Die Samstagsreise: Bled, Slowenien
Posted: March 29, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentCremeschnitte des Ostens
Bled ist wie ein Relikt aus alten Zeiten – betulich, fast bieder, trotzdem traumhaft schön. Denn zum Glück fehlt dem slowenischen Alpenstädtchen der eitle Glorienstolz ähnlich nostalgischer Orte. Reisereportage von einem sahnigen Ort, dessen Spezialität nicht ohne Grund Kremašnita heißt und exakt so schmeckt, wie es klingt.
Von Jan Freitag
Wenn die Sonne orangerot zwischen Ritterburg und Klosterinsel im Gebirge versinkt; wenn pittoreske Boote darunter sanft durch blaue Wellen schaukeln; wenn sich die Promenade beim kühlenden Abendhauch mit Flaneuren füllt und die Kirchenglocken dazu ihr andächtiges Lied spielen – dann hat man entweder eine besonders kitschige Postkarte im Briefkasten, einen besonders kitschigen Pilcherfilm auf dem Flatscreen. Oder man sitzt im malerischen Städtchen Bled und genießt die sommerliche Luft an Sloweniens zweitgrößtem Gewässer.
Sollte das idyllische Land von der Größe Hessens tatsächlich, wie gern von Reisenden beschrieben, die Schweiz des Ostens sein, so ist ihre Perle am Rande der Julischen Alpen das Extrakt. Und das Konzentrat der Essenz, es wäre die Bleder Cremeschnitte, hochverdichtete Süße wie ihr Ursprungsort, das zeigt der Selbstversuch. Im nachmittäglichen Sonnenschein kämpft sich die Kuchengabel durch zwei Fingerbreit Sahne und weitere drei aus Pudding zwischen puderzuckerbeschneiten Biscuitdeckeln und man fragt sich beim ersten Bissen unweigerlich, in welcher Dosis Torte wohl toxisch wirkt. Gibt es Tortesättigungsgrade? Tortevergiftungserscheinungen? Tortenmortalität?
Falls ja, Bled wäre eine Todeszone und das Park-Restaurant am See ihr Schafott. Zehn Millionen Kremašnitas, wie das Gebäck im Original bezaubernd großmütterlich heißt, hat allein das beliebteste all der belebten Ufercafés bislang verkauft und es gibt kein anderes im Ort, bei dem das beige Rechteck nicht auf der Speisekarte ganz oben steht. Doch zur Beruhigung: wer es überlebt, bestellt auf sicher bald das nächste. Nicht am selben Tag, aber gewiss dem folgenden wie bereits am vorigen geschehen. „Eine kannste noch“, brandenburgert es vom Nachbartisch herüber, als die Bedienung eine weitere Ladung auf doppelstöckigen Servierwagen heranrollt.
„Det kann keener.“
„Zuhause verkneif ick mir det ja.“
„Das Bier könnte mehr Wumms haben, aber jeht.“
„Machste mal ’n Bild?“
„Vor der Burg oder mit Kirche?“
„Is doch allet dicht beisammen.“
Bled ist eben ein einziges, blumenbeetbuntes Fotomotiv, nicht fest in deutscher Hand, eher in englischer, die das „Habsburgische“ daran schätzen, wie die Chefin der örtlichen Tourismusagentur erklärt. Aber Deutsche findet man doch überall, zumal Ältere. „Wir hätten gern mehr Besucher um die 30“, klagt Eva Štravs, sprich: Strauß (hübsch, wie gesagt), und nimmt das sechste Handygespräch in zehn Minuten an. Bled, sagt die Dirigentin künftiger Besucherströme, ist gestern und heute zugleich, eine nationale Hassliebe vieler Slowenen, die sonntags aus allen Landesecken, besonders der Hauptstadt herbeiströmen. Zu nett, um sie zu mögen, zu nett, um sie zu meiden – die Perle des heimischen Fremdenverkehrs und sein großes Klischee.
Fremdenverkehr. Zugegeben, ein Begriff aus Epochen, da Reisende noch überalle hervorstachen aus der homogenen Eingeborenenmasse, als Zelte noch aus Leinen waren und Italien irgendwie exotisch. Hier passt er wie damals. Hier gönnen sich etwas zu prächtige Grandhotels wie das barocke Toplice noch einen Salon mit Seeblick und noch einen und noch einen, einer größer, einer leerer als der andere. Hier zeugen Messingplatten in Empfangshallen von präsidialen Gästen dunkel möblierter Suiten wie Josip Tito, der hier stets seine Sommerfrische pflegte, um bei Prager Verhältnissen rasch vor russischen Panzern ins angrenzende Österreich fliehen zu können. Die Suche nach Habsburg eben, selbst der Präsident. Hier werden morgens früh die Äppel tressenbesetzter Pferde von Kutschern in Tracht von der Straße gekratzt. Hier erinnern oft ergraute Kellner in ihrer befrackten Schluffigkeit an Hans Moser im schwarzweißen „Sacher“. Hier sind die Rabatten bonbonfarben, grafisch und gepflegt. Akkurat wäre ein gutes Wort. Und fotografiert wird noch auf Film.
Dennoch: Bled mag zuckersüß sein, klebrig wirkt es selten. Es ist sahnig, nicht zäh, betulich statt spießig, mehr adrett als sauber. Bled, das ist eine Reise in Fünfzigerjahrewelten, nach Baden Baden oder Capri, Likörsüffig, mandolinenbeschallt und sonnenschirmgeschützt, aber ihm fehlt der Konservatismus ähnlicher Ausflugsziele vom Bodensee bis Salzburg, das unablässige Gelöbnis vergangener Glorie. Und so mag die alte Ära aus gutem Grund vergangen sein – hier wird sie eher aus Selbstgenügsamkeit konserviert denn aus Tradition.
Davon erzählt auch die Vila Bled am Stadtrand. Ein prunkvoller Arkadenbau, dem der fünfte Stern nur fehlt, mutmaßt der Portier mit würdevoller Miene, weil sich das alte Gemäuer jeder stilistischen Modernisierung widersetzt. Seit 22 Jahren schlüpft Rado Bregar in die Livree und erzählt in Schweik’schem Deutsch auch von jenen zwei Frauen, die einst Titos gewaltigem Partisanenfresko im Kinosaal Modell standen und noch heute im Ort leben. Das Nobelhotel, die sozialistische Wandmalerei, Rado, sein lebendes Inventar – alles wie vom Himmel gefallen. Relikte nostalgischer Zeiten, Brückenköpfe ins Jetzt. Kaum minder herabgestiegen wirkt indes die Villa Prešeren, wo flotte Turnschuhträger in mattbraunem Rattangestühl zu Elektroklängen Latte Macchiato trinken. Es ist recht leer für ein schattiges Plätzchen wie dieses in bester Lage; selbst die Großstadtjugend mag an Bled eben eher das leicht Angestaubte, Biedere, den altbackenen Charme. Und so bestellt man auch im modernsten Café der Stadt Kremašnita.
Dieses Bled der Gegenwart ist ein Gegenentwurf zum Jahr 1855, als ein verrückter Schweizer, so sagt man hier ehrfürchtig, namens Rikli die Stadt für Touristen öffnete. Der Gesundheitsapostel quälte seine Kunden so lange mit Schonkost und Schockbädern im eiskalten Gebirgsbach der atemberaubenden Vintgarschlucht nebenan, bis sie entkräftet ins Umland flohen, um sich richtig durchfüttern zu lassen. Noch heute hat fast jeder Bauernhof vor Bled ein paar Fremdenzimmer, Hausmannskost inklusive. Und noch immer pflegen die Gäste am See das Gegenteil von Askese, als wollte man es dem alten Rikli nachträglich zeigen. Denkmäler von ihm gibt es dennoch. Eins aus Bronze. Und eins aus Creme.
Infos: www.bled.si, www.julijske-alpe.com; www.slowenien-tourismus.de
Der Untergang
Posted: March 23, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentEin Jahr nach Wulff
Gut ein Jahr nach seinem Rücktritt, scheint sich der Fall Christian Wulffs auch juristisch bald erledigt zu haben: Die Staatsanwaltschaft Hannover will das Verfahren gegen den früheren Bundespräsidenten dieser Tage gegen eine Geldauflage von 20.000 Euro einstellen. Vom Vorwurf der Bestechlichkeit waren zum Schluss nur ein paar Hunderter geblieben, deren Nachweis zudem auf wackeligen Beweisen steht. Anlass genug für freitagsmedien, eine Reportage im Medienmagazin journalist zu zeigen, die sich auf dem Höhepunkt der Affäre mit dem Medienhype befasst hat.
Von Jan Freitag
Es ist einfach zu viel. Zu viel Information, Input und öffentlicher Diskurs, zu viel Titel, Thesen, Temperamente, zu viele Foren, Blogs oder einfach Worte. In zwei davon ausgedrückt: Es ist zu viel Christian Wulff. „Ich mag nicht mehr“, entgegnete Jan-Eric Lindners Referent auf die Mail eines Mitarbeiters bei der Welt am Sonntag, weitere Leserbriefe zum Bundespräsidenten zu beantworten. Zur Verstärkung setzte er drei Ausrufezeichen hinters Ersuchen um ein Meinungsembargo im Medienskandal. Stopp! So dachte wohl auch die Mehrheit.
Denn die multioptionale Mediengesellschaft mit ihren Eindrücken pro Sekunde, Aufgaben pro Tag, Zielen pro Leben kostet Kraft. Die Datenautobahn hat kein Tempolimit, und doch stehen wir ständig im Nachrichtenstau, wenn saisonale Kampagnen und Themenstandards die Titelseiten füllen, wenn der Winter einbricht (wie jedes Jahr), Steuererhöhungen diskutiert werden (wie jeden Monat), Lady Gaga was Irres macht (wie in jeder Klatschspalte). Wenn Facts & Features kurzum infiltrieren statt informieren und das Aufnahmevermögen durch Masse blockieren, macht die Wissensflut bloß müde. Das betrifft alle Medien, Genres und Formate. Trotzdem fällt auf, dass man hier ständig die Bild im Sinn hat.
