Dennenesch Zoudé, Hamburg 2006/10

Ich heiße oft Ute oder Ulrike

Ein offizieller PR-Termin, ein Gespräch zwischen zwei Terminen im Luxushotel – egal, wo man Dennenesch Zoudé trifft, die Schauspielerin ist so freundlich, offen und unverbindlich, wie in der Eckkneipe. Und auch, wenn man Filme wie Meine Mutter tanzend oder Familiengeheimnisse (Sonntag, 20.15 Uhr ZDF) dafür kritisiert, dass sie heikle Themen wie Rassismus seicht erzählen, bleibt die Berlinerin mit äthiopischen Wurzeln gelassen. Eine sympathische Frau von – was optisch unfasslich ist – 46 Jahren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zoudé, bieten Filme wie Meine Mutter, tanzend oder Familiengeheimnisse Anlass, übers Thema Rassismus zu reden?

Dennenesch Zoudé: Überhaupt nicht. Es geht um die Identitätssuche junger Menschen: woher komme ich? Was ist meine wahre Familie? Ist die, die ich habe diejenige, mit der ich in die Zukunft gehen will?

Also ist die absurde Konstellation jeweils unbekannter Töchter farbiger Elternteile eher Gimmicks als Kern.

Mit dieser Absurdität, die es ja in der Realität gibt, wollten wir bewusst spielen. In Meine Mutter, tanzend bin ich schwarz, daran können wir nichts ändern. Aber dass ich als Logopädin Deutschen ihre Sprache beibringe und als wohlhabende, gut erzogene Tochter einen Klassenunterschied zu einer Mutter repräsentiere, die keinen Job durchhält, diese spielerischen Verkehrungen bilden das Wesen des Films, aber nicht das Hauptaugenmerk.

Auch die unehelische Tochter eines deutschen Industriellen im ZDF-Drama Familiengeheimnisse ist gut situiert, also nicht grad der klassische Rollentypus benachteiligter oder krimineller Farbiger in deutschen Filmen. Ist das schon eine Art Antidiskriminierungsmaßnahme?

Ich habe im eigenen Bekanntenkreis Schwarze, die auf der Suche nach ihren Eltern waren, obwohl sie hier voll integriert waren. Es ist keine bewusste Antidiskriminierungsmaßnahme, aber mir ist noch mal bewusst geworden, wie wichtig es ist filmisch zu zeigen, dass Schwarze eben nicht nur Asylanten, nicht nur Analphabeten und vor allem nicht nur Opfer sind.

Werden Schwarze in Deutschland als schwarze Schauspieler, statt einfach als Schauspieler besetzt?

Das begegnet mir in der Tat immer wieder, aber ich habe frühzeitig angefangen, darauf aufzupassen und bei Castings, in Gesprächen mit Redakteuren, Produzenten, Regisseuren deutlich gemacht, dass mich diese Ebene nicht interessiert. Und wenn es dann hieß, na ja, schwierig zu besetzen, meinte ich: Warum nicht? Wenn ich einem Menschen begegne, möchte ich ihm zunächst mal als solchem begegnen. Nicht als Weib oder Mann, alt oder jung, schwarz oder weiß – man benötigt doch erst einen Kontakt, bevor man in die Tiefe gehen kann. Deshalb geht es in dem Film auch um Personen und ihre eigenen Geschichten, in die sie auf ihre Weise verstrickt sind. Ich will Figuren mit einem Leben darstellen, nicht mit einer Form.

Genau da rennt man hierzulande doch wegen des Hangs gegen Mauern, Menschen zu attributieren – alles wird unabhängig vom Kontext benannt: das Türkische am Türken, das Jüdische am Juden, das Behinderte am Behinderten und so weiter.

Ganz genau. Aber ich habe in Filmen wie Die unmögliche Hochzeit eine Asylantin gespielt, genauso oft aber auch Tatortkommissarinnen, Rechtsanwältinnen, Ärztinnen – warum also nicht die Ehefrau, die Nachbarin, die Blumenverkäuferin.

Erst vor drei Jahren haben Sie in der WDR-Sendung Zimmer frei gefordert, „nicht nur auf Hautfarbe oder exotisches Aussehen reduziert zu werden, sondern auf sich selbst“.

Das war ein grundsätzliches Plädoyer, weil ich oft darauf angesprochen werde, ohne dass mir ständig solche Rollen angetragen werden. Im Gegenteil. Meine Rolle in der Serie Gegen den Wind war zutiefst weiß! Ich trage oft Namen wie Ute oder Ulrike, wo ich selbst einwende, die klingen fast zu Deutsch. Dann doch lieber Sarah, das klingt offener.

Und jünger.

Danke (lacht). Mir ist die Problematik bewusst, weil viele Kollegen ausländischer Herkunft mit der Festlegung hadern. Ich hadere nicht, ich gehe nach vorn und sag’s den Leuten ins Gesicht, bevor sie das Hindernis spüren, mir keine ganz normale Rolle anbieten zu können.

Wie weit hat sich das Fernsehen insgesamt aus dem Vorurteilskorsett früherer Jahre befreit, wo jemand mit nicht-deutschem Aussehen auch nicht-deutsch besetzt wurde?

Da hat sich was verändert, aber es könnte noch selbstverständlicher werden. Entweder, man hebt es so ungemein heraus, dass es karikiert wirkt. Oder es wird als verwerflich niedergemacht. Aber die unvoreingenommene Besetzung einer Schwarzen als Schauspielerin, ohne drüber nachzudenken, ohne zu diskutieren, das wäre irgendwann wirklich schön.

Klingt ein bisschen pessimistisch.

Nein, ich bin ein positiver Mensch, sonst könnte ich den Kopf in den Satz stecken und meine Sachen packen. Ich glaube fest daran.

Sie wurden in Äthiopien geboren, leben aber fast ihr ganzes Leben in Berlin – haben Sie noch Bezüge zu Afrika?

Ja! Familiäre vor allem. Ich fahre in Abständen hin und habe aus Charity-Gründen andere Länder Afrikas bereist. Erstmal ist es ein wunderschöner, großartiger, bereichernder Kontinent, wo man aufs Menschsein zurückgeworfen wird, weil man durch seine Größe erst merkt, wie klein man ist. Aber das Besondere für mich, ist mit meiner dortigen Familie konfrontiert zu werden, denn hier habe ich nur meine Eltern und Geschwister.

Ist ihre afrikanische Familie europäisiert?

Eher amerikanisiert, westlich. Viele sind nach dem Putsch in die USA gegangen. Äthiopien ist noch immer ein konfliktreiches Land, wenn auch dem Weg der Besserung. Man sagt, es gebe dort eine De-mo-kra-tie. Aber ich denke, 15 Jahre Sozialismus und zehn Jahre Militärdiktatur hinterlassen ihre Spuren. Gut, das kennen wir von diesem Land ja nun auch.

Aus deutscher Sicht gibt es zwei Afrikas: Einen reinen Krisenherd, wie ihn vor allem die Printmedien vermitteln, einen exotisch schönen Fluchtort, wie er besonders im Fernsehen erdacht wird.

Da stimme ich völlig zu und finde das besonders im Fall von Fernsehfilmen furchtbar traurig, weil keine Geschichte der Landsleute erzählt wird, sondern eine deutsche in fremder Kulisse mit servilen Afrikanern als Statisten. Solche Rollen wurden mir angeboten, als Hausmädchen etwa, woraufhin ich meinte, Sorry, dafür bin ich zu emanzipiert, das lass ich nicht mit mir machen, schon gar nicht in dem Kontinent, in dem ich geboren bin. Also bitte: Verpackt das in Geschichten, die dieses Land auch betreffen, denn davon gibt es wunderschöne.

