Günter Netzer: Exfußballer & Stilikone

Mein Friseur in Zürich

So alt und immer noch kein Haarausfall: Günter Netzer wird 70. Zum Geburtstag dokumentieren die freitagsmedien ein Interview im Vorfeld der vorvorigen WM, bei dem der früheren Nationalspieler, Komoderator und Berufsjugendliche endlich mal nicht von jenem Pokalspiel erzählen muss, bei dem er sich selbst eingewechselt hat um dann in der Verlängerung blablabla. Stattdessen geht es ums Eingemachte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Netzer, kann es sein, dass sich die Frisuren von Ihnen und Gerhard Delling zum Ende Ihrer Beziehung hin immer mehr angleichen?

Günter Netzer: Ja, da ist was dran. Nur das ich meine nicht verändert habe.

Herr Delling meint dazu, er wisse gar nicht, was Ihr Friseur beruflich macht.

Also bitte, ich habe immer noch denselben Friseur wie 1976 und er versteht sein Handwerk vortrefflich. In Hamburg und anderswo hatte ich natürlich andere, immer solche, die einen guten Namen hatten, die was konnten. Aber keiner hat es so gemacht wie mein Friseur in Zürich. Doch ob Sie’s nun glauben oder nicht: Meine Haare waren das Letzte, worum ich mich gekümmert habe. Das hat einst eine langjährige Freundin übernommen; die ist verantwortlich für die Anfänge meines Äußeren.

Die hat Sie zum Trendsetter gemacht.

Aber gar nicht unbedingt wegen der Haare. Ein Journalist hat mal geschrieben, ich hätte schon Schwarz getragen, als es andere nur zur Beerdigung getan haben. Das hat mir sehr gefallen. Diese Farbe war schließlich gerade in der Provinz verpönt. Meine Diskothek in Mönchengladbach war ja auch komplett schwarz eingerichtet. Viele sagten beim Betreten, das war aber das letzte Mal, dass wir hier waren, bis ich sie dann um 6 Uhr früh rausfegen musste. Das war außergewöhnlich, auch mutig für die damalige Zeit.

Genau genommen haben Sie also Stil den deutschen Fußball gebracht, als er noch den Geist des Arbeitersports in sich trug.

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich bin sicher nicht angetreten, um dem Fußball durch meine Erscheinung zu bereichern oder zu entstauben. Aber die Art und Weise, wie ich Fußball gespielt habe, die war zweifellos eine andere als üblich, das ganze moderne Gladbacher Spiel hat die Leute fasziniert. Es hat sogar die 68er damals in unsere Richtung gezogen. Von den zwei großen Clubs dieser Jahre war Bayern München der geordnete, CSU-Verein, ganz ruhig, ohne Besonderheiten; in Gladbach gab es die Auffälligen, die Außergewöhnlichen. So wie den Netzer. Wie der aussieht – der lässt sich von der Obrigkeit nichts vorschreiben, der macht, was er will, der muss einer von uns sein…

Weit gefehlt.

Und wie! Ich bin und war ja nie ein politischer Mensch. Nichtsdestotrotz fand ich das überaus amüsant, aber völlig falsch.

Wollten Sie das Außergewöhnliche, Auffällige später dennoch in Ihre Funktion als Kommentator hineintragen?

Überhaupt nicht. Es haben schon viele versucht, meine Außenwirkung auf der menschlich-psychologischen Ebene zu erklären. Aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie versucht, mich zu verändern! Ich bin völlig authentisch, immer eins-zu-eins. Mit mir kann man keine Show machen. Und ich hasse das Fernsehen eigentlich. Deshalb kann ich mich dort selbst auch nicht anschauen. Das tue ich wenn möglich nie. Ich zeichne meine Sendungen nicht auf, um sie mir hinterher noch mal anzusehen.

Und Ihre aktiven Spiele?

Genauso wenig. So, wie sich besonders gute Schauspieler die eigenen Filme nicht ansehen können, konnte ich meine Spiele als Fußballer kaum ansehen.

Da ist Ihnen zweifellos etwas entgangen. Welche Fußballerlebnisse anderer Spieler sind Ihnen im Gedächtnis haften geblieben?

Ich tue mich mit solchen Erinnerungen, mit Vergangenheitsbewältigung im Ganzen unheimlich schwer. Wenn Sie mich jetzt also so fragen: ich habe da überhaupt nichts präsent. Daraus folgt, dass ich es mir auch abgewöhnt habe, Erwartungen in die Zukunft zu setzen. Grad vermeintliche Topspiele erfüllen die nämlich in der Regel nie. Das war zu unserer Zeit so und wird sich kaum ändern. Zwei Spitzenteams mit Superstars gespickt werden uns immer wieder enttäuschen.

Weltmeisterschaften werden folglich Feste hochklassiger Außenseiterbegegnungen.

Das wünscht sich jeder. Aber wir werden auch dieses Mal nicht in den Genuss kommen, dass zum Beispiel eine afrikanische Mannschaft weit kommt.

Wer wird denn der prägende Spielertyp?

Da gibt’s nur einen, das ist der Messi. Ich sage schon seit Jahren, das dass der beste Spieler der Welt ist.

Was Kollege Delling ganz anders sieht.

Sehen Sie – ich habe noch nie viel Wert auf das Fachwissen von Herrn Delling gelegt; das ist nachgewiesenermaßen nicht so toll.

Nach 13 Jahren vor der Kamera an seiner Seite – sind Sie da noch Fußballer oder schon Fernsehmann?

Ich wusste frühzeitig, dass ich weder Fernsehmann noch -profi sein werde. Weil ich es – und das ist jetzt kein Kokettieren – im Grunde überhaupt nicht kann. Das Medium ist mir nach wie vor suspekt, deshalb bin ich nach jeder Sendung froh, sie hinter mich gebracht zu haben. Der Grund ist ganz einfach: Meine Authentizität ist für mich das alles Entscheidende und die hat es am Bildschirm schwer. Die Leute werden mich auf der Straße genauso erleben wie im Studio, da gibt’s keinen anderen Netzer. Bei den meisten anderen geht das rote Licht an und die mutieren zu völlig anderen Personen, die spielen dem Zuschauer eine Rolle vor. Ich bin nie anders als im normalen Leben und erkenne mich dort jederzeit wieder. Dass meine Art vor der Kamera trotzdem Erfolg hat, ist natürlich hocherfreulich, aber wer er selbst bleibt in diesem Genre ist kein Fernsehmann.

Ist Ihre nüchterne Gelassenheit dennoch ein Statement in einer Branche, die immer schriller, lauter, bunter, sportferner wird?

