WM-Reihe: Mehmet Scholl, sexy Moderator

Ich bin ja nicht Franz Beckenbauer

Als Fußballer sah er beim Blick in den Spiegel mal “76 Kilo geballte Erotik”,  als Kommentator erblickt er Mehmet Scholl da wohl eher 76 Kilo Fernsehtauglichkeit: Mit dem Wechsel des Exnationalspielers ans ARD-Mikrofon hat nämlich was Sonderbares Einzug gehalten in die Fußballmoderation: Natürlichkeit. Ob an der Seite des selbstverliebt-intellektuellen Reinhold Beckmann oder des kumpelig-streberhaften Matthias Opdenhövel – Scholl liefert der WM jenes Quentchen Authentizität, das sie auch abseits der Spiele erträglich macht. Hier ist ein Interview, das er zum Amtsantritt gegeben hat.

Und passend dazu: Der 2. Teil des sensationellen Gewinnspiels, bei dem man abermals ein Panini-Sammelalbum mit 12 Bildertüten gewinnen kann. Einfach Text lesen, aufpassen, Frage ganz unten beantworten, fertig!

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Mehmet Scholl, Ihr Wechsel ins Kommentatorenfach – ist das ein kompletter Berufswechsel?

Mehmet Scholl: Ich würde es eher einen Funktionswechsel am ehesten ausdrücken. Ich mache ja, was ich ohnehin sehr gern mache und das schon seit zwei Jahren: Ich sehe sehr viel Fußball, fast mehr als zuvor. Und ich kann darüber sogar sprechen. Berufsbedingt. Auch das gefällt mir. Mir ist allerdings bis heute noch nicht so ganz bewusst, wie viele Leute mir bei meinen Kommentaren zuhören (lacht).

Viele Millionen. Immer.

Und zwar gerade bei großen Turnieren wie der Weltmeisterschaft oder auch dem DFB-Pokal-Endspiel. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen und damit rechnen, dass mir die ein oder andere flapsige Bemerkung um die Ohren geschlagen wird.

Aber ist das nicht genau das, was sich die ARD, mehr aber noch die Zuschauer von Ihnen erhoffen – das Lockere, Jugendliche, vielleicht sogar Unprofessionelle?

Das weiß ich noch nicht genau. Aber ich werde ganz gewiss keine Rolle spielen und versuchen, so zu sein, wie ich eben bin. Das heißt auch, zu sagen, was mir in den Sinn kommt. Wobei – einiges davon behalte ich doch besser für mich.

Zum Beispiel?

Was man auf keinem Fall sollte, ist Spieler in ihrer Ehre verletzen und vor ihnen mithilfe der Sprache den Respekt verlieren. Ich habe es ja am eigenen Leib erlebt, wie eklig es ist, wenn von außen ständig genörgelt wird. Günter Netzer zum Beispiel war immer ein großer Kritiker von mir. Beleidigt war ich aber vor allem, wenn ich öfter gemerkt habe: Im Grunde passt mir die Bemerkung nicht, weil sie genau getroffen hat. Das ist eine Kunst.

Aber es bleibt doch gerade Ihr Job auszusprechen, wenn es ein Spieler nicht bringt, wenn das Team versagt oder der Trainer.

Sicher. Aber wenn ich meine Meinung einbringe, darf ich nie außer Acht lassen, dass keine Einschätzung endgültig ist, dass sich jede Mannschaft, jeder Spieler, jede Taktik ändern kann. Kritik darf nie vernichten. Und beleidigen, verletzen schon gar nicht.

Ist das eine Wesenseigenschaft von Ihnen, diese Zurückhaltung?

Wenn ich nicht so leben würde, könnte ich es auch im Fernsehen nicht rüberbringen. Bei mir spielt es keine Rolle, wer was erlebt und erreicht hat; es zählen eher Energien: Wie tritt mir jemand gegenüber zum Beispiel? Wenn da jedes Gefühl ausbleibt, man befinde sich auf einer ähnlichen Ebene, wird es ungemein schwierig.

Kollidiert denn die Pflicht zur journalistischen Neutralität mit dem impulsiven Fußballer und langjährigen Bayernspieler Scholl?

(zögert lange) Ich würde schon sagen, dass ich objektiv bin. Dass ich eine besondere Verbindung zum FC Bayern habe, dürfte jedem klar sein. Aber das wird nicht ausschlaggebend für meine Urteile sein. Ich habe den Verein ja auch schon zur Klinsmann-Zeit kommentiert und obwohl man gemerkt hat, dass es da nicht richtig lief, habe ich keine endgültigen Urteile gefällt, sondern gesagt, woran gearbeitet werden muss.

Müssen Sie sich dann jetzt mehr bremsen als in Ihrer aktiven Zeit?

Ich bin ja nicht Franz Beckenbauer. Egal wann er für welchen Sender gearbeitet hat – wir haben immer abgekriegt. Das war ihm auch bewusst. Ich habe ihn irgendwann mal drauf angesprochen, ob er das eigentlich weiß, was er auslöst in der Mannschaft, wenn es so im Blätterwald rauscht, wenn wir manchmal förmlich gedemütigt werden; gar nicht unbedingt durch seine Aussagen, sondern das, was darauf folgt. Da meinte er zu mir, Mehmet, klapp doch einfach die Zeitung zu und schmeiß sie weg. Fertig.

Ist das so einfach?

Eigentlich schon. Wenn Dinge völlig überraschend kommen weniger, aber wer über einen längeren Zeitraum schlecht spielst, weiß, was auf ihn zukommen kann. Dann kann man sich auch locker machen.

Ist dieses Lockermachen schwieriger, wenn es nicht nur um Fußball, sondern auch um private Dinge in der Öffentlichkeit geht?

Da hilft ein gesundes Maß Realitätssinn und die Fähigkeit, sich seine Nischen zu suchen. Das ist mir immer gelungen. Was Privates über einen berichtet wird, ist immer nur ein Stück weit war, das sollte man nicht für bare Münze nehmen. Für mich zählen allein sportliche Maßstäbe; private möchte ich bei keinem anlegen in meiner neuen Funktion.

Es heißt, der Kommentar ist eine Art Sekundärliteratur des Fußballs.

