Henry Hübchen: Charakterkopf & Quote

3153551_dbbe8183d35a8ce0eff7664e710fe902_610x340re0Immer ein Stück von mir selbst

Henry Hübchen (Foto@ARD-Degeto) gehört zu den letzten echten Charakterköpfen des deutschen Films, der sich trotz Kinolegenden wie Alles auf Zucker auch für leichte Unterhaltung von Commissario Laurenti bis zum durchschaubaren Familienmelodram Unterm Eis (Freitag bis Montag zu wechselnden Zeiten auf EinsFestival) nie zu schade war. Zu seinem 69. Geburtstag in der nächsten Woche gratuliert freitagsmedien dem streitbaren Berliner mit einem streitbaren Interview zum Start als italienischer Kommissar vor zehn Jahren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hübchen, Sie beklagen, das Fernsehen leide unter Niveaulosigkeit. Gleichwohl sind Sie recht präsent auf dem Bildschirm. Ist das Ausdruck einer Art Hassliebe?

Henry Hübchen: Nee. Das ist subjektiv, ich habe gar nicht das Gefühl, viel zu sehen zu sein. Soviel mache ich gar nicht, höchstens zwei Filme im Jahr.

Dazu mehrere Serien.

Ja schon, aber das sind dann genau sechs Drehtage. Da braucht man dann ein bisschen Geld und dreht eben. Sechs von 365 – wat is’n det? Andere arbeiten dafür 200 Tage im Jahr.

Ihr Verhältnis zum Fernsehen ist also nicht gestört?

Ach, ich hab eine positive Beziehung dazu. Das Problem ist natürlich, dass die Produktionsbedingungen immer schlechter werden, aber vom Prinzip her ist es doch klasse, dass man Filme im Fernsehen ausstrahlen kann, die sich alle Leute ansehen können. Besser als Theater, dass man drei Straßen weiter schon nicht mehr wirklich wahrnimmt.

Im Herzen sind Sie aber dennoch Theaterschauspieler geblieben.

Im Herzen bin ich eigentlich (überlegt lange)… Was bin ich eigentlich im Herzen? Jemand, der Sachen machen will, die die Leute überraschen. Das kann man mit Theater genauso wie mit Film und vielleicht auch mit Events oder Performance-Geschichten. Da will ich mich nicht festlegen, das bin ich nicht. Ich bin jemand, der immer Theater gemacht hat, es hatte in meinem Leben eine größere Kontinuität als Fernsehen, aber Fernsehen und Film hab ich auch immer gemacht nach der Schauspielschule.

Spielen Sie lieber Rollen, die Ihnen charakterlich nahe kommen oder in denen Sie sich stark verstellen müssen?

Tja.

Ein Beispiel ist Alles auf Zucker, von der es hieß, Sie spielten darin sich selbst.

Ich spiele immer ein Stück von mir selbst. Manchmal weniger, manchmal mehr. Sie können gar nichts spielen, das nichts mit Ihnen zu tun hat, Sie müssen es immer für sich übersetzen, auch wenn es eine fürchterliche Figur ist, die sich nur mit Morden beschäftigt. Ich bin noch nie in die Tiefe gegangen, könnte aber einen Tiefseetaucher spielen. Überall sind es auch bloß Menschen, die noch ein anderes Leben haben als Mörder oder Tiefseetaucher und das interessiert mich, wenn Bücher so geschrieben werden, dass dieses Andere zu sehen ist, statt nur eine Dimension – nicht nur Kanzler sein, sondern ihn auch in anderen widersprüchlichen Facetten erzählen. Die haben ja dieselben Probleme wie Sie und ich, das finde ich unterhaltsam und spannend. Ein Stasimajor ist nicht nur ein Arschloch, er kann auch ein guter Mensch sein. (lacht) Nur so als Beispiel.

Versuchen Sie das Positive in negative Charaktere hineinzulegen, um das aufzuzeigen?

Na ja sicher, eine Dimension ist langweilig, die gibt es nicht, die wird nur suggeriert. Das wird gerade in dieser Gesellschaft durch ständige Verkürzung so dargestellt und am Ende glauben wir nur noch, der ist nur gut und der nur schlecht, der eine ist nur schön und der andere nur schlecht.

Hat dieses Schwarzweißdenken etwas mit dem Aufkommen der Privatsender zu tun?

Das war schon immer da. Comics gibt es ja auch schon immer. Wann sind Tarzan und Dagobert Duck erfunden worden? In Grimms Märchen gibt es auch nur einfach geschnittene Figuren. Ich mag eben Geschichten erzählen, die mehrdimensional und komplex sind. Das macht mir mehr Spaß.

Sie mussten sich entscheiden, ob Sie Commissario Laurenti oder Polizeiruf-Kommissar Törner spielen. Warum haben Sie ersteren gewählt?

Weil ich den anderen schon kannte und den neuen erst noch kennen lernen wollte. Das eine ist eine Figur in Mecklenburg-Vorpommern, das andere eine in Italien, anders sozialisiert, mit anderen Möglichkeiten.

Hatte das auch etwas mit dem Schauplatz im sonnigen Italien zu tun?

Auch, aber in erster Linie etwas mit den Büchern. Veit Heinichens sind besser, zumindest für mich und was ich dafür zu tun habe. Eine andere Figur hätte ich darin vielleicht nicht gespielt, aber den Haupthelden in dieser Konstellation zu spielen war für mich interessanter als den im Polizeiruf. Die Landschaft spielt natürlich auch eine Rolle, auf der anderen Seit ist der Polizeiruf eine tradierte Serie, die ich im Zweifel bis an mein Lebensende machen kann. Aber das ist doch langweilig.

Man kann die Figur ja auch verändern.

Trotzdem ist das doch wie eine Ehe. Natürlich gibt es die wunderbare, lang anhaltende, sich immer wieder erneuernde Ehe, aber ich habe mich eben für die neue Frau entschieden.

War es für Sie okay, sich entscheiden zu müssen?

