Markus Lanz: Kältekammer & Wettcouch

lanzFernsehen verändert Meinungen

Vor drei Jahren, Thomas Gottschalk fummelte noch an seinen Wettpatinnen rum und Markus Lanz (Foto: ZDF) allenfalls an Talkshowkärtchen, da begab sich der Südtiroler zum 100. Geburtstag der  Jahre Antarktis-Eroberung auf einen Wettlauf zum Südpol. Im Gespräch über Grenzsituationen, Draufgängertum und Kuschelmoderationen war wenig von seinem späteren Scheitern bei Wetten, dass…? zu spüren. Es sei denn, man liest zwischen den Zeilen. freitagsmedien helfen dabei und dokumentieren den Text von damals.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lanz, 400 Kilometer durch Schneestürme bei minus 40 Grad – das ist selbst für einen Globetrotter wie Sie nicht ohne. Haben Sie Angst vor der Aufgabe?

Markus Lanz: Sicher. Auf 3000 Metern in der Antarktis kommt man sich durch atmosphärische Bedingungen vor wie auf 4000 Metern, was extrem an der Kraft zehrt. Dass man dort irgendwann mal merkt, da kommt nix mehr und trotzdem bei Kopfschmerzen und eiskaltem Wind 40 Kilometer am Tag zurücklegen soll, davor habe ich schon Angst.

Eine körperliche oder eher die Sorge, es könnte nicht klappen?

Noch eher letzteres, aber je näher der Termin rückt, wächst die Angst und wird in dem Moment, wo man aus dem Flugzeug geworfen wird und plötzlich in diesem unendlichen Weiß steht, sehr konkret. Wovor genau, ist zunächst mal schwer greifbar, weil einem der Kopf ja an das Team im Rücken erinnert. Instinktiv aber spürt man, dass du als Mensch in dieser Gegend nichts verloren hast. Nicht umsonst war da nie jemand bis auf ein paar Forscher.

Nicht mal Eingeborene.

Nicht mal die. An grönländischen Jägern fasziniert mich ja am meisten, dass sie der feindseligen Einöde ihres Lebensraumes eine Existenz abtrotzen; während hunderte von Expeditionsteilnehmern darin umgekommen und selbst die zähen Wikinger entnervt wieder abgewandert sind, saßen die Inuit da und erfreuten sich bester Gesundheit. Das ist eine stetige Meisterleistung in der Kunst des Überlebens, die all unser Hightechscheiß nicht ersetzen kann, aber am Nordpol fehlt sogar dieses Vorbild. Das macht umso mehr Furcht.

Ist die für Sie Motor oder Bremse?

Wenn man die Angst davor verliert, sich im Zweifel einzugestehen, dass man nicht mehr kann, wird Angst zum Motor. Dann bewahrt sie auch vor Übermut. Reinhold Messner sagte mal, seine eigentliche Leistung sei nicht gewesen, auf all die Achttausender hochzukommen, sondern wieder runter.

Wegen dieses Rausches, der den Zeitpunkt zum Abstieg gefährlich verzögern kann?

Genau, dieser Moment kostet viel Antrieb. Die Versuchung, im Zustand der Ruhe zu verharren, ist riesig. Da muss man sich schnell in den Arsch treten und das Zelt aufbauen oder umkehren.

Woher rührt Ihr Abenteuergeist, sich als Familienvater in derlei Grenzsituationen zu begeben?

Weil ich kein Draufgänger bin, braucht sich meine Familie keine Sorgen um mich zu machen und ich muss diesen Wettlauf auch nicht gewinnen. Im Zweifel sage ich: Abbrechen! Denn ich bin in erster Linie ein Naturfreak, der in Schnee und Eis auf dem Berg groß geworden ist, wo es neun Monate winterlich ist und drei Monate kalt, wie man bei uns sagt. Wenn es regnet, geht man da ins Haus, wenn es schneit raus, denn Schnee ist was Schönes, das steckt tief in mir. Und ich bin ein Wüstenfan – ob Eis oder Sand, wobei ich vor der Großen Arabischen Wüste, die ich gern mal durchlaufen würde, weit größeren Respekt habe. Gegen Kälte kann man im Zweifel unbegrenzt viele Lagen anziehen, gegen Hitze aber nicht unbegrenzt viele aus.

Ein Pauschaltourist steckt offenbar nicht in Ihnen.

Nein, so sehe ich auch nicht aus. Mein Gesicht ist in der Regel wettergegerbt, aber vom Hals abwärts bin ich schneeweiß.

Klingt nicht sehr fotogen.

(lacht) Angezogen sind die Bilder von Leuten wie mir im ewigen Eis auch nicht sehr ergiebig. Interessant für den Zuschauer wird eher das Zwischenmenschliche; wie die Teams funktionieren und mit offenen Füßen zurechtkommen. Wer drei Wochen nicht duscht, eklige Sachen isst und in vereisten Zelten schläft, ist sicherlich ein harter Hund, aber kein Draufgänger. Schließlich kann heute jeder eine Expedition zum Nordpol im Reisebüro buchen, das ist keine Heldentat, sondern eine Frage des Kleingelds. Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte; die künftigen Abenteuer führen ins Gehirn.

Dann reisen wir nach innen?

Gewissermaßen.

Wenn man wie Sie in Extrembereiche vordringt – was bietet der Alltag dann noch für Herausforderungen?

Kinder sind auch eine Herausforderung (lacht). Und die größte ist, anständig alt zu werden; die Versuchung, sich mit Botox zu verjüngen ist schließlich groß. In Würde ein erhaltenswertes Nest zu bauen, dass ist ein Abenteuer.

Verliert man nach Wochen im Schnee- oder Sandsturm das Risikobewusstsein auf einer innerstädtischen Hauptverkehrsstraße?

Im Gegenteil. Wenn man von solchen Touren zurückkehrt, spürt man erst wie wenig gut einem das Überdrehte, Laute, Hektische der Zivilisation tut. Demgegenüber kommt man in der Einsamkeit erst mal dem Wahnsinn nahe, weil das Monster im Kopf des Medien- und Erlebnisjunkies von einer Sekunde auf die andere nicht mehr gefüttert wird. In den ersten Tagen langt es ständig in die Tasche auf der Suche nach dem Handy, so überhitzt sind wir.

Beunruhigt Sie die aktuelle Terrorgefahr mehr als drei Wochen Antarktisabenteuer?

Ehrlich gesagt ja. Mein naives Vertrauen von früher irritiert mich gerade sehr. Aber gefährlicher als die konkrete Gefahr ist das, was sie in unseren Köpfen anstellt. Man muss aufpassen, nicht alle Muslime in Sippenhaft zu nehmen.

Passiert Ihnen das trotzdem manchmal?

Ja. Auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte sah ich in der Fußgängerzone drei Frauen mit Kopftuch; ein Anblick, der in Köln seit Jahrzehnten Normalität ist. Trotzdem zucken im Straßencafé reihenweise die Köpfe rüber, auch meiner. Das sieht man, wie leicht die Gesellschaft vergiftet wird. Die Gefahr besteht auch in der Terrordebatte.

Hindert Sie die am Weihnachtsmarktbesuch?

Nee, aber auf die gehe ich auch ohne Terrorwarnung nicht gern. Man darf sich nicht einschüchtern lassen.

Viel konkreter, nur weniger konsequent bekämpft, ist ja die Gefahr des Klimawandels.

In der Tat.

Hat der „Wettlauf zum Südpol“ da eine Botschaft?

Keinen dogmatischen, moralinsauren. Aber unterschwellig stellt sich in dieser Erhabenheit der Natur unweigerlich die Frage, wie lange es die noch gibt. Denn wir werden ungewöhnliche Wetterlagen erleben. Da, wo wir hingehen, schneit es zum Beispiel grad wie wahnsinnig, weil die erwärmten Meere mehr kondensiertes Wasser in die Atmosphäre entlassen. Sonst ist es im Inlandeis niederschlagsfrei. Ich denke, das wird die Regie auch thematisieren.

Abseits ihres Umweltengagements gelten Sie ja als Kuschelmoderator…

Aha, jetzt kommt das also. Warum eigentlich? Ich bin doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt?!

Reden wir von ihrem Ruf, nicht wie es dazu kam: Ist so eine Reise auch ein Mittel, dem Image entgegenzuwirken?

Das habe ich nie versucht und sollte es auch besser lassen. Sinnlos. Einmal in der Welt, zementieren sich solche Klischees unabhängig von der Realität. Das bewegt mein Weltbild nicht ernsthaft, sonst müsste ich mir medial die Kugel geben.

Ärgert es Sie trotzdem?

Sicher. Sehen Sie – mein Buch über Grönland ist gerade zum Bildband des Jahres gewählt worden. Da entsteht sofort der Reflex: logisch, der Lanz kann das ja auch super promoten. Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit. Mit PR allein schafft auch ein Schrottbuch ein paar Tausend Exemplare; richtig gut verkauft sich aber nur ein hochwertiges. Früher hätte ich an dieser Stelle gesagt, da stehe ich drüber. Aber nein – es nervt!

Vielleicht sind Sie einfach im falschen Medium tätig. Sie selbst sagten ja mal, das Fernsehen gehe nicht richtig in die Tiefe.

Und dass Fernsehen per se etwas Oberflächliches hat. Dafür hab ich mächtig Prügel bezogen. Völlig zu Unrecht, weil es stimmt, dass Fernsehen ein einziges Bilderrauschen ist. Wenn man es genau wissen will, muss man die schlauen Zeitungen lesen, die guten Magazine, die richtigen Bücher. Daran führt kein Weg vorbei. Der Off-Text einer dreiviertelstündigen Reportage wie meiner aus Grönland ist erbärmlich kurz.

Kann Fernsehen auch ohne Sekundärliteratur was bewegen?

Eine Menge. Fernsehen verändert Meinungen, dieser Verantwortung muss man sich bewusst sein, ohne das Medium zu überschätzen. Auch der Boulevard setzt keine Trends, er verstärkt sie nur. Aus nichts lässt sich auch nichts machen.


3sat: Bewegte Republik Deutschland

Herrschen hilft

Der sehenswerte 3sat-Vierteiler Bewegte Republik Deutschland macht heute Abend (20.15 Uhr) den zweiten Teil seines Streifzugs durch 70 Jahre Kultur und zeigt dabei auf verstörende Weise, wie gut ihr Diktaturen tun – und wie schlecht deren Ende.

Von Jan Freitag

Kultur und Diktatur – das gilt gemeinhin als zivilisatorischer Widerspruch in sich. Nicht ohne Grund ist „Kulturbruch“ eine beliebte Umschreibung jeder Barbarei, besonders der nationalsozialistischen, die den Begriff der „Diktatur“ seinerzeit total neu definierte. Und wollten Stalin, Pol Pot, Mao nicht alle Kunst überwinden im Dienste einer vermeintlich pragmatischen Ideologie, die nur noch Arbeit als Ausdruck menschlicher Kreativität ansah? Angesichts solchen Irrsinns allerorten ist es überaus erfrischend, Heiner Müller reden zu hören. „Mit Diktaturen“, sagt der große Ostberliner Dramaturg über die Allmachtssysteme seiner Autobiografie in zwei deutschen Staaten, „komme ich gut zurecht“. Demokratie dagegen, die langweile ihn eher.

Den Grund für die provokante Selbstauskunft erfährt man im famosen Vierteiler Bewegte Republik Deutschland, mit dem 3sat ab Montag die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit Revue passieren lässt. Den Aberwitz herrschender Verhältnisse künstlerisch zu kommentieren, ergibt nicht nur aus Müllers Sicht eben weit mehr Sinn, verschafft weit mehr Befriedigung, macht womöglich gar weit mehr Spaß, wenn sie sich nicht ohne Gegenwehr kommentieren lassen. Kunst sehnt sich nach Widerstand. Wenn der fehlt, leide die Kunst selbst. Darüber geben 70 Jahre Kultur zwischen Krieg, Konsum und Politik, wie es im Untertitel heißt, 180 durchweg spannende Minuten lang Auskunft.

Der 1. Teil Schuld und Wunder zum Beispiel unternahm am Montag bereits einen mal bombenschuttgrauen, mal technicolorbunten Streifzug durchs Wirtschaftswunder, bevor Zur Waffe, Schätzchen die kurzen Jahre des geistigen Aufbruchs zwischen 1962 und 1983 begleitete (http://www.3sat.de/mediathek/?obj=48175). Heute nun findet in Geteilter Himmel endlich auch die Kultur östlich der Elbe Erwähnung, die der 4. Teil allerdings gleich wieder realitätsgetreu im Einheitstaumel untergehen lässt. Schließlich gilt dem bundesrepublikanischen Mainstream bis heute vieles, ja fast alles, was im Osten abseits der Politik zustande gekommen ist, gewissermaßen realsozialistisch verseucht. Und stets findet Heiner Müllers These Bestätigung: Enden hierzulande Diktaturen, gerät mit der Politik nicht zwingend auch die Kultur in Freiheit.

Gleich nach dem 2. Weltkrieg zum Beispiel übernahm eine neue Diktatur das Ruder, weniger blutig zwar, aber äußerst effizient: Eskapismus. Nach Goebbels Propagandaschlachten übernahmen nun Nierentische, Schwarzwaldmädels und Sonntagsbraten die Deutungshoheit übers schuldunbewusste Gemüt der besiegten Nation. In bissigen, aber treffenden Beiträgen kommentieren Künstler von Roger Willemsen über Volker Schlöndorff bis Herbert Grönemeyer, was die Leitkultur damals prägte: Wegsehen. Abstreiten. Verdrängen. Mindestens. Für den KZ-Film „Morituri“ nämlich erntete Regisseur Eugen York 1948 Nestbeschmutzer-Vorwürfe bis hin zur Morddrohung. Das sozialistische Experiment im Osten, so erfährt man bei 3sat, gestattete zwar größeren Mut im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, wie Wolfgang Staudtes Mann-Verfilmung Der Untertan 1951 belegt. Doch auch die DDR beherbergte bekanntlich bald nur noch Opfer. NS-Täter? Alle im Westen!

Dieser Dampfkessel unterdrückter Aufarbeitung wurde zwar so lange am Köcheln gehalten, dass die nachgeborene Generation ihren fast kollektiv schuldigen (Groß-)Eltern das verlogene Schweigen mit wütender Renitenz bis hin zum RAF-Terror um die Horen schlug. Dank Auschwitzprozessen, Spiegel-Affäre, Kennedy-Rede und Schah-Besuch setzte allerdings von Kraut- bis Punkrock, von Wiederbewaffnungs- bis Doppelbeschlussdemos ein kurzer Frühling des kulturellen Erwachens ein.  Doch kaum war 1989 die nächste Diktatur auf deutschem Boden beendet, flüchtete sich das wiedervereinigte Wunderland in den kollektiven Fluchtinstinkt. Aus Literatur wurde Popliteratur, aus Kultur Spaßkultur, aus dem Fernsehen ein Leitmedium mit kommerziellen Gleichschaltungstendenzen und das Autorenkino versank in der Bugwelle  harmloser Komödien für Millionen. So ist Bewegte Republik Deutschland zwar ein fabelhaftes Sittengemälde unserer Kultur. Es macht aber auch ein bisschen Angst. Angst davor, dass die aktuelle Beliebigkeit wieder in irgendwas Unseliges mündet. Bei den Deutschen weiß man ja nie.


Showstillstand & Republikbewegung

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

1. – 7. Dezember

Das soll sie jetzt also gewesen sein – die Zukunft der guten, alten, einst so mächtigen Samstagabendshow? Zwei schmerzbefreite Adoleszenzverweigerer namens Joko & Klaas, die am Bildschirm tun, was sie dort seit jeher tun, nur diesmal zu jener mystischen Zeit, die Legenden wie Frankenfeld, Kulenkampff, Fuchsberger, Carrell oder Gottschalk bespielt hervorgebracht hat? In Mein bester Feind mussten zwar andere im Namen anderer die aufgemotzten Schwanzvergleiche der zwei akkurat gescheitelten Nachwuchskräfte (zu denen man im hiesigen Fernsehen sogar dann zählt, wenn einen selbst die Jusos rauswerfen) durchstehen. Ansonsten aber war alles an dieser Rettungsaktion einer TV-Institution so gebraucht, dass selbst die anstehende Wiederbelebung vom „Laufenden Band“ fast modern wirkt.

Die Optik orientierte sich strikt am Stroboskopgewitter von DSDS, die Wettbewerbe an Außenwetten, und da Joko gleich zu Beginn schwärmte, wie „peinlich und dumm“ es nun werde, war früh klar, dass es hier nicht ums Austesten von Freundschaften in Extremsituationen ging, sondern darum, der Online-Generation Y-Titty ein televisionäres Ersatzspielfeld zu bieten, falls das Internet mal zusammenkracht.

Das ändert aber nichts daran, dass Privatsender mit ihrer dramaturgischen Schlichtheit erreichen, wovon die Öffentlich-Rechtlichen nur träumen können: Junge Zuschauer. Das lässt sich weniger in Quoten messen, die bei der zeitgleichen ZDF-Dauerschleichwerbesendung Ein Herz für Kinder für Bild, Coke und ähnlich auf altruistisch machende Weltverschlechterer ungleich besser waren. Sondern in Clicks. Allein bei Facebook haben Joko und Klaas 1.880.738 Fans. Das sind sogar 18.000 mehr als ihr Heimatsender Pro7, also knapp das Fünffache vom ZDF, das sich Samstag auch noch von den letzten Nutzern unter 65 verabschiedet, die dort mal etwas anderes als Champions League gucken.

Nun ist es natürlich nicht beklagenswert, dass der überforderte Markus Lanz nach nur 15 Ausgaben Wetten, dass…? abtritt. Das Aus von Wolfgang Büchner am Donnerstag nach – wieder diese fatale Zahl – 15 Monaten als Chefredakteur des Spiegel, zeugt zwar von genereller Führungsschwäche in den Medien. Doch bedauerlich am Ende des Wettens ist ja weniger, dass damit nun wirklich das letzte Lagerfeuer jener langen Showhistorie erlischt, die 1958 mit Heinz Schenks Zum Blauen Bock schunkelnd seinen Anfang genommen hatte. Bedauerlich ist, dass da nie wieder was nachkommen wird. Kein Jokoklaas, kein Pilawa, kein Hirschhausen und schon gar kein neues Wetten, dass…?, wie dessen Erfinder Frank Elsner nicht müde wird, aus dem Altersteil pensionierter Showmaster zu raunen.

TV-neuDie Frischwoche

8. – 14. Dezember

Also wollen wir Lanz zum Fest der Liebe ein zweites Mal seit seinem Debüt vor zwei Jahren etwas Wohlwollen schenken und setzen uns zu ihm auf die Couch. Bildlich gesehen. Denn nach dem Gesetz der Serie ist die zum elften Mal von Iris Berben, zum achten Mal von Boris Becker und zum siebten Mal von Udo Jürgens besetzt. Davor sorgen die Fantastischen Vier, Helene Fischer und Der Graf dafür, dass niemandem ohne Anspruch musikalisch wehgetan wird. Und nach zweieinhalb pathetisch überzogenen Stunden ist dann Schluss.

Wobei Lanz einen Tag zuvor im großen Wetten, dass…?-Spezial der Pro7-Parodisten Switch Reloaded lernen könnte, wie man unterhaltsam moderiert, oder 100 Minuten nach seinem Abschied im Bericht über den Nürnberger CSU-Parteitag, wie man trotz aller Sauereien jahrzehntelang an der Spitze bleiben. Ein paar dieser Techniken sehen wir auch auf 3sat, das am Montag (20.15 Uhr) eine sensationelle Reise durch unsere Kultur der vergangenen 70 Jahre startet. Franz-Josef Strauß kommt in Bewegte Republik Deutschland natürlich auch vor: Als erster Politiker im heimatfilmsedierten Nachkriegsland, der 1962 infolge der Spiegel-Affäre aus vom Ministeramt demonstriert wurde. Doch auch darüber hinaus sind die zwei Doppelfolgen (2. Teil: Mittwoch) ihr Gebührengeld wert.

Solange man sie an ein paar weitere Perlen auf den abseitigen Kanälen reiht: Bjarne Mädel, der Mittwoch (22 Uhr) im NDR wieder den Tatort reinigt. Jeffrey Schwarz, dessen famoses Porträt I Am Divine zwei Stunden vorher auf EinsFestival die Story der schwergewichtigen Drag Queen erzählt. Auf dem Weg nach Oregon, das Montag um 21.55 Uhr beweist, wie man auch heute noch gute Western dreht. Und kurz darauf (22.45 Uhr) wagt sich sogar das Erste mal auf riskantes Terrain, wenn Vanessa Lapas Dokumentation Der Anständige Heinrich Himmler porträtiert – aus Sicht des Menschheitsverbrechers!

Fiktional hat die Woche dagegen eher wenig zu bieten. Immerhin sorgt das Serienwesen mit bemerkenswerten Gaststars für Aufsehen. Montag bereichert das brillante Duo Flight oft the Concords die Simpsons, und am Dienstag (ARD) die aberwitzige Fake-Band Fraktus Mord mit Aussicht. Alles andere an Filmen ist dagegen alt genug für den Tipp der Woche: (ursprünglich) Schwarzweiß läuft Erol Flynn am Montag um 20.15 Uhr als Robin Hood in Strumpfhosen von 1938 durch die Arte-Primetime, (ursprünglich) in Farbe ist Donnerstag (22.25 Uhr, 3sat) das Traumpaar Michel Piccoli und Romy Schneider in Claude Sautes Liebesdrama Die Dinge des Lebens von 1970 zu sehen.


