas bezahlen will. So weit, so sterotyp.

Doch im Anschluss beliefert The Guy, wie er überall genannt wird, gesellige Bohemiens und schwule It-Boys, zielstrebige Manager und herzlose Trump-Fans, Künstler, Arbeiter, Freaks, also alles, was New York an Abnehmern der Alltagsdroge Marihuana bereithält. Und mittendrin ihr Alltagsdrogenversorger, der dem Aberwitz ringsum mit einer Mimik zwischen Skepsis, Routine, Empathie und Geschäftssinn begegnet. Der dem muslimischen Mädchen das gewünschte Gras verweigert und reiferen Klienten Ecstasy. Der ohnehin mehr Pädagoge ist als jener Todesengel, den artverwandte Fiktionen von Blow bis Breaking Bad gern konstruieren. Der andererseits über die Arglosigkeit einer dealenden Witwe hinausgeht, indem er die Abgründe realer Rauschsucht bei allem Spaß doch ernster nimmt als Weed.

Wörtlich übersetzt heißt High Maintenance eben „Pflegebedürftigkeit“. Und ihrer nimmt sich The Guy mit einem Stoff an, aus dem gewiss nicht nur Träume sind, der aber vergleichsweise harmlos für Weltfluchten sorgt, die ihm selber eher fremd sind. „Sie haben Drogen in unser Haus gebracht“, schnauzt der Vater des Mädchens seinen Nachbarn an, bei dem sie sich das Gras ersatzweise besorgt hat. „Das sind keine Drogen“, entgegnet der gut situierte Bestager von nebenan lachend, „das ist Gras“. Aus deutscher Herstellung käme hier ein aufklärender Dialog, bei HBO beginnt der Abspann.


M.I.A. – Pop, Privates & Politik

image001Seid undefinierbar!

Mathangi „Maya“ Arulpragasam, bekannter unterm nom de guerre M.I.A., ist einer der umstrittensten, aber auch einflussreichsten Popstars von heute. Die Tochter eines tamilischen Freiheitskämpfers, geboren 1975 in London, aufgewachsen in Sri Lanka, kämpft meist mit klarer Botschaft für die Freiheit der Unterdrückten in aller Welt. Ihr ethnisch angetriebener Grime-HipHop war dafür bereits vier Platten lang der richtige Motor. Nun erscheint das fünfte Album namens AIM. Die alte Wut hat die globale Stilikone dabei hinübergerettet, allerdings eingekleidet in zuweilen eingängigere Rhythmen. Ein Gespräch über Vogellieder, Albumschlachten, Horizonterweiterung und wie die Gesellschaft ihre Beziehung zerstört hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Maya, deine Lieder sprechen seit jeher alles in klaren Worten an und plötzlich singst du auf deiner neuen Platte im Bird Song von Vögeln. Was genau ist damit gemeint?

M.I.A.: Eigentlich genau das, wonach es klingt: Es geht um Vögel.

Keine Metaebene, um etwas Größeres zu beschreiben?

(lacht) Natürlich ist da eine, aber ich werde sie dir nicht sagen. Man muss auch mal Raum für die eigene Interpretation lassen. Fühl dich inspiriert!

Zumal du ansonsten fast durchweg explizit politisch bist in deinen Texten.

Auch auf diesem Album?

Etwa nicht? Es hagelt auch hier ständig Verweise auf System, Freedom, Borders…

Trotzdem ist vieles in den Texten privat und handelt von mir persönlich. Dennoch ist am Ende natürlich auch das politisch, wie ja eigentlich alles politisch ist. Zu 100 Prozent sogar, so leid es mir tut. Ich sehe das ja schon in meinem Umfeld, wo alle Menschen sich ständig den politischen Verhältnissen anpassen müssen. Alles gerät ständig in den Einflussbereich von Macht und Geld, das kann selbst im intimsten Bereich des Lebens niemand kontrollieren. Wobei beides nur scheinbar der Selbstermächtigung des Menschen dient; tatsächlich sorgt es für Fremdbestimmung – so sehr man das Politische auch aus seinem Alltag herauszuhalten versucht. Ich kenne so viele Leute mit tollen Ideen und viel kreativer Energie; sobald es aber darum geht, die Miete zahlen zu müssen, gerät man in die Fänge von Macht und Geld. Darüber erzähle ich auch auf dieser Platte in meinen Songs.

Mit der Intention, die Verhältnisse zu beschreiben oder zu verändern?

Dazu muss ich vorweg nehmen, dass dieses Album zu einem interessanten Zeitpunkt meines Lebens gemacht habe. Für meine ersten drei Platten bin ich ja abseits aller Erfolge furchtbar bestraft worden – politisch, persönlich, beruflich.

Inwiefern?

