Kotzkontrolle

fragezeichen_1_Wer sich rein filmisch erbricht, hat es gut: von ermüdendem Würgen keine Spur, stattdessen nur ein Strahl, fertig ist die Lache. Beneidenswert. Und merkwürdig.

Wenn es doch so einfach wäre wie in Film und Fernsehen: Unwohlsein? Übelkeit? Magen-Darm-Probleme? Dann ab auf Klo, Klappe hoch, Kopf drunter – und nach nur einem Stoß ist alles vorbei. Zu schade, dass die Realität völlig anders aussieht: Wem übel ist, so übel, dass alle Dämme zwischen Hals und Bauch brechen, hängt gemeinhin halbe Ewigkeiten über der Schüssel, und das nicht nur einmal, sondern immer und immer und immer wieder bis tatsächlich nur noch ein Stoß kommt, Stunden nach dem ersten. Keine schöne Sache.

Und somit der trifftigste Grund, warum uns visuelle Medien den Anblick rechtschaffenden Erbrechens selbst in recht rüden Splatterfilmen tendenziell ersparen – andernfalls ist die Altersfreigabe unter 16 schnell mal dahin und mit ihr die schönste Einschaltquote. Ein anderer Grund hat dagegen eher technische Gründe. Um den gesamten Mageninhalt nicht nachträglich per Greenscreen ins Freie entlassen zu müssen, muss man optisch mit dem Vorlieb nehmen, was sich umstandslos im Mundraum vorlagern lässt. Das ist zwar in der Regel ein geschmacksneutrales Kotzesurrogat in Kotzekonsistenz, aber eben nicht mehr als ein Doppelkornglas davon, vulgo: ein Strahl. Fertig. Ach hätte das Leben doch Requisiteure.


Pin-Up-Girls und Millionäre

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 1.-7. April

Einfach Wahnsinn, was die vorige Woche so für Topnews mit sich brachte: Der Premiumpromi Cindy aus Marzahn, intellektuelles Aushängeschild des weltbesten Senders (RTL) und tragende Säule der weltbesten Show (Wetten, dass…?), wechselt sommers zu Sat1. Dass Nordkorea mit Krieg droht und Zypern die Pleite, verwelkt auf dem Boulevard natürlich ebenso zum Bodenschlenker nachrichtlicher Erregungskurven wie die Tatsache, dass der wunderbar uneitle weil ausschließlich sachorientierte ARD-Korrespondent Jörg Armbruster – dem wir hiermit rasche Genesung wünschen – bei der Arbeit in Syrien angeschossen wurde. Gibt halt wichtigeres zu berichten als so dröge Sachen wie Weltpolitik. Den neuesten Frauentausch zum Beispiel, dem RTL2 seit gestern – Überraschung! – ein -Promi voranstellt und das sendereigene Pinup-Girl Micaela mit dem sendereigenen Bäuerinnensucher Heinrich durchwechselt, was ja nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil die eine Schäfer heißt und der andere Schäfer ist, sondern weil eine der zwei Tauschfrauen Y-Chromosomen trägt, also gar nicht so richtig Frau … aber lassen wir solche Spitzfindigkeiten bei einem Kanal, der Scripted Reality wie Mitten im Leben unter Nachrichten verbucht.

Womit wir bei der Medienschizophrenie der Woche wären. Denn die Topnachricht, Christian Wulff lehne die Einstellung aller Ermittlungen gegen Zahlung von 20.000 Euro ab, beruht ja auf einem offenbar fälschlichen Korruptionsverdacht, der nun seinerseits rückwirkend zur Topnachricht darüber aufgeblasen wird, die Medien (übrigens besonders jene, die ehedem fleißig mit eingedroschen hatten auf den Expräsidenten in spe) hätten damals alles falsch gemacht, was jetzt eine schöne Nachricht unter den Tisch kehrt, die weiterhin berichtenswert bleibt: Dass der Empokömmling Wulff und der Elitenzögling Groenewold gar nichts Illegales getan haben müssen, um die Mechanik einander waschender Hände in den einflussreichen Schichten dieses wirtschaftspolitischen Systems für verachtens-, also berichtenswert zu halten.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 8.-14. April

