Tobias Moretti: Luis Trenker & die Wahrheit

trenkerDer war wirklich so

Tobias Moretti hat schon öfter Nazis gespielt, auch Hitler. Im ARD-Film verkörpert der Österreicher nun eine der bizarrsten Figuren des NS: Luis Trenker (Foto: BR/Roxy/Christian Hartmann), der sich an der Seite von Brigitte Hobmeier als Leni Riefenstahl zwischen Persiflage und Porträt von Goebbels selbstbewusstem Liebling zum gebrochenen Bittsteller wandelt. Ein Gespräch über den Bergsteigerfilmstar und was er mit seinem Landsmann gemeinsam hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Moretti, kann es sein dass Ihr Luis Trenker die erste NS-Figur abseits der Führungsclique ist, die das Fernsehen nicht mit Samthandschuhen anfasst?

Tobias Moretti: Das mag vielleicht so erscheinen, wenn man diese Entschuldigungs-Epen der letzten Fernsehjahre betrachtet, aber Trenker ist nicht nur und unbedingt eine Figur des Nationalsozialismus. Trenker ist nicht Ferdinand Marian.

Einer von Goebbels‘ „gottbegnadeten“ Schauspielern, der in Veit Harlans Propagandafilm Jud Süß 1940 die Titelrolle gespielt hatte.

Dennoch ist er als Prototyp jemand, der mindestens fünf, sechs Epochen durchschwommen hat und am Schluss trocken aus dem Wasser gestiegen ist.

Spricht die Tatsache, dass so einer nun wirklich ungeschönt im Fernsehen porträtiert wird, für einen Gesinnungswandel des angeblich von Hitler bloß verführten Volkes?

Wer behauptet denn heute noch im Ernst, das Volk sei bloß verführt worden? Aber Trenker war auch nicht das Volk, er war immer ein Macher, eine leading person, also jemand, der das System benutzt und zeitgleich in seiner Eitelkeit nicht gemerkt hat, dass es ihn benutzt.

Wie Sie ihn darstellen, wirkt das manchmal wie eine Persiflage…

Ja, manchmal ist mir die Figur in ihrer Peinlichkeit direkt entglitten, so dass ich beim Anschauen das Gefühl hatte, die Figur steht teilweise neben mir.

Etwa, als Leni Riefenstahl vorm Sex mit ihm ausdruckstanzt?

Ach, da gibt es noch ganz andere Szenen. So was kann man ironische Distanz oder Fremdschämen nennen, wie man will.

Spielen Sie Trenkers seltsam entrücktes Selbstbewusstsein bewusst ein bisschen drüber oder war der wirklich so?

Ich glaube, der war wirklich so, und zwar sowohl im Selbstverständnis seiner Rolle als Mann als auch in seiner ästhetischen Überheblichkeit. Er greift zum Beispiel stilistisch die Moderne auf und packt sie dann doch in sein starres Weltbild. Ich glaube ebenso, dass der naive Trenker klüger war, als er gewirkt hat, kein unreflektierter Intuitionsmensch oder -künstler. Aber mit dem Naturell in der Tasche gehört dir die Welt.

Was am Film und Trenkers Darstellung darin ist historisch verbrieft?

Das meiste.

Auch die Liaison mit Leni Riefenstahl, von der sich im Internet wenig finden lässt?

Doch, sie kommt ja auch in Riefenstahl-Biographien vor. Ich weiß nicht, ob Zeit und Ort immer stimmen; aber vom Hauptstrang um Trenkers Versuch, mithilfe des US-Produzenten Paul Kohner Eva Brauns Tagebücher zu verfilmen, über den Sinneswandel von Goebbels in Bezug auf Trenker bis ins familiäre Umfeld ist alles belegt. Das Drehbuch ist hier sehr genau.

Wo hat es sich denn künstlerische Freiheit genehmigt?

Reine Fiktion war eigentlich nur sein Auto; das war natürlich ein Mercedes, kein Alfa Romeo. Das hatte bei uns aber weniger einen politischen Grund als einen budgetären.

Haben Sie Luis Trenker zu Lebzeiten je getroffen?

Ich hab ihn als Student einmal in Bozen vorbeigehen sehen und hab gedacht, das ist also der Trenker. Ein stattlich alter Herr.

War das vor Drehbeginn ihr Bild von ihm?

Bei uns in Tirol war er als Fernsehfigur nicht so gegenwärtig wie in Deutschland. Wir waren ja als Buben auch mit dem Alpinismus eng verbunden, und später hat sich herauskristallisiert, welches gesellschaftspolitische und alpinistische Chamäleon er war, also auch zwischen Pioniertum und Dampfplauderei. Und sein Erscheinungsbild als Fernsehonkel war mir sowieso befremdlich. Daher war für mich diese kritische Distanz der Erzählung notwendig, um ihn so spielen zu können, dass ich ihn dann selber mag und eine Schnittmenge erarbeiten kann. Jetzt ist er eben auch ein Teil von mir.

Aus einer neuen oder der alten Perspektive?

Also ich habe jetzt keine Erkenntnisse gewonnen, die nach dem Film andere wären als vorher, bin aber froh, dass es mir gelungen ist, Trenker als schillerndes Kaleidoskop in seiner Widersprüchlichkeit zu mögen.

Nur mal hypothetisch gefragt: Wenn Sie seinerzeit für Entnazifizierung zuständig gewesen wären – hätten Sie Trenker und Riefenstahl ungeschoren davonkommen lassen?

