Posted: February 13, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Unterhaltsamer Aufklärer
Arte widmet den knallbunten Sozialstudien der Viktorianischen Epoche des Schriftstellers Charles Dickens einen Schwerpunkt mit drei Neuverfilmungen seiner Werke. Das ist nicht nur spannend anzusehen, sondern sagt auch etwas über unserer Zeiten.
Von Jan Freitag
Die Konsumgesellschaft schafft sich ihren Überfluss auf den verschiedensten Gebieten. Autos, Frischfleisch, Fernreisen und alles was glitzert, quasselt, blinkt, dazu die neuesten Trends von Apple, Ikea, H&M – es gibt einfach zu viel zu viele Produkte für viel zu viele Menschen mit viel zu vielen Bedürfnissen für ein vielfältiges Fortkommen dieses Planeten. Und die Liste ließe sich ja leicht ergänzen. Auf dem Bildschirm zum Beispiel, daheim im Wohnzimmer oder größer auf Leinwand. Wer, bitteschön, braucht schließlich 22 Filmversionen ein und desselben Romans? Antwort: Kommt ganz drauf an.
Denn Dickens’ Schlüsselroman Oliver Twist, je nach Quellenlage das wohl meistadaptierte Buch nach der Bibel, mag nämlich seit James Stuart Blackdons stummer Schwarzweißvariante von 1909 mal sehr sinnig, mal eher sinnlos verfilmt worden sein; auch die 23. Fassung hat bei aller Patina einer 175 Jahre alten Erzählung wenig von deren zeitgeistiger Kraft verloren. Besser gesagt: Charles Dickens hat es nicht. Seit Oliver Twist oder der Weg des Fürsorgezöglings seinen Ruf 1839 als unterhaltsamster Analytiker des Viktorianischen Zeitalters begründen half, ging nämlich beinahe jedes seiner großen Werke in die Literaturgeschichte ein: Ob nun David Copperfield, Eine Geschichte aus zwei Städten oder das viel zitierte Weihnachtswunder um Ebenezer Scrooge – was immer der autodidaktisch gebildete Sohn eines bettelarmen Postschreibers aus Portsmouth zu Papier brachte, es skizzierte die Epoche der frühen Industrialisierung besser als jede akademische Schrift und wurde bereits zu Erstveröffentlichungszeiten zum Bestseller.
In diesem Licht zeigt der Kulturkanal Arte ab heute also nicht nur eine weitere Sammlung bonbonbunter Fernsehfilme nach Charles Dickens; die drei mehrteiligen Erstausstrahlungen neuer Interpretationen zum 101. Geburtstag des britischen Großliteraten fügen dem adaptierten Werk durchaus neue Seiten hinzu. Und das liegt zunächst an Timothy Spall. Wie der Londoner Theatermime mit reichlich Harry-Potter-Erfahrung Oliver Twists Gegenspieler Fagin interpretiert, liefert er eine der wunderbarsten Figuren schurkiger Fiktion überhaupt. Sir Alec Guinness, George C. Scott, zuletzt Ben Kingsley – der hehlende Diebesbandenchef wurde von wahrhaft großen Vorbildern verkörpert; doch verglichen mit Spalls Darstellung kommen sie alle wie Chorknaben weg.
Und genau darin liegt bekanntlich der Mehrwert des Remakes alter Filme begründet: War der Film noch lange nach der glattgeleckten Technikolor-Ära stets um ein Mindestmaß an Sauberkeit und ordnungsstiftender Milde bemüht, so traut sich das Kino heutzutage, Abgründe auch wirklich als solche zu zeichnen, statt Cowboys stets gebügelte Hemden zu verpassen. Das zeigt sich auch in den zwei anderen Adaptionen der Arte-Reihe: Das Geheimnis des Edwin Drood von Diarmund Lawrence und Brian Kirks Große Erwartungen. Ersterer bebildert Dickens drogenbetäubte Phantasmagorie des Kantors John Jasper mit düsterer Tiefe, letzterer den wellenförmigen Aufstieg des Waisenjungen Pip mit grandioser Opulenz. Wie Oliver Twist machen beide Romanvorlagen somit Menschen zu Hauptfiguren, die zur Zeit ihres Entstehens bestenfalls Sidekicks sein durften: Die Unterschicht. Vor Dickens nämlich hat sich kein Autor von vergleichbarer Strahlkraft den Verhältnissen des industrialisierten Umbruchs aus Sicht ihrer Verlierer gewidmet. Seine Protagonisten mögen schlammverkrustet sein, kriegen aber allesamt ein Gesicht, das selbst die der literarisch beherrschenden Upperclass überstrahlt.
Überhaupt Kritik am Klassen- und Ständesystem zu üben, war damals ja verpönt. Sie auch noch über jene am unteren Rand zu äußern, galt als ausgeschlossen. Umso erstaunlicher, dass Dickens Romane schon zu Lebzeiten Verkaufserfolge wurden – was zuweilen politische Folgen hatte. Oliver Twist zum Beispiel befeuerte seinerzeit die Erkenntnis, Armut sei nicht gottgegeben, sondern menschlich beeinflussbar, und Kriminalität eher alltags- als wesensgesteuert. Das muss man sich in Zeiten, da die Bild ein griechisches „Betrüger-Gen“ identifiziert und der Ruf nach staatlicher Härte gegen Mehrfachtäter anschwillt, stets vor Augen halten. Der Schwerpunkt: Charles Dickens kann dazu etwas beitragen. Und großartig unterhalten.
Oliver Twist (2 Teile): 13. und 20. Februar, jeweils 20.15 Uhr
Das Geheimnis des Edwin Drood (2 Teile): 27. Februar, 20.15 und 21.15 Uhr
Große Erwartungen (3 Teile): 6. März, 20.15, 21.07 und 22 Uhr
Posted: February 12, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Der Prüfstein ist das Altern
Judith Holofernes bezeichnet sich als Feministin und kämpft seit jeher gegen die Klischees des Pop an. Zugleich allerdings ist sie seit dem großen Erfolg ihrer Band Wir sind Helden das Glamour-Girl des deutschen Indierock mit Zugang zu den Titelseiten großer Klatschmagazine. Das wird sich kaum bessern, wenn die Berlinerin dank ihres ersten Soloalbums Ein leichtes Schwert noch mehr im Fokus steht. Ein Interview über Frauen in der Männerbranche, Kangurubäuche und warum sie eigentlich ganz normal ist.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Judith Holofernes, sind Sie eigentlich empfindlich, was die Sprache betrifft?
Judith Holofernes: Da bin ich bin sogar sehr empfindlich, aber weniger im Sinne von Political Corectness, als in einem ästhetischen, semantischen Sinne.
Als Sie für Arte eine Reihe über einflussreiche Musikerinnen moderiert haben, hieß sie allerdings Summer of Girls…
Das hat mich anfangs auch etwas gestört. „Girls“ in Zusammenhang mit Erwachsenen ist eben falsch, so wie es bei Germany’s Next Topmodels meist den Tatsachen widerspricht. Aber Arte war da so offen, dass ich den Teleprompter variieren durfte. Deshalb habe ich, um damit nicht ständig Bauchschmerzen zu haben, in meinen Moderationen so oft es geht Girls durch Frauen ersetzt.
Wie reagieren Sie persönlich, wenn man Sie als Girl bezeichnet.
Mit lautem Protest. Aber auch, weil „Girl“ so wahnsinnig Nineties ist (lacht). Damals glaubten ja selbst Feministinnen, dass es okay sei, Frauen als Girls zu bezeichnen, solange es mit fünf „r“ geschrieben wird oder schlimmer: mit „ies“ am Ende. Girl ist völlig over. Um auch mal ein paar Anglizismen einzustreuen.
Bezeichnen Sie sich als Feministin?
Ja.
Ja?
Zumindest fühle ich mich einer feministischen Tradition verbunden, nenne mich deshalb aber nicht Feministin. Das klingt, als sei es das einzige, was mich definiert, wie ein Beruf. Wobei es viele gibt, die das beruflich ausüben, und denen bin ich sehr dankbar.
Sind Sie eher der kämpferische Typ Feministin der zweiten Generation oder der entspanntere, bewusste weibliche Typ Lipstick-Feministin?
Dazwischen. Das wichtigste ist, dass Frauen nicht denken, Feminismus betreffe sie nicht. Gerade in meinem Metier ist das Geschlecht alles andere als egal, die Oberfläche konstituiert uns darin mehr als alles andere. Das zeigt sich besonders in dem Moment, wo Musikerinnen, die sich bis dato für unfassbar emanzipiert, sogar befreit gehalten haben, zurückfallen in alte Verhaltensmuster. Und das passiert gerne…
Wenn man alt wird?
.. genau, vor Allem im Pop. Ansonsten: wenn Kinder dazu kommen.
Bei Ihnen auch?
Ja, Kinder zu kriegen macht unsichtbare Grenzen sichtbar. Und zeigt, wie unterschiedlich Männer und Frauen ihr Elternsein gespiegelt kriegen. Mein Mann und ich sind in der Erziehung so gleichberechtigt, wie überhaupt möglich, da unser Beruf ja nicht nur identisch ist, sondern auch unser Arbeitsplatz. Trotzdem fällt auf, dass Pola…
Ihr Mann und Schlagzeuger.
… permanent Schulterklopfen für identische Erziehungsarbeiten erntet, die mir entsprechend von meinem Arbeitskonto abgezogen werden, als würde ich mich vor ihnen drücken. Wenn ich ein Interview gebe und nebenan schreit unser Baby an Polas Schulter, werde ich oft gefragt, wie ich mich dabei fühle, eine Frage, die ihm sicher nie gestellt wird. Da ist viel Rabenmutterdenken im Subtext, jedenfalls kein Anflug von Anerkennung eines stinknormalen Zustandes zweier moderner Menschen, die sich arbeitsteilig um den Nachwuchs kümmern. Jedes Gespräch mit Fremden über mein Leben beginnt damit, wie besonders es sei.
Ein Grund mehr zu fragen, wie emanzipiert die Popmusik als Ganzes ist.
Gute Frage.
Wie emanzipiert ist zum Beispiel Lady Gaga, die ausschließlich Oberfläche ist und Null Inhalt, den Verwertungsmechanismen des Weiblichen in einer Männerwelt wie dem Pop also wieder so genüge leistet wie zuletzt die hypersexualisierten Sängerinnen der Disco-Ära?
Sie ist es nur zum Teil. Künstlerinnen, aber auch Künstler, die vor allem Oberfläche sind, gab es ja immer. Solange sie kreativ und selbstbestimmt ist, finde ich das großartig. Aber Frauen lernen eben eher als Männer genau dann ihre Grenzen kennen, wenn sie über die Oberfläche hinauszugehen versuchen. Und das würde auch eine Lady Gaga schnell zu spüren bekommen. Frauen die, egal in welchem Medium, über Inhalte funktionieren wollen und in dem Zuge darauf scheißen, wie sie aussehen, sind in der Regel zum Scheitern verurteilt. Wenn ich für eine Talkshow stundenlang in der Maske sitze, denke ich mir oft: Das entspricht doch gar nicht meinem Beruf, für den ich ja in Show eingeladen wurde. Das Verhältnis von Oberfläche zu Inhalt ist bei Frauen im Fernsehen weit mehr verrutscht als bei Männern.
Und der Ausweg?
Ich könnte die einzige sein, die sich diesem Mechanismus verweigert, aber die Entscheidung, in diesem Kontext natürlich aussehen zu wollen, entspricht der, beschissen auszusehen. Denn unter den Hochglanzfassaden der anderen Gäste entspräche ungeschminkte Normalität in der hochauflösenden Digitalbildsprache von heute totaler Verwilderung.
Sie verweigern sich also nicht?
Im Rahmen des Möglichen doch. Wenn ich für eine Sendung meine Berliner Lieblingsorte zeigen soll, setze ich schon durch, dass ich nicht an jedem davon ein anderes Kleid anhabe und Inhalte im Vordergrund stehen. Dafür musste ich erstmal lernen, anderen Schwierigkeiten machen zu können. Aber das war ein langer Weg.
Den Sie sich über den Erfolg erarbeitet haben?
Auch, aber mehr durchs Dienstalter. Und durch innere Freiheit. Ein Grundproblem echter Gleichberechtigung ist ja auch der Wunsch, alle glücklich machen, nett sein, gut aussehen zu wollen, den Frauen eher stärker haben. Dieses Bedürfnis aufzugeben ist ein immens großer Schritt.
Kennen Sie den Begriff des Femizissmus?
(lacht) Nee.
Die britische Journalistin Charlotte Raven beschreibt damit das Phänomen, dass Frauen sich zwar ausziehen und hübsch machen wie immer, das aber als selbstbewussten Weg zum Erfolg deklarieren.
Und der Prüfstein dafür ist das Altern. Selbst Madonna, die ihre ganze Existenz auf optischen Kriterien aufgebaut hat, muss ihre Jugend zwingend konservieren, sonst funktioniert sie nicht. Ich kann ja nachvollziehen, dass Frauen aus Sexualität Macht gewinnen wollen, das machen Männer ja auf ihre Weise auch, aber es ist ein zeitlich begrenztes Machtinstrument.
Hätten Wir sind Helden den gleichen Erfolg, wenn die schöne Sängerin mit dem blonden Haar nicht an der Bühnenkante stehen würde, sondern hinterm Schlagzeug sitzt?
Lieb von Ihnen, danke. Lustiger Punkt, dazu fällt mir ein Beispiel ein, in dem ich von Sexismus betroffen bin. Wenn ich unter befreundeten Musikern bin, also in einem weniger oberflächlichen Kontext, unter Kollegen, merke ich immer mal wieder, dass die sich die Erfolgsdifferenz schönsaufen über die Tatsache, dass ich eine Frau bin. Nur so halten das einige Männer aus.
Das könnte ja auch einfach eine Tatsachenbehauptung sein, angesichts von Bands wie Juli und Silbermond, die einen Teil ihres Erfolgs aus der Attraktivität der Musiker, vor allem am Mikro generieren.
Gegenbeispiel: Es gibt auch sehr erfolgreiche Männerbands, die ihren Erfolg aus Oberfläche beziehen. Kapitalistischer Pop funktioniert ganz allgemein mit attraktiven Merkmalen besser. Es gibt zwar Ausnahmen wie Beth Ditto, aber so ein dickes Feigenblatt hat sich der Pop schon immer gehalten. Das ist ein Ablenkungsmanöver, so toll wie ich Beth finde. Ein Problem hat der Pop mit Frauen, die ganz normal aussehen. Das Selbe gilt für die Modeindustrie.
Sind Sie normal?
In gewisser Weise, aber man betrachtet mich nicht so. Als mein Sohn vier Wochen alt war, war ich mal auf der Aftershowparty vom Echo, also zu einem Zeitpunkt, wo Heidi Klum sich längst wieder Unterwäsche präsentiert. Ich dagegen habe so ein Sackkleid getragen, in dem man schlicht gar nichts von mir gesehen hat – auch nicht die 15 Kilo Mehrgewicht. Da fragte mich ein Journalist allen Ernstes, wie ich es geschafft hätte, schon wieder so schlank zu sein. Ich hab gesagt: komm mit auf´s Klo, ich zeig dir meinen Kängurubauch – und dass er genau von dem bitte schreiben soll. Ich möchte auf keinen Fall an diesem Mythos beteiligt sein, Frauen müssten nach der Geburt aussehen, als hätte ihr Kind im Blumentopf gekeimt oder es wäre ihnen aus der Nase gezogen worden.
Und, hat er´s verwendet?
Nein! Ich hab’s gegoogelt. Und das zeigt, wie groß der Wille zum Klischee ist, zum unmenschlichen Ideal. Ich definiere mich mehrheitlich über das, was ich tue, nicht über das, was ich darstelle; aber zu erleben, wie schlecht ich mich dann doch fühle, wenn ich zwischendurch aussehe, als hätte ich zwei Kinder gekriegt, das hat mich wirklich erschreckt. Kein Wunder dass es inzwischen so was wie postnatale Anorexie gibt.
Hand aufs Herz: Warum hat Arte Sie zur Moderatorin vom Summer of Girls gemacht. Wegen Ihrer Kompetenz oder doch eher wegen der Optik?
Ich hoffe, weil sie fanden, dass ich für ein etwas interessanteres Frauenbild stehe als viele, die sonst so moderieren. Ich finde, Arte ist ein ganz toller Sender, und habe mich deshalb umso mehr gefragt, ob die eigentlich wussten, wen die sich da eingeladen haben, oder ob da nur jemand dachte: die ist doch so jung und… peppig.
Immerhin sind Sie schon das zweite Mal dabei nach „Durch die Nacht mit…“
…dem Comiczeichner Louis Trondheim.
Mit dem Sie perfekt Französisch parliert haben. Ist Arte Ihre kleine neue Liebe?
Eine alte. Mein Mann und ich haben uns nach langer Zeit wieder einen Fernseher gekauft, um Arte sehen zu können. Die Themenabende hab ich schon als Teenager gesehen und Hintergründe der Musik erfährt man längst nur noch dort. Etwa, wer hinter den unbekannten Frauen berühmter Songs steht – wer ist eigentlich Angie? Suzanne? Großartig.
Entwickelt sich da auch eine neue Liebe zum Fernsehen?
Nein. Es hat mich eher darin bestätigt, kein Fernsehen machen zu wollen. Wenn ich etwas anderes machen wollen würde, als diesen schwerfälligen Musikzirkus, in dem jeder Schritt immens viel Anschubenergie braucht, werde ich mir gewiss nicht das Fernsehen aussuchen, das noch viel schwerfälliger ist, wo noch mehr Oberfläche regiert. Da wird schon eine neue Klappe nötig, wenn bloß ein Haar absteht. So toll ich gutes Fernsehen finde – für mich taugt höchstens ein Internetformat ohne viel Aufwand, eher was Anarchisches, Rohes also.
Zur Vermittlung von Standpunkten, Meinungen, Botschaften taugt das Fernsehen mit seiner Riesenreichweite dagegen besser.
Man kann sich das Fernsehen durchaus zunutze machen, aber da reicht es mir, ab und zu in interessante Talkshows eingeladen zu werden. Ich sehe einfach gerne gute Gesprächsrunden, 3 nach 9, oder Zimmer frei, was man ja leider nur einmal machen darf – wie viele schöne Sachen. Wenn man irgendwann mit allen guten Sendungen durch ist, bleiben irgendwann nur noch bescheuerte Mainstreamformate übrig.
Apropos Mainstreamformate: Werden Sie sich je in der Bild äußern oder ist diese Tür auf ewig geschlossen?
Ehrenwort! Das Medium ist die Botschaft und in bestimmten Kontexten kann man auch denn sinnvollsten Inhalt nie sinnvoll kommunizieren. Dann sag ich lieber gar nix und singe bloß.
