2 Bier – 1 Platte

marthe-rhondaMilo Milone & Mrs.Magician

Bei den lässigen Retro-Klängen von Rhonda kann sich kaum einer der Tanzfläche verweigern. Vor der Veröffentlichung des ersten Albums 2014 gingen die fünf Hamburger deshalb erstmal mit Turbostaat, Lucius und Paul Weller auf Tour. Im Januar soll nun endlich das zweite Studialbum WIRE erscheinen. Um die Wartezeit zu überbrücken erzählt Sängerin Milo Milone im Bierplattengespräch heute von ihrem persönlichen Schätzchen der musikalischen Art.

Interview: Marthe Ruddat

Milo Milone: Es ist ja wirklich eine Herausforderung, sich auf eine Platte festzulegen. Ich muss erst mal ‘ne Minute überlegen, in welches Genre ich da gehen will.

Ein herrlich sonniger Nachmittag in Hamburg und wir sind mit Bier versorgt. Überlegen und genießen ist schön.

Okay, ich hab eins! Es gibt ein Album, das mir wirklich sehr viel bedeutet und das nehme ich jetzt einfach auch: Strange Heaven von Mrs.Magician.

freitagsmedien: Noch nie gehört…

Mrs.Magician ist auch echt ein komischer Name, oder? Ich habe immer gedacht, der hätte auch geiler sein können. Aber das Album ist auf jeden Fall super und verdient es, dass mal darüber gesprochen wird.

Mrs.Magician sind fünf kalifornische Jungs, die 2012 mit Strange Heaven ihr Debüt veröffentlichten. Die Band ist noch weitestgehend unbekannt. Rhonda haben auf jeden Fall mehr Likes bei Facebook.

Warum bedeutet dir das Album so viel?

Das ist eine Platte, die ich einfach sehr viel gehört habe und ich habe mich so sehr gefreut, als ich sie bekommen habe.

Sie war also ein Geschenk?

Ich habe sie mir tatsächlich selbst zum Geburtstag geschenkt.

Und wie kam es dazu?

Ich habe vor langer Zeit mal zwei Jahre in der Kogge gearbeitet und da gab es so einen Sampler mit irgendwie garagigen, psychedelischen Songs drauf. Auf diesem Sampler war There Is No God von Mrs.Magician drauf. Als ich den Song das erste mal gehört habe, bin ich sofort aufgestanden und habe ihn gleich noch ein paar Mal hintereinander angemacht. Der hat mich irgendwie total gepackt. Zuhause habe ich dann ein bisschen recherchiert und mir das Album bei Burnout marthe-magicianRecords bestellt. Das gab es damals noch.

Burnout Records, du warst wirklich sehr geliebt!

Und an deinem Geburtstag war sie dann da? 

Genau. Und ich war so glücklich! Das war irgendwie ein ganz besonderer Tag. Es war eisig kalt und es lag meterhoch Schnee. Und vor lauter Aufregung habe ich nur auf die Platte geschaut und bin in der Karo-Diele einfach mal volle Kanone gegen diese Glastür gelaufen. Das war ziemlich peinlich.

Hat sich There Is No God dann auch zu deinem Lieblingssong auf der Strange Heaven entwickelt?

Ja schon. Der ist einfach so simpel und hat trotzdem ne Aussage. Er gibt mir einfach ein gutes Gefühl.

Mrs.Magician – There Is No God

You’re all gunna die

Does it make you want to cry

To know that I’m going to live forever

Because you never looked me in the eye

There’s no go d

There’s no god

Lalala

There’s no god

Lalala

There’s no god

Now do what you are told

And i’ll comfort your akin’ souls

 

Gibt es auch Songs auf dem Album, bei denen das gar nicht so ist? 

Ich bin ja nicht so der Fan von den klassischen Pophymnen. Manchmal wurde mir die Band tatsächlich ein bisschen zu sehr Indie. Aber eigentlich habe ich die ganze Platte lieben gelernt und kriege immer sehr gute Laune, wenn ich sie höre.

Das klingt jetzt aber gar nicht so sehr nach großer Liebe.

Ich bin einfach allgemein eine Musikliebhaberin. Weißt du, wenn man so ein Interview wie das hier macht, dann könnte ich ja auch meine absoluten Superhelden auspacken. Mir fallen jetzt auch noch viele andere Platten ein, über die ich hätte sprechen können. Die Strange Heaven hat mich damals einfach sehr in den Bann gezogen und deshalb muss sie auch unbedingt erwähnt werden. Grundsätzlich bin ich aber nicht so an den Bands an sich interessiert, sondern an der Musik. Ich würde sofort zu einem Konzert gehen, wenn die mal hier spielen würden. Wie die einzelnen Musiker heißen, weiß ich aber zum Beispiel nicht. Bei einem Musikquiz würde ich definitiv immer total abloosen.

Marthe1Gibt es denn jemanden, mit dem du dir gerne mal die Bühne teilen würdest? Ein großes Idol?

Hm, also eigentlich würde ich gerne mit jedem Künstler von Daptone Records was machen. Die liebe ich durch die Bank weg alle. Aber Black Sabbath wär auch super! Ich weiß nicht, im Moment hängt mein Herz doch eher am Soul glaube ich.

Aber grundsätzlich scheinst du dich nicht gerne auf ein Genre festzulegen. Macht genau das die Inspiration für deine eigene Musik aus?

Nein, das kann ich wirklich nicht. Wie ich schon gesagt habe, bin ich ein eine Musikliebhaberin. Ich mag nicht in einem Genre feststecken und nicht über den Tellerrand schauen. Ich habe ein Soulherz und meine souligen Juwelen und ich habe ein Punkherz und dort meine Schätze. Das ließe sich immer so weiter führen. Ich glaube, meine eigene Musik vermischt das ganze einfach miteinander. Dabei ist mir Dreck wichtig, ich brauche immer ein bisschen Dreck dabei. Das unperfekte Perfekte, ich glaube, das ist mein Ding.

Wo sich der Dreck auf dem neuen Album WIRE versteckt, kann ab dem 27.01.2017 herausgefunden werden.Bis dahin gibt es mit einem Shortmovie-Musikvideo schon einen kleinen Vorgeschmack auf das, was da so kommt. Das Video und alle weiteren Infos gibt’s auf rhondamusic.com.


Besorgte Kanzler & rote Bänder

TVDie Gebrauchtwoche

31. Oktober – 6. November

Recep Tayyip Erdoğan hat ein kreatives Verhältnis zum Rechtstaat. Zuhause haut ihn der türkische Despot nach Herzenslust in Stücke, bei uns kriegt er kaum genug von seiner gerechtigkeitsstiftenden Instanzenvielfalt. In Hamburg muss daher – wenn der Verfasser schon nicht im Kerker verrottet – mal wieder Jan Böhmermanns Schmähgedicht vor Gericht. Derweil echauffiert sich RTE über jede äußere Kritik am inneren Drang, die Pressefreiheit zu beseitigen, was schon deshalb putzig ist, weil Angela Merkel erneut ewig gebraucht hat, um ihre Klage über die Verhaftung eines Dutzends unbotmäßiger Journalisten der liberalen Cumhuriyet von „Sorge“ auf „alarmiert“ upzugraden.

Und das tat sie aus gutem Grund. In der Türkei firmieren fast nur noch soziale Medien als Korrektiv der aufgehenden Tyrannei. Die Digitaldiktatoren Youtube und Facebook als Garanten von Vielfalt und Demokratie: es kann einem Angst und Bange werden. Auch und gerade jetzt, da sich die autokratische Gema mit Youtube auf ein (streng geheimes) Verwertungssystem lange gesperrter Musikvideos geeinigt hat. Wovon freilich nur maximal kommerzieller Pop profitiert, während die Subkultur weiter fröhlich ausgebeutet wird.

Apropos Ausbeutung: Ronny kehrt zurück auf den Bildschirm, der ulkige Affe mit eigener Pop Show. Allerdings nicht in echt mit Ottos Stimme, sondern als Attrappe am Arm des Puppenspielers Martin Reinl, der mit ihr auf RTL Nitro die Fossilien der unerschöpflichen 80er reanimiert. Fast könnte man meinen, den Fernsehmachern falle nichts Neues mehr ein. Dagegen spricht höchstens zweierlei: Dass Tom Tykwer vorige Woche endlich den ersten Trailer seiner seit gefühlt zehn Jahren angekündigten Serie Babylon Berlin übers selbige in den 20ern gezeigt hat. Und natürlich die Fortsetzung der Stunde.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. November

Heute Abend startet Staffel 2 vom Club der roten Bänder. Jene Vox-Serie, deren Erfolg den Verdacht nährt, das Regelprogramm sei doch noch nicht am Ende. Die Schicksalsgemeinschaft mehr oder minder todkranker Teenager um den coolen Leo (Tim Oliver Schulz) darf zehn Teile mit ihrer „romantischen Unterhaltungsscheiße“ weitermachen, wie das Hipster-Organ Vice ätzt. Wenn man das einzige weibliche Clubmitglied Emma sieht, deren blutleere Schönheit alles Furchtbare am Kommerz-TV verkörpert, ist da sogar was dran; insgesamt aber hebt sich auch der Aufguss ab vom Einerlei ringsum.

Das junge Ensemble agiert mit instinktiver Präzision, die Bildsprache bleibt hochwertig, inhaltlich gewinnt die Story um den erwachten Koma-Patienten Hugo dem Coming-of-Age-Stoff zwar wenig Neues ab. Doch im Ganzen bleiben die Bänder bei aller Frische so sehenswert wie es linear gelegentlich der Tatort schafft. Ein Format, dass Sonntag die 1000. Folge feiert. Wie die erste 1970 heißt sie Taxi nach Leipzig, in das aber nicht Kommissar Trimmel steigt, sondern sein Enkel Borowski nebst Kollegin Lindholm – mit dem weiteren Unterschied, dass der Fahrer ein traumatisierter Afghanistan-Veteran ist, der die beiden auf eine vogelwilde Odyssee durch den Osten entführt. Leider ist sie dieses Jubiläums unwürdig.

Wobei wir ohnehin abwarten müssen, ob die Welt zuvor nicht untergeht. Schließlich sind morgen US-Wahlen, die ARD und ZDF, Nachrichtenkanäle und überhaupt alle außer Sat1 bis Mittwochfrüh mehr oder minder umfassend begleiten. Falls – was alle weltlichen und überirdischen Kräfte verhindern mögen – Donald Trump siegt, könnte also auch manch Programmschema kippen. Das von Arte zum Beispiel, wo am Abend drauf (21.55 Uhr) womöglich nicht die schöne Doku Wie das Kino erwachsen wurde über die Ursprünge des Kintopp liefe. Aber wie gesagt – wird schon nicht…

Und falls doch? Ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass der … der… tja: US-Präsident Trump einen Mann wie Bernard L. Madoff, der wegen Anlagebetrug in Höhe von mindestens 50 Milliarden US-Dollar zu 150 Jahren Knast verhaftet wurde, begnadigt. Aus dieser Story unfassbarer Gier macht Sky ab Donnerstag eine Miniserie, die einen alten Bekannten aus der nostalgischen Erinnerung an den Weißen Hai in die Gegenwart holt: Richard Dreyfuss. Er spielt den Verbrecher mit hinreißend beiläufiger Boshaftigkeit. Das leitet über zur schwarzweißen Wiederholung der Woche: Sergej M. Eisensteins Meisterwerk Iwan der Schreckliche (Montag, 23.15 Uhr, Arte), den der russische Regisseur 1944 untermalt von Sergei Prokofjew zu einer Mischung aus Stalin und Hitler gemacht hat, was ersterer erst im zweiten Teil bemerkte, den er dann flugs verbot.

Angesichts der fast dreistündigen Länge ist jedoch eher die Mediathek ratsam. Zumal man andernfalls am Abend drauf nicht bis zum Farbtipp durchhält: Der Name der Leute (23.50 Uhr, BR). Die linke Traumfrau Bahia (Sara Forestier) bekehrt darin Rechte beim Sex zur Umkehr, was zum Niederknien lustig ist. Ganz im Gegensatz zum tödlichen Polizeieinsatz gegen die RAF-Flüchtigen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, den der Dokumentarfilm Endstation Bad Kleinen heute Nacht um halb drei aufarbeitet.


Reisereportage: Canyoning in Tirol

img_3500Gerademachen!

Von glitschigen Felskanten in dunkle Wildbäche zu springen erfordert neben Trittfestigkeit auch einer großen Portion Mut und einer noch etwas größeren Portion Irrsinn. Dennoch geht es beim Canyoning nicht nur um den Kick, sondern die Natur. Ein Erlebnisbericht aus der Berg- und Talwelt Tirols, wo manche Hotels mittlerweile sogar eigene Canyoning-Trainer haben.

Von Jan Freitag

Niemals, keine Chance, Unsinn ist das, ja: Irrsinn. Da springt keiner runter, nicht bei klarem Verstand. Und Robert weiß das. „Kein Problem“, beruhigt der Bergführer mit weisem Lächeln. „Du musst nur die Mitte vom Schwarz- und Weißwasser treffen“, erklärt er, rät aber doch, sich bis zum Eintauchen grade zu machen, dann sofort klitzeklein, „da kommt nämlich schnell der Grund“. Ah ja. Und viel mehr als kleinere Knochenbrüche, Robert zeigt sein gegerbtes Skilehrergrinsen, sei selbst bei größerer Unvorsicht nicht zu erwarten. Wie beruhigend.

Also Zielen! Absprung! Grademachen! Eintauchen! Kleinmachen! Also los! Lautstark dringt der ausgewachsene Körper eines ausgewiesenen Landtiers unterhalb eines betörenden Wasserfalls ein. Wie geplant dort, wo die schäumende Oberfläche ins Dunkel obskurer Tiefe übergeht. „Guat gmocht“, ertönt es von oben, und das denke ich auch. Sauguat. Meine Nase ist zwar randvoll mit einer Ladung klirrend kalten Auebachs, dann aber kommt es, so spontan wie unwiderstehlich: das Gefühl, keine Grenzen mehr zu kennen.

Der Siebeneinhalber? Kokolores! Das Zehnmeterbrett gar? Mach ich fortan im Schlaf! Dabei waren es bloß vier Meter freier Fall. Vier Meter von einem „Lippe“ genannten Felsvorsprung der Höllwiesenklamm, einer engen Schlucht der Nördlichen Kalkalpen, mithin meine erste Herausforderung einer Disziplin namens Canyoning, die in der Theorie etwas ungefährlicher klingt als in der Praxis. Eher nach gemütlichem Wandern als nach möglichen Frakturen.

Andererseits ist es ja kein Geheimnis, was Funsport, Trendsport, Extremsport so mit sich bringt: bei allem Spaß können Sporttrends nun mal extreme Nebeneffekte haben; davon zeugt jedes Skateboard-Video, jede Reportage über verunglückte Red-Bull-Werbeträger, davon zeugt auch der Tod eines Schluchtenwanderers samt Bergführer im Vorjahr, genau hier, vorderes Ötztal. Robert Monz ist noch immer geschockt. Umso erstaunlicher, wie freimütig er vom Unfall des Kollegen erzählt. „Das war Pech“, betont er, „aber auch Unvorsicht“. Nach heftigen Gewittern in die überflutete Klamm zu steigen, „so was machen nicht mal Profis allein“. Geschweige denn mit Anfänger im Schlepp.

Denn wenn die Strömung richtig arbeitet, der Durchfluss abwärts strebenden Wassers zur „Walze“ wird und die menschliche Kraft der natürlichen nicht gewachsen ist, dann könne es zum Unglück kommen. Da helfen selbst robuste Helme nicht mehr oder der Neoprenanzug, dick wie eine Walschwarte. So erzählt es Robert am Abend zuvor, beim informativen Warm-up für eines der großen Abenteuer zeitgenössischen Urlaubsentertainments, örtlich übersetzt mit Schluchteln. Aber das klingt dann vielleicht doch zu harmlos.

Canyoning ist schließlich nur was für einigermaßen Sportliche mit sicherem Tritt, Balance und dem Mut, sich auch mal ins Ungewisse zu stürzen. Allein hier, in der Mieminger Kette, gibt es im Umkreis von einer Stunde Fahrt 20 Kletterschluchten aller Schwierigkeitsgrade. Meine hat Stufe II bis III, 250 Meter Höhendifferenz auf knapp einem Kilometer Länge, ideal für Einsteiger mit Selbstvertrauen.

Nach einem verregneten Frühling und Roberts Briefing steht das allerdings auf der Kippe. Doch am Morgen, nach einer Nacht ohne Schlaf und einem Frühstück ohne Appetit, wiegelt der 37-Jährige mit der Erfahrung eines halben Funtrendextremsportguidelebens ab: „Alles easy“, sagt der Angestellte vom Alpenresort Schwarz, das sich im Dörfchen Mieming einen hauseigenen Lehrer der Boomdisziplin Canyoning leistet. Wenig Wasser. Strudel normal. Abfahrt zur Klamm. Auf 1800 Metern Höhe ist es in aller Herrgottsfrühe zwar frisch und die Sonne erreicht – zusätzlich blockiert von tief liegenden Wolken – kaum die oberen Lagen der Schlucht. Dennoch kommt bereits Bus auf Bus, als wir den Tauchanzug mit seinen dicken Gummisocken über ganz gewöhnliche Turnschuhe für den sicheren Halt auf glitschigem Stein gezogen haben.

Der liegt indes 25 Meter tiefer, am Fuße einer Brücke. „Abseilen?“, fragt Robert und antwortet selber: „Zum Warmwerden!“ Dass der Schritt ins Leere Überwindung kostet, zeigen spitze Schreie einer zwölfköpfigen Gruppe aus dem Ruhrpott über uns, aber es stimmt schon: An bombensicheren Tauen abgelassen zu werden, schafft gleich mal Vertrauen in den Guide, sein Material, sich selbst. Das Vertrauen in den Auebach kommt dann später. Am ersten Sprung. An einer kleinen Felsrutsche. An der Vertikale, 20 Meter Abseilen. Am zweiten Sprung, zwei Meter tiefer, in ein halb so breites Becken, die Nase abermals voll Wasser, der Körper voll Adrenalin. Und dann das dicke Ende, eine Rutsche, hier 16 Meter lang. Die Arme vor der Brust verschränkt, warte ich aufs Kommando. „Schon brutal“, sagt Robert noch und verharrt auf dem „a“. Oh, Panik, brodelt es in mir, als mich das steile Gefälle bis zum Kontrollverlust durchrüttelt. Und wieder dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit.

Als Robert auf der Rückfahrt zum Hotel namens Alpenresort Schwarz im Tiroler Mieming, dessen fünf Sterne die Anstellung eines eigenen Canyoning-Lehrers erlauben, fröhlich erzählt, er selbst springe bis zu 22 Meter tief, auch ohne exakt zu wissen, was ihn unten erwarte, verliert das Gefühl etwas von seiner Wucht. Irrsinn war es dennoch. Und zwar nicht bloß wegen des Thrills, darum geht es nicht beim Canyoning, nicht nur. Es geht darum, die Natur zu verinnerlichen, Teil der Elemente zu sein, ihre Gewalt nicht nur zu betrachten, sondern ertasten, erspüren, durchschreiten, am Ende also um eine bezaubernde Wanderung im Flussbett mit Extremsporteinlagen. „Die gleiche Route noch mal?“ Fragt Robert fröhlich, und jetzt gebe ich die Antwort: Nein danke, nächstes Mal. Man muss es ja nicht übertreiben.

Info Canyoning/Unterkunft

Allgemein

Tirol

Alpenresort Schwarz


Karies, Fewjar, Odd Couple, Soft Hair,

tt16-kariesKaries

Das Schwäbische steht ja generell für Sauberkeit und Ordnung der traditionelleren Art: Kehrwoche, Weltmarktführer, Altnazis als Bundesligaclubpräsidenten – so Sachen halt. Das kann Menschen mit weniger traditionellem Sauberkeits- und Ordnungsansatz schon mal schlechte Laune machen. Aber muss sie denn gleich so mies sein wie derzeit im Independentfach üblich, eine Mixtur aus Depression, Wut und Agonie? Die Frage drängt sich bei der neuen Stuttgarter Postpunk-Schule rings ums Alternative-Band Die Nerven förmlich auf. Auch bei deren Spin-off Karies breitet sich von der ersten Sekunde an ein dystopischer Trübsinn überm latent angepissten Gesang aus, dass man ihr Genre Noise-Rock durch Genervt-Rock ersetzen müsste. Oberflächlich betrachtet.

Tief drunter aber bündelt das Quartett um den Nerven-Trommler Kevin Kuhn (den mittlerweile der Bruder des Nerven-Sängers Philipp Knoth ersetzt hat), all den berechtigten Zorn über die Dinge die da sind in ihrem Musterländle und ringsum in einen so gediegenen Industrialpop, dass man nur hoffen kann, sie erhalten sich diese Kraft des Unmutes. Der Albumtitel “Es geht sich aus” zeugt ja auch durchaus von einer gewissen Hoffnungszugewandtheit; und wenn dazu die Gitarrenflächen scheppern wie einst bei Sonic Youth und jetzt bei Human Abfall, bringt die Wut immerhin den Kopf zum Arbeiten – gedanklich wie moshend. Der perfekte Sound für den anbrechenden Winter.

Karies – Es geht sich aus (This Charming Man)

tt16-fewjarFewjar

Durch die Zeit zu reisen, zählt zum festen Stamm unerfüllter Menschheitsträume, seit sie sich der Existenz von gestern und morgen gewahr ist. Aber was böte das auch für Chancen: Fehler ungeschehen zu machen oder besser, mit den Mitteln von heute in Zukunft besiegbar?! Stellen wir uns also einfach mal vor, man hätte Synthpop-Stars von Ultravox bis The Human League aus den frühen 80ern in die digitale Gegenwart unbegrenzter Soundmöglichkeiten gebeamt – sie hätten vielleicht geklungen wie nun Fewjar. Als Duo mischen Jakob Joiko und Felix Denzer bereits zum dritten Mal orchestralen Wave mit verspielter Electronica.

Und der entstehende Progressive-Glamrock klingt, als implodierten die Epochen der neueren Musikgeschichte in einer funkensprühenden Supernova. Auch auf Until scheint den beiden Berlinern von freddymercuryeskem Operettenpathos bis zum skrillexschen Dubstep-Bombast ja nichts zu überfrachtet für ihr gewaltiges Mashup. Alles ist dauernd in Bewegung, ständig flattern Geigen, Pauken, Beats und Lyrics in jeden Zwischenraum. Duran Duran wären entzückt gewesen über all die Möglichkeiten von Fewjar anno 2016. Und wir sind es auch.

Fewjar – Until (S.M.I.L.E.)

indexOdd Couple

So dreckige Gitarren hat man schon lange nicht mehr gehört. Nicht in Deutschland, nicht in dessen Hauptstadt und schon gar nicht in Ostfriesland – den drei Heimatzuschreibungen der Berliner Garagenbewohner mit Küstenwurzeln Tammo Dehm und Jascha Kreft. So innbrünstig zerren sie die Saiten auch auf ihrer zweiten Platte zu Brei, dass man sich kurz an Mudhoney erinnert fühlt, gemischt mit einer großen Portion Krautrock der Art von Grobschnitt. Zusammen genommen hat das etwas flächig Wuchtiges, zugleich aber auch seltsam Ulkiges. Womit wir beim Namen dieser Kleinstband wären.

Odd Couple ist hier nämlich nicht nur ein Wort, sondern Wesen. Übersetzbar als merkwürdige Männerwirtschaft, steht es für den gehobenen Wahnsinn der Kindergartenfreunde aus dem hohen Norden, denen der Daueraufenthalt im Moloch Berlin die ländliche Verschrobenheit sehr unterhaltsam zum urbanen Wahnsinn verdickt hat. Flügge ist demzufolge ein bilinguäres Meisterwerk verstiegener Kreativität in 14 Akten, die textlich nicht weiter der Rede wert sind und gerade deshalb zum Gesamtkunstwerk passen. Nennen wir es mal Stonerpoppostpunkkraut. Herrlich!

Odd Couple – Flügge (Cargo Records)

tt16-softhairSoft Hair

Selbstironie ist nicht das populärste Attribut unserer postpostheroischen Zeit. Wenn der größte Wirrkopf Präsident des mächtigsten Landes werden kann, ohne sich seiner Wirrnis gewahr zu werden, hat es heitere Selbstreflexion auch andernorts schwer. Sogar im Pop, dem Leichtigkeit ja quasi im Wesen steckt. Mit umso mehr Respekt sollten wir da zwei Wirrköpfe beachten, die zwar bloß flotten Lo-Fi-Glam synthetisieren, dies aber mit einem Augenzwinkern tun, das zuletzt allenfalls die Metal-Persiflage The Darkness gezwinkert hat.

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Unterm Namen Soft Hair haben die englischen Elektro-Bastler LA Priest und Connan Mockasin ein Album zubereitet, das wie Prince auf Lachgas klingt, also funky und albern zugleich. Der Legende nach aufgenommen in Autowerkstätten, Schulruinen und Hotels rund um den Globus, kennzeichnet ihr eigenbetiteltes Debütalbum eine Hingabe für tanzbaren Dadaismus, den man angesichts all des Größenwahns ringsum kaum hoch genug schätzen kann. Wenn sich die Welt mal wieder beruhigt, wird man Soft Hair wohl wieder vergessen; für den Moment aber ist es ein kleines Fenster zur heilsamen Kraft des rhythmischen Unsinns.

Soft Hair – Soft Hair (Weir World)


Wolfram Koch: Tatort-Brix & Suicide-Banker

jochen-walther-100-_v-varxl_aa9ef8Ich bin in der Volldeppen-Phase

Auf der Bühne zählt Wolfram Koch (54) seit Jahrzehnten zu den Großen. Dank des Tatort-Kommissars Brix gilt das nun auch fürs Fernsehen. Im ARD-Mittwochsfilm Dead Man Working (Foto: Börres Weiffenbach/HR) brilliert der Offizierssohn aus Paris als Banker, den der Druck seiner Branche zum Selbstmord treibt. Ein Gespräch über fiese Manager, Perfektion als Ziel und wie es ist, einen Geist zu spielen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, haben Sie zuvor schon mal einen Banker gespielt?

Wolfram Koch: Viele sogar, aber alle im Theater. Zum ersten Mal glaube ich 1995 in Männergesellschaft von Edward Bond – sehr spannender Rollentypus im shakespeareschen Sinne männlicher Machtkonzentration. Daher waren unter meinen Bankern auch schon richtig böse dabei, fast verbrecherische.

Im Tatort zum Beispiel.

Mehrfach sogar.

Entwickelt man zu so etwas eine Affinität, wenn’s mal gut geklappt hat?

Nö. Wer wie ich vom Theater zum Film gekommen ist, spielt je nach Alter ohnehin fast alles. Nach den Revoluzzern bin ich grad in die Phase der Volldeppen eingestiegen, wie in der Spanischen Fliege unter Frank Castorff in Berlin oder zuletzt im Tukur-Tatort: Wer bin ich?, wo Martin Wuttke und ich uns selbst spielen, allerdings als total dämliche Arschlöcher.

Ihr Bankmanager Jochen Walther hingegen ist weder Revoluzzer noch Depp, sondern ein Manager an den Hebeln der Macht.

Richtig, und vor allem einer, der sie bedingungslos schaltet. Der sitzt wirklich am Drücker einer Maschine, die die Welt zum eigenen Vorteil bewegen will. Dead Man Working versucht aber nicht nur diesen Antreiber zu zeigen, sondern auch den Getriebenen. So getrieben, dass er relativ früh im Film stirbt. Aber ob sein Tod nun Erlösung, Flucht oder Rache ist – da hat das Publikum großen Interpretationsspielraum.

Ist dieser Topmanager, dem der Erfolg über alles inklusive des Wohls der gesamten Gesellschaft geht, demnach ein lupenreiner Bösewicht?

Das wär mir zu einfach. In Banken begehen Menschen definitiv Verbrechen, aber ich kenne im Freundeskreis meiner Kinder auch ausgestiegene Banker, die erzählen, wie gnadenlos diese Branche auch mit ihrem Spitzenpersonal umgeht. So gesehen ist Jochen Walther weder gut noch böse, sondern zunächst mal ungeheuer gierig.

Kennen Sie diese Gier von sich selbst?

Nein, ich habe ja nicht mal extremen Ehrgeiz, obwohl ich sehr auf der Suche nach Rollen bin, die mich an den Rand des Machbaren bringen. Schauspielerisch bereitet es mir daher enorme Freude, mit Macht und Gier umzugehen. Privat ist mir das völlig fremd und beruflich endet mein Ehrgeiz dort, mir größtmögliche Autonomie zu erspielen. Dafür bin ich allerdings bereit, einiges zu investieren.

Etwa, im Tatort nicht nur böse Banker, sondern den guten Kommissar zu spielen?

Absolut. Eine tolle Rolle. Der Hessische Rundfunk gewährt uns da kreative Spielräume, die anderswo undenkbar wären. Das ist schon manchmal irre. Darüber hinaus genieße ich den Luxus sehr, dank dieser Reihe wirtschaftlich zurzeit sorglos nach vorn blicken zu können. Es kann sogar sein, dass mir erst der „Tatort“ Zugang zu Filmen wie diesem hier verschafft.

In dem es einen besonderen Twist gibt: Nach einem Drittel des Films schweben Sie als eine Art Geist überm Rest der Handlung.

Ja, toll. Sehr spannend, aber im Grunde gar nicht anders zu spielen, als bliebe ich am Leben. So ist es ja auch mit der Erinnerung an Menschen, die man verloren hat: die verändern darin auch nicht ihr Wesen, sondern bleiben genauso lieb oder fies, wie sie waren.

Dieser hier agiert ziemlich fies, während ihr Kommissar Brix das genaue Gegenteil ist.

Ein extrem normaler, aber dennoch schwer zu fassender Charakter, der den Fall ins Zentrum des Interesses lässt. Das ist ein schöner Kontrast zum Theater, wo ich oft sehr extreme Figuren spiele. Beides macht enormen Spaß.

Aber ist es aus schauspielerischer Sicht nicht anspruchsvoller, der Normalität Spannung zu entlocken?

Das ist richtig. Umso schöner finde ich es, im Tatort normal zu sein, während meine Fälle total steil gehen. Wir drehen gerade, kein Scherz, eine Horror-Episode, wo ich bei mir unterm Dach ein totes Kind finde und meine Mitbewohnerin von Geistern besessen ist. Sowas Schräges hab ich noch nie gemacht.

Und das, obwohl Sie mit 13 Jahren in der Böll-Verfilmung Ansichten eines Clowns erstmals vor der Kamera standen. Warum waren Sie im Anschluss so wenig in Film und Fernsehen präsent?

Na ja, als Teenie hab ich noch zwei, drei Sachen gemacht. Dann hatte ich allerdings eine Kabarettgruppe in Bonn und war nach der Schauspielschule voll auf die Bühne fixiert. Trotzdem hab ich immer Filme gemacht, die mir wichtig sind; es hat sie nur keine Sau gesehen. Unabhängig vom Ergebnis finde ich Drehen verglichen mit dem Theater aber auch unfassbar langweilig.

Warum?

Man bereitet Häppchenkost zu Studiomusik zu und ist ständig am Warten, während Theaterstücke vor Publikum ein einziger Rauschzustand sind.

Ist es dann purer Pragmatismus, Filme zu machen?

Nein, es ist auch Interesse am Weiterkommen, denn ich bin weit davon entfernt, diesen Beruf in all seinen Facetten zu beherrschen. Wenn ich das Gefühl hätte, alles darin zu wissen, würde ich meine Sachen packen und was Neues suchen. Mein Anspruch ist Perfektion, aber sie wäre auch das Ende.

Was genau heißt Perfektion?

Angstfrei zu sein, keine Gedanken an die Absicherung zu verschwenden, sondern ausschließlich an die Kunst. Diese absolute Emotionalität sehe ich jedoch höchstens im Rambazamba-Theater, wo Kinder mit Down-Syndrom Shakespeare spielen. Es bleibt eine ewige Suche.