Die Systemmedien & Der heiße Stuhl

TVDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Dezember

Ah ja, die AfD beklagt also mal wieder mangelhafte Berichterstattung der „Systemmedien“ über einen der mehr als 150.000 Sexualverbrechen mit Todesfolge, die Tag für Tag für Tag von Ausländern orientalischer Herkunft an deutschen Blondinen verübt werden, um den schwarzrotgelbgrüngelenkten Genozid am deutschen Volke voranzutreiben. Ungefähr damit begründet die rechtspopulistische Partei nämlich abermals ihre Forderung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, was ihr die nicht nur in dem Punkt geistesnahe FAZ flugs mit einem Bericht dankte. Und was macht die ARD? Sie berichtet am Dienstag darauf in den Hauptnachrichten von einem mutmaßlichen Vergewaltiger mit Migrationshintergrund.

Wohlgemerkt: mutmaßlich, also bis zu einem Gerichtsurteil: unschuldig. Angesichts der schieren Zahl dieser Straftat, die vor allem deutsche Männer ihren wie anderen Frauen abertausendfach im Jahr zufügen, müsste die Tagesschau für vollständige Berichterstattung aus AfD-Sicht also zeitlich verzehnfacht werden. Obwohl – nee, die wollen ja nur, dass über vergewaltigende Flüchtlinge berichtet wird, was wiederum kaum Berichte erfordern würde, weil es da einfach nicht so viel zu berichten gäbe; aber davon wollen Rechtspopulisten natürlich nichts hören.

Umso schlimmer, dass die Sache mit Verhältnismäßigkeit und Relevanz in deren Bannstrahl nun auch den Qualitätsmedien zusehends egal zu sein scheint. Man möchte all die Lügenpressekrakeeler per Zeitmaschine fünf Jahre zurückschicken in eine Epoche, da Linke landauf landab klagten, „Systemmedien“ würden ausländische Hintergründe jeder Straftat überbetonen und zugleich rechtsmotivierte Straftaten verschweigen. Es ist so ermüdend…

0-FrischwocheDie Frischwoche

12. – 18. Dezember

Ähnlich wie der Drang des Privatfernsehens, seine Vergangenheit auf Krampf für die Gegenwart zu reanimieren. Neben Glücksrad oder Ruck Zuck und demnächst Tutti Frutti, holt RTL heute Abend Der Heiße Stuhl aus der Grube. Jenes Krawallformat der dualen Aufbruchsphase, das sein Medium vor 28 Jahren – moderiert vom arglos lächelnden Ulrich Meyer – umwälzen half. Nun folgt ihm der netter lächelnde Steffen Hallaschka zwischen die Streithähne, um ein vorheriges Primetime-Thema aufzuarbeiten. Zum Auftakt: Die innere Sicherheit, ein Jahr nach der Kölner Silvesternacht, mit keinem Geringeren als der durchfallbraunen Verbaldreckschleuder Thilo Sarrazin auf dem Drahtgestell.

Das schafft den seltsamen Spagat, gleichermaßen zeitgemäß und anachronistisch zu sein – als Symbol telegener Brutalisierung, die heutzutage harmlos daherkommt, im permanenten Sperrfeuer des digitalen Hasses. Die AfD jedenfalls dürfte es freuen, dass RTL sich nun ihrer Streitkultur annähert. Das fällt umso mehr auf, als parallel dazu einer der dezentesten Gesprächsleiter abtritt: Jürgen Domian. Am Freitag um 0.45 Uhr spricht er nach gut 20 Jahren letztmals mit anonymen Anrufern und beendet damit endgültig jene TV-Ära, in der das gesprochene Wort auch ohne Krawall ringsum bedeutsam sein konnte.

Was hingegen nie niemals ein Ende zu finden scheint, ist die öffentlich-rechtliche Neigung, Frauenschicksale frauenfeindlicher Epochen zu verklären. Am Montag ist mal wieder das ZDF an der Reihe, eine historisch verbürgte Hauptfigur zur emanzipierten Freiheitskämpferin zu stilisieren, die es so nicht gegeben haben dürfte. Die Glasbläserin mag zwar Ende des 19. Jahrhunderts im Thüringischen tatsächlich die Christbaumkugel erfunden haben; der unzeitgemäße Grad an selbstgewisser Emanzipation, mit dem sie es in dieser Schmonzette der grauenhaftesten Art tut, ist allerdings pure Fiktion fürs weibliche Stammpublikum über 65.