Posted: February 11, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Wann immer in Film, Funk und Fernsehen geheiratet wird, kauft die Braut das Kleid vorab mit strahlender Mutter und quiekender Freundin. Merkwürdig
Unsere Gesellschaft, heißt es, vereinsamt in permanenter Kommunikation. Die multimediale Gegenwart hat das Lagerfeuer familiärer Fernsehrunden durch global vernetzte Flatscreens auf den Knien einzelner ersetzt und die Großkollektive früherer Epochen durch freiwillige Ein-Kind-Politik. In dieser Atmosphäre spielen auch uralte Gemeinschafsriten wie das Heiraten kaum noch eine Rolle. Da geht es, wenn überhaupt, im kleinsten Kreis zum Standesamt, hinterher schick essen gehen. Fertig. Nicht fertig, meint dagegen die heiratsaffine Abendunterhaltung der Marke Rosamunde Pilcher bis Julia Roberts und dringt unverdrossen auf klassische Verpaarungsformen. Und ein gerne wiederkehrendes Symbol dieser Sakramentsinitiative ist schneeweiß und wird gemeinsam gekauft: Das Brautkleid.
Denn wann immer Film- und Fernsehen Hochzeiten anberaumen, geht die Braut vorab mit ihren zwei besten Freundinnen – eine davon ist natürlich Mama – zum Brautkleidkauf in einen Brautkleidgeschäft mit Brautkleidkreischatmosphäre zum Piccolo, und grundsätzlich muss entweder schon dort oder später beim Anziehen der Bräutigam reinschauen und fröhlich von den besten Freundinnen des Raumes verwiesen werden, weil Bräutigame das Brautkleid ja nicht vor … Dieser Ablauf ist in seiner betulichen Gestrigkeit ähnlich zeitgemäß wie das Entjungferungsrecht des Gutsherren, zieht sich aber so sehr durch Romanzen mit derartigem Happyend, dass nur ein Schluss möglich ist: Der Spielfilm spielt Kuppelmutter, mit dem „schönsten Tag im Leben einer Frau“ als Hauptrolle einer fiktionale Pflichtübung emotionaler Sender von ARD bis Sat1. So wird das Fernsehen zur Heiratsmesse, nicht selten in der werbefreien Zeit.
Posted: February 10, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
3. – 9. Februar
Die vorige Woche war fraglos eine der richtig tollen Nachrichten. Rupert Murdochs deutscher Ableger des Bezahlkanals Sky zum Beispiel vermeldete für 2013 erstmals in seiner Geschichte – wenngleich er sich nach Steuern in 132 Millionen Euro Minus verwandelt – einen operativen Gewinn. Dann gab RTL auch noch bollestolz bekannt, all seine Daily Soaps fortzusetzen, womit Unter uns im November die 5000. Folge feiern darf und die Genremutter GZSZ im August zuvor gar schnapsrunde 5555. Zu guter Letzt bejubelte der private Rentnersender Sat1 am Montag voriger Woche satte 41 Prozent Zuschauer der jungen Zielgruppe, was zwar noch imposanter klänge, wäre das Superbowlfinale nicht weit vorm Morgengrauen gelaufen, aber gut. Ach ja – und dann haben ja die Olympischen Spiele begonnen.
Das Mega-Event, die Super-Sause, der Vater aller PR-Partys. Und um das rentabelste Fernsehwintersportereignis noch auszudehnen, wurden schon vor der Entzündung des Feuers am Freitag erste Medaillen vergeben. Gold im Strippenziehen gewann Gafur Rakhimov, usbekisches IOC-Mitglied, das wegen Verstrickungen ins internationale Verbrechen Einreiseverbot in diversen Ländern hat, die Spiele aber dennoch nach Sotschi lotsen konnte. Arkady Rotenburg, langjähriger Judojugendfreund Wladimir Putins, gewann dank Aufträgen über 7,36 Milliarden Dollar im Dreikampf Schmieren, Bauen, Dumm-und-dämlich-Verdienen. Sieger im politischen Profitieren wurde wie erwartet Russlands Präsident, der die Übertragung aus Sotschi um einige Momente zeitversetzt, um unliebsame Bilder filtern zu können.
Allerdings teilt der Favorit seinen Sieg mit dem Terrorfürsten Doku Umarow, dem Putins korrupter IOC-Mob die bestmögliche Kampfbahn vor die nordkaukasische Haustür baute. Trotz großer Konkurrenz in der Disziplin Schönfärberei oben auf dem Podest: Wolf-Dieter Poschmann. Der stockkonservative Weltkriegsveteran des deutsche Sportfernsehens schaffte es, Wladimir Wladimirowitschs erstaunlich pathosfreier Eröffnungsfeier im ZDF über Stunden im Brustton des Jubels zu attestieren, sie würde nicht nur die besten Spiele aller Zeiten einleiten, wie IOC-Verweser Thomas Bach bereits bei seiner Rede wusste, sondern auch die problemlosesten. Dass dies nicht der Fall sein wird, haben auch seine ARD-Kollegen am ersten Olympia-Wochenende zwar immer mal wieder eingestreut. Poschmann erhält die begehrte Medaille aber dennoch stellvertretend fürs gesamte deutschen Sportfernsehen, vor allem Eurosport, die die zweite Silbe ihres Namens nun wirklich völlig unpolitisch definieren.
Nur Blech dagegen gab es im Demonstrationswettbewerb Demokratie für den Umweltaktivisten Jewgenij Witischenko, dessen Bewährungsstrafe wegen Protests gegen den Bau einer Gouverneursvilla in Sotschis Naturschutzgebiet kurz vor Spielebeginn in eine Haftstrafe verwandelt wurde, weil er an einer Bushaltestelle Schimpfworte benutzt habe. So unflätige Begriffe wie „Menschenrecht“ oder „Demokratie“ könnten empfindsame Gemüter beeinträchtigen. Frauen zum Beispiel, solange sie nicht einfach auf den weiblichen DMAX-Ableger TLC umschalten dürfen, der seine Zuschauerinnen erst ab April mit Formaten von Fashionistas – Shoppen mit Stil über Cake Boss – Buddys Tortenwelt bis Mein Traum in Weiß von politischen Flausen abhält. Fernsehen kann so simpel sein.
Frischwoche
10. – 16. Februar
Es könnte auch neu sein, stünde derzeit nicht alles so derart im Schatten des Sports. Winterlichem tagtäglich von früh um 6 bis abends nach acht auf zwei bis drei Programmen. Sommerlichem Dienstag und Mittwoch beim DFB-Pokal im Ersten. Das heißt für diese Woche: Bis auf Natalia Wörner als gewohnt uncoole, aber unterhaltsame Ermittlerin Unter anderen Umständen, heute im ZDF, gibt es kaum frische Fiktion. Kein ARD-Mittwochsfilm etwa. Und auch keine kritischen Sachfilme mehr zum Aberwitz von Sotschi. Weshalb das Erste lieber lauschige Naturprosa wie Der Große Kaukasus zeigt.
Süß.
Aber immerhin nicht gebraucht. Wobei ja auch das unterhalten kann. Christian Petzolds famoses Drama Yella zum Beispiel mit Devid Striesow und Nina Hoss, heute um 21.45 Uhr bei Arte. Oder Samstag im Disney Channel die Zeichentrick-Perle Robin Hood von 1973. Allen Ernstes sehenswert ist morgen auf Sat1 auch die leicht abgehangene Komödie All You Need Is Love, die trotz des dämlichen Untertitels Meine Schwiegertochter ist ein Mann zum Besten gehört, was der Mainstream hierzulande je zum Thema Homosexualität zustande gebracht hat.
Neu, aber aus dem Kino ist Samstag auf Servus TV dagegen das schwarzweiße Porträt prekärer New Yorkerinnen Frances Ha mit der fantastischen Greta Gerwig. Neu, aber in Serie ist der französisch-deutsche Dreiteiler Carlos über den Topterroristen der 70er (Donnerstag auf Arte). Neu aber irgendwie steinalt ist der Ludwigsburger Tatort am Sonntag. Neu, aber eher was für extrem Kultivierte: Die Verleihung der Berlinale-Bären am Samstag ab sieben auf 3sat. Neu, aber fast noch abseitiger: die preisgekrönte deutsche Doku Preis des Goldes über einen mongolischen Goldrausch, Dienstag kurz vor elf auf Bayern 3. Neu, aber wohl etwas arg politisch für den Massengeschmack: Die Reportage RLF über ein Berliner Projekt, das mit Kunstobjekten eine Revolutionsbewegung finanziert. Neu, aber selbst für hartgesottene Fans bestenfalls Ersatzdroge: Welcome Home, die Rückkehr der Dschungelcampinsassen. Kein Wunder, dass der Tipp der Woche doch wieder was Altes empfiehlt: Der deutsche Urhorrorfilm schlechthin Das Cabinet des Dr. Caligari von 1929, Mittwoch um elf auf Arte, im Anschluss an eine Dokumentation zum Thema.
Posted: February 8, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Haben sie sabotiert?
