Línt, Konni Kass, Nighthawks, Madness

tt16-lintLínt

Dass Musik wie Landschaften klingen kann, wird zwar seit Smetanas Flusszyklus Die Moldau immer wieder mal konstatiert, ist aber meistens doch eher konstruiert. Natur ist Natur, Sound ist Sound, dazwischen gibt es persönliche Assoziationsketten, die im Kopf des Hörers wachsen und nirgends sonst. Allenfalls skandinavischer Pop jedoch zuweilen eine Art naturalistischen Zugang zum Pop, besonders in Island, aber auch ein bisschen in Norwegen. Ein gutes Beispiel dafür ist die junge Postrock-Band Línt. Nach eigener Aussage beeinflusst von Mogwai oder Sigur Rós, fährt das Sextett auf seinem Debütalbum Then They Came For Us fraglos ein wenig über Land und besingt es unterschwellig.

Denn es scheint wirklich so zu sein, dass die schwirrenden Gitarren immer mal wieder auf- und abwallen wie ein kleiner Bach, der zum Strom an- und wieder abschwillt. Der hauchzarte Gesang darüber klingt wie aus großer Ferne ins weite Tal gesungen. Und zwischendurch schlagen Keyboards und elektronische Spielereien luftige Kapriolen, als liefen sie fröhlich über bunte Wiesen. Sicher, das klingt jetzt alles ein wenig drüber, als sei all dies auf Munterdrogen verfasst. Aber Línt schaffen tatsächlich einen absolut geschmeidigen Spagat zwischen aufgeheiztem Geschredder und tiefenentspannter Mystik nordischer Gefilde. Da darf man schon mal bisschen schwelgen…

Línt – They Came For Us (Popup Records)

tt16-kassKonni Kass

Ebenfalls skandinavisch, aber alles andere als schwelgerisch, geschweige denn irgendwie mystisch klingt hingegen das Debütalbum einer Band von den Faröer Inseln, die abgesehen von Fisch allenfalls mal kleinere Sensationen gegen kontinentaleuropäische Fußballnationen exportieren. Es heißt leicht kryptisch Haphe, was noch erratischer wirkt, da Konni Kass auf Englisch singen und zwar vornehmlich über Liebe und Artverwandtes. Die Stimme der namensgebenden Konni erinnert dabei – Achtung, Klischee! – zwar ab und zu an Björk, die nicht allzu fern von der Inselgruppe entfernt ihre Weltkarriere begann. Die Parallel verklingt aber auch schnell wieder, wenn Konni Kass tun, was sie weit mehr kennzeichnet als nordatlantische Verschrobenheit.

Besonders die ortsüblich wirklich sehr, sehr blonde Sängerin nämlich unterfüttert den elektronischen Folk ihrer drei Mitmusiker aus dem malerischen Dörfchen Tórshavn konsequent mit viel Jazz im Organ. Gepaart mit einer elegischen Orgel und fabelhaften Synthie-Twists bis hin zum stilisierten Saxofon-Solo, erinnert Haphe demnach bald eher an Joan As Police Woman als an irgendwas Landestypisches, von dem die meisten von uns ohnehin keine Ahnung haben. Man könnte diesen eklektizistischen Pop daher auch prima ohne Vocals hören – er wäre trotzdem gehaltvoll und schön. Besser aber ist es, sich voll und ganz auf die Stimme einzulassen; sie ist die Seele das Ganzen, eine überaus sprühende.

Konni Kass – Haphe (Tutl/Cargo)

tt16-nighthawksNighthawks

Dennoch ist Gesang gerade in allem, was sich dem Jazz annähert, oft eine heikle Angelegenheit. Weil Klavier, Drums, Blech und Bass darin gewissermaßen das Reden übernehmen, senkt ihn jede Verwendung menschlicher Stimmen rasch aufs Niveau loungigen Pianobargeklimpers. Umso eindrücklicher wirkt es dann, wenn ein einzelnes Instrument so beredt ist, so mitteilsam, fast gesprächig, dass der Sound auch ohne Lyrics zu uns spricht. Bei den Nighthawks zum Beispiel ist es eine Trompete, durch die sich das deutsche NuJazz-Ensemble im Wechsel mit dem Flügelhorn seit 1997 gern mitteilt.

https://soundcloud.com/herzog_records/sets/pre-listening-707-from-nighthawks-new-album

Die Virtuosität des Trompeters Reiner Winterschladen treibt die raumgreifenden Arrangements vom zweiten Gründungsmitglied Dal Martino auch auf dem achten Studioalbum zu einer virtuosen Vielschichtigkeit, die den Anhängern der reinen Lehre schmeichelt, sich aber auch ein Stück weit davon emanzipiert. Im Kern ist und bleibt 707 also Jazz. Drumherum allerdings eröffnet das Sextett mit digitalem Programming, zuweilen peitschender E-Gitarre und flächigen Sixties-Keyboards ein Panoptikum, das selbst im Club funktioniert. Und gesungen wird auch. Ausnahmsweise. Aber ohne tieferen Sinn.

Nighthawks – 707 (Herzog Records)

Hype der Woche

tt16-madnessMadness

Hoch droben auf dem Olymp aktiver Musiklegenden, schräg links unter den Stones oder Bob Dylan, doch auf einer Stufe mit Gleichaltrigen von AC/DC bis U2, sitzt eine Band namens Madness, die exakt so unantastbar ist wie der Titel ihres 13. Studio-Albums klingt. Fast vier Jahrzehnte nach dem Debüt One Step Beyond, dürfte Can’t Touch Us Now (Universal)allerdings nicht als Durchhalteparole gemeint sein. Es ist die reine Tatsachenbeschreibung. Daheim in England genießen Madness Volksheldenstatus, der fast jede Neuveröffentlichung verlässlich Richtung Top-10 spült. Und so wird es auch mit dieser sein. Die hohe Kunst, Off- nach Onbeat klingen zu lassen, also Ska wie Pop und umgekehrt, hat schließlich wenig von ihrer Frische der 70er verloren. Wie damals untergräbt Graham McPhersons Sprechgesang die hedonistische Aura des jamaikanischen Imports mit melancholischer Eleganz; wie damals verstärkt der unermüdliche Einsatz tiefer Saxofone das theatralische Aroma; wie damals lockern Spaß-Elemente wie Mumbo Jumbo die getragene Stimmung aber immer wieder spielerisch auf. So schnell wird kein neuer Platz frei im Olymp. Madness werden sich nicht mehr ändern, sie haben aber noch einiges vor.

http://www.vevo.com/watch/GB2DY1600237?isrc=GB2DY1600237


Daniel Küblböck: Von DSDS aufs ARD-Schiff

kublbock2Das Bohlen-Thema nervt!

