The Shoes, A Tribe Called Knarf (Rellöm)

m_1441702389The Shoes

Es ist stets ein bisschen traurig, wenn französische Native Speaker in einer anderen Sprache singen als der wunderbaren, wohlig weichen, gut verständlichen ihrer eigenen Kinderstube. Und sei es Englisch, was sich ja auch ganz gut eignen für Musik jeder Art. Beim Pariser Indiepop-Duo The Shoes allerdings ist die Textverarbeitung auch herzlich egal. Auch auf ihrem dritten Album ist der vielschichtige Mix aus dem tanzbaren New Wave der Achtziger, etwas britischem Trance der Neunziger und flirrigem EDM von heute so abwechslungsreich, dass man gar nicht dazu kommt (und es aus Gründen intellektueller Unterforderung auch besser lässt), auf die prosaischen bis banalen Lyrics zu achten.

Die zehn leichtfüßigen Tracks von Chemicals wollen uns ja gar nicht kognitiv ausloten oder sonstwie auf den Grund unseres Geistes vordringen, sie stehen für dreiviertelsynthetischen Synthiepop mit Vocals als Rhythmusinstrument, der mit großer Bastelfreude die Spielwiesen zwischen Aphex Twin und Retro Stefson, zwischen Pharell Williams und Skrillex ausloten wollen. Man muss dazu ein wenig sein Hirn ausschalten, also bloß nicht zu viel nachdenken; The Shoes machen Sound fürs Wochenende, der die kleinen Unebenheiten spiegelglatter Oberflächen auslotet, das aber mit großer Virtuosität tut. Scheiß auf Französisch, Spaß ist Esperanto.

The Shoes – Chemicals (LABELGUM)

m_1441286593A Tribe Called Knarf

Spaß aber, also elaboriert komischer Spaß jenseits von Brachialcomedy verunglimpfter Klugheit, ist vor allem das Talent, die selbstverliebte Wahrhaftigkeit in ihrer Banalität zu entlarven. Wenn Knarf Rellöm, der mal Frank Möller hieß und Teil der Hamburger Grundschulband Huah! war, schon beim Frühstück darüber sinniert, ob es überhaupt Sinn ergibt, den Sinn des Lebens ergründen zu wollen, und dazu singt, nein spricht, wie er sich einen Brei machte, bevor er die Zeitung las, in der wirklich überhaupt nichts stand, weshalb er sich mal auf die Bassline konzentrierte, die DJ Pattex im Hintergrund so fine findet, wenn dieser Knarf Rellöm nun also abermals die Welt vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt, dann ist das wie immer rasend komisch, vor allem aber ist es so derart weltklug, dass man sein Büro sofort in die Disco verlegen möchte.

Denn ganz egal, ob er nun unterm Namen Ladies Love Knarf Rellöm, Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm, Knarf Rellöm Org, Knarf Rellöm Trinity, Knarf Rellöm Ism oder jetzt eben A Tribe Called Knarf auftritt: Was immer der Electropopminimalsuperstar aus Dithmarschen mit Wohnsitz (nein, nicht Berlin, sondern) Hamburg, anpackt – es wird in seiner soundreduzierten Gaga-Schlichtheit brillant. Auf dem sechsten Soloalbum Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte erzählt er zu technoiden Lowfunkbeats vom Alien nebenan, den Abgründen des Kapitalismus, The Praxis of Love und anderen Menschheitsthemen, die von so kafkaesker Erhabenheit sind, dass man gar nicht zum Tanzen kommt, so sehr dringen sie übers Gehirn ins Gemüt und dann ja irgendwie doch zurück in die Beine. Danke, Knarf!

Knarf Rellöm – Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte (staatsakt)


Starfighter: RTL-Event & Aggressionsabbau

starfighterNiveauzwergs Witwenmacher

Wenn RTL Zeitgeschichte verfilmt, rast irgendwie stets die Autobahnpolizei durchs Bild. Das tut sie auch in Starfighter (heute, 20.15 Uhr; Foto: RTL/Wolfgang Ennenbach). Davon abgesehen liefert die Fiktion der reale Absturzserie deutscher Kampfjets vor rund 50 Jahren darauf, dass der Privatsender gutes Fernsehen kann, wenn er es mit Herz und Hirn, statt Testosteron und Titten versucht.

Von Jan Freitag

Pietät ist keine Kernkompetenz kommerziellen Fernsehens. Zählt es doch zum – oftmals einzigen – Daseinsgrund rücksichtsloser Medien, die Kamera voll draufzuhalten, sobald Körperflüssigkeiten jeder Art fließen. So gesehen war es eine beachtliche Entscheidung von RTL, die Ausstrahlung seines Blockbusters Starfighter kurz nach dem Absturz des Germanwings-Flugs 9525 Ende März zu verschieben, wie es Pro7 zehn Jahre zuvor mit einem Film namens „Tsunami“ getan hatte.

Damals wäre allerdings wünschenswert gewesen, die Rücksichtnahme hätte sich nicht nur auf die Trauerphase der realen Katastrophe erstreckt, sondern in alle Ewigkeit – so missraten war die fiktive Flutwelle vor Sylt, so wenig hatte sie mit einer echten zu tun. Dass nun der Film über die „Witwenmachter“ genannten Bundeswehrjets neun Monate nach dem Ausgangstermin läuft, ist hingegen durchaus zu begrüßen und zieht Sensationelles nach sich: Eine Empfehlung für RTL!

Aber zum einen zeigen Formate vom männlichkeitsdechiffrierenden Restauranttester Rach über das journalistisch brisante Jenke-Experiment bis hin zum neuen Feuilleton-Darling Dschungelcamp, dass der ehemalige Titten-Kanal seinen Testosteron-Überschuss längst selten, aber sichtbar in solide Unterhaltung mit einer Prise soziokultureller Relevanz umzuwandeln versteht. Andererseits ist der seriositätshemmende Hang des Senders zum dramatischen Overkill in diesem Fall völlig angebracht: zählt das wahrhaftige Starfighter-Desaster, in dem zwischen 1962 und 1984 fast ein Drittel der 916 Maschinen vom Typ F-104 abgestürzt sind, zu den skandalösesten Affären der an skandalösen Affären keineswegs armen Historie bundesdeutscher Industriepolitik.

RTL erzählt sie so: Anfang der swinging sixties, als unterm Haarturm die Kleiderfarbe explodiert, verliebt sich Parfümverkäuferin Betti in den kernigen Kampfpilot Harry, der sie in die schillernde Welt verwegener Flieger am rheinischen Luftwaffenstützpunkt entführt. Doch der rock’n’roll-bunte american dream nahe Köln gerät zum Albtraum, als die Starfighter des US-Herstellers Lockheed gleich reihenweise ihre Besatzungen mit in den Tod reißen – darunter bald auch Harry selbst. „Pilotenfehler“, meldet das Verteidigungsministerium wie immer, was die hochschwangere Witwe bezweifelt und bei der Recherche in ein engmaschiges Netz aus Vertuschung, Lügen, Manipulation gerät, aus dem sie sich mithilfe einer Sammelklage zu befreien versucht. Erfolgreich, so viel sei über einen Prozess gespoilert, der 1975 Justizgeschichte schrieb.

Gut, RTL wäre nicht RTL, würde es aus diesem Stoff kein künstliches Kaugummientertainment voller Klischees und Knalleffekte im Beschuss permanenter Soundkaskaden stricken. Und Miguel Alexandre wäre zudem nicht Miguel Alexandre, würde der Melodramen-Regisseur alle Emotion, jeden Effekt, das ganze VFX-Gewitter weniger als ein, zwei Stufen zu hoch pitchen. Trotzdem unterscheidet sich dieses „Eventmovie“ von jedem, das den Bildschirm sonst auf diesem Kanal im Soundbrei ertränkt. Es ist: Empathie, so leidenschaftliche wie glaubhafte Empörung übers kriminelle System des korrupten Bayern-Paten Franz-Josef Strauß, das dem Profitinteresse des militärisch-politischen Komplexes neben Milliarden veruntreuter Steuergelder auch 116 Pilotenleben opferte.