Als ich danach Matangi gemacht habe, das ich politisch, künstlerisch, musikalisch wirklich gelungen finde, war es ziemlich unter, weshalb sich viele Leute über seinen Misserfolg amüsiert haben – nicht Nr. 1? Hahaha! Ich frage mich fortwährend, was ich zu sagen habe, nicht wie viel ich davon verkaufen kann; Musik nach Zahlen, statt Inhalten zu bewerten, ist falsch. Umso mehr habe ich es als unfair empfunden, das vierte Album so an kommerziellen Kriterien zu messen, weshalb ich lange Zeit keine Lust hatte, ein neues zu machen. Aber als die Flüchtlingsfrage so sehr ins allgemeine Bewusstsein der Masse vordrang, konnte ich als Kind mit Migrationswurzeln ebenso wie als Künstlerin meinen Mund nicht halten, zumal gerade, als ich Borders schrieb, auch noch eine private Liebesbeziehung aus politischen Gründen zerbrach.

Echt jetzt?

Die allgemeine Stimmung hatte zumindest Einfluss darauf. Sie war und ist so entzweiend, dass die Beziehung einer dunkelhäutigen Frau wie mir zu einem weißen Mann wie meinem Mann von außen unter Druck geriet. Ganz gewöhnliche Differenzen unter Liebenden bekamen plötzlich eine gesellschaftliche Komponente und wurden so verstärkt. Erst in dieser Stimmung wurde uns bewusst, wie sehr es in Großbritannien noch üblich ist, dass Weiße unter Weißen bleiben und Farbige unter Farbigen. Alles andere erschien uns plötzlich zusehends als ferner Traum.

Den auch Musik nicht realisieren kann?

Schön wär’s.

Welchen Einfluss kann sie auf die Verhältnisse ausüben?

Große, in doppelter Hinsicht. Wegen einiger meiner Texte erhalte ich in den USA nur schwer ein Visum, weil sie dort offenbar als irgendwie bedrohlich wahrgenommen wird. Darum kann ich mein Kind nicht besuchen, wenn es dort mit seinem amerikanischen Pass Urlaub macht; obwohl ich hier in England Steuern zahle, behindert meine Musik also meine eigene Freizügigkeit. Andererseits kann und will sie den Horizont anderer erweitern und ihnen sagen: werdet was immer ihr sein möchtest, geht wohin ihr wollt, seid undefinierbar! Das ist schließlich auch meine Story. Auch im Verhältnis zur Musikindustrie übrigens, die immer wieder versucht hat, mich zu definieren und daran gescheitert hat.

Warum?

Unter anderem, weil ich zehn Jahre in Sri Lanka gelebt habe und dadurch einen anderen Blick auf die westliche Welt habe. Ich bewerte Dinge anders als Eingeborene. Das möchte ich weitergeben.

Bist du in diesem Sinne einflussreich?

Bis zu einem gewissen Grad vielleicht, auch wenn ich dafür nicht das entsprechende Feedback kriege.

Immerhin hat dich das Time-Magazine mal unter die einflussreichsten 100 Menschen der Welt gewählt.

Das stimmt, aber das lag wohl vor allem am Zeitpunkt, zu dem ich bekannt wurde. Damals gab es noch kein klares Raster für meine Art Popmusik, weshalb ich mehrere andere zusammenführt habe, vermittelt übers Internet, das sich damals gerade mit Smartphones, Apps und sozialen Netzwerken gewaltige Verbreitungsnetze geschaffen hatte. Von 2005 bis 2009 habe ich viel Zeit darauf verwendet, einen Sound und einen Look zu kreieren, der das undefinierbar Multikulturelle zum Stilmittel erhebt.

Ganz bewusst?

Schon. Aber erst, als beides dann plötzlich von der Subkultur zum Mainstream wurde, geriet ich in diese Time-Liste. Da kamen ein paar Dinge eher zufällig zusammen, die mich zur Königin eines Trends machten, der dann allerdings schnell wieder ausverkauft wurde an größere Popstars und größere Marken der dominierenden Kulturkreise, die noch mehr Geld daraus machen konnten als ich.

Wie also hat sich in diesem Prozess deine Musik entwickelt vom Debüt Arular über den Durchbruch mit Kala bis zum aktuellen AIM?

Das erste handelte im Grunde davon, morgens aufzuwachen, angepisst zu sein von der Welt da draußen und darüber nachzudenken, wie man das selber wohl ändern könnte. Das zweite Album macht sich auf dem Weg in diese Welt da draußen, um sie zu verstehen und Leute zu finden, die ebenso angepisst sind. Das dritte Album dann zieht mit ihnen gemeinsam in die Schlacht. Im vierten Album findet man sich im Krankenhaus wieder, leckt sich die Wunden der Schlacht, spürt aber auch, sie überlebt zu haben. Hier setzt das fünfte Album an, sammelt die Scherben auf und geht weiter vorwärts.

Hast du die erste Schlacht also gewonnen oder verloren?

Weiß ich gar nicht so genau. Aber ich habe ihn begonnen, das zählt. Und die wichtigste Erkenntnis ist sowieso eine andere: Wie viele Schlachten du auch nach außen hin führst, wie oft du auch am System scheiterst – wenn du den Kreis durchbrechen willst, musst du auch die nötigen Schlachten gegen dich selber schlagen.

