The Deuce: Straßenstrich & Pornosterne

Voll Porno

Seit die fabelhafte HBO-Serie The Deuce bei Sky läuft, erstehen die Siebzigerjahre fürs Fernsehen wieder auf. Dennoch ist der fiktionale Achtteiler um die Anfänge der amerikanischen Pornoindustrie am Beispiel zweier ungleicher Brüder mehr als ein Kostümfest.

Von Jan Freitag

Der amerikanische Traum ist seit jeher auch ein Albtraum für andere. Indianer, Sklaven, Linke, Bisons können ein Lied davon singen, was seine Verwirklichung bewirkt – und sei es für Amerikaner selbst. Man braucht da nur mal Martin Scorceses Einwanderungsdrama Gangs of New York zu sehen, jede Industrialisierungstragödie von Upton Sinclair oder brandneu: die Unterhaltungsserie The Deuce. Nach seiner brillanten Echtzeitdystopie The Wire sprengt HBO-Showrunner David Simon zurzeit auf allen Sky-Kanälen den Rest dessen, was Wirtschaftskrise und Vietnamkrieg vor 46 Jahren vom amerikanischen Traum übrig gelassen haben. Viel ist es nicht.

1971 herrscht rings um den Broadway Anarchie: ausgerechnet das Fernsehen hat dafür gesorgt, dass die Mittelklassekultur aus Theatern, Restaurants und Tanzläden am Times Square durch Stundenhotels, Fastfood und Tabledance ersetzt wurde. Es herrscht das Gesetz der Straße, also gar keines. Und genau hier leitet Vinnie Martino einen Treffpunkt für Halbweltbewohner jeder Art. Während sich Amerikas Traum vor der Tür in skrupelloser Triebabfuhr auflöst, bietet der leutselige Barkeeper dahinter einen Rückzugsort vom Höllenpfuhl da draußen.

Und er wird bereits vom nächsten Brandherd befeuert: Sexfilme. Kurz nach deren Legalisierung scheint die Pornoindustrie New Yorks Prostituierten zwar einen Weg aus der Gewaltspirale zu weisen; tatsächlich verwahrlost das Viertel nur noch mehr, bevor ihm Aids den Rest gibt. Und so endet auch Vinnies gut gemeinter Versuch, die Frauen aus dem Würgegriff der Zuhälter ins vermeintlich saubere Pornogeschäft zu holen, im Verderben. Dass man trotzdem gebannt zusieht, muss also andere Gründe haben als die Aussicht aufs Entertainment mit Happyend.

Da wäre zum einen James Franco. Teilweise unter eigener Regie erschafft der ausführende Produzent von The Deuce in seiner Doppelrolle als leutseliger Vinnie und dessen kleinkrimineller Bruder Frankie zutiefst verschiedene Antihelden, die stets allenfalls knapp dies- oder jenseits der Legalität ihr Glück suchen und dabei oft im Gegenteil landen. Zugleich sorgen Maggie Gyllenhaal als arme, aber selbstbestimmte Hure Candy oder Margarita Levievas Kiezkind aus gutem Hause Abby neben all den fiesen Freiern, noch fieseren Zuhältern und korrupten Bullen für etwas Optimismus im Desaster. Bedeutender aber ist wie so oft im Historytainment die Ausstattung.

Und da leisten die wechselnden Regisseure wechselnder Drehbuchautoren nach einer wahren Geschichte Erstaunliches. Anders als in zeitgeschichtlicher Fiktion aus Deutschland nämlich wirkt die Szenerie nie museal, sondern authentisch. Gut, manchmal sehen auch die US-Protagonisten aus wie Schaufensterpuppen, aber hey – im Zweifel sind es ja auch Pornostars, Gangster, Bordsteinschwalben, die ihre Fasanenfedern oder Glitzerstolas spazieren führen. In billiger Schlaghosenprosa wie der ZDF-Serie Zarah hingegen sehen auch Kanalarbeiter aus wie Kanarienvögel. Hierzulande käme daher kein Regisseur auf die Idee, einer Hauptfigur so furchtbares Haar zu verpassen wie Frankie oder seinem Bruder ein weißes Hemd, wo es doch so schön bunte gab.

Die Kulisse quietscht also nicht vor Nostalgie, sie wirkt wie ihre Ära: verstörend, grau, konfus. Sex wird in einer Serie über dessen Kommerzialisierung zwar durchaus explizit gezeigt; gleich zu Beginn etwa ist ein erigierter Penis beim sehr glaubhaften Blowjob zu sehen. Doch anders als im handelsüblichen Renaissance-Epos der Marke Borgia etwa dient das dauernde Kopulieren stets der Handlung, keinem Effekt. Und im Hintergrund laufen einfach Lieder statt Hits. Dank dieser sensorischen Zurückhaltung erinnert The Deuce weniger an das legendäre Studio 54, dem Mark Christopher 1998 ein glitzerndes Kinodenkmal gesetzt hat, sondern an Robert de Niros Taxi Driver, der 22 Jahre zuvor ungefähr dort mit dem Abschaum aufräumt, wo nun die Brüder Martino im Trüben fischen. Travis Bickle könnte daher jederzeit in Vinnies Bar auftauchen. Er fiele nicht weiter auf.


