Normfamilienjoghurt

fragezeichen_1_In der Werbung gibt es exakt einen Familientypus: deutsche Eltern, große Tochter, kleiner Bruder. Junge Schwestern, Einzelkinder, Patchwork, gar Ausländer – alles verboten. Merkwürdig.

Es gibt Joghurt zum Wochenende. Glaubt man dieser einen Fernsehreklame, also auch an den Osterhasen, dann reicht der hiesigen Normfamilie ein zuckriges Milchprodukt mit Fakefrüchten fürs selige Weekendfeeling. Glaubt man der Fernsehreklame insgesamt, besteht die Normfamilie zudem aus zwei zielich arischen Eltern einer artigen Tochter mit kleinem Bruder. Ausnahmen? Ausgeschlossen. Einzelkinder, Mischehen, Spätgebärende? Alles undenkbar! Die Normfamilie der Fernsehreklame, ach – im deutschen Fernsehen generell, ist absolut formatiert.

Und das hat strategische Gründe. Wenn die gepriesenen Produkte noch weniger der Realität entsprechen als die Restunterhaltung ringsum, braucht sich die Werbung erst recht nicht um so was Lästiges wie Wirklichkeit zu bemühen. Also bastelt sich das Marketing eine Welt, die nicht nur dem Verkauf förderlich ist, sondern auch der geheimen Sehnsucht des Kernkunden. In deren Traumland geht es nämlich geordnet zu, blutsgruppendynamischer Konsum reicht darin zum Glücklichsein, Ausländer sind nur zu Gast und das Böse vor der Wohnstubentür manifestiert sich bloß in einem 18,4 Monate jüngeren Bruder, der ab und an – quasi als Gipfel deutscher Normfamiliendisharmonie – ein klein bisschen frech ist zu seiner großen Schwester wird. Die Wunschwattewelt der deutschen Mittelschicht, sie liegt halt mittig zwischen Pilcher-Schnulze und Danone-Spot…

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Malmö-Müsli und Tatort-Kopfschuss

Rücksichtnahme

Die Woche, die war: 13.-19. Mai

Es ist zwar nicht zu klären, warum Bayern ökonomisch, patriotisch, fußballerisch, rassistisch, akademisch, alkoholisch und wer weiß wo sonst noch bundesweit unschlagbar scheint, aber dass dort sogar die einzig relevante TV-Trophäe jenseits vom Grimme-Institut verliehen wird, ist nun wirklich vollends absurd. Mit der Affinität zu Manneszucht und Hausfräulichkeit, Tugend und Trachten hat es also nur am Rande zu tun, dass Freitag in München (und auf 3sat) feierlich Filme und Formate mit dem Bayerischen Fernsehpreis prämiert wurden, die es meist sogar verdient hatten: Robert Atzorn für die brüchige Rolle als folternder Polizist Wolfgang Daschner in Der Fall Jakob Metzler, Nadja Uhl für ihre wächserne Darstellung in Uwe Tellkamps Literaturadaption Der Turm, Oliver Welke für seine heute-show oder das Ensemble des Kriegsdramas Unserer Mütter, unsere Väter im Ganzen. Selbst der Preis für die letzte Weltkriegsdoku des  nationalrevisionistischen Geschichtsonkels Guido Knopp war da grundsätzlich nachvollziehbar. Und weil es bei den Privatsendern im Grunde nicht mal schlechtes Sachfernsehen gibt, ist es kein Zufall, dass von den Ausgezeichneten nur Vox und Sat1 für ein Justizopfer-Doku und einen Mittelaltervierteiler strikt kommerziell funktionieren, der Branchen-Krösus RTL also leer ausgeht, wo man statt Programm zu gestalten halt auch lieber den amtierenden Dschungelkönig eine Rubrik im Mittagsjournal verpasst. Bei Punkt 12 geht Joeys Welt seit voriger Woche Fragen nach, warum etwa der Himmel blau ist oder Mägen knurren, und er tut es sendergemäß: aus dem sicheren Gefühl völliger Ahnungslosigkeit.

Weniger ahnungs- als instinktlos zeigte sich derweil der WDR bei der Nachfolgersuche von Intendantin Monika Piel. Die nämlich wird von drei Kandidaten ohne das progressive “-innen” am Ende ersetzt, dafür womöglich von Tom Buhrow, der außer seiner politjournalistisch fundierten Prominenz wenig Kerneignung für einen Verwaltungsposten mit sich brächte. Da beweist das größte öffentlich-rechtliche Funkhaus also wie fast alle führenden Medien aufs Neue, wie unerlässlich eine gesetzliche Frauenquote für alle Führungspositionen ist. Das stünde übrigens auch Deutschlands bester Zeitung – der ehrwürdigen Zeit in Hamburg – ganz gut zu Gesicht, die bei aller Güte bisweilen zum amtlichen Verlautbarungsblatt ihres Herausgebers Helmut Schmidt gerät, der vorige Woche auch noch als Kunstsammler gefeiert wurde.

Um bei so viel Hochkultur nicht vor Intellektualität zu erstarren, schalten wir mal kurz in die Gosse des Entertainments – auch wenn sie prächtiger illuminiert ist als so manche Kaiserkrönung: Grand Prix Eurovision de la Chanson, profaner bekannt als Eurovision Song Contest, kurz ESC, was nicht zu unrecht an eine fiese Viehseuche erinnert (http://www.zeit.de/kultur/musik/2013-05/esc-resumee-malmoe). Dieses Jahr kam die handelsübliche Konfettiparade chartstauglicher Ballermannschlager mit Freakshowcharakter zwar weniger pornografisch daher als in den textilfreien Jahren zuvor; doch das klebrige Malmö-Müsli von drei Stunden Länge war televisionär wie eh und je eine ästhetische Ohrfeige. Mit einem Moderator jedoch, der sich etwas ungemein Angenehmes traute: zu schweigen, wenn die Bilder ohnehin genug quasseln, zu schweigen auch, wenn Englisch geredet wird, dass nicht der Übersetzung wert ist oder sich von alleine erklärt. Nur dank der nonchalanten Bissigkeit Peter Urbans bleibt der ESC also seit seiner endgültigen Prollisierung Mitte der Neunziger überhaupt erträglich.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 20.-26. Mai