Deutschlands größte Boulevardzeitung ist durch ihr Gebräu aus schierer Marktmacht, bedingungsloser Unterhaltsamkeit, soziokultureller Intriganz und der zugehörigen Chuzpe ja nicht erst unterm Brachialjournalisten Kai Diekmann in der Lage, die der Nachrichten gezielt zu steuern. Und nicht bloß Kanzler Schröder hat sich allein durch die rote Gruppe der Springer-Presse informiert – ganze TV-Redaktionen kennen keine andere Quelle als Bild, denn Bild setzt, Bild macht Themen. Bild macht aber vor allem sich selbst zum Thema, ist also mehr Projekt als Publikation. Das belegt die Akte Wulff vortrefflich.
Mit großem Geschick und gutem Timing ließ das Blatt die Medienwoge um das häuslefinanzierende Staatsoberhaupt zur Monsterwelle anschwellen, bis alle Kanäle der Aufmerksamkeitsindustrie verstopft waren. Als drei Wochen später die Ebbe einsetzte, hatte allein die Hauptabendsendung der Tagesschau elf Spitzenmeldungen daraus erstellt. Beim Konkurrenten heute war das Dutzend gar voll. Noch 29 Tage nach dem Sujetdebüt schob der Spiegel eine praktisch erkenntnisfreie Titelstory auf elf Seiten nach, verfasst von 17 Autoren, um sieben Tage später eben diese Erkenntnisfreiheit im Mediengewitter großflächig zu beklagen. Boulevard, Qualitätsmedien, Internet – auch wenn es nichts zu berichten gab, berichteten alle immer weiter und kaum war Maybrit Illner aus den Winterferien zurück, ließ sie sich aufs Neue von Experten die präsidiale Kreditempfängnis erklären, als gäbe es da noch Nachholbedarf. Es wollte kein Ende nehmen.
„Doch der Reihe nach“ – so ginge es nun üblicherweise weiter. Der Reihe nach müsste auch dieser Artikel die Causa, Affäre, Kampagne, wie immer man das Ganze nennen möchte, erst zeitlich sortieren, dann historisch einordnen, journalistisch ausarbeiten also. Chronistenpflicht nennt man das. Doch der Reihe nach hieße hier, aufzuschreiben, was alle längst aufgeschrieben, gesendet, gefunkt haben. Denn mal abgesehen vom angehimmelt zu Tode denaturierten „Knut“ stand die Wucht der Berichterstattung über ein Ereignis wohl nie zuvor in so eklatantem Missverhältnis zu seiner Relevanz – daran kann auch die thrillererprobte Verwendung sekundengenauer Zeitangaben wenig ändern.
Also sei’s drum: Als Bild dem Präsidenten am 11. Dezember „um 6.49 Uhr“, so sorgsam ging der Spiegel ins Detail, einen Fragenkatalog zum Immobilienkredit sandte, wurde sich die Zeitung des Sprengstoffs in ihren Rechnern erst richtig bewusst. Und der Scoop war perfekt, da Christian Wulff tags drauf („um 18.19 Uhr sprang die Mailbox an“) mit seiner längst legendären Suada an die Adresse Dieckmann reagierte, der den Artikel trotzdem (oder deshalb) um 22.05 Uhr unter der Schlagzeile „Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ im Netz und noch vorm Morgengrauen auf der Titelseite verbreitete. Eine „wahrhaft journalistische Leistung“, wie sogar die Zeit den Kampf von Bild (und Spiegel) um Akteneinsicht lobt. Als sich der parallel ermittelnde Stern gezwungen sah, seine eigenen Recherchen per Gongschlag 11.45 Uhr hastig online zu stellen, wehte nicht ohne Grund ein Hauch echter Relevanz durchs Springer-Haus an der Dutschke-Straße.
Das Thema war geboren, die Branche zog es groß, und als Bilds Baby laufen lernte, da lehnte sich die Mutter zurück, gab hier und da Erziehungstipps, zählte ansonsten aber genüsslich die Quellenverweise auf dem Weg zur meistzitierten Zeitung 2012. Denn es begann die Phase der Aufbereitung, Analyse, Reflexion, auch der selbstkritischen – alles keine Kernkompetenzen des Sensationsblattes, das sich im Kriegszustand weit wohler fühlt. Und nichts anderes als Krieg hatte der Präsident seinem Exprotegé angedroht. Gut, die Bild hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten Überparteilichkeit bewiesen, als sie die behagliche Fahrstuhlkabine, mit der Springer-Chef Döpfner auch diesen Prominenten mit nach oben genommen hatte, wieder abwärts schickte. Dies als berufliches Ethos zu feiern, klingt indes, als ehrte man einen Waffenhändler mit Friedenpreisen, weil die Kugeln auch mal ihr Ziel verfehlen.
Bild kürt, Bild stürzt. Und so galt Wulff beim Zentralorgan hausgemachter Popularität mit einemmal als nicht mehr „adrett, erfolgreich, skandalfrei“, wie Hauptstadtbüroleiter Nikolaus Blome jahrelang in die Republik posaunt hatte. Der „beliebteste Politiker“ früherer Propagandaschlachten hatte nach Jahren des Lobes voll Güte („Der bisher tadellose Wulff wird durch diese Trennung sogar ein wenig menschlicher“), Respekt („Regierungschef, Vater, Geliebter und Noch-Ehemann – wie kriegt Christian Wulff das bloß so prima hin?“) und Zuspruch („Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient“) plötzlich doch etwas weniger Glanz als Dreck am Stecken, von dem Kai Diekmann zuvor partout nichts wissen wollte in seinem eisernen Willen, den Landesfürsten größer zu schreiben. Groß genug für höhere Ämter.
Dass er im höchsten nun fallengelassen wurde, da Wulff als überparteiliche Instanz fürs neokonservativ-populistische Projekt anders als KT zu Guttenberg verbrannt war, ist indes gewöhnliche Bild-Praxis und hat mit Journalismus nichts zu tun, wie die Bild-Forscher Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt feststellen. Dass Qualitätsmedien allerdings „nicht kritisieren, sondern mitmachen, wenn Bild sich Personen und Ereignisse für seine Selbstvermarktung zurechtlegt“, schade der Demokratie mehr als das „Geschnorre des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten“.
Denn im Grunde dreht sich die Affäre nur bedingt um Wulffs Hang zu Nepotismus, Vorteilsnahme und Medienschelte. Es ging von Beginn an eher nebenbei um niedrige Zinsen, Lusturlaub für lau oder auch nur die Frage, ob das, was Menschen in bestimmten Momenten tun, zwingend als Beurteilungsbasis jedes anderen Aspektes ihres Daseins dienen muss, darf. Ja, es geht im Grunde nicht mal um ein honoriges Amt für alle Bewohner eines Landes, dessen Inhaber zwar Magnaten, Millionäre, Medienmogule und ähnlich Mächtige zu seinen besten Freunden zählt, aber sicher keinen arbeitslosen Handwerker, prekären Langzeitstudenten, alleinerziehenden Geringverdiener, geduldeten Flüchtling oder sonst wie oberschichtenfernen Lebenskünstler auch nur zum erweiterten Bekanntenkreis. Es geht also gar nicht um Christian Wulff.
Nein, es geht um uns: als Journalisten, Journalismusnutzer, um den medialen Umgang mit Informationen, ihre Lieferanten, deren Arbeit. Denn die Affäre Wulff ist anders als andere eine, die lange fast ohne Politiker auskam. Während Guttenbergs Promotionsbetrug, Sarrazins rechtspopulistische Kanonade, die Beziehung des Kieler CDU-Spitzenkandidaten Christian von Boetticher zu einer 16-Jährigen, selbst der Ehebruch von CSU-Chef Seehofer frühzeitig auf politischer Ebene skandalisiert wurde, hielt sich sogar der SPD-Wadenbeißer Gabriel in Sachen Wulff lange zurück.
Als sich zwei Tage nach der Meldung die erste ARD-Talkshow zentral mit dem Präsidentenkredit befasste, saß das FDP-Fossil Gerhart Baum bei Beckmann vier Journalisten gegenüber. Anders als die publizistische Großwetterlage war die politische folglich bemerkenswert ruhig. Erst im Frühjahr, als Wulffs lautstarke Intervention auf Diekmanns Handy ruchbar wurde und der mediale Druck zunahm, verschärften Trittin, Thomas Oppermann, selbst ein paar Parteifreunde die Tonlage.
Doch da hatte sich eine Affäre in den Medien bereits über eine Affäre um die Medien zu einer Affäre der Medien entwickelt. Denn anfangs war sie ein reines Medienobjekt, „weil das Staatsoberhaupt des größten EU-Mitgliedsstaats möglicherweise wegen Fehlverhaltens zurücktritt“, wie ARD-Nachrichtenchef Kai Gniffke das öffentlich-rechtliche Berichtsvolumen erklärt (für dessen Angemessenheit sein ZDF-Kollege Elmar Theveßen gar den Staatsvertrag bemüht). Sie wurde zum Mediensubjekt, da sich aus Sicht von Dietrich Leder, Professors für Fernsehkultur in Köln, „ausgerechnet die Bild und ihr Chefredakteur als Helden der Meinungsfreiheit aufspielen“ konnten. Sie wurde schließlich zum Mediensynonym, indem die „Integrität des Boulevard-Blatts“, wie der Bielefelder Medienwissenschaftler Bernd Gäbler im Deutschlandradio sagte, „auf einer Maßstabstufe mit der Integrität des Staatsoberhauptes“ stand. Weil sich journalistische und politische Glaubwürdigkeit also plötzlich an einem Revolverblatt und ihrem Ziehsohn messen lassen mussten.
Denn die Allgemeinheit, fuhr Gäbler fort, lastete die schlechten News dem Boten bald mehr an als ihrer Ursache, dem König. Die breite Masse unterstelle Reportern zwar seit jeher eigennützige Motive für „Auflage, Quote, Skandaleffekte, Aufmerksamkeit“; ihnen war aber der Trost geblieben, „dass die Meinung über Politiker noch schlechter ist“. Das Zweckbündnis konservativer, bunter und linksliberaler Blätter aber, der wachsende Graben zwischen öffentlicher und verbreiteter Meinung, habe viele „skeptisch gemacht“. Der Eindruck, sekundiert Kai Gniffke im Tagesschau–Blog, „dass man in mancher Redaktion als Politiker Berichte bestellen oder abbestellen“ und mit „Deals oder Drohungen“ verändern kann, trug gehörig zur Ansehensreduktion bei. Und das verzweifelte Kleinrecherchieren einer großen Affäre mangels messbarer Konsequenzen schade laut Zeit-Autor Marc Brost dem Berufsstand als Ganzes.
Man muss es nicht gleich mit Was bin ich?-Moderator Robert Lembke halten, der zu seiner Zeit als Nachrichtenkorrespondent „Journalisten, die sie missbrauchen“ zu den „gefährlichsten Feinden der Pressefreiheit“ erklärte. Doch ein Blatt, das seine Kenntnisse dramaturgisch stückelt und für die Portionen Abnehmer sucht (und findet), betreibt seinen Beruf als reines Gewerbe. Und wir reden hier nicht von der Regenbogenjournaille, die sich ihre Wahrheiten aus Mimikanalysen, Groschenromanen und Pennälerphantasien zusammenhalluziniert. Wir reden von einer Zeitung, die Einfluss hat, Existenzen vernichtet, Karrieren bastelt, Politik betreibt, Bündnisse eingeht, Bündnisse bricht. Die Macht hat, Macht spielt.
So war es auch diesmal: Bild dirigiert, der Rest schwingt die Saiten. Doch diese Allianz der Mediokren, einer Zeitung also, die nur in Ausnahmefällen echten Journalismus betreibt, mit einem Politiker, der nur in Ausnahmefällen echte Politik betreibt, geriet zur Mesalliance im Großen Ganzen, als ihr die weniger Mittelmäßigen beitraten. Ein Pakt, den man noch gut vom ideologieübergreifenden Kampf gegen die Rechtschreibreform kennt. Oder aus der bizarren Schlacht um die Freiheit der Presse, Prominente auch nach dem Caroline-Urteil von 2004 bespitzeln zu dürfen. 43 Redakteure unterschrieben damals den offenen Brief, von Playboy über FAZ bis Spiegel. Und Bild, versteht sich, die ihren angeblichen Homestoryboykott, na – mit wem brach? Christian Wulff.
Bild ordnet seine Informationen schließlich im Zweifel seiner Kampagnentauglichkeit unter. Da grenzt es ans Lächerliche, wenn der gewendete Wulff-Lakai Blome nun behauptet, er habe Wulffs Mailboxansage aus journalistischer Zurückhaltung zurückgehalten und erst aufgrund eines Interviews des Bundestagspräsidenten in Wulffs Heimatblatt – schweren Herzens – zur Veröffentlichung freigegeben. In der Neuen Osnabrücker Zeitung hatte Norbert Lammert von den Medien Selbstkritik an „ihrer offensichtlich nicht nur an Aufklärung interessierten Berichterstattung“ gefordert, worauf Bild die „Wutrede mit Kultcharakter“, wie sie Tagesschau-Nutzer Gniffke mittlerweile nennt, allerdings nicht druckte, sondern der Konkurrenz unterjubelte. Jeder Journalist – wieder Robert Lembke – kennt nun mal einen Kollegen, „auf dessen Indiskretion er sich verlassen kann“. Mindestens.
Die Presse muss, um mit dem Politiker Alain Peyrefitte zu sprechen, „die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Freiheit haben, alles zu tun“. Aber muss sie gleich wiederkäuen, was ihr ausgerechnet Bild zum Fraß vorwirft? Darf sie förmlich zur Jagd blasen? Denn der Bundespräsident agierte doch zusehends wie ein Beutetier: Er willigt – nach langem Versteckspiel – ins TV-Interview ein; er gestattet – nach langer Weigerung – die Veröffentlichung des Mailprotokolls; er beantwortet – nach langer Verschleppung – 400 Reporterfragen öffentlich; er tritt – nach langem Kampf – zurück. Denn Christian Wulff ließ sich von der Presse vor sich hertreiben, bis sie sogar abseits der Kommentarspalten das Äußerste forderte. Je länger Wulff im Fadenkreuz stand, desto mehr ging es schließlich „um seinen Kopf“, wie die Zeit bald monierte. Ein Rücktritt jedoch, schrieb Heribert Prantl in der Süddeutschen, sei nicht „Bestätigung und Belohnung für die Aufdeckung einer Affäre“ und sein Ausbleiben kein „Angriff auf die Pressefreiheit“. Selbst, wenn der es mit der nicht so genau nimmt.
Aber ist dem überhaupt so? Christian Wulff hat nicht nur den Bild-Bericht mit Teilen seiner Macht zu be-, gar verhindern versucht; er hat im gleichen Fall einem Stern-Reporter rüde zugesetzt; den Autoren einer Wams-Geschichte über seine Halbschwester mit ähnlichen Konsequenzen gedroht; als Ministerpräsident wohl nicht nur Einschüchterungsanrufe Richtung Braunschweiger Zeitung abgefeuert, an die sich der damalige Chefredakteur Paul-Josef Raue im Spiegel erinnert. Er hat sich zudem vom Bild-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg bis zum Welt-Gewächs Karl-Hugo Pruys schmeichelhafte Bücher mit Titeln wie „Besser die Wahrheit“ oder „Ich mach’ mein Ding“ schreiben lassen, dem Focus-Korrespondenten Armin Fuhrer sein Heldenepos „Der Marathonmann“ allerdings damit gedankt, dass er einen Monat nach der Hommage an den glücklichen Familienvater eine Scheidung verkündete, die sich angeblich über Jahre angebahnt hatte. Es sind Dinge, die von menschlichem Kleingeist und unprofessioneller Berufsauffassung zeugen, ohne Frage.
Aber dem Präsidenten ein gestörtes Verhältnis zu Artikel 5 des Grundgesetzes daraus zu stricken, dass er Journalisten belügt und in persönlichen Angelegenheiten interveniert? Das erinnert an einstige Gewissensprüfungen, als Kriegsdienstverweigerer ihre Friedfertigkeit am absurden Planspiel belegen sollten, ob sie eine Waffe benutzen würden, wenn dir Rote Armee vor ihren Augen Mutter samt Schwester vergewaltigt. Denn es ist, wie ihm der Spiegel vorwarf, kein „gestörtes Verhältnis zur Verfassung“, wenn Christian Wulff „am arabischen Golf Meinungsfreiheit angemahnt“ hat, im eigenen Land jedoch die Freiheit der Presse attackiert. Oder in orientalischen Autokratien eine ungehinderte Berichterstattung unabhängiger Medien forderte, daheim aber die Berichterstattung behindert. Das ist eher die hilf- und heillos ungeschickte, verzweifelte, fast trampelige Selbstverteidigung eines Mannes, der seinen holprigen Weg an die Spitze durch alles Mögliche, aber nicht radikale Umtriebe wider die bürgerlich demokratische Grundordnung erreicht hat.
Dieser jörgpilawahafte Ottonormalverbraucher am falschen Platz, der seine Leibjournalisten so lange mit Leidensgeschichten seiner Jugend impfte, bis sie ihm die proletarische Herkunft abkauften, der sich auf Cocktailpartys der Reichen und Schönen aber doch am wohlsten fühlte, er steckt inmitten eines Kampfes, für die seine verwaltete Sprachlosigkeit“ (Hans Leyendecker) einfach nicht ausreicht, aus dem ihn der Medienzirkus einfach nicht entlässt. Und er ficht ihn in einem Ring aus, der das schreibfreudige Spiegel-Publikum zu mehr Leserpost animierte als Fukushima, genauso viel wie im Fall Guttenbergs; der das Medienressort der Süddeutschen allen Ernstes klagen ließ, die ARD-Talkshows hätten die Weihnachtspause nicht unterbrochen; der dem Volksplauderer Jauch dann, als das Thema bereits die Titelseiten verließ, tatsächlich Rekordquoten einbrachte; der die Co-Moderatorin des Exklusivinterviews Bettina Schausten dank jener 150 Euro, die sie Freunden für ein Zimmer in Rechnung stellen würde, zum Web-Star machte; der Moritz Bleibtreu als Hauptdarsteller des „tollen Stoffes“, den Dieter Wedel auf Anfrage der FAS verfilmen würde, ins Spiel brachte; der schuhbewehrte Kleinstdemonstration vorm Schloss Bellevue zum Nachrichtenthema macht; der kurzum zeigte, was Skandale aus Sicht des Medienwissenschaftlers Steffen Burkhardt sind: Kommunikationsprozesse. Um sich selbst kreisend. Heiße-Luft-Fabriken.
Denn in der Tat: geredet wurde, wird viel. Die Rede war zwar bald von „Staatskrisentheater“ und „Posse“, „Herdentrieb“, gar „Fiktion“ und viele sprachen auch kritisch über sich selbst. Aber sie sprachen eben weiter. Und weiter. Und weiter. Alle. Nun auch der journalist. Weil er sich des Themas nicht entziehen kann, weil das Branchenmagazin sonst eine Leerstelle in seiner Branche hinterließe, weil es, nun ja, alle machen. So wie nicht nur Bild zu Guttenberg umschwänzelt hat, wie ihm die ARD einen Platz in der Reihe „Deutsche Dynastien“ verschaffte, seine Frau auf RTL II zur Päderastenjägerin wurde und Kerner an den Hindukusch reiste, wo der Minister bellizistischen Reportern empfahl, „einfach mal die Klappe zu halten“.
Man würde sich das bisweilen wünschen. Denn Tag für Tag, meint der Philosoph Peter Sloterdijk, „versuchen Journalisten neue Erreger in die Arena einzuschleusen und beobachten, ob der Skandal, den sie auslösen wollen, zu blühen beginnt.“ In diesem Sinne trug der Winter kurz ein frühlingshaftes Kleid. Es verdeckte manches Unkraut. Christian Wulff wurde übrigens kräftig gerupft, seine Ehe ist zerstört, der Ruf dahin, politische Ämter, selbst wirtschaftliche sind vorerst schwer vermittelbar. Mission Accomplished.
Was heißt hier Objekt?
