Führerbeleidigung & Pharmatyrannei

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. April

Die Öffentlich-Rechtlichen Sender, so scheint es, haben zurzeit einen Pakt mit höheren Mächten geschlossen, der ihnen zurzeit unerwartete PR beschert. Erst erntet die NDR-Satire extra 3 für Erdoğans diplomatische Intervention wegen eines ziemlich wahrhaftigen Liedchens über den Führer der Türkei weltweit Aufmerksamkeit; nun rührt die Staatsanwaltschaft Mainz für ein zugegeben plumpes, aber brüllend komisches Gedicht vom ZDF-Rowdy Böhmermann, das einen ausländischen Staatsmann beleidigen soll, die Werbetrommel. Dabei bleibt völlig offen, ob der inkriminierte Erdoğan wirklich „Mädchen schlägt und dabei Gummimasken trägt“ oder gar „Ziegen ficken“ ebenso mag wie „Minderheiten unterdrücken“, aber darum geht es auch gar nicht, in dem abstrusen Fall von Fremdeinfluss und Selbstzensur. Es geht ums Prinzip.

Das nämlich wollen beide Seiten partout gewahrt sehen: Die eine jenes künstlerischer Freiheit, die andere das soziokultureller Moral. Einigen wir uns doch mal diplomatisch darauf, dass Reccep Tayyip Erdoğan zwar auch dank Angela Merkels langjähriger Ausgrenzungspolitik ein lupenreiner Faschist zu werden droht, aber vermutlich weder Sex mit Ziegen, Mädchen noch sonstwem hat. Dafür fehlt einem Tyrannen wie ihm beim ständigen Unterdrücken von Minderheiten doch nun wirklich schlicht die Zeit.

Andererseits ist die Sache mit Böhmermanns Poesie und der Justiz am ZDF-Standort eine willkommene Ablenkung von den Panama-Papers, die nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit bald auch ein paar deutsche Promis in die Leitmedien von Süddeutsche bis Tagesschau spülen dürften. Ach, wie wünscht man sich angesichts des unablässig hereinbrechenden Irrsinns der Weltpolitik doch manchmal die biedere Bonner Republik zurück, der das Erste nächstes Jahr einen Mehrteiler widmet, wie es grad historytainmentstolz verkündet hat. Die Nachkriegsjahre werden darin – vermutlich mit Heino Ferch als Ludwig Erhard im Fatsuit plus Veronica Ferres als Kriegerwitwe ohne – opulent in Szene gesetzt und damit jene Epoche, deren Abgründe ausgerechnet die ARD heute abermals hervorhebt.

aktedDie Frischwoche

9. – 15. April

Im zweiten Schwung der preisgekrönten Doku-Reihe Akte D geht es zunächst um Macht der Pharmaindustrie. Und die, das belegt der herausragend recherchierte Auftakt zur herausragend miesen Sendezeit (23.30 Uhr), hat in der jungen BRD ihr NS-erprobtes System bedingungsloser Profitmaximierung so zur Perfektion getrieben, dass all die Menschenversuche der zwölf Jahre zuvor seltsam logisch wirken. Von Contergan über HIV-verseuchte Blutgerinner oder Arzneitests an DDR-Bürgern bis hin zur radikalen Lobbyarbeit gegen Patientenrecht und gesetzliche Regulierung hat sich die frühere Apotheke der Welt zum Selbstbedienungsladen unternehmerischer Gier deformiert. Ein fabelhafter Film zum Reihenstart.

Von dem aus man tags drauf bedenkenlos zum BR überleiten kann, der um 22.30 Uhr seinen Whistleblower-Schwerpunkt mit dem Welterfolg Citizenfour startet. Darin trifft Autorin Laura Poitras den heilsamen Geheimnisverräter schlechthin: Edward Snowdon. Statt NSA steht an den zwei darauffolgenden Dienstagen dann der israelische Mossad im Mittelpunkt. Da die breite Masse des Publikums aber nicht mit Substanz belastet werden will (und wird), feiert das ZDF zur besten Sendezeit lieber den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth II. Ist ja alles so schön bunt hier…

Bei den Privaten dagegen hat man ja schon seit längerem den Verdacht, dass dort allerlei seltsame Pillen ins Fingerfood gemischt werden. Anders lässt sich Die große ProSieben Völkerball-Meisterschaft kaum erklären, die das beliebte Kinderspiel Samstag-Abend volle vier Stunden lang live mithilfe mehrheitlich rätselhafter C-Promis auf Krabbelgruppenniveau senkt. Allerdings entstammen einige der Mitspieler direkt den sozialen Netzwerken, was erklärt, warum der Kaugummikanal fast ebensoviele Facebook-Freunde hat wie die anderen Vollprogramme zusammen. Fernsehen als Netzpropaganda – das ist noch perfider als die dritte Staffel von Sing meinen Song, ab Dienstag bei Vox, die sich mit anschließender Nena-Story ziemlich unverhohlen als PR-Plattform zugkräftiger Stars wie Xavier Naidoo darstellt.

Das Zeug zum Star des Tatort hatte ein gewisser Gisbert, der die Wiederholungen der Woche in Farbe einleitet: Als den Assistenten der Münchner Kommissare 2012 schon im ersten Fall Der tiefe Schlaf (Mittwoch, 22 Uhr, SWR) das Zeitliche segnete, gab es einen veritablen Shitstorm im Netz und Petitionen auf Papier – allerdings so erfolglos, dass Fabian Hinrichs mittlerweile als Kommissar in Nürnberg ermittelt. Sein Western-Pendent wäre übrigens ein Marshal, der im schwarzweißen Tipp zum wohl berühmtesten Duell der Filmgeschichte lädt: High Noon mit Cary Grant von 1952 (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR). Die Doku der Woche ist hingegen deutlich zeitgenössischer: Leiden schafft (Mittwoch, 21 Uhr, EinsFestival), ein musikalischer Streifzug durch die Weltsicht deutscher Rapper, etwa Maxim und Ebow. Zum Schluss eine DVD: Er ist wieder da (ab 15,99 Euro, Constantin), David Wnendts verstörende Hitler-Auferstehung.


L’Aupaire, Guts, The Last Shadow Puppets

151015-Cover.inddL’Aupaire

Um ein wirklich wahrer Multi-Instrumentalist zu werden, bedarf es bisweilen des Zufalls. Robert Laupert aus der nordhessischen Stadt Gießen zum Beispiel verschlug es als Austauschschüler einst in eine amerikanische Gastfamilie, die vom Klavier über Bass, Gitarre, Schlagzeug bis hin zum Mikrofon ein komplettes Band-Repertoire ihr Eigen nannte, das zwar kein Mitglied nachhaltig beherrschte, aber fröhlich und unbedarft bediente. So lernte der deutsche Teenager fern der Heimat nicht nur alles einigermaßen gut alles Mögliche zu spielen, sondern mehr noch, sich von mangelnder Virtuosität nicht abschrecken zu lassen.

Ein Glück, muss man diverse Übungseinheiten on stage später sagen. Zum erwachsenen Songwriter L’Aupaire gereift legt Robert Laupert nach jahrelanger Bühnenpraxis rund um den Globus jetzt sein Debütalbum Flowers vor. Und es ist schon jetzt die vielleicht schönste Verbeugung des Neofolk vor den eigenen Ahnen 2016. Als würde der Großhallen-Solist Passenger Nina Simone interpretieren, kräht seine seltsam androgyne Stimme durch zwölf hinreißende Lieder, die hier mal Country-Flair entfalten, dort etwas Chansonhaftigkeit und dabei von einer wunderbar hoffnungsfrohen Theatralik durchzogen ist, die Mut macht und Lust auf mehr. Viel mehr!

L’Aupaire – Flowers (Virgin)

GutsGuts

Wer beim Pop an Frankreich denkt, denkt dank Daft Punk, Air oder Phoenix längst an elaborierte Electronik im geschmeidigen Crossover-Sound. Klassischer Sprechgesang hingegen, so groß dessen Tradition im Land des Chansons auch ist, wirkt demgegenüber meist deutlich unterrepräsentiert. Vielleicht muss man das neue Album des umtriebigen HipHop-Produzenten Guts in diesem Licht betrachten. Eternal nämlich mischt die üblichen Rap-Elemente vom gefeierten Vorgänger Hip Hop After All mit einer unfassbar schmissigen Melange aus Funk, Soul, House und einer Prise Big Band.

Das erinnert häufiger – auch wegen der extrem amerikanischen Aussprache – an die Frühzeit des Genres, Arrested Development vor allem. An eine Epoche also, in der sich Rap erstmals aus seinen Ghetto-Käfig in die weite Welt des Pop befreit hat. “Erinnern” jedoch nicht im Sinne rückwärtsgewandter Referenzen. Das neue Album klingt schließlich nie gestrig, sondern erfrischend aktuell, und swingt dabei auf eine Weise, die von Guts’ Landsleuten Daft Punk am Ende doch diese fantastische Leichtigkeit des Seins mitnimmt, gepaart mit schwungvoller Virtuosität. Macht einfach Laune, das zu hören. Von Anfang bis Ende.

Guts – Eternal (Heavenly Sweetness)

Hype der Woche

tlsp_EYCTEThe Last Shadow Puppets

Wenn sich eine derart gefeierte Band wie das Nebenprojekt des Arctic-Monkeys-Sängers Alex Turner und seines Kumpels Miles Kane acht Jahre Zeit lässt mit einem zweiten Album, kann das eigentlich nur zwei Gründe haben: Keine Zeit oder keine Lust. Beides ist angesichts der neuen Platte allerdings unwahrscheinlich. Denn Everything You’ve Come To Expect schafft es auf grandiose Art, den schnodderigen Sixties-Beat von The Age Of Understatement in eine leicht schmierige, schlichtweg fabelhafte Seventies-Eleganz zu verwandeln. Heraus kommen dabei elf Stücke gegen das Vorurteil, Referenzen ans Gestern zeugen von Ideenlosigkeit. So hat man Nostalgie noch nie gehört. So gut.

http://www.vevo.com/watch/GBA321500238


Interview-Classics: Franco Nero

DjangoManchmal ein wenig mürrisch

Franco Nerom geboren 1941 als Francesco Sparanero in Modena, ist der Inbegriff des Spaghetti-Westerns. Dabei hat er seinen Django, der vor genau 50 Jahren in die Kinos kam, vor und nach einem lausigen Remake 20 Jahre später nur ein einziges Mal gespielt. Drumherum kamen vor allem B-Movies und Trash-TV wie die bemerkenswert hirnrissige Adels-Schnulze Der Fürst und das Mädchen vor zehn Jahren im ZDF. Der damals 65-jährige Schauspieler über blaues Blut, Rollenfestlegungen, deutsche Vorurteile und seinen Plan, Quentin Tarrantino zu erschießen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Seniore Nero, der alte Desperado Franco Nero spielt 40 Jahre nach Django einen Adligen in einer deutschen Fernsehserie. Das allein ist überraschend.

Franco Nero: (lacht) Ja, das hoffe ich.

Was halten Sie persönlich vom Adel?

Na ja, allzu viel Sympathie für den Adel habe ich natürlich nicht. Es ist eine völlig andere Welt als meine und die der meisten anderen. Ich kenne einige von ihnen und es sind sehr verwöhnte Personen mit Eigenarten und Angewohnheiten, die mir völlig fremd sind.

Verspüren Sie so was wie Abneigung?

Nicht wirklich, aber ich bevorzuge entweder einfache Menschen oder gebildete, kultivierte, am liebsten alles in einem. Ich selbst entstamme ja auch eher einfachen Verhältnissen und mag deshalb Bauern, Fischer, Schriftsteller lieber als Adlige.

Und jetzt spielen Sie selber einen. Wieso?

Ganz einfach: Der hat in meiner Karriere noch gefehlt. Ich bin zu neugierig, um diese Facette auszulassen. Schon zuvor war ich mit meinen mehr als 165 Rollen vielleicht der einzige italienische Schauspieler, der tatsächlich die ganze Palette gespielt hat. Nur den Herzog eben noch nicht. Bis jetzt.

Muss man mit 65 Jahren noch auf sein Repertoire achten?

Oh ja, selbstverständlich, hören Sie mal. Nur so bleibe ich schließlich jung. Wenn diese Begeisterung für neue Facetten nicht mehr da wäre, müsste ich aufhören zu spielen. Sofort.

Besteht denn die Gefahr?

Natürlich, aber im Moment reicht meine Euphorie noch aus, um weiterzumachen. Gerade hat mir zum Beispiel ein Produzent aus Hamburg angeboten einen Western zu drehen. Noch dieses Jahr. Einen Western – ich werde ganz aufgeregt, wenn ich nur davon rede… (lacht laut). Endlich! Das mache ich natürlich.

Dass man Sie für einen Western in Betracht zieht, liegt auf jeden Fall näher als für eine Adels-Saga?

Wie das ZDF jetzt ausgerechnet auf mich gekommen sind, weiß ich auch nicht. Aber die Produzenten sind eigens zu mir nach Rom gereist und haben mich davon überzeugt. Das ging auch allein deshalb sehr, sehr schnell, weil Maximilian Schell mit dabei ist, ein Weltstar. Das hat mich natürlich angelockt, er wäre sehr glücklich, hieß es, wenn ich mitspielen würde. Wirklich schmeichelhaft. Ich habe bereits vier Filme mit ihm gedreht. 1970 zum ersten Mal, seither kennen wir uns gut.

Auch mit Maximilian Schell haben Sie allerdings stets Kino gemacht. Es scheint fast, als hätten Sie das Fernsehen bislang gemieden.

Ja, ich habe in der Tat wenig fürs Fernsehen gedreht. Es gefällt mir einfach nicht so gut wie das Kino, das war lange Zeit fast eine Abneigung. Und wissen Sie warum? Fernsehen machen kann jeder, Kino dagegen nur wenige. Außerdem brauche ich die Größe der Leinwand, auf einem kleinen Bildschirm wirke ich nicht so gut.

Und woher der jetzige Sinneswandel?

(lacht) Nennen Sie es einfach Neugierde. Außerdem ist es ein kleines Tauschgeschäft, ich hoffe auf einen Kompromiss mit der jetzigen Produktion. Voriges Jahr habe ich einen Film namens Forever Blues gespielt, gedreht, produziert, geschrieben, der bereits in Italien herausgekommen ist, und ich möchte, dass er auch hierzulande läuft.

Sehen Sie selber fern?

Nur Sport, nichts anderes. Und Nachrichten, natürlich, aber hauptsächlich Sport. Fußball vor allem. Es gibt viele Schauspieler, die zu mir kommen, um irgendwas mit mir zu machen, aber ich kenne Sie oftmals nicht, weil die meisten eben fürs Fernsehen arbeiten, nicht fürs Kino. Ich bin natürlich nicht komplett dagegen, um Gottes Willen. Ich habe dafür immerhin Rodolfo Valentino oder den italienischen Nationalhelden Garibaldi gedreht. Aber eins muss ich hinzufügen: Ich bin einer der wenigen bekannten Schauspieler, die niemals Werbung gemacht haben. Ich habe Milliarden Angebote bekommen und alle abgelehnt. Mit Schauspielern verbindet man Träume und wenn man ihnen dann dabei zusieht, wie sie ihr Können für Kaffee oder Milch hergeben, zerplatzen diese Träume rasch.

Diese Verweigerung muss man sich leisten können.

Tja, das kann ich in der Tat. Ich habe immer in seriösen Produktionen gearbeitet, war immer fleißig und spiele lieber eine verhältnismäßig kleine Serie wie diese in Deutschland, als mich für Werbung herzugeben. Obwohl in der Werbung mittlerweile auch schauspielerisches Talent gefragt ist und hochwertig gescriptet wird.

Vor 25 Jahren sagten Sie mal in einem Interview, nun vor der Entscheidung zu stehen, so weiterzumachen wie bisher und als Star schnell viel Geld zu verdienen, oder die Rollen zu wechseln und eine längere, interessantere Karriere zu machen. Was ist dabei raus gekommen?

Wissen Sie, ich komme aus der englischen Schauspielschule, hatte eine englische Frau…

Vanessa Redgrave.

…und die Möglichkeit, wirklich große Schauspieler wie Lawrence Olivier kennen zu lernen. Der sagte einst zu mir: Mit deinem Aussehen könntest du einmal im Jahr einen großen Helden spielen, viel Geld verdienen und ein großer Star sein. Aber glaub mir: das wäre immer das gleiche und am Ende unglaublich langweilig! Willst du nicht lieber ein wahrer Schauspieler sein? Dann allerdings muss man Risiken eingehen, Höhen und Tiefen hinnehmen, wird aber mit etwas Geduld auf lange Sicht Früchte ernten, die mehr wert sind als Geld und Ruhm. Den Rat habe ich befolgt.

Inklusive Tiefen?

Sicher.

Stört es Sie, dass man Franco Nero dennoch auf diese eine Rolle als Django festlegt?

Natürlich, aber das geschieht mir wirklich ausschließlich in Deutschland. Dabei habe ich genau einen einzigen Django gespielt und zwanzig Jahre später noch einen, nachdem mich alle Welt wegen des großen Erfolgs vom ersten Teil beackert hat. Ehrlich, diese Festlegung ist nicht mein Problem.

Ist sie denn typisch deutsch?

Ich hoffe nicht, aber hier sieht es wirklich so aus, als hätte ich nichts anderes gemacht. Dabei habe ich – bitte halten Sie mich nicht für angeberisch – mit den größten Schauspielern, mit Oscarprämierten Regisseuren gearbeitet, bei den größten Produktionen mitgewirkt. Das ist weit mehr als Django?

Dennoch haben Sie stets gern den Typus Einsamer Wolf gespielt.

Ein paar waren dabei, das stimmt. Und Charles Bronson hat eine meiner Rollen als Desperado, als einsamer Rächer sogar mal kopiert. Aber das war’s auch schon fast.

Steckt ein wenig des Wolfes in Ihnen selbst?

Fast. Meine Freunde nennen mich “Der Bär”, das ist in etwa die italienische Entsprechung: zurückgezogen, einzelgängerisch, manchmal ein wenig mürrisch.

Auch jemand, der sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt?

Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: du kannst morgens noch so früh aufwachen, aber dein Schicksal ist schon eine halbe Stunde vor dir auf den Beinen. Ich finde, alles ist Schicksal im Leben. Im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, den richtigen Film zur richtigen Zeit zu machen. Es kann sein, dass du ein Meisterwerk drehst, den die Leute zu diesem Zeitpunkt nicht als solchen erkennen, oder ein schlechter Film wird hochgejubelt. Mir ist schon beides passiert.

Was für eine Person ist Herzog Massimo di Romano in Der Fürst und das Mädchen?

Ein einstiger Freund und Rivale des Fürsten, den Maximilian Schell spielt. Wichtig ist: beide hegen großen gegenseitigen Respekt voreinander.

Ist es eine gute oder böse Rolle?

(lacht) Beides, das liegt mir am besten. Ein Adliger eben.

Wenn man Sie jetzt so betrachtet – blauer Zweireiher, Einstecktuch, schwerer Schmuck –, gingen Sie auch privat als Adeliger durch.

Finden Sie? Das entscheidende an der Rolle des Adligen ist doch der Adel in der Seele. Den habe ich nicht.

Werden Sie eine Waffe ziehen?

Nur die Waffe des Wortes.

Ihr erster Western liegt bereits vier Jahrzehnte zurück, ihr letzter auch schon über zehn Jahre her, nun werden Sie wieder im Sattel sitzen. War das eine Art Herzenswunsch?

Ja. Das ist mir ein großes Bedürfnis. Ob Sie’s glauben oder nicht: alle großen Schauspieler haben im Alter das Bedürfnis, wieder einen Western zu spielen. Mit kaum einen Genre lässt es sich besser träumen, gerade im italienischen, mit seiner großen Stille und seinen Botschaften an einfache Menschen. Dem Traum des Untergebenen, irgendwann zu denen da oben zu gehen und zu sagen: jetzt bin ich der Boss. Und sei es mit der Waffe in der Hand.

Würden Sie gern mal mit Quentin Tarantino drehen?

Glauben Sie’s mir: Jedes Mal, wenn er nach Italien kommt, sagt er mir, dass ich sein Idol sei. Und wenn Sie sich Tarantinos Filme ansehen, werden Sie auch mich darin entdecken können. Er wird in meinem neuen Western übrigens eine Rolle spielen.

Tatsächlich? Vielleicht wird sich dann ja sein Wunsch erfüllen. Tarrantino sagte mal in einem Interview, er könne sich nichts Besseres vorstellen, als von Franco Nero erschossen zu werden.

Und wenn wir diesen Film drehen, werde ich ihm diesen Gefallen auch tun.

Welche Ehre für ihn.

Für uns beide.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-AbramoAbramowicz & Springsteen 

Bruce Springsteen kennt ja nun wirklich jeder. Seit Jahrzehnten infiltriert der Rock-Star vom Wohnzimmer bis zur Großraumhalle fast jeden Ort der Welt. Damit hat er bei Abramowicz ordentlich Eindruck geschunden, die wiederum kaum jemand kennt. Dabei veröffentlichen die fünf Hamburger demnächst eine äußerst vielversprechende EP und starten sodann ihre erste Tour als Headliner. Zur heutigen Episode von 2 Bier – 1 Platte deshalb eine Leseanleitung: Öffnet den Streaming-Dienst eurer Wahl oder taucht tief ein ins Darknet und genießt beim Lesen dieser wunderbaren Kolumne die durchdringenden Gitarren von Abramowicz.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Jetzt preise ich euch hier so an und ihr kommt mit Bruce Springsteens The River. Das ist ja wenig überraschend.

Sören: Ich weiß schon, was du meinst. Ich könnte jetzt auch sagen, dass ich irgendeine Band super finde, die mit unserer Musik gar nichts zu tun hat. Davon gibt es auch viele. Aber letztendlich stimmt es einfach, dass wir viel Springsteen hören und das müssen wir auch nicht leugnen.

Nils: Genau. Ich glaube, was Sören auch meint ist, dass man immer auch ein Kind dessen ist, was man hört und mit eben dieser Musik in Verbindung bringt. Springsteen ist für uns auch deshalb so wichtig, weil wir viele emotionale Momente mit seiner Musik verbinden.

Was für Momente sind das?

Nils: Ach, die Verschiedensten. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie unser Vater zu Springsteen Luftgitarre gespielt hat und ich mich immer gefragt habe, was mit ihm nicht stimmt. Oder auch einige Familienausflüge zu Konzerten von Bruce Springsteen, bei denen wir einfach alle zusammen waren und Spaß hatten.

Sören und Nils Warkentin sind Brüder und bei Abramowicz für Gesang, Gitarre und Drums zuständig. Niki, Sascha und Finn komplettieren die Band, trinken wohl aber Dienstags nicht so gerne Bier.

Und wann kam der Moment, an dem ihr anfingt, euch selbst für Springsteen zu interessieren?

Sören: Ich habe Springsteen wirklich lange in die Alt-Herren-Rock-Ecke gestellt. Born in the USA kannte damals jeder und ich fand das eher ziemlich uncool. Aber mit 15 oder 16 habe ich plötzlich Songs und Alben entdeckt, hinter denen so viel mehr steckt. Seitdem ist meine Beziehung zu Springsteen getrennt von Marthe-Bruceunserem Vater und Born to be wild und ich habe viel Zeitloses entdeckt, was mir gefällt.

Das Repertoire von Springsteen ist ja sehr umfassend. Wieso sprechen wir heute über die The River?

Sören:Unabhängig davon, dass das Album einfach sehr gut ist, finde ich die Idee dahinter besonders interessant. Der Ansatz bei The River war, ein Live-Album zu schaffen, ohne, dass es live aufgenommen wird. Es ging also darum, genau das, was ein gutes Konzert ausmacht, auf eine Platte zu bringen. Das ganze ist so fernab von den heute oft zu findenden Konzeptalben, die eine ganze Geschichte erzählen sollen. Genau das fasziniert mich bis heute sehr. Auch wir sind eine Band, der Konzerte und der persönliche Kontakt sehr wichtig sind. Die Leute sollen denken, dass es die richtige Entscheidung war, ein Ticket für eines unserer Konzerte zu kaufen.

The River erschien 1980 und schaffte es als erstes von Springsteens Alben auf Platz 1 in den amerikanischen Charts. Es enthält ein paar Tracks, die es nicht auf das Vorgängeralbum Darkness on the Edge of Town geschafft hatten. Viele Songs thematisieren die Probleme der Arbeiterklasse.

Mit Bruce Springsteen als Vorbild setzt ihr euch selbst natürlich großem Leistungsdruck aus.

Sören: Wir beantworten die Frage eigentlich nicht unter dem Aspekt des Idols oder Vorbilds. Ich glaube, wenn du explizit danach gefragt hättest, hätten wir die Frage sogar abgewehrt. Aber wenn es um eine Platte geht, dann müssen wir die Frage danach einfach so beantworten.

