Rodelmillionen & Klittergeschichte

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

11. – 17. Februar

Es ist immer erfrischend, wenn Anspruch, Sinn, Bedeutsamkeit vom Bildschirm Besitz ergreifen und Aufregung, Entertainment, Effekthascherei kurz mal in ihre Schranken weisen. Vorige Woche hätte es mal so weit sein können. Da dominierte der Verrat straffrechtlicher Geheimnisse über vermeintliche Vergehen des SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy so anhaltend die Nachrichten, bis politisch Köpfe rollten. Zu dumm, dass es dabei um den Erwerb kinderpornografischer Bilder ging; da haben es Anspruch, Sinn, Bedeutsamkeit schwer, gegen Aufregung, Entertainment, Effekthascherei zu bestehen. Und so gibt es dieser Tage ein Paradebeispiel, wie unsere mediale Gegenwart funktioniert. Denn ob Edathy irgendetwas von dem getan hat, was ihm der Pöbel samt seiner Leitorgane besonders lautstark zur Last legt, ist eigentlich auch egal. Als öffentliche Person ist der Politiker tot. Mausetot. Denn vor dem faktischen Ableben beginnt heutzutage das mediale – da können sich seriöse Medien von Tagesschau bis Süddeutsche noch so um Ausgewogenheit bemühen.

Dabei war darunter sogar ein Medium, das frisch von den Toten auferstanden ist: Die Frankfurter Rundschau. Die einstmals größte deutsche Tageszeitung schrieb nämlich nach der zwischenzeitlichen Insolvenz erstmals wieder schwarze Zahlen. Gut – dieser „Erfolg“, beklagten hessische Gewerkschafter, basiere auch darauf, dass zwei Drittel der Redakteure untertariflich bei einer Leiharbeitsfirma angestellt sind. Aber so sieht sie eben aus, die schöne neue Medienwelt, in der Festanstellungen selten werden und das beruflich prekäre Nomadentum zur Regel.

Womit wir beim Tatort wären, der nach den Pensionierungsabgängen früherer Tage längst Ermittler verschleißt wie Nick Tschiller Platzpatronen. Nun also wird das ungewöhnlich langlebige Berliner Duo Ritter/Stark nach kaum 13 Jahren ausgetauscht. Gegen Meret Becker und Mark Waschke, die ab 2015 als „waschechte Berlinerin mit Herz und Verstand“ plus „Mann und zwei Söhnen im Wedding“ beziehungsweise „Single und ehemaliger Jurastudent aus Pankow“ ermitteln, wie die ARD mitteilte. Dass das eine Verjüngungskur sein dürfte, belegte der sterbenslangweilige Abschlussfall ihrer Vorgänger in spe am vorvorigen Sonntag. Umso mehr erstaunt dessen Quote auf Münster-Niveau. Was allerdings mit 9,99 Millionen nur ein paar Tausend Zuschauer weniger hatte als ein Rodelrennen in Sotschi.

Doch darüber wollen wir nun wirklich mal den Mantel des Schweigens hüllen und uns wichtigeren Dingen widmen, wenn es schon um Sport geht. Die Rückkehr von Monica Lierhaus zum Fernsehfußball zum Beispiel, der Sky einen Interviewformat zur anstehenden WM angeboten hat – was aus sportlicher wie menschlicher Sicht ja nun mal eine gute Nachricht ist

TV-neuFrischwoche

18. – 24. Februar

Eine bessere jedenfalls, als die Übertragung des Champions-League-Achtelfinals Arsenal gegen Bayern am Mittwoch, dessen Ausgang noch weniger überraschen dürfte als die neue Aufgabe für Christian Rach. Der Fernsehkoch ist nämlich ab Donnerstag als – richtig Fernsehkoch. Nur diesmal fürs ZDF, wo er unseren Ernährungsgewohnheiten auf den Grund geht. Staatsauftrag erfüllt, könnte man sagen, zumindest teilweise. Ebenso wie das Erste am Tag zuvor. Weiter als der Ozean ist die geruhsam erzählte Doppelgeschichte einer Psychologin (Rosalie Thomass) und eines Meeresbiologen (Robert Gwisdek), deren Schicksale sich auf überraschende Weise kreuzen. Ein Mittwochsfilm eben.

Diese Woche allerdings überzeugt ja sogar der Freitagsfilm an gleicher Stelle namens Immer wieder anders, wo Katharina Wackernagel und Barnaby Metschurat ein wirklich erfrischendes Beziehungsgeflecht verhandeln. Ja, selbst Sat1 liefert morgen gute statt seichte Unterhaltung, wenn Annette Frier unterm denkbar dämlichen Titel Achtung Arzt! als eben solche(r) im Karnevalsstress heilt. Und auch das Zweite legt parallel zum faden Bremer Tatort am Sonntag mit einem opulenten Stück biografischer Opulenz nach. Oliver Berbens Wagner-Clan hingegen weist mit Mama Iris, Heino Ferch, Lars Eidinger, solchen Kalibern zwar reichlich Topstars auf, lässt im präzisen Porträt der Komponistensippe nach dem Tod des Meisters indes eine entscheidende Phase außen vor: Den Nationalsozialismus. So bleibt ein Stück Geschichtsklitterung am Drama kleben.

Das passt zum vorgezogenen Tipp der Woche: Morgen zeigt der Bayrische Rundfunk nämlich die Dokumentation Im Schatten von Jud Süß über dessen umstrittenen Regisseur Veit Harlan, gefolgt von Oskar Roehlers Entstehungsdrama des faschistischen Propagandafilms schlechthin mit Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels (22.45 Uhr). Schade, dass so etwas nicht früher läuft, im ZDF etwa, am besten beides. Schade auch, dass dort mit Ripper Street zwar die nächste Adaption des Jack-the-Ripper-Stoffs aus England läuft, aber erst freitags um 23.45 (ab heute immerhin schon knappe zwei Stunden früher auf ZDFneo). Schade auch, dass sich Jay Leno heute von der Tonight Show auf NBC verabschiedet. Ersetzt wird der legendäre Whitehead nach 22 Jahren durch den weit jüngeren Jimmy Fallon. Und um an Ende nicht gar nichts von Arte empfohlen zu haben: Donnerstag startet dort der französische Achtteiler Rani um eine kämpferische Adlige aus dem 18. Jahrhundert. Das ist solide Historienunterhaltung, die nur einen besseren Untertitel als Herrscherin der Herzen verdient hätte. Ja sind wir denn bei RTL2?

Advertisements

Reportage: Frauenknast Bützow

Unter Verschluss

Frauen werden immer häufiger straffällig. Vor allem aber häufiger schwer. Ilka P. zum Beispiel saß wegen Totschlags in der JVA Bützow bei Rostock. Ein Tag im Leben einer Gefangenen zwischen Arbeit, Langeweile, tausend Schlössern, der Grübelei, wie es dazu kam, und dem Blick nach vorn.

Von Jan Freitag

Klackklackklack. Als ein großer Satz Schlüssel begann, den Alltag von Ilka P. und Jens K. zu beherrschen, waren sie um die 20. Heute nimmt Ilka P. es kaum noch wahr, wenn Jens K. ihn benutzt. Und das tut er schon so lange, ein Vierteljahrhundert fast, dass auch Jens K. sein klackendes Geräusch ignoriert. Dennoch haben beide manchmal genug vom ewigen Schließen in der Justizvollzugsanstalt Bützow. „Abends tut mir oft die Hand weh vom Drehen“, sagt Jens K., den man gern beim Namen nennen kann; schließlich verlässt Herr Kötz das Gefängnis bei Rostock jeden Tag nach Dienstschluss. „Ich träume häufig, die Türen hätten keine Schlösser“, meint dagegen Ilka P., deren Name erfunden ist. Ilka P. ist eine Strafgefangene, Jens Kötz ihr Vollzugsbeamter. Zwei Menschen, deren Leben nicht verschiedener sein könnten. Und doch zwei, die sich näher sind, als ihnen lieb ist.

Ilka P. hat jemanden umgebracht und dafür fünf Jahre Haft gekriegt. An sich zu Recht, gesteht die Täterin leise. Aber in der Höhe doch zu viel, fügt sie lauter hinzu. Geständigkeit ist für einen Freiheitsentzug in Würde unerlässlich, betonen Gefängnispsychologen. Doch die Würde selbst braucht dabei auch ein wenig Widerstand gegen das Schicksal hinter Gittern. So formuliert es Jens Kötz, ihr Wärter, der so nicht genannt werden will. Das klinge ihm zu sehr nach Sühne und Verwahren, der alten Strategie des Straffvollzugs.

Weil er bis ins 18. Jahrhundert rein destruktiver Natur war, um Häftlinge erst aus den Augen, dann aus dem Sinn zu schaffen, hat ihn der Philosoph Michel Foucault in seinem Buch Überwachen und Strafen als repressives Kräfteverhältnis beschrieben. Die moderne Haft dagegen sei Teil einer „Disziplinargesellschaft“, in der das bloße Wegsperren durch produktive Rehabilitation ersetzt wurde. Auch wenn das die Bild mit ihrer Hetze gegen Fernseher, Freigang und Frohsinn in der Zelle gern anders sähe, meint Jens Kötz. „Dabei heißt es Freiheitsentzug, nicht Freudenentzug.“ Der Beamte spricht gern in geflügelten Worten. Und so ist die Zeit im Knast eben kein Akt sinnloser Rache, sondern einer geordneten Abfolge von Belohnung und Regeln, Rechten und Pflichten, Arbeit und Langeweile. Von letzterem stets ein wenig mehr.

Einer der klobigen Bartschlüssel an seinem Bund scheppert ins Schloss. Wie jeden Morgen geleitet er Ilka P. und die anderen Azubis vom kleinen Frauentrakt zum Ausbildungsplatz. Klackklackklack. Umdrehen, aufziehen, durch, zuziehen, abschließen – ein Ritual, das wenige Meter weiter stets aufs Neue erfolgt. Und wieder. Und wieder. Es war sechs Uhr, als Ilka es an diesem Wintertag geweckt hat wie an jedem anderen. Als Morgenmuffel ist das eine Strafe für sich, doch sie hat sich auch damit arrangiert. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt die zierliche Frau mit den verspielten Farbsträhnchen im dunklen Haar und reibt sich nervös den Hals mit dem Kruzifixkettchen. Das tut sie immer dann, wenn die Gedanken um ihr neues Leben kreisen. Vor gut zwei Jahren, als sich das Tor zum einstigen „Zuchthaus Dreibergen“ hinter ihr schloss, da dachte sie, „das überleb ich nicht“ und wünschte sich, die Zeit zurückzudrehen.

Vor diesen einen Moment, jenen Kurzschluss. Klick, den Verstand abgestellt. Klick, alle Adrenalin-Hähne offen. Klick, vor ihr lag das Leben wie es war in Trümmern. Und nicht nur ihres: eines war ausgelöscht. Und das einer Familie, eines Dorfes, einer Region irgendwie gleich mit. Wäre sie damals nicht… Hätte sie doch nur… Ihre Tat passt zum Trend, dass die Härte weiblicher Straftaten noch schneller steigt als deren bloße Zahl.

Sie ist zwischen 1996 und 2006, dem Jahr, als Ilka durchdrehte, um gut ein Fünftel auf 110.000 gestiegen. Schwere Delikte von Raub über Körperverletzung bis hin zum Mord aber haben sich mehr als verdoppelt. Gut 7000 sind es heute und gerade Gewaltverbrechen legen weiter stetig zu. So enden immer mehr Frauenbiografien zwischenzeitlich im Knast, ein Bruch, der nicht selten bis an ihr Ende reicht. Allen Resozialisierungsgelöbnissen zum Trotz, klagt Karin Greifenstein, „schädigt die Haft Körper und Seele“. Als Seelsorgerin in Frankfurt-Preungesheim betreut sie einen von bundesweit sieben Frauenknästen. Doch weil es allerorten an Personal und Bewährungshelfern fehle, würden viele Insassinnen nur verwahrt. So geht der Trend hinter Foucault zurück. Viele Inhaftierte, so Greifenstein, „verlassen die JVA zerstörter, als sie reingekommen sind“.

Ilka P.s Gedanken an die Zeit danach füllen Zelle 201 mehr als das Klo hinterm rosafarbenen Vorhang, die schmale Pritsche gegenüber, das Mobiliar mit JVA-Siegel, die Bilder die Erinnerungen an draußen auf acht Quadratmetern. Zu lange spielte die Vergangenheit der jungen Frau im Konjunktiv und so beschloss sie, nach vorn zu blicken, statt übers Geschehene zu grübeln. Das, was Soziologen Prisonisierung nennen, den Prozess der Anpassung an die Gefängniskultur, es wirkte auch bei ihr.

Denn Ilka P. hat Arbeit. Und das ist nicht die Regel. Wie draußen, im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern, ist die Erwerbslosigkeit der JVA gigantisch, um die 40 Prozent, gibt die Anstaltsleitung zu. Dennoch: theoretisch hat jede der 25 Frauen, jeder der 526 Männer in Bützow Anspruch auf einen Job. Es ist eine Chance, sagt Jens Kötz. Wer keine Lehre vom Tischler bis zur Gebäudereinigerin macht, wer die Bildungs-, Hilfs- und Jobangebote ablehnt, wer sich sogar dem freiwilligen Putzen der Gänge im Wechsel verweigert, habe selber Schuld, so Kötz. Beschäftigung ist das einzige Mittel gegen die Eintönigkeit, Nichtstun macht lethargisch, faul, einige gar aggressiv. „Wer sich beschäftigt, beschäftigt nicht uns“ – noch so ein Bonmot des Sicherheitsbeauftragten. Niemand werde zu irgendetwas gezwungen, nicht zum Schaffen, nicht zur Therapie, nicht zu Freundlichkeit, geschweige denn Reue. Aber wer kooperiert, darf vier Stunden im Monat Besuch empfangen statt einer. Bekommt mehr als die üblichen 30 Euro Taschengeld für Stromkostenbeteiligung und Telefon, für Tabak, Kaffee oder Deo im Knastshop. Erhält womöglich einen Abschluss. Kann gar auf Haftlockerung hoffen, auf vorzeitige Entlassung.

Ilka kriegt nicht nur alle 14 Tage vier Stunden Besuch, sie stattet ihn zuhause ab. Sie erhält fast 100 Euro Lohn und macht demnächst ihre Prüfung zur Friseurin. Sie zählt nicht nur auf Bewährung im Sommer, sondern schon vorher auf echten Urlaub. Ihre Augen leuchten: „Mit Übernachten!“ Bei der Familie und Missy Elliott, ihrer Katze. Gemeinsam mit Freunden, Popstars und einer Siegerurkunde im Torwandschießen pflastern sie ihre nikotingelben Zellwände, zwischen all dem Mädchennippes, den Putzmitteln unterm Handstein, einem winzigen Fernseher neben der Tür. Über Nacht – das heißt auch länger als ihre Telefonate. Alle zwei Tage, im Ringen mit 24 Traktgenossinnen um den einzigen Apparat der Abteilung. Immerhin – viele Länder gewähren ihren Gefangenen weniger Freiräume als das ehemals rot-rot gegierte Küstenland. Ilka P. trägt sich meist für den Nachmittag in die Telefonliste ein, kurz vor sieben, wenn die Zellentür zugeht. Hinter ihr.

Dann sieht sie fern, bis tief in die Nacht, am liebsten US-Krimiserien wie „C.S.I.“. Und – es klingt wie ein Treppenwitz: „Prison Break“. Ein Foto der fiktiven Knastausbrecher hängt an ihrer Pinnwand. Sie muss selber darüber grinsen. Drei, vier Stunden Schlaf, das reiche ihr. „Keine Ahnung, warum.“ Jetzt lacht Ilka, herzlich sogar. Das tut sie häufiger, als man von einer Frau im Bau denken würde. Nur morgens um sechs ist ihr nie danach zumute. Eine Stunde hat die gelernte Altenpflegerin zum Aufstehen. Duschen am Ende des langen Gangs voll uralter Holztüren in giftgrün, Frühstück auf Zelle, Graubrot und Aufschnitt, nicht trocken und mit Wasser, aber doch eher schlicht. Dann kurz aufräumen. Um acht beginnt die Arbeit.

Auf dem Weg dorthin herrscht Schweigen. Zu sehr ist das halbe Dutzend Frauen mit ihren Zigaretten beschäftigt, die sie hastig einatmen. Ilka P. winkt zwischen zwei Zügen zaghaft zu einem der unzähligen Fenster im schönen Klinkergebäude gegenüber. Unter Gefängniskennern ist die Fassade berühmt für ihren pittoresken Jugendstil, fast zu malerisch für diesen Zweck. Vor einem Dreivierteljahrhundert galt der Neubau als vorbildlich, mit seinem Fenster zu jeder Zelle. Heute sind die Gemäuer auf dem riesigen Gelände vielerorts zu alt für die Stromversorgung eigener Kühlschränke hinter Gittern. Vorbei an Milchtüten und Margarine grüßt ein Insasse zurück. Man kennt sich, man begegnet sich sogar beizeiten. Männer und Frauen leben getrennt, aber sie werden es nicht, nicht strikt.

Dennoch dürfen die Herren nicht in den Salon HAARscharf. Leider, sagt Ausbilderin Ines Schröder vom regionalen Bildungsträger. „Die Damen sollten das volle Programm lernen.“ Also frisiert Ilka eine Kollegin, mal wieder, wie jeden Tag. Oder sie leitet eine andere an. Ilka ist die Erfahrenste. „Und die Beste“, flüstert die Meisterin, eine Externe, wie man hier sagt. Deshalb durfte Ilka mal auf einen Lehrgang in die Landeshauptstadt und zur Friseurmesse nach Rostock. Privilegien wie jene Leistungspunkte, die Ines Schröder für besonderen Einsatz verteilt. Sie bringen bares Geld. Ilka hat sich dafür Fachliteratur gekauft, obwohl es die auch in der Anstaltsbibliothek gibt. Um darin herumkritzeln zu dürfen, schließlich will sie als Friseurin weiterarbeiten. Draußen. „Das hier drin soll sich ja auch ein bisschen lohnen.“ Ein Satz wie aus dem Lehrbuch für effizienten Strafvollzug.

Derlei Ehrgeiz erfordert Selbstüberwindung, aber die lohnt sich. „Ich mache das nicht für meine Akte“, sagt Ilka. Trotzdem weiß sie natürlich, dass die 20 Betreuer vom Sozialtherapeuten bis zur Schließerin alles darin vermerken, Negatives wie Positives. Ilkas Akte sieht gut aus, betont Jens Kötz. Ihre Arbeit wird geschätzt. Doch statt echter Kunden stets die gleichen Köpfe, das ermüdet. Herr Kötz war zwar bereits unter ihrer Schere, die sie aus Sicherheitsgründen nur gegen Unterschrift erhält. Aber selbst das JVA-Personal kommt selten, trotz des günstigen Preises von ein paar Euro. Und so kriecht die Zeit bis zur Pause um elf. Sie vergeht auch nach der hastigen Mahlzeit aus Schwein, Kartoffeln und Bohnen auf Zelle kaum rasanter, doch sie steht wenigstens nicht wie bei jenen, die „vor der Playstation festwachsen“, so nennt es Jens Kötz.

Ilka hat ihre zuhause gelassen. „Sonst käme ich gar nicht zum Schlafen.“ Stattdessen treibt sie Sport, dreimal die Woche, im öden Fitnessraum, in dem drei der vier Geräte haken. Und sie tanzt. HipHop, alle 14 Tage. Sogar ein Auftritt beim Sommerfest im selbst gestalteten Frauengarten kam dabei heraus, zwischen der lautstark piepsenden Volière und einer selbstgebauten Brücke überm Ententeich. Dazu die freie Zeit im Gang zwischen Aufschluss und Einschluss, vom Feierabend bis zum Abendessen, wenn die Tür offen ist und Zeit zum Treffen, zum Austausch, zur Interaktion. Bei Ilka ist es meist nur viel, sehr viel Kaffee mit einer Freundin von nebenan. Danach gibt es statt echter Gesichter nur noch 30 Programme. Knastmonotonie.

Das ist nicht Teil der Strafe, aber ein Aspekt. Und am Wochenende fällt auch noch der Zeitfüller Arbeit weg. „Früher hab ich die Tage gezählt bis ich rauskomme“, erinnert sich Ilka P. Heute räumt sie lieber permanent ihre Zelle um, zuletzt die Woche zuvor. Das machen fast alle so, zumindest jene, die noch genug Kraft zur Veränderung haben. Irgendwann wird sie auch ihr restliches Leben umräumen und neu beginnen. Und ihre Jahre im Knast? Entmündigend und destruktiv, wie es die Knastseelsorgerin Greifenstein beschreibt, oder doch produktiv und sinnvoll im Sinne des modernen Strafvollzugs? Es klingt nicht ganz ehrlich oder besser: zu ehrlich, mehr nach Selbstvergewisserung und, ja: Schönfärberei, was Ilka P. antwortet: „Die war’n auch was wert.“ Trotz Langeweile und, sie zögert: „Zickenkrieg“. Trotz Liebesentzug und, hier stockt Jens Kötz: „Knasthierarchie“. Trotz Gewissensbissen und Gehorsam, Enge, Mauern, Einsamkeit. Und trotz all der Schlüssel. Sie selbst hat nur einen einzigen. Ilka P. lächelt: „Zu meinem Kühlschrankfach“. Wenigstens ein Klack, das nach Freiheit klingt.