Reif ist er geworden, irgendwie seriöser, aber keineswegs voll angepasst. Seit Daniel Küblböck nach seinem DSDS-Auftritt vor 13 Jahren eine Weile über den Boulevard geschleift wurde, ist es still geworden um die singende Frohnatur aus Bayern. Mittlerweile studiert er Schauspiel, singt Selbstkomponiertes und verdient seit zwei Wochen in der ARD-Nachmittagsdokusoap Verrückt nach Fluss ein bisschen was dazu. Begegnung mit einem jungen Fossil des Trash-TV.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Küblböck, Sie sind 31 Jahre alt – würden Sie „schon“ oder „erst“ voranstellen?

Daniel Küblböck: (zögert kurz) Ich würde sagen „schon“ 31. Zumal mich viele für älter halten und überrascht sind, dass ich bei DSDS erst 18 war.

Fühlt es sich also 13 Jahre her an oder länger?

Das ist situationsabhängig. Wenn ich wie jetzt grad tief im Schauspielstudium stecke, scheint es eine Ewigkeit her, wenn ich in Ruhe drüber nachdenke wieder nur ein paar Momente. Und in Videos von damals sehe ich eine Naivität, die mir jetzt fremd ist, während die Lebensfreude darin weiter zu mir gehört. Wenn ich nun auf die Bühne will, ist es nicht das Rampenlicht, sondern die Theaterbühne, aber alles was ich heute tue, ist irgendwie von der Zeit geprägt.

Kein Wunder – schließlich haben Sie bereits mit 20 ihre Biografie geschrieben!

Mit 18 sogar, aber ich hatte ja damals auch schon mehr erlebt als viele Gleichaltrige.

Fiele die Betrachtung ihrer Jugend anders aus, wenn Sie sie zehn Jahre später nochmals beschreiben würden?

Das Kapitel vor DSDS wäre bedeutend kürzer, weil es damals noch viel aktueller war und ich mit privaten Rückschlägen jener Zeit heute defensiver umginge. Außerdem wäre der Teil im Verhältnis natürlich kürzer, weil ich zwischendurch wieder viel erlebt habe.

Haben Sie im Rückblick alles richtig gemacht?

Um das bewerten zu können, müssen mindestens nochmals 13 Jahre vergehen.

Anders gefragt: Haben Sie irgendwas bereut?

Bereuen klingt so pathetisch. Natürlich hätte ich manches anders gemacht, aber alles hat dazu beigetragen, was für ein Mensch ich heute bin. Selbst der Gurkenlastunfall ohne Führerschein, von dem vielleicht niemand erfahren hätte, wenn die CSU an dem Tag nicht in der Nähe ihren Parteitag gehabt hätte, gehört halt dazu. Und wenn man bedenkt, dass die Tagesschau darüber berichtet hat, scheint es ja seinen Sinn gehabt zu haben.

Ohne DSDS wären Sie aber vermutlich Erzieher geblieben, statt wie jetzt Schauspieler zu werden oder?

Auf jeden Fall, zuvor war die Bühne keine Option. Aber wie da wir in die Öffentlichkeit geworfen wurden, das war schon gewaltig. Heute kennt man von den Kandidaten sogar während der Shows nicht mal die Namen; damals hatte ich als Drittplatzierter Nr-1-Hits – davon können die heute doch nur träumen. Trotzdem war es kein grader Weg zum Schauspiel. Ich hatte kurz darauf Anfragen, die ich zum Glück ausgeschlagen habe, weil ich nicht vom Fach war. Schauspiel war vorher jedenfalls kein Jugendtraum von mir, ich wollte mit Kindern arbeiten. Aber die DSDS-Bühne hat in mir den Wunsch erzeugt, dieses Handwerk wirklich zu lernen. In zwei Jahren bin ich mit dem Studium fertig, dann müssen wir mal sehen.

Ist die Moderation von Verrückt nach Fluss da Teil deines Weges oder ein Abzweig?

Definitiv Abzweig. Ich musste den Schulleiter fragen, ob ich die Zeit zum Drehen freikriege. Er fragte mich dann, für welchen Sender das sei, und als ich ARD sagte, meinte er okay, solange es nicht RTL ist… Ich selber habe das aber gar nicht als Arbeit empfunden, ehr als Tapetenwechsel, zumal ein Teil dieser Flussfahrt durch meine Heimat führt.

Ansonsten reizt sie die Kamera nicht mehr?

Nein. Obwohl mich an diesem Format überzeugt hat, dass verglichen mit RTL wenig gestellt wird, und man etwas über Geschichte erfährt, zum Beispiel, wie nah vor meiner Haustür der Jugoslawien-Krieg stattgefunden hat.

Wen hat die ARD in Ihnen gebucht – den alten DSDS-Daniel oder den neuen Küblböck?

Tja, wenn ich mir das „Verrückt“ im Titel anschaue, hatten die wohl doch auch das Klischee von mir im Hinterkopf, so rein marketingstrategisch.

Der Sender kündigt Sie als „eine der schrillsten Figuren des jungen Jahrtausends“ an.

Ach, ich habe ja auch mit 31 noch meine schrillen Momente, das stört mich gar nicht groß. Und in Deutschland gilt man halt schon als schrill, wenn man schwer einzuordnen ist.

Besonders, wenn man schwul ist…

Ich bin zwar eher bi, aber es stimmt schon – bei dieser Gleichung schwingt Homophobie mit.

Waren Sie damals in Ihrer schrillen Androgynität wirklich Sie selbst oder ein Konstrukt, das RTL aus Ihnen gemacht hat?

Ich glaube, dass alles, was für eine solche Bühne gemacht wird, mehr oder weniger inszeniert wird. Das ist auf seriösen Sprechbühnen nicht anders. So gesehen war auch ich in Teilen eine Kunstfigur, was ich mit 18 Jahren bestimmt nicht immer gemerkt habe und von RTL ziemlich schamlos ausgenutzt wurde. Aber so funktioniert das Geschäft, ich wär mit jemandem wie mir als Sender wohl nicht anders umgegangen. Sie hätten mal meinen Stylisten erleben sollen, wie froh der war, sich mal an einem wie mir austoben zu dürfen; das war schon auch lustig.

Waren Sie dennoch stets das Subjekt Ihres Handelns oder in gewisser Weise Objekt anderer, um nicht Opfer zu sagen?