Talkshowabgänge & Pornoprosa

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. September

Der neue Duden ist redaktionell womöglich noch nicht abschließend bearbeitet, aber ein Begriff hätte es längst verdient, aufgenommen zu werden: „Talkshowabgang, der“, kombiniert mit „vorzeitiger“. Dieses Phänomen nämlich zählt mittlerweile fast schon zum guten Ton der Fernsehdebattenkultur. Erst im Juli verließ Wolfgang Bosbach Sandra Maischbergers Runde, weil ihm Jutta Ditfurth zu linksradikal war, nun folgte ihm Alice Weidel bei Marietta Slomkas Wahlrunde am vorigen Dienstag, weil Andreas Scheuer ihr Parteifreund Björn Höcke zu rechtsradikal ist.

Damit befinden sich beide in guter Gesellschaft einer illustren Runde von Boris Becker über Ruth Moschner bis Peter Maffay, die allesamt wutschnaubend vorzeitig das Weite gesucht – und dabei weit mehr Aufmerksamkeit gefunden haben als bei Einhaltung des Protokolls. Und so sinnierten die Medien am Mittwoch auch süffisant, ob der Auf-, besser: Abtritt von Alice Weidel nicht von langer Hand geplant gewesen war. Schließlich hat sie schon vorher mehrfach angedeutet, vom rotgrünschwarzgeldlinksversifften Kreis der Gegner nun aber echt bald die Schnauze voll zu haben. Während CSU-General Scheuer argwöhnte, die AfD-Kandidatin wolle nur rechtzeitig ans kalte Büffet, mutmaßte Moderatorin Slomka jedenfalls, sie drücke sich nur vor der anstehenden Rentendebatte.

In dem Zusammenhang könnte der Duden dann gleich noch um eine weitere Unterart des „Talkshowabgangs“ ergänzt werden. Denn nach dem vorzeitigen im Zweiten folgte gleich auch noch der vorsorgliche im Ersten. Ohne Angabe von Gründen hat Alice Weidel die zugesagte Teilnahme bei der Wahlrunde illner intensiv am Donnerstag abgesagt. Und auch der ersatzweise angefragte Alexander Gauland hatte keine Zeit. Leider, leider. Obwohl sich der Partei-Rechtsaußen André Poggenburg dann doch erbarmte, stimmt da irgendwas nicht mit dem Vorwurf, die AfD wolle dringend sagen, was man doch mal sagen müsse, aber nicht dürfe. Interessanterweise ist das Ganze Wasser auf die Mühlen des WDR-Rundfunkrats, der nach Durchsicht diverser ARD-Talkshows zum gleichen Schluss wie 2012 und 15 kommt: zu belanglos, zu populistisch, zu oberflächlich und vor allem: zu sehr auf Krawall gebürstet.

Die Frischwoche

11. – 17. September

An dieser hochpolitischen Stelle könnte es jetzt kurz um den Versuch von Pro7 gehen, heute um 22.05 Uhr in der One-Man-Show Ein Mann, eine Wahl Interesse an mehr als Actionwitzetrallalla vorzugaukeln. Weil sich Klaas Heufer-Umlauf allerdings doch mehr für sein Image als die geladenen Parteienvertreter interessiert, widmen wir uns lieber zwei Filmen, mit denen Arte am Montag ab 20.15 Uhr 100 Jahre UFA feiert. In der schwarzweißen Screwball-Komödie Glückskinder dürfen die Nazi-Lieblinge Willy Fritsch und Lilian Harvey zum Auftakt heile Liebeswelt spielen, während die Gesellschaft drei Jahre vor Kriegsbeginn bereits den Untergang plant. Im Anschluss dann suhlt sich Propaganda in der deutschen Version von Titanic zwei Jahre vor Kriegsende nochmals in der vermeintlichen Dekadenz des Feindes. Gewiss keine guten, aber bemerkenswerte Klassiker des Filmbetriebs von Goebbels Gnaden.

Der kleine Exkurs zum nationalsozialistischen Erbauungsfilm zeigt aber auch, dass die Auswahl neuer Formate eher ein bisschen dünn ausfällt. Frei empfangbar ist allenfalls der französische Arte-Dreiteiler Kim Kong (Donnerstag, 21.45 Uhr) um einen Regisseur empfehlenswert, den ein asiatischer Despot entführen lässt, um ihm King Kong nach eigenem Vorbild zu verfilmen, was bestimmt nur ganz entfernt an ein Vorbild in Korea erinnert. Wirklich brillant gerät hingegen eine HBO-Serie, die Sky ab heute auf vielen seiner Kanäle zeigt: The Deuce.

Nach seiner Gegenwartsdystopie The Wire nimmt sich Showrunner David Simon darin das New York der Siebzigerjahre vor, wo die Pornografie seinerzeit gerade zum Milliardengeschäft wächst. Mit James Franco als ungleiches Brüderpaar Vinnie und Frankie gelingt dabei ein ganz großer Wurf historisierenden Fernsehens, in dem Kostüme – Achtung ARZDF! – nur die Nebenrolle einer durch und durch glaubhaften Inszenierung spielen. Ansonsten steht die Woche bereits ganz im Zeichen der anstehenden Wahl. Nachdem die ARD tags drauf zwei Handvoll Nonnen und Ärzte das tun lässt, was sie seit Jahr und Tag am Dienstagabend tun, darf Stefan Lamby um 22.45 Uhr eine Stunde lang Das Duell der Kanzlerkandidaten auf seine ganz eigene, sehr journalistische Art analysieren.

Und weil es das auch schon war, kommen wir zu den Wiederholungen der Woche. In schwarzweiß: Die Gefangenen von Alcatraz, das atmosphärisch sensationelle Knastdrama von 1962 mit Kirk Douglas als Doppelmörder, dem ein verirrter Vogel in der Zelle neuen Lebensmut gibt. (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat). Zum 40. Jahrestag des Heißen Herbstes zeigt Kabel1Doku am Freitag (20.15 Uhr), Steven Spielbergs famosen Politthriller München von 2005, der die Geiselnahme israelischer Olympioniken 1972 als Rachefeldzug des Mossad weiterspinnt. Und zu guter Letzt der Tatort-Tipp: Blutwurstwalzer (Montag, 22.15 Uhr, RBB), Günter Lamprechts dritter Fall als Kommissar Markowitz, in dem er es 1991 mit einem blutjungen Schauspieler zu tun kriegt: Jürgen Vogel.


Busty and the Bass, Matt Bianco, BRKN

Busty and the Bass

Die Zeit des Retrosounds wird niemals enden, allein schon, weil rhythmische Geräuschkombinatorik mit Techno und HipHop insofern als abgeschlossen gelten darf, dass wohl kein grundlegend revolutionärer Musikstil jenseits von atonaler Dissonanz oder totaler Stille mehr zu erwarten ist. Busty and the Bass könnte man daher entspannt in die Kategorie “ham wa alles schon 1000mal gehört” abheften – wäre der Retrosound der neun Kanadier nicht bei aller Nostalgie so kreativ, frisch und befreiend. Nach einer Reihe EPs kombiniert ihr Debütalbum Uncommon Good elektronischen Soul auf eine Art mit jazzigem Rap, dass ein ganzes Bündel an Parallelen aufpoppt, die der Sache doch nie gerecht werden.

OutKast und Dungeon Family klingen da durch die zehn Stücke, Arrested Development oder Daft Punk, alter Mojo wie neuer Funk, Anderson .Paak stehen Pate, A Tribe Called Quest, alles durcheinander und nichts nur als Kopie. Dem getragene Kopfstimmensoul Things Change folgt der Distortion-Rap Free Shoes, lässige Bläsersequenzen wechseln sich mit gesalzenen E-Gitarren-Soli ab, kein Stein bleibt auf dem anderen und dennoch das Gebot geschmeidiger Harmonie stets gewahrt. Vorgestragen vornehmlich von Menschen weißer Hautfarbe ist Common Ground ein Stück Black Music, dass sich im Jungbrunnen des Genres gewaschen hat. Fabelhaft!

Busty and the Bass – Uncommon Good (Peripherique Records)

Matt Bianco

Das angesprochene Problem des Retrosounds ist allerdings noch mal ein wenig problematischer, wenn eine Band drei Jahrzehnte nach ihrer Blütezeit, in der ihre Musik auch schon schwer gebraucht klang, ein Comeback feiert. Was also ist die neue Platte von Matt Bianco – nostalgisch? Antiquiert? Altbacken? Vor allem ist sie alles, was das orchestral aufgeblasene Caféhausjazzpop-Quartett schon bei seinem Durchbruch im Jahr 1984 war – und nichts davon. Geblieben ist davon schließlich nur Sänger Mark Reilly, der ausgerechnet beim Retro-Klasssiker Whose Side Are You On gar nicht gesungen hatte, weshalb man schon genau hinhören muss, was am fünften Studioalbum Gravity eigentlich Matt Bianco ist.

Antwort: eine Menge. Dieser zum Niederknien coole New Jazz, der zugleich fundamentalistisch und frisch klingt, hat seit 1984 wenig von seiner Lebenskraft verloren. Er ist nur versierter geworden, weniger poppig, dafür umso reifer, was natürlich kein Wunder ist, wenn die beteiligten Künstler dem Rentenalter längst deutlich näher sind als der Uni. Piano, Bläser, Gesang, Kontrabass – alles exakt auf dem Punkt, alles für alte Jazz-Hasen erträglich, aber auch für Mojo-Club-Nachwuchs mit Disco-Appeal. Ein herrliches Album für die Zeit der schmalen Revers, die heute ja nicht breiter sind als in den Swinging Sixties.