Ist das die Message der einflussreichen M.I.A.?

Das ist die Message des Menschen Maya: Wenn du etwas für andere ändern willst, vergiss nicht, dich selbst zu verändern.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen


Bankturmdramen & Zimmer frei!

TVDie Gebrauchtwoche

5. – 11. September

Seltsam genug, dass die ARD ihre Themenwoche Anfang November in dieser buchstäblich bewegten Zeit nicht der Migration widmet, sondern der Arbeit. Genauer: Deren Zukunft. Zum Teil wird der Schwerpunkt entsprechend von einem Avatar moderiert, was in der Tat ganz schön zukünftig klingt. Dann allerdings bloß die Gegenwart zu beschreiben, eingeführt mit einem Bremer Tatort, fortgesetzt durch ein Bankerdrama, durchdrungen von allerlei Sendungen zum Ist-Zustand der Werktätigkeit, ist aber fast so sonderbar wie der Umstand, dass für den Unterschichtenulk Wir sind die Rosinskis gleich drei Mitglieder der schier unerschöpflichen Familie Thalbach engagiert wurden (Katharina, Anna, Nelly), die man allerdings nicht im Trio interviewen könne, weil – kein Scherz – die Bild am Sonntag ein Vorkaufsrecht habe, nach dem sich alle anderen Medien zu richten hätten.

Vor. Kaufs. Recht. Manche Journalisten sind eben doch gleicher als andere… Das gilt natürlich mehr noch für die Türkei. Deren Sport- und Erziehungsminister Akif Çağatay Kılıç ließ am Dienstag ein Interview mit Michel Friedman im Auftrag der Deutschen Welle konfiszieren, weil das Talkfossil darin Absurditäten wie die Lage nach dem Putsch erkunden wollte. Soweit kommt’s noch, dass Fragen auf die Inhalte von Antworten abzielen! Bild hat Kılıç da besser verstanden und stellte sich zeitgleich Fragen, die gar nicht erst einer Antwort bedürfen, sondern ihrerseits Inhalt sind. In gewohnter Schützenhilfe für den Schwesterkanal hat sie das Jenke-Experiment des RTL-Reporters Wilmsdorff, on air harte Drogen zu nehmen, so werbewirksam als „Skandal“ auf die Titelseite gesetzt, dass es abends Topquoten setzte.

Gut, das Thema ist lange bekannt und ähnlich skandalös wie ein Soap-Plot am Nachmittag; aber es ging ja auch gar nicht um Inhalt, sondern Aufmerksamkeit. Worin sich RTL kein Stück von Sat1 unterscheidet.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. – 11. September

Dort läuft Dienstag (20.15 Uhr) ein Film, dessen Titel alles sagt: Verdammt verliebt auf Malle. Er handelt vom Ballermann-Star Gregor, dessen Tochter mit einem Schüler auf Klassenfahrt anbändelt, was ihr der Papa mit dessen Lehrerin wiederholt. Diese Nichthandlung könnte man als üblichen Mumpitz privater Nicht-Unterhaltung ignorieren, wäre Ulli Baumanns „Romantic Comedy“ nicht so durchtrieben. In 90 Minuten ist nix romantisch, geschweige denn komisch, alles dient der handwerklich minderwertigen Reklame für Originale wie Jürgen Drews und Micky Krause. Die ärmste Sau ist da Stephan Luca, dessen Attraktivität allenfalls Machos mit Herz zulässt, was an Stumpfsinn nur dadurch übertroffen wird, dass er einen Sänger spielt, der weder singen noch performen kann, also selbst für Malle-Verhältnisse fehlbesetzt ist.

Augenscheinlich fehlbesetzt ist auch Neda Rahmanian als Kommissarin Branka am Donnerstag, der die Urlaubsortkrimis im Ersten über den Umweg Kroatien Richtung Vollständigkeit der UN-Staatenliste erweitert. Die Deutsch-Perserin ist einfach – bei allem Respekt für Mordermittlerinnen – viel zu schön, zu hot, zu sexy für eine solche, und sei es am Mittelmeer, einerseits. Andererseits ist sie Teil einer Reihe, die sich zwischen den Postkartenambientes anderer ARD-Inlandsimporte durch einen seriösen Schuss Realismus im früheren Bürgerkriegsland auszeichnet.

Ein Realismus, den die Realität natürlich immer noch glaubhafter vermittelt. Der 3sat-Schwerpunkt zum Thema Flüchtlinge etwa reiht begonnen mit Haben wir’s geschafft? am Mittwoch drei aufschlussreiche Dokus übers aktuelle Kernthema hintereinander, bevor der Abend um 23.55 Uhr mit Michel Abdollahis eindrücklicher Reportage aus dem Nazidorf Jamel endet, der abermals belegt: Bitte, liebe Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein! Ansonsten nämlich ließe sich das Volk paranoider Herrenrassenmenschen allenfalls berauscht ertragen. Zumindest virtuell versorgt mit der neuen Sky-Serie High Maintenance, die ab Freitag einen Dealer in New York begleitet, der die Menschen allerdings mal nicht mit tödlichem Crystal Meth, sondern vergleichsweise harmlosem Hasch versorgt.