Es entspricht zunächst mal mein Charakter. Aber stimmt schon: Das Schrille ist für mich im Fußball keine Lösung. Er ist nach wie vor eine hochseriöse Angelegenheit, die ich entsprechend hochseriös betreiben möchte. Ich hatte einen Trainer in Madrid, der sagte: Ich gestatte keine Scherze in meinem Beruf.

Oder wie es Liverpools verstorbener Trainer Bill Shankly ausdrückte: „Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod, es geht um mehr.

Großartig. Ich finde es nicht gut, wenn der Fußball zur bloßen Unterhaltung verkommt. Die soll auf dem Platz stattfinden; die Spieler da unten sind die Hauptpersonen, die sollen eine Show bieten, nicht wir oder irgendein anderer abseits des Rasens. Wenn deren Bedeutung die des Sports an sich übertrifft, wäre das fürchterlich für den Fußball.

Sie bestreiten Ihren eigenen Unterhaltungswert?

Nein, nein. Aber der war für mich eine riesengroße Überraschung. Und mir hat niemand gesagt, ich müsse das oder das tun, um ihn zu erreichen. Es gab überhaupt keine Strategie, um bei den Zuschauern möglichst gut anzukommen. Die Kommunikation von Delling und mir ist so gesehen ein purer Glücksfall. Das Schönste, das Wichtigste, was mir der Fußball fürs Leben mitgegeben hat, ist, dass ich ein Menschenkenner bin. Als es zu einer Zeit, da ich ihn noch gar nicht kannte, mal ein Gespräch zwischen ihm und mir beim NDR gab, 45 Minuten lang, nichts besonders, da wusste ich schon nach wenigen Momenten, dass wir einen Draht zueinander haben.

Was verbindet Sie noch?

Er ist ein Spießer. So wie ich. Er ist ein hochseriöser Junge. Man kann sich auf ihn verlassen. Er ist sprachlich auf dem allerbesten Stand. Und schon damals, bei diesem Gespräch, habe ich gemerkt, dass wir ganz eigene Ebene der Unterhaltung pflegen konnten. Die Sprache des Fußballs ist eben eine ganz eigene, geprägt von Humor. Man veralbert sich da gern, besonders die Rheinländer untereinander, von ihrem Naturell her.

So wie Gerhard Delling aus Rendsburg in Schleswig-Holstein.

Trotzdem ist es auch bei ihm der Fall. Nur nie auf einem billigen Niveau. Man muss über die Scherze der Gegenseite häufiger nachdenken. Aber der Glücksfall war nicht allein, dass es so ist, sondern dass die Leute es auch noch sehen wollen. Wir wollten beide nicht weltberühmt werden; solche Pläne kann man mit mir nicht schmieden. Ich lasse mir Erfolg nicht verordnen. Aber er war eben da.

Klingt ja fast wehmütig?

Ja? Ich lebe dieses Gefühl jedenfalls anders aus als normale Menschen. Die Minuten werde ich also gewiss nicht zählen, die mir noch verbleiben, um mit Gerhard Delling über Fußball reden zu dürfen. Ich bin nicht so ein Mensch, der in Momenten des Abschieds von den schönen Dingen melancholisch wird. Wenn es vorbei ist, dann ist es halt vorbei um Himmels Willen! Ich drehe es malm: In meinem Leben gab es so viele tolle Dinge und die Zeit mit Delling gehört dazu. Nicht wegen unserer Preise, sondern wegen der Leute draußen, weil mich auf der Straße Taxifahrer angesprochen haben. Sogar Frauen. Deren Beurteilung war für mich von jeher das Wichtigste

Die fachliche?

 

Nein, eben nicht. Das war mir schon immer ein Gräuel. Eine Frau, die mir sagt: na das war ja wirklich eine katastrophale strategische Leistung, strategisch alles falsch – so was brauche ich grad noch, am besten zuhause. Nein, der weibliche Instinkt hat mich schon immer zusammenzucken lassen. Frauen wissen im Zweifel nicht mal welche Mannschaft grad von wo nach wo spielt, aber ihr Instinkt, das Geschehen trotzdem einordnen zu können, gleich das aus. Toll!

 

Da sind Sie konservativ.

 

Und stehe dazu.


Sturm der Liebe: Zupacker & Rehkitz

Laues Lüftchen der Liebe

Unglaublich, aber wahr: Die ARD-Telenovela Sturm der Liebe sucht seit ein paar Tagen bereits das zehnte Hochzeitspaar in spe, diesmal also Julia und Niklas. Damit dürfte das Erste auch im Jubiläumsjahr Topquoten erzielen. Ein Versuch das Unerklärliche zu erklären.

Von Jan Freitag

Amnesie geht immer. Wenn Filmhandlungen zu verworrene Filmwendungen nehmen, wenn Filmfiguren unerkannt in andere Filmfiguren schlüpfen oder spätere Filmsequenzen plötzlich nicht mehr auf spätere passen wollen, dann eben: Amnesie. Mit der Diagnose Gedächtnisverlust lässt sich jeder dramaturgische spielend Graben überbrücken, und sei er noch so tief. Julia zum Beispiel nimmt die Identität ihrer tödlich verunglückten Freundin Sophie an, um deren Vater Geld zur Heilung ihres sterbenskranken Bruders abzuringen. Sollte der Geschäftsmann mit dem eisenharten Namen Stahl nicht ebenso wie sein gesamtes Umfeld taub, blind, blöd, jedenfalls ungeheuer naiv sein, ist das natürlich trotz eiartiger Ähnlichkeit der Rollentauscherinnen grotesker Unsinn; aber – hey! Wir sind hier in einer Telenovela.

Und da geht es nicht um Logik, es geht um den fiktionalen Rahmen eines Fernsehjahrs im Sturm der Liebe, an dessen Ende die „herzliche, aufrichtige Thailand-Aussteigerin“ Julia Wegener (Jennifer Newrkl) garantiert ganz in weiß vorm Traualtar landet, um dort den „leidenschaftlichen, erfolgreichen Sternekoch“ Niklas Stahl (Jan Hartmann) zu freien. Mit derlei Attributen versieht die ARD also nun bereits zum zehnten Mal ein Hochzeitspaar in spe, um dem Endlosformat sein Stammpublikum zuzuführen. Und wie gut das klappt, ist durchaus bemerkenswert.

Denn als vor ziemlich exakt neun Jahren das Premierentraumpaar im Dunstkreis vom Luxushotel „Fürstenhof“ und seiner wiederkehrenden Besatzung auf Tuchfühlung ging, war dieser Typus Seifenoper grad auf dem Weg nach oben. Seit Bianca – Wege zum Glück, die das südamerikanische Genre einer Protagonistin auf ihrem beschwerlichen Weg zur Ehe 2004 zugkräftig importierte, gab es mehr als ein Dutzend süßer Fräuleins mit „a“ am Ende, die das Format in 99 bis 333 Folgen zu ehrbaren Frauen machte. Heute gibt es abgesehen vom Heidschnuckenschmalz Rote Rosen allerdings nur noch Sturm der Liebe, die praktischerweise direkt hintereinander weg laufen.

Das wäre keiner Erwähnung wert, würde nicht Nachmittag für Nachmittag fast jeder dritte Zuschauer am Nachmittag zuschalten, insgesamt bis zu drei Millionen, überwiegend weiblich, selten unter 60. Und es dürften auch diesmal kaum weniger werden, wenn der blauäugig-kernige Zupacker Niklas um die rehäugig-kesse Julia buhlt. Den ersten Kuss dazu gab‘s schon zum Finale der vorigen Staffel, als SIE beim Baden im Gebirgssee ihre Herzchenkette verlor, die ER ihr flugs vom Grund fingerte, worauf es so heftig funkte, dass noch am Ufer tropfend die Lippen glühten, was allerdings nur Auftakt der branchenüblichen Irrungen Wirrungen bildet.

Das Wirkprinzip lautet: Wechselbäder der Gefühle, Distanz und Nähe in schneller Abfolge, prozessuale Liebesharmonielehre mit Misstönen, bis sämtliche Standards serieller Eheanbahnung durchdekliniert sind: Fieslinge, die auch fies aussehen, Sympathen, die aber mal sowas von nett sind. Dazu bei guter Laune Sonnenschein, bei schlechterer Wolken. Und Geigen, bis die Saiten reißen. Schließlich sind Telenovelas die Musicals der Seifenoper. Jede Mimik ist eine Spur drüber, jedes Lächeln etwas arg selig, jeder Furor viel zu furios. Trachten sorgen in Bayerns Bergwelt für Verlässlichkeit, Intriganz ist eine genetisch kodierte Wesenseigenschaft, Liebe währt wirklich, bis dass der Tod sie scheidet. Und Julia braucht genau 90 Sekunden sozialer Interaktion mit ihrem Zukünftigen, bis ihr erstmals das Wort „Schicksal“ über die bebenden Lippen kommt. Dem muss sie auf dem Weg zum Happyend zwar noch allerlei Schnippchen schlagen.

Aber es kommt. Und damit Jennifer Newrklas Chance, Henriette Richter-Röhl nachzueifern. Die erste Liebesstürmerin hat es als einzige zur wahrnehmbaren Anschlusskarriere gebracht. Sprungbretter sind selbst die haltbaren Versionen des Schrumpfgenres längst nicht mehr; ein gutes Training für höhere Aufgaben jedoch allemal. Vor allem dank der Leistung, täglich ganze Folgen abzudrehen, wo ernst gemeinteres Fernsehen kaum drei Minuten schafft. Kein Schauspieler muss sich schämen, da mitzumachen. Tag für Tag für Tag zuzusehen, wie bessere Laiendarsteller banale Baukastensätze billiger Drehbücher durchs Zahnarztlächeln drücken – dafür vielleicht schon eher.


Fuchsberger & Frösche

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

8. – 14. September

Niemand – also gut: niemand ohne Einkünfte bei RTL, hat dem Sonntag vor acht Tagen eine Chance gegeben. Vor der ersten Privatübertragung eine EM-Spiels mit deutscher Beteiligung ahnte jeder: Das wird schlimm. Und siehe: es wurde schlimmer. Zwischen An- und Abpfiff war der Qualifikationsauftakt gegen Schottland noch manierlich; Kommentator Hagemann hat nicht wesentlich mehr vermasselt als Réthy oder Poschmann an öffentlich-rechtlichen Tagen. Aber davor. Und danach. Oh Gott!

Nach Aussagen jener, die das siebenstündige Sperrfeuer voll durchlitten haben, war es zu bunt, laut, banal, distanzlos, kritiklos, sinnlos, lang, dumm, ergo: zu RTL, die zum Beispiel den ganzen Abend über nicht ein Mal das anstehende Referendum über die Unabhängigkeit des Gegners erwähnt haben (dafür jedes schottische Vorurteil von Manneskraft bis Geiz). Jens Lehmann und Florian König waren lausige Moderationskarikaturen. Und Teile des Interviews mit Jogi Löw liefen zeitversetzt. Ein Desaster.

Was das Publikum aber nicht daran hinderte, RTL eine bessere Quote als dem parallel laufenden Tatort zu bescheren. Gut, es war der Schweizer, und magere drei Millionen Zuschauer mehr zeigen, dass RTL weder ein Fernseh- noch ein Sport-, geschweige denn Fußballsender ist. Entsprechend stank ein tagelanger Shitstorm, der den Verdacht nahelegt, dass RTL die Deutschen eher vom der Nationalmannschaft entfremdet als neue Kunden zu gewinnen. Die dürften ohne weiter in Scharen abwandern, wenn der Streaming-Dienst Netflix diese Woche ins Netz geht. Ohne House of Cards zwaar, aber mit der Sendung mit der Maus.

Ohne Blacky Fuchsberger muss das Fernsehen schon lang auskommen. Dennoch vergrößert sein Tod am Donnerstag den Riss im kollektiven Gedächtnis. Zu seiner Glanzzeit hatte das Fernsehen ja noch Relevanz und Größe – etwa wie der Spiegel, der ab 2015 samstags erscheint. Warum das hier erwähnt wird? Weil der Focus nachzieht. Natürlich nicht wegen der Hamburger Konkurrenz, macht BurdaNews-Chef Burkhard Graßmann unglaubhaft. Weil es den „Gewohnheiten unserer Leser entgegen“ komme. Stimmt, die freuen sich dann nämlich auf zwei Tage RTL und Saufen, Inhalte stören da nur.

TV-neuDie Frischwoche

15. – 21. September

Inhalte jedenfalls, wie jene, mit der das ZDF zeigt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen ausmacht: Abschied von den Fröschen ist exquisite Unterhaltung, läuft aber Dienstagfrüh um 1:00. In Worten: ein Uhr. Diese Anstoßzeit hat das bewegende Porträt des gefeierten Berliner Filmemachers Ulrich Schamoni, der sein Leben bis zum Krebstod 1998 gefilmt hat, echt nicht verdient. Im Gegensatz zum royalen Mumpitz Prinz Harry – der wilde Windsor. Doch für Blaublutbäder reserviert das Zweite liebend gern die morgige Primetime.

Anspruchsvoller werden darf es wieder nach Mitternacht, wenn auf gleichem Kanal das aufwühlende Drama The Help über eine junge Reporterin läuft, die 1963 den rassistischen Alltag Mississippis in einem Buch beschreiben will – und auf rüden Widerstand stößt. Das dürften also ein paar weniger sehen als tags drauf den Auftakt der Bayern in die Champions League 2014/15, wofür das ZDF Millionen verpulvert, die Sat1 auch nicht schlechter verpulvert hätte. Und es ist kaum zu erwarten, dass die Quote von etwas Besonderem parallel auf EinsPlus verglichen damit messbar wird: Um 20.15 Uhr zeigt EinsPlus die Doku Soundwave2Berlin, das Ergebnis eines Segeltörns durch 40 Länder, auf dem die Österreicher Hannes Koch und Benni Schaschek Töne für ein beispielloses Album gesammelt haben.

Bilder hat dagegen Fatih Akin gesammelt, im türkischen Dorf seiner Großeltern. Dessen Kampf gegen eine riesige Deponie hat der Regisseur sechs Jahre begleitet; das Ergebnis Müll im Garten Eden zeigt der NDR heute um 23.15 Uhr. Ebenfalls ein Experte für Müll, allerdings als Verursacher, ist Lakshmi Mittal, der es zum reichsten Inder ever gebracht hat. Dienstag (20.15 Uhr) zeigt Arte Die Schattenseiten des Stahlmagnaten und damit, dass man Kapitalismus ruhig kritisieren darf. Das muss jetzt nur noch RTL erfahren, wo drei Stunden später zwar immerhin mal eine ernstgemeinte Reportage läuft. Dabei kümmert sich Baust du noch? jedoch weniger um all die Proteste gegen das erste innerstädtische Ikea in Hamburg, sondern staunt lieber darüber, was man doch für Riesenklötze mitten ins Wohngebiet bauen kann. RTL lernt es eben nie.

Im Gegensatz zur ARD. Deren Schnulzenfabrik Degeto hat sich nämlich dahingehend reformiert, dass der Freitagabend nicht mehr grundsätzlich seifig ist, sondern manchmal richtig gelungen. Der Seitensprung etwa, den Claudia Michelsen als Mutter und Managerin ihrem untreuen Mann verzeiht, sorgt für ein Patchworkkonzept, das ziemlich sehenswert erzählt wird. Was direkt zum Tipp der Woche führt, Dienstag um 22 Uhr auf Servus: Absolute Giganten, mit dem Sebastian Schipper 1999 nicht nur die dreckigen Seiten Hamburgs schön gefilmt hat, sondern drei Darsteller zu Stars: Frank Giering, Antoine Monot, Florian Lukas. Geil.


Reportage: Die Egalbar & das Kneipensterben

egal-540x304Zuhause

Nachbarschaftskneipen sterben langsam aus. Eine davon war die Egalbar im Karoviertel. Um sie nach dem Abriss zu erhalten, hat sich ein Künstler die Einrichtung gesichert und baute sie bereits in Paris und Leipzig wieder auf. Jetzt öffnet sie für zehn Tage in Hamburg ihre dreckige Tür – ausgerechnet dort, wo sie bis 2012 stand.

Von Jan Freitag

Heimat ist ein emotional aufgeladener Begriff. Als Chiffre für innige Ortsverbundenheit rechtfertigt er Hass, Gewalt und Kriege ebenso wie Demut, Idealismus, Liebe. Heimat steckt in Staaten, Zonen, Dörfern, Plätzen, Straßen, Häusern, sogar Sofas. Sie ruht überall, wo Menschen nicht bloß herstammen, sondern hingehören, wo sie leben. Das können auch 30 Papierrollen sein.

In einem Atelier am Rande Bahrenfelds, umringt von Sperrholzplatten, Malerutensilien, Bastelkrams versprühen sie zwar noch weniger Heimat als das öde Gewerbegebiet ringsum. Dann aber beginnt Nils Emde davon zu erzählen. Von der Leidenschaft, die sich darin verbirgt. Von Herzblut, Verbundenheit, von all dem, was der Künstler „Erinnerungsraum“ nennt, „Soziotop“, einen Sehnsuchtsort. Und es ist nicht nur seiner.

Es ist die Egalbar.

Besser gesagt: sie war es. Die Egalbar gibt’s nicht mehr. Gut 120 Jahre befand sich da, wo die Marktstraße zum Heiligengeistfeld abknickt, stets eine Gaststätte. Forin hieß sie, als Bismarck Kanzler war. W. & G. Thiese, als das Bier noch immer per Kutsche kam, Pappnase bevor sie der letzte Betreiber Jurij Klauss 1994 Egalbar taufte. Doch wer auch immer die Eckkneipe betrieb: Aus dem Karoviertel war sie so wenig wegzudenken wie der Schlachthof nebenan. Nur: Dort wird heute kein Tier mehr zerlegt. Und die Egalbar? Zu, abgerissen, ersetzt durchs übliche Glasstahlinferno Hamburger Architektenignoranz.

Ein Rückzugort weniger also im innerstädtischen Aufwertungsfuror, der jeden normabweichenden Ort – abgenickt vom zahnlosen Denkmalschutz – leichthin von der Bildfläche tilgt. Auch Nils Emde könnte noch immer heulen, dass er ihm die Stammkneipe geraubt hat. Doch der 40-Jährige mit den sanften Augen unterm Fünftagebart zählt nicht zu jenen, die ihr Elend am Tresen ertränken. Deshalb hat er ihn einfach mitgenommen. Und nicht nur den. Mit zwei befreundeten Künstlerinnen sicherte sich der HFBK-Dozent für Fotografie Anfang 2012 das ganze Interieur: Hocker, Tische, Stühle, Büffet samt Geschirr, dazu Nippes, Diskokugel und vor allem: Die Wände. Nicht im Ganzen, aber maßstabsgetreu abgelichtet.

Statt in Nostalgie zu schwelgen, lassen Nils Emde und seine Partnerin Elena Getzieh die Egalbar seither wiederauferstehen. Zuerst bei einem Künstleraustausch in Leipzig, wo reichlich importiertes Astra übers Originalmobiliar ging, als sei Zeit doch umkehrbar. Kurz darauf: Paris, angeliefert in zwei Lastern. Dann die documenta, „der Wahnsinn“, erinnert sich Nils Emde an 60 Tage Betrieb auf der weltwichtigsten Kunstausstellung. Es waren melodramatische Wochen. Fast jeder Stammgast fand den Weg aus Hamburg nach Kassel, schwankte zum Sound der versifften Anlage mit dem Telefonhörer als Headphones und ständig, erinnert sich Nils Emde ans leidlich geförderte Gastspiel, war die bierselige Klage zu hören: wie schön es zwar sei, dass ihr altes Zuhause als mobile Immobilie die Weltgeschichte bereise. „Aber wann kehrt sie denn bloß wieder heim?“

Heute.

Die Egalbar ist zurück, jedenfalls die Hälfte der 50 Quadratmeter, als Raum-in-Raum-Installation. Exakt dort, wo sich an einem kalten Februar-Morgen vor fast drei Jahren die Tür mit Tags aus 18 Jahren schloss, bieten ihr die Schlumper zehntägiges Asyl an alter Wirkungsstätte. Und wer den virtuellen Wirt Nils beobachtet, wie er mit dem realen Betreiber Jurij die originalverdreckten Kühlschränke ins saubere Weiß der Galerie wuchtet, wie die nikotingelben Wände von einst Bahn für Bahn Gegenwart werden, wie selbst das alte Spendenschiff für Seeleute in Not auf dem echten Tresen landet, dann ist es mehr als eine Heimkehr. Es ist ein Statement gegen die urbane Geschichtsvergessenheit. Nils Emde sagt: „Ihr könnt Räume zerstören, aber keine Orte.“  Rastplätze für Gedanken, Gefühle, für einen Rest von Miteinander ohne Profitinteresse.

Wie das räudige „Na und?“ in der Wohlwillstraße, das die nächste Cocktailbar zwar äußerlich aufmöbeln kann, aber nie ersetzen. Solche Anwohnerbiotope, Schmelztiegel unterschiedlichster Daseinsentwürfe, werden allerorten ersetzt durch Kettenprodukte oder schlimmer noch: durch nichts. Wo Entertainment häuslich oder genormt wird, weicht auch die Pavillonzeile am Hamburger Berg – das Kieck ut!, das Lucky Star – bald austauschbarer Formatgastronomie. Spekulanten wie Ernst-August Landschulze wüten so verheerend im Herzen Hamburgs, dass selbst die Vertragskündigung der Gentrifizierungskeime bp1 und bedford am Schulterblatt Widerstandsimpulse auslösen.

Und sei es einer, der das Vergangene im Kleinen konserviert. Wie das Kunstkollektiv BarKeepers. Seit dem nahenden Ende ihrer Egalbar bauen zwei Hamburgerinnen Clubs von Astra-Stube bis Molotow in Schuhkartons nach, um sie wenigstens en minature zu erhalten. Das war, sagt Nils Emde, „eine Schnapsidee wie unsere“, entstanden am selben Tresen, als die Verlustangst statt Trauer und Wut noch kreative Kraft entfaltete. Deshalb hat er die BarKeepers eingeladen, ihre verkleinerte Version der Egalbar neben seiner aufgebauten auszustellen. Dort, wo am 29. Februar 2012 nach 50.024 Betriebsstunden, Emde erinnert sich genau, I Can See Clearly Now aus den morschen Boxen kam. Ein Hit der 70er, als die Bar Spelunke war. Wie zuvor. Wie zuletzt. It’s gonna be a bright / Sun-Shiny day sang Johnny Nash zu heiteren Bläsern. Klingt wie der Moment, wenn man betrunken ins Sonnenlicht wankt, nach einer langen Nacht daheim, in der Kneipe. Diese Erinnerung ist schöner als jeder Neubau.

Mehr Text, Bilder, Kommentare unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-09/kunstprojekt-egalbar-kneipe

 


Electrofriday: Zoot Woman, Porter Robinson, Moiré

Zoot Woman

Wer das Wort “Zusammenprall” im Label trägt, sollte es eigentlich tüchtig krachen lassen. Zumindest war das vor gut zehn Jahren der Fall, als monoton mäandernder Synth Pop auf harten Rock stieß und sich fortan Electroclash nannte. Nicht ganz unerheblich für diese Entwicklung war seinerzeit eine Band namens Zoot Woman. Ihr Debütalbum Living In A Magazine hat das Genre 2001 je nach Lesart entweder befeuert, womöglich gar begründet. Schließlich rasselten da plötzlich Gitarren und Gesänge unter die Synthesizer, wie es sie zuletzt im frühen Rave der späten Achtziger gegeben hatte. Hurra – im jungen Jahrzehnt war bereits ein frischer Stil geboren! Und eine Hypothek. Denn seither musste sich das britische Quartett um sein Mastermind Stuart Price stets am bewegenden Anfang messen lassen. Das ging ein zweites Album lang ganz gut, das dritte dann schon nicht mehr so richtig. Jetzt erscheint mit Star Climbing Nummer vier und hier clasht dann eigentlich gar nichts mehr.

Stattdessen ergehen sich die elf Stücke in einer elektronischen Geschmeidigkeit, in die herzlich wenig hineinstößt, schon gar keine Gitarren. Star Climbing ist so rockig wie ein Abend mit Jean Michel Jarre. Das kann man bedauern, man kann es aber auch hinnehmen und einem warmen Sommerregen gleich an sich vorüberrauschen lassen. Bis das Album mit der passend betitelten Rock’n’Roll Symphony zur Plattenmitte hin tatsächlich etwas Fahrt aufnimmt, sind bereits vier Tracks durchs Innenohr geweht, als wäre es ein einziger. In The Stars Are Bright Richtung Finale wird es zwar kurz mal beinahe zackig. Danach aber erinnert nur der dauernde Dopplereffekt daran, dass Zoot Woman mal wilder mit den Elementen gespielt haben. Und so gerät das D im Kürzel EDM eher zur Electronic Dream als Dance Music. Kein Schwung, keine Inspiration, kein Aufwühlen, geschweige denn Umwälzen, aber – so what?! Mit Stuart Prices wachsweicher Schmusestimme über, unter, in allem, verfolgt das vierte Album in 13 Jahren eben keine Strategie gezielter Disharmonie; Zoot Woman liefern einfach den lässigen Soundtrack zur gepflegten Langeweile eines Spätsommersamstagnachmittags.

Da verkantet nichts, da fusioniert wenig, da wird einfach nur gediegen zur Entspannung animiert. Mit Jasmin O’Mearas nie versiegenden Orgelfetzen. Mit Adam Blakes Schlagzeug, das scheinbar inexistent doch immer wieder für unterschwellige Beschleunigung sorgt. Mit einem Gesang, der von nichts Tiefgründigeren singt als irgendwas mit “Closer”, das im Reim auf “Longer” in drei, vier, fünffacher Wiederholung verhallt, bis man beim Zuhören auf herbstwiesenhafte Weise sediert ist. Das lässt sich weit einfacher lieben als mögen – elegant bleibt Star Climbingdennoch, wohltuend und heilsam für gestresste Großstadtseelen. Und mal ehrlich: Electroclash ist ohnehin längst Geschichte. Bis das neue, große Mashup-Ding kommt. Vielleicht Doom-Metal-Easy-Listening. Das machen dann aber andere.

Zoot Woman – Star Climbing (Embassy One)

Porter Robinson

Der Sommer ist die Jahreszeit leichter Genüsse. Man lümmelt am Strand herum und lässt sich entspannt rösten. Serviert werden warme Limo und Softeis, abends dann schlichte Grillage zum Bier und je nach Appetit auch mal Süßigkeiten wie Slush Puppie, Erdbeerbowle, Mundzementierer also. Zuckerzeugs. Und dazu gibt es natürlich die passende Musik, gerne Sommerhits genannt, zumindest beachpartykompatibel. Manchmal klebt sie in den Ohren wie die eingangs besprochene Kulinarik im Rachenraum. Brause, Bratwurst, Eiscreme, Mixdrinks: Porter Robinson strahlt gewissermaßen alles auf einmal aus, vorab verquirlt, schockgefrostet, kurz angetaut und mit Schirmchen serviert. Einem sehr glitzernden Schirmchen.

Robinson ist ein blutjunger Soundbastler aus dem kleinstädtischen Herzen North Carolinas, der sich dem Leichtesten, Buntesten, Heitersten, Tanzbarsten dessen verschrieben hat, was die Wochenendgemeinde weltweit elektronisch auf die Dancefloors treibt. Sein erstaunliches Debütalbum Worlds schmeckt so gesehen ein bisschen wie Caprisonne mit Fleischeinlage und kühlem Pils im Cocktailshaker. Klingt scheußlich? Ist es auch. Aber ziemlich gut. Man muss sich nur mal seine aktuelle Single Lionhearted anhören, die der 21-Jährige mit Dackelblick an der Seite der schwedischen Indie-Band Urban Cone aufgenommen hat. Nach ein paar Synthiefetzen zittert Robinsons Popfalsett zu Miami-Vice-Drums unter einem Neunzigerjahrekeyboardteppich, dass es einem die Amalgam-Plomben aus den zweiten Zähnen zieht. Das ist in seiner Überfrachtung ständig ein bisschen zu viel – und doch genau richtig, um einer verregneten Sommernacht Schwung zu geben. Gelernt ist eben gelernt.

Schließlich hat er im heimischen 50.000-Einwohner-Städtchen schon als Teenie japanische Computerspiele an der Heimorgel nachgespielt und diesen Hang zum fernöstlichen Kleinklein in seine Anschlusskarriere als gefragter Remixer und Produzent überführt. Noch heute klingt die Hälfte seiner Stücke, als liefe nebenbei eine uralte Atari-Konsole. Dass der Sound darüber am Ende aber doch fett gerät wie aus Boxenturmsiedlungen, liegt an seiner jüngeren Vergangenheit im Progressive House mit Dubstep-Nähe. So flicht er seine wuchtigen Beats unters zarte Popgespinst und sorgt für etwas mehr Elektronik und etwas weniger Dance im EDM. Stücke wie das süffige Flicker oder mehr noch das fast seifige Years of Warklingen dann am Ende eben doch eher nach Gegenwart als Eurodance. Gut, das ist nicht immer elaboriert, geschweige denn gediegen. Ein paar frei erhältliche – wenn schon nicht illegalisierte – Drogen könnten überdies helfen, hektisches Augenzucken zu verhindern. Was soll’s – so schmeckt der Sommer. Nicht fein, aber ziemlich lecker.

Porter Robinson – Worlds (Virgin)

Moiré

Es ist nie das Schlechteste, ein klitzekleines Geheimnis um sich und seine Ziele zu haben. In der Liebe ist das kaum anders als im Krieg, im Alltag genauso wie auf dem weiten Feld der Kunst. Der Londoner Musikproduzent Moiré zum Beispiel zelebriert das Rätselhafte um seine Person. Bisweilen sind seine flinken Finger an den Reglern auf der Bühne zu bestaunen. Bis auf ein paar Kollaborationen und EPs war allerdings noch nichts Großes, Eigenständiges auf Tonträgern zu hören. Das ändert sich nun zwar mit seinem berückenden Debütalbum Shelter. Doch der versierte Live-DJ hält offenbar weiterhin wenig von Publicity und Bekanntheit. Diese Zurückhaltung scheint auch auf seinen Sound abzustrahlen. Den ausschließlich im Bereich des Minimal House zu verorten, ginge schließlich trotz des gemächlichen Tempos an der Sache vorbei. Von Progressive bis French verstecken sich darin allerlei weitere Komponenten des Genres. Im verstörend beatlosen Elite/Hands On etwa experimentiert Moiré gelegentlich mit verquirlten Klangkollagen jenseits fester Songstrukturen, findet aber gleich im Anschluss (Infinity Shadow) zu fast discotauglicher Dynamik mit stilisierten Vocals zurück.

Moiré bleibt konsequent in der Unergründlichkeit seiner Person und belässt auch sein Erstlingswerk stilistisch eher im Dunkeln. Da rauschen die Bässe manchmal hinein, als würde gleich ein fettes Techbrett gebohrt. Dann aber rascheln nur noch weiche Synthieflächen unter der unverwüstlichen Hi-Hat. Eine Dreiviertelstunde wirkt es so, als schliche Moiré nicht nur um seine wahre Identität herum, sondern auch um jede Festlegung auf irgendetwas Greifbares an seiner schüchternen Version der EDM. Nie ist zu ahnen, was er vorhat. Will er die Massen zum Tanzen bringen oder zum Lauschen? Unterhalten oder sedieren? Will er, wie im Klatsch-House von Stars, in den überfrachteten Pop abbiegen oder, wie im anschließenden Rings feat. Charlie Tappin, Richtung Ambient-Reduktion? Bezweckt er überhaupt etwas mit Shelter oder dekliniert da nur ein Mischpultvirtuose seine Liebe zum Verketten dessen, was er in der Welt der Geräusche so Bizarres findet?

Vermutlich von allem ein bisschen, jedenfalls von nichts zu viel. Deshalb kann man sich in einem Moment wunderbar im vielfältigen Kosmos der acht Tracks verlieren, um im nächsten so eine merkwürdige Zappeligkeit in den Beinen zu verspüren. So bringt uns Moirés erstes Album eine Art Festivalmusik für die Stunden nach der Kernpartyphase vorm Sonnenaufgang. Es lockt Kraftreserven aus den müden Knochen, leert sie aber nicht vollends. Chill-out-Sound in der Morgenbrise. Die ambrosischen Stunden. Eine geheimnisvolle Zeit, erfüllt mit Musik eines geheimnisvollen Künstlers.

Moiré – Shelter (Werkdiscs/Ninja Tune)

Alle Texte sind vorab erschienen unter http://blog.zeit.de/tontraeger/

 


Michael Kessler: Parodist & Realitätskopierer

Mit Humor hat das wenig zu tun

In Kessler ist… schlüpft der Switch-Parodist Michael Kessler donnerstags um 22.30 Uhr (ZDFneo) in die Rollen Prominenter und interviewt sie dann als Spiegelbild ihrer selbst. Ein Fernsehexperiment – das aus Sicht des Künstlers nichts mit Humor zu tun hat. Nach Matthias Steiner zum Auftakt wird der famose Komiker heute zu: Heino.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kessler, wenn Sie als Kessler ist… in die Rolle Prominenter schlüpfen, denkt man sofort an einen Abklatsch von Switch.

Michael Kessler: Ein Fehler!

Aber erwartet man von Parodien nicht automatisch Humor?

Vorsicht! Der Begriff mag ja bei meinem Namen aufpoppen. Kessler ist… will aber keine Eigenarten Prominenter karikieren, wie es Parodie gemeinhin tut, sondern die Figur vollends kopieren – inklusive des Wissens um ihre Biografie. Mit Humor hat das wenig zu tun.

Womit dann?

Tja. Mit dem offiziellen Label „Personality-Doku“ tue ich mich schwer. Das Wesen der Sendung ist es, einen Prominenten in zwei Wochen persönlichen Begleitung plus Recherche so gut kennenzulernen, dass man sich nicht nur 1:1 in ihn verwandelt; am Ende sitzt ihm sein Doppelgänger ja im Interview gegenüber und fragt ihn selber, was er von sich wissen will. Ich versuche mich also nicht nur physisch zu verwandeln, sondern auch seine Lebensthemen zu entdecken.

Während Sie kurz vorm Interview in der Maske sitzen, sagen Sie einmal „so, jetzt bin ich Joachim Llambi“. Glaubten Sie das da wirklich?

In dem Moment schon, denn Michael Kessler verschwindet total hinter der Figur. So sehr, dass Originale und Kopien bislang bei jeder der fünf Interviews ihrer selbst gleichermaßen aufgeregt waren. Bei mir schon deshalb, weil ich die Person zugleich spielen und sein muss.

Nach welchen Kriterien wählen Sie solche Personen überhaupt aus – zunächst nach optischen oder gleich nach schauspielerisch machbaren?

Bei Switch hatten wir ein Ensemble, wo geschaut wurde, wer auf welche Figur passt. Hier muss ich mit denen arbeiten, die sich zum Experiment bereit erklärt haben. Deshalb ist auch eine Frau dabei.

Die Ex-Pornoqueen Michaela Schaffrath.

Das war die größte Herausforderung, weil man in der Travestie schnell bei Charly’s Tante ist. Masken können sich immer nur annähern, aber wenn das Gespräch funktioniert, verwischen die Unterschiede schnell.

Ist der Unterschied zur Parodie also, dass Sie keine Marotten hervorheben, sondern das Gewöhnliche?

Richtig. Es geht um Inhalte, nicht Lacher.

Wann ist Ihnen überhaupt aufgegangen, dass Sie Menschen gut nachmachen können?

Ich habe jedenfalls nicht schon mit zwölf die Lehrer kopiert. Meine Karriere funktionierte nie so, dass ich bestimmten Fähigkeiten nachgegangen bin. Es waren eher Interessen. Wenn mir etwas gefällt, probiere ich es aus. Die Parodien von „Switch“ kamen ebenso zufällig auf mich zu wie die Improvisation der „Schillerstraße“. Ich weiß noch, wie mir in beiden Fällen der Arsch auf Grundeis ging, ob es funktioniert.

Wobei die Messlatte vor Publikum, ohne Schnitt, ohne Drehbuch größer ist oder?

Das stimmt, man muss das mögen. Deshalb gibt es Kollegen, die sich aus Angst vorm Scheitern nicht aufs Improvisieren einlassen. Auch ich hatte vor der ersten Folge die Hosen gestrichen voll, aber genau das reizt mich. Es ist Teil meiner Kreativität, mich ohne doppelten Boden austoben zu können, was übrigens auch bei meinen Taxifahrten durch Berlin oder auf dem Esel durch Brandenburg der Fall ist, wo ich morgens nicht weiß, was bis abends passiert. Ohne den Mut zum Risiko, nur auf Nummer sicher erringen Künstler ebenso wenig wie Manager wirklich bedeutende Erfolge. Mein Antrieb ist die Bereitschaft zu scheitern.

Die auch zu Beginn Ihrer Karriere groß war, als Sie vor allem Episodenrollen in leichter Unterhaltung gespielt haben. Hatte der künftige Komödiant je Angst vor der Zukunft?

Sogar vor der Gegenwart! Deshalb war es eine ganz schwere Entscheidung, mein Engagement am Nationaltheater Mannheim zu kündigen. Letztlich war es die richtige, aber nach „Switch“ hatte ich ein Jahr lang nicht mal Castings, geschweige denn Rollenangebote. Das war nach der Wochenshow 2001 ähnlich, wo niemand angerufen, wo nichts funktioniert hat. Da fragt man sich als Schauspieler schon: war’s das jetzt?

 

Und seine Antwort?

Ich war immer ein vorsichtiger Mensch, der Geld zurückgelegt hat. Von daher war ich auf schlechte Zeiten vorbereitet und hatte noch die Option, zurück ans Theater zu gehen. Damals reifte aber auch die Erkenntnis in mir, dass man als Schauspieler eine Nische braucht. Bei mir war das Comedy, nicht die schlechteste übrigens. Wer in seiner erfolgreich ist, zählt zu den wenigen im Fach, die von ihrem Beruf gut leben können.

 

Anderseits ist die Nische schnell ein Gefängnis.

Richtig. Aber ich konnte dem deutschen Schubladendenken dadurch entgehen, dass ich mich in Rahmen meiner Nische häufig neu erfunden habe. Immer die gleichen Witzfiguren wären mir definitiv zu langweilig, deshalb sind solche wie in Kesslers Expedition auch sehr eigen. So halte ich mich seit mittlerweile 22 Jahren im Beruf, tauche gelegentlich wieder ab, komme aber stets zurück und bin vor allem künstlerisch glücklich. Solange ich noch guten Gewissens in den Spiegel sehen kann, riskiere ich auch weiterhin das Scheitern.

Bei welcher Parodie oder Kopie war das Risiko zu groß?

An einigen, da gehe ich durchaus hart ins Gericht mit mir. Im Krimi kann man seine Arbeit schließlich nur an der Rolle messen; die Parodie misst sich mit der Wirklichkeit, und die ist ein strenger Juror.

Also – welche?

Oliver Pocher. Oder mein Guido Cantz – schrecklich! Parodien sind immer Experimente; manchmal geht es auf, manchmal nicht.

Was würden Sie gern noch unbedingt aufgehen lassen?

Ach, jeder Charakter ist auf seine Art herausfordernd. Je weniger er anzubieten hat, desto schwieriger. Ein lauter Horst Lichter mit Dialekt ist viel einfacher als ein trockener Peter Kloeppel. Am spannendsten wäre es, mich selbst zu kopieren. Könnte die letzte Folge sein.


Tracks: Musikfernsehen & Fernsehmusik

Tracks_HDSeismographen des Pop

Tracks ist nicht nur die beste, sondern letzte echte Musiksendung. Zu schade, dass auch Samstag, wenn Arte sein Prachtstück mal wieder rundumüberholt, wieder mal kaum einer zusieht.

Von Jan Freitag

Manchmal muss sich anspruchsvolles Fernsehen an Kleinigkeiten erfreuen. Im Vorjahr, sagte Marie-Anne Iacono vor einigen Jahren mal über ihr liebstes Kind bei Arte, „haben 1,3 Millionen Personen mindestens einmal 15 Minuten Tracks gesehen“. Ojemine. Auch wenn es in Frankreich dreimal so viele waren – mit diesen Zahlen vegetiert das klingende Lifestylemagazin selbst in der televisionären Sauregurkenzeit Richtung Mitternacht im Nirwana der Wahrnehmung. Übertrumpft von Golfübertragungen bei Eurosport, überholt von Westernwiederholungen im Spielfilm-TV, übertölpelt von Riesenbaggerreportagen auf N24. Das ist weniger schade, als eine Schande, denn Tracks ist nicht nur die beste Musiksendung im Land, sondern genau genommen die einzige.

Über jeden Sat1-Blockbuster wird heutzutage mehr Sound gekippt als in eine typische Viva-Show. Ambitionierte Epigonen von VH1 bis Viva2 wurden nicht ohne Kalkül im Quotenrennen an die Wand gefahren. Sogar das legendäre „Top Of The Pops“ wurde nach 42 Jahren von der BBC beerdigt. MTV, wo einst der Videoclip seinen Durchbruch feierte, wo die Jugend musikalische Inspiration, das Alter Retrospektiven und der Mainstream Unterwanderung erfuhr, läuft längst unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Pay-TV. Und kaum hört sich mit ZDFkultur ein wahrnehmbarer Spartenkanal in der Independent-Kultur um, wird er vom Muttersender auch schon wieder beerdigt. „Wir sprechen von der Vergangenheit, wenn wir über Musikfernsehen reden“, klagt mit Steve Blame ein MTV-Moderator aus Zeiten, da man für diesen Job statt Astralleibern noch Fachverstand benötigte. Heute dagegen, so Blame im Online-Magazin Tonspion weiter, gebe es nur Jugendfernsehen.

In der Tat, denn die Zuschauer der bestätigenden Ausnahme mögen deutlich jünger sein als das Restpublikum bei Arte. Mit rund 43 Jahren sind die „Tracks“-Fans aber auch alles andere als juvenil. Die Generation Pickel lässt sich bei Viva auf die Kommerzwelt impfen, die der Falten schunkelt öffentlich-rechtlich zu Blaskapellen, dazwischen herrscht so gähnende Leere, dass man Peter Illmanns seliger Chart-Show Formel 1 nachzutrauern geneigt ist, die das Erste 1990 mit der Begründung absetzte, man könne ja nun permanent im Privatfunk Videos gucken. Es scheint eine Primärtugend der ARD, sich konsequent Richtung Vergreisung zu programmieren.

Immerhin schuf dieses Vakuum zwischen Beat-Club, Hitparade und konsumorientierten Zielgruppenkanälen Freiräume für Tracks. Wenngleich fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Frühjahr 1997 ging die französisch-deutsche Co-Produktion on Air, damals noch als reines Musikformat. Ein ehrgeiziges, ein kostspieliges Projekt, das via Hamburg, München, Berlin, Paris mit Beiträgen vom ganzen Globus gefüttert wurde. „Quotengift“, befand Mitentwicklerin Tita von Hardenberg, die ihre Firma Kobalt Productions auch für den schon damals gewagten Mix aus Populärkultur und ihrer hintergründigen Phänomenologie gründete. Kein Wunder also, dass David Bowie drei Relaunches, 500 Folgen und 2500 Reportagen später einst auf die Frage, ob er je was von Tracks gehört habe, verdutzt näselte: „Ich verstehe Ihre Frage nicht.“

So läuft es eben in der öffentlich-rechtlichen Nachtschleife: Hier tummelt sich alles, was den Erfordernissen privaten Oberflächenfernsehens zur Primetime nicht genügt. Kreatives, experimentelles, abstraktes, anregendes TV ohne Rezipienten, denn all diese Attribute dichtet man schließlich gern intellektuellem Anspruchsdenken an. Zu dumm, dass die Bohème so wenig von der Glotze hält wie vor ihr hängt. So gesehen werden 50.000 Nachteulen mit kulturellem Bedarf fast schon wieder zur respektablen Größe. Und dass Mr. Bowie nicht dazu zählt, überrascht ja nun auch nicht wirklich, obwohl er Ende 2003 selbst mal Schwerpunkt einer Sendung war und überhaupt ein Paradebeispiel jenes Credos darstellt, das die verantwortliche Marie-Anne Iacono so beschreibt: „Tracks liebt Stars, vor allem aber Anti-Stars“.

Und es besitzt die ungeheure Kraft, zwischen diesen Polen zu vermitteln. Tracks ist eine Art Seismograph independenter Erdbeben des Pop. Von The Strokes oder The White Stripes hatte hierzulande noch kaum einer gehört, als hochmobile Arte-Autoren sie aus amerikanischen Kellerclubs kramten; Coldplay oder Franz Ferdinand waren purer britischer Underground, als „Tracks“ sie mit langen Elogen feierte. Und als die besten Rapper noch schwarz waren und die besten Golfer weiß, hielt man bei Tracks einen gewissen Eminem für empfehlenswert. Leider ist es wie in jedem Katastrophenfilm à la Hollywood: Es muss erst richtig wackeln, bis man die Warner ernst nimmt.

Deshalb versucht sich die Redaktion auch so oft, selbst zu erneuern. Ab Samstag zum Beispiel mit der nächsten Generalüberholung, neue Rubriken und frischer Vorspann inklusive, dazu natürlich eine eigene App nebst aufgepepptem Online-Auftritt. Alles, um die Absonderlichkeiten hinter den Fassaden des Pop-Biz, von denen Trend-, People-, Klatsch- und Boulevard-Magazine nie Notiz nehmen, publikumswirksamer auszuloten. Zum Relaunch geht es dabei um 23.30 Uhr aber auch inhaltlich nicht nur um Off-Art und Nischen-Punk. Sondern neben „Zimmerpflanzen-Elektro“ von Data Garden oder die „Working-Class Grantler“ Sleaford Mods auch um auch um das Geschäftsmodell von 50 Cent. Tracks darf das. Wer Kunst im Ganzen betrachtet, braucht auch den Mainstream nicht zu scheuen.