Testosteron-Schwemme & Apropos-Flut

TVDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Januar

Er ist in vollem Gange – der bemitleidenswert schlichte Wettstreit, welcher Wintersportreporter die Erfolge deutscher Landsleute nun debiler giggelnd feiert, als wären es die der eigenen Kinder: Michael Antwerpes, Norbert König, Matthias Opdenhövel, Sigi Heinrich, weitere Vorschläge? Schon merkwürdig, wie wenig Distanz erwachsene Profis mit Journalistenausweis im Portemonnaie zu ihrem Berichtsgegenstand aufbringen. Na – wenigstens die Lügenpressekeule von Pegida und Co. bleibt diesen Hurra-Patrioten dank ihrer unverbrüchlichen Vaterlandsliebe erspart…

Das sollte sich kurz mal vor Augen halten, wer das Schicksal seriöser Kollegen bereits vor Augen hat: Von denen nämlich wurden nach Recherchen der Reporter ohne Grenzen voriges Jahr 74 im Einsatz getötet und 348 inhaftiert. Gar nicht zum Jubeln. Zumal die Situation auch in Zivilisationen kritischer wird, Polen zum Beispiel, Ungarn, der Türkei, bald den USA. Einst das Land der unbegrenzten Freiheit, in dem der scheidende Springer-Angestellte Kai Diekmann ein Praktikum zur digitalen Zukunft absolvierte, ist es längst das der Rendite, in dem mit Apple vorige Woche einer von Diekmanns Ausbildungsbetrieben auf Befehl der Machthaber hin die chinesische App der New York Times sperrte. Es ist so armselig.

So gesehen hat der Postillion sogar Glück gehabt, dass sich dort keiner für die deutsche Satireplattform interessiert. Auf ihr ist nämlich der beste Beitrag zur Debatte ums Polizeikürzel für vermeintliche Intensivtäter aus Nordafrika erschienen. Und während sich der WDR dafür rechtfertigen musste, die Extraportion „Nafri“-Testosteron in Köln und anderswo „gewaltgeile Männerhorden“ genannt zu haben, wird planvoll vergessen: wo immer sich Männer gleich welcher Herkunft zusammenrotten, wird‘s für Frauen rasch unangenehm.

0-FrischwocheDie Frischwoche

9. – 15. Januar

Wie unangenehm es auch mit weit weniger Subjekten für weibliche Objekte werden kann, zeigt der ARD-Thriller Kalt ist die Angst. Als Peter Heller darin unerwartet stirbt, stößt seine Frau Claire auf dessen Doppelleben, in dem es vor Abgründen von Intrigen bis Prostitution im Kreise machtverliebter Männer wie Christoph Maria Herbst als eine Art Bodyguard nur so wimmelt. Das ist grad von Caroline Peters zwar durchaus intensiv gespielt, verheddert sich aber wie üblich im Netz aus Effekthascherei und Designervillen. Fazit: Für Zuschauer mit Anspruch zu seicht, für Fans des Genres akzeptabel, fürs Medium Fernsehen bestenfalls Stagnation.

Apropos: Das Dschungelcamp ist zurück. Freitag sammeln sich dort zum elften Mal semiprominente RTL-Adepten von Casting-Gewächs (Gina Lisa) bis Fußball-Fossil (Thomas Hässler) und spielen vor 100 Kameras Privatsphäre. Apropos: Inspector Jury ist zurück. Dienstag sammeln sich ein paar talentierte Schauspieler wie Fritz Karl oder Götz Schubert in einem sehr deutschen ZDF-England und vergessen zum drittenmal, dass sie diesen Beruf gelernt haben. Apropos: Einstein ist zurück. Dienstag macht Sat1 den fiktionalen Ururenkel des Genies zum Profiler leidlich lustiger Krimizoten und zeigt damit, dass Screwball-Humor der 40er Jahre offenbar weiter Drehbudgets rechtfertigt.