Ein Thema des Films war ja, dass Trenker als Italiener keine Entnazifizierung brauchte. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass er je der Ideologie verfallen wäre. Das macht seinen Opportunismus nicht besser, aber vielleicht anders. Leni Riefenstahl hingegen hat ihre Ästhetik nicht bloß in den Dienst der NS-Ideologie gestellt, ihre Ästhetik war NS-Ideologie. Dennoch kenne ich genug hochstehende Persönlichkeiten, und zwar auch der entgegengesetzten politischen Couleur, die ihr begegnet sind und die ihr eine unglaubliche Faszination attestieren, und zwar bis ins hohe Alter.

Sie selbst spielen häufiger Nazis und deren Helfershelfer, darunter Hitler selbst, Ferdinand Marian, den Gestapo-Chef Rudolf Diels – was qualifiziert Sie bloß dafür?

Jetzt bringen Sie mich wirklich zum Nachdenken. Naja, diese Figuren sind wahrscheinlich in unserer Medienkultur auch dramaturgisch viel gegenwärtiger als die kommunistischen Weltschlächter und ihre Helfershelfer. Aber vielleicht sollte ich mich ja mal um Honecker bewerben. Eine Herausforderung, auch für den Friseur.

Was war denn im Falle Trenkers für Ihre Besetzung wichtiger: Optik oder Ihre Gabe, männlich übersteigertes Selbstwertgefühl in einem Blick zerbröseln zu lassen?

Diese Herausforderung hat in der Tat meine spielerische Lust provoziert. Optisch würde ich geeignetere kennen.

Haben Sie selber eine eher brüchige oder unverbrüchliche Männlichkeit?

Ich habe beides, gleichermaßen und im Übermaß. Und das ist keine rhetorische Antwort

Gibt es irgendwas Bemerkenswertes, das Trenker und Sie teilen?

Da gibt es einiges: Die leidenschaftliche Beheimatung in meinen Bergen, die mein Wesen geprägt haben und es noch immer tun. Sie sind meine Sehnsucht, meine Begrenzung und damit auch ein Motor meines ständigen Aufbruchs, vielleicht auch meiner Überschätzung. Und die Neigung zu schnellen Frauen und leidenschaftlichen Autos auch, natürlich.

Der Film ist noch eine Woche in der ARD-Mediathek zu sehen


Luis Trenker: Wendehals & Moretti

bilder-luis-trenker-schmale-grat-wahrheit-112-_v-varxl_829bd9Hitlers Bergführer

Wenn die ARD ein Biopic über Luis Trenker (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD; Foto: BR/Roxy Film/Christian Hartmann) sendet, liegt der Verdacht nahe, da werde mal wieder ein Mitläufer reingewaschen. Dagegen spricht allerdings schon der Darsteller: Tobias Moretti macht den Film zu einer Abrechnung mit dem Bergfilmstar – und Männern insgesamt.

Von Jan Freitag

Der Wendehals gilt als hochmobiles Wesen. Seine Biegsamkeit ist legendär, das Zugverhalten ausgeprägt, die Verbreitung enorm. Nur seine Lebenserwartung scheint nicht der Rede wert: mit vier Jahren ist für den „Vogel des Jahres 1988“ meist Schluss. Das unterscheidet ihn fast noch grundlegender von seinem menschlichen Gegenstück gleicher Zuschreibung als Federkleid und Flugvermögen. Gerade im kulturellen Fach nämlich schafft es der humane Wendehals oft in biblische Sphären.

Johannes Heesters zum Beispiel: 108 Jahre. Oder Leni Riefenstahl: nur sieben weniger, also im Bereich eines besonders mobilen, biegsamen, zugkräftigen Kollegen: Luis Trenker. Ältere Zuschauer werden den Südtiroler noch leibhaftig am Röhrenapparat erlebt haben – als Märchenonkel etwa, der das Publikum des braun befleckten BR mit Luis Trenker erzählt noch bis zum Beginn der Ölkrise in Heimatliebe tunkte. Oder als Gelegenheitsschauspielder erst zweit-, bald drittklassiger Formate, wo er weißhaarig, lederhäutig, felsenstolz den putzigen Alpenopa gab.

Was dort jedoch sorgsam verschwiegen wurde, was generell selten zur Sprache kam in der formatierten Nachkriegsgesellschaft: Luis Trenker war ein alpinistisches Vorzeigemodell nationalsozialistischer Kinoästhetik, Berge erobernder Ufa-Star von Goebbels Gnaden und als solcher Teilstück diverser Menschheitsverbrechen. Doch weil er als NS-Regisseur ein hochgeachteter Pionier naturalistischer Bergfilmfotografie war und sich damit reibungslos ins Unterhaltungsfach der Bundesrepublik einzuordnen vermochte, ist Skepsis angebracht, wenn ihm das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein Biopic schenkt; zu oft schon kamen die Täter und Mitläufer, die Rommels und Stauffenbergs, die Dresdner im Bombenhagel und Gräfinnen auf der Flucht fiktional besser weg als die Realität geböte.