Posted: March 15, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentSexismus, Brüderle und die Piraten
Eigentlich will sie nur berichten, statt selbst Berichtsobjekt sein. Doch seit die Berliner Spiegel Online-Korrespondentin im im gedruckten Blatt über Sexismus in der Piratenpartei berichtet hat, wurde sie selbst zum Medienthema. Und weil ihr das überhaupt nicht behagte, hat sie sämtliche Interviewfragen abgeblockt. Nur mit dem Branchenmagazin journalist hat sie über den Fall, ihre Beschreibung und die Reaktionen darauf gesprochen. freitagsmedien dokumentieren das kommentierte Reportageinterview hier in voller Länge.
Interview: Jan Freitag
Frau Meiritz, wie ist das Leben einer Journalistin so in Deutschland?
Annett Meiritz: Einer jungen Journalistin, haben Sie vergessen (lacht). Einer jungen, politischen. Eigentlich ist es ein schönes Leben, weil mein Geschlecht – so dachte ich zumindest bis vor einem Jahr – keinerlei Nachteile mit sich bringt.
Das sehen Sie jetzt anders?
Ich sehe es differenzierter. Aber ich beschwere mich nicht über die Arbeitsbedingungen, sondern beobachte, dass Männer und Frauen einfach unterschiedlich wahrgenommen und behandelt werden.
Was Sie im Spiegel auch angeprangert haben.
Das war eher eine nüchterne Zustandsbeschreibung, ich habe meinen Essay bewusst nicht in einem jammernden Tonfall geschrieben.
Essay, Annett Meiritz sagt nicht Feature, Reportage, schlicht Artikel, sie sagt Essay. Ein Versuch also, als dürfe sich die erfahrene Journalistin von 30 Jahren nur mit größter Vorsicht anstelle des fundierten Selbstverständnisses eines Erfahrungsberichts an diesen Anachronismus herantasten: Die Berliner Parlamentskorrespondentin von Spiegel Online wurde zum wiederholten Male Objekt manifester Frauenfeindlichkeit, diesmal allerdings nicht irgendwo, sondern bei ihrem Berichtsschwerpunkt: Den Piraten, diesem Partei gewordenen Nonkonformismus, bei dem strukturelle Diskriminierung via Geschlecht vielleicht als letztes zu vermuten gewesen wäre. Vielleicht ging die Tatsachenbeschreibung aus Ich-Perspektive namens „Man liest ja so einiges über Sie“ ja deshalb unter im Aufschrei über Rainer Brüderles lüsterne Anzüglichkeit, von der ihre gleichaltrige Kollegin Laura Himmelreich gut zwei Wochen später im Stern berichtete. Hier eine frauenfeindliche Verleumdungskampagne, dort ein handfester Übergriff, bei den Piraten also das viral verbreitete Klischee, eine Journalistin auf Informationssuche setze zwingend körperliche Reize ein, beim FDP-Politiker das analog lancierte Vorurteil, vor jeder weiblichen Recherche stehe doch erstmal ein gut gefülltes Dirndl. Doch so verschieden beide Beispiele männlichen Machthandelns wirken mögen – gemeinsam bilden sie eine sexistische Alltagsstruktur, die das Verhältnis zwischen Journalismus und Politik auch im 21. Jahrhundert noch verpestet.
Halten Sie die Verleumdungen mancher Piraten für Ausnahmen oder die Regel?
Die meisten Kontakte zu Politikern aller Parteien sind höflich und professionell. Aber zusammen ergeben die Ausnahmen ein Muster. Man wird als Frau anders behandelt, im Gespräch weniger ernst genommen, sogar, wie in meinem Fall, übers Geschlecht verleumdet.
Was eher subtile Machtmechanismen als greifbare Belästigungen sind.
So scheint es, weshalb Betroffene ungern darüber sprechen. Falls es sich mit Rainer Brüderle zugetragen hat, wie Laura Himmelreich berichtet, ist das ein offener Übergriff. Die meisten Anzüglichkeiten ziehen jedoch ein „Aber“ nach sich, das auf besondere Umstände verweist, mit zwei Gläsern Wein im Spiel und Auslegungsspielräumen.
Willkommen in der Grauzone!
Die ich keinesfalls akzeptiere! Selbst nach einem Parteiempfang an der Bar bin ich Journalistin und der Politiker Funktionsträger. Umso absurder ist es, dass ich auf Veranstaltungen aller Parteien erlebe, wie Journalisten stundenlang mit Politikern beieinander hocken, Witze reißen, vertraulich sind, während uns Journalistinnen verstohlen zugeflüstert wird, ob man sich nicht lieber abseits des Parteitags treffen wolle, sonst gäb’s nur Gerede… Ich finde es unerträglich, dass da für Männer und Frauen ungleiche Regeln herrschen.
Ist das schon handfester Sexismus oder noch strukturelle Ungleichheit?
Da ist der Übergang fließend. Die Verleumdungsmechanismen mancher Piraten fußen auf einem sexistischen Grundverständnis, nach dem Journalistinnen unfähig sind, tiefere Erkenntnisse anders als über körperliche Gefälligkeiten zu kriegen.
Oder auf dem taktischen Kalkül, die Journalistin da anzugreifen, wo sie verwundbar sein könnte.
Darüber habe ich auch nachgedacht, aber letztlich liegt dem wohl doch ein unreflektiert sexistisches Weltbild zugrunde, das bei so einer Partei nur ungleich radikaler publiziert wird. Männliche Kollegen, die ähnlich tief in die Materie eingetaucht sind, bleiben von Vorwürfen der Prostitution oder angeblichen Bettgeschichten ja verschont. Deshalb gibt es Journalistinnen, die im Netz streuen, einen Freund zu haben, um Gerüchten vorzubeugen. Ich glaube, Piraten denken da nicht so strategisch.
Andere Parteien schon?
Zwischen Politiker und Journalist geht es parteiübergreifend um ein Machtspiel: Der eine will nur das Nötigste preisgeben, der andere alles wissen. Mit Männern wird jedoch auf Augenhöhe gespielt, mit Frauen nicht. Da versuchen selbst Minister, die junge Reporterin mit Aussagen über ihr Aussehen zu verunsichern. Das übt keiner abends vorm Spiegel, aber vielleicht beginnen jetzt ja einige, diese Mechanismen zu hinterfragen.
Das wäre an der Zeit, denn Journalismus und Politik sind wie alle gesellschaftlichen Spielfelder jenseits der Kita fest in Männerhand. Ministerien werden bestenfalls dann von Frauen geleitet, wenn sie Frauenfragen verhandeln, und Redaktionen, sofern es darin um die fünf großen „K“ geht: Kleidung, Kosmetik, Küche, Komfort, Kinder, und falls sich all dies ohne Mehraufwand für den zugehörigen Mann vereinbaren lässt: Karriere. Gut 100 Magazine solchen Inhalts werden mit einer Gesamtauflage oberhalb der 20 Millionen gedruckt – gefangen „im Muff der 50er-Jahre“, wie die renommierte Zeitschriftenentwicklerin Bettina Wündrich schreibt. Das perpetuiert nicht nur bestehende Strukturen, es wirkt auch zurück auf den Journalismus, der sich vielerorts beeilte, die Schuldfrage umzudrehen, als die Debatte ihren Lauf nahm. Was daraus wird? Annett Meiritz zuckt mit den Schultern.
Glauben Sie, dass diese Debatte nun wirklich etwas bewegt?
Insofern, als ihre bloße Existenz das Thema neu ins Bewusstsein rückt. Zumal es nicht in einem feministischen Forum anfing, sondern in Qualitätsmedien. Nach kürzester Zeit wurde daraus jedoch eine völlig überdrehte Debatte darüber, was man mit welchem zeitlichen Abstand überhaupt schreiben dürfe.
Um davon gezielt abzulenken?
Es fiel schon auf, wie rasch die Aufmerksamkeit auf journalistische Methoden schwenkte. Der eigentlichen Debatte tat das sicher nicht gut.
Die aber inmitten digitaler Zeiten immerhin mal von alten Medien angestoßen wurde.
Aber ohne das Netz als Brandbeschleuniger hätte sie nie diese Dimension erreicht. Das Ping-Pong-Spiel zwischen klassischen und neuen Medien hat der Debatte allerdings eine besondere Dramaturgie verpasst. Eine Bewegung wie #aufschrei gilt eben nicht mehr als Ansammlung verrückter Twitterer, sondern wird publizistisch ernst genommen. Auch wenn am Anfang eine Journalistin stand, die das auf Papier geschrieben hat.
Ist es bereits ein Zeichen antisexistischer Umtriebe, dass kritische Journalistinnen wie Sie es in Magazinen wie dem Spiegel schreiben dürfen?
Medien machen ihre Arbeitsprozesse zusehends transparent, was dazu führt, dass Journalisten in der Regierungsmaschine twittern, wie die Kanzlerin gerade guckt. Dennoch gibt es weiter geschlossene Räume. Und wenn die Verleumdungen gegen mich in Mails oder Drohbriefen erfolgt wären, hätte ich die auch verschlossen gehalten. Das alles lief jedoch im Netz ab, für alle ersichtlich – da musste ich schon deshalb reagieren, um die Kontrolle nicht zu verlieren.
Was würden Sie denn tun, wenn Ihnen aus dem Bundestag einen Dildo mit der Zeile „Auf gute Zusammenarbeit“ zuginge?
Ich würde zu unserer Rechtsabteilung gehen. Die Zeiten sind Gott sei dank vorbei, da wäre heute jeder Politiker weg vom Fenster.
In den Achtzigern jedoch, als die Anekdote aus Ursula Kossers Buch „Hammelsprünge – Sex und Macht in der deutschen Politik“ geschah, galt ein Dildo im Postfach Bonner Hauptstadtjournalistinnen offenbar nicht als Problem. Nicht für die Absender. Damals waren die Brüderles von heute noch jung und ihre Altvorderen hatten noch Erfahrung mit legaler Züchtigung ungehorsamer Gattinnen, denen sie den Job kündigen durften. Nun mag Diskriminierung sublimer laufen, passé ist sie nicht und äußert sich vor allem in der „gläsernen Decke“. Ein halbes Dutzend von 360 deutschen Tageszeitungen wird von Frauen geführt. Auch die Chefsessel von Zeitschriften, Presseagenturen, Funkhäusern sind extrem männlich besetzt. Angesichts des Überschusses an weiblichem Nachwuchs sind da jene 30 Prozent Führungsanteil, den die Initiative ProQuote fordert, fast bescheiden. Dennoch wäre es ein Quantensprung im Vergleich zu früher. Aber Fortschritte? Annett Meiritz’ Lächeln wirkt ein wenig matt…
Das waren die alten Zeiten, Männerzeiten.