Produzent Michael Souvignier, dessen geistreicher Enthüllungsfuror schon Contergan-Hersteller oder Spenderblut-Händler ins Portemonnaie traf, sagt ganz unverblümt, mit Starfighter arbeite er auch all die Schweinereien von FJS auf, den er schon als „kleiner Revolutionär in der Schule” gehasst habe. Für jene Dokumentionen, mit denen Souvigniers Firma Zeitsprung einst den Grundstein des deutschen Exportschlagers Historienevent legte, mag das zu subjektiv klingen; Spielfilmen mit Herz und Hirn kann es durchaus dienlich sein. Während keinesfalls nur Privatsender ihr Erinnerungsentertainment gern abspulen wie Trickbetrüger ihr Becherspiel, verhilft vor allem Souvigniers Mitgefühl dem opulenten Zweistünder samt seiner aufwändigen Computeranimationen aus der Quotenfalle zwischen „Top-Gun“ und „Grease“, in der die Handlung anfangs landet, um nach der Hälfte nahe Erin Brockovitch zu landen.

Das liegt auch an Picco von Groote, deren Betti einen plausiblen Wandel vom Traumprinzenaccessoire der spießbürgerlichen Vorkrisenjahre zur selbstbewussten Frau des folgenden Aufbruchs vollzieht und damit einiges über den Umbruch rings um 1968 erzählt, der verkrustete Autoritäten in Frage stellt und aufkommenden nicht ungeschoren lässt. Beides wird  versiert verkörpert von zwei tragenden Nebenfiguren: Rainer Bock als Verteidigungsminister Hermann Weltke alias Kai-Uwe von Hassel, der trotz Verlust seines eigenen Sohnes im Starfighter vom „Blutzoll“ faselt, den eine wehrhafte Demokratie in Friedenszeiten zu leisten habe und ansonsten weiter am Geflecht seines Amtsvorgängers webt; und Alice Dwyer als Bettis beste Freundin Helga, die aus der Pilotenclique in die APO abweicht, dort allerdings zur Fundamentalopposition neigt.

Das lässt die übliche Zielgruppenversorgung zwischendrin glatt vergessen, bei der die Darsteller kataloggemäß gekleidet im Cabrio vom Bowling übers Autokino zum Käseigel gen Zukunft fahren, wo Sätze damals ferne Sätze à la „das musst du dir mal reinziehen“ erklingen. Aber wenn sie ein Großschauspieler wie Frederick Lau für den Niveauzwerg RTL sagt, muss wohl was dran sein, am kurzweiligen Film über ein Kapitel deutscher Realpolitik, die bis heute ungesühnt zum Himmel stinkt, den die Piloten – wie der depperte Untertitel brüllt – gar nicht erobern wollten, sondern am Ende einfach überleben.

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Michael Souvignier: Event-Fan & Strauß-Feind

csm_Michael_Souvignier_neu_6d62b11567Hart bin ich nur beim Verkaufen

Seit fast 20 Jahren versorgt Michael Souvigniers Dokumentarfilmschmiede „Zeitsprung“ das Fernsehen auch mit vielfach preisgekrönten Historienevents wie Wunder von Lengede oder Contergan und hat sich damit zu einem der einflussreichsten Filmrealisierer im Land gemausert. Ein Gespräch mit dem Essener Produzenten (Foto: Zeitsprung), Jahrgang 1958, über appelative Filme, den frühen Tod seiner Frau, warum Filme wie In der Falle (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) so oft im Milieu der Reichen spielen und wie er mit dem Blockbuster Starfighter (Donnerstag, 20.15 Uhr, RTL) seinen Hass auf Franz-Josef Strauß aufarbeitet.

Vom Jan Freitag

freitagsmedien: Michael Souvignier, auch auf dem großen Sozialdramen-Platz am ARD-Mittwoch geht es diesmal um reiche Leute, wenn der Heiratsschwindel an BMW-Erbin Susanne Klatten als Fiktion verarbeitet wird. Was bitte  macht die Oberen Zehntausend dramaturgisch so interessant, dass verglichen mit ihrer Zahl so viele Filme davon handeln?

Michael Souvignier: Interessante These, diese empirische Datenlage ist mir unbekannt, aber vorstellbar. Schon Dallas und Denver haben gezeigt, dass der Zuschauer denen da oben gern dabei zusieht, wie sie die gleichen Probleme von denen da unten durchleben.

Hat das mit der Neid-Kultur zu tun, die uns Deutschen nachgesagt wird?

Da ist was dran. Die Amerikaner gönnen einem das dicke Auto und große Haus, weil deren System glaubhafter macht, jeder könne es mit viel Arbeit erreichen. Deshalb ist man dort weniger gehässig, falls jemand auf die Nase fällt, und wohlwollender, wenn es um die zweite Chance geht.

Eine Geschichte wie Susanne Klattens wäre also in den USA gar nicht so in die Medien geraten, weil es dort keine so ausgeprägte Neid- und damit Gehässigkeitskultur gibt?

Schwer zu sagen. Das Interessante  an unserem Film, der von wahren Begebenheiten inspiriert ist, ist,  dass die Protagonistin sich auf einen Heiratsschwindler einlässt, auf ihn reinfällt und trotz dieser Schmach den Mut hat, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf die Schadenfreude des Sturzes von oben folgt hier der Respekt, sie aufstehen zu sehen. Das fasziniert die Leute.

Machen Sie Filme, weil ein Thema das Publikum oder weil es Sie selbst fasziniert?

Idealerweise beides!

Dennoch haben Sie einen gewaltigen Hang, reale Ereignisse zu verfilmen.

Das ist sogar fast eine Obsession! Ich komme ja aus dem Journalismus und habe zuvor zehn Jahre lang Dokus und Reportagen gemacht; historische Fälle aufzuarbeiten, gibt mir seither die Möglichkeit, Missstände unterhaltsam aufzuarbeiten und damit eine Marke zu schaffen: Faktenbasierte Fiktion mit anschließender Doku zum Thema, die wir stets selbst produzieren. Das ist eine Zeitsprung-Nische, deren umfassende Recherchen große Budgets rechtfertigen.

Ihre Filme haben also keinen rein unterhaltenden, sondern appellativen Charakter?

Absolut. Nehmen Sie Starfighter – was hab ich Franz-Josef Strauß als kleiner Revolutionär während der Schulzeit nicht ausstehen können. Ich finde es bemerkenswert, wie lange die Katastrophe unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit bleiben konnte. Das Faszinierende an dem Film ist, dass er wie Top Gun anfängt und wie Erin Brockowicz endet und damit spannende Unterhaltung bietet und als Drama endet. Mehr verrate ich aber nicht. Ich möchte den Zuschauern nicht die Spannung nehmen.

Würden Sie sich als politischen Produzenten bezeichnen?

Das klingt mir zu aufgeladen, ich bin politisch interessiert. Politische Produzenten heben den Zeigefinger, politisch interessierte zeigen Missstände auf. Deshalb gibt es bei mir nie Gute und Böse, sondern richtiges oder falsches Handeln. Am Contergan-Film hat mich daher weit mehr als der Pharmahersteller Grünenthal interessiert, warum die Leute damals so wahnsinnig viele Schlaftabletten genommen haben.

Und warum?

Weil Contergan rezeptfrei war und bei Überdosis nicht zum Tod führte! Aber der wichtigste Faktor eines Filmes ist und bleibt das Menschliche; in der Tragödie entfaltet es eine grandiose Kraft.

Hat sich ihr Blick darauf verändert, seit ihre eigene Frau gestorben ist?

Nein. Der Tod meiner Frau war unglaublich schmerzhaft und tragisch, aber ich bin Gott sei Dank so gestrickt, dass er mich nicht umgehauen hat. Ich denke jeden Tag hundertmal an sie, schon weil ich in der Nacht ihres Todes die Hörkraft auf meinem linken Ohr durch einen Hörsturz verloren habe. Als kurz darauf auch noch mein engster und ältester Freund gestorben ist und dann mein Schwager, habe ich intensiv versucht, den Tod zu verstehen und dabei viel übers Leben gelernt.

Machen Ihre Erfahrungen damit demütig oder abgebrüht?

Ich bin für beides viel zu optimistisch.

Sind Sie dennoch härter geworden?

Das einzige, wo ich hart bin, ist beim Verkaufen.

Verkaufen Sie nur Filme, von denen Sie vollends überzeugt sind?

Nein. Wenn Sie eine Firma haben wie ich, ohne Konzern im Rücken, muss man Geld verdienen, um so etwas Langwieriges wie Contergan oder Starfighter zu schaffen. Ich versuche, leichte Sachen sogar in hoher Stückzahl zu produzieren, um mir die Goldstücke leisten zu können.

Wo sehen Sie sich und Zeitsprung in zehn Jahren?

Auf einem guten Weg. Deutschland ist immer noch ein großer Markt, lineares Fernsehen wird noch mindestens 15 Jahre bedeutend sein, zumal es die Online-Streams weiter schwer haben. In diesem Klima will ich seriöse, unterhaltsame Leuchtturmprojekte realisieren. Das ist mein Steckenpferd. Denn das deutsche Fernsehen ist nicht annähernd so schlecht wie man es gern darstellt.

Das deutsche Fernsehen nicht, aber deutsche Serien!

Deshalb ist der größte Traum ist die große horizontale Serie. Und das wird kommen. Dennoch ist unser Fernsehen insgesamt schon darum besser als das anderer Länder, weil es alles umsonst gibt und zwar ohne den Trash aus Italien auf allen Kanälen zum Beispiel. Amerikaner zahlen 150 Dollar pro Monat fürs Programm und dann noch HBO oder Netflix. Die Frage ist: wie viel ist der Deutsche bereit zu zahlen?

Ihre Antwort?

Nicht viel.


Diekmanns Girl & RTLs Fighter

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. November

Die Flüchtlingskrise hält an, Europa wankt weiter, Griechenland ist immer noch Pleite, Putin auf dem Thron und Pegida in den Köpfen: auch die Vorwoche war nahezu frei von good news – bis auf eine, die kritischen Geistern das Jahr, wenn nicht ihr Leben versüßt: Kai Diekmann tritt ab. Einerseits aus dem Leben, wenn er Anfang des Jahres im Tatort eine Leiche spielt. Und dann vom Chefposten der Bild. Die wird künftig von einer Frau geführt, womit ihr Arbeitgeber abgesehen vom Dreck, den er dank Diekmanns Gossenjournalismus 15 Jahre lang in die Köpfe gepumpt hat, mal wieder seiner Zeit voraus ist.

Wünschen wir Kais jungem Ziehkind Tanit Koch, dass sie sich den Ex-Boss und künftigen Herausgeber der roten Springer-Gruppe nur insofern zum Vorbild nimmt, als auch sie die Auflage des gefährlichen Schmierenblattes halbiert. Umso eher könnte ihr das Schicksal der Stadlshow blühen: Nach dem ruppigen Rauswurf des Volksmusikplatzhirschs Andy Borg fiel deren Quote unter jüngerer, aber farbloser Moderation so tief, dass der BR nun verkündete, „nach der Silvesterausgabe nochmals zu beraten und dann über die Zukunft zu entscheiden“, was diplomatisch umschreibt, die charakterschwachen Grüßaugusts Francine Jordi und Alexander Mazza sind 2016 Weg vom Fenster.

Gut, so richtig schlechte Nachrichten klingen ebenfalls anders, weshalb wir mal eine wirklich gute bringen, so zum Stimmungsaufhellen: Joko Winterscheid, dieser Monsterscoop poppte vorige Woche im Postfach auf, entwirft eine eigene Sockenkollektion. So-cken-kol-lek-tion. Wahnsinn! „Das optimale Weihnachtsgeschenk für alle Männer“, faselt der Hersteller, „die gerne im Detail auffallen!“ Dabei fallen Männer doch viel lieber im Groben auf. Mit dickem Ego zum Beispiel wie von Franz Beckenbauer, dass Oli Dittrich am Sonntag im WDR so brillant persifliert hat, als sei der Kaiser selbst zu sehen gewesen. Noch lieber allerdings natürlich mit dicken Autos oder besser gleich dicken Flugzeugen. Starfighter etwa, die RTL eigentlich im Frühjahr steigen lassen wollte – wovon der Sender aus einer absurd missverstandenen Form von Pietät Abstand nahm, da kurz vor der Ausstrahlung ein deutsches Flugzeug in den Alpen abstürzte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

9. – 15. November

Donnerstag darf der Eventfilm genannte Blockbuster nun doch auf Sendung, und er ist – nein, nicht schlimm geworden, sondern erstaunlich ansehnlich. Weil er den testosteronsatten Einstieg im Stile von Top Gun rasch hinter sich lässt und Kurs auf die Ursachen des Todes von 117 Kampffliegern nimmt, denen ein verbrecherisches System um den korrupten Bayernkönig Strauß vorausging. Gut, es ist immer noch RTL mit mehr Schauwert als Inhalt, aber aller Ehren wert.

Was ebenso für die erste eigenproduzierte Vox-Serie zutrifft. In Doppelfolgen verarbeitet Club der roten Bänder ab Montag den Bestseller über eine Kinderkrebsstation zu zehn Teilen fiktionaler Unterhaltung, die so konsequent aus Patientensicht erzählt wird, dass der privatfernsehtypische Dramatiküberhang gar nicht so negativ ins Gewicht fällt. Fazit: seriöser als vieles, was kommerziell sonst entertaint. Besser auch als das, was 2014 im einst so ehrgeizigen TVLab entstanden ist. Von daher kann es dieses Jahr nur besser werden, wenn ZDFneo „YouTuber, Social-Media-Persönlichkeiten, Schauspieler, Musiker und Autoren“ ab Montag dazu auffordert, ein identisches Thema individuell zu verfilmen. Erste Ergebnisse gibt es in der Woche drauf.

Vorher aber lässt sich bestaunen, wozu Öffentlich-Rechtliche in der Lage sind, wenn gestandene Filmemacher üppige Etats und gute Schauspieler kriegen. Montag setzt das ZDF den gelungenen Polizeifilm Unter Feinden unter der Regie von Lars Becker mit herausragendem Personal (Fritz Karl, Nicholas Ofcharek, Jessica Schwarz) fort und beweist mit Zum Sterben zu früh, dass die Primetime keine Happyends braucht, um zu überzeugen. Und im ARD-Mittwochsfilm In der Falle zeigt Claudia Michelsen als Heiratsschwindler-Opfer Simone Kleebach alias Susanne Klatten, dass die Realität emotional und nüchtern zugleich fiktionalisiert werden kann.

Dass sich fiktionales Realitätsbedürfnis allerdings auch zu einer Hyperrealität verdichten kann, die alle Wirklichkeit an der Logik vorbei überholt, zeigt die farbige Wiederholung der Woche am Mittwoch um 20.15 Uhr, wenn SuperRTL die ersten Folgen von Dr. House bringt, der einerseits Fernsehgeschichte geschrieben hat, andererseits rasch dramaturgisches Opfer seiner überdrehten Misanthropie wurde. Der schwarzweiße Wochentipp Tartüff hingegen überdreht nichts; dafür gewährt Friedrich Murnaus Stummfilm von 1925 am Montag (23.15 Uhr, Arte) einen famosen Blick aufs Bürgertum nach dem 1. Weltkrieg – den der Kulturkanal im Dokutipp der Woche tags drauf um 20.15 Uhr in nie gezeigten Aufnahmen (Im Krieg) bebildert.


Kolumne: Hamburgs Olympia-Referendum

1-olympia_suedansicht_3d_a3Wahnsinnsstadt

Es gibt es so viele Gründe gegen Olympia, dass sich Hamburg genauso gut um die Austragung der amerikanischen Basketballliga bewerben könnte. Die Mittendrin-Kolumne Wahnsinnsstadt diesmal zu einem ungeheuer wichtigen Referendum, das eigentlich auch egal ist.

Von Jan Freitag

Am 29. November ist es also so weit, der Wahnsinn hat ein Ende: 1,3 Millionen Bürger und -innen dürfen abstimmen, ob die Olympischen Spiele 2024 nach Hamburg kommen. Gut, genauso könnten sie auch wählen lassen, ob der Klimawandel beendet wird, Gott eine Frau ist oder Günther Jauch am gleichen Tag doch nicht seinen ARD-Talk beendet; aber das sind eher theologische als politische Fragen.

Entscheidend ist, dass den Wahlberechtigten mit einer PR-Kampagne von biblischer Schlichtheit eingebimst wird, den Lauf der Geschichte allein mit Willenskraft zu lenken. Ein Selbstverständnis, der dieser Stadt seit Zeiten sturmumtoster Handelskoggen zueigen ist. Von der Realität hat sich das hanseatische Geltungsbedürfnis bei allem Pragmatismus noch nie aufhalten lassen. Beim Alten Elbtunnel – einst ein Weltwunder – hat das ganz gut geklappt, bei der Elbphilharmonie – jetzt eine Lachnummer – eher weniger, aber egal: Wenn sich das kaufmannsstolze Miniaturwunderland was in den Kopf setzt, wird‘s gemacht. Also ab ins Referendum.