Bei so viel fiktionalem Müll gibt es abgesehen von Christian Petzolds Kinofilm Phoenix mit der hinreißenden Nina Hoss als jüdische Holocaust-Überlebende, die dank einer Gesichtsoperation am Mittwoch auf Arte unerkannt ihrer Vergangenheit nachspüren kann, nur Dokumentarisches zu empfehlen. Ein sehr kluges Porträt des gar nicht so dunklen Darknet zum Beispiel, heute um 22.45 Uhr in der ARD. Der Arte-Themenabend Die Milch macht’s zum breiten Graben zwischen Tiernutzung und Veganismus tags drauf. Oder all das Brimborium zum Eröffnungskonzert der  Elbphilharmonie am Mittwoch. Weil es ebenso wie alle anderen Konzerte bis Jahresende ausverkauft ist, zeigt der NDR die Premiere ab 20.15 Uhr live, gefolgt von einer Doku übers prachtvolle Milliardengrab, was Arte am Sonntag ab 16.30 Uhr wiederholt.

Zum letzten Mal apropos, versprochen: Die Wiederholungen der Woche. Heute in schwarzweiß: Das Testament des Dr. Mabuse (20.15 Uhr, Arte), Fritz Langs letzter Film vor der Emigration verfeinerte 1933 den selbstkreierten Typus des größenwahnsinnigen Megaverbrechers. Morgen in Farbe: Falsches Spiel mit Roger Rabbit (20.15 Uhr, Disney Channel), der Mix aus Comic und Film setzte 1988 einen Meilenstein der Special Effects. Mittwoch der Tatort-Tipp erneut aus Bayern: Das Verlorene Kind von 2006 (20.15 Uhr, BR). Und wer es noch nicht gesehen hat: Seit voriger Woche ist The People v. O.J. Simpson bei Sky zu sehen, die American Crime Story von den juristischen Folgen der berühmtesten Autoflucht mit Cuba Gooding Jr. als gestrauchelter Football-Star und John Travolta als einer seiner Anwälte. Grandios!


Club-Mausoleum: Tiefenrausch (ca. 1985-97)

ex-tiefenrauschUnter Wasser an Land

Die zuckersüße Kellerdisko Tiefenrausch hat vorgemacht, dass Elektrosound auch ohne Stroboskop-Gewitter genießbar ist. Erinnerungen an Partynächte zwischen Tropenfischen, Zappelbeats und seltsamen Substanzen aller Farben.

Von Jan Freitag

Eintauchen, abtauchen, untertauchen: Wenn es um bewusst bewusstseinsverändernde Wechsel in Gefilde fern der Norm geht, wird dafür gerne mal Wassersportvokabular verwendet. In der Hamburger Hopfenstraße, dort wo St. Paulis Amüsiergegend jahrzehntelang ins Brauereiviertel ausfranste, gab es einst die Disko Tiefenrausch, die sich mit ihrem Namen dieser Assoziationen bewusst bediente.

Tiefenrausch. Clubgängern mit eigenem Erinnerungsspeicher geht gleichermaßen ein wohliges Kribbeln durchs Gemüt, wenn sie an den Laden denken. Schließlich war der kleine Kellerclub abgesehen vom unverwüstlichen Purgatory vermutlich Hamburgs erste Kleinraumdisco mit elektronischer Liedstruktur, dessen Innenausstattung vom Fabrikambiente damaliger Technoclubs konsequent abwich. Wer vor gut 30 Jahren House hören wollte, wurde seinerzeit noch vorwiegend ins Stroboskop-Gewitter geschickt – oder noch artifizieller ins Lasershow-Unwetter. Dann aber eröffnete schräg gegenüber der unberührbaren Herbertstraße dieser pittoreske Laden mit dem Mischnamen aus beidrehen, abdrehen, baden gehen und alles wurde irgendwie anders. Milder. Märchenhaft. Seifenblasig.