Club-Mausoleum: Onkel Pös Carnegie Hall

onkelpoe-540x304Eppendorfs Höllentor

Diskos sterben, Konzerthallen schließen – jetzt landen Sie im Club-Mausoleum, mit dem ZEIT-Online und freitagsmedien an den Wandel der Hamburger Musikkultur erinnern. In Folge 1 geht es ums legendäre Onkel Pös Carnegie Hall (Foto: Hardy Schiffler/Jazzarchiv), die vor vier Jahrzehnten den damaligen Ruf Eppendorfs als Hamburgs Szenehochburg prägte.

Von Jan Freitag

Es gibt ein Wort, das gerne fällt, wenn Hamburgs snobistische Seiten beklagt werden: Eppendorf. Spätgeborenen muss man daher kurz etwas vor Augen führen. Als St. Pauli noch wilder Westen war und die Flora ein Kaufhaus, galt das Altbauviertel als kreativer Zweitkiez, versehen mit jenem Radical Chic, der heute zur Schanze zählt. Und ungefähr da, wo jetzt sorgsam manikürte Anwaltsgattinnen dem gängigen Vorurteil nach mit 1.200-Euro-Kinderwagen überflüssigen Lifestyle shoppen, hatte das Szenequartier seine Schaltzentrale: Das 1970 am Lehmweg eröffnete Onkel Pö – aus Sicht der Musikwelt ein himmlischer Ort. Aus Sicht der Anwohner eher Sündenpfuhl.

Doch die Hölle ist erkaltet, das Antlitz aufgehübscht, ihre Fensterfront geputzt. Das war bis vor 30 Jahren anders. Ringsum dominierte verwitterter Vorkriegsbau. Es gab viel Migration, noch mehr Kleinbürger, sogar echte Arbeiter. Die DKP hielt in den Kneipen des Viertels, unweit von Ernst Thälmanns Geburtshaus, Parteitreffen ab. Abseits der Villen mit Alsterblick passte das Publikum des Pö also gut ins Straßenbild. Ich kann mich noch erinnern, an dieser Institution der Siebziger vorbeigegangen zu sein, tagsüber, wenn der kalte Rauch der Nacht herausdrang und Bierladungen hineingeschleppt wurden. Der Club wirkte verboten und war es wohl auch, sonst hätte mich meine Mutter nicht stets so schnell an der tiefschwarzen Fassade mit dem feuerroten Höllentor vorbeigezogen. Das “Onkel” im Namen klang da gleich weniger nach dem netten von nebenan als dem bösen im Park. Selbst die Fenster ließen kein Licht durch, verklebt wie sie waren.

Umso mehr befiel mich in seiner Nähe eine Ahnung vom Sog, den “Onkel Pös Carnegie Hall”, wie bauchig schwarze Beatnik-Buchstaben über dem Eingang verkündeten, auf Ältere als mich, aber jüngere als meine Eltern ausübte. Diese langhaarigen Zwischenwesen verstanden wohl auch die seltsamen Chiffren vor der Tür: Vince Weber, Pat Metheny, OMD, viele Namen mit Worten wie Band, Trio, Jazz oder “Der Geheimtipp aus New York” dahinter. Wie 1981. Bei einem gewissen Tom Waits. Immerhin – Hannes Wader kannte ich. Heute hier, morgen dort, meine Mutter pfiff das oft beim Kochen. Aber der Rest? Geheimnisvoll. Ergo: riskant. Also: wollte ich da nicht rein. Oder gerade. Aber das war Träumerei, deren Erfüllung folgerichtig eine Zweckentfremdung war. Zwölfjährige führt man ja nicht in angesagte Clubs, um sie clubmäßig zu bespaßen. Peter, mein Nachbar, meinte allerdings, da spiele Otto! Waalkes! Den müsse man aus der Nähe gesehen haben. Meinte Peter.

Und plötzlich stand ich nicht nur vorm Höllentor, ich durchschritt es. Eigentlich war ein Samstagabend nach acht keine Zeit für Minderjährige, aber wenn meine Eltern mal aus waren, teilten sie mir Peter zu. Und mit Peter war ich sogar schon im Borchers gewesen, das mit der DKP, tiefrote Politkneipe mit Schultheiß vom Fass. Heute gibt es da Thunfischcarpaccio für die Kreativwirtschaft. Mein Alter hinderte mich jedenfalls in beiden Fällen nicht am Zutritt. Schwerer war es, durch die anderen Barrieren zu kommen: Schall. Rauch. Menschen. An die 150 passten der Sage nach ins Fundament des Gründerzeithauses, aber es war eher das Doppelte auf halb so viel Raum, aus Sicht eines Halbwüchsigen. Der sah gegenüber der Zugangsschleuse nur wippende Scheitel statt der winzigen Bühne, die gern mal elfköpfige Combos beherbergte.

Wer spielte, blieb ein Geheimnis. Otto sitze am Schlagzeug, sagte Peter. Und Udo, also Lindenberg, sänge. Das Wort Jam-Session fiel und der Name Helen Schneider. Die war mir bekannt. Dass ich Otto gehört, gar gesehen hatte, kann ich also nicht behaupten. Aber mein Bauch sagt noch heute, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Legendären Abenden wie jenem wenige Jahre zuvor, als ein Al Jarreau am dritten Tag seines deutschen Debüts bis fünf Uhr früh alle 20 Minuten das Publikum durchtauschte, damit all die Wartenden draußen was vom künftigen Weltstar hätten.

Es waren solche Aufläufe, die dem Club das Aus bescherten und damit der Partyzone Eppendorf insgesamt. Das Einsickern harter Töne, als Gründer Peter Marxen, der jeden einzelnen Abend an der Theke verbracht haben soll, seine Carnegy Hall an den Rocker Holger Jass übergab, taten ein Übriges. Jedenfalls machte sie 1985 zu, nachdem die Baupolizei verstärkten Sound der Statik wegen verboten hatte. Für mich brach eine Welt zusammen, obwohl ich nur einmal wieder im Pö war. Zumindest fast. 1985 war das, bei einer Band namens Latin Quarter. Leider war sie zu angesagt, um alle Wartenden reinzukriegen. Ich blieb also draußen. Aber ums Drinnen ging’s auch gar nicht, es ging um Struktur. Das Pö war eine Trutzburg subversiver Kultur, bevor nebenan eine Modeboutique nach der nächsten eröffnete und Hamburgs ältestes Dorf zum gründerzeitprotzigen Handelsplatz standesbewusster Eliten verkam. In seiner früheren Schaltzentrale gibt‘s statt Subkultur und Flaschenbier nur Lounge-Gefühl und Chai-Latte. Und das Höllentor? Perlweiß. Darüber steht jetzt “mama”, Systemgastronomie mit Pizza, Pasta und Lounge. Oh Gott!

Mehr pics’n’files’n’kommentare: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-11/onkel-poes-carnegy-hall-hamburg


Smashing Pumpkins: Monuments Of An Elegy

Billy hält die Erde an

Das neunte Album der Smashing Pumpkins reicht (natürlich) nicht an die großen Zeiten der Band heran, als sie die Grenze zwischen Gefühl und Härte sprengten – was den freitagsmedien aber herzlich egal ist. Weil die Band das Leben ihrer Fans auch so schon zum Besseren gewendet hat. Eine Liebeserklärung.