Gleichwohl haben Sie in Traumhotel mitgespielt, einer Fernwehserie ohne viel Tiefgang.

Aber als Umweltschützerin, die sich für artgerechte Tierhaltung und die Bevölkerung vor Ort einsetzt. Das war für mich die Rechtfertigung; schließlich handelt es sich nicht um eine leichte Liebesstory – was völlig legitim wäre. Aber bitte ohne mich!

Wenn man sich ihre Filmographie ansieht, haben Sie kaum Berührungsängste mit leichter Kost.

Und das wird sich jetzt ändern. Wirklich, da arbeite ich dran wie in der Simmel-Verfilmung Und Jimmy ging zum Regenbogen. Das andere war eine Phase. Man kann nicht immer nur Schränke bauen, manchmal werden es auch Fußbänke. Das Geschäft ist eine Tretmühle, ein Karussell; wenn man zweimal leichte Stoffe spielt, wird man weiter darauf angesprochen. Aber es gibt eben ein breites Publikum dafür, da hege ich keinen Dünkel. Man baut sich ja einen Lebensstandard auf und mir ist es lieber, ich arbeite dort, als arbeitslos zu sein und dem Staat auf der Tasche zu hängen. Doch in meinem Beruf braucht man soviel Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein und den richtigen Stoff zu kriegen.

Aber muss es denn gleich Cobra 11 sein? Drei Explosionen und etwas Handlung drum herum.

Richtig, aber soll ich Ihnen was sagen: Ich hab mich darüber gefreut, weil ich eine Interpol-Agentin spielen durfte, mit Stunts und Action und richtig körperlichem Agieren. Irgendetwas muss mich an einer Rolle faszinieren, sei es, dass ich sie politisch vertreten kann wie im Traumhotel, sei es die Explosionen in meinem Rücken. Da freue ich mich über die Bilder. Punkt. Und dann krieg ich das auch noch bezahlt. Großartig.

Kamen danach die Actionangebote?

Nein, das war nur Episode. Aber mal ehrlich: Ich habe solche Lust am Arbeiten, dass mir der Anspruch nicht immer wichtig war. Vielleicht hab ich mich oft auch nicht im hochintellektuellen Film Noir gesehen. Ich will ein Publikum erreichen, ich will unterhalten.

Ist textlastiges Kino überhaupt der höchste Anspruch?

Also ich finde die alte französische Schiene großartig, Truffaut und all das, weiß aber nicht, ob es in Deutschland dafür einen Markt gibt. Und wenn es keiner sieht, hab ich nichts davon, keine Reaktion. Es gibt einen Witz: Wer keine Quote kriegt, kriegt den Grimme-Preis. Andererseits fragen mich die Leute noch heute an der Supermarktkasse, wann es denn mit Hinter Gittern weitergeht. War das mein großer Anspruch? Nein, Schauspieler und Publikum bilden eben eine Symbiose.


Baedeker: Erde

fragezeichen_1_Wenn Außerirdische in Film und Fernsehen auf der Erde landen, tun sie praktisch ausschließlich in Metropolen. Ausgerechnet dort also, wo die Aufmerksamkeit am größten ist. Merkwürdig.

Diese Dystopie ist ziemlich beliebt beim Publikum und wiederholt sich folglich fortwährend in Film und Fernsehen: Sobald es Aliens auf unseren Planeten abgesehen haben, landen sie dort, wo ohnehin alle Wege hinführen, Rom zum Beispiel und seine metropolitanen Nachfolger von Paris, über London bis New York und ganz besonders beliebt im Navigationsgerät extraterrestrischer Eroberer: Washington. D.C., versteht sich, nicht die Pampa im Nordwesteck der USA. Angesichts all der entzückenden Ziele zwischen Bora Bora und Bergisch-Gladbach ist das ein eher dürftiges Angebot im interstellaren Reisebüro und somit: sehr seltsam.

Aber auch kein Wunder; schließlich haben sich schon alliierte Bomber nicht an der Wohnstube des Gauleiters orientiert, sondern am eindrücklichsten Bauwerk, Türme zum Beispiel. Und was gäbe es da für einen Eindrücklicheren als den von Gustave Eiffel. Oder Big Ben, Freiheitsstatue, Kollosseum? Fragt sich nur, warum an Emmerichs Independence Day das Weiße Haus in die Luft fliegt – verglichen mit arabischen Luxushotels längst ein architektonischer Winzling. Sollten sich außerirdische Invasoren nicht am galaktischen Baedeker orientieren, lautet die Antwort: PR. Wenn Aliens nämlich die Königsdisziplin der Special Effects sind, wollen sie als solche auch dem Live-Publikum daheim, ein paar Sternennebel entfernt, mehr bieten als pulverisierte Provinzhauptstädte, und den Erdlingen nebenbei beweisen, was sie so drauf haben. Krieg ist schließlich Entertainment. Weiß man doch spätestens seit der Wochenschau.


Kleiner Großraub und Grand Prix

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 6.-12. Mai

34 Millionen Euro – das ist in Zeiten von Peanuts mit neun Nullen, von täglichen Finanztransaktionen oberhalb der Menge des weltweit gedruckten Geldes oder einer Staatsverschuldung in mehrtausendfacher Höhe eigentlich kaum noch der Rede wert. Es sei denn, solch eine Summe wird beim Aufbruch irgendwelcher Bankautomaten geraubt; dann sind 34 Millionen schon mal wie diesen Freitag den längsten Beitrag der ARD-Hauptnachrichten wert. Dabei sind von dem Coup nicht mal Kunden, geschweige denn deutsche betroffen, sondern chinesische Banken. Banken! Jene Art Konzern als, die ihren Vorständen gern weit höhere  Boni auszahlen oder auch mal Beraterhonorare wie jene, genau: 34 Millionen Euro, die etwa der frühere Siemens-Betriebsrat Wilhelm Schelsky zwischen zwei Krisen fürs Nichtstun einstreichen durfte. Was zur Topmeldung seriöser News taugt, entzieht sich eben oft rationalen Kriterien oder anders ausgedrückt: Sex & Crime sells auch bei der ehrwürdigen Tagesschau.

Dort also, wo die Nachfolgerin des Ansagers Marc Bator mit dem betörenden Namen Linda Zervatis ebenso wie der bis dato letzte Neuling Judith Rakers zeigt, dass feminine Deluxeoptik als Einstellungskriterium gegenüber (unbestrittener) journalistischer Kompetenz spürbar aufholt. Wobei das nun wirklich kein hiesiges Phänomen ist; auf einer Reportage am Nordkap durften die freitagsmedien nämlich sowohl in den örtlichen News als auch Sportsendungen erleben, dass ein – wie würde es Rainer Brüderle ausdrücken: gut gefülltes Dirndl in Norwegen mindestens ebenso wichtig zu sein scheint wie fachliche Güte. Aber das ist natürlich ebenso spekulativ wie die Frage, ob die Zahnspangenfee Michèle als Siegerin der Sat1-Leistungsschau gefügiger Kindheitsüberspringer Voice Kids künftig ihr Gesangstalent zum Einsatz bringt oder doch nur die Vermarktungsstrategien des Systems Fernsehen zum Wirken.