Wie gut, dass es Tobias Moretti gibt. Schließlich ist es besonders dem österreichischen Burgschauspieler zu verdanken, dass Wolfgang Murnbergers sehenswertes Filmporträt Luis Trenker seinen Untertitel verdient: Ein schmaler Grat der Wahrheit. Den beschreitet Moretti mit der gebotenen Ambivalenz eines Künstlers von bizarrer Geschmeidigkeit. Kurz nach Kriegsende, so hat es Peter Probst ins  Drehbuch geschrieben, sitzt Trenker vorm heimischen Bergpanorama und fälscht beim Fußbad Eva Brauns Tagebücher, die er dem Hollywoodagenten Paul Kohner (Anatole Taubman) auf dem Filmfestival Venedig 1948 zur Umsetzung anbietet, was keine Geringere als Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier) zu verhindern sucht, weil sich die schöne Reichsparteitagsregisseurin darin als Hitlers Geliebte verunglimpft sieht, wo sie doch allenfalls mit dem eigenen Steigbügelhalter namens Trenker im Bett war.

Dem verleiht Tobias Moretti eine brüchige Männlichkeit, die das Y-Chromosom bis tief in unsere Gegenwart zur Bürde macht. Gefangen zwischen Kleingeist und Größenwahn, Profilneurose und Geltungsdrang, Brüllen und Schweigen flattert Morettis skeptisch entrückter Blick von fadenscheinigem Erfolg zu folgenloser Niederlage und zurück, immer wieder. Ob sich die aufstrebende Leni vorm älteren Luis nach skurrilem Ausdruckstanz in die Titelrolle vögelt; ob der absteigende Trenker vom jüngeren Goebbels für seine italienische Staatsbürgerschaft gemaßregelt wird; ob das Tagebuchprojekt des uneinsichtigen Mittfünfzigers nach dessen Ende den Bach runtergeht – stets verpasst Moretti seiner gleichalten Figur eine Aura des Schaumschlägers mit fataler Wirkung, die bis ins kleinste Detail belegt sein soll. „Reine Fiktion“, sagt Tobias Moretti, „war eigentlich nur sein Auto“, also jener Alfa Romeo, in dem sein Trenker gern windschnittig viril durchs Alpenpanorama rast.

Wie es sich eben gehört für ein „gesellschaftspolitisches Chamäleon“, das „fünf, sechs Epochen durchschwommen hat und am Schluss trocken aus dem Wasser gestiegen ist“. Morettis Distanz zum Alter Ego auf Zeit, mit dem er die Liebe zum Gebirge als „Sehnsucht, Begrenzung, Motor meines ständigen Aufbruchs, aber auch meiner Überschätzung“ nebst der „Neigung zu schnellen Frauen und leidenschaftlichen Autos“ teilt, ist offenkundig. Dennoch will er dessen Schuld nicht überbewerten. Als leading person habe Trenker „das System benutzt und zeitgleich in seiner Eitelkeit nicht gemerkt hat, dass es ihn benutzt.“ Eher Mit- als Haupttäter also, die Moretti beide oft spielt: vom Jud Süß Ferdinand Marian über Gestapo-Chef Rudolf Diels bis zum Führer selbst.

„Jetzt bringen Sie mich wirklich zum Nachdenken“, sagt er auf die Frage, was ihn denn bloß so zum Nazi qualifiziere und schlägt vor, sich ersatzweise mal um Honecker zu bewerben. „Eine Herausforderung, auch für den Friseur.“ Tobias Moretti dürfte auch die meistern; männliche Abgründe sind sein Metier. Und Wendehälse.


Überraschender Tod & regierende Nazis

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

9. – 15. November

Der Tod kommt oft unsagbar überraschend, wie am vorigen Freitag, als das Sammelbecken gottloser Loser namens IS ihren unheiligen Krieg gegen die Intelligenz erstmals nach Europa getragen hat, wo er seither ganztägig die Nachrichten dominiert, als gäbe es keine Programmstrukturen mehr. Der Tod kommt allerdings selbst dann oft unvermittelt, wenn es sich so lang ankündigt, wie im Falle Helmut Schmidts. Mit 96 Jahren ist der ewige Altkanzler vorigen Dienstag gestorben und hat dennoch das halbe Land und fast seine ganze Stadt in Schockstarre versetzt. Nur die Medien, die schockstarrten nicht, sie feuerten aus allen Rohren, was längst Teil der Berichtskultur ist: Nekrologe in Echtzeit, auf Halde produziert, im Giftschrank gelagert, bei Gelegenheit abrufbar. Keine pietätvolle Praxis, aber eine praktikable im verzugsfreien Internetzeitalter.

Doch was da vorige Woche an sorgsam geplantem Spontangedenken aufs Publikum niederging, war schon von grundlegend neuer Qualität. Zig Seiten lang waren die Nachrufe selbst außerhalb von Schmidts Heimathafen, riesige Bilderstrecken inklusive, nicht alle distanzlos lobhudelnd wie Hamburgs Bild und die baugleiche Morgenpost, aber nahezu durchweg von kritikloser Hochachtung durchdrungen, die sogar den Brennpunkt der Tagesschau ergriff, dessen gewohnter Umfang kurzerhand verdreifacht wurde, als käme das Ableben eines Kettenrauchers im methusalemischen Alter irgendwie unerwartet. Aber das sind Windmühlenkämpfe im Informationszeitalter.

Denn der Medienrepublik ist ein polarisierender, gleichwohl brillanter Gesellschaftsanalyst von selten gewordener Schärfe abhanden gekommen, der seinem Metier – der Publizistik, der Politik – fehlen wird. Das wird man eines Tages von Donald Trump eher nicht sagen müssen. Seine Moderation der legendären NBC-Show Saturday Night Live jedenfalls war zwar ungewöhnlich, aber alles andere als witzig, weshalb die Chance, US-Präsident zu werden immerhin nicht noch größer geworden ist.

Die Chance, ein seriöser Sender zu werden hat hingegen der Kabelkanal Vox ergriffen. Sein erstes eigenes Serienprodukt Club der roten Bänder war nicht nur qualitativ hochwertiger als vieles, das ernstzunehmendere Sender seriell zuwege bringen, sondern mit 2,5 Millionen Zuschauern auch verhältnismäßig erfolgreich.

0-FrischwocheDie Frischwoche

15. – 22. November

Sollte die Zahl bei den heutigen Folgen 2 und 3 auch nur annähernd bestätigt werden, könnte die Konkurrenz jeder Couleur vielleicht wirklich mal begreifen, dass man dem Publikum ruhig sperriges Fernsehen vorsetzen darf… Dinge, die bislang aus anderen Ländern kommen und online laufen. Das Hacker-Epos Mr. Robot zum Beispiel, dessen Nerds so glaubhaft sind, dass ihnen sogar Edward Snowdon Respekt zollt. Oder die pseudohistorische Dystopie The Man in the High Castle, in der die Nazis doch gesiegt haben und Mitte der Sechziger Amerika regieren. Beides läuft ab Donnerstag bei Amazon Prime, das mit solchen Formaten (und einer gigantischen Vertriebskampagne) den Streaming-Markt überrannt hat. Ebenso ungewöhnlich und auch noch umsonst ist die Arte-Serie Occupied, in der Norwegen am gleichen Tag um 20.15 Uhr von Russland besetzt wird, weil es seine Ölproduktion herunterfährt. Witzig, wie undenkbar dieses Szenario noch vor ein, zwei Jahren geklungen hätte…

Ähnlich undenkbar übrigens wie Motorsport beim sonst so ansehnlichen ZDFinfo, das am gleichen Tag ab 15.30 Uhr allen Ernstes das sprithungrige, testosteronsatte Race of Champions überträgt. Ähnlich undenkbar auch wie ein Tatort mit Til Schweiger, der am Sonntag zum dritten Mal unverwundbar um sich schießen darf. Da ist es beruhigend, dass Mario Barth Mittwoch letztmals so tut, als decke er irgendwas auf. Weil die leibhaftige Lachnummer seinem Sender mit diesem Datenmüll allenfalls seinen Kontostand aufdeckt, damit RLT ihn hebe und hebe, kann man getrost umschalten zu Tobias Moretti, der dem ARD-Mittwochsfilm einen Louis Trenker von grandioser Ambivalenz zwischen Größenwahn und Kleinbürgertum verpasst.

Blieben noch ein paar nette Nischentipps. Im RBB liefern zehn Nachwuchsregisseure am Dienstag (22.30 Uhr) Zehn kurze Filme über ein Gefühl namens Heimat, was wirklich mal neue Blickwinkel verspricht. Am Totensonntag gedenken Christine Westermann und Götz Alsmann am Totensonntag um 22.15 Uhr der verstorbenen Gäste ihres WDR-Kleinods Zimmer frei! von Dieter Krebs bis Hans Meiser. In der farbigen Wiederholung der Woche rast Flash Gordon sodann bei 1Plus (Mittwoch, 22.15 Uhr) zum Titellied von Queen (1980) über den Bildschirm. Arte zeigt in der Nacht zu Dienstag um 0.45 Uhr Josef von Sternbergs 90 Jahre altes Spielfilmdebüt The Salvation Hunters über die Suche nach dem amerikanischen Traum. Und auf gleichem Kanal treffen sich Hitchcock – Truffaut um 20.15 Uhr und diskutieren anno 1962 über den Zustand ihres Gewerbes.


The Shoes, A Tribe Called Knarf (Rellöm)

m_1441702389The Shoes

Es ist stets ein bisschen traurig, wenn französische Native Speaker in einer anderen Sprache singen als der wunderbaren, wohlig weichen, gut verständlichen ihrer eigenen Kinderstube. Und sei es Englisch, was sich ja auch ganz gut eignen für Musik jeder Art. Beim Pariser Indiepop-Duo The Shoes allerdings ist die Textverarbeitung auch herzlich egal. Auch auf ihrem dritten Album ist der vielschichtige Mix aus dem tanzbaren New Wave der Achtziger, etwas britischem Trance der Neunziger und flirrigem EDM von heute so abwechslungsreich, dass man gar nicht dazu kommt (und es aus Gründen intellektueller Unterforderung auch besser lässt), auf die prosaischen bis banalen Lyrics zu achten.

Die zehn leichtfüßigen Tracks von Chemicals wollen uns ja gar nicht kognitiv ausloten oder sonstwie auf den Grund unseres Geistes vordringen, sie stehen für dreiviertelsynthetischen Synthiepop mit Vocals als Rhythmusinstrument, der mit großer Bastelfreude die Spielwiesen zwischen Aphex Twin und Retro Stefson, zwischen Pharell Williams und Skrillex ausloten wollen. Man muss dazu ein wenig sein Hirn ausschalten, also bloß nicht zu viel nachdenken; The Shoes machen Sound fürs Wochenende, der die kleinen Unebenheiten spiegelglatter Oberflächen auslotet, das aber mit großer Virtuosität tut. Scheiß auf Französisch, Spaß ist Esperanto.

The Shoes – Chemicals (LABELGUM)

m_1441286593A Tribe Called Knarf

Spaß aber, also elaboriert komischer Spaß jenseits von Brachialcomedy verunglimpfter Klugheit, ist vor allem das Talent, die selbstverliebte Wahrhaftigkeit in ihrer Banalität zu entlarven. Wenn Knarf Rellöm, der mal Frank Möller hieß und Teil der Hamburger Grundschulband Huah! war, schon beim Frühstück darüber sinniert, ob es überhaupt Sinn ergibt, den Sinn des Lebens ergründen zu wollen, und dazu singt, nein spricht, wie er sich einen Brei machte, bevor er die Zeitung las, in der wirklich überhaupt nichts stand, weshalb er sich mal auf die Bassline konzentrierte, die DJ Pattex im Hintergrund so fine findet, wenn dieser Knarf Rellöm nun also abermals die Welt vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt, dann ist das wie immer rasend komisch, vor allem aber ist es so derart weltklug, dass man sein Büro sofort in die Disco verlegen möchte.

Denn ganz egal, ob er nun unterm Namen Ladies Love Knarf Rellöm, Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm, Knarf Rellöm Org, Knarf Rellöm Trinity, Knarf Rellöm Ism oder jetzt eben A Tribe Called Knarf auftritt: Was immer der Electropopminimalsuperstar aus Dithmarschen mit Wohnsitz (nein, nicht Berlin, sondern) Hamburg, anpackt – es wird in seiner soundreduzierten Gaga-Schlichtheit brillant. Auf dem sechsten Soloalbum Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte erzählt er zu technoiden Lowfunkbeats vom Alien nebenan, den Abgründen des Kapitalismus, The Praxis of Love und anderen Menschheitsthemen, die von so kafkaesker Erhabenheit sind, dass man gar nicht zum Tanzen kommt, so sehr dringen sie übers Gehirn ins Gemüt und dann ja irgendwie doch zurück in die Beine. Danke, Knarf!

Knarf Rellöm – Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte (staatsakt)


Starfighter: RTL-Event & Aggressionsabbau

starfighterNiveauzwergs Witwenmacher

Wenn RTL Zeitgeschichte verfilmt, rast irgendwie stets die Autobahnpolizei durchs Bild. Das tut sie auch in Starfighter (heute, 20.15 Uhr; Foto: RTL/Wolfgang Ennenbach). Davon abgesehen liefert die Fiktion der reale Absturzserie deutscher Kampfjets vor rund 50 Jahren darauf, dass der Privatsender gutes Fernsehen kann, wenn er es mit Herz und Hirn, statt Testosteron und Titten versucht.

Von Jan Freitag

Pietät ist keine Kernkompetenz kommerziellen Fernsehens. Zählt es doch zum – oftmals einzigen – Daseinsgrund rücksichtsloser Medien, die Kamera voll draufzuhalten, sobald Körperflüssigkeiten jeder Art fließen. So gesehen war es eine beachtliche Entscheidung von RTL, die Ausstrahlung seines Blockbusters Starfighter kurz nach dem Absturz des Germanwings-Flugs 9525 Ende März zu verschieben, wie es Pro7 zehn Jahre zuvor mit einem Film namens „Tsunami“ getan hatte.

Damals wäre allerdings wünschenswert gewesen, die Rücksichtnahme hätte sich nicht nur auf die Trauerphase der realen Katastrophe erstreckt, sondern in alle Ewigkeit – so missraten war die fiktive Flutwelle vor Sylt, so wenig hatte sie mit einer echten zu tun. Dass nun der Film über die „Witwenmachter“ genannten Bundeswehrjets neun Monate nach dem Ausgangstermin läuft, ist hingegen durchaus zu begrüßen und zieht Sensationelles nach sich: Eine Empfehlung für RTL!

Aber zum einen zeigen Formate vom männlichkeitsdechiffrierenden Restauranttester Rach über das journalistisch brisante Jenke-Experiment bis hin zum neuen Feuilleton-Darling Dschungelcamp, dass der ehemalige Titten-Kanal seinen Testosteron-Überschuss längst selten, aber sichtbar in solide Unterhaltung mit einer Prise soziokultureller Relevanz umzuwandeln versteht. Andererseits ist der seriositätshemmende Hang des Senders zum dramatischen Overkill in diesem Fall völlig angebracht: zählt das wahrhaftige Starfighter-Desaster, in dem zwischen 1962 und 1984 fast ein Drittel der 916 Maschinen vom Typ F-104 abgestürzt sind, zu den skandalösesten Affären der an skandalösen Affären keineswegs armen Historie bundesdeutscher Industriepolitik.

RTL erzählt sie so: Anfang der swinging sixties, als unterm Haarturm die Kleiderfarbe explodiert, verliebt sich Parfümverkäuferin Betti in den kernigen Kampfpilot Harry, der sie in die schillernde Welt verwegener Flieger am rheinischen Luftwaffenstützpunkt entführt. Doch der rock’n’roll-bunte american dream nahe Köln gerät zum Albtraum, als die Starfighter des US-Herstellers Lockheed gleich reihenweise ihre Besatzungen mit in den Tod reißen – darunter bald auch Harry selbst. „Pilotenfehler“, meldet das Verteidigungsministerium wie immer, was die hochschwangere Witwe bezweifelt und bei der Recherche in ein engmaschiges Netz aus Vertuschung, Lügen, Manipulation gerät, aus dem sie sich mithilfe einer Sammelklage zu befreien versucht. Erfolgreich, so viel sei über einen Prozess gespoilert, der 1975 Justizgeschichte schrieb.