Schon. Aber auch wenn die alten Herrenzirkel aussterben, bleibt deren Prinzip kumpelhafter Vertraulichkeit am Leben. Ich war gerade zu Beginn meiner Karriere oft fassungslos, wie oft bei Journalistinnen das Geschlecht thematisiert wird. Frauenfeindlichkeit wird also nicht abgeschafft, sondern subtiler.
In Ihrem Essay deuten Sie an, diese Art Frauenfeindlichkeit sei sogar schlimmer als der Oldschool-Sexismus eines Rainer Brüderle?
Sie sind schwerer erkennbar. Aber der Effekt beider Mechanismen ist gleich, nur die Vermittlungsebenen sind andere.
Die FAS schreibt dazu, wer sich auf das Spiel von Nähe einlässt, darf sich über die Folgen nicht beklagen…
Dem stimme ich insofern zu, als man auf der halbprofessionellen Ebene an der Bar mit halbprofessionellen Ergebnissen rechnen muss. Dennoch gehört es zum Berufsverständnis von Politikern wie Journalisten beiderlei Geschlechts, in jeder Situation respektvoll miteinander umzugehen.
Wobei Sexismus ja auch ein bisschen mehr als halbprofessionell ist…
Absolut. Aber nur, weil mir eine blöde Anmache drohen könnte, kann ich mich der inoffiziellen Seite meines Berufes nicht entziehen. Es mag ja fraglich sein, was das übliche Gelage vorm Dreikönigstreffen der FDP journalistisch bringt, aber als Menschen lernt man einen Politiker nicht nur zwischen 8 und 17 Uhr kennen. Und viele meiner Informationen über die Piraten hätte ich auf rein offiziellem Weg kaum gekriegt. Deshalb bin ich dankbar für jedes Gespräch abseits steriler Büros oder Pressekonferenzen, wo man ohne Zeitdruck, ohne Formalitäten stundenlang über alles Mögliche, vor allem aber Politik reden kann. Wichtig ist nur, dass man vertraulich-professionelle Nähe nicht mit Freundschaft verwechselt.
Glauben Sie, dass diese Art Nähe jetzt in Distanz umschlägt?
Ich merke schon jetzt bei einigen Piraten, dass ein neues Bewusstsein entsteht, wie angreifbar sie ihr Handeln machen kann. Aber das ist ja erstmal positiv, kann allerdings auch zu weit führen. Wenn ein Wolfgang Kubicki sagt, er steige nun mit keiner Journalistin mehr ins Auto, klingt das, als würden Männer im Kontakt mit Frauen ihr Gehirn abgeben. Falls ich zu einem Politiker ins Auto steige, will ich über ihn berichten, wofür ich auch weiterhin mit Politikern an Hotelbars sitzen werde.
Als Laura Himmelreich kürzlich von einer Hintergrundrunde berichten wollte, war sie selbst Gegenstand der Berichterstattung. Hat das Ganze auch Ihre Arbeit verändert?
Nein, ich stand ja nie so im Fokus wie Laura Himmelreich. Ein Kollege sagte gerade zu mir, wir müssen aufpassen, stets Beobachter zu sein, nie Akteure. Insofern war der Essay das Maximum dessen, was ich mit mir als handelnde Person verfasst habe. Die anschließende Debatte kann ich sehr gut von mir abstrahieren.
Sie sind als Objekt austauschbar.
Was heißt hier Objekt? Ich nehme mich da nicht wichtig, auch wenn ich den Anstoß gegeben habe.
Tragen Sie denn auf Terminen nun lieber Hosenanzug als Etuikleid?
(lacht)
Im Artikel ärgert sich Annett Meiritz, dass Kleidung, Auftritt, selbst der Gesprächsort ständiges Abwägen möglicher Folgen erfordert. Die Frage, ob sie Hosenanzug oder Etuikleid trage, sei da keine von Stil und Wetter, sondern strategisch. Hier, im futuristischen Spiegel-Haus am Rande der Hamburger Speicherstadt, trägt sie Kleid und Keilabsätze, sie ist überhaupt recht feminin, mit langem Haar und offenem Lachen, bei dem oft eine Braue hoch rutscht. Wobei – wären solche Äußerlichkeiten überhaupt der Rede wert, wenn Annett Meiritz ein Mann wäre? Aber dann wäre ohnehin vieles anders, dann ginge ihre Chance auf eine Ressortleitung abseits des Lifestyle-Segments gegen Null, von höheren Aufgaben ganz zu schweigen. Dabei ist die gebürtige Schwerinerin exzellent ausgebildet: Studium der Geschichts- und Medienwissenschaften in Düsseldorf, Volontariat an der Berliner Journalistenschule, Politikredakteurin bei Spiegel Online mit Mitte 20, unterbrochen von einem Jahr Australien und Neuseeland, bis sie 2012 ins Parlamentsbüro wechselt, wo sie neben den Piraten gern über digitale Themen schreibt. Über Mode schreibt sie nie.
Ein gewisser Dresscode ist Teil der professionellen Verantwortung; man würde ja auch keinen Kollegen ernst nehmen, der in Shorts zum Interview kommt. Aber als ich gemerkt habe, dass ich zu Politikergesprächen meist Hosenanzug trage, fragte ich mich: warum eigentlich?
Um sich in einer Männergesellschaft mit deren Uniform zu panzern?
Und sich so unangreifbar zu machen – vielleicht. Inzwischen mache ich mir darüber aber keine Gedanken mehr.
Als bekannt wurde, dass Laura Himmelreich nach dem Abend mit Brüderle noch mehrfach mit ihm ins Auto gestiegen ist, wurde ihr Ressortleiter kritisiert, dass er sie nicht vor ihm geschützt hätte.
Ich kenne Laura Himmelreich und habe nicht das Gefühl, dass sie ein Opfer ihrer Chefredaktion oder Ressortleitung ist. Sie hat stets selbstbewusst gehandelt.
Haben Sie selbst sich in Ihrem Beruf je schutzbedürftig gefühlt?
Nie, ich war höchstens mal perplex, wenn versucht wurde, mich über Äußerlichkeiten zu verunsichern. Aber nach einer irritierten Sekunde ging es stets weiter. Was mich daran ärgert, ist dass ich mein Verhalten stets reflektieren soll, nur weil es andere mit ihrem nicht tun. Es ist doch nicht meine Aufgabe, den Gesprächspartner zu erziehen. Sicher setze ich Grenzen; diese Souveränität ist eine Kernkompetenz jeder modernen Frau. Aber die Debatte hat sich viel zu viel vom Handeln der Männer zur Reaktion darauf verlagert. Dabei ging es ums alte Sandkastenspiel: wer hat angefangen? Das ist die falsche Debatte.
Die richtige wäre eine umfassende darüber, wo Frauen überall von Sexismus betroffen sind. Der reicht vom altväterlichen der Generation Brüderle über den subtilen der Generation Piraten bis zum selbstbestimmten der Generation Heidi Klum. Ist Ihnen einer davon besonders zuwider?
Schwer zu sagen. Ich empfinde weibliche Nacktheit im öffentlichen Raum zum Beispiel weit weniger problematisch als soziale Abhängigkeiten oder berufliche Nachteile wegen des Geschlechts.
Nennen Sie sich trotz dieser Einschränkung Feministin?
Nein, auch wenn ich viele feministische Forderungen unterschreiben kann. Die Debatte hat mich zwar wacher gemacht, Feministinnen von Alice Schwarzer bis Charlotte Roche zeigen aber, dass Feminismus zu viele Gesichter hat, um den Begriff einfach zu übernehmen. Außerdem mag ich keine Etiketten.
Auch nicht solche wie „Femizissmus“, mit dem die englische Kolumnistin Charlotte Raven das neue weibliche Selbstbewusstsein narzisstisch, also körperbetont unterfüttert. In dieser Atmosphäre lassen sich Frauen bei „Germany’s Next Topmodel“ fröhlich zu Projektionsflächen männlicher Begierde zurichten, sind im Showfernsehen ohnehin in flachen Schuhen undenkbar, schmeißen in der Reklame dazwischen dennoch den Haushalt allein, und während selbst seriöse Magazine wie der „Stern“ Frauen auf dem Cover nur sexy dulden, illustrierte der „Spiegel“ das Titelthema „Dick durch Stress“ natürlich – mit einer Frau. Dass beide Magazine seit jeher nur Männer übers Vorzimmer der Chefredaktion hinauskommen lassen, ist Teil einer Schuld am Zustand, die nur wenige als solche anerkennen.
Die Piraten haben Sie umstandslos um Entschuldigung gebeten. Nehmen Sie die an?
Ich nehme sie zur Kenntnis. Es geht schließlich nicht um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen der Partei und mir.
Freuen Sie sich denn auf die nächsten Hintergrundgespräche?
(lacht) Ja. Klar. Ich schreibe auch weiterhin gern über die Piraten.
aus journalist 2/2013
“Toll, toll, super-toll”
Posted: March 9, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage 1 Comment
Das neue Peer-Gefühl bei Neon
Hip, hipper, Neon – das G+J-Magazin hat auch nach zehn Jahren mit dem Ruf ewiger Sorglosigkeit der Generation Facebook zu kämpfen. Jetzt hat es auch noch ein neues Führungsduo, das noch besser zur Zielgruppe passt als die ergrauten Köpfe von einst. Könnte man meinen.
Von Jan Freitag
Eigentlich müsste es hier anders zugehen. Stelzbeinige Beardos mit karierten Flanellhemden sollten melancholische Musik trüb dreinblickender Singer/Songwriter hören und dabei ohne zu lächeln diffuse Gedanken in ihre iPads tippen, während bunt bemützte Omakleidträgerinnen mit riesigen Fensterglasbrillen lachend ihre Jutebeutel vergleichen, statt dem Sinn des Lebens ernstlich Substanz zu verleihen. Die Clubmate am Mund würden sie zu Füßen chaotischer Schreibtischattrappen beim Plaudern aufs Smartphone starren und alles Mögliche tun, nur nicht arbeiten.