Obwohl: Dass die Medien durchaus in der Lage, ja bereit sind, über so etwas eingehend zu berichten, zeigt der gigantische Aufriss, den die eingeweihten Redaktionen von NDR und SZ derzeit ums Datenleck internationaler Steueroasenflüchtlinge betreiben. Das führt sogar so weit, dass die ARD ihr Jubelporträt über Gunter Sachs aus gegebenen Anlass ändern ließ. Um 21 Uhr ist der verstorbene Gentleman-Playboy also doch nicht mehr bloß jener „Unternehmer, Künstler, Sammler“, den auch öffentlich-rechtliche Glitzerformate gern in Erbreichen und ähnlich eigenleistungsfrei zu Geld Gekommenen wie Sachs sieht, sondern auch ein Betrüger im ganz großen Stil.

Und damit aber mal zurück zum Wesenskern des Fernsehens von heute: Entertainment. Das kommt auch heute (Montag) Abend gleich mal als Krimi daher, aber immerhin als sehr unterhaltsamer namens Der Tote im Watt, der neben einem wirklich fiesen Eingangsmord auch eine wirklich tolle Hauptdarstellerin zu bieten hat, von der künftig nicht nur im neuen Hamburger Tatort noch mehr zu hören sein wird: Petra Schmidt-Schaller. Noch spielt die Tochter des gleichnamigen DDR-Stars (mit Stasi-Makel) zwar auch noch in Sat1-Romanzen mit (die diesen Dienstag mit Groupies bleiben nicht zum Frühstück mal ein wenig gehaltvoller als üblich daherkommen); doch früher oder später dürfte sie statt in heiteren Schnulzen eher auf 3sat zu sehen sein, wo am Freitag (22.35 Uhr) die einzig relevanten Trophäen der hiesigen kleinen TV-Welt verliehen werden: Die Grimme-Preise.

Nicht dabei: Das gleichermaßen über- wie unterschätzte Dschungel-Camp, dessen Nominierung ein gleichermaßen über- wie untertriebenes Protestgeheul des gleichermaßen über- wie unterbewerteten Feuilletons nach sich gezogen hatte. Auch nicht dabei: Pastewka mit Bastian Pastewka der auch heute als Bastian Pastewka – ironischerweise parallel zur Grimme-Verleihung laufenden – Folge Der Pusher brilliert, in der er unversehens und brüllend komisch zum Haschdealer wird. Ebenfalls nicht dabei Jan Böhmermann, der auch ohne Charlotte Roche zur Seite der kreativste deutsche Host ist, was er in seiner ersten eigenen Talkshow Lateline ab Mittwoch bei EinsPlus sicher unter Beweis stellen wird, während RTL am Sonntag mal wieder nur unter Beweis stellt, wie sehr er sich um seine zweitliebste Klientel nach Arbeitslosen bemüht: Leute mit zu viel Geld. In Secret Millionaire lässt er sie deshalb als Gutmenschen undercover ein paar Karmapunkte sammeln, was Christine Neubauer overcover eigentlich immer tut, diesen Freitag mal als Die Pastorin, die immer irgendwo einen schicken Arzt trifft, der ihr das harte Gutmenschsein versüßt.

Wer statt erbrechen lieber lächeln will und das noch nicht bei putzigen Franzosen mit lustigem Akzent getan hat, kriegt Samstag (20.15 Uhr, BR) die nächste Gelegenheit, in Willkommen bei den Sch’tis die beste deutsche Übersetzung eines ausländischen Films aller Zeiten erleben zu dürfen. Transkribiert, aber dennoch sehenswert dürften dagegen ab Sonntag die Geister-Geschichten auf Arte sein, eine Woche lang Gruselfilme aus einem Jahrhundert Filmgruseln, zum Auftakt Spielbergs Zwischenwerk Always und Peter Jacksons Frühwerk The Frighteners.

Zum Schluss noch die Entdeckung der Woche: Kinder des Ostens – unprätentiöse, promiferne Aufbereitung von DDR-Biografien, und was der Westen draus gemacht hat (Do, 20.15, RBB)


Samstagsporträt: Markus Staiger, Nuclear Blast

Vom Metall zum Metal

In einer Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb hat der Musikfan Markus Staiger das größte unabhängige Heavy Metal-Label der Welt geschaffen. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte vor 25 Jahren im Kinderzimmer.