Gut, RTL wäre nicht RTL, würde es aus diesem Stoff kein künstliches Kaugummientertainment voller Klischees und Knalleffekte im Beschuss permanenter Soundkaskaden stricken. Und Miguel Alexandre wäre zudem nicht Miguel Alexandre, würde der Melodramen-Regisseur alle Emotion, jeden Effekt, das ganze VFX-Gewitter weniger als ein, zwei Stufen zu hoch pitchen. Trotzdem unterscheidet sich dieses „Eventmovie“ von jedem, das den Bildschirm sonst auf diesem Kanal im Soundbrei ertränkt. Es ist: Empathie, so leidenschaftliche wie glaubhafte Empörung übers kriminelle System des korrupten Bayern-Paten Franz-Josef Strauß, das dem Profitinteresse des militärisch-politischen Komplexes neben Milliarden veruntreuter Steuergelder auch 116 Pilotenleben opferte.

Produzent Michael Souvignier, dessen geistreicher Enthüllungsfuror schon Contergan-Hersteller oder Spenderblut-Händler ins Portemonnaie traf, sagt ganz unverblümt, mit Starfighter arbeite er auch all die Schweinereien von FJS auf, den er schon als „kleiner Revolutionär in der Schule” gehasst habe. Für jene Dokumentionen, mit denen Souvigniers Firma Zeitsprung einst den Grundstein des deutschen Exportschlagers Historienevent legte, mag das zu subjektiv klingen; Spielfilmen mit Herz und Hirn kann es durchaus dienlich sein. Während keinesfalls nur Privatsender ihr Erinnerungsentertainment gern abspulen wie Trickbetrüger ihr Becherspiel, verhilft vor allem Souvigniers Mitgefühl dem opulenten Zweistünder samt seiner aufwändigen Computeranimationen aus der Quotenfalle zwischen „Top-Gun“ und „Grease“, in der die Handlung anfangs landet, um nach der Hälfte nahe Erin Brockovitch zu landen.

Das liegt auch an Picco von Groote, deren Betti einen plausiblen Wandel vom Traumprinzenaccessoire der spießbürgerlichen Vorkrisenjahre zur selbstbewussten Frau des folgenden Aufbruchs vollzieht und damit einiges über den Umbruch rings um 1968 erzählt, der verkrustete Autoritäten in Frage stellt und aufkommenden nicht ungeschoren lässt. Beides wird  versiert verkörpert von zwei tragenden Nebenfiguren: Rainer Bock als Verteidigungsminister Hermann Weltke alias Kai-Uwe von Hassel, der trotz Verlust seines eigenen Sohnes im Starfighter vom „Blutzoll“ faselt, den eine wehrhafte Demokratie in Friedenszeiten zu leisten habe und ansonsten weiter am Geflecht seines Amtsvorgängers webt; und Alice Dwyer als Bettis beste Freundin Helga, die aus der Pilotenclique in die APO abweicht, dort allerdings zur Fundamentalopposition neigt.

Das lässt die übliche Zielgruppenversorgung zwischendrin glatt vergessen, bei der die Darsteller kataloggemäß gekleidet im Cabrio vom Bowling übers Autokino zum Käseigel gen Zukunft fahren, wo Sätze damals ferne Sätze à la „das musst du dir mal reinziehen“ erklingen. Aber wenn sie ein Großschauspieler wie Frederick Lau für den Niveauzwerg RTL sagt, muss wohl was dran sein, am kurzweiligen Film über ein Kapitel deutscher Realpolitik, die bis heute ungesühnt zum Himmel stinkt, den die Piloten – wie der depperte Untertitel brüllt – gar nicht erobern wollten, sondern am Ende einfach überleben.

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Michael Souvignier: Event-Fan & Strauß-Feind

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Seit fast 20 Jahren versorgt Michael Souvigniers Dokumentarfilmschmiede „Zeitsprung“ das Fernsehen auch mit vielfach preisgekrönten Historienevents wie Wunder von Lengede oder Contergan und hat sich damit zu einem der einflussreichsten Filmrealisierer im Land gemausert. Ein Gespräch mit dem Essener Produzenten (Foto: Zeitsprung), Jahrgang 1958, über appelative Filme, den frühen Tod seiner Frau, warum Filme wie In der Falle (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) so oft im Milieu der Reichen spielen und wie er mit dem Blockbuster Starfighter (Donnerstag, 20.15 Uhr, RTL) seinen Hass auf Franz-Josef Strauß aufarbeitet.

Vom Jan Freitag

freitagsmedien: Michael Souvignier, auch auf dem großen Sozialdramen-Platz am ARD-Mittwoch geht es diesmal um reiche Leute, wenn der Heiratsschwindel an BMW-Erbin Susanne Klatten als Fiktion verarbeitet wird. Was bitte  macht die Oberen Zehntausend dramaturgisch so interessant, dass verglichen mit ihrer Zahl so viele Filme davon handeln?

Michael Souvignier: Interessante These, diese empirische Datenlage ist mir unbekannt, aber vorstellbar. Schon Dallas und Denver haben gezeigt, dass der Zuschauer denen da oben gern dabei zusieht, wie sie die gleichen Probleme von denen da unten durchleben.

Hat das mit der Neid-Kultur zu tun, die uns Deutschen nachgesagt wird?

Da ist was dran. Die Amerikaner gönnen einem das dicke Auto und große Haus, weil deren System glaubhafter macht, jeder könne es mit viel Arbeit erreichen. Deshalb ist man dort weniger gehässig, falls jemand auf die Nase fällt, und wohlwollender, wenn es um die zweite Chance geht.