Eigentlich müsste es hier also aussehen wie die Welt in den Hotspots da draußen, der diese Redaktion Monat für Monat den Hochglanzspiegel vorhält. Eigentlich. Doch dann sitzt dieser blutjunge Zeitschriftenveteran Patrick Bauer in gedeckten Blautönen vorm gewöhnlichen Computer und grüßt klassisch per Handschlag. Doch dann tritt das zweite Glied der neuen Chefredaktion dazu und auch Vera Schroeder sieht mit simpel gestreiftem Pulli, adrett geknotetem Schal und sichtbar wachsendem Babybauch so wenig nach Neo-Hipster aus wie das Industriegebiet unterm Bürofenster der Neon. Statt Szenecafé und Applestore presst sich ein Lidl in die grauen Betonschluchten ringsum. Maxvorstadt, Schanze, Friedrichshain – die angesagten Szeneviertel der Republik scheinen hier, ein paar Lichtjahre östlich der Münchner City, weiter weg als das Heft der zwei frischen Führungskräfte vom Ruf, ernsthaft zu sein.
Selber Schuld.
Denn als das Zeitgeistblatt mit dem kühlen Namen der ermüdeten Technoära im Juni 2003 das Licht der Kioskregale erblickte, stand das Motto fröhlicher Adoleszenzverweigerung gar im Untertitel: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Das klang weniger nach echtem Journalismus als Zielgruppenbespaßung einer Klientel, die den pappeflachen Neunzigern entsprungen vor allem dreierlei wollten: Fun, Fun, Fun. Die Latte der Seriosität lag also von Beginn an tief. Selbst als das Hamburger Mutterschiff Gruner + Jahr seinem Ziehkind 2010 per Verlagsmitteilung in die Münchner Dependance dekretierte, es sei nun doch langsam erwachsen, fühle sich „dafür aber eigentlich noch zu jung“, wollte der Ruch des Berufsjugendlichen nicht recht weichen.
Aber war das nicht schon immer ein Missverständnis? Glaubt man den neuen Verantwortlichen, wollte die NEON, ganz selbstbewusst in Versalien geschrieben, zwar irgendwie jugendlich sein, aber nie infantil, stilistisch lässig statt inhaltlich lax, der gut gelaunte Seismograph urbaner Lebenswelten, mehr aber noch ein „Unisex-General-Interest-Magazin für Frauen und Männer zwischen 20 und 35“, wie es hausintern heißt – so juvenil, so erwachsen wie ihre neuen Chefredakteure. Also nicht vollends. Und ganz schön.
Denn das letzte Heft des vorigen Jahres wurde erstmals von Blattmachern verantwortet, die der Zielgruppe wieder etwas näher sind als ihre ergrauten Vorgänger Timm Klotzek und Michael Ebert. Mit seinem Abgang zum SZ-Magazin macht der Doppelthinktank schicker High-End-Publizistik somit Platz für den Nachwuchs, eben Schroeder plus Bauer. Allein – die neuen Ersten wirken bei aller Frische bisweilen, als hätten sie die Jahre jugendlicher Unbedarftheit übersprungen. Dafür reicht ein Blick in zwei außergewöhnliche Berufsbiografien.
Vera Schroeder, geboren am Standort, weist mit 36 Jahren eine extrem steile Laufbahn auf. Nach Politikstudium und Diplom an der Deutschen Journalistenschule, nach eigenem Pressebüro und diversen Praktika führte sie das vorerst letzte als freie Autorin im Sound der geplatzten Dot-Com-Blase zum antizyklischen Start-up Neon, dem sie ab Ausgabe zwei Texte schrieb. Schon das war trotz einjähriger „Orientierung“ und „viel Interrail“, wie Schroeder in ihrem Übergangsbüro voll riesiger Neon-Fotos, aber frei von persönlichem Schnickschnack erzählt, ein Karrieretempo am Anschlag. Könnte man meinen. Doch erst dann nahm die versierte Snowboardfahrerin richtig Fahrt auf: 2006 Redakteurin, 2009 Eintritt in die Chefredaktion, 2012 deren Übernahme, ein Zielschuss in Drei-Jahres-Schritten, immer im roten Bereich.
Doch kein Vergleich zu Patrick Bauer. Seine 29 Jahre sieht man dem Stuttgarter noch an, seine Hetzjagd an die Spitze nicht. Auch ihn führten freie Geschichten für Neon nach der Berliner Journalistenschule direkt in die Leitungsebene. Stets im Gleichschritt mit seiner Mitchefin – nur, dass ihm dabei offenbar weit weniger Zeit blieb für Suche und Bahnreisen. Umso bemerkenswerter, dass beide bereits ein Kind haben. Nicht gemeinsam, versteht sich. Auch wenn sie seit Jahren das Büro teilen und auch privat befreundet sind.
Schröder und Bauer sind also Speedkletterer wie die Huberbuam, nur nicht am Berg, sondern im Business. Da ist man als Anfangsvierziger im Prekariat der Freiberuflichkeit fast erleichtert, beim faltenfreien Patrick mit Britpopfrisur und Sechstagebart die Yps auf dem ungeordneten Schreibtisch zu entdecken. Doch wie er den Retromüll für große Jungs mit spitzen Fingern anfasst, um zu beteuern, so was schon früher nie gelesen zu haben und auch die Wiederbelebung nicht zu verstehen, merkt man: hier herrscht doch kein Spieltrieb im Büro. Alles Arbeit, Führungsarbeit jetzt.
Und das gleich in Doppelfunktion. Denn wie bei G+J üblich, sind Neon-Bosse auch fürs Magazin trendbewusster Eltern namens Nido zuständig, das seit 2009 auf einem Flur in geteilter Redaktion entsteht. Ein Heft für jene, die Neon qua eigener Fortpflanzung entwachsen scheinen, mit mehr Leserinnen und engerer Dramaturgie. Doch das Grundgefühl, protestiert Vera Schroeder, deren erstes Kind fast schulpflichtig ist, sei gleich: Es gehe darum, Eltern zu sein, ohne als Individuum zu verblassen. Klingt nach Neon-Lesern ohne Windeleimer. Klingt aber auch nach den Leitern beider Blätter, die mit etwas Make-up und Licht locker die Pärchen der aktuellen Titelbilder ersetzen könnten. Thema: „Sind wir ein gutes Paar?“ hier, „Hat mich mein Kind verändert?“ da.
Die Antwort lautet: zweimal Ja. Denn als Duett funktionieren Schroeder und Bauer seit jeher am besten. Und ihre Babys, zwei Anzeigenmagneten für insgesamt 370.000 Käufer, die sie praktisch von Beginn an gestalten, haben aus zwei Journalisten Führungskräfte gemacht. Schon alles „straight“ gelaufen, erklärt Vera Schroeder im Deutsch ihrer Kunden, die aber mittlerweile auch geradliniger sind, wie sie betont. Zwanzigjährige von heute seien eben anders aufgewachsen als in den Flegeljahren der Neon. „Die Krise ist ein Dauerzustand“, das mache viele ernsthafter, zielorientierter, eben straighter als eine Generation zuvor. Die neue sei also in der Tat erwachsen geworden, „will aber weiter Spaß haben“, assistiert Patrick Bauer. Er spüre da ein neues Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit, Orientierung. „Das bedienen wir.“ Und zwar auch unterhaltsam, vor allem jedoch informativ.
Denn in Zeiten ständig wachsender Komplexität, schildert Vera Schröder das Gros ihrer knappen Million Leser, in deren WG-Küche eins von 233.421 Verkaufsexemplaren liegt, sei das „leicht überhebliche ‚Weiß ich ja eh schon alles’-Gefühl der frühen Nullerjahre einem selbstbewussten ‚Ich will das Verstehen’-Gefühl gewichen“. In dieser Mixtur konkreter Überforderung, diffuser Ängste bei unverändertem Spaßbedarf sei Neon, pflichtet ihr Schreibtischkumpel bei, „der interessante, informierte, humorvolle Mitbewohner, der Dinge auch mal grundsätzlich erklärt“.
Zum Beispiel Europa: vertracktes Thema, nicht allzu lässig, aber irgendwie drängend. Patrick Bauer blättert laut im ersten Heft, das die neue Doppelspitze ohne Hinzutun der Gründerväter gestaltet hat. Nach der Startumfrage (Was wird deine nächste große Investition), einem grafischen „Baum der Erkenntnis“ (Soll ich heute aufstehen), dem prominenten „Soundtrack meines Lebens“ (von David Kross) und zwanzigmal „unnützes Wissen“ (zu Gott und der Welt), nach all den coolen Ichduwir-Standards zum Aufwärmen folgen nämlich „fünfzehn Ideen für ein besseres Europa“, die Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk zwischen hedonistisch und seriös, der sanften Forderung zur Abschaffung des ESC und harten Fakten griechischer Entbehrungen auflistet.
Es ist die neon-typische Form nutzwerten Infotainments zweier Posterboys mit dünnem Schlips und Popperscheitel, die den sorglos-fröhlichen Protagonisten der Bildstrecke nicht nur altersmäßig näher sind als manchem Kollegen der Konkurrenz. Dennoch könnte ihre Aufbereitung so ähnlich auch andernorts stehen: in Zeit– und SZ-Magazin, womöglich Spiegel oder Cicero und (hoffentlich!) bald wieder der Vanity Fair. Mit anderem Einstieg, räumt Patrick Bauer ein, aber eben doch mit dieser heiteren Nonchalance im Entspannen ernster Sujets. Und da ist noch nicht mal von der nachfolgenden Dokumentation haarsträubender Fälle die Rede, in denen deutsche Gerichte rechtsextreme Schwerverbrecher laufen ließ… Oder von der Nido-Story über den Versuch, im windellosen China Pampers zu verkaufen.
Das ist schnörkelloser Zeitgeistjournalismus, nur besonders spannend layoutet. Erst im Abschnitt „Fühlen“, der die Emotionssuche multioptionaler Großstädter gar nicht so fern von Dr. Sommer begleitet, wird es so launig wie nirgends sonst im Segment. Hier – zwischen Partnerschaftsanalysen und Singleleiden, Wäschetests und Schulerinnerungen, Weihnachtsgeschenken für Individualisten und Reisetipps mit Smartphone – beginnt der wahre Lifestyle. Auch wenn ihn Patrick Bauer lieber mit „Lebensgefühl“ umschreibt.
Denn das englische Wort klinge, „als würden hier alle Röhrenjeans tragen“, meint der Endzwanziger in der milder modischen Chinohose. Man spürt an der Körperspannung, wie ihn die Vorurteile vom „Magazin für Berliner Latte-Macchiato-Trinker“ nerven. Wie ihn der wohlfeile Mythos vom „Wir-Modus“ mit dauerndem Ich-Einstieg stört, den nicht nur taz genährt hat. Und tatsächlich mögen viele der 180 Seiten Neon und 40 weniger bei Nido durch ständige Personalpronomen das Peer-Gefühl stärken. Doch besonders erstere hat sich weiterentwickelt; sie ist ernster, sachlicher, klüger als früher und gleicht darin der Hamburger Band Tocotronic, die Anfang der Neunziger in Trainingsjacken sang, Teil einer Jugendbewegung sein zu wollen, während sie doch längst deren Rolemodel war.
Aber Rolemodel wollen sie nicht sein, die Neuen, Lifestyle schon gar nicht, lieber „lebensweltlich“, ein Lieblingswort beider. Die Angst, unernst genommen zu werden, ist riesig. Vielleicht ist es eine Altersfrage, vielleicht eine der Bürde des erfolgreichsten Magazinstarts diesseits dämlicher Konsumgörenbespaßung à la Instyle der letzten zehn Jahre. Ganz gewiss aber ist es eine Luxusposition, dies in einem so erfolgreichen Magazin tun zu dürfen.
Vor dem allerdings hat das neue Führungsduo mehr Respekt als nötig. Denn wer ihm eine Weile zuhört, dem sausen die Ohren vor all dem Lob für „tolle Vorgänger“, denen mit einer „tollen Truppe“ in „toller Atmosphäre“ ein „wirklich tolles Heft“ gelungen sei, das man nach dem Wechsel in „tollen Runden“ als so „super dastehend“ vorgefunden habe, dass allenfalls an „Stellschrauben“ zu drehen sei, wie Bauer gern sagt. Denn wann, „wenn nicht zu Beginn unserer Amtszeit sollten Vera und ich eine eigene Handschrift in die Hefte bringen“. Als „erfolgreichstes junges Magazin in Deutschland“, müsse man schließlich „textlich wie optisch überraschen“. Man werde also in „zwei, drei Ausgaben kleine Veränderungen erkennen“, fügt Vera Schroeder hinzu, die keine Quotenfrau sein will und dafür (natürlich) der tollen Verlagsspitze in Hamburg dankt. Hier mal eine neue Kolumne, da mal eine Extrarubrik, nichts Großes, weder bei Nido noch bei Neon. Stellschrauben.
Und warum sollte man auch die Produkte zweier Risikospieler umwälzen, die inmitten veritabler Medienkrisen derart lukrative Magazine lancierten. Erfolg macht sexy. Dennoch verstört es leicht, dass die Exchefs in den Erzählungen der aktuellen quasi zu Helden demokratischer Gruppenanleitung stilisiert werden, während branchenintern schon mal von strikter Hierarchie, Tendenz Despotie im Erdgeschoss des Münchner G+J-Hauses erzählt wird. Andererseits spricht es für die Neuen, lieber sich als andere in die Pflicht zu nehmen. Da ist viel von „Team“ die Rede und, klar, den „tollen Leuten“ darin. Mit denen will man den „ständigen Veränderungsprozess fortsetzen“ (Schroeder), also „auch bewährte Inhalte immer wieder neu diskutieren“ (Bauer), um sich „für die Leserschaft zu erneuern, statt mit ihr zu altern“ (beide mehrfach).
Ein kleiner Gang durch die Gemeinschaftsredaktion – links Text, rechts Optik – zeigt die Atmosphäre, in der dies fortan geschieht. Da befassen sich die Nutzwertinfotainmentreporter im Flursofa dann doch mal eher mit ihrem iPhone als Europa, Nazis, harten Fakten und kriegen dafür doch ein lockeres Lachen der neuen Chefin. Vera. Die machen das schließlich schon, jeder sei hier „klassischer Reporter und konzeptioneller Denker“ in einem. Dazu bedarf es kreativer Freiräume.
Dass sie und Patrick Bauer, diese leidenschaftsgetriebenen Vollprofis in einem Alter, wo manche Leser bisweilen noch auf der Suche nach Sinn sind, dem Konzeptionellen nun mehr Zeit widmen als dem Kreativen, würden beide schon vermissen, natürlich. Und Vera Schroeder, mittlerweile in Mutterschutz, wirkt sogar sehnsüchtiger als ihr jüngerer Kollege. Aber all die druckreif diplomatischen Chefredakteurssätze beider suggerieren doch: Da sind zwei angekommen, wo sie hingehören. Was spielt das Alter da für eine Rolle… Röhrenjeans und Omakleider liegen daheim gewiss trotzdem im Schrank.
Licht aus im Niveauasyl
Posted: March 1, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentAus für Roche und Böhmermann
Es ist zum Heulen: Die einzig wahre, wirklich lustige, dazu informative, jedenfalls unvergleichlich unterhaltsame GEsprächssendung des deutschen Fernsehens passt dem ZDF nicht in die Struktur – weshalb es dessen Programmchef Thomas Bellut zur Abschaffung freigegeben hat. Wenigstens kann man sonntags ab 22 Uhr auf ZDFkultur Wiederholungen sehen. Die sind immer noch besser als jede frische Talkrunde.
Von Jan Freitag
Es gibt Momente, da müsste man mal mit Volker Herres und Thomas Bellut fernsehen. Chipstüte in die eine Hand, Pils in die andere, den ARD-Programmchef zur Linken, den ZDF-Intendanten zur Rechten – schon kann ein gemütlicher Sonntagabend mit den Verantwortlichen von Tatort oder Polizeiruf hier und Schnulze oder Schnulze dort beginnen. Und wenn das unterschiedlich temperierte Happyend sein jeweiliges Format in die Nacht entlässt, würden die Herren Herres und Bellut wie jede Woche frohlocken, weil mit der Quote die Laune steigt in diesem Geschäft. Seltsam nur, dass sie danach nicht in den Keller geht – die Laune, nicht die Quote.
Würden die zwei TV-Macher nun nämlich weiter durch die eigenen Kanäle zappen, sie müssten sich eigentlich in Grund und Boden schämen für die Gebührenvergeudung am Bildschirm. Denn während die Schlechteste aller Talkshows gleich nach dem Hauptfilm an prominenter Stelle läuft, läuft die Beste abseits aller Wahrnehmbarkeit, fortan sogar nur noch als Wiederholung. Doch Volker Herres und Thomas Bellut sind als Programmgestalter ihre eigenen PR-Abteilungen in Personalunion, da werden sie also sagen: Toll, der Jauch. Toll die Roche. Toll der Böhmermann.
Was stimmt und auch wieder nicht, womit wir mitten im Feld der Dialektik wären, also beim Punkt. Denn dass Deutschlands schlechtester Gesprächsleiter Günther Jauch trotz irritierend unzureichender Qualität als politischer Talkmaster den größten Zuschauerzuspruch all der Gesprächsformate erzielt, ist eine ebenso große Ohrfeige für Ästheten wie die Tatsache, dass Deutschlands kreativste Gesprächsleiter Charlotte Roche und Jan Böhmermann mit ihrem wunderbar anarchistischen Nostalgie-Talk Roche & Böhmermann nicht im Hauptprogramm des Zweiten laufen, sondern auf dem Anspruchsasyl ZDFkultur. Dort erzielten sie mit 0,4 Prozent zwar Werte weit überm Senderschnitt; 90.000 Zuschauer waren allerdings nicht mal ein Fünfzigstel derer, die Jauchs repetitive Redundanz so einschalten.
Nun sind das nur Zahlenspiele, Rechenexempel, Abstraktionen auf der Basis einer dubiosen Messtechnik zur Zuschauerzahlenermittlung, die mit der Realität weniger zu tun hat als das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur Primetime mit seinem Staatsauftrag. Doch es wirft ein fahles Licht auf unser Leitmedium, deren Versorger und ihre Kunden. Roche & Böhmermann liefern schließlich das ab, was gebührenfinanzierten Sendungen (Kommerzkanäle sind seit langem nicht nur sinn-, sondern dialogfrei) zusehends abgeht: Gesprächskultur.
Die zeichnet sich ja durch Eigendynamik aus, Gedankensprünge, durch ein geordnetes Chaos, das sich vom Kopf aus Bahn bricht in die Welt. Wer miteinander spricht, spricht durch sich selbst zu anderen. Wer bei Günther Jauch spricht, spricht trotz andrer mit sich selbst. Das konnte man acht Wochen bestaunen, Sonntag für Sonntag. Etwa vor knapp einem Jahr, als der Politkonservative Peter Altmaier, der Kulturkonservative Heinz Rudolf Kunze und der Sozialkonservative Henning Scherf mit dem Quotenlinken Bodo Ramelow und der Quotenfrau Ines Pohl von der taz, abermals (oder immer noch?) über Christian Wulff, nein, nicht diskutierten, sondern formatierte Parteistatuten und PR-Strategien zum Besten gaben. Bei Roche & Böhmermann dagegen trafen der Schönheitschirurg Afschin Fatemi, der Kolumnist Harald Martenstein, der Ökoaktivist Thilo Bode und das Exgirlgroupsternchen Lucy Diakowska, also eine bunte Mischung unerwarteter, interessanter Gäste aufeinander, um wahrhaft zu debattierten: über alles und nichts.