Da hilft nur noch Verwirrung

Für das die Wahnsinnsstadt eine Empfehlung abgibt: Stimmt mit Ja! Wer seinen Gegner nicht besiegen kann, sprach ein mal fetter Fernsehkater, muss ihn verwirren. Und nichts verwirrt Hamburger Großmannssucht mehr als die verflixte Sache mit der Wirklichkeit. In der nämlich gibt es nur Gegenargumente einer erfolgreichen Bewerbung ums Mega-Ereignis, das bis auf Lillehammer noch jede Stadt zum Negativen verändert hat: Von der Fußball-EM im gleichen Jahr, das ein weiteres Megaevent hierzulande praktisch ausschließt, übers professoral kritisierte Nachhaltigkeitskonzept, das dem IOC angesichts der Vergaben an die Umweltfeinde Peking, Rio, Tokio herzlich egal ist, bis zur ungedeckten Finanzierung von 6,2 der 7,4 Milliarden Euro aus öffentlicher Hand, gibt es so viele Gründe gegen Olympia, dass sich Hamburg genauso gut um die Austragung der amerikanischen Basketballliga bewerben könnte.

Womit wir bei der Konkurrenz wären, besonders L.A., das 2024 nach dann 28 Jahren US-Abstinenz turnusmäßig dran wäre und gegenüber Europa nur das Nachsehen hätte, wenn die dortige Stadt einen Namen trüge, den man international mit etwas anderem assoziiert als einem Fleischklopsbrötchen, also Paris oder Rom. So schwer es dem Marketing auch fällt, das angesichts all der Ballermannbesucher aus Deutschlands Schützenfestgürtel zu akzeptieren: außerhalb Nordeuropas ist diese Stadt nahezu unbekannt. Und Fans gediegener Independent-Musik, denen sie dank des Reeperbahn-Festivals doch ein Begriff ist, sind tendenziell eher weniger an Rhythmischer Sportgymnastik interessiert.

Eigentlich nur Formsache

Aber um Gäste mit mehr Anspruch als umgehende Druckbetankung mit Musicalpathos und Promille ging es den Seelenverkäufern der Eventkultur noch nie – weshalb sie ein Werbevideo ohne Frauen gedreht haben und verdrängen, dass Olympische Spiele in der Regel mindestens dreimal teurer werden als kalkuliert; weshalb alle Warnrufe von Elbphilarmonietraumatsierten über die Hafenwirtschaft bis hin zu Umweltschutz und Universität in den Wind geschlagen werden und die Hamburger Presse willfährig faselt, das Referendum sei eigentlich nur Formsache. „So wird Olympia die Stadt verändern“, titelte die Mopo Anfang Oktober. Kein Konjunktiv.

Indikativ!

Also bitte, liebe Wahlberechtigte: Seid gefälligst ebenfalls für die Kandidatur! Mit 100 Prozent Zustimmung in die sichere Niederlage – vielleicht holt das die selbstgerechten Pfeffersäcke ja auf den Boden der Tatsachen zurück. Und falls nicht, falls sie einfach weitermachen wie bisher, könnte ein gelungener Plebiszit Vorbild sein für weitere Abstimmungen über den Größenwahn einer kleingeistigen Stadt. Her mit dem Referendum über Schlagermove, Harley-Treffen und Cruise Days! Wenn diese Stadt schon nicht bekannter werden kann, dann doch wenigstens ein bisschen lebenswerter.


Sons of Settlers, Bill Wells & Aidan Moffat

csm_Cover_Sons-of-Settlers_Album-front_66410c6eeeSons of Settlers

Einen Anfang vom Ende her zu denken, klingt nicht gerade impulsiv. Und wenn dieses Ende auch noch trist ist, sogar deprimierend. “If you feel, the end is near / lay your head by me my dear” singt die Folkrock-Formation Sons of Settlers zum Auftakt ihres Debütalbums und man ist sofort leicht genervt, weil offenbar schon wieder ein paar singende Jammerlappen westlicher Prägung die Tristesse des (meist männlichen) Daseins in Melodramatik ertränken wollen. Dann aber fährt das Auftaktstück I lost myself mit “I now we’re dying / but won’t stop trying” fort und man atmet auf: die singenden Jammerlappen westlicher Prägung stammen aus nicht nur aus der südafrikanischen Diaspora des Singer/Songwritings; sie verpassen dem gefühligen Genre auch eine Portion Lebensmut, der das Ende doch eher vom Anfang her denkt.

Lullabies for the Restless macht vom ersten Lied an Spaß, der auch beim elften nicht endet. Vor allem Gerdus Oosthuizens weiche, aber kräftige Stimme verleiht den Texten viel Selbstbewusstsein, lebensbejahende Gitarren und bisweilen ein fast karibisches Ambiente verhindern trotz atmosphärischer Parallelen gekonnt Vergleiche mit Mumford & Sons oder Coldplay, und vor allem Justin Bosmans Schlagzeug holt drohende Behäbigkeit immer wieder mit zügigem Tempo aus dem Loch. Man sollte also besser nicht in typischer Folk-Stimmung sein für dieses unterhaltsame Debüt. Und dass wir alle mal sterben, ist ohnehin kein Grund zur Trübsal, sondern eine Tatsache, über die man wunderbar aufgewühlte, zugleich tiefenentspannte Musik machen kann. Musik wie diese.

Sons of Settlers – Lullabies for the Restless (Motor Music)

m_1444647524Bill Wells & Aidan Moffat

Dass an Musik dabei gar nicht alles perfekt sein muss, um große Wucht zu entfalten, zeigt der Schotte Bill Wells an der Seite von Aidan Moffat, die ihr fabelhaftes Debütalbum The Most Important Place In The World vom Jahresanfang nun um eine nicht minder fantastische EP erweitern. Sie heißt erstaunlich kryptisch DILF_77 Would Like To Chat und treibt einen virilen Big-Band-Sound vor der windschiefen Stimme her, dass selbst der große deutsche Spaß-Crooner Rocko Schamoni vor Neid erblassen könnte. Die Bläser sind virtuoser, das Arrangement ausgefeilter, der Gesang in seiner brüchigen Absurdität kreativer als vieles, was nostalgischen Sound an die digitale Gegenwart andocken möchte.

Von seinem schottischen Akzent verfeinert, treibt Bill Wells Las Vegas hier herzerfrischend in die Disco und sorgt ohne jeden Anspruch an Vollkommenheit für große Momente des orchestralen Minimal-Sounds. Mal wild und verschroben, mal großspurig und maniriert führt dieses wunderbare Zweierprojekt den zeitgenössischen Pop somit ein paar Lieder lang am eigenen Nasenring durch die Manege und entlockt ihm Melodien, die es eigentlich gar nicht geben dürfte: Zauberrhythmen, an denen man sich kaum satt hören kann. Wer das nicht mag, mag sich selbst nicht. Nur mal so als These.

Bill Wells & Aidan Moffat – DILF_77 Would Like To Chat (Chemical Underground)


Mark Wahlberg: Hollywood & Arbeiterspirit

Ich ziehe mein Ding durch

Madata(1)rk Wahlberg (Foto: ZDF/Alan Markfield) ist erkältet, also kein Handshake, „sorry, Sir“. Dabei hätte man zu gern den Griff des Muskelbergs mit Jungslächeln getestet, der es aus dem Ghetto zur Oscar-Nominierung gebracht hat. In Berlin redet er über einen gefallenen Cop im Politthriller Broken City (Montag, 9. November, 22.15 Uhr, ZDF), der als Detektiv in den Korruptionssumpf des Bürgermeisters (Russell Crowe) gerät. Die Story des aufstehenden Exhelden passt zu Wahlberg, der 1971 als jüngstes von neun Kindern in Boston geboren erst kriminell und dann über den Umweg des rappenden Unterwäschemodels Marky Mark zum Hollywoodstar wurde, der zwischen Goldener Himbeere und Golden Globe pendelt. Bekannt wurde er als Pornostar in Boogie Nights, berühmt als Schatzsucher in Three Kings, zuletzt brillierte er in an der Seite des lebenden Teddys Ted mit miesen Manieren. Nun also ein Drama, das er wie so oft selbst produziert hat

Interview: Jan Freitag

Mark Wahlberg: Schön Sie zu sehen, Sir, ich hoffe, es geht Ihnen besser als mir; ich bin sehr erkältet.

freitagsmedien: Danke, mir geht’s gut. Zumal es ein besonderer Moment ist, den Mann zu treffen, den ich als Jugendlicher so gehasst habe.