Beate Klarsfeld wurde als Nazijägerin bekannt – und mit einer Ohrfeige für Kanzler Kiesinger berühmt. Zu ihrem 75. Geburtstag dokumentieren die freitagsmedien eine Begegnung mit der streitbaren Frau im KZ-Neuengamme, dass sie vor acht Jahren besucht hat.
von Jan Freitag
Die zierliche Frau mit den fröhlichen Augen hat genau zwei Einstellungen: einen Fragemodus und einen Erzählmodus. Der Fragemodus ist aktiv, wenn ihr wichtige Details eines Sachverhalts fehlen. Meistens ist Beate Klarsfeld im Erzählmodus. Es sei denn, die Französin deutscher Herkunft befindet sich in einem KZ. Das macht sie demütig, fast schweigsam, das staucht sie etwas zusammen und nimmt ihr ein wenig jener Redseligkeit, mit der sie die Menschen sonst in ihren Bann zieht. Seit 1968 hat die Frau, die Naziverbrecher aufspürte und einen Kanzler ohrfeigte, unzählige Konzentrationslager besucht, fast alle sogar. Doch in Neuengamme war sie noch nie. Das wirft Fragen auf.
Wie wurde das Gas eingeleitet?
Wenn jemand wie die Gattin des berühmten Nazijägers Serge Klarsfeld die Gedenkstätte am Südostrand Hamburgs besucht, muss das Führungspersonal auf knifflige Fragen gefasst sein. Neuengamme war kein Vernichtungslager wie Auschwitz, das weiß auch Beate Klarsfeld. Hier wurde mit Arbeit getötet, doch als sie erfährt, dass über 400 Häftlinge an zwei Tagen in einer winzigen Baracke durch Zyklon B starben, hakt sie nach.
Warum wurden sie vergast?
Waren es Juden?
Wie viele Juden gab es hier?
“Etwa 13 Prozent”, antwortet der Museumsexperte kundig.
Und der Rest? Oppositionelle?
Nein, auch Homosexuelle, Kriegsgefangene, rassisch, religiös, weltanschaulich Verfolgte, Fremde oder fremd Gemachte. Dass ihnen allen hier angemessen gedacht wird, wäre ohne Beate Klarsfeld vielleicht nicht möglich. Nicht in dieser Form, nicht als Erkenntnis-, vor allem aber Bekenntnis-Ort. Im Jahr 1979 hat sie eine Petition unterschrieben, die vom Senat die Rückführung des Lagers, das rund 55.000 Menschen den Tod brachte, in ein Lager zu deren Erinnerung verlangte. Ein berühmter Name bringt Publicity. Ohne Sie, sagt der Museumsführer fast ehrfürchtig, wäre das hier noch ein normales Gefängnis. Beate Klarsfeld winkt lächelnd ab. Bestreiten tut sie es nicht.
Was für Häftlinge saßen hier?
Es waren vor allem Jugendliche. Im Vorjahr allerdings zogen die letzten Häftlinge der JVA nach zähem politischen Ringen doch aus. Seither bilden das Gelände, die Ziegelei, die Baracken, die Betriebs-, Unterkunfts- und Verwaltungsgebäude annähernd eine Einheit. Ein echtes Mahnmal, dessen Außenlager vom Darß über die Nordseeküste bis in den Harz eine Fläche der Größe Israels bedecken. Was da noch stört, ist der waschbetonfarbene Neubau auf den Halden des früheren Tonabbaus für die Ziegelproduktion.
Das muss unbedingt weg, sagt Beate Klarsfeld am Fuße der langen Rampe des Ziegelwerks und blickt herüber zum stacheldrahtbewehrten Knast der Gegenwart. Sonst kommt ein neuer Schill und steckt da wieder Gefangene rein. Es gibt auch hier nicht nur Fragen, auch Forderungen.
Beate Klarsfelds Leben bestand stets aus Forderungen. Kiesinger, Nazi, abtreten! Forderte sie lautstark bei jeder Gelegenheit und als der Appell außer Problemen nichts brachte, schlug sie dem NSDAP-Mitglied im Kanzlerrang auf einem CDU-Parteitag ins Gesicht. Plötzlich war sie berühmt, berühmter gar als ihr Ehemann, ein Jude, dessen Vater in Auschwitz umkam. Seit ihrer Heirat fordern sie gemeinsam Gerechtigkeit für die Opfer durch Strafverfolgung der Täter. Beides war im Deutschland bis dahin tabuisiert, verschwiegen, verdrängt, verleugnet.
Gemeinsam verfassten sie Bücher, halfen Hinterbliebenen, gründeten Organisationen, spürten untergetauchte Spitzen-Nazis auf. Klaus Barbie etwa, den Schlächter von Lyon, den Pariser Gestapo-Chef Kurt Lischka oder Alois Brunner, Mitorganisator der Endlösung. Viele derer, die sie fanden, standen in einem Netz alter Seilschaften und neuer Kameraden. Das Gedenken in Deutschland, sagt sie, sei ein Opfergedenken. Die Täter brauchte man ja noch, also ließ man die Vergangenheit ruhen oder deutete sie um.
Gibt es auch Revisionisten, die die Echtheit der Dokumente bezweifeln?
Auch in der Neuengammer Gedenkstätte scheint Beate Klarsfeld permanent auf Tätersuche zu sein. Die Dokumente sind Totenbücher, ausgestellt in schwarz verhängten Glaskästen. Akribische Auflistungen der Todesursachen im Lager zwischen 1938 und 1945, die aus Angst vor Verfall unlängst durch Faksimiles ersetzt wurden. Seither wird ihre Echtheit durchaus bezweifelt, aber durch Revisionisten? Nein, nein, der Führer wirkt erleichtert: durch Kinder. Die nämlich lassen sich durch Kopien nur schwer fesseln. Ein Stockwerk höher stehen Namen, gut 24.000, ein Teil der Toten von Neuengamme, auf großen Leinwandbahnen, nur Namen, mehr nicht.
Warum diese Häufung an einem Tag im Juni 1944? Will Beate Klarsfeld wissen, als sie wieder herunterkommt. Deportationen in Vernichtungslager, lautet die simple Antwort. Sie würden als Opfer von Neuengamme geführt. Im Computer soll Frau Klarsfeld den Namen Klarfeld eingeben. Er findet jemanden, Leon mit Vornamen. Ein Verwandter sei das wohl nicht, obwohl sie Angehörige in Amerika habe, “die sich das S gestrichen haben”.
Sie selbst kam 1939 in Berlin als Beate Auguste Künzel zur Welt. “Damals war sie noch nicht unbedingt wie heute”, erinnert sich Margit Mücke. Nicht so mutig, nicht so unberechenbar, weniger “aus dem Stand heraus”, urteilt sie über ihre alte Schulfreundin, die sie nach Hamburg begleitet hat. Das sei sie erst “durch die Bekanntschaft mit Serge geworden”. Eine Frau, die auch im Rentenalter nie zurücksteckt und immer ein Ziel verfolgt. Meistens geht es dabei um verfolgte Juden.
Und konnten welche fliehen?
Am Modell des Lagers erfährt Beate Klarsfeld, dass viele Insassen von den benachbarten Bauern als Erntehelfer angefordert wurden.
Und haben sie sabotiert?
Bis zu einem Drittel der Waffenproduktion für die Firma Walter am Rand des KZs.
Wem gehörte die Ziegelfabrik?
Der Stadt.
Haben Überlebende dafür gesorgt, dass aus dem Gefängnis eine Gedenkstätte wird?
Es war der Senat, der ein uraltes Versprechen einzulösen hatten. Andernfalls wäre womöglich Beate Klarsfeld auf den Plan getreten.
So wie für ihre Ausstellung “11.000 Kinder”? Die Sammlung von Fotos auf der Schiene aus Frankreich über Deutschland deportierter jüdischer Kinder wurde auf 18 großen französischen Bahnhöfen gezeigt. Die Deutsche Bahn verweigert Klarsfelds Organisation “Fils et Filles des Deportés Juifs de France” ihre Stationen als Ort der Ausstellung und will sie ins Nürnberger Eisenbahnmuseum verbannen.
Um dagegen zu protestieren, wurde Beate Klarsfeld als Gastrednerin der Veranstaltungsreihe “Nur die Sterne waren wie gestern” eingeladen. Umringt von Fotos und Erinnerungen des Auschwitz-Häftlings Henryk Mandelbaum in der Hamburger Finanzbehörde am Gänsemarkt, forderte sie am Abend vor dem KZ-Besuch Hartmut Mehdorn auf, seine Bahnhöfe für die Stellwände freizugeben.
Ich weiß auch nicht, was er dagegen hat. Sie etwa?
Sicherheitsgründe, Kostengründe, Pietätsgründe. Nein, sagt Beate Klarsfeld, er hat Angst vor den Reaktionen. Ein Gefühl, das sie selbst kaum kennt. In Neuengamme berichtet sie von Holzbaracken eines französischen Lagers, die man auf einem Bauernhof gefunden und ins “Musée de la Shoah” nach Paris gebracht habe.
Wer hätte gedacht, dass sich Holz so lange hält?
Auch wenn es klingt wie eine Frage – Beate Klarsfeld ist wieder im Erzählmodus.
Posted: February 7, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Die Nerven
Es ist ja schon erstaunlich, dass sich in diesen hektischen Zeiten zwischen Turboabitur, Batchelorstudium und Generation Praktikum noch immer junge Menschen anderen Dingen verschreiben als Karriereplanung, Karriereverzögerung oder Karriereverweigerung. Dass es also Bands gibt wie 206 oder Kreisky, Turbostaat und Ja, Panik, die sich allen Verwertungsregeln des Musikgeschäfts verweigern und dabei das eigene Genrenest nach Kräften beschmutzen. Die zu verstörender Punk- bis Poprhythmik den Untergang besingen und dabei eine Energie an den Tag legen, als sei er doch noch abzuwenden. Die dem Mainstream unablässig ans Bein pinkeln und dafür dennoch manchmal so etwas wie Erfolg ernten. Die gehörig nerven, damit irgendwie durchkommen, und zwar trotz und gerade weil sie sogar so heißen.
Denn das schwäbische Noise-Trio Die Nerven, sagt ihr Bassist und Sänger Julian Knoth, wollten zu Beginn ihrer Karriere vor vier Jahren genau das: Nerven. Sie haben an einem Band-Contest teilgenommen, nur um dort am lautesten zu sein; sie haben ein Kleinstadtfest leergespielt, als sie mit dem Umzug nach Stuttgart grad den Schritt in die Großstadt geschafft hatten; sie haben mit Fluidum ein hoch gelobtes Debütalbum gemacht und darauf nun kein zweites folgen lassen, das irgendwelche Geschmäcker bedient, sondern eines, das selbst abgebrühten Nihilisten aufs Gemüt schlägt. FUN ist Postpunk der allerbesten Sorte, virtuos gespielt, wütend gesungen, mit realitätsbewussten Texten wie “Alles, was wir hier machen / ist mit Sicherheit egal” (Und ja), die trotzdem etwas bewegen. Im Kopf, im Herzen, vielleicht ja sogar in der Gesellschaft. Bands wie Die Nerven haben das Zeug dazu und Platten wie FUN liefern den passenden Soundtrack. Grandioses Album!
Die Nerven – FUN (This Charming Man)
Griefjoy
Bands, die stark von Schlagzeugern geprägt sind, schlagen meist ruppigere Töne an. Erst Tim Alexander machte den Hardcore von Primus ja jazzig und somit außergewöhnlich. Nur dank Kyle Stevenson wurde Helmet mehr als eine Alternativecombo unter vielen. Weil John Bonham so lässig am Takt vorbeitrommelte, verseifte Led Zeppelin doch nicht im Glamrock. Und man stelle sich nur mal Slayer ohne Dave Lombardos Doublebass vor. Schlagzeuger sind halt oft harte Jungs, weshalb sie sanfterem Pop nur selten ihren Stempel aufdrücken. Romain Chazaut ist ungefähr so hart wie Marmelade und seine Band Griefjoy wie die Butter darunter. Dennoch drückt der Drummer mit dem Dackelblick seinem blutjungen Indiepopquartett Griefjoy mehr als nur irgendwas auf; vor allem nämlich bewahrt er die schnuckeligen Franzosen davor, eine hübsch anzuschauende Phoenix-Kopie mit oberflächlich verwendetem Dictionnaire-Englisch zu sein.
Und mehr noch: Seine pointiert-kreativen, mal rastlosen, mal unterschwelligen Beats treiben dem melodramatischen Eklektizismus der vier Jugendfreunde so dynamisch den Trübsinn in Moll aus den zehn Liedern ihres Debütalbums, dass daraus nicht bloß die nächste Eloge eines weiteren Kollektivs larmoyanter Fusselbarthipster wird. Sondern ein ganz großer Wurf des jungen Popjahrs. Stücke wie das getragene Eröffnungsstück Taste Me, in dem sich Romain Chazaut zugunsten von Guillaume Ferrans gläserner Stimme noch einigermaßen zurückhält, sind daher ebenso untypisch für das Album wie das anschließende Feel, in dem David Spinellis flächiges Keyboard den Ton angibt.
Brillanz erlangen Griefjoy auf ihrer gleichnamigen Platte erst zur Mitte hin, wenn übers technoide People Screwed up ein technoider Trommelfuror hetzt, der Ferrans Liebeskummergesang passgenaue Intermezzi lässt, bis Bass und Felle wieder vibrieren. Wenn Chazaut die hoffnungsschimmernd melodische Videovorlage Touch Ground immer wieder mit fast industriellem Stakkato unterlegt. Wenn er in Blind Visitors die Kesselränder zum vielstimmigen Extra-Instrument veredelt. Wenn Crimson Rose durch präzise wechselnde Taktfolgen beinahe sinfonischen Charakter erhält, was im nach folgenden Kids turn around so weitergeht.
So steigern sich Griefjoy Stück für Stück für Stück in Richtung einer Klangdichte, die an vieles erinnert, was hinlänglich bekannt ist, allerdings eine Eigenständigkeit entfaltet, der man sich kaum entziehen kann. Einer, der am Ende eben auch Chazauts Bandkollegen ihre Stempel aufdrücken: mit frickeligen Samples, unerwarteten Hintergrundgesängen und so mancher irren Wendung in Chanson, Ethno, Wave und Elektro. Das klingt zuweilen, als würden A-Ha plötzlich Stonerrock spielen, als trieben die Yeasayer Coldplay den leidigen Stadiongestus aus. Es klingt also unerhört vertraut und gleichsam überraschend gut. Dass die vier Franzosen dabei auch noch zum Knuddeln aussehen, kann man ihnen ja nicht zum Vorwurf machen.
Griefjoy – Griefjoy (Sony); mehr Sound’n’Pics’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/01/22/griefjoy_17417
Posted: February 6, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Schleichwerbestallgeruch
Augenscheinlich hätte das arglose Publikum meinen können, die Verleihung der künstlerisch irrelevanten Goldenen Kamera am Samstag war eine Gala für einen relevanten Fernsehpreis. Tiefgründiger betrachtet, hat das ZDF in der werbefreien Primetime feinste Schleichwerbung für den Springer-Konzern geliefert – und damit ein gutes Beispiel fürs weite Feld der Cross-Promotion.
Von Jan Freitag
Die Welt von morgen wird weiblicher: Als Schülerinnen hängen Frauen künftige Kerle um Längen ab, als Lehrlinge holen sie beruflich auf, als Studentinnen bilden sie die akademische Elite, als Angestellte streben sie nach Höherem, in Leitfunktion gelten sie als sachkundig und effizient, menschlich sind sie ohnehin empathischer, produktiver, belastbarer, ergo: obenauf. Auch wenn sich die Herren der Schöpfung also mit jedem Y-Chromosom dagegen stemmen: Frauen kommen langsam, aber gewaltig. Da ist es doch super, wenn die ARD Deutschlands starke Frauen feiert.
Könnte man meinen.
Doch dann wirft man einen Blick ins Kleingedruckte dieser Show der großen Emotionen, deren ARD-Moderator Kai Pflaume vorigen März zur zweitbesten Sendezeit um 22 Uhr knapp zwei Stunden lang Tränen anerkennender Rührung aus dem Gemüt gepresst hat. Wir stießen dabei nämlich nicht nur auf Frauen, deren Stärke durchweg aus ehrenamtlichem Engagement für Kinder, also eher klassischer Kernkompetenz erwächst; sie erhalten dafür einen Preis namens „GOLDENE BILD der FRAU“, der seit sieben Jahren vom vulgärkonservativen Springerblatt fürs Weib seinerzeit erstmals im Ersten verliehen wurde. Womit wir beim Punkt wären.
Denn so edel das Ziel klingen mag, so rührselig Kai Pflaume unterm Geigenteppich säuselte – das Prinzip hinter dieser Trophäe heißt Cross Promotion und ist mindestens dubios. Denn immer im Blick: Der Zeitschriftentitel, die Chefredakteurin, das ganze Produkt. Und so war es vorigen Samstag aufs Neue: In Berlin wurde die Goldene Kamera verliehen, künstlerisch ein gänzlich irrelevanter Fernsehpreis, was sich schon an Jury-Mitgliedern wie Martina Hill oder Til Schweiger ablesen lässt. Dennoch war sich das ZDF abermals nicht zu blöd, die berechenbar kommerzielle Gala zweieinhalb Stunden zur besten Sendezeit ins werbefreie Programm des Samstagabends zu heben – Insignien und Spitzenpersonal der veranstaltenden Springer-Presse natürlich stets mit. Solche Überkreuz-Reklame zwischen gesendeten und gedruckten Medien wirkt wie die zwischen Parteien und Pressehäusern oder Autoren und Kritikern. Es fördert hier die Einschaltquoten, da die Absatzzahlen, mal die Wahlchancen, mal die Interviewzusagen und grundsätzlich allseits Bekanntheit. Gegenseitige PR ist ein Strukturprinzip vernetzter Medien, und wer es nicht nutzt, ist definitiv kein Teil der Springer AG.
Denn Axel Caesars Kampfblätter haben die win-win-Situation kooperierender Formate förmlich perfektioniert. Katja Kessler schreibt Romane? Ihr Exarbeitgeber Bild feiert jeden davon ausgiebig und die Sat1-Adaption Herztöne erst recht. Kai Diekmanns Gattin schreibt Bohlens Biografie? Sein Blatt feiert Kesslers Buch mit Auszügen plus Anzeigenoffensive auf Seite 1. Der Topjuror deutschen TV-Castings macht eine Show? Bild-Reporter blicken vor, hinter, durch die Kulissen! Das einstige Kohl-Organ jubelt einen Sozi zum Kanzler? Gerhard Schröder re(a)giert öffentlichkeitswirksam mit „Bild, BamS und Glotze“! Niedersächsische Lokalfürsten wollen Bundespolitiker werden oder betrügerische Freiherren Volkstribunen? Springers „Rote Gruppe“ kriegt dafür Homestory um Homestory, auf die man bei Stefan Raab vergebens wartet, da der nichts Privates raushaut. Egal – schweigt das Blatt halt zum Starmoderator. Da ist man konsequent…
Dabei spannt sich das Prinzip einander waschender Hände längst durch alle Netze. Die TV Productions GmbH des Nachrichtenmagazins Focus etwa lanciert von den PS Profis auf Sport 1 bis Focus TV (Pro7/Sat1) gleich sieben Fernsehformate. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bewirbt seinen Gesprächsband mit dem gefallenen Guttenberg episch im eigenen Blatt. Der Sportschau-Vorspann erinnert verteufelt ans Design des Bundesliga-Zugpferds Bayern München, der sich zusätzlich noch bei der Übertragung des sportlich belanglosen Marketingevents Franz-Beckenbauer-Cup präsentieren darf. Talkshowmoderatoren lancieren die Sujets der anschließenden Tagesthemen und RTL das Programm seiner Tochterkanäle. Der ESC genannte Grand Prix verbrüdert Sender wie Pro7 und ARD, das sich mal vom dämlichen Promimagazin Bunte TV vereinnahmen ließ, deren Verlag an gleicher Stelle Jahr für Jahr seinen „Bambi“ verleihen darf.
Das war Ende November. Doch ein „P“ war nirgends zu sehen, als das Erste zur besten Sendezeit live von der Verleihung des journalistisch völlig unbedeutenden Burda-Trophäe berichtete. Und auch im ZDF leuchtete abermals kein Kürzel im Bildschirmeck, um die Übertragung der Goldenen Kamera als das zu kennzeichnen, was es war: Eine Dauerwerbesendung für Springers Hörzu, moderiert von Michelle Hunziker und wie üblich Hape Kerkeling, der voriges Jahr kurz vor der Übertragung auch noch von jeder Litfasssäule für die TV-Zeitschrift grüßte. Beide Shows unterliefen also nicht bloß das Sponsoringverbot, mit dem seit Januar die Präsentation öffentlich-rechtlicher Sendungen durch Markenartikel untersagt wird; sie stinken nach Schleichwerbung.
Denn mit Inkrafttreten des 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrags vor fast drei Jahren ist jeder Kanal verpflichtet, Product Placement per „P“ anzukündigen, sofern Produkte für einen Gegenwert – bei ARD/ZDF kostenlose Requisiten, bei den Privaten auch bares Geld – platziert werden. Nur: den Nachweis führen die Sender, und wo kein Kläger, da kein Richter – der jedoch auch dann untätig bleiben dürfte, wenn sich das Erste bei der nächsten Werbesause für irgendein redundantes Springer-Blatt wie die demnächst in Essen produzierte Bild der Frau anzeigt. Aber vielleicht liegt sie dafür ja im ARD-Morgenmagazin auf dem Tisch. Cross-PR zum Frühstück.
Posted: February 5, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Das Äußere ist mir kabarettistisch egal
Nach dem Rückzug von Priol und Pelzig streicht Die Anstalt zwar Neues aus der… davor, macht aber dennoch eine Verjüngungskur durch: die zwei Kabarettisten Claus von Wagner und Max Uthoff sind allerdings nicht nur weniger alt als ihre Vorgänger, sondern viel hintergründiger – zumindest optisch. Das fand zum gestrigen Debüt gleich mal stolze drei Millionen Zuschauer und macht Lust auf mehr. Ein Vorabgespräch mit beiden über Anzüge, Vorbilder und die Grundlagen des Fernsehhumors.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr von Wagner, als Sie 2003 – verzeihen Sie die Wikipedia-Recherche…
Claus von Wagner: Ach was, mehr Recherchen brauchen wir auch nicht.
Als Sie also 2003 Ihre Magisterarbeit zum Thema „politisches Kabarett im deutschen Fernsehen“ abgegeben haben, ist Dieter Hildebrandt beim Scheibenwischer ausgestiegen. Gibt es da irgendeinen Zusammenhang?
Wagner: Ich erinnere mich an die Überschneidung. Aber letztlich war die Magisterarbeit nur der Versuch, im Rahmen eines eher nutzlosen Kommunikationsstudiums wenigstens mal lange Experteninterviews mit meinen großen Vorbildern Gerhard Polt, Georg Schramm, Volker Pispers und natürlich Hildebrandt zu führen. Dass der zugleich aufgehört hat, war aber reiner Zufall.
In welchem Zustand hat er Ihnen das Kabarett hinterlassen?
Wagner: Sendungen kamen, Sendungen gingen, der Scheibenwischer aber war immer da und plötzlich war er es nicht mehr, nicht wie zuvor. Das hat definitiv was verändert. Auf 3sat war Richard Rogler grad abgesetzt, es gab keine heute-Show, das ZDF war völlig blank; da wurde schon das Ende des Kabaretts im Fernsehen ausgerufen.
Max Uthoff: Aber es war ja auch zuvor schon öfter mal totgesagt worden. Da wurde nur ein weiterer Leichensack geöffnet.
Hat sich seither zum Besseren entwickelt?
Wagner: Als Historiker weiß ich, dass es Kabarett seit 100 Jahren gibt, und als Kabarettist, dass es mein ganzes Leben durchzieht. Ich stehe seit 1997 auf der Bühne, anfangs vor wenigen Zuschauer, später vor mehr; aus meiner Sicht hat Kabarett schon immer sein Publikum gefunden, was sich auch aufs Fernsehen übertragen hat, wo es mal mehr, mal weniger gute Sendungen gab, aber immer ein Angebot.
Uthoff: Dennoch muss man es als Glücksfall betrachten, dass mit Thomas Bellut damals einer ZDF-Programmchef war, der das Kabarett wieder für den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag entdeckt und Neues aus der Anstalt in den Sender gehievt hat. Seitdem geht es dem ZDF satirisch am Besten. Manchmal muss nur einer kommen und etwas Pionierarbeit leisten.
Wagner: Das sieht man auch an der heute-Show oder Pelzig hält sich.
Dessen Darsteller Frank Markus Barwasser Sie nun neben Urban Priol ablösen. Ist das ein Generationen- oder bloß ein Personalwechsel?
Wagner: Ach so viel älter sind die beiden auch nicht als ich mit meinen 36 und Max mit 46 Jahren; die Qualität des Wechsels am Alter festzumachen – ich weiß nicht.
Uthoff: Was unser Alter mit sich bringt, ist vielleicht, dass unsere Bühnenfiguren noch frisch, also nicht ausgereizt sind.
Wagner: Im Unterschied zu uns waren Schramm und Priol bei ihrem Einstieg schon ziemlich populär, fast auf dem Höhepunkt; wir müssen noch mit dem Format mitwachsen.
Bringen aber schon mal eine neue Sachlichkeit hinein, indem Sie nicht wie Ihre Vorgänger Hawaiihemd und Cordhut tragen, sondern Anzug und Krawatte.
Wagner: Das hat mehr mit persönlichem Geschmack als Inhalten zu tun: worin fühlt man sich am wohlsten?
Uthoff: Wer sich eine Bühnenfigur schafft, tut das nicht zwingend, um vom Inhalt abzulenken, sondern oft, um eine neue Ebene zu erlangen. Und Urban Priols Kunstfigur ist kein bisschen besessener als die Arbeitsweise dahinter. Der greift alles auf, was um ihn herum passiert. Und wenn ich einen Anzug trage ist das seinerseits auch bloß Mimikri, um eine größere Fallhöhe zu dem zu schaffen, was ich sage.
Wagner: Ich trage den Anzug nicht mal, ich drapiere ihn eher so, dass der Uthoff ihn ständig richten muss. Aber ob Sie’s glauben oder nicht: Das Äußere ist mir kabarettistisch egal.
Das kritische Publikum unterstellt jemandem in Maskerade gern, fehlende Substanz optisch aufzuwerten.
Uthoff: Formale Strenge muss nicht mit inhaltlicher konkurrieren. Georg Schramm hat dem Wort im heutigen Kabarett ungeachtet seiner drei Verkleidungen eine Sprachgewalt zurückgegeben hat, die es nicht bei vielen gibt.
Führen Sie die Anstalt im Sinne Ihrer Vorgänger fort oder wird es unter neuer Leitung erneuert?
Wagner: Die Anstalt war leer, darüber waren wir traurig und besetzen sie jetzt neu. Dieses „neu“ ist allerdings weniger inhaltlich gemeint, weil man nicht immer alles erneuern muss. Wir machen das, was uns antreibt, mit den aktuellen Themen, die uns interessieren: Stichwort Finanzen, Stichwort Wachstum. Im Kabarett wird der Begriff des Neuen immer eingeschränkt durch den des Aktuellen.
Uthoff: Kabarettisten schnitzen sich ja keine Missstände, sondern bewerten bestehende aus eigener Sicht heraus. Was wir da anders machen wollen, ist einzelnen Themen vielleicht mal ein paar Minuten mehr zu widmen, als zwingend alles abzuhandeln, was die Woche über in den Nachrichten von Belang war.
Weniger Tagesaktualität, mehr Sendungsschwerpunkt?
Wagner: Wir werden sicher nicht monothematisch. Aber wenn es genug Stoff gibt, kann es zu längeren Abhandlungen kommen.
Uthoff: Ich kann mir eine Rhein-Main-Donau-Kanal-Sendung wie beim Scheibenwischer gut vorstellen. Trotzdem sitzen wir vor jeder Ausgabe zunächst vor einem leeren Blatt und beginnen es zu füllen.
Sie beide sind juristisch ausgebildet, Max Uthoff gar bis hin zum 2. Staatsexamen. Verändert die Kenntnis des Rechts eine andere, vielleicht nüchterne Form des Humors?
Uthoff: Andersrum – man braucht eine Menge Humor, um das Recht zu studieren. Aber was ich im Studium gelernt habe ist Präzision, also eine gewisse Übung darin, Texte sehr genau zu lesen. Bei der Zeitungslektüre entdeckt man dann eher mal gewaltigen Schwachsinn, den andere für völlig normal halten. Andererseits hat Recht nicht mal allzu viel mit Gerechtigkeit zu tun; wie soll es da beim Verständnis von Politik helfen.
