Songwriterfriday: Sasa & der Bootsmann, Sebastian Hackel, Ryan Keen

Sasa & der Bootsmann

Es ist das ewige Dilemma deutschen Liedermachens, sich heillos am Chanson abzurackern. Von Mary Roos bis Pe Werner, von Reinhard Mey bis Georg Danzer – sobald gediegenes Singer/Songwriting zwischen Pop und Rock gerät, wird es für das eine zu hart, zu jazzig und für das andere zu leicht, zu poppig. Nun ist es gar nicht so, dass zwischen den Stühlen keine gute Musik entstehen könnte. Sie klingt dann bloß eben nicht wie Aznavour, Benjamin Biolay oder die grandiose Zaz, sondern zum Beispiel wie: Sasa & der Bootsmann.

Das Duo aus Hamburg macht exzellenten Pop für rot bestuhlte Nischentheater mit gutem Rotwein und belesenen Gästen. Vor denen liefern die Pianistin Sasa Jansen und ihr Gitarrist Stephan Möller-Titel bezaubernde Liederabende voll zarter Harmonien zu versiertem Doppelgesang. Nur bleibt auf dem Weg zum französischen Olymp(ia) auch ihr zweites Album Nimm alles oft stecken. Aber vielleicht ist der Vergleich ja ungerecht. Vielleicht würde echter Chanson mit verständlichen Texten ja einen Teil des Zaubers verlieren. Vielleich muss man nicht alles am größten Maßstab messen. Wahrscheinlich ist Sasa & der Bootsmann nämlich das Beste, was hierzulande im Singer/Songerwriter-Pop möglich ist. Keine perfekte Platte also, aber eine schöne. Manchmal reicht das.

Sasa & der Bootsmann – Nimm alles (Rhinozorro)

Sebastian Hackel

Aber am Ende reicht schön eben doch nicht immer. Womit wir bei Sebastian Hackel wären. Sebastian Hackel ist ein putziger Junge mit sehr langen Haaren, die er irgendwann zu kämmen aufgehört hat und somit zumindest optisch eher an jamaikanische Volksmusik als mitteleuropäisches Singer/Songwriting erinnert, was ja auch wieder bloß ein Klischee ist aber nun gut – selbst Schuld. Denn dieser blutjunge Musiker irgendwo aus dem Osten macht aus seinem Talent für anschmiegsame Harmonien das, was mit etwas mehr Offbeat auf jedes Reggaefestival passte und ein gehöriges Grundproblem aufweist: Er klingt nicht wie er selbst, er klingt wie der einzige deutschsprachige Sänger seit langem, der tatsächlich den Geist des Chansons verinnerlicht hat: Moritz Krämer.

Nun kann man das Sebastian Hackel ja gar nicht zum Vorwurf machen; die Debütalben von beiden sind 2011 ja nahezu zeitgleich entstanden. Was man ihm zum Vorwurf machen kann, ist, dass er sich auf der zweiten Platte namens Tageszeitenkurier nicht davon emanzipiert hat. Die 14 Stücke darauf wirken daher allesamt ein wenig bemüht leichtfüßig, so als müssten sie der Welt beweisen, dass die Menschen aus unserer Klimazone zum richtigen Leben im Falschen tauglich sind. Dann ist alles schön und toll im Text, es wird Barfuß die Elbe runter gelaufen und das Herz rät irgendwem irgendwas Gefühliges. Wie gesagt: Sehr stimmig das Ganze, im Quartett anspruchsvoll folkpopinstrumentiert, schaumig wie ein Milchshake und ebenso bekömmlich. Manchmal reicht das nicht.

Sebastian Hackel – Tageszeitenkurier (Welcome Home Music)

Ryan Keen

Und manchmal dann wieder doch. Dass die Kakofonie der Reizüberflutung immer wieder von stillen jungen Männern mit Gitarre durchdrungen wird, ist da entweder erstaunlich. Oder folgerichtig. Warum Ed Sheeran, William Fitzsimmons, Ben Howard oder der neue Songwritingsuperstar Mike Rosenberg alias Passenger mit ihrem Wenig bis Nichts aus klanglicher Reduktion und fehlender Performance teils mächtige Hallen füllen, hat auch damit zu tun, dass Bescheidenheit im Größenwahn zuweilen lauter klingt als das kollektive Brüllen. Im Sturm allgemeiner Erregung treibt ihr unaufdringlicher, fast scheuer Folk wie ein schwankendes Boot im Aberwitz. Und nun segelt also die nächste Jolle durchs Fahrwasser der großen Pötte. Es heißt Ryan Keen, stammt aus der englischen Grafschaft Devon, ist mit 25 Jahren vergleichsweise grün hinter den Ohren und singt, als sei er mit sich im Reinen allein auf der Welt.

Nur, dass eben immer mehr Menschen zuhören, wenn die Ryan Keens ihr Inneres nach außen kehren. Wenn ihre dürren Stimmen in den Wald pfeifen, we’re not just skin and bones, surrounded by the cold, dabei aber so flüchtig klingen, als setze die Kälte da draußen diesen großen, dünnhäutigen Jungs doch zu. Umso bemerkenswerter, dass auch dieses Exemplar aus der Wärme ins Freie tritt und sich seinen Gefühlen vor Fremden stellt. Das hat Keen vor seinem bezaubernden Debütalbum Room for Light bereits bei 260 Konzerten bis rauf auf die heiligen Bretter der Royal Albert Hall getan. Was natürlich den Verdacht aufwirft: Ist das vielleicht nur der nächste Hype des verwertbaren Folkpop? Es gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Setzen wir also mal voraus, Ryan Keen sei kein postertaugliches PR-Objekt. Dass ihn also niemand in die Riege zuckersüßer Sänger hinein gecastet hat und sein Studium der – im Mutterland des Pop gibt’s das wirklich – “kommerziellen Musik” plus zugehörigem Managementjob nicht der bestmöglichen Selbstvermarktung diente. Glauben wir, diesen Ryan Keen gäbe es echt und nicht nur als Powerpointpräsentation seiner selbst. Dann wüchse hier das nächste Juwel des Understatements heran. Eins, dem man zum Auftakt stundenlang zuhören kann, ohne sich je zu langweilen.

Ryan Keen – Room for Light (Embassy of Music); mehr pics’n’Text’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/03/26/ryan-keen-room-for-light_17773#more-17773


Daniela Katzenberger: Brust & Keule

IMG_20140228_110731Sie könnten mich glatt anfassen

Nach dem gestrigen Porträt heute also das versprochene Interview, denn die Begegnung mit Daniela Katzenberger war eine Begegnung der Dritten Art: Das aufgepumpte Billigshowstarlet gibt’s nämlich wirklich! In echt und im ARD-Film Frauchen und die Deiwelsmilch, wo die Katze heute allen Ernstes zur besten Sendezeit die Hauptrolle spielt. Links im Bild ist übrigens Katzenberger zu sehen, was den Interviewer rechts im Bild sichtlich verwirrt…

Interview: Jan Freitag

Frau Katzenberger, ich bin schon mal überrascht, dass es Sie wirklich gibt.

Daniela Katzenberger: Äh (lacht), wie soll ich das verstehen?

Wer Sie sonst nur am Bildschirm sieht, könnte Sie auch für eine Installation halten, ein Kunstprodukt, eigens fürs Fernsehen kreiert.

Und jetzt sitze ich hier in Fleisch und Blut und Sie könnten mich glatt anfassen.

Was an Ihnen ist denn wirklich echt, was fürs Medium gemacht?

An mir ist alles echt, zumindest gehört alles zu mir. Ich hab mir, bevor ich ins Fernsehen gekommen bin, jedenfalls keine Liste gemacht, was ich sein und wie ich aussehen soll. Alles, was ich bin, war ich auch schon vorher. Die unechten Dinge an mir sind sichtbar, alles Innere gehört schon immer zu mir. Obwohl… [hier quetscht sich Daniela Katzenberger zum ersten, aber nicht zum letzten Mal beherzt die Brüste zusammen und lacht dabei arglos].

Heißt das, die Persönlichkeit des Provinzgewächses Daniela Katzenberger wurde durch die Präsenz in allen Medien nicht verändert?

Doch, mein Geschäftssinn wurde unglaublich gestärkt. Privat sitze ich aber weiter in Jogginghose auf dem Sofa rum wie früher. Falls Sie nämlich meinen, ich werde häufiger zurechtgemacht – seit ich im Fernsehen bin, habe ich weniger Lust, mich zu stylen und lebe stattdessen meine Rumlümmelseite mehr aus.

Das klingt, als sei es anstrengend, diese öffentliche Person zu sein.

Manchmal schon, dann hab sogar ich keinen Bock zu reden. Dann ist sogar der Fernseher aus und ich bin eher still und nachdenklich. Das hab ich beim Film besonders gemerkt. Ich lerne wirklich gern Texte und stehe vor der Kamera, aber wenn ich den ganzen Tag gedreht habe, wollte ich wirklich für mich sein und nichts sagen.

Bezeichnen Sie sich nach diesem Film bereits als Schauspielerin?

Für den Film war ich eine, aber als Berufsbezeichnung würde ich das nie im Leben wählen. Dafür reicht weder der Film noch das bisschen Coaching vorweg.

