Erotiknahkampf & Millionärsmilliarden

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

7. – 13. Februar

Roger Willemsen ist tot, mit gerade mal 60 Jahren. Das klingt zunächst nach einem unerfreulichen Einstieg in einen Text, der die Medienlandschaft mit gewisser Leichtigkeit durchreisen möchte. Deshalb sollten wir es an dieser Stelle mit der Fröhlichkeit südstaatlicher Trauerzüge halten, die den Hinterbliebenen das Leben nicht schwerer machen, als es ohne die Verstorbenen bereits ist, sondern frohgemut dafür danken, was sie hinterlassen. In diesem Fall: Fernsehen mit Niveau, Publizistik zum Niederknien, eine Debattenkultur, die unsere Gesellschaft mit etwas bereichert hat, was selten geworden ist in Zeiten des Hasses: Nonchalance, Witz, Charme, auch Selbstgerechtigkeit, gewiss, aber eine, die auf Neugierde und Klugheit beruht.

Was also hätte Willemsen zu Medienthemen der Vorwoche gesagt: Die Tagesschau zeigt einen zehnsekündigen Handyfilm aus dem Unglückszug von Bad Aibling, in dem viel wackelt, aber wenig zu sehen ist, weshalb der Nachrichtenwert gegen Null tendiert? Womöglich: Blickt durch die Augen des Zuschauers, aber denkt mit eigenem Verstand, ergo: nix gegen Amateurvideos, aber nur, weil es sie eben gibt. Zweites Beispiel: Matthias Schweighöfer produziert, dreht, spielt ab Mai die erste Amazon-Serie in deutscher Sprache, in der es um irgendwas mit Hackern geht? Antwort: Ein Glücksfall fürs Fernsehen, dieser Junge – fröhlich, attraktiv, mitreißend, massenkompatibel, also ideal für den Instantabruf, weshalb sich dann halt andere für nachhaltigere Formate engagieren können! Zuletzt: Pro7 zeigt eine Dating-Show mit weiblichem Single im erotischen Nahkampf mit zwölf rolligen Kerls und nennt sie kopulationsheischend Kiss Bang Love? Vielleicht müsste man den Titel der Vollständigkeit halber um Dschungelcamp erweitern! Das wäre so eine Replik in Willemsen-Manier gewesen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. Februar

Der Hodscha und die Piepenkötter allerdings hätte wohl selbst den Gefühlsintellektuellen aus Bonn sprachlos gemacht. Im Schwall multikultureller Clash-Komödien, der sich auf deutsche Flatscreens ergießt, ist diese am sozialkritischen ARD-Mittwoch von grotesker Schlichtheit. „Handlung“ in Kürze: Stadt am Rhein soll große Moschee kriegen. Wutbürger treiben die Politik zur Gegenwehr. Christliche Bürgermeisterin mit putzigem gerät mit muslimischem Bauherr mit sprechendem Namen aneinander. Am Ende werden Unbelehrbare kleinlaut, Wankelmütige weise and all live happily ever after. Öffentlich-rechtliches Belehrungsentertainment der einfachen Art.

Da könnte es sein, dass Sido in the Box heute (23.10 Uhr, Pro7) der Integrationsdebatte klügere Aspekte entlockt, wenn der zusehends bürgerliche Hass-Rapper als Nachfolger von Oli Schulz an einem unbekannten Ort ausgesetzt wird. Dem Vernehmen nach dürfte es da rustikaler zugehen als dort, wo 25 Minuten zuvor eine hochinteressante Dokumentation spielt. In Milliarden für Millionäre widmet sich die ARD den Reichsten des Landes und wie sie mit staatlicher Unterstützung immer nur noch reicher werden. Das klingt noch bitterer, wenn sich Eva Schöttelndreier anschließend unterm Titel Wie solidarisch ist Deutschland in die soziale Kluft stürzt.

Doch so sehr die derzeit wachsen mag: So tief wie vor 200 Jahren dürfte sie sobald nicht mehr werden. Damals blieb, wer von ganz unten war, für immer ganz unten, während sich die, die ganz oben waren, schon ganz schön ungeschickt anstellen mussten, um abzustürzen. Umso absurder ist „Die Hebamme, mit der Sat1 am Dienstag den Groschenroman um Josephine Preuß als emanzipiertes Wondergirl fortsetzt, das sich in frauenfeindlicherer Zeit gegen männlichen Widerstand behauptet. Warum der renommierte Regiseur Hannu Salonen so einen Müll dreht? Vielleicht aus demselben Grund, warum Roland Suso Richter das gleiche Thema für die ARD ähnlich klischeehaft ins Mittelalter versetzt: Och, warum nicht…

Also besser doch auf Sixx umschalten. Hier läuft Mark Christophers furiose Partykulturstudie Studio 54 über die legendäre New Yorker Disco der Siebziger erstmals als Director’s Cut, den die US-Zensur 1998 gnadenlos zusammengeschnitten hatte. Auch musikalisch, aber weniger exzessiv geht es tags drauf zur gleichen Zeit bei EinsFestival zu, wenn einem Porträt des Multioptionskünstlers Heinz Strunk die Verfilmung seiner Dorfkapellenbiografie Fleisch ist mein Gemüse folgt. Obwohl – das ist ja eigentlich eher eine Wiederholung der Woche, die parallel dazu schwarzweiß auf ZDFkultur zu sehen ist: Katz und Maus, Hans-Jürgen Pohlands satirische Gesellschaftskritik von 1967 nach Günther Grass mit zwei Brandt-Söhnen als merkwürdige Rekruten. In Farbe (Montag, 23.30 Uhr, ServusTV): Dustin Hoffman als Marathon-Mann von 1976 auf der Flucht vor Lawrence Olivier als KZ-Arzt Szell alias Mengele. Und der dokumentarische Wochentipp: Ausgeschlachtet (Donnerstag, 20.15 Uhr, 3sat) über das bizarre System der Organe auf Bestellung für zahlungskräftige Kunden, gefolgt von einer Folge scobel zum Thema.


Wahnsinnsstadt: Hamburgs Innensenatoren

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Mit Andy Grote wird sowas wie das geistig-moralische Gewissen der hanseatischen SPD zum Innensenator. Einer, nach dem man sich nach der nächsten Wahl im und vorm Rathaus (Foto: Mariano Mantel) womöglich noch zurücksehnen könnte.

Von Jan Freitag

Die Innenpolitik, man wagt es seit der rechtspopulistischen Koksnase Ronald B. Schill kaum zu schreiben, war mal liberal besetztes Terrain. Als die FDP Freiheit nicht vornehmlich zur Gewinnmaximierung ihrer Klientel genutzt hat, stellte sie drei Bundesminister in Folge, die sich als Verfechter von Bürger- statt Millionärsrechten sahen. Seit der Ära Kohl jedoch waren Innenpolitiker oft reaktionäre Haudraufs wie das altrechte NSDAP-Mitglied Zimmermann oder der neurechte Burschenschaftler Kanther. Da ist man schnell geneigt, aktuelle Amtsinhaber mit ihren rabiaten Vorgängern gleichzusetzen.

Auch Michael Neumann.

Das aber ist differenzierungsbedürftig. Die Amtszeit des alten Innensenators mag im öffentlichen Bewusstsein von bürokratischer Halsstarrigkeit (Lampedusa-Flüchtlinge), Kommunikationsdesastern (Olympia-Bewerbung) und konservativen Erbstücken (Gefahrenzone) geprägt sein. Und dass unter seiner Ägide „polizeiliche Informationskarteien“ angelegt wurden, in denen offenbar massenhaft unbescholtene Fußballfans auch ohne Tatverdacht als potenziell gewalttätig aktenkundig sind, trübt die Bilanz des Sozialdemokraten aus sozialer wie demokratischer Sicht nachhaltig. Dennoch fällt sie schon deshalb nicht durchweg negativ aus, weil zuletzt eher selten von ihm zu hören war. Für Innenpolitiker gilt das als ebenso wichtiges Gütekriterium wie das Sicherheitsempfinden der Leute. Von denen fühlt sich statistisch nur jeder 20. durch Kriminalität bedroht, wie die Zeit lobt. Unter Neumanns paranoidem CDU-Amtsvorgänger waren es dreimal so viele.

Konstruktives Krisenmanagement

Der Wert zieht seit den „Ereignissen von Köln“, die längs der Reeeperbahn herkunftsbergreifend seit jeher Wochenendalltag sind, nun wieder anziehen; doch in der populistisch vergifteten Flüchtlingsdebatte etwa attestieren Neumann selbst Kritiker des neoliberalen SPD-Kurses ein recht konstruktives Krisenmanagement. Wenn sich Hamburgs CDU, seit vier Jahren schwer auf Machtentzug, bei der nächsten Wahl mit AfD und FDP zum hartrechtsbürgerlichen Block vereinigt, dürfte sich der linke Mainstream daher durchaus nach einem Neumann zurücksehnen.

Mehr aber noch nach einem wie Andy Grote. Der neue Innensenator ist schließlich so etwas wie das geistig-moralische Gewissen der hanseatischen SPD, die im Bundesvergleich naturgemäß eher rechts der FDP steht als links von Gabriel. Schon als Lokalpolitiker im Bezirk Mitte, aber auch noch in staatstragenderer Rolle als dessen Amtsleiter, eilte ihm der Ruf Richtung Rathaus voraus, lieber Politik für Bewohner als Investoren zu machen. Im geldroten Hamburg gilt das eigentlich schon als Kommunismus. In seiner Wahlheimat St. Pauli hingegen, bei dessen FC er selbstredend Mitglied ist, hält man seinen Hang zu Präsenz und Empathie für ein verloren geglaubtes Stück Ethos, mit dem man sonst nicht weit kommt im Ellenbogenzirkus Politik.

Mit sozialdemokratischer Attitüde vom Kiez

Bleibt abzuwarten, wie weit es der Volljurist aus dem Teutoburger Wald, wo ein anderer Germane vor 2000 Jahren massenhaft Römer besiegt haben soll, darin mit seiner geradezu – Achtung! – sozialdemokratischen Attitüde bringt. Das hängt auch davon ab, ob der Bürgermeister weiterhin effektiv vermeidet, dass ihn einer, wenn schon an Wuchs, so doch wenigstens nicht an Strahlkraft überragt. Vielleicht hat Olaf Scholz dafür ja seine Finger in der Pleite vom HSV Hamburg, dessen einst aus Lübeck eingemeindetes Retortenteam exakt fünf Tage nach Grotes Amtsantritt seinen Rückzug aus der Handballbundesliga verkündete. Als Sportsenator kann man ihm das im Zweifel ja anlasten, falls er zu Höherem strebt. Dorthin also, wo an der Elbe leichter kommt, wer in Alsternähe residiert. Andy Grote lebt auf dem Kiez.


Distelmeyer, GoGo Penguin, EstA

songs300Jochen Distelmeyer

Songs from the Bottom? Pop so zu beschreiben, als käme er glaubhaft von Herzen, klingt zunächst mal nach einem Widerspruch. Schließlich ist es die Quintessenz musikalischer Verwertungskultur, Versatzstücke diverser Stile und Emotionen so zu kombinieren, dass sie genreübergreifend wirken, geschmacksneutral und leicht zugänglich. Wenn ausgerechnet Jochen Distelmeyer, der Großintellektuelle des hiesigen Diskurspops, ein Album mit Coversongs kompiliert, die aus seiner Sicht vom Boden der Gefühlswelten ihrer Verfasser stammen, muss man aber doch mal aufmerken. Immerhin kopiert er ja nicht nur The Verves außergewöhnlichen Britpopklassiker Bitter Sweet Symphony oder dessen atmosphärischen Urahnen On The Avenue der Aztec Cameras, sondern auch Lana Del Rey, Britney Spears, sogar den Aprés-Ski-DJ Avicii. Gefühlsböden? Wohl doch eher kalte Kellerlöche.

Nur, was Distelmeyer, inspiriert von seinem herzlich missratenen Romandebüt Otis, daraus macht, ist mehr als bloß Nachsingen. Mit angenehm präziser Gitarre und seinem akklamatorischem Schmusegesang formt er daraus kleine Kunstwerke am oberen Rand des Machbaren im Kosmos des repitiven Pop. Wie zuvor seine (Wahl-)Hamburger Schulkameraden Kristof Schreuf und Rocko Schamoni, strahlt Distelmeyers Plagiatesammlung neben großer Virtuosität eben wunderbaren Eigensinn aus, ohne die Originale zu verunstalten. Das klingt manchmal altersmilde und gefällig, aber immer wunderbar elegant.

Jochen Distelmeyer – Songs from the Bottom, Vol. 1 (Four Music)

album-coverGoGo Penguin

Vor Eleganz ganz zappelig ist hingegen die neue Platte von GoGo Penguin aus Manchester. Auf ihrem dritten Album, mit dem sie zum legendären Blue Note Label gewechselt sind, zelebriert das Trio seine akustische Electronica mit teils analogen, teils programmierten Breakbeats, die den Jazz auf eine höhere, zeitgenössische Stufe heben. Man Made Object klingt trotz der klassischen Wurzeln zehn Stücke lang viril und lebendig. Chris Illingworths Piano flattert am Rande des Synthesizers, angetrieben von Nick Blackas Bass. Das ist natürlich nichts für Puristen – weder von der technoiden noch der jazzigen Seite.

Aber es verfeinert die Fertigkeiten der ersten zwei Platten, sich aus dem unerschöpflichen Fundus globaler Musikeinflüsse beinahe alles zusammen zu sammeln, was im verrauchten Kellerclub ebenso funktioniert wie auf einschlägigen Festivals von London über Paris bis Hamburg. Dafür gab’s bislang zu Recht Preise und Huldigungen zuhauf. Blue Note hat dem Vernehmen nach noch zwei weitere Alben bei GoGo Penguin bestellt. Man darf höchst gespannt sein.

GoGo Penguin – Man Made Object (Blue Note)

Hype der Woche

BD_EstA_album_cover_2016_high_resEstA

Battle-Rap ohne Gegner, Gangsta-Rap ohne Gewalt, Mainstream-Rap im Seitenarm des großen Stroms? Der Saarbrücker HipHop-Exnewcomer EstA ist auf seinem zweiten Album ohne die bisweilen bisschen aufdringlichen Halunkenbande um Baba Saad zu hören und dadurch viel, viel unaufgeregter, spannender, abwechslungsreicher, spannender. BestA ist gewiss nichts für Sprechgesangsfeingeister, aber – trotz oder wegen einer gewissen Zotigkeit im – stets unterhaltsam und somit dieswöchiger Spitzenkandidat für den Hype der Woche


Henry Hübchen: Charakterkopf & Quote

3153551_dbbe8183d35a8ce0eff7664e710fe902_610x340re0Immer ein Stück von mir selbst

Henry Hübchen (Foto@ARD-Degeto) gehört zu den letzten echten Charakterköpfen des deutschen Films, der sich trotz Kinolegenden wie Alles auf Zucker auch für leichte Unterhaltung von Commissario Laurenti bis zum durchschaubaren Familienmelodram Unterm Eis (Freitag bis Montag zu wechselnden Zeiten auf EinsFestival) nie zu schade war. Zu seinem 69. Geburtstag in der nächsten Woche gratuliert freitagsmedien dem streitbaren Berliner mit einem streitbaren Interview zum Start als italienischer Kommissar vor zehn Jahren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hübchen, Sie beklagen, das Fernsehen leide unter Niveaulosigkeit. Gleichwohl sind Sie recht präsent auf dem Bildschirm. Ist das Ausdruck einer Art Hassliebe?

Henry Hübchen: Nee. Das ist subjektiv, ich habe gar nicht das Gefühl, viel zu sehen zu sein. Soviel mache ich gar nicht, höchstens zwei Filme im Jahr.

Dazu mehrere Serien.

Ja schon, aber das sind dann genau sechs Drehtage. Da braucht man dann ein bisschen Geld und dreht eben. Sechs von 365 – wat is’n det? Andere arbeiten dafür 200 Tage im Jahr.

Ihr Verhältnis zum Fernsehen ist also nicht gestört?

Ach, ich hab eine positive Beziehung dazu. Das Problem ist natürlich, dass die Produktionsbedingungen immer schlechter werden, aber vom Prinzip her ist es doch klasse, dass man Filme im Fernsehen ausstrahlen kann, die sich alle Leute ansehen können. Besser als Theater, dass man drei Straßen weiter schon nicht mehr wirklich wahrnimmt.

Im Herzen sind Sie aber dennoch Theaterschauspieler geblieben.

Im Herzen bin ich eigentlich (überlegt lange)… Was bin ich eigentlich im Herzen? Jemand, der Sachen machen will, die die Leute überraschen. Das kann man mit Theater genauso wie mit Film und vielleicht auch mit Events oder Performance-Geschichten. Da will ich mich nicht festlegen, das bin ich nicht. Ich bin jemand, der immer Theater gemacht hat, es hatte in meinem Leben eine größere Kontinuität als Fernsehen, aber Fernsehen und Film hab ich auch immer gemacht nach der Schauspielschule.

Spielen Sie lieber Rollen, die Ihnen charakterlich nahe kommen oder in denen Sie sich stark verstellen müssen?

Tja.

Ein Beispiel ist Alles auf Zucker, von der es hieß, Sie spielten darin sich selbst.

Ich spiele immer ein Stück von mir selbst. Manchmal weniger, manchmal mehr. Sie können gar nichts spielen, das nichts mit Ihnen zu tun hat, Sie müssen es immer für sich übersetzen, auch wenn es eine fürchterliche Figur ist, die sich nur mit Morden beschäftigt. Ich bin noch nie in die Tiefe gegangen, könnte aber einen Tiefseetaucher spielen. Überall sind es auch bloß Menschen, die noch ein anderes Leben haben als Mörder oder Tiefseetaucher und das interessiert mich, wenn Bücher so geschrieben werden, dass dieses Andere zu sehen ist, statt nur eine Dimension – nicht nur Kanzler sein, sondern ihn auch in anderen widersprüchlichen Facetten erzählen. Die haben ja dieselben Probleme wie Sie und ich, das finde ich unterhaltsam und spannend. Ein Stasimajor ist nicht nur ein Arschloch, er kann auch ein guter Mensch sein. (lacht) Nur so als Beispiel.

Versuchen Sie das Positive in negative Charaktere hineinzulegen, um das aufzuzeigen?

Na ja sicher, eine Dimension ist langweilig, die gibt es nicht, die wird nur suggeriert. Das wird gerade in dieser Gesellschaft durch ständige Verkürzung so dargestellt und am Ende glauben wir nur noch, der ist nur gut und der nur schlecht, der eine ist nur schön und der andere nur schlecht.

Hat dieses Schwarzweißdenken etwas mit dem Aufkommen der Privatsender zu tun?

Das war schon immer da. Comics gibt es ja auch schon immer. Wann sind Tarzan und Dagobert Duck erfunden worden? In Grimms Märchen gibt es auch nur einfach geschnittene Figuren. Ich mag eben Geschichten erzählen, die mehrdimensional und komplex sind. Das macht mir mehr Spaß.

Sie mussten sich entscheiden, ob Sie Commissario Laurenti oder Polizeiruf-Kommissar Törner spielen. Warum haben Sie ersteren gewählt?

Weil ich den anderen schon kannte und den neuen erst noch kennen lernen wollte. Das eine ist eine Figur in Mecklenburg-Vorpommern, das andere eine in Italien, anders sozialisiert, mit anderen Möglichkeiten.

Hatte das auch etwas mit dem Schauplatz im sonnigen Italien zu tun?

Auch, aber in erster Linie etwas mit den Büchern. Veit Heinichens sind besser, zumindest für mich und was ich dafür zu tun habe. Eine andere Figur hätte ich darin vielleicht nicht gespielt, aber den Haupthelden in dieser Konstellation zu spielen war für mich interessanter als den im Polizeiruf. Die Landschaft spielt natürlich auch eine Rolle, auf der anderen Seit ist der Polizeiruf eine tradierte Serie, die ich im Zweifel bis an mein Lebensende machen kann. Aber das ist doch langweilig.

Man kann die Figur ja auch verändern.

Trotzdem ist das doch wie eine Ehe. Natürlich gibt es die wunderbare, lang anhaltende, sich immer wieder erneuernde Ehe, aber ich habe mich eben für die neue Frau entschieden.

War es für Sie okay, sich entscheiden zu müssen?

Nee, war es nicht. Aber ich bin hier ja auch nicht der Entscheidungsträger. Es gab ein Entweder-Oder und ich habe mich eben so entschieden.

Was unterscheidet Commissario Laurenti von seinen Vorgängern im deutschen Fernsehen Brunetti und Cattani.

Da fragen Sie den falschen. Ich kenne beide nicht und Laurenti ist auch kein Nachfolger. Es gibt jemand, der hat vier Romane über Menschen geschrieben und daraus Kriminalgeschichten gemacht, die in einer konkreten Stadt spielen und mit den anderen Kommissaren gar nichts zu tun haben. Das ist, als wenn Sie einen Schriftsteller fragen, warum schreiben Sie dieses Buch, es gibt doch schon Bücher.

Sie haben nie einen Donna Leon-Krimi gesehen?

Na ja, ich hab sicher mal reingeschaut, aber kann dazu nüscht sagen, weil ich ein Zapper bin. Und ich kann die beiden Figuren jetzt auch nicht wie ein Soziologe vergleichen, dafür sind andere zuständig.

Wie authentisch können deutsche Schauspieler Italiener spielen?

Das ist doch ganz normal. Ich habe schon mehrere Italiener gespielt. Zum Beispiel Don Jujan, oder in Magdeburg den Romeo, ein klassischer Italiener; da hat ein ganzes deutsches Ensemble Italiener gespielt.

Die Degeto möchte das auch auf dem italienischen Markt verkaufen. Funktionieren deutsche Italiener dort?

Ich bin kein Marketingstratege und es ist mir auch scheißegal. Ich hab meine Gage bekommen und jetzt sollen sie es verkaufen, wo sie wollen. Mir geht’s um die Arbeit, dass sie mir Spaß macht.

Haben Sie ein Faible für Krimis?

Nein, das hat nur was mit Angeboten zu tun. Da in Deutschland neben Talk- und Spielshows überdimensional viele Krimis gemacht werden, fallen Sie zwangsläufig wie durch einen Zufallsgenerator immer wieder auf einen Krimi, wenn Ihnen Rollen angeboten werden. Jetzt fehlt eigentlich noch eine Arztserie, aber die gefallen mir nun wirklich gar nicht.

Wie erklären Sie sich das Faszinierende an Krimi?

Keine Ahnung, ich bin selbst kein Krimigucker. Mir gefallen eher Filme, die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigen, über die man auch lachen kann.

Den Anspruch haben viele Krimis auch.

Aber ich weiß nicht, ob sie das dann wirklich sind. Tatorte, Polizeirufe, Rosa Roth, Die Kommissarin – ich glaube es nicht. Die Realität des Polizeialltags sieht jedenfalls anders aus. Die würde ich gern mal dargestellt sehen. Wird ja versucht, Reality-TV, wo zwei durch die Gegend rennen.

Nicht sehr real.

Aber zwei richtige Polizisten. Das ist auch nicht unsere Aufgabe, es bleibt immer eine Fiktion, aber vielleicht doch eine, die einen Finger auf die Seltsamkeit der Realität lenkt. Das finden sie in den meisten Krimis nicht.

Real kann auch dies sein: Commissario Laurenti schwitzt sehr viel.

(lacht) Und ich bin leider der einzige, der das tut. Unabhängig von Ausstattung und Requisite bin ich scheinbar derjenige, der da den Sommer darstellen soll. Das macht ein Schauspieler dann auch noch.

Da kam dir Frage auf, was das für einen Grund haben könnte.

Das sind so Sachen, die man interpretieren kann. Ist aber nicht so gewollt. Das sind Vorgänge, die man gar nicht ausrechnen kann. Es zeigt diesen Sommerteil im Roman, wie in amerikanischen Filmen, wo immer alles so schwitzt. Man merkt beim Zuschauen, mannometer, ist das heiß. Da haben mich die Verantwortlichen im Stich gelassen.

Der erste Teil ist verregneter.

Stürmischer, nasskalter Winter. Vereist. Was anderes haben wir da nicht vorgefunden, sonst hätten wir noch später drehen müssen. Wir haben schon versucht, den ersten in der warmen Zeit zu machen und den zweiten, wenn es nur etwas kälter wird. So was wird zusammen gemacht, weil es billiger ist. So entstehen Filme.

Einer Ihrer Kollegen ist nach den Dreharbeiten gleich in Triest geblieben. Wäre das was für Sie?

Es ist ganz schön, mal zwei Monate da zu sein, aber dann reicht es auch wieder. Was soll ich da, das ist nicht meine Kultur und nicht meine Sprache. Ich bin keine 18 mehr, wo ich sage, jetzt werd ich mal Italiener.

Sie werden im Gegenteil nächstes Jahr 60. Ist das für Sie ein Thema?

Möglichst nicht. Es geht immer schneller, ja, und 60 ist eine Scheißzahl. Damit beschäftige ich mich natürlich. Ich werde immer gelassener. Und mir ist vieles egal; nicht im Sinne von Gleichgültigkeit. Man hat keine Lust mehr, sich so anzustrengen.

Kriegt man mit dem Alter eine andere Position am Set?

Die kriegt man nicht durchs Alter, sondern durch Erfahrung, die eine gewisse Wertschätzung erfährt, durch Arbeit. Wenn Sie alt sind und immer Mist gemacht haben, nützt Ihnen das Alter nicht viel. Dann altern Sie höchstens jemanden beiseite. Ich würde mich nicht darauf verlassen, Hochachtung dadurch zu erhalten.

Sie gelten als äußerst leidenschaftlich.

Natürlich kann ich leidenschaftlich werden, aber das ist kein Widerspruch zum Alter. Ich habe mich früher mehr verstellt. Wenn ich heute nicht pünktlich bin, dann ist das auch nicht so schlimm, und wenn ich heute keine gute Laune habe, dann tue ich nicht so, als wäre ich bester Laune und verheimliche das nicht. Dann ist das eben so. Man kennt das doch: man ist nicht gut drauf, aber der Chef kommt… Das meine ich damit, dass es mir egal ist. Dass man sich nicht verstellt und sich mehr gehen lässt.

Freuen Sie sich schon auf die Geschenke zum 60.?

Machen Sie mich nicht wahnsinnig. Ist ja auch nur eine Zahl, aber ich kann mir schon etwas anderes vorstellen als 60 zu werden. Schlimm ist es, weil man dann weiß, in zehn Jahren bin ich 70. das geht ganz schnell. Wenn ich daran denke wie schnell die Zeit nach dem Mauerfall vergangen ist. Nochmal die gleiche Zeit, dann bin ich 75. Das ist ja schrecklich. Das ist kurz. Deshalb möchte ich mich während dieser Zeit nicht mehr mit so vielen Idioten umgeben. Da überlegt man schon, ob es sich immer lohnt, überall viel zu investieren.

Momentan sehr erfolgreich. Nimmt man das auch gelassen hin oder genießen Sie das anders als früher?

Ich genieße das nicht wirklich richtig. Das habe ich immer noch nicht gelernt. Weil ich mein größter Kritiker bin. Habe immer noch nicht gelernt, Erfolg oder Lob einfach hinzunehmen. Weil ich natürlich immer weiß: du kannst noch viel besser sein. Viel richtiger. Bin oft unzufrieden. Das ist schrecklich.  Aber man ist eben so, man kann nicht so einfach aus seiner Haut. Und dann muss man es auch mal so lassen. Und nicht immer versuchen, ein anderer zu sein.


Akte X: Verschwörungen & Monster der Woche

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Am Montag öffnen Fox Mulder und Dana Scully (Foto@Fox) nach 14 Jahren wieder für sechs Folgen die Akte X. Schockierender und schlechter synchronisiert als von 1993 bis 2002, aber ebenso verschwörungstheoretisch – nur dass gut und böse die Seiten tauschen, was auch an den kommenden fünf Montagen um 21.10 Uhr ein bisschen nach Tea Party klingt.

Von Jan Freitag

Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star TrekDallas oder Diese Drombuschs – vom bürgerlichen Werteverfall über den Weltraumboom bis zu Thatcherism & Reaganomics verarbeiten sie die Gesellschaft ringsum so unterhaltsam, als wären es Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochen-Produkt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Russen standen vorm Exitus, die Chinesen erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und selbst deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia der diffusen Gegenwart anno 1993.

Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr wie neun Staffeln lang insinuiert von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom eigenen Staat gegen alle, Bevölkerung inklusive. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch bald nach dem Sturz der Twin Towers waren Außerirdische nicht mehr zwingend extraterrestrischen Ursprungs. Fast schien es, als sei die FBI-Abteilung für mysteriöse Fälle nahtlos in der CIA aufgegangen. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.

Bis heute. Um 21.10 Uhr treten sie auf ihrem Hauskanal Pro7 abermals in Erscheinung und haben gleich selber eine: Aliens sind mal wieder auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die special agents nicht staatlicherseits aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), ein reaktionärer Hardliner im Stile des Fox-News-Demagogen Glen Beck, der 24 Stunden lang wirres, aber wirkmächtiges Komplottgefasel verkauft. Diesmal: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines UFO verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Beweis ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine eingepflanzter Alien-Föten missbraucht wurde.

Anders als früher, wo die „Monster der Woche“ – das es natürlich auch wieder geben wird – allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Invasionsgefahr im Land der Freiheit verknüpft waren, geht es damit um ein und denselben Feind, der zudem die Seiten gewechselt hat. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Propagandakanal Fox, mit dem einst eher linksliberal staatsgläubigen Verschwörungstheoretiker Mulder vorneweg, der sich nach vielen Jahren Sendepause an der Seite seiner rationalen, also irgendwie auch eher demokratisch gesinnten Partnerin Scully erneut ins Getümmel konkreter Bedrohung und wirrer Mutmaßungen stürzt. Nur diesmal eben irgendwie von Rechtsaußen in die Mitte grätschend.

Während ihre Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Miniserie ästhetisch hingegen recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen oder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in „Californication“ noch reizender geworden. Umso weniger kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel verkneifen.

Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt. Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren „Raucher“ (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt im heutigen Cliffhanger alle alten Ängste hervorholt.

„Conspiracy sells“, sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley, bevor er im zweiten Teil wieder Anzug trägt. Damit kommentiert er irgendwie auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.

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Rademann & dicke Soße

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

8. – 14. Februar

Die gute alte, angeblich goldene Zeit des Fernsehens – ob sie so gut wie alt, geschweige denn golden war, wird man erst mit mehr Abstand zur angeblich unguten neuen, also blechernen Zeit beurteilen können. Tatsache ist, dass die ältere Zeit mit jedem Abschied einer prägenden Figur von früher tatsächlich alt, aber eben auch ein bisschen goldener erscheint. Wer sich heute zum Beispiel auf Youtube Am laufenden Band ansieht, überdenkt womöglich ein paar Hymnen auf den guten alten Rudi Carrell. Aber verglichen mit JBK? Platin! Nun aber ist einer abgetreten, der die goldenste Zeit des Fernsehens nicht geprägt, sondern förmlich regiert hat.

Wolfgang Rademann, the King of Mainstream.

