Bankturmdramen & Zimmer frei!

TVDie Gebrauchtwoche

5. – 11. September

Seltsam genug, dass die ARD ihre Themenwoche Anfang November in dieser buchstäblich bewegten Zeit nicht der Migration widmet, sondern der Arbeit. Genauer: Deren Zukunft. Zum Teil wird der Schwerpunkt entsprechend von einem Avatar moderiert, was in der Tat ganz schön zukünftig klingt. Dann allerdings bloß die Gegenwart zu beschreiben, eingeführt mit einem Bremer Tatort, fortgesetzt durch ein Bankerdrama, durchdrungen von allerlei Sendungen zum Ist-Zustand der Werktätigkeit, ist aber fast so sonderbar wie der Umstand, dass für den Unterschichtenulk Wir sind die Rosinskis gleich drei Mitglieder der schier unerschöpflichen Familie Thalbach engagiert wurden (Katharina, Anna, Nelly), die man allerdings nicht im Trio interviewen könne, weil – kein Scherz – die Bild am Sonntag ein Vorkaufsrecht habe, nach dem sich alle anderen Medien zu richten hätten.

Vor. Kaufs. Recht. Manche Journalisten sind eben doch gleicher als andere… Das gilt natürlich mehr noch für die Türkei. Deren Sport- und Erziehungsminister Akif Çağatay Kılıç ließ am Dienstag ein Interview mit Michel Friedman im Auftrag der Deutschen Welle konfiszieren, weil das Talkfossil darin Absurditäten wie die Lage nach dem Putsch erkunden wollte. Soweit kommt’s noch, dass Fragen auf die Inhalte von Antworten abzielen! Bild hat Kılıç da besser verstanden und stellte sich zeitgleich Fragen, die gar nicht erst einer Antwort bedürfen, sondern ihrerseits Inhalt sind. In gewohnter Schützenhilfe für den Schwesterkanal hat sie das Jenke-Experiment des RTL-Reporters Wilmsdorff, on air harte Drogen zu nehmen, so werbewirksam als „Skandal“ auf die Titelseite gesetzt, dass es abends Topquoten setzte.

Gut, das Thema ist lange bekannt und ähnlich skandalös wie ein Soap-Plot am Nachmittag; aber es ging ja auch gar nicht um Inhalt, sondern Aufmerksamkeit. Worin sich RTL kein Stück von Sat1 unterscheidet.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. – 11. September

Dort läuft Dienstag (20.15 Uhr) ein Film, dessen Titel alles sagt: Verdammt verliebt auf Malle. Er handelt vom Ballermann-Star Gregor, dessen Tochter mit einem Schüler auf Klassenfahrt anbändelt, was ihr der Papa mit dessen Lehrerin wiederholt. Diese Nichthandlung könnte man als üblichen Mumpitz privater Nicht-Unterhaltung ignorieren, wäre Ulli Baumanns „Romantic Comedy“ nicht so durchtrieben. In 90 Minuten ist nix romantisch, geschweige denn komisch, alles dient der handwerklich minderwertigen Reklame für Originale wie Jürgen Drews und Micky Krause. Die ärmste Sau ist da Stephan Luca, dessen Attraktivität allenfalls Machos mit Herz zulässt, was an Stumpfsinn nur dadurch übertroffen wird, dass er einen Sänger spielt, der weder singen noch performen kann, also selbst für Malle-Verhältnisse fehlbesetzt ist.

Augenscheinlich fehlbesetzt ist auch Neda Rahmanian als Kommissarin Branka am Donnerstag, der die Urlaubsortkrimis im Ersten über den Umweg Kroatien Richtung Vollständigkeit der UN-Staatenliste erweitert. Die Deutsch-Perserin ist einfach – bei allem Respekt für Mordermittlerinnen – viel zu schön, zu hot, zu sexy für eine solche, und sei es am Mittelmeer, einerseits. Andererseits ist sie Teil einer Reihe, die sich zwischen den Postkartenambientes anderer ARD-Inlandsimporte durch einen seriösen Schuss Realismus im früheren Bürgerkriegsland auszeichnet.

Ein Realismus, den die Realität natürlich immer noch glaubhafter vermittelt. Der 3sat-Schwerpunkt zum Thema Flüchtlinge etwa reiht begonnen mit Haben wir’s geschafft? am Mittwoch drei aufschlussreiche Dokus übers aktuelle Kernthema hintereinander, bevor der Abend um 23.55 Uhr mit Michel Abdollahis eindrücklicher Reportage aus dem Nazidorf Jamel endet, der abermals belegt: Bitte, liebe Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein! Ansonsten nämlich ließe sich das Volk paranoider Herrenrassenmenschen allenfalls berauscht ertragen. Zumindest virtuell versorgt mit der neuen Sky-Serie High Maintenance, die ab Freitag einen Dealer in New York begleitet, der die Menschen allerdings mal nicht mit tödlichem Crystal Meth, sondern vergleichsweise harmlosem Hasch versorgt.