Das parallel auf RTL mit ähnlich fiktiver Romantik im Gewand vermeintlicher Authentizität versorgt wird: Inka Bauses Bauer sucht Frau geht ins 12. Staffelfinale. Wenden wir uns also bedeutenderen Dingen zu. Etwa der fundamentalen Frage, die Arte Dienstag ab 20.15 Uhr einen ganzen Themenabend lang stellt: Brauchen Tiere Rechte? Nicht nur der Kulturkanal beantwortet das natürlich mit ja, so wie nicht nur die Wiederholung der Woche namens Die durch die Hölle gehen (Mittwoch, 23.15 Uhr), vermutlich der beste Vietnam-Film überhaupt, 1978 mit Robert de Niro und Christopher Walken in den Hauptrollen die Frage, ob wir Kriege brauchen, verneint hat.

In Schwarzweiß ist eine Stunde früher beim RBB der ewig sehenswerte Krimiklassiker Es geschah am helllichten Tag von 1958 mit drei L empfehlenswert – auch, um sich nochmals daran zu erinnern, was Heinz Rühmann abseits seiner schauspielerischen Qualität zur Nazizeit für ein rückgratloser Opportunist war. Und der Retorten-Tatort entführt uns nach Weimar, wo Christian Ulmen und Nora Tschirner am Dienstag (22 Uhr, NDR) nochmals ihr Debüt Die Fette Hoppe nachfeiern.


Mittekill, Maria Taylor, Nothing But Thieves

mittekill-die-montierte-gesellschaftMittekill

Das derzeit interessanteste Durcheinander deutscher Herkunft stammt mal wieder von Mittekill. Auch auf seinem vierten Album kompiliert Friedrich Greiling – mittlerweile solo – 13 Stücke, die stilistisch scheinbar wenig mehr miteinander zu tun haben als den verspielten Aberwitz eines Soundbastlers aus Berlin, der aus dem schier unerschöpflichen Fundus seiner Rechner verknüpft, was der Kosmos des Synthiepops hergibt. Diesmal allerdings tut er es mit einem Leitthema, das sich bereits im Titel Die montierte Gesellschaft andeutet: Es geht um Flüchtlinge, denen Mittekill aus dem Herzen ihres kindlich verspielten Musikalität das Suffix “Krise” entziehen und durch politischen Dadaismus ersetzen.

In 4000 Kilometer etwa wird Migration mit Männerchor und Tuba zum absurden Theater, das ABC der Integration zwei Stücke weiter zum Technobeat gepaukt, und wenn die Bürokratisierung der (Un-)Willkommenskultur mit übertrieben ausländischem Akzent auf der Agenda steht, paart sich politischer Ernst mit hedonistischer Seriosität, die sogar tanzbar ist. Lacht kaputt, was euch kaputt macht: Mittekill hat selbst an dieser verheerenden Gegenwart im Kollektiv Betroffener Spaß. Freuen wir uns doch mit über dieses fabelhafte Experiment des fröhlichen Falismus!

Mittekill – Die montierte Gesellschaft (WELTGAST music)

tt-16-taylorMaria Taylor

Nicht ganz so experimentell, nein – überhaupt gar nicht experimentell, sondern mit Verlaub eher konventionell klingt hingegen jemand, deren Name allein schon so gewöhnlich wirkt wie hierzulande Thomas Müller. Dennoch ist es wichtig, ja unerlässlich, an dieser Stelle mal ausdrücklich all jene auf Maria Taylor aufmerksam zu machen, die sie nicht ohnehin bereits kennen, was trotz 25 ihrer 40 Jahren auf Erden im Musikgeschäft mit fünf Solo-Platten seit 2005 und einer ganzen Reihe von Bands durchaus möglich ist. Maria Taylor macht nämlich eine Art Indiefolk, die keinerlei Anspruch auf Exklusivität beansprucht, aber gerade dadurch unglaublich angenehm klingt.

Vom Trump-Land Alabama rechtzeitig nach Kalifornien gezogen, macht die zweifache Mutter nämlich auch auf ihrem sechsten Album unterm eigenen Namen dezent bandbegleitete Americana, mit der sie in keiner Fußgängerzone stören, aber in Windeseile zahllose Konsumenten kurz zum Verweilen einladen würde. Durch die ganze Tiefenentspanntheit einer Frau in den, pardon, besten Jahren bohrt sich In The Next Life mit Taylors gern gedoppelter, stets ausdrucksstarker Stimme nämlich direkt in die Seele. Und wenn es ein bisschen cheezy zu werden droht, nimmt sie etwas Tempo auf und macht aus dem Flower-Power-Pop alternativen Rock mit Anspruch und Ausdruck und Orgel aus dem Hamburger Grand Hotel van Cleef. Schön.

Maria Taylor – In The Next Life (Grand Hotel van Cleef)

Live in London

nothing_but_thieves_credit_sony-2Nothing But Thieves

Es gibt drei Voraussetzungen, die Weltbühne des Pop zu erobern: Man sollte möglichst massentaugliche Musik machen. Man sollte angloamerikanischer Herkunft sein und ganz wichtig: mindestens der Mensch am Mikro sollte maximal makellos sein, Tendenz Rampenschönheit. Bis auf Punkt zwei sind das keine idealen Voraussetzungen für Conor Mason, Sänger und Kopf einer Band, die durch alles Mögliche besticht, nicht aber Massentauglichkeit oder Schönheit an der Weltbühnenkante: Nothing But Thieves. Wie egal so etwas im Mutterland fast aller Sounds von heute sein kann, zeigte sich jedoch am Samstag in der Brxton Academy, einem dieser unzähligen Tempel des Londoner Musikolymps, jugendstilprächtig und voller Geschichte. Als der klitzekleine Connor mit dem zerknautschten Knuddelgesicht das fast hundertjährige Theater betreten hatte, geschah nämlich Seltsames: 5000 Besucher rasteten kollektiv aus, wie sie es schon bei den zwei Vorgruppen, ja selbst der gemeinsam mitgesungenen Pausenmusik vor Aufregung getan hatten.

Textsicher bis in die hinterletzte Reihe des riesigen Ranges, sang es praktisch jeden Track einer Band mit, die hierzulande kaum jemand kennt, in ihrer englischen Heimat aber ganze vier Jahre nach der Gründung längst zum Heißesten zählt, was dem Durchlauferhitzer britischer Gitarrenmusik zurzeit entfährt. Und das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die fünf Mittzwanziger aus Essex einen sehr straighten, oft räudigen, jedenfalls konsequent analogen Rock’n’Rollnothing_but_thieves_credit_sony-1 durch die gewaltige Lichtshow hämmern, der immer wieder vom vielleicht seltsamsten Gesang des Popbiz konterkariert wird. Musikalisch irgendwo zwischen Arctic Monkeys und Arcade Fire, untermalt Connor Mason das Ganze stimmlich im theatralischen Volumen von Freddy Mercury oder Spandau Ballet. Und trotz aller Melodramatik sorgt diese seltsame Mischung in der Brxton Academy mehr noch als auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum für eine Rätselhaftigkeit, die selbst Außenstehende mitreißt. Von den seligen Gästen des rasend schnell ausverkauften Abschlusskonzerts ihrer britischen Tour ganz zu schweigen.

Ein wuchtiger, verträumter, manchmal zu pathetischer, aber durchweg stimmiger Auftritt daheim, wo die Band anschließend allen Ernstes ihre Familien im Backsagebereich zum Feiern begrüßte. „Das ist hier einer der größten Momente meines Lebens“, sagte Connor dort aus seiner sympathischen Knautschzone, größer noch, als voriges Jahr, beim Support der stilistisch artverwandten Muse in Köln vor 15.000 Besuchern. Demnächst dürften sie eigens für Nothing But Thieves kommen.


2 Bier – 1 Platte

marthe-boseDer Fall Böse & Tom Waits

Der Fall Böse feiern in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bandbestehen. Mit Phönix Baby! ist im Oktober das siebte Studioalbum der Jungs aus St. Pauli erschienen. Björn aka Burns ist nicht nur Sänger der Band, sondern auch DJ und das, was man wohl einen echten Musikjunkie nennt. Deshalb hat er sich mit mir auf zwei Bier im Haus 73 getroffen, um über eine Platte zu sprechen – nicht irgend eine, seine Lieblingsplatte.

Von Marthe Ruddat 

Dringende Empfehlung der Autorin: Legt genau jetzt Tom Waits’ Rain Dogs auf.

Björn aka. Burns: Eine besondere Platte, das hätten natürlich echt viele sein können. Ich bin vorhin noch mal meine Sammlung durchgegangen. Letztendlich habe ich mich aus vielerlei Gründen für ein Tom Waits-Album entschieden. Und zwar Rain Dogs.

Rain Dogs erschien 1985. Das Album wurde ein echter Kritikerliebling und vielfach als Meilenstein der 80iger betitelt. Die Songs Jockey Fullof Bourbon und Tango Till They’re Sore sind in Jim Jarmuschs Film Down by Law zu hören.

freitagsmedien: Warum muss es genau dieses Album von Waits sein?

Der Wichtigste ist eigentlich, dass es das erste Album war, das total anders klang, als alles andere, was ich bis dahin gehört hatte. Ich war damals noch total jung, 15 oder so. Ich hab nur Punk und Hardcore gehört und meine Protestnummer durchgezogen, wie man das halt so macht. Meine große Schwester und ihr Freund hatten eine riesen Plattensammlung, das war quasi meine musikalische Früherziehung. Und dann haben die plötzlich Rain Dogs aufgelegt und ich dachte nur: Krass!

Krass, weil…?

Ja, ich weiß, es ist Tom Waits. Aber man darf das ja mal jemanden erzählen lassen!

Zum Beispiel, weil der Schlagzeuger da mit irgendwelchen Klöppeln an Lampen haut, um die Beats zu machen. Solche Sachen passieren ganz viel auf diesem marthe-waitsAlbum. Und dann einfach diese Stimme von Tom Waits. Das war alles ein totaler Bruch mit der Musik, die ich vorher so gehört habe. Witziger Weise habe ich später herausgefunden, dass das Coverfoto und die Fotos im Album aus dem Café Lehmitz sind. Irgendein schwedischer Fotograf hat mal eine Fotoreihe über das Lehmitz gemacht und die ganzen besoffenen Pärchen da fotografiert. Und auf dem Cover der Rain Dogs ist genau so ein Pärchen zu sehen. Ich finde das besonders schön, weil wir unser erstes Konzert im Lehmitz gespielt haben und Anfang der 2000er sogar die Hausband dort waren. Das ist irgendwie eine ganz schöne Geschichte und die musste ich mir nicht mal ausdenken!

Der schwedische Fotograf heißt Anders Petersen. Sein Bildband Café Lehmitz erfährt immer noch große Anerkennung und wurde 2014 noch einmal neu aufgelegt.

Tom Waits ist für seine melancholisch-düsteren Texte bekannt. Worum geht es auf der Rain Dogs?

Auf der Rain Dogs geht es meistens um die verlorenen Leute. Es geht um Prostituierte, es geht um Trinker, es geht um Drogenabhängige, um eigentlich traurige Leute, die aber gar nicht wissen, dass es ihnen schlecht geht und sich auch nicht beschweren.

Wie laut.de schreibt, sagte Tom Waits einmal über den Titel seines Albums: „’Rain Dogs’ ist ein Begriff, den ich für jene armen Teufel schrieb, die ohne Heim in den Hauseingängen schlafen. Hunde im Regen verlieren ihren Orientierungssinn, weil das Wasser all ihre Markierungen und Geruchsspuren erbarmungslos hinfort spült. Du siehst diese Gestrandeten nach dem großen Regen überall auf den Straßen, wie sie den Kopf nach dir drehen, und ihre flehenden Augen bitten dich, ihnen den Weg nach Hause zu zeigen. Es ist aussichtslos. Genau wie sie sind all die besungenen Leute auf diesem Album miteinander verbunden. Zusammen genäht von einem Faden aus Schmerz und Unannehmlichkeiten.“

Fühlst du dich davon persönlich angesprochen?

Tom Waits erzählt auf diesem Album Geschichten und deshalb habe ich mich davon natürlich angesprochen gefühlt. Ich finde die kaputten Themen und Menschen einfach viel interessanter, als die leuchtenden Dinge des Lebens. Die interessieren mich nicht wirklich.

Marthe1Hat die Musik von Tom Waits deshalb auch deine eigene Musik beeinflusst?

Ja total, sowohl inhaltlich, als auch musikalisch. Der Fall Böse mache ich ja nicht alleine, da sind noch sechs andere, die auch ein Wörtchen mit zu reden haben. Aber Tom Waits’ Art, mit Sprache umzugehen hat mich auf jeden Fall sehr inspiriert. Es geht darum, nicht immer nur das Naheliegendste zu suchen, sondern den Leuten und auch sich selbst Rätsel aufzugeben. Ja, das klingt ziemlich prall, ich weiß. Aber mein Ziel ist, dass die Leute, die unsere Songs hören, zum Nachdenken angeregt werden und ihre ganz eigenen Interpretationen für die Texte finden. Das ist ja auch viel spannender, als das alles so vorzukauen.

Wer die auf eurem neuen Album besungene Mathilda ist, ist also auch Interpretationssache?

Ja, Mathilda ist keine bestimmte Person. Eigentlich ist der Song tatsächlich eine Fortsetzung eines Liedes von Tom Waits, von Waltzing Mathilda. Genau genommen ist es keine Fortsetzung, aber als wir gerade einen Namen für den Song gesucht haben, habe ich Waltzing Mathilda gehört. Das ist ein sehr trauriges Lied und die Person in unserem Song ist auch sehr traurig. Deshalb bin ich darauf gekommen. Unsere Mathilda bekommt aber noch die Kurve, also vielleicht…

 

Tom Waits – Waltzing Mathilda aka Tom Traubert’s Blues

 

Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I’ve got what I paid for now

See you tomorrow, hey Frank, can I borrow a couple of bucks from you

To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

I’m an innocent victim of a blinded alley

And I’m tired of all these soldiers here

Noone speaks English, and everything’s broken, and my Stacys are soaking wet

To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

Now the dogs are barking and the taxicab’s parking

A lot they can do for me

I begged you to stab me, you tore my shirt open,

And I’m down on my knees tonight

Old Bushmill’s I staggered, you’d bury the dagger

In your silhouette window light

To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

Now I lost my Saint Christopher now that I’ve kissed her

And the one-armed bandit knows

And the maverick Chinamen, and the cold-blooded signs,

 

And the girls down by the striptease shows, go

Waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

No, I don’t want your sympathy, the fugitives say

That the streets aren’t for dreaming now

And mans laughter dragnets and the ghosts that sell memories,

They want a piece of the action anyhow

Go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

Hat es Dir auch auf der Rain Dogs ein Song besonders angetan?

Hm, ich kann das gar nicht auf einen Song runterbrechen. Das ganze Album ist einfach toll. Grundsätzlich entwickelt jeder Song sein ganz eigenes Szenario, tief traurig, manchmal mit einem Dreh ins Positive, manchmal aber auch nicht. Es gibt einen Song, mit einer ganz spannenden Geschichte, Downtown Train. Tom Waits selber mochte das Lied gar nicht. Rod Steward hat es dann später gecovert und zu einem richtigen Welthit gemacht.

Rod Steward coverte nicht nur Downtown Train, sondern eben auch Waltzing Mathilda.

Wenn Du Tom Waits mal treffen würdest. Was würdest Du ihm sagen oder ihn fragen?

Da wäre ich wahrscheinlich… (überlegt kurz), ja ich wäre wahrscheinlich starr vor Angst. Irgendwie macht der Typ mir auch einfach Angst. Ich mag diesen Verehrungsbegriff nicht und idealisiere auch nicht gerne Menschen oder Dinge, aber ich habe einen solchen Respekt vor diesem Talent und diesem Irrsinn. Wenn ich es mir ausmalen könnte, dann würde ich unheimlich gerne einen sehr guten Whiskey aufmachen und eine Zigarre anzünden und das Gespräch einfach irgendwohin fließen lassen. Einzelne Fragen würden der Sache einfach nicht gerecht. Ein Traum von mir wäre tatsächlich, Tom Waits mal live zu erleben. Aber er spielt ja leider nur sehr wenige Konzerte, und wenn, dann irgendwo in Schottland unter der Erde oder so.

Der Fall Böse legen zum Glück eine andere Konzert-Mentalität an den Tag und sind gerade mit ihrem neuen Album Phönix Baby!auf Tour. Am 14.12.2016 spielen sie in Hamburg unter der Erde, im Mojo. Mathilda wird auch da sein. Weitere Infos und Tickets gibt’s hier.


Falsche Olympiaden & gefakte Dokus

TVDie Gebrauchtwoche

28. November – 4. Dezember

Nun ist es also amtlich: Katharina Blums Einsätze am Bodensee, vom Gros der Fans konsequent, aber fälschlich „Tatort“ genannt, der ja eigentlich ansehnliche Kriminalunterhaltung bezeichnet, sind seit vorigen Sonntag endlich Geschichte. Und dann noch das: die Olympischen Spiele, vom Gros der Medien konsequent, aber falsch „Olympiade“ genannt, die ja nur den vierjährigen Zeitraum zwischen zwei Spielen bezeichnet, werden bis 2024 ausschließlich von Sendern der Discovery-Gruppe gezeigt, hierzulande also neben Pay-TV vor allem: Eurosport.

Das ist in der Tat jene Zäsur, die ARD und ZDF nun angemessen lautstark beklagen, ohne in Tränen auszubrechen. Mehr als 150 Millionen Euro für ein paar Häppchen – und das ohne Digitallizenzen – waren beiden dann doch zu viel. Was zwei Folgerungen nahelegt: Fernsehsport ist für die Platzhirsche vor allem Fußball, der ihnen jeden noch so hohen (Gebühren-)Betrag wert ist. Und die private Konkurrenz? Will gar keine öffentlich-rechtlichen Partner im Boot, um das Publikum langfristig von ihnen zu entwöhnen.

Das hat drei Konsequenzen: Da Discovery rein wirtschaftlich tickt, wird es unwirtschaftliche Sportarten, sagen wir: Gehen, zugunsten lukrativer, sagen wir: Sprinten, in die hinterletzten Programmecken verbannen. Zumal (zweitens) Eurosport mitsamt des Mackerkanal DMAX alles andere als objektive Chronisten des Olympischen Events sind, sondern Teile desselben, die sich produktschädigende Berichte über Themen wie Doping oder Korruption tunlichst verkneifen werden. Was zum dritten Punkt führt: ARZDF können ihr hyperpatriotisches Jubelpersertum endlich durch distanzierte Analysen ersetzen und dem Staatsauftrag damit gerecht werden.

Schöne alte Medienwelt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. -11. Dezember

An die erinnert auch Blacktape. In seiner ZDF-Doku reist Sékou Neblett heute um 0.15 Uhr in die Zeit des öffentlich-rechtlichen Monopols, als Videos noch bei Peter Illmann statt MTV, geschweige denn Youtube liefen. Der Filmemacher sucht den Künstler Ti Gon, der vor rund 40 Jahren als Erster auf Deutsch gerappt haben soll. Begleitend zu Wort kommt auch das Who-Is-Who des hiesigen HipHop: Max Herre, Thomas D., Samy Deluxe, Haftbefehl – solche Kaliber. Gemeinsam jagen sie ihren legendären Vorreiter. Allein – den gibt‘s gar nicht! Nebletts Film ist eine Mockumentary, gibt sich mit Wackelkamera, Interviews und viel Musik also nur den Anschein dokumentarischer Authentizität.