Von Jan Freitag

Schwäbisches Arbeitsethos? Markus Staiger schüttelt den Kopf. Ha Noi! Bei aller Bodenständigkeit, das nun nicht. Obwohl – er denkt kurz nach. „Eigentlich doch.“ Sofern es Attribute wie Beharrlichkeit und Ausdauer beschreibt, falls es für Geschäftssinn und Risikofreude steht, wenn es zu schätzen heißt, „dass man mag, wenn etwas wächst und gedeiht“, wie Staiger es ausdrückt, „bin ich wohl doch recht schwäbisch.“ Schwäbischer zumindest, als der Name seines Unternehmens: Nuclear Blast. Auch wenn man in Donzdorf gern Blascht sagt. Schwaben können eben alles, außer Hochdeutsch. Und Staigers stetig wachsende Firma belegt, dass seine Landsleute selbst im letzten Winkel jedes Produkt für die ganze Welt erzeugen. Von Maschine über Teddy bis Geschirr und nun auch noch Markus Staigers Ein und Alles, seinen Lebenszweck: Heavy Metal. Mit ihm wurde ein mittelständischer Betrieb bei Ulm zum weltgrößten unabhängigen Plattenlabel einer Musikrichtung, die gerade am Rande der Schwäbischen Alb wie eine Invasion Außerirdischer wirkt. Heavy Metal, das hören doch die mit den rauen Sitten, den satanischen Riten, den langen Matten. „Die Region ist tiefschwarz und gläubig“, sagt ihr Grundversorger Staiger, selbst eingeborener Katholik, „aber bei uns erwirbt man sich mit Erfolg eben Respekt.“

Und von beidem hat sich der Mann mit den sanften Augen in 45 Jahren reichlich erarbeitet. Besser noch: in seiner zweiten Lebenshälfte; am Ende der ersten war er noch Bürgerschreck mit Punkfrisur. Das belegt auch ein Dokumentarfilm von Arte namens Heavy Metal auf dem Lande. Staigers Mutter zeigt darin Jugendfotos ihres Buben und lächelt scheu durch ihre Küche in rustikaler Eiche. Dem Markus, so erteilt sie ihm heute Absolution, „dem isch des wirklich ernscht“. Und wem es das ist, darf auch vom deutschen Bibelgürtel aus Tassen mit Pentagramm, Aufnäher mit „Satan inside“ oder Alben mit Kruzifix als Steinschleuder verkaufen. Wer Heavy Metal sagt, muss schließlich auch Nuclear Blast sagen. Das Unternehmen mit Büro in L.A. verbucht rund um den Globus Chartplatzierungen. Nightwish, eine der mittlerweile 104 Vertragsbands, katapultiert jedes ihrer Alben nicht nur im heimischen Finnland an die Chartsspitze und knackt locker die Millionen-Grenze international verkaufter CDs. In Zeiten sinkender Tonträgerabsätze eine unglaubliche Zahl und doch nur eine Seite der Medaille.

Die andere heißt Mailorder und Merchandising. An die 6000 Produkte stapeln sich im riesigen Lager des firmeneigenen Gebäudes, weitere 2000 sind lieferbar. Woche für Woche verschicken gut gelaunte Frauen im Versand Tausende von Paketen um die Welt. Das Klima ist gut, die Musik verbindet. Hier, inmitten langer Regalfluchten, ist auch Markus Staiger in seinem Element. Zwischen Weihnachtsgirlanden aus Fledermäusen, Armreifen mit Eisernem Kreuz oder Platten in martialischen Hüllen, umgeben von Totenköpfen, T-Shirts, Nieten und Nippes. Ihr Besitzer kennt jede Kiste, jede Band, jeden Button. Er lächelt milde über unnützes Zeug, verharrt stolz vor der kleinen Vinylecke und preist ungläubig Topseller wie Patronengurte oder Trinkhörner. Staiger grinst: „Keine Ahnung, was 4000 Leute damit wollen.“ Der echte Metal-Fan hegt eben eine innige Beziehung zu Devotionalien, zum Fetisch, zur Uniform. Und sie beschert Nuclear Blast im Vorjahr fast 40 Millionen Euro Umsatz. Die knapp 100 Angestellten, meist echte Fans mit langen Haaren und Band-Shirts, kriegen sogar Weihnachtsgeld.