Was hatte der SWR denn in Ihnen eingekauft – die normale Darstellerin eines normalen Films oder das PR-Produkt eines PR-Films?

Natürlich wissen die, dass man einen Film mit meinem Namen ganz anders teasern und pushen kann, damit es auch ja jeder guckt. Andererseits war meine Arbeit handwerklich am Ende die, einer Schauspielerin.

Wie sollte die ARD Ihren Auftritt denn betiteln: „Sie kann auch anders“ oder „sie ist, wie sie ist“.

Ich glaube, eine Mischung aus beidem. Ich bin ja wirklich, wie ich bin. Aber das, was ich da machen musste, war echt schwierig und musste lange trainiert werden.

Wird man Sie nach diesem Film womöglich ein bisschen ernster nehmen?

Das ja, ernst sicher nicht. Dafür bräuchte ich noch zehn Filme mehr.

Geht es Ihnen darum – ernst genommen zu werden?

Nee, nicht in diesem Film. Mit dem wollte ich mich einfach mal ausprobieren, eine coole Erfahrung. Damit, nicht ernst genommen zu werden, hab ich kein Problem.

Aber gerade dass Sie so ernst genommen werden, hat ein Paul Breitner neben Ihnen in einer Talkshow mal als Problem unserer Gesellschaft bezeichnet.

Ach wissen Sie, ich nehme mich doch selbst ständig auf die Schippe und damit gar nicht richtig ernst. Deshalb baue ich immer so ein Gerüst aus Ironie um mich herum. Was man aber nicht verwechseln darf, ist meine Figur und das, was daraus gemacht wird. Die Figur Katzenberger muss man vielleicht nicht ernst nehmen, den Erfolg, den sie hat, allerdings schon.

So ernst wie Heidi Klum, die permanent ihre Haut zu Markte trägt und das dann auch noch als emanzipiert verkauft, weil sie es ja selbst bestimmt?

So ähnlich. Wir sind beide äußerlich Kunstfiguren mit einem realen Kern.

Ist Ihre Sparkassenangestellte Miri im Film echt oder auch eine Kunstfigur.

Sie ist weniger geschminkt und kann gut mit Zahlen. Ich würde Sie mal eine abgeschwächte Version von mir nennen. Ich spiele da schon ein Stück weit mich selbst, deshalb fiel es mir so leicht. Die Rolle wurde mir förmlich auf den Leib geschnitten. Ich musste da gar nicht viel spielen.

Als Miri einmal den Computer des Filialleiters repariert, sagt sie, sie hätte eigentlich gar keine Ahnung, aber nur, wenn sie nicht darüber nachdenkt. Ist das auch Ihr Credo?

Wir sind jedenfalls beide eher Bauchmenschen.

Ihr Buch, dass Sie mal geschrieben haben, heißt „Sei schlau, stell dich dumm“. Sind Sie schlau und stellen sich dumm?

Wenn es sein muss. Männer mögen es zum Beispiel gern, wenn man Ihnen sagt, das kann ich nicht, hilfst du mir mal. Da fühlen Sie sich stark, ohne dass ich schwach sein muss. So was ist im Alltag sehr hilfreich. Und wer ständig unterschätzt wird, übertrifft öfter die Erwartungen.

Wie weit kann Sie diese Kombination noch bringen im Fernsehen?

Das weiß ich nicht. Darüber mache ich mir auch nie Gedanken. Ich lasse mich schon immer lieber treiben.

Aber Sie haben schon Ziele?

Schon, aber keine allzu hohen. Dann ist man nur enttäuscht, wenn man sie nicht erreicht.

Was wären denn die niedrigen?

Also wenn Sie denn Film meinen: wenn er schlecht läuft und niemand mag ihn, war es eine tolle Erfahrung, wenn er gut läuft und es gäbe einen zweiten Teil, wäre ich sofort dabei. Ich setze mich da nicht unter Druck. Und sonst werde ich einfach versuchen, mit meinem bekannten Namen zu arbeiten und so mir damit andere Ziele verwirklichen: Ein Kosmetikstudio zum Beispiel, das überlege ich schon. So wie das Café Katzenberger. Mein Name ist mein Kapital, das muss ich doch nutzen.

Das wären Ziele, zu irgendetwas hinzukommen. Gibt es auch welche, von etwas wegzukommen – Ihrem Image etwa?

Ich habe jedenfalls keine Typ-Veränderung geplant.

Auch nicht in zehn Jahren? Wo steht Daniela Katzenberger mit 37?

Wenn ich jetzt sage, mit 37 eine seriöse Schauspielerin zu sein, hält man mich doch für übergeschnappt. Also: auf jeden Fall in einem schönen Haus mit Mann und Kind und noch immer im Showbiz.


Daniela Katzenberger: Silikon & Schauspiel

IMG_20140228_110731Ganz anders pushen

Daniela Katzenberger ist eine der seltsamsten Erfolgsgeschichten des Fernsehens. Jetzt (Donnerstag, 10. April, 20.15 Uhr) spielt sie auch noch die Titelfigur des ARD-Krimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Porträt eines Medienproduktes, das sich grad freischwimmt, in einer Branche, der das herzlich egal ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Fernsehprodukte, die sind ohne jeden Zweifel zutiefst künstlich: Alf zum Beispiel und die Sesamstraße, RTL 2 oder das Wettsofalachen von Markus Lanz. Dann gibt es Fernsehprodukte, die wirken ebenso unzweifelhaft echt. Alfred Biolek zum Beispiel und die Lindenstraße, das ZDF oder das Wettsofalachen von Thomas Gottschalk. Und dazwischen? Gibt es Daniela Katzenberger! Ein reines Fernsehprodukt, bei dem niemand wirklich zweifelsfrei wissen dürfte: ist die eigentlich real oder am Rechner erstellt, eine Installation quasi, also pure Produzentenfantasie. Eigens fürs Prollpublikum generiert? Solche Fragen stellen sich jedem einigermaßen wachen Geist, der den wasserstoffblondierten Superstar inszenierter Kommerzrealität bloß vom Bildschirm kennt. Plötzlich aber sitzt er in Fleisch und Blut und viel Silikon vor einem und beteuert, „Sie könnten mich glatt anfassen“. Das macht Daniela Katzenberger dann allerdings doch lieber selbst. Und wie! „Das Innere gehört schon immer zu mir“, antwortet der schönheitschirurgische Dauereingriff auf Beinen in einem hanseatischen Luxushotel auf die Frage nach ihren „natürlichen Seiten“ und presst beherzt das üppige Dekolletee zusammen. Denn merke: „Die unechten Dinge an mir sind sichtbar“.

Genauso tickt es nämlich, dieses ehemalige Nacktgirl der Bild, das vor exakt fünf Jahren den Lichtkegel konstruierter Popularität betreten und nie mehr verlassen hat. Seit ihrem ersten Auftritt in der Auswanderersoap Auf und davon bei Vox tut die „Katze“ praktisch alles, was aus Marketingsicht Aufmerksamkeit verspricht: Sie lässt sich die Augenbrauen absurd anheben und am Bildschirm erfolglos verkuppeln. Sie macht Werbung für alles und Retortenpop für die Charts. Sie leiht Frauenratgebern und Computerspielen ihren Namen. Sie tingelt praktisch durch sämtliche Foren und Formate ihres Genres. Kurzum: Sie liefert blondinenwitzdoof bis bauernschlau die bereitwillig modellierbare Folie diverser Publikumswünsche von Ballermannparty bis Wichsvorlage und beteuert zugleich mit ihrem allerarglosesten Katzenbergerlachen: „Ich habe kein Problem damit, nicht ernst genommen zu werden.“ Das glaubt man ihr sogar. Aber liegt das Problem nicht umgekehrt gerade darin, dass man PR-Produkte von Heidi Klum bis Konny Reimann statt zu wenig, eher viel zu sehr ernst nimmt? Dass ihnen im Streubombardement gestalteter Künstlichkeit längst eine Art Pseudorealität zuteil wird, die Wahrheit und Wahn schwimmen lässt? Die ARD jedenfalls fühlt sich gerade genötigt, diese These zu bestätigen. Heute Abend nämlich leiht es der pfälzischen Kosmetikerin ein wenig der eigenen Seriosität und schenkt ihr die Titelrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Das ist so berechenbar wie überflüssig, und warum sie zu der Ehre kommt, ihren Heimatdialekt ganz oben auf der Besetzungsliste zu Markte tragen zu dürfen, das weiß die geschäftstüchtige Katzenberger sogar selbst ganz gut: „Weil man einen Film mit meinem Namen ganz anders pushen kann, damit es auch ja jeder guckt.“

Wer das wirklich tut, also zugucken, wird schließlich eine Sparkassenangestellte mit sehr tiefem Ausschnitt und rosa Plüsch um den Büromonitor erleben, die sich quasi selbst spielt und das sogar ganz gut. Flugs per Crashkurs für die offizielle Fiktion ausgebildet, verleiht die schauspielerische Quereinsteigerin dem öden Volksschwank als Hobbydetektivin Miri, die eine Intrige um Ölvorkommen im Weinberg enträtselt, somit durchaus erfrischende Lebendigkeit. Wenn aber derlei Trashgewächse noch das Beste am öffentlich-rechtlichen Angebot sind, erscheint es ja nur noch erbärmlicher, wie sich das Zweite da ans Stammpublikum der kommerziellen Konkurrenz ranwanzt. Und das hat mittlerweile Methode. Stefan Raab zum Beispiel war seit 1999 stolze achtmal zu Gast bei Wetten, dass…?, wo mit Cindy aus Marzahn kurzzeitig eine der übelsten Auswüchse privater Comedy zum Star avancierte, um den freien Quotenfall zu stoppen. Moderatoren wie Joko und Klaas, Lanz und Kerner, Lafer und Lichter flottieren frei zwischen gebühren- und werbefinanzierten Kanälen. Die Plage Reality-TV hält bis in die gediegenen Spartenkanäle wie Arte und 3sat Einzug. Zur wichtigen Primetime ist abseits von Tatort, Filmmittwoch und gelegentlich einer fiktionalen Perle im Zweiten kaum noch eine Grenze zum werbefinanzierten Fernsehen erkennbar. Und ihre Rolle als aufgebrezelte Teilzeitdetektivin, sagt Daniela Katzenberger, „wurde mir förmlich auf den Leib geschnitten“. Entwürdigender kann eine Aussage im Lichte vom Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaum sein.