Das ist der Wesenskern: ob miteinander, durcheinander, gegeneinander, sinnfrei, gehaltvoll oder ziellos – Charlotte und Jan, lassen laufen, denken, reden, Zwanglosigkeit herrschen. Falls sie denn wollen; falls nicht, spulen sie einfach die MAZ zurück, um Fäden neu zu verknoten, überpiepsen per Knopfdruck Unliebsames oder stoppen die Realität zur Beratung. Dazu servieren sie verrauchte Schwarzweißaura wie einst im Internationalen Frühschoppen und führen die Talkshow somit zurück zur Substanz dessen, was Dietmar Schönherr 1973 bei ihrer BRD-Premiere darin sah: „Eine Rederei.“
Mehr liefert auch „Günther Jauch“ nicht, mehr sind selbst seine kompetenteren Konkurrenten von Will bis Plasberg nicht, eher weniger: Monologverwaltung statt Gesprächskultur. Nur, dass sie sich alle so furchtbar viel wichtiger nehmen als die neue Generation Trash-Talker wie Ärzte-Trommler Bela B., der in Hotel Bela den Zombie-Filmer George Romero als Fan befragte. Oder das Nachwuchsduo Joko und Claas, die bei neoParadise schon mal im Schrank interviewen. Oder Ausflug mit Kuttner…, Vorname Sarah, ein Rohdiamant des TV-Dialogs, leider nur bei Eins Plus. Oder alles mit Katrin Bauerfeind. Und eben Roche & Böhmermann.
Die mögen sich bisweilen verrennen im Laissez-faire, mit Viagra im Selbstversuch jeden Gesprächsfluss stoppen und Henryk M. Broders Quatsch unhinterfragt erdulden. Doch es bleibt echtes Reden. Miteinander. Nicht beieinander wie bei Jauchs. Trotzdem darf der weitermachen, Charlotte und Jan nicht. Ihre Sommerpause dauert fünf Monate, seine kostet Millionen. Jauchs Vertrag wird verlängert solange Jauch will, Roche/Böhmermanns Vertrag wird beendet, weil Thomas Bellut das so will. Nach einer Stunde Zeit mit allen Dreien wären er und Volker Herres dennoch sattsam zufrieden. Letzterer über sein Gespür für Erfolg ohne Inhalt, ersterer für seinen Mut zu Inhalt ohne Erfolg. Der hat ihn jetzt verlassen. Das deutsche Fernsehen, es ist und bleibt trotz seltener Beherztheit am Ende doch ein Häufchen Elend.
Der große Sounddreck
Posted: February 23, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentVon Filmtönen in Tonfilmen
Der Ton führt auf Bildschirm und Leinwand ein Nischendasein. Und das, obwohl er immer lauter wird. Jan Freitag über die Hassliebe zum Filmgeräusch
Von Jan Freitag
Wer beim Zusehen nicht auf den Ohren sitzt, der kann, der muss es hören. Es gibt kein Entkommen: eine Katze, die kreischend aus dem Dunkel springt, wo auch das Böse hockt; jener Bass, der jedes Ereignis ankündigt und mit dem das ZDF Zeitgeschichte zum Event aufbläst; das Käuzchen, das notorisch aus dem Wald ruft, sobald bei Wallace der Landsitz im Nebel auftaucht. Dies alles Dräuen, Dröhnen, Detonieren, die Geigen, Trommeln, Soundkaskaden, das Brodeln und Glucksen, Hauen und Stechen, Reifenquietschen und Bangboombang – schon merkwürdig, bei einem visuellen Medium.
Doch rein visuell ist es eben nicht nur, meinen die Musikwissenschaftler Frieder Butzmann und Jean Martin. Jeder Blockbuster, jede Dokumentation, jedes Fernsehspiel, heißt es in ihrer famosen Ode an den Ton namens Filmgeräusche, sei “ein kleines Paralleluniversum” sensorischer Eindrücke abseits von Dialog und Schauwert. Deshalb ersetzen sie den sinnlich limitierten Zuschauer durch ein Kunstwort: “Sehhörer”.
Sehhören wir uns also mal durch Kino und TV, werfen wir einen Hörblick in die Geschichte gedrehter Geschichten – und siehe da: Selbst Stummfilm war ohne Ton undenkbar. Man mag ihn zwar vornehmlich als Begleitmusik erleben, der im Idealfall echter Soundtrack statt Klangsoße ist und dann am besten, “wenn man sich nicht an sie erinnert”, wie die Medienforscherin Claudia Gorbman in Narrative Filmmusik schreibt. Doch Ton ist so viel mehr als bloß Untermalung. “Ton ist der halbe Film”, sagt mit George Lucas einer, dessen Star-Wars-Trilogie neue Wege des Sound Engineering ging, in der das Geräusch endgültig vom Nebendarsteller zur Hauptfigur wurde.
Ton ist ein Telefonklingeln, das im Thriller drängender, eben bedrohlich klingt, wenn es der Angerufene fürchtet. Ton ist ein Gewitter, dessen Donner den Blitz überholt, wenn sich der T-Rex bei Jurassic Park mit zitternden Pfützen ankündigt. Ton ist große Oper, wenn Tarantinos Songs mit den Szenen reden. Ton ist das utopische Computerfiepen im Hackerfrühwerk War Games und das dystopische Rechnerraunen der Matrix-Trilogie. Ton ist das infernalische Schlachten im Soldat James Ryan, das jede Kugel im Helm der Invasoren spürbar macht, er ist aber auch die Stille nach dem Schuss. Wenn alles wie in Watte wirkt.
Ton hat also nur bedingt mit Geräusch zu tun. Deshalb zeichnen im Abspann von The Artist 17 Experten dafür verantwortlich, obwohl erst im Finale mehr als Musik ertönt. Guter Ton glänzt also auch durch Abwesenheit. Umso lästiger wird das Leitmotiv schlechten Tons: Redundanz. Im Sperrfeuer akustischer Reizkanonaden geht es immer seltener darum, Handeln zu orchestrieren, Stimmungen zu evozieren, geschweige denn Realitäten abzubilden; der zeitgenössische Soundbrei soll wie manch visueller Effekt von Zappelschnitt bis Shutter-Technik das Denken dimmen; wer Massenware zwischen Piraten der Karibik und Sat1-Romanze sehhört, könnte glatt meinen: abzuschaffen.
Denn ob Phonem, Musik, Geräusch – kaum etwas bleibt unerzählt. Der Hindenburg droht bei RTL das Ende? Ein subkutanes Grollen zeugt davon ab Sekunde eins! Im Herrn der Ringe droht Mittelerde das Aus? Dem Ohr droht neun Stunden Tinnitus-Gefahr im Geigenhagel! Vaders Todesstern platzt? Ein gewaltiger Knall hallt durchs lautlose All! Ein Protagonist wird eingeführt? Da nennt er gleich mal ungefragt Name, Alter, Filmfunktion! Gegen die Kakophonie übereifriger Tonmeister sind Inhalte zusehends chancenlos. Und seit der ZDF-Historiker Guido Knopp Zeitgeschichte eventtauglich machte, erinnert auch das Dokumentargenre an Wagneropern. Das Schallspektakel duldet keine Stille.
Deshalb gerät selbst leichtes Nieseln via Dolby Digital zu Starkregen, Papier rauscht wie Wellblech, Spaziergänge erinnern an Stechschritt, jede Bewegung erhält einen suggestiven Sound. Wenn ein vorbeihuschender Schatten die Angst der Tatort-Kommissarin im Parkhaus verdinglicht, erklingt eine virtuelle Pauke, und wenn sie zufällig den Täter passiert, ein sinistres Hauchen. Schwenkt die Kamera andernorts über Istanbul, ruft zwingend der Muezzin, und wo Bud Spencers Hiebe an Bauchklatscher erinnerten, landet Bruce Willis’ Faust nun am Kopf wie ein ICE im Turnmattenstapel. “Getrennt sind Sehen und Hören nur im Blindsein oder Taubsein”, sagt der Filmexperte Jürgen Palmer. Fusioniert aber beides zu bloßer Effekthascherei, fehlt für die lästige Frage nach dem Sinn genau der.
In diesem Spannungsfeld wird heute der nächste Nachfolger von Douglas Shearer gesucht, dessen Hölle hinter Gittern 1930 den ersten Oscar dieser Kategorie gewann. Mit Argo oder Life of Pi ist jedoch wie üblich optisch aufwändiger Radau favorisiert, dessen Bombast von Skyfall noch übertroffen wird, der Ton nicht als Empfindungshelfer versteht, sondern als Wahrnehmungspolizei, die einschreitet, sobald eigenes Denken den dramaturgischen Masterplan belästigt.
Dabei geht es auch anders. Das Grundrauschen in David LynchsEraserhead zeigt, wie Ton seinen eigenen Klangkosmos abseits visueller Wirklichkeiten herstellt, und das von Kubricks 2001, wie wenig Laute lärmen können. In Being John Malkovitch wird der schleichende Egoverlust im Kopf des Hauptdarstellers wie unter Wasser gefilmt verdeutlicht, und wenn sich die Figuren der letzten Lückenlasser des deutschen Films von Christian Petzold bis Dominik Graf in ihren Lebensentwürfen verirren, bleibt fürs Ohr oft nur lautes Atmen. Der Rest ist Interpretation – ein Wort, das man von ProSieben bis Spielberg nicht so gerne hört.
Aus ZEIT-Online: http://www.zeit.de/kultur/film/2013-02/oscar-filmgeraeusche-sound-effects
Der Zeitmillionär
Posted: February 15, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentDaniel Puntas Bernet
Herausgeber von Reportagen
Daniel Puntas Bernet liebt Journalismus, er liebt auch Belletristik, vor allem aber liebt er die Quintessenz aus beidem: eine gute Reportage. Deshalb gibt der Schweizer das einzige deutschsprachige Magazin des Genres heraus. Ein Besuch seiner Redaktion in Bern, die fast so schwer zu finden ist wie schöne Reportagethemen.
Von Jan Freitag
Zeit. Sie ist das Wesen, sie ist der Grund und Zweck von allem, auch im Journalismus. Zeit gilt ja ohnehin längst als wertvollste Ressource unserer Tage, so kostbar, so rar, dass sich nur, wer darüber verfügt, reich nennen darf. Wer Zeit bloß totschlägt, sagt der Volksmund, begehe Selbstmord, wer sie sinnvoll nutzt, der feiere das Leben.
Man muss sie sich also nehmen, die Zeit, denn ohne wird alles Handeln wertlos und arm. Daniel Puntas Bernet ist so gesehen Millionär und Bettler in einem. Der Verleger mit dem zufriedenen Lächeln handelt förmlich mit Zeit und hat davon doch viel zu wenig. Er druckt sie auf schönes Papier, bindet es in gediegenes Leinen, verkauft das Ensemble für stolