H. Huntgeburth: Tom Sawyer & Huck Finn

Echter Dreck

Hermine Huntgeburths Abenteuer des Huck Finn erzählt am Freitag auf Arte wie zuvor schon ihr Tom Sawyer die Welt der Kinder mit den Augen Erwachsener – und ist gerade deshalb ein Film, der sie Kindern öffnen kann.

Von Jan Freitag

Füße sind visuell eher heikle Extremitäten. Als Gebrauchswerkzeuge weit strapazierter als die anderen Körperteile, sind sie selten ansehnlich und daher vornehmlich verhüllt zu sehen. Wer Füße gern nackt betrachtet, gerät folglich rasch in den Ruch fetischistischer Obsession. Nichts fürs Familienprogramm also. Dann aber beginnt dieser Familienfilm und er beginnt – genau: mit Füßen. Und nicht nur das. Es sind dreckige Füße, Kinderfüße zwar, beim Toben im Freien zumal, doch sie stehen so derart vor Schmutz, dass man den Hauptdarstellern schon beim Zuschauen eine robuste Reinigung wünscht. So geht es viele der gut 100 Minuten weiter: schlammige Sohlen, verkrustete Zehen, abendfüllende Waschverweigerung zur besten Sendezeit. Man könnte meinen Hermine Huntgeburth hätte einen Fußtick.

Hat sie aber nicht. Die Regisseurin von Bibi Blocksberg bis Effie Briest, von Die Weiße Massai bis Neue Vahr Süd hat höchstens den Tick, artifizielle wie bodenständige Themen gleichermaßen lebensnah zu erzählen. Und in ein deftiges Abenteuer der Marke Mark Twain gehört da nun mal ausreichend Mississippidelta-Schlacke wie der Ziegen-Peter zur Heidi. Kein Wunder, dass auch Huntgeburths Version von Mark Twains Saga über Tom Sawyer und seinen Freund Huckleberry Finn die Unsauberkeit zum alltäglichen Aggregatszustand diverser Protagonisten macht; zumindest auf dem Land präsentierte sich dass 19. Jahrhundert schließlich als eher unhygienische Angelegenheit: Gebadet wurde allenfalls Samstag. Zahnpflege, Hautpflege, Nagelpflege waren großstädtischer Ostküstenluxus. Gepflasterte Straßen und Schuhabtreter ohnehin. Was das Äußere betrifft, ging es weit derber er zu als in diversen Werken über diese porentief rein gefilmte Epoche.

Anders als dort ist Hermine Huntgeburths Huck Finn also tatsächlich Wilder Westen, wenngleich im Baumwoll-Süden. Es gibt die Guten und die Bösen, den noblen Sheriff und einen dreckigen Schurken, blitzende Messer und rasende Pferde, rauchende Colts, verrauchte Saloons und alles wird in etwa so gezeigt, wie es hätte sein können, im Jahr 1876, als der wohl berühmteste aller Jugendromane zugleich auf Deutsch erschien. Schließlich ist auch Twains Buch mehr als ein kindgerechter Lesestoff mit aufregender Rahmenhandlung, sondern womöglich das erste wirklich ernstzunehmende Teenagerdrama der Weltliteratur. Eine Coming-of-Age-Novelle übers Erwachsenwerden aus Sicht Betroffener, in der Heranwachsende nicht bloß Objekte elterlicher Pflichtzuweisung waren, sondern eigenständige Protagonisten in Abgrenzung zu den Altvorderen. Eigenständig denkend vor allem. Subjekte ihrer eigenen Vorstellungskraft.

Das angemessen umzusetzen, fiel all den ehemals Kleinen, die diese Welt der künftig Großen für Bildschirm und Leinwand bebildert haben, bislang jedoch seltsam schwer. Seit der ersten Stummfilmversion von 1917 gab es rund ein Dutzend Adaptionen; doch von Don Taylors TV-Fassung vor 40 Jahren mit der blutjungen Jodie Foster als schnuckelige Richtertochter Becky Thatcher bis hin zur 26-teiligen ARD-Serie Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn anno `79 galt die raue Wirklichkeit gern als zu schädlich für junge (wie alte) Zuschauerseelen.

Bei Hermine Huntgeburth ist das ein bisschen anders. Hier durfte Sawyers schlicht gestrickter Altersgenosse im ersten Teil eher historisch als politisch korrekt „das ist doch Niggerarbeit“ sagen, bevor ihm sein schlauer Mitschüler vom Reiz des Zaunstreichens überzeugte, während August Diehl im zweiten Teil als Hucks Vater Finn nicht nur düster, sondern geradezu diabolisch sein darf, und Henry Hübchen nebst Milan Peschel grandios schmierige Sklavenjäger geben, die Hucks schwarzem Freund Jim (Jacky Ido) nachhetzen. Keine Frage, auch Huntgeburths Huck Finn ist nicht frei von abgeschliffenen Kanten. Für sich genommen mag Kino, wie Nebendarstellerin Heike Makatsch zu Tom Sawyer bemerkte, „experimentierfreudiger, mutiger sein als das Fernsehen“. Wenn es wie hier gießkannengefördert für den Bildschirm koproduziert wird, muss das Leitmedium allerdings ein paar ästhetische Kompromisse eingehen. Die Sklaven geraten dann zuweilen etwas gesünder als in der Herrenmenschenwelt jener Tage, der Irrsinn starrer Konventionen aus Twains Vorlage wird oft nur angerissen statt ausdifferenziert. Die Grundmelodie ist heiterer, als es der knüppelharte Alltag jener Eroberungstage unbekannten Terrains eigentlich gestattete. Und wenn spielende Kinder unter Schäfchenwolken über blühende Wiesen laufen, machen VFX und CGI aus der südstaatlich pragmatischen Kulturlandschaft wie Twain sie beschreibt schon mal Tolkiens Auenland – aber bitte! Huck Finn ist und bleibt Unterhaltungsliteratur plus etwas Gesellschaftskritik für junge Leute. Nicht umgekehrt. „Und grad große Unterhaltung“, meint Regisseurin Huntgeburth, „bietet ja auch die große Chance, sozialpolitische Aussagen einfach mitzuliefern“.

Dabei helfen ihr neben den arrivierten Schauspielstars zwei keinesfalls unerfahrene, aber noch unverbrauchte Talente. Dank Louis Hofmann und Leon Seidel als jugendliches Odd-Couple Tom und Huck, kann Hermine Huntgeburth das Schicksal zweier, wie man heute sagen würde: sozial benachteiligter Waisen voll nostalgischer Leichtigkeit erzählen, ohne unablässig mit erhobenem Zeigefinger auf deren Lebensumstände zu zeigen. Wie sehr ihr gottesfürchtiges Milieu den fröhlichen Freiheitsdrang der jungen Schäfchen bekämpft, gerät im unverkrampften Spiel der damals kaum dreizehnjährigen Titelhelden eher zum Subtext als zum Wesenskern. Spürbar bleibt es dennoch. In fast jeder Sekunde.

Genau das ist ohnehin eine Stärke Hermine Huntgeburths, was sie zuletzt in der wunderbar verschrobenen Korruptionskomödie Eine Hand wäscht die andere mit Ulrich Noethen als korrupten Kleinstadtbeamten zeigte: sachliche, oft ernste Botschaften in leichtes, oft heiteres Entertainment zu verpacken. Bei Tom Sawyer, wird es zusätzlich durch die detailverliebte Ausstattung verstärkt, den verschwenderischen Kulissenbau, das Bedürfnis zu bildgewaltigem Realismus. Der Hafen von St. Petersburg, erklärt die Regisseurin, „wurde zwar fast vollständig am Rechner erstellt“. Andererseits konnte ihr Team im rumänischen Studio unter anderem die Reste des Westerndorfs aus dem Hollywood-Erfolg Unterwegs nach Cold Mountain nutzen. „So einen tollen Kostümfilm dreht man nicht alle Tage“, freut sich Huntgeburth daher noch drei Jahre und eine Fortsetzung namens Die Abenteuer des Huck Finn später über einen Teil ihrer Kindheit, mit dem sie vor allem Filmerinnerungen verbindet.

Etwa den ZDF-Vierteiler Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer von 1968. Noch so eine Adaption, in der die Wirklichkeit fernsehrein gebürstet wurde und das Vagabundenleben aufs Abenteuer geduziert. In der die Klamotten heil waren und die Füße sauber. Dass die bei Hermine Huntgeburth vor Dreck starren, ist da kein Zufall. „Nackte Füße stehen bei allem Freiheitsdrang ja auch für die vergangene Möglichkeit, unverletzt durch die Natur zu laufen.“ So wie es die Regisseurin als Kind noch getan hat. Lang ist’s her, die 55-Jährige seufzt. Aber ihr Film hilft ja beim Erinnern.

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Wettnostalgie & Jahresrückblicke

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

8. – 14. Dezember

Die Verlogenheit des Menschen zeigt sich bekanntlich nie deutlicher als zur Weihnachtszeit. Abermillionenfach missbraucht er das Kirchenfest zum Konsumrausch, gibt sich vermeintlich andächtig und holt ein paar Dezembertage nach, was im Rest des Jahres oft an Menschlichkeit fehlt. Wenn dann aber auch noch ausgerechnet die Bild den Taktstock des Mitgefühls schwingt, ist das Maß voll. Fast. Denn überlaufen tut es erst dann nachhaltig, wenn das Ballermannblatt wie vor acht Tagen ihr angebliches Herz für Kinder stundenlang im ZDF preisen kann.

Als wäre das nicht genug, durften bei der Live-Show aber obendrein gewissensfreie Profitriesen wie Coke (angeblich) kostenlos dauerwerben, was einem Sender-Sprecher auf Nachfrage – nein, keine Demut entlockte, sondern folgende Selbstverteidigung. „Der gemeinnützige Zweck wurde im Vorfeld der Sendung geprüft und positiv beantwortet worden“, sagt ein gewisser Peter Gruhne auf Nachfrage und verwies auf eingehaltene Werberichtlinien. Leider verdrängte er dabei sehenden Auges, dass es diese Art opportunistischer Bild-Hofierung ist, die dem Bösen seit jeher höflich die Steigbügel hält.

So wie es Abermillionen täglich auf Facebook tun, wenn sie dem Profitriesen willfährig mit gehobenen Daumen die Konten füllen. Damit das noch profitabler wird, plant Konzernchef Zuckerberg nun endlich den gesenkten Daumen einzuführen. Dass der nicht zulasten seiner Werbekunden geklickt wird, dagegen findet der Multimilliardär sicher ein Mittel, aber gewiss nicht dagegen, dass Klara Blums Bodensee-Tatort künftig mit Dislikes eingedeckt wird. Zum Glück für die arme Eva Matthes passiert das aber nur noch bis 2016. Dann tritt das ödeste aller Ermittlerteams endlich ab. Apropos – war da nicht noch was mit Abritten, in der vorigen Woche. Nein, nichts besonderes. Abgesehen vom Ende der Ära Wetten, dass…?. Nach 33 mal schönen, mal schlimmen, aber irgendwie nie endenden Jahren hat ihm Markus Lanz am Samstag ein letztes Mal mit nostalgischen Rückblicken gewürzt auf die ausgetretene Schleimspur geholfen hat. Knapp zehn Millionen Menschen sahen sich das windschiefe Requiem im Helene-Fischer-Sound an. Doch weder bei denen noch bei sonst irgendwem reißt das Ende der einst größten Fernsehshow Europas noch ein nennenswertes Loch in die Gegenwart.

0-FrischwocheDie Frischwoche

15. – 21. Dezember

In dem wähnte sich drei Jahre lang auch das Publikum tränennassen Emotainments, seit der Fernsehkuppelvater schlechthin Nur die Liebe zählt verlassen hat. Am Dienstag nun wird Kai Pflaume ersetzt, und nicht nur der Nachfolger Wayne Carpendale lässt Scheußliches befürchten. Auch der Sendeplatz. Sat1 sorgt schließlich seit Jahren für die besonders süffigen Momente des Mediums. Na, immerhin Humor gibt’s dort ab und an. Freitag zum Beispiel mit Zwei Weihnachtsmänner, vielleicht die lustigste Komödie zum Christfest mit den famosen Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka, der im Anschluss dann auch noch als Teil des saukomischen Weihnachtsgeschichte mit Wolfgang & Anneliese brilliert.

Wenn das Erste mal witzig sein will, wird es dagegen meist satirisch. Dieter Nuhrs kabarettistischer Jahresrückblick am Donnerstag um 22.55 Uhr dürfte also nicht grad den humoristischen Nerv des Privatpublikums treffen und von dem daher ebenso ignoriert werden wie Caren Miosgas und Thomas Roths politische Rückschau drei Tage zuvor. Sachlichkeit können die öffentlich-rechtlich halt mehr als Unterhaltung. Deshalb wollen wir an dieser Stelle auch nicht den zweiten Tatort aus Erfurt empfehlen, dessen Thema gewohnt bieder suggeriert, es gebe in Thüringens Hauptstadt allen Ernstes ein Rotlichtviertel. Und schon gar nicht den Bergdoktor, mit dem der heillos unterforderte Kabarettist Hans Sigl parallel dazu in neuer Staffel auf ZDF-Seife ausglitscht.

Wir wenden uns lieber Arte zu. Dienstag um 20.15 Uhr läuft dort passend zur aktuellen Entwicklung im Fall Edward Snowdon die tolle Dokumentation „Schweig, Verräter!“, in der das Phänomen der Whistleblower unter die Lupe genommen wird und warum vor allem die USA so große Angst vor ihnen haben. Oder 3sat, wo Wolfgang Beltracchi am Samstag (22 Uhr) den unvergleichlichen Christoph Waltz vorstellt. Nach fünf Folgen ist die Porträtreihe damit beendet. Dabei hätte sie mindestens die Zehnfache Zahl verdient. Wie Stefan Raab, der sich Samstag auf ProSieben zum 50. Mal (nicht) schlagen lassen will, dafür aber hoffentlich weniger als die sechs Stunden, neun Minuten vom 49. Versuch benötigt.

Bloß knappe zwei Stunden dauert indes der schwarzweiße Tipp der Woche am Montag zur besten Sendezeit auf Arte: Das Familiendrama Endstation Sehnsucht von 1951 mit dem blutjungen Marlon Brando im T-Shirt. Beim Farbtipp wünscht man sich noch mehr als 85 Minuten: Pappa ante Portas, Samstag im NDR, Erklärung unnötig.


Indiefriday: 1000 Gram, Sound of Yell, Flake Music

Sound of Yell

Dass die Natur nicht nur über einen äußerst eigentümlichen Sound verfügt, sondern auch ziemlich komplex vertont werden kann, hat schon so mancher klassische Komponist bewiesen. Bedřich Smetanas berühmte Moldau zum Beispiel verwandelte dessen böhmische Heimat 1882 in eine mal plätschernde, mal reißende Sinfonie. Im Spätbarock formte Antonio Vivaldi aus den vier Jahreszeiten einen schwingenden Violinzyklus gleichen Titels. Und bei Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre Die Hebriden wähnt man sich noch beinahe 200 Jahre später inmitten einer sturmumtosten Inselgruppe. Modernere Musik mit ihrer artifiziellen Instrumentierung neigt dagegen weit seltener zur Tonmalerei, wie es die großen Meister früherer Jahrhunderte noch taten.

Umso weiter ins Grüne fühlt man sich entführt, wenn Rafe Fitzpatricks Geige plötzlich klingt wie schreiende Möwen, wenn Alex Neilsons Percussion von Ferne ein Gewitter anzukündigen scheint und Peter Nicholsons Cello an einen surrenden Insektenschwarm erinnert. Kurzum: Wenn man das orchestrale Debütalbum des schottischen Soundtüftlers Stevie Jones hört, eingespielt mit einem Dutzend Klangvirtuosen aus seinem Glasgower Dunstkreis. Und es ist kein Wunder, dass Projekt wie Album gleichsam nach Naturereignissen benannt sind: Sound of Yell, so heißt die Band, nach einer wetterwilden Wasserstraße vor den Shetlands; Brocken Spectre, so heißt das Album, nach atmosphärischen Lichteffekten, die auch als Harzer “Brockengespenster” bekannt wurden.

Das Erstlingswerk von Stevie Jones betreibt zwar keine Tonmalerei, wie es Musik seit ihren Anfängen versucht. Es geht also nicht ums bloße Kopieren von Tierstimmen, Naturgewalten, Waldesrauschen. Mit ihrem psychedelischen Folkjazz im klassischen Gewand verortet sich das vielschichtige Kammerorchester unmissverständlich im Studio. Doch ohne je das Liedhafte zu verlieren, ziehen Sound of Yell ihre Hörer wie Betrachter einer Landschaftsmalerei aus der Zivilisation hinaus in die Natur. Brocken Spectre ist die Vertonung einer Sehnsucht nach Natürlichkeit. Ermüdet von Selbstoptimierungszwang, Smartphone und dem Fegefeuer der Eindrücke darf man kurz mal im lautstärkegedrosselten Hallraum des Ursprünglichen entspannen. Und das ist definitiv nicht als Flucht gemeint.

Sound of Yell – Broken Spectre (Chemical Underground); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/11/26/sound-of-yell_18964

Flake Music

Seit selbst Punkrock hochwertig produziert wird, ist die gute alte Garage auch im Bewusstsein von Kennern wieder aufs Abstellen von Automobilen beschränkt. Vor 20 Jahren aber, als Flake Music das brütend heiße Licht der texanischen Welt erblickten, da entwickelte sich in den Garagen Amerikas die Rockmusik auf neue Ebenen empor. Flake Music? Werden da viele fragen. Dass man das Quartett aus Albuquerque nicht unbedingt kennen muss, hat ganz praktische, aber auch ein bisschen glamouröse Gründe. Denn Sänger James Mercer machte aus Flake Music bald das Sideprojekt The Shins, die mittlerweile auch in Deutschland für gehaltvollen Indiepop stehen. Jetzt hat die Band einen Anflug zu ihren Wurzeln gestartet und der Reunion mit When You Land Here, It’s Time To Return einen passenden Titel verpasst.

Es ist ein wundervolle Kompendium der Ideen der mittleren Neunziger geworden, mit denen Mercer sich selbst und seiner Musik im Kreise der alten Kollegen ein kleines Denkmal baut. Mit der Lässigkeit der damaligen Abkehr vom kommerziellen Ertragsdenken, dass den artverwandten Grunge seinerzeit gekapert hatte, spielt When You Land Here, It’s Time To Return mit der Harmonielehre des Powerpop und der Verschrobenheit des Garagenrocks und macht daraus ein fabelhaftes Gute-Laune-Album, das man wunderbar nebenbei hören kann. Kein Lob für Intellektuelle, gewiss. Aber eines für Mucker, denen man ihre Leidenschaft für das, was sie tun, glaubt.

Lake Music – When You Land Here, It’s Time To Return (Sub Pop)

1000 Gram

Wir leben in trostlosen Tagen. Draußen lauert der Winter unterm Herbstlaub. Die Nachrichten sind voll Pest und Verwüstung. Was davon ablenken könnte, ist eher betäubend als unterhaltsam. Und was lustig gemeint ist, übertönt den Gefechtslärm mehr, als ihn vergessen zu machen. Da lindert es den dräuenden Novemberweltschmerz ein bisschen, wenn stille Tonlagen durch den Krach der Realität dringen, wenn aus Zurückhaltung Kraft entsteht und das wirklich Wesentliche in den Blick gerät. Bedürfte es eines Soundtracks gegen all das Ungute da draußen – 1000 Gram hätten ihn bereits geschrieben. Sogar zwei Mal.

Schon als die wohlbehütete Ordnung zusehends ungebremst den Bach runterging, hat ihr die deutsch-schwedische Band das seinerzeit tröstlichste Album der Saison verpasst. Zwei Jahre nach Ken Sent Me legt nun der Berliner Emigrant Moritz Lieberkühn weiter im Norden sein neues tiefenentspanntes Werk nach – und wieder hilft es durch die Ganzjahresdepression wie ein Sonnenloch im Frühjahrssturm. Es heißt Dances, was weniger physisch als metaphysisch gemeint sein muss: Zum Tanzen gebracht wird damit nicht der Körper, sondern die Seele. Wund geschossen vom Alltag, legt sich der folkige Power-Folkpop wie ein Kissen unters Gemüt und gönnt ihm ein Päuschen.

Dass man daraus gar nicht mehr erwachen möchte, hat viele Gründe: Ein versiertes Songwriting, dessen Harmonien nur selten in Gefühlsduselei zerfließen, wie es bei derartigem Wohlfühlrock oft der Fall ist. Gitarrenriffs, die ihrer Flächigkeit mit Präzision trotzen, zwischen Gitarrensoli, die sich jeder Selbstverliebtheit enthalten. Das Ganze voller unaufdringlicher englischer Texte übers innere Ringen mit dem Leben vor der Tür, was trotz deutscher Muttersprachlichkeit nie nach Dictionary klingt. Und nicht zuletzt Lieberkühns hoffnungsfroh melancholischer Gesang, der am Ende der Strophen manchmal eine Spur zu hoch hüpft, als wolle er sich vom Korsett strikter Dramaturgie befreien. 1000 Gram machen Mainstream für die Minderheit und verschaffen ihr damit ein Gefühl von Leichtigkeit, nicht ständig nach Erhabenheit zu streben. Zumindest für ein paar Augenblicke. Mehr kann solche Musik kaum wollen.

1000 Gram – Dances (Fixe Records); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/11/24/1000-gram_18954


Markus Lanz: Kältekammer & Wettcouch

lanzFernsehen verändert Meinungen

Vor drei Jahren, Thomas Gottschalk fummelte noch an seinen Wettpatinnen rum und Markus Lanz (Foto: ZDF) allenfalls an Talkshowkärtchen, da begab sich der Südtiroler zum 100. Geburtstag der  Jahre Antarktis-Eroberung auf einen Wettlauf zum Südpol. Im Gespräch über Grenzsituationen, Draufgängertum und Kuschelmoderationen war wenig von seinem späteren Scheitern bei Wetten, dass…? zu spüren. Es sei denn, man liest zwischen den Zeilen. freitagsmedien helfen dabei und dokumentieren den Text von damals.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lanz, 400 Kilometer durch Schneestürme bei minus 40 Grad – das ist selbst für einen Globetrotter wie Sie nicht ohne. Haben Sie Angst vor der Aufgabe?

Markus Lanz: Sicher. Auf 3000 Metern in der Antarktis kommt man sich durch atmosphärische Bedingungen vor wie auf 4000 Metern, was extrem an der Kraft zehrt. Dass man dort irgendwann mal merkt, da kommt nix mehr und trotzdem bei Kopfschmerzen und eiskaltem Wind 40 Kilometer am Tag zurücklegen soll, davor habe ich schon Angst.

Eine körperliche oder eher die Sorge, es könnte nicht klappen?

Noch eher letzteres, aber je näher der Termin rückt, wächst die Angst und wird in dem Moment, wo man aus dem Flugzeug geworfen wird und plötzlich in diesem unendlichen Weiß steht, sehr konkret. Wovor genau, ist zunächst mal schwer greifbar, weil einem der Kopf ja an das Team im Rücken erinnert. Instinktiv aber spürt man, dass du als Mensch in dieser Gegend nichts verloren hast. Nicht umsonst war da nie jemand bis auf ein paar Forscher.

Nicht mal Eingeborene.

Nicht mal die. An grönländischen Jägern fasziniert mich ja am meisten, dass sie der feindseligen Einöde ihres Lebensraumes eine Existenz abtrotzen; während hunderte von Expeditionsteilnehmern darin umgekommen und selbst die zähen Wikinger entnervt wieder abgewandert sind, saßen die Inuit da und erfreuten sich bester Gesundheit. Das ist eine stetige Meisterleistung in der Kunst des Überlebens, die all unser Hightechscheiß nicht ersetzen kann, aber am Nordpol fehlt sogar dieses Vorbild. Das macht umso mehr Furcht.

Ist die für Sie Motor oder Bremse?

Wenn man die Angst davor verliert, sich im Zweifel einzugestehen, dass man nicht mehr kann, wird Angst zum Motor. Dann bewahrt sie auch vor Übermut. Reinhold Messner sagte mal, seine eigentliche Leistung sei nicht gewesen, auf all die Achttausender hochzukommen, sondern wieder runter.

Wegen dieses Rausches, der den Zeitpunkt zum Abstieg gefährlich verzögern kann?

Genau, dieser Moment kostet viel Antrieb. Die Versuchung, im Zustand der Ruhe zu verharren, ist riesig. Da muss man sich schnell in den Arsch treten und das Zelt aufbauen oder umkehren.

Woher rührt Ihr Abenteuergeist, sich als Familienvater in derlei Grenzsituationen zu begeben?

Weil ich kein Draufgänger bin, braucht sich meine Familie keine Sorgen um mich zu machen und ich muss diesen Wettlauf auch nicht gewinnen. Im Zweifel sage ich: Abbrechen! Denn ich bin in erster Linie ein Naturfreak, der in Schnee und Eis auf dem Berg groß geworden ist, wo es neun Monate winterlich ist und drei Monate kalt, wie man bei uns sagt. Wenn es regnet, geht man da ins Haus, wenn es schneit raus, denn Schnee ist was Schönes, das steckt tief in mir. Und ich bin ein Wüstenfan – ob Eis oder Sand, wobei ich vor der Großen Arabischen Wüste, die ich gern mal durchlaufen würde, weit größeren Respekt habe. Gegen Kälte kann man im Zweifel unbegrenzt viele Lagen anziehen, gegen Hitze aber nicht unbegrenzt viele aus.

Ein Pauschaltourist steckt offenbar nicht in Ihnen.

Nein, so sehe ich auch nicht aus. Mein Gesicht ist in der Regel wettergegerbt, aber vom Hals abwärts bin ich schneeweiß.

Klingt nicht sehr fotogen.

(lacht) Angezogen sind die Bilder von Leuten wie mir im ewigen Eis auch nicht sehr ergiebig. Interessant für den Zuschauer wird eher das Zwischenmenschliche; wie die Teams funktionieren und mit offenen Füßen zurechtkommen. Wer drei Wochen nicht duscht, eklige Sachen isst und in vereisten Zelten schläft, ist sicherlich ein harter Hund, aber kein Draufgänger. Schließlich kann heute jeder eine Expedition zum Nordpol im Reisebüro buchen, das ist keine Heldentat, sondern eine Frage des Kleingelds. Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte; die künftigen Abenteuer führen ins Gehirn.

Dann reisen wir nach innen?

Gewissermaßen.

Wenn man wie Sie in Extrembereiche vordringt – was bietet der Alltag dann noch für Herausforderungen?

Kinder sind auch eine Herausforderung (lacht). Und die größte ist, anständig alt zu werden; die Versuchung, sich mit Botox zu verjüngen ist schließlich groß. In Würde ein erhaltenswertes Nest zu bauen, dass ist ein Abenteuer.

Verliert man nach Wochen im Schnee- oder Sandsturm das Risikobewusstsein auf einer innerstädtischen Hauptverkehrsstraße?

Im Gegenteil. Wenn man von solchen Touren zurückkehrt, spürt man erst wie wenig gut einem das Überdrehte, Laute, Hektische der Zivilisation tut. Demgegenüber kommt man in der Einsamkeit erst mal dem Wahnsinn nahe, weil das Monster im Kopf des Medien- und Erlebnisjunkies von einer Sekunde auf die andere nicht mehr gefüttert wird. In den ersten Tagen langt es ständig in die Tasche auf der Suche nach dem Handy, so überhitzt sind wir.

Beunruhigt Sie die aktuelle Terrorgefahr mehr als drei Wochen Antarktisabenteuer?

Ehrlich gesagt ja. Mein naives Vertrauen von früher irritiert mich gerade sehr. Aber gefährlicher als die konkrete Gefahr ist das, was sie in unseren Köpfen anstellt. Man muss aufpassen, nicht alle Muslime in Sippenhaft zu nehmen.

Passiert Ihnen das trotzdem manchmal?

Ja. Auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte sah ich in der Fußgängerzone drei Frauen mit Kopftuch; ein Anblick, der in Köln seit Jahrzehnten Normalität ist. Trotzdem zucken im Straßencafé reihenweise die Köpfe rüber, auch meiner. Das sieht man, wie leicht die Gesellschaft vergiftet wird. Die Gefahr besteht auch in der Terrordebatte.

Hindert Sie die am Weihnachtsmarktbesuch?

Nee, aber auf die gehe ich auch ohne Terrorwarnung nicht gern. Man darf sich nicht einschüchtern lassen.

Viel konkreter, nur weniger konsequent bekämpft, ist ja die Gefahr des Klimawandels.

In der Tat.

Hat der „Wettlauf zum Südpol“ da eine Botschaft?

Keinen dogmatischen, moralinsauren. Aber unterschwellig stellt sich in dieser Erhabenheit der Natur unweigerlich die Frage, wie lange es die noch gibt. Denn wir werden ungewöhnliche Wetterlagen erleben. Da, wo wir hingehen, schneit es zum Beispiel grad wie wahnsinnig, weil die erwärmten Meere mehr kondensiertes Wasser in die Atmosphäre entlassen. Sonst ist es im Inlandeis niederschlagsfrei. Ich denke, das wird die Regie auch thematisieren.

Abseits ihres Umweltengagements gelten Sie ja als Kuschelmoderator…

Aha, jetzt kommt das also. Warum eigentlich? Ich bin doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt?!

Reden wir von ihrem Ruf, nicht wie es dazu kam: Ist so eine Reise auch ein Mittel, dem Image entgegenzuwirken?

Das habe ich nie versucht und sollte es auch besser lassen. Sinnlos. Einmal in der Welt, zementieren sich solche Klischees unabhängig von der Realität. Das bewegt mein Weltbild nicht ernsthaft, sonst müsste ich mir medial die Kugel geben.

Ärgert es Sie trotzdem?

Sicher. Sehen Sie – mein Buch über Grönland ist gerade zum Bildband des Jahres gewählt worden. Da entsteht sofort der Reflex: logisch, der Lanz kann das ja auch super promoten. Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit. Mit PR allein schafft auch ein Schrottbuch ein paar Tausend Exemplare; richtig gut verkauft sich aber nur ein hochwertiges. Früher hätte ich an dieser Stelle gesagt, da stehe ich drüber. Aber nein – es nervt!

Vielleicht sind Sie einfach im falschen Medium tätig. Sie selbst sagten ja mal, das Fernsehen gehe nicht richtig in die Tiefe.

Und dass Fernsehen per se etwas Oberflächliches hat. Dafür hab ich mächtig Prügel bezogen. Völlig zu Unrecht, weil es stimmt, dass Fernsehen ein einziges Bilderrauschen ist. Wenn man es genau wissen will, muss man die schlauen Zeitungen lesen, die guten Magazine, die richtigen Bücher. Daran führt kein Weg vorbei. Der Off-Text einer dreiviertelstündigen Reportage wie meiner aus Grönland ist erbärmlich kurz.

Kann Fernsehen auch ohne Sekundärliteratur was bewegen?

Eine Menge. Fernsehen verändert Meinungen, dieser Verantwortung muss man sich bewusst sein, ohne das Medium zu überschätzen. Auch der Boulevard setzt keine Trends, er verstärkt sie nur. Aus nichts lässt sich auch nichts machen.


3sat: Bewegte Republik Deutschland

Herrschen hilft

Der sehenswerte 3sat-Vierteiler Bewegte Republik Deutschland macht heute Abend (20.15 Uhr) den zweiten Teil seines Streifzugs durch 70 Jahre Kultur und zeigt dabei auf verstörende Weise, wie gut ihr Diktaturen tun – und wie schlecht deren Ende.

Von Jan Freitag

Kultur und Diktatur – das gilt gemeinhin als zivilisatorischer Widerspruch in sich. Nicht ohne Grund ist „Kulturbruch“ eine beliebte Umschreibung jeder Barbarei, besonders der nationalsozialistischen, die den Begriff der „Diktatur“ seinerzeit total neu definierte. Und wollten Stalin, Pol Pot, Mao nicht alle Kunst überwinden im Dienste einer vermeintlich pragmatischen Ideologie, die nur noch Arbeit als Ausdruck menschlicher Kreativität ansah? Angesichts solchen Irrsinns allerorten ist es überaus erfrischend, Heiner Müller reden zu hören. „Mit Diktaturen“, sagt der große Ostberliner Dramaturg über die Allmachtssysteme seiner Autobiografie in zwei deutschen Staaten, „komme ich gut zurecht“. Demokratie dagegen, die langweile ihn eher.

Den Grund für die provokante Selbstauskunft erfährt man im famosen Vierteiler Bewegte Republik Deutschland, mit dem 3sat ab Montag die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit Revue passieren lässt. Den Aberwitz herrschender Verhältnisse künstlerisch zu kommentieren, ergibt nicht nur aus Müllers Sicht eben weit mehr Sinn, verschafft weit mehr Befriedigung, macht womöglich gar weit mehr Spaß, wenn sie sich nicht ohne Gegenwehr kommentieren lassen. Kunst sehnt sich nach Widerstand. Wenn der fehlt, leide die Kunst selbst. Darüber geben 70 Jahre Kultur zwischen Krieg, Konsum und Politik, wie es im Untertitel heißt, 180 durchweg spannende Minuten lang Auskunft.

Der 1. Teil Schuld und Wunder zum Beispiel unternahm am Montag bereits einen mal bombenschuttgrauen, mal technicolorbunten Streifzug durchs Wirtschaftswunder, bevor Zur Waffe, Schätzchen die kurzen Jahre des geistigen Aufbruchs zwischen 1962 und 1983 begleitete (http://www.3sat.de/mediathek/?obj=48175). Heute nun findet in Geteilter Himmel endlich auch die Kultur östlich der Elbe Erwähnung, die der 4. Teil allerdings gleich wieder realitätsgetreu im Einheitstaumel untergehen lässt. Schließlich gilt dem bundesrepublikanischen Mainstream bis heute vieles, ja fast alles, was im Osten abseits der Politik zustande gekommen ist, gewissermaßen realsozialistisch verseucht. Und stets findet Heiner Müllers These Bestätigung: Enden hierzulande Diktaturen, gerät mit der Politik nicht zwingend auch die Kultur in Freiheit.

Gleich nach dem 2. Weltkrieg zum Beispiel übernahm eine neue Diktatur das Ruder, weniger blutig zwar, aber äußerst effizient: Eskapismus. Nach Goebbels Propagandaschlachten übernahmen nun Nierentische, Schwarzwaldmädels und Sonntagsbraten die Deutungshoheit übers schuldunbewusste Gemüt der besiegten Nation. In bissigen, aber treffenden Beiträgen kommentieren Künstler von Roger Willemsen über Volker Schlöndorff bis Herbert Grönemeyer, was die Leitkultur damals prägte: Wegsehen. Abstreiten. Verdrängen. Mindestens. Für den KZ-Film „Morituri“ nämlich erntete Regisseur Eugen York 1948 Nestbeschmutzer-Vorwürfe bis hin zur Morddrohung. Das sozialistische Experiment im Osten, so erfährt man bei 3sat, gestattete zwar größeren Mut im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, wie Wolfgang Staudtes Mann-Verfilmung Der Untertan 1951 belegt. Doch auch die DDR beherbergte bekanntlich bald nur noch Opfer. NS-Täter? Alle im Westen!

Dieser Dampfkessel unterdrückter Aufarbeitung wurde zwar so lange am Köcheln gehalten, dass die nachgeborene Generation ihren fast kollektiv schuldigen (Groß-)Eltern das verlogene Schweigen mit wütender Renitenz bis hin zum RAF-Terror um die Horen schlug. Dank Auschwitzprozessen, Spiegel-Affäre, Kennedy-Rede und Schah-Besuch setzte allerdings von Kraut- bis Punkrock, von Wiederbewaffnungs- bis Doppelbeschlussdemos ein kurzer Frühling des kulturellen Erwachens ein.  Doch kaum war 1989 die nächste Diktatur auf deutschem Boden beendet, flüchtete sich das wiedervereinigte Wunderland in den kollektiven Fluchtinstinkt. Aus Literatur wurde Popliteratur, aus Kultur Spaßkultur, aus dem Fernsehen ein Leitmedium mit kommerziellen Gleichschaltungstendenzen und das Autorenkino versank in der Bugwelle  harmloser Komödien für Millionen. So ist Bewegte Republik Deutschland zwar ein fabelhaftes Sittengemälde unserer Kultur. Es macht aber auch ein bisschen Angst. Angst davor, dass die aktuelle Beliebigkeit wieder in irgendwas Unseliges mündet. Bei den Deutschen weiß man ja nie.


Showstillstand & Republikbewegung

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

1. – 7. Dezember

Das soll sie jetzt also gewesen sein – die Zukunft der guten, alten, einst so mächtigen Samstagabendshow? Zwei schmerzbefreite Adoleszenzverweigerer namens Joko & Klaas, die am Bildschirm tun, was sie dort seit jeher tun, nur diesmal zu jener mystischen Zeit, die Legenden wie Frankenfeld, Kulenkampff, Fuchsberger, Carrell oder Gottschalk bespielt hervorgebracht hat? In Mein bester Feind mussten zwar andere im Namen anderer die aufgemotzten Schwanzvergleiche der zwei akkurat gescheitelten Nachwuchskräfte (zu denen man im hiesigen Fernsehen sogar dann zählt, wenn einen selbst die Jusos rauswerfen) durchstehen. Ansonsten aber war alles an dieser Rettungsaktion einer TV-Institution so gebraucht, dass selbst die anstehende Wiederbelebung vom „Laufenden Band“ fast modern wirkt.

Die Optik orientierte sich strikt am Stroboskopgewitter von DSDS, die Wettbewerbe an Außenwetten, und da Joko gleich zu Beginn schwärmte, wie „peinlich und dumm“ es nun werde, war früh klar, dass es hier nicht ums Austesten von Freundschaften in Extremsituationen ging, sondern darum, der Online-Generation Y-Titty ein televisionäres Ersatzspielfeld zu bieten, falls das Internet mal zusammenkracht.

Das ändert aber nichts daran, dass Privatsender mit ihrer dramaturgischen Schlichtheit erreichen, wovon die Öffentlich-Rechtlichen nur träumen können: Junge Zuschauer. Das lässt sich weniger in Quoten messen, die bei der zeitgleichen ZDF-Dauerschleichwerbesendung Ein Herz für Kinder für Bild, Coke und ähnlich auf altruistisch machende Weltverschlechterer ungleich besser waren. Sondern in Clicks. Allein bei Facebook haben Joko und Klaas 1.880.738 Fans. Das sind sogar 18.000 mehr als ihr Heimatsender Pro7, also knapp das Fünffache vom ZDF, das sich Samstag auch noch von den letzten Nutzern unter 65 verabschiedet, die dort mal etwas anderes als Champions League gucken.

Nun ist es natürlich nicht beklagenswert, dass der überforderte Markus Lanz nach nur 15 Ausgaben Wetten, dass…? abtritt. Das Aus von Wolfgang Büchner am Donnerstag nach – wieder diese fatale Zahl – 15 Monaten als Chefredakteur des Spiegel, zeugt zwar von genereller Führungsschwäche in den Medien. Doch bedauerlich am Ende des Wettens ist ja weniger, dass damit nun wirklich das letzte Lagerfeuer jener langen Showhistorie erlischt, die 1958 mit Heinz Schenks Zum Blauen Bock schunkelnd seinen Anfang genommen hatte. Bedauerlich ist, dass da nie wieder was nachkommen wird. Kein Jokoklaas, kein Pilawa, kein Hirschhausen und schon gar kein neues Wetten, dass…?, wie dessen Erfinder Frank Elsner nicht müde wird, aus dem Altersteil pensionierter Showmaster zu raunen.

TV-neuDie Frischwoche

8. – 14. Dezember

Also wollen wir Lanz zum Fest der Liebe ein zweites Mal seit seinem Debüt vor zwei Jahren etwas Wohlwollen schenken und setzen uns zu ihm auf die Couch. Bildlich gesehen. Denn nach dem Gesetz der Serie ist die zum elften Mal von Iris Berben, zum achten Mal von Boris Becker und zum siebten Mal von Udo Jürgens besetzt. Davor sorgen die Fantastischen Vier, Helene Fischer und Der Graf dafür, dass niemandem ohne Anspruch musikalisch wehgetan wird. Und nach zweieinhalb pathetisch überzogenen Stunden ist dann Schluss.

Wobei Lanz einen Tag zuvor im großen Wetten, dass…?-Spezial der Pro7-Parodisten Switch Reloaded lernen könnte, wie man unterhaltsam moderiert, oder 100 Minuten nach seinem Abschied im Bericht über den Nürnberger CSU-Parteitag, wie man trotz aller Sauereien jahrzehntelang an der Spitze bleiben. Ein paar dieser Techniken sehen wir auch auf 3sat, das am Montag (20.15 Uhr) eine sensationelle Reise durch unsere Kultur der vergangenen 70 Jahre startet. Franz-Josef Strauß kommt in Bewegte Republik Deutschland natürlich auch vor: Als erster Politiker im heimatfilmsedierten Nachkriegsland, der 1962 infolge der Spiegel-Affäre aus vom Ministeramt demonstriert wurde. Doch auch darüber hinaus sind die zwei Doppelfolgen (2. Teil: Mittwoch) ihr Gebührengeld wert.

Solange man sie an ein paar weitere Perlen auf den abseitigen Kanälen reiht: Bjarne Mädel, der Mittwoch (22 Uhr) im NDR wieder den Tatort reinigt. Jeffrey Schwarz, dessen famoses Porträt I Am Divine zwei Stunden vorher auf EinsFestival die Story der schwergewichtigen Drag Queen erzählt. Auf dem Weg nach Oregon, das Montag um 21.55 Uhr beweist, wie man auch heute noch gute Western dreht. Und kurz darauf (22.45 Uhr) wagt sich sogar das Erste mal auf riskantes Terrain, wenn Vanessa Lapas Dokumentation Der Anständige Heinrich Himmler porträtiert – aus Sicht des Menschheitsverbrechers!

Fiktional hat die Woche dagegen eher wenig zu bieten. Immerhin sorgt das Serienwesen mit bemerkenswerten Gaststars für Aufsehen. Montag bereichert das brillante Duo Flight oft the Concords die Simpsons, und am Dienstag (ARD) die aberwitzige Fake-Band Fraktus Mord mit Aussicht. Alles andere an Filmen ist dagegen alt genug für den Tipp der Woche: (ursprünglich) Schwarzweiß läuft Erol Flynn am Montag um 20.15 Uhr als Robin Hood in Strumpfhosen von 1938 durch die Arte-Primetime, (ursprünglich) in Farbe ist Donnerstag (22.25 Uhr, 3sat) das Traumpaar Michel Piccoli und Romy Schneider in Claude Sautes Liebesdrama Die Dinge des Lebens von 1970 zu sehen.


Club-Mausoleum: Onkel Pös Carnegie Hall

onkelpoe-540x304Eppendorfs Höllentor

Diskos sterben, Konzerthallen schließen – jetzt landen Sie im Club-Mausoleum, mit dem ZEIT-Online und freitagsmedien an den Wandel der Hamburger Musikkultur erinnern. In Folge 1 geht es ums legendäre Onkel Pös Carnegie Hall (Foto: Hardy Schiffler/Jazzarchiv), die vor vier Jahrzehnten den damaligen Ruf Eppendorfs als Hamburgs Szenehochburg prägte.

Von Jan Freitag

Es gibt ein Wort, das gerne fällt, wenn Hamburgs snobistische Seiten beklagt werden: Eppendorf. Spätgeborenen muss man daher kurz etwas vor Augen führen. Als St. Pauli noch wilder Westen war und die Flora ein Kaufhaus, galt das Altbauviertel als kreativer Zweitkiez, versehen mit jenem Radical Chic, der heute zur Schanze zählt. Und ungefähr da, wo jetzt sorgsam manikürte Anwaltsgattinnen dem gängigen Vorurteil nach mit 1.200-Euro-Kinderwagen überflüssigen Lifestyle shoppen, hatte das Szenequartier seine Schaltzentrale: Das 1970 am Lehmweg eröffnete Onkel Pö – aus Sicht der Musikwelt ein himmlischer Ort. Aus Sicht der Anwohner eher Sündenpfuhl.

Doch die Hölle ist erkaltet, das Antlitz aufgehübscht, ihre Fensterfront geputzt. Das war bis vor 30 Jahren anders. Ringsum dominierte verwitterter Vorkriegsbau. Es gab viel Migration, noch mehr Kleinbürger, sogar echte Arbeiter. Die DKP hielt in den Kneipen des Viertels, unweit von Ernst Thälmanns Geburtshaus, Parteitreffen ab. Abseits der Villen mit Alsterblick passte das Publikum des Pö also gut ins Straßenbild. Ich kann mich noch erinnern, an dieser Institution der Siebziger vorbeigegangen zu sein, tagsüber, wenn der kalte Rauch der Nacht herausdrang und Bierladungen hineingeschleppt wurden. Der Club wirkte verboten und war es wohl auch, sonst hätte mich meine Mutter nicht stets so schnell an der tiefschwarzen Fassade mit dem feuerroten Höllentor vorbeigezogen. Das “Onkel” im Namen klang da gleich weniger nach dem netten von nebenan als dem bösen im Park. Selbst die Fenster ließen kein Licht durch, verklebt wie sie waren.

Umso mehr befiel mich in seiner Nähe eine Ahnung vom Sog, den “Onkel Pös Carnegie Hall”, wie bauchig schwarze Beatnik-Buchstaben über dem Eingang verkündeten, auf Ältere als mich, aber jüngere als meine Eltern ausübte. Diese langhaarigen Zwischenwesen verstanden wohl auch die seltsamen Chiffren vor der Tür: Vince Weber, Pat Metheny, OMD, viele Namen mit Worten wie Band, Trio, Jazz oder “Der Geheimtipp aus New York” dahinter. Wie 1981. Bei einem gewissen Tom Waits. Immerhin – Hannes Wader kannte ich. Heute hier, morgen dort, meine Mutter pfiff das oft beim Kochen. Aber der Rest? Geheimnisvoll. Ergo: riskant. Also: wollte ich da nicht rein. Oder gerade. Aber das war Träumerei, deren Erfüllung folgerichtig eine Zweckentfremdung war. Zwölfjährige führt man ja nicht in angesagte Clubs, um sie clubmäßig zu bespaßen. Peter, mein Nachbar, meinte allerdings, da spiele Otto! Waalkes! Den müsse man aus der Nähe gesehen haben. Meinte Peter.

Und plötzlich stand ich nicht nur vorm Höllentor, ich durchschritt es. Eigentlich war ein Samstagabend nach acht keine Zeit für Minderjährige, aber wenn meine Eltern mal aus waren, teilten sie mir Peter zu. Und mit Peter war ich sogar schon im Borchers gewesen, das mit der DKP, tiefrote Politkneipe mit Schultheiß vom Fass. Heute gibt es da Thunfischcarpaccio für die Kreativwirtschaft. Mein Alter hinderte mich jedenfalls in beiden Fällen nicht am Zutritt. Schwerer war es, durch die anderen Barrieren zu kommen: Schall. Rauch. Menschen. An die 150 passten der Sage nach ins Fundament des Gründerzeithauses, aber es war eher das Doppelte auf halb so viel Raum, aus Sicht eines Halbwüchsigen. Der sah gegenüber der Zugangsschleuse nur wippende Scheitel statt der winzigen Bühne, die gern mal elfköpfige Combos beherbergte.

Wer spielte, blieb ein Geheimnis. Otto sitze am Schlagzeug, sagte Peter. Und Udo, also Lindenberg, sänge. Das Wort Jam-Session fiel und der Name Helen Schneider. Die war mir bekannt. Dass ich Otto gehört, gar gesehen hatte, kann ich also nicht behaupten. Aber mein Bauch sagt noch heute, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Legendären Abenden wie jenem wenige Jahre zuvor, als ein Al Jarreau am dritten Tag seines deutschen Debüts bis fünf Uhr früh alle 20 Minuten das Publikum durchtauschte, damit all die Wartenden draußen was vom künftigen Weltstar hätten.

Es waren solche Aufläufe, die dem Club das Aus bescherten und damit der Partyzone Eppendorf insgesamt. Das Einsickern harter Töne, als Gründer Peter Marxen, der jeden einzelnen Abend an der Theke verbracht haben soll, seine Carnegy Hall an den Rocker Holger Jass übergab, taten ein Übriges. Jedenfalls machte sie 1985 zu, nachdem die Baupolizei verstärkten Sound der Statik wegen verboten hatte. Für mich brach eine Welt zusammen, obwohl ich nur einmal wieder im Pö war. Zumindest fast. 1985 war das, bei einer Band namens Latin Quarter. Leider war sie zu angesagt, um alle Wartenden reinzukriegen. Ich blieb also draußen. Aber ums Drinnen ging’s auch gar nicht, es ging um Struktur. Das Pö war eine Trutzburg subversiver Kultur, bevor nebenan eine Modeboutique nach der nächsten eröffnete und Hamburgs ältestes Dorf zum gründerzeitprotzigen Handelsplatz standesbewusster Eliten verkam. In seiner früheren Schaltzentrale gibt‘s statt Subkultur und Flaschenbier nur Lounge-Gefühl und Chai-Latte. Und das Höllentor? Perlweiß. Darüber steht jetzt “mama”, Systemgastronomie mit Pizza, Pasta und Lounge. Oh Gott!

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