Eine Geschichte wie Susanne Klattens wäre also in den USA gar nicht so in die Medien geraten, weil es dort keine so ausgeprägte Neid- und damit Gehässigkeitskultur gibt?

Schwer zu sagen. Das Interessante  an unserem Film, der von wahren Begebenheiten inspiriert ist, ist,  dass die Protagonistin sich auf einen Heiratsschwindler einlässt, auf ihn reinfällt und trotz dieser Schmach den Mut hat, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf die Schadenfreude des Sturzes von oben folgt hier der Respekt, sie aufstehen zu sehen. Das fasziniert die Leute.

Machen Sie Filme, weil ein Thema das Publikum oder weil es Sie selbst fasziniert?

Idealerweise beides!

Dennoch haben Sie einen gewaltigen Hang, reale Ereignisse zu verfilmen.

Das ist sogar fast eine Obsession! Ich komme ja aus dem Journalismus und habe zuvor zehn Jahre lang Dokus und Reportagen gemacht; historische Fälle aufzuarbeiten, gibt mir seither die Möglichkeit, Missstände unterhaltsam aufzuarbeiten und damit eine Marke zu schaffen: Faktenbasierte Fiktion mit anschließender Doku zum Thema, die wir stets selbst produzieren. Das ist eine Zeitsprung-Nische, deren umfassende Recherchen große Budgets rechtfertigen.

Ihre Filme haben also keinen rein unterhaltenden, sondern appellativen Charakter?

Absolut. Nehmen Sie Starfighter – was hab ich Franz-Josef Strauß als kleiner Revolutionär während der Schulzeit nicht ausstehen können. Ich finde es bemerkenswert, wie lange die Katastrophe unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit bleiben konnte. Das Faszinierende an dem Film ist, dass er wie Top Gun anfängt und wie Erin Brockowicz endet und damit spannende Unterhaltung bietet und als Drama endet. Mehr verrate ich aber nicht. Ich möchte den Zuschauern nicht die Spannung nehmen.

Würden Sie sich als politischen Produzenten bezeichnen?

Das klingt mir zu aufgeladen, ich bin politisch interessiert. Politische Produzenten heben den Zeigefinger, politisch interessierte zeigen Missstände auf. Deshalb gibt es bei mir nie Gute und Böse, sondern richtiges oder falsches Handeln. Am Contergan-Film hat mich daher weit mehr als der Pharmahersteller Grünenthal interessiert, warum die Leute damals so wahnsinnig viele Schlaftabletten genommen haben.

Und warum?

Weil Contergan rezeptfrei war und bei Überdosis nicht zum Tod führte! Aber der wichtigste Faktor eines Filmes ist und bleibt das Menschliche; in der Tragödie entfaltet es eine grandiose Kraft.

Hat sich ihr Blick darauf verändert, seit ihre eigene Frau gestorben ist?

Nein. Der Tod meiner Frau war unglaublich schmerzhaft und tragisch, aber ich bin Gott sei Dank so gestrickt, dass er mich nicht umgehauen hat. Ich denke jeden Tag hundertmal an sie, schon weil ich in der Nacht ihres Todes die Hörkraft auf meinem linken Ohr durch einen Hörsturz verloren habe. Als kurz darauf auch noch mein engster und ältester Freund gestorben ist und dann mein Schwager, habe ich intensiv versucht, den Tod zu verstehen und dabei viel übers Leben gelernt.

Machen Ihre Erfahrungen damit demütig oder abgebrüht?

Ich bin für beides viel zu optimistisch.

Sind Sie dennoch härter geworden?

Das einzige, wo ich hart bin, ist beim Verkaufen.

Verkaufen Sie nur Filme, von denen Sie vollends überzeugt sind?

Nein. Wenn Sie eine Firma haben wie ich, ohne Konzern im Rücken, muss man Geld verdienen, um so etwas Langwieriges wie Contergan oder Starfighter zu schaffen. Ich versuche, leichte Sachen sogar in hoher Stückzahl zu produzieren, um mir die Goldstücke leisten zu können.

Wo sehen Sie sich und Zeitsprung in zehn Jahren?

Auf einem guten Weg. Deutschland ist immer noch ein großer Markt, lineares Fernsehen wird noch mindestens 15 Jahre bedeutend sein, zumal es die Online-Streams weiter schwer haben. In diesem Klima will ich seriöse, unterhaltsame Leuchtturmprojekte realisieren. Das ist mein Steckenpferd. Denn das deutsche Fernsehen ist nicht annähernd so schlecht wie man es gern darstellt.

Das deutsche Fernsehen nicht, aber deutsche Serien!

Deshalb ist der größte Traum ist die große horizontale Serie. Und das wird kommen. Dennoch ist unser Fernsehen insgesamt schon darum besser als das anderer Länder, weil es alles umsonst gibt und zwar ohne den Trash aus Italien auf allen Kanälen zum Beispiel. Amerikaner zahlen 150 Dollar pro Monat fürs Programm und dann noch HBO oder Netflix. Die Frage ist: wie viel ist der Deutsche bereit zu zahlen?

Ihre Antwort?

Nicht viel.


Diekmanns Girl & RTLs Fighter

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. November

Die Flüchtlingskrise hält an, Europa wankt weiter, Griechenland ist immer noch Pleite, Putin auf dem Thron und Pegida in den Köpfen: auch die Vorwoche war nahezu frei von good news – bis auf eine, die kritischen Geistern das Jahr, wenn nicht ihr Leben versüßt: Kai Diekmann tritt ab. Einerseits aus dem Leben, wenn er Anfang des Jahres im Tatort eine Leiche spielt. Und dann vom Chefposten der Bild. Die wird künftig von einer Frau geführt, womit ihr Arbeitgeber abgesehen vom Dreck, den er dank Diekmanns Gossenjournalismus 15 Jahre lang in die Köpfe gepumpt hat, mal wieder seiner Zeit voraus ist.

Wünschen wir Kais jungem Ziehkind Tanit Koch, dass sie sich den Ex-Boss und künftigen Herausgeber der roten Springer-Gruppe nur insofern zum Vorbild nimmt, als auch sie die Auflage des gefährlichen Schmierenblattes halbiert. Umso eher könnte ihr das Schicksal der Stadlshow blühen: Nach dem ruppigen Rauswurf des Volksmusikplatzhirschs Andy Borg fiel deren Quote unter jüngerer, aber farbloser Moderation so tief, dass der BR nun verkündete, „nach der Silvesterausgabe nochmals zu beraten und dann über die Zukunft zu entscheiden“, was diplomatisch umschreibt, die charakterschwachen Grüßaugusts Francine Jordi und Alexander Mazza sind 2016 Weg vom Fenster.

Gut, so richtig schlechte Nachrichten klingen ebenfalls anders, weshalb wir mal eine wirklich gute bringen, so zum Stimmungsaufhellen: Joko Winterscheid, dieser Monsterscoop poppte vorige Woche im Postfach auf, entwirft eine eigene Sockenkollektion. So-cken-kol-lek-tion. Wahnsinn! „Das optimale Weihnachtsgeschenk für alle Männer“, faselt der Hersteller, „die gerne im Detail auffallen!“ Dabei fallen Männer doch viel lieber im Groben auf. Mit dickem Ego zum Beispiel wie von Franz Beckenbauer, dass Oli Dittrich am Sonntag im WDR so brillant persifliert hat, als sei der Kaiser selbst zu sehen gewesen. Noch lieber allerdings natürlich mit dicken Autos oder besser gleich dicken Flugzeugen. Starfighter etwa, die RTL eigentlich im Frühjahr steigen lassen wollte – wovon der Sender aus einer absurd missverstandenen Form von Pietät Abstand nahm, da kurz vor der Ausstrahlung ein deutsches Flugzeug in den Alpen abstürzte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

9. – 15. November

Donnerstag darf der Eventfilm genannte Blockbuster nun doch auf Sendung, und er ist – nein, nicht schlimm geworden, sondern erstaunlich ansehnlich. Weil er den testosteronsatten Einstieg im Stile von Top Gun rasch hinter sich lässt und Kurs auf die Ursachen des Todes von 117 Kampffliegern nimmt, denen ein verbrecherisches System um den korrupten Bayernkönig Strauß vorausging. Gut, es ist immer noch RTL mit mehr Schauwert als Inhalt, aber aller Ehren wert.

Was ebenso für die erste eigenproduzierte Vox-Serie zutrifft. In Doppelfolgen verarbeitet Club der roten Bänder ab Montag den Bestseller über eine Kinderkrebsstation zu zehn Teilen fiktionaler Unterhaltung, die so konsequent aus Patientensicht erzählt wird, dass der privatfernsehtypische Dramatiküberhang gar nicht so negativ ins Gewicht fällt. Fazit: seriöser als vieles, was kommerziell sonst entertaint. Besser auch als das, was 2014 im einst so ehrgeizigen TVLab entstanden ist. Von daher kann es dieses Jahr nur besser werden, wenn ZDFneo „YouTuber, Social-Media-Persönlichkeiten, Schauspieler, Musiker und Autoren“ ab Montag dazu auffordert, ein identisches Thema individuell zu verfilmen. Erste Ergebnisse gibt es in der Woche drauf.

Vorher aber lässt sich bestaunen, wozu Öffentlich-Rechtliche in der Lage sind, wenn gestandene Filmemacher üppige Etats und gute Schauspieler kriegen. Montag setzt das ZDF den gelungenen Polizeifilm Unter Feinden unter der Regie von Lars Becker mit herausragendem Personal (Fritz Karl, Nicholas Ofcharek, Jessica Schwarz) fort und beweist mit Zum Sterben zu früh, dass die Primetime keine Happyends braucht, um zu überzeugen. Und im ARD-Mittwochsfilm In der Falle zeigt Claudia Michelsen als Heiratsschwindler-Opfer Simone Kleebach alias Susanne Klatten, dass die Realität emotional und nüchtern zugleich fiktionalisiert werden kann.

Dass sich fiktionales Realitätsbedürfnis allerdings auch zu einer Hyperrealität verdichten kann, die alle Wirklichkeit an der Logik vorbei überholt, zeigt die farbige Wiederholung der Woche am Mittwoch um 20.15 Uhr, wenn SuperRTL die ersten Folgen von Dr. House bringt, der einerseits Fernsehgeschichte geschrieben hat, andererseits rasch dramaturgisches Opfer seiner überdrehten Misanthropie wurde. Der schwarzweiße Wochentipp Tartüff hingegen überdreht nichts; dafür gewährt Friedrich Murnaus Stummfilm von 1925 am Montag (23.15 Uhr, Arte) einen famosen Blick aufs Bürgertum nach dem 1. Weltkrieg – den der Kulturkanal im Dokutipp der Woche tags drauf um 20.15 Uhr in nie gezeigten Aufnahmen (Im Krieg) bebildert.