Abgesehen von einem Wende-Krimi am heutigen ZDF-Krimi, in dem Silke Bodenbender 27 Jahre nach dem Mauerfall einen Mord auf Honeckers damaligem Jagdschloss aufklärt (Lotte Jäger und das tote Mädchen) gibt es nicht so viel Empfehlenswertes dieser Woche, weshalb wir mal die Wiederholungen der Woche etwas erweitern. Neben Johnny Depp als Neunzigerjahre-Cop Donnie Brasco, der sich morgen um 20.15 Uhr auf Tele 5 in die Mafia einschleusen lässt, ist da zum Beispiel Der Junge (Mittwoch, 22.45 Uhr, Arte) ratsam. Im leicht absurden Film aus Japan von 1969 stößt eine Großmutter ihren Enkel regelmäßig vor fahrende Autos, um Schmerzensgeld zu kassieren. Jim Carrey in damals völlig ungewohnter Rolle ist am Donnerstag (22.35 Uhr) auf 3sat zu sehen: In Vergiss mein nicht! von 2003 spielt er einen Verlassener, der seine Ex Kate Winslet mittels Gehirnwäsche löscht und dann zurück will.

Schwarzweiß wiederholt wird am Freitag um 14.05 Uhr auf Arte Hitchcocks Thriller Im Schatten des Zweifels von 1943 mit Joseph Cotton als vermeintlicher Serienkiller. Und irgendwo zwischen schwarzweiß und farbig, Doku und Fiktion: Zimmer frei! mit Götz Alsmann und Christine Westermann, die am Sonntag um 22.45 Uhr den wirklich allerletzten Gast begrüßen: Thomas Gottschalk.


showmethebody/albumleaf/clipping/delasoul

tt16-bodyShow Me The Body

Können Bands wie Städte klingen? Für den populärkulturell noch immer bedeutenden NME schon. Übers Debüt von Show Me The Body etwa schreibt das Musikmagazin, seit This Is It der Strokes vor 15 Jahren, habe kein Album so unverkennbar New York wiedergespiegelt wie Body War. Liest man die extrem knappe Selbstauskunft der Eingeordneten als Hardcore-Trio ohne weitere Zusatzinfos als den Standort, erscheint der Ursprungszusammenhang zwar leicht überinterpretiert; aber irgendwas ist schon dran: Eher gekotzt als gerappt, möblieren die drei Namenlosen den HipHop am Scheideweg zum Crossover mit extrem rabiaten Sound neu auf.

Stilistisch irgendwo zwischen Living Colour, Bleach-Nirvana und Sleaford Mods gelegen, brettert das Grundgerüst aus Postpunkgitarre und Garagendrums unter knüppelharten Raps am Rande des Shoutings hindurch wie ein street riot in den Häuserschluchten der Bronx. Man duckt sich fast ein bisschen weg, wenn die Lautstärkeregler aufgerissen sind, springt aber umso höher auf dem Moshpit herum, sobald der Lärm Kontakt zum Magen aufnimmt, also recht schnell. Show Me The Body sind so räudig wie New York immer dann gerade nicht sein wollte, wenn es dort noch viel, viel krasser zuging. The Strokes? Doch wohl eher Manhattan…

Show Me The Body – Body War (Caroline/Universal)

Album_Leaf_Album_Cover_Between_WavesThe Album Leaf

Und wo wir grad bei alten Hasen im vergleichsweise neuen Revier sind: The Album Leaf, das Projekt vom früheren Tristeza-Gitarristen Jimmy LaValle, hat eine frische Platte rausgebracht. Und abgesehen von gefühlt ein paar Hundert Kollaborationen und Soundtracks ist es angeblich erst das fünfte in fast 20 Jahren, wirkt beim Zuhören aber wie so oft, als hätte man das Ganze schon tausendmal gehört – diese flächigen Indietronic-Arrangements, in denen echte Instrumente gesampelt klingen und digitale Einsprengsel seltsam analog. Doch Between Waves ist bei aller Geschmeidigkeit abermals ein Werk von so eindringlicher Tiefe, dass ein paar Wiederholungen von früher gar nicht weiter stören.

Denn wie zuvor erinnern die vorwiegend instrumentalen Stücke eher an Symphonien als Tracks, was mit Gesang versehen nicht nur wegen des entspannten Popfalsetts im Stile von The Notwist die Höhen ganz großen Pops erklingt. Mit Bläsersequenzen, Geigenfetzen und gelegentlicher Atari-Spielerei gerät das Ganze dann nicht nur zu einer weiteren Note im anschwellenden Werk des harmoniesüchtigen Kaliforniers, sondern erhält auf fast magische Art und Weise Alleinstellungskraft. Sicher, es läuft ein wenig durch einen durch, allerdings wie gute Filmmusik, die man auch kaum merkt, wenn sie passgenau ist. Schon wieder ein schönes Album von The Album Leaf, diesmal ganz ohne Altersmilde; dafür war das aktuelle Quintett einfach nie tough genug…

The Album Leaf – Between Waves (Relapse Records)

tt16-clippingClipping

Toughness im HipHop ist hingegen eine Kategorie, die manchmal ernsthaft bedrohlich, oft leidlich konstruiert, meist aber ziemlich lästig ist, weshalb Gangsta-Rap auch vornehmlich in Kreisen eher physisch als intellektuell ausgetragener Konfliktschemata populär ist. Definieren wir “tough” hingegen nicht über den Umfang des Bizeps, sondern der Radikalität verwendeter Skills, sind Clipping definitiv die allerhärtesten Jungs im Sprechgesang. Man muss sich dafür nur mal den Auftakt ihrer neuen Platte anhören. Nach einem verstörend grundrauschenden Intro rattert Daveed Diggs da in 58 Sekunden einen Schwall an Lyrics runter, als überholte er sich selbst, ohne auch nur einmal zu haspeln, ja sogar, ohne unverständlich zu werden.

Dennoch ist es auch auf Splendor & Misery keinesfalls bloß das Tempo, dem man staunend Respekt zollt. Die experimentelle Aura des oft sehr verwirrenden Klangs zieht einen auch wegen der wild durchmischten Loops und Samples in den Bann, dieses permanente Verstreuen atmosphärischer Stimmungen, die vom Kommandodeck eines verlassenen Raumschiffs mit geheimnisvoller Besatzung zu kommen scheinen, dabei aber selten den Bezug zur terrestrischen Realität verlieren. Ein Album, das unbedingt Konzentration beim Zuhören erfordert, dann aber ein Panorama entfaltet, das die gesamte Vielfalt des Genres ausbreitet. Nichts für zarte Gemüter, erst recht nichts für aggressive.

Clipping – Splendor & Misery (Sub Pop) 

Hype der Woche

tt16-delasoulDe La Soul

Wie wenig Aggressivität eine Subkultur braucht, die sich auf dem Weg Richtung Kommerz bis zur Kiefersperre verspannt vor Relevanz und Realness, belegten 1989 De La Soul. Damals brach das Trio aus New York fröhlich mit dem Mainstream böser Ghettojungs. Es hatte zwar weder den besten Flow noch die tightesten Lyrics, aber so viel Witz und Esprit, dass es zwei zeitlose HipHop-Alben gebar, ohne die Arrested Development, Cypress Hill, gar Fettes Brot undenkbar wären. Da Revolutionen gern ihre Kinder fressen, fragt sich dennoch, was Kelvin Mercer, Vincent Mason und David J. Jolicœur dem Metier nun noch zu geben haben. Exakt jene Selbstironie, die ihm Millionen BlingBling-Videos mit Milliarden Wackelärschen später weiter abgeht wie Afroamerikanern die Gleichberechtigung! Fast jeder der 17 Tracks ihrer ersten Platte in zwölf Jahren sprüht vor lebenskluger Coolness. Dank gereifter Stimmen wirkt And The Anonymous Nobody (Kobalt) sogar noch nachhaltiger. Und mit Features von der Metal-Sirene Justin Hawkins bis zum Rap-Narziss Snoop Dogg erfährt das Ganze genreübergreifend Respekt. Kein revolutionäres, aber frisches Album. It’s just this, ourselves and them und immer wieder grandios.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-OjiOnejiru & Turtle Bay Country Club

Sisters, Sam Ragga Band, Helge Schneider, Jan Delay: Die Liste von Onejirus musikalischen Projekten und Kollaborationen ist nicht nur lang, sondern auch hochkarätig. Jetzt veröffentlicht sie als Produzentin, Texterin und Sängerin gemeinsam mit Hamburgs Erfolgsproduzenten Matthias Arfmann eine neue Platte. Auf Ballet Jeunesse haben sie die bekanntesten europäischen Balletklassiker neu aufgenommen und mit Hilfe internationaler Musikerinnen und Musiker neu interpretiert. Zum Bierplattengespräch gab’s dieses Mal zwar ganz sportlich nur Wasser, die Einblicke in die Geschichte der besonderen Onejiru sind dafür aber umso tiefgehender.

Von Marthe Ruddat

freitagsmedien: Onejiru, welche Musik inspiriert Dich?

Onejiru: Natürlich haben mich Bob Marley und Prince inspiriert, Michael Jackson und auch ein paar afrikanische Künstler, Brenda Fassie aus Südafrika zum Beispiel. Ich bin was das angeht tatsächlich eher breit aufgestellt. Aber ich habe mir gedacht, dass ich für zwei Bier – eine Platte über eine Platte sprechen möchte, an der ich selbst mitgewirkt habe. Und das ist diese hier: Universal Monstershark von Turtle Bay Country Club.

Mit Universal Monstershark veröffentlichte Matthias Arfmann 2003 das dritte Album des Turtle Bay Country Club und griff dabei auf poppige Funksounds zurück. Unterstützt wurde er nicht nur von Onejiru, sondern auch anderen langjährigen Wegbegleitern: Jan Delay, Schorsch Kamerun, Patrice Katrin Achinger und einigen anderen.

Das ist nicht deine einzige Platte. Warum hast du gerade die ausgewählt?

Neben den unzähligen Kooperationen veröffentlichte Onejiru 2006 ihr Debütalbum Prophets of Profit. Ein weiteres Soloalbum ist in Planung.

Ich habe sie ausgesucht, weil sie, wie unsere neue Platte Ballet Jeunesse, eine ganze Weile gebraucht hat, bis sie fertig war. Das scheint das Markenzeichen von Matthias Arfmann zu sein, der ja der Gründer des Turtle Bay Country Club ist. Und außerdem steckt eine spannende Geschichte hinter der Platte.

Erzähl!

Die Platte ist entstanden, als die Plattenindustrie allmählich bröckelte und der Musikmarkt ein bisschen in sich zusammen brach. Die Illustration der Platte ist Marthe-Monsterdiesbezüglich irgendwie vorausschauend. Auf dem Cover sitzt Matthias Arfmann mit seinem Sohn auf einem Steg, am Horizont geht die Sonne unter. Die Angel ist ausgeworfen, weil sie gerne ein Label für die Platte angeln würden. Wenn man die CD dann aufklappt sieht man den Grund mit lauter geöffneten Dosen. Auf denen sind die Plattenfirmen drauf: SONY, BMG, Universal, EMI, Warner. Von denen gibt es heute schon einige gar nicht mehr. Wenn man die CD dann heraus nimmt, sieht man Arfmann und seinen Sohn aus der Perspektive der Dosen. Auf der Rückseite der CD wird dann deutlich, dass die beiden nichts geangelt haben, außer einem kleinen, übrig gebliebenen Fisch. Auch bei Ballet Jeunesse haben wir wieder ganz besondere Illustrationen gewählt. Ich glaube einfach, dass man neben und mit Musik sehr gut Geschichten erzählen kann. Musik ist ja quasi Geschichten erzählen.

Dein Stil wird deshalb auch oft Edutainment genannt. Ist das der Anspruch, den du grundsätzlich an Musik stellst?

Ich bin in Kenia geboren und aufgewachsen, einer Kultur, die sehr stark oral geprägt ist. Viele Jahrhunderte hat dort vieles über Sprache und Gesang funktioniert. Ich wurde ganz einfach so sozialisiert, dass Musik ein Messenger ist, ein Mittel zur Kommunikation. Text und Klang sind unglaublich wertvoll. Ich meine, was ist denn leichter, als eine gute Idee oder eine Nachricht über Musik zu transportieren? In meiner Muttersprache Kikuyu zum Beispiel kann ein Text sehr hart sein, die Musik ist aber gleichzeitig sehr tanzbar. Die Leute tanzen und werden gleichzeitig belehrt. Diesem Prinzip folge ich. Ich versuche gesellschaftskritisch und kulturkritisch zu sein. Das mache ich durch meine Texte, ich benutze aber auch viele Metaphern und Bilder. So illustriere ich, was ich gerne sagen möchte.

Du wirst auch oft als Aktivistin bezeichnet und nimmst eine Vorbildfunktion ein.  Wie ist es dazu gekommen? 

Ich habe das Gefühl, dass meine Großmutter meine größte Inspiration war. Wir hatten damals weder iPhone, noch Fernseher. Meine Großmutter hat uns viele Geschichten erzählt und uns vorgesungen. Mit den Texten hat sie uns auch immer viel Erfahrung aus ihrem Leben mitgegeben. Auch deshalb hat sie eine sehr große Rolle in meinem Leben gespielt. Überhaupt spielen Frauen in meinem Kontext eine sehr große Rolle. Sie sind die Macherinnen, die Starken. Das hat mich inspiriert. Ich habe auch meinen Vornamen von meiner Großmutter, so bin ich auch ein Stück sie. Wenn mich die Menschen am Ende dafür als Aktivistin oder auch Entwicklungsexpertin bezeichnen dann kann ich das nicht beeinflussen. Diese Titel haben ja aber nichts schlechtes, wenn man mich so sieht finde ich das schön.

Kommen wir noch mal zurück zur Universal Monstershark. Sie beinhaltet viele Features. Ist die Musik so abwechslungsreich wie die Künstler darauf?

Die Platte ist ein Konzeptalbum. Matthias Arfmann war damals mit einer anderen Band auf Hawaii und kam dort in der Nähe des Turtle Bay Country Club unter. Von dort hat er den Namen mitgebracht. Zurück in Hamburg hat er dann verschiedene Musiker, die er mag, angerufen und von seiner Idee, diese Platte zu machen, erzählt. Und es gab einige tolle Musiker, die dann schließlich nach Hamburg gekommen sind: Mahmoud Gania war beispielsweise ein marokkanischer Gnawa-Musiker, von dem auch Tony Cook, der Drummer von James Brown, völlig hin und weg war. Ich war damals ein Teil des Kollektivs. Wir haben dann zunächst ganz klassisch gejammed und auch erstmals mit Samples gearbeitet. Deshalb sehe ich die Universal Monstershark auch als Vorhut von BalletJeunesse, bei der wir das ganze noch perfektioniert haben.

Marthe1Also symbolisiert die Platte auch deine musikalischen Anfänge?

Ganz genau, zu dieser Zeit habe ich angefangen. Ich habe gelernt, wie man sich als Sängerin auf der Bühne benimmt. Tony Cook meinte irgendwann zu mir: „Wenn Du mich nicht ansiehst, weiß ich nicht, was Du von mir willst.“ Auch deshalb ist die Platte für mich so wahnsinnig wichtig. In dieser Zeit sind einfach sehr viele Dinge passiert, von denen ich noch heute zehre.

„White vests & blackaccounts“, klingt als hättest du damals schon gern kritische Texte geschrieben.

Ja, auf jeden Fall. Ich habe mir vorgestellt, wie die Politiker mit ihren weißen Westen durch die Gegend laufen, aber schwarze Konten hinter sich herziehen und so die Gesellschaft verarschen. Das war meine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich spiele gerne mit Wörtern. Bei dem Song Truly habe ich das auch gemacht. Da singe ich einfach mal darüber, dass ich königlich bin. Ich bin eine Königin und habe es auch verdient eine Königin zu sein. Eigentlich heißt es ja immer kingsize, aber damals habe ich mir schon das Wort queensize zu eigen gemacht.

Ist Truly Dein Lieblinssong auf der Platte?

Also eigentlich sind alle meine Lieblingssongs. Aber wenn ich mich festlegen soll, dann ist es Debbi. Ich habe den Text zu dem Song mitgeschrieben. Es ist ein strophiges Lied mit Disco- und Popmelodien. Das finde ich richtig cool.

Universal Monstershark und BalletJeunesseverbindet, dass ihr auf beiden Alben mit vielen und zum Teil sehr bekannten Musikerinnen und Musikern zusammen gearbeitet habt. Gibt es da eigentlich noch eine Steigerung, jemanden, mit dem Du unbedingt Musik machen möchtest?