Bitte?! Wofür denn?

Weil Sie Anfang der Neunzigerjahre mit ihren Muskelbergen das Gegenteil von süß waren, und alle Mädchen um mich herum Sie trotzdem genau das fanden.

Tja, ich kann gut verstehen, dass es blöd ist, wenn die Mädchen in einem Umfeld ständig von anderen schwärmen, aber das können Sie mir doch nicht persönlich anlasten (lacht).

Keine Sorge, ich weiß ja auch, woran das lag.

Woran?

An ihrem Stirnrunzeln.

Wirklich?

Diese Mischung aus hart und verschmitzt fanden alle niedlich, noch heute – fragen Sie mal all die Journalistinnen vor der Tür, mit denen Sie gerade geredet haben. Wie viele Arten, die Stirn zu runzeln, haben Sie genau?

Oh, da fragen Sie definitiv den Falschen. Ob Sie’s glauben oder nicht: ich verbringe nur wenig Zeit vorm Spiegel, weil ich mich einfach nicht so gern selber sehe. Haben Sie sie gezählt?

In Broken City müssen es Hunderte sein, egal ob Sie nett sind oder sauer, nachdenklich und gelangweilt. Ist das so eine Art Trademark von Ihnen, ein Alleinstellungsmerkmal?

Zumindest kein kalkuliertes. Ich glaube, es gibt viele Schauspieler, auch Nicht-Schauspieler, die besonders bemerkenswerte oder anziehende Eigenschaften an sich herausstellen; so ticke ich nicht, nicht mehr. Ich bin einfach ich und ziehe mein Ding durch; sobald man zu sehr darüber nachdenkt, kriegt man Probleme mit der Selbstwahrnehmung und wird jemand anderes.

Aber es gibt schon Eigenschaften, die Sie als Schauspieler und Mensch kennzeichnen?

Sicher. Als Person versuche ich ein frommer Katholik und guter Ehemann, Vater, Sohn, Freund, Nachbar, Mitmensch zu sein, was mir meistens sogar ganz gut gelingt. Und im Job will ich meine Arbeit einfach in jedem Projekt so gut machen, wie ich kann, um mein Publikum mit interessanten Inhalten zu unterhalten. Wenn das meine Trademarks sind, wäre ich zufrieden.

Zumal es ein seriöseres ist als früher, wo ihr Bodybuilderkörper das wichtigste Markenzeichen war.

Aber selbst da war es kein bewusstes Stilmittel. Ich habe ja im Knast mit Workouts begonnen; wenn man sich dort verteidigen will, ist es ratsam, so stark und eindrucksvoll wie möglich zu sein.

Haben Sie mehr Zeit im Gym verbracht als im Filmstudio?

Schon, denn vom Studio war damals ja noch keine Rede. Es war eine Überlebensstrategie,

Andererseits sehen Sie noch immer aus, als wären Sie gut im Training.

Das hängt davon ab, welche Art von Film ich grad drehe und wie viel Zeit mir abseits davon bleibt. Ich hatte zuletzt ein wirklich hartes Jahr mir vier umfangreichen Rollen, die mich auf unterschiedlichste Weise gefordert haben. Da war überhaupt keine Zeit fürs Training; heute ist der erste Tag der achten Woche zurück an den Hanteln.

Das wissen Sie so genau?

Ja (lacht), aber ich mache das ja nicht mehr, um anderen das Fürchten zu lehren, sondern weil ich es vorziehe, gesund zu leben. So kommt man einfach morgens leichter aus dem Bett und kann mit seinen Kindern mithalten; gerade meine Jungs sind extrem sportlich.

Wie wichtig ist ein durchtrainierter Körper für einen Schauspieler von 41 Jahren?

Das hängt allein von der Rolle ab. Als ich jung war, wollte ich am liebsten Boxer, besser noch Bodybuilder spielen, und zwar mit meinem Körper in der Hauptrolle. Würde ich das heute spielen, wäre der Körper ganz klar in der Nebenrolle, als rein visueller Aspekt. Zumal mich die Welt des Bodybuildings als junger Mann in Kalifornien noch fasziniert hat. Heute sehe ich den Wettbewerbsgedanken weit kritischer, für den man sich Steroide und so Zeug schluckt.

Haben Sie das je selbst getan?

Niemals! Das Zeug bringt dich um, mein Freund. Und die 37.000 Dollar Preisgeld beim Wettbewerb gewinnt nur einer, die anderen müssen weiter schlucken. Ich hab immer ganz klassisch trainiert.

Womit sie es zum Unterhosenmodel gebracht haben. Wann wurden Sie das letzte Mal halbnackt fotografiert wie damals in der Calvin-Klein-Kampagne?

Damals in der Calvin-Klein-Kampagne. Und auch in meinen Filmen muss ich nicht mehr allzu viel zeigen. Mann, Sie sind aber fokussiert auf meinen Körper!

Nur um hervorzuheben, dass Broken City für Ihre Verhältnisse ein völlig unkörperlicher Film ist.

Weil er sich an figuren- und inhaltsgetriebenen Filmen der Siebzigerjahre orientiert – Chinatown, Serpico, French Connection.

Es geht darin um Kriminalität im Regierungsumfeld New Yorks. Macht das den Film zu einem politischen?

Nein, Politik firmiert darin nur als Hintergrundgeräusch. Es ist ein Kriminalthriller, schon deshalb, weil Politik als zentrales Thema auf große Teile des Publikums nicht sonderlich attraktiv wirkt. Schon gar nicht, wenn sie in Botschaften gepackt wird. Die gibt es hier nicht.

Bis auf die unüberhörbare Kritik daran, das Amerika im Sumpf aus Korruption, Habgier und sozialer Kluft zu zerfallen droht.

Mag sein, aber der Film ist da ebenso optimistisch wie ich selbst. Diesen Sumpf trocken zu legen ist zwar ein schwieriger Prozess, aber mit den richtigen Leuten an den nötigen Hebeln kann es funktionieren. Präsident Obama braucht sicher viel mehr als vier weitere Jahre, um die Riesenprobleme, die er nur geerbt hat, in den Griff zu kriegen. Aber ich glaube an die Selbstheilungskräfte der Gesellschaft, solange sich Menschen finden, die es gemeinsam packen wollen.

Und wenn nicht, bedarf es eben des all American heros aus Hollywood, der es regelt.

Sie meinen aber jetzt nicht meine Figur in Broken City oder? Das ist nämlich nur ein Kerl, der sich – obwohl er sich damit in Gefahr bringt – reinwaschen will. Er ist tief gefallen, wieder aufgestanden, nun will er es endlich mal richtig machen.

Sehr amerikanisches Thema, das auch ein bisschen nach Ihrem eigenen Leben klingt.

Da gibt es in der Tat Parallelen, sicher. Ich habe eine Menge Fehler gemacht, gerade als ich jünger war. Da musste ich sehr viel Zeit damit verbringen, all die falschen Entscheidungen von früher wieder auszubügeln. Deshalb kann ich mich wohl mit Billy so gut identifizieren.

Wie viel aus ihrer Jugend in Boston steckt heute noch in Ihnen?

Oh, eine Menge, auch wenn sich zum Glück die besseren Seiten durchgesetzt haben. Trotzdem war die Zeit in Dorchester 20 Jahre lang mein Leben und alles davon ist noch in mir – plus Vernunft. Ich bin als Person, als Erwachsener, als Mann natürlich gereift, aber als Schauspieler kann zugleich aus einem großen Schatz an Lebenserfahrung vor diesem Reifungsprozess schöpfen. Die meisten Schauspieler haben ja nur ihre Techniken und Trainingsmethoden, um sich einer Rolle anzunähern. Wer aus behütetem Elternhaus kommt, erinnert sich da vielleicht, wo er sich als Kind gern versteckt hat; ich erinnere mich an die Straße, das ist gerade für Rollen wie diese hilfreich und gibt diesem kleinen Betrug namens Schauspielerei etwas Aufrichtiges.