Abgesehen von einem Wende-Krimi am heutigen ZDF-Krimi, in dem Silke Bodenbender 27 Jahre nach dem Mauerfall einen Mord auf Honeckers damaligem Jagdschloss aufklärt (Lotte Jäger und das tote Mädchen) gibt es nicht so viel Empfehlenswertes dieser Woche, weshalb wir mal die Wiederholungen der Woche etwas erweitern. Neben Johnny Depp als Neunzigerjahre-Cop Donnie Brasco, der sich morgen um 20.15 Uhr auf Tele 5 in die Mafia einschleusen lässt, ist da zum Beispiel Der Junge (Mittwoch, 22.45 Uhr, Arte) ratsam. Im leicht absurden Film aus Japan von 1969 stößt eine Großmutter ihren Enkel regelmäßig vor fahrende Autos, um Schmerzensgeld zu kassieren. Jim Carrey in damals völlig ungewohnter Rolle ist am Donnerstag (22.35 Uhr) auf 3sat zu sehen: In Vergiss mein nicht! von 2003 spielt er einen Verlassener, der seine Ex Kate Winslet mittels Gehirnwäsche löscht und dann zurück will.

Schwarzweiß wiederholt wird am Freitag um 14.05 Uhr auf Arte Hitchcocks Thriller Im Schatten des Zweifels von 1943 mit Joseph Cotton als vermeintlicher Serienkiller. Und irgendwo zwischen schwarzweiß und farbig, Doku und Fiktion: Zimmer frei! mit Götz Alsmann und Christine Westermann, die am Sonntag um 22.45 Uhr den wirklich allerletzten Gast begrüßen: Thomas Gottschalk.


showmethebody/albumleaf/clipping/delasoul

tt16-bodyShow Me The Body

Können Bands wie Städte klingen? Für den populärkulturell noch immer bedeutenden NME schon. Übers Debüt von Show Me The Body etwa schreibt das Musikmagazin, seit This Is It der Strokes vor 15 Jahren, habe kein Album so unverkennbar New York wiedergespiegelt wie Body War. Liest man die extrem knappe Selbstauskunft der Eingeordneten als Hardcore-Trio ohne weitere Zusatzinfos als den Standort, erscheint der Ursprungszusammenhang zwar leicht überinterpretiert; aber irgendwas ist schon dran: Eher gekotzt als gerappt, möblieren die drei Namenlosen den HipHop am Scheideweg zum Crossover mit extrem rabiaten Sound neu auf.

Stilistisch irgendwo zwischen Living Colour, Bleach-Nirvana und Sleaford Mods gelegen, brettert das Grundgerüst aus Postpunkgitarre und Garagendrums unter knüppelharten Raps am Rande des Shoutings hindurch wie ein street riot in den Häuserschluchten der Bronx. Man duckt sich fast ein bisschen weg, wenn die Lautstärkeregler aufgerissen sind, springt aber umso höher auf dem Moshpit herum, sobald der Lärm Kontakt zum Magen aufnimmt, also recht schnell. Show Me The Body sind so räudig wie New York immer dann gerade nicht sein wollte, wenn es dort noch viel, viel krasser zuging. The Strokes? Doch wohl eher Manhattan…

Show Me The Body – Body War (Caroline/Universal)

Album_Leaf_Album_Cover_Between_WavesThe Album Leaf

Und wo wir grad bei alten Hasen im vergleichsweise neuen Revier sind: The Album Leaf, das Projekt vom früheren Tristeza-Gitarristen Jimmy LaValle, hat eine frische Platte rausgebracht. Und abgesehen von gefühlt ein paar Hundert Kollaborationen und Soundtracks ist es angeblich erst das fünfte in fast 20 Jahren, wirkt beim Zuhören aber wie so oft, als hätte man das Ganze schon tausendmal gehört – diese flächigen Indietronic-Arrangements, in denen echte Instrumente gesampelt klingen und digitale Einsprengsel seltsam analog. Doch Between Waves ist bei aller Geschmeidigkeit abermals ein Werk von so eindringlicher Tiefe, dass ein paar Wiederholungen von früher gar nicht weiter stören.