Auch auf Ballet Jeunesse sind Jan Delay und Schorsch Kamerun wieder mit dabei. Mit dem Bloc Party-Sänger Kele Orece und Hip Hop-Superstar KRS One konnten Arfmann und sein Produzententeam dieses Mal auch internationale Größen für die Platte gewinnen. 

Ich glaube nicht wirklich. Der Song mit Kele Okereke war und ist ein wahr gewordener Traum von mir. Als die Zusage kam, habe ich vor Freude kurz keine Luft mehr bekommen. Ich konnte es bis zum Schluss nicht glauben und manchmal kann ich es auch heute noch nicht fassen. Und dann auch noch KRS One, das ist schon alles sehr large.

Alle Informationen über Onejiru findet Ihr auf facebook oder auf der Website der Sisters. Am 09.09.16 erscheint Ballet Jeunesse bei Decca. Die bisher einzige geplante Live-Aufführung findet am 21.09.16 im Rahmen des Reeperbahn Festivals gemeinsam mit den Hamburger Symphonikern statt.


Frische Altware & alte Frischware

TVDie Gebrauchtwoche

29. August – 4. September

Eine umfassende Erhebung brachte es wieder an den Tag: Das Vertrauen in die Medien befindet sich weltweit im Sinkflug. Hierzulande liegt es zwar immer noch fast doppelt so hoch wie in den USA, aber ebenfalls unter 50 Prozent. Da kann der Medienforscher Rasmus Kleis Nielsen von der Universität Oxford in der Süddeutschen noch so betonen, Zeitungen wie jene, in der er das sagt, würden langfristig überleben, weil „der beste Journalismus heute besser denn je“ sei – es scheppert so laut im Informationsgewerbe, dass leise Stimmen zusehends untergehen.

Darüber können auch Überraschungen wie die RTL-Berichterstattung beim Münchner Amoklauf nicht hinwegtäuschen. Ähnlich der am 11. September vor 15 Jahren stellte Peter Kloeppel, würdevoll ergrautes Randgewächs im scheinrealen Kölner Urwald, die Öffentlich-Rechtlichen da erneut in den Schatten. Und als Günter Wallraff vorigen Dienstag an gleicher Stelle mit einer gut recherchierten Enthüllungsreportage in den Autobahnraststätten der Autobahnrepublik für politische Konsequenzen bis rauf ins Verkehrsministerium sorgte, da schien es fast, RTL sei seriös geworden.

Dann aber fand tags drauf dessen saisonale Programmpräsentation in Hamburg statt und das Wort „Seriosität“ entwich dem schicken Industriedenkmal schneller als der Duft vom geschmorten Ochsenbäckchen, das Senderkoch Christian Rach fürs Pressepublikum kredenzte. Recycling einstiger (Der Heiße Stuhl) oder aktuellerer (Raus aus der Armut) Formate, alte Frischware (It Takes 2) oder frische Altware (Winnetou) – auch Begriffe wie „Innovation“ wirken beim ehemaligen Marktführer irgendwie fehlinterpretiert. Darin unterscheidet er sich kaum von einer anderen Irrenanstalt des Fernsehens: Sat1. Auch hier fließt der Wein Mal mehr Mal weniger offen aus alten Schläuchen.

4e1275938f62f95e6a778573b547007b-presselounge231x128Die Frischwoche

5. – 11. September

Nehmen wir die Karawane der Köche. Wenn Tim Mälzer ab Mittwoch (20.15 Uhr) Food-Trucks prämiert, riecht das Konzept abgestanden wie eine Premierenfolge „Perfektes Dinner“. Elf verwandte/befreundete/liierte Duos steuern je einen – so hießen die, bevor Vollbartträger nicht hip, sondern kauzig waren – Imbisswagen durch Deutschland, bis eines übrig bleibt. Es wird halt gekocht – nur dass die Köche jetzt Veggieburger statt Currywurst aus der Luke reichen und gern bis zum Hals tätowiert sind. Schon deshalb sind Food-Trucks jedoch auch ein Segen fürs fettverliebte Land gewissenloser Fleischfresser. Darauf ein Spaziergang zum nächsten Schnellimbisslaster. Fernsehen macht sowieso dick…

Und dicht. Zumindest Jenke von Wilmsdorff, der sich am Montag um 21.15 Uhr im Auftrag von RTL wieder einem seiner durchaus erhellenden, meist selbstzerstörerischen Experimente unterzieht. Diesmal wirft er sich Ritalin über LSD bis K.O.-Tropfen die wirklich harten Sachen ein und schaut, was passiert. Schauen wir also, was passiert, wenn man zurück auf bessere Sender schaltet, zu denen sogar der Brausekanal ServusTV zählt. Im Abenteuerdrama Turning Tide kann man dort Dienstag um 20.15 Uhr bestaunen, wie der Solosegler Yann bei der härtesten Regatta an zweiter Stelle liegt, als er einen blinden Passagier an Bord entdeckt, der nach Frankreich fliehen will…

Ebenso dramatisch, aber frei von Thrill ist zwei Stunden später Der Kreis auf 3sat. Röbi und Ernst sind darin zwei Schwule, die das offene Klima im liberalen Zürich der Nachkriegszeit genießen, bis die konservative Reaktion das homosexuelle Refugium beseitigt. Besonders faszinierend an dem Dokudrama sind jedoch nicht die Spielszenen, sondern die Gespräche mit den zwei Hauptfiguren, die bis heute glücklich vereint sind. Wie viel Intimität und Hingabe in gereiften Beziehungen steckt, hat niemand eindrücklicher gezeigt als Michael Haneke in seinem preisgekrönten Film Liebe, den der WDR parallel um 21.10 zeigt. Sein Porträt einer uralten Ehe im Kampf gegen den Verfall, rechtfertigt das anschließende Porträt des Regisseurs gleich doppelt.