In den klinisch-kühlen Achtzigern am Übergang zu den übersteuert-beliebigen Neunzigern war er somit ebenso die Antithese zur herrschenden wie zur aufkommenden Partykultur jener Tage: Weder aseptisch wie Tunnel und Traxx noch poppig wie der analoge Rest des Mainstreams. Sondern wohlig warm und doch sehr künstlich. Schon dieser Einstieg: Ein paar Stufen abwärts ging es durch die wellenfarbig bemalte Fassade mit Tropenfischen hinab zur Tiefsee. Über der Theke hingen Fangnetze und Schwimmflossen, gesäumt von allerlei Korallenriffgetier aus Pappe und Plastik. Die maritime Dekoration garnierte einen Weg zum Dancefloor, der eigentlich fast überall war – so winzig kam der Meeresgrund unterm Kopfsteinpflaster daher.

Getanzt wurde darauf zu einer Art quirliger Entspannungselectronica, die dem damaligen Abzweig des langsam erwachenden Kiezes in die Chichi-Kultur ent-, zugleich aber auch widersprach. Nebenan rollte ja gerade eine Kuschelwelle über die Reeperbahn, vielerorts ging es plötzlich plüschig statt brachial zu. Noch ohne dem “Ex” davor hing selbst im Punkerschuppen Sparr ein Gemälde voll röhrender Hirsche überm Troddel-Sofa. Es war die Zeit der Geweihe und Flora-Soft-T-Shirts. Nach dem verlorenen Jahrzehnt blutiger Bandenkriege und konstanter Vernachlässigung wurde St. Pauli stellenweise behaglich, im Tiefenrausch vertont durch einen Sound, der dem zackigen Acid die Kanten abschliff und das Gemüt eher umschmeicheln als aufwühlen wollte.

Anfang der Neunziger wurde der Clubsound im Tiefenrausch dann zusehends ergänzt vom damals noch smartem Hip-Hop. Der Sprechgesang fand hier ein wichtiges Refugium und machte Hamburg für kurze Zeit zu einem Kristallisationspunkt des europäischen Hip-Hops. Das war natürlich, wie so oft im Rotlichtbereich, ein Stück weit Tarnung der vorherrschenden Mehrheitskultur, denn auch im Tiefenrausch drang neben feinem Elektro und Hip-Hop regelmäßig Mainstream aus den Boxen. Aber man ließ sich davon nur zu gerne blenden. Unterstützt übrigens durch diverse Pillen und Mischgetränke seltsamer Farbgebung von altrosa bis frühlingsgrün, die ihre Wirkung gern unverhofft und verspätet entfaltet haben. Schon deshalb verließ man den Laden selten vor dem Morgengrauen – um aus dem glitzernden Ozean sediert ins Brackwasser der Nachbarschaft gespült zu werden.

Die Querungen der Talstraße Richtung Hafen waren da nämlich noch fest im Griff von Prostitution und Anwohnerparken. Dort, wo die Gentrifizierung bald darauf eine Schneise der Aufwertung ins Quartier trieb, lebten und arbeiteten seinerzeit echte Menschen mit gewachsener Verwurzelung. Statt eines Hotels mit imperialem Namen überm Kupferportal im Albert-Speer-Gedächtnis-Stil erhob sich braukesselgesäumt das stilisierte Betonbierglas der Astra-Zentrale in den Himmel. Wo es jetzt streng nach Geld und Kaffeekapseln riecht, roch es noch strenger nach Hopfen und Malz. Umso erstaunlicher, dass mit dem Wandel von St. Pauli am Ort des Tiefenrausches der Punkrock noch ein Zuhause fand.

Schon in den letzten Zuckungen des Clubs vor der Jahrtausendwende mischte sich montags zwischen Breakbeats und House ein entfesselter Ska-Abend. Und als dann endgültig Schluss war mit Elektronik, zeigten schon die Namen der Nachfolger von Skorbut bis Kraken, wo hier musikalisch der Hammer hing. Der aktuelle Pächter namens Menschenzoo ist ein beharrliches Relikt dieser Punkkultur.

Man taucht allerdings nicht mehr wirklich ein, der Kellerabgang wurde zugemauert, die Fische fehlen sowieso. Chichi war gestern. Und dass die geschossarme Häuserzeile darüber einmal dem Renditewahn zum Opfer fallen wird wie die Brauerei gegenüber, ist keine Frage des Ob, allenfalls des Wann. Es verschwände ein Stück Aufbruchkultur vor dem Zeitalter der Stahlverglasung. Und damit die Erinnerung an Kurzurlaube in einem Club, der zwischen damals und heute stand wie kaum ein anderer. Blubbblubb.

Der Text ist vorab bei ZEIT-Online erschienen


2 Bier – 1 Platte

marthe-wehlandHenning Wehland & Lindenberg

Zugegeben, bevor ein Musik-Superhirn es bemerkt: Henning Wehland ist gar kein Hamburger. Damit sprengt er nach ziemlich genau zwei Jahren 2 Bier – 1 Platte frech das Konzept. Manche mögen sagen, er darf das – wegen seiner jahrzehntelangen Karriere bei den H-Blockx und Söhnen Mannheims, seiner Arbeit als Moderator bei Viva 2 und Coach für junge NachwuchsmusikerInnen im Privatfernsehen. Glaub ich nicht. Aber wer seine Platte Der Letzte an der Bar nennt und sich schon nachmittags als erster mit mir an einer in Hamburg zum Bier trifft, gehört zu dieser Kolumne wie der eiskalte Korn in die Kneipe nebenan.

Von Marthe Ruddat

Henning: Ich mag Hamburg aber auch sehr! Ich habe viele Freunde hier. Und Hamburg und Münster haben auch sehr viele Gemeinsamkeiten: das große Gewässer in der Innenstadt, das Studentenleben, die schöne Altstadt.

freitagsmedien: Hamburg hat aber etwas, was Münster nicht hat: Udo Lindenberg. Und um den soll es heute gehen, oder?

Ja, das stimmt.

Wieso hast Du dir eine Platte von Udo ausgesucht? Und vor allem: welche?

Was Musik angeht bin ich sehr stark von meinem älteren Bruder beeinflusst worden. Über ihn bin ich an deutschsprachige Rock- und Punkmusik gekommen. In den Siebzigern kam man in dem Bereich einfach gar nicht an Udo Lindenberg vorbei. Und da gab es eine Platte, die mich einfach wahnsinnig fasziniert hat: Votan Wahnwitz.

Votan Wahnwitz erscheint 1975. Es ist Udo Lindenbergs fünftes Studioalbum und eingespielt mit dem berühmten Panikorchester.

Was hat dich so fasziniert an diesem Album?

Also zum einen ist das einfach die beste Udo-Platte. Jeder Song ist ein Hit, Knallertexte und wirklich einzigartige Musik. Was mich aber als 7-Jähriger besonders beeindruckt hat ist das Cover der Platte. Da ist vorne drauf ein Porträt von Udo und zwar ohne Hut und ohne Brille. Und hinten drauf ist das Orchester zu sehen. Und die Cellistin ist als einzige komplett nackt und verdeckt ihren Intimbereich mit dem Cello. Für mich war das damals die Ausgeburt des Rock’n’Roll.

Hat dein Bruder dir die Platte geschenkt?

Nein, aber mein Bruder hatte irgendwann die alte Kompaktanlage meiner Eltern bekommen. Wir hatten immer schon ein sehr gutes Verhältnis und deshalb durfte ich zu ihm in den Keller kommen und seine Platten auflegen. Zu Weihnachten hat er dann oft Mixtapes oder ganze, auf Kassette überspielte Platten verschenkt. Und ich habe sie mir dann auf meinem Mono-Kassettenspieler immer wieder angehört. Und so bin ich auch zu der Votan Wahnwitz gekommen.marthe-udo

Verbindet Euch die Platte dann heute noch? Hört ihr sie zusammen, wenn ihr euch seht?

Die Platte verbinde ich schon sehr mit meinem Bruder, aber zusammen singen wir eigentlich eher selten. Die Kompositionen auf dieser Platte sind auch meistens echt so episch, dass sie nicht so einfach nachzuspielen sind. Mein Bruder und ich waren allerdings mal gemeinsam mit unserem Vater in der Steiermark wandern. Irgendwann habe ich angefangen Das kann man ja auch mal so sehen vor mich hin zu singen. Als ich wieder aufgehört habe, hat mein Bruder dann plötzlich weiter gesungen und so haben wir uns bei der Wanderung irgendwie ein bisschen gebattlet. Das war auf jeden Fall das modernste Wanderlied, das ich jemals gehört habe.

Ist Das kann man ja auch mal so sehen dein Lieblingssong auf der Platte?

Nein, das ist Jack. Das ist eine Nummer, die vom Tod eines Freundes von Udo handelt.

Udo Lindenberg – Jack

Heute morgen um 7 ging das Telefon / sie sagten: Dein Freund Jack ist tot

ein Laster ist frontal in ihn reingeknallt / der hatte überholt trotz Überholverbot

Zuerst wollte ich das nicht begreifen / ich dacht’, das ist ein makabrer Gag

mein Freund Jack kann doch nicht so plötzlich sterben / wir wollen doch heute abend noch zusammen weg

Es war wie ein Faustschlag in den Magen / diese Nachricht von Jackies Unglück

ich versuchte mir vorzustellen / wie dieser Lkw auf ihn zukommt

und was in Jack vorgeht in diesem Augenblick /Ein komischer Zufall, erst vor zwei Wochen

haben wir noch über den Tod gesprochen / er hatte Angst davor, er meinte, dann ist alles zu spät

ich sagte: Nein Jack, ich glaub’, daß nach dem Tod / das Leben irgendwie weitergeht!

Über den Wolken ist es so schön / wie in den Bergen der Antarktis

und weiter geht dein Flug, vorbei an den Planeten / und du erreichst die Rock ‘n Roll-Galaxis

Und da siehst du ihn wieder / Jimi Hendrix, ich weiß noch, als er starb

warst du sehr traurig / weil’s für dich keinen Größeren gab

und Buddy Holly / singt für dich noch einmal “Peggy Sue”

du bist froh, daß er auch da ist / und zusammen mit deiner neuen Freundin Marylin

hörst du ihm zu / Brian Jones und Janis Joplin auf dem Nebelpodium

und bald gehörst auch du zu ihrem Stammpublikum

 

Ob die Geschichte wirklich wahr ist, weiß ich gar nicht. Aber das ist auch glaube ich gar nicht wichtig, denn es geht um das Erzählen einer Geschichte. Ich glaube nicht, dass Udo Lindenberg so gut funktioniert, weil er die größten Hits geschrieben hat, die musikalisch total beeindruckt haben. Er war und ist erfolgreich, weil er Dinge auf den Punkt bringt und ausspricht, die sich oft noch niemand getraut hat auszusprechen. Und gerade auf der Votan Wahnwitz hat er mit Sprache Bilder gemalt, wie es bis dahin in der deutschen Rockmusik noch niemand geschafft hat.

Ist er damit ein Vorbild für dich geworden?

Ja, auf jeden Fall.

Hast du ihn mal getroffen?

Ja, das war echt geil. Ich habe ja das große Glück, dass ich in den letzten Jahren viele beeindruckende musikalische Persönlichkeiten treffen durfte. Bei den meisten hat sich im Laufe der Zeit das Bild über die Person verändert, manche sind sogar Freunde geworden. Udo ist aber immer so ein Phänomen geblieben und das wird er auch bleiben, glaube ich. Ich glaube er hat sich irgendwann entschieden ein Leben zu führen, das kein anderer führt. Er wollte eine Kunstfigur erschaffen, die sich in den Dienst dessen stellt, was sie sieht. Die Kunstfigur äußert sich ja schon darin, dass er seit 40 Jahren in einem Hotelzimmer wohnt. Da war ich übrigens auch schon mal.

Marthe1Echt? Erzähl!

Naja, also wenn du in der Wohnung bist hast du auf jeden Fall nicht das Gefühl in einem Hotel zu sein. Es ist schon sehr privat. Das mag ich ja. Wenn die Menschen ihren Ruhm und den Reichtum nicht ausnutzen, um andere zu beeindrucken, sondern um sich selbst auszudrücken. So wirkte das bei ihm.

Gibt es eine Frage, die du Udo Lindenberg gerne mal stellen würdest, dich bisher aber noch nicht getraut hast?

Puh, ich glaube es geht da nicht unbedingt um Trauen. Meine Frage wäre eher etwas ausufernder. Udo hat sich ja so den Ruf eines Paten erarbeitet, der irgendwie im besten Sinne des Wortes eine Art Mafiosi ist. Es gibt auch Geschichten über Geheimräte, seine engsten Mitarbeiter und Freunde. Es würde mich einfach interessieren, wie das so gekommen ist und was für ein System dahinter steckt.

Das wäre eine ganz gute Frage für einen gemütlichen Abend am Tresen. Der Titel deines Albums lässt vermuten du seist eine Barfly.

Ja tatsächlich, immer noch und auch sehr gerne. Die Bar ist ein bisschen wie Bahnfahren: Du kannst dir nicht aussuchen, wer neben dir sitzt und am Ende fängt man aber doch oft ein Gespräch an oder belauscht andere Gespräche. Am Tresen trifft man sich einfach immer auf Augenhöhe, da ist es egal, wo man herkommt. Und da entstehen einfach die besten Geschichten.

Diese Geschichten erzählt Henning Wehland auf seinem Solo-Debüt Der Letzte an der Bar. Das Album erscheint am 27. Januar. Zum Überbrücken der Wartezeit und fröhlichem Musiker-Raten eignet sich das gleichnamige Freunde-Video hervorragend. Weitere Infos auf Hennings Facebook-Seite.


Rückblicksfutter & Kriminostalgie

TVDie Gebrauchtwoche

26. Dezember – 1. Januar

Wenn sich das Jahr dem Ende entgegen neigt, beginnt gemeinhin die Zeit der Rückblicke. Von satirisch bis sportlich, von ernst gemeint bis unfreiwillig komisch ist dann auf beinahe allen Kanälen alles dabei, was viele in dieser überhitzt schnelllebigen Epoche schon Tage nach dem Ereignis vergessen haben, weil es von einem andern überlagert wurde. Wofür das Rückblicksfutter in den vergangenen zwölf Monaten ungeachtet des zynischen Verdrängungswettbewerbs jedoch gesorgt hat, ist ein Zuspruch für seriöse Medien wie schon lange nicht mehr.

Auch das ZDF hat ähnlich der ARD vom Bombardement harter Nachrichten profitiert und zum fünften Mal in Folge den inoffiziellen Titel des meistgesehenen Senders errungen. Dazu muss allerdings dringend ergänzt werden: Ohne athletische Zuschauermagneten wie Fußball-EM oder die Doping-Olympia läge das Zweite wohl kaum mit 13 Prozent Marktanteil ein paar Zehntel vorm Ersten, sondern womöglich ein Stück hinterm Dritten RTL.

Der frühere Branchenprimus hat schließlich nicht nur in der willkürlichen Zielgruppe unter 49 oft die Nase vorn, sondern überzeugt dank ordentlicher Blockbuster der Art von Winnetou, dessen Neuauflage zuletzt drei Teile lang im Schnitt rund fünf Millionen Zuschauer sehen wollten, längst auch das Gesamtpublikum. Der ARD bleibt aber natürlich immer noch König Tatort. Wenn er denn regieren darf. Gestern indes wurde der Dortmunder Fall namens Sturm auf Ende Januar verschoben, weil der darin enthaltende Selbstmordattentäter-Terrorismus zu nah an der bitteren Wirklichkeit von Berlin lag. Antiquiertes Taktgefühl oder zeitgemäße Pietät? Es gibt Sitten und Gebräuche, die überstehen jeden Zeitgeist.

0-FrischwocheDie Frischwoche

2. – 8. Januar

So wie manch ein Fernsehermittler. Georges Simenons Groschenromanfigur Jules Maigret etwa wurde schon 1932 zum Filmpolizisten verwandelt und seither von knapp 30 Darstellern verkörpert. Darunter besonders Jean Richard, der das Bild des Pariser Kommissars seit 1967 auch im ZDF prägte. Nun geht sein neuester Nachfolger im Ersten auf Mörderjagd: Rowan Atkinson. Ausgerechnet! Als Witzfigur Mr. Bean ist der Brite bisher nur in ulkig aufgefallen, was auch hier exakt das Problem. Denn wann immer er als Melancholiker mit Pfeife auftaucht, erwartet man instinktiv was Lustiges.

Allein – es kommt nicht, nie. Im Gegenteil: Wie beim gestrigen Debüt strahlt sein Maigret auch nächsten Sonntag (21.45 Uhr) elegante Zurückhaltung aus, wenn er einem Bauernkiller nachspürt. Und dann erst diese 50er-Aura: Füller, Wählscheiben und Notizblöcke, Männer mit Hut und Ganoven mit Fliege in einem wunderschön patinierten Paris – das verweist auf Zeiten, in denen das Fernsehen sein Publikum noch zu entführen vermochte. Da darf man dann ruhig vergebens auf einen Scherz der Titelfigur warten…

Was im Übrigen ebenso auf die Sitcom Magda macht das schon! zutrifft, die RTL ab Donnerstag um 21.15 Uhr in Doppelfolgen zeigt. Als klischeepolnische Haushälterin, die den Haushalt einer klischeedeutschen Familie durcheinanderordnet, rettet auch Burgschauspielerin Verena Altenberger das Format nie vorm Klamauk. Und weil der Taunus-Krimi in seiner neuesten Folge heute im ZDF dank Ulrich Tukur als Killer in seiner aufdringlichen Brutalität erstmals nicht unfreiwillig komisch ist, wird es diese Woche (Teil 2 Mittwoch) auch mit Tim Bergmann und Felicitas Woll eher ernst.

Ernsthaft peinlich wird es Mittwoch, 22.30 Uhr, wenn Sat1 Mega! Hotels, dann Die größte Therme der Welt porträtiert. Wenn sich der verseifte Kanzler-Kanal von früher mit dem Größenwahn von heute beschäftigt, kann man sich sicher sein: kritische Töne gibt’s nicht. Fernsehen für Fortschrittshörige. Fernsehen für Musikfans läuft Freitag um 22.45 Uhr. Dann zeigt Arte das Konzert der Red Hot Chili Peppers beim vorjährigen Rock am Ring, gefolgt von Tracks.

Weil frisches Fernsehen in den frühen Tagen des Jahres eher selten ist, fallen die Wiederholungen der Woche umfangreicher aus. Um zu zeigen, dass neu nicht immer das bessere alt ist, zeigt der Bayrische Rundfunk ab Montag abendlich um 20.15 Uhr die Originale der Winnetou-Reihe aus den 60ern in Technicolor. Auch farbig, aber tiefgründiger ist Claude Leluches Ein Mann und eine Frau (Montag, 22.10 Uhr, Arte), für viele schon deshalb einer der schönsten Liebesfilme, weil die Leidenschaft zwischen zwei verwitweten Internatskindereltern 1966 so hauchzart wachsen durfte. Weniger zart geht es beim Schwarzweißtipp Im Schatten des Zweifels zu, Hitchcocks Frühwerk von 1943 mit Joseph Cotten als Serienmörder (Donnerstag, 20.15 Uhr, 3sat).

Sehenswert ist auch die Tatort-Wiederholung, auch wenn es eher ein Spin-Off ist: Schimanski – Blutsbrüder (Dienstag, 23.45 Uhr, NDR) mit dem 1997 nur irdischen Christoph Waltz in der Episodenhauptrolle. Und weil Retro schick ist, noch ein Montagabend auf 3sat für Fans von Elvis – angefangen mit einem Biopic, in dem Jonathan Rhy Meyers nach John Lennon auch den King zur Deckung mit dem Original bringt, gefolgt von einer hinreißenden Doku über dessen Deutschland-Aufenthalt.