Das tun sie derzeit nirgends effizienter als bei Helene Fischer. Gut sieht sie aus. Etwas bieder gut, aber bitte. Singen kann sie außerdem, dazu tanzen, moderieren, gut aussehen, ach das hatten wir schon… Am besten aber kann sie: Geld generieren. Und dabei hilft ihr das Erste nach Kräften, wenn es die Königin des süffigen Neoschlagers nicht nur fortwährend zum Sendergesicht aufbaut, sondern vorab schon mal ein Bewerbungsvideo namens Allein ins Licht ins TV-Land funkt, wo Autor Kai Ehlers im Anschluss einer Live-Show mit der schönen Helene unterm Deckmantel der Dokumentation feinste Werbung für die Freundin eines anderen öffentlich-rechtlichen Goldesels betrieb: Florian Silbereisen. Der hatte vorige Woche übrigens ausnahmsweise mal Pause am Bildschirm, wobei ihm die Bild, noch so eine PR-Agentur gewogener Stars in eigener Sache, mit einer aufgeblähten Affäre, die bei näherer Betrachtung  eher Leserfotoanalyse war, etwas verkaufsfördernde Aufmerksamkeit verschaffte.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 13.-19. Mai

Das muss man als eine Art Aushilfspublicity betrachten, denn diese Woche ist tatsächlich silbereisenfischerfreie Zeit. Was aber nicht am mangelnden Einsatz der ARD liegt, sondern am Eurovision Song Contest, kurz ESC, früher Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, der allerdings mit Singen längst weniger zu tun hat als ein Hahn mit dem Eierlegen, also ein klein bisschen, aber sehr am Rande. Es geht nämlich (mehr noch als bei der Tagesschau) allein ums Visuelle, Knalleffekte, um Bombast, womit die vielstündige ARD-Übertragung aus Malmö auch heuer einem Abend Alarm für Cobra 11 näher liegt als dem Liederwettbewerb von einst. Witzig daran ist bloß: die meisten gucken trotzdem zu.

Was den ESC von Bohlens DSDS unterscheidet, das parallel sein Finale auf RTL veranstaltet, aber nicht mal mehr die ganz Halbwüchsigen so recht fesselt. Ganz im Gegensatz zu Filmen wie der neuen Nele-Neuhaus-Verfilmung Eine unbeliebte Frau im ZDF, eine Reihe, deren erster Teil im Frühjahr Topquoten erzielte, was im diametral entgegengesetzten Verhältnis zur gezeigten Güte stand. Aber so ist es nun mal: Das verstörend realistische ARD-Drama Mobbing, in dem besonders die Konstellation eines Mannes, den seine Chefin kleinmacht, wird Mittwoch weit weniger Zuschauer finden als der manirierte Münsteraner Tatort sonntags drauf. Oder die ziemlich berechenbare Sat1-Komödie Alle Macht den Kindern (Dienstag) deutlich mehr als all die wunderbaren Beiträge beim Filmdebüt im Ersten, das mit Sibel Kekilli in Feo Aladags mehrfach preisgekrönter Culture-Clash-Erstausstrahlung Die Fremde beginnt.

Dass dem nur ein kleines Publikum beiwohnen wird, läge allerdings eher an der Sendeplatz als Inhalt, Massengeschmack oder ähnlichen Kleinigkeiten. Die Reihe beginnt wie jedes Jahr erst um 22.45 Uhr, wo viele Berufstätige naturgemäß eher die Nachtruhe als Neunzigminüter im Sinn haben. Da darf die ZDF-Komödie Mein Vater, seine Freundin und das schnelle Geld gleich nach der Tagesschau mit deutlich besserem Zuspruch rechnen, aber die ist auch durchaus sehenswert. Sehenswert ist auch ein Schwerpunkt auf ZDFkultur, der sich Mittwoch von kurz nach acht bis Mitternacht ums – Gepikerte aufgepasst! – Tätowieren dreht. Aber da sieht sicher auch wieder kaum einer zu, wie am Freitag, wo beim Bayerischen Fernsehpreis ab 19 Uhr auf 3sat live all jene Filme prämiert werden, in denen es nicht um Quote, sondern Qualität geht.

Und damit zum Tipp der Woche, ebenfalls auf dem Kulturkanal des Zweiten (22 Uhr), der beweist, dass auch lange nach dem Tod von MTViva weiter Videclips via TV laufen: Delikatessen mit dem grandios lässigen und dabei sehr sachkundigen Rainer Maria Jilg.


Nordkarelien: Millionen Bäume und 1 Tatort

indexGrenzerfahrung

Nordkarelien am Ostrand Finnlands ist ein kontemplatives Erlebnis in der Stille des Waldes, durchbrochen nur von sehr lauten, sehr lustigen Bewohnern. Ein ideales Terrain für den Kieler Tatort, der zwar diesen Sonntag wieder an der Förde spielt, vier Jahre zuvor allerdings für ein paar Drehtage am Ostrand Finnlands Station machte. Ein Setbericht in der Mitternachtssonne.

Von Jan Freitag

Es hat etwas Beruhigendes, fast Kontemplatives durch Nordkarelien zu fahren. Bäume, sagt Jan Turunen, der Fahrer, als er durch die Endlosigkeit Finnlands fährt. Bäume, Bäume, Bäume – er wird es noch mehrmals wiederholen, dieses Mantra seiner Heimat. Und sein Englisch reicht ohnehin nicht für tiefer gehende Gespräche. „Trees, trees, trees.“ Jan Turunen lacht. Es ist ein herzliches, aber auch scheues Lachen, fast schuldbewusst. So klingt also, wer Ilomantsi beschreibt: Dieses schläfrige Nest einer ereignislosen Provinz an der verwilderten Grenze zu Russland – 6000 Einwohner, viel Natur, ein See mittendrin, gute Luft, das 1. Hotel am Platz ist eine alte Lungenklinik. Ansonsten: Nur Bäume. „Sorry.“

Meistens.

Denn künftig wird Jan Turunen wohl auch Tatort sagen, wenn ihn seine Fahrgäste künftig nach Ereignissen in dieser ereignislosen Gegend fragen. Denn Deutschlands beständigste Serie macht Station in der laubgrünen Seenlandschaft, gut 400 Kilometer östlich von Helsinki, und ein Raumschiff würde in dieser Einöde kaum mehr auffallen. Es ist zwar nur ein dreißigköpfiges Filmteam, das drei Wochen lang eingefallen ist, mit einem Tross Technik vom Studio Hamburg im Schlepptau. Aber für großes Aufsehen in der an Aufsehen armen Gegend reicht das allemal. Axel Milberg, der Hauptkommisar, ist Tagesgespräch. Als der Aufnahmeleiter seinen Führerschein verliert, berichtet die Lokalpresse. Es gibt Geschenke vom Bürgermeister, Dankesreden vom Tourismusbüro und viel Schnaps, der auch hier so heißt. Sogar der Hauptstadtabgeordnete ist da und erklärt weinselig, wie man sich bei Bärenkontakt verhält.

Keine Frage – es gibt was zu feiern in Finnland. Dort, wo ein Dutzend Spielfilme jährlich entstehen – so viele wie in Deutschland täglich. Und nun löst die Mordkommission Kiel in Nordkarelien einen Mordfall, so verschroben wie die spröde Herzlichkeit vor Ort, wie der Hauptdarsteller, wie die ganze Szenerie fernab seiner fiktiven Heimat an der Ostsee. „Axel, nicht so schlurfen“, ruft ihm Hannu Salonen zu. „Axel, weniger nuschelig“, ergänzt der finnische Regisseur akzentfrei. „Axel, keep your Energy“, fügt er im Slang des binationalen Sets hinzu. Salonen ist heimgekehrt, nach 15 Jahren Berliner Exil. Vor allem in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern hat er Fernseh- und Kinofilme gedreht. Nur zu Hause arbeitet er erstmals, seitdem er als Jugendlicher weggezogen ist.