Nee, war es nicht. Aber ich bin hier ja auch nicht der Entscheidungsträger. Es gab ein Entweder-Oder und ich habe mich eben so entschieden.

Was unterscheidet Commissario Laurenti von seinen Vorgängern im deutschen Fernsehen Brunetti und Cattani.

Da fragen Sie den falschen. Ich kenne beide nicht und Laurenti ist auch kein Nachfolger. Es gibt jemand, der hat vier Romane über Menschen geschrieben und daraus Kriminalgeschichten gemacht, die in einer konkreten Stadt spielen und mit den anderen Kommissaren gar nichts zu tun haben. Das ist, als wenn Sie einen Schriftsteller fragen, warum schreiben Sie dieses Buch, es gibt doch schon Bücher.

Sie haben nie einen Donna Leon-Krimi gesehen?

Na ja, ich hab sicher mal reingeschaut, aber kann dazu nüscht sagen, weil ich ein Zapper bin. Und ich kann die beiden Figuren jetzt auch nicht wie ein Soziologe vergleichen, dafür sind andere zuständig.

Wie authentisch können deutsche Schauspieler Italiener spielen?

Das ist doch ganz normal. Ich habe schon mehrere Italiener gespielt. Zum Beispiel Don Jujan, oder in Magdeburg den Romeo, ein klassischer Italiener; da hat ein ganzes deutsches Ensemble Italiener gespielt.

Die Degeto möchte das auch auf dem italienischen Markt verkaufen. Funktionieren deutsche Italiener dort?

Ich bin kein Marketingstratege und es ist mir auch scheißegal. Ich hab meine Gage bekommen und jetzt sollen sie es verkaufen, wo sie wollen. Mir geht’s um die Arbeit, dass sie mir Spaß macht.

Haben Sie ein Faible für Krimis?

Nein, das hat nur was mit Angeboten zu tun. Da in Deutschland neben Talk- und Spielshows überdimensional viele Krimis gemacht werden, fallen Sie zwangsläufig wie durch einen Zufallsgenerator immer wieder auf einen Krimi, wenn Ihnen Rollen angeboten werden. Jetzt fehlt eigentlich noch eine Arztserie, aber die gefallen mir nun wirklich gar nicht.

Wie erklären Sie sich das Faszinierende an Krimi?

Keine Ahnung, ich bin selbst kein Krimigucker. Mir gefallen eher Filme, die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigen, über die man auch lachen kann.

Den Anspruch haben viele Krimis auch.

Aber ich weiß nicht, ob sie das dann wirklich sind. Tatorte, Polizeirufe, Rosa Roth, Die Kommissarin – ich glaube es nicht. Die Realität des Polizeialltags sieht jedenfalls anders aus. Die würde ich gern mal dargestellt sehen. Wird ja versucht, Reality-TV, wo zwei durch die Gegend rennen.

Nicht sehr real.

Aber zwei richtige Polizisten. Das ist auch nicht unsere Aufgabe, es bleibt immer eine Fiktion, aber vielleicht doch eine, die einen Finger auf die Seltsamkeit der Realität lenkt. Das finden sie in den meisten Krimis nicht.

Real kann auch dies sein: Commissario Laurenti schwitzt sehr viel.

(lacht) Und ich bin leider der einzige, der das tut. Unabhängig von Ausstattung und Requisite bin ich scheinbar derjenige, der da den Sommer darstellen soll. Das macht ein Schauspieler dann auch noch.

Da kam dir Frage auf, was das für einen Grund haben könnte.

Das sind so Sachen, die man interpretieren kann. Ist aber nicht so gewollt. Das sind Vorgänge, die man gar nicht ausrechnen kann. Es zeigt diesen Sommerteil im Roman, wie in amerikanischen Filmen, wo immer alles so schwitzt. Man merkt beim Zuschauen, mannometer, ist das heiß. Da haben mich die Verantwortlichen im Stich gelassen.

Der erste Teil ist verregneter.

Stürmischer, nasskalter Winter. Vereist. Was anderes haben wir da nicht vorgefunden, sonst hätten wir noch später drehen müssen. Wir haben schon versucht, den ersten in der warmen Zeit zu machen und den zweiten, wenn es nur etwas kälter wird. So was wird zusammen gemacht, weil es billiger ist. So entstehen Filme.

Einer Ihrer Kollegen ist nach den Dreharbeiten gleich in Triest geblieben. Wäre das was für Sie?

Es ist ganz schön, mal zwei Monate da zu sein, aber dann reicht es auch wieder. Was soll ich da, das ist nicht meine Kultur und nicht meine Sprache. Ich bin keine 18 mehr, wo ich sage, jetzt werd ich mal Italiener.

Sie werden im Gegenteil nächstes Jahr 60. Ist das für Sie ein Thema?

Möglichst nicht. Es geht immer schneller, ja, und 60 ist eine Scheißzahl. Damit beschäftige ich mich natürlich. Ich werde immer gelassener. Und mir ist vieles egal; nicht im Sinne von Gleichgültigkeit. Man hat keine Lust mehr, sich so anzustrengen.

Kriegt man mit dem Alter eine andere Position am Set?

Die kriegt man nicht durchs Alter, sondern durch Erfahrung, die eine gewisse Wertschätzung erfährt, durch Arbeit. Wenn Sie alt sind und immer Mist gemacht haben, nützt Ihnen das Alter nicht viel. Dann altern Sie höchstens jemanden beiseite. Ich würde mich nicht darauf verlassen, Hochachtung dadurch zu erhalten.

Sie gelten als äußerst leidenschaftlich.

Natürlich kann ich leidenschaftlich werden, aber das ist kein Widerspruch zum Alter. Ich habe mich früher mehr verstellt. Wenn ich heute nicht pünktlich bin, dann ist das auch nicht so schlimm, und wenn ich heute keine gute Laune habe, dann tue ich nicht so, als wäre ich bester Laune und verheimliche das nicht. Dann ist das eben so. Man kennt das doch: man ist nicht gut drauf, aber der Chef kommt… Das meine ich damit, dass es mir egal ist. Dass man sich nicht verstellt und sich mehr gehen lässt.

Freuen Sie sich schon auf die Geschenke zum 60.?

Machen Sie mich nicht wahnsinnig. Ist ja auch nur eine Zahl, aber ich kann mir schon etwas anderes vorstellen als 60 zu werden. Schlimm ist es, weil man dann weiß, in zehn Jahren bin ich 70. das geht ganz schnell. Wenn ich daran denke wie schnell die Zeit nach dem Mauerfall vergangen ist. Nochmal die gleiche Zeit, dann bin ich 75. Das ist ja schrecklich. Das ist kurz. Deshalb möchte ich mich während dieser Zeit nicht mehr mit so vielen Idioten umgeben. Da überlegt man schon, ob es sich immer lohnt, überall viel zu investieren.

Momentan sehr erfolgreich. Nimmt man das auch gelassen hin oder genießen Sie das anders als früher?

Ich genieße das nicht wirklich richtig. Das habe ich immer noch nicht gelernt. Weil ich mein größter Kritiker bin. Habe immer noch nicht gelernt, Erfolg oder Lob einfach hinzunehmen. Weil ich natürlich immer weiß: du kannst noch viel besser sein. Viel richtiger. Bin oft unzufrieden. Das ist schrecklich.  Aber man ist eben so, man kann nicht so einfach aus seiner Haut. Und dann muss man es auch mal so lassen. Und nicht immer versuchen, ein anderer zu sein.


Akte X: Verschwörungen & Monster der Woche

aktexConspiracy Sells

Am Montag öffnen Fox Mulder und Dana Scully (Foto@Fox) nach 14 Jahren wieder für sechs Folgen die Akte X. Schockierender und schlechter synchronisiert als von 1993 bis 2002, aber ebenso verschwörungstheoretisch – nur dass gut und böse die Seiten tauschen, was auch an den kommenden fünf Montagen um 21.10 Uhr ein bisschen nach Tea Party klingt.

Von Jan Freitag

Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star TrekDallas oder Diese Drombuschs – vom bürgerlichen Werteverfall über den Weltraumboom bis zu Thatcherism & Reaganomics verarbeiten sie die Gesellschaft ringsum so unterhaltsam, als wären es Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochen-Produkt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Russen standen vorm Exitus, die Chinesen erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und selbst deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia der diffusen Gegenwart anno 1993.

Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr wie neun Staffeln lang insinuiert von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom eigenen Staat gegen alle, Bevölkerung inklusive. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch bald nach dem Sturz der Twin Towers waren Außerirdische nicht mehr zwingend extraterrestrischen Ursprungs. Fast schien es, als sei die FBI-Abteilung für mysteriöse Fälle nahtlos in der CIA aufgegangen. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.

Bis heute. Um 21.10 Uhr treten sie auf ihrem Hauskanal Pro7 abermals in Erscheinung und haben gleich selber eine: Aliens sind mal wieder auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die special agents nicht staatlicherseits aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), ein reaktionärer Hardliner im Stile des Fox-News-Demagogen Glen Beck, der 24 Stunden lang wirres, aber wirkmächtiges Komplottgefasel verkauft. Diesmal: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines UFO verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Beweis ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine eingepflanzter Alien-Föten missbraucht wurde.

Anders als früher, wo die „Monster der Woche“ – das es natürlich auch wieder geben wird – allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Invasionsgefahr im Land der Freiheit verknüpft waren, geht es damit um ein und denselben Feind, der zudem die Seiten gewechselt hat. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Propagandakanal Fox, mit dem einst eher linksliberal staatsgläubigen Verschwörungstheoretiker Mulder vorneweg, der sich nach vielen Jahren Sendepause an der Seite seiner rationalen, also irgendwie auch eher demokratisch gesinnten Partnerin Scully erneut ins Getümmel konkreter Bedrohung und wirrer Mutmaßungen stürzt. Nur diesmal eben irgendwie von Rechtsaußen in die Mitte grätschend.

Während ihre Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Miniserie ästhetisch hingegen recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen oder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in „Californication“ noch reizender geworden. Umso weniger kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel verkneifen.

Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt. Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren „Raucher“ (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt im heutigen Cliffhanger alle alten Ängste hervorholt.

„Conspiracy sells“, sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley, bevor er im zweiten Teil wieder Anzug trägt. Damit kommentiert er irgendwie auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.

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Rademann & dicke Soße

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

8. – 14. Februar

Die gute alte, angeblich goldene Zeit des Fernsehens – ob sie so gut wie alt, geschweige denn golden war, wird man erst mit mehr Abstand zur angeblich unguten neuen, also blechernen Zeit beurteilen können. Tatsache ist, dass die ältere Zeit mit jedem Abschied einer prägenden Figur von früher tatsächlich alt, aber eben auch ein bisschen goldener erscheint. Wer sich heute zum Beispiel auf Youtube Am laufenden Band ansieht, überdenkt womöglich ein paar Hymnen auf den guten alten Rudi Carrell. Aber verglichen mit JBK? Platin! Nun aber ist einer abgetreten, der die goldenste Zeit des Fernsehens nicht geprägt, sondern förmlich regiert hat.

Wolfgang Rademann, the King of Mainstream.

Seit den analogen 60ern begeistert er sein Volk mit polyglotten Stars (Catarina Valente), volkstümlichen Shows (Peter Alexander), verrückten Paaren (Juhnke/Boettcher), großen Pötten (Traumschiff) und natürlich der Urmutter erfolgreicher Niveauvernichtung des dualen Zeitalters: Die Schwarzwaldklinik. Dafür gab es zweimal die Goldene Kamera, jene Trophäe ohne künstlerische, dafür reichlich symbolische Bedeutung, die auch am Samstag in Hamburg wieder Dinge ausgezeichnet hat, deren Schein – trotz einer furiosen Rede der frisch gebackenen Preisträgerin Dunja Hayali – weit größer ist als jedes Sein oder wie der „beste Schauspieler international“ Gerard Butler (der aus Prinzip nur Filme für schlichte Gemüter dreht, aber offenbar ein Freund seines Laudators Til Schweiger ist) grad mal Zeit hatten, aus Hollywood anzureisen.

Unter Rademanns Führung wurde selbst unsere digitale Gegenwart mit derart harmloser Unterhaltung entertaint, dass es Abermillionen Zuschauer bis zuletzt nicht störte, wenn Kreuzfahrtschiffe im ewigen Sonnenschein plötzlich von einem ungelernten Ex-Steward gelenkt werden. Jetzt ist Wolfgang Rademann mit 81 Jahren gestorben und die gute alte Zeit langsam lange genug her, um sie durch die schlechte neue Zeit zumindest mal so mittel erscheinen zu lassen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

15. – 21. Februar

Und was wäre da geeigneter als das Internet, wo noch ein Wagemut existiert, dem die Rademanns schon ewig abgeschworen haben. Online hat das ZDF eine Serie getestet, die am Freitag ins reguläre Nachtprogramm wechselt: Familie Braun. Klingt nach dicker Soße mit Sättigungsbeilage, ist aber eine Kurzfilmreihe um zwei Neonazis, denen das sechsjährige Ergebnis eines besoffenen One-Night-Stands vor die Tür gestellt wird. „Ich werd nach Eritrea abgeschoben“, gibt die Mutter der NS-WG mit in die Vaterschaft, lacht „Ausländer raus“ hinterher und zack, haben zwei rechte Reifeverweigerer ein dunkelhäutiges Problem.

Es könnte nun in zweierlei ausarten: strunzblöden Politslapstick oder peinliches Belehrungsfernsehen. Das Ergebnis jedoch liegt so elegant in der Mitte beider Pole, dass achtmal fünf Minuten viel zu kurz sind für die hochpräzise, todernste, saulustige Studie eines akuten Notstands, ohne das Personal bloßzustellen. Nicht Papa Thomas (Edin Hasanovic), der zum Fasching ein Maikäferkostüm aus seiner Hakenkreuzfahne bastelt; nicht sein Mitbewohner (Vincent Krüger), der bei aller Situationskomik aus Frust doch irgendwann wen zusammentritt, und schon gar nicht Lara (Nomie Lana Tucker), die den Faschos mit kindlicher Arglosigkeit das eigene Gedankengut um die Ohren haut. Das ist so schlau, so witzig, so gelungen – kein Wunder, dass es das Zweite erst um 23 Uhr versendet.

Vorher läuft schließlich weiter Programm aus der Rademann-Ära. Die Versteckte Kamera etwa, ein Abklatsch von Verstehen Sie Spaß mit Promis als Regisseure, in dem das ZDF Samstag zur besten Sendezeit seinen Showmaster-Einkauf Steven Gätjen ins Rennen schickt. Für kreatives Fernsehen muss man daher zu Sky wechseln, wo tags drauf die Martin Scorcese wunderbar nostalgische Schilderung der New Yorker Musikszene anno 1973 Vinyl freigeschaltet wird. Oder zu RTL, das ab Mittwoch (20.15 Uhr) die bizarre Jetset-Exzision Altes Geld von David Schalko zeigt, der schon in „Braunschlag“ gezeigt hat, wie man klug mit Klischees spielt. Eher packend als lustig dürfte Staffel 3 der skandinavischen Krimi-Reihe Die Brücke am Sonntag, 22 Uhr, im ZDF werden. Gut abgehangen, aber bestens in Schuss sind Fox Mulder und Dana Scully, die heute (21.10 Uhr) auf Pro7 nach 14 Jahren Pause die X-Akten aus dem Archiv holen und dabei auf eine menschengemachte Alien-Verschwörung stoßen.

Und damit ab in die Hochkultur. Erst zur Berlinale, deren Eröffnung 3sat am Donnerstag ab 19.20 Uhr volle fünf Stunden wert ist. Dicht gefolgt von 170 Minuten Kurzfilmen, die Arte am Freitag (23.30) vorm zugehörigen Festival in Chermand-Ferrand zeigt. Bisschen länger, aber ebenso sehenswert ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche von 1953, Der Mann aus Alamo mit Glenn Ford als Rächer, Kategorie B-Western mit Anspruch (Samstag, 1.30, ZDF). Und in Farbe: Die durch die Hölle gehen von 1978 (Samstag, 22 Uhr, BR), nicht nur wegen Christopher Walken und Robert De Niro der vielleicht beste Vietnam-Film aller Zeiten. Der Doku-Tipp der Woche namens Viva Dada (Sonntag, 17.35 Uhr, Arte) widmet sich hingegen, wie der Titel schon sagt, einem Irrsinn anderer Art: der anarchistischen Kunstbewegung der Weimarer Republik.


Anderson.Paak, Bonnie Prince, Jesu/Sun

TT16.1 PaakAnderson .Paak

Wer „anschlussfähig“ sagt, meint trotz der Folk-Renaissance heutzutage meist R’n’B. Keine Spielart des Pop ist im Weltmaßstab wohlfeiler, massenaffiner, lukrativer. So gesehen wäre Brandon Anderson Paak nur einer unter Abertausenden, die dem globalen Warenstrom des digitalisierten Soul mit etwas Blues und Hip-Hop ein paar Gefälligkeitsbeats beifügen. Doch so einfach ist es nicht bei Anderson .Paak, wie sich der kalifornische Songwriter auch auf dem zweiten Studioalbum Malibu nennt.

Video: https://soundcloud.com/andersonpaak/room-in-here-feat-the-game-sonyae-elise

Knirschend legt sich seine Stimme über fett produzierte Arrangements als hätte sie ihm der junge Prince eingeflüstert. Begleitet von Kollegen wie The Game oder ScHoolBoy deklinieren die zugehörigen Raps das Vokabular von Bitch bis Nigga hinreißend selbstironisch durch. Zwischen der kosmopolitischen Lässigkeit von Arrested Devolopment und Outcasts funkigem Mashup taugt Andersons Aura somit ebenso für ein halbes Dutzend Beiträge zu Dr.Dres halboffiziellem Soundtrack Compton wie zur Meeresrauschenbegleitung am Strand. Die Szene feiert den Newcomer bereits als „brandheiß“. Besser träge es „angenehm mild“. Bei diesen Außentemperaturen nicht das Schlechteste.

