Generation Wehrdienst: BW-PR bei Youtube
Posted: August 12, 2026 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentTopmodern und reaktionär
Das Verteidigungsministerium wirbt erneut mit einer Web-Serie um Rekruten. Doch trotz und wegen ihrer Professionalität wirkt Generation Wehrdienst eine Zeitenwende später noch irritierender als 2016.
Von Jan Freitag
Der Generation Z wird einiges unterstellt, und das wenigste davon klingt sonderlich stressresilient. Faul, verzärtelt, frustrationsintolerant seien die Jahrgänge 1997 bis 2012, so heißt es oft. Zu anspruchsvoll, zu empfindlich, zu woke, bequem, ja feige. Und dann diese Work-Life-Balance! Mit denen, ätzen Altvordere gerne, sei kein Staat zu machen, geschweige denn Krieg. An letzterem könnte sogar was dran sein. „Das ist alles viel schlimmer als im Gym“, beklagt der 17-jährige Rekrut David in der Kaserne Germersheim ein Zirkeltraining seiner Kompanie, „ich hab mich fast übergeben“.
Nach zwei Kilometern Dauerlauf mit etwas Gymnastik dazwischen? Ältere von Boomer bis Millennial dürften also spätestens dann viele ihrer Vorurteile bestätigt sehen, wenn die Web-Serie Generation Wehrdienst – Mit dir sind wir viele“ in Folge 4 geht. Ihr Episodentitel lautet schlicht Sport, bei dem junge Soldaten hier dicht am Rand des Zusammenbruchs entlangscheuern. Wie sollen Angehörige der lebensbalancierenden GenZ denn so bitte Land und Leute verteidigen? Die Bundeswehr glaubt offenbar: indem sich Gleichaltrige die sechsteilige Doku bei Youtube anschauen.
Drolliger Gedanke.
Zehn Jahre und eine Zeitenwende, nachdem das Verteidigungsministerium mit seiner preisgekrönten Reality-TV-Serie Die Rekruten in der Generation Y um wehrhaften Nachwuchs warb, lässt es die Alterskohorte mit Z am Ende abermals von der Düsseldorfer Werbeagentur Castenow bei ihrer Grundausbildung begleiten. Das Ziel: mehr als die aktuell 530, in Worten: fünfhundertdreißig frisch Volljährigen der laufenden Rekrutierungskampagne davon zu überzeugen, freiwillig den Kriegsdienst abzuleisten. Na, dann mal viel Erfolg, kann man da nur wünschen.
Denn wofür die Bundeswehr gute 15 Minuten pro Folge trommelt, das wirkt selbst für physisch und psychisch belastbare Teenager ähnlich attraktiv wie ein Winterwohnsitz im Wackener Boxenturm. Schon bevor Davids Kameraden (plus wenige Kameradinnen) die jugendherbergsbeigen Sechsbettstuben am Baden-Württemberger Militärstützpunkt beziehen, keimt in ihnen der Zweifel, das Richtige zu tun. Schließlich werden die Rekruten des 1. Zugs der 2. Kompanie nahezu unablässig gemaßregelt, angeschnauzt, rundgemacht, man könnte auch sagen: entmenschlicht.
Es heiße nicht „alles klar“, sondern „jawohl ab jetzt“, grunzt ein UvD genannter Spieß seine Rekruten bei einer Bettenkontrolle an, die Falten im Laken zu Delikten erklärt, als seien es Körperverletzungen. Kein Vorgesetzter (es sind ausschließlich Männer) lächelt. Worte wie „Bitte“ oder „Danke“ sind offenbar am Kasernentor abzugeben. Wer hier den Kampf für Frieden und Freiheit anderer erlernt, muss auf beides verzichten. „Ich hab‘ Angst vor dem“, sagt die 18-jährige Frohnatur Achmad am ersten Tag über seinen Ausbilder. Und da hat der Unteroffizier mit dem scharfen HJ-Scheitel noch nicht mal um 4.59 Uhr „Aaaufsteeehen“ durchs Treppenhaus gebrüllt.
„Schlimmer kanns nicht werden als jetzt“, sagt Leon am Ende der 2. Folge. Welch ein Irrtum. Eben noch hatte sich der Niedersache auf „gute Kameradschaft, gute Vergütung, kostenlos bahnfahren“ gefreut, da raubt ihm die militärische Hierarchie jede Motivation. Eben noch fühlt sich das Sport-Ass Tim anders als im Büro am richtigen Ort, da ist er „genervt wie perfekt“ hier alles sein muss. Eben noch hatte die zähle Hamburgerin Alina Lust auf körperliche Grenzerfahrungen, da hetzt sie ein Haudegen – Typ halstätowierter Käfigkämpfer – über die Demarkationslinie des Erträglichen. Und dann kostet das triste Graubrotfrühstück auch noch 2,37 Euro Eigenanteil.
Kein Wunder, dass es am zweiten Montag zehn Krankmeldungen gibt. Ein Wunder allerdings geschieht im dritten Teil. Denn die Uniform, mit der alle ausgestattet werden, treibt den Antrieb aller aufwärts. Während sich der fragile Mittzwanziger Leon darin „automatisch stärker“ fühlt, spürt die 19-jährige Alina im erst im Tarnfleck, was das Bundeswehrmarketing erzeugen will: „Zugehörigkeitsgefühl“ und zwar „plötzlich“. Ungefähr hier wird deutlich, wie perfide die hochprofessionelle PR funktioniert: Wie jede Propaganda blendet sie die soldatischen Kernaspekte – Töten und Sterben – nahezu komplett aus und ersetzt sie durchs kostenlose Gemeinschaftsgefühl auf dem Abenteuerspielplatz Landesverteidigung.
Zur Begrüßung hatte es ein Hauptmann, dessen Name wie der aller Offiziere überpiept wird, bereits angedeutet: „Sie haben sich für einen verdammt geilen Job entschieden“, sagte er lässig. Im Ernstfall könne es zwar laut, kalt, ungemütlich, übelriechend und voller „Dinge“ zugehen, „die nicht schön sind“. Zum Abschluss aber bittet der Kasernenchef den Nachwuchs, das Smartphone doch bitte im Schrank zu lassen, um „auch nach Dienstende Dinge gemeinsam“ zu tun. „Weil, Sie sind jetzt Kameradinnen und Kameraden.“
Ob in den zwei Folgestaffeln, die bis Herbst beim Youtube-Kanal Bundeswehr Exclusive und der ProSieben-Plattform Joyn veröffentlich werden, ein bisschen mehr Realität ins Kriegshandwerk Einzug hält? Wer weiß… Vorerst aber wagt Generation Wehrdienst einen Spagat, für den das Verteidigungsministerium seinen Werbeetat seit 2022 auf 70,6 Millionen Euro verdoppelt hat: Die Serie wirkt zugleich anziehend und abschreckend, einfühlsam und herzenskalt, topmodern und reaktionär. So als läge zwischen den Generationen Kanonenfutter und Z nicht ein knappes Jahrhundert plus Weltkrieg, sondern nur Form und Flagge des Stahlhelms. Ein Accessoire, das Deutschland wieder rituell verschweißen soll. Ob „Mit dir sind wir viele“, wird sich zeigen.