Waren Sie je in einer Schauspielschule?

Es gibt grundsätzlich nichts, was ich zur Vorbereitung einer Rolle nicht täte, aber richtig gelernt hab ich das Schauspielen nie.

Hat es Sie damals womöglich gerettet?

Sehr richtig, es hat mich vor dem Abgrund bewahrt. Die Schauspielerei hat meinem Leben eine positive Wende gegeben.

Auch dank Donnie!

Ja, mein Bruder hat mich von der Kante zur Musik gezogen. Aber ich musste schnell versuchen, meinen eigenen Weg zu gehen, denn trotz allen Erfolgs war die Musik für mich Fluch und Segen zugleich. Einerseits gab es meinem Leben eine Richtung, andererseits hat Marky Mark es vielen lange schwerer gemacht, den Schauspieler Mark Wahlberg ernst zu nehmen.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht so früh bei der damals erfolgreichsten Boy Group New Kids On The Block ausgestiegen wären?

Sehr wahrscheinlich das, was ich heute tue, das steckte ja schon damals in mir. Aber ich denke lieber über das nach, was geschehen ist, als das, was hätte geschehen können. Ich weiß ja nicht mal, ob ich noch singen würde. Doch auch ohne Musik gefällt mir mein Leben von heute bestens.

Wie würden Sie das denn bezeichnen – bürgerlich?

Dafür ist mein Blue Color Spirit wohl noch zu ausgeprägt?

Ihr was?

Diese Arbeiterattitüde: der Kerl, dem es nichts ausmacht, sich die Finger schmutzig zu machen, der das kaputte Rohr im Keller selber repariert, der jeden Tag rausgeht, um für sich und seine Familie hart zu arbeiten, zum Abendessen heimzukehren und danach mit den Kindern zu spielen. Ich werde öfter gefragt, mit welchen Schauspielern ich mich identifiziere und nenne da gern Steve McQueen oder Jimmy Cagney, diese unfreiwilligen Mittelklassehelden statt leuchtender Vorbilder, die schöner sind als das Mädchen, um das sie kämpfen. So was kauft mir keiner ab. Ich glaube ich bin eher so der männliche Mann.

Was genau heißt das?

Was es eben ist, mehr ein männlicher als ein weiblicher Mann.

Klingt konservativ.

Nein, es zeigt nur meine praktische Sicht auf die Rolle im Leben. Ich bin ein ganz normaler Mann, der nicht ständig ungewöhnliche Sachen macht, sondern den geraden Weg geht. Das bin ich.

Holen Sie deshalb gerade Ihren Highschool-Abschluss nach?

Unter anderem. Ich möchte nicht, dass ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben immer sagen muss: Frag Mami. Ich bin allerdings noch längst nicht fertig, denn es erfordert doch mehr Arbeit, als ich anfangs dachte, aber ich ziehe das jetzt durch. Meine Lebenserfahrung mag mir beruflich helfen, aber wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich lieber zur Schule zu gehen. Man kann nicht alles haben…

Im Beruf dagegen produzieren Sie seit langem Filme, in denen Sie dann selbst Hauptrollen spielen; wollen Sie wie so viele Ihrer Kollegen dazu auch mal Regie führen?

Möglicherweise, aber nicht zwingend mit mir in der Hauptrolle. Regie ist sehr zeitaufwändig. Trotzdem habe ich schon öfter drüber nachgedacht, aber bislang noch kein Drehbuch gefunden, von dem ich das Gefühl hatte, nur ich könne das umsetzen.

Zur Not könnten Sie sich ja ein eigenes schreiben.

Das ist ja noch mehr Arbeit! Nehmen Sie das mit der Arbeiter-Attitüde bitte nicht zu ernst…


Arte-Doku: Bahnhofskinos

Voodoo, Sex und Raimund Harmstorf

Bahnhofskinos gehörten einst zur City wie die Gleise selbst. Doch Mitte der Achtziger fielen sie VHS und RTL zum Opfer, die den Trash des BaLi ins Wohnzimmer holten. Eine Arte-Hommage feiert dieses Cinema Bizarre (Online in der Mediathek), das weit mehr ist, als ein Kuriositätenkabinett.

048647-000_1994116_32_202Von Jan Freitag

An Sex’n’Drugs’n‘Rock’n‘Roll – Ältere müssen sich das erst in Erinnerung rufen, um Jüngeren davon zu berichten – kam man mal nur schwer heran in der frisch zwangsdemokratisierten Republik. Auf Leinwand lief bunte Betulichkeit, am Bildschirm Biedermeier in schwarzweiß. Exzesse waren unschicklich, Homosexualität und freie Liebe gleich ganz verboten, Frau und Kind zu schlagen schon weniger, sofern es daheim erfolgte, was es landauf landab munter tat, im Alkoholdunst einer sternhagelvollen Männerwelt.

Die kampfesmüde, gewaltbereite, sittenstrenge Nachkriegsgesellschaft hatte zweifelsohne ein merkwürdiges Verhältnis zu Befriedigung, Rausch und körperlichem Zwang. In dieser Atmosphäre wurden Ausschweifungen jeder Art zwar gern aus den Augen aus dem Sinn verbannt, allerdings ausgerechnet dorthin, wo es jeder deutlich sehen konnte: Ins Bahnhofskino. Auferstanden aus den Ruinen innerstädtischer Infrastruktur, um Reisenden das Warten zu verkürzen und nebenbei die umliegenden Neubaukomplexe zu finanzieren, wurde in gleisnahen Lichtspielhäusern rund um die Uhr das gezeigt, was Durchschnittsbürgern ansonsten meist verborgen blieb.

Was genau das war, weshalb es die bürgerliche Mitte gleichermaßen abstieß und anzog, wie derart anrüchige Abseiten der ästhetischen Norm inmitten ordentlich gefegter Ortskerne überlebten und was ihr schleichender Tod über unsere Gegenwart zu sagen hat – darüber klärt eine der zauberhaftesten Dokumentationen auf, die das laufende Fernsehjahr bislang zu bieten hatte. Sie heißt Cinema Bizarre und beschreibt das versunkene Reich der Bahnhofs-Lichtspiele, deren Kürzel „BaLi“ einst an kaum einer größeren Haupthaltestellenfassade zwischen Kiel und München, Braunschweig und Köln fehlte. Versehen mit einer Liebe zum Objekt, als säße das Publikum persönlich im samtroten Gestühl.

Und sähe davor obskure Streifen in Endlosschleife, deren Titel allein schon pures Entertainment sind. Die nackten Superhexen vom Rio Amore, Der Totenacker der Knochenmänner, Nackt und zerfleischt – ohne mit der faltigen Wimper zu zucken verliest Gertrud Sonnenberg, die seit 1959 in einem der fünf letzten von ehemals 30 BaLis sitzt, im blauen Kittel das Programm früherer Tage und eröffnet ein quietschbuntes Panoptikum aberwitziger Filmtrashkunst, das weit mehr sein will als nur nostalgisches Kuriositätenkabinett.

Regisseur Oliver Schwehm, der schon mal einen schwarzweißen Thementag auf Arte verantwortet hat und die Hommage Winnetou darf nicht sterben, begnügt sich nämlich nicht mit der Historisierung eines Stücks deutscher Kinogeschichte; gemeinsam mit Kollegen und anderen Cineasten wie Wolfgang Niedecken oder der tabakrauen Tatort-Staatsanwältin Mechthild Großmann, schildert er den Weg von der kriegsversehrten über die formierte zur multimedialen Gesellschaft von heute am Beispiel dieser Schmuddelecken der Aufmerksamkeitsindustrie.

Wie sie vorm Siegeszug des Fernsehens zunächst als unterhaltsames Informationsmedium zwischen Wochenschau und Tierdoku fungierten, mit dem man sich vorm Anschlusszug die Zeit vertrieb. Wie sich beide Genres bald zum „Mondo-Film“ vereinten, der bizarre Randlagen gewöhnlicher Nachrichten zu exotischen Phantasmagorien aus Sodomie, Voodoo und Schamanenkult verdichtet. Wie derart halbdokumentarischer Alltagshorror das Rattenrennen um die Zuschauergunst einläutete, in dem jede Erregungskurve rasch von der nächsthöheren übermalt werden musste – zunächst mit Abenteuer, Action, etwas Grusel. In den zügellosen Sixties ergänzt um Sex- und Gewaltphantasien, die sich ab Mitte der Siebziger immer „härter, brutaler, teilweise fast pervers gegen das Fernsehen stemmten“, wie der Filmhändler Kai Nowak Arte erklärt.