Von Jan Freitag

Das musikalische Gedächtnis ist eine Festung. In Jahrzehnten gefüllt mit den Soundtracks des Lebens, sichern hohe Mauern den Erinnerungsbestand. Was sich im Innern befindet, schafft es da ebenso schwer nach draußen wie Neues hinein. Popveteranen tun daher gut daran, ihr begleitendes Publikum mit wohl dosierter Aktualität zu behelligen. Altgediente Fans wollen Evergreens. Und so sehr selbst anspruchsvollere von Fortentwicklung faseln – am Ende muss das zehnte Album immerzu den Keim vom ersten verpflanzen. Ich weiß wovon ich rede. Ich bin da besonders streng. Ob ich nun will oder nicht.

Zum Glück das hat einer, der mir besonders am Herzen liegt, begriffen: Billy Corgan. Acht Platten hatten seine Smashing Pumpkins bis 2012 gemacht und dabei, wechselnde Musiker zur Seite, mehrfach Abzweige vom gewohnten Pfad genommen. Wo anfangs brachial die Gitarren krachten, surrten irgendwann verstiegene Keyboards. Wo das Schlagzeug symphonisch Akzente setzte, tat es bald ein Drumcomputer. Und wo eine wirkliche Band agierte, blieb irgendwann nur noch Corgan übrig, der allerletzte Kürbiskopf, Halbgott meiner frühen Musikentwicklung, optisch zusehends Nosferatu, fachlich unverdrossen genial. Und als würde er dem gerecht werden wolle, mir persönlich also, legt der Kopf, Bauch, Geist, Archivar und Nachlassverwalter in Personalunion auf der neuen Platte Monuments Of An Elegy gleich mal los, als wäre nichts gewesen, in all den Jahren unserer Beziehung.

Tiberius heißt das Auftaktstück. Es klingt, wie etwas klingt, das klingt, wie es klingen sollte, um Leute wie mich glücklich zu machen. Nach ein paar Synthietropfen semmelt ein elaboriertes Trommeln unter Corgans Schreddergitarre, als sei nichts gewesen, seit ich mir die erste, die zweite, neunte, überhaupt jede Platte der Pumpkins unbesehen, ungehört gekauft habe wie Butter zum Brot. Und wenn Corgans melancholisches Näseln darüber hinweg weht mit seiner tausendfach geäußerten Bitte, mehr ein Flehen, ihm nicht weiter weh zu tun in dieser schmerzhaften Zeit, dann ist es zurück, das Gefühl meiner späten Jugend, als diese Band alles in mir verändert hat, was sich aus zwei Boxen verändern lässt.

Es war eine komplizierte Zeit für jemanden meines Alters und Geschmacks, eingangs der Neunziger, im drohenden Advent der Boygroups, Raver und Britpopper. Mir waren grad The Melvins, Sonic Youth, das Debütalbum namens Bleach einer unbekannten Band namens Nirvana in die klangliche Verwirrung eines frisch gebackenen Ex-Teenagers mit Affinität zu gesunder Härte gehagelt. Seltsam distinguiert wummerte es zwischen Radio-Pop und MTV-Mosh im Schädel. Und ich ließ es wummern. Alternativlos, so schien es.

Mit Guns ‘N Roses zum Beispiel, denen das junge Musikfernsehen das Prollige, nicht aber Bombastische ausgetrieben hatte. Dann Metallica, die ihren drolligen Hair-Metal akkurater frisiert einer Grunge-Kur unterzogen. Räudiger Rock, der Ton im Unterbewusstsein meines Distinktionsbedürfnisses, wurde endlich salonfähig. Und doch blieb da eine emotionale Leerstelle, die nicht mal Eddy Vedder zu stopfen wusste. Also suchte ich. Und wartete. Und suchte weiter. Und fand. Eben: Die Smashing Pumpkings.

Kurz vorm Durchbruch der CD suchten große Jungs wie ich jede freie Minute analog im Plattenladen nach dem einen, alleinigen, alles verändernden Vinyl. Zum Angeben, zum Eintauchen, für die Ewigkeit. Leider war nicht ich es, der fündig wurde, sondern ein Freund, der immer noch ein paar Stunden länger am MK2 von Michelle verbrachte, damals der wichtigste Rillendealer Hamburgs. Dort die Gish zu hören, kam einer Offenbarung gleich. Corgan und James Iha droschen darauf in die Saiten, als sei Dezibel der neue Dollar. Der Drumpapst Jimmy Chamberlin war für den Trommelnovizen Jan Freitag nicht weniger als eine Heiligenerscheinung. Ganz zu schweigen von D’Arcy, einer Bassistin, die als Frau noch recht einsam war auf der Rockbühne jener Jahre. Ihrer aller Androgynität war für den selbstbildsuchenden Abiturienten schon Herausforderung genug. Und Billy Corgan sanft dazu sanft, aber kräftig über die Schwierigkeiten eines Männerlebens im Grabenkampf zwischen Rollenzuweisung und Selbstverortung, dass jedes Geschlechterbild in mir wankte, ohne es zu negieren. All dies machte, kein Scherz, einen besseren Menschen aus mir.

Über Jahre. Das sanftere Siamese Dream, das epische Mellon Collie, selbst das distanzierte Adore – nie war mir vollends klar, ob solche Platten meine Persönlich formten oder nur orchestriert haben. Schon weil die Antwort darauf offen ist, konnten weder Chamberlins drogenbedingter Rauswurf noch alle Mitgliederwechsel nach der Reunion 2005 samt einer miserablen (Zeitgeist) und einer gelungenen (Oceania) Platte meine je Liebes schmälern. Es gab ja immer noch den Bestand in meinem Plattenregal, der zu oft benutzt wurde, um mint zu sein. Und es gab die Hoffnung, dass Corgan trotz Anzug und Pamela Andersens Ex-Lover Tommy Lee am Schlagzeug wieder Platten macht, die sich Gebrauchsspuren verdienen.

Monuments To An Elegy dürfte eher unbenutzt bleiben. Eine paar Stücke reanimieren zwar gekonnt, was die Pumpkins einst abhob von Grunge, Progressive, Emocore, wo man sie halt so einzuordnen versuchte: Das brettharte One And All, das schöne Monuments, das vielseitige Anti-Hero – alles Referenzen an Zeiten, da Corgan meine Welt anhalten konnte mit seiner exaltierten Liebeslyrik. Der Rest aber verseift textlich wie sprachlich oft im Beliebigen und driftet wie das grässliche Run2Me ab Richtung Schlagerpop. Trotzdem landet auch diese Platte in meiner Sammlung. Hinter Oceania, vorm nächsten, das nicht mehr und nicht weniger muss, als die Erinnerungen einer unverwüstlichen Liebe beizeiten aufzufrischen. Meine Festung ist ja gut gefüllt mit dem besten, was Rockmusik je vorgebracht hat für große Jungs auf der Suche nach sich selbst. Dankeschön, Billy.