Was man von – schon wieder – RTL nun wirklich nicht behaupten kann, dem selbst an optional besinnlichen Tagen wie dem heutigen Pfingstfest nichts besseres einfällt, als die gesamte Primetime bis tief in die Nacht hinein völlig inhaltsleere Deppenaction mit dem testosteronsatten Kantenkinn Jason Statham durch die Flatscreens zu blasen. Da bietet sich der parallel laufende Tatort aus Wien umso mehr an. Zumal der heimatfilmkitscherfahrene Harald Krassnitzer dort seinen 30. Einsatz als Oberinspektor Moritz Eisner hat – sich allerdings prompt einen Kopfschuss einfängt…

… und das vermutlich mit einer Knarre aus heimischer Produktion. Denn die ballern schließlich mit in aller Welt. Davon weiß die ebenso erschütternde wie sehenswerte ARD-Dokumentation Tödliche Deals – Deutsche Waffen für die Welt von Dominic Egizzi und Carsten Binsack am Mittwoch (22.45 Uhr) zu berichten. Harte Themen fürs weiche Fernsehen – man kann auch einfacher Einschaltquoten erzielen. Etwa mit purem Popcorn-Entertainment wie dem charmanten Donnerstagsspätfilm (23.15 Uhr) im Ersten namens 13 Semester über die Höhen und Tiefen des Studierendenlebens. Oder mit der immer wieder wunderbaren Star Trek-Filmreihe ab Sonntag auf Arte. Oder auch mit der neuen Polizeiserie Inspector Banks, die ab Sonntag um zehn im ZDF (vorab montags, 21.55 Uhr, ZDFneo) zeigt, warum Briten einfach bessere Ermittler basteln. Man kann es aber auch auf vertrackte, realistische, ehrliche Weise tun und dennoch Heiterkeit erzeugen. Wie das morgige Free-TV-Debüt vom Multikulti-Spaß Almanya – Willkommen in Deutschland voller Klischees, die sich an sich selbst abarbeiten.

Im Grunde aber ist sowieso alles irgendwie Fußball in der anstehenden Fernsehwoche. Denn nachdem das erste Relegationsspiel um den letzten Erstligaplatz zwischen Hoffenheim und Kaiserslautern am Donnerstag die Vorspeise liefert, kommt es am Samstag beim Champions-League-Finale zum Fünf-Gänge-Menü zwischen Bayern und Dortmund. Volle fünf Stunden Volkssportbeschuss im ZDF also, der vermutlich auch manche(n) Fußballverächter(in) nicht gänzlich kalt lassen dürfte. Und wo wir beim Thema Temperatur sind, bietet sich für den TV-Tipp diesmal etwas wirklich Herzerwärmendes an: Denn auch nach mehr als 600 Ausgaben in fast 17 Jahren sind die WG-Bewerbungsgespräche bei Zimmer frei! ungbrochen wohlig. Nächsten Sonntag ist der famose Comedien Michael Kessler beim WDR im good-Cop-bad-Cop-Würgegriff von Götz Alsmann und Christine Westermann. Einlass 22.30 Uhr. Bitte einschalten! Und wem das zu heimelig ist, noch schnell eine Empfehlung von industrieller Kühle: Alien, Teil 1, Mittwochabend bei Kabel1. Film war nie eisiger, wenn er gut war.


Niveaufilm, spät versendet

ImageResize.aspxJe später der Abend…

ARD und ZDF zeigen viele ihrer anspruchsvollen Filmimporte und -debüts spätnachts, während um 20.15 Uhr Zeit für leichte Stoffe ist. Ein Überblick der Mutlosigkeit zum durchaus mutigen FilmDebüt im Ersten, das ab heute um 22.45 Uhr sehenswerte Erstarbeiten junger Regisseure wie Sibel Kekilli als Die Fremde bietet.

Von Jan Freitag

Es gibt Tage, da zeigt die schöne neue Medienwelt ihr wahres Gesicht. Tage, an denen öffentlich-rechtliches Fernsehen der Privatkonkurrenz nicht mehr bloß ähnelt, sondern gleicht. Ein Wochenende zum Beispiel, April, beliebiges Jahr: Karfreitag zeigt das ZDF, sagen wir: den oscargekrönten Historienfilm There Will Be Blood, zwei Abende drauf das britische Drama Lewis, während die ARD zwischendurch mit der Gaunerkomödie Bruchreif und Ostermontag mit der Hochhuth-Verfilmung Der Stellvertreter glänzt.

Großes Bildschirmkino, könnte man denken. Und doch wenig mehr als ein Armutszeugnis. Denn die vier sehenswerten Filme liefen um elf oder später! Und wo sollten Sie auch laufen – zur besten Sendezeit verstopften neben all der Kriminalödnis fast zwanghaft Christine Neubauer und Rosamunde Pilcher die Kanäle. Seit jeher werden Erstausstrahlungen von Flags of Our Fathers bis Capote Richtung Geisterstunde verdrängt und selbst auf den seltenen Rückzugsorten von Montag bis Mittwoch bleibt für Qualitätsware zusehends die anbrechende Tiefschlafphase.

Senderauftrag – gute Nacht!

Also läuft das wichtige FilmDebüt im Ersten, das talentierten Regisseuren die Chance auf einen Platz im Hauptprogramm gewährt, im Grunde erst, wenn es zeitlich langsam endet. Sibel Kekilli muss als Die Fremde folglich bis 22.45 Uhr auf all jene warten, die am kommenden Tag besser keine frühen Termine haben, Lohnarbeit oder so. Ganz ähnlich verhält es sich, wenn das ambitionierte SommerKino im Ersten seine TV-Premieren zwar offensiv bündelt, aber defensiv versteckt. Programmchef Volker Herres mag zu Recht einwenden, die FSK verbiete bei mancher Kinoperle frühere Ausstrahlungen. Doch die Altersgrenze der grandiosen Gangstergroteske Brügge sehen … und sterben? ist ja kaum weniger geheimnisvoll als die Spätschiene für den jugendfreien Rest.

