Trumps Lawyer & Where’s Wanda
Posted: October 19, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Frischwoche
12. – 18. Oktober
Fürs deutsche Wort „Anwalt“ hat das Englische zwei Begriffe: Lawyer und Attorney. Während ersterer eher so etwas wie ein studierter Rechtsbeistand ist, hat letzterer auch die staatliche dafür Prüfung abgelegt. Dass Katie Zacharia vor 15 Jahren am Bar Test gescheitert ist, muss man ihr 2026 natürlich nicht vorwerfen. Dummerweise hat sie sich in 15 Social-Media-Posts dennoch „Attorney“ genannt und damit das zentrale Einstellungskriterium des US-Präsidenten erfüllt: Trumps Sprecherin ist eine Hochstaplerin.
Wie er sie drei Tage nach ihrer legendären Auftakt-PK zur Ex-Sprecherin degradierte, hat demnach nichts mit ihrer Verlogenheit (aber einiges mit dem Sexismus berichterstattender Medien) zu tun, sondern den anstehenden Midterms. Damit Trumps Vasallen am 3. November gewinnen, drosselt Elon Musik – noch so ein Ex des US-Präsidenten – offenbar das Übertragungsvolumen seiner StarLink-Satelliten für die Ukraine und pumpt 276 Millionen Dollar in den Zwischenwahlkampf republikanischer Kandidaten. Immerhin darf man den (vorerst noch) als vergleichsweise frei bezeichnen.
Anders als in der Türkei, wo Ekrem İmamoğlu 2027 sehr gewiss nicht gegen Recep Tayyip Erdoğan antreten wird. Nach zweijähriger Untersuchungshaft wurde nun immerhin der Prozess gegen ihn eröffnet. An dessen Ende stehen allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit etliche der geforderten 2400 Jahre Gefängnis. Und damit auch andere Kontrahenten des Diktators chancenlos bleiben, wurde mit Halk TV obendrein der letzte kritische Fernsehsender verboten.
So weit ist Deutschland trotz Rechtsruck und Friedrich Merz Versuch, den Linksruck als gefährlicher darzustellen, zwar noch nicht. Aber wenn ein ordentliches Gericht die Redaktionsräume der Zeit durchsuchen lässt, um – völlig legal recherchierte und vom Informantenschutz geschützte – Beweise im Entführungsfall der Hamburger Steakhausdynastie Block zu beschlagnahmen, erinnert das eher ans Wahlprogramm der AfD als Rechtsstaatlichkeit.
Wirtschaftlichkeit ist dagegen ein ähnlich diffuser Begriff geworden. Netflix zum Beispiel hat angekündigt, 1000 Mitarbeiter*innen zu entlassen. Und zwar nicht, weil der Umsatz eingebrochen wäre; das Wachstum hat sich auf 11 Prozent verlangsamt. Ein Rückgang, der gewiss mit der angeschwollenen Konkurrenz zu tun haben dürfte, mehr aber noch mit dem zusehends mittelmäßigen Streamingprogramm der vergangenen Jahre.
Die Gebrauchtwoche
19. – 25. Oktober
Auch in dieser Woche wird hier deshalb – leider mal wieder – nichts allzu Relevantes vom Branchenführer empfohlen. Wie überhaupt das gestreamte Angebot überschaubar ist. Bemerkenswert ist allenfalls die Fortsetzung der deutschen Kleinstadtgroteske Where’s Wanda bei Apple TV. Der Auftakt war vor zwei Jahren zwar (besonders international) erfolgreich, aber prätentiöser Firlefanz. Die zweite Staffel ist ab Mittwoch nicht ganz so missraten, aber irgendwie auch eher selbstreferenziell als originell.
Interessanter geht es demgegenüber öffentlich-rechtlich zu. Bereits online ist zum Beispiel das dreiteilige Porträt der Casting-Band No Angels. Mit ein paar Tränen und Geigen zu viel natürlich, allerdings weniger melodramatisch als befürchtet. Gleiches gilt für den österreichischen Politthriller Das Vergessen mit Julia Koschitz, die darin sechs Teile lang den Mörder ihrer eigenen Nichte sucht und dabei natürlich auch sich selber findet.
Auf völlig andere Art bemerkenswert ist die finnische Vampir-Serie Blood Cruise über ein Kreuzfahrtschiff, auf dem ab Freitag die Untoten wüten. Skandi Noir auf skurrile Art. In der ZDF-Mediathek startet zeitgleich ebenfalls ein mysteriöses Format. Wake up handelt jedoch von Bewusstseinswanderung in einer nahegelegenen deutschen Zukunft, die wie hierzulande üblich seltsam miesepetrig wirkt. Trotzdem ist der Sechsteiler durchaus gelungen.
Das gilt trotz neuer Besetzung nicht für den Nürnberger Tatort. Rosalie Thomass ist zwar über jeden Zweifel an ihrer Schauspielkunst erhaben. Als Neue an der Seite von Fabian Hinrichs setzt ihr Regisseur Dustin Loose am Sonntag nach Constantin Liebs Drehbuch allerdings den sehr konventionellen Who-dunnit-Fall Gottesgarten vor die Hauptkommissarinnen-Nase.