Smashing Pumpkins – Monuments Of An Elegy (Martha’s Music/BMG); mehr Pics’n’Files’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2014-12/smashing-pumpkins-album


Joko & Klaas: Kindsköpfe & Scheitel

Es gab nie einen Plan

Am Samstag steckt der Nikolaus etwas Neues in den Stiefel: Eine Pro7-Show mit Joko & Klaas, in dem sich die großen Jungs Winterscheidt & Heufer-Umlauf mal nicht gegenseitig piesacken, sondern andere. Mein bester Feind ist dabei auch ein Versuch, die zwei Hoffnungen des deutschen Formatfernsehens für die sieche Familienshow jenseits von Raab und Pilawa zu testen. Ein Gespräch über Individualität, Körperlichkeit, Erwachsenwerden und warum sie nicht Wetten, dass…? gemacht haben.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Joko, Klaas – ihr zählt zum begehrtesten Personal des deutschen Fernsehens, gerade um junge Zuschauer vom Internet vor den Bildschirm zu kriegen. Zurzeit macht ihr eure Wettkämpfe dafür sogar rund um die Welt auf Pro7 – was kann da eigentlich noch kommen?

Klaas: Ich glaube, nachdem man drei Jahrzehnte in Deutschland gelebt hat, wird es Zeit, darüber hinaus Herausforderungen zu suchen. Und da wird es in jedem Land welche geben. Aber stimmt schon – danach müssen wir langsam mal inhaltlich werden.

Womöglich auch mal getrennt? Ihr seid als Paar förmlich verwachsen – seid ihr als Individuen denkbar?

Klaas: Nicht nur das – wir sind auch als Individuen buchbar; das sollten Interessenten durchaus wissen. Es geht also auch getrennt, aber wir wollen es im Moment nicht anders und sind auch nicht schicksalhaft zueinander geraten, sondern sehr bewusst. Ich fühle mich, als sei ich in einer Band.

Besser Boygroup.

Klaas: Von mir aus auch das.

Joko: Nur ohne Instrumente; ich bin nämlich nicht sonderlich instrumentalisch.

Dafür immer bestens frisiert.

Joko: Selbstverständlich.

Klaas: Es war jedenfalls ein gute Entscheidung, zusammen zu arbeiten. Solange es Spaß macht.

Joko: Es war ja auch eine Entwicklung, die uns zusammengeführt hat, kein Casting..

Klaas: Höchstens ein Reste-Casting.

Joko: Klaas war bei Viva, ich bei MTV, und wir waren so ein Überbleibsel dessen, was mal als Großes und Ganzes im Musikfernsehen geplant war. Die Redaktion von MTV Home hat nach Gemeinsamkeiten im Programm geforscht, die etwas Neues ergeben könnten und ist dabei auf uns gestoßen. Dabei war es zunächst das Format, das uns interessierte, weniger der jeweils andere.

Mittlerweile habt ihr eine sehr körperliche Art der Doppelmoderation entwickelt. Ist für euch überhaupt noch eine ereignislose Gesprächssituation denkbar?

Joko: Absolut. Neo Paradise...

Das Pro7 fast 1:1 als Cirkus Halligalli übernimmt.

Joko: …ist zu 80 Prozent unkörperlich.

Klaas: Es ist, auch wenn ich das nicht gern so nenne, fast eine Late-Night-Situation mit zwei Gästen: viel Gelaber und Atmosphäre. Wenn wir  aus dem Studio kommen, checken wir zwar schon mal die Grenzen des anderen ab, aber auch beim Duell um die Welt werden die Belastungen eher psychischer Natur sein als physischer. Da geht es viel um Perspektiverweiterung. Ich finde es interessant, in Länder zu reisen und Dinge zu entdecken,  von denen ich nicht mal eine Ahnung habe.

Trotzdem ist das Körperliche, der Contest ein Wesensmerkmal eurer Shows. Ist das eine Privatfernsehgeburt oder Teil eurer Persönlichkeiten?

Joko: Weder noch. Es gab nie einen Plan, an dessen Anfang die Frage stand, was für uns beide am Besten funktioniert. Es ist die Mischung aus  Prozess und Veranlagung. Menschen neigen grundsätzlich dazu, sich zu messen, und wir waren die richtigen Kandidaten zur richtigen Zeit, um das fürs Fernsehen kompatibel zu machen. Der Bessere sein zu wollen ist ein Wesensmerkmal des Mediums. Den Gedanken spielen wir jetzt auf Weltebene aus. Da wird man sehen, wer von uns es ist, Klaas.

[Klaas: grinst gelassen]

Das Feuilleton etikettiert diese Art Unterhaltung allerdings nicht als Quintessenz sozialen Miteinanders, sondern als infantilen Quatsch. Seht ihr die Gefahr, eher in der Schiene Elton vs. Simon statt, sagen wir: Roche & Böhmermann festzustecken?

Klaas: Ich glaube, Roche & Böhmermann ist eine klassische Talkshow. Teile daraus gibt es hier und da auch bei uns. Aber wenn man die Vorgabe hat, Show ohne Talk zu machen, sollte man sich nicht an Gesprächsrunden messen. Und ganz ehrlich: wenn man auf irgendwas nicht festgelegt werden will, macht man halt etwas anderes.

Ist das so einfach?

Klaas: Das nicht, zumal ich nicht bestimmen kann, wie es das Publikum findet. Aber wir haben schon eine Verhandlungsposition, in der am Ende ich selbst entscheide, etwas zu tun oder zu lassen. Zur Not, mit der Konsequenz, dass etwas nicht mehr geht. Aber ohne Position zu beziehen, kann man nichts machen, was einem Spaß macht, sondern nur Bedürfnisse befriedigen. Auch wenn es das Publikum womöglich nicht mehr goutiert. Es gibt Schlimmeres, als nicht mehr im Fernsehen zu sein.

Wenn also keiner euer juveniles Konzept sehen will, für etwas Erwachseneres aber die Zuschauerakzeptanz fehlt, würdet ihr die Exit-Option aus dem Fernsehen wählen?

Klaas: Das ist, wie gesagt, eine Frage der Verhandlungsposition, auch mit den Zuschauern. Trotzdem: Wenn nicht, dann nicht. Das Schöne ist doch, dass etwa unsere wöchentliche Sendung in der Regel nicht mehr ist, als eine Ideensammlung der vorangegangenen Woche. Ein Konzept kann ich dahinter noch immer nicht entdecken, das entlastet uns von Erwartungen und gibt uns die Möglichkeit, mit unserer Sendung zu wachsen. Bei 17 Meter folgst du als Moderator der Sendung, bei einer Personalityshow folgt die Sendung uns. Es gibt da keinen Veränderungsdruck.

Joko: Außerdem machen wir noch gar nicht so lange miteinander Fernsehen, sondern erst seit ein paar Jahren. Fühlt sich zwar länger an…

Klaas: Fühlen sich schöne Sachen nicht eher kürzer an? Egal… Und so alt sind wir auch noch nicht, dass man schon abschließende Bewertungen unserer Karrieren vornehmen müsste.

Einen Abschluss hätte die Rettung von Wetten, dass…? werden können.

Klaas: Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen halt selbst Zwerge lange Schatten. Aber mal ehrlich – so eine richtige Diskussion mit dem ZDF  hat darüber nie stattgefunden, und wir können uns natürlich nur auf der Grundlage eines ausgehandelten Konzeptes für eine Sache entscheiden. Weil es das nie gab, stellte sich die Frage, ob wir es machen, auch nie richtig. Obwohl wir uns natürlich geehrt gefühlt haben, dafür überhaupt in Frage zu kommen.

Joko: Man hätte sich auch keinen Gefallen getan, auf Wolke 7 darüber nachzudenken, diese große Show machen zu können. So konkret ist es nie geworden.

Fragen wir also mal hypothetisch: Wärt ihr eher wegen eurer jugendlichen Frische eingekauft worden oder wegen eurer mutmaßlichen Kompetenz?

Klaas: Antworten wir also mal hypothetisch: Wenn man im ZDF-Kosmos jemanden sucht, der relativ jung ist, in seinen eigenen Formaten mit deutschen und internationalen Stars zu tun hat, hier und da auch mal eine Band begrüßt und spielerisch, humorvoll, unterhaltsam, aber eben auch mal ernsthaft an die Sendung herangeht, hätte man schon auf uns stoßen können.

Joko: Jetzt können wir weiter etwas anderes machen. Auch schön oder?

Was macht ihr denn, noch mal hypothetisch, in einem halben Jahr?

Klaas: Ach komm! Das ist nicht hypothetisch, das ist prophetisch. Was machst du in einem halben Jahr?

Ich sitze vermutlich auf demselben Stuhl.

Joko: Wenn wir auch noch sitzen, wo wir es jetzt tun, ist doch alles gut.

Klaas: Wir wären jedenfalls in der undynamischsten Branche, wenn wir das heute schon wüssten.

Joko: Das ist ein bisschen wie bei Zurück in die Zukunft II, wo Michael J. Fox zurück in die Gegenwart kehrt, die ja eigentlich wieder Zukunft ist, in der 400 Sender parallel laufen und man ist einfach einer davon.

Gibt es dann überhaupt noch Fernsehen wie es sich heute präsentiert?

Klaas: Da müssten wir jetzt Kulturgeschichte vorgreifen. Ich glaube, Fernsehen wird sich strukturell verändern, langsamer, als es prognostiziert wird, aber unaufhaltsam. Dennoch wird es in drei Jahren nicht nur TV-Streams auf dem iPad geben, alle liefern nur noch on-demand und Internet ist das neue Fernsehen. Die Gleichzeitigkeit von beiden wird noch eine ganze Weile anhalten. Und grundsätzlich wird auch die Ansprache ans Publikum beibehalten, wenn auch auf einem anderen Plateau.


Hanns Zischler: Intellektueller & Nebenstar

Der Mann am Hintergrund

Ob Hollywood oder TV-Drama, großes Kino oder ganz kleines Schnulzencaro – Hanns Zischler glänzt in tragenden Nebenrollen ebenso wie als zurückhaltende Hauptfigur. Im erstaunlich ansehnlichen ARD-Freitagsfilm Stille Nächte spielt er diesmal seltsamerweise beides. Doch auch die Tragikomödie ist irgendwie nur Mittel zum Zweck eines Intellektuellen, sich seine Intellektualität auch leisten zu können muss.

Von Jan Freitag

Nein, das Wort Nebenrolle hat keinen schönen Klang. Selbst die besten Hauptdarsteller sind ohne Begleitung zwar weitestgehend arbeitsunfähig, aber neben liegt eben doch leicht abseits vom Fokus. Und welcher Akteur im Rampenlicht will da schon hin? Hanns Zischler will! „Stimmt schon“, sagt der Schauspieler mit hundertfacher Nebenrollenerfahrung, „ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter Stelle“. Aber das, sagt ruhig wie immer, sei kein Verharren auf halber Treppe zum großen Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. Der betriebswirtschaftlichen – „schließlich haben Schauspieler lange Durststrecken ohne Arbeit“. Und der dramaturgischen – „schließlich ist niemand entbehrlich“. Weder im Film noch auf der Bühne. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein“. Ob an erster oder vierter Stelle der Besetzungsliste.

Im ARD-Freitagsfilm Stille Nächte ist er diesmal irgendwas in der Mitte. Obwohl sich Filmsohn (Matthias Koeberlin) schon vor einer Ewigkeit von seiner Frau (Katharina Schüttler) getrennt hat, feiern beide Jahr für Jahr gemeinsam mit den (Schwieger-)Eltern Weihnachten, nichtsahnend, dass die längst davon wissen. Weil aber auch Hanns Zischler und Katharina Thalbach als Paul und Clara längst nicht alle (unangenehmen) Wahrheiten auf den Tisch packen, entspinnt sich daraus eine ziemlich charmante Tragikomödie um Sinn und Unsinn kleiner wie großer Lügen unter Menschen, denen man nahe steht. Und auch hier vollbringt Hanns Zischler das Kunststück, präsent und gleichsam unauffällig zu sein, den Film zu tragen und zu unterwandern in einem. Es ist die Fähigkeit des geborenen Nebendarstellers.

„Supporting Act“ nennt man solche Randfiguren, die wie ein Gustav Peter Wöhler, Alexander Held oder Stephan Kampwirth nur auffielen, wenn sie ausfielen. Uneitle Diener am Ganzen, überwiegend im Hintergründ tätig und doch handelnd wie die erste Garde. Zischlers „verschwiegenes Gesicht“, wie der Stern mal schrieb, erzeugt ohne viel Getöse eine Präsenz, die jeder Hauptrolle würdig wäre. Er habe nur auf dem Sofa gelegen und wenig gesagt, meinte der französische Weltstar Jeanne Moreau mal über eine gemeinsame Theaterarbeit, „aber er war großartig“. Diese Reduktion, mit der er nun sogar das furchtbare Drehbuch von Christiane Sadlo alias Inga Lindström mit etwas Leben füllt, hat ihn international bekannt gemacht. Steven Spielberg engagierte ihn 2005 gar für sein Terror-Drama München. In tragender Nebenrolle, versteht sich.

So spielte sich der Nürnberger von 67 Jahren seit seinem Debüt in frühen Werken von Wim Wenders durch Film und Fernsehen, nicht unbemerkt, aber jenseits aller Verwertbarkeitskriterien des Boulevards. Mehr noch als ein guter Schauspieler ist Hanns Zischler dabei ein würdevoller. Mit der zunehmenden Karstigkeit seines eisgrauen Kopfes spielt er den harten Vermieter in Die fetten Jahre sind vorbei so versiert wie den Gutsherren im Vertreibungsdrama Die Flucht und hebt jeden Bildschirm auf Kino-Niveau.

Dabei sei das Fernsehen „nur eine Briefmarke“, zitiert er den großen Produzenten Gyula Trebitsch. „Es sehnt sich nach Leinwand, kommt aber nur auf einen Meter Diagonale“. Und Zischler meint das nicht inhaltlich. Denn solange der kleine Flatscreen dem großen Kino nicht „nachhechelt wie ein eifersüchtiges Kind“, sei ihm manch ambitionierter Zweiteiler lieber als cineastische Beliebigkeit. Hauptsache, er könne sich darin auf seine Art entfalten. Wobei Entfaltung übertrieben klingt: In beiden Formaten nutzt Zischler ja oft bloß einen Gesichtsausdruck, diese „vertrauenerweckende Männlichkeit, die jeder modischen Attitüde trotzt und sympathisch altmodisch auftritt“, wie das Lexikon des deutschen Films schreibt. Sie verleiht ihm etwas Berechenbares, zugleich aber auch Unerklärliches, und vielleicht nimmt ihm ja genau das die Hauptrollentauglichkeit. „Was nicht schnell erklärt werden kann“, erklärt er die Mechanismen des Mediums, „wollen wir nicht“, Das hänge mit dem Sendeauftrag zusammen. Er lacht bissig: „Ein wunderbares Wort, wie aus dem neuen Testament.“

Doch Zischler, ein schauspielernder Intellektueller und angesehener Filmkritiker, der mit Begriffen wie „ideosynkratisch“ oder „Kinematografie“ jongliert, mehrere Fremdsprachen spricht, singt und Klavier spielt, dessen Essay Kafka geht ins Kino von französischen Kritikern als bestes fremdsprachliches Buch übers Kino gewählt wurde – er meint es gar nicht böse. Fernsehen müsse sich nur auf seine Stärken besinnen: Reportage, Sport, Serie, Mehrteiler. Und hin und wieder mal seichte Fernsehkost wie Wilde Wellen. .ein ZDF-Vierteiler, der vor ein paar Jahren so viele Grenzen des anspruchsvollen Geschmacks unterlief, dass man sich Sorgen um Zischlers Zurechnungsfähigkeit machen musste. Am Ende aber zeigte sich: Einem wie ihm kann selbst das nicht schaden.

Stille Nächte – Freitag, 5. Dezember, 20.15 Uhr, ARD


Schumis Werk & Schottys Beitrag

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

24. – 30. November

Und Wagemut lohnt sich doch, selbst wenn er nicht allen gefällt: Beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden bekam der grandiose Tatort: Im Schmerz geboren vorige Woche den Preis der Jury und 3sat-Zuschauer. Die Begründung allerdings hinterlässt dann doch einen schalen Beigeschmack: Ulrich Tukur als Racheobjekt des grundbösen Ullrich Matthes sei etwas, „das man nie vergisst“. Einprägsamkeit als Auszeichnungsbasis – da hätte es früher wohl etwas mehr bedurft. Relevanz, Aussage, solche Sachen. So steht der Verdacht im Raum, das theatralische Gemetzel sei preiswürdig, weil er mal was anderes bietet als Hausmannskost.

Weshalb wir kurz über den großen Teich schalten. In New York nämlich gewann der zugegeben grandiose Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter am Montag den Emmy, immerhin die weltweit bedeutendste TV-Trophäe, Kategorie Miniserie. Nur ist es trotz aller Güte eben doch so, dass Teamworx sein Langzeitprojekt zu irgendwas mit Hitler gemacht hat, was heimischen Produktionen nach wie vor maximale Aufmerksamkeit garantiert.

Aber gut. Man kann sich Aufmerksamkeit auch stumpfer erkaufen. Mit Übertragungen von großmotorigen Autorennen zum Beispiel. RTL hat damit in den vergangenen zwei Jahrzehnten regelmäßig Rekordquoten geholt, zu Schumis Zeit mehr als zehn Millionen Zuschauer. Die aktuelle Saison nun schloss trotz des Finales mit deutscher Beteiligung nicht mal halb so hoch ab. Das könnte man als Läuterungsprozess eines benzinsüchtigen Volkes von Rasern werten, denen die debile Kreisfahrt langsam auf den umweltbewussten Wecker geht. Wahrscheinlich aber es aber profanere Gründe, Programmfragmentierung und Internet etwa. Vielleicht hat Bild aber auch einfach nicht genug Reklame gemacht für seinen geistesverwandten Geschäftspartner RTL.

Womöglich, weil man dort damit beschäftigt war, sich darüber zu beklagen, dass ihr Godfather Axel C. Springer einst vom BND bespitzelt wurde. Das grenzt ja nun mindestens an Majestätsbeleidigung.

TV-neuDie Frischwoche

1. – 7. November

Und wäre somit ein Fall für die ServusTV-Reihe Wo Grafen schlafen, wo es allerdings auch diesen Donnerstag zur besten Sendezeit um österreichische Adlige geht. Schade. Aber um die Freundschaft wieder zu vertiefen, könnte Günther Jauch ja zunächst mal Kai Diekmann am Sonntag zum RTL-Jahresrückblick mit dem akademischen Titel Menschen Bilder, Emotionen laden. Falls der Boulevard-Berserker da nicht schon neben den Hitzlspergers, Dietls, Campinos auf der Couch von Markus Lanz sitzt, der 2014 bereits zwei Tage zuvor zur besten Sendezeit bilanziert. Zumal das ZDF am Samstag drei Stunden lang Werbung macht fürs Ballermannblatt, wenn es dessen Kampagne Ein Herz für Kinder wie jedes Jahr zum Anlass nimmt, sich ans Bild-Publikum zu wanzen. Ach, es ist ein einziges Geben und Nehmen im Adventsprogramm.

Gegeben wird dem Publikum zum Beispiel viel Wissenswertes, wenn 3sat seinen 30. Geburtstag Montag und Dienstag jeweils ab sechs in der Früh mit ganztägigen Schwerpunkten zum Thema Wissenschaft feiert, wo wir von der Relativitätstheorie bis zur Nahrung (We Feed the World, Dienstag, 20.15 Uhr) mehr von der Welt erfahren, als uns manchmal lieb sein dürfte.

Gegeben wird dem Publikum obendrein natürlich Schotty, der ab Mittwoch im NDR wieder als Tatortreiniger unterwegs ist. Dazu die deprimierend faszinierende Arte-Doku Kill Zone, in der Helmar Büchel am Dienstag (20.17 Uhr) dem Waffenwahn Amerikas auf den Grund geht. Oder tags zuvor fünf nach Mitternacht Christina Schiewes Spielfilm Be My Baby über eine Frau mit Down-Syndrom. Zum Auftakt der ZDF-Reihe Barrierefrei erfährt diese Nicole viel klebrige Toleranz, bis sie die Normbürger mit ihrer Schwangerschaft schockt.

Womit wir beim Nehmen wären. Obwohl dieser Actionblödsinn oberflächlich unterhaltsam sein mag, stiehlt Henning Baum den Zuschauern als Götz von Berlichingen Donnerstag auf RTL wertvolle Lebenszeit. Gleiches tut ab Dienstag bis kurz vor den ersten Krokussen wieder Biathlon. Und ob Maria Furtwängler nach zwei Jahren Pause als Kommissarin Lindholm mit neuer Assistentin (Bibiana Beglau) am Tatort Niedersachen gibt oder nimmt, wird sicher heiß diskutiert. Das Thema Massentierhaltung ist jedenfalls gewohnt zeitgemäß.

Ganz anders als Margarete von Trottas Meisterwerk Hannah Arendt im Anschluss im Ersten, mit Barbara Sukowa als brillante Philosophin. Ganz anders auch als die Tipps der Woche, in denen es ein paar Jahre rückwärts geht. Heute Schwarzweiß in Wolfgang Petersens Schwulendrama Die Konsequenz (EinsFestival, 20.15 Uhr), aus der sich Bayerns Rundfunk 1977 natürlich ausklinkte, als Jürgen Prochnow darin erstmals am Bildschirm einen Mann küsste. Anschließend in Farbe: Good Will Hunting (3sat) mit Matt Damon als kompliziertes Mathegenie von 1997, der so gut ist, dass man es sogar synchronisiert erträgt.