Gar nicht erst zustande kam die Liebe von Petra Schmidt-Schaller und Wotan Wilke Möhring im Tatort. Wer das bedauert, sollte den ARD-Mittwochsfilm Was im Leben zählt sehen. Hier sind beide nämlich ein Paar – und füttern die Milieu-Studie eines Münchner Mietshauses mit viel Wahrhaftigkeit. Unromantischer geht es kurze Zeit später in einer Dortmunder Neubausiedlung zu. An ihrem Beispiel zeigt die WDR-Doku Göttliche Lage um 22.35 Uhr, wie systematisch Städte für Reiche zugerheutzutage im Dienste des Profits entvölkert werden. Und wenn man so will, war es ja so etwas, dem sich die Studentenbewegung vor 50 Jahren entgegenstellte, bevor sich ihre Radikalisierung verselbstständigen sollte. Letzteres macht die Wiederholung der Woche (Mittwoch, 22.45 Uhr, RBB) zum Kaugummikino: Der Baader-Meinhof-Komplex von 2008 mit Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck in den Titelrollen.

Schwarzweiß ist dagegen heute um 23.55 Uhr im MDR ein wahrer Klassiker: Alexis Sorbas, oscarprämierte Romanadaption von 1964 mit Anthony Quinn als griechischer Dickkopf, der für den Film angeblich den Sirtaki erfunden hat. Was Film & Fernsehen sonst noch erfinden können, zeigt der Dokutipp Building Star Trek (Freitag, 21.50 Uhr, Arte), die wissenschaftliche Analyse des Enterprise-Universums zum 50. Geburtstag der legendären Serie.


Fußballbundesliga: Tradition & Retorte

RB_Leipzig_Logo_2009.svgNeues Brauchtum braucht das Land

Zum Start der neuen Bundesliga-Saison hatten es die Alteingesessenen vorige Woche gleich mit vier Clubs zu tun, denen Puristen das Präfix “Retorten” verpassen. Doch was unterscheidet Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg, Ingolstadt eigentlich vom Rest der Liga? Über Tradition im Fußball.

Von Jan Freitag

Na, das war doch mal ein ehrwürdiges Treffen zum Bundesliga-Auftakt 2016/17: Bayern gegen Bremen, AG gegen KGaA, zu viel Geld gegen fehlendes. Vor allem aber war es ein Duell zweier Traditionsteams, das vor acht Tagen die die 54. Saison eröffnete – obgleich der Abo-Meister seit 1980 kaum Dellen im Brauchtum immerwährenden Erfolges hat, während der Fast-Absteiger zerbeult ist wie zuletzt als Zweitligist im gleichen Jahr und entsprechend mit 0:6 in München unterging.

Als RB Leipzig den Spieltag in Hoffenheim komplettierte, wirkte es daher wie eine Antithese der Startpartie: erst zwei Traditionalisten mit Vereinsstruktur und Geschichte, dann zwei Karrieristen mit Businessplan und Visionen. Da drängt sich der Eindruck auf, die DFL hätte Dietrich Matteschitz‘ Brause-Investment bewusst so früh zu Dietmar Hopps Software-Investment geschickt; Retortenclubs ernten voneinander schließlich nicht jene Verachtung wie von Frankfurt und Schalke, die tags zuvor aufeinander trafen.

Denen erwächst mit Red Bull nach Wolfsburg und Hoffenheim schließlich ein dritter Konkurrent, der nach eigenem Rechtsgefühl im nostalgischen VEB Profifußball nix zu suchen hat. Umgekehrt werfen die Neulinge den Alteingesessenen vor, ihre Historie wie Monstranzen der Fortschrittsverweigerung vor sich herzutragen. Es spielt sich ein Kulturkampf ab, fast ein Glaubenskrieg: Tradition vs. Innovation. Als reiße letztere erstere aus dem Wald wie ein Bagger die Eiche. Nur, was ist das eigentlich – Tradition?

Aus dem Lateinischen übersetzt, ist sie ein erstaulich mobiler Begriff. Tradere heißt hinübergehen, was eng an traditio für Übergabe gekoppelt ist. Wer ehrlich von Tradition redet, meint also besonders im Sport etwas sehr Bewegliches, das einst von Aktiven gegründet wurde, die ihren Leib im Kollektiv ertüchtigen wollten. Um dieses Gemeinschaftsgefühl mit deutscher Ordnung zu paaren, sammelte Turnvater Jahn seine Söhne schon vor 200 Jahren in Vereinen. Es folgten die Ruderer, bevor 1874 der erste Fußballclub entstand. Der Gründungsimpuls abertausender Spielgemeinschaften von heute war also selten materieller Natur. Alle 56 Teams der ersten drei Bundesligen etwa wurden zu einer Zeit gegründet, als sich mit Fußball vielleicht Ruhm, aber kein Geld ernten ließ. Fast alle.

Es war im Jahr 2009, als sich die Red Bull GmbH mit der Lizenz des SSV Markranstädt einen Platz in Liga 5 erkaufte. Dank unbegrenzter Mittel aus Österreich ging es für RasenBallsport Leipzig, wofür RB offiziell steht, zügig in die Beletage, wo noch zügiger Europa für das angepeilt wird, was jede Konzernsubvention erbringen soll: PR plus Rendite. Beides per se abzulehnen, findet sich zwar selbst beim kapitalkritischen FC St. Pauli allenfalls in der  Meckerecke des (brandneuen) Stadions; zum Daseinszweck erhoben sorgt die neue Business Class fast überall dort für Skepsis, wo „Traditionsverein“ draufsteht.

Kein Wunder, ist das Wort doch ein Kollateralschaden der Kopfgeburt vom reichsten Bewohner einer Kleinstadt im Kraichgau. Bevor SAP-Gründer Dietmar Hopp der TSG Hoffenheim (noch ohne 1899 im Label) mit Abermillionen inklusive Stadionneubau den Durchmarsch von der Dritt- in die Erstklassigkeit spendierte, taugte nur Bayer Leverkusen trotz hundertjähriger Werksclubhistorie als kommerzieller Gegenpol zur provinziellen Vereinsmeierei. Und als Milliardär Hopp seinem Spielzeug nach mäßiger Hinrunde so viel Geld ins Team steckte, wie die Zweitligakonkurrenz zusammen, war klar: Es ist eine Zeitenwende. Zumal VW zeitgleich 100 Prozent des VfL Wolfsburg übernehmen durfte, was der grauen Maus drei Jahre später auf den Ruinen der 50+1-Regel zum Titel verhalf. Der VfL bekam seine (wie einst die Bayern geschenkte) Arena zwar auch im Meisterjahr kaum voll, spielte aber immerhin finanziell auf FCB-Niveau – und existiert immerhin zehnmal länger als RB Leipzig.

Als Dosenkrösus Matteschitz vor sieben Jahren einen Club in Sachsens Fußballdiaspora rammte, gab es statt Team und Fans nur eine WM-Arena und die Sehnsucht, sie zu füllen. Wenn das Team Marktwert abgehängter Traditionsclubs nun Fernsehgelder nach Popularität fordert, hat das also durchaus geschichtsferne Gründe: während Stuttgart, Hertha, Frankfurt, Köln, Bremen und der HSV überregionale, teils international attraktiv sind, gönnt man Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg fern der Stadtmauern selten was Besseres als den Untergang. Die Gescholtenen entgegnen da gern, diese Arroganz erst hindere Traditionsclubs daran, modern zu managen, ergo: zu spielen. Und hätten sie selbst einen Matteschitz, Hopp oder Winterkorn vor Ort – die Platzhirsche nähmen deren Geld mit Kusshand, um damit jene Spielkultur zu entfalten, mit der sich das Premiumprodukt Bundesliga die Emporkömmlinge mittlerweile mangels Alternative schönredet.

Man dürfte es dort nicht gern hören, aber als Underdogs mit konsumkritischer Fanbase sind sozialromantische Relikte wie St. Pauli, Freiburg, Union Berlin somit die letzten Traditionsvereine, deren Selbstverständnis nicht Nostalgie, sondern Demokratie entspringt. Ihre mal mehr, mal weniger konsequente Weigerung, Sponsoren zu hofieren, sorgt dabei aber eher für einen Platz im Liga-Fahrstuhl, während Schalke seine Seele an Putins Staatsgaskonzern und einen Industrieschlachter verkauft hat, aber stets international spielt. Dort also, wo sich 1860 München sah, als ein orientalischer Geschäftsmann groß einstieg. Seither ist die TSG weiter vom Stadtrivalen entfernt ist als der HSV vom siebten Meistertitel.

Der spielte zum Saisonauftakt übrigens gegen Ingolstadt: 2004 auf Initiative eines lokalen Unternehmers gegründet, ist dieser brandneue Club auch dank eines schicken Stadions aus der Kasse der benachbarten Audi AG flugs aus der Bayern- in die Bundesliga geführt. Tradition gegen Retorte also? Seit Jahren entgeht der HSV dem Abgrund nur durch Spenden eines launischen Logistikmilliardärs. Als die Profikicker auf sein Drängen 2014 in eine AG ohne Mitbestimmung der Basis ausgegliedert wurde, haben sich die treuesten Fans Ersatz geschaffen, dem sie nun in der Kreisklasse anfeuern: HFC Falke, ein Kofferwortclub aus Hamburger FC und FC Falke, die 1919 das Grundgerüst ihres HSV bildeten, um einfach Fußball zu spielen. Traditionsvereine wie St. Pauli waren damals gewiss schwer indigniert…

Der Text ist mitsamt Kommentaren vorab auf ZEIT-Online erschienen


RTL-Programm: Häppchen & Kammellen

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Programmpräsentationen von Privatsendern prahlen gern damit innovativ und bedeutsam zu sein. So auch RTL, das sein Saisonangebot wie immer und diese Zeit in Hamburg vorstellt. Da ist dann durchaus ein wenig Skepsis angebracht…

Von Jan Freitag

In Zeiten der Verzagtheit ist „Eigen“ das Präfix der Mutigen. Selbstbewusstsein durch Eigensinn, Selbstermächtigung per Eigeninitiative, Selbstheilung mit Eigenurin – wer auf sich statt andere setzt, sticht heraus aus dem Mainstream, diesem zäh-trüben Fluss des Verwechselbaren. Kein Wunder, dass auch Frank Hoffmann auf die selbstheilende, selbstwertige, selbstermächtigende Kraft von innen setzt, wenn er sein Programm vorstellt. „Wir sind mehr denn je davon überzeugt, dass eigene Inhalte der Schlüssel zum Erfolg bleiben“, ruft der Programmgeschäftsführer von RTL durch ein Industriedenkmal im Herzen Hamburgs, und es hallt gehörig nach unterm Lastenkran, als er die Überzeugung mit Zahlen füttert: „Deshalb starten wir mit mehr als 20 neuen Formaten in die neue Saison.“