Das bringt Markus Staiger nachbarschaftliche Anerkennung. Dabei schafft ein Betrieb dieser Größe im überschaubaren Donzdorf mit seinen 11.000 Einwohnern gerade mal die Top Ten der größten Arbeitgeber. Doch die Kleinstadt mag ihren Markus und Bürgermeister Martin Stölzle nennt drei sehr praktische Gründe: „Er ist ein Beispiel, wie man als junger Mensch eine Firma von Weltruf aufbaut, er schafft Arbeitsplätze und ist ein guter Steuerzahler.“ Außerdem veranstalte er gern Feuerwerke und die Musik sei teilweise, nun, hörbar. In einem Ort, wo der frühere Patriarch, ein reicher Graf von bald 100 Jahren, naturgemäß mit Erlaucht angeredet wird und Konservativismus als genetisch bedingt gilt, sei Kritik da selten. Das war vor einem Vierteljahrhundert sicher anders, als Markus Staiger beim Zivildienst begann, der umliegenden Szene kleinere Posten Importplatten zu ordern. Vom Metall zum Metal – gelernt hatte er Maschinenschlosser. Doch Regelarbeitsverhältnisse waren seine Sache nie. Auch der Name seines Ur-Versands stieß kaum auf Verständnis: Misthaufen Distribution, wirtschaftlich eine Reihe Sammelbestellungen mit geringer Gewinnspanne, räumlich ein Zimmer im Elternhaus, perspektivisch ein Sprungbrett nach oben. 1987 gründete er Nuclear Blast. Seither befindet er sich im Steigflug.

So sehr, dass Staiger nun kürzer treten muss, treten darf, will. Nach20 Jahren pausenloser Arbeit nimmt er sich nun Zeit für seine Freundin und Hobbys. Joggen, Fitness, Yoga. Und Golf. Als Ausgleich und Naturerlebnis. Der untersetzte Mann in schwarzer Freizeitkleidung lacht: „Aber alloi“, nicht mit dem örtlichen Jet Set. Dafür, aus dem Munde eines wohlhabenden Porschefahrers klingt das rasch verdächtig, „bin ich zu independent“. Und doch muss man es ihm glauben. Nicht wegen der Band-Logos, die er gern vor der Brust trägt. Nicht wegen 20.000 Platten des Vollgasgenres, die seine Wohnung verstopfen. Nicht, weil er Kaufangebote der riesigen Majorlabels so ablehnt wie heimeliges Versorgungsdenken oder das Siezen. Nein, es ist das Wesen seiner Musik. Heavy Metal sei keine Frage des Geldbeutels und schon gar nicht von Trends, sondern pures Herzblut. „Ich werde ihn mein Leben lang hören“, schwört er. Was sich wie Selbstvergewisserung des alternden Fans anhört, es ist reine Feststellung.

„Hey, your Record is fucking unbelievable“, ruft Staiger einer Musikerin zu, die sein chaotisches Büro voll goldener Schallplatten und Versandkisten betritt. Bei Fourtysomethings mit blondierter Kurzhaarfrisur führen solch juvenile Ausbrüche oft zum Fremdschämen. Doch wie Markus Staiger danach beteuert, in ihre Band richtig Energie zu stecken, weil sie so unfassbar gut sei, ist man geläutert. Dieser Mix aus Leidenschaft und Energie in schwäbischem Akzent, mit ihm lässt sich alles verkaufen. Ob Metal oder Metall.


7 Fragen an … FIFA-Chef Sepp Blatter

FIFA_Logo(2010).svgIch bin nicht bestechlich

Joseph Blatter, seit 1998 FIFA-Präsident, ist der umstrittenste Sportfunktionär aller Zeiten. Kein Wunder, dass “Sepp” nicht mit dem kritischsten Sportforum aller Zeiten spricht. Die freitagsmedien mussten daher etwas improvisieren.

freitagsmedien: Herr Blatter, die Vorwürfe der Bestechlichkeit gegen Ihre Person nehmen täglich zu. Hand aufs Herz: sind Sie korrupt?