Da Dichtung und Wahrheit Richtung Finale aber zusehends wild ineinander rauschen, wird Blacktape zur grandiosen Geschichtsstunde des hiesigen HipHop. Fiktion kann so wahrhaftig sein! Ein Motto, das wirklich nicht auf jede Erzählung dieser Woche zutrifft. Im Piloten der neuen Krimireihe Wolfsland zum Beispiel schickt die ARD am Donnerstag erneut inländische Ermittler ins Ausland – diesmal die Hamburger Kommissarin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) nach Görlitz, wo natürlich bizarr gemordet wird. Tags drauf deliriert sich Arte zur besten Sendezeit ein weiteres Frauenschicksal des Fin de siècle schön: Die Glasbläserin erfindet historisch verbürgt die Christbaumkugel, agiert dabei aber eher ahistorisch erträumt wie ein weibliches Rolemodel von heute.

Dann doch lieber dystopischer Realismus aus Spanien, wo sich der junge Drogenkurier Farid in Cannabis an gleicher Stelle ab Donnerstag um 21.45 Uhr mit seinem Boss anlegt – und dabei in zwei Dreifachfolgen die Abgründe des Gangstermilieus erlebt. Den Mythen der Realität spürt ab Freitag Netflix nach, wenn die Macher der Myhthbusters drei äußerst telegene TV-Wissenschaftler beauftragen, den Wahrheitsgehalt so genannter White Rabbits zu erkunden – Ereignissen und Erfindungen, die oft zu verrückt sind, um wahr zu sein. Verrückt genug um unwahr zu sein ist offensichtlich Dirk Gentlys Holistische Detektei, in der Samuel Barnett ab Sonntag ebenfalls auf Netflix als verschrobener, aber brillanter Amateurdetektiv mit seinem Assistenten (Elijah Wood) acht schräge Fälle löst. Für den nötigen Aberwitz sorgt da schon der Vorlagengeber: Douglas Adams.

Realen Irrsinn zeigt die Wiederholung der Woche in Farbe: Neue Vahr Süd (Montag, 23.15 Uhr, NDR), Hermine Huntgeburths großartiges Prequel von Sven Regeners Lehmann-Trilogie mit Frederick Lau als Bundeswehrrekrut im Kalten Krieg. Ebenfalls und immer wieder empfehlenswert: Apocalypse Now Redux, der Director’s Cut von Coppolas Vietnam-Klassiker (Mittwoch, 0.00 Uhr, HR). Schon wegen des Alters von fast 100 Jahren ein schwarzweißes Erlebnis besonderer Art: Der rote Halbmond (Montag, 23.50 Uhr, Arte) von 1919, Frühwerk des ungarischen Filmpioniers Alexander Korda um die Auseinandersetzungen seiner Heimat mit dem Osmanischen Reich. Ab heute neu: die Tatort-Wiederholung, zum Auftakt von 1996 Schattenwelt (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) mit Bruno Ganz frühen Leitmayr/Batic-Fall um einen toten Obdachlosen. Mit auch schon 50 Jahren noch älter ist das legendäre Album Pet Sounds der Beach Boys, dem Arte am Freitag (21.45 Uhr) ein Plattenporträt widmet.


Pete Doherty, Nosizwe, Sonaa

tt16-dohertyPete Doherty

Was will man machen – Pete Doherty, der vielleicht letzte große Herzensrüpel im Mainstream des Pop, sorgt verlässlich für weiche Knie, wann immer man ihm beim Singen zuhört. Mit den Libertines tat er es das Anfang des Jahrtausends robuster, mit den Babyshambles nach deren Split sodann etwas gezähmter, doch egal an wessen Seite: stets verband das offensiv drogenaffine Milchgesicht aus London eleganten Britrock mit seiner hinreißend schnodderigen Stimme so schön zum unvergleichlichen Doherty-Sound, dass man ihm in den Arsch treten und einen Moment später knuddeln möchte. Das zeigt er nun auch auf seinem Solo-Album.

Weil er es im Hamburger Cloud Hill Studio aufgenommen hat, heißt es Hamburg Demonstrations. Um die selbsterklärte Heimstadt des Mythos vom deutschen Cool im Rock’n’Roll geht es zwar nur am Rande; ein paar lautmalerische Textfragmente auf Deutsch im Opener Kolly Kibber hier, etwas St.Pauli-Aura dort – das war’s schon. Aber man merkt den neun Stücken doch an, dass Pete Doherty die Atmosphäre des Kindergarten der Beatles gesucht hat, dass er auf der Suche nach etwas Nostalgie im zeitgenössischen Indierock war. Die hat er gefunden. Hamburg Demonstrations klingt wie so oft bei ihm herrlich verschroben und dabei eingängig, bisschen versoffenes Hafen-Flair, bisschen britische Lässigkeit und über allem diese Stimme. Zum Herzerweichen.

Pete Doherty – Hamburg Demonstrations (Clouds Hill)

tt16-nosizweNosizwe

Die Heimat in sich zu haben und sein Idol nebenan, kann das Herz selbst fern von beiden erwärmen. Die Heimat vor Augen zu haben und sein Idol noch dazu, das gleicht indes schnell einem Feuer, das alles auftaut, was lange eingefroren war. Die südafrikanische Songwriterin Nosizwe zum Beispiel kam in Norwegen zur Welt, fühlte sich aber erst nach dem Umzug ins Land ihrer Eltern wirklich zuhause und reifte bald zur festen Größe der regionalen Soulszene. Vervollkommnet wurde ihr Glück allerdings erst, als sie mit Anfang 30 die gleichaltrige Multiinstrumentalistin Georgia Anne Muldrow aus L.A. traf, eine Heldin ihrer musikalischen Gegenwart, so betont sie gern.

Vor allem aber: Quell großer Inspiration. Gemeinsam haben sie nun ein Debütalbum produziert, das in jedem der zwölf Tracks spüren lässt: Hier ist eine angekommen, wo sie hingehört. Bereichert um elektronischen Pop ihres Geburtslandes, erinnert In Fragments vielfach an Lauryn Hills Fugees – elaborierter R’n’B mit Anflügen von Rap und Jazz im Mash-up der Neunziger, das sich zur afrikanischen Wurzel ebenso bekennt wie zur kosmopolitischen Gegenwart von Oslo bis L.A. Gäbe es den Begriff noch, es wäre wohl die wahre Weltmusik.

Nosizwe – In Fragments (Knirckefritt)

PO2-V1FZ-003.pdfSONAA

Wo wären wir, wenn es den Jazz nicht gäbe? Würde es ohne die radikale Abweichung von der klassischen Metrik überhaupt moderne Bandmusik geben, vom Rock mit all dem Post, Prog, Indie davor ganz zu schweigen? Systemisch bleibt das die ungeklärte Frage des Missing Link zur Gegenwart. Für die Sons of Noel and Adrian hingegen ist sie leicht zu beantworten: Ohne Jazz? Böte das Kollektiv unterm Akronym SONAA nur – Pop. Da die (von 13 auf 9 reduzierten) Mitglieder ihr zeitgenössisches Instrumentarium jedoch konsequent verjazzen, kreiert das Kleinorchester aus dem englischen Brighton auf dem offiziell dritten Album seit 2008 ein Stilkompendium, das es so – ehrlich! – noch nie gegeben hat.

https://soundcloud.com/kfrecords/01-perses

Viele, viele filigrane Streicher werden darin mit verzerrter E-Gitarre geschreddert, artifizielle Synthesizer-Fragmente drängeln sich an Horn, Klarinette, Flöten vorbei zum oftmals archaisch klingenden Schlagzeug und vereinigen sich dort mal mit weiblichem Feengesang, mal mit Jacob Richardsons melodramatischen Bariton zu einem klangvollen Durcheinander, dem der Bandgründer auf unerklärliche Weise Struktur verleiht. Und zwar spielend. Auf einem der ganz großen Exponate experimentellen Pops von heute.

SONAA – Turquoise Purple Pink (K&F Records)