Es war die Zeit der maximalen Sogwirkung des Bahnhofskinos, begleitet vom unaufhaltsamen Niedergang. Denn die Radikalisierung der Extreme, vom augenzwinkernd bewunderten C-Movie-König Uwe Boll wunderbar beiläufig am Beispiel filmtechnisch akkurat zerteilter Köpfe skizziert, sorgte in Form krasser Frauenknast- und Splatterfilme für den endgültigen Abschied vom Mainstream Richtung Nerds, vornehmlich männlichen. Es war also nicht mehr nur zeitgenössischer Gangsterquatsch mit René Weller, Bruce Lee, Raimund Harmstorf, über den sich sein Epigone Ben Becker herrlich biegt vor Lachen und Ehrfurcht. Auch gelegentliche Kunstfilme von Pasolini bis Ferreri konnten das ramponierte Image nicht mehr aufmöbeln. Jetzt waren die Bahnhofskinos endgültig Blut, Kotze, Sperma – und halfen somit ungewollt bei der Glattrasur des Antlitzes deutscher Städte mit.

Als VHS und Privatfernsehen vor rund 30 Jahren die Grundversorgung filmischen Irrsinns ins Wohnzimmer delegierten, nahm ja parallel auch das Fahrt auf, was später Gentrifizierung heißen sollte. Allerorten wurden die Bahnhofsviertel blank geputzt, ein Prozess, der nicht nur architektonisch oft kühne Schalterhallen früherer Jahrzehnte durch seelenlose Shoppingmalls im glasstählernen Einheitslook ersetzte; von den Gleisen aus startete das Milliardenprojekt Aufwertung auch in umliegende Wohnviertel, wo seither alles Trashige geschliffen wird, bis Investorenträume die letzten Ureinwohner aus dem Stadtkern verdrängt hat.

Das ist die traurige, aber wahre Geschichte von Cinema Perverso. Die schaurige, aber schöne hingegen ist ein Film, der hinreißend im ganzen Spektrum kinematografischen Schaffens schwelgt, zwischen „Bummsfilm und Kunstfilm“, wie es der Horrorfilmer Jörg Buttgereit beschreibt. Herzzerreißend nostalgisch, zum Niederknien absurd. Die ganze Welt des Kinos, komprimiert auf 60 Minuten Arte.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-LuisaLùisa – Joanna Newsom

Eine Do-It-Yourself-Attitüde unter den Singer-/Songwritern ist nur wenig revolutionär. Mit ihrem im Mai erschienenen Album Never Own geleitet die Hamburgerin Lùisa diese Einstellung zur eigenen Kunst aber auf ein neues Niveau. Sie schreibt nicht nur ihre Musik und die Texte selber. Auch beim Artwork und ihren beachtenswerten Videos vertraut sie auf die eigene Kreativität oder das Können enger Freunde. Das Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht besonders. Es verwundert deshalb kaum, dass Lùisa bei zwei Bieren über eine Platte der außergewöhnlichen Joanna Newsom spricht.

Von Marthe Ruddat 

Lùisa: Ich musste erst einmal darüber nachdenken, welche Platte mich denn besonders beeinflusst hat. Eigentlich gibt es da so einige. Aber die Ys von Joanna Newsom ist schon etwas ganz Besonderes für mich.

freitagsmedien: Gehen wir mal davon aus, dass ich Joanna Newsom nicht kennt. Erzähl doch mal von ihr.

Lùisa: Joanna Newsom ist eine Sängerin und Harfenspielerin aus den USA. Man kann sie so in der New Folk-Ecke ansiedeln. Sie spielt also die Harfe zu ihrem Gesang und schreibt ganz ungewöhnliche Lieder, die manchmal auch 10 Minuten lang sind. Ihre Stimme ist auch sehr ausgefallen, sie klingt wie eine kleine Elfe oder ein Kobold. Ich glaube, dass manche sie deshalb auch nicht mögen. Aber für mich haben ihre außergewöhnlichen Kompositionen irgendwie etwas Kosmisches, etwas, dass mich wieder mit der Welt verbindet.

Ys ist das 2006 erschienene zweite Album von Joanna Newsom. Es ist, wie passend, nach der Legende der versunkenen Stadt Ys in der französischen Bretagne benannt.

In der Vergangenheit hast du schon einmal darüber gesprochen, dass deine Generation oft nicht weiß, wo sie hin gehört und sich verloren fühlt. Um zur Ruhe zu kommen hilft dir also nicht nur deine eigene Musik, sondern auch die Ys?

Genau, das ist etwas, was Never Own auch aufgreift. Dass man versucht das Leben als Ganzes zu sehen und sich nicht in Alltäglichem verliert.

Never Own ist im Mai 2015 erschienen. Mit ihrer rauen Stimme und dem Mix aus Folk, Electro und Pop heimste Lùisa durchweg positive Kritiken ein. Den immer wieder erwähnten Vergleich mit Björk oder PJ Harvey versucht sie locker zu nehmen.

Ich glaube, wir vergessen oft das Wesentliche und definieren uns über Dinge, die uns schlussendlich wieder fragen lassen, ob man wirklich zu dieser Welt marthe-ysdazugehören möchte. Diesbezüglich hat mich die Ys auch spirituell sehr geprägt. Wenn ich die Platte höre, fühle ich mich wieder zugehörig und gut aufgehoben. Vielleicht erdet sie einen sogar ein bisschen.

Ist es das, was für dich gute Musik ausmacht?

Ja schon. Ich habe die Platte das erste Mal gehört als ich so ungefähr 17 war. Mein Bruder hat sie mir gezeigt, und das war wirklich eine prägende Erfahrung. Wenn ich mich frage, was Musik für mich ist, dann ist es etwas berührendes, das tief in die Seele greift. Und genau das tut Joanna Newsom.

Kannst Du das Aussehen der Platte, vielleicht das Cover etwas beschreiben?

Ich weiß das ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau, weil ich im Moment nur die MP3-Version habe. Aber ich hatte mal die Vinyl und die hatte einen geprägten Blumenprint. Wie das Cover aussieht weiß ich leider nicht mehr. Aber dieser Blumenprint ist großartig. Irgendwie wurde dadurch ihr Werk auch noch mit der Haptik verbunden.

Bist du also eher der MP3- oder der Vinyl-Typ?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe mir gerade einen neuen Plattenspieler gekauft. Ich hab ja schließlich jetzt auch eine eigene Platte! Aber eigentlich höre ich eher MP3s, weil ich beim Musik hören immer in Bewegung sein muss. Die Ys habe ich früher zum Beispiel viel im Wald gehört. Heute laufe ich halt durch die Stadt. So verbinde ich mit der Musik immer ganz bestimmte Eindrücke.

Würdest Du mir empfehlen, die Ys genau so, bei einem Wald- oder Stadtspaziergang, das erste Mal zu hören?

Also ich habe die Platte vor Kurzem noch einmal gehört und da lag ich auf meinem Bett, hatte das Fenster offen habe mich kopfüber heraus gelehnt. Ich glaube, in so einem Moment sollte man sie das erste Mal hören. Auf keinen Fall so zwischendurch. Man muss sich darauf einlassen können und braucht ein gewisses Bewusstsein. Man knallt sich ja auch nicht mitten am Tag einfach die volle Ladung Drogen rein….

Marthe1…oder Bier. Genau! Das ganze passiert mit einem großen Bewusstsein und jeder trinkt eh nur so viel wie sie oder er mag!

Hast Du ein Lieblingslied auf der Platte?

Hm, das ist wirklich schwer, weil die einfach alle richtig toll sind! Emily ist das erste Lied. Es handelt von Joannas Schwester, die Meteorologin ist. Cosmea ist aber auch toll. Dieser Song hat so etwas Kosmisches, wie ich es schon beschrieben habe. Er ist irgendwie zauberhaft und märchenhaft. Aber alle Lieder von der Platte scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Und diese ungewöhnliche Musik mag ich einfach gerne.

Joanna Newsom – Emily

And, Emily, I saw you last night by the river.