Seit den analogen 60ern begeistert er sein Volk mit polyglotten Stars (Catarina Valente), volkstümlichen Shows (Peter Alexander), verrückten Paaren (Juhnke/Boettcher), großen Pötten (Traumschiff) und natürlich der Urmutter erfolgreicher Niveauvernichtung des dualen Zeitalters: Die Schwarzwaldklinik. Dafür gab es zweimal die Goldene Kamera, jene Trophäe ohne künstlerische, dafür reichlich symbolische Bedeutung, die auch am Samstag in Hamburg wieder Dinge ausgezeichnet hat, deren Schein – trotz einer furiosen Rede der frisch gebackenen Preisträgerin Dunja Hayali – weit größer ist als jedes Sein oder wie der „beste Schauspieler international“ Gerard Butler (der aus Prinzip nur Filme für schlichte Gemüter dreht, aber offenbar ein Freund seines Laudators Til Schweiger ist) grad mal Zeit hatten, aus Hollywood anzureisen.

Unter Rademanns Führung wurde selbst unsere digitale Gegenwart mit derart harmloser Unterhaltung entertaint, dass es Abermillionen Zuschauer bis zuletzt nicht störte, wenn Kreuzfahrtschiffe im ewigen Sonnenschein plötzlich von einem ungelernten Ex-Steward gelenkt werden. Jetzt ist Wolfgang Rademann mit 81 Jahren gestorben und die gute alte Zeit langsam lange genug her, um sie durch die schlechte neue Zeit zumindest mal so mittel erscheinen zu lassen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

15. – 21. Februar

Und was wäre da geeigneter als das Internet, wo noch ein Wagemut existiert, dem die Rademanns schon ewig abgeschworen haben. Online hat das ZDF eine Serie getestet, die am Freitag ins reguläre Nachtprogramm wechselt: Familie Braun. Klingt nach dicker Soße mit Sättigungsbeilage, ist aber eine Kurzfilmreihe um zwei Neonazis, denen das sechsjährige Ergebnis eines besoffenen One-Night-Stands vor die Tür gestellt wird. „Ich werd nach Eritrea abgeschoben“, gibt die Mutter der NS-WG mit in die Vaterschaft, lacht „Ausländer raus“ hinterher und zack, haben zwei rechte Reifeverweigerer ein dunkelhäutiges Problem.

Es könnte nun in zweierlei ausarten: strunzblöden Politslapstick oder peinliches Belehrungsfernsehen. Das Ergebnis jedoch liegt so elegant in der Mitte beider Pole, dass achtmal fünf Minuten viel zu kurz sind für die hochpräzise, todernste, saulustige Studie eines akuten Notstands, ohne das Personal bloßzustellen. Nicht Papa Thomas (Edin Hasanovic), der zum Fasching ein Maikäferkostüm aus seiner Hakenkreuzfahne bastelt; nicht sein Mitbewohner (Vincent Krüger), der bei aller Situationskomik aus Frust doch irgendwann wen zusammentritt, und schon gar nicht Lara (Nomie Lana Tucker), die den Faschos mit kindlicher Arglosigkeit das eigene Gedankengut um die Ohren haut. Das ist so schlau, so witzig, so gelungen – kein Wunder, dass es das Zweite erst um 23 Uhr versendet.

Vorher läuft schließlich weiter Programm aus der Rademann-Ära. Die Versteckte Kamera etwa, ein Abklatsch von Verstehen Sie Spaß mit Promis als Regisseure, in dem das ZDF Samstag zur besten Sendezeit seinen Showmaster-Einkauf Steven Gätjen ins Rennen schickt. Für kreatives Fernsehen muss man daher zu Sky wechseln, wo tags drauf die Martin Scorcese wunderbar nostalgische Schilderung der New Yorker Musikszene anno 1973 Vinyl freigeschaltet wird. Oder zu RTL, das ab Mittwoch (20.15 Uhr) die bizarre Jetset-Exzision Altes Geld von David Schalko zeigt, der schon in „Braunschlag“ gezeigt hat, wie man klug mit Klischees spielt. Eher packend als lustig dürfte Staffel 3 der skandinavischen Krimi-Reihe Die Brücke am Sonntag, 22 Uhr, im ZDF werden. Gut abgehangen, aber bestens in Schuss sind Fox Mulder und Dana Scully, die heute (21.10 Uhr) auf Pro7 nach 14 Jahren Pause die X-Akten aus dem Archiv holen und dabei auf eine menschengemachte Alien-Verschwörung stoßen.

Und damit ab in die Hochkultur. Erst zur Berlinale, deren Eröffnung 3sat am Donnerstag ab 19.20 Uhr volle fünf Stunden wert ist. Dicht gefolgt von 170 Minuten Kurzfilmen, die Arte am Freitag (23.30) vorm zugehörigen Festival in Chermand-Ferrand zeigt. Bisschen länger, aber ebenso sehenswert ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche von 1953, Der Mann aus Alamo mit Glenn Ford als Rächer, Kategorie B-Western mit Anspruch (Samstag, 1.30, ZDF). Und in Farbe: Die durch die Hölle gehen von 1978 (Samstag, 22 Uhr, BR), nicht nur wegen Christopher Walken und Robert De Niro der vielleicht beste Vietnam-Film aller Zeiten. Der Doku-Tipp der Woche namens Viva Dada (Sonntag, 17.35 Uhr, Arte) widmet sich hingegen, wie der Titel schon sagt, einem Irrsinn anderer Art: der anarchistischen Kunstbewegung der Weimarer Republik.


Anderson.Paak, Bonnie Prince, Jesu/Sun

TT16.1 PaakAnderson .Paak

Wer „anschlussfähig“ sagt, meint trotz der Folk-Renaissance heutzutage meist R’n’B. Keine Spielart des Pop ist im Weltmaßstab wohlfeiler, massenaffiner, lukrativer. So gesehen wäre Brandon Anderson Paak nur einer unter Abertausenden, die dem globalen Warenstrom des digitalisierten Soul mit etwas Blues und Hip-Hop ein paar Gefälligkeitsbeats beifügen. Doch so einfach ist es nicht bei Anderson .Paak, wie sich der kalifornische Songwriter auch auf dem zweiten Studioalbum Malibu nennt.

Video: https://soundcloud.com/andersonpaak/room-in-here-feat-the-game-sonyae-elise

Knirschend legt sich seine Stimme über fett produzierte Arrangements als hätte sie ihm der junge Prince eingeflüstert. Begleitet von Kollegen wie The Game oder ScHoolBoy deklinieren die zugehörigen Raps das Vokabular von Bitch bis Nigga hinreißend selbstironisch durch. Zwischen der kosmopolitischen Lässigkeit von Arrested Devolopment und Outcasts funkigem Mashup taugt Andersons Aura somit ebenso für ein halbes Dutzend Beiträge zu Dr.Dres halboffiziellem Soundtrack Compton wie zur Meeresrauschenbegleitung am Strand. Die Szene feiert den Newcomer bereits als „brandheiß“. Besser träge es „angenehm mild“. Bei diesen Außentemperaturen nicht das Schlechteste.

Anderson .Paak – Malibu (Stell Wool Entertainment)

TT16.1 BonnieBonnie Prince Billy

Wie schief es, zurück auf dem staubig-emotionalen Pfad des Folk, geradewegs bergauf gehen kann, belegt abermals: Will Oldham. Ein Singer/Songwriter uralter Schule, den es gar nicht geben dürfte und irgendwie auch gar nicht gibt. Halbglatzig, untersetzt und sonderbar krächzend fügt er dem Country seiner amerikanischen Heimat seit Ewigkeiten die krümmsten Töne des Genres zu. Damit brachte es das Landei aus Kentucky unter verschiedenen Namen in fast 25 Jahren nicht nur zu 30 Platten, sondern der Indie-Weihe schlechthin: sechs Einladungen zu den legendären John-Peel-Sessions, von denen drei fürs neue Album Pond Scum vereint wurden.

Video: http://www.dominorecordco.com/pondscum/

Die extrem reduzierte, bittersüß melodramatische Melange fordert zwar selbst den Hörgewohnheiten der diesbezüglich belastbaren Zielgruppe für reduzierten Singer/Songwriter-Folk alles ab. Doch wer sich auf die gitarrenbegleiteten Unmutsbekundungen über ein falsches Leben im Falschen einlässt, versinkt dabei wie in Treibsand. Ein wenig morbide, gewiss, aber wohlig und warm und beruhigend.

Bonnie Prince Billy – Pond Scum (Domino)

TT16.1 JesuSunJesu/Sun Kill Moon

Wenn es allzu wohlig warm wird in den Herzen und Häusern, kann man allerdings auch ruhig mal mit etwas dissonantem Krach gegensteuern. Das Indiefolk-Trio Sun Kill Moon des rührigen Sängers Mark Kozelek aus Ohio liefert da im Team mit Justin Broadricks experimenteller Rockband Jesu (Wales) ein Paradebeispiel, wie man trotz grölender Gitarren ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sie sich für ihre Kollaboration zutiefst geerdete, aber zur Katzenmusik bereite Kollegen wie – da ist er wieder – Will Oldham – oder Isaac Brock von Modest Mouse geladen haben. Das Ergebnis verdient weit mehr als andere gleich eine ganze Reihe jener Präfixe vermeintlich überwundener Vorgängerstile: Post-Rap, Post-Punk, Post-Metal, Post-alles, was sein Genre puristisch definiert. Vergleichbar allenfalls den uneingeschränkt fabelhaften Post-Post-HipHopern Listener spricht sich Kozelek auf dem selbstbetitelten Projektalbum allen Weltschmerz von der Seele, der darauf noch Platz hatte, klingt dabei aber – den Gitarren sei dank – nie larmoyant oder selbstgefällig. Ein tolles Album, um dem Winter ohne Heizstrahler Richtung Frühling zu prügeln.

Jesu/Sun Kill Moon – Jesu/Sun Kill Moon (Rough Trade)

Hype der Woche

COVEREXACTYXTurbostaat

Altersmilde ist ein Zustand, dem kaum jemand entkommt, der sein Leben lang im Fegefeuer der eigenen Ideale schmorte. Selbst das musikalisch Beste, was der Punkrock mit hintersinnigem Gesang aus Deutschland zu bieten hat, bleibt davor nicht  gefeit: Turbostaat. Ihr neues Album Abalonia klingt nicht nur dem Titel nach eher nach Feenwald als Demobarrikade, es hört sich auch ungeheuer ruhig und träumerisch an. Aber kein Problem. Es steckt immer noch viel Kraft in der Balladenhaftigkeit. Und wenn Jan Windmeier wie bei der Release-Party in Hamburg ankündigt, jetzt aber mal ein paar alte Kracher zu spielen, geht das Publikum halt etwas später steil. Weitermachen!