Familiär geht es zu. Aus einer Fahrschule am Rande Ilumantsis hat der brillante Requisiteur aus Helsinki das Klischee einer örtlichen Polizeistation gezaubert. Zwischen funktionaler Tristesse in Trennwandgrau und Sperrholzbeige herrscht ein launiger Tonfall – bei allem Stress, ein Verhör in den Kasten zu kriegen, aus fünf Perspektiven. Gleich wird Maren Eggert nun als Psychologin Frieda Jung Kommissar Borowski fragen, wie er in 6000 Quadratkilometern Wald den vermissten Ralph finden will. Und Action! Filmdrehs im Ausland sind bei aller deutschen Finanzkraft die Ausnahme. Fürs Reisen gibt es extra Formate: Traumschiff, schwedische Schmonzetten, Pilchers Landadelschmalz. „Vor zwei Tagen kam Sibel Kekili am Set vorbei“, sagt Hannu Salonen. Zufällig. Sie drehe ganz in der Nähe einen ARD-Mittwochsfilm. Der geht öfter auf Auswärtsfahrt. Feste Reihen mit festen Etats kehren hingegen eher vor der eigenen Haustür. Selbst dem Tatort wurde ein Zehntel gestrichen. Da reicht es für Maria Furtwängler höchstens mal zur Spurensuche in Barcelona.

Ein 90-minütiger Grenzübertritt – das geht nur mit solventen Partnern wie Talvi. Zehn Kieler Folgen hat der finnische Sender gekauft, mit Fördermitteln beider Länder kostet ein „Tatort“ so gerade mal 250.000 Euro mehr als üblich. Kerstin Ramke grinst: „So ein Koproduzent ist wie ein Jackpot.“ Skandinavien ist ohnehin ein gutes Pflaster für Nordlichter. Nicht nur wegen der Mentalität, die Henning Mankell 2010 in zwei Borowski-Scripte verwandelt; man schätzt die Infrastruktur. Das Geld dahinter. Tags drauf ruhen an einer öden Landstraße die Dreharbeiten: Salonen telefoniert. Lang, sehr lang. „Es geht um Kohle“, sagt der Regieassistent, „viel Kohle.“ Doch das Warten lohnt sich, denn mit der nötigen finanziellen Unterstützung kann man Flecken wie diesen zu Drehorten machen und einen pittoresken Krämerladen filmtauglich. „Solche Kulissen bei so wenig Betrieb“, Robert Obermaier strahlt, „die gibt’s eigentlich gar nicht“. Für einen Tag verdoppelt der Tatort die Einwohnerzahl von Hattuvaaran, drei Jungs bitten den Nebendarsteller Antti Reini, in Finnland ein Star, um Autogramme. Zwei Rentiere laufen verhaltensgestört durchs Gatter nebenan.

Axel Milberg wirkt geradezu eingeboren. Er hat dieses ziellos Stromernde, vorgebeugt Wortkarge jener Finnen, die man aus Kaurismäkis Filmen kennt, aus Sagen stockdunkler Wintertage. Kein Wunder, meint Salonen, sein Taktgeber, „es gibt eine organische Verbindung“ zwischen Kiel und Karelien, diese dröge Atmosphäre: still, melancholisch, voll Pathos. Milberg passt hier so gut her wie sein 14. Tatort. Er heißt „Tango für Borowski“, und fast tanzt er ihn auch am Abend. Das Team feiert den Geburtstag der Garderobiere, auf dem Hotelbalkon gibt es Sekt mit Blattgold von Milberg. Finnisch, sagt Axel Milberg, klinge wie die letzten Buchstaben beim Scrabble, die man nirgendwo unterkriegt. Dann geht er zu Bett und schläft wie ein Toter, sagt er. Karelien beruhigt. Das liegt am Wald.

Erlen, Fichten, Eschen, Tannen, Birken, Abermillionen. Sie sind Niere, Lunge, Körper, durchzogen von Arterien torfbrauner Seen und all ihrer Zuflüsse – in diesem Kapillarsystem zu verweilen, ist wie ein Reinigungsprozess. Jan Turunen muss innerlich blitzsauber sein, er lebt hier seit jeher. Und wenn er an einem heißen Sommertag Gäste durch seine Region chauffiert, obwohl seine Aufgaben in der Stadtverwaltung liegen, zeugt das von dieser Reinheit. Karelier, sagt der Mann mit dem taubenblauen Anzug, sind nicht jene sich gekehrten, wortkargen, eigenbrötlerischen Klischees aus Aki Kaurismäkis Filmen. Sie gelten als aufgeschlossen, fröhlich, energetisch. Sagen selbst Auswärtige. „Wir leben einfach gern“, erläutert Jan Turunen. „Sehen Sie mich an.“ Dann lacht er wieder scheu. Es ist in der Tat ein bemerkenswerter Flecken Erde mit bemerkenswerten Bewohnern in bemerkenswerter Atmosphäre. Von Deutschland aus braucht es nicht mal lange, um sie zu spüren. Via Helsinki mit dem inländischen Verkehrsmittel schlechthin – der Propellermaschine – Richtung Provinzhauptstadt Joensuu, dauert es einen Nachmittag. Anschlussfahrt im Auto inklusive, eine Stunde ostwärts, vorbei an nichts als sattem Grün, das nur selten den Blick freigibt auf einen der Tausend Seen.

Und man sollte tief hinein fahren in dieses Dickicht. Zum Grenzpfosten, dem östlichsten Punkt der kontinentalen EU. Dort, wo die Wege holprig werden und der Dialekt sperriger. Wo man eine Eintrittserlaubnis von russischer Seite benötigt und einen Bürgen aus Finnland. Dass dies ein Schweizer ist, macht den Landstrich nur bemerkenswerter. Der Geländewagen von Georg Aellig ruckelt, als er ihn durchs frühere Sperrgebiet lenkt. „Schon hart“, sagt er fröhlich. Aber kein Vergleich zu den Sechzigern, da war es allerorten so: unwegsam, rustikal, bisweilen schmerzhaft. Grenzerfahrungen eben. Seit er vor drei Jahrzehnten hier hängen blieb, ist das sehr östliche Karelien allerdings sehr westlich geworden, erzählt er durch den grauen Vollbart. Und er erzählt gern von seiner neuen Heimat. Von Perspektiven etwa, der Baumdichte zum Trotz. Hier könnten die Augen wandern. Von Risiken, trägt doch mancher Ort den Zusatz „Varaan“ im Namen, Gefahr. Das hat mit Wölfen zu tun und Bären, denen man wie einst am besten entkommt, wenn sie satt sind. Die zweite Bedeutung aber, der Schweizer in ihm grinst, lautet Hügel. Für finnische Verhältnisse, meint Georg Aellig, „ist es hier geradezu bergig“.

Doch sogar der Koli, höchste Erhebung weit und breit, die sich stolze 347 Meter über den frischen Pielinen-See erhebt, kann den Alpinisten kaum in der Fremde gehalten haben. Für ein Landwirtschafspraktikum war er als 20-Jähriger aus Schaffhausen angereist. „Und das im Winter“, sagt der Biogas-Unternehmer feierlich. Zu einer Zeit also, da die Sonne sogar mittags den Horizont küsst und die Nächte förmlich gefrieren. Acht Wochen 30 Grad waren es früher. Minus. Mindestens. Nun seien es höchstens acht Tage. Dennoch war es ein Winter, der ein Sommer war. Schon immer. Die trockene Kälte, die saure Luft. Und dann das Licht: klar, echt, „wie Tausend Sonnen im bebenden Astwerk“ Die Stimmung der Gegend, ihre Einsamkeit und Anmut machen poetisch. „Willkommen am Ende Europas“, akklamiert Aellig, als sein Auto hinterm gewundenen Koitajoki-Fluss stoppt. Zu Fuß sind es noch ein paar Hundert Meter zu jenem Punkt, wo die EU vor sieben Jahren pompös den Euro einführte. Die kleine Landzunge ins andere, russische Karelien, ist ein geschichtsträchtiger Ort, wo der heiße Weltkrieg eine gute Wendung für Finnland nahm und die kalte Systemfeindschaft eine einmalige Flora zuließ und eine Fauna, die kaum je ein Mensch zu Gesicht kriegt. Wäre die Luft nicht voll biestiger Mücken und bräsiger Bremsen, man könnte hier ewig verweilen, um der Natur beim Dasein zuzusehen.

Man kann aber auch in einer der offenen Hütten zwischen Ufer und Moor einkehren, deren Feuer von umliegenden Restaurants ständig geschürt werden und Wanderer zum kostenlosen Verweilen einladen. Und wem die Würste ausgehen, bestellt per Handy beim Wirt (die Nummer steht am Türpfosten) hinzu: Kotikalja etwa, das trübe Malzbier mit dem herben Abgang. Vatruskas, gefüllte Piroggen jeder Art. Oder Unmengen von Muikku, winzige Bratfische, geschmacklich nah am Hühnchen. Kareliens Küche, russisch gefärbt wie die orthodoxe Kirche, gilt allerorten als so schlicht wie köstlich. Es sind die Beilagen all der Feste hier. „Wenn die Karelier Musik hören“, sagt Hannu Hoskonen, der Parlamentsabgeordnete aus Helsinki auf Wahlkreisreise, „dann tanzen sie bis zum Umfallen.“ Und sind irgendwo Stimmen zu hören in der Ruhe dieses Waldreichs der Größe Hessens mit einer Wasserfläche von 100 Bodenseen, strömen sie zusammen und reden, reden, reden. Wie in der Mitternachtssonne dieses Abends, als sich das offizielle Ilomantsi mit dem angereisten Tatort-Team trifft. Hoskonen ist auch da, alle sind es: ein Ereignis, endlich! Weinselig erklärt der Politiker den Deutschen, wie man Bären, so selten sie auftauchen, dann doch entkommt: Augen fixieren, langsam rückwärts, nur die Ruhe. Karelien eben.

Der Text ist eine Zusammenfassung zweier Artikel, die Ende 2009 in diversen Tageszeitungen erschienen sind


Felix Eitner, unterschätzer Komödiant

Hinterm roten Teppich

Der geborene Komödiant Felix Eitner ist Feinschmeckern des Fernsehens eher unbekannt. Dabei kann er weit mehr als Schnulzen mit debilen Namen wie Alles für meine Tochter (Freitag, 20.15 Uhr, ARD), für die er sein Talent zur Authentizität verschwendet.

Von Jan Freitag

Humor ist, wenn es optisch kracht, wenn Gesichtsausdrücke gute Pointen ersetzen und Gesten gehaltvolle Worte. Aufgerissene Augen zum Beispiel, die funktionieren immer. Der schmallippige Schmollmund natürlich auch. Nicht zu vergessen dieses halbseitige Lächeln, Typ ironische Zustimmung – geht alles eigentlich immer, sobald der Fernsehvorabend beginnt. Zumindest, falls die ARD dort lustig sein will und diesen Versuch obendrein Heiter bis tödlich tauft.

Also hieß es eine Weile lang auch für Felix Eitner: Augen auf, Lippen schmal, Lächeln halbieren, vor einem Jahr etwa, fast vier Monate am Stück. Da verkörpterte der rührige Schauspieler nämlich im neuesten Schmunzelkrimi, dem seriellen Quotendesaster vor Thomas Gottschalks, die männliche Hauptfigur Paul Degen. Dessen weibliches Pendant hieß Klara Kleinert (Wolke Hegenbarth), was nicht nur putzig alliteriert, sondern den noch putzigeren Titel Alles Klara herausforderte. Was seinerseits nun auch nicht richtig lustig war. Wie überhaupt die ganze Reihe um einen Kommissar und seine nebenbei ermittelnde Tippse, die es in der Harzer Provinz mit überraschend tödlichen Verbrechen in Reihe zu tun haben, alles Mögliche ist. Außer sonderlich lustig.

„Finden Sie?“, fragt Felix Eitner da ehrlich erstaunt. Lachen, beteuert er, rechtfertige doch grundsätzlich jeden Humor, und der in Alles Klara werde schon seine Lacher finden. Die eigenen zum Beispiel, obwohl Eitner selbst eher auf schwarzen Humor stehe, besonders den britischen, „es darf gern böse sein“. So wie im Ersten, dessen heiter gemeinte Vorabendermittlungen Schwerstverbrechen zur Pointe erheben, die wiederum Missverständnisse kultivieren und Dialoge erzeugen wie folgenden, den Felix Eitner beim Interview mit Alsterblick aus dem Nichts auf die publikumslose Interviewbühne in Hamburg zaubert:

Einer sagt was.

„Was hast du gesagt?“

„Du hörst mir gar nicht zu!“

„Natürlich hör ich dir zu!“

„Also was hab ich eben gesagt?“

„Warum soll ich dir sagen, was du gesagt hast?“

„Weil ich wissen will, ob du es gehört hast?“

„Warum soll ich das nicht gehört haben?“

„Weil du mich gefragt hast.“

„Was jetzt?“

Und dann komme, wie im hiesigen Formathumor üblich, ein Dritter hinzu und verwirre sie alle, Prinzip Missverständnis eben. „Mir gefällt das.“ Und wie der Mittvierziger Eitner mit dem kreisrund gelichteten Haar es verteidigt, mit Händen und Füßen, mit Showeinlange, Hüsteln, Stirnrunzeln, aber ohne spürbares Konzept, voll aus dem Bauch, da spürt man: Der brennt für seine Sache. Nur – wie sehr er brennt, das wissen die wenigsten, wie überhaupt die wenigsten wissen, wer Felix Eitner eigentlich ist.

Sein filmischer Aggregatszustand ist schließlich die personifizierte Nebenrolle, der Sidekick, ein Ergänzungsspieler, seit jeher im zweiten Glied, so wie er es auch morgen im berechenbar schnulzigen ARD-Freitagsfilm mit dem berechenbar debilen Holzhammertitel Alles für meine Tochter tut. Seit er als 14-Jähriger die erst Kinderrolle übernahm und 2001 als Fluchthelfer im preisgekrönten Drama Der Tunnel das „History-Event“ als TV-Genre gebären half. Es war eine ernste Rolle, gespielt mit jener beiläufigen Leichtigkeit, die Felix Eitner auszeichnet, die ihm ein durchaus erträgliches Schauspielerleben gewährleistet, aber eben keins auf den Titelseiten der Aufmerksamkeitsindustrie.

„Bevor ich den roten Teppich betrete, höre ich oft das Kameragewitter“, er lächelt ein bisschen bitter, „aber wenn ich drauf bin, hört es auf.“ In diesem Schaufenster nicht erkannt, geschweige denn „von der Celebrity-Reporterin nach der Marke meines Mantels gefragt“ zu werden, sagt er im Singsang seiner badischen Heimat, „das tut schon auch brutal weh“. Da gehe er lieber hinten rein – und spielt sich von da aus ins Rampenlicht, ganz leise. Denn Felix Eitner spielt alles und das regelmäßig, er tut es im Arthaus-Kino wie Doris Dörries Kirschblüten – Hanami oder in ZDF-Hochglanz wie Margarethe Steiff, in der ARD-Klamotte Für immer 30, wo er kürzlich mal die Besetzungsliste anführte, ebenso wie im Stuttgarter Tatort, wo er kürzlich sogar Dialekt sprechen durfte. Er kann fast alles, sogar Hochdeutsch. Am besten aber kann er Komödie.