Was sich auch im ZDF zeigt. Dort starten die erotisch gemeinten Sommernachtsphantasien sommers stets weit nach zehn. Die „2. Primetime“ ist eben nur ein programmplanerischer Euphemismus für „irgendwie noch sichtbar“, aber nicht mehr richtig wichtig. Wenn der bürgerlich finanzierte, staatlich bestellte Rundfunk mit dem Import niveauvoller Produkte soziokulturelle Bedeutsamkeit suggeriert, muss das vertrackte Zeugs ja nicht auch noch zur publikumsfreundlichen Sendezeit laufen. Gut, das Sehverhalten mag sich verschoben haben, die Fokussierung auf den Gong der Tagesschau noch aus eine Ära linearer Berufsbiografien heimkehrender Väter stammen, die nach dem Abendbrot im Kreise der Lieben einen von drei Kanälen schauen, bis das Testbild rauscht. Einschaltkurven selbst beliebter Formate wie Wer wird Millionär belegen, dass sich der Start des gemütlichen Fernsehabends Richtung Nacht verschiebt. Aber gleich mitten hinein?

Das Problem ist wie üblich die Quote. Die Berücksichtigung jeder Festplattenrecorder-Aufnahme entlastet die Sender vom Druck, den Lebensrhythmus des Publikums in die Sendekonzepte einzubeziehen. Was bleibt, ist der unbedingte Wunsch zur Masse zu Lasten der Klasse. Stimmt schon, sagt ZDF-Spielfilmchef Norbert Himmler, „wir müssten uns in der Primetime gelegentlich mehr trauen“. Wie zum Jahrestag von 9/11 etwa, wo sogar das sperrige Entführungsdrama Flug 93 mal zur ersten Primetime laufen kann. Doch auch sein Arbeitgeber müsse „strukturell wettbewerbsfähig bleiben“. Diese Arithmetik fehlenden Mutes und soziokultureller Resignation klaut ausländischer Fiktion jenseits von Serie und Blockbuster peu à peu attraktive Sendezeiten. Wie am Freitagabend im Ersten, der vor seiner bräsigen Volkstümlichkeit als Rückzugsort importierter Filmkreativität galt.

Noch schwerer hat es der heimische Film von Rang, was zuletzt die ZDF-Reihe Bodybits erleben musste. Die Filmexperimente zur digitalen Welt von morgen liefen ebenso gegen Mitternacht wie all die wunderbaren Kleinen Fernsehspiele und damit noch später als das Filmdebüt im Ersten. Zum Wohl der Regisseure, wie es gern heißt, die angeblich fürchten, im kommerziellen Konkurrenzdruck unterzugehen. Seltsam nur, dass die Betroffenen vom Bundesverband der Fernseh- und Filmregisseure bis zur Schauspielervereinigung BFFS per Petition einen „wöchentlichen Sendetermin für deutsche Kinofilme in der Hauptsendezeit“ fordern, um das kulturelle Schaffen im Land „dem breiten Publikum nahe zu bringen“.

Besonders in der ARD, klagt auch Norbert Simon von der IG Rundfunkgebührenzahler, „ist es mittlerweile ein Normalzustand, Filme die was taugen, nachts zu senden.“ Kein Abend scheint mehr vor Schnulzen, Shows und Sport gefeit, während zum Beispiel Tilda Swintons Oscarvorstellung in Michael Clayton einst nächtens erfolgte – obwohl sie ebenso massentauglich wie starbesetzt und vor allem teuer im Ankauf sind. Für große Hollywood-Streifen, sagt Himmler, „geht das auch mal in die Millionen“.

Dass man es zur Unzeit versendet, spricht Bände übers Verantwortungsgefühl bei denen, die dazu per Staatsvertrag verpflichtet sind. Mit Verweis auf „Partnerkanäle wie 3sat und Arte, mit Reichweiten von 99 Prozent“ (Himmler), zu denen sich der Zuschauer „mit dem Wahlzettel der Fernbedienung“ (John de Mol) vermeintlich „frei entscheiden“ könne (Volker Herres), begräbt man jeden Versuch, sein Publikum auch zur reichweitenstärksten Zeit mehr zu fordern. Sonst hätte ZDFneo ja messbare Zuschaueranteile. Wie umschrieb der Medienexperte Stefan Niggemeier den Spartenkanal so schön? „Fernsehen für Leute, die nicht mehr fernsehen.“ Sondern nachts vielleicht einfach schlafen.


Dennenesch Zoudé, Hamburg 2006/10

Ich heiße oft Ute oder Ulrike

Ein offizieller PR-Termin, ein Gespräch zwischen zwei Terminen im Luxushotel – egal, wo man Dennenesch Zoudé trifft, die Schauspielerin ist so freundlich, offen und unverbindlich, wie in der Eckkneipe. Und auch, wenn man Filme wie Meine Mutter tanzend oder Familiengeheimnisse (Sonntag, 20.15 Uhr ZDF) dafür kritisiert, dass sie heikle Themen wie Rassismus seicht erzählen, bleibt die Berlinerin mit äthiopischen Wurzeln gelassen. Eine sympathische Frau von – was optisch unfasslich ist – 46 Jahren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zoudé, bieten Filme wie Meine Mutter, tanzend oder Familiengeheimnisse Anlass, übers Thema Rassismus zu reden?

Dennenesch Zoudé: Überhaupt nicht. Es geht um die Identitätssuche junger Menschen: woher komme ich? Was ist meine wahre Familie? Ist die, die ich habe diejenige, mit der ich in die Zukunft gehen will?

Also ist die absurde Konstellation jeweils unbekannter Töchter farbiger Elternteile eher Gimmicks als Kern.

Mit dieser Absurdität, die es ja in der Realität gibt, wollten wir bewusst spielen. In Meine Mutter, tanzend bin ich schwarz, daran können wir nichts ändern. Aber dass ich als Logopädin Deutschen ihre Sprache beibringe und als wohlhabende, gut erzogene Tochter einen Klassenunterschied zu einer Mutter repräsentiere, die keinen Job durchhält, diese spielerischen Verkehrungen bilden das Wesen des Films, aber nicht das Hauptaugenmerk.

Auch die unehelische Tochter eines deutschen Industriellen im ZDF-Drama Familiengeheimnisse ist gut situiert, also nicht grad der klassische Rollentypus benachteiligter oder krimineller Farbiger in deutschen Filmen. Ist das schon eine Art Antidiskriminierungsmaßnahme?

Ich habe im eigenen Bekanntenkreis Schwarze, die auf der Suche nach ihren Eltern waren, obwohl sie hier voll integriert waren. Es ist keine bewusste Antidiskriminierungsmaßnahme, aber mir ist noch mal bewusst geworden, wie wichtig es ist filmisch zu zeigen, dass Schwarze eben nicht nur Asylanten, nicht nur Analphabeten und vor allem nicht nur Opfer sind.

Werden Schwarze in Deutschland als schwarze Schauspieler, statt einfach als Schauspieler besetzt?

Das begegnet mir in der Tat immer wieder, aber ich habe frühzeitig angefangen, darauf aufzupassen und bei Castings, in Gesprächen mit Redakteuren, Produzenten, Regisseuren deutlich gemacht, dass mich diese Ebene nicht interessiert. Und wenn es dann hieß, na ja, schwierig zu besetzen, meinte ich: Warum nicht? Wenn ich einem Menschen begegne, möchte ich ihm zunächst mal als solchem begegnen. Nicht als Weib oder Mann, alt oder jung, schwarz oder weiß – man benötigt doch erst einen Kontakt, bevor man in die Tiefe gehen kann. Deshalb geht es in dem Film auch um Personen und ihre eigenen Geschichten, in die sie auf ihre Weise verstrickt sind. Ich will Figuren mit einem Leben darstellen, nicht mit einer Form.

Genau da rennt man hierzulande doch wegen des Hangs gegen Mauern, Menschen zu attributieren – alles wird unabhängig vom Kontext benannt: das Türkische am Türken, das Jüdische am Juden, das Behinderte am Behinderten und so weiter.

Ganz genau. Aber ich habe in Filmen wie Die unmögliche Hochzeit eine Asylantin gespielt, genauso oft aber auch Tatortkommissarinnen, Rechtsanwältinnen, Ärztinnen – warum also nicht die Ehefrau, die Nachbarin, die Blumenverkäuferin.

Erst vor drei Jahren haben Sie in der WDR-Sendung Zimmer frei gefordert, „nicht nur auf Hautfarbe oder exotisches Aussehen reduziert zu werden, sondern auf sich selbst“.

Das war ein grundsätzliches Plädoyer, weil ich oft darauf angesprochen werde, ohne dass mir ständig solche Rollen angetragen werden. Im Gegenteil. Meine Rolle in der Serie Gegen den Wind war zutiefst weiß! Ich trage oft Namen wie Ute oder Ulrike, wo ich selbst einwende, die klingen fast zu Deutsch. Dann doch lieber Sarah, das klingt offener.

Und jünger.

Danke (lacht). Mir ist die Problematik bewusst, weil viele Kollegen ausländischer Herkunft mit der Festlegung hadern. Ich hadere nicht, ich gehe nach vorn und sag’s den Leuten ins Gesicht, bevor sie das Hindernis spüren, mir keine ganz normale Rolle anbieten zu können.

Wie weit hat sich das Fernsehen insgesamt aus dem Vorurteilskorsett früherer Jahre befreit, wo jemand mit nicht-deutschem Aussehen auch nicht-deutsch besetzt wurde?

Da hat sich was verändert, aber es könnte noch selbstverständlicher werden. Entweder, man hebt es so ungemein heraus, dass es karikiert wirkt. Oder es wird als verwerflich niedergemacht. Aber die unvoreingenommene Besetzung einer Schwarzen als Schauspielerin, ohne drüber nachzudenken, ohne zu diskutieren, das wäre irgendwann wirklich schön.

Klingt ein bisschen pessimistisch.

Nein, ich bin ein positiver Mensch, sonst könnte ich den Kopf in den Satz stecken und meine Sachen packen. Ich glaube fest daran.

Sie wurden in Äthiopien geboren, leben aber fast ihr ganzes Leben in Berlin – haben Sie noch Bezüge zu Afrika?

Ja! Familiäre vor allem. Ich fahre in Abständen hin und habe aus Charity-Gründen andere Länder Afrikas bereist. Erstmal ist es ein wunderschöner, großartiger, bereichernder Kontinent, wo man aufs Menschsein zurückgeworfen wird, weil man durch seine Größe erst merkt, wie klein man ist. Aber das Besondere für mich, ist mit meiner dortigen Familie konfrontiert zu werden, denn hier habe ich nur meine Eltern und Geschwister.

Ist ihre afrikanische Familie europäisiert?

Eher amerikanisiert, westlich. Viele sind nach dem Putsch in die USA gegangen. Äthiopien ist noch immer ein konfliktreiches Land, wenn auch dem Weg der Besserung. Man sagt, es gebe dort eine De-mo-kra-tie. Aber ich denke, 15 Jahre Sozialismus und zehn Jahre Militärdiktatur hinterlassen ihre Spuren. Gut, das kennen wir von diesem Land ja nun auch.

Aus deutscher Sicht gibt es zwei Afrikas: Einen reinen Krisenherd, wie ihn vor allem die Printmedien vermitteln, einen exotisch schönen Fluchtort, wie er besonders im Fernsehen erdacht wird.

Da stimme ich völlig zu und finde das besonders im Fall von Fernsehfilmen furchtbar traurig, weil keine Geschichte der Landsleute erzählt wird, sondern eine deutsche in fremder Kulisse mit servilen Afrikanern als Statisten. Solche Rollen wurden mir angeboten, als Hausmädchen etwa, woraufhin ich meinte, Sorry, dafür bin ich zu emanzipiert, das lass ich nicht mit mir machen, schon gar nicht in dem Kontinent, in dem ich geboren bin. Also bitte: Verpackt das in Geschichten, die dieses Land auch betreffen, denn davon gibt es wunderschöne.

Gleichwohl haben Sie in Traumhotel mitgespielt, einer Fernwehserie ohne viel Tiefgang.

Aber als Umweltschützerin, die sich für artgerechte Tierhaltung und die Bevölkerung vor Ort einsetzt. Das war für mich die Rechtfertigung; schließlich handelt es sich nicht um eine leichte Liebesstory – was völlig legitim wäre. Aber bitte ohne mich!

Wenn man sich ihre Filmographie ansieht, haben Sie kaum Berührungsängste mit leichter Kost.

Und das wird sich jetzt ändern. Wirklich, da arbeite ich dran wie in der Simmel-Verfilmung Und Jimmy ging zum Regenbogen. Das andere war eine Phase. Man kann nicht immer nur Schränke bauen, manchmal werden es auch Fußbänke. Das Geschäft ist eine Tretmühle, ein Karussell; wenn man zweimal leichte Stoffe spielt, wird man weiter darauf angesprochen. Aber es gibt eben ein breites Publikum dafür, da hege ich keinen Dünkel. Man baut sich ja einen Lebensstandard auf und mir ist es lieber, ich arbeite dort, als arbeitslos zu sein und dem Staat auf der Tasche zu hängen. Doch in meinem Beruf braucht man soviel Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein und den richtigen Stoff zu kriegen.

Aber muss es denn gleich Cobra 11 sein? Drei Explosionen und etwas Handlung drum herum.

Richtig, aber soll ich Ihnen was sagen: Ich hab mich darüber gefreut, weil ich eine Interpol-Agentin spielen durfte, mit Stunts und Action und richtig körperlichem Agieren. Irgendetwas muss mich an einer Rolle faszinieren, sei es, dass ich sie politisch vertreten kann wie im Traumhotel, sei es die Explosionen in meinem Rücken. Da freue ich mich über die Bilder. Punkt. Und dann krieg ich das auch noch bezahlt. Großartig.

Kamen danach die Actionangebote?

Nein, das war nur Episode. Aber mal ehrlich: Ich habe solche Lust am Arbeiten, dass mir der Anspruch nicht immer wichtig war. Vielleicht hab ich mich oft auch nicht im hochintellektuellen Film Noir gesehen. Ich will ein Publikum erreichen, ich will unterhalten.

Ist textlastiges Kino überhaupt der höchste Anspruch?

Also ich finde die alte französische Schiene großartig, Truffaut und all das, weiß aber nicht, ob es in Deutschland dafür einen Markt gibt. Und wenn es keiner sieht, hab ich nichts davon, keine Reaktion. Es gibt einen Witz: Wer keine Quote kriegt, kriegt den Grimme-Preis. Andererseits fragen mich die Leute noch heute an der Supermarktkasse, wann es denn mit Hinter Gittern weitergeht. War das mein großer Anspruch? Nein, Schauspieler und Publikum bilden eben eine Symbiose.


Baedeker: Erde

fragezeichen_1_Wenn Außerirdische in Film und Fernsehen auf der Erde landen, tun sie praktisch ausschließlich in Metropolen. Ausgerechnet dort also, wo die Aufmerksamkeit am größten ist. Merkwürdig.

Diese Dystopie ist ziemlich beliebt beim Publikum und wiederholt sich folglich fortwährend in Film und Fernsehen: Sobald es Aliens auf unseren Planeten abgesehen haben, landen sie dort, wo ohnehin alle Wege hinführen, Rom zum Beispiel und seine metropolitanen Nachfolger von Paris, über London bis New York und ganz besonders beliebt im Navigationsgerät extraterrestrischer Eroberer: Washington. D.C., versteht sich, nicht die Pampa im Nordwesteck der USA. Angesichts all der entzückenden Ziele zwischen Bora Bora und Bergisch-Gladbach ist das ein eher dürftiges Angebot im interstellaren Reisebüro und somit: sehr seltsam.

Aber auch kein Wunder; schließlich haben sich schon alliierte Bomber nicht an der Wohnstube des Gauleiters orientiert, sondern am eindrücklichsten Bauwerk, Türme zum Beispiel. Und was gäbe es da für einen Eindrücklicheren als den von Gustave Eiffel. Oder Big Ben, Freiheitsstatue, Kollosseum? Fragt sich nur, warum an Emmerichs Independence Day das Weiße Haus in die Luft fliegt – verglichen mit arabischen Luxushotels längst ein architektonischer Winzling. Sollten sich außerirdische Invasoren nicht am galaktischen Baedeker orientieren, lautet die Antwort: PR. Wenn Aliens nämlich die Königsdisziplin der Special Effects sind, wollen sie als solche auch dem Live-Publikum daheim, ein paar Sternennebel entfernt, mehr bieten als pulverisierte Provinzhauptstädte, und den Erdlingen nebenbei beweisen, was sie so drauf haben. Krieg ist schließlich Entertainment. Weiß man doch spätestens seit der Wochenschau.


Kleiner Großraub und Grand Prix

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 6.-12. Mai

34 Millionen Euro – das ist in Zeiten von Peanuts mit neun Nullen, von täglichen Finanztransaktionen oberhalb der Menge des weltweit gedruckten Geldes oder einer Staatsverschuldung in mehrtausendfacher Höhe eigentlich kaum noch der Rede wert. Es sei denn, solch eine Summe wird beim Aufbruch irgendwelcher Bankautomaten geraubt; dann sind 34 Millionen schon mal wie diesen Freitag den längsten Beitrag der ARD-Hauptnachrichten wert. Dabei sind von dem Coup nicht mal Kunden, geschweige denn deutsche betroffen, sondern chinesische Banken. Banken! Jene Art Konzern als, die ihren Vorständen gern weit höhere  Boni auszahlen oder auch mal Beraterhonorare wie jene, genau: 34 Millionen Euro, die etwa der frühere Siemens-Betriebsrat Wilhelm Schelsky zwischen zwei Krisen fürs Nichtstun einstreichen durfte. Was zur Topmeldung seriöser News taugt, entzieht sich eben oft rationalen Kriterien oder anders ausgedrückt: Sex & Crime sells auch bei der ehrwürdigen Tagesschau.

Dort also, wo die Nachfolgerin des Ansagers Marc Bator mit dem betörenden Namen Linda Zervatis ebenso wie der bis dato letzte Neuling Judith Rakers zeigt, dass feminine Deluxeoptik als Einstellungskriterium gegenüber (unbestrittener) journalistischer Kompetenz spürbar aufholt. Wobei das nun wirklich kein hiesiges Phänomen ist; auf einer Reportage am Nordkap durften die freitagsmedien nämlich sowohl in den örtlichen News als auch Sportsendungen erleben, dass ein – wie würde es Rainer Brüderle ausdrücken: gut gefülltes Dirndl in Norwegen mindestens ebenso wichtig zu sein scheint wie fachliche Güte. Aber das ist natürlich ebenso spekulativ wie die Frage, ob die Zahnspangenfee Michèle als Siegerin der Sat1-Leistungsschau gefügiger Kindheitsüberspringer Voice Kids künftig ihr Gesangstalent zum Einsatz bringt oder doch nur die Vermarktungsstrategien des Systems Fernsehen zum Wirken.

Das tun sie derzeit nirgends effizienter als bei Helene Fischer. Gut sieht sie aus. Etwas bieder gut, aber bitte. Singen kann sie außerdem, dazu tanzen, moderieren, gut aussehen, ach das hatten wir schon… Am besten aber kann sie: Geld generieren. Und dabei hilft ihr das Erste nach Kräften, wenn es die Königin des süffigen Neoschlagers nicht nur fortwährend zum Sendergesicht aufbaut, sondern vorab schon mal ein Bewerbungsvideo namens Allein ins Licht ins TV-Land funkt, wo Autor Kai Ehlers im Anschluss einer Live-Show mit der schönen Helene unterm Deckmantel der Dokumentation feinste Werbung für die Freundin eines anderen öffentlich-rechtlichen Goldesels betrieb: Florian Silbereisen. Der hatte vorige Woche übrigens ausnahmsweise mal Pause am Bildschirm, wobei ihm die Bild, noch so eine PR-Agentur gewogener Stars in eigener Sache, mit einer aufgeblähten Affäre, die bei näherer Betrachtung  eher Leserfotoanalyse war, etwas verkaufsfördernde Aufmerksamkeit verschaffte.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 13.-19. Mai

Das muss man als eine Art Aushilfspublicity betrachten, denn diese Woche ist tatsächlich silbereisenfischerfreie Zeit. Was aber nicht am mangelnden Einsatz der ARD liegt, sondern am Eurovision Song Contest, kurz ESC, früher Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, der allerdings mit Singen längst weniger zu tun hat als ein Hahn mit dem Eierlegen, also ein klein bisschen, aber sehr am Rande. Es geht nämlich (mehr noch als bei der Tagesschau) allein ums Visuelle, Knalleffekte, um Bombast, womit die vielstündige ARD-Übertragung aus Malmö auch heuer einem Abend Alarm für Cobra 11 näher liegt als dem Liederwettbewerb von einst. Witzig daran ist bloß: die meisten gucken trotzdem zu.

Was den ESC von Bohlens DSDS unterscheidet, das parallel sein Finale auf RTL veranstaltet, aber nicht mal mehr die ganz Halbwüchsigen so recht fesselt. Ganz im Gegensatz zu Filmen wie der neuen Nele-Neuhaus-Verfilmung Eine unbeliebte Frau im ZDF, eine Reihe, deren erster Teil im Frühjahr Topquoten erzielte, was im diametral entgegengesetzten Verhältnis zur gezeigten Güte stand. Aber so ist es nun mal: Das verstörend realistische ARD-Drama Mobbing, in dem besonders die Konstellation eines Mannes, den seine Chefin kleinmacht, wird Mittwoch weit weniger Zuschauer finden als der manirierte Münsteraner Tatort sonntags drauf. Oder die ziemlich berechenbare Sat1-Komödie Alle Macht den Kindern (Dienstag) deutlich mehr als all die wunderbaren Beiträge beim Filmdebüt im Ersten, das mit Sibel Kekilli in Feo Aladags mehrfach preisgekrönter Culture-Clash-Erstausstrahlung Die Fremde beginnt.

Dass dem nur ein kleines Publikum beiwohnen wird, läge allerdings eher an der Sendeplatz als Inhalt, Massengeschmack oder ähnlichen Kleinigkeiten. Die Reihe beginnt wie jedes Jahr erst um 22.45 Uhr, wo viele Berufstätige naturgemäß eher die Nachtruhe als Neunzigminüter im Sinn haben. Da darf die ZDF-Komödie Mein Vater, seine Freundin und das schnelle Geld gleich nach der Tagesschau mit deutlich besserem Zuspruch rechnen, aber die ist auch durchaus sehenswert. Sehenswert ist auch ein Schwerpunkt auf ZDFkultur, der sich Mittwoch von kurz nach acht bis Mitternacht ums – Gepikerte aufgepasst! – Tätowieren dreht. Aber da sieht sicher auch wieder kaum einer zu, wie am Freitag, wo beim Bayerischen Fernsehpreis ab 19 Uhr auf 3sat live all jene Filme prämiert werden, in denen es nicht um Quote, sondern Qualität geht.

Und damit zum Tipp der Woche, ebenfalls auf dem Kulturkanal des Zweiten (22 Uhr), der beweist, dass auch lange nach dem Tod von MTViva weiter Videclips via TV laufen: Delikatessen mit dem grandios lässigen und dabei sehr sachkundigen Rainer Maria Jilg.


Nordkarelien: Millionen Bäume und 1 Tatort

indexGrenzerfahrung

Nordkarelien am Ostrand Finnlands ist ein kontemplatives Erlebnis in der Stille des Waldes, durchbrochen nur von sehr lauten, sehr lustigen Bewohnern. Ein ideales Terrain für den Kieler Tatort, der zwar diesen Sonntag wieder an der Förde spielt, vier Jahre zuvor allerdings für ein paar Drehtage am Ostrand Finnlands Station machte. Ein Setbericht in der Mitternachtssonne.

Von Jan Freitag

Es hat etwas Beruhigendes, fast Kontemplatives durch Nordkarelien zu fahren. Bäume, sagt Jan Turunen, der Fahrer, als er durch die Endlosigkeit Finnlands fährt. Bäume, Bäume, Bäume – er wird es noch mehrmals wiederholen, dieses Mantra seiner Heimat. Und sein Englisch reicht ohnehin nicht für tiefer gehende Gespräche. „Trees, trees, trees.“ Jan Turunen lacht. Es ist ein herzliches, aber auch scheues Lachen, fast schuldbewusst. So klingt also, wer Ilomantsi beschreibt: Dieses schläfrige Nest einer ereignislosen Provinz an der verwilderten Grenze zu Russland – 6000 Einwohner, viel Natur, ein See mittendrin, gute Luft, das 1. Hotel am Platz ist eine alte Lungenklinik. Ansonsten: Nur Bäume. „Sorry.“

Meistens.

Denn künftig wird Jan Turunen wohl auch Tatort sagen, wenn ihn seine Fahrgäste künftig nach Ereignissen in dieser ereignislosen Gegend fragen. Denn Deutschlands beständigste Serie macht Station in der laubgrünen Seenlandschaft, gut 400 Kilometer östlich von Helsinki, und ein Raumschiff würde in dieser Einöde kaum mehr auffallen. Es ist zwar nur ein dreißigköpfiges Filmteam, das drei Wochen lang eingefallen ist, mit einem Tross Technik vom Studio Hamburg im Schlepptau. Aber für großes Aufsehen in der an Aufsehen armen Gegend reicht das allemal. Axel Milberg, der Hauptkommisar, ist Tagesgespräch. Als der Aufnahmeleiter seinen Führerschein verliert, berichtet die Lokalpresse. Es gibt Geschenke vom Bürgermeister, Dankesreden vom Tourismusbüro und viel Schnaps, der auch hier so heißt. Sogar der Hauptstadtabgeordnete ist da und erklärt weinselig, wie man sich bei Bärenkontakt verhält.

Keine Frage – es gibt was zu feiern in Finnland. Dort, wo ein Dutzend Spielfilme jährlich entstehen – so viele wie in Deutschland täglich. Und nun löst die Mordkommission Kiel in Nordkarelien einen Mordfall, so verschroben wie die spröde Herzlichkeit vor Ort, wie der Hauptdarsteller, wie die ganze Szenerie fernab seiner fiktiven Heimat an der Ostsee. „Axel, nicht so schlurfen“, ruft ihm Hannu Salonen zu. „Axel, weniger nuschelig“, ergänzt der finnische Regisseur akzentfrei. „Axel, keep your Energy“, fügt er im Slang des binationalen Sets hinzu. Salonen ist heimgekehrt, nach 15 Jahren Berliner Exil. Vor allem in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern hat er Fernseh- und Kinofilme gedreht. Nur zu Hause arbeitet er erstmals, seitdem er als Jugendlicher weggezogen ist.

Familiär geht es zu. Aus einer Fahrschule am Rande Ilumantsis hat der brillante Requisiteur aus Helsinki das Klischee einer örtlichen Polizeistation gezaubert. Zwischen funktionaler Tristesse in Trennwandgrau und Sperrholzbeige herrscht ein launiger Tonfall – bei allem Stress, ein Verhör in den Kasten zu kriegen, aus fünf Perspektiven. Gleich wird Maren Eggert nun als Psychologin Frieda Jung Kommissar Borowski fragen, wie er in 6000 Quadratkilometern Wald den vermissten Ralph finden will. Und Action! Filmdrehs im Ausland sind bei aller deutschen Finanzkraft die Ausnahme. Fürs Reisen gibt es extra Formate: Traumschiff, schwedische Schmonzetten, Pilchers Landadelschmalz. „Vor zwei Tagen kam Sibel Kekili am Set vorbei“, sagt Hannu Salonen. Zufällig. Sie drehe ganz in der Nähe einen ARD-Mittwochsfilm. Der geht öfter auf Auswärtsfahrt. Feste Reihen mit festen Etats kehren hingegen eher vor der eigenen Haustür. Selbst dem Tatort wurde ein Zehntel gestrichen. Da reicht es für Maria Furtwängler höchstens mal zur Spurensuche in Barcelona.

Ein 90-minütiger Grenzübertritt – das geht nur mit solventen Partnern wie Talvi. Zehn Kieler Folgen hat der finnische Sender gekauft, mit Fördermitteln beider Länder kostet ein „Tatort“ so gerade mal 250.000 Euro mehr als üblich. Kerstin Ramke grinst: „So ein Koproduzent ist wie ein Jackpot.“ Skandinavien ist ohnehin ein gutes Pflaster für Nordlichter. Nicht nur wegen der Mentalität, die Henning Mankell 2010 in zwei Borowski-Scripte verwandelt; man schätzt die Infrastruktur. Das Geld dahinter. Tags drauf ruhen an einer öden Landstraße die Dreharbeiten: Salonen telefoniert. Lang, sehr lang. „Es geht um Kohle“, sagt der Regieassistent, „viel Kohle.“ Doch das Warten lohnt sich, denn mit der nötigen finanziellen Unterstützung kann man Flecken wie diesen zu Drehorten machen und einen pittoresken Krämerladen filmtauglich. „Solche Kulissen bei so wenig Betrieb“, Robert Obermaier strahlt, „die gibt’s eigentlich gar nicht“. Für einen Tag verdoppelt der Tatort die Einwohnerzahl von Hattuvaaran, drei Jungs bitten den Nebendarsteller Antti Reini, in Finnland ein Star, um Autogramme. Zwei Rentiere laufen verhaltensgestört durchs Gatter nebenan.

Axel Milberg wirkt geradezu eingeboren. Er hat dieses ziellos Stromernde, vorgebeugt Wortkarge jener Finnen, die man aus Kaurismäkis Filmen kennt, aus Sagen stockdunkler Wintertage. Kein Wunder, meint Salonen, sein Taktgeber, „es gibt eine organische Verbindung“ zwischen Kiel und Karelien, diese dröge Atmosphäre: still, melancholisch, voll Pathos. Milberg passt hier so gut her wie sein 14. Tatort. Er heißt „Tango für Borowski“, und fast tanzt er ihn auch am Abend. Das Team feiert den Geburtstag der Garderobiere, auf dem Hotelbalkon gibt es Sekt mit Blattgold von Milberg. Finnisch, sagt Axel Milberg, klinge wie die letzten Buchstaben beim Scrabble, die man nirgendwo unterkriegt. Dann geht er zu Bett und schläft wie ein Toter, sagt er. Karelien beruhigt. Das liegt am Wald.