Denn wie zuvor erinnern die vorwiegend instrumentalen Stücke eher an Symphonien als Tracks, was mit Gesang versehen nicht nur wegen des entspannten Popfalsetts im Stile von The Notwist die Höhen ganz großen Pops erklingt. Mit Bläsersequenzen, Geigenfetzen und gelegentlicher Atari-Spielerei gerät das Ganze dann nicht nur zu einer weiteren Note im anschwellenden Werk des harmoniesüchtigen Kaliforniers, sondern erhält auf fast magische Art und Weise Alleinstellungskraft. Sicher, es läuft ein wenig durch einen durch, allerdings wie gute Filmmusik, die man auch kaum merkt, wenn sie passgenau ist. Schon wieder ein schönes Album von The Album Leaf, diesmal ganz ohne Altersmilde; dafür war das aktuelle Quintett einfach nie tough genug…

The Album Leaf – Between Waves (Relapse Records)

tt16-clippingClipping

Toughness im HipHop ist hingegen eine Kategorie, die manchmal ernsthaft bedrohlich, oft leidlich konstruiert, meist aber ziemlich lästig ist, weshalb Gangsta-Rap auch vornehmlich in Kreisen eher physisch als intellektuell ausgetragener Konfliktschemata populär ist. Definieren wir “tough” hingegen nicht über den Umfang des Bizeps, sondern der Radikalität verwendeter Skills, sind Clipping definitiv die allerhärtesten Jungs im Sprechgesang. Man muss sich dafür nur mal den Auftakt ihrer neuen Platte anhören. Nach einem verstörend grundrauschenden Intro rattert Daveed Diggs da in 58 Sekunden einen Schwall an Lyrics runter, als überholte er sich selbst, ohne auch nur einmal zu haspeln, ja sogar, ohne unverständlich zu werden.

Dennoch ist es auch auf Splendor & Misery keinesfalls bloß das Tempo, dem man staunend Respekt zollt. Die experimentelle Aura des oft sehr verwirrenden Klangs zieht einen auch wegen der wild durchmischten Loops und Samples in den Bann, dieses permanente Verstreuen atmosphärischer Stimmungen, die vom Kommandodeck eines verlassenen Raumschiffs mit geheimnisvoller Besatzung zu kommen scheinen, dabei aber selten den Bezug zur terrestrischen Realität verlieren. Ein Album, das unbedingt Konzentration beim Zuhören erfordert, dann aber ein Panorama entfaltet, das die gesamte Vielfalt des Genres ausbreitet. Nichts für zarte Gemüter, erst recht nichts für aggressive.

Clipping – Splendor & Misery (Sub Pop) 

Hype der Woche

tt16-delasoulDe La Soul

Wie wenig Aggressivität eine Subkultur braucht, die sich auf dem Weg Richtung Kommerz bis zur Kiefersperre verspannt vor Relevanz und Realness, belegten 1989 De La Soul. Damals brach das Trio aus New York fröhlich mit dem Mainstream böser Ghettojungs. Es hatte zwar weder den besten Flow noch die tightesten Lyrics, aber so viel Witz und Esprit, dass es zwei zeitlose HipHop-Alben gebar, ohne die Arrested Development, Cypress Hill, gar Fettes Brot undenkbar wären. Da Revolutionen gern ihre Kinder fressen, fragt sich dennoch, was Kelvin Mercer, Vincent Mason und David J. Jolicœur dem Metier nun noch zu geben haben. Exakt jene Selbstironie, die ihm Millionen BlingBling-Videos mit Milliarden Wackelärschen später weiter abgeht wie Afroamerikanern die Gleichberechtigung! Fast jeder der 17 Tracks ihrer ersten Platte in zwölf Jahren sprüht vor lebenskluger Coolness. Dank gereifter Stimmen wirkt And The Anonymous Nobody (Kobalt) sogar noch nachhaltiger. Und mit Features von der Metal-Sirene Justin Hawkins bis zum Rap-Narziss Snoop Dogg erfährt das Ganze genreübergreifend Respekt. Kein revolutionäres, aber frisches Album. It’s just this, ourselves and them und immer wieder grandios.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-OjiOnejiru & Turtle Bay Country Club

Sisters, Sam Ragga Band, Helge Schneider, Jan Delay: Die Liste von Onejirus musikalischen Projekten und Kollaborationen ist nicht nur lang, sondern auch hochkarätig. Jetzt veröffentlicht sie als Produzentin, Texterin und Sängerin gemeinsam mit Hamburgs Erfolgsproduzenten Matthias Arfmann eine neue Platte. Auf Ballet Jeunesse haben sie die bekanntesten europäischen Balletklassiker neu aufgenommen und mit Hilfe internationaler Musikerinnen und Musiker neu interpretiert. Zum Bierplattengespräch gab’s dieses Mal zwar ganz sportlich nur Wasser, die Einblicke in die Geschichte der besonderen Onejiru sind dafür aber umso tiefgehender.

Von Marthe Ruddat

freitagsmedien: Onejiru, welche Musik inspiriert Dich?

Onejiru: Natürlich haben mich Bob Marley und Prince inspiriert, Michael Jackson und auch ein paar afrikanische Künstler, Brenda Fassie aus Südafrika zum Beispiel. Ich bin was das angeht tatsächlich eher breit aufgestellt. Aber ich habe mir gedacht, dass ich für zwei Bier – eine Platte über eine Platte sprechen möchte, an der ich selbst mitgewirkt habe. Und das ist diese hier: Universal Monstershark von Turtle Bay Country Club.