Das wusste schon Rainer Matsutani, als er Felix Eitner 1995 in der Zombie-Groteske Nur über meine Leiche besetzte. „Ein neuer Tony Randall“, schwärmte der Regisseur damals. Jener Zuspieler also, der gern als überdrehter Spießer zwischen Rock Hudson und Doris Day vermittelte. Dieser Typus liegt auch dem früheren Klassenclown mit späterer Clownausbildung, dem Sohn zweier Lehrer, der selbst einer werden wollte und jetzt immerhin hier und da spielt, geprüft und abgenommen von seiner volljährigen Tochter.

Früh geheiratet, rasch Vater, Häuschen im Allgäu, Haarausfall ohne Kopfrasur, Spießer als Paraderolle – Felix Eitner grinst: „Es gibt bei mir einen gewissen Zug zum Bodenständigen“. Und sei es nur, um sich im hektischen Filmbetrieb mit all seinen Eitelkeiten zu erden. Er pflegt diesen Zug auch in der ARD-Schnulze zum Wochenende wie er es eben bei Alles Klara pflegte. Dass das weder lustig noch gehaltvoll ist – an Felix Eitner liegt es nicht.

Der aktualisierte Text ist i m April 2012 in der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau erschienen

Patrick “Silas” Bach, Hamburg 2009

Fortsetzung? Sofort!

Patrick Bach war Silas, Patrick Bach war Jack Holborn, Patrick Bach war Annas Rollstuhlfreund, jetzt ist Patrick Bach Mitte 40 und irgendwie immer noch der Kinderstar vom Weihnachtsmehrteiler, den er 1981 mit einem verkauften Zirkusjungen zu neuen Höhen mit 25 Millionen Zuschauern schwang. Ein Gespräch zum 45. Geburtstag mit dem zufriedenen Familienvater aus Hamburg über alte Klischees, neue Rollen, gescheiterte Kinderstars und was Schauspielen mit Golf zu tun hat.

freitagsmedien: Patrick Bach, Sie waren 12, als Silas aus einem Hamburger Jung eine Kinderstar gemacht hat. Ist man das ein Leben lang oder wächst er sich irgendwann raus?

Patrick Bach: So ganz nie. Es steckt in den Köpfen der Leute drin, das merk ich noch heute. Wenn es um neue Rollen geht, da wird es schon noch erwähnt. Aber das ist in Ordnung. Es war eine wunderbare Serie und wenn mich Leute nun drauf ansprechen, freue ich mich doch. Nach 25 Jahren – das muss man erst mal schaffen.

Ist es eine Alters- oder Karrierefrage, sich davon zu lösen?

Beides. Man muss sich halt beruflich weiter entwickeln. Bei mir kommt hinzu, dass ich zehn Jahre jünger aussehe als ich bin und gemütlich für 30 durchgehe. So unterstütze ich das Älterwerden nicht optisch, das macht es schwieriger, sich vom früheren Image zu lösen. Ich finde es schön, mich darauf beziehen zu können, nur ist es so, dass die Rollen für 28- bis 35-jährige Männer ohnehin eher rarer gesät sind.

Ach was.

Ja. Für den jungen Wilden wird man nicht mehr besetzt, dafür gibt’s Robert Stadlober und wie sie alle heißen. Und den gestandenen Familienvater kriegt jemand wie ich auch noch nicht, obwohl ich selber einer bin. Aber das ist nur eine Frage der Zeit; alt werde ich auf jedem Fall.

Sind Sie zuvor in ein Loch gefallen?

Nein, aber dieses Jahr war es sehr ruhig. Ich habe eine Comedy mit Jeanette Biedermann gemacht, die nicht gesendet wurde. Da war auch ein bisschen Pech dabei, denn es war absolut sendefähig, eine Flaschengeistgeschichte, mit Rollen- und Körpertausch.

Auch nichts Tiefschürfendes.

Nein, aber sehr witzig, mit hintergründigen, subtilen Drehbüchern. Nicht Stromberg, aber auch nicht der plumpe Latrinenhumor des Comedy-Durchschnitts. Dennoch war Sat1 mit dem Gesamtkonzept unzufrieden und hat es – was heute ja gern gemacht wird – ins Regal gestellt.

Siegt dann die Eitelkeit des Schauspielers, gesendet werden zu wollen, oder der Familienvater, der seinen Job gemacht und dafür Geld gekriegt hat?

Da siegt der Ärger darüber, von etwas überzeugt zu sein, was trotzdem nicht gesendet wird. Zum einen, weil mir dadurch Präsenz auf dem Bildschirm fehlt. Zum anderen, weil wir nur sechs statt zwölf Folgen gedreht haben, womit das Jahr gut gefüllt gewesen wäre. Außerdem war es für mich ein neues Gebiet, auf dem ich mich hätte etablieren können, zumal mir der eine oder andere durchaus komödiantisches Talent nachgesagt.

Wurde bei dem Versuch der alte Silas oder der neue Patrick besetzt?

Definitiv Patrick. Es gibt genug Angebote. Auch Die Wache

Wo sie einen Polizisten spielen.

… war doch fernab vom Kinderstar, ein gestandener Mann mitten im Leben, ernst angelegt. Ich habe kein Problem damit, ein Kinderstar gewesen zu sein, auch wenn es immer mal reinspielt in meinen Beruf. Es schwebt nicht wie ein Damoklesschwert über mir, das mir alles verbaut.

Ist die Zahnlücke noch da?

(Zeigt sie und lacht) Klar. Die war mal weg und plötzlich kam sie wieder.

Solche Markenzeichen, die ersten Meriten können ja mehr Ballast als Kredit sein.

Absolut und in Deutschland herrscht dieses Schubladendenken überall. Ein Claude-Oliver Rudolph spielt nun mal immer den Bösen. Jeder hat sein Rollensegment, in dem er primär besetzt wird und das wird im Fernsehen recht selten gebrochen. Im Kino schon eher, aber insgesamt bleibt die Familienmutter gerade in der Serie immer Familienmutter. Damit muss man sich positiv abfinden, akzeptieren, dass es trotzdem weitergeht, und hoffen, dass es sich irgendwann ändert.

Aus eigener Kraft?

Auch. Ich habe in diesem Jahr einen Kurzfilm mit Helmut Zierl in Krefeld gedreht, wo ich einen Gauleiter spiele, für den man mich normalerweise überhaupt nicht besetzt. Viele von denen, die mir so was nicht zugetraut hätten, waren positiv überrascht.

Zu dumm, dass Kurzfilme selten im Fernsehen laufen.

Ja, er ist für die Berlinale gemacht, aber es hieß, man könnte eineinhalb Stunden draus machen, denn die Zeit ist deutlich zu kurz für das Thema. Es geht um einen Schuster, der von mir den Auftrag erhält, für die Hitlerjugend Schuhe herzustellen, während sein Sohn in die örtliche Swingbewegung gerät und am Ende von den HJ-Jungs in den Schuhen seines Vaters totgetreten wird. Ein Low-Budget-Film fürs Herz. Aber weil die Figuren nicht annähernd durch erzählt werden, böte er Stoff für mehr.

Wie fühlt es sich an, den Bösen zu spielen?

Böse. Aber ich habe ja auch zuvor eher Böse gespielt. Allerdings hab ich kein böses Aussehen. Ein böses Gesicht kann ich nicht, das wäre für mich der falsche Weg. Ich muss das eher mit einem fiesen Lächeln spielen, wie der Mafioso: Ah, du magst also deine Familie. Bene…

Kann man Sie nicht böse schminken?

Da müsste man einiges machen. Deshalb wird mir so was selten angeboten.

Waren Sie aufgeregt, so gegen den Strich besetzt zu werden?