Joseph Blatter: Ich bin nicht bestechlich, da können Sie mir beide Hände abhacken.

Es gab also nie eine gekaufte WM?

Gekaufte WM … Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu naiv.

Bestechungen innerhalb der Fifa sind also möglich?

Provisionszahlungen. Man kann die Vergangenheit nicht mit den Maßstäben von heute messen. Das ist Moraljustiz.

Gibt es denn Rass…

Es gibt keinen Rassismus im Fußball.

Aber Kevin Prince Boateng hat doch wegen offensichtlich rassistischer Zuschaurreaktionen das Spielfeld eines Freundschaftsspiels verlassen?

Ich denke, dass ein Spieler nicht einfach vom Feld gehen kann, das ist nicht die Lösung. Es ist ein Spiel und am Ende vom Spiel schütteln wir uns die Hand.

Wie ist es mit Spielmanipulationen?

Sind der Teufel in unserem Spiel. Gerade in finanzschwachen Ländern ist Korruption, Wettbetrug und Spielmanipulation weit verbreitet. Alle, die darin verwickelt sind, sollten lebenslang gesperrt werden. Wenn man schon vorher weiß, wer am Ende gewinnt, läuft etwas total falsch.

Herr Blatter, wann treten Sie endlich zurück?

Meine Aufgabe ist erfüllt, wenn die Gesellschaft uns dabei unterstützt, mit dem Fußball zu einer besseren Welt beizutragen. Fußball ist mehr als eine Religion, mehr als alle anderen Religionen zusammen.

Für Zweifler: Alle Antworten stammen aus anderen Interviews. Dieses Interview hat so nie stattgefunden. Das ist ein Karton.

Sascha Hehn, Hamburg/München 2013

Ich wollte Geld verdienen

Ab Freitag ist Sascha Hehn Sascha Hehn und irgendwie auch wieder nicht. Unter seinem richtigen Namen intrigiert der 58-Jährige als alternder TV-Star zwei Doppelfolgen (5.+12. April, 23 Uhr) durch jene staubige Behörde am Mainzer Lerchenberg, die ihm in der Realität zum Durchbruch verhalf: Nachdem er 1959 in Hubertusjagd sein Kinodebüt gab und fortan vom Softporno über Literaturverfilmung bis Derrick wenig ausließ, machte ihn Chefsteward Victor im Traumschiff 1981 berühmt. Parallel spielte er  zwar erfolgreich Theater, Formate wie Schwarzwaldklinik oder Frauenarzt Dr. Markus Merthin legten ihn aber über Jahre auf den Sonnyboy vom Dienst fest. Ab 2014 kehrt der Familienvater als Kapitän zurück aufs Traumschiff.

freitagsmedien: Herr Hehn, reden Sie privat von sich selbst eigentlich auch manchmal in der dritten Person?

Sascha Hehn: (lacht) Nein nein, der Sascha in Lerchenberg ist ja doch ein anderer Sascha als ich es bin, auch wenn das am Ende jeder für sich selbst raus finden muss.

Ein echter Sascha Hehn entschuldigt sich also nicht bei niemandem, ein echter Sascha Hehn braucht schon einen Agenten.

Ganz genau. Für die Authentizität der Serie, ihren Wirklichkeitsbezug war nämlich zunächst mal kein vollständiger Charakter vonnöten, sondern nur ein bekannter Name. Und da kam das ZDF auf mich zu. Im ersten Moment dachte ich natürlich, die wollen mich verarschen (lacht). Als wir uns dann aber zusammengesetzt haben, fand ich die Idee, mich selber zu spielen, zusehends hochinteressant: Wann hat man dazu schon mal die Gelegenheit.

Es steckt also doch etwas von Ihnen in Lerchenberg.

Sobald es sympathisch wird schon. Ich vergleiche das ein wenig mit Charlie Sheen in „Two and a Half Men“: Der spielt sich da ja auch mit eigenem Namen, und viele Männer finden ihn darin cool, weil er ein bisschen ist, wie sie gern wären, während ihn viele Frauen schrecklich finden, weil er eben einfach ein Macho ist. In meinem Fall werden viele sagen: Was für ein Arsch! So benimmt man sich nicht in dem Beruf. Wer die Branche allerdings kennt, sagt wohl doch eher: ja, so benimmt man sich da durchaus – mit diesen Ellenbogen, mit diesem Überlebenswillen.

Haben Sie beides auch?

Eben nicht! Mir fehlt da der Ehrgeiz, weshalb ich auch nicht geneigt bin, mit Redakteurinnen ein Verhältnis einzugehen, nur um Karriere zu machen. Diese Art Unterhaltungswert beim Film-Hehn bleibt also fiktiv.

Zumal dessen Karriere feststeckt, während Ihre gerade nochmals Fahrt aufnimmt.

Vielleicht tut sie das, aber es gab nie richtig schmerzhafte Ruhephasen. Ich habe mir meine Auszeiten genommen, die auch mal halbjährig waren, hatte aber kontinuierlich Arbeit, auch wenn sie manchmal eher Backstage erfolgte – Formate entwickeln etwa. Wenn man mal am Vorabend eine Folge „SOKO“ macht, wird das halt öffentlich bloß nicht so breit getreten. Deswegen heißt es im Film so schön: Der Sascha Hehn ist ein Primetime-Schauspieler, der die Leute total verunsichern würde, käme er nachmittags. Solche Sätze eines übertriebenen Charakters gefallen der eigenen Eitelkeit, auch meiner.

Mal rein hypothetisch: wäre Ihnen dieser Charakter schwerer gefallen, wenn Ihre Karriere gerade wie sein stagnieren würde?

Das wäre er garantiert. Denn ich laufe nichts hinterher, sondern mache etwas anderes, wenn was nicht funktioniert. Deshalb rate ich allen Nachwuchsleuten dieser Branche: erlernt nebenbei noch ein richtiges Handwerk, das euch im Zweifel irgendwann ernähren kann. Denn dieses hier tut das nur in den seltensten Fällen. Schauspiel ist der unsicherste aller Berufe.

Und Sie haben ihn noch nicht mal richtig gelernt.

Zumindest war ich auf keiner Schauspielschule. Ich bin mit fünf Jahren auf dem Minigolfplatz entdeckt und fortan stets als Frontschwein ganz vorne vor die Kamera gesetzt worden. Dadurch habe ich am Ende auch alles von der Pieke auf gelernt, denn es gab ja doch immer Herausforderungen, fast Prüfungen, die einen da weiter gebracht haben: Shakespeares Orlando bei den Salzburger Festspielen 1980 oder Goethes Egmont, Improvisation zu erlernen, auf Theatertournee zu gehen – das hat mich weitergebracht. Denn nur an seinen Rollen kann man wachsen.

Auch an denen, die öffentlich keinen so guten Ruf hatten, etwa Schulmädchen-Report und Heimatfilme?

Selbst an denen. Und man wächst sogar an Filmen, die nicht funktionieren, weil man in völliges Unvermögen einer unprofessionellen Produktion hineinstolpert und sich fragt, wie in den riesigen öffentlich-rechtlichen Apparaten mit diesem Aufwand so etwas passieren kann. Aber es passiert halt, so ist das Leben, daran wird man geschult und ich sehe es heute auch gelassener als vor fünf Jahren, beim Musikhotel am Wolfgangsee.

Einem Heimatfilmremake, über dessen Beteiligung Sie im Anschluss sagten, künftig lieber für 15 Euro den Rasen zu mähen, als ihren Beruf nochmals so lächerlich zu machen.

Das war ein Hilfeschrei. Wir wollten ja eigentlich eine Hommage an den großen Peter Alexander machen, und dann ist das dabei raus gekommen – ohne richtiges Casting, fast ohne echte Schauspieler vor und Fachleute hinter der Kamera. Ich habe getan was ich konnte, hätte aber damals machen müssen, was jetzt zum Beispiel Til Schweiger im Hamburger Tatort getan hat: Mitspracherecht einfordern, um Unterhaltung innovativ zu gestalten.

Finden Sie seinen Nick Tschiller denn gut?

Er mag an einigen Stellen zu brutal gewesen sein und auch sonst durchaus mit Fehlern behaftet. Die lassen sich in unserer schnelllebigen Zeit ja kaum noch verhindern, aber was diesen Tatort darüber hinaus auszeichnet: Er ist einfach gut gemachtes Handwerk. Das muss man Filmen mit Schweiger – ob man sie mag oder nicht – generell zugute halten.

Die stellt auch niemand in Frage, Schweigers schauspielerische Bandbreite schon eher.

Wobei bemerkenswert ist, dass er im Ausland ausschließlich als Bösewicht gebucht wird, bei uns dagegen meist als Sympathieträger. Er muss selber wissen, wie er sich besetzen lässt, aber es funktioniert ja. Wissen Sie – Schauspieler nehmen sich gern sehr wichtig.

Sie auch?

Ich auch! Aber dann denke ich daran, was Robert Mitchum mal Treffendes darüber gesagt hat, was Schauspieler leisten sollten: Sei pünktlich, lern deinen Text, stoße nicht gegen die Kulissen! Der Rest ist Inszenierung, Bearbeitung, Produktion. In Hollywood schlagen dich selbst die größten Schauspieler vor Lachen auf die Schenkel, wenn sie auf der Leinwand sehen, was per Greenscreen aus ihnen gemacht wurde. Antonio Banderas hat mir mal gesagt, beim Drehen von Zorro wäre er völlig unsicher gewesen, was dabei rauskommt, aber als er den fertigen Film gesehen hat, dachte er: Wow! Das bin ich? Super! Das dürfte Til Schweiger nach seinem Tatort auch gedacht haben.

Denken Sie das hinterher auch?

Ach, ich kann mich generell nicht mehr gut am Bildschirm sehen. Zum einen, weil man da ständig seine Eitelkeit besiegen muss, zum anderen, weil ich mir gegenüber ziemlich kritisch bin.

Können Sie sich den die alten Sachen aus der Hochphase Ihrer Popularität in den Achtzigerjahren noch ansehen?

Die schon, klar. Aber aus nostalgischen Gründen. Dann zappt man im Hotel mal durch die Kanäle, sieht zufällig eine alte Fernsehfolge und sagt sich, Mensch, das waren noch Zeiten…

Als Sie noch der Sonnyboy vom Dienst waren. Hat Sie dieses Image je gestört?

Nö. Ich fand es in der Schublade eigentlich ganz gut, weil man auch diese Sparten füllen sollte. Vielleicht wäre mir außerhalb davon mehr möglich gewesen, aber es war meine eigene Entscheidung; ich wollte Geld verdienen, sonst wäre ich am Ende vielleicht als großer Theaterschauspieler in Wien versauert, wer weiß. Darüber denke ich nicht nach, denn so wie es gelaufen ist, ist es gut gelaufen; ich habe allen Grund zur Zufriedenheit.

Klingt nach einem guten Verhältnis zur Masse.

Im anspruchsvollen, öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon, im kommerziellen Privatfernsehen dagegen nicht. Es gibt dort Formate, für die Menschen ihre Selbstachtung ad acta legen, um sich für ein paar Kröten in den Busch fliegen zu lassen; da würde ich lieber bei McDonalds arbeiten… Die Gefahr ist allerdings, dass solche Sendungen Vorbildfunktion fürs gesamte Medium haben. Da sind längst Tendenzen spürbar, wenn ARD und ZDF die Protagonisten derart leichter Privatunterhaltung einladen, anstatt sich unter den Zigtausenden ernstzunehmender Künstler zu bedienen. Für jemanden vom alten Schlag wie mich ist das schon bedenklich. Da sollten sich die Öffentlich-Rechtlichen mal grundsätzlich Gedanken machen, wie man sich davon abgrenzen will in Zukunft. Oft mangelt es da jedoch an Kritikfähigkeit.

Bei Ihnen nicht?

Nein, die hatte ich immer, denn so funktioniert Demokratie. Wichtig dabei ist aber, auch im Umgang mit sich selbst nie den Humor zu verlieren. Da ist Lerchenberg ein guter Weg, wie ich finde. Darin steckt ein gutes Stück humorvolle Selbstkritik.

Anfang 2014 übernehmen Sie die Kommandobrücke vom Traumschiff. War damit für den früheren Chefsteward Victor zu rechnen?

Irgendwie schon. Wenn sich die ursprüngliche Besatzung getroffen hat, wurden immer wieder Scherze darüber gemacht, ob ich als alter Kapitän an Bord zurückkehre. Als dann tatsächlich die Anfrage kam, habe ich zwar um ein paar Tage Bedenkzeit gebeten, ob das überhaupt Sinn macht, bin aber mit meiner Familie doch schnell übereingekommen, dass es doch was Positives wäre, was man da macht: Weil es darin weder Mord noch Totschlag gibt, nur schöne Bilder netter Menschen in guten Geschichten, können die Zuschauer hinterher mit einem Lächeln auf den Lippen zu Bett gehen. Das ergibt Sinn. Deshalb hab ich ja gesagt.

Und es gibt schlechtere Arbeitsbedingungen.

Absolut, auch wenn sich die Arbeitsbedingungen im Vergleich zu früher verändert haben, wo man nach zwei, drei Drehtagen erst mal eine Woche Pause hatte. Jetzt geht alles zackzack, time is money, es muss gespart werden und das ist ja auch gut so. Jetzt machen wir’s eben alles ein bisschen zügiger, aber es sind ja auch nur je zwei Folgen Traumschiff und Kreuzfahrt ins Glück pro Jahr.

Da droht Ihnen also nicht bereits das Altersteil an Deck.

Ach was, nein, da wird es immer wieder kleine Ausbrüche geben. Erstmal hab ich einen Dreijahresvertrag, in dem wir schauen, ob es ankommt, ob die Bücher stimmen, ob wir das Schiff überhaupt dauerhaft kriegen; früher fuhr es ja dorthin, wo wir wollten, jetzt fahren wir hin, wo das Schiff hin will. Aber ich arbeite generell nicht mehr so viel.

Sie werden ja nächstes Jahr auch schon 60. Macht Ihnen diese Zahl ein wenig Angst?

Nein (lacht), bis jetzt nicht. Wenn man ein entspanntes, gutes Leben hat, läuft man heute mit 60 nichts mehr hinterher. Ich habe, glaube ich, wenig versäumt und nehme die Dinge deshalb sehr gelassen.


Restaurantraub

fragezeichen_1_Im Restaurant nicht zu zahlen, wird zwar als Mundraub milder bestraft als gewöhnlicher Diebstahl, aber dass Filmfiguren ständig die Zeche prellen, ist dann doch: merkwürdig

Wären Zechpreller ein Märchenvolk – J.R. Ewing regierte als böser König. Jeden, wirklich jeden Deal macht der texanische Ölmagnat seit gut drei Jahrzehnten im Cattlemen’s Club klar. Selten in seinem großräumigen Büro, nie in eleganten Konferenzräumen, nein, stets in diesem rustikalen, aber noblen Restaurant, das grundsätzlich nur mittags serviert, vornehmlich Whisky zum Steak. Kein Wunder – denn so strömend der Bourbon zum Lunch auch fließt, gezahlt werden musste bisher niemand. Niemals. Und das hat im Fernsehen durchaus Methode. Denn ganz gleich in welchem Format, ganz gleich auf welchem Kanal, ganz gleich aus welchem Anlass: entweder werden die zugehörigen Rechnungen gar nicht erst gestellt oder schlichtweg ignoriert.

Das könnte einen ziemlich simplen Grund haben: nennen wir ihn Redundanzvermeidungsprinzip, was in etwa besagt, die knapp bemessene Spielfilm- oder Episodensendezeit nicht mit Banalitäten wie Stuhlgang, Eiskratzen oder eben Restaurantrechnungen zu vergeuden. Möglich wäre auch ein Klassenbewusstsein, das es dem Stammgast edler Etablissements verbietet, derart profane Geldbeträge in die Hand zu nehmen; oder Standesbewusstsein, das es dem Stammgast billiger Kaschemmen verbietet, für Flaschenbier und Schlangenfraß auch noch zu zahlen. Wahrscheinlich ist das Ganze aber noch viel naheliegender: Denn essen tun die Gäste – womöglich, weil man mit vollem Mund einfach nicht schauspielt – ohnehin nie, was ihnen die Filmküche zubereitet. Warum sollte J.R. da zahlen.

Von Jan Freitag