I dreamed you were skipping little stones across the surface of the water —

frowning at the angle where they were lost, and slipped under forever,

in a mud-cloud, mica-spangled, likethesky’dbeenbreathing on a mirror.

Anyhow, I sat by your side, by the water.

You taught me the names of the stars overhead, that I wrote down in my ledger —

though all I knew of the rote universe were those Pleiades, loosed in December,

I promised you I’d set them to verse, so I’d always remember

That the meteorite is the source of the light,

And the meteor’s just what we see;

And themeteoroid is a stone that’s devoid of the fire that propelled it to thee.

And themeteorite’s just what causes the light,

And themeteor’s how it’s perceived;

And themeteoroid’s a bone thrown from the void, that lies quiet in offering to thee.

Wenn Du Joanna Newsom treffen würdest, was würdest Du sie fragen?

Oh, das wäre wirklich fantastisch! Ich glaube ich würde sie viele persönliche Dinge fragen und weniger über die Komposition ihrer Musik. Ich hätte eher viele Fragen zu ihrem Werdegang als Musikerin. Sie schreibt ja auch sehr persönliche Texte und erzählt damit ganze Geschichten. Ich verarbeite in meiner Musik ja auch sehr viel Persönliches. Ich hatte zwar noch nie eine besonders negative Erfahrung, aber manchmal ist es nur schwer auszuhalten, sich vor Fremden Menschen dermaßen zu öffnen. Ich würde sie gerne Fragen, wie sie die Balance hält. Wenn man Musiker ist, dann hat man einfach keinen eight-to-five-Job, es gibt keine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Darüber würde ich gerne mit ihr sprechen. Sie ist ja so ungefähr 10 Jahre älter als ich und hat da bestimmt Ahnung.

Du gestaltest deine Arbeit ja auch sehr persönlich, indem du stets mit Freunden und engen Bekannten zusammen arbeitest. Gibt es jemanden, den du nicht persönlich kennst, aber gerne mal mit ins Boot holen würdest?

Ich mag ja elektronische Musik total gerne. Im Moment bin ich total auf Nicolas Jaar hängen geblieben. Ich fände es total cool, mit dem mal ein Feature zu machen. Der dürfte meine Stimme auch zerhacken und reinsamplen, wie er möchte. Aber auch von DJ Koze bin ich ein riesengroßer Fan. Es müssen jetzt gar nicht diese beiden sein, aber ich möchte in Zukunft mehr mit anderen Künstlern zusammen arbeiten. Ich glaube, da können richtig tolle Sachen entstehen.

In der nahen Zukunft tritt Lùisa aber noch als Solokünstlerin auf. Nach ihrer Clubtour kann man sie am 19. November als Support von Oh Land im Molotow auf der Bühne bewundern. Weitere Termine und auch alle Musikvideos gibt’s auf www.listentoluisa.com.


Unterleib & Oberkörper

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26. Oktober – 1. November

Das sitzt: 44% aller Befragten einer Forsa-Umfrage stimmen dem Lügenpresse-Gepöbel des Pegida-Packs mehr oder weniger zu. Abgesehen davon, dass die Zahl derer, denen nichtdeutsches Blut innerhalb reichsdeutscher Grenzen per se zuwider ist, noch höher sein dürfte, stellt das unsere Demokratie auf eine harte Probe – die man besteht, indem man Pegidapackfreunde aus eben jener Lügenpresse als Hauptlügner entlarvt. Christoph Biro zum Beispiel, Chef der vulgärpopulistischen Kronen Zeitung, hat in seiner steirischen Ausgabe über Flüchtlinge aller Art gehetzt, die „sich äußerst aggressive sexuelle Übergriffe“ geleistet, ihre Notdurft in Bahnwaggons verrichtet oder kollektiv Supermärkte gestürmt hätten. Interessante These, nur dummerweise erstunken und, genau: erlogen, wie die österreichische Polizei mitteilen ließ.

Da Rassisten jeder Art aber lieber flaschendrehen, um Tat oder Wahrheit zu ermitteln, bleiben solche Schmierenblätter weiterhin Sprachrohre der Dummheit, während kluge Medien wie die Südwest Presse längst auch westlich von Dresden in Hassmails ertrinken, falls sich ein Redakteur mal erdreistet, fremdenfreundlich zu kommentieren. DFB-freundlich kommentiert hingegen Alfred Draxler und zwar so faktenresistent, dass Springers langjähriger Sportsgruppenleiter im Netz als das gedisst wird, was er seit jeher ist: Beckenbauers willfähriger Speichellecker. Man würde der Menschheit wünschen, dass nicht wie vorige Woche geschehen die liebenswert mitfühlende taz ihre Redaktion wegen einer Fliegerbombe räumen müsste, sondern der gesamte Ballermann-Boulevard. Für immer.

Ja, gibt’s denn auch noch good news aus der Medienwelt? Doch: Allegra, einst die einzig kluge Frauenzeitschrift im Land, soll mal wieder aus der Grube gezerrt werden, wo sie Springer lebendig begraben hatte. Außerdem ist seit voriger Woche gewiss: Die Damen (und Herren) der Tagesschau haben einen Unterleib.

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2. – 8. November

Bei Jürgen Domian ist das indes weiter nur ein Gerücht. Seit 20 Jahren ist der Kummerkasten bloß hüftaufwärts zu sehen, wenn er die Sorgen seiner Zuschauer ausquatscht. Im Jahr vor seinem Abschied widmet ihm der WDR heute das Porträt Zwischen Tag und Nacht, natürlich zur mondsüchtigen Zeit, 23.15 Uhr.

Zur Geisterstunde also, wo das Böse erwacht, Vampire etwa und Zombies. Am Freitag um 0.25 Uhr, wenn die Kleinsten – denen der KiKa ab Montag (18.15 Uhr) Der kleine Drache Kokosnuss schenkt – im Bett sind, zeigt RTL2 das nächste Untoten-Epos im Fahrwasser des Erfolgsgenres: Z Nation, etwas leichtfüßiger als Walking Dead, manchmal gar lustig, vor allem aber optimistischer – trägt die Hauptfigur doch jenes Antiserum in sich, das beim großen Vorbild außer Sicht ist.

Den Bedarf nach einem Wirkstoff gegen das dauernde Wettbewerbsfernsehen erhöht Dienstag abermals Vox, wo Guido Maria Kretschmer seine letzten 90 freien Minuten räumt, um im Kampfnähen Geschickt eingefädelt den besten Amateurschneider zu ermitteln. Geklaut in England, gelangweilt in Deutschland, Geschlechterklischees für Millionen. Davon ist Lars Kraumes Melodram Meine Schwestern um eine Todkranke (Jördis Triebel), die Mittwoch auf Arte ihre letzten Tage mit Verwandtschaft (Nina Kunzendorf, Lisa Hagmeister) verbringt, weit entfernt. Ein vorurteilsfreier Frauenfilm, also anders als alles, was 365 Tage quasi rund um die Uhr bei der Privatkonkurrenz läuft.

Deshalb findet man dort auch nie Filme wie die Musik-Doku Deutsche Pop Zustände, mit der 3sat um 23.25 Uhr den Themenabend Rechts – extrem – gefährlich beschließt, was drei Stunden zuvor von der Analyse des Prozesses gegen Beate Zschäpe eingeleitet wird. Starker Tobak, gut bekömmlich. Ballaststoffreiche Schonkost verabreicht der NDR in seiner Komödienreihe Nordlichter, die fortan den Donnerstag ab 22 Uhr erheitert. Zum Auftakt: Hanno Olderdissens Spielfilmdebüt Familie verpflichtet, der den homoerotischen Clash der Kulturen wohl zu drastisch fürs ARD-Publikum bebildert.

Das gälte auch für die Farbwiederholung der Woche von 1973: Lady Snowblood, japanische Mangaverfilmung über ein Vergewaltigungsopfer, das im Gefängnis einen Racheengel gebärt, was Quentin Tarantino einst zu Kill Bill inspirierte (Montag, 22.20 Uhr, Arte). In Schwarzweiß dagegen und trotz allem zeitlos schön: die Wallace-Adaption Der Hexer (Freitag, 22.05 Uhr, Sat1Gold) von 1964, aus einer Zeit also, da die Doku der Woche ihr Material sammelte: All you need is Klaus, hinreißendes Porträt (Montagfrüh, 1.10 Uhr, Arte) des Hamburger Beatles-Weggefährten und -bereiters Klaus Voormann.