Nils: Genau. Es geht gar nicht um dieses Idol-Ding. Dabei beschränkt man sich zu sehr auf eine Person und vergisst gleichzeitig den musikalischen Kontext. Wir sprechen da lieber von Inspiration. Unsere Musik ist nicht darauf ausgerichtet, Springsteen nachzuspielen oder nachzueifern. Das hätten wir am Anfang auch gar nicht gekonnt, da gab’s nur 1,2,3,4-Punkrock.

Marthe1Bruce Springsteen war gerade wieder in der Presse, weil er ein 35-Songs-Konzert gespielt hat. Ihr steht nun kurz vor eurer ersten Headliner-Tour. Wie sieht’s diesbezüglich mit Inspiration aus?

Sören: Also das können wir nun wirklich nicht. Wir haben erstens gar keine 35 Songs, die wir spielen wollten und zweitens überhaupt nicht die Kondition. Ich persönlich gehe auch viel lieber auf ein 45-Minuten-Konzert, das mich richtig umhaut, als auf ein 3-Stunden-Konzert, nach dem ich total überanstrengt bin. Wir spielen ungefähr eine Stunde und zwar richtig mit Knall, aber wohl niemals drei Stunden.

Nils: Ach, ich glaube das könnten wir irgendwann schon schaffen. Das ist einfach eine Entwicklung. Aber wir stehen wirklich noch ganz am Anfang und benötigen nach 1:15 Stunden schon ein Sauerstoffzelt. Vielleicht sind wir aber irgendwann mal soweit.

Mit Covern kriegt man die Setlist voll! Wenn ihr Euch eines von der The River aussuchen müsstet, welches wäre das? Ein Smasher wie Hungry Heart?

Nils: Ich würde Out in the Street oder Crush on You nehmen.

Sören:Out in the Street! Das auf jeden Fall!

Bruce Springsteen – Out in the Street

I work five days a week girl

Loading crates down on the dock

I take my hard earned money

And meet my girl down on the block

And Monday when the foreman calls time

I’ve already got Friday on  my mind.

When that whistle blows

Girl, I’m down the street

I’m home, I’m out of my work clothes

When I’m out in the street

I walk the way I wanna walk

When I’m out in the street

I talk the way I wanna talk

When I’m out in the street

When I’m out in the street.

Stellen wir uns vor, ihr trefft Bruce persönlich. Gibt es etwas, was ihr ihn unbedingt fragen möchtet oder schon immer mal sagen wolltet?

Sören: Mit Sicherheit würde ich ihn ganz Vieles fragen! Was ich auf jeden Fall sagen würde ist: Vielen Dank, dass du eine stetige Inspiration bist, meine Gitarre immer wieder in die Hand zu nehmen!

Nils: Ich glaube ich würde gar nichts fragen. Ich würde eher versuchen, in ein normales Gespräch zu kommen, sodass er mir einfach einen Schwung aus seinem Leben erzählt. Der Typ hat so viel erlebt und sicherlich so viel zu erzählen, dass es eher blöd wäre, sich auf eine Frage zu beschränken.

Sören: Insofern kann man ihn als passionierten Biertrinker vielleicht einfach auf ein Bier einladen.

Wie man sieht, ist das immer eine gute Idee! Noch eine viel tollere Idee ist aber, sich ab dem 20. Mai die EP Call the Judges von Abramowicz anzuhören. Live-Eindrücke kann man am 27. Mai im Rock Café St Pauli oder bei Facebook sammeln.


Sultanate & Neonazis

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

28. März – 3. April

Das Leben, der Frühling zeigt es grad aufs Neue, ist ein einziges Kommen und Gehen. So wie der Winter verschwindet, hat uns also auch der britische „Independent“ verlassen, eine hochseriöse Zeitung, die nun nach 30 Jahren ins Netz abwandert, jenes Medium, das selbst Qualitätsblättern den Garaus macht. Umso erfrischender ist es, dass mit den Frühblühern auch ein schnöde vernachlässigtes Pflänzchen im hochglänzenden Wald mehr oder weniger debiler Frauenmagazine sprießt: Die Allegra. Gut, sie ist nicht mehr so gehaltvoll wie vor elf Jahren, als Springer sein freches Gör trotz solider Auflage von 160.000 Stück dem oberflächlichen Glamour des publizistischen Zeitgeists opferte, aber immerhin: es wächst auch mal was nach.

Solange es darf.

Gäbe es in der Türkei eine Zeitschrift mit derart modernem Frauenbild – Staatspräsident Erdoğan ließe ihre Redaktion besetzen und alle verhaften. Seine Pressefreiheit besteht halt darin, der Presse die Freiheit zu gewähren, ihm zu huldigen. Wer das nicht tut, muss aber gar nicht daheim publizieren, um des Sultans Knute zu spüren. Sein Versuch, eine harmlose Satire des NDR-Magazins extra3 dadurch zu verhindern, dass er den deutschen Botschafter einbestellte, ging voll nach hinten los: Mit fünf Millionen Abrufen erzielte der Beitrag eine Rekordreichweite und brachte dem Format kurz darauf noch eine Rekordquote von 880.000 Zuschauern.

Der gespielte Witz war jedoch lustiger als die lachhafte Demutshaltung der Bundesregierung, die dem türkischen Staatspräsidenten über Tage hinweg nicht mit Kritik am vordemokratischen Gebaren behelligte und erst auf mediale Intervention hin einige das-geht-so-aber-nicht-Floskeln absonderte. Schließlich braucht Berlin den Despoten vom Bosporus für die Flüchtlingsabwehr an der Donau. Ohne Humor jedoch hat es faschistoider Machtmissbrauch beim Publikum schwerer, Aufmerksamkeit zu erzielen. Deshalb wollten am Mittwoch auch nur halb so viele Menschen Christian Schwochos brillanten Auftakt des NSU-Dreiteilers Mitten im Leben sehen wie Aktenzeichen XY auf dem Nachbarkanal ZDF.

0-FrischwocheDie Frischwoche

4. – 10. April

Bleibt zu hoffen, dass Teil 2 und 3 mehr Resonanz (aber bitte nicht in Form der Hassposts von voriger Woche) erzielen. Heute spielt Almila Bagriacik die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek mit so glaubhafter Empathie, dass der abermalige Mord an ihrem Vater durch die rassistische Ermittlungstaktik von Polizei und Verfassungsschutz doppelt schmerzt, um die es dann Mittwoch geht. In welchem Umfeld das möglich war, zeigt die Themenwoche Der neue Rechtsruck. Das dokumentarische Essay Broken Land über eine Handvoll Amerikaner, die von paranoidem Fremdenhass getrieben den Grenzzaun nach Mexiko bewachen, macht heute um 20.15 Uhr den Auftakt. Den Schlusspunkt bildet am Freitag Burhan Qurbanis fabelhafter Spielfilm Wir sind jung, wir sind stark mit Jonas Nay als Neonazi im Pogrom von Rostock-Lichtenhagen.

Das wäre wie alle drei NSU-Filme ein typischer Kandidat für den Grimmepreis: Ästhetisch radikal, dramaturgisch kompromisslos, soziokulturell bedeutsam, dazu exzellent gespielt, also unbedingt sehenswert. Schade, dass die Verleihung der wichtigsten Fernsehtrophäe im Land am Freitag um 22.35 Uhr bloß als Aufzeichnung bei 3sat läuft, während die ARD tags zuvor natürlich wie jedes Jahr die Primetime freiräumt, wenn Barbara Schöneberger den komplett kommerziellen, künstlerisch irrelevanten Musikpreis Echo für maximale Massenkompatibilität verleiht.

Aber so spielt halt das Programmierungsleben im Quotenland D, das zeitgleich die 300. Folge Alarm für Cobra 11 bei RTL erlebt, den ewigpräsenten TV-Koch Christian Rach heute auf gleichem Kanal zum 2083. Mal irgendwelche Restaurants testen lässt, eine spontan erstellte ARD-Doku übers gigantische Steueroasen-Datenleck von gestern heute kurz vor Mitternacht statt gleich nach der Tagesschau zeigt, während das ZDF morgen zur besten Sendezeit lieber den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth feiert, als irgendeiner Art von Senderauftrag gerecht zu werden. Das einzig charmante Format dieser Woche findet daher bei ZDFneo statt, wo ab Samstag um 16.30 Uhr zehn Folgen lang Geschichte auf eher absonderliche Art erklärt wird, wenn Hannes Jaenicke durchaus humorvoll die mysteriösesten Verschwörungen, größten Junkies oder schlechtesten Deals präsentiert.

So muss also wieder mal der Tatort als Gütesiegel herhalten, in dem das HR-Team am Sonntag allerdings von Sabin Tambrea in den Schatten gestellt wird, der sich grad zum feingliedristen Bösewicht des Films mausert. Und sonst? Bleiben ja noch die Wiederholungen der Woche. In schwarzweiß: Jack Arnolds bizarrer Spinnenhorror von 1955 Tarantula (Freitag, 0.05 Uhr, 3sat), in Farbe Manta, Manta (Dienstag, 20.15 Uhr, RTL Nitro), wo Til Schweiger 1991 sein Spielfilmdebüt gab – also lang bevor er zur Ein-Mann-Armee vom Dienst wurde, die es auch mit einer Formation jener Fluggeräte aufnimmt, um die es im Doku-Tipp geht: Drohnen (Freitag, 22.10 Uhr, 3sat).


Randweg, Dettl, Lontarius, Pet Shop Boys

TT16-RandwegRandweg

Die Klarinette, meinen nicht wenige Musikwissenschaftler, ähnelt der menschlichen Stimme von allen Instrumenten am ehesten. Besonders in den tiefen Lagen sei sie demnach ein verwechselbarer Ausdruck unserer Gefühlswelten, mehr Stimmband als Rohrblatt. Beim wunderbaren Avantgardeduo Randweg von einer instrumentellen Band zu sprechen, trifft es daher nicht so ganz – auch wenn es nominell keinen Gesang gibt. Schließlich spielt Andreas Ernsts Klarinette nicht nur zum begleitenden Saiteneinsatz seines Freundes David Baurmann, sie spricht förmlich aus den verstiegen schönen Arrangements der zwei rheinländischen Wahlberliner.