„Mein Name ist mein Kapital“, sagt die sehr blonde, sehr geschminkte, sehr künstliche, darin aber seltsam authentische Frau von 27 Jahren noch und verabschiedet sich vom PR-Termin des Zweiten, „das muss ich doch nutzen“. Damit ist wenigstens Daniela Katzenberger so ehrlich, wie es ARD und ZDF mal sein wollten. Früher, als Alf und Alfred Biolek noch für Fiktion und Realität im Programm standen. Lang ist’s her.


Dumme Fragen & Wochenintelligenz

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

31. März – 6. April

Dimensionen achtlos zu vermischen, lehrte uns bereits der Kinofilm Zurück in die Zukunft, kann das Raum-Zeit-Kontinuum beschädigen. Der vorige Mittwoch war so gesehen eine Gefahr fürs Gesamtgefüge. Tags drauf sagte der Interviewte Jürgen Klopp im Interview übers Interview mit dem Interviewer Jochen Breyer, „ich gucke diese Interviews nach’m Spielen nicht, weil ich sie jetzt nicht für so wahnsinnig spannend halte“. Wäre er also nicht selber dabei gewesen, hätte der Trainer von Borussia Dortmund gar nicht mitgekriegt, was den Fortbestand unserer Existenz durch die Vermengung dreier Interviewebenen ins Wanken brachte. Nach einem Spiel der Champions League stellte der ZDF-Reporter als Frage getarnt fest, nach dem 0:3 in Madrid sei für Dortmund nun schon im Hinspiel alles durch.

„Oder?“

„Oder was?!“ antwortete das entgeisterte Gesicht des Befragten, der darob wütend das Studio hinter sich ließ und den stammelnden, nun ja, Journalisten nebst Co-Moderator Kahn allein zurück. Doch schon der folgende Freitag zeigte, dass mit dem Raum-Zeit-Kontinuum alles in Ordnung ist. Da präsentierten ARD und ZDF wie vor jeder Welt und Europameisterschaft in Hamburg ihr gemeinsames Übertragungskonzept – und alle waren wieder da: Beckmann, Scholl und Réthy, Intendanten, Chefredakteure oder Promisidekicks. Und davon abgesehen, dass alle Granden des Ersten Programms auf dem Luxushotelpodium mit Alsterblick artig Krawatte trugen, die des Zweiten jedoch keine, war erneut bemerkenswert, wie man sich zu überzogenen Videoclips, überdrehten Moderationen und überall nur Selbstlob feierte, wofür auch 2014 Gebührenmillionen rausgeblasen werden als gäbe es keine GEZ-Debatte. Zugegeben – das sommerliche Friede, Freude, Public Viewing wird wohl immer mal wieder von Reportagen aus einem Land unterbrochen werden, dem die WM überwiegend Nachteile bringt. Den Rest aber bebildern die beiden Fernsehdienstleister wie gewohnt mit den zwei, drei üblichen Klischee derartiger Live-Events. Diesmal: Zuckerhut samt Beton-Jesus und superduperfröhliche Brasilianer mit kaffeebrauner Haut.

Weniger froh und vom Teint her oft bleich sind dagegen jene Deutschen, die das private Begleitprogramm auch ab 12. Juni bevölkern. Wie die Landesrundfunkanstalten berichten, füllen die Kommerzkanäle ihren Tag nämlich zusehends mit offen oder heimlich gescriptetem Reality-TV. Allen voran RTL mit 32,7 %, noch überboten von der Schwester Vox, die ihr Publikum mehr als die Hälfte der Zeit mit der Simulation von Wirklichkeit betrügt. Dann doch lieber weiter Wetten, dass…? mit Markus Lanz erdulden, der Samstag seine beste Wettsendung ablieferte und im Konfettiregen – padautz – das Ende der einst größten Fernsehshow Europas zum Jahresende ankündigte. Ein unprätentiöser Abgang nach einer ordentlichen Leistung. Im Dezember also folgt also das endgültige Requiem aus Nürnberg. Die alten Moderatoren werden kommen, ein paar Weltstars, ein paar nationale, ganz sicher Peter Maffay und mindestens Iris Berben. Man wird ein wenig in Nostalgie schwelgen und dann heißt es endgültig: Operation misslungen, Patient tot, Lanz auch, Experiment gescheitert.

TV-neuDie Frischwoche

7. – 13. April

So wie das des RTL-Reporters Jenke. Es mag zwar seine Höhen haben, wenn er sich Selbsttests im Kiffen unterzieht. Das war journalistisch durchaus von Wert, einfach weil es keine reale Situation simulierte, sondern schuf. Sich wie heute Augen und Ohren versiegeln zu lassen, ist hingegen bloß das selbstgerechte Surragat echter Reportagen, die sich lieber mit Subjekten befassen als sie nachzuäffen. So gerät ein gut gemeintes Format ungewollt zum Minderheitenbashing wie einst die „Minstrel“ genannte Show weißer Schauspiele, die sich in der Schwarzweißära Hollywoods zu Negern maskierten und somit lächlich machten. Am Ende liefert der Kölner Krawallkanal eben doch nur ewigen Karneval.

Dem setzen die Öffentlich-Rechtlichen diese Woche zum Glück wahres Leben entgegen – und zwar selbst dann, wenn es fiktional zugeht. Mit der heutigen ARD-Dokumentation Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie etwa, wo es ab 23.30 Uhr um die Tradition prügelnder Erziehung geht, ebenso wie im preisgekrönten Berlinale-Film Barbara am Mittwoch auf Arte, wo die famose Nina Hoss aufs Neue belegt, wie reduziert man ein Stück DDR-Historie spürbar machen kann. Mit einer Themenwoche zum Thema Intelligenz, der 3sat so erstaunliche Themen wie Dumm geboren und nichts dazugelernt (Donnerstag) und Affen – einfach genial (Freitag) hinzufügt, ebenso wie mit der ungewöhnlichen Lisa Wagner als Kommissarin Heller, die dem ausgelaugten Genre am neuen Krimisamstag im Zweiten tatsächlich neue Seiten abgewinnt.

Irgendwo zwischen Realität und Inszenierung dagegen liegen zwei Talks der Spartenkanäle, die tausendmal mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie wohl kriegen. Morgen um Punkt 23.04 Uhr übernimmt der Nachwuchsmoderator Ingmar Stadelmann das gesendete Eins-Plus-Radio LateLine Live von Jan Böhmermann und braucht dabei nur einen Bruchteil des Entertainmentpotenzial seines Vorgängers, um besser zu sein als diverse Großtalker. An alter Stelle ganz neu ist die wunderbare Sarah Kuttner plus zwei bei ZDFneo zu sehen, zum Auftakt am Donnerstag mit Hannelore Elsner und dem Sänger Bosse.

Kaum zu glauben, dass Fernsehen noch besser sein kann. Geht aber. Samstag wiederholt Arte den ganzen Tag das dokumentarische Feuerwerk 24 Stunden Berlin, nur aus Jerusalem. Bei so viel Güte kann man ruhig mal gönnerhaft den Mantel des Schweigens um die Masche der ARD legen, den Ballermannsendern mit Daniela Katzenberger in der Hauptrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch Zuschauer abzuluchsen – und ganz entspannt auf zwei Besonderheiten hinweisen. Den Start des Frauensenders TLC am Donnerstag, der es sich zwar zur Aufgabe macht, sein Programm gänzlich ironiefrei mit Frauenklischees zu füllen, aber witzigerweise vom gleichen Network erstellt wird wie der Mackerkanal DMAX. Besonderheit zwei: Der Tipp der Woche, heute (wie so oft) auf Arte: Die Verachtung, eine Satire aufs Filmgeschäft von 1963 mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli.


Bernd Schachtsiek: Erfolg & Homosexualität

Passiert halt

Alphatier, Vater, Porschefahrer – Bernd Schachtsiek, Vorsitzender des Völklinger Kreises schwuler Führungskräfte, passt nicht recht ins Klischee eines homosexuellen Wirtschaftsfunktionärs. Einerseits.