Erlen, Fichten, Eschen, Tannen, Birken, Abermillionen. Sie sind Niere, Lunge, Körper, durchzogen von Arterien torfbrauner Seen und all ihrer Zuflüsse – in diesem Kapillarsystem zu verweilen, ist wie ein Reinigungsprozess. Jan Turunen muss innerlich blitzsauber sein, er lebt hier seit jeher. Und wenn er an einem heißen Sommertag Gäste durch seine Region chauffiert, obwohl seine Aufgaben in der Stadtverwaltung liegen, zeugt das von dieser Reinheit. Karelier, sagt der Mann mit dem taubenblauen Anzug, sind nicht jene sich gekehrten, wortkargen, eigenbrötlerischen Klischees aus Aki Kaurismäkis Filmen. Sie gelten als aufgeschlossen, fröhlich, energetisch. Sagen selbst Auswärtige. „Wir leben einfach gern“, erläutert Jan Turunen. „Sehen Sie mich an.“ Dann lacht er wieder scheu. Es ist in der Tat ein bemerkenswerter Flecken Erde mit bemerkenswerten Bewohnern in bemerkenswerter Atmosphäre. Von Deutschland aus braucht es nicht mal lange, um sie zu spüren. Via Helsinki mit dem inländischen Verkehrsmittel schlechthin – der Propellermaschine – Richtung Provinzhauptstadt Joensuu, dauert es einen Nachmittag. Anschlussfahrt im Auto inklusive, eine Stunde ostwärts, vorbei an nichts als sattem Grün, das nur selten den Blick freigibt auf einen der Tausend Seen.

Und man sollte tief hinein fahren in dieses Dickicht. Zum Grenzpfosten, dem östlichsten Punkt der kontinentalen EU. Dort, wo die Wege holprig werden und der Dialekt sperriger. Wo man eine Eintrittserlaubnis von russischer Seite benötigt und einen Bürgen aus Finnland. Dass dies ein Schweizer ist, macht den Landstrich nur bemerkenswerter. Der Geländewagen von Georg Aellig ruckelt, als er ihn durchs frühere Sperrgebiet lenkt. „Schon hart“, sagt er fröhlich. Aber kein Vergleich zu den Sechzigern, da war es allerorten so: unwegsam, rustikal, bisweilen schmerzhaft. Grenzerfahrungen eben. Seit er vor drei Jahrzehnten hier hängen blieb, ist das sehr östliche Karelien allerdings sehr westlich geworden, erzählt er durch den grauen Vollbart. Und er erzählt gern von seiner neuen Heimat. Von Perspektiven etwa, der Baumdichte zum Trotz. Hier könnten die Augen wandern. Von Risiken, trägt doch mancher Ort den Zusatz „Varaan“ im Namen, Gefahr. Das hat mit Wölfen zu tun und Bären, denen man wie einst am besten entkommt, wenn sie satt sind. Die zweite Bedeutung aber, der Schweizer in ihm grinst, lautet Hügel. Für finnische Verhältnisse, meint Georg Aellig, „ist es hier geradezu bergig“.

Doch sogar der Koli, höchste Erhebung weit und breit, die sich stolze 347 Meter über den frischen Pielinen-See erhebt, kann den Alpinisten kaum in der Fremde gehalten haben. Für ein Landwirtschafspraktikum war er als 20-Jähriger aus Schaffhausen angereist. „Und das im Winter“, sagt der Biogas-Unternehmer feierlich. Zu einer Zeit also, da die Sonne sogar mittags den Horizont küsst und die Nächte förmlich gefrieren. Acht Wochen 30 Grad waren es früher. Minus. Mindestens. Nun seien es höchstens acht Tage. Dennoch war es ein Winter, der ein Sommer war. Schon immer. Die trockene Kälte, die saure Luft. Und dann das Licht: klar, echt, „wie Tausend Sonnen im bebenden Astwerk“ Die Stimmung der Gegend, ihre Einsamkeit und Anmut machen poetisch. „Willkommen am Ende Europas“, akklamiert Aellig, als sein Auto hinterm gewundenen Koitajoki-Fluss stoppt. Zu Fuß sind es noch ein paar Hundert Meter zu jenem Punkt, wo die EU vor sieben Jahren pompös den Euro einführte. Die kleine Landzunge ins andere, russische Karelien, ist ein geschichtsträchtiger Ort, wo der heiße Weltkrieg eine gute Wendung für Finnland nahm und die kalte Systemfeindschaft eine einmalige Flora zuließ und eine Fauna, die kaum je ein Mensch zu Gesicht kriegt. Wäre die Luft nicht voll biestiger Mücken und bräsiger Bremsen, man könnte hier ewig verweilen, um der Natur beim Dasein zuzusehen.

Man kann aber auch in einer der offenen Hütten zwischen Ufer und Moor einkehren, deren Feuer von umliegenden Restaurants ständig geschürt werden und Wanderer zum kostenlosen Verweilen einladen. Und wem die Würste ausgehen, bestellt per Handy beim Wirt (die Nummer steht am Türpfosten) hinzu: Kotikalja etwa, das trübe Malzbier mit dem herben Abgang. Vatruskas, gefüllte Piroggen jeder Art. Oder Unmengen von Muikku, winzige Bratfische, geschmacklich nah am Hühnchen. Kareliens Küche, russisch gefärbt wie die orthodoxe Kirche, gilt allerorten als so schlicht wie köstlich. Es sind die Beilagen all der Feste hier. „Wenn die Karelier Musik hören“, sagt Hannu Hoskonen, der Parlamentsabgeordnete aus Helsinki auf Wahlkreisreise, „dann tanzen sie bis zum Umfallen.“ Und sind irgendwo Stimmen zu hören in der Ruhe dieses Waldreichs der Größe Hessens mit einer Wasserfläche von 100 Bodenseen, strömen sie zusammen und reden, reden, reden. Wie in der Mitternachtssonne dieses Abends, als sich das offizielle Ilomantsi mit dem angereisten Tatort-Team trifft. Hoskonen ist auch da, alle sind es: ein Ereignis, endlich! Weinselig erklärt der Politiker den Deutschen, wie man Bären, so selten sie auftauchen, dann doch entkommt: Augen fixieren, langsam rückwärts, nur die Ruhe. Karelien eben.

Der Text ist eine Zusammenfassung zweier Artikel, die Ende 2009 in diversen Tageszeitungen erschienen sind