Das mag sein, aber er ist in keinem Fall auch nur halb so wichtig wie das Fußballspiel selbst. Das muss mir, dass sollte allen klar sein. Ich sehe mich in dem ganzen Gefüge nicht als sonderlich wichtige Person an. Meine Aufgabe ist es, zu unterhalten und zu informieren. Nicht mehr und nicht weniger.

Trotzdem: Sind Sie mehr Entertainer oder mehr Informationslieferant?

Also in erster Linie geht’s um letzteres, aber das Thema sollte dabei natürlich nicht zu trocken behandelt werden. Ein bisschen Schmunzeln sollte schon drin sein.

Können Sie das, aus dem Stehgreif witzig sein?

Das wird sich zeigen. Mir fällt grundsätzlich viel, viel Blödsinn ein. Verbal, aktiv, aber das kann man sich nicht vornehmen. Sicher fallen einem während des Spiels Formulierungen ein, die ich dann im Kommentar einsetzen möchte. Aber das ich förmlich Kommentare über einzelne Spieler texte, das wird’s nicht geben.

Und eine Krawatte tragen?

Niemals. Ich werde nie verstehen, wofür die gut sein soll.

Bei ihrem Vorgänger Günter Netzer sorgte sie für einen Teil seiner Seriosität.

Ach, die hat er doch auch so. Ich bewundere Günter Netzer für sein unglaubliches Sprachrepertoire, für seine tollen Manieren, für seine Schlagfertigkeit. Einen besseren in dieser Position hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Dabei ist seine trockene Art gar nicht das Wichtigste; er weiß komplett, wovon er redet. Das ist das Faszinierende. Er weiß mehr als jeder andere und versteht es auszudrücken.

Wissen Sie denn, wer Weltmeister wird?

Natürlich nicht. Vielleicht schafft’s Spanien, sich noch mal zusammenzureißen. Deutschland wird wie immer ein Wörtchen mitzureden haben. Der Rest ist offen, denn wer hätte gedacht, dass Frankreich 1998 eine richtige Ära beginnt? Mal wird der besten Fußball da gespielt und mal dort. Aber der deutsche Fußball ist, um Felix Magaths Worte zu benutzen, besser als er gemacht wird.

FRAGE

Wie viel Kilo geballte Erotik erblickt Mehmet Scholl beim Blick in den Spiegel?

Antwort bitte an janfreitag@gmx.net

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Galileo: Cobra 11 & Comedy

Galileo-Sendung-Logo.svgDie Halbwissenssendung

Als Galileo vor 15 Jahren erstmals auf Sendung ging, mischte Pro7 damit ein verstaubtes Genre auf: Das Wissensfernsehen. Gut 4000 Folgen später allerdings ist die Sendung mit ihren vielen Ablegern nur noch eins: aufdringlich.

Von Jan Freitag

Der brillanteste Erfinder aller Zeiten würde sich wohl im Grabe umdrehen – als Patron einer solchen Sendung: Galileo. Seit 15 Jahren wird unterm Etikett des italienischen Forschergenies das betrieben, was heutzutage unter Wissensfernsehen firmiert. In den Tagen vorm Jubiläum am Montag waren das zum Beispiel: ein Nationenkampf im Wasserrutschen, die perfekte Kohlroulade, das größte Kraftwerk der Welt und die vermeintlich übelsten Lügen der Biobranche. Mehrwert? Mau! Nachhaltigkeit? Null! Unterhaltungsfaktor? Hoch! Zumindest in Zeiten, da ein Mario Barth Deutschlands erfolgreichster Komiker ist. Dieses absurde Stück TV wird in seinem Mangel an Verantwortung nur noch überboten von seiner Belanglosigkeit. Doch angesichts eines anderen Spin-Offs der Galileo-Familie auf Pro7, müsste der Namensgeber förmlich im Erdreich rotieren. Denn Aiman Abdallah, ihr radebrechender Moderator, hat gleich eine ganze Familie des Formats gegründet: Von Galileo genial bis The Game, von X.Perience bis History, von Big Picture, das diesen Samstag zur besten Sendezeit wieder die Geschichte ausgewählter Fotos erzählt, bis Mystery, das gottlob wieder eingestellte wurde. Zum Auftakt vor acht Jahren hatte Abdallah dort nämlich nichts weniger geleistet, als König Artus zu finden! Kurz ein paar Eingeborene befragt, in alten Schinken geblättert, Sand von Steinen gepinselt und quasi im Vorübergehen eines der „größten Geheimnisse der Menschheit“ gelüftet, so hieß es. Danke, Aiman-Albert-Archimedes-Isaac-Max Schliemann-Cook-Keppler-Amundsen-Abdallah von Liebig. Und bitte mix uns doch bei der Gelegenheit gleich noch etwas Antimaterie…

Keine Frage, das Bildungsfernsehen wurde 1998 durch Galileo bereichert. Es hat das trockene Genre gehörig aufgemöbelt, durch pure Penetranz primetimetauglich gemacht und damit allein unter den 14- bis 49-Jährigen sechsmal wöchentlich weit über einer Million Zuschauer – mehr als jedes vergleichbare Magazin. Es hat Info sein -tainment verpasst und dadurch wissensferne Zuschauerschichten für Sachthemen erschlossen. Es erklärt die Funktion von Reaktoren ebenso wie bierseligen Harndrang im Selbstversuch, nervt aber auch durch Überdramatisierung, Irrelevanz oder Niveaulosigkeit und betreibt dabei Schleichwerbung, als sei die Welt ein Warenhaus. Natürlich ohne Verlust journalistischer Unabhängigkeit, beharrt Abdallah trotzig. Glauben wir’s ihm mal, dass all die Produktvergleiche (Marke gegen No-Name) oder Kochexperimente (kann man bekannte Schokoriegel kopieren?) ebenso zufällig Reklame betreiben wie der Bau eines Bond-Mobils zum Start des neuen 007 bei Mystery.

Dort ständig zu behaupten, Aiman Abdallah reise im feinen Zwirn durch die Historie und kläre Geheimnisse auf, an denen ganze Forschergenerationen gescheitert sind, grenzt medizinisch an Autismus. Und Themen wie „Die letzten Tage Jesu Christi“ allen Ernstes anzukündigen, man schreibe „vermeintlich bekannte Kapitel unserer Geschichte neu“, erfüllt mehrere Kriterien des Größenwahns. Denn letztlich bleibt jeder Erkenntnisgewinn doch nur ein Feigenblatt, das Erfolgsgenre Dokudrama mit dem Modetitel Mystery (so heißen bereits Weichspüler) im Dauerbeschuss schreiender Geigen unters TV-Volk zu prügeln. „Wenn man junge Zuschauer ansprechen möchte, werden die sich an Bilder mit einer bestimmte Sound- und Bildsprache erinnern“, erläutert Abdallah und scheut sich nicht, seinen Einfluss auf die universitäre Forschung als „Annäherungsprozess“ zu beschreiben, „weil durch unsere Formate ein Klick in den Köpfen der Wissenschaftler vollzogen wurde, die vor sich hingearbeitet haben, ohne dass die Öffentlichkeit das verstanden hätte“.

Den Ruf von Galileo, das Sein zugunsten des Scheins zu vernachlässigen, dürfte Abdallah, der sich ohne zu erröten sogar dem Heiligem Gral auf der Spur wähnte und Jack The Ripper zum Deutschen machte, so kaum entkräften. Galileo ist eine gesendete Bild: Es verschwendet alle kreative Energie an wertkonservatives Entertainment schlichter Gemüter, wo Werkzeuge für Männer gemacht sind und Haushaltsreiniger für Frauen. Wo Antworten nicht halb so wichtig sind wie Fragen, die nur düster genug von den Synchronstimmen Agent Scullys oder Clint Eastwoods gestellt sein müssen, um die anschließende Ratlosigkeit zu verbergen. Das ist bei bis zu fünf Themen pro Sendung, sechs Tage die Woche, dazu Specials, Extras, Shows und eben Mystery auch kein Wunder. Wie wenig es letztlich um Wissen geht, belegt der Ludwig-Bölkow-Journalistenpreis 2006 für den Beitrag Airbus A380 – Der Superjumbo wird lackiert. Klingt respektabel, wird allerdings vom Erbauer des Fliegers gestiftet. Das der Luftfahrtkonzern EADS kritische Töne prämiert, kann als ausgeschlossen gelten. Aber mit denen hat es Galileo ohnehin nicht so. Es geht um Phänomene, nie um deren Folgen. Der Prototyp dazu heißt Brainiac, stammt aus England und macht Wissensfernsehen zu einer Mixtur aus Cobra 11 und Comedy. Wenn in der Geburtstagssendung am 30. November in neu gestaltetem Studio die größte Sektpyramide der Welt aufgetürmt wird, zeigt sich also einmal mehr: Hauptsache es scheppert und macht Laune. Und auch neue Rubriken wie der Test moderner Mythen namens „Fake-Check“ oder ein „Galileo-Psychodoc“, der unser Verhalten analysieren soll, tun sicher alles Mögliche – außer bilden.


Leichenberge & Fichtelgebirge

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

7. – 13. April

Es ist schwer zu sagen, was weltbewegender war: Tatort 25 aus Münster, der die Grenze zwischen Schmunzel- und Qualitätskrimi auch im Jubiläumsfall nicht trennscharf zog. Oder doch der kollektive Versuch, den drohenden Totalverlust des Fernsehgedächtnisses zu verarbeiten, seit Markus Lanz im Konfettiregen das Ende von Wetten, dass…?“ versprach. Die „Bild“ gebar ihr übliches Geheimwissen über irgendwas, das sonst keiner hat, weil es nicht existiert. Der Internetpöbel pöbelte sein Biotop voll. Die Hochkultur weinte ins Feuilleton. Und auch sonst entsannen sich viele am verglimmenden Lagerfeuer ihrer persönlichen Wettgefühle. All dies zeigte ein paar Tage im Frühling, wie kalt die Welt ohne dessen Wärme zu werden droht.

So digital unterkühlt, so kommerziell erregt, dass Thomas Kausch sich genötigt sah, die maximale Wucht der Empathie zu bemühen: Als das Sat1-Gewächs im NDR an das Massaker von Ruanda erinnerte, reichte es ihm nicht, Zahlen zu nennen. Nein, es regnete „Gliedmaßen“ und „Blutströme“ nebst „Leichenberge“ vom Flatscreen, aus denen „Kinderhände“ ragten. Wenn Nachrichtenmänner mal Gefühle zeigen, werden sie halt ein bisschen rustikaler unters Publikum geprügelt.
Wenn Frauen Gefühle zeigen, wirken sie in der testosteronsatten Medienwelt dagegen zusehends wütend. Das zeigt besonders ProQuote in renitenter Regelmäßigkeit. Vorige Woche hat die Initiative emanzipierter Journalistinnen (und vereinzelter Kollegen) wieder aufs Geschlechterverhältnis ihrer Branche eingedroschen. Während sich der „Presseclub“ sonntags nämlich um Parität bemüht, beklagt die Vorsitzende Annette Bruhns von Plasberg über Jauch bis Will und Illner „Herren-Talks mit Alibi-Dame“. Wie Recht sie doch hat – obwohl der Sexus allein natürlich wenig über Qualität aussagt.

Sonst böte eine weitere Meldung ja per se Grund zur Freude. Doch während es eine gute Nachricht ist, dass der maskuline WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn bald „ARD-Koordinator Fernsehfilm“ wird, ist die Topbesetzung der „Gemeinschaftsredaktion Hauptabendserie“ mit einer Frau namens Jana Brandt das genaue Gegenteil. Denn schlimmer als all die realsozialistischen Abteilungstitel der „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ ist schließlich nur noch die Tatsache, deren Reihenprodukte fortan ausgerechnet von der Fernsehfilmchefin des MDR gestalten zu lassen.

TV-neuDie Frischwoche

14. – 20. April

Für Außenstehende, mit Anspruch also oder sonstigen Qualifikationen: MDR, das ist der Sender, auf dem heute Abend Hansi Hinterseers Heimat besungen wird, morgen Der Osten, Donnerstag das Fichtelgebirge und auch sonst immer irgendwas, das Blut, Boden oder beides möglichst trachtenduselig feiert. Es ist also jener Sender, der sich mit dem NDR einen spannenden Wettkampf ums spießbürgerlichere Programm liefert. Meistens verliert ihn allerdings dann doch der seinerseits süffig lokalpatriotische Nordfunk. Schon allein wegen seiner starken Magazine zum Wochenbeginn von Markt und 45 Min (Montag) bis Visite und Panorama 3.

Überhaupt – das Sachfernsehen. Wenn sie wollen, beweisen die Formate des Ersten wie die des Zweiten Programms, was das private gar nicht hinkriegen will. Dann läuft heute um 22.45 Uhr mit der Doku Milliardenpoker Formel 1 die inoffizielle Bewerbung der ARD, niemals Bernie Ecclestones Benzinzirkus senden zu wollen, während die Reihe 37º morgen nach dem Traumschiff den Niedergang des kleinen Einzelhandels am Beispiel dreier Ladenschließungen zeigt. Parallel dazu beschäftigt sich Arte eingehend mit dem Cyberwar oder ZDFkultur Donnerstag nach zehn mit Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso.

Geht doch.

Damit man aber nicht vergisst, wie viel zugleich danebengeht, zeigt Tele5 ab heute jeden Abend zur besten Sendezeit das Beste aus 20 Jahren Kalkhofes Mattscheibe, in dem kommerzieller TV-Müll ebenso genüsslich durch den Kakao gezogen wird wie öffentlich-rechtlicher. Ein Dauergast ist dort übrigens Super Nanny Katharina Saalfrank, die sich eine Weile erfolgreich in Familienkrisen mischte. Ab Donnerstag zeigt der, äh, Frauensender TLC das britische Vorbild Jo Frost, und es ist nicht grad mutig zu behaupten, Original und Fälschung dürften sich gleichen wie ein Osterprogramm dem vorigen.

Wie gewohnt laufen darin Sissi oder Cars, Karibikpiraten, Gladiatoren und mal wieder eine aufwändige Inszenierung der Bibel. Diesmal zehn Teile aus den USA, ab Gründonnerstag auf Vox, in denen Religion sicher so richtig scheppern darf. Dennoch hat Jesus’ aufregendste Zeit heuer auch Neues zu bieten – auch wenn es steinalt ist. Disneys 94er-Kracher König der Löwen etwa, Karfreitag auf dem zugehörigen Kanal, oder zeitgleich bei RTL Das Dschungelbuch, dem seit 1967 allen Ernstes noch keine Ausstrahlung im Free-TV vergönnt war. Ebenso neu und zugleich betagt ist am gleichen Tag das, was ZDF und KiKa aus Wicki gemacht haben: Ein digitales Reizsperrfeuer, das leider nichts mehr mit dem beschaulichen Original zu tun hat. Original und immer wieder wunderbar dagegen: Tom und Jerry, denen SuperRTL ein vierstündiges Hauptabendspecial widmet.

Doch aus der Fiktion lebender Figuren gibt es auch noch was zu erzählen: Morgen hat Miley Cyrus einen Gastauftritt bei Two and a Half Men und es bleibt offen, wer da für wen PR macht. Das Oscar-Drama In einer besseren Welt“ seziert Gewalt jeder Art mit famoser Zurückhaltung und beweist, das dänische Filme ganz ohne Zappelschnitte oder Serienkiller auskommen können. Und Charlie Chaplin ist im Tipp der Woche Samstag bei 3sat als Der Große Diktator sowieso die Quintessenz dessen, was Film kann.


Songwriterfriday: Sasa & der Bootsmann, Sebastian Hackel, Ryan Keen

Sasa & der Bootsmann

Es ist das ewige Dilemma deutschen Liedermachens, sich heillos am Chanson abzurackern. Von Mary Roos bis Pe Werner, von Reinhard Mey bis Georg Danzer – sobald gediegenes Singer/Songwriting zwischen Pop und Rock gerät, wird es für das eine zu hart, zu jazzig und für das andere zu leicht, zu poppig. Nun ist es gar nicht so, dass zwischen den Stühlen keine gute Musik entstehen könnte. Sie klingt dann bloß eben nicht wie Aznavour, Benjamin Biolay oder die grandiose Zaz, sondern zum Beispiel wie: Sasa & der Bootsmann.

Das Duo aus Hamburg macht exzellenten Pop für rot bestuhlte Nischentheater mit gutem Rotwein und belesenen Gästen. Vor denen liefern die Pianistin Sasa Jansen und ihr Gitarrist Stephan Möller-Titel bezaubernde Liederabende voll zarter Harmonien zu versiertem Doppelgesang. Nur bleibt auf dem Weg zum französischen Olymp(ia) auch ihr zweites Album Nimm alles oft stecken. Aber vielleicht ist der Vergleich ja ungerecht. Vielleicht würde echter Chanson mit verständlichen Texten ja einen Teil des Zaubers verlieren. Vielleich muss man nicht alles am größten Maßstab messen. Wahrscheinlich ist Sasa & der Bootsmann nämlich das Beste, was hierzulande im Singer/Songerwriter-Pop möglich ist. Keine perfekte Platte also, aber eine schöne. Manchmal reicht das.

Sasa & der Bootsmann – Nimm alles (Rhinozorro)

Sebastian Hackel

Aber am Ende reicht schön eben doch nicht immer. Womit wir bei Sebastian Hackel wären. Sebastian Hackel ist ein putziger Junge mit sehr langen Haaren, die er irgendwann zu kämmen aufgehört hat und somit zumindest optisch eher an jamaikanische Volksmusik als mitteleuropäisches Singer/Songwriting erinnert, was ja auch wieder bloß ein Klischee ist aber nun gut – selbst Schuld. Denn dieser blutjunge Musiker irgendwo aus dem Osten macht aus seinem Talent für anschmiegsame Harmonien das, was mit etwas mehr Offbeat auf jedes Reggaefestival passte und ein gehöriges Grundproblem aufweist: Er klingt nicht wie er selbst, er klingt wie der einzige deutschsprachige Sänger seit langem, der tatsächlich den Geist des Chansons verinnerlicht hat: Moritz Krämer.

Nun kann man das Sebastian Hackel ja gar nicht zum Vorwurf machen; die Debütalben von beiden sind 2011 ja nahezu zeitgleich entstanden. Was man ihm zum Vorwurf machen kann, ist, dass er sich auf der zweiten Platte namens Tageszeitenkurier nicht davon emanzipiert hat. Die 14 Stücke darauf wirken daher allesamt ein wenig bemüht leichtfüßig, so als müssten sie der Welt beweisen, dass die Menschen aus unserer Klimazone zum richtigen Leben im Falschen tauglich sind. Dann ist alles schön und toll im Text, es wird Barfuß die Elbe runter gelaufen und das Herz rät irgendwem irgendwas Gefühliges. Wie gesagt: Sehr stimmig das Ganze, im Quartett anspruchsvoll folkpopinstrumentiert, schaumig wie ein Milchshake und ebenso bekömmlich. Manchmal reicht das nicht.

Sebastian Hackel – Tageszeitenkurier (Welcome Home Music)

Ryan Keen

Und manchmal dann wieder doch. Dass die Kakofonie der Reizüberflutung immer wieder von stillen jungen Männern mit Gitarre durchdrungen wird, ist da entweder erstaunlich. Oder folgerichtig. Warum Ed Sheeran, William Fitzsimmons, Ben Howard oder der neue Songwritingsuperstar Mike Rosenberg alias Passenger mit ihrem Wenig bis Nichts aus klanglicher Reduktion und fehlender Performance teils mächtige Hallen füllen, hat auch damit zu tun, dass Bescheidenheit im Größenwahn zuweilen lauter klingt als das kollektive Brüllen. Im Sturm allgemeiner Erregung treibt ihr unaufdringlicher, fast scheuer Folk wie ein schwankendes Boot im Aberwitz. Und nun segelt also die nächste Jolle durchs Fahrwasser der großen Pötte. Es heißt Ryan Keen, stammt aus der englischen Grafschaft Devon, ist mit 25 Jahren vergleichsweise grün hinter den Ohren und singt, als sei er mit sich im Reinen allein auf der Welt.

Nur, dass eben immer mehr Menschen zuhören, wenn die Ryan Keens ihr Inneres nach außen kehren. Wenn ihre dürren Stimmen in den Wald pfeifen, we’re not just skin and bones, surrounded by the cold, dabei aber so flüchtig klingen, als setze die Kälte da draußen diesen großen, dünnhäutigen Jungs doch zu. Umso bemerkenswerter, dass auch dieses Exemplar aus der Wärme ins Freie tritt und sich seinen Gefühlen vor Fremden stellt. Das hat Keen vor seinem bezaubernden Debütalbum Room for Light bereits bei 260 Konzerten bis rauf auf die heiligen Bretter der Royal Albert Hall getan. Was natürlich den Verdacht aufwirft: Ist das vielleicht nur der nächste Hype des verwertbaren Folkpop? Es gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Setzen wir also mal voraus, Ryan Keen sei kein postertaugliches PR-Objekt. Dass ihn also niemand in die Riege zuckersüßer Sänger hinein gecastet hat und sein Studium der – im Mutterland des Pop gibt’s das wirklich – “kommerziellen Musik” plus zugehörigem Managementjob nicht der bestmöglichen Selbstvermarktung diente. Glauben wir, diesen Ryan Keen gäbe es echt und nicht nur als Powerpointpräsentation seiner selbst. Dann wüchse hier das nächste Juwel des Understatements heran. Eins, dem man zum Auftakt stundenlang zuhören kann, ohne sich je zu langweilen.

Ryan Keen – Room for Light (Embassy of Music); mehr pics’n’Text’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/03/26/ryan-keen-room-for-light_17773#more-17773


Daniela Katzenberger: Brust & Keule

IMG_20140228_110731Sie könnten mich glatt anfassen

Nach dem gestrigen Porträt heute also das versprochene Interview, denn die Begegnung mit Daniela Katzenberger war eine Begegnung der Dritten Art: Das aufgepumpte Billigshowstarlet gibt’s nämlich wirklich! In echt und im ARD-Film Frauchen und die Deiwelsmilch, wo die Katze heute allen Ernstes zur besten Sendezeit die Hauptrolle spielt. Links im Bild ist übrigens Katzenberger zu sehen, was den Interviewer rechts im Bild sichtlich verwirrt…

Interview: Jan Freitag

Frau Katzenberger, ich bin schon mal überrascht, dass es Sie wirklich gibt.

Daniela Katzenberger: Äh (lacht), wie soll ich das verstehen?

Wer Sie sonst nur am Bildschirm sieht, könnte Sie auch für eine Installation halten, ein Kunstprodukt, eigens fürs Fernsehen kreiert.

Und jetzt sitze ich hier in Fleisch und Blut und Sie könnten mich glatt anfassen.

Was an Ihnen ist denn wirklich echt, was fürs Medium gemacht?

An mir ist alles echt, zumindest gehört alles zu mir. Ich hab mir, bevor ich ins Fernsehen gekommen bin, jedenfalls keine Liste gemacht, was ich sein und wie ich aussehen soll. Alles, was ich bin, war ich auch schon vorher. Die unechten Dinge an mir sind sichtbar, alles Innere gehört schon immer zu mir. Obwohl… [hier quetscht sich Daniela Katzenberger zum ersten, aber nicht zum letzten Mal beherzt die Brüste zusammen und lacht dabei arglos].

Heißt das, die Persönlichkeit des Provinzgewächses Daniela Katzenberger wurde durch die Präsenz in allen Medien nicht verändert?

Doch, mein Geschäftssinn wurde unglaublich gestärkt. Privat sitze ich aber weiter in Jogginghose auf dem Sofa rum wie früher. Falls Sie nämlich meinen, ich werde häufiger zurechtgemacht – seit ich im Fernsehen bin, habe ich weniger Lust, mich zu stylen und lebe stattdessen meine Rumlümmelseite mehr aus.

Das klingt, als sei es anstrengend, diese öffentliche Person zu sein.

Manchmal schon, dann hab sogar ich keinen Bock zu reden. Dann ist sogar der Fernseher aus und ich bin eher still und nachdenklich. Das hab ich beim Film besonders gemerkt. Ich lerne wirklich gern Texte und stehe vor der Kamera, aber wenn ich den ganzen Tag gedreht habe, wollte ich wirklich für mich sein und nichts sagen.

Bezeichnen Sie sich nach diesem Film bereits als Schauspielerin?

Für den Film war ich eine, aber als Berufsbezeichnung würde ich das nie im Leben wählen. Dafür reicht weder der Film noch das bisschen Coaching vorweg.

Was hatte der SWR denn in Ihnen eingekauft – die normale Darstellerin eines normalen Films oder das PR-Produkt eines PR-Films?

Natürlich wissen die, dass man einen Film mit meinem Namen ganz anders teasern und pushen kann, damit es auch ja jeder guckt. Andererseits war meine Arbeit handwerklich am Ende die, einer Schauspielerin.

Wie sollte die ARD Ihren Auftritt denn betiteln: „Sie kann auch anders“ oder „sie ist, wie sie ist“.

Ich glaube, eine Mischung aus beidem. Ich bin ja wirklich, wie ich bin. Aber das, was ich da machen musste, war echt schwierig und musste lange trainiert werden.

Wird man Sie nach diesem Film womöglich ein bisschen ernster nehmen?

Das ja, ernst sicher nicht. Dafür bräuchte ich noch zehn Filme mehr.

Geht es Ihnen darum – ernst genommen zu werden?

Nee, nicht in diesem Film. Mit dem wollte ich mich einfach mal ausprobieren, eine coole Erfahrung. Damit, nicht ernst genommen zu werden, hab ich kein Problem.

Aber gerade dass Sie so ernst genommen werden, hat ein Paul Breitner neben Ihnen in einer Talkshow mal als Problem unserer Gesellschaft bezeichnet.

Ach wissen Sie, ich nehme mich doch selbst ständig auf die Schippe und damit gar nicht richtig ernst. Deshalb baue ich immer so ein Gerüst aus Ironie um mich herum. Was man aber nicht verwechseln darf, ist meine Figur und das, was daraus gemacht wird. Die Figur Katzenberger muss man vielleicht nicht ernst nehmen, den Erfolg, den sie hat, allerdings schon.

So ernst wie Heidi Klum, die permanent ihre Haut zu Markte trägt und das dann auch noch als emanzipiert verkauft, weil sie es ja selbst bestimmt?

So ähnlich. Wir sind beide äußerlich Kunstfiguren mit einem realen Kern.

Ist Ihre Sparkassenangestellte Miri im Film echt oder auch eine Kunstfigur.

Sie ist weniger geschminkt und kann gut mit Zahlen. Ich würde Sie mal eine abgeschwächte Version von mir nennen. Ich spiele da schon ein Stück weit mich selbst, deshalb fiel es mir so leicht. Die Rolle wurde mir förmlich auf den Leib geschnitten. Ich musste da gar nicht viel spielen.

Als Miri einmal den Computer des Filialleiters repariert, sagt sie, sie hätte eigentlich gar keine Ahnung, aber nur, wenn sie nicht darüber nachdenkt. Ist das auch Ihr Credo?

Wir sind jedenfalls beide eher Bauchmenschen.

Ihr Buch, dass Sie mal geschrieben haben, heißt „Sei schlau, stell dich dumm“. Sind Sie schlau und stellen sich dumm?

Wenn es sein muss. Männer mögen es zum Beispiel gern, wenn man Ihnen sagt, das kann ich nicht, hilfst du mir mal. Da fühlen Sie sich stark, ohne dass ich schwach sein muss. So was ist im Alltag sehr hilfreich. Und wer ständig unterschätzt wird, übertrifft öfter die Erwartungen.

Wie weit kann Sie diese Kombination noch bringen im Fernsehen?

Das weiß ich nicht. Darüber mache ich mir auch nie Gedanken. Ich lasse mich schon immer lieber treiben.

Aber Sie haben schon Ziele?

Schon, aber keine allzu hohen. Dann ist man nur enttäuscht, wenn man sie nicht erreicht.

Was wären denn die niedrigen?

Also wenn Sie denn Film meinen: wenn er schlecht läuft und niemand mag ihn, war es eine tolle Erfahrung, wenn er gut läuft und es gäbe einen zweiten Teil, wäre ich sofort dabei. Ich setze mich da nicht unter Druck. Und sonst werde ich einfach versuchen, mit meinem bekannten Namen zu arbeiten und so mir damit andere Ziele verwirklichen: Ein Kosmetikstudio zum Beispiel, das überlege ich schon. So wie das Café Katzenberger. Mein Name ist mein Kapital, das muss ich doch nutzen.

Das wären Ziele, zu irgendetwas hinzukommen. Gibt es auch welche, von etwas wegzukommen – Ihrem Image etwa?

Ich habe jedenfalls keine Typ-Veränderung geplant.

Auch nicht in zehn Jahren? Wo steht Daniela Katzenberger mit 37?

Wenn ich jetzt sage, mit 37 eine seriöse Schauspielerin zu sein, hält man mich doch für übergeschnappt. Also: auf jeden Fall in einem schönen Haus mit Mann und Kind und noch immer im Showbiz.


Daniela Katzenberger: Silikon & Schauspiel

IMG_20140228_110731Ganz anders pushen

Daniela Katzenberger ist eine der seltsamsten Erfolgsgeschichten des Fernsehens. Jetzt (Donnerstag, 10. April, 20.15 Uhr) spielt sie auch noch die Titelfigur des ARD-Krimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Porträt eines Medienproduktes, das sich grad freischwimmt, in einer Branche, der das herzlich egal ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Fernsehprodukte, die sind ohne jeden Zweifel zutiefst künstlich: Alf zum Beispiel und die Sesamstraße, RTL 2 oder das Wettsofalachen von Markus Lanz. Dann gibt es Fernsehprodukte, die wirken ebenso unzweifelhaft echt. Alfred Biolek zum Beispiel und die Lindenstraße, das ZDF oder das Wettsofalachen von Thomas Gottschalk. Und dazwischen? Gibt es Daniela Katzenberger! Ein reines Fernsehprodukt, bei dem niemand wirklich zweifelsfrei wissen dürfte: ist die eigentlich real oder am Rechner erstellt, eine Installation quasi, also pure Produzentenfantasie. Eigens fürs Prollpublikum generiert? Solche Fragen stellen sich jedem einigermaßen wachen Geist, der den wasserstoffblondierten Superstar inszenierter Kommerzrealität bloß vom Bildschirm kennt. Plötzlich aber sitzt er in Fleisch und Blut und viel Silikon vor einem und beteuert, „Sie könnten mich glatt anfassen“. Das macht Daniela Katzenberger dann allerdings doch lieber selbst. Und wie! „Das Innere gehört schon immer zu mir“, antwortet der schönheitschirurgische Dauereingriff auf Beinen in einem hanseatischen Luxushotel auf die Frage nach ihren „natürlichen Seiten“ und presst beherzt das üppige Dekolletee zusammen. Denn merke: „Die unechten Dinge an mir sind sichtbar“.

Genauso tickt es nämlich, dieses ehemalige Nacktgirl der Bild, das vor exakt fünf Jahren den Lichtkegel konstruierter Popularität betreten und nie mehr verlassen hat. Seit ihrem ersten Auftritt in der Auswanderersoap Auf und davon bei Vox tut die „Katze“ praktisch alles, was aus Marketingsicht Aufmerksamkeit verspricht: Sie lässt sich die Augenbrauen absurd anheben und am Bildschirm erfolglos verkuppeln. Sie macht Werbung für alles und Retortenpop für die Charts. Sie leiht Frauenratgebern und Computerspielen ihren Namen. Sie tingelt praktisch durch sämtliche Foren und Formate ihres Genres. Kurzum: Sie liefert blondinenwitzdoof bis bauernschlau die bereitwillig modellierbare Folie diverser Publikumswünsche von Ballermannparty bis Wichsvorlage und beteuert zugleich mit ihrem allerarglosesten Katzenbergerlachen: „Ich habe kein Problem damit, nicht ernst genommen zu werden.“ Das glaubt man ihr sogar. Aber liegt das Problem nicht umgekehrt gerade darin, dass man PR-Produkte von Heidi Klum bis Konny Reimann statt zu wenig, eher viel zu sehr ernst nimmt? Dass ihnen im Streubombardement gestalteter Künstlichkeit längst eine Art Pseudorealität zuteil wird, die Wahrheit und Wahn schwimmen lässt? Die ARD jedenfalls fühlt sich gerade genötigt, diese These zu bestätigen. Heute Abend nämlich leiht es der pfälzischen Kosmetikerin ein wenig der eigenen Seriosität und schenkt ihr die Titelrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Das ist so berechenbar wie überflüssig, und warum sie zu der Ehre kommt, ihren Heimatdialekt ganz oben auf der Besetzungsliste zu Markte tragen zu dürfen, das weiß die geschäftstüchtige Katzenberger sogar selbst ganz gut: „Weil man einen Film mit meinem Namen ganz anders pushen kann, damit es auch ja jeder guckt.“

Wer das wirklich tut, also zugucken, wird schließlich eine Sparkassenangestellte mit sehr tiefem Ausschnitt und rosa Plüsch um den Büromonitor erleben, die sich quasi selbst spielt und das sogar ganz gut. Flugs per Crashkurs für die offizielle Fiktion ausgebildet, verleiht die schauspielerische Quereinsteigerin dem öden Volksschwank als Hobbydetektivin Miri, die eine Intrige um Ölvorkommen im Weinberg enträtselt, somit durchaus erfrischende Lebendigkeit. Wenn aber derlei Trashgewächse noch das Beste am öffentlich-rechtlichen Angebot sind, erscheint es ja nur noch erbärmlicher, wie sich das Zweite da ans Stammpublikum der kommerziellen Konkurrenz ranwanzt. Und das hat mittlerweile Methode. Stefan Raab zum Beispiel war seit 1999 stolze achtmal zu Gast bei Wetten, dass…?, wo mit Cindy aus Marzahn kurzzeitig eine der übelsten Auswüchse privater Comedy zum Star avancierte, um den freien Quotenfall zu stoppen. Moderatoren wie Joko und Klaas, Lanz und Kerner, Lafer und Lichter flottieren frei zwischen gebühren- und werbefinanzierten Kanälen. Die Plage Reality-TV hält bis in die gediegenen Spartenkanäle wie Arte und 3sat Einzug. Zur wichtigen Primetime ist abseits von Tatort, Filmmittwoch und gelegentlich einer fiktionalen Perle im Zweiten kaum noch eine Grenze zum werbefinanzierten Fernsehen erkennbar. Und ihre Rolle als aufgebrezelte Teilzeitdetektivin, sagt Daniela Katzenberger, „wurde mir förmlich auf den Leib geschnitten“. Entwürdigender kann eine Aussage im Lichte vom Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaum sein.

„Mein Name ist mein Kapital“, sagt die sehr blonde, sehr geschminkte, sehr künstliche, darin aber seltsam authentische Frau von 27 Jahren noch und verabschiedet sich vom PR-Termin des Zweiten, „das muss ich doch nutzen“. Damit ist wenigstens Daniela Katzenberger so ehrlich, wie es ARD und ZDF mal sein wollten. Früher, als Alf und Alfred Biolek noch für Fiktion und Realität im Programm standen. Lang ist’s her.


Dumme Fragen & Wochenintelligenz

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

31. März – 6. April

Dimensionen achtlos zu vermischen, lehrte uns bereits der Kinofilm Zurück in die Zukunft, kann das Raum-Zeit-Kontinuum beschädigen. Der vorige Mittwoch war so gesehen eine Gefahr fürs Gesamtgefüge. Tags drauf sagte der Interviewte Jürgen Klopp im Interview übers Interview mit dem Interviewer Jochen Breyer, „ich gucke diese Interviews nach’m Spielen nicht, weil ich sie jetzt nicht für so wahnsinnig spannend halte“. Wäre er also nicht selber dabei gewesen, hätte der Trainer von Borussia Dortmund gar nicht mitgekriegt, was den Fortbestand unserer Existenz durch die Vermengung dreier Interviewebenen ins Wanken brachte. Nach einem Spiel der Champions League stellte der ZDF-Reporter als Frage getarnt fest, nach dem 0:3 in Madrid sei für Dortmund nun schon im Hinspiel alles durch.

„Oder?“

„Oder was?!“ antwortete das entgeisterte Gesicht des Befragten, der darob wütend das Studio hinter sich ließ und den stammelnden, nun ja, Journalisten nebst Co-Moderator Kahn allein zurück. Doch schon der folgende Freitag zeigte, dass mit dem Raum-Zeit-Kontinuum alles in Ordnung ist. Da präsentierten ARD und ZDF wie vor jeder Welt und Europameisterschaft in Hamburg ihr gemeinsames Übertragungskonzept – und alle waren wieder da: Beckmann, Scholl und Réthy, Intendanten, Chefredakteure oder Promisidekicks. Und davon abgesehen, dass alle Granden des Ersten Programms auf dem Luxushotelpodium mit Alsterblick artig Krawatte trugen, die des Zweiten jedoch keine, war erneut bemerkenswert, wie man sich zu überzogenen Videoclips, überdrehten Moderationen und überall nur Selbstlob feierte, wofür auch 2014 Gebührenmillionen rausgeblasen werden als gäbe es keine GEZ-Debatte. Zugegeben – das sommerliche Friede, Freude, Public Viewing wird wohl immer mal wieder von Reportagen aus einem Land unterbrochen werden, dem die WM überwiegend Nachteile bringt. Den Rest aber bebildern die beiden Fernsehdienstleister wie gewohnt mit den zwei, drei üblichen Klischee derartiger Live-Events. Diesmal: Zuckerhut samt Beton-Jesus und superduperfröhliche Brasilianer mit kaffeebrauner Haut.

Weniger froh und vom Teint her oft bleich sind dagegen jene Deutschen, die das private Begleitprogramm auch ab 12. Juni bevölkern. Wie die Landesrundfunkanstalten berichten, füllen die Kommerzkanäle ihren Tag nämlich zusehends mit offen oder heimlich gescriptetem Reality-TV. Allen voran RTL mit 32,7 %, noch überboten von der Schwester Vox, die ihr Publikum mehr als die Hälfte der Zeit mit der Simulation von Wirklichkeit betrügt. Dann doch lieber weiter Wetten, dass…? mit Markus Lanz erdulden, der Samstag seine beste Wettsendung ablieferte und im Konfettiregen – padautz – das Ende der einst größten Fernsehshow Europas zum Jahresende ankündigte. Ein unprätentiöser Abgang nach einer ordentlichen Leistung. Im Dezember also folgt also das endgültige Requiem aus Nürnberg. Die alten Moderatoren werden kommen, ein paar Weltstars, ein paar nationale, ganz sicher Peter Maffay und mindestens Iris Berben. Man wird ein wenig in Nostalgie schwelgen und dann heißt es endgültig: Operation misslungen, Patient tot, Lanz auch, Experiment gescheitert.

TV-neuDie Frischwoche

7. – 13. April

So wie das des RTL-Reporters Jenke. Es mag zwar seine Höhen haben, wenn er sich Selbsttests im Kiffen unterzieht. Das war journalistisch durchaus von Wert, einfach weil es keine reale Situation simulierte, sondern schuf. Sich wie heute Augen und Ohren versiegeln zu lassen, ist hingegen bloß das selbstgerechte Surragat echter Reportagen, die sich lieber mit Subjekten befassen als sie nachzuäffen. So gerät ein gut gemeintes Format ungewollt zum Minderheitenbashing wie einst die „Minstrel“ genannte Show weißer Schauspiele, die sich in der Schwarzweißära Hollywoods zu Negern maskierten und somit lächlich machten. Am Ende liefert der Kölner Krawallkanal eben doch nur ewigen Karneval.

Dem setzen die Öffentlich-Rechtlichen diese Woche zum Glück wahres Leben entgegen – und zwar selbst dann, wenn es fiktional zugeht. Mit der heutigen ARD-Dokumentation Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie etwa, wo es ab 23.30 Uhr um die Tradition prügelnder Erziehung geht, ebenso wie im preisgekrönten Berlinale-Film Barbara am Mittwoch auf Arte, wo die famose Nina Hoss aufs Neue belegt, wie reduziert man ein Stück DDR-Historie spürbar machen kann. Mit einer Themenwoche zum Thema Intelligenz, der 3sat so erstaunliche Themen wie Dumm geboren und nichts dazugelernt (Donnerstag) und Affen – einfach genial (Freitag) hinzufügt, ebenso wie mit der ungewöhnlichen Lisa Wagner als Kommissarin Heller, die dem ausgelaugten Genre am neuen Krimisamstag im Zweiten tatsächlich neue Seiten abgewinnt.

Irgendwo zwischen Realität und Inszenierung dagegen liegen zwei Talks der Spartenkanäle, die tausendmal mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie wohl kriegen. Morgen um Punkt 23.04 Uhr übernimmt der Nachwuchsmoderator Ingmar Stadelmann das gesendete Eins-Plus-Radio LateLine Live von Jan Böhmermann und braucht dabei nur einen Bruchteil des Entertainmentpotenzial seines Vorgängers, um besser zu sein als diverse Großtalker. An alter Stelle ganz neu ist die wunderbare Sarah Kuttner plus zwei bei ZDFneo zu sehen, zum Auftakt am Donnerstag mit Hannelore Elsner und dem Sänger Bosse.

Kaum zu glauben, dass Fernsehen noch besser sein kann. Geht aber. Samstag wiederholt Arte den ganzen Tag das dokumentarische Feuerwerk 24 Stunden Berlin, nur aus Jerusalem. Bei so viel Güte kann man ruhig mal gönnerhaft den Mantel des Schweigens um die Masche der ARD legen, den Ballermannsendern mit Daniela Katzenberger in der Hauptrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch Zuschauer abzuluchsen – und ganz entspannt auf zwei Besonderheiten hinweisen. Den Start des Frauensenders TLC am Donnerstag, der es sich zwar zur Aufgabe macht, sein Programm gänzlich ironiefrei mit Frauenklischees zu füllen, aber witzigerweise vom gleichen Network erstellt wird wie der Mackerkanal DMAX. Besonderheit zwei: Der Tipp der Woche, heute (wie so oft) auf Arte: Die Verachtung, eine Satire aufs Filmgeschäft von 1963 mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli.