Reportage: Die Egalbar & das Kneipensterben

egal-540x304Zuhause

Nachbarschaftskneipen sterben langsam aus. Eine davon war die Egalbar im Karoviertel. Um sie nach dem Abriss zu erhalten, hat sich ein Künstler die Einrichtung gesichert und baute sie bereits in Paris und Leipzig wieder auf. Jetzt öffnet sie für zehn Tage in Hamburg ihre dreckige Tür – ausgerechnet dort, wo sie bis 2012 stand.

Von Jan Freitag

Heimat ist ein emotional aufgeladener Begriff. Als Chiffre für innige Ortsverbundenheit rechtfertigt er Hass, Gewalt und Kriege ebenso wie Demut, Idealismus, Liebe. Heimat steckt in Staaten, Zonen, Dörfern, Plätzen, Straßen, Häusern, sogar Sofas. Sie ruht überall, wo Menschen nicht bloß herstammen, sondern hingehören, wo sie leben. Das können auch 30 Papierrollen sein.

In einem Atelier am Rande Bahrenfelds, umringt von Sperrholzplatten, Malerutensilien, Bastelkrams versprühen sie zwar noch weniger Heimat als das öde Gewerbegebiet ringsum. Dann aber beginnt Nils Emde davon zu erzählen. Von der Leidenschaft, die sich darin verbirgt. Von Herzblut, Verbundenheit, von all dem, was der Künstler „Erinnerungsraum“ nennt, „Soziotop“, einen Sehnsuchtsort. Und es ist nicht nur seiner.

Es ist die Egalbar.

Besser gesagt: sie war es. Die Egalbar gibt’s nicht mehr. Gut 120 Jahre befand sich da, wo die Marktstraße zum Heiligengeistfeld abknickt, stets eine Gaststätte. Forin hieß sie, als Bismarck Kanzler war. W. & G. Thiese, als das Bier noch immer per Kutsche kam, Pappnase bevor sie der letzte Betreiber Jurij Klauss 1994 Egalbar taufte. Doch wer auch immer die Eckkneipe betrieb: Aus dem Karoviertel war sie so wenig wegzudenken wie der Schlachthof nebenan. Nur: Dort wird heute kein Tier mehr zerlegt. Und die Egalbar? Zu, abgerissen, ersetzt durchs übliche Glasstahlinferno Hamburger Architektenignoranz.

Ein Rückzugort weniger also im innerstädtischen Aufwertungsfuror, der jeden normabweichenden Ort – abgenickt vom zahnlosen Denkmalschutz – leichthin von der Bildfläche tilgt. Auch Nils Emde könnte noch immer heulen, dass er ihm die Stammkneipe geraubt hat. Doch der 40-Jährige mit den sanften Augen unterm Fünftagebart zählt nicht zu jenen, die ihr Elend am Tresen ertränken. Deshalb hat er ihn einfach mitgenommen. Und nicht nur den. Mit zwei befreundeten Künstlerinnen sicherte sich der HFBK-Dozent für Fotografie Anfang 2012 das ganze Interieur: Hocker, Tische, Stühle, Büffet samt Geschirr, dazu Nippes, Diskokugel und vor allem: Die Wände. Nicht im Ganzen, aber maßstabsgetreu abgelichtet.

Statt in Nostalgie zu schwelgen, lassen Nils Emde und seine Partnerin Elena Getzieh die Egalbar seither wiederauferstehen. Zuerst bei einem Künstleraustausch in Leipzig, wo reichlich importiertes Astra übers Originalmobiliar ging, als sei Zeit doch umkehrbar. Kurz darauf: Paris, angeliefert in zwei Lastern. Dann die documenta, „der Wahnsinn“, erinnert sich Nils Emde an 60 Tage Betrieb auf der weltwichtigsten Kunstausstellung. Es waren melodramatische Wochen. Fast jeder Stammgast fand den Weg aus Hamburg nach Kassel, schwankte zum Sound der versifften Anlage mit dem Telefonhörer als Headphones und ständig, erinnert sich Nils Emde ans leidlich geförderte Gastspiel, war die bierselige Klage zu hören: wie schön es zwar sei, dass ihr altes Zuhause als mobile Immobilie die Weltgeschichte bereise. „Aber wann kehrt sie denn bloß wieder heim?“

Heute.

Die Egalbar ist zurück, jedenfalls die Hälfte der 50 Quadratmeter, als Raum-in-Raum-Installation. Exakt dort, wo sich an einem kalten Februar-Morgen vor fast drei Jahren die Tür mit Tags aus 18 Jahren schloss, bieten ihr die Schlumper zehntägiges Asyl an alter Wirkungsstätte. Und wer den virtuellen Wirt Nils beobachtet, wie er mit dem realen Betreiber Jurij die originalverdreckten Kühlschränke ins saubere Weiß der Galerie wuchtet, wie die nikotingelben Wände von einst Bahn für Bahn Gegenwart werden, wie selbst das alte Spendenschiff für Seeleute in Not auf dem echten Tresen landet, dann ist es mehr als eine Heimkehr. Es ist ein Statement gegen die urbane Geschichtsvergessenheit. Nils Emde sagt: „Ihr könnt Räume zerstören, aber keine Orte.“  Rastplätze für Gedanken, Gefühle, für einen Rest von Miteinander ohne Profitinteresse.

Wie das räudige „Na und?“ in der Wohlwillstraße, das die nächste Cocktailbar zwar äußerlich aufmöbeln kann, aber nie ersetzen. Solche Anwohnerbiotope, Schmelztiegel unterschiedlichster Daseinsentwürfe, werden allerorten ersetzt durch Kettenprodukte oder schlimmer noch: durch nichts. Wo Entertainment häuslich oder genormt wird, weicht auch die Pavillonzeile am Hamburger Berg – das Kieck ut!, das Lucky Star – bald austauschbarer Formatgastronomie. Spekulanten wie Ernst-August Landschulze wüten so verheerend im Herzen Hamburgs, dass selbst die Vertragskündigung der Gentrifizierungskeime bp1 und bedford am Schulterblatt Widerstandsimpulse auslösen.

Und sei es einer, der das Vergangene im Kleinen konserviert. Wie das Kunstkollektiv BarKeepers. Seit dem nahenden Ende ihrer Egalbar bauen zwei Hamburgerinnen Clubs von Astra-Stube bis Molotow in Schuhkartons nach, um sie wenigstens en minature zu erhalten. Das war, sagt Nils Emde, „eine Schnapsidee wie unsere“, entstanden am selben Tresen, als die Verlustangst statt Trauer und Wut noch kreative Kraft entfaltete. Deshalb hat er die BarKeepers eingeladen, ihre verkleinerte Version der Egalbar neben seiner aufgebauten auszustellen. Dort, wo am 29. Februar 2012 nach 50.024 Betriebsstunden, Emde erinnert sich genau, I Can See Clearly Now aus den morschen Boxen kam. Ein Hit der 70er, als die Bar Spelunke war. Wie zuvor. Wie zuletzt. It’s gonna be a bright / Sun-Shiny day sang Johnny Nash zu heiteren Bläsern. Klingt wie der Moment, wenn man betrunken ins Sonnenlicht wankt, nach einer langen Nacht daheim, in der Kneipe. Diese Erinnerung ist schöner als jeder Neubau.

Mehr Text, Bilder, Kommentare unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-09/kunstprojekt-egalbar-kneipe

 


Electrofriday: Zoot Woman, Porter Robinson, Moiré

Zoot Woman

Wer das Wort “Zusammenprall” im Label trägt, sollte es eigentlich tüchtig krachen lassen. Zumindest war das vor gut zehn Jahren der Fall, als monoton mäandernder Synth Pop auf harten Rock stieß und sich fortan Electroclash nannte. Nicht ganz unerheblich für diese Entwicklung war seinerzeit eine Band namens Zoot Woman. Ihr Debütalbum Living In A Magazine hat das Genre 2001 je nach Lesart entweder befeuert, womöglich gar begründet. Schließlich rasselten da plötzlich Gitarren und Gesänge unter die Synthesizer, wie es sie zuletzt im frühen Rave der späten Achtziger gegeben hatte. Hurra – im jungen Jahrzehnt war bereits ein frischer Stil geboren! Und eine Hypothek. Denn seither musste sich das britische Quartett um sein Mastermind Stuart Price stets am bewegenden Anfang messen lassen. Das ging ein zweites Album lang ganz gut, das dritte dann schon nicht mehr so richtig. Jetzt erscheint mit Star Climbing Nummer vier und hier clasht dann eigentlich gar nichts mehr.

Stattdessen ergehen sich die elf Stücke in einer elektronischen Geschmeidigkeit, in die herzlich wenig hineinstößt, schon gar keine Gitarren. Star Climbing ist so rockig wie ein Abend mit Jean Michel Jarre. Das kann man bedauern, man kann es aber auch hinnehmen und einem warmen Sommerregen gleich an sich vorüberrauschen lassen. Bis das Album mit der passend betitelten Rock’n’Roll Symphony zur Plattenmitte hin tatsächlich etwas Fahrt aufnimmt, sind bereits vier Tracks durchs Innenohr geweht, als wäre es ein einziger. In The Stars Are Bright Richtung Finale wird es zwar kurz mal beinahe zackig. Danach aber erinnert nur der dauernde Dopplereffekt daran, dass Zoot Woman mal wilder mit den Elementen gespielt haben. Und so gerät das D im Kürzel EDM eher zur Electronic Dream als Dance Music. Kein Schwung, keine Inspiration, kein Aufwühlen, geschweige denn Umwälzen, aber – so what?! Mit Stuart Prices wachsweicher Schmusestimme über, unter, in allem, verfolgt das vierte Album in 13 Jahren eben keine Strategie gezielter Disharmonie; Zoot Woman liefern einfach den lässigen Soundtrack zur gepflegten Langeweile eines Spätsommersamstagnachmittags.

Da verkantet nichts, da fusioniert wenig, da wird einfach nur gediegen zur Entspannung animiert. Mit Jasmin O’Mearas nie versiegenden Orgelfetzen. Mit Adam Blakes Schlagzeug, das scheinbar inexistent doch immer wieder für unterschwellige Beschleunigung sorgt. Mit einem Gesang, der von nichts Tiefgründigeren singt als irgendwas mit “Closer”, das im Reim auf “Longer” in drei, vier, fünffacher Wiederholung verhallt, bis man beim Zuhören auf herbstwiesenhafte Weise sediert ist. Das lässt sich weit einfacher lieben als mögen – elegant bleibt Star Climbingdennoch, wohltuend und heilsam für gestresste Großstadtseelen. Und mal ehrlich: Electroclash ist ohnehin längst Geschichte. Bis das neue, große Mashup-Ding kommt. Vielleicht Doom-Metal-Easy-Listening. Das machen dann aber andere.

Zoot Woman – Star Climbing (Embassy One)

Porter Robinson

Der Sommer ist die Jahreszeit leichter Genüsse. Man lümmelt am Strand herum und lässt sich entspannt rösten. Serviert werden warme Limo und Softeis, abends dann schlichte Grillage zum Bier und je nach Appetit auch mal Süßigkeiten wie Slush Puppie, Erdbeerbowle, Mundzementierer also. Zuckerzeugs. Und dazu gibt es natürlich die passende Musik, gerne Sommerhits genannt, zumindest beachpartykompatibel. Manchmal klebt sie in den Ohren wie die eingangs besprochene Kulinarik im Rachenraum. Brause, Bratwurst, Eiscreme, Mixdrinks: Porter Robinson strahlt gewissermaßen alles auf einmal aus, vorab verquirlt, schockgefrostet, kurz angetaut und mit Schirmchen serviert. Einem sehr glitzernden Schirmchen.

Robinson ist ein blutjunger Soundbastler aus dem kleinstädtischen Herzen North Carolinas, der sich dem Leichtesten, Buntesten, Heitersten, Tanzbarsten dessen verschrieben hat, was die Wochenendgemeinde weltweit elektronisch auf die Dancefloors treibt. Sein erstaunliches Debütalbum Worlds schmeckt so gesehen ein bisschen wie Caprisonne mit Fleischeinlage und kühlem Pils im Cocktailshaker. Klingt scheußlich? Ist es auch. Aber ziemlich gut. Man muss sich nur mal seine aktuelle Single Lionhearted anhören, die der 21-Jährige mit Dackelblick an der Seite der schwedischen Indie-Band Urban Cone aufgenommen hat. Nach ein paar Synthiefetzen zittert Robinsons Popfalsett zu Miami-Vice-Drums unter einem Neunzigerjahrekeyboardteppich, dass es einem die Amalgam-Plomben aus den zweiten Zähnen zieht. Das ist in seiner Überfrachtung ständig ein bisschen zu viel – und doch genau richtig, um einer verregneten Sommernacht Schwung zu geben. Gelernt ist eben gelernt.

Schließlich hat er im heimischen 50.000-Einwohner-Städtchen schon als Teenie japanische Computerspiele an der Heimorgel nachgespielt und diesen Hang zum fernöstlichen Kleinklein in seine Anschlusskarriere als gefragter Remixer und Produzent überführt. Noch heute klingt die Hälfte seiner Stücke, als liefe nebenbei eine uralte Atari-Konsole. Dass der Sound darüber am Ende aber doch fett gerät wie aus Boxenturmsiedlungen, liegt an seiner jüngeren Vergangenheit im Progressive House mit Dubstep-Nähe. So flicht er seine wuchtigen Beats unters zarte Popgespinst und sorgt für etwas mehr Elektronik und etwas weniger Dance im EDM. Stücke wie das süffige Flicker oder mehr noch das fast seifige Years of Warklingen dann am Ende eben doch eher nach Gegenwart als Eurodance. Gut, das ist nicht immer elaboriert, geschweige denn gediegen. Ein paar frei erhältliche – wenn schon nicht illegalisierte – Drogen könnten überdies helfen, hektisches Augenzucken zu verhindern. Was soll’s – so schmeckt der Sommer. Nicht fein, aber ziemlich lecker.

Porter Robinson – Worlds (Virgin)

Moiré

Es ist nie das Schlechteste, ein klitzekleines Geheimnis um sich und seine Ziele zu haben. In der Liebe ist das kaum anders als im Krieg, im Alltag genauso wie auf dem weiten Feld der Kunst. Der Londoner Musikproduzent Moiré zum Beispiel zelebriert das Rätselhafte um seine Person. Bisweilen sind seine flinken Finger an den Reglern auf der Bühne zu bestaunen. Bis auf ein paar Kollaborationen und EPs war allerdings noch nichts Großes, Eigenständiges auf Tonträgern zu hören. Das ändert sich nun zwar mit seinem berückenden Debütalbum Shelter. Doch der versierte Live-DJ hält offenbar weiterhin wenig von Publicity und Bekanntheit. Diese Zurückhaltung scheint auch auf seinen Sound abzustrahlen. Den ausschließlich im Bereich des Minimal House zu verorten, ginge schließlich trotz des gemächlichen Tempos an der Sache vorbei. Von Progressive bis French verstecken sich darin allerlei weitere Komponenten des Genres. Im verstörend beatlosen Elite/Hands On etwa experimentiert Moiré gelegentlich mit verquirlten Klangkollagen jenseits fester Songstrukturen, findet aber gleich im Anschluss (Infinity Shadow) zu fast discotauglicher Dynamik mit stilisierten Vocals zurück.

Moiré bleibt konsequent in der Unergründlichkeit seiner Person und belässt auch sein Erstlingswerk stilistisch eher im Dunkeln. Da rauschen die Bässe manchmal hinein, als würde gleich ein fettes Techbrett gebohrt. Dann aber rascheln nur noch weiche Synthieflächen unter der unverwüstlichen Hi-Hat. Eine Dreiviertelstunde wirkt es so, als schliche Moiré nicht nur um seine wahre Identität herum, sondern auch um jede Festlegung auf irgendetwas Greifbares an seiner schüchternen Version der EDM. Nie ist zu ahnen, was er vorhat. Will er die Massen zum Tanzen bringen oder zum Lauschen? Unterhalten oder sedieren? Will er, wie im Klatsch-House von Stars, in den überfrachteten Pop abbiegen oder, wie im anschließenden Rings feat. Charlie Tappin, Richtung Ambient-Reduktion? Bezweckt er überhaupt etwas mit Shelter oder dekliniert da nur ein Mischpultvirtuose seine Liebe zum Verketten dessen, was er in der Welt der Geräusche so Bizarres findet?

Vermutlich von allem ein bisschen, jedenfalls von nichts zu viel. Deshalb kann man sich in einem Moment wunderbar im vielfältigen Kosmos der acht Tracks verlieren, um im nächsten so eine merkwürdige Zappeligkeit in den Beinen zu verspüren. So bringt uns Moirés erstes Album eine Art Festivalmusik für die Stunden nach der Kernpartyphase vorm Sonnenaufgang. Es lockt Kraftreserven aus den müden Knochen, leert sie aber nicht vollends. Chill-out-Sound in der Morgenbrise. Die ambrosischen Stunden. Eine geheimnisvolle Zeit, erfüllt mit Musik eines geheimnisvollen Künstlers.

Moiré – Shelter (Werkdiscs/Ninja Tune)

Alle Texte sind vorab erschienen unter http://blog.zeit.de/tontraeger/

 


Michael Kessler: Parodist & Realitätskopierer

Mit Humor hat das wenig zu tun

In Kessler ist… schlüpft der Switch-Parodist Michael Kessler donnerstags um 22.30 Uhr (ZDFneo) in die Rollen Prominenter und interviewt sie dann als Spiegelbild ihrer selbst. Ein Fernsehexperiment – das aus Sicht des Künstlers nichts mit Humor zu tun hat. Nach Matthias Steiner zum Auftakt wird der famose Komiker heute zu: Heino.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kessler, wenn Sie als Kessler ist… in die Rolle Prominenter schlüpfen, denkt man sofort an einen Abklatsch von Switch.

Michael Kessler: Ein Fehler!

Aber erwartet man von Parodien nicht automatisch Humor?

Vorsicht! Der Begriff mag ja bei meinem Namen aufpoppen. Kessler ist… will aber keine Eigenarten Prominenter karikieren, wie es Parodie gemeinhin tut, sondern die Figur vollends kopieren – inklusive des Wissens um ihre Biografie. Mit Humor hat das wenig zu tun.

Womit dann?

Tja. Mit dem offiziellen Label „Personality-Doku“ tue ich mich schwer. Das Wesen der Sendung ist es, einen Prominenten in zwei Wochen persönlichen Begleitung plus Recherche so gut kennenzulernen, dass man sich nicht nur 1:1 in ihn verwandelt; am Ende sitzt ihm sein Doppelgänger ja im Interview gegenüber und fragt ihn selber, was er von sich wissen will. Ich versuche mich also nicht nur physisch zu verwandeln, sondern auch seine Lebensthemen zu entdecken.

Während Sie kurz vorm Interview in der Maske sitzen, sagen Sie einmal „so, jetzt bin ich Joachim Llambi“. Glaubten Sie das da wirklich?

In dem Moment schon, denn Michael Kessler verschwindet total hinter der Figur. So sehr, dass Originale und Kopien bislang bei jeder der fünf Interviews ihrer selbst gleichermaßen aufgeregt waren. Bei mir schon deshalb, weil ich die Person zugleich spielen und sein muss.

Nach welchen Kriterien wählen Sie solche Personen überhaupt aus – zunächst nach optischen oder gleich nach schauspielerisch machbaren?

Bei Switch hatten wir ein Ensemble, wo geschaut wurde, wer auf welche Figur passt. Hier muss ich mit denen arbeiten, die sich zum Experiment bereit erklärt haben. Deshalb ist auch eine Frau dabei.

Die Ex-Pornoqueen Michaela Schaffrath.

Das war die größte Herausforderung, weil man in der Travestie schnell bei Charly’s Tante ist. Masken können sich immer nur annähern, aber wenn das Gespräch funktioniert, verwischen die Unterschiede schnell.

Ist der Unterschied zur Parodie also, dass Sie keine Marotten hervorheben, sondern das Gewöhnliche?

Richtig. Es geht um Inhalte, nicht Lacher.

Wann ist Ihnen überhaupt aufgegangen, dass Sie Menschen gut nachmachen können?

Ich habe jedenfalls nicht schon mit zwölf die Lehrer kopiert. Meine Karriere funktionierte nie so, dass ich bestimmten Fähigkeiten nachgegangen bin. Es waren eher Interessen. Wenn mir etwas gefällt, probiere ich es aus. Die Parodien von „Switch“ kamen ebenso zufällig auf mich zu wie die Improvisation der „Schillerstraße“. Ich weiß noch, wie mir in beiden Fällen der Arsch auf Grundeis ging, ob es funktioniert.

Wobei die Messlatte vor Publikum, ohne Schnitt, ohne Drehbuch größer ist oder?

Das stimmt, man muss das mögen. Deshalb gibt es Kollegen, die sich aus Angst vorm Scheitern nicht aufs Improvisieren einlassen. Auch ich hatte vor der ersten Folge die Hosen gestrichen voll, aber genau das reizt mich. Es ist Teil meiner Kreativität, mich ohne doppelten Boden austoben zu können, was übrigens auch bei meinen Taxifahrten durch Berlin oder auf dem Esel durch Brandenburg der Fall ist, wo ich morgens nicht weiß, was bis abends passiert. Ohne den Mut zum Risiko, nur auf Nummer sicher erringen Künstler ebenso wenig wie Manager wirklich bedeutende Erfolge. Mein Antrieb ist die Bereitschaft zu scheitern.

Die auch zu Beginn Ihrer Karriere groß war, als Sie vor allem Episodenrollen in leichter Unterhaltung gespielt haben. Hatte der künftige Komödiant je Angst vor der Zukunft?

Sogar vor der Gegenwart! Deshalb war es eine ganz schwere Entscheidung, mein Engagement am Nationaltheater Mannheim zu kündigen. Letztlich war es die richtige, aber nach „Switch“ hatte ich ein Jahr lang nicht mal Castings, geschweige denn Rollenangebote. Das war nach der Wochenshow 2001 ähnlich, wo niemand angerufen, wo nichts funktioniert hat. Da fragt man sich als Schauspieler schon: war’s das jetzt?

 

Und seine Antwort?

Ich war immer ein vorsichtiger Mensch, der Geld zurückgelegt hat. Von daher war ich auf schlechte Zeiten vorbereitet und hatte noch die Option, zurück ans Theater zu gehen. Damals reifte aber auch die Erkenntnis in mir, dass man als Schauspieler eine Nische braucht. Bei mir war das Comedy, nicht die schlechteste übrigens. Wer in seiner erfolgreich ist, zählt zu den wenigen im Fach, die von ihrem Beruf gut leben können.

 

Anderseits ist die Nische schnell ein Gefängnis.

Richtig. Aber ich konnte dem deutschen Schubladendenken dadurch entgehen, dass ich mich in Rahmen meiner Nische häufig neu erfunden habe. Immer die gleichen Witzfiguren wären mir definitiv zu langweilig, deshalb sind solche wie in Kesslers Expedition auch sehr eigen. So halte ich mich seit mittlerweile 22 Jahren im Beruf, tauche gelegentlich wieder ab, komme aber stets zurück und bin vor allem künstlerisch glücklich. Solange ich noch guten Gewissens in den Spiegel sehen kann, riskiere ich auch weiterhin das Scheitern.

Bei welcher Parodie oder Kopie war das Risiko zu groß?

An einigen, da gehe ich durchaus hart ins Gericht mit mir. Im Krimi kann man seine Arbeit schließlich nur an der Rolle messen; die Parodie misst sich mit der Wirklichkeit, und die ist ein strenger Juror.

Also – welche?

Oliver Pocher. Oder mein Guido Cantz – schrecklich! Parodien sind immer Experimente; manchmal geht es auf, manchmal nicht.

Was würden Sie gern noch unbedingt aufgehen lassen?

Ach, jeder Charakter ist auf seine Art herausfordernd. Je weniger er anzubieten hat, desto schwieriger. Ein lauter Horst Lichter mit Dialekt ist viel einfacher als ein trockener Peter Kloeppel. Am spannendsten wäre es, mich selbst zu kopieren. Könnte die letzte Folge sein.


Tracks: Musikfernsehen & Fernsehmusik

Tracks_HDSeismographen des Pop

Tracks ist nicht nur die beste, sondern letzte echte Musiksendung. Zu schade, dass auch Samstag, wenn Arte sein Prachtstück mal wieder rundumüberholt, wieder mal kaum einer zusieht.

Von Jan Freitag

Manchmal muss sich anspruchsvolles Fernsehen an Kleinigkeiten erfreuen. Im Vorjahr, sagte Marie-Anne Iacono vor einigen Jahren mal über ihr liebstes Kind bei Arte, „haben 1,3 Millionen Personen mindestens einmal 15 Minuten Tracks gesehen“. Ojemine. Auch wenn es in Frankreich dreimal so viele waren – mit diesen Zahlen vegetiert das klingende Lifestylemagazin selbst in der televisionären Sauregurkenzeit Richtung Mitternacht im Nirwana der Wahrnehmung. Übertrumpft von Golfübertragungen bei Eurosport, überholt von Westernwiederholungen im Spielfilm-TV, übertölpelt von Riesenbaggerreportagen auf N24. Das ist weniger schade, als eine Schande, denn Tracks ist nicht nur die beste Musiksendung im Land, sondern genau genommen die einzige.

Über jeden Sat1-Blockbuster wird heutzutage mehr Sound gekippt als in eine typische Viva-Show. Ambitionierte Epigonen von VH1 bis Viva2 wurden nicht ohne Kalkül im Quotenrennen an die Wand gefahren. Sogar das legendäre „Top Of The Pops“ wurde nach 42 Jahren von der BBC beerdigt. MTV, wo einst der Videoclip seinen Durchbruch feierte, wo die Jugend musikalische Inspiration, das Alter Retrospektiven und der Mainstream Unterwanderung erfuhr, läuft längst unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Pay-TV. Und kaum hört sich mit ZDFkultur ein wahrnehmbarer Spartenkanal in der Independent-Kultur um, wird er vom Muttersender auch schon wieder beerdigt. „Wir sprechen von der Vergangenheit, wenn wir über Musikfernsehen reden“, klagt mit Steve Blame ein MTV-Moderator aus Zeiten, da man für diesen Job statt Astralleibern noch Fachverstand benötigte. Heute dagegen, so Blame im Online-Magazin Tonspion weiter, gebe es nur Jugendfernsehen.

In der Tat, denn die Zuschauer der bestätigenden Ausnahme mögen deutlich jünger sein als das Restpublikum bei Arte. Mit rund 43 Jahren sind die „Tracks“-Fans aber auch alles andere als juvenil. Die Generation Pickel lässt sich bei Viva auf die Kommerzwelt impfen, die der Falten schunkelt öffentlich-rechtlich zu Blaskapellen, dazwischen herrscht so gähnende Leere, dass man Peter Illmanns seliger Chart-Show Formel 1 nachzutrauern geneigt ist, die das Erste 1990 mit der Begründung absetzte, man könne ja nun permanent im Privatfunk Videos gucken. Es scheint eine Primärtugend der ARD, sich konsequent Richtung Vergreisung zu programmieren.

Immerhin schuf dieses Vakuum zwischen Beat-Club, Hitparade und konsumorientierten Zielgruppenkanälen Freiräume für Tracks. Wenngleich fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Frühjahr 1997 ging die französisch-deutsche Co-Produktion on Air, damals noch als reines Musikformat. Ein ehrgeiziges, ein kostspieliges Projekt, das via Hamburg, München, Berlin, Paris mit Beiträgen vom ganzen Globus gefüttert wurde. „Quotengift“, befand Mitentwicklerin Tita von Hardenberg, die ihre Firma Kobalt Productions auch für den schon damals gewagten Mix aus Populärkultur und ihrer hintergründigen Phänomenologie gründete. Kein Wunder also, dass David Bowie drei Relaunches, 500 Folgen und 2500 Reportagen später einst auf die Frage, ob er je was von Tracks gehört habe, verdutzt näselte: „Ich verstehe Ihre Frage nicht.“

So läuft es eben in der öffentlich-rechtlichen Nachtschleife: Hier tummelt sich alles, was den Erfordernissen privaten Oberflächenfernsehens zur Primetime nicht genügt. Kreatives, experimentelles, abstraktes, anregendes TV ohne Rezipienten, denn all diese Attribute dichtet man schließlich gern intellektuellem Anspruchsdenken an. Zu dumm, dass die Bohème so wenig von der Glotze hält wie vor ihr hängt. So gesehen werden 50.000 Nachteulen mit kulturellem Bedarf fast schon wieder zur respektablen Größe. Und dass Mr. Bowie nicht dazu zählt, überrascht ja nun auch nicht wirklich, obwohl er Ende 2003 selbst mal Schwerpunkt einer Sendung war und überhaupt ein Paradebeispiel jenes Credos darstellt, das die verantwortliche Marie-Anne Iacono so beschreibt: „Tracks liebt Stars, vor allem aber Anti-Stars“.

Und es besitzt die ungeheure Kraft, zwischen diesen Polen zu vermitteln. Tracks ist eine Art Seismograph independenter Erdbeben des Pop. Von The Strokes oder The White Stripes hatte hierzulande noch kaum einer gehört, als hochmobile Arte-Autoren sie aus amerikanischen Kellerclubs kramten; Coldplay oder Franz Ferdinand waren purer britischer Underground, als „Tracks“ sie mit langen Elogen feierte. Und als die besten Rapper noch schwarz waren und die besten Golfer weiß, hielt man bei Tracks einen gewissen Eminem für empfehlenswert. Leider ist es wie in jedem Katastrophenfilm à la Hollywood: Es muss erst richtig wackeln, bis man die Warner ernst nimmt.

Deshalb versucht sich die Redaktion auch so oft, selbst zu erneuern. Ab Samstag zum Beispiel mit der nächsten Generalüberholung, neue Rubriken und frischer Vorspann inklusive, dazu natürlich eine eigene App nebst aufgepepptem Online-Auftritt. Alles, um die Absonderlichkeiten hinter den Fassaden des Pop-Biz, von denen Trend-, People-, Klatsch- und Boulevard-Magazine nie Notiz nehmen, publikumswirksamer auszuloten. Zum Relaunch geht es dabei um 23.30 Uhr aber auch inhaltlich nicht nur um Off-Art und Nischen-Punk. Sondern neben „Zimmerpflanzen-Elektro“ von Data Garden oder die „Working-Class Grantler“ Sleaford Mods auch um auch um das Geschäftsmodell von 50 Cent. Tracks darf das. Wer Kunst im Ganzen betrachtet, braucht auch den Mainstream nicht zu scheuen.


Rabenvögel & Liebesstürme

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

1. – 7. September

Von wegen – eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus: Zwei der übelsten Rabenvögel des Fernsehens widerlegen das Sprichwort bereits von Anbeginn ihres Bestehens und überbieten sich vehement in der Unterbietung jeder Art von Niveau. Nun hat der kleinere endlich so oft gehackt, dass beide im August gleichauf waren bei der Versorgung anspruchsreduzierter Zuschauer. In Quoten ausgedrückt: Bei der willkürlichen Zielgruppe 14- bis 49-Jähriger trennten RTL und Pro7 zuletzt ganze 0,2 Prozent. Und weil der Emporkömmling aus Unterföhring in seiner programmatischen Dummheit wenigstens ab und an lustig ist, bleibt der Kölner Platzhirsch bierernst blödsinnig.

Doch wirklich aufmerksam schaut auch das kaum jemand aus der jüngeren Generation, ohne sich nebenbei auf anderen Kanälen unterhalten zu lassen. Crossmediale Nutzung heißt das dann, wenn neben der Glotze noch Computer, Smartphone, Tablet laufen, wo individuell gestaltbares Programm wie Youtube läuft. Von dort allerdings gab es vorige Woche erstaunliche Neuigkeiten: Laut der You Tube Global Audience Study wird das Online-Portal nicht überwiegend von hibbeligen Digital Natives unter 25 gesehen. Es sind eher besser gebildete, vornehmlich männliche Nutzer über 30 mit höherem Einkommen.

Nun ist so eine Studie aus dem eigenen Haus natürlich schon deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil die dargestellte Kernklientel verdächtig gut auf die Werbeinteressen des milliardenschweren Konzerns passt. Aber so ganz unwahrscheinlich erscheint das Ergebnis ja auch nicht. Gerade geistig und physisch mobile Jahrgänge 1984 abwärts, die das analoge Zeitalter noch atmosphärisch erlebt haben, die digitale Gegenwart aber schon mitgestaltet, sind fürs Regelprogramm des Fernsehens ja längst verloren.

Die Ankündigung der Ufa zum Beispiel, im Auftrag des BR eine große Dokumentation über einen gewissen Franz Beckenbauer zu drehen, dürfte also eher jene interessieren, die ihn noch als aktiven Halbprofi im Pelzmantel wahrgenommen haben. Und selbst modernere Formate wie Verbotene Liebe, 1995 für den öffentlich-rechtlichen Publikumsnachwuchs konzipiert, wurden zuletzt ja von so wenig – jungen wie alten – Zuschauern verfolgt, dass die Daily Soap abgesetzt wurde. Bis, ja bis das Netz revoltierte, wo einschlägige Mediatheken zeitlich flexibel zeigen, was auf Schloss Königsbrunn so vor sich geht. Die Serie soll nun doch fortgesetzt werden. Wöchentlich. Seifenfans werden sich freuen.

TV-neuDie Frischwoche

8. – 14. September

So wie über die Jubiläumsstaffel Sturm der Liebe, mit der die ARD-Telenovela ab Donnerstag das zehnte Liebespaar seit 2005 zusammenführt. Und bislang deutet wenig darauf hin, dass die „herzliche, aufrichtige Thailand-Aussteigerin“ Julia und der „leidenschaftliche, erfolgreiche Sternekoch“ Niklas 2015 nicht in weiß heiraten werden. Das mag man als Ästhet verachten; verhindern lässt es sich nicht mal durch stattgegebenen Abschaltimpuls, solange billiger TV-Schmalz wie dieser seine solide Fanbase hat.

Die würde man auch unaufdringlichen Dokumentarfilmen mit Tiefgang und Informationsgehalt wünschen. Etwa der trimedialen Arte-Reihe Refugees, in dem 16 Künstler künftig samstags gegen 17 Uhr Flüchtlingslager in aller Welt vorstellen. Oder Weniger ist mehr, mit der Franziska Mayr-Keber und Constanze Griessler dem Trend mit Nichts glücklich zu sein nachspüren. Dummerweise beschäftigt sich der Film mit dem Thema Abstinenz in der Überflussgesellschaft, was zu Entertainmentzwecken eher ungeeignet ist. Und dann läuft es auch noch auf 3sat, dessen Platz auf der Fernbedienung große Teile des Publikums gar nicht kennen. Der Tradition österreichischer Dokumentationen über unser Konsumverhalten wird der Sender nach dieser zunächst allerdings keine weitere hinzufügen: Weniger ist mehr soll die letzte Eigenproduktionen von 3Sat Österreich sein. Schade.

Wie die Tatsache, dass RTL immer noch nicht mehr einfällt, als Aufgewärmtes Aufzukochen. Weshalb der Restauranttester ab heute (21.15 Uhr) eben einfach nicht mehr Rach heißt, sondern Henssler, der zwar zuletzt hinter Gittern furchtbare Kritiken (und Quoten) eingefahren hat, aber eben einfach zu populär ist, um ihn nicht dauernd im TV-Kochtopf zu verwursten. Verwurstet werden im Grunde auch die Ermittler am Münchner Tatort, allerdings kann selbst der sagenhaft untalentiert Antischauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht nicht verhindern, dass ihr neuer Fall am Sonntag überzeugt. So wie der ARD-Mittwochsfilm. Ein offener Käfig thematisiert zwar den populistischen Dauerbrenner Serientäter, allerdings nicht aus Sicht der Opfer, sondern des Täters im Würgegriff seines Umfeldes, das sich seinerseits schuldig macht an einem freigelassenen Vergewaltiger, den Martin Feifel mit großer Hingabe spielt.

Das kann man auch von Kai Schumann behaupten, der dem Tipp der Woche die nötige Leidenschaft verpasst. Als Der Minister Franz Ferdinand von und zu Donnersberg gibt er Dienstag auf Sat1 einen famos schmierigen Karl Theodor zu Guttenberg und stellt damit fast den zweiten Wochentipp in den Schatten: Ari Folmans (aus)gezeichnetes Dokumentarcomic Waltz with Bashir (Montag, 0.45 Uhr, NDR) über den Libanonkrieg 1982.


Reportage: Brachland Neue Mitte Altona

altona-brachland-540x304Trümmerblumenpracht

Hamburg baut in Altona ein neues Stadtviertel. Zugleich geht etwas Wertvolles verloren: Brachland. Urbane Natur bewirkt Nützliches, wo der Mensch sie in Ruhe lässt.

Von Jan Freitag

Das Meer der Blüten ist reich bevölkert. Es gibt genügsame und verwöhnte, wilde und domestizierte, schöne und schlichte, seltene wie häufige. Und es gibt Trümmerblumen. Überall. Sogar hier. Peter Borchardt führt eine davon am Vollbart vorbei an sein kundiges Forscherauge und blättert nebenbei in einem zerfledderten Almanach. Es ist sein steter Begleiter, für Experten fast eine Bibel. “Schmalblättriges Weidenröschen”, teilt ihm Pareys Blumenbuch von 1986 mit. “Epilobium angustifolium”, übersetzt der promovierte Geowissenschaftler mit Biologie-Diplom botanikerstolz ins Lateinische. Und dieses hübsche Pflänzchen, es ist ziemlich robust.

Ganz gleich nämlich ob hoch im Norden, tief im Süden oder auf den Ruinen kriegsversehrter Städte: Trümmerblumen wachsen an den unwirtlichsten Orten. Selbst dort, wo ihnen Abgas, Lärm, Erschütterung und Gifte zusetzen. Wo der Mensch die Natur gestaltet hat, dann aber kurz mal in Frieden lässt. Also auch am Gleisbett der rostigen Schienen vom Bahnhof Altona.

Noch.

Wo jetzt ein dichtes Geflecht unsortierter Gebüsche in die Breite wächst, geht nämlich demnächst etwas ganz anderes in die Höhe: Hamburgs zurzeit aufregendstes Bauprojekt, vergleichbar nur mit der Hafencity, teuer wie die Elbphilharmonie. Es heißt Neue Mitte Altona, und wo in gar nicht so ferner Zukunft Platz für 3.600 Wohnungen jeder Einkommensschicht sein soll – für schmalblättrige Weidenröschen dürfte es den dann nicht mehr geben. Das könnte man nun beklagen oder begrüßen. Peter Borchardt sagt: Von beidem ein bisschen.

Denn was der Pflanzenkundler beim sonntäglichen Erkundungsspaziergang auf einer Fläche von knapp zehn Fußballfeldern an Vegetation entdeckt, sei “im Grunde alles Kroppzeug”, teils endemische, teils invasive Pflanzen, die man “ohne schlechtes Gewissen ausreißen könnte”. Oder wie es aus Sicht des BUND früher besonders in der veränderungsfreudigen Hansestadt üblich war: großflächig mit Pestiziden abtöten, bevor irgendwas Artenschützenswertes für Baustopps sorgt. An der künftigen Neuen Mitte aber war das offenbar gar nicht nötig.

Wie im Baugesetzbuch vorgeschrieben, haben die Investoren bereits 2009 im Entwicklungsabschnitt I zwischen ICE-Trasse und Holstenbrauerei nach bedrohten Arten suchen lassen. Und sie seien auch fündig geworden, erklärt Magnus-Sebastian Kutz von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt: Neben ein paar “naturschutzrelevanten Tagfaltern und Heuschrecken” kleinere “Biotope mit Rote-Liste-Pflanzen” und 29 verschiedene Brutvögel inklusive zweier bedrohter. Doch nichts davon sei geeignet, das Projekt grundsätzlich infrage zu stellen. “Die Bedürfnisse dieser Arten wurden im Ausgleichskonzept berücksichtigt”, beteuert Kutz und fügt hinzu, dass die Vielfalt urbaner Brachen mit wachsender Bewaldung zurückgehe.

Widerspruch erntet er dafür nicht mal von Naturschützern. Entlang der berüchtigten “Kreischkurve”, wo selbst die schnellsten Züge auf Schneckentempo drosseln, um nicht vom maroden Viadukt zu fallen, herrscht also Konsens. Hier gibt es weder singuläre Juchtenkäfer noch hundertjährige Eichen, also irgendwas, wofür es sich an Oberleitungen zu ketten lohnte. Dennoch treibt es die Natur hier kunterbunt. Die Bahndämme tragen genug Brombeeren, um Altonas Neue Mitte auf Jahre mit Marmelade zu versorgen. Nachtkerzen schießen, Goldruten sprießen. Wild wuchert die Ackerkratzdistel, spät blüht der Flieder. Und allerorten ragen Robinien drei, vier, gar fünf Meter aus dem Gestrüpp. Unterm Dröhnen riesiger Bagger wächst und gedeiht es mithin derart üppig, dass Pareys Blumenbuch nur so rauscht.

Allein: Es trägt, schießt, sprießt, wuchert, blüht, ragt, wächst, gedeiht wenig Wertvolles. Wo der Mensch sein Umfeld besonders intensiv gestaltet, entsteht eben höchstens, was Borchardt “Ruderalflur” nennt: Habitate genügsamer Pflanzen mit überschaubarer Tierartendichte. So was, meint der weitgereiste Wissenschaftler von 36 Jahren, “sieht an einer Brache in Paris fast genauso aus wie in New York oder Köln”.

Dennoch bieten auch die kleinsten Naturreservate nicht bloß lässliche Grünflächen im Betoneinerlei, hübsch anzusehen, leidlich erholsam. Sie kühlen die aufgeheizte Stadt und regulieren deren Hydrologie, sie reinigen die Atemluft von Feinstäuben und das Erdreich von Kontamination. Sie sorgen für besseres Klima – atmosphärisch, geologisch, generell. Und letztlich, sagt Borchardt beim Klassifizieren eines einsamen Gänsefußes auf der gewalzten Fläche vorm Gerippe denkmalgeschützter Bahngebäude, die dereinst Eigentumswohnungen beherbergen, “letztlich sind sie auch für Flora und Fauna im Ganzen wichtig”.

Diese benötigt nämlich gerade bei dichter Besiedlung Brückenkorridore. Rastplätze auf der beschwerlichen Wanderung von Insekten, Samen, Vögeln, Lebensverbreitern durch besonders zersiedelte Gebiete. Botanisch wertlos werden diese Migrationsinseln nur, wenn sich die Zivilisation zurückholt, was ihr zwischenzeitlich unwichtig war. Ließe man sie weiter in Frieden, entstünden daraus erst Vorwaldgesellschaften und irgendwann der “Klimax”, wie Borchardt Germaniens Beitrag zum Weltkulturerbe nennt: Buchenwald. Die Natur findet einen Weg. Alles nur eine Frage der Zeit.

Aber genau die ist nun mal eine besonders wertvolle Ressource unserer Tage. Sehr rar, schwer zu schürfen. In acht Jahren, planen Stadt und Bahn, soll die Verlegung der zweitgrößten Hamburger Fernverkehrsstation Richtung Diebsteich Wirklichkeit werden. Wo jetzt zarte Birkenkeimlinge aus dem Gleisbett lugen, wo selbst die grundwasserfreie Brücke überm Verkehrschaos der Stresemannstraße noch genug Regen für Geranien speichert, beginnt dann der Bahnsteig.

Und wird wirklich mal termingerecht geliefert, hätten die Baugesellschaften Aurelis und ECE hier bis dahin 78.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche aus der jahre-, teils jahrzehntealten Brache gestampft. Dazu vier Kitas, eine Schule, die zugehörige Infrastruktur nebst Erholungspark, drei Hektar groß, mit schickem Mischgehölz, englischem Rasen, menschengemacht und durchdekliniert.

Für Trümmerblumen ist darin kein Platz.

Der Text wurde zuerst veröffentlicht unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-08/neue-mitte-altona-baugelaende-brachland


Bastian Pastewka: Komödiant & Alter Ego

So sehen Menschen halt aus

An diesem Freitag (22.45 Uhr) geht Bastian Pastewka als Bastian Pastewka endlich in die 7. Staffel der vielleicht besten Sitcom, die das deutsche Fernsehen je selbst gemacht hat. Und das auch noch auf dem Schnulzensender Sat1! Interview mit einem Komödianten, der sich weniger ernst nimmt als die meisten seiner Kollegen und gerade darum so famos ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Pastewka, Sie gehen mittlerweile in die 7. Staffel einer fiktionalen Serie, die Ihren echten Namen trägt. Ist es eigentlich eine doppelte Bewusstseinsverschiebung, die Filmfigur für echt zu halten oder gibt es da tatsächlich Parallelen?

Bastian Pastewka: Meine Autoren sagten mir ganz am Anfang von Pastewka, dass ich viele Charaktereigenschaften der Figur schon mitbrächte, was mich zunächst verunsichert hat. Wie jeder Komödiant überzeichne ich das wahre Leben, aber alle Emotionen, die ich spiele, haben irgendwie mit mir zu tun. Und ich glaube nach wie vor, dass es für unsere Sitcom irrelevant ist, wie ich im wahren Leben bin oder mich selber sehe. Gerade in der ersten Staffel war der Serien-Bastian viel gröber gezeichnet und manchmal unglaublich unverschämt zu seiner Freundin Anne. Das hat mir nicht gefallen.

Warum genau?

Na, ich hatte Angst, dass wir Die Flodders werden, wenn sich die Figuren permanent schlecht benehmen. Wir haben dann zu Beginn der 2. Staffel die Eigenschaften aller Hauptfiguren genau geprüft, verbessert und entschieden: Der Serien-Pastewka ist eine Rolle wie die anderen auch.

Und wie ist es bei den anderen Charakteren: Tragen Hugo-Egon Balder und Michael Kessler real Züge ihrer Fiktionen?

Hugos Lässigkeit ist legendär. Und alle Kölner Comedy-Autoren wissen, dass er sein Essen stets mit zu viel Salz zu sich nimmt. Das Potential haben wir genutzt. Michael Kessler ist natürlich überhaupt kein Ehrgeizling, aber er trägt perfektionistische Züge, die ans Überkorrekte grenzen. Doch wer einmal in einer deutschen Kino-Komödie in Cowboystiefel gepinkelt hat, kann kein schlechter Mensch sein.

Sie selbst fallen dadurch auf, sich nicht nur in der Serie schonungslos selbst aufs Korn zu nehmen. Haben Sie keine Angst, gängigen Schönheitsidealen zu widersprechen?

Ach, es bringt ja nichts, sich schöner machen zu wollen, als man ist. Deshalb nehme ich mir auch immer wieder vor, weniger Sport zu machen, um mehr Zeit zum Essen zu haben. Mich stört im Grunde bereits, morgens am Filmset gleich stundenlang geschminkt zu werden. Diese Fummelei im Gesicht kann ich kaum ertragen. Bei Wolfgang & Anneliese

Ihrer Volksmusikpersiflage mit Anke Engelke.

… bleibt das natürlich nicht aus. Aber in einer Real-Life-Geschichte wie Mutter muss weg bin ich dogmatisch: Verschönern oder gar doubeln ist nicht notwendig. Und es macht mir auch keine Angst, wenn Zuschauer sich fragen, wie der mit Wampe und Runzeln am Hintern eine Sex-Szene drehen kann. So sehen Menschen halt aus.

Versucht man Sie da vielleicht sogar eher unansehnlicher zu machen, um dem Bild der Normalität, das Sie etwa in Pastewka verkörpern, besser zu entsprechen?

Vielleicht. Denn ein Supermodel kriegt man bei mir mit der besten Maske nicht hin, einen hässlichen Dicken ohne Probleme. Frauen gehen auch ganz gut, weil ich so lange Beine habe. Für meinen Bastian in Pastewka sitze ich zehn Minuten in der Maske. Schneller geht nicht. Ich spiele am liebsten Durchschnitt. Ich liefere mich der Kamera bedingungslos aus.

Ist das ein Mangel an Eitelkeit oder ein Überfluss an Professionalität?

Es ist ein Höchstmaß an Eitelkeit und ein Mindestmaß an Professionalität. Ich verrate Ihnen mein Mantra: „Liebe Regie, liebe Ausstattung, liebe Autoren: Sprecht mit mir! Komplizierte Szenen lösen wir gemeinsam! Ich bin zu allem bereit, wenn es dem großen Ganzen dient!“ Ich will vorab wissen, was für ein Film es wird, denn am Set selber will ich arbeiten, nicht diskutieren. Außerdem möchte ich es gern nett haben bei der Arbeit; auch wenn ich den anstrengenden Stinkstiefel Pastewka spiele.

Bei dem entsteht der Humor wie so oft eher aus Leerstellen und Pausen statt Knalleffekten und aufgerissenen Augen. Wie gewinnt man aus dem Normalen Pointen?

Wenn eine Film-Komödie 90 Minuten lang ist, sollte man günstigstenfalls normal beginnen und dann unauffällig ins grotesk Komische übergehen. Man kann das Publikum mit Normalität anlocken. Wenn man es jedoch gleich zu Beginn an überdrehten Quatsch gewöhnt, ist das Pulver schnell verschossen. Ich hab überhaupt nichts gegen anständige Albernheit; auch mein Publikum freut sich über ein paar zünftige Zoten, was ich erleben durfte, als wir Pastewka im Kino gezeigt haben. Viel wahnsinniger macht mich, wenn Filmemacher sich ständig in ihrem Werk dafür entschuldigen, eine Komödie gedreht zu haben.

Klingt ziemlich deutsch.

Stimmt. Daher mein Appell: Steht zu eurem Genre! Traut euch Humor! Pfeift mal auf Bedeutung, auf Anspruch, History! Komödie ist ganz simpel, wenn man mal einmal den Schalter umgelegt hat.

Ist das auch ein Plädoyer, mehr Komik im Drama zuzulassen.

Unbedingt! Und mehr Klamauk in der Komik. Wichtig ist, dass die Rechnung am Ende aufgeht, dass es stimmig ist. Komik entsteht aus Schmerz, Verlangen und dem Wunsch, zu erreichen, was womöglich misslingt. Deshalb muss jede Komik einen gewissen Ernst enthalten. Ein Muttersöhnchen an sich ist nicht komisch; es muss dagegen angehen. Das Wesentliche ist, diesem Scheitern inmitten des Wahnsinns zuzusehen.

Aber selbst im Wahnsinn sind Sie ein ruhender Pol, der ohne Lärm zum Lachen bringt.

Oh, danke. Ich kenne aber auch kein allemeingültiges Rezept. Humor funktioniert bei mir wie ein guter Soundtrack: Ich mag Pausen. Das Komische liegt im Langsamen. Jeder fragende Blick ist bei mir meist lustiger als ein zappeliges „Was?“. Ich durchforste das jeweilige Drehbuch zunächst nach diesen kleinen Momenten.

Das klingt nun wiederum nach harter Arbeit.

Selbstverständlich. Nichts, was ein fiktionaler Film zeigt, ist spontan entstanden. Es gibt keine Zufälle im Film, höchstens mal originelle Ergänzungen.

Drehbücher sind Gesetzeswerke?

Ich finde ja.

Da darf nichts mehr rein?

Als ich mich bei Pastewka mal unabsichtlich bekleckerte, haben wir das drin gelassen, weil es gepasst hat. Aber wenn so was zur Methode wird, geht es daneben. Unserem Vorbild Curb your Enthusiasm von Larry David wird gern unterstellt, es sei improvisiert. Nix da! Alles gewollt, alles verabredet. Wir machen ja keine Impro-Comedy, wo die Bühne spontan mit dem Publikum interagiert. Das ist die Königsdisziplin. Ach, wie gern würde ich die beherrschen… Wenn das Bonner Improvisationstheater Springmaus aus einem Zuruf Fünfminutensketche macht, weine ich vor Glück. Mir selbst zitterten dagegen schon die Knie, als Sat1 bei mir für die Schillerstraße angefragt hat. Ich wusste genau, bei da würde ich spektakulär scheitern.

Wo bleibt da Ihr Ehrgeiz, neue Fallhöhen auszuloten?

Ich besitze keinen! Ich lese meine Drehbücher und plane, plane, plane. Am Filmset weiche ich zwar gern mal von meinen Vorstellungen ab, kann aber nur vorbereitet in den Tag gehen. Es gibt viele Kollegen, die sagen. „Ich lese nicht das Drehbuch, das Drehbuch liest mich“; ich will das so nicht!

Wie vernünftig…

Tja. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie eine Schauspielschule besucht habe. Ich befürchte immer noch, dass irgendwann jemand mit einem Aktenkoffer in der Hand bei mir klingelt und sagt: „Herr Pastewka, hier haben Sie es schriftlich: Sie können das gar nicht richtig, was Sie da tun.“ Richtig gute Schauspieler sind meist gute Komiker; umgekehrt ist das selten. Weil Komödianten eher auf den unmittelbaren Effekt aus sind – das Lachen. Danach suchen sie auch im Schauspiel instinktiv, kriegen es aber nicht, kämpfen dann umso mehr darum und scheitern noch fulminanter. Mir ist das im 1. Teil vom Wixxer so gegangen. Da wollte ich zu viel.

Gibt es einen Unterschied zwischen gewollt komisch und komisch?

Wenn das Gewollte gut ist, nicht. Mir gefällt das versteckt Komische allerdings besser. Wenn ich mich hier in der Hotellobby umsehe, ist es womöglich viel witziger, wenn jemand sich mit merkwürdiger strenger Geste die Haare aus dem Gesicht streicht, als wenn er voll gegen den Türpfosten knallt. Kleinigkeiten interessieren mich, Alltägliches, das Unbeobachtete. Auch, was die Reaktion betrifft. Wenn es etwa irgendwo im Restaurant laut scheppert, dreht sich in schlechter Comedy alles um; in der Realität ist das Gegenteil der Fall; da ist so ein Knall bedrohlich und lässt den Blick sinken. Darin liegt vielleicht sogar die stärkste Komik der Comedy.

Haben Sie eigentlich Probleme mit dem schlechten Image dieses Begriffs?

Ich kann ja nichts gegen ihn tun. Wer auf der Straße fragt, ob jemand Comedy mag, kriegt fast immer ein Nein, gern versehen mit dem Zusatz, in Deutschland gäbe es ohnehin keine Humorkultur blablabla. Diese Leute gucken dann abends „Sketche mit Herbert und Schnipsi“ oder strömen in Comedy-Shows und das sind nicht nur Prolls, die billige Zoten wollen. Dem Publikum zu unterstellen, es hätte keinen oder gar schlechten Humor, ist vermessen.

Aber man kann ihm unterstellen, es reagiert auf billige Fließbandpointen, die ohne Aufwand zum Lachen bringen.

Ich glaube, dass kein Publikum der Welt langfristig auf billige Pointen hereinfällt. Aber es ist einfacher, sich über populäre Comedy-Stars aufzureiben als, sagen wir: über Zoodokumentationen. „Eisbär, Affe und Co.“ oder wie diese Dinger am Nachmittag heißen, sind das Deprimierendste überhaupt. Man sieht traurige Tiere in winzigen Käfigen, denen von noch ärmeren Pflegern mit Shampoo-Allergie das Fell geschoren wird. Das ist schlimmer als jede schwache Comedy, schlimmer sogar als Scripted Reality. Darüber regt sich aber niemand auf, weil die Strahlkraft fehlt, weil es keine Lobby gibt, die mit einstimmt ins Lamento, wie beim Verfall der Humorkultur. Es sind ja nur Tiere…

Das Abendprogramm zieht halt mehr Aufmerksamkeit auf sich.

Und da finde ich bedenkenswert, dass es nicht zu wenig guten Humor gibt, sondern zu wenig Humor insgesamt. Zwischen Tausenden von Krimis und dem Rest aus Show, News und Pilcher-Schmalz gibt es nur ein paar kleine erzählerische Inseln namens Dittsche, Stromberg und Tatortreiniger. Das war’s. Wir haben keinen zu schlechten Humor für’s deutsche Fernsehen, sondern zu schlechtes deutsches Fernsehen für guten Humor.

Liegt das am deutschen Hang, auf alles einzuhacken, was erfolgreich ist?

Unbedingt. Ich rufe allen zu: „Macht es besser! Schreibt Komödien! Schreibt auch albernen Unsinn, aber eben erhobenen Hauptes. Trivial, nicht banal! Bringt uns zum Lachen! Vielen Dank!“

Aber wenn es doch zusehends banal wird, muss man doch auch das anspruchslose Publikum kritisieren dürfen.

Aber die 75.000 Live-Zuschauer bei Mario Barth lachen doch gar nicht unbedingt über jede einzelne Handtaschenpointe, sondern im Chor. Es geht um Wiedererkennung, um ein Stück Vertrautheit. Und um Respekt vor jemandem, der das, was er da vor einer Riesenmenge tut, wirklich beherrscht. Mario Barth ist in seinem Fach ein Könner. Er ist in der Lage, nichts dem Zufall zu überlassen, er stellt sich dem Publikum absolut zur Verfügung. Das ist nicht immer feinsinnig, aber keinesfalls schlecht.

Das Niveau sinkt, wenn einparkende Frauen zum Wesen des Witzes werden.

Nicht automatisch, wenn man aus dem Phänomen einen guten Scherz ableitet. Zugegeben, mich interessiert dieses Thema auch nicht. Aber ist das ein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen und das Publikum zu geißeln? Gehen Sie mal nach England, nach Amerika – da hat Comedy denselben Stellenwert wie Reality, Show und Drama. Bei der Verleihung der Emmy’s in L.A. bekommt jede Rubrik eine ganze Stunde Sendezeit. Beim Deutschen Fernsehpreis findet man seit einigen Jahren nicht mal mehr drei gute heimische Comdeyserien für eine mögliche Nominierung. Die Kategorie „Comedy“ wurde daher abgeschafft.

Nicht zuletzt, weil die guten Stoffe fehlen.

Oder der Mut, ernste Stoffe mit Humor und Homoristen zu versetzen.

Und wenn sich das ändert, sehen wir Sie auch mal in ernsten Stoffen.

Ich hoffe doch. Ich hab mir viel Mühe gegeben, mein Image so zu schärfen, um in „Der Untergang II“ einen Nazi zu spielen. Aber im Ernst: Ich muss nicht mit meinem Image brechen, um es mir und anderen zu beweisen. Sonst scheitere ich, und zwar zu Recht. Mein Anspruch ist es, Komödie so viel Ernsthaftigkeit zu lassen, dass das Komödiantische erkennbar bleibt. Ich mag diese kleinen Oszillationen zwischen Spaß und Ernst in „Mutter muss weg“, aber danach freue ich mich auch wieder auf Durchschnitt bis zum Äußersten.

Gibt es dabei eine Form der Selbstentblößung, die Sie nicht bieten würden, etwa eine Sexszene, die übers Anbahnen hinausgeht?

Nö. Schon gar nicht körperlich. Es gibt ja weit entblößendere Dinge, als sich auszuziehen.

Zum Beispiel?

Wenn ich mich verspiele. Wenn ich laute Töne anschlage, wo leise gebraucht werden. Das ist im Ernstfall viel nachteiliger für mich als Person, als halbnackt im Gegenlicht gefilmt zu werden. Vor solchen Fehlern werde ich vielleicht nie gefeit sein. Bitte schreiben Sie: „Pastewka weiß doch auch nichts!“

Kann er denn noch ewig Pastewka spielen oder steuert die Reihe mit dieser Staffel auf ihr Ende zu?

Beides wäre möglich, und wir halten uns Jahr für Jahr offen, ob wir überhaupt eine nächste Staffel machen. Auch dieses Mal möchte ich keine Staffel 8 versprechen, da ich niemanden enttäuschen möchte, falls wir uns doch dagegen entscheiden, was immer möglich ist. Denn es geht nicht nur um das Wollen oder die Quoten, sondern um Machbarkeit, Möglichkeit und die Kraft der Ideen. Wir haben bereits 72 Folgen auf dem Buckel und ich möchte unter allen Umständen vermeiden, dass wir uns wiederholen.

Wie leicht oder schwer würde Ihnen die Trennung von sich selbst fallen?

Der Serien-Bastian ist eine Rolle, die ich -trotz anders lautender Gerüchte- auch sehr schnell ablegen kann. Und das mache ich zudem auch sehr gerne.


Sat1-Staatsaffäre: Politphantasien & die Ferres

Bekifftes Huhn

Sat1 hat den Politfilm für sich entdeckt. Und die Emanzipation. Das bedeutet furchtbarerweise: Deutsche Bundeskanzlerin verliebt sich in französischen Präsidenten. Das bedeutet furchtbarererweise: Veronika Ferres.

Von Jan Freitag

Die weibliche Emanzipation ist ein modernes Megathema des Films. Emotionale, aber starke Frauen im Sog männlicher Einflussgebiete – so holt man Heimchen wie Karrieristin vor den Bildschirm. Dort sehen sie eine Welt, in der selbst gute Mädchen nicht nur in den Himmel kommen, sondern überall hin: Management, Lehrstuhl, Barrikade, Selbstständigkeit, Politik. Alles mit Herz, Hirn, Highheels, Haushaltshoheit. Und nun also hierher.

Ins Bundeskanzleramt.

Sat1 hat sich seine Regierungschefin nach einem Schnittmuster der Petra gebastelt: Das Haar goldblond, makellos der Körper, im Auftreten feminin und doch kernig – die Kanzlerin des früheren Kohl-Kanals ist sexy und kompetent, sympathisch und machtbewusst, schlagfertig und resolut, lustig und seriös, häuslich und weltgewandt, mondän und sportlich, mode- und fußballinteressiert. Kurz: Anna Bremer ist fernsehperfekt. Schließlich wird sie gespielt von ihr: Veronica Ferres.

Darauf muss man erstmal kommen.

Die Neovolksschauspielerin hat nämlich in ihren geschätzt 875 Filmen mit gefühlt 3,5 Ausnahmen bislang nur eine Rolle verkörpert: das waidwunde Muttertier im Kampf ums Gelege. Und jede davon variiert sie mit exakt drei Mimiken: trotzig, liebevoll, verletzlich. In Die Staatsaffäre ist sie nun ein schicker Single Ende 40 ohne Kinder, aber mit dem höchsten Amt im Lande. Zu Beginn des „großen TV-Events“, wie bei Sat1 alles heißt, was nicht mit Laiendarstellern im Bruchbudenambiente produziert wird, bringt sie gleich mal eine staatstragende Pressekonferenz abwechselnd mit Faktenwissen über die Energiewende zum Staunen und charmanten Sprüchen zum Lachen. Dann aber steuert sie zielstrebig auf den Titel dieser selten freiwillig komischen Klamaukkomödie zu: Frankreichs neuer Präsident erweist sich darin als Bremers One-Night-Stand vom Abend des Mauerfalls, als es noch die süße Anna war. Das führt zu amourösen Verwicklungen im Umfeld eines europäischen Energieabkommens und … wem an diesem Punkt noch nicht der Kaffee aus den Nasenlöchern schießt, zählt entweder zum Sat1-Stammpublikum.

Oder trinkt lieber Tee.

Denn dusseliger, plumper, aufdringlicher als in Die Staatsaffäre wurde der letzte Nerv anspruchsvoller Zuschauer seit Erfindung von Til Schweigers nicht mehr geraubt. Veronica Ferres, das zeigt sich bereits nach ihrem allerersten Grinsen, ist nicht nur für jede Filmrolle ohne Mutterpass ungeeignet; sie ist als Schauspielerin generell ein Verriss ihrer selbst. Und weil das offenbar auch dem Autor Don Bohlinger, Urheber von Machwerken wie Popp dich schlank, klar war, fällt nach 5:28 Minuten erstmals das Family-Entertainment-Wort schlechthin, eine ArtFerres-Code: Kinder. Denn um deren Zukunft, sagt die Phantasiekanzlerin da aus dem Drehbuchbausatz für empathische Spitzenpolitiker zum Liebhaben, gehe es doch.

Wer Sat1 guckt, braucht eben Schlüsselreize, zumal beim Thema Politik, diesem unbekannte Wesen. Sie müssen ja nichts mit der Realität zu tun haben. Bei Sat1 trifft die sexy Kanzlerin den sexy Präsidenten daher nicht gleich nach dessen Amtsantritt, wie es diplomatische Pflicht wäre, sondern vier Wochen später beim EU-Gipfel. Dort sprechen natürlich alle Staatschefs dialektbehaftet, aber fließend Deutsch. Bei Sat1 faselt die Nachrichtensprecherin von Frankreich und Deutschland als „Achsenmächte“, was zuletzt die Wochenschau vorm Zusammenbruch der Ostfront getan haben dürfte. Die bemerkenswerteste Bewusstseinsstörung in diesem besinnungslosesten Politfilm seit Leni Riefenstahl besteht allerdings darin, dass die Bundeskanzlerin ihre tagesaktuelle News ausgerechnet von Pro7Sat1 bezieht, dessen Informationen in der Realität den Nutzwert einer Energydrink-Werbung haben.

Nun ist die deutsche Fiktion generell im Hintertreffen, wenn es darin um Politik geht. Als Spielfilm hält sie qua Humor, Historie oder Krimi vorsichtshalber Distanz zur Relevanz. Selbst ehrgeizige Serien wie Kanzleramt oder Wedels Affäre Semmeling wirken verglichen mit Borgen, West Wing, House of Cards lahm oder betulich. Die Staatsaffäre aber erklärt Ignoranz gewissermaßen zum Wesenskern politischer Fiktion. Wenn Kanzlerin und Präsident andauernd unbegleitet, unerkannt, ungeheuer romantisch durch Berlin flanieren. Wenn politische Aushandlung impulsiv, emotional und vorwiegend heiter abläuft. Wenn Frau Bremer selbst auf gewichtigen Podien giggelt wie ein bekifftes Huhn und beim Schlusskuss im Abendrot von der Vereinbarung des Privaten mit dem Beruf sülzt. Dann wollen schlichte Gemüter die Sache mit der Emanzipation vielleicht doch noch mal überdenken.

Mehr Bilder & saftige Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-09/staatsaffaere-veronica-ferres-bundeskanzlerin


Fernsehlabore & Ferresaffären

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

25. – 31. August

Die Nachwelt dürfte noch ein wenig brauchen, um irgendwann abschließend zu beurteilen, ob Klaus Wowereit für irgendetwas Dank verdient, das über die Sexiness einer Stadt hinausgeht, die 13 Jahre lang Wowis Stadt war. Eins aber hinterließ sein überraschender Abschied: Dienstagabend lief die erste Tagesschau seit der WM, in der es zum Auftakt nicht um Krieg, Tod, Verwüstung ging. Das war wirklich mal gut so.

Gut so war praktisch zeitgleich auch die Verleihung der Emmys. In L.A. nämlich regnete es den weltweit bedeutendsten auf eine Serie, die ihr Medium mehr durchgeschüttelt hat als 24, Dr. House und Sopranos zusammen: Breaking Bad. Zum wiederholten Male prämiert, bleibt Walter Whites absurde Geschichte somit vor allem: unwiederholbar. Und zugleich die Antithese zum deutschen Fernsehen, das sich im TVLab zumindest Mühe gibt, neue Wege zu gehen. Seit 2010 testet ZDFneo auf der Plattform Formate für höhere Aufgaben, sprich: bessere Sendezeiten auf wahrnehmbaren Sendeplätzen. Bis Freitag standen diesmal drei Serien zur Auswahl, von denen jedoch bis auf Jetzt ist Sense keine wirklich überzeugt hat. Dass ausgerechnet die lausigste von allen gewonnen hat, zeigt zudem, wie nah der Nachwuchssender des Zweiten seiner privaten Brachialkonkurrenz zuweilen kommt. Blockbustaz mit dem Teenystar Eko Fresh als rappender Loser dilettiert so lieblos durch ein Kölner Hochhausghetto, dass Familien im Brennpunkt verglichen damit fast anspruchsvoll wirkt.

So gesehen würde die komikfreie Kiffercomedy weit besser donnerstags zwischen die debile Paarpiepshow Adam und Eva und Was wäre wenn passen, wo Jan Böhmermann und Katrin Bauerfeindt seit voriger Woche ihr Talent dem RTL-Publikum zum Fraß vorwerfen. Weil man von beiden so viel mehr erwarten kann als billige Abischerze mit mies geskripteten Studiodialogen, ist das sogar noch ärmer als die Breaking News von der Superstarsuche: Bohlens Jury wird 2015 von niemand geringerem als Heino, äh, verstärkt. Das ist natürlich ein sehr berechenbarer Ritt auf der Erfolgswelle des rechtskonservativen Volksliedgreises im Metall verarbeitenden Gewerbe. Am Ende aber ist es ja auch der letztinstanzliche Beleg dafür, dass DSDS nie etwas anderes als Comedy war.

TV-neuDie Frischwoche

1. – 7. September

Überhaupt: Comedy. Sie prägt auch die anstehende Fernsehwoche wie sonst selten. Gleich am Dienstag gäbe es da zur besten Sendezeit welche, die eigentlich gar keine sein will und gerade dadurch irre ulkig ist. Sat1 meint es nämlich echt ernst, Veronica Ferres in Die Staatsaffäre zur Kanzlerin zu machen, die sich als ehemaliger One-Night-Stand des neuen (ziemlich schicken) Präsidenten Frankreichs erweist. Kompetent, juvenil, sportlich, sexy, modern, schlagfertig, nett, häuslich, volksnah, vermutlich alleinerziehend und überhaupt am Rande der Perfektion vollkommen – gegen die Chuzpe, Deutschlands einsilbigste Schauspielerin seit Erfindung des Schweigeklosters zur unfreiwillig komischen Fantasiepolitikerin zu machen, hat selbst der freiwillig unkomische Ralf Schmitz keine Chance. Freitag eröffnet er auf RTL sein Hotel Zuhause, in das er fortan wechselnde Gäste zur Sitcom lädt. Schwer zu sagen, ob das dann schlecht geschrieben oder noch schlechter improvisiert ist.

Weil man mit so was aber besser keine Lebenszeit vergeudet, sei doch lieber wahrer guter Humor empfohlen: Die 7. Staffel Pastewka, kurze Zeit später auf Sat1. Als sein eigenes Alter Ego heiratet Bastian P. zum Auftakt endlich seine Freundin. Beinahe zumindest. Zuvor jedoch mutiert er ungewollt zum Nazi, was in jeder Sekunde lustiger ist als Schmitz in einem Jahr. Nicht zuletzt dank Michael Kessler, der in dieser Staffel erneut den Sidekick gibt. Er kann aber auch anders als witzig. In Kessler ist… schlüpft der Switch-Parodist ab Donnerstag (22.05 Uhr) in wechselnde Promis von Schaffrath bis Llambi und interviewt sie als ebendiese, wodurch sie sich quasi selbst befragen, was zu höchst dialektischen Momenten führt.

Etwas, das Markus Imboden regelmäßig schafft. Sein Verdingbub etwa entlarvt Freitag (20.15 Uhr, Arte) die Schweizer Landidylle der Fünfziger als Sklavenhaltergesellschaft am Beispiel des Waisenkindes Max. Grandios erzählt, furios gefilmt – was der Regisseur mit Leo Carax gemeinsam hat, der seit Die Liebenden von Pont Neuf (1991) neben Jean-Pierre Jeunet und Luc Besson als Star des neuen französischen Kinos gilt. Den Auftakt einer dreiteiligen Arte-Reihe macht Mittwoch (21.50 Uhr) Holy Motors, ein experimenteller Film über den schattenhaften Monsieur Oscar, der in 24 Stunden diverse Rollen von Bettler bis Industrieller einnimmt. Filmisch weniger grandios, aber Ursprung eines ganzen Genres ist dagegen der Tipp der Woche nach Arthur Hailey: Airport hat 1969 die Ära des Katastrophenfilms eingeläutet. Man kann ihm das übel nehmen oder danken, ignorieren kann man es nicht. Ebenso wenige wie Das perfekte Dinner, das vor gefühlt 274 Jahren der Fernsehkochboom einläutete. Aber heute bruzzelt Vox 100 % vegan. Vielleicht überzeugt es ja ein, zwei Stammzuschauer davon, einmal die Woche auf Fleisch zu verzichten, zumindest zum Kaffee, so auf Probe. Einen Versuch wär’s wert.