Ihr zweites Album Meanderlust deutet es schon im Titel ausdrucksstark an: Wie sanft dahingleitende Gewässer schlängeln sich anschmiegsame Tonfolgen durch ein wild wucherndes Biotop aus analogem Jazzfolk und stimulierender Electronica. Mal fließen da treibende Beats vom Rechner unter die Neoklassik, mal tupft etwas erdige Lagerfeuerromantik vom Cajon ins binäre Code-Allerlei. Man könnte dies als eine Art Naturambient bezeichnen: Wie ein innerstädtisches Hochmoor oder ein belebter Trancefloor im Birkenwald, trotz ein paar aufregender Disharmonieren zum Ausspannen schön.

Randweg – Meanderlust (Funken)

TT16-DettlStefan Dettl

Was Erfolg so alles mit sich bringt? Geld, Ruhm, Macht, Einfluss jeder Art eben, manchmal jedoch auch ein seltsam leeres Gefühl der Unterforderung, sogar Langeweile. Untätige Unternehmergattinnen legen sich daher gern mal kleine Einrichtungsläden zu oder werden karitativ tätig. Im Sog des Erfolgs von La Brass Banda tut dessen Frontmann Stefan Dettl jetzt im Grunde beides, wenn er sein neues Soloalbum vorlegt. Da die Leute vom volksmusikalischen Skapunk kaum genug kriegen können, stellte sich bei zunächst zwei der fünf Oberbayern Verdruss ein, der auch schon den Tubisten Andreas Hofmeir zurück zur erlernten Klassik trieb.

Nun begibt sich der singende Trompeter Dettl abermals auf Singlepfade. Dass er im neuen Kollektiv praktisch exakt das Gleiche macht wie im gewohnten, zuweilen etwas ruhiger vielleicht und teils in (arg deutsch intoniertem) Englisch – geschenkt! Fans des alpinen Gypsy-Sounds im Brassbandagewand werden Soul Train als schickes Accessoire betrachten, das die unbehauste Disco des Bürgertums ebenso selbstlos dekoriert wie Dettls Hauptprojekt. Fluffiger Sound, schöne Platte, toller Typ, kannst jetzt aber gern wieder La Brass Banda machen, lieber Stefan. Das Original.

Stefan Dettl – Soul Train (RCA/Sony)

Bildschirmfoto_2016-01-30_um_11.20.47Lontarius

Singer/Songwriter gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Von der Straße über die Clubs auf zugehörige Festivals schaffen sie es mittlerweile spielend in gigantische Großraumhallen, die sie gern mal allein mit Gitarre auf Barhocker beschallen, als seien es ganze Orchester. In dieser Brandung des modernen (Pop-)Folk ist es gar nicht so leicht, mal eine einzelne Welle auszumachen, die sich zu reiten noch lohnte. Eddie Johnston allerdings scheint doch eine zu sein. Nicht, weil der Neuseeländer von gerademal 18 Jahren unterm Künstlernamen Lontalius so außergewöhnliche Musik macht. Sondern weil diese außergewöhnliche Musik so unscheinbar daherkommt.

Als sei er auf seinem Debütalbum I’ll Forget 17 gar nicht richtig anwesend, haucht er mit seiner genuschelten Stimme “Cause all I had to offer is my life” in den Hallraum seiner spärlichen Instrumentierung aus Drums, Piano, Gitarre und erzeugt damit Emotioinen, für die andere das ganz große Arrangement brauchen oder den ganz pathetischen Gesang. Bei Lontalius reicht ein erstaunliches Gefühl für Timing, Pointierung und Essenz. Eine Internetexistenz mit musikalischem Standbein in der Analogie, von der man ohne Zweifel noch hören wird. Vermutlich aus den ganz großen Großraumhallen. Auch das könnte er überstehen.

Lontalius – I’ll Forget 17 (Partisan Records)

Hype der Woche

petshopboysPet Shop Boys

Wer auch immer zu wissen glaubt, wie alt die Pet Shop Boys sind, dürfte falsch liegen. Chris Lowe und Neil Tennant mögen beide ein physisches Alter rund um die 60 haben, was für Pop-Verhältnisse ungefähr das Doppelte ihrer Königin daheim in England darstellt. Musikalisch aber variiert ihr Alter ständig. Mal klingt es nach großer Reife, wenn sie mit den Dresdner Philharmonikern Eisensteins Stummfilmklassiker Panzerkreuzer Potemkin neu vertonen, mal nach jugendlicher Unbedarftheit, wenn sie auf ihrem neuen Album Super den Synthiepop ihrer erfolgreichsten Zeit mit dem Eurodance der, nun ja, auch nie so ganz erfolglosen verbinden. Das 13. Album ist demnach nicht unbedingt gelungen, aber auch kein nostalgischer Müll, sondern einfach ein altersloses Alterswerk zweier Altstars, die partout nicht erwachsen werden wollen.

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