Von Jan Freitag

Da kann man noch so suchen, forschen, scannen – oberflächlich verweist nichts an diesem Mann auf das, was er ist, worauf ihn die Gesellschaft nur zu gerne reduziert. Keine versteckte Andeutungen, nirgends der kleinste Wink. „Wer mich hier bloß so sitzen sieht“, bekennt er am Ende einer langen Nacht an Wiesbadens Theken, „würde mich nie als das identifizieren, was ich bin“. Dann aber, so plötzlich wie unerwartet, passiert es doch. „Hab ich’s getan?“, fragt Bernd Schachtsiek entgeistert: „Dekolletee-Griff?“ Der raumfüllende Wirtschaftsfunktionär lacht laut und wiederholt die Geste wie zur Selbstvergewisserung, dass sie ihm im Grunde wesensfremd ist. „Passiert halt“, fügt er achselzuckend hinzu und leert sein letztes Bier. „Man kriegt es nie ganz aus sich raus.“

Die Codes seiner sexuellen Orientierung nämlich. Bernd Schachtsiek spricht lieber von Identität und dass man bei einer Person wie ihm, mit einer Ausstrahlung wie seiner, in einer Funktion wie dieser überhaupt Sexualität, Liebe, das Intimste thematisiert – dies allein bildet bereits die Arbeitsgrundlage als Vorsitzender einer Institution, die überflüssig zu machen seine edelste Aufgabe, ach: Mission ist. Der erfolgreiche Unternehmensberater leitet den Bundesverband schwuler Führungskräfte.

Bund, Schwul, Führung, Kraft – es stecken starke Begriffe im Titel dieser Interessensvertretung. Sie passen auch zu Bernd Schachtsiek selbst. Begriffe voller Beharrlichkeit, offensive Begriffe selbstbewusster Randgruppenvertreter einer Gesellschaft, die sich ihrer lästigen Homophobie zusehends entledigt. Doch wenn der Sechzigjährige die Geschichte eines Vorstandsmitglieds in Frankfurt erzählt, dem wegen eines zutiefst züchtigen Profils auf der Online-Kontaktbörse GayRomeo die Entlassung drohte, dann zeigt sich: Es gibt noch viel zu tun. Deshalb fordert mit Bernd Schachtsiek einer, der die Bühnenkante gewöhnt ist: „Wir müssen sichtbar sein.“ Mit allem was dazugehört. Mit schwuler Attitüde und schwulem Understatement, schwulen Schwächen, schwulem Rückrat, wenn’s sein muss schwulen Dekolletee-Griffen und dem Stolz, das schwul davor laut auszusprechen, ohne es vor sich herzutragen wie ein Schild, wie eine Lanze.

„Wir sehen uns nicht als Klagezirkel der Unterdrückten“, sagt der Verbandschef und bäumt sich spürbar auf im dunkel getäfelten Büro einer Wiesbadener Gründerzeitvilla, „aber auch nicht als Kampfverband“. Schließlich wisse man als gut bezahltes Leitpersonal um seine Privilegien; nach oben mobbt es sich bekanntlich schwerer. „Wir wollen nicht bevorzugt behandelt werden“, fügt er lächelnd hinzu, als eine Sekretärin französisches Wasser und asiatischen Tee serviert, „sondern gleich“. Sicher, es gehe dem VK bei aller ökonomischen Ausrichtung auch ums Große Ganze: dass Schwule und Päderasten nicht in einen Topf geworfen werden, dass sich der Katholizismus modernisiert und die CDU, dass es mehr gibt als die Tucke im „Traumschiff Surprise“ und die Partyfraktion beim CDS, dass der Wind durchs Land weiter auffrischt. Dennoch sei der Weg seines Kreises weniger politisch als menschlich. Es geht um Vernetzung vereinzelter Wirtschaftssubjekte. Das Ziel lautet Diversity. Auf allen Ebenen, auch den höchsten, gerade dort.

Vor zwei Jahrzehnten, als die Idee zum Verband geboren wurde, da mag der Ruf nach Vielfalt und offensiver Teilhabe geklungen haben wie das Pfeifen im Walde. Die Wowereits, Wills, von Beusts waren 1990 womöglich noch auf der Suche nach ihrer eigenen sexuellen Identität und eingetragene Lebenspartnerschaften illusionär, als ein homophiler Manager aus einer saarländischen Kleinstadt um Brüder in Geist und Körperlichkeit warb. „Kapitalistenknecht und Vorstands-Assi sucht Kapitalisten und andere Knechte für Austausch von Berufserfahrungen“ – mit dieser Annonce, zitiert Bernd Schachtsiek die Vereinshistorie, suchte der Entscheider Gleichgesinnte, die nicht weiter im Verborgenen entscheiden wollten.

Zwölf Monate später hatte er zwei Dutzend beisammen, die für juristische, berufliche, gesellschaftliche Gleichbehandlung ringen wollten, in der Wirtschaft, aber nicht nur dort. Sie benannten sich nach dem Wohnort des Initiators „Völklinger Kreis“, kurz: VK, untertitelten ihn mit dem später übersetzten „Bundesverband Gay Manager“ und schon die Provinzialität im Namen darüber verweist auf den Bedarf nach einer solchen Organisation. In den Topsphären der Wirtschaft, Bernd Schachtsiek scheint das mehr zu wundern, denn zu ärgern, hinke die Emanzipation noch heute hinterher.

Showgrößen, Volksmusiker und Popstars, Regierungschefs, Topjournalisten, selbst Außenminister können heute recht barrierefrei zu sich und ihren gleichgeschlechtlichen Partnern stehen. In nostalgischen Männerbünden vom Handwerk über Armee, DFB, Polizei bis in die Konzernzentralen hinein aber, leben die alten Vorbehalte oft unverhohlen fort – und halten das Versteckspiel am Laufen. Gerade bei Banken und Versicherungen suche man vergebens nach bekennenden Schwulen an der Spitze, zu schweigen von deren weiblichen Pendants. „Lesben werden bis in die Chefetagen hinein doppelt diskriminiert“, meint Schachtsiek, „wir Männer immerhin nur als Homosexuelle.“

Während dies in den Werkhallen und Großraumbüros offener erfolgt, drohen Schachtsieks Klientel subtilere Formen der Benachteiligung. Willkürliche Beförderungsstopps, verschlossene Türen einflussreicher Industrieclubs, Karrierehemmnisse nach ganz oben, besonders in den DAX-Vorständen, all dies verleidet sogar VK-Mitgliedern das Outing. „Ab einer bestimmten Höhe, wird die Luft für uns dünn“. Dazu die kleinen Abfälligkeiten, ein blöder Scherz hier, ein schiefer Blick da – die Restbestände normsexueller Homophobie rechtfertigen allemal einen Verband mit fünfköpfigem Vorstand, Zentrale am Berliner Kaiserdamm und 20 rührigen Regionalverbänden. Wenngleich sich sein Vorsitzender an die letzte Diskriminierung am eigenen Leib nicht mehr erinnern kann. Sein Auftreten, glaubt der kraftstrotzende Charismatiker mit dem Siegerlächeln überm Dreitagebart, „lädt dazu offenbar nicht ein“.

Und nicht nur die. Als Selbstständiger zählt er ohnehin zu jenem Drittel der 700 Völklinger, denen die fehlende Frau im Gegensatz zu angestellten Mitgliedern jenseits fester Hierarchien Probleme bereitet. Sein Erfolg macht zudem ungleichbehandlungsresistent. Bernd Schachtsiek bekam ihn förmlich in die Wiege gelegt. Als der Jurist nach dem 2. Staatsexamen auf Drängen des Vaters in den Bielefelder Familienbetrieb einstieg, war Opas kleine Maschinenbaufabrik dank lukrativer Erfindungen von der Schokoladenpapierprägung über Perforationstechniken bis hin zum bahnbrechenden Rubbellos zur ORO-Druck gewachsen. Weil aber ein Großkunde nicht zahlen konnte, strich Sohn Bernd 1977 Promotion und BWL-Diplom, kaufte sich mit dem Bausparvertrag in die Firma ein und lieh sich gleich noch 100.000 Mark von der Mutter, um damit 50 Prozent des säumigen Schuldners zu erwerben: die Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD).

Es war sein Einstieg in die Fortbildungsbranche und die beschleunigte fortan den Aufstieg des Jungunternehmers immens. Kaum 30, sanierte er in fünf Jahren beide Häuser, expandierte fleißig, gründete 1994 gemeinsam mit der Klett AG die Deutsche Weiterbildungsgesellschaft (DLG), die sich bald darauf Deutschlands größte Fernschule ILS einverleibte, und stand bei seinem Ausstieg aus der Geschäftsführung vor zehn Jahren dort, wo es für VK-Mitglieder in Toleranzfragen sauerstoffarm ist: ganz oben. Seine Geschäfte hätten ihn wohlhabend gemacht, das weiß er. „Manche würden sogar sagen: reich.“

Ein gutes Polster für die florierende Schachtsiek Beratung in der Landeshauptstadt, mit der er nun vor allem am Weiterbildungsmarkt sein Geld verdient, dank einiger Geschäftsführungen und Beteiligungen sogar viel Geld. Geld genug, um nebenbei in Bio-Bäckereien, Weingüter, die Kommunikationsbranche und Luxusimmobilien zu investieren. Eine davon bewohnt er selbst. Schachtsiek nennt sie „mein geschrumpftes Schloss Schwanstein“. Während sein Büro dort ist, „wo ich mein Notebook aufschlage“, ist sein Chalet ein fester Halt für den Globetrotter und seinen langjährigen Freund, einen Friseur. Ausgerechnet, sagt Schachtsiek und muss selber lachen: dieser Millionär ohne Spekulationseinkünfte, herkunftsbegünstigt und doch mehr als bloß Erbe. Ein kultivierter Opernliebhaber sei er, der auch mal Schwulenwitze reißt. Porschefahrer mit „Aversion gegen Schickimicki“, Arbeitsamer Genießer, der gutes Essen schätzt und guten Wein. So sehr, dass beim Heilfasten auf Mallorca unlängst elf überzählige Kilo purzelten.

Bernd Schachtsiek ist der Gegenbeweis vieler Klischees und ihr Beleg gleichermaßen: Der traditionsbewusster Veränderer überreicht Bremens 2. Bürgermeisterin bei der Grußrede zum Verbandstag – „da bin ich konservativ“ – galant Blumen, legt aber bei öffentlichen Reden durchaus die Federboa über den Zweiteiler mit Krawatte, kauft für eine Präsentation der Deutschen Bahn – „mit 16 Beamern und Teilwaggons“ – ein ganzes Gebäude in Qatar und in New York ein Penthouse, um dem Parkett der Met nah zu sein. Schachtsieks Credo ist ein Mix aus Savoir Vivre und fast protestantischem Ethos, Kompromiss und Alleingang, Härte und Empathie. Fußball interessiert ihn auch noch. Und über allem schwebt seine Kraft, physisch, geistig, zielgerichtet.

Exbundesjustizministerin Brigitte Zyprie lobt ihn als „Macher der Probleme anpackt und nicht lang fackelt“. Einer, „der der Gesellschaft unbedingt etwas von seinem Erfolg zurückgeben will“, wie es sein früherer Verbandsassistent Steffen Westermann formuliert. „Ein väterlicher Typ“, befindet Mercedes Rodriguez Garcia-Gutierrez vom lesbischen VK-Pendant Wirtschaftsweiber, der „viel sehr Platz einnimmt, ohne alle zu verdrängen“. Einschätzungen, die von Respekt zeugen, der Anerkennung seines Ehrenamts als Netzwerker, als Kämpfer für seinesgleichen und ein Klima allseitiger Achtung. Aber wie einer nach der anderen das „Alphatier“ in ihm orten, wie sie es an die „Spitze der Bewegung“ setzen (Zypries), „Selbstverliebtheit“, gar „Beratungsresistenz“ monieren (Westermann), mehr Augenhöhe mit, mehr Angebote an Mitstreiter(innen) fordern (Garcia-Gutierrez), spürt man auch die Ambivalenz seiner Person und deren Aufgabe.

Denn es ist eine Gratwanderung, die Bernd Schachtsiek vornimmt. Als Mann und Manager, mehr aber noch als Vermittler und Angehöriger einer Gruppe, der das Vorurteil weiche Seiten andichtet, die im harten Kampf der Wirtschaft Punkte kosten. In Bremen, unter Freunden, herzt er fast jeden Gast, Küsschen links, Küsschen rechts, zwanglose, wenn man denn so will: schwule Gepflogenheiten. Im sexuell identitätsneutralen „Aktionskreis Leistungsträger“ aber, im beruflichen Tagesgeschäft, bei der Verbandsbürokratie, da verhalte sich sein Ex-Chef aus Sicht Steffen Westermanns zuweilen „heterosexueller als mancher Hetero“.

Vielleicht ja auch, weil der „westfälische Dickschädel“ als Unternehmer ein Schnellstarter war, in Identitätsdingen hingegen ein Spätzünder. Mit 22 hat er geheiratet, fünf Jahre darauf einen Sohn bekommen und wurde sich nach dem 10. Hochzeitstag seiner Homosexualität bewusst. Es folgten schmerzhafte Jahre, umwälzende, selbstzerstörerische, aber auch heilsame. Denn ohne diesen Bruch in der Biografie, bekennt das FDP-Mitglied in seiner offenen Art, „wäre ich ein selbstherrlicher Konservativer geworden“. Und ohne die Hilfe seiner Frau, fügt der hingebungsvolle Vater hinzu, „ein – mit Verlaub – borniertes Arschloch“.

So wurde er zum gewordenen Schwulen mit Familienanschluss, den man auch im eigenen Betrieb akzeptieren konnte, weil man ihn ja anders, heterosexuell, kannte. Dabei will Bernd Schachtsiek doch vor allem eines sein: normal. Er betont es immer wieder, es ist sein Selbstverständnis. Als Vertreter einer Randgruppe komme man so einfach weiter. Und als Unternehmer? „Kann man sich keine Dogmen leisten.“ Es gehe ums Geld. „Moral spielt in der Wirtschaft oft keine Rolle.“ Und auch wenn ihm hier ein „leider“ entfährt, genieße er dort Höchstleistungen. Auch deshalb wird der VK ihn im Herbst wohl wieder zum Vorsitzenden wählen, nach neun Jahren im Verband und zwei an der Spitze. Denn ja, er sei ein Macher, einer, der anpackt, sich einmischt. Alphatier sagt er nicht. Die Hand bleibt trotzdem fern vom Dekolletee.


Indierockfriday: Kaiser Chiefs, Fluten, Nirvana

Kaiser Chiefs

Die Kaiser Chiefs hatten schon immer etwas Proklamatorisches in ihrer Art Britrock. Ricky Wilsons kräftige Stimme vor allem, sie verlieh dem distinguierten Garagensound eine Parolenhaftigkeit, als gäbe es da sehr Ernstes mitzuteilen aus Leeds, etwas Umstürzlerisches, Renitentes. Und vom grandiosen Debütalbum Employment vor auch schon wieder neun Jahren bis zum leicht sedierenden The Future Is Medieval von 2012 schwang ja auch oft eine Attitüde mit, als sänge das Quintett an der Spitze einer Demo für die gute Sache, wütend, aber ohne Hass. Nur – so richtig politisch waren die Kaiser Chiefs nicht. Bis jetzt, bis zum fünften Studioalbum, bis Education, Education, Education & War.

Angelehnt an eine alte Wahlkampfparole Tony Blairs, kombiniert mit dem, worin der Premier sein Land seinerzeit trieb, haben die Kaiser Chiefs sich damit womöglich einen Traum erfüllt: Eine richtige Arbeiterplatte aus der Arbeiterstadt. So handelt schon The Factory Gate zum Auftakt nicht nur im Titel vom Proletariat. Und auch danach fallen viele Begriffe sozialkritischer Debatten: Drohnen, Konsum, Handgranaten, solche Sachen. Doch man wird das Gefühl nie los, das seien bloß poetische Platzhalter, um den gewohnten Vorwärtsrock früherer Platten mit möglichst martialischem Vokabular zu unterfüttern. Denn der wird hier – ausgeschmückt von Nick Baines virilem Keyboard – so furios variiert, als hätte es nie kreative Schaffenskrisen gegeben.  Das Album mit dem sperrigen Namen mag nicht das beste der Kaiser Chiefs sein; eines der besten dieser Gattung ist es trotzdem.

Kaiser Chiefs – Education, Education, Education & War (SPV)

Fluten

Referenzsysteme haben gemeinhin so ihre Tücken, nicht nur im Musikgeschäft, aber dort besonders. Wer sich seine Sporen darin erst verdienen muss, ist nämlich gut beraten, vorab mit ein paar griffigen Parallelen zum Bestand aufzuwarten, um nicht im luftleeren Raum des Genres zu verhallen. Zu viele der Ähnlichkeiten mit Alteingesessenen tun Neuankömmlingen aber auch selten gut. Das Produkt braucht ja klare Konturen, sonst ist es bloß, tja, Pop. Die Bass-Schlagzeug-Gitarren-Band Fluten steht so gesehen zwischen zwei ziemlich großen Stühlen. Einerseits hagelt es für das Quintett aus Hamburg so viele Analogien quer durch die weite Welt harten Rocks, dass ordnungsliebenden Indiefans rasch der Kopf dröhnt vor lauter Verweisen auf Foals oder Blumfeld, At the Drive In, Fugazi, gar Papa Roach oder Limp Bizkit. Andererseits jedoch steckt im Debütalbum namens Splitter eine vertrackte Eigenartigkeit, die selbst aufgeschlossenen Ohren den Zugang erstmal verbaut. Und dann noch diese Gattungschiffren: Punk mit oder ohne Post davor, Hardcore natürlich und Nu Metal, bisschen Crossover, bisschen Screamo gar, alles zusammen und nichts davon. Ja, was denn nun? Das!

Eine Platte, die dem Alternative-Sound dreier Jahrzehnte diverse Codes und Zeichen fast tobsüchtig entreißt, als gelte es, die Vergangenheit im Steinbruch zu begraben. Um es mit dem Auftaktstück Die längste Zeit auszudrücken: “Mit Tausend Sachen gegen den rasenden Stillstand / Split the Rock / Ohne Kopf durch die Wand”. Diesen Furor haben sich die nicht mehr ganz jungen Kapuzenpulliträger aus dem heißen Herzen der Hansestadt dort antrainiert, wo es manchmal wirklich zu brennen beginnt: im Keller der Roten Flora, dieser Kaderschmiede autonomer Renitenz. Hier findet der ganz weit linke Subtext durchweg lyrischer Lieder seine Brutstätte, die verschlüsselte Agitprop-Prosa von “No chance to defend / No logic, no system” bis “Die längste Zeit ist reif / We break into the now”. In dieser Atmosphäre entstehen auch all jene aggressiven Riffs, die sich gern mal ein paar elektronische Spielereien gönnen und fein ziseliertes Picking, im Kern aber stets das große, fette Brett verlegen. Stets angetrieben von Timo Neuschelers stinkewütenden Gebrüll und dem noch etwas stinkewütenderen des Mitgitarristen Christian Schütze.

Fluten – Splitter (Flight13); mehr Text’n’Pics’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/04/02/fluten-splitter_17843

Nirvana

Zum 20. Todestag von Kurt Cobain erinnern die freitagsmedien heute an eines der größten Album der Rockhistorie: Bleach, kurz vorm Durchbruch erschienen und noch immer besser als alles, was danach von Nirvana kam.

Im Rückblick boten die späten Achtziger gar keine schlechte Ausgangslage für zu spät geborene Punks. Überall klebte Discosoul in den Charts, die Generation Acid rief zur ewigen Party, Berlin startete seine Love Parade, Schwarze tankten mit Gangstarap Selbstbewusstsein, selbst Heavy Metal verpoppte zusehends – die ideale Projektionsfläche für dreckige Akkorde und wütende Melancholie, für Bands wie Nirvana. Mit ihrem Album Nevermind pflügte sie den Rock gehörig um, verwandelte seine Wut in Warenform und schuf zugleich die Hymne des zivilisationsmüden Losers schlechthin: Smells Like Teen Spirit. Dabei war das, was sich 252 Wochen in den US-Charts hielt, nur eine schlichte Fortsetzung ihres furiosen Debütalbums Bleach. Als das erschienen war, interessierte sich bis auf ein paar langhaarige Jeansjackenträger noch niemand für das, was Journalisten gerade Grunge getauft hatten.

Bleach war eine dreizehnteilige Kanonade brachialer Rockdekonstruktionen, die Kurdt Cobains autoaggressives Genie noch wirklich gerecht wurde. Ganz im Gegensatz zu den folgenden Drei-Akkord-Platten oder dem Unplugged-Konzert für MTV. Doch sie waren es, die ihn unsterblich machten und verwandelten die antreibende Kraft seiner depressiven Ader in Pop. Auf Bleach dagegen war sie ein Novum. Bis dahin galt Punk als äußerliche, fremdbezogene Musik und Rock als irgendwie teilnahmslos. Gemeinsam drosch man im Viervierteltakt auf alles Denkbare ein – nur nicht aufs eigene Ego. Selbstreflexion, Gefühle, Schmerz waren ihm eher unbekannt, sein Ärger richtete sich gegen andere, gegen Systeme oder soziale Zustände. Nirvana indes suchten eben darin ihre eigene Position, vor allem lyrisch, aber auch klanglich, ohne den Punkgestus, seine Instrumente nicht zu beherrschen. Doch trotz dieser Emotionalität ist Bleach weit entfernt von Gefühlsduselei. Dafür ist sie zu arrangiert, zu vertrackt, bisweilen brutal.

Noch ohne Drummer Dave Grohl hackt Cobain so dissonant in die Saiten, dass vieles nach Proberaum klingt. Das liegt sicher am (bewusst?) miserablen Sound von Produzent Jack Endino, fürs Urgrunge-Label Sub Pop in drei Tagen gemixt; mehr aber noch am unberechenbaren Stakkato dumpfer Drums im Wechsel mit absurden Gitarrensoli. Progressive Metal oder das synkopische Geschrei Math Rock sind ohne ein verstörendes Lied wie Paper Cuts so unvorstellbar wie Soundgarden oder KoЯn. Die Harmonie darin zu erkennen dauert eine Weile, sagt dann aber mehr über Cobains Seelenzustand aus als jede Schrotflinte im Mund. Es bleibt die Ironie der Geschichte, dass sie von MTV geladen wurde. Cobain, so lautet eine Mythologisierung, ist am Erfolg zerbrochen wie an der Diskrepanz zwischen ihm und seinen Wurzeln. Wenn man so will: der „Nevermind“ und ihrem Vorgänger. Er war eine Suche nach Halt, rockte in allen Härtegraden und verlor dabei nie die Linie, das Gefühl für Abstraktion, die erst dank ihr zur Möglichkeit des Pop wurde. Dass er seinen Nachfolger in den Hitlisten überholte, macht das nur klarer. „Black is black/Shading back/Need more enemies” singt Cobain im düsteren Big Cheese. Er hat sie gefunden – in dem, was nach der Bleach später kam.

Der Artikel ist 2007 im Rahmen der ZEIT-Serie Die 100 besten Platten erschienen.


Dieter „Max“ Moor: Nischenstar & Biobauer

Ich bin ja nicht verkopft

Dieter Moor, der sich seit neuestem Max nennt, moderiert das ARD-Kulturmagazin titel, thesen, temperamente (Sonntag, 23.05 Uhr) im verflixten 7. Jahr. Zum Einstieg gab er Einblicke in sein Leben als Schweizer im deutschen Fernsehen, der dort seit 30 Jahren präsent ist, reihenweise TV-Formate erfindet, Filme dreht, Bücher schreibt, Theater macht und doch nur einen kleinen Publikum bekannt ist. Daran wird auch sein Auftritt im neuen Talkformat von Sarah Kuttner auf ZDFneo am 24. April nichts ändern. Leider.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Moor, haben Sie sich schon eine Anmoderation für Ihre erste Sendung ttt?

Dieter Moor: Nein, aber es wird wohl etwas mit Guten Abend werden.

Sie werden das Publikum nicht mit „Liebe Zielgruppe“ begrüßen wie einst in Ihrer Mediensendung Canale Grande?

Ganz sicher nicht.

Das würde sich doch anbieten. Kulturformate sind doch längst Fernsehen für kleine Zielgruppen.

Was heißt „längst“, das war nie anders. Wir haben eine lange Phase hinter uns, in der man etwas Verstecktes, Verstaubtes in Kultur sah. ttt ist eine Special-Interest-Sendung für Leute, die sich im allerweitesten Sinne für Kultur interessieren.

Ist Kultur ein Nischenprodukt?

Ich denke schon. Seltsam, nicht wahr? Sie umgibt uns, sie ist überall, aber was genau sie ist, bleibt umstritten. Mein Begriff ist da sehr breit, für viele womöglich zu breitweit. Wenn ich durch eine Straße gehe, bin ich umgeben von Kultur, entdecke sie eigentlich überall, wo keine Natur ist. Ich gehör noch einer Generation an, die zur Kontaktaufnahme ins Theater geschickt wurde, aber vielleicht wäre es besser, beim Heranführen von Kindern an die Kultur einfacher anzufangen: Was du da gerade gezeichnet hast, ist Kultur, wie dein Schnuller aussieht, sogar Diddl-Mäuse.

Droht da nicht Beliebigkeit, ohne nun einem Begriff von Hochkultur das Wort zu reden?

Die Gefahr besteht immer, weil das Spektrum so enorm breit ist. Doch sie droht selbst dem, der sich nur ums Theater kümmert, weil es auch davon weitaus mehr gibt, als man je in einem Kulturformat behandeln könnte. Wir haben eine relativ kurze wöchentliche Sendung für ein gigantisches Feld, da werden Sie eine gewisse Beliebigkeit kaum vermeiden können, müssen also zwangsläufig subjektiv sein, was ich aber überhaupt nicht tragisch finde. Wir sagen ja niemandem: Da musst du hin! Wir liefern Angebote zum Entdecken. In der Ergänzung durch weitere Medien ergibt sich daraus vielleicht ein umfassendes Bild. Wir haben nicht den Anspruch, Kultur zu definieren.

Heutzutage finden auch Stefan Raab und Betriebsratssitzungen im Feuilleton statt.

Das Feuilleton ist sehr breit geworden, in seiner Kulturauffassung, egal ob Gangsterrapper oder Politik. Die Grenzen sind durchlässig.

Zu durchlässig, wird oft kritisiert.

Ich finde, dass gesellschaftliche Veränderungen aufgrund des Afghanistan-Krieges durchaus in den Kulturteil gehören. Die politische Sicht kann vermitteln, wie es zu dem Krieg kam, wer wen besiegt, wer welche Interessen hat, wie man ihn löst. Was aber mit den Menschen im Einzelnen passiert, ist schließlich eine Aufgabe der Kunst.

Hat die Durchlässigkeit – abgesehen von der Naturbeobachtung – dennoch Grenzen?

Nein, denn es gibt immer einen kulturellen Ansatz. Sogar eine Wahlberichterstattung bietet dafür Potenzial. Natürlich nicht in der bloßen Ergebnisübermittlung, aber in der Darstellung, wie sie erfolgt, wie sie Ergebnisse beeinflusst. Nehmen Sie das Desaster der Bush-Wahl – da gibt es Fragen der Ästhetik, der Psychologie. Oder Schröders Ausraster nach der knapp verlorenen Wahl. Das sind Ausdrucksformen einer Kultur, die ja den Anspruch hat, Leitkultur zu sein.

Mit d oder t geschrieben?

Mit t. Eine Leidkultur gab es bei uns vor 20 Jahren, als Künstler zu leiden hatten, um Wahrhaftigkeit zu erzeugen. Davon sind sie Gott sei Dank weggekommen.

Und hat den Frohsinn entdeckt?

Nein, die Breite des Spektrums.

Fernsehvermittelt in Kulturformaten, also der Nische. Fühlen Sie sich darin wohl?

Ich war nie woanders und wenn ich es versucht habe, war es nicht von Erfolg gekrönt. Ich fühle mich dort wohl. Meine größere Mühe besteht darin zu verstehen, was Mainstream eigentlich ist: der quantitative Faktor, die Zuschauerzahl, Massenwirksamkeit? Damit müssen sich alle Programmmacher auseinandersetzen. Nur: wie wird denn die Quote ermittelt und vor allem, bei wem? Sie wird ja nicht bei Menschen ohne deutschen Pass gemessen. Und wer erklärt sich bereit, dieses Gerät bei sich aufstellen zu lassen, wer braucht diese paar Euro im Monat? Also: Ist das Messergebnis eigentlich relevant?

Sie halten es für irrelevant?

Ich halte die Quote für eine Vereinbarung, die getroffen wurde, um der Fernsehwirtschaft eine Währung zu geben. Es ist eine reine Erfindung, genau wie Geld. Auch da gebe ich Ihnen ein Äquivalent, ein Stück Papier, auf dem die Behauptung steht, 100 Euro wert zu sein, und da wir uns beide an die Vereinbarung halten funktioniert es, obwohl der Wert ständig variiert. Ähnlich funktioniert die Behauptung des Mainstreams. So wie die Modeindustrie versucht zu suggerieren, welche Farbe demnächst angesagt ist. So gesehen ist die Frage, ob ich mich in der Nische wohl fühle, mit einem herzlichen Ja zu beantworten.

Müssen Sie in ihrer Funktion zwischen dem, was als Mainstream ermittelt wird, und dem, was in der Nische Platz findet, moderieren?

Mir reicht das Ziel, dass die Leute, die sich in meine Nische begeben, darin wohl fühlen. Und  ich nicht den Eindruck erwecke, in meiner Nische finde kein Frohsinn, keine Sinnlichkeit, keine Provokation statt. Solange die Nische lebt, gefällt sie mir.

Wird sie womöglich bald nur noch von den Öffentlich-Rechtlichen fürs ältere Publikum gefüllt und der junge Rest guckt Privatsender?

Ich mag nicht in solchen Blöcken denken. Es teilt sich gerade auf und vermischt sich sofort wieder. Es wäre verhängnisvoll zu sagen, ich mache anspruchsvolles Programm, aber nur für 50+-Zuschauer, und das Seichte ist für die Jungen. Wer genau ist denn das? Was stimmt, ist, dass Fernsehen für die neuen Generationen nicht mehr die Bedeutung hat, wie für ihre Eltern. Der Medienzugang hat sich geändert. Mein Vater dachte noch, was in der Zeitung steht, ist exakt so wahr, sonst dürfte es da ja nicht stehen. Diese Rolle spielte für diese Generation später das Fernsehen. Und wenn Sie jetzt einem Zwanzigjährigen sagen, weil etwas gesendet oder geschrieben wird, stimmt es auch, lacht der Sie aus. Zeitungen, Sender, Internet sind auch nur Versionen, Varianten, Möglichkeiten einer Realität.

Ist das Interesse gesunken oder die Erregbarkeit?

Schwierige Frage, denn es hat sich als Irrtum herausgestellt, was lange Zeit als Gewissheit galt, nämlich dass die jungen Leute wegzappen, wenn nicht alle drei Sekunden ein Schnitt erfolgt. Plötzlich hören sie Pink Floyd, das Musikvideo ist kein Geschäft mehr und niemand weiß so recht, wie es weitergeht. Das gefällt mir eigentlich sehr gut. Ich kenne auch ein paar Leute aus der Werbebranche, die schon vor langer Zeit von dieser Katalogisierung weggegangen sind. Ganz früher gab es die ABC-Zielgruppe: A sind die mit der Kohle, B hätten sie gern, C nennt man heute das Prekariat. Dann hat man es feiner eingeteilt in Meinungsmacher, Innovatoren, Angepasste; hat auch nicht funktioniert. Nehmen Sie Harald Schmidt. Weißgott kein junger Mann, trotzdem wird seine Sendung keineswegs nur von über Fünfzigjährigen geschaut.

Aber damit sich das für den Gesamtsender ändert, hat ihm die ARD Oliver Pocher zur Seite gestellt.

Verständlich. Ich hab’s nur leider nicht gesehen.

Pocher steht für die Vulgarisierung des Mediums. Würden Sie sich noch einmal wie in Canale Grande vor laufender Kamera ausziehen, um eine Botschaft zu vermitteln?

Nein, selbst wenn die Botschaft passen würde wie damals. Außerdem war ich ein bisschen jünger und knackiger. Man muss die Leute ja nicht gleich erschrecken.

Wo liegen Ihre Schamgrenzen?

Um ihrer Selbst Willen ganz hoch; ich geniere mich sehr schnell. Wenn es jedoch darum geht, einen Zweck zu erfüllen, sehr niedrig, fast Null. Man darf aber bei der Niveaufrage nicht vergessen, dass die Privatsender schon deshalb so wertvoll waren, weil sie Innovationen riskiert haben. Bis vor einigen Jahren haben sie der Fernsehkultur hochinteressante Impulse gegeben, denen die Öffentlich-Rechtlichen bisweilen hinterher hecheln mussten. Mittlerweile aber sind sie Unternehmen geworden, mit Shareholder-Kriterien und Quotenautomatismen statt Entscheidungsträgern. Ein Irrweg, auf dem der Innovationsanteil weiter sinken wird. Ich glaube und hoffe, dass die Öffentlich-Rechtlichen anlässlich dieses Dilemmas die Qualitätsoffensive suchen.

Ein gutes Beispiel ist ja ihr alter Sender Vox, der mit hohen Ansprüchen gestartet nun vor allem Entertainment und Lizenzserien bietet.

In der Tat. Aber Niveau war bei Vox kein Anspruch, sondern eher eine euphorisierte Aufbruchsstimmung. Es gab dort zunächst kaum echte Fernsehmacher, die waren bei RTL; dafür reichlich Printjournalisten, die den Unterschied zwischen Schreiben und Senden erst lernen mussten. Aber sie haben zu Beginn 40 verschiedene Eigenproduktionen aus der Taufe gehoben, alles neue Formate, verrückt, aber auch toll.

Und erfolglos.

Das lag an einer etwas verunglückten Imagekampagne. Sinngemäß lautete die, unterhalb eines IQ von 140 brauchst du hier gar nicht einschalten. Fernsehen nur für Intelligente mit Doktortitel – das traut sich ja nicht mal Arte.

Sind Sie ein Intellektueller?

Nee. Intellektuelle sind für mich reine Kopfmenschen. Leute, die sehr engagiert über Themen debattieren, die ohne Relevanz über den Selbstzweck der Debatte hinaus sind. Sehr luxuriös und damit auch schön, aber ich kann das nicht. Wenn ein Thema nur noch eine Handvoll anderer interessiert und betrifft, kriegt es so etwas Solipsistisches, Abgehobenes,  kreist es nur um sich selbst. Ich habe das Etikett intellektuell dennoch ab und zu gekriegt, keine Ahnung, wieso.

Vielleicht in der Definition als Vermittler erklärungsbedürfigen Wissens.

Dann würde es mir wiederum gefallen. Intellektuell gleich Aufklärer.

Und spannend wird es ja dann durch ihre Zweitexistenz als Ökobauer, quasi als Gegensatz des Intellektuellen?

Wo bitte ist denn da der Gegensatz?

Weil der Bauer für das Bodenständige, Instinktive, nicht das Abgehobene, Verkopfte steht.

Dann gefällt mir der Begriff doch wieder nicht. Ich bin ja nicht verkopft. Je sinnlicher die Vermittlung ist, mit je mehr Erleben Wissen vermittelt wird, desto besser klappt es. Nur Blablabla funktioniert nicht. Meine Frau und ich versuchen ja auch, zu vermitteln, wie  mit Qualität gute Ergebnisse zu erzielen sind, dass Tierproduktion und Tierquälerei nicht unbedingt zusammen gehören, dass naturgerechte Ernährung keine Geldfrage ist.

War ihr Schritt in die nachhaltige Landwirtschaft eine politische Entscheidung?

Es war einfach ein Bedürfnis.  Ich wollte lernen wie man sich unabhängig macht. Tiere sind Lebewesen, Lebensspender, keine Maschinen. Ein Tier wird auf die Welt gebracht, ernährt, getötet, zubereitet und gegessen – etwas sehr Archaisches. Das kennen zu lernen halte ich für sehr wertvoll. Ich kann also das Tier schlachten, das ich essen werde.

Sollte das jeder mal getan haben, der Fleisch isst?

Nein und das wünsche ich auch nicht dem Tier.

Die Süddeutsche schreibt, Sie seien eigentlich nie ganz weg, aber manchmal müsse man Sie suchen.

Also ich finde mich immer wieder. Und sei es morgens vorm Spiegel. Aber ich kann nachvollziehen, dass man mich mal aus den Augen verliert. Es ärgert mich auch nicht, wenn man mich immer noch mit Canale Grande identifiziert. Ich habe ja in der Zwischenzeit viel gemacht, manches mit mehr, manches mit weniger Aufmerksamkeit von außen. Und Heu einzubringen oder eine Kalbsgeburt einzuleiten, sind sehr starke und seltene Erlebnisse, bei denen es blödsinnig wäre, zu fordern, dass jetzt darüber berichtet wird. Andererseits ist es doch erstaunlich, dass man sich in dieser schnelllebigen Zeit noch an etwas so lange zurück Liegendes wie Canale Grande erinnert, das ist 14 Jahre her.

Sind Sie in der Schweiz bekannter als hier, ein Star womöglich?

Durch meine tägliche Late-Night-Show war ich schon sehr bekannt, aber das ist ja schon eine Weile her und dauerte nur zwei Jahre. Das schaffte viel Medienpräsenz, auch negative Schlagzeilen, aber wenn ich heute durch Zürich gehe, habe ich nicht das Gefühl, dass sich die Leute nach mir umdrehen.

Waren Sie so etwas wie der Schweizer Harald Schmidt.

(nickt verlegen) Mhm, aber nicht mit dem gleichen Erfolg, mit dem gleichen Bekanntheitsgrad, nur – Harald Schmidt wird ja von fast allen geliebt, ich wurde mehrheitlich gehasst.


Fernsehköche: Zu viele & zu männlich

Die Herren der Töpfe

Kochen und kein Ende: Seit mehr als zehn Jahren wird im Fernsehen fast unablässig am Bildschirm gebrutzelt. Während der heimische Herd allerdings wie eh und je in Frauenhand ist, stehen im Fernsehen fast ausschließlich Männer davor. Die alte Rollenaufteilung ändert sich nur sehr langsam, das zeigt auch die neue Staffel vcon Steffen Hensslers Grillshow ab Sonntag, 20.15 Uhr, bei Vox

Von Jan Freitag
Mario Kotaska, Ralf Zacherl und Martin Baudrexel sind wirklich coole Jungs. Als Kochprofis stürmen sie seit 2005 Deutschlands Herdplatten und bekämpfen für RTL II kulinarische Missstände von Mensafraß bis Kantinenspeisung. Eine Arbeit für echte Spitzenkochkerle – zumindest im Fernsehen. Denn Frauen herrschen zwar bei aller Emanzipation weiter am heimischen Topfset, die TV-Küchen aber bleiben fest in Männerhand. Gerade zur Primetime. Dass mit Sarah Wiener nun erstmals eine Topköchin in diese Phalanx einbrach, ändert daran zunächst wenig. Die Österreicherin ist Dauergast bei Johannes B. Kerners Rezeptrunde und kochte auf ihrer Kulinarischen Tour de France regionale Feinkost nach. Immerhin ein Anfang. Wenngleich vor kleinem Publikum: Auf Arte.

Der NDR zementiert dagegen das alte Rollenbild. Da darf die erfahrene Moderatorin Sandra Becker für Steffen Henssler gerade mal Kräuter hacken und zwischendurch „mmmh“ summen, wenn ihr der Chef de Cuisine ein Löffelchen werdender Luxusgerichte in den Mund schiebt. Der Thirtysomething quittiert das dann stets mit jovialem Lächeln, hetzt seine Hilfskraft ansonsten aber tüchtig durch die Edelstahleinrichtung. „Sieh zu!“, raunzt er fröhlich, wenn sie die Mangos für den Tunacocktail zu langsam schält. Hier also der juvenile Spitzenkoch auf Exkurs vor die Kamera, dort die kommentierende Handlangerin. Und auch in der zweiten Staffel von Grill den Henssler ist ide Rollenaufteilung klar: Ruth Moschner moderiert, Steffen Henssler kocht. Alles beim Alte also.

Diese Rollenaufteilung hat seinen Grund – einen schlichten, wie NDR-Kulturchef Christian Stichler beteuert: „In der gehobenen Gastronomie gibt es eben nur Männer.“ In Hamburg etwa, Standort des Edelrestaurants Henssler & Henssler, gebe es unter den rund 30 herausragenden Küchenchefs gerade mal zwei Frauen. Schließlich, so Stichler, sei der Beruf äußerst anstrengend und familienunfreundlich. Das legt den Schluss nahe, er sei etwa in Frankreich und Skandinavien, wo TV-Köchinnen weitaus verbreiteter sind, entweder geruhsamer oder die ausübenden Frauen toughe Singles. Da beides Unsinn ist, muss es andere Gründe für das strukturelle Ungleichgewicht geben.

„Wir können uns ja keine Köchin ausbilden“, bemüht Stichler die Angebottheorie als Ursache der miesen Quote. Gegen dieses Argument spricht indes die langjährige Küchenpräsenz Alfred Bioleks oder die Popularität eines Clemens Wilmenrod, der ab 1953, als kaum ein Mann daheim den Löffel schwang, 180 Mal am Bildschirm bruzzelte – ohne Ausbildung, Wilmenrod war Schauspieler und steckte oft genug Kritik dafür ein, vom Essenmachen nicht halb soviel zu verstehen wie von dessen Präsentation. Es gab zwar in der Nachkriegszeit durchaus Mamsells im Umfeld biederer Haushaltssendungen, doch hauptamtliche TV-Köche tragen seit jeher y-Chromosomen. Sei es ein Max Inzinger, der in der öffentlich-rechtlichen Monopolphase bis 1982 am vorabendlichen Drehscheibe-Herd stand und später dem Ostpublikum im DFF-Format HAPS erklärte, wie man Kiwis isst. Sei es ein Ralf Zacherl, Vorzeigegourmet der privaten TV-Periode von heute. Sei es Alfred Biolek oder Alfons Schuhbeck, die schon immer im Fernsehen zu kochen scheinen. Seit dem Siegeszug des englischen Vorreiters Jamie Oliver geht der Trend indes zum Typus szeniger Jungkoch. Steffen Henßlers Jugendstil etwa bildet seit 2006 zweifellos einen Gegenpol zum beliebten, aber ergrauten Rainer Sass.

Ein Jahr zuvor setzte der Bayerische Rundfunk mit Alexander Herrmann und dessen Sendung Koch doch aufs gleiche Pferd. „Frauentyp“ nennt der Sender den „vermutlich charmantesten Koch Deutschlands“. Genau, was das Zielpublikum wünsche, beschreibt BR-Unterhaltungschef Thomas Jansing seinen Sunnyboy am Herd. Und das besteht nun mal vornehmlich aus denjenigen, die zuhause den Haushalt schmeißen, ist also überwiegend weiblich. Das gilt übrigens für fast alle der gut 100 Kochsendungen pro Woche (ohne die jährlich 60.000 Minuten des Billigkochsender TV-Gusto). Gäbe es eine Frau, „die das Handwerk mitbringt und gut moderieren kann“, so Jansing, „würden wir sie sehr gern nehmen.“ Diese Suche sei bislang vergebens gewesen. Hierzulande. Doch als der NDR 2006 einige Shows der schwedischen Starköchin Tina Nordström synchronisierte, liefen sie im Indoor-Monat Juli. Ansonsten gilt Jansings Maxime, „nicht ohne Not das Bewährte durch das Neue“ zu ersetzen.

Dabei verdrängt er, wie neu das Bewährte daherkommt. Nur gilt Tim Mälzers Role Model (modisch, locker, jung, schlank) nicht für die einzig wahrnehmbaren Frauen des Genres vor Sarah Wiener. Britta von Lojewski, die bei Vox das Kochduell leitete, bis ihr Mälzers Schmeckt nicht, gibt’s nicht den Sendeplatz klaute, war von der Sorte kumpelhafte Walküre und ließ andere braten. Lea Linster, laut Brigitte Europas beste Köchin, ist eher der Typ robuste Hausfrau, versauert als solche im SR und steht gelegentlich auf Kerners Besetzungsliste. Und Kathrin Rüegg entspricht nicht nur stilistisch dem Titel ihres Formats Was die Großmutter noch wusste beim SWR. Immerhin hat sich mit Sarah Wiener eine frischere Variante etabliert – und vielleicht den einen oder anderen Mann zum Kochen animiert. Zuhause, statt im Fernsehen. Wenn auch nicht unter Aufsicht von Pro7, das vier Junggesellen im Ringen um ein Weib je ein Single-Dinner zaubern lässt. Bleibt zu klären, ob der Sieger sein Herzblatt auch dann bekocht, wenn die Kameras fort sind.