Wagner: Bei mir war es eher die Tatsache, dass mein Vater Jurist ist. Er hat stets so strukturiert und flüssig argumentiert, dass auch ich gelernt habe, Diskussionen schärfer zu führen und mich darin zu behaupten.
Uthoff: Im Recht wie im Kabarett geht es eben darum, seine eigene Sicht der Dinge so plausibel zu machen, dass die Zuhörer, also letztlich Richter, erst zuhören, dann zustimmen.
Wagner: Das Schöne in unserem Beruf ist allerdings, dass wir sowohl die Plädoyers halten als auch urteilen dürfen.
Uthoff: Sogar ohne die geringste Ahnung vom Thema zu haben.
Wenn Sie also beide auch noch aus juristisch geprägten Elternhäusern stammen – wer hat Ihnen denn dann den Humor mitgegeben?
Wagner: Ich bin spät zum Kabarett gekommen, so mit 12 Jahren [Uthoff lacht] und hatte mein endgültiges Coming-out um die 20. Mit dem Elternhaus hatte das weniger zu tun.
Uthoff: Bei mir eher mehr, das ist fast genetisch bedingt. Mein Vater hatte sein eigenes Kabarett, in dem ich groß geworden bin. Das schafft nicht automatisch einen Kabarettisten, aber einen respektlosen Umgang mit Macht und deren Protagonisten.
Wollten Sie als Kabarettisten die Gesellschaft verändern oder nur gut unterhalten?
Uthoff: Es sollte immer eine gesunde Mischung aus beiden sein, denn wer sich zu sehr aufs Verändern beschränkt wird niemanden gut unterhalten und umgekehrt.
Wagner: Auch auf die Gefahr hin, andere zu wiederholen: In guter Unterhaltung steckt eine Haltung. Die war mir und uns immer wichtig.
Uthoff: Und man muss sich vor der verbreiteten Einschätzung hüten, Kabarett könne nur in Diktaturen was bewirken wie beim großen Werner Finck, dem nichts anderes übrig blieb, als während der Nazizeit die Kunst der Andeutungen zu perfektionieren. Das ist gefährlicher Unfug, weil man dann, um gutes Kabarett zu wollen, dringend die NPD wählen müsste.
Wagner: Uns bleibt ja nichts anderes übrig, als uns mit der Zeit auseinanderzusetzen, die wir nun mal haben. Aber keine Sorge: auch, wenn man als Kabarettist keine Angst mehr um Leib und Leben haben muss, kann man mit den vorhandenen Missständen sehr gut arbeiten. Und die Anstalt bietet uns dafür eine gute Bühne.
Wenn man in Ihrem Alter…
Uthoff: Schon wieder…
Wenn man Mitte 40 und Mitte 30 bereits den Gipfel Deutschlands wichtigster Sendung für politisches Kabarett erreicht hat – was kann dann überhaupt noch kommen?
Wagner: Ich habe noch nie so gehandelt, dass ich dachte: was kommt als nächstes.
Uthoff: Um am Ende froh zu sein, wenn überhaupt einer kam und uns wollte.
Wagner: Also was kann noch kommen? Preise fürs Lebenswerk!
Uthoff: Ich mache das solange, bis ich den Friedensnobelpreis, die höchste kabarettistische Auszeichnung überhaupt. Dann höre ich sofort auf, versprochen!
Posted: February 3, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
20. – 26. Januar
Nun ist es also vorbei. Endlich, sagen viele. Leider, noch mehr. Wer das Dschungelcamp als König(in) verlässt, wollen wir hier mal so sittsam verschweigen wie die Preisträger der irrelevanten Goldenen Kameras am gleichen Tag. Wer der vorgestrigen Krönung förmlich entgegen gefiebert hat, dagegen nicht: Roger Willemsen! Ausgerechnet das kultivierte Großhirn der Fernsehnation nämlich outete sich Samstag in der Süddeutschen Zeitung als Fan der „brillant gemachten“ RTL-Sause, „die von Lebenden handelt nicht von Untoten – wie bei ARD und ZDF“.
Und als ginge es den gescholtenen Kanälen darum, dieses Expertenurteil vorsorglich zu belegen, hatten, hat sich der Vorzeigezombie Kai Pflaume ins exhumierte Uraltquiz Das ist Spitze! am Donnerstag zuvor allen Ernstes öffentlich-rechtliche Lebendleichen wie Marianne und Michael oder Johann Lafer und Horst Lichter zu Dalli Klick geladen. Da passt es ins Bild, dass Hans Rosenthals betongrinsender Nachfahr selbst bei einer Umfrage im Auftrag der geriatrischen Frau im Spiegel nur auf Rang 7 der beliebtesten Moderatoren im Land landet – noch knapp vor den gebührenfinanzierten Kollegen Pilawa, Lanz, Kerner und Silbereisen, aber doch meilenweit hinter den kommerziellen Jauch, Kerkeling, Raab auf den ersten drei Plätzen. Und wenn letzterer in der Vorwoche für seinen Satz im Kanzlerduell, „das ist doch keine Haltung, zu sagen: Ich will nur gestalten, wenn ich ‘King of Kotelett’ bin“, sogar noch für den renommierten Grimme-Preis nominiert wurde, dann zeigt sich: So nah waren sich die zwei Fronten im Grabenkrieg des Dualen Systems noch nie.
Trotzdem ist es natürlich nichts anderes als blanker Zynismus, was RTL ankündigt. Zunehmend erfolgreich müht sich der frühere Tittensender seit 30 Jahren testosterongeflutet, seinem Medium samt aller Zuschauer den Anspruch auszutreiben und durch wohlfeile Effekthascherei zu ersetzen, da wirbt er – hoppela – fürs Lesen. Lesen! Und das mit Sendergesichtern wie Frauke Ludowig, die neben der Mimik glamouröser Hollywoodstars wohl höchstens ihre Kontoauszüge liest. Diese Art der Zuckerbrot-und-Peitsche-PR erinnert folglich verteufelt an Russland, das erst mit Entzug aller Gaslieferungen drohte, sollte sich die Ukraine der EU annähern, um ihr den Brennstoff quasi zu schenken, sobald die Drohung gewirkt hat. Privatfernsehprinzip Putin.
Das ist übrigens der, der sich zurzeit die aberwitzigsten Winterspiele der Olympiageschichte in die Subtropen baut und dafür alles vergewaltigt, was den Vergabekriterien des IOC entspricht: Natur, Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit. Und all dies wird von staatsbeauftragten Rundfunk zwar gelegentlich auf den Spartensendern oder zur Nacht thematisiert – aber natürlich nur mit gehörigem Sicherheitsabstand zum Topevent, dem lästige Misstöne bloß nicht die Biathlon-Quote versauen sollen.
Frischwoche
27. Januar – 2. Februar
Denn nachdem es bis zur Eröffnungsfeier wie heute um 20.15 Uhr auf 3sat noch kritische Reportagen wie Sotschi – Glanz und Kehrseiten der Putinschen Olympia-Medaillen gegeben haben wird, stehen Programm 1 und 2 ab Freitag um vier 16 Tage lang ganz im Zeichen patriotischen Jubels. Nicht mal im Anschluss an die verlogene Auftaktveranstaltung traut sich das ZDF zum Gegensteuern. Stattdessen schickt es den nächsten Zombie in die Primetime: Der Staatsanwelt. Wenn 240 Stunden Live-Sause später dann die Zeit der Rückbesinnung und Retrospektive beginnt, dürfte es also kaum Nicht alles war schlecht heißen, um mal mit dem Titel vom 2. Teil der gar nicht so schlechtn Ostalgie-Dokumentation morgen im Zweiten zu sprechen. Eher wünscht man Verantwortliche öffentlich-rechtlicher Sportrechteverwertung zur Beobachtung in Die Anstalt, wo mit Max Uthoff und Claus von Wagner ab Dienstag zwei junge, frische, allürenfreie Kabarettisten die Leitung übernehmen.
Wer übrigens tags zuvor (also heute) Dieter Nuhrs Satire-Gipfel erduldet hat, wird keinen Zweifel mehr daran hegen, dass gediegene Komik schon längst nicht mehr vom früheren Scheibenwischer Kanal kommt, sondern wenn überhaupt, dann aus Mainz. Aber wenn’s schon mit dem politischen Humor und der zugehörigen Würde bergab geht, hat die ARD ja immer noch ihre politisch korrekte Fiktion. Den Mittwochsfilm etwa, diesmal Der Prediger, wo Lars Eidinger als verurteilter Mörder nach realen Motiven Geistlicher werden will, was Devid Striesow als bischöflicher Referent prüft. Das ist besser noch als der morgige Psychothriller Im Schatten mit Mišel Matičević (ZDFkultur), besser auch der Berliner Tatort am Sonntag drauf, besser gar als der iranische Oscar-Sieger Nader und Simin, am Mittwoch auf Arte, oder zwei Tage später die deutsch-französische Version der amerikansichen Kinderschwangerschaftskomödie Juno namens Am Himmel der Tag auf gleichem Kanal mit der ebenso versierten wie bezaubernden Aylin Tesel. Erstaunlich aber ist, dass er nur ein bisschen besser ist als heute Mein Mann, ein Mörder (ZDF). Dank Ulrich Noethen als untreuer Gatte ist das nämlich der erste Film, in dem einem Veronica Ferres als kämpfendes Muttertier nicht ausnahmslos nervt.
