Kurt Rosenwinkel, Cancer, Sampha, Die Sterne

CAIPI_COVER_PHYSICAL_UFKurt Rosenwinkel

Zehn Jahre für ein einziges Album? Das hat fast schon antikes Ausmaß, als ginge es um ägyptische Pyramiden, römische Tempel, gar Hamburger Konzertsäle. Zehn Jahre – so lang hat der weltweit geachtete Gitarren-Virtuose Kurt Rosenwinkel an seinem erste Solo-Album auf dem Heartcore-Label gearbeitet. Man könnte also gerade im Genre des Mittvierzigers aus dem eher popkulturell bedeutsamen Philadelphia vermuten, es gehe darauf nun verkopft zu, überstrukturiert, kognitiv statt impulsiv. Da jedoch kennt man den langjährigen Professor am Berliner Jazz-Institut schlecht. Auf Caipi nämlich macht Kurt Rosenwinkel dem strandbarselig beschwingten Plattentitel alle Ehre.

Verantwortlich dafür ist etwas, dass er in den vergangenen 20 Jahren Bühnen- und Studiokarriere meist gemieden hat: Er singt. Und zwar so nonchalant und beiläufig, dass es die perfekte Garnierung für wellige Poparrengements ist, die sich geschmeidig um sein ewig währendes Gitarrensolo wickeln, das wiederum die Leistung vollbringt, nie wie ein Gitarrensolo zu klingen, sondern eher nach der Notwendigkeit, jetzt halt nur diese Saiten erklingen zu lassen. So entkommt Caipi elf Tracks lang dem verrauchten Existenzialistenkeller in die sonnige Welt vor der Tür und fügt ihr ein wunderschönes Neoklassik-Album hinzu, als wäre Pat Metheny mit Joe Jackson bei Foxygen und De La Soul auf Frischzellenkur.

Kurt Rosenwinkel – Heartcore/RazDaz

tt17-cancerCancer

Um seine Band Cancer zu nennen und ein Debütalbum Totem, bedarf es vermutlich einer explizit tristen Gemütslage oder großen Gespürs für triste Gemütslagen anderer, gern auch beides. Wenn sich Nikolaj Manuel Vonsild, nebenbei Sänger der dänischen Elektropopper When Saints Go Machine, mit seinem jammervollen Tremolo hemmungslos dem Trennungsschmerz von Die One More Time hingibt, ist es da gut zu wissen, wer ihm im Schlüsseltrack wegstirbt: Ein Elternteil, dessen Krebstod Band und Platte einst Pate stand. Also nix mit PR – es ist pure, ungeschützte Schwermut, die dem Duett da entströmt wie ein Gewitter aus tiefschwarzer Wolke.

Das klavierbegleitet harmonienumflorte Melodram ist dabei jedoch von so fragiler Anmut, dass sich daraus gleichsam große Kraft schöpfen lässt. Stilistisch ähnlich, aber noch theatralischer als die wesensverwanten The XX oder Anohni, treiben sich Vonsild und Kristian Finne Kristensen (Chorus Grant) den ganzen aufgestauten  Kummer in einer wohltemperierten Eigentherapie aus, die nie kitschig klingt, aber hinreißend gefühlvoll und nie langweilig. Ein wenig Weltschmerz ist hilfreich, um Totem zu ertragen. Lebensmüdigkeit zum Glück nicht.

Cancer – Totem (Tambourhinoceros)

tt17-sampha1Sampha

Mit Tod und Weltschmerz hat auch Sampha Sisay gut zu tun. Als jüngstes von fünf Kindern eines früh verstorbenen Afrikaners in London, dürfte sein Leben nie leicht gewesen sein. Kurz bevor er im Herbst auch noch seine Mutter an den Krebs verlor, wurde bei ihm selbst ein verdächtiges Geschwür entdeckt. Wie gut, dass dem 27-Jährigen von Kindesbeinen an die Musik als Ventil dient, schlechte Stimmung zu verarbeiten. „Oh, sleeping with my worries / I didn’t really know what that lump was” singt er auf dem Opener seines Solodebüts und zeigt dabei etwas, das schon Weltstars von Kanye West bis Beyoncé veranlasste, sein Talent zur Verfeinerung oberflächlichen R’n’B in Anspruch zu nehmen.

Mit überragendem Gespür für rhythmische Harmonie motzt Sampha schlichte Popstrukturen zu einer orchestralen Größe auf, die haarscharf am Überfluss vorbeischrammt und dadurch aus jedem Ton Funken sprühen lässt. Dank seiner Gemütsverfassung wirken die natürlich trister als bei Auftragsarbeiten. Hier nach Trip-Hop der Art von Massive Attack, da nach dem elektronischen Songwriter James Blake, dank seines bisweilen arg pathetischen Gesangs allerdings stets eigensinnig. Traurig schön.

Sampha – Process (Young Turks)

Hype der Woche

tt17-sterneDie Sterne

Ein Vierteljahrhundert und immer noch keine richtigen Stars: Die Sterne feiern ihr Bandjubiläum mit einem Tribute-Album. Auf Mach’s besser! (Materie Records) variieren Wegbegleiter, Idole und Kollegen von Isolation Berlin bis Kreisky, von Peter Licht bis Fehlfarben, von Björn Beton bis Egotronic mehr oder weniger bekannte Songs der Hamburger Schulpioniere. Im Gespräch erzählen Sänger Frank Spilker und Bassist Thomas Wenzel, wie man 25 Jahre zusammen bleibt, wie sich das Metier seit der Gründung verändert hat und wie es zur Kompilation kam.

 

freitagsmedien: Im Grunde feiern die Sterne grad Silberhochzeit oder?

Thomas Wenzel: Stimmt.

Frank Spilker (schaut Thomas verliebt an): Ach Thomas.

Thomas: Schatz!

Fühlt sich das schon alt an oder noch jung?

Frank: Sag jetzt nicht das Böseste, was dir einfällt. Höchstens das Zweitböseste.

Thomas: Ich finde ja, dass man in dieser Zeit schon zu den älteren Bands gehört, wenn man zehn Jahre beisammen ist. Aber stimmt schon – wer ältere Fotos von uns sieht, merkt schon recht deutlich, wie viel Zeit seither vergangen ist.

Frank: Die Zahl an sich ist dabei ziemlich egal.

Ist das jetzt Kokettieren mit dem Alter im Sinne von: Mein Alter ist mir egal, mit 50 fängt das Leben doch erst an?

Thomas: Ich weiß nicht. Zurzeit ist ja viel vom 90er-Revival die Rede, also jener Epoche, in der wir als Sterne angefangen haben. Die liegen tatsächlich schon eine Weile von uns entfernt.  Aber seit den Nullerjahren ist alles so furchtbar schnell gegangen; das fühlt sich gar nicht nach Altern an; viel mehr nach Echtzeit.

Frank: Bis auf ein paar Megakarrieren ist in der Tat für die meisten Bands nach zehn Jahren Schluss. Gar nicht so sehr, weil dann die Streitereien beginnen, sondern das Familienleben. Das war bei uns allen auch so, bei mir sogar schon sehr früh. Aber bei uns haben die Kräfte, nach dem letzten Major-Deal zu sagen, jetzt machen wir alle mal was anderes…

Thomas: Ruhigeres vor allem.

Frank: Die haben nicht so recht gewirkt. Wir hatten einfach noch zu viel Bock, die Sache noch mal wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Gab es dennoch einen Punkt, an dem Die Sterne als Projekt auf der Kippe standen?

Frank: Eigentlich nicht. Auch, weil sich die Frequenz geändert hat. Bis 2001 haben wir alle zwei Jahre ein Album gemacht, also eine Kampagne an die nächste gehängt und zwischendurch höchstens mal in Urlaub gefahren. Seither fahren wir sehr viel ruhiger.

Thomas: Und gab ja auch personelle Umsetzungen. Christoph, Frank und ich sind zwar von Anfang an dabei, aber dass Frank nicht mehr dabei ist und auch Richard nicht…

Eure Keyboarder Frank Will und Richard von der Schulenburg…

Thomas: Da ist schon was passiert und führt einer Band vor Augen, dass nichts für die Ewigkeit ist und Krisen ebenso dazu gehören wie neue Platten. Nichtsdestotrotz: Dass es uns so lange gibt, hat natürlich auch damit zu tun, recht erfolgreich zu sein. Wir konnten ja gut davon leben. Und das gilt bis heute.

Frank: Unser Ertrag hängt halt immer davon ab, wie viel wir wovon machen. Viele unserer musikalischen Projekte bringen gar nichts ein oder wir müssen sogar draufzahlen. Die Sterne sind solide aufgestellt, das ist schon mal was.

Thomas: Wir können jederzeit ‘ne Tour machen oder es lassen; das ist schon mal was.

Frank: Touren bringen Geld, Festivals auch, es gibt zwar nicht mehr wie in den 90ern noch fette Vorschüsse für die Sterne als Fulltimejob. Aber für uns als Freiberufler sind sie nach wie vor eine gute Einnahmequelle.

So weit zum Materiellen. Aber wie fühlt es sich denn atmosphärisch an nach einer Zeitspanne, die man auf die Ehe der eigenen Eltern bezogen als ewig lang betrachtet?

Frank: Gut, echt. Aber was für ein Zeitraum 25 Jahre wirklich sind, hab ich erst gemerkt, als die ersten Stücke der neuen Platte fertig gemastert auf dem Tisch lagen. Das ist eine Werkschau, die andere für uns durch ihre Auswahl zusammengestellt haben. Gefühlsmäßig kann ich die Stücke der Sterne im Gegensatz zu den Studioalben dadurch erstmals wirklich konsumieren, also als etwas wahrnehmen, das mir vorgelegt wird, ohne noch etwas ändern zu können wie sonst. Das schafft Abstand zum eigenen Werk.

Ihr habt überhaupt keinen Einfluss auf die Auswahl genommen?

Thomas: Nur, was die Auswahl der Titel betrifft.

Frank: Wir haben schon darauf geachtet, dass es nicht zu viele Dopplungen gibt. Inhaltlich wollten wir da aber von Beginn an nicht den Spielverderber machen.

Und nach welchen Kriterien ist die Auswahl der Künstler erstellt worden?

Frank: Wir haben uns vor einem Jahr zusammengesetzt und eine Liste gemacht.

Thomas: Die im Laufe der Zeit immer größer geworden ist, aber auch wieder geschrumpft, wenn jemand abgesprungen ist.

Frank: Das hat sich irgendwann total verselbständigt. Am Ende aber haben wir schon eine Mischung gefunden aus den Leuten, die uns am liebsten sind, und denen, die für den Hörer am interessantesten sind, weil sie mit der Kombination nicht rechnen durften. Da sind viele junge Bands dabei, aber mit Fehlfarben oder Family Five auch welche, die uns selber oder zumindest mich einst beeinflusst haben.

Thomas: Wir bringen zum Album noch eine Single mit zwei unveröffentlichten Tracks vom Anfang der 90er raus, wo man diese Einflüsse sehr gut heraushören kann. Da singst du sogar ein bisschen wie Peter Hein.

Frank: Wobei das auch damals schon als Ablösungsprozess von den 80er-Jahre-Vorbildern gemeint war. Kurz, bevor 1992 Fickt das System rauskam, als wir so mit New School HipHop experimentiert haben.

Würde eure eigene Werkschau denn ähnlich aussehen wie diese hier?

Thomas: Nein, ganz sicher nicht. Wobei das keine Wertung dieser Auswahl beinhaltet.

Frank: Wir hätten einfach ganz andere Kriterien zugrunde gelegt. Interessanterweise dachten wir aber, alle wollen „Universal Tellerwäscher“ oder „Was hat dich bloß so ruiniert?“ machen, aber das war gar nicht so. Isolation Berlin dagegen haben sich „Irrlicht“ ausgesucht, was bei uns unter ferner liefen rangierte. Was die da rausgeholt haben, war wirklich grandios.

Fühlt man sich da geehrt, wenn die jungen Epigonen euch sogar in diesen Ecken eures Schaffens Tribut zollen?

Frank: Ach, geehrt…

Thomas: Weiß nicht…

Anders gefragt – wer hat wen eigentlich in 25 Jahren mehr beeinflusst, womöglich gar geändert: das MusikBiz euch oder ihr das Musikbiz?

Thomas: Ach so sehr hat sich das Geschäft gar nicht gewandelt. Es geht immer noch darum, das hier zu machen (hält CD hoch) und dafür Käufer zu finden.

Frank: Und wir dürfen uns nichts vormachen: unsere frühen Sachen haben sich alles andere als gut verkauft. Der Mythos Sterne war da weit größer als die Erträge.

Ihr wollt aber doch mehr als nur Tonträger verkaufen?

Frank: Gewiss, man kann natürlich auch unsere Platten auf iTunes zusammenkaufen, dann wird’s aber teurer als das Gesamtwerke; das kann man am Ende als betriebswirtschaftliche klüger deuten. Aber das Bundle ist uns nach wie vor wichtig.

Für wen ist Mach’s besser eigentlich gemacht – Kollegen, Fans, euch selbst?

Thomas: Ach am Ende schon für unsere Fans, als Übersicht dessen, was wir gemacht haben, nur aus Sicht anderer.

Frank: Aber natürlich spielen da auch all jene mit rein, die irgendwie etwas zu den zehn Platten beigetragen haben. Die ganze Szene, das Umfeld.

Eure letzten beiden Alben waren technoide Disco und Krautrock. Mit welcher Art Stilbruch dürfen wir auf der nächsten Platte rechnen, die ihr wieder selber einspielt?

Frank: Gerade auch Krautrock und Disco. In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir oft eine Indie-Gitarren-Band, wegen der frühen Hits Universal Tellerwäscher und Ruiniert. Aber wir haben ja mit den ersten beiden Alben schon einen ziemlichen Blumenstrauß an Stilen auch in Form von Zitaten hin gelegt. Insofern muss man bei den Sternen immer mit allem rechnen.

Thomas: Vielleicht legen wir ja auch einfach nur ein Vol. II vom Tribute-Album auf, nur eben von uns selber, die eigene Werkschau.

Frank: Oder doch wieder was richtig Schredderiges. Am Ende sind die Sterne ja vor allem rabiat und rau.


Matthias Matschke: Winnetou & Professor T.

team-102-1920x1080Ich liebe es, lustig zu sein

Dass Matthias Matschke vor allem als Komiker wahrgenommen wird, liegt an seiner Qualität. Zugleich nämlich ist kaum ein Schauspieler so vielseitig wie der 48-jährige Marburger. Mit Professor T. ist nun ein zwanghaftes Genie hinzugekommen, das am Samstag (21.45 Uhr, ZDF) den zweiten Auftritt hat. Ein Gespräch über die Wissenschaftler seiner eigenen Studienzeit, den Karrierefaktor Haare und schmeichelhafte Vergleiche mit Steve Buscemi.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Matthias Matschke, haben Sie selber je an einer ordentlichen Universität studiert?

Matthias Mattschke: Das habe ich. Germanistik und Theologie. Und natürlich Schauspiel an der Universität der Künste Berlin.

Und ist Ihnen dabei je ein brillanter Soziopath wie Professor T. begegnet?

Nein, aber der Berufsstand hat eine Menge Potenzial, brillante Soziopathie hervorzurufen. Die Uni habe ich ebenso wie meine Schauspielschule als ökologische Nische erlebt, einen Lebensraum verschiedenster Vogelarten, deren verschrobene Eitelkeit der des Professor T. nicht wesensfremd ist. Die Lust, jeder Absurdität des eigenen Fachbereichs auf den Grund zu gehen, produziert Seltsamkeiten.

Hatten Sie demnach ein reales Vorbild für Ihren Professor?

Das nicht. Meine Vorbilder sind ganz andere, teilweise anorganisch. Aber ich werde Ihnen nicht verraten, welche das sind.

Also war die Figur im Buch vorgegeben oder entstammt sie Ihrem Bauch?

Letzteres. Drehbücher geben generell eher sachdienliche Hinweise, weshalb man als Schauspieler bei der konkreten Ausgestaltung komplett auf sich zurückgeworfen wird. Es gab ein belgisches Original, in das ich mal reingeschaut habe. Und Koen De Bouw macht das super. Aber es hat mich ungemein beruhigt, dass ich den überhaupt nicht als Vorbild nehmen muss. Ich habe im Rahmen seiner Schmutzphobie und einer früheren Beziehung zur ermittelnden Kriminalkommissarin alles an ihm neu erfunden. Im Grunde kann man auch gar nicht anders, als frei zu interpretieren. Sobald man eine Figur an sich heranzieht, ist man als Person für sie verantwortlich.

Im Drehbuch stand also nicht, dass Professor T. ständig wie eingefroren in die Gegend starrt?

Nein, da stehen Worte. Und selbst die sind tot, bevor man sie gesprochen hat. Es stand also nirgends, dass er ins Leere starrt. Aber es ergibt sich fast von alleine, wenn Professor T. vor seinem inneren Auge in die Ferne schweift, wo die Antwort auf die Frage steht. Da ist das Erstarren der richtige Darstellungsweg. Andererseits tickt in ihm ständig eine Zeitbombe, die dank einer kontrollsüchtigen Mutter nur durch äußerste Selbstdisziplin nie hochgeht.

Kann es sein, dass Ihre Figuren öfters gekennzeichnet sind von diesem schmalen Grat zwischen Stoizismus und Cholerik?

Das kann sogar sehr gut sein. Dieser Grenzgang liegt mir. Immer unter der Voraussetzung, selber darüber entscheiden zu können, in welche Richtung es kippt. Ich sehe das allerdings dialektisch: Beide Seiten stecken in jedem Charakter, und je enger sie aneinander liegen, desto interessanter ist es, sie zu spielen.

Empfinden Sie Rollen wie diese hier, aber auch Uwe Barschel oder den NS-Verbrecher Heinrich Ross in Das Zeugenhaus demnach als Geschenk, das auch zu dürfen?

Ja, aber nicht nur die. Auch Hagen Pastewka war ein Geschenk. Ich empfinde eine tiefe Leidenschaft für Figuren, die zugleich verloren und getrieben sind.

Interessanterweise dürfen sie diese Gratwanderung als einer der wenigen hierzulande in fast jedem Genre spielen – ganz gleich ob Drama, Komödie, Blockbuster, Krimi.

Toll, oder?

Mussten Sie sich jemals mühevoll aus einer Schublade befreien?

Schauspieler sind der Wahrnehmung von außen extremer ausgeliefert als die meisten anderen Berufe, das muss man akzeptieren oder man scheitert. Von daher ist es meine Aufgabe, den Leuten ihre Voreingenommenheit bezüglich meiner Rollenauswahl zu nehmen. Eine gewisse Eigenständigkeit ist da unerlässlich.

Und haben Sie sich die offensiv erarbeitet?

Das musste ich gar nicht. Mein nächster Karriereschritt war bislang zum Glück immer auch der, der mir Freude bereitet hat, nicht der, den ich gehen musste, um bestimmte Bilder von mir zu ändern. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass mir Menschen an den wichtigen Hebeln das zutrauen. Wandlungsfähigkeit bedarf zwingend guter Caster mit professionellem Abstraktionsvermögen, die sich meine Person zum Beispiel als Uwe Barschel vorstellen konnten.

Wissen Sie, woran es aus Sicht der Süddeutschen Zeitung unter anderem liegt, dass sie so verschiedene Rollen glaubhaft machen können?

Da bin ich jetzt ja gespannt.

An Ihrem Haar.

(lacht) Wobei das eine Perücke war… Aber wissen Sie, wann ich die noch mal tragen durfte?

Da bin jetzt ich mal gespannt.

Bei Winnetou auf RTL. Schon deshalb glaube ich, dass solche Details nicht über die Rollenwahl entscheiden.

Gibt es dennoch welche, die Ihrer Karriere Vorschub geleistet haben?

Irgendjemand hat geschrieben, ich sei der deutsche Steve Buscemi. Ich weiß aber nicht, ob das 1998 als Kompliment gemeint war.

Damals waren Sie eher am Theater als im Film präsent. Sind sie vom Humor zum Ernst gekommen oder umgekehrt?

Es gab an der Schauspielschule früh das Bedürfnis, auch die ernste Seite meines Berufes auszuloten. Andererseits höre ich mich immer noch den Satz des letzten Ausbildungsjahrs sagen: Ich bin Komiker. Zum einen, um nicht in diese Selbstgerechtigkeit des Dramatikers zu verfallen, mit 23 durchs Theater die Welt verändern zu können. Zum anderen, weil ich mich an die Verzückung bei Sendungen wie Väter der Klamotte oder Dick und Doof erinnert habe, über die ich mich als Kind herrlich unkontrolliert amüsieren konnte. Ich liebe es, lustig zu sein, das ist bei allem Ernst die Antriebsfeder meines Lebens. Und ich hoffe, man findet auch in meinem Professor T. die Momente des Humors.

Haben Sie ihr Germanistik-Studium seinerzeit eigentlich beendet?

Nein, da musste ich mich fürs Schauspiel entscheiden. Beides geht nicht.

Und – jemals bereut, diese Entscheidung?

Nein. Zumal ich die akademische Laufbahn jetzt gerade nachhole. Erst als Professor Spengler bei Winnetou, jetzt als Professor T. im ZDF. Ich bin da sozusagen spätberufen.


2 Bier – 1 Platte

marthe-schnipoSchnipo Schranke & Sido

Ein von Youtube indiziertes Video, jede Menge Fäkalsprache, kollektive Verwirrung bis ausschweifende Begeisterungsstürme bei Publikum und Feuilleton – so könnte man Schnipo Schrankes Debüt Satt von 2015 ungefähr zusammenfassen. Jetzt ist das zweite Album des Duos aus St. Pauli erschienen: Rare. Mehr Synthies, mehr Drums, die unverhohlene Sprache, wie man sie kennt. „Wir sind Haschproleten, da hilft kein Haten und kein Beten“ – Okay! Wir wollen bei Kaffee und (jugendfreien) Zigaretten auch über was ganz anderes reden. Zum Beispiel über die Lieblingsplatten der Schnipos Daniela Reis und Fritzi Ernst.

Fritzi Ernst: Scheisseey!

Daniela Reis: Das ist überhaupt nicht unser Thema. Über unsere Lieblingsmusik reden wir eigentlich gar nicht.

Bester Interview-Start ever!

Warum nicht?

Fritzi: Wir vermeiden das immer gerne, weil wir es irgendwie ein bisschen unangenehm und zu persönlich finden, was wir so für Platten hören.

Marthe: Okay, dann fangen wir vielleicht mal anders an. Gab es eine Band oder eine Platte, die euch bei dem Weg von der Klassik zur Popmusik begleitet hat?

Fritzi: Also wir haben natürlich früher auch schon Popmusik gehört und nicht nur Klassik. Es gab da jetzt nicht DIE Band, die uns inspiriert hat selber Musik zu machen. Außer Sido…

Sido, das super-intelligente Drogenopfer, das den deutschen Gangster Rap chartkompatibel gemacht hat.

Daniela: Genau, Sido war schon so ein Auslöser. Die Art, wie er getextet hat und seine Themenwahl haben uns total entsprochen. Wir hatten einen total guten Zugang seinen Sachen. Wir haben den schon sehr gefeiert. Wir haben ja auch gar nicht von Anfang an gesungen, sondern erst mal gerappt.

Ihr klingt jetzt nicht wirklich wie Sido.

Fritzi: Ja, das ist bei uns nun wirklich etwas komplett anderes geworden. Aber manchmal braucht man irgendwie einen Anstoß, um selber Bock zu kriegen was zu starten. Das muss ja mit dem, was man am Ende macht, gar nichts zu tun haben.

Daniela: Wir sind dadurch auf die Idee gekommen eigene Texte zu machen. Wir haben davor ja nur instrumental Musik gemacht und plötzlich war da die Textoption in unserem Kopf. Es ist ja auch so: Wenn man etwas hört, das einem selbst und der Laune gerade entspricht, dann kommt man ja auch immer schnell auf Ideen, wie man das selber anders oder besser machen könnte. Deshalb kann es so eine Offenbarung sein neue Künstler oder Bands zu entdecken. Ich habe auch erst vor zwei Jahren The Cure entdeckt.

Fritzi: Ich glaube deshalb reden wir so ungern über unsere Lieblingsbands. Wenn wir etwas finden, das wir total mögen, ist das meistens schon uralt und dann marthe-sidoist es eher peinlich zu sagen: hab ich grad entdeckt, voll geil!

Daniela: Nee, das finde ich eigentlich nicht. Ich finde es wird peinlich, wenn ich jetzt meinen Lieblingssong verrate und die Leute dann aus dem Text eins-zu-eins auf mein Seelenleben schließen können. Das ist ja rudimentärste Tiefenpsychologie. Ich will nicht, dass die Leute merken, an welchen Stellen ich mich selbst gemeint fühle oder was bei mir im Kopf so abgeht.

Auch nicht die schönen Dinge?

Daniela: Gerade die positiven Sachen sind mir peinlich! Ich will nicht, dass die Leute wissen, was mich beglückt. Das ist für mich total schräg. Das nicht zu verraten ist halt meine Art der Maske.

Da sind wir wieder bei Sido.

Er hat übrigens beim Bundesvision Song Contest 2005 erstmals seine Maske abgenommen.

Daniela: Jaja, genau! Die Leute sagen halt immer, dass wir total offen sind und sie das schätzen. Und klar, wir sind in vielen Bereichen furchtbar offen. Aber das sind die Dinge, in denen wir nicht angreifbar sind und deshalb können wir darüber so offen reden. Über die Dinge, die uns zu persönlich sind, reden wir aber nicht. Bisher ist das nicht so ins Gewicht gefallen, weil es ja fast immer um dieses Fäkalding ging. Aber irgendwann werden die Leute wohl merken, dass wir auch total die Fassade haben, so wie jeder andere auch.

Welches Sido-Album ist das beste?

Daniela: Das erste! Das ist immer so billig, weil alle das sagen, aber es ist wirklich so. Das hat einfach so wahnsinnig viel Charme finde ich. Und ich musste bei keinem der folgenden Alben so viel lachen wie bei dem. Das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt.

Sidos Debut Maske erschien 2004 und erreichte Goldstatus. Wegen der Glorifizierung von Drogen im Song Endlich Wochenende landete das Album schnell auf dem Index.2005 erschien dann Maske X. Endlich Wochenende verschwand von der Tracklist, statt dessen schafften es der Arschficksong und G mein Weg aufs Album.

Habt ihr denn beim Hören auch darüber nachgedacht, was man hätte besser machen können?

Daniela: Nee, das ist nämlich das Lustige, wenn man so ein ganz charmantes Album macht, wo alles noch so ein bisschen unbeholfen ist. Dann denkt man das irgendwie nicht.

Fritzi: Das macht dann nichts. Gerade beim ersten Album geht es ja auch immer darum, seine eigene Welt vorzustellen. Und da ist ja erst einmal gar nichts falsch. Alles was danach kommt wird dann daran gemessen.

Daniela: Ich finde auf jeden Fall auch die Beats auf der ersten Platte am konsequentesten. Das sind schon abgefahrene Sounds, einfach wahnsinnig kreativ.

Auf euerm neuen Album habt ihr keine Features. Warum nicht?

Fritzi: Das kam einfach nicht zu Stande. Es gibt schon Leute, auf die wir da mal Bock hätten, aber das muss sich ja irgendwie auch ergeben und Sinn machen. Sonst ist es halt einfach nur konstruiert.

Auf wen hättet ihr denn Bock?

Daniela: Sido! Ja! Ich hab neulich überlegt, ob wir ihn bei der dritten Platte einfach mal fragen. Ich fände das schon super nice, wenn er dann einfach eine Strophe rappen würde. Bei Features ist das ja so: Entweder man macht das mit Leuten, mit denen man schon echt gut befreundet ist, oder es muss einfach richtig schocken, weil das jemand richtig geiles ist. So wie Sido. Mit dem im Studio zu sein wäre schon wie Kindergeburtstag für uns.

Fritzi: Man würde doch bestimmt gar nicht mit dem reden. Man würde dem den Song schicken und dann macht der das da drauf.

Daniela: Stimmt, aber egal! Bei so geilen Leuten wie Sidooder Robert Smith würde ich auch drauf scheissen und was konstruieren. Der Künstler muss einfach dufte sein, vor allem auch persönlich.

Marthe1Ist Sido also ein dufter Typ?

Daniela: Das weiß ich nicht, da kann ich mir kein Urteil bilden. Aber das, was man in der Öffentlichkeit sieht finde ich dufte. Ich finde, der macht das voll cool. Also für mich ist er immer eine Inspiration.

Auch in Bezug auf seinen Umgang mit Kritik?

Daniela: Auch, ja klar! Aber das ist ja diese ganze Hip Hop-Attitüde. Das geht uns total rein. Wir versuchen aber auch, uns Kritik nicht so sehr reinzuziehen. Am Anfang, als wir noch nichts hatten, aber schon wussten, dass wir eine berühmte Band sein wollen, da haben wir uns immer vorgebetet, dass wir keine Zweifel haben dürfen. Das war unser Masterplan: Einfach nicht zweifeln und daran glauben, dass das was wir machen, das Allergrößte ist.

Das allergrößte zweite Album Rare ist im Januar bei Buback erschienen. Im März sind Schnipo Schranke auf Tour und geben am 18. März ihr Heimspiel im Übel & Gefährlich. Tickets und Infos gibt’s hier.


Fernsehpreise & Fragestellungen

TVDie Gebrauchtwoche

30. Januar – 5. Februar

Den Satz muss man kurz durchkauen, runterschlucken, sacken lassen und behält ihn doch unverdaut im Magen: „Wir haben uns zu diesem Schritt entschieden, da wir aufgrund der Berichterstattung in den letzten Wochen und Monaten derzeit keine Basis für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit sehen.“ So verweigerte der amerikanische Geschäftsführer des bayrischen Fußballclubs TSV 1860 München am Dienstag die Dauerakkreditierung kritischer Lokalzeitungen. Da macht der gelernte Maschinenbauer Anthony Power seinem Namen ja mal Ehre im Umgang mit Medien und zugleich klar, als was nicht nur sein Landsmann Trump Reporter betrachtet: Dienstleister oder Feinde.

Andererseits ist die Presse auch untereinander nicht immer von Objektivität und Fairness geprägt. Das Berliner Arbeitsgericht wies gerade die Klage der vielfach preisgekrönten Fernsehjournalistin Birte Meier (Frontal 21) ab, bei gleicher Leistung schlechter als ihre (männlichen) Kollegen bezahlt zu werden. Dabei ließen die Richter an der Tatsache geschlechtsbedingter Ungleichbehandlung gar keinen Zweifel, sondern nur an deren Unrechtmäßigkeit. Vielleicht wäre das ja mal ein Fall fürs nächste ARD-Melodram am Mittwoch mit entsprechender Chance auf einen jener Deutschen Fernsehpreise, die am Donnerstag in Düsseldorf mehr oder weniger feierlich verliehen wurden.

Erwartungsgemäß räumten die Öffentlich-Rechtlichen ein Dutzend Trophäen ab, mehr als alle Privaten zusammen. Weniger zu erwarten war hingegen, dass mit Sonja Gerhardt eine Schauspielerin prämiert wurde, die in Ku’damm 56 und Jack the Ripper fachlich allenfalls solide die Kaugummikulissen dekorierte. Ebenfalls ein Schlag ins Gesicht von Niveau und Anstand: Auszeichnungen für Galileo (Pro7), Kitchen Impossible (Vox), Autoquartett (RTL Nitro) und letztlich auch Familienfest (ARD) als bester Film, der fraglos gut, aber keinesfalls herausragend war.

Das ist nach wie vor und immer wieder der Seriensieger Jan Böhmermann, dessen Neo Magazin Royale nach der Rückkehr gleich wieder mit einen Geniestreich sarkastischer Daseinsbeschreibung glänzte, der das Weltgeschehen rund um Trump mit angemessener Heiterkeit einordnet.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. Februar

So gar nicht zum Lachen ist hingegen eine herausragende Doku, die damit sehr unmittelbar zu tun hat. Anstelle der auf 23.30 Uhr verschobenen ARD-Geschichtsstunde Unsere Städte nach `45 über die Architektur-Sünden der jungen Bundesrepublik setzt Hubert Seipel in Abgehört und Abgenickt (Montag, 22.45 Uhr) sein legendäres Fernsehinterview mit Edward Snowdon von 2014 fort und macht daraus „eine kleine Geschichte des Nachrichtendienstes und ihrer Zwänge, Mechanismen, Kommunikation“, wie der sie vielfach preisgekrönte Filmemacher nennt.

Eine Quintessenz aus Gesprächen mit vier früheren BND-Chefs oder dem einstigen NSA-Boss Hayden lautet dabei in Anlehnung an Angela Merkels berühmten Satz: „Abhören unter Freunden geht sehr wohl!“ In Zeiten falscher Fakten stellt Seipel dazu eher die richtigen Fragen, als selbstgerechte Antworten zu geben. Das ist mehr als genug auf einem Erdball im Würgegriff eines selbstverliebten Potentaten, der Konfliktlösungsansätze wie jene bevorzugt, die Sat1 zweieinhalb Stunden zuvor starten lässt. Als Filmreihe machte Leathal Weapon vor einem Vierteljahrhundert Mel Gibson zum Weltstar, als Serie macht es die testosterongesteuerte Gesetzesselbstermächtigung cooler Cops nun für die postheroische Gegenwart auf der Suche nach Männerhelden verwertbar.

Da überspringen wir doch fix mal ein paar Tage und machen mit dem Kontrast der Woche weiter. Während 3sat am Donnerstag um 19.20 Uhr wie jedes Jahr die Eröffnung der Berlinale zeigt und später am Abend (23 Uhr) das beeindruckende Bürgerkriegsepos `71 – Hinter feindlichen Linien aus dem irischen Bürgerkrieg der Siebziger, schert sich Pro7 nicht weiter um die Hochkultur und startet die 5283. Staffel von Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum and Several Top Brands Intending to Make Woman More Sexualized Again and Less Smart. Aufgepasst und dünngekotzt, ihr biegsamen Fans der Jahrgänge 1995 bis 2005!

Da ballt man doch instinktiv jene Faust, die 3sat tags drauf den ganzen Abend in mehreren von Goethes Wahnsinnswerken feiert. Oder besser gleich Die Todeskralle von Bruce Lee, mit der es auf Tele 5 (Montag, 20.15 Uhr) ein 1972 noch blutjunger Chuck Norris zu tun kriegt. Ansonsten aber stehen die Wiederholungen der Woche ganz im Zeichen von Manfred Krug, der am Mittwoch 80 geworden wäre. Montag (20.45 Uhr) zum Beispiel zeigt der MDR den kürzlich verstorbenen Schauspieler in seiner alten Heimat als Teil der DDR-Gaunerkomödie Mit mir nicht, Madam! von 1969, während der RBB zeitgleich den letzten Tatort mit Kommissar Stoever aus dem Jahr 2001 namens Mord vor Scharhörn wiederholt. Und auch der schwarzweiße Tipp ist „Manne“ gewidmet. Und wie könnt es anders sein: Spur der Steine (Montag, 23.15 Uhr, NDR) – 51 Jahre alt, für immer sehenswert.


Rhonda, Smile and Burn, Klangstof, Oh!chestra

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Wenn es aus den Boxen klingt, als würden Henry Mancini und Amy Winehouse gemeinsam mit Shirley Bassey und Robin Williams einen Bond-Film der frühen Sechziger nachvertonen, landet man dieser Tage nicht in London oder Las Vegas, sondern im nasskalten Hamburg. Hier, wo das Erdbeben des Pop vor Jahrzehnten mal kurz, sehr kurz ein Epizentrum hatte, ist gerade eines jener Alben entstanden, die der spröden Hansestadt und dem ähnlich nüchternen Land ringsum kurz mal das Gefühl geben, auch hier können aus Studios Funken sprühen: Rhonda sind zurück! Und Wire ist nochmals besser als ihr gefeiertes Debütalbum Raw Love vor knapp drei Jahren.

War die kratzbürstige Grandezza der raumgreifenden Sängerin Milo Milone im Kreise ihrer exzellenten Band damals noch voll und ganz auf den hedonistischen Frohsinn des klassischen Heist Movies gepolt, verleiht ihr das deutsche Filmorchester Babelsberg diesmal die düstere, nie schwermütige Tiefe des Film Noir. Wire ist so gesehen ein cineastisches Werk, visuell und überfrachtet durch und durch. Nach dem hitverdächtigen Opener In My Eyes schwappen da elegant die Mandolinen ins getragene Lost My Man, bevor dunkle Kriminal-Tango-Orgeln durchs anschließende Paws dräuen, was das bigbandartige When You Find Out aber doch wieder auf die Tanzfläche einer Sixties-Party holt. Schwer nostalgisch, hinreißend schön.

Rhonda – Wire (PIAS)

tt17-smileSmile and Burn

Weder nostalgisch noch schön, sondern einfach Punkrock kommt an dieser Stelle ebenfalls aus Deutschland. Wobei – mit Punkrock ist das so eine Sache. Beide Silben sind in der Regel Betrug, vornehmlich an sich selbst. Die erste möchten Punkrocker dem Namen nach gern leben, tun es aber allzu selten, die zweite wollen sie eigentlich überwinden, nutzen aber die Mechanik des Mackerfachs moderner Musik. Man könnte also lang über die Stichhaltigkeit des Begriffes in Bezug auf die Berliner Punkrockband Smile and Burn diskutieren – oder Debatte kurz Debatte sein lassen und einfach rumhüpfen, wenn die Berliner in die Saiten dreschen, als gäb’s zumindest kein Übermorgen.

Denn das Quintett hält sich auch auf dem vierten Album nicht lange mit Äußerlichkeiten auf, sondern treibt das Tempo mit dem Opener Not Happy one-two-three-four gleich mal zum Thema soziale Netzwerkpornografie auf Anschlag, regelt es im melodischen Bye Bye Perfekt kurz wieder gefühlvoll runter, biegt mit Good Enough kurz in die Punkrockkulturtechnik des Mitvorgrölens ab und zeigt somit die gesamte Bandbreite dessen, was mit Emocore vielleicht besser beschreiben wäre; aber was sind schon Labels, wenn man auch einfach nur zuhause kurz die Anlage aufdrehen und durch die Sitzecke springen kann. Hier kann man. Wenn man will.

Smile and Burn – Get Better Get Worse (Uncle M Music)

tt17-klangstofKlangstof

Ein Begriff wie Klangstaub weckt für wahr Musikästheten ohne Amphetamine im Urin eher ungute Assoziationen. Klangstaub – unter derlei Namen animieren Trance-Acts gern zum Planieren überdekorierter Tanzflächen. Klangstaub klingt daher schwer nach Patschuli und Batik. Doch mit Klangstaub wird zwar auch die norwegisch-holländische Band Klangstof übersetzt. Deren Sound allerdings hat mit Patschuli und Batik noch weniger zu tun als mit Trance, obwohl ihr Wavepop bei aller Getragenheit etwas durchaus Transzendentes hat. Angeblich inspiriert von Radioheads epischen Meisterwerk OK Computer sucht Close Eyes To Exit in der Welt griffiger Harmonien nach Halt, greift aber stets Millimeter vor einer fassbaren Liedstruktur daneben.

Als würde er sich mühsam durch Gelee quälen, zittert Koen Van De Wardts hauchzarter Gesang dabei über windschiefe Synths und mal scheppernde, mal minimalistische Drums und Gitarren, dass man ihm permanent die Hand zur Hilfe reichen möchte. Doch das will der gar nicht. Sein Heim ist ja genau das Ungefähre zwischen Fläche und Song, Struktur und Gefühl, Refrain und Strophe. Und er fühlt sich so wohl darin, wie wir es nun auch können. Denn mit etwas Bonusmaterial ist das Ganze jetzt hierzulande erhältlich. Unbedingt reinhören, aber nicht drin verlieren! Denn das geht schnell…

Klangstof – Close Eyes To Exit (Mind O A Genius)

 

tt17-ohchestraThe Oh!chestra

Sehr, sehr viel ist manchmal noch immer nicht ganz genug. Elf Jahre lang hatte das Duo The OhOhOhs mit seinem eklektischen Mix aus E-Piano, Sampling, Drums, Percussion schon den Underground ihrer Heimatstadt Frankfurt aufgemischt und dank spektakulärer Live-Auftritte auch weit über die regionale Elektroszene hinaus für Furore gesorgt. Dann aber beschlossen der examinierte Pianist Florian Wäldele und sein autodidaktischer Namensvetter Dreßler am Schlagwerk, ihre Strahlkraft abermals zu vergrößern. Und zwar buchstäblich. „Unsere Studioproduktionen und Kompositionen sind oft wesentlich umfangreicher instrumentiert als vier Hände und Füße in der Lage sind“, schildern die beiden Enddreißiger den Wunsch zur Ausdehnung ihrer Möglichkeiten und gingen dafür im Herbst 2014 keinen radikal anderen, aber radikal breiteren Weg. Er nennt sich Oh!chestra und erschafft etwas Außergewöhnliches, wenn nicht gar Epochales: Ein kammermusikalisches Ensemble, das klassischer Musik auf analogen Instrumenten über den Umweg elektronischer Reorganisation zurück in die Zukunft verhilft.

Anders ausgedrückt: Aus Band wird Kapelle wird Band, aus Club wird Konzertsaal wird Club, aus Disco wird Festspiel wird Disco, aus OhOhOhs wird Oh!chestra und daraus wieder die Band mit dem Anspruch, Bühnen durchs Repertoire der alten Meister hypermodern zu rocken. Zu kompliziert? Bei der Konzeption des Debütalbums mit dem leicht irritierenden Titel Vierhändig schon. Beim Hörgenuss keineswegs. Schon das Auftaktstück Scales And Rivers mag ja beginnen wie ein virtuoses Meisterwerk der modernen Klassik, als säße der amerikanische Weltstar Keith Jarrett am Klavier, nicht der hessische Musikpädagoge Wäldele. Fröhlich fließen die Harmonien da vom anderen Flo zunächst minimalistisch untermalt wie Smetanas Moldau mit einer Prise Debussy aus den Boxen. Dann aber wuchtet das Schlagzeug seinen analog treibenden Beat unters Klavier, das die Klangfarbe zeitgleich auf Bass färbt und aus der melodischen Klassik somit macht, was die OhOhOhs seit 2005 kennzeichnet: ausgelassenen Analog-Techno – nur eben noch opulenter, noch filigraner, noch hinreißender

Und so geht es die meisten der zwölf Stücke weiter. Im anschließenden Cha Cha legen die Gastmusiker Juan Bauste Granda, Philipp Wildenhues und Salar Baygan afrocubanische Rhythmen aus nigerianischen Batá-Trommeln oder brasilianischen Caxixi-Rasseln über Florian Wäldeles hitzigen Flügel und machen daraus eine Art tribalistisch angehauchten Clubsound. Das gehobene Feuilleton dürfte ihm ebenso etwas abgewinnen wie die Tanzflächen elektronischer Festivals im Grünen. Schließlich stehen Wäldeles Eigenkompositionen überwiegend im Geiste großer Meister. Reminiszenzen und Respekt treffen dabei allerdings so hingebungsvoll verspielt auf Interpretation und Eigensinn, dass es vom Gehirn übers Herz direkt in die Beine geht.

The Oh!chestra – Vierhändig (Herzog Records)


Adam Bousdoukos: Fatih Akin & Dimi Schulze

bousdoukosIch liebe mein Viertel

Cineasten und Hanseaten kennen Adam Bousdoukos aus fast jedem Film seines Schulfreundes Fatih Akin. Ab Donnerstag spielt der Deutsch-Grieche aus Hamburg-Altona mit dem Mannheimer Anwalt Dimitrios Schulze im Ersten eher kleine Provinz als großes Kino. Ein Gespräch über seine norddeutsche Herkunft, glaubhafte Kiezfiguren, Umwege ins Schauspiel und was bei der Lindenstraße an Gegen die Wand erinnert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bousdoukos, kennen Sie noch Liebling Kreuzberg?

Adam Bousdoukos: Natürlich, Manfred Krug, Legende.

Steht ihr Brennpunkt-Anwalt Dimitrios Schulze dem unkonventionellen, aber betulichen Kleine-Leute-Anwalt aus Berlin näher oder dessen irrer US-Variante Saul Goodman aus Breaking Bad?

Ach, mit beiden ein bisschen. Beide sind in ihrem Viertel verwurzelt, beide bemühen sich um die, die sich eigentlich gar keinen Verteidiger leisten können. Und obwohl Dimi Schulze wie Saul Goodman einen Fernsehwerbespot dreht…

In dem Sie selber rappen.

Genau, getextet von Eko Fresh. Trotzdem steckt mehr Kreuzberg als Albuquerque in Mannheim Jungbusch. Mein Anwalt ist ja nicht selber kriminell und sein Kiez weniger krass als in Breaking Bad. Auch wenn Dimi ab und zu ein bisschen zum Wohl seiner Klienten trickst, hat er ein reineres Herz am rechteren Fleck.

Diese Kiezfiguren mit Herz, aber falschen Freunden spielen Sie häufiger oder?

Ja. Vermutlich, weil ich selbst so eine bin. Ich liebe meine Stadt, ich liebe mein Viertel, ich mag es, wenn jeder jeden kennt wie in meinem Hamburger Dorf namens Altona. Und weil ich diese Verbundenheit zu meinem Kiez offenbar ausstrahle, kommen entsprechende Figuren öfter auf mich zu.

Hat das auch damit zu tun, dass Sie ohne Schauspielschule quer ins Filmgeschäft eingestiegen sind?

Bestimmt sogar. Wer wie ich nicht klassisch ausgebildet ist, spielt wahrscheinlich instinktiver, sucht die Rollen also noch mehr in sich selbst. Das tun gelernte Schauspieler zwar auch, und es ist auch überhaupt nicht wertend gemeint. Aber weil ich all die Theatercharaktere nie einstudiert und verkörpert habe, schöpfe ich stärker aus mir selbst und meiner Erfahrung.

Wollten Sie denn überhaupt Schauspieler werden?

Und wie! Das war schon als Kind mein Traum. Kein Ahnung, woher das kam bei drei Programmen im Fernsehen. Aber ich wollte immer einer wie Belmondo sein, Steve McQueen oder Louis de Funès, von dem ich mein Lust auf Komödie habe. Ich kann mich noch an mein erstes Mal im Kino erinnern, das Spiegel-Kino in Ottensen, wo heute übrigens eine Bank drin ist, ausgerechnet. Meine großen Brüder haben mich in Die Feuerreiter mitgenommen, so ein japanischer Trash-Film. Ich musste zwar nach fünf Minuten wieder raus, weil es mir zu krass war, aber meine Liebe zum Medium hat sich an dem Tag bis heute eingebrannt. Seither wollte ich nichts anderes mehr machen als das.

Trotzdem sind Sie nur über Umwege hineingeraten?

Ach, im Grunde stand die Schauspielerei fest, seit ich mit Fatih Akin in derselben Schulklasse war. Als totale Filmfreaks haben wir uns schon am Gymnasium Videokameras ausgeliehen, um Szenen nachzuspielen. Nach dem Abi ging es dann eigentlich mit Kurz und Schmerzlos gleich los. Zwischendurch hab ich zwar Sozialpädagogik studiert, Physiotherapie gemacht, eine Bar gehabt, aus der ein Restaurant wurde, aber eben auch frühzeitig Schauspielkurse genommen. Im Grunde war ich mein Leben lang Schauspieler.

Und darin bei jedem Film des international angesehensten deutschen Regisseurs dabei?

Wie andere auch, Pheline Roggan zum Beispiel, Fatihs Bruder Cem.

Birol Ünel, Catrin Striebeck…

Wir sind halt eine große Familie. Aber bei mir waren es manchmal doch eher Auftritte als echte Rollen. Ich bin da so eine Art Maskottchen.

Ob Maskottchen oder Hauptrolle – sie spielen generell oft griechischstämmige Migranten in zweiter, dritter Generation wie Dimi Schulze. Ist Ihnen dieses Profil zu eng?

Manchmal schon, aber ich finde es auch nicht schlimm. Ich bin ja Grieche, das sieht man mir sogar an, ich kann die Sprache, weshalb ich auch schon in Griechenland oder Zypern gedreht habe. Wenn der Bedarf besteht und die Leute mich so sehen wollen – warum nicht. Andererseits hab ich schon genug Rollen gespielt, in denen die Wurzeln Nebensache sind. Und mein Dimi Schulze, das sagt ja schon sein Nachname, ist auch halb Deutscher.

So, wie alle Hauptfiguren bis tief in Polizei und Justiz hinein Migrationshintergründe haben, aber gut integriert sind.

Schön oder?

Ist das Teil des Konzepts?

Ich denke schon, auch das ist neu daran. Ansonsten spielen Ausländer immer Kriminelle, die von deutschen Cops gefasst werden. Wäre doch toll, wenn wir das demnächst mal umdrehen.

Womit sich die Frage kaum verhindern lässt, wann Sie wieder mit Fatih Akin drehen…

Hab ich gerade, in Aus dem Nichts mit Diane Kruger in der Hauptrolle. Aber wie vorhin erwähnt: auch da hat er mich am letzten Tag angerufen und gefragt, ob ich Bock hätte einen Knastbruder im Gefängnis zu spielen.

Und?

Ich hab „Ja, Mann“, gesagt, „bin dabei“. Auch das macht man mit großer Leidenschaft, aber eher so nebenbei.

Dimi Schulze hingegen könnte was Längerfristiges werden.

Hätte ich nix gegen. Als ich das erstemal davon gehört habe, war ich wirklich gerührt. Und ich kenne Serie ja auch schon ein bisschen.

Sie haben schließlich eine Weile lang in der Lindenstraße mitgespielt.

Damals hatte ich Der letzte Bulle in Köln gedreht und die Lindenstraße einfach mal mitgenommen. Am Ende war es aber eine großartige Erfahrung. Ganz anderes Arbeiten, schneller vor allem als bei Filmen, die Szenen ratzfatz hintereinander weg ohne viel Umbau, weil Licht und Kulisse längst stehen. Und dann hab ich tolle Leute kennengelernt, wie Hermes…

Hodolidis, den Vasily Sarikakis aus dem griechischen Restaurant.

Mit dem ich seither dick befreundet bin. Darin ähnelt die Lindenstraße der Arbeit mit Fatih. Auch das ist ja eine große Familie. Und es hat Riesenspaß gemacht, da kurz aufgenommen zu werden.

 

INFO Adam Bousdoukos

Geboren in 1974 in Hamburg, kommt Adam Bouskoudos durch seinen Schulfreund Fatih Akin zum Film. Gleich nach dem Abitur beginnen beide am gemeinsamen Durchbruch zu arbeiten: dem Gangstedrama Kurz und Schmerzlos von 1998. Seither spielte der Deutsch-Grieche in fast jedem Werk des international geachteten Regisseurs mit, bevor er in Soul Kitchen 2009 nicht nur die Hauptrolle übernimmt, sondern auch das Drehbuch schreibt. Neben diversen Fernsehnebenrollen gehörte Bousdoukos vor zwei Jahren kurz zum Ensemble der Lindenstraße. Er lebt wie eh und je in Hamburg-Altona.