Als funktionierende Medienfigur bist du – gerade in dem Alter – immer ein Objekt, gar Opfer. Das beginnt ja schon damit, was alles hineinprojiziert wird, worauf man keinen Einfluss hat. Jedes Bild, das an die Öffentlichkeit gerät, ist manipulierbar. Nehmen Sie die ARD-Doku: Da müsste man nur in der Bildunterschrift „vor dem“ durch „vor seinem“ Schiff ersetzen, schon wäre alles am Foto anders. Jeder will doch sehen, was er will, das macht uns alle zum Objekt.

Sind Sie das heute weniger als früher?

Definitiv!

Haben Sie da zum Abschied noch ein Grußwort an Dieter Bohlen?

Nö. Wir haben uns damals auf einer reinen Geschäftsebene getroffen, von der wir beide profitiert haben. Das Bohlen-Thema nervt.


1000 Folgen Tatort: Rückblick & Ausblick

ard-tatortTeufels Werk und Tatorts Beitrag

Wenn die Kommissare Borowski und Lindholm an diesem Sonntag im November den 1000. Tatort betreten, ist das nicht nur ein guter Grund, zu feiern, sondern auch zurückzublicken auf 46 Jahre, in denen die erfolgreichste Reihe des hiesigen Fernsehens das Land ringsum nicht nur analysiert, porträtiert, katalogisiert hat, sondern auch ein bisschen verändert.

Von Jan Freitag

Die Polizei hat‘s schwer. Unterbezahlt und mies beleumundet, ringen die einst geachteten, gar Staatsdiener vergebens um Respekt. Besser entlohnt und legerer gekleidet, ist nur der Ruf des Mordermittlers einigermaßen intakt. Das aber liegt weniger an ihrer Aufklärungsquote nah 100 Prozent, sondern daran, dass sie im Fernsehen noch übertroffen wird. Im Tatort etwa tendiert die Chance, sonntags um 21.45 Uhr als Kapitalverbrecher anders als verhaftet oder tot zu sein, gegen Null. Das war beim 1. Fall am 29. November 1970, als Kommissar Trimmel im Taxi nach Leipzig fuhr, wie beim 1000., der zwei seiner Nachfolger mit dem gleichen Gefährt gen Osten kutschiert.

Sie heißen Lindholm und Borowski, lernen sich auf einer Fortbildung kennen, steigen zu einem traumatisierten Afghanistan-Veteranen ins Taxi und befinden sich flugs auf einer Odyssee nach Leipzig. So zeigt sich beim Jubiläum mit Kriegsthema wie beim Debüt mit Ost-West-Problematik, dass Deutschlands wichtigste TV-Marke mehr aneinanderreiht als bloß Krimis. In 46 Jahren hat sie sich zur Enzyklopädie bundesrepublikanischer Befindlichkeiten gemausert. Und weil Politik seit jeher gleichberechtigt neben Unterhaltung firmiert, liest der Literaturwissenschaftler Jochen Vogt darin den „wahren deutschen Gesellschaftsroman“.

Mitgeschrieben haben ihn Regisseure wie Wolfgang Petersen, Margarethe von Trotta oder Dominik Graf. Nach Büchern von Martin Walser über Friedrich Ani bis 33 Mal Ernst Huby haben sie ein Langzeitprojekt kreiert, das der Tatort gar nicht sein wollte. Seine Geburt hatte mehr mit Bürokratie zu tun als dem Ziel, Geschichte zu schreiben. Zwei Jahre zuvor – Heintje führte die Hitparade an und Richard Nixon Amerika – hatte „Der Kommissar“ im ZDF als erster Serienbulle ein Privatleben, das anders als üblich auch fern des Studios gedreht wurde. Die Resonanz war so gut, dass der Hamburger Kriegswitwer Trimmel elf Folgen zwischen Wohnung, Dezernat und Kneipe auf Täterjagd ging.

Doch so menschlich zeigte sich bald nicht nur der NDR-Kauz, sondern ein Kollegium in Stuttgart, Mannheim und Köln, München, Berlin, gar Wien. So sollte die ARD dem Staatsvertrag gerecht werden, also vom Organisationsapparat zum Organismus. Denn 1970 war das Land gespalten. Pillenknick, Auschwitz-Prozesse, RAF-Terror, ein Alt-Nazi im Kanzleramt, das Erlahmen des Wirtschaftswunders: die Verwerfungen der 60er hatten das saturierte Nachkriegsland von der Gegenwart entfremdet. Doch auf die Angst vor Werteverfall und Modernisierung fand das Leitmedium nur die Antwort, in Form vom berühmten Stahlnetz den Ordnungsstaat zu simulieren.

Bis WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte den Straßenfeger zum Tatort machte: Mit realistischen, aber erdachten Plots unregelmäßig, aber wiederkehrender Protagonisten, rechtsstaatlich statt obrigkeitshörig, echte Typen aus den Daseinswelten der Durchschnittszuschauer mit all ihren Spießigkeiten und Ausbruchsversuchen. Es war die Geburt des Buletten-Fans Heinz Haferkamp, dem Hansjörg Felmy ab 1974 schludrige Lässigkeit verlieh; von Melchior Veigl, den Gustl Bayrhammer zwei Jahre zuvor weißwurstig konservativ, aber mit Dackel als Weibsersatz zukunftsweisend spielte; von Horst Schimanski, der dank Götz Georges fragiler Respektlosigkeit die starre Struktur führungsstarker Bürokraten (plus zwei Bürokratinnen) aufbrach; von Paul Stoever, der dem Format jene gewichtige Leichtigkeit verlieh, der man seit Manfred Krugs Tod doppelt nachtrauert.

Lange also vor einem Pathologen mit kleinwüchsiger Assistentin, zwei internetaffinen Quereinsteigern im Dichternest Weimar oder 300 Leichen pro ironiefreier RTL-Reminiszenz von Til „Bang“ Schweiger als Nick „Boom“ Tschiller, hat der „Tatort“ die irritierende Welt vorm Wohnstubenfenster mit der Leichtigkeit des Feierabendeins dahinter versöhnt. Weil das kollektive Entspannungsbedürfnis zum Wochenstart aber zugleich mit der rauen Wirklichkeit kontrastiert wurde, entstand aus Sicht des Soziologen Hendrik Buhl „Politainment par excellence“, dessen Hybris im Vergleich zur Flut heutiger Schmunzelkrimis umso mehr brilliert.