Indiefriday: Ja, Panik & Die Nerven

Ja, Panik

Freiheit – schon dieses Wort. Scheußlich, grauenhaft. Und wie hohl es geworden ist. Freiheit, das ist nur noch die des Bleifußes. Diejenige, falsche Parteien zu wählen oder das richtige Deo. Zur Promiskuität, zum Einkauf, zu weniger Hautirritationen und mehr Abwechslung im Fertiggerichteregal. Die Freiheit von einst wurde zur Unfreiheit von heute, und daran ändert auch der nichts, der sie maskiert. Als Liberalität zum Beispiel. Oder Libertatia, wie das neue Album von Ja, Panik.

Dieser Freiheitsbegriff klingt zunächst mal auch dann fahl, ja falsch, wenn ihn Andreas Spechtl verwendet. “Wo wir sind, ist immer LIBERTATIA“, krächzt der Berliner Poesiepopper aus Österreich durchs Auftaktstück der fünften Platte. Und er tut es gewohnt mehrsprachig für “unsere brothers and sisters“, für alle “not sans papiers, but sans patrie“, die er “worldwide befreit von jeder Nation”. Es ist ein heiteres Revoltieren, das Ja, Panik da praktizieren. “One world, one love: LIBERTATIA.” Sollen wir ihnen das abkaufen wie der Werbung ihre Glücksversprechen oder der FDP den Steuern-Runter-Liberalismus? Ja, denn Spechtls zum Trio gerütteltes Quintett entwickelt hier einen ganz eigenen Begriff von Freiheit. Libertatia, so geht die Legende, war das fiktive Refugium flüchtiger Piraten vor den Kriegsschiffen königlicher Flotten, ein Freibeuterparadies Entrechteter am Nordrand Madagaskars, in dem allein Herkunft, Stand und Netzwerk zum besseren Leben befähigten. Eine Welt, gar nicht so fern von der, die Ja, Panik 300 Jahre später besingen, im Turbokapitalismus Berlin-Mitte.

Ja, Panik – Libertatia (Staatsakt); mehr Text’n’Sound’n’Kommentare: http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/01/31/ja-panik-2_17470

Die Nerven

Ihr Debütalbum Fluidum wurde vor zwei Jahren bis ins anspruchsvolle Feuilleton positiv aufgenommen. Jetzt legt das schwäbische Noise-Trio Die Nerven den Nachfolger FUN vor und ist zwar weiterhin ziemlich wütend, aber noch melodiöser und ausgefeilter. Ein Gespräch mit Sänger, Bassist und Songwriter Julian Knoth über schlechte Laune, Misserfolgsaussichten, den Punkstandort Stuttgart und was er für den Sound darin bedeutet.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Guten Morgen Julian, du wirkst müde?

Julian Knoth: Das täuscht, ich bin schon lange auf. Frühaufsteher.

Punkrock und Frühaufstehen ist kein Widerspruch mehr?

Mein Tagesablauf ist jedenfalls geregelter.

Umso schwieriger ist es, gleich nach dem Frühstück eure neue Platte „FUN“ zu hören, die für diese Tageszeit doch reichlich düster ist.

(lacht) Das kann gut sein.

In einer Zeile von Und ja singst du „es geht mir besser als ich aussehe“. Warum solltest du denn schlecht aussehen?

Das müsstest du in diesem Fall Max fragen. Normalerweise schreiben wir unsere Texte getrennt voneinander. „Und ja“ ist dagegen komplett im Studio von uns beiden entwickelt worden und diese Zeile stammt von ihm.

Sie klingt auf jeden Fall wie so oft in euren Songs ungemein schlecht gelaunt. Seid Ihr das wirklich oder ist das nur der Ausdruck eurer Musik?

Unsere Musik hat immer auch persönlich mit uns zu tun, aber man muss dennoch klar differenzieren zwischen dem, was wir spielen, und was wir sind. So schlecht gelaunt unsere Stücke also auch klingen mögen – wir selbst sind drei Freunde, die sich und anderen gegenüber meist herzlich und humorvoll sind. Die Nerven ist da eine ziemlich normale Band, deren Humor nur manchmal hinter den Stücken verborgen bleibt.

Steckt denn auch in der Musik selbst irgendwo ein verborgener Humor?

Er steckt vielleicht nicht auf den Platten, zieht sich aber durch den Rest unserer Band hindurch. „FUN“ enthält trotz des Titels zugegeben kaum Spaßelemente, trotzdem kann es auf unseren Konzerten heiter zugehen. Das erklärt sich daraus, dass unsere Musik auch ein Ventil ist, um uns abzureagieren und als Personen hinter ihr zu verschwinden.

Ein Ventil wofür – Wut?

Ganz sicher. In unserer ersten Phase ab 2010, wo wir – damals noch mit anderem Schlagzeuger – mehr Projekt als richtige Band waren, war diese Wut noch ausgeprägter. Da haben wir eher Kinderzimmernoise gemacht, in dem wir alles rausgelassen haben.

Kinderzimmer im Sinne von LoFi, nicht produziert, sondern mitgeschnitten.

Genau. Durch unsere feste Struktur ist diese Wut dann zwar milder geworden, nicht mehr so auf den Moment bedacht, aber es gibt sie noch. Das steckt tief in unserer Musik.

Welche Rolle spielt euer Standort Stuttgart dabei – ist Wut auf die Verhältnisse womöglich größer, wenn sie in einer Stadt stattfindet, die so bieder ist wie ihr Ruf?

Sie spielt eine Rolle. Aber eher durch ihre Kessellage als das Biedere. Sicher ist in Stuttgart vieles spießig, vor allem aber ist alles sehr begrenzt und damit eng. Zumal sich die Wut durch Stuttgart 21 bekanntermaßen bis in bürgerliche Schichten gefressen hat.

Stichwort Wutbürger.

Genau. Stuttgart ist Städten wie Hamburg allerdings nicht nur wegen der Proteste ähnlicher geworden. Die Räume für Kreativität werden ja auch in den Metropolen weniger, nur dass es in Stuttgart keine so lange Geschichte freier Räume wie in Berlin etwa gibt, das derzeit nach und nach gentrifiziert wird. Stuttgart war schon immer gentrifiziert; andererseits zeigt die Entwicklung des HipHop bei uns ja, dass es offenbar früher auch schon solche Freiräume gegeben haben muss. Aber ich fühle mich wohl hier. Und sich Räume zu erkämpfen ist oft schwierig, aber wir finden immer wieder welche.

Zum Beispiel?

Am Nordbahnhof, wo wir unsere ersten Konzerte in alten Waggons gespielt haben. Das ist jetzt allerdings weg seit einem halben Jahr.

Und was ist da jetzt?

Na nichts. Aber als uns diese Fläche 1999 zur Verfügung gestellt wurde, war bereits klar, dass wir sie ab einem bestimmten Bauabschnitt des neuen Bahnhofs wieder zurückgeben. Das war vorigen Herbst der Fall.

Dann seid ihr von Stuttgart 21 ja quasi körperlich betroffen.

Ja, aber in gewisser Weise auch positiv. Ohne Stuttgart 21 hätte es diesen Kulturort womöglich nie gegeben.

Das klingt schizophren.

Das ist schizophren. Deshalb haben wir uns neue Biotope gesucht und auch gefunden. Aber das macht ja die Musikszene in Stuttgart so schön, weil sich die verschiedenen Projekte und Bands auf so engem Raum immer wieder treffen. Das ist fast wie Weilheim.

Das Notwist-Dorf.

Nur eben nicht so provinziell.

Das ganze Interview steht unter http://www.musikblog.com/2014/02/wir-mussten-unseren-unhoerbaren-noise-zum-erfolgserlebnis-erklaeren-die-nerven-im-interview/

Freiheit – schon dieses Wort. Scheußlich, grauenhaft. Und wie hohl es geworden ist. Freiheit, das ist nur noch die des Bleifußes. Diejenige, falsche Parteien zu wählen oder das richtige Deo. Zur Promiskuität, zum Einkauf, zu weniger Hautirritationen und mehr Abwechslung im Fertiggerichteregal. Die Freiheit von einst wurde zur Unfreiheit von heute, und daran ändert auch der nichts, der sie maskiert. Als Liberalität zum Beispiel. Oder Libertatia, wie das neue Album von Ja, Panik.

Dieser Freiheitsbegriff klingt zunächst mal auch dann fahl, ja falsch, wenn ihn Andreas Spechtl verwendet. “Wo wir sind, ist immer LIBERTATIA“, krächzt der Berliner Poesiepopper aus Österreich durchs Auftaktstück der fünften Platte. Und er tut es gewohnt mehrsprachig für “unsere brothers and sisters“, für alle “not sans papiers, but sans patrie“, die er “worldwide befreit von jeder Nation”. Es ist ein heiteres Revoltieren, das Ja, Panik da praktizieren. “One world, one love: LIBERTATIA.” Sollen wir ihnen das abkaufen wie der Werbung ihre Glücksversprechen oder der FDP den Steuern-Runter-Liberalismus?


Neuverfilmungen: Charles Dickens & Arte

Unterhaltsamer Aufklärer

Arte widmet den knallbunten Sozialstudien der Viktorianischen Epoche des Schriftstellers Charles Dickens einen Schwerpunkt mit drei Neuverfilmungen seiner Werke. Das ist nicht nur spannend anzusehen, sondern sagt auch etwas über unserer Zeiten.

Von Jan Freitag

Die Konsumgesellschaft schafft sich ihren Überfluss auf den verschiedensten Gebieten. Autos, Frischfleisch, Fernreisen und alles was glitzert, quasselt, blinkt, dazu die neuesten Trends von Apple, Ikea, H&M – es gibt einfach zu viel zu viele Produkte für viel zu viele Menschen mit viel zu vielen Bedürfnissen für ein vielfältiges Fortkommen dieses Planeten. Und die Liste ließe sich ja leicht ergänzen. Auf dem Bildschirm zum Beispiel, daheim im Wohnzimmer oder größer auf Leinwand. Wer, bitteschön, braucht  schließlich 22 Filmversionen ein und desselben Romans? Antwort: Kommt ganz drauf an.

Denn Dickens’ Schlüsselroman Oliver Twist, je nach Quellenlage das wohl meistadaptierte Buch nach der Bibel, mag nämlich seit James Stuart Blackdons stummer Schwarzweißvariante von 1909 mal sehr sinnig, mal eher sinnlos verfilmt worden sein; auch die 23. Fassung hat bei aller Patina einer 175 Jahre alten Erzählung wenig von deren zeitgeistiger Kraft verloren. Besser gesagt: Charles Dickens hat es nicht. Seit Oliver Twist oder der Weg des Fürsorgezöglings seinen Ruf 1839 als unterhaltsamster Analytiker des Viktorianischen Zeitalters begründen half, ging nämlich beinahe jedes seiner großen Werke in die Literaturgeschichte ein: Ob nun David Copperfield, Eine Geschichte aus zwei Städten oder das viel zitierte Weihnachtswunder um Ebenezer Scrooge – was immer der autodidaktisch gebildete Sohn eines bettelarmen Postschreibers aus Portsmouth zu Papier brachte, es skizzierte die Epoche der frühen Industrialisierung besser als jede akademische Schrift und wurde bereits zu Erstveröffentlichungszeiten zum Bestseller.

In diesem Licht zeigt der Kulturkanal Arte ab heute also nicht nur eine weitere Sammlung bonbonbunter Fernsehfilme nach Charles Dickens; die drei mehrteiligen Erstausstrahlungen neuer Interpretationen zum 101. Geburtstag des britischen Großliteraten fügen dem adaptierten Werk durchaus neue Seiten hinzu. Und das liegt zunächst an Timothy Spall. Wie der Londoner Theatermime mit reichlich Harry-Potter-Erfahrung Oliver Twists Gegenspieler Fagin interpretiert, liefert er eine der wunderbarsten Figuren schurkiger Fiktion überhaupt. Sir Alec Guinness, George C. Scott, zuletzt Ben Kingsley – der hehlende Diebesbandenchef wurde von wahrhaft großen Vorbildern verkörpert; doch verglichen mit Spalls Darstellung kommen sie alle wie Chorknaben weg.

Und genau darin liegt bekanntlich der Mehrwert des Remakes alter Filme begründet: War der Film noch lange nach der glattgeleckten Technikolor-Ära stets um ein Mindestmaß an Sauberkeit und ordnungsstiftender Milde bemüht, so traut sich das Kino heutzutage, Abgründe auch wirklich als solche zu zeichnen, statt Cowboys stets gebügelte Hemden zu verpassen. Das zeigt sich auch in den zwei anderen Adaptionen der Arte-Reihe: Das Geheimnis des Edwin Drood von Diarmund Lawrence und Brian Kirks Große Erwartungen. Ersterer bebildert Dickens drogenbetäubte Phantasmagorie des Kantors John Jasper mit düsterer Tiefe, letzterer den wellenförmigen Aufstieg des Waisenjungen Pip mit grandioser Opulenz. Wie Oliver Twist machen beide Romanvorlagen somit Menschen zu Hauptfiguren, die zur Zeit ihres Entstehens bestenfalls Sidekicks sein durften: Die Unterschicht. Vor Dickens nämlich hat sich kein Autor von vergleichbarer Strahlkraft den Verhältnissen des industrialisierten Umbruchs aus Sicht ihrer Verlierer gewidmet. Seine Protagonisten mögen schlammverkrustet sein, kriegen aber allesamt ein Gesicht, das selbst die der literarisch beherrschenden Upperclass überstrahlt.

Überhaupt Kritik am Klassen- und Ständesystem zu üben, war damals ja verpönt. Sie auch noch über jene am unteren Rand zu äußern, galt als ausgeschlossen. Umso erstaunlicher, dass Dickens Romane schon zu Lebzeiten Verkaufserfolge wurden – was zuweilen politische Folgen hatte. Oliver Twist zum Beispiel befeuerte seinerzeit die Erkenntnis, Armut sei nicht gottgegeben, sondern menschlich beeinflussbar, und Kriminalität eher alltags- als wesensgesteuert. Das muss man sich in Zeiten, da die Bild ein griechisches „Betrüger-Gen“ identifiziert und der Ruf nach staatlicher Härte gegen Mehrfachtäter anschwillt, stets vor Augen halten. Der Schwerpunkt: Charles Dickens kann dazu etwas beitragen. Und großartig unterhalten.

Oliver Twist (2 Teile): 13. und 20. Februar, jeweils 20.15 Uhr

Das Geheimnis des Edwin Drood (2 Teile): 27. Februar, 20.15 und 21.15 Uhr

Große Erwartungen (3 Teile): 6. März, 20.15, 21.07 und 22 Uhr


Judith Holofernes: Popstar & Feministin

Der Prüfstein ist das Altern

Judith Holofernes bezeichnet sich als Feministin und kämpft seit jeher gegen die Klischees des Pop an. Zugleich allerdings ist sie seit dem großen Erfolg ihrer Band Wir sind Helden das Glamour-Girl des deutschen Indierock mit Zugang zu den Titelseiten großer Klatschmagazine.  Das wird sich kaum bessern, wenn die Berlinerin dank ihres ersten Soloalbums Ein leichtes Schwert noch mehr im Fokus steht. Ein Interview über Frauen in der Männerbranche, Kangurubäuche und warum sie eigentlich ganz normal ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Judith Holofernes, sind Sie eigentlich empfindlich, was die Sprache betrifft?

Judith Holofernes: Da bin ich bin sogar sehr empfindlich, aber weniger im Sinne von Political Corectness, als in einem ästhetischen, semantischen Sinne.

Als Sie für Arte eine Reihe über einflussreiche Musikerinnen moderiert haben, hieß sie allerdings Summer of Girls…

Das hat mich anfangs auch etwas gestört.  „Girls“ in Zusammenhang mit Erwachsenen ist eben falsch, so wie es bei Germany’s Next Topmodels meist den Tatsachen widerspricht. Aber Arte war da so offen, dass ich den Teleprompter variieren durfte. Deshalb habe ich, um damit nicht ständig Bauchschmerzen zu haben, in meinen Moderationen so oft es geht Girls durch Frauen ersetzt.

Wie reagieren Sie persönlich, wenn man Sie als Girl bezeichnet.

Mit lautem Protest. Aber auch, weil „Girl“ so wahnsinnig Nineties ist (lacht). Damals glaubten ja selbst Feministinnen, dass es okay sei, Frauen als Girls zu bezeichnen, solange es mit fünf „r“ geschrieben wird oder schlimmer: mit „ies“ am Ende. Girl ist völlig over. Um auch mal ein paar Anglizismen einzustreuen.

Bezeichnen Sie sich als Feministin?

Ja.

Ja?

Zumindest fühle ich mich einer feministischen Tradition verbunden, nenne mich deshalb aber nicht Feministin. Das klingt, als sei es das einzige, was mich definiert, wie ein Beruf. Wobei es viele gibt, die das beruflich ausüben, und denen bin ich sehr dankbar.

Sind Sie eher der kämpferische Typ Feministin der zweiten Generation oder der entspanntere, bewusste weibliche Typ Lipstick-Feministin?

Dazwischen. Das wichtigste ist, dass Frauen nicht denken, Feminismus betreffe sie nicht. Gerade in meinem Metier ist das Geschlecht alles andere als egal, die Oberfläche konstituiert uns darin mehr als alles andere. Das zeigt sich besonders in dem Moment, wo Musikerinnen, die sich bis dato für unfassbar emanzipiert, sogar befreit gehalten haben, zurückfallen in alte Verhaltensmuster. Und das passiert gerne…

Wenn man alt wird?

.. genau, vor Allem im Pop. Ansonsten: wenn Kinder dazu kommen.

Bei Ihnen auch?

Ja, Kinder zu kriegen macht unsichtbare Grenzen sichtbar. Und zeigt, wie unterschiedlich Männer und Frauen ihr Elternsein gespiegelt kriegen. Mein Mann und ich sind in der Erziehung so gleichberechtigt, wie überhaupt möglich, da unser Beruf ja nicht nur identisch ist, sondern auch unser Arbeitsplatz. Trotzdem fällt auf, dass Pola…

Ihr Mann und Schlagzeuger.

… permanent Schulterklopfen für identische Erziehungsarbeiten erntet, die mir entsprechend von meinem Arbeitskonto abgezogen werden, als würde ich mich vor ihnen drücken. Wenn ich ein Interview gebe und nebenan schreit unser Baby an Polas Schulter, werde ich oft gefragt, wie ich mich dabei fühle, eine Frage, die ihm sicher nie gestellt wird. Da ist viel Rabenmutterdenken im Subtext, jedenfalls kein Anflug von Anerkennung eines stinknormalen Zustandes zweier moderner Menschen, die sich arbeitsteilig um den Nachwuchs kümmern. Jedes Gespräch mit Fremden über mein Leben beginnt damit, wie besonders es sei.

Ein Grund mehr zu fragen, wie emanzipiert die Popmusik als Ganzes ist.

Gute Frage.

Wie emanzipiert ist zum Beispiel Lady Gaga, die ausschließlich Oberfläche ist und Null Inhalt, den Verwertungsmechanismen des Weiblichen in einer Männerwelt wie dem Pop also wieder so genüge leistet wie zuletzt die hypersexualisierten Sängerinnen der Disco-Ära?

Sie ist es nur zum Teil. Künstlerinnen, aber auch Künstler, die vor allem Oberfläche sind, gab es ja immer. Solange sie kreativ und selbstbestimmt ist, finde ich das großartig. Aber Frauen lernen eben eher als Männer genau dann ihre Grenzen kennen, wenn sie über die Oberfläche hinauszugehen versuchen. Und das würde auch eine Lady Gaga schnell zu spüren bekommen. Frauen die, egal in welchem Medium, über Inhalte funktionieren wollen und in dem Zuge darauf scheißen, wie sie aussehen, sind in der Regel zum Scheitern verurteilt. Wenn ich für eine Talkshow stundenlang in der Maske sitze, denke ich mir oft: Das entspricht doch gar nicht meinem Beruf, für den ich ja in Show eingeladen wurde. Das Verhältnis von Oberfläche zu Inhalt ist bei Frauen im Fernsehen weit mehr verrutscht als bei Männern.

Und der Ausweg?

Ich könnte die einzige sein, die sich diesem Mechanismus verweigert, aber die Entscheidung, in diesem Kontext natürlich aussehen zu wollen, entspricht der, beschissen auszusehen. Denn unter den Hochglanzfassaden der anderen Gäste entspräche ungeschminkte Normalität in der hochauflösenden Digitalbildsprache von heute totaler Verwilderung.

Sie verweigern sich also nicht?

Im Rahmen des Möglichen doch. Wenn ich für eine Sendung meine Berliner Lieblingsorte zeigen soll, setze ich schon durch, dass ich nicht an jedem davon ein anderes Kleid anhabe und Inhalte im Vordergrund stehen. Dafür musste ich erstmal lernen, anderen Schwierigkeiten machen zu können. Aber das war ein langer Weg.

Den Sie sich über den Erfolg erarbeitet haben?

Auch, aber mehr durchs Dienstalter. Und durch innere Freiheit. Ein Grundproblem echter Gleichberechtigung ist ja auch der Wunsch, alle glücklich machen, nett sein, gut aussehen zu wollen, den Frauen eher stärker haben. Dieses Bedürfnis aufzugeben ist ein immens großer Schritt.

Kennen Sie den Begriff des Femizissmus?

(lacht) Nee.

Die britische Journalistin Charlotte Raven beschreibt damit das Phänomen, dass Frauen sich zwar ausziehen und hübsch machen wie immer, das aber als selbstbewussten Weg zum Erfolg deklarieren.

Und der Prüfstein dafür ist das Altern. Selbst Madonna, die ihre ganze Existenz auf optischen Kriterien aufgebaut hat, muss ihre Jugend zwingend konservieren, sonst funktioniert sie nicht. Ich kann ja nachvollziehen, dass Frauen aus Sexualität Macht gewinnen wollen, das machen Männer ja auf ihre Weise auch, aber es ist ein zeitlich begrenztes Machtinstrument.