Matt Bianco – Gravity (Membran)

BRKN

Ein Problem toller Stimmen ist oft, dass sie sich zu ernst nehmen. Ihr Soul erstickt dann jeden Tiefgang in selbstreferenziellem Pathos. Xavier Naidoo tut so etwas. Andac Berkan Akbiyik nicht. Weder zu saftig noch zu dünn macht er als BRKN deutschen R’n’B mit gefühlvoller Selbstironie, von der die Söhne Mannheims nur träumen können. Musikalisch zwischen Hip-Hop und Big Band, feinem Spott und großer Geste weiß sich das Bildungsbürgerkind aus Kreuzberg eben auch auf seiner zweiten Platte Einzimmervilla korrekt einzuordnen. „Leute sagen Dicker“ singt er etwa in Jagd mit harten Mittelkonsonanten, „du hast 100.000 Clicks / doch es bedeutet alles nichts / ist nur Gelaber / bis ich meinen Eltern alles geb und meiner Freundin alles schenk und mit meinen Jungs alles klär / bin ich ein Versager“.

Gut, gelegentlich gleitet BRKN dabei zwar ein bisschen ins Rogercicerohafte, irgendwie gefällig Süffige ab. Unterhaltsam kombiniert mit schriller Santana-Gitarre und Spielmannszugdrums unterm angedeuteten Orchesterfunk, sind solche Zeilen jedoch vor allem Erklärungsversuche, um sich und uns jenen Hype zu erklären, den sein vorjähriges Debüt erzeugt hat. Zum Glück verliert er dabei nie die Bodenhaftung eines swingenden Rappers, der das etwas Leben tanzbarer macht, ohne je gefällig zu klingen. Zugehört, Xavier?

BRKN – Einzimmervilla (studio album)


Zarah: Fernsehemanzen & Farbenpracht

Knalleffektplastefeminismus

Die ZDF-Serie Zarah will alles auf einmal: Nostalgie und Relevanz, Sex and Drugs, Politik und Glamour. Leider arbeitet sich die Serie um eine Feministin im Medienbetrieb der Siebzigerjahre so sehr an Äußerlichkeiten ab, dass all die bunten Polyesterklamotten am Ende staubiger wirken als jene Epoche, die damit kritisiert werden soll.

Von Jan Freitag

Präzise Beiläufigkeit – so kann man es natürlich auch nennen, wenn sich alles, wirklich alles an einer Fernsehserie um die Präzision der Kulisse dreht und nichts, wirklich nichts darin beiläufiger bleibt als die Handlung. Trotzdem ist es natürlich der Job eines Regisseurs, den Inhalt seines Produktes im Ringen mit dessen Optik zu verteidigen. Aber was Richard Huber bei der Vorabpremiere seiner sorgsam hochgekochten Journalismus-Serie Zarah mit „präzise Beiläufigkeit“ beschreibt, grenzt im besten Fall an Selbstverleugnung. Im schlechteren an Selbstaufgabe.

Dafür reicht ein Blick aufs Ergebnis, das fortan donnerstags nach der gelungenen Teeny-Komödie Das Pubertier im ZDF läuft. Noch besser eignet sich jedoch der Blick an einen Set, den die Produktionsfirma Bantry Bay Mitte April kurz für die Presse geöffnet hat. Damals gewährte ein verwaistes Bankgebäude in der Hamburger City dem sechsteiligen Prestigeobjekt 53 Drehtage lang Asyl im architektonischen Brutalismus seiner Zeit: 1973, dieses bewegte Jahr zwischen RAF- und Konsumterror lässt das Team um den preisgekrönten Macher vom Club der roten Bänder also wieder auferstehen.

Und wie.

Das akkurat nachgebaute Großraumbüro, wie es ältere Zuschauer womöglich vom seligen Lou Grant kennen, der vor 38 Jahren auch hierzulande das Bild vom Ameisenhaufen Zeitungsredaktion prägte, sieht aus wie ein gut sortierter Retroshop der grellen Siebziger. Wie bei Grants Los Angeles Tribune haben die Telefone auch beim Fantasiemagazin Relevant Wählscheiben. Auf dem Schreibtisch stehen Aschenbecher und Olivetti statt Café Latte und Flatscreen. Die Garderobe ist aus Polyester, das Mobiliar vogelwild, der Tonfall saftig. „Sie sehen ja hübsch aus“, flirtet Uwe Preuß als Verleger Olsen einer, pardon: Tippse zu, die „ich bin ja auch verliebt“ zurückkiekst, dass ihre Rüschenbluse vor Kichern zittert.

Wie wichtig dem ZDF die Ausstattung ist, zeigt sich aber erst richtig, als das Toptrio der Besetzungsliste im musealen Büro des Patriarchen zum Fotoshooting posiert. Links Claudia Eisingers Zarah in Stiefelchen unter grellen Hotpants, rechts Svenja Jungs Volontärin Jenny im grelleren Hosenanzug über Plateausohlen, dazwischen Torben Liebrechts Chefredakteur Kerckow im gedeckten Breitreversdreiteiler zum Schnauzer. Alle sehen aus wie im Quelle-Katalog ‘73 – wenn sich Hubers Team mal bloß so viel Mühe mit der Dramaturgie gegeben hätte wie mit dem Drumherum…

Als der Hosenschlag ebenso breit ist wie das Ego der Männer, wird die Bestsellerautorin Zarah Wolf von der fiktiven Relevant engagiert, um Leserinnen hinzuzugewinnen. Doch gleich nach ihrer Ankunft gerät die engagierte Feministin im Minirock so heftig zwischen die Herren der Schöpfung, dass sie bei ihrer Mission publizistischer Gleichberechtigung bereits am zweiten Arbeitstag eigenmächtig das frauenfeindliche Titelbild durch einen Männerhintern ersetzt. Dieses Tempo ist sicher dem Zeitplan geschuldet und wäre dramaturgisch durchaus vermittelbar. Dummerweise nutzt Richard Huber das Thema weiblicher Emanzipation vor allem zur Verdichtung aller Klischees jener Tage auf sechsmal Kaugummientertainment.

