Amthors Strandkorb & Flanagans King

Die Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

„Na doch“ – mit diesen zwei Worte korrigierte Alexander Dobrindt einen Versprecher von Maybrit Illner, Berlins mögliche Bürgermeisterin Elif Eralp sei keine Antisemitin. Ihre Verleumdungsanzeige ist dabei noch nicht mal die interessanteste Randnotiz einer merkwürdigen Diskussion. Denn sie handelt von etwas Grundsätzlicherem, und nein – damit ist hier nicht gemeint, ob Berlins schwer antisemitismusanfällige Linke nun regierungsfähig ist oder nicht. Es geht um eine Flurbereinigung.

Denn was Jörg Thadeusz ungefähr zeitgleich in einem Streitgespräch mit der Zeit anklingen ließ, prägt die Diskussion seit Wochen. Falls Rot-Rot-Grün Berlin regiert, droht er der SPD-Politikerin Cansel Kiziltepe, „sehe ich große Schwierigkeiten, die Brandmauer zur AfD noch zu rechtfertigen“. Für deren Einsturz liefern sich rechtskonservative Medien von Springer bis FAZ schließlich gerade einen Überbietungswettstreit linker Dämonisierung, den man sich von gleicher Stelle zur AfD ähnlich wünschen würde.

Was stattdessen passiert? In der bemerkenswert bescheuerten Affäre um den Strandkorb des CDU-Staatsminister Philipp Amthor infolge der großartigen ZDF-Dokuserie Inside CDU zitiert die heute-show das völkisch-nationalistische Verschwörungsportal Nius, als sei es ein Informationsmedium wie jedes andere. Und was andernorts so passiert? Weil es ihrem Parteifreund Jordan Bardella gut recherchiert Antisemitismus nachgewiesen hat, empfiehlt die französische Neo-Faschistin Marine Le Pen Journalistinnen der Nachrichtenplattform Mediapart, schusssichere Westen zu tragen.

Ein brachialer Tabubruch. Und die mediale Reaktion? Nahezu nichtexistent – was belegt, dass der europäische Pluralismus mit jeder rechtsradikalen Enthemmung weiter erodiert und Freedom of Speech peu à peu zur Freedom of Reach degradiert, wie es ein Kommentar im Deutschlandradio Kultur klug ausdrückt. Wie belanglos wirkt da die Medienmeldung der Woche, dass Prime die Preise zu intransparent erhöht hatte und deshalb wieder senken muss. Dafür kann man dort ab Mittwoch etwas ziemlich Teures schauen.

Die Frischwoche

5. – 11. Oktober

Denn Mike Flanagan hat Stephen Kings Debüt-Roman Carrie verfilmt, und siehe da: Wenn der Neumeister des kultivierten Horrors den Altmeister des tagtäglichen Horrors modernisiert, bekommt letzterer nochmals völlig neue Seiten. In diesem Fall bläst Flanagan den Fall einer telekinetisch begabten Außenseiterin ab Mittwoch so furios zur Gesellschaftsstudie auf, dass am Ende sogar eine Fortsetzung winken könnte.

Eine Nummer kleiner und dennoch ungeheuer opulent ist die neue Anwaltsserie War um zwei rivalisierende Luxus-Kanzleien, die ab heute bei Sky/Wow eine Art juristisches Succession in London ausfechten. Weitere anderthalb Nummern kleiner ist Mittwoch die britische Mystery-Comedy Small Prophets um einen Exzentriker, der bei AppleTV intelligente Geister erschaffen will – und dabei drollige Verwicklungen produziert. Nochmals schlanker, für deutsche Verhältnisse aber dennoch ganz schön wuchtig, ist dagegen Droneland.

Die Serienversion von Tom Hillenbrands nahezu gleichnamigem Near-Future-Bestseller verlegt Mordermittlung tags drauf bei MagentaTV ins postapokalyptische Europa 2040, mit Oliver Masucci als Ermittler in einer krassen Zweiklassengesellschaft – was wie hierzulande üblich leider extrem trübsinnig gerät. So wie die Mystery-Serie House of Yang, Freitag in der ARD-Mediathek. Trotz trister Grundstimmung ist die deutsch-chinesische Geisterhaus-Erzählung über drei Generationen hinweg aber durchaus sehenswert.

Ebenso wie die italienische Mafia-Serie Portobello um den real existierenden Fall eines berühmten Fernsehentertainers, der zu Unrecht als Krimineller verurteilt wird. Arte macht daraus ein fabelhaftes Potpourri des sorgsam ausgestatteten Siebzigerjahre-Irrsinns. Und damit zum Abschluss noch ein dokumentarischer Tipp: In Die Aydins in Almanya erinnert das ZDF in seiner Mediathek ab Dienstag an 65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen am Beispiel einer Familie, die auf  sie ebenfalls über drei Generationen hinweg erzählen kann.



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