Hätten Wir sind Helden den gleichen Erfolg, wenn die schöne Sängerin mit dem blonden Haar nicht an der Bühnenkante stehen würde, sondern hinterm Schlagzeug sitzt?

Lieb von Ihnen, danke. Lustiger Punkt, dazu fällt mir ein Beispiel ein, in dem ich von Sexismus betroffen bin. Wenn ich unter befreundeten Musikern bin, also in einem weniger oberflächlichen Kontext, unter Kollegen, merke ich immer mal wieder, dass die sich die Erfolgsdifferenz schönsaufen über die Tatsache, dass ich eine Frau bin. Nur so halten das einige Männer aus.

Das könnte ja auch einfach eine Tatsachenbehauptung sein, angesichts von Bands wie Juli und Silbermond, die einen Teil ihres Erfolgs aus der Attraktivität der Musiker, vor allem am Mikro generieren.

Gegenbeispiel: Es gibt auch sehr erfolgreiche Männerbands, die ihren Erfolg aus Oberfläche beziehen. Kapitalistischer Pop funktioniert ganz allgemein mit attraktiven Merkmalen besser. Es gibt zwar Ausnahmen wie Beth Ditto, aber so ein dickes Feigenblatt hat sich der Pop schon immer gehalten. Das ist ein Ablenkungsmanöver, so toll wie ich Beth finde. Ein Problem hat der Pop mit Frauen, die ganz normal aussehen. Das Selbe gilt für die Modeindustrie.

Sind Sie normal?

In gewisser Weise, aber man betrachtet mich nicht so. Als mein Sohn vier Wochen alt war, war ich mal auf der Aftershowparty vom Echo, also zu einem Zeitpunkt, wo Heidi Klum sich längst wieder Unterwäsche präsentiert. Ich dagegen habe so ein Sackkleid getragen, in dem man schlicht gar nichts von mir gesehen hat – auch nicht die 15 Kilo Mehrgewicht. Da fragte mich ein Journalist allen Ernstes, wie ich es geschafft hätte, schon wieder so schlank zu sein. Ich hab gesagt: komm mit auf´s Klo, ich zeig dir meinen Kängurubauch – und dass er genau von dem bitte schreiben soll. Ich möchte auf keinen Fall an diesem Mythos beteiligt sein, Frauen müssten nach der Geburt aussehen, als hätte ihr Kind im Blumentopf gekeimt oder es wäre ihnen aus der Nase gezogen worden.

Und, hat er´s verwendet?

Nein! Ich hab’s gegoogelt. Und das zeigt, wie groß der Wille zum Klischee ist, zum unmenschlichen Ideal. Ich definiere mich mehrheitlich über das, was ich tue, nicht über das, was ich darstelle; aber zu erleben, wie schlecht ich mich dann  doch fühle, wenn ich zwischendurch aussehe, als hätte ich zwei Kinder gekriegt, das hat mich wirklich erschreckt. Kein Wunder dass es inzwischen so was wie postnatale Anorexie gibt.

Hand aufs Herz: Warum hat Arte Sie zur Moderatorin vom Summer of Girls gemacht. Wegen Ihrer Kompetenz oder doch eher wegen der Optik?

Ich hoffe, weil sie fanden, dass ich für ein etwas interessanteres Frauenbild stehe als viele, die sonst so moderieren. Ich finde, Arte ist ein ganz toller Sender, und habe mich deshalb umso mehr gefragt, ob die eigentlich wussten, wen die sich da eingeladen haben, oder ob da nur jemand dachte: die ist doch so jung und… peppig.

Immerhin sind Sie schon das zweite Mal dabei nach „Durch die Nacht mit…“

…dem Comiczeichner Louis Trondheim.

Mit dem Sie perfekt Französisch parliert haben. Ist Arte Ihre kleine neue Liebe?

Eine alte. Mein Mann und ich haben uns nach langer Zeit wieder einen Fernseher gekauft, um Arte sehen zu können. Die Themenabende hab ich schon als Teenager gesehen und Hintergründe der Musik erfährt man längst nur noch dort. Etwa, wer hinter den unbekannten Frauen berühmter Songs steht – wer ist eigentlich Angie? Suzanne? Großartig.

Entwickelt sich da auch eine neue Liebe zum Fernsehen?

Nein. Es hat mich eher darin bestätigt, kein Fernsehen machen zu wollen. Wenn ich etwas anderes machen wollen würde, als diesen schwerfälligen Musikzirkus, in dem jeder Schritt immens viel Anschubenergie braucht, werde ich mir gewiss nicht das Fernsehen aussuchen, das noch viel schwerfälliger ist, wo noch mehr Oberfläche regiert. Da wird schon eine neue Klappe nötig, wenn bloß ein Haar absteht. So toll ich gutes Fernsehen finde – für mich taugt höchstens ein Internetformat ohne viel Aufwand, eher was Anarchisches, Rohes also.

Zur Vermittlung von Standpunkten, Meinungen, Botschaften taugt das Fernsehen mit seiner Riesenreichweite dagegen besser.

Man kann sich das Fernsehen durchaus zunutze machen, aber da reicht es mir, ab und zu in interessante Talkshows eingeladen zu werden. Ich sehe einfach gerne gute Gesprächsrunden, 3 nach 9, oder Zimmer frei, was man ja leider nur einmal machen darf – wie viele schöne Sachen. Wenn man irgendwann mit allen guten Sendungen durch ist, bleiben irgendwann nur noch bescheuerte Mainstreamformate übrig.

Apropos Mainstreamformate: Werden Sie sich je in der Bild äußern oder ist diese Tür auf ewig geschlossen?

Ehrenwort! Das Medium ist die Botschaft und in bestimmten Kontexten kann man auch denn sinnvollsten Inhalt nie sinnvoll kommunizieren. Dann sag ich lieber gar nix und singe bloß.


Brautkleidkaufkollektiv

fragezeichen_1_Wann immer in Film, Funk und Fernsehen geheiratet wird, kauft die Braut das Kleid vorab mit strahlender Mutter und quiekender Freundin. Merkwürdig

Unsere Gesellschaft, heißt es, vereinsamt in permanenter Kommunikation. Die multimediale Gegenwart hat das Lagerfeuer familiärer Fernsehrunden durch global vernetzte Flatscreens auf den Knien einzelner ersetzt und die Großkollektive früherer Epochen durch freiwillige Ein-Kind-Politik. In dieser Atmosphäre spielen auch uralte Gemeinschafsriten wie das Heiraten kaum noch eine Rolle. Da geht es, wenn überhaupt, im kleinsten Kreis zum Standesamt, hinterher schick essen gehen. Fertig. Nicht fertig, meint dagegen die heiratsaffine Abendunterhaltung der Marke Rosamunde Pilcher bis Julia Roberts und dringt unverdrossen auf klassische Verpaarungsformen. Und ein gerne wiederkehrendes Symbol dieser Sakramentsinitiative ist schneeweiß und wird gemeinsam gekauft: Das Brautkleid.

Denn wann immer Film- und Fernsehen Hochzeiten anberaumen, geht die Braut vorab mit ihren zwei besten Freundinnen – eine davon ist natürlich Mama – zum Brautkleidkauf in einen Brautkleidgeschäft mit Brautkleidkreischatmosphäre zum Piccolo, und grundsätzlich muss entweder schon dort oder später beim Anziehen der Bräutigam reinschauen und fröhlich von den besten Freundinnen des Raumes verwiesen werden, weil Bräutigame das Brautkleid ja nicht vor … Dieser Ablauf ist in seiner betulichen Gestrigkeit ähnlich zeitgemäß wie das Entjungferungsrecht des Gutsherren, zieht sich aber so sehr durch Romanzen mit derartigem Happyend, dass nur ein Schluss möglich ist: Der Spielfilm spielt Kuppelmutter, mit dem „schönsten Tag im Leben einer Frau“ als Hauptrolle einer fiktionale Pflichtübung emotionaler Sender von ARD bis Sat1. So wird das Fernsehen zur Heiratsmesse, nicht selten in der werbefreien Zeit.


Gold bis Blech & alt statt neu

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. Februar

Die vorige Woche war fraglos eine der richtig tollen Nachrichten. Rupert Murdochs deutscher Ableger des Bezahlkanals Sky zum Beispiel vermeldete für 2013 erstmals in seiner Geschichte – wenngleich er sich nach Steuern in 132 Millionen Euro Minus verwandelt – einen operativen Gewinn. Dann gab RTL auch noch bollestolz bekannt, all seine Daily Soaps fortzusetzen, womit Unter uns im November die 5000. Folge feiern darf und die Genremutter GZSZ im August zuvor gar schnapsrunde 5555. Zu guter Letzt bejubelte der private Rentnersender Sat1 am Montag voriger Woche satte 41 Prozent Zuschauer der jungen Zielgruppe, was zwar noch imposanter klänge, wäre das Superbowlfinale nicht weit vorm Morgengrauen gelaufen, aber gut. Ach ja – und dann haben ja die Olympischen Spiele begonnen.

Das Mega-Event, die Super-Sause, der Vater aller PR-Partys. Und um das rentabelste Fernsehwintersportereignis noch auszudehnen, wurden schon vor der Entzündung des Feuers am Freitag erste Medaillen vergeben. Gold im Strippenziehen gewann Gafur Rakhimov, usbekisches IOC-Mitglied, das wegen Verstrickungen ins internationale Verbrechen Einreiseverbot in diversen Ländern hat, die Spiele aber dennoch nach Sotschi lotsen konnte. Arkady Rotenburg, langjähriger Judojugendfreund Wladimir Putins, gewann dank Aufträgen über 7,36 Milliarden Dollar im Dreikampf Schmieren, Bauen, Dumm-und-dämlich-Verdienen. Sieger im politischen Profitieren wurde wie erwartet Russlands Präsident, der die Übertragung aus Sotschi um einige Momente zeitversetzt, um unliebsame Bilder filtern zu können.

Allerdings teilt der Favorit seinen Sieg mit dem Terrorfürsten Doku Umarow, dem Putins korrupter IOC-Mob die bestmögliche Kampfbahn vor die nordkaukasische Haustür baute. Trotz großer Konkurrenz in der Disziplin Schönfärberei oben auf dem Podest: Wolf-Dieter Poschmann. Der stockkonservative Weltkriegsveteran des deutsche Sportfernsehens schaffte es, Wladimir Wladimirowitschs erstaunlich pathosfreier Eröffnungsfeier im ZDF über Stunden im Brustton des Jubels zu attestieren, sie würde nicht nur die besten Spiele aller Zeiten einleiten, wie IOC-Verweser Thomas Bach bereits bei seiner Rede wusste, sondern auch die problemlosesten. Dass dies nicht der Fall sein wird, haben auch seine ARD-Kollegen am ersten Olympia-Wochenende zwar immer mal wieder eingestreut. Poschmann erhält die begehrte Medaille aber dennoch stellvertretend fürs gesamte deutschen Sportfernsehen, vor allem Eurosport, die die zweite Silbe ihres Namens nun wirklich völlig unpolitisch definieren.

Nur Blech dagegen gab es im Demonstrationswettbewerb Demokratie für den Umweltaktivisten Jewgenij Witischenko, dessen Bewährungsstrafe wegen Protests gegen den Bau einer Gouverneursvilla in Sotschis Naturschutzgebiet kurz vor Spielebeginn in eine Haftstrafe verwandelt wurde, weil er an einer Bushaltestelle Schimpfworte benutzt habe. So unflätige Begriffe wie „Menschenrecht“ oder „Demokratie“ könnten empfindsame Gemüter beeinträchtigen. Frauen zum Beispiel, solange sie nicht einfach auf den weiblichen DMAX-Ableger TLC umschalten dürfen, der seine Zuschauerinnen erst ab April mit Formaten von Fashionistas – Shoppen mit Stil über Cake Boss – Buddys Tortenwelt bis Mein Traum in Weiß von politischen Flausen abhält. Fernsehen kann so simpel sein.

TV-neuFrischwoche

10. – 16. Februar

Es könnte auch neu sein, stünde derzeit nicht alles so derart im Schatten des Sports. Winterlichem tagtäglich von früh um 6 bis abends nach acht auf zwei bis drei Programmen. Sommerlichem Dienstag und Mittwoch beim DFB-Pokal im Ersten. Das heißt für diese Woche: Bis auf Natalia Wörner als gewohnt uncoole, aber unterhaltsame Ermittlerin Unter anderen Umständen, heute im ZDF, gibt es kaum frische Fiktion. Kein ARD-Mittwochsfilm etwa. Und auch keine kritischen Sachfilme mehr zum Aberwitz von Sotschi. Weshalb das Erste lieber lauschige Naturprosa wie Der Große Kaukasus zeigt.

Süß.

Aber immerhin nicht gebraucht. Wobei ja auch das unterhalten kann. Christian Petzolds famoses Drama Yella zum Beispiel mit Devid Striesow und Nina Hoss, heute um 21.45 Uhr bei Arte. Oder Samstag im Disney Channel die Zeichentrick-Perle Robin Hood von 1973. Allen Ernstes sehenswert ist morgen auf Sat1 auch die leicht abgehangene Komödie All You Need Is Love, die trotz des dämlichen Untertitels Meine Schwiegertochter ist ein Mann zum Besten gehört, was der Mainstream hierzulande je zum Thema Homosexualität zustande gebracht hat.

Neu, aber aus dem Kino ist Samstag auf Servus TV dagegen das schwarzweiße Porträt prekärer New Yorkerinnen Frances Ha mit der fantastischen Greta Gerwig. Neu, aber in Serie ist der französisch-deutsche Dreiteiler Carlos über den Topterroristen der 70er (Donnerstag auf Arte). Neu aber irgendwie steinalt ist der Ludwigsburger Tatort am Sonntag. Neu, aber eher was für extrem Kultivierte: Die Verleihung der Berlinale-Bären am Samstag ab sieben auf 3sat. Neu, aber fast noch abseitiger: die preisgekrönte deutsche Doku Preis des Goldes über einen mongolischen Goldrausch, Dienstag kurz vor elf auf Bayern 3. Neu, aber wohl etwas arg politisch für den Massengeschmack: Die Reportage RLF über ein Berliner Projekt, das mit Kunstobjekten eine Revolutionsbewegung finanziert. Neu, aber selbst für hartgesottene Fans bestenfalls Ersatzdroge: Welcome Home, die Rückkehr der Dschungelcampinsassen. Kein Wunder, dass der Tipp der Woche doch wieder was Altes empfiehlt: Der deutsche Urhorrorfilm schlechthin Das Cabinet des Dr. Caligari von 1929, Mittwoch um elf auf Arte, im Anschluss an eine Dokumentation zum Thema.