Das tut dafür ab Donnerstag wieder Heidi Klum beim Modelcasten mit Wolfang Joop. Oder Thomas Gottschalk im Klassentreffquiz Back to School mit Schulkameraden von Matthias Schweighöfer. Oder Ingo Lenßen als Gastgeber einer Justiztalkshow mit Publikumsurteil auf Sat1 Gold ab Mittwoch. Oder die Adaption von Johnny Depps Fantasyfilm Sleepy Hollow als Pro7-Serie ab Mittwoch. Oder die nächste Anwaltsstory namens Suits ab Freitag auf Vox. Bei so viel oder geht fast unter, dass Fernsehen auch an die Nerven gehen kann, ohne sie zu strapazieren, was ein Arte-Themenabend über deutsche Waffenexporte am Dienstag belegt. Der Tipp der Woche ist dafür diesmal total harmlos: der traumhaft schöne Disney-Film Bernhard und Bianca von 1977 auf dem zugehörigen Channel am Samstag.
Posted: February 1, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Clubkulturkampf
Am Popstandort Hamburg wird noch jeder kleine Kellerclub planiert, sobald die große Eventkultur mehr Rendite verheißt. Das Ende des Molotow ist da nur die nächste Etappe zur Ballermannisierung der einst wichtigsten deutschen Musikstadt. Ein Abgesang.
Von Jan Freitag
Vielleicht ist es ja hier, das Epizentrum eines Bebens, das die Subkulturen ganzer Stadtlandflussgebiete hinwegfegt. Vielleicht dreht sich das Auge eines Sturms, der das trübe Sein des Undergrounds unterm Schein glitzernder Massenevents begräbt, hinter dieser Hauswand. Sie steht zwischen zwei Institutionen der Reeperbahn und somit für vieles, was die Stadt so toll, so furchtbar macht. Zwischen zwei Häusern des Schmidt-Theater ragt die pinkweiße Fassade empor. Hamburger Gründerzeit, stolze Architektur. Doch statt des Etagenclubs Cocoon, der im umliegenden Aberwitz für etwas Off-Art gesorgt hatte, ist dahinter nun – nichts. Nur Wiese, Abfall, Ödnis. Wie in der frischen Baulücke am benachbarten Rockschuppen Docks, der vor allem Flatrate-Partys veranstaltet. Symbolischer geht’s kaum.
Denn Hamburg – die Pop- und Beatles-Stadt, die Rock-, Punk- und Schul-, die Brotedelayblumfeldzitronenschamonibegemann-Stadt der 1000 Läden, Schuppen, Kaschemmen, wie sie Christoph Twickels gleichnamiger Interviewband rühmt – dieses Hamburg ist mindestens hinfällig, zusehends hirntot, demnächst verblichen? Es mag Zweckpessimismus sein, den subkulturellen Untergang am Elbestrand nur laut genug beklagen, damit er doch nicht erfolgt. Aber nun wurde gleich neben der trügerischen Hausattrappe ein weiterer Grabstein der lokalen Independentkultur gesetzt: Dort wo das berühmte Molotowjungen Bands von Vampire Weekend über die White Stripes bis zu The Hives eine erste Bühne bot, entsteht die nächste Edelimmobilie fürs ortsübliche Plastikentertainment. Kurz vor Weihnachten wurden die umkämpften Esso-Häuser wegen angeblicher Einsturzgefahr geräumt und das Molotow gleich mit. In einer Nacht- und Nebelaktion. Nach 25 Jahren.
Das könnte man so hinnehmen. Clubs kommen, Clubs gehen wie die Gäste darin, und bevor eine Band namens Metallica das Docks vor 20 Jahren den „verdammt besten Klub der Welt“ nannte, befand sich darin das verdammt älteste Kino im Land. Städte sind Orte dauernder Veränderung. Wie Bodenversiegelung und Frühstau ist ihr Umbau ein urbanes Strukturmerkmal. Doch Hamburg macht keinen Wandel durch, „Hamburg ist hermetisch“, wie es Tino Hanekamp ausdrückt. „Eine verkaufte Stadt, wo nichts Wildes mehr wachsen kann“. Er muss es wissen.
Mitte des vorigen Jahrzehnts, als es noch Restluft, Raum und Mietpreise gab, um im Strasscollier der Massenbespaßung echte Perlen zu fischen, hat der Mittdreißiger Kiezinstitutionen wie das famose Uebel & Gefährlich eröffnet. Doch wo Hanekamp das elektroalternative Clubtriumvirat aus Phonodrome, Click und Echochamber noch ohne größeren Widerstand um die plüschig-illegale Weltbühne erweitern konnte, steht nun eine Privatklinik. Die Liste der Streichungen ließe sich fortführen. Das Kir, in dem die Sisters of Mercy ihre Weltkarriere starteten: Wohnblock. Onkel Pö, wo der deutsche Jazzrock bis in die Achtziger Selbstbewusstsein tankte: Kettenrestaurant. Powerhouse, Spielfeld berühmter DJs: Luxushotel. Madhouse, das Disco-Denkmal in Citynähe: Edelkaufhaus. Hafenklang-Exil, Off-Art-Eldorado auf Zeit: IKEA. Und die nächsten auf der Abschussliste: Astrastube, Fundbureau, Hasenschaukel, die gerade auf einer trotzigen Verleihungsparty den Hamburger Clubaward gewann. Ja selbst das gute alte Logo scheint in Gefahr. Das Siechtum, wie Hanekamp es nennt, geht weiter. Doch das größte Loch, meint Sven Herwig, „reißt das Molotow“.
Und auch er muss es wissen. Wenn aufstrebende wie etablierte Bands mittlerer Kategorie einen Ort für 300 Gäste suchten, war der Club erste Adresse. „Das fehlt jetzt“, sagt Herwig in seiner Dependance des britischen Beggars-Labels, an dessen Wänden goldene Schallplatten von Adele zeigen, wie Indie funktioniert: Masse finanziert Klasse. Das war in Hamburg nicht anders, früher. Durch die Planierung mittelkleiner Hallen à la Molotow und mittelgroßer wie der Ernst-Merck-Halle fehlen jedoch die Kapazitäten knapp über Punkrock im Störtebeker für 100 Leute und klar unter der O2World.
Einst war die Clubszene stolz, dass Blockbuster von Turner bis Cocker mangels Großhalle einen Bogen um Hamburg machten; jetzt, erklärt Hanekamp, gehen coole Band „notgedrungen nach Leipzig oder Berlin, weil es hier keine neuen Räume für Clubs mit experimentellerem Ansatz gibt“. War Hamburg früher oft Pflichttermin, belegen viele Booker die Stadt heute nur, wenn sie günstig auf der Route liegt. Das ist längst nicht immer der Fall. Offenbar pfeift da also einer etwas im Wald, wenn Andi Schmidt tapfer verkündet, sein Club mache auf der Suche nach Alternativen „nur Pause“. Die tapfere Mischung aus Idealismus und Zuversicht, mit der der ergraute Idealist das chronisch klamme Molotow seit 20 Jahren leitet, könnte allerdings an Grenzen stoßen. Bislang galt für maximal 350 Gäste eine Konzession mit dem lässigen Brandschutz aus Eröffnungszeiten; für diese Zahl bräuchte er 2014 gleichwohl weit mehr Platz – ohne auch nur einen Cent mehr Miete zahlen zu können. Da hilft eigentlich nur noch, was Kollege Hanekamp fordert: Hausbesetzungen. „Am besten in all die leeren Bürogebäude.“ Da müsse man rein. Wie einst seine Weltbühne in ein altes Kaufhaus.
Doch auch das wäre derzeit luxussaniert, bevor das erste Transparent aus dem Fenster hängt. Und ein Ausweichen in andere Viertel scheitert entweder an den Anwohnern, die selbst zwischen Kiez und Schanze den Radical Chic mögen, aber abends in Ruhe fernsehen wollen. Oder am Publikum, das in Hamburg scheinbar bequemer ist als andernorts. Wer aus Sicht von Sven Herwig in den angesagten Vierteln wohnt, „sieht schon die Markthalle als Provinzclub“. Weil vielen also schon der Weg zum früheren Hardrocktempel am Hauptbahnhof zu weit ist, sterben mit den Kiezbühnen die der ganzen Stadt.
Hamburg hatte nie den Schwabinger Glamour, nie die Kreuzberger Strahlkraft, keinen Bowie, Moroder, Mercury. Hamburg war stets alternative Wühlarbeit zwischen Hanseatenstolz und Nischenkultur. Bis in die Neunziger öffnete sich schon irgendein Fenster, falls mal ein altes verrammelt wurde. Es war „wie in Ost-Berlin“, schwelgt der Pudel-Club Betreiber Schorsch Kamerun in Erinnerungen, „nur mit mehr Puffs“. Doch so sehr das offizielle, blankgeputzte, gefahrengebietsichere Pfeffersäckehamburg auch mit Rotlicht und Blaulicht, Kiez und Party, Reeperbahnfestival und Gängeviertel wirbt, so wenig versteht es das Wesen der Clubkultur. Seit jeher. Schon der berühmte Starclub wurde „mit allen Mitteln bekämpft“, wie Andi Schmidt weiß. Und heute? Liegt die Wahrheit bei Wikipedia. Musicals füllen da unterm Stichwort Hamburg ein eigenes Kapitel. Clubs finden sich dort keine.
Der Text ist bei ZEIT-Online erschienen unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2014-01/hamburg-clubsterben-gentrifizierung