So bleibt vom Plan der ZDF-Fernsehfilmchefin Heike Hempel, „relevant und populär zu erzählen“ am Ende nicht mal letzteres übrig. Ausgerechnet Atmosphäre und Look wirken in den ersten zwei Folgen so bieder bis staubig, als sei hier der Lindenstraße das Geld ausgegangen. Gewiss, das Buch von Eva und Volker Zahn enthält auch Perlen. Als eine Sekretärin auf Zarahs Bemerkung im Fahrstuhl, sie habe nicht mit Olsen gebumst, „ich schon“ antwortet und auf die Bemerkung der emanzipierten Reporterin hin, das tue ihr Leid hinzufügt: „Mir auch“, da zeigt sich, dass der Stoff Potenzial zu leichtfüßiger Tiefe hat. Wenn man die denn suchte.

Das ZDF jedoch sucht vornehmlich nach Knalleffekten in Knallfarben. Deshalb reicht es nicht, dass Claudia Eisinger an große Vorbilder weiblicher Medienermächtigung von Wibke Bruns bis Peggy Parnass erinnert; sie muss auch noch was mit der bildhübschen Verlegertochter anfangen und ihr Blatt – das nicht zufällig an den mächtigen Stern jener Tage erinnert – parallel von Minute eins an aufmischen als sei Emanzipation Hochgeschwindigkeitswrestling, kein zähes Ringen um kleine Erfolge.

So zeigt das amerikanische dem deutschen, das binäre dem linearen Fernsehen also abermals, wie man Dekoration als Stilmittel, nicht als Wesenskern verwendet. Auch in der Amazon-Serie Good Girls Revolt geht es um Journalistinnen im Nahkampf mit schwanzgesteuerten Platzhirschen jener Epoche. Doch die Steckfrisuren und Kettenraucher darin dienen weit weniger der Optik als der Story und sind damit genau das, was sich Richard Huber auch für Zarah gewünscht hätte: beiläufig präzise.


2 Bier – 1 Platte

BELGRAD & Joy Division

Ronnie Henseler ist so etwas wie ein (Punk-)Tausendsassa. Wenn er nicht in seinem Alien Network Studio in Altona beschäftigt ist, spielt er Bass bei Bands wie Kommando Sonne-nmilch oder No Life Lost. Mit seiner neuen Band BELGRAD sorgt er in der Post-Punk/New-Wave/schwereinzuordnen-Szene gerade für Aufsehen. Bei Bier und Kaffee erzählt er von seinen Nicht-Vorbildern Joy Division.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Hast du einen Hang zu schwermütiger Musik?

Ronnie Henseler: Ich würde eher melancholisch sagen, das auf jeden Fall. Ich laufe aber nicht so durchs Leben. Ich bin schon ein Typ, der gerne Faxen macht und Spaß hat. Und trotzdem höre ich viel Musik, die eine große Melancholie in sich trägt. Sei es in den letzten Jahren Lana del Rey aus dem Pop-Bereich, Sigur Ros oder auch Joy Division.

Ein Bandkollege hat über dich gesagt, du würdest keine Musik hören, nur Passagen. Hältst du die Melancholie nicht so lange aus oder was ist da los?

Nee nee, der Kontext war ein anderer. Ich beschäftige mich ja Tag und Nacht mit Musik, die Musik ist mein Job und ich lebe davon. Wenn ich den ganzen Tag im Studio war, brauche ich Zuhause manchmal einfach meine Ruhe und ertrage keine Musik mehr. Ich würde dann nie auf die Idee kommen, eine Platte aufzulegen.

Für dieses Gespräch musstest du dich aber trotzdem für ein Album entscheiden. Bei Joy Division ist die Auswahl wenigstens nicht so groß.

Stimmt, ich finde beide Alben auch extrem stark. Ich entscheide mich aber für das zweite Album Closer, es ist einfach noch ein bisschen extremer, düsterer, melancholischer, tiefgehender – ein bisschen mehr auf den Punkt als das erste Album.

Closer ist das zweite und letzte Album von Joy Division. Es erschien im Juli 1980 und damit bereits nach dem Tod von Ian Curtis. Der Sänger nahm sich zwei Monate zuvor das Leben. Beide Joy Division-Alben gelten als Meisterwerke des Post-Punk. Nach Curtis’ Tod legten die drei verbliebenen Bandmitglieder den Namen Joy Division ab und machten als New Order weiter.

Was macht diese Tiefe und Melancholie aus?

Man bekommt einerseits einen Einblick in das Seelenleben von Ian Curtis. Andererseits bleibt so vieles offen. Ich verstehe selbst nach einigem Nachlesen manche Texte nicht vollständig. Ian Curtis hat in einem Interview auch mal gesagt, dass er das Publikum nicht komplett an die Hand nehmen will, sondern es selbst assoziativ arbeiten soll. Ich finde, dass das bei dem Album auch sehr gut funktioniert und es dadurch eine große Kraft entwickelt.

Hast du beim Hören also immer noch Aha-Momente?

Ja, und das wirklich auch in allen Bereichen – textlich, tontechnisch oder spieltechnisch.

Welcher war der letzte?

Das letzte Mal sind mir vier Zeilen aus Isolation plötzlich besonders aufgefallen:

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Ich finde den Text so unglaublich düster und niederschmetternd. Daran merkt man, mit welcher Tiefe Curtis in Worten hantiert hat. Davor habe ich großen Respekt, das ist einfach großartig.

Joy Division – Isolation

In fear every day, every evening,
He calls her aloud from above,
Carefully watched for a reason,
Pain staking devotion and love,
Surrendered to self preservation,
From others who care for themselves.
A blindness that touches perfection,
But hurts just like anything else.

Isolation, isolation, isolation.

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Isolation, isolation, isolation.

Mit wem aus der Band würdest du gerne mal ein Bier trinken? Den Tod können wir an dieser Stelle auch mal ignorieren.

Nach allem, was ich über die Band gelesen habe, denke ich, dass ein Bier mit Ian Curtis vermutlich wirklich am interessantesten wäre. Der Bassist Peter Hook hat irgendwann mal erzählt, dass der Band erst nach Curtis’ Tod aufgefallen ist, was für Texte er überhaupt geschrieben hat. Das habe ich tatsächlich auch schon selber erlebt: Der Sänger einer meiner Bands war wütend, weil er das Gefühl hatte, wir anderen Mitglieder bekommen gar nicht mit oder uns interessiert nicht, was er da schreibt. Vor diesem Hintergrund stelle ich mir ein Gespräch mit Ian Curtis schon am spannendsten vor. Nichtsdestotrotz schätze ich, dass auch die anderen drei sehr sympathische Typen sind, die viel zu erzählen haben.

Hast du so etwas wie musikalische Vorbilder? Joy Division vielleicht?

Naja, also wenn jetzt jemand sagen würde, dass BELGRAD etwas von Joy Division hat, dann würde ich mich schon geehrt fühlen. Ich könnte es auch nachvollziehen, obwohl die Nähe eher atmosphärisch ist. Wir sind schon poppiger und deutlich durchproduzierter. Ich spreche aber nicht so gerne von Vorbildern, für mich ist es eher die Lebenseinstellung. Ich bin ja auch mit dieser DIY-Punk-Bewegung groß geworden und finde es einfach großartig, wenn Menschen etwas zu sagen haben und es auch tun. Dafür muss man auch nicht besonders geil spielen können.

Aber hat sich diesbezüglich nicht einiges geändert in den letzten Jahrzehnten?

Natürlich! Alles ist viel ausgeklügelter, viel durchproduzierter, viel perfekter geworden. Das hat auch viel mit den Aufnahmetechniken zu tun, die ich als Produzent natürlich auch gut kenne. Ich persönlich finde es aber immer sehr sympathisch, wenn ich Platten von damals höre und sie noch kleine Haken und Macken haben.

Wir müssen auch kurz über BELGRAD sprechen. Euer Albumcover ist diskussionswürdig. Was wollt ihr damit sagen?

Das Cover wurde von einer Künstlerin entworfen, ich weiß aber ehrlich gesagt gar nicht wirklich, was sie sich dabei gedacht hat. Die vordergründige Frage ist ja, ob es als sexistisch wahrgenommen wird oder nicht. Das werden die Reaktionen in den nächsten Tagen zeigen.

Aber entsprechende Diskussionen gab es?

Ja, die Frage, ob das politisch korrekt ist oder nicht, haben wir diskutiert. Uns ist bewusst, dass es dem ein oder anderen nicht gefallen könnte. Wir haben aber unsere Einschätzungen ausgetauscht und diskutiert und uns dann dafür entschieden.

Neben Ronnie Henseler gehören Stephan Mahler, Hendrik Rosenkranz und Leo Leopoldowitsch zu BELGRAD. Die Band hat in der vergangenen Woche ihr gleichnamiges Debüt bei Zeitstrafe veröffentlicht. Alle (wirklich sehenswerten) Videos und weitere Infos gibt’s unter Belgradlovers.


Trump-Stilettos & Pubertiere

Die Gebrauchtwoche

28. August – 3. September

Es ist seit Jahr und Tag ein beliebtes Spiel moderner Medienkritik, den Bock, also die Presse, zum Gärtner, also Schuldigen gesellschaftlicher Schieflagen zu machen oder wahlweise den Boten zu töten, statt den Absender. Erinnert sei da ans Unwort des Jahres „Herdprämie“. Dessen Verwendern wurde 2007 ja Frauenfeindlichkeit unterstellt, obwohl genau die doch durch den Begriff erst zum Ausdruck gebracht werden sollte. Ähnlich verhält es sich nun mit Melania Trumps Kleiderwahl beim Besuch (am Rande) des texanischen Flutgebiets. Während ihr Mann im Golf-Dress kondolierte (ohne auch nur ein Opfer zu treffen), trug seine Frau Stilettos und Caprihose. Dies zu thematisieren, wurde den Medien jedoch nicht als nötige Kritik, sondern Taktlosigkeit ausgelegt. Weil es doch um die Opfer gehe, nicht das Präsidentenpaar.

Dabei  passt die Bewertung von Äußerlichkeiten gut zur heißen Wahlkampfphase. In der tigert die Spitzenpolitik nicht mehr nur durch erwachsene TV-Sender, was gestern seinen Höhepunkt im Spitzenduell auf vier Kanälen fand – woran am spannendsten war, dass bei Sat1 nicht mal 900.000 Menschen zusahen, also weniger als ein Zehntel der ARD; Merkelschulzwagenknechtözdemiretc lassen sich auch auf den Plattformen der Jugend blicken, um sich als das zu präsentieren, was sie in der Regel eben nicht sind: jugendlich. Bei den „jungen Radio-Wellen“ der ARD lief das etwa unterm sendungmitdermausigen Titel Frag doch mal die Merkel und den Schulz. Das rechtfertigt zwar keine Falschmeldung einer Rundfunkgebührenerhöhung, von der die notorisch ARZDF-feindliche FAZ gerade mal wieder fabuliert hat. Aber man muss schon manchmal den Kopf schütteln, wie das öffentlich-rechtliche Publikum gleich welchen Alters behandelt wird.

Und zwar explizit auch programmatisch.

Die Frischwoche

4. – 10. September

Die ZDF-Serie Zarah zum Beispiel sollte ab Donnerstag (21.45 Uhr) eigentlich den Kampf um Gleichberechtigung der frühen Siebziger in einer fiktiven Magazin-Redaktion namens „Relevant“ ausfechten. Was Regisseur Richard Huber und sein Team daraus gemacht haben, ist allerdings wenig mehr als eine (zunächst) sechsteilige Mottoparty, Thema 1973, das Jahr, in dem die feministische Schriftstellerin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) die Leserschaft des Stern-Abklatsches um ein paar *innen erweitern soll, aber an den Herren der Zeitungsschöpfung abprallt wie Atemluft am Zigarettenqualm im Redaktionsbüro.

Dessen Einrichtung ist denn Machern dummerweise wichtiger als die Handlung, weshalb Zarah bestenfalls Karneval spielt, aber gewiss nicht Emanzipation. Schade eigentlich. Denn im Vorprogramm macht es Das Pubertier ganz gut, die familiären Krisenjahre nach dem gleichnamigen Roman von Jan Weiler in ein locker-leichtes Serienformat zu gießen. Als schwer pubertierende Carla macht die junge Mia Kasalo ihren Eltern (Pasquale Aleardi, Chiara Schoras) unterhaltsam und nur selten überdreht das Leben zur Hölle. Weniger ulkig ist hingegen Der Sohn am ARD-Mittwoch. Unter Urs Eggers Regie dient der Außenseiter Stefan da schließlich nicht bloß als Zotenlieferant in der Pickelphase, sondern garniert ein tonnenschweres Drama um mütterliche Selbstaufgabe und jugendliche Haltlosigkeit, das manchmal fast zu dick aufträgt, aber doch sehenswert ist. Wie die US-Serie The Deuce, mit der Sky ab Samstag einen Blick auf die bizarre Porno-Industrie der 70er und 80er Jahre wirft.

Ringsum bleibt das Programm aber politisch. Zum Beispiel wenn illner intensiv von Dienstag bis Freitag um 23 Uhr wechselnde Wahlkampfthemen mit Spitzenpolitikern diskutiert. Zum Auftakt: Welt im Chaos – wer führt Deutschland durch die Krisen. Tags zuvor klinken sich RTL und Sat1 nach dem prestigeträchtigen Sonntagsduell natürlich wieder aus, wenn die ARD um 20.15 Uhr zum oppositionellen Fünfkampf lädt, an dem neben Grünen und FDP, Linke und CSU diesmal auch die AfD teilnehmen darf. Dazu passt so ganz nebenbei auch die anschließende Doku Kreuz ohne Haken (23.45 Uhr), in der das Verhältnis der Kirchen zur Neuen Rechten in Deutschland beleuchtet wird.

Zur alten Rechten indes passt die schwarzweiße Wiederholung der Woche. In Der Mann, der Sherlock Holmes war (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mussten Hans Albers und Heinz Rühmann die Zuschauer zwei Jahre vor Kriegsbeginn als Nachfahren der berühmten Detektive noch mal kurz von Holocaust und Diktatur ablenken. Beides war bei zwei deutschen Klassikern im Anschluss allenfalls noch am Horizont zu erahnen: Viktor und Viktoria von 1933 (22.05 Uhr) und Die Liebe der Jeanne Ney (1928) um 23.40 Uhr. In einer ganz anderen Zeit spielt Werner Herzogs Conquistadoren-Drama Aguirre (Mittwoch, 23.45 Uhr, BR) von 1972 mit Klaus Kinski als gnadenlosem Eroberer auf der Suche nach dem sagenhaften Eldorado. Wie die Dreharbeiten damals ausgesehen haben, erklärt tags zuvor an gleicher Stelle um 23.30 Uhr die Doku Mein liebster Feind. Und der Tatort-Tipp: Bienzle und der Todesschrei, eine SWR-Perle (Donnerstag, 22 Uhr) aus dem eigenen Sendegebiet von 2001.


Lord Youth, Sivu, UNKLE

Lord Youth

Was macht eigentlich Adam Green? Wo treiben sich Nick Cave und Tom Waits bloß rum? Und gibt es Kitty, Daisy & Lewis noch? Die Antwort mag ein wenig esoterisch klingen, sie ist aber durchaus naheliegend: Alle sechs haben sich in einer Wolke dematerialisiert und sind nach einer Weile musikalischen Herumirrens herabgeregnet auf die Erde, wo sie seither einen Fluss bilden, in dem ein gewisser Micah Blaichman offenbar so oft gebadet hat, bis aus ihm Lord Youth geworden ist – die Reinkarnation von fast allem, was den Sound früherer Tage für die Gegenwart verwertbar macht. Sein Debütalbum Gray Gardens klingt so herzzerreißend nostalgisch, dass man geneigt ist, diesen Fluss selber zu suchen.

Denn es ist ein echter Jungbrunnen, an dem sich Lord Youth da gelabt hat. Zwölf Stücke lang taucht er durch antiquarische Stilgewässer von Rock’n’Roll über New-Orleans-Blues und Calypso bis hin zu verschwitztem Gangster-Jazz der Schwarzweiß-Ära. Man riecht förmlich den dicken Qualm filterloser Kippen, wenn Micah im Titelstück seinen Schmusebariton über Hawaii-Gitarre und Steel-Drums legt, wenn der Psychobeatpunk in Someone Was Singing Hi Ho Silver Patina atmet, wenn andauernd verwaschene Keyboards die Harmonie stören, zugleich aber liebevoll streicheln. Für Nostalgiker ein Traum, für alle anderen einen Versuch wert.

Lord Youth – Gray Gardens (BB*ISLAND)

Sivu

James Page ist gar nicht da. Sein Gesang kommt zwar unverkennbar aus den Lautsprecherboxen. Doch er wirkt so flüchtig, fast scheu, als schäme sich der Songwriter seiner eigenen Courage, für uns alle auch auf dem zweiten Album schon wieder von sich selbst zu erzählen, seinen Träumen, den Ängsten, was so im nachdenklichen Kopf des Briten herumgeistert. Unterm Pseudonym SIVU vollführt James Page somit zum zweiten Mal nach dem Debüt Something On High das Kunststück, einem warmen Wind gleich prickelnd, aber unsichtbar durchs Ohr zu wehen und doch darin stecken zu bleiben.

Mal geigenumflort wie im quirligen Orchesterpop Lonesome, mal pianobetupft wie im nostalgischen Childhood House, hier delirierend wie im verschrobenen Opener Submersible, dort aufgeräumt und klar wie im plätschernden Kin And Chrome klingt Sweet Sweet Silent elf Stücke lang oft wie Anohni, als sie mit The Johnsons den Pop hinters Licht der eigenen Zerbrechlichkeit geführt hatte. Trotzdem lässt SIVU abgemischt vom Alt-J-Produzenten Charlie Andrew immer wieder Funken aus seiner Melodramatik sprühen. Und dann ist James Page eben doch da und kaum wieder wegzukriegen. Der schönste Tinnitus des Sommers.

Sivu – Sweet Sweet Silent (Bassukah)

UNKLE

Wenn sich Musik keinem Genre so recht zuordnen lässt. Wenn sie ohne Ziel, Halt und Heimat im Ohr herumschwirrt. Wenn selbst die Allzweck-Chiffren Pop oder Indie kaum so richtig greifen. Dann ist Musik nicht nur spannend, interessant und eigensinnig, sondern stammt mit durchaus messbarer Wahrscheinlichkeit von James Lavelle. In all den Korporationen von Richard Ashcroft über Massive Attack bis Thom Yorke ist der 43-Jährige aus Oxford zwar die Hälfte seines Lebens dem elektronischen Wave verbunden. Noch länger jedoch macht er mit seinem Band-Projekt UNKLE etwas, das atmosphärisch zwar damit zu tun hat, letztlich aber sein eigenes Fach bildet.

In 15 Stücken grast auch das neue, je nach Zählweise fünfte bis 15. Album den halben Fundus modernen Sounds ab: Trip-Hop, Power Pop, modern Classic, selbst Dance, Drones, Disco – alles flackert irgendwo auf, allerdings nicht horizontal, sondern vertikal vermengt. Stück für Stück ein neuer Kosmos. 15 kreative Richtungswechsel auf einer Platte. Verantwortlich dafür ist auch Lavelles Kammerorchester unterschiedlichster Kollegen wie Mark Lanegan (Marilyn Manson) oder Justin Stanley (Beck). Dank des durchweg getragenen Tonfalls machen sie The Road pt. 1 zu einer schwermütigen Version der fröhlichen Grenzgänger Ween oder Phoenix.

UNKLE– The Road pt. 1 (Songs for the Def)