Dass die Quote nach einer Delle zur Jahrhundertwende oft achtstellig ist, hat indes viele Gründe. Stars von Ulrich Tukur über Dagmar Manzel bis Devid Striesow, denen der Ruhm des Evergreens die Angst vorm Sackbahnhof Serienermittler nimmt.  Dazu Produktionsbedingungen auf Kinoniveau nebst Oasen voller Autoren, die der Drehbuchwüste Deutschland Sittengemälde von Innovationskraft und Bewahrungsdynamik schrieben. Nichts aber grundierte den Erfolg nachhaltiger als ein vernachlässigtes Terrain: das Milieu.

Erst im „Tatort“ wurde die Unterschicht vom Subjekt zum Objekt, die aus dem Rotlicht der Kieze ins Neonlicht der Macht wanderte – und damit sind nicht Derricks Grünwalder Villen gemeint, sondern Entscheidungsträger bis tief in Vereine, Verbände, Finanzvorstände, von Parteien, Amtsträgern, Polizei ganz zu schweigen. So, wie sich die Gesellschaft jenseits alter Werte ausdifferenziert und die Grenzen „zwischen gut und böse“, wie es Jo Goebel ausdrückt, „gerecht und ungerecht, privat und beruflich, heldenhaft und feige“ diffundieren, so tut es nach Ansicht des Medienforschers der Tatort.

Die Mehrheitsgesellschaft, das suggerieren 1000 Täterprofile, ist selbst da voll dunkler Ecken, wo scheinbar die Sonne lacht. Jeder kann zum Raubmörder, Serienkiller, Triebtäter, Menschheitsverbrecher werden. Und jeder ist es in 1500 Stunden Sendezeit theoretisch schon geworden. Fast jeder. Denn um das Publikum nicht aller Hoffnung zu berauben, blieben die Ermittler trotz wachsenden Hangs zur Rechtsbeugung dem Guten verpflichtet. Dennoch: So wie die Taten aller Fernsehkrimis auch dank des Tatort im Kontext diverser Lebensumstände bewertet werden, verändert sich auch das Persönlichkeitsprofil der Kommissare.

Und zwar zulasten klarer Grenzen, wie es Medienforscherin Joan Bleicher von der Uni Hamburg ausdrückt. Standen die Ermittler den Verdächtigen bis in die Neunziger „kontrastiv gegenüber“, sind die Hauptfiguren nun „psychologisierter, ausdifferenzierter“. Soziopathen wie Faber, Feenwesen wie Sänger, Macker wie Tschiller, Ghettokids wie Gümer, Seelenwunde wie Odenthal, Freaks wie Stellbrink, Säufer wie Steier – wer heute ermittelt, teilt mit dem Publikum nicht nur den Bildschirm, sondern die Makel. Umso mehr erstaunt die Makellosigkeit der Neuen von Nürnberg.

Statt skurriler Kleidung oder sonstiger Fimmel fiel beim fränkischen Debüt allenfalls die Sprache ringsum aus der Norm. Doch auch seltsam gekünstelt sorgte der Dialekt für Heimatverbundenheit. Irgendwer babbelt, sächselt, schwäbelt, grantelt, nuschelt garantiert, wenn die Spurensicherung an derzeit 22 Tatorten auftaucht. Hannover mag mangelnde Präsenz bei Lindholms Einsätzen beklagen, Wien den fehlenden Schmäh seit Mareks Abgang, das Saarland seine skurrilen Charaktere – meist ist der „Tatort“ ein markenbewusster Hochglanzkatalog regionaler Eigenart, den kein Tourismusbüro finanzieren könnte. Wieso sonst sind zwischen Rhein und Ruhr dauernd Kölns Dom oder alte Zechen im Bild? Weshalb radelt Kommissar Thiel ständig über den Prinzipalmarkt? Und warum nehmen seine Hamburger Kollegen seit jeher vom Fischmarkt nach Blankenese den Umweg via Reeperbahn?

Mit Autos, die noch mehr Kitt zwischen Produkt und Publikum kleben. Sportwagenvermittelte Freiheitsliebe in Ludwigshafen, kleinwageninduzierte Betulichkeit am Bodensee, Thiels Vadder im Taxi oder Inga Lürsens Kleinbürgertraum mit Stern: Am letzten analogen Lagerfeuer der Republik firmieren selbst Fortbewegungs- als Bindemittel und liefern ein weiteres Stück Corporate Identity wie sonst nur die Lindenstraße – die sich allerdings mit einem Bruchteil der Zuschauer begnügt, während Prof. Boerne (mit Jaguar) und Nick Tschiller (mit Sixpack) den Quotenrekord im Wechsel über 13 Millionen geschraubt haben.

Befeuert von PR auf allen Ebenen. Es gibt Fachtage, Dissertationen, Fanclubs, Public Viewing, Radioeditionen, Zeitungsrubriken samt Second Screen, der jede Ausstrahlung mit Abertausenden von Tweets in Echtzeit begleitet. Dass die vorwiegend kritisch sind, ändert nichts am Sog. Bevor Tukurs Bühnenepos Im Schmerz geboren alle wichtigen Preise gewann, hat es online Prügel bezogen. Selbst seltener Defätismus wie Schweigers Suada gegen die Titelmelodie kratzen nicht am Markenkern. Was stört es die Eiche… Zu stramm steht sie im Gegenwind der digitalen Gegenwart, sturmfest und flexibel. Bei all den Gewissheiten vom Einstieg mit Plastikbecher am Fundort bis hin zum Ausstieg mit Täter (außer beim Münchner Einsatz vor zwei Wochen), haben die Hauptfiguren Migrationshintergründe, Körperbehinderungen, professionellen Humor und überdurchschnittlich oft weibliche Vornamen wie in Freiburg, wo mittlerweile Heike Makatsch im Einsatz ist.

Im strengen Proporzsystem der ARD bleiben damit nur Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern tatortfrei. Doch auch wenn sonntags irgendwann dort ermittelt würde, täten es Kommissare wie du und ich: Mal scheu, mal arrogant, oft kompetent, längst fehlbar, selten hässlich, seltener schön und trotz aller Macken herrlich normal, also eher keine türkischstämmigen Undercovercops wie Cenk Batu, der trotz Splitscreen selbst beim Nachwuchs im Quotentief versank. „Soziale Rollenspieler“ nennt sie der Soziologe Carsten Heinze. Platzhalter des Pöbels, die dessen Freud und Leid, Ängste und Wünsche in sich vereinen. Auch in den nächsten 1000 Folgen.


2 Bier – 1 Platte

marthe-rhondaMilo Milone & Mrs.Magician

Bei den lässigen Retro-Klängen von Rhonda kann sich kaum einer der Tanzfläche verweigern. Vor der Veröffentlichung des ersten Albums 2014 gingen die fünf Hamburger deshalb erstmal mit Turbostaat, Lucius und Paul Weller auf Tour. Im Januar soll nun endlich das zweite Studialbum WIRE erscheinen. Um die Wartezeit zu überbrücken erzählt Sängerin Milo Milone im Bierplattengespräch heute von ihrem persönlichen Schätzchen der musikalischen Art.

Interview: Marthe Ruddat

Milo Milone: Es ist ja wirklich eine Herausforderung, sich auf eine Platte festzulegen. Ich muss erst mal ‘ne Minute überlegen, in welches Genre ich da gehen will.

Ein herrlich sonniger Nachmittag in Hamburg und wir sind mit Bier versorgt. Überlegen und genießen ist schön.

Okay, ich hab eins! Es gibt ein Album, das mir wirklich sehr viel bedeutet und das nehme ich jetzt einfach auch: Strange Heaven von Mrs.Magician.

freitagsmedien: Noch nie gehört…

Mrs.Magician ist auch echt ein komischer Name, oder? Ich habe immer gedacht, der hätte auch geiler sein können. Aber das Album ist auf jeden Fall super und verdient es, dass mal darüber gesprochen wird.

Mrs.Magician sind fünf kalifornische Jungs, die 2012 mit Strange Heaven ihr Debüt veröffentlichten. Die Band ist noch weitestgehend unbekannt. Rhonda haben auf jeden Fall mehr Likes bei Facebook.

Warum bedeutet dir das Album so viel?

Das ist eine Platte, die ich einfach sehr viel gehört habe und ich habe mich so sehr gefreut, als ich sie bekommen habe.

Sie war also ein Geschenk?

Ich habe sie mir tatsächlich selbst zum Geburtstag geschenkt.

Und wie kam es dazu?

Ich habe vor langer Zeit mal zwei Jahre in der Kogge gearbeitet und da gab es so einen Sampler mit irgendwie garagigen, psychedelischen Songs drauf. Auf diesem Sampler war There Is No God von Mrs.Magician drauf. Als ich den Song das erste mal gehört habe, bin ich sofort aufgestanden und habe ihn gleich noch ein paar Mal hintereinander angemacht. Der hat mich irgendwie total gepackt. Zuhause habe ich dann ein bisschen recherchiert und mir das Album bei Burnout marthe-magicianRecords bestellt. Das gab es damals noch.

Burnout Records, du warst wirklich sehr geliebt!

Und an deinem Geburtstag war sie dann da? 

Genau. Und ich war so glücklich! Das war irgendwie ein ganz besonderer Tag. Es war eisig kalt und es lag meterhoch Schnee. Und vor lauter Aufregung habe ich nur auf die Platte geschaut und bin in der Karo-Diele einfach mal volle Kanone gegen diese Glastür gelaufen. Das war ziemlich peinlich.

Hat sich There Is No God dann auch zu deinem Lieblingssong auf der Strange Heaven entwickelt?

Ja schon. Der ist einfach so simpel und hat trotzdem ne Aussage. Er gibt mir einfach ein gutes Gefühl.

Mrs.Magician – There Is No God

You’re all gunna die

Does it make you want to cry

To know that I’m going to live forever

Because you never looked me in the eye

There’s no go d

There’s no god

Lalala

There’s no god

Lalala

There’s no god

Now do what you are told

And i’ll comfort your akin’ souls

 

Gibt es auch Songs auf dem Album, bei denen das gar nicht so ist? 

Ich bin ja nicht so der Fan von den klassischen Pophymnen. Manchmal wurde mir die Band tatsächlich ein bisschen zu sehr Indie. Aber eigentlich habe ich die ganze Platte lieben gelernt und kriege immer sehr gute Laune, wenn ich sie höre.

Das klingt jetzt aber gar nicht so sehr nach großer Liebe.

Ich bin einfach allgemein eine Musikliebhaberin. Weißt du, wenn man so ein Interview wie das hier macht, dann könnte ich ja auch meine absoluten Superhelden auspacken. Mir fallen jetzt auch noch viele andere Platten ein, über die ich hätte sprechen können. Die Strange Heaven hat mich damals einfach sehr in den Bann gezogen und deshalb muss sie auch unbedingt erwähnt werden. Grundsätzlich bin ich aber nicht so an den Bands an sich interessiert, sondern an der Musik. Ich würde sofort zu einem Konzert gehen, wenn die mal hier spielen würden. Wie die einzelnen Musiker heißen, weiß ich aber zum Beispiel nicht. Bei einem Musikquiz würde ich definitiv immer total abloosen.

Marthe1Gibt es denn jemanden, mit dem du dir gerne mal die Bühne teilen würdest? Ein großes Idol?

Hm, also eigentlich würde ich gerne mit jedem Künstler von Daptone Records was machen. Die liebe ich durch die Bank weg alle. Aber Black Sabbath wär auch super! Ich weiß nicht, im Moment hängt mein Herz doch eher am Soul glaube ich.

Aber grundsätzlich scheinst du dich nicht gerne auf ein Genre festzulegen. Macht genau das die Inspiration für deine eigene Musik aus?

Nein, das kann ich wirklich nicht. Wie ich schon gesagt habe, bin ich ein eine Musikliebhaberin. Ich mag nicht in einem Genre feststecken und nicht über den Tellerrand schauen. Ich habe ein Soulherz und meine souligen Juwelen und ich habe ein Punkherz und dort meine Schätze. Das ließe sich immer so weiter führen. Ich glaube, meine eigene Musik vermischt das ganze einfach miteinander. Dabei ist mir Dreck wichtig, ich brauche immer ein bisschen Dreck dabei. Das unperfekte Perfekte, ich glaube, das ist mein Ding.

Wo sich der Dreck auf dem neuen Album WIRE versteckt, kann ab dem 27.01.2017 herausgefunden werden.Bis dahin gibt es mit einem Shortmovie-Musikvideo schon einen kleinen Vorgeschmack auf das, was da so kommt. Das Video und alle weiteren Infos gibt’s auf rhondamusic.com.


Besorgte Kanzler & rote Bänder

TVDie Gebrauchtwoche

31. Oktober – 6. November

Recep Tayyip Erdoğan hat ein kreatives Verhältnis zum Rechtstaat. Zuhause haut ihn der türkische Despot nach Herzenslust in Stücke, bei uns kriegt er kaum genug von seiner gerechtigkeitsstiftenden Instanzenvielfalt. In Hamburg muss daher – wenn der Verfasser schon nicht im Kerker verrottet – mal wieder Jan Böhmermanns Schmähgedicht vor Gericht. Derweil echauffiert sich RTE über jede äußere Kritik am inneren Drang, die Pressefreiheit zu beseitigen, was schon deshalb putzig ist, weil Angela Merkel erneut ewig gebraucht hat, um ihre Klage über die Verhaftung eines Dutzends unbotmäßiger Journalisten der liberalen Cumhuriyet von „Sorge“ auf „alarmiert“ upzugraden.

Und das tat sie aus gutem Grund. In der Türkei firmieren fast nur noch soziale Medien als Korrektiv der aufgehenden Tyrannei. Die Digitaldiktatoren Youtube und Facebook als Garanten von Vielfalt und Demokratie: es kann einem Angst und Bange werden. Auch und gerade jetzt, da sich die autokratische Gema mit Youtube auf ein (streng geheimes) Verwertungssystem lange gesperrter Musikvideos geeinigt hat. Wovon freilich nur maximal kommerzieller Pop profitiert, während die Subkultur weiter fröhlich ausgebeutet wird.

Apropos Ausbeutung: Ronny kehrt zurück auf den Bildschirm, der ulkige Affe mit eigener Pop Show. Allerdings nicht in echt mit Ottos Stimme, sondern als Attrappe am Arm des Puppenspielers Martin Reinl, der mit ihr auf RTL Nitro die Fossilien der unerschöpflichen 80er reanimiert. Fast könnte man meinen, den Fernsehmachern falle nichts Neues mehr ein. Dagegen spricht höchstens zweierlei: Dass Tom Tykwer vorige Woche endlich den ersten Trailer seiner seit gefühlt zehn Jahren angekündigten Serie Babylon Berlin übers selbige in den 20ern gezeigt hat. Und natürlich die Fortsetzung der Stunde.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. November

Heute Abend startet Staffel 2 vom Club der roten Bänder. Jene Vox-Serie, deren Erfolg den Verdacht nährt, das Regelprogramm sei doch noch nicht am Ende. Die Schicksalsgemeinschaft mehr oder minder todkranker Teenager um den coolen Leo (Tim Oliver Schulz) darf zehn Teile mit ihrer „romantischen Unterhaltungsscheiße“ weitermachen, wie das Hipster-Organ Vice ätzt. Wenn man das einzige weibliche Clubmitglied Emma sieht, deren blutleere Schönheit alles Furchtbare am Kommerz-TV verkörpert, ist da sogar was dran; insgesamt aber hebt sich auch der Aufguss ab vom Einerlei ringsum.

Das junge Ensemble agiert mit instinktiver Präzision, die Bildsprache bleibt hochwertig, inhaltlich gewinnt die Story um den erwachten Koma-Patienten Hugo dem Coming-of-Age-Stoff zwar wenig Neues ab. Doch im Ganzen bleiben die Bänder bei aller Frische so sehenswert wie es linear gelegentlich der Tatort schafft. Ein Format, dass Sonntag die 1000. Folge feiert. Wie die erste 1970 heißt sie Taxi nach Leipzig, in das aber nicht Kommissar Trimmel steigt, sondern sein Enkel Borowski nebst Kollegin Lindholm – mit dem weiteren Unterschied, dass der Fahrer ein traumatisierter Afghanistan-Veteran ist, der die beiden auf eine vogelwilde Odyssee durch den Osten entführt. Leider ist sie dieses Jubiläums unwürdig.

Wobei wir ohnehin abwarten müssen, ob die Welt zuvor nicht untergeht. Schließlich sind morgen US-Wahlen, die ARD und ZDF, Nachrichtenkanäle und überhaupt alle außer Sat1 bis Mittwochfrüh mehr oder minder umfassend begleiten. Falls – was alle weltlichen und überirdischen Kräfte verhindern mögen – Donald Trump siegt, könnte also auch manch Programmschema kippen. Das von Arte zum Beispiel, wo am Abend drauf (21.55 Uhr) womöglich nicht die schöne Doku Wie das Kino erwachsen wurde über die Ursprünge des Kintopp liefe. Aber wie gesagt – wird schon nicht…

Und falls doch? Ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass der … der… tja: US-Präsident Trump einen Mann wie Bernard L. Madoff, der wegen Anlagebetrug in Höhe von mindestens 50 Milliarden US-Dollar zu 150 Jahren Knast verhaftet wurde, begnadigt. Aus dieser Story unfassbarer Gier macht Sky ab Donnerstag eine Miniserie, die einen alten Bekannten aus der nostalgischen Erinnerung an den Weißen Hai in die Gegenwart holt: Richard Dreyfuss. Er spielt den Verbrecher mit hinreißend beiläufiger Boshaftigkeit. Das leitet über zur schwarzweißen Wiederholung der Woche: Sergej M. Eisensteins Meisterwerk Iwan der Schreckliche (Montag, 23.15 Uhr, Arte), den der russische Regisseur 1944 untermalt von Sergei Prokofjew zu einer Mischung aus Stalin und Hitler gemacht hat, was ersterer erst im zweiten Teil bemerkte, den er dann flugs verbot.

Angesichts der fast dreistündigen Länge ist jedoch eher die Mediathek ratsam. Zumal man andernfalls am Abend drauf nicht bis zum Farbtipp durchhält: Der Name der Leute (23.50 Uhr, BR). Die linke Traumfrau Bahia (Sara Forestier) bekehrt darin Rechte beim Sex zur Umkehr, was zum Niederknien lustig ist. Ganz im Gegensatz zum tödlichen Polizeieinsatz gegen die RAF-Flüchtigen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, den der Dokumentarfilm Endstation Bad Kleinen heute Nacht um halb drei aufarbeitet.


Reisereportage: Canyoning in Tirol

img_3500Gerademachen!

Von glitschigen Felskanten in dunkle Wildbäche zu springen erfordert neben Trittfestigkeit auch einer großen Portion Mut und einer noch etwas größeren Portion Irrsinn. Dennoch geht es beim Canyoning nicht nur um den Kick, sondern die Natur. Ein Erlebnisbericht aus der Berg- und Talwelt Tirols, wo manche Hotels mittlerweile sogar eigene Canyoning-Trainer haben.

Von Jan Freitag

Niemals, keine Chance, Unsinn ist das, ja: Irrsinn. Da springt keiner runter, nicht bei klarem Verstand. Und Robert weiß das. „Kein Problem“, beruhigt der Bergführer mit weisem Lächeln. „Du musst nur die Mitte vom Schwarz- und Weißwasser treffen“, erklärt er, rät aber doch, sich bis zum Eintauchen grade zu machen, dann sofort klitzeklein, „da kommt nämlich schnell der Grund“. Ah ja. Und viel mehr als kleinere Knochenbrüche, Robert zeigt sein gegerbtes Skilehrergrinsen, sei selbst bei größerer Unvorsicht nicht zu erwarten. Wie beruhigend.

Also Zielen! Absprung! Grademachen! Eintauchen! Kleinmachen! Also los! Lautstark dringt der ausgewachsene Körper eines ausgewiesenen Landtiers unterhalb eines betörenden Wasserfalls ein. Wie geplant dort, wo die schäumende Oberfläche ins Dunkel obskurer Tiefe übergeht. „Guat gmocht“, ertönt es von oben, und das denke ich auch. Sauguat. Meine Nase ist zwar randvoll mit einer Ladung klirrend kalten Auebachs, dann aber kommt es, so spontan wie unwiderstehlich: das Gefühl, keine Grenzen mehr zu kennen.

Der Siebeneinhalber? Kokolores! Das Zehnmeterbrett gar? Mach ich fortan im Schlaf! Dabei waren es bloß vier Meter freier Fall. Vier Meter von einem „Lippe“ genannten Felsvorsprung der Höllwiesenklamm, einer engen Schlucht der Nördlichen Kalkalpen, mithin meine erste Herausforderung einer Disziplin namens Canyoning, die in der Theorie etwas ungefährlicher klingt als in der Praxis. Eher nach gemütlichem Wandern als nach möglichen Frakturen.

Andererseits ist es ja kein Geheimnis, was Funsport, Trendsport, Extremsport so mit sich bringt: bei allem Spaß können Sporttrends nun mal extreme Nebeneffekte haben; davon zeugt jedes Skateboard-Video, jede Reportage über verunglückte Red-Bull-Werbeträger, davon zeugt auch der Tod eines Schluchtenwanderers samt Bergführer im Vorjahr, genau hier, vorderes Ötztal. Robert Monz ist noch immer geschockt. Umso erstaunlicher, wie freimütig er vom Unfall des Kollegen erzählt. „Das war Pech“, betont er, „aber auch Unvorsicht“. Nach heftigen Gewittern in die überflutete Klamm zu steigen, „so was machen nicht mal Profis allein“. Geschweige denn mit Anfänger im Schlepp.

Denn wenn die Strömung richtig arbeitet, der Durchfluss abwärts strebenden Wassers zur „Walze“ wird und die menschliche Kraft der natürlichen nicht gewachsen ist, dann könne es zum Unglück kommen. Da helfen selbst robuste Helme nicht mehr oder der Neoprenanzug, dick wie eine Walschwarte. So erzählt es Robert am Abend zuvor, beim informativen Warm-up für eines der großen Abenteuer zeitgenössischen Urlaubsentertainments, örtlich übersetzt mit Schluchteln. Aber das klingt dann vielleicht doch zu harmlos.

Canyoning ist schließlich nur was für einigermaßen Sportliche mit sicherem Tritt, Balance und dem Mut, sich auch mal ins Ungewisse zu stürzen. Allein hier, in der Mieminger Kette, gibt es im Umkreis von einer Stunde Fahrt 20 Kletterschluchten aller Schwierigkeitsgrade. Meine hat Stufe II bis III, 250 Meter Höhendifferenz auf knapp einem Kilometer Länge, ideal für Einsteiger mit Selbstvertrauen.

Nach einem verregneten Frühling und Roberts Briefing steht das allerdings auf der Kippe. Doch am Morgen, nach einer Nacht ohne Schlaf und einem Frühstück ohne Appetit, wiegelt der 37-Jährige mit der Erfahrung eines halben Funtrendextremsportguidelebens ab: „Alles easy“, sagt der Angestellte vom Alpenresort Schwarz, das sich im Dörfchen Mieming einen hauseigenen Lehrer der Boomdisziplin Canyoning leistet. Wenig Wasser. Strudel normal. Abfahrt zur Klamm. Auf 1800 Metern Höhe ist es in aller Herrgottsfrühe zwar frisch und die Sonne erreicht – zusätzlich blockiert von tief liegenden Wolken – kaum die oberen Lagen der Schlucht. Dennoch kommt bereits Bus auf Bus, als wir den Tauchanzug mit seinen dicken Gummisocken über ganz gewöhnliche Turnschuhe für den sicheren Halt auf glitschigem Stein gezogen haben.

Der liegt indes 25 Meter tiefer, am Fuße einer Brücke. „Abseilen?“, fragt Robert und antwortet selber: „Zum Warmwerden!“ Dass der Schritt ins Leere Überwindung kostet, zeigen spitze Schreie einer zwölfköpfigen Gruppe aus dem Ruhrpott über uns, aber es stimmt schon: An bombensicheren Tauen abgelassen zu werden, schafft gleich mal Vertrauen in den Guide, sein Material, sich selbst. Das Vertrauen in den Auebach kommt dann später. Am ersten Sprung. An einer kleinen Felsrutsche. An der Vertikale, 20 Meter Abseilen. Am zweiten Sprung, zwei Meter tiefer, in ein halb so breites Becken, die Nase abermals voll Wasser, der Körper voll Adrenalin. Und dann das dicke Ende, eine Rutsche, hier 16 Meter lang. Die Arme vor der Brust verschränkt, warte ich aufs Kommando. „Schon brutal“, sagt Robert noch und verharrt auf dem „a“. Oh, Panik, brodelt es in mir, als mich das steile Gefälle bis zum Kontrollverlust durchrüttelt. Und wieder dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit.

Als Robert auf der Rückfahrt zum Hotel namens Alpenresort Schwarz im Tiroler Mieming, dessen fünf Sterne die Anstellung eines eigenen Canyoning-Lehrers erlauben, fröhlich erzählt, er selbst springe bis zu 22 Meter tief, auch ohne exakt zu wissen, was ihn unten erwarte, verliert das Gefühl etwas von seiner Wucht. Irrsinn war es dennoch. Und zwar nicht bloß wegen des Thrills, darum geht es nicht beim Canyoning, nicht nur. Es geht darum, die Natur zu verinnerlichen, Teil der Elemente zu sein, ihre Gewalt nicht nur zu betrachten, sondern ertasten, erspüren, durchschreiten, am Ende also um eine bezaubernde Wanderung im Flussbett mit Extremsporteinlagen. „Die gleiche Route noch mal?“ Fragt Robert fröhlich, und jetzt gebe ich die Antwort: Nein danke, nächstes Mal. Man muss es ja nicht übertreiben.

Info Canyoning/Unterkunft

Allgemein

Tirol

Alpenresort Schwarz


Karies, Fewjar, Odd Couple, Soft Hair,

tt16-kariesKaries

Das Schwäbische steht ja generell für Sauberkeit und Ordnung der traditionelleren Art: Kehrwoche, Weltmarktführer, Altnazis als Bundesligaclubpräsidenten – so Sachen halt. Das kann Menschen mit weniger traditionellem Sauberkeits- und Ordnungsansatz schon mal schlechte Laune machen. Aber muss sie denn gleich so mies sein wie derzeit im Independentfach üblich, eine Mixtur aus Depression, Wut und Agonie? Die Frage drängt sich bei der neuen Stuttgarter Postpunk-Schule rings ums Alternative-Band Die Nerven förmlich auf. Auch bei deren Spin-off Karies breitet sich von der ersten Sekunde an ein dystopischer Trübsinn überm latent angepissten Gesang aus, dass man ihr Genre Noise-Rock durch Genervt-Rock ersetzen müsste. Oberflächlich betrachtet.

Tief drunter aber bündelt das Quartett um den Nerven-Trommler Kevin Kuhn (den mittlerweile der Bruder des Nerven-Sängers Philipp Knoth ersetzt hat), all den berechtigten Zorn über die Dinge die da sind in ihrem Musterländle und ringsum in einen so gediegenen Industrialpop, dass man nur hoffen kann, sie erhalten sich diese Kraft des Unmutes. Der Albumtitel “Es geht sich aus” zeugt ja auch durchaus von einer gewissen Hoffnungszugewandtheit; und wenn dazu die Gitarrenflächen scheppern wie einst bei Sonic Youth und jetzt bei Human Abfall, bringt die Wut immerhin den Kopf zum Arbeiten – gedanklich wie moshend. Der perfekte Sound für den anbrechenden Winter.

Karies – Es geht sich aus (This Charming Man)

tt16-fewjarFewjar

Durch die Zeit zu reisen, zählt zum festen Stamm unerfüllter Menschheitsträume, seit sie sich der Existenz von gestern und morgen gewahr ist. Aber was böte das auch für Chancen: Fehler ungeschehen zu machen oder besser, mit den Mitteln von heute in Zukunft besiegbar?! Stellen wir uns also einfach mal vor, man hätte Synthpop-Stars von Ultravox bis The Human League aus den frühen 80ern in die digitale Gegenwart unbegrenzter Soundmöglichkeiten gebeamt – sie hätten vielleicht geklungen wie nun Fewjar. Als Duo mischen Jakob Joiko und Felix Denzer bereits zum dritten Mal orchestralen Wave mit verspielter Electronica.

Und der entstehende Progressive-Glamrock klingt, als implodierten die Epochen der neueren Musikgeschichte in einer funkensprühenden Supernova. Auch auf Until scheint den beiden Berlinern von freddymercuryeskem Operettenpathos bis zum skrillexschen Dubstep-Bombast ja nichts zu überfrachtet für ihr gewaltiges Mashup. Alles ist dauernd in Bewegung, ständig flattern Geigen, Pauken, Beats und Lyrics in jeden Zwischenraum. Duran Duran wären entzückt gewesen über all die Möglichkeiten von Fewjar anno 2016. Und wir sind es auch.

Fewjar – Until (S.M.I.L.E.)

indexOdd Couple

So dreckige Gitarren hat man schon lange nicht mehr gehört. Nicht in Deutschland, nicht in dessen Hauptstadt und schon gar nicht in Ostfriesland – den drei Heimatzuschreibungen der Berliner Garagenbewohner mit Küstenwurzeln Tammo Dehm und Jascha Kreft. So innbrünstig zerren sie die Saiten auch auf ihrer zweiten Platte zu Brei, dass man sich kurz an Mudhoney erinnert fühlt, gemischt mit einer großen Portion Krautrock der Art von Grobschnitt. Zusammen genommen hat das etwas flächig Wuchtiges, zugleich aber auch seltsam Ulkiges. Womit wir beim Namen dieser Kleinstband wären.

Odd Couple ist hier nämlich nicht nur ein Wort, sondern Wesen. Übersetzbar als merkwürdige Männerwirtschaft, steht es für den gehobenen Wahnsinn der Kindergartenfreunde aus dem hohen Norden, denen der Daueraufenthalt im Moloch Berlin die ländliche Verschrobenheit sehr unterhaltsam zum urbanen Wahnsinn verdickt hat. Flügge ist demzufolge ein bilinguäres Meisterwerk verstiegener Kreativität in 14 Akten, die textlich nicht weiter der Rede wert sind und gerade deshalb zum Gesamtkunstwerk passen. Nennen wir es mal Stonerpoppostpunkkraut. Herrlich!

Odd Couple – Flügge (Cargo Records)

tt16-softhairSoft Hair

Selbstironie ist nicht das populärste Attribut unserer postpostheroischen Zeit. Wenn der größte Wirrkopf Präsident des mächtigsten Landes werden kann, ohne sich seiner Wirrnis gewahr zu werden, hat es heitere Selbstreflexion auch andernorts schwer. Sogar im Pop, dem Leichtigkeit ja quasi im Wesen steckt. Mit umso mehr Respekt sollten wir da zwei Wirrköpfe beachten, die zwar bloß flotten Lo-Fi-Glam synthetisieren, dies aber mit einem Augenzwinkern tun, das zuletzt allenfalls die Metal-Persiflage The Darkness gezwinkert hat.

http://www.vevo.com/watch/GBA321600078?utm_medium=embed_player&utm_content=watermark&syn_id=af330f2c-5617-4e57-81b5-4a6edbef07cc

Unterm Namen Soft Hair haben die englischen Elektro-Bastler LA Priest und Connan Mockasin ein Album zubereitet, das wie Prince auf Lachgas klingt, also funky und albern zugleich. Der Legende nach aufgenommen in Autowerkstätten, Schulruinen und Hotels rund um den Globus, kennzeichnet ihr eigenbetiteltes Debütalbum eine Hingabe für tanzbaren Dadaismus, den man angesichts all des Größenwahns ringsum kaum hoch genug schätzen kann. Wenn sich die Welt mal wieder beruhigt, wird man Soft Hair wohl wieder vergessen; für den Moment aber ist es ein kleines Fenster zur heilsamen Kraft des rhythmischen Unsinns.

Soft Hair – Soft Hair (Weir World)