Mit Universal Monstershark veröffentlichte Matthias Arfmann 2003 das dritte Album des Turtle Bay Country Club und griff dabei auf poppige Funksounds zurück. Unterstützt wurde er nicht nur von Onejiru, sondern auch anderen langjährigen Wegbegleitern: Jan Delay, Schorsch Kamerun, Patrice Katrin Achinger und einigen anderen.

Das ist nicht deine einzige Platte. Warum hast du gerade die ausgewählt?

Neben den unzähligen Kooperationen veröffentlichte Onejiru 2006 ihr Debütalbum Prophets of Profit. Ein weiteres Soloalbum ist in Planung.

Ich habe sie ausgesucht, weil sie, wie unsere neue Platte Ballet Jeunesse, eine ganze Weile gebraucht hat, bis sie fertig war. Das scheint das Markenzeichen von Matthias Arfmann zu sein, der ja der Gründer des Turtle Bay Country Club ist. Und außerdem steckt eine spannende Geschichte hinter der Platte.

Erzähl!

Die Platte ist entstanden, als die Plattenindustrie allmählich bröckelte und der Musikmarkt ein bisschen in sich zusammen brach. Die Illustration der Platte ist Marthe-Monsterdiesbezüglich irgendwie vorausschauend. Auf dem Cover sitzt Matthias Arfmann mit seinem Sohn auf einem Steg, am Horizont geht die Sonne unter. Die Angel ist ausgeworfen, weil sie gerne ein Label für die Platte angeln würden. Wenn man die CD dann aufklappt sieht man den Grund mit lauter geöffneten Dosen. Auf denen sind die Plattenfirmen drauf: SONY, BMG, Universal, EMI, Warner. Von denen gibt es heute schon einige gar nicht mehr. Wenn man die CD dann heraus nimmt, sieht man Arfmann und seinen Sohn aus der Perspektive der Dosen. Auf der Rückseite der CD wird dann deutlich, dass die beiden nichts geangelt haben, außer einem kleinen, übrig gebliebenen Fisch. Auch bei Ballet Jeunesse haben wir wieder ganz besondere Illustrationen gewählt. Ich glaube einfach, dass man neben und mit Musik sehr gut Geschichten erzählen kann. Musik ist ja quasi Geschichten erzählen.

Dein Stil wird deshalb auch oft Edutainment genannt. Ist das der Anspruch, den du grundsätzlich an Musik stellst?

Ich bin in Kenia geboren und aufgewachsen, einer Kultur, die sehr stark oral geprägt ist. Viele Jahrhunderte hat dort vieles über Sprache und Gesang funktioniert. Ich wurde ganz einfach so sozialisiert, dass Musik ein Messenger ist, ein Mittel zur Kommunikation. Text und Klang sind unglaublich wertvoll. Ich meine, was ist denn leichter, als eine gute Idee oder eine Nachricht über Musik zu transportieren? In meiner Muttersprache Kikuyu zum Beispiel kann ein Text sehr hart sein, die Musik ist aber gleichzeitig sehr tanzbar. Die Leute tanzen und werden gleichzeitig belehrt. Diesem Prinzip folge ich. Ich versuche gesellschaftskritisch und kulturkritisch zu sein. Das mache ich durch meine Texte, ich benutze aber auch viele Metaphern und Bilder. So illustriere ich, was ich gerne sagen möchte.

Du wirst auch oft als Aktivistin bezeichnet und nimmst eine Vorbildfunktion ein.  Wie ist es dazu gekommen? 

Ich habe das Gefühl, dass meine Großmutter meine größte Inspiration war. Wir hatten damals weder iPhone, noch Fernseher. Meine Großmutter hat uns viele Geschichten erzählt und uns vorgesungen. Mit den Texten hat sie uns auch immer viel Erfahrung aus ihrem Leben mitgegeben. Auch deshalb hat sie eine sehr große Rolle in meinem Leben gespielt. Überhaupt spielen Frauen in meinem Kontext eine sehr große Rolle. Sie sind die Macherinnen, die Starken. Das hat mich inspiriert. Ich habe auch meinen Vornamen von meiner Großmutter, so bin ich auch ein Stück sie. Wenn mich die Menschen am Ende dafür als Aktivistin oder auch Entwicklungsexpertin bezeichnen dann kann ich das nicht beeinflussen. Diese Titel haben ja aber nichts schlechtes, wenn man mich so sieht finde ich das schön.

Kommen wir noch mal zurück zur Universal Monstershark. Sie beinhaltet viele Features. Ist die Musik so abwechslungsreich wie die Künstler darauf?