Anderson .Paak – Malibu (Stell Wool Entertainment)

TT16.1 BonnieBonnie Prince Billy

Wie schief es, zurück auf dem staubig-emotionalen Pfad des Folk, geradewegs bergauf gehen kann, belegt abermals: Will Oldham. Ein Singer/Songwriter uralter Schule, den es gar nicht geben dürfte und irgendwie auch gar nicht gibt. Halbglatzig, untersetzt und sonderbar krächzend fügt er dem Country seiner amerikanischen Heimat seit Ewigkeiten die krümmsten Töne des Genres zu. Damit brachte es das Landei aus Kentucky unter verschiedenen Namen in fast 25 Jahren nicht nur zu 30 Platten, sondern der Indie-Weihe schlechthin: sechs Einladungen zu den legendären John-Peel-Sessions, von denen drei fürs neue Album Pond Scum vereint wurden.

Video: http://www.dominorecordco.com/pondscum/

Die extrem reduzierte, bittersüß melodramatische Melange fordert zwar selbst den Hörgewohnheiten der diesbezüglich belastbaren Zielgruppe für reduzierten Singer/Songwriter-Folk alles ab. Doch wer sich auf die gitarrenbegleiteten Unmutsbekundungen über ein falsches Leben im Falschen einlässt, versinkt dabei wie in Treibsand. Ein wenig morbide, gewiss, aber wohlig und warm und beruhigend.

Bonnie Prince Billy – Pond Scum (Domino)

TT16.1 JesuSunJesu/Sun Kill Moon

Wenn es allzu wohlig warm wird in den Herzen und Häusern, kann man allerdings auch ruhig mal mit etwas dissonantem Krach gegensteuern. Das Indiefolk-Trio Sun Kill Moon des rührigen Sängers Mark Kozelek aus Ohio liefert da im Team mit Justin Broadricks experimenteller Rockband Jesu (Wales) ein Paradebeispiel, wie man trotz grölender Gitarren ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sie sich für ihre Kollaboration zutiefst geerdete, aber zur Katzenmusik bereite Kollegen wie – da ist er wieder – Will Oldham – oder Isaac Brock von Modest Mouse geladen haben. Das Ergebnis verdient weit mehr als andere gleich eine ganze Reihe jener Präfixe vermeintlich überwundener Vorgängerstile: Post-Rap, Post-Punk, Post-Metal, Post-alles, was sein Genre puristisch definiert. Vergleichbar allenfalls den uneingeschränkt fabelhaften Post-Post-HipHopern Listener spricht sich Kozelek auf dem selbstbetitelten Projektalbum allen Weltschmerz von der Seele, der darauf noch Platz hatte, klingt dabei aber – den Gitarren sei dank – nie larmoyant oder selbstgefällig. Ein tolles Album, um dem Winter ohne Heizstrahler Richtung Frühling zu prügeln.

Jesu/Sun Kill Moon – Jesu/Sun Kill Moon (Rough Trade)

Hype der Woche

COVEREXACTYXTurbostaat

Altersmilde ist ein Zustand, dem kaum jemand entkommt, der sein Leben lang im Fegefeuer der eigenen Ideale schmorte. Selbst das musikalisch Beste, was der Punkrock mit hintersinnigem Gesang aus Deutschland zu bieten hat, bleibt davor nicht  gefeit: Turbostaat. Ihr neues Album Abalonia klingt nicht nur dem Titel nach eher nach Feenwald als Demobarrikade, es hört sich auch ungeheuer ruhig und träumerisch an. Aber kein Problem. Es steckt immer noch viel Kraft in der Balladenhaftigkeit. Und wenn Jan Windmeier wie bei der Release-Party in Hamburg ankündigt, jetzt aber mal ein paar alte Kracher zu spielen, geht das Publikum halt etwas später steil. Weitermachen!

 


Jerry Lewis: Eric Friedler & Der Clown

LewisDie Tragik der Komik

Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Glanzzeit kennt die Welt Jerry Lewis nur als Spaßvogel. Dieses Klischee wollte er 1972 mit einer Tragikomödie bekämpfen. Vergebens. In seiner Doku Der Clown geht Eric Friedler (rechts, mit Jerry Lewis; Foto@NDRdiesem verschollenen Film nach – und dem Phänomen Jerry Lewis auf den Grund.

Von Jan Freitag

Schauspieler genießen ein außergewöhnliches Privileg: Bei der Arbeit schlüpfen sie auf Abruf in völlig fremde Menschen und simulieren deren Persönlichkeit, ja deren ganze Existenz, als sei es die eigene. Danach aber, ein noch viel größeres Privileg, schlüpfen sie wieder raus aus dieser Jacke namens Rolle. Applaus, Vorhang, ab in die Maske, zurück auf Alltag, einfach so. So einfach?

Fiel es Jerry Lewis nie.

Für Spätgeborene: Jerry Lewis ist der beliebteste Komiker seiner Epoche. Geboren auf Amerikas Stand-up-Bühnen, prägte er das technicolorbunte Komödienkino der Nachkriegszeit mit zeitgemäßem Slapstick wie Charly Chaplin das schwarzweiße der Jahre zuvor. Er ähnelte dem Stummfilmstar allerdings noch in einem anderen Punkt fatal: So befreiend Jerry Lewis‘ Humor auf das Publikum einer konventionsstarren, stockkonservativen, zutiefst verklemmten Gesellschaft wirkte, nahm er doch gleichsam deren Befreier gefangen. Denn niemals durfte der Clown aus New Jersey anders sein als lustig, selbst dann nicht, wenn gar keine Kameras liefen. Zwischen all den Bürotrotteln, Heulbojen und Aschenblödeln seiner Welterfolge blieb ihm jeder Anflug von Ernst so nachhaltig verwehrt, dass er ihn irgendwann auf eigene Faust in Angriff nahm – und nur noch umfassender scheiterte.

Als Darsteller, Regisseur, Autor, Produzent und Mensch – so schildert es der ewige Komödiant in einem Film von so hinreißend tragischer Schönheit, dass man zögert, worüber es als erstes zu staunen gilt: die melodramatische Atmosphäre, zu der ein Film mit Jerry Lewis in der Hauptrolle offenbar fähig ist. Oder die Tatsache, dass dieses Fossil einer nostalgischen Leinwand-Ära überhaupt noch lebt. Für beide Aha-Erlebnisse ist jemand zuständig, der die Abseiten des Lebens seit Jahren mit so unterhaltsamer Wissbegier bereist, dass er längst selbst zum Subjekt einer Dokumentation taugt: Eric Friedler.

Wie schon im Fall des gefallenen Boxers Charly Graf, der ermordeten Studentin Elisabeth K. oder zuletzt vom israelischen Freiheits-DJ Abie Nathan beweist der preisüberhäufte NDR-Autor erneut sein grandioses Gespür für Themen am Rande des Mainstreams. Jerry Lewis porträtiert er daher nicht stumpf zum 90. Geburtstag im März, Friedler erklärt den körperlich gebrechlichen, aber geistig hellwachen Jubilar anhand seines künstlerischen Vermächtnisses, eine Art filmischer Nemesis: The Day The Clown Cried.

Mit diesem Drama wollte Lewis 1972 einem Schubfach entfliehen, in das die Branche seinerzeit nichts sicherer verwahrte als ihn. Seit jeher war Hollywoods Hofnarr auf Frohsinn gebucht, bis er unter eigener Regie einen Zirkusclown spielte, den die Nazis wegen eines falschen Witzes ins KZ stecken, wo er totgeweihte Kinder fröhlich ins Gas geleitet. Zu einer Zeit, als selbst am liberalen Drehort Schweden niemand öffentlich über Auschwitz sprach, war das ein unerhörtes Stück Vergangenheitsbewältigung. Für den Schauspielersohn Joseph Levitch aus New Jersey hingegen war es noch viel mehr. Unterm weltbekannten Künstlernamen saß er ja selbst im Kerker: dem seines eigenen Berufes, weltweit geliebt, weithin unterschätzt, zusehends erfolglos.

Seine Tragikomödie war da als Ausbruch geplant, ein ernster, nicht humorloser, aber durchweg sachlicher Befreiungsschlag. Nur – ob er gelungen wäre, bleibt bis heute ungeklärt. Der Film kam nie ins Kino und wurde somit zu dem, was der beteiligte Oscar-Gewinner Pierre Étaix „eines der größten Geheimnisse der Filmgeschichte“ nennt. Genau dem geht Eric Friedler nahezu zwei Stunden, die an keiner Stelle langweilig geraten, nach. Es ist ein Krimi ohne Mord, Ursachenforschung als Who-dunnit und dramaturgisch schlichtweg brillant. Der investigative Autorenfilmer aus Hamburg bringt schließlich nicht nur Jerry Lewis nach 44 Jahren erstmals über die größte Niederlage seiner siegreichen Karriere zum Reden, die ihn einst tief in die Depression getrieben hatte; Friedler stöberte auch nie gezeigte Szenen von 1972 auf, die er nun von sechs überlebenden Darstellern am schwedischen Set in Bühnensituationen ergänzen lässt.

Dieses fließende Wechselspiel zwischen Film und Theater, Original und Fälschung, Protagonisten und Beobachtern, gestern und heute ist schon jetzt ein Pflichtkandidat für den Grimme-Preis 2017. Und ganz nebenbei ist es eine Therapie für den Verantwortlichen dieses Mysteriums. „Es gibt keinen Tag in meinem Leben“, sagt der amerikanische Superstar zum deutschen Dokumentaristen, „an dem ich nicht an diesen Film denke“. Dann zeigt er dieses bildschirmfüllende, steinerweichende, von Herzen fidele Jerry-Lewis-Gesicht, das andere froh und ihn so traurig gemacht hat und deutet damit etwas Erstaunliches an: Vielleicht hat er jetzt ja Ruhe. Friedler sei Dank.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-RSSRSS Disco: Grace Jones

Natalie, Falk und Max legten erstmals auf dem Geburtstag eines gemeinsamen Freundes zusammen auf. Das kam so gut an, dass die drei Hamburger als RSS Disco seitdem große und kleine Clubs und Festivals in ganz Europa bespielen. Immer mit dabei: Eine Mischung aus House, Acid-Disco und sanften Popklängen und natürlich der rosa Flamingo. Mit Mireia Records haben RSS Disco ihr eigenes Label gegründet. Alle hier veröffentlichten Plattencover sind mit Sieb- oder Kartoffeldruck hergestellte Unikate. Wie schwer mag es wohl für so ausgeprägte Plattenliebhaber sein, bei ein paar Bier über nur eine Platte zu sprechen?

Von Marthe Ruddat

Falk: Das war nicht so einfach für uns! Als DJs kennen wir natürlich sehr viele Platten.

Max: Die Wahl war wirklich schwer! Wir haben uns deshalb entschieden, das Ganze eher auf einer Metaebene zu betrachten. Was ist also die wichtigste Platte für uns? Und da haben wir festgestellt, dass das die letzte Platte ist.

Falk: Also die letzte Platte des Sets! Natürlich ist jeder Song des Sets irgendwie wichtig. Aber mit dem letzten Song entlässt man das Publikum, mit dem man ja im besten Fall schon die ganze Nacht getanzt hat, in die Nacht hinaus. Mit diesem Song nehmen sie das letzte Gefühl aus dem Club mit.

Falk: Und bei Grace Jones’ La vie en rose bleibt die Melodie besonders lang im Ohr.

La vie en rose ist ein 1947 veröffentlichter Chanson von Édith Piaf. Grace Jones veröffentlichte den Song 1977 mit ihrem Debutalbum Portfolio in einer Discoversion. Die Albumversion ist dabei mit über 7 Minuten Spielzeit deutlich länger als die Singleversion. Auch eine 1985 veröffentlichte Neuaufnahme des Songs stieg in die englischen Charts ein.

freitagsmedien: Der so oft gehörte typische Rausschmeißer ist das ja nicht gerade.

Max: Genau!

Natalie: Eigentlich ist nämlich genau das ganz schön! Wir betrachten so ein Set als eine Reise: Man startet zusammen und spannt den Bogen um eine Welt, in der man sich richtig austoben kann. Irgendwie muss man die Reise dann ja aber auch zu Ende bringen. Genau dieses Ende kann sehr melancholisch sein. Wir finden es aber viel schöner, die Menschen mit einer Euphorie zurück zu lassen.

So eine Euphorie erzeugen bestimmt auch andere Stücke. Was ist das Besondere an dem Grace Jones-Song?

Natalie: Besonders schön ist, dass dieses Lied so lang ist und wir selber auch dazu tanzen können.

Falk: Genau, es hat einen sehr langen Aufbau, der sich wiederholt. Es fängt also ganz langsam an und irgendwann bricht es dann voll aus. Und dann lassen wir Marthe-Graceganz gerne das DJ-Pult hinter uns und stürmen auf die Tanzfläche.Außerdem ist der Song so interessant zeitlos. Grace Jones hat ihn zwei Mal, zu jeweils musikalisch ganz verschiedenen Zeiten veröffentlicht und war beide Male sehr erfolgreich. Ich glaube, er ist deshalb auch ein gutes Beispiel dafür, dass wir gerne verschiedene Stile miteinander verbinden.

Natalie:Dieses Lied begleitet uns einfach schon sehr lange. Es war früher im richtigen Moment schon die richtige Wahl und das hat sich bis heute nicht geändert.

Was wäre denn der falsche Moment für den Song?

Natalie: Oh, da gibt es Diverse! Als erstes Lied wäre er zum Beispiel ganz fürchterlich!

Max: Auf jeden Fall! Wir sind da wirklich sehr behutsam und machen uns viele Gedanken über unsere Sets. Das betrifft insbesondere das erste Lied. Das letzte Stück steht niemals fest, weil wir ja nie wissen, wohin der Abend führt. Es muss aber in jedem Fall ein besonderes Stück sein. Und häufig hatLa vie en rose dieses Besondere.

Auch der Titel des Songs scheint ja besonders passend für RSS Disco.

Falk: Richtig! Das müssen wir auch noch besprechen. Frei übersetzt heißt das so etwas wie die rosarote Brille. Genau das ist ja, wo wir hin wollen! Wir wollen durch Musik mit dem Publikum ein bisschen Eskapismus erreichen. Der Titel drückt das super aus!

Max: Genau! Und manchmal trinken wie auch Rosé-Cremant.

Natalie: Und wir hätten alle gerne das rosa Kleid aus dem Youtube-Video!

Wer sich an dieser Stelle wundert, dass der rosa Flamingo es nicht aufs Bild geschafft hat: Er macht gerade alkoholfreien Monat und war deshalb entschuldigt.

Ist Grace Jones als schillernde Persönlichkeit mit all dem, was sie verkörpert, eine Art Vorbild für Euch?

Max: Naja, also wenn wir Vorbilder haben, dann gehört sie auf jeden Fall dazu. Sie hat einfach eine unglaubliche Ausstrahlung und verkörpert die Dinge, die auch uns wichtig sind.

Falk: Ihre Art Performance und Mode zu verbinden ist sehr spannend. Außerdem ist sie total experimentell und macht trotzdem Popmusik.

Natalie: Und sie lässt sich nicht auf eine Geschlechterrolle festlegen und ist damit super modern. Sie ist schon toll!

 

Grace Jones – La vie en rose

When he takes me in his arms

And whispers love to me

Everything’s  lovely

It’s him for me and me for him.

All our lives

And it’s so real what I feel

This is why.

Et dèsque je l’apercois

Alors je sens en moi, mon coeur qui bat.

La vie.

La vie en rose, la vie en rose…

 

Hört ihr Grace Jones und den Song also auch privat? 

Natalie: Nein, das geht nicht. Insbesondere dieser Song ist viel zu belegt.

Falk: Viel zu aufgeladen! Man muss sich privat so ein bisschen von dieser Musik distanzieren, sonst denkt man immer nur darüber nach, ob und wann man welches Lied wohl spielen könnte. Deshalb greife ich da eher zu tanzmäßig nicht so aufgeladener Musik, also Rock, Indie…

Natalie: Ich höre dann meistens irgendwelchen Seventies-Kram.

Max: Ich spiele das Stück tatsächlich manchmal für meine Kinder. Die finden es einfach großartig und fahren voll drauf ab. Aber das sind ganz andere Zusammenhänge.

Marthe1Welche fünf Adjektive beschreiben La vie en rose am besten?

Max: Vielleicht führen wir das lieber wieder zurück auf die Metaebene. Also fünf Adjektive für die letzte Platte. Die sind dann zwar nicht speziell für diesen einen Song, treffen auf ihn bestimmt aber auch zu.

Okay, fünf Adjektive für die Meta-Letzte-Platte!

Falk: Melancholisch!

Natalie: Euphorisch!

Falk: Das ist schon mal ein super Spannungsbogen.

Max: Aber dann auf jeden Fall auch rhythmisch. Das sind ja schon immer Stücke, die den vorherigen Rhythmus mit aufnehmen.

Falk: Rhythmisch ist gut.

Langes Überlegen, es werden neue Adjektive erfunden.

Natalie: Warm?

Falk: Warm ist super! Aber ich glaube über das letzte müssen wir noch länger nachdenken.

Wer neugierig auf das fünfte Adjektiv ist, kann am 13. Februar bei der Beta Lounge in der Hamburger Botschaft mal danach fragen oder am Ende der Nacht gar eigene Vorschläge machen. Alle weiteren Termine und vor allem ganz viel Tanzbares für Zuhause gibt es hier.


Frauke Köppel & Jerry Lewis

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

25. – 31. Januar

Frühjahr, Karneval, die fünfte Jahreszeit: Wie immer weicht das Dunkel langsam dem Licht. Und kaum dass ein Dutzend Alphabet-Prominenter von gestern den Dschungel von heute verlassen hat, ziehen auch schon ihre Nachfolger von morgen in Heidi Klums Urwald vormoderner Geschlechterzurichtung. Auch wenn die Sesamstraße nach 47 öffentlich-rechtlichen Jahren vom Bezahlkanal HBO gekauft wurde und fortan noch stärker von vielschichtig auf oberflächlich poliert werden dürfte, funktioniert das alte Fernsehen offenbar weiterhin fast wie zu Zeiten, da es noch von Helmut Oeller verwaltet wurde: berechenbar, wertkonservativ, selbstherrlich, machtbewusst.

Bis 1987 war er TV-Direktor des Bayerischen Rundfunks, der bei dessen Amtsantritt 16 Jahre zuvor noch knietiefer im braunen Blut- und Bodensumpf stand. Unter seiner Ägide klinkte sich der BR gern mal aus ARD-Sendungen von Panorama bis Scheibenwischer aus, falls sie der reaktionären Staatsräson im Königreich Franz-Josef Strauß‘ widersprachen. Und als die US-Serie Holocaust 1978 Deutschalnds Kollektivunschuld in Frage stellte, kämpfte Oeller so verbissen gegen deren Ausstrahlung im Ersten, dass sie ins Dritte verbannt wurde.

Was soll man da sagen, wenn er nun mit 93 Jahren gestorben ist – Beileid? Sprechen wir lieber darüber, was seine Brüder im Geiste heute so für Plattformen erhalten. Bei Maischberger etwa durfte das stramm deutsche Mädel Petry Mittwoch wieder vor Millionenpublikum ihre Verschwörungspropaganda absondern, was der extremen Rechten dank des elitären Hetzredners Roger Köppel an ihrer Seite (und abzüglich des neoliberalen Olaf Henkel) eine personelle Pattsituation bescherte. Bei Anne Will hingegen blieben die Plätze links der Rechten gänzlich frei, als sich CDU, CSU und EKD um AfD-Sprecherin Beatrix von Storch scharten.

0-FrischwocheDie Frischwoche

1. – 7. Februar

Man wünscht sich dieser Tage wirklich, von all dem Irrsinn nichts mehr mitzukriegen. Etwa durch Auswanderung, mehrjährigen Schlaf oder auch retrograde Amnesie, wie sie die wunderbare Ursula Strauss am Mittwoch im ARD-Beziehungsdrama Meine fremde Frau erleidet. Nach einem Autounfall im Anschluss ans Date mit Lover wacht ihre Krankenpflegerin Maria ohne Erinnerung ans alte Leben inklusive der Existenz von Ehemann Bruno (Harald Krassnitzer) samt Kindern im Wiener Krankenhaus auf.

Nun sind Gedächtnisverluste wie Zauberkräfte oft wohlfeil, um Handlungen Schwung zu verpassen. Hier aber entspinnt sich eine intensive Jagd nach dem Urzustand aller Beteiligten, die nur am Rande mit Unfallflucht zu tun hat; es geht ums Vergessen, das schon vor der Amnesie begann: von Hingabe, Ehrlichkeit, Moral. Verantwortlich dafür ist Lars Becker, der am Montag zuvor im ZDF erneut zeigt, dass seine Nachtschicht auch im 13. Einsatz zum Besten im Krimiland gehört. Das Highlight der Woche ist aber eine Doku von Eric Friedler. Der Spürhund abseitiger Themen mit Strahlkraft widmet sich Mittwoch (22.45 Uhr, ARD) zwar Jerry Lewis, porträtiert den Weltstar jedoch anhand eines KZ-Dramas, mit dem er 1972 seine ernste Seite zeigen wollte – und krachend scheiterte: Der Film kam nie ins Kino. Warum, das klärt Der Clown so spannend und unterhaltsam, dass es zwei Stunden zum Niederknien ist.

Auf andere, weniger pathetische, aber sehr erfolgreiche Weise hinreißend ist der Talk-Host Jimmy Fallon. Als Nachfolger der legendären Johnny Carson und Jay Leno in The Tonight Show ist er seit 2014 eine amerikanische Fernsehinstitution; nun kann man sie auch bei uns am Bildschirm sehen: Montag bis Freitag ab 23 Uhr (Eins Festival). Endlich ein bisschen Konkurrenz für Jan Böhmermann… Glamour anderer Art zeigt 3sat am Donnerstag ab acht vier Stunden lang. Wobei Anbahnung und Übertragung des Wiener Opernballs gar nicht wegen des Festes an sich glitzern; ansehnlicher ist die heillose Selbstüberschätzung, mit der sich die Beteiligten seit 60 Jahren als Nabel der Welt wähnen.

Älter ist naturgemäß die schwarzweißte Wiederholung der Woche: Fanny, ein französisches Drama um Liebesbeziehungen im Konventionsknast des Jahres 1932 (Dienstag, 0.55 Uhr, Arte). Dorthin hätte auch ein Pedant wie Fabrikdirektor Stimpson gepasst, doch in Clockwise (morgen, 20.15 Uhr, Servus) ließ ihn John Cleese 1986 am eigenen Ordnungswahn scheitern, was auch 30 Jahre später urkomisch ist. Weniger komisch als erschütternd sind die Ursprünge des Siegeszugs von BMW, dem die ARD am Montag (23.30 Uhr) eine Doku zum 100. Geburtstag widmet. Der Titel Glanz und Elend eines Weltkonzerns deutet daraufhin, dass es auch ums unsägliche Schweigen der Quandts zum Nationalsozialismus geht, der die Familie zu einer der reichsten Deutschlands gemacht hat.