So klingt es gern in einem Segment, das Understatement mehr hasst als Arte Scripted Reality. Wie jedes Jahr um diese Zeit stellt RTL in der früheren Medienhauptstadt sein Angebot vor. Wie jeder Privatsender geizt auch der frühere Marktführer dabei nicht mit Aufwand, Personal und Parolen. Wie bei jeder TV-Präsentation ist allerdings auch auf dieser am Dienstagabend Skepsis angebracht ob Aufwand und Personal die Parolen rechtfertigen. Unter den mehr als 20 neuen Formaten nämlich, die Frank Hoffmann in freier Rede feilbietet, ist „neu“ oft sehr diskussionswürdig.

Auf drei Begriffspaare reduziert, lässt sich die nähere RTL-Zukunft wie folgt verdichten: Sitcom & Mario Barth, Showrecycling & Günter Wallraff, Blockbuster & Karl May. Was der Hauptverantwortliche in einer ausgedienten Fabrikhalle auf strafraumgroßer Leinwand vorführt, ist demnach eher aufgewärmt als innovativ. Anders ausgedrückt: etwas mehr Flimmerkiste, etwas weniger HD-Flatscreen. Wirklich frisch wirkt nur die Idee von Schnapp dir das Geld, 30.000 Euro 30 Stunden lang vor Ermittlungsprofis zu verstecken. Meet the Parents hingegen, wo Singles ein Date anhand ihrer Eltern erwählen, gab es ähnlich schon, als MTV noch ein Musiksender war. Evergreens von (Merci Udo!) Jürgens nachsingen zu lassen, riecht nicht erst durch die Barbara Schönebergers Moderation abgestanden. Desperate Hartzer mit einem Koffer voller Chancen (vulgo: zwölf Sozialhilfesätze) aus dem Elend zu holen, lockt schon ewig Voyeure in den privaten Menschenzoo, der mit Relikten von Ruck Zuck übers Familienduell bis zum Heißen Stuhl zudem geradezu antiquarisch möbliert wird.

Als sich der hünenhafte Box-Weltstar Klitschko am künstlich per Killerheels aufgestockten Showgewächs Isabel Edvardsson zum Ausgang drückt, mag Hoffmann also selbstbewusst verkünden, den Promi-Gesangswettbewerb It Takes 2 habe es wie das erstaunlich erfolgreiche Selbstkasteiungsformat Kirmes-Könige mit Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen als Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen hierzulande „so noch nie gegeben“; mehr oder minder abgewandelt, gab es ziemlich viel bei RTL schon ziemlich oft. Für diese Erkenntnis bedarf es noch nicht mal der würdevoll gewelkten Hugo und Hella, deren Wiederkehr auf den Jahrmarkt der Sinnlosigkeiten allen Ernstes besser lief als die jungen Joko & Klaas parallel auf Pro7.

In den sechs Serienpiloten ermitteln unter anderem ein Alleinerziehender oder Jennifer Lopez. Die Show Big Bounce variiert Stefan Raabs sportives Absurdistan auf dem Trampolin. Comedy wie Magda macht das schon walzt die üblichen Humorklischees (Geschlecht, Fremde, Nachbarn) weiter aus. Es wird so viel angezogen getanzt und nackt gebalzt, so viel geraten, geulkt und gecastet, dass ein völlig unverhohlenes Recyclingprodukt dagegen fast modern wirkt: Winnetou. Mit dem aufwändigen Remake könnte schließlich gelingen, was Massenware und Scheinrealität ansonsten chronisch untergraben: Relevanz. Nach den ersten Bildern zu urteilen, vereint Philipp Stölzls starbesetzter Dreiteiler „inhaltlichen Mehrwert und Unterhaltungspotenzial“ (Hoffmann) so gekonnt wie der Vorwende-Thriller Deutschland 83, den RTL trotz mäßiger Quoten wohl fortsetzt. Also vornehmlich zum Wohle des Renommees, das zuletzt auch Peter Kloeppels Münchner Amoklauf-Berichterstattung oder Günter Wallraffs Tankstellen-Enthüllung gestärkt haben.

Entsprechend aufrecht laufen beide durchs Häppchen-Ambiente, als ihr Chef von einer „nachrichtlichen Chronistenpflicht“ schwärmt, mit der seine Informationsgesichter das Kerngeschäft leichter Unterhaltung erden. „Am Nachmittag läuft hier schon viel Scheiß“, räumt derweil ein anderes Aushängeschild beim Häppchenessen inoffiziell ein, lobt aber auch den Mut eines Senders, der angesichts des nachlassenden Nachschubs an erfolgreicher US-Fiction noch mehr Eigenproduktionen im Programm haben will, wie es Frank Hoffmann ausdrückt. Das dürfte dann selten allzu innovativ werden, aber mit allerlei Clowns und Helden bestückt, aberwitzig vereint zum Beispiel in der hartrechten Koksnase Ronald Schill, der demnächst vom schwarz-braunen Hamburger Senat über den Promi-Container ins Nudistencastingcamp Adam & Eva zieht. Der Irrsinn hat ein Zuhause: RTL.

Der Text ist vorab im Tagesspiegel erschienen