Die Platte ist ein Konzeptalbum. Matthias Arfmann war damals mit einer anderen Band auf Hawaii und kam dort in der Nähe des Turtle Bay Country Club unter. Von dort hat er den Namen mitgebracht. Zurück in Hamburg hat er dann verschiedene Musiker, die er mag, angerufen und von seiner Idee, diese Platte zu machen, erzählt. Und es gab einige tolle Musiker, die dann schließlich nach Hamburg gekommen sind: Mahmoud Gania war beispielsweise ein marokkanischer Gnawa-Musiker, von dem auch Tony Cook, der Drummer von James Brown, völlig hin und weg war. Ich war damals ein Teil des Kollektivs. Wir haben dann zunächst ganz klassisch gejammed und auch erstmals mit Samples gearbeitet. Deshalb sehe ich die Universal Monstershark auch als Vorhut von BalletJeunesse, bei der wir das ganze noch perfektioniert haben.

Marthe1Also symbolisiert die Platte auch deine musikalischen Anfänge?

Ganz genau, zu dieser Zeit habe ich angefangen. Ich habe gelernt, wie man sich als Sängerin auf der Bühne benimmt. Tony Cook meinte irgendwann zu mir: „Wenn Du mich nicht ansiehst, weiß ich nicht, was Du von mir willst.“ Auch deshalb ist die Platte für mich so wahnsinnig wichtig. In dieser Zeit sind einfach sehr viele Dinge passiert, von denen ich noch heute zehre.

„White vests & blackaccounts“, klingt als hättest du damals schon gern kritische Texte geschrieben.

Ja, auf jeden Fall. Ich habe mir vorgestellt, wie die Politiker mit ihren weißen Westen durch die Gegend laufen, aber schwarze Konten hinter sich herziehen und so die Gesellschaft verarschen. Das war meine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich spiele gerne mit Wörtern. Bei dem Song Truly habe ich das auch gemacht. Da singe ich einfach mal darüber, dass ich königlich bin. Ich bin eine Königin und habe es auch verdient eine Königin zu sein. Eigentlich heißt es ja immer kingsize, aber damals habe ich mir schon das Wort queensize zu eigen gemacht.

Ist Truly Dein Lieblinssong auf der Platte?

Also eigentlich sind alle meine Lieblingssongs. Aber wenn ich mich festlegen soll, dann ist es Debbi. Ich habe den Text zu dem Song mitgeschrieben. Es ist ein strophiges Lied mit Disco- und Popmelodien. Das finde ich richtig cool.

Universal Monstershark und BalletJeunesseverbindet, dass ihr auf beiden Alben mit vielen und zum Teil sehr bekannten Musikerinnen und Musikern zusammen gearbeitet habt. Gibt es da eigentlich noch eine Steigerung, jemanden, mit dem Du unbedingt Musik machen möchtest?

Auch auf Ballet Jeunesse sind Jan Delay und Schorsch Kamerun wieder mit dabei. Mit dem Bloc Party-Sänger Kele Orece und Hip Hop-Superstar KRS One konnten Arfmann und sein Produzententeam dieses Mal auch internationale Größen für die Platte gewinnen. 

Ich glaube nicht wirklich. Der Song mit Kele Okereke war und ist ein wahr gewordener Traum von mir. Als die Zusage kam, habe ich vor Freude kurz keine Luft mehr bekommen. Ich konnte es bis zum Schluss nicht glauben und manchmal kann ich es auch heute noch nicht fassen. Und dann auch noch KRS One, das ist schon alles sehr large.

Alle Informationen über Onejiru findet Ihr auf facebook oder auf der Website der Sisters. Am 09.09.16 erscheint Ballet Jeunesse bei Decca. Die bisher einzige geplante Live-Aufführung findet am 21.09.16 im Rahmen des Reeperbahn Festivals gemeinsam mit den Hamburger Symphonikern statt.


Frische Altware & alte Frischware

TVDie Gebrauchtwoche

29. August – 4. September

Eine umfassende Erhebung brachte es wieder an den Tag: Das Vertrauen in die Medien befindet sich weltweit im Sinkflug. Hierzulande liegt es zwar immer noch fast doppelt so hoch wie in den USA, aber ebenfalls unter 50 Prozent. Da kann der Medienforscher Rasmus Kleis Nielsen von der Universität Oxford in der Süddeutschen noch so betonen, Zeitungen wie jene, in der er das sagt, würden langfristig überleben, weil „der beste Journalismus heute besser denn je“ sei – es scheppert so laut im Informationsgewerbe, dass leise Stimmen zusehends untergehen.

Darüber können auch Überraschungen wie die RTL-Berichterstattung beim Münchner Amoklauf nicht hinwegtäuschen. Ähnlich der am 11. September vor 15 Jahren stellte Peter Kloeppel, würdevoll ergrautes Randgewächs im scheinrealen Kölner Urwald, die Öffentlich-Rechtlichen da erneut in den Schatten. Und als Günter Wallraff vorigen Dienstag an gleicher Stelle mit einer gut recherchierten Enthüllungsreportage in den Autobahnraststätten der Autobahnrepublik für politische Konsequenzen bis rauf ins Verkehrsministerium sorgte, da schien es fast, RTL sei seriös geworden.

Dann aber fand tags drauf dessen saisonale Programmpräsentation in Hamburg statt und das Wort „Seriosität“ entwich dem schicken Industriedenkmal schneller als der Duft vom geschmorten Ochsenbäckchen, das Senderkoch Christian Rach fürs Pressepublikum kredenzte. Recycling einstiger (Der Heiße Stuhl) oder aktuellerer (Raus aus der Armut) Formate, alte Frischware (It Takes 2) oder frische Altware (Winnetou) – auch Begriffe wie „Innovation“ wirken beim ehemaligen Marktführer irgendwie fehlinterpretiert. Darin unterscheidet er sich kaum von einer anderen Irrenanstalt des Fernsehens: Sat1. Auch hier fließt der Wein Mal mehr Mal weniger offen aus alten Schläuchen.

4e1275938f62f95e6a778573b547007b-presselounge231x128Die Frischwoche

5. – 11. September

Nehmen wir die Karawane der Köche. Wenn Tim Mälzer ab Mittwoch (20.15 Uhr) Food-Trucks prämiert, riecht das Konzept abgestanden wie eine Premierenfolge „Perfektes Dinner“. Elf verwandte/befreundete/liierte Duos steuern je einen – so hießen die, bevor Vollbartträger nicht hip, sondern kauzig waren – Imbisswagen durch Deutschland, bis eines übrig bleibt. Es wird halt gekocht – nur dass die Köche jetzt Veggieburger statt Currywurst aus der Luke reichen und gern bis zum Hals tätowiert sind. Schon deshalb sind Food-Trucks jedoch auch ein Segen fürs fettverliebte Land gewissenloser Fleischfresser. Darauf ein Spaziergang zum nächsten Schnellimbisslaster. Fernsehen macht sowieso dick…

Und dicht. Zumindest Jenke von Wilmsdorff, der sich am Montag um 21.15 Uhr im Auftrag von RTL wieder einem seiner durchaus erhellenden, meist selbstzerstörerischen Experimente unterzieht. Diesmal wirft er sich Ritalin über LSD bis K.O.-Tropfen die wirklich harten Sachen ein und schaut, was passiert. Schauen wir also, was passiert, wenn man zurück auf bessere Sender schaltet, zu denen sogar der Brausekanal ServusTV zählt. Im Abenteuerdrama Turning Tide kann man dort Dienstag um 20.15 Uhr bestaunen, wie der Solosegler Yann bei der härtesten Regatta an zweiter Stelle liegt, als er einen blinden Passagier an Bord entdeckt, der nach Frankreich fliehen will…

Ebenso dramatisch, aber frei von Thrill ist zwei Stunden später Der Kreis auf 3sat. Röbi und Ernst sind darin zwei Schwule, die das offene Klima im liberalen Zürich der Nachkriegszeit genießen, bis die konservative Reaktion das homosexuelle Refugium beseitigt. Besonders faszinierend an dem Dokudrama sind jedoch nicht die Spielszenen, sondern die Gespräche mit den zwei Hauptfiguren, die bis heute glücklich vereint sind. Wie viel Intimität und Hingabe in gereiften Beziehungen steckt, hat niemand eindrücklicher gezeigt als Michael Haneke in seinem preisgekrönten Film Liebe, den der WDR parallel um 21.10 zeigt. Sein Porträt einer uralten Ehe im Kampf gegen den Verfall, rechtfertigt das anschließende Porträt des Regisseurs gleich doppelt.

Gar nicht erst zustande kam die Liebe von Petra Schmidt-Schaller und Wotan Wilke Möhring im Tatort. Wer das bedauert, sollte den ARD-Mittwochsfilm Was im Leben zählt sehen. Hier sind beide nämlich ein Paar – und füttern die Milieu-Studie eines Münchner Mietshauses mit viel Wahrhaftigkeit. Unromantischer geht es kurze Zeit später in einer Dortmunder Neubausiedlung zu. An ihrem Beispiel zeigt die WDR-Doku Göttliche Lage um 22.35 Uhr, wie systematisch Städte für Reiche zugerheutzutage im Dienste des Profits entvölkert werden. Und wenn man so will, war es ja so etwas, dem sich die Studentenbewegung vor 50 Jahren entgegenstellte, bevor sich ihre Radikalisierung verselbstständigen sollte. Letzteres macht die Wiederholung der Woche (Mittwoch, 22.45 Uhr, RBB) zum Kaugummikino: Der Baader-Meinhof-Komplex von 2008 mit Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck in den Titelrollen.

Schwarzweiß ist dagegen heute um 23.55 Uhr im MDR ein wahrer Klassiker: Alexis Sorbas, oscarprämierte Romanadaption von 1964 mit Anthony Quinn als griechischer Dickkopf, der für den Film angeblich den Sirtaki erfunden hat. Was Film & Fernsehen sonst noch erfinden können, zeigt der Dokutipp Building Star Trek (Freitag, 21.50 Uhr, Arte), die wissenschaftliche Analyse des Enterprise-Universums zum 50. Geburtstag der legendären Serie.