Aufgeregt nicht, aber die Herausforderung ist schon größer, man macht sich mehr Gedanken. Aber dafür hatte ich gar keine Zeit, mich vorzubereiten, mir mal einen Gauleiter im Film anzusehen.

Man kennt die ja auch.

Zur Genüge, den klassischen Nazi sieht man oft. Das Ausdruckslose, mit Stock im Hintern.

Wie war es als Kind – wann wurden Sie vom Kinderdarsteller zum Schauspieler?

Eigentlich erst bei Anna, meiner dritten Rolle. Da war ich 18. Bei meinen ersten beiden – mit 12 und 14 – hab ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht. Das war eher Ponyhof, mehr Abenteuerurlaub, alles toll. Es war auch anstrengend, fiel mir aber leichter.

Was gab es dafür damals?

Ich glaube Silas gab 20.000 Mark komplett. Die zweite Gage für Jack Holborn hab ich sogar selbst mit dem Produzenten verhandelt, in der Kneipe. Ich wollte mehr Geld. Er fragte dann, wie viel, und ich meinte, glaube ich, das Doppelte.

Viel Geld. Kommen Sie aus wohlhabendem Haus?

Es gab schon einen gewissen Rückhalt; das macht es in dem Beruf ein wenig einfacher, wenn die Existenz nicht ständig auf dem Spiel steht. Schließlich bringt der Job immer wieder Höhen und Tiefen mit sich.

In dem Alter können Geld und Erfolg den Menschen ganz schön versauen.

Na ja, meine Mutter ist Regieassistentin. Bei uns zuhause liefen Leute wie Jutta Speidel und Horst Frank rum. So gesehen waren Stars für mich normale Leute und die Arbeit ein normaler Job. Ich besaß gar nicht dieses Wunschdenken nach Glamour und Ruhm und wollte nach den Serien auch gar kein Schauspieler werden. Deswegen bin ich immer auf dem Teppich geblieben. Ich habe einen Traumberuf mit Abwechslung und Kreativität, aber man muss immer damit leben, dass man morgens aufwacht und plötzlich ist es zu Ende.

Haben Sie diese Angst noch?

Nicht wirklich. Da ist es gut, dass ich Kinderstar war. Ich habe mir dadurch etwas aufgebaut, was schwer kaputt zu kriegen ist.

Renommee oder finanziell?

Vor allem mein Name, meine Popularität, die zum Glück dazu führt, dass es immer weitergeht. Ich bin von Haus aus Optimist.

Den sie mal neben Selbstbewusstsein und Humor als ihre positiven Eigenschaften genannt haben. Wie ist es mit Kritikfähigkeit?

Ich kann nicht klagen. Wenn man als Schauspieler keine Kritik verträgt, tut man sich nur selber weh. Jeder noch so große Schauspieler hat schließlich mal was gemacht, das niemandem gefällt. Wie in anderen Berufen auch. Auch Manager kriegen tolle Abfindungen für noch so schlechte Bilanzen (macht Ackermanns Victory-Zeichen). Man kann nicht immer gut sein, dann wäre man Gott.

Die Kritik an Ihnen könnte lauten, dass Sie seit Anna keine feuilletonistisch anspruchsvolle Rolle mehr gespielt haben. Alles eher leichte Unterhaltung.

Teilweise sogar seicht, aber das ist doch in Ordnung. Bei Schauspielern kommt immer die Frage, was denn die große Traumrolle sei, ob man nicht mal nach Amerika möchte. Für mich ist es ein Beruf, mit dem ich meine Familie ernähren will und mir macht auch eine seichte Familienserie Spaß, ich kann dort Rollen entwickeln. Klar würde ich drei ganz tolle Kinoproduktionen im Jahr machen, aber nicht auf Biegen und Brechen. Ein Heiner Lauterbach macht eben nur das und wird sonst für nichts gebucht.

Weil er sich nicht buchen lässt?

Das ist eben das Problem in Deutschland. Viele werden für viele Rollen gar nicht erst angedacht, weil es heißt, das macht der oder die ja ohnehin nicht, und im Zweifel hat man einfach nicht gefragt.

Klingt nach einem Kommunikationsproblem.

Sicher, jeder kocht sein eigenes Süppchen. Aber in meinem Fall kann ich sagen: Es liegt nicht an mir. Die Filmemacher sagen, das ist ein Serienstar, die Öffentlich-Rechtlichen sagen, das ist eine RTL-Nase, Theaterleute tun sich schwer mit Filmschauspielern und umgekehrt. Ich glaube, Schauspieler haben viel weniger Probleme zu springen, als Besetzer, Caster, Produzenten, Regisseure, Verleiher denken. Und weil ich das weiß, versuche ich nicht auf Krampf ins Kino zu kommen. Dafür mach ich das zu lange. Ich bleib schön im Serienbereich und freu mich umso mehr, wenn ein Angebot wie aus Krefeld kommt.

Haben Sie denn nie vom Kinotriumph geträumt?

Also ich hab noch keinen Traum verloren, weil ich mich trotz der langen Zeit im Geschäft immer noch wie am Anfang meiner Karriere fühle. Die Rollen die ich noch spielen möchte, muss ich erst noch spielen, weil mir einige vielleicht noch nicht so viel zutrauen und sagen, da besetzen wir erst mal noch den Heino Ferch (lacht), die üblichen Verdächtigen halt. In zehn Jahren sieht das alles schon ganz anders aus und bis dahin mache ich eben die Sachen, mit denen ich meinen Lebensunterhalt verdiene, ohne mich bis auf die Knochen zu blamieren.

Haben Sie dafür je eine Schauspielausbildung absolviert?

Nein. Alles learning by doing. Und in meinem Alter ist das auch bald mal zu spät. Aber es gibt ja auch alle möglichen Workshop-Fortbildungen.

Die haben Sie aber gemacht?

Nee, ich hab mich aber durch Dinge wie Synchronsprechen verbessert, was ich seit Mitte der Neunziger mache. Außerdem spreche ich Werbung. Modulation, Sprechtechnik, Stimmstützen, all so was. Das erspart einem jeden Kursus. Die renommierten Tonmeister, mit denen ich bislang gearbeitet habe, meinten, ich hätte eine wunderbare Stimme, mit der ich auch im Theater bis ganz nach hinten käme.

Wo Sie aber – abgesehen von den Karl-May-Festspiele – keine Erfahrung haben.

Vielleicht ändert sich das ja bald. Ich habe jedes Jahr Angebote. Aber bislang fielen die bei mir immer mit Dreharbeiten für meine Serien zusammen. Und Fernsehen ist natürlich lukrativer.

Die meisten Schauspieler gönnen sich die Bühne auch zur künstlerischen Verwirklichung, während das Fernsehen eher Broterwerb ist.

Genau, wenngleich man da auch nicht von der Hand in den Mund lebt. Ich habe den Vorteil, dass man mich nicht einkauft, weil ich so ein grandioser Bühnenschauspieler bin, sondern weil sie meinen Namen haben wollen. Und was ich daraus mache, ist immer ein Sprung ins kalte Wasser. Auf der anderen Seite hab ich in Bad Segeberg gemerkt, dass mir die Bühne liegt. Ich bin eben kein introvertierter Typ, deshalb weiß ich, dass ich nicht ungeeignet wäre. Ein Komödienboulevardstück, etwas seichtere Unterhaltung, würde mir da sicher liegen.

Ihr Nachfolger als Weihnachtskinderstar Hendrik Martz hat es gerade in Berlin als Woyzek versucht. Ist das ein höherer oder nur ein anderer Anspruch als eine leichte Komödie?

Komödie ist gar nicht so einfach, im Gegenteil. Da ich aber zur Komödie neige, hätte ich eher Respekt vor klassischen Rollen. Ich denke der Unterschied ähnelt dem von Kino und Fernsehen: Kino wird als höherer Anspruch empfunden. Dabei ist es nur eine andere Kamera, ein anderer Bildausschnitt, andere Auflösung, hochwertigere Technik. Doch die Schauspieler machen im Grunde das gleiche: Sie spielen ihre Rollen, allerdings nicht automatisch besser. Der Hamlet kommt einem nur bigger vor.

Nervt das den, der ihn nicht spielt?

Ich bin da nicht anspruchs- oder leidenschaftslos, aber wenn ich ein Leben lang Serien mache, weil nichts anderes kommt, werde ich damit trotzdem glücklich. Das ist wie beim Golf: Man kann noch so toll abschlagen, man wird nie perfekt spielen, alles mit einem Schlag. Wer das permanent im Hinterkopf behält, wird als Schauspieler nicht glücklich.

War das ein Plädoyer gegen Perfektionismus?

Nein, nein. Ich bin Perfektionist. Ich komme immer bestens vorbereitet zum Set und will immer 100 Prozent geben. Aber man sollte auch mal mit sich zufrieden sein und das fällt vielen schwer. Die ertränken das dann gern mal im Alkohol oder geben auf, während ich Realist bin. Ich bin Widder. Ich steh mit beiden Beinen auf dem Boden. Für mich ist meine Familie das Wichtigste und wenn ich Getränke austragen müsste, um es ihr gut gehen zu lassen, würde ich auch das gern tun. Mein Job ist der schönste, den ich mir vorstellen kann, aber er ist nicht alles. Das heißt nicht, keine Ziele zu haben.

Klingt ungemein bodenständig.

Absolut. Und ich bin froh darüber. Mir einen Hut quer aufzusetzen, in Lotterhosen auf Smokingpartys rum zu laufen, auf künstlerisch zu machen – das ist nicht mein Stil. Das wird oft als Mangel an Ehrgeiz ausgelegt, aber ich bin auch glücklich, wenn ich die Leiter, deren Ende sowieso nicht erkennbar ist, nicht versuche bis ganz hinauf zu steigen.

Liegt das daran, dass Sie in den Beruf eher hineingeraten sind?

Ich glaube, das ist eher eine charakterliche Frage.

Von den vielen Kinderstars der Weihnachtsserien hat es nur Katja Studt zu ganz großen Rollen gebracht. Thomas Ohrner, Sylvia Seidel, Josef Gröbmayr oder Sie sind dagegen nie über Serien und Shows hinausgekommen.

Für meine Ansprüche decke ich alle Bereiche ab. Natürlich war da viel Familiäres dabei, aber ich habe mir eine gewisse Vielschichtigkeit erarbeitet. Bei Thommy war’s so, dass er als Erwachsener seine jugendliche Frische verloren hat. Die Chance, nach dem Stimmbruch interessant zu bleiben, ist eben gering. Ein Rezept gibt’s da nicht und bei Thommy hat es nicht geklappt, obwohl er gern als Schauspieler weitergemacht hätte. Aber Moderation ist auch keine leichte Sache. Ist mir auch angeboten worden, hätte ich womöglich auch gekonnt, aber dann ist die Schauspielerei vorbei.

Sie sagten erst kürzlich, über Angebote nicht klagen zu können – viele Kollegen müssten sich mit Synchronrollen rumschlagen. Ist das Geschäft so hart?

Zum einen, bestehen große Teile des Programms aus Shows, Soaps, Telenovelas, wo man als seriöser Schauspieler sagt: Das ist nicht mein Sendeplatz. Und für den Rest gibt es so um die 30 Schauspieler, die sich draufsetzen. Das sind übers Jahr gerechnet ein paar Tausend Rollen, die wegfallen. Mit der Maueröffnung kamen zudem viele gute Schauspieler hinzu, die teils zu Preisen gespielt haben, die ein Westschauspieler nicht akzeptiert hätte. Dadurch haben sich Sondergagen durchgesetzt, Abschläge, dazu weniger Sendeplätze, viel Comedy – Angebot und Nachfrage haben sich zum Angebot hin verschoben. Da war es gut, dass ich auf die Synchronschiene geraten bin und Hörbücher mache. So kommt noch etwas Geld rein.

Gibt es Silas als Hörbuch?

Meines Wissens nicht. Das wäre aber auch mal eine Variante, warum nicht.

Als DVD läuft es gut?

Ich glaube ja.

Wenn man auf wunschliste.de geht…

Steht Silas ganz oben.

Und es gibt Hunderte aktuelle Einträge von Fans, von Eltern, die ihre Söhne Silas genannt haben. Kennen Sie einen Silas?

Ich hab mal einen kennen gelernt, als wir die Strandclique gedreht haben.

Ihren eigenen Sohn so zu nennen, kam aber nicht infrage.

Um Gottes Willen, nein. Das wäre ja völlig gestellt. Der Name ist mir auch zu weit weg. Das ist Historie, keine Gegenwart.

Warum gibt es den Weihnachtsmehrteiler eigentlich nicht mehr?

Der ist dem Trend der Schnelligkeit erlegen. Die ersten fünf, sechs waren noch echte Erfolge, danach hatten die ihren Zauber verloren. Als die Privaten auf Sendung gingen und den Markt zugepflastert haben, gingen zudem die Quoten in den Keller. Wenn man heute im Vorabendprogramm mit einer Serie im Schnitt viereinhalb Millionen hat, kannste jubeln. Jack Holborn hatte 46 Prozent, das sind 25 Millionen.

Wenn man Ihnen anbieten würde, eine Fortsetzung von Silas zu drehen – würden Sie das machen.

Jo. Sofort. Es müsste zwar passen und ich glaube, Silas ist zu weit weg. Aber die Schwarzwaldklinik hat ja auch noch mal funktioniert.


Selbstunbefriedigung

fragezeichen_1_Es gibt eigentlich nur zwei Sorten Filme, in denen onaniert wird: Echte Pornos, und da machen das meist andere für einen. Oder ARD-Dramen, und da ist das eine triste Angelegenheit. Merkwürdig

Man kann es fast an einer Hand abzählen, was auch in Film und Fernsehen mit fünf Fingern der Selbstbefriedigung dient, aber nicht strikt pornografisch inszeniert wurde: Der Altschauspieler Jürgen Vogel hat es mal als zwanghafter Vergewaltiger im Kinofilm Der freie Wille getan, der Jungschauspieler Jonas Ney als verliebter Teenager im ARD-Drama Homevideo, der US-Schauspieler Evan Handler als geiler Schriftstelleragent im Serien-Erfolg Californication: masturbiert. Schon die Tatsache, dass zwei der drei für diese schonungslose Eigenauslieferung mit Preisen überhäuft wurden, zeigt schließlich, wie selten die vermutlich verbreitetste Sexpraktik der Welt generell visualisiert wird.

Das hat zunächst ästhetische Gründe; es gibt ja schönere Anblicke als masturbierende Frauen, von Männern ganz zu schweigen. Dann wären da psychosoziale; denn so gern Kameras dem Geschlechtsakt als Paar- und Gruppenveranstaltung beiwohnen, gilt er solo als Beleg latenter Vereinsamung. Womit wir bei der stichhaltigsten Erklärung wären, die in etwa so profan ist wie jene, warum uns so wenig reale Morde gezeigt werden: Während gefilmter Beischlaf auch als Fiktion Ausdruck ausgezeichneter Virilität bei Mimen und Echtmenschen ist, lassen sich die wenigsten freiwillig bei der Selbstbefriedigung filmen, und sei sie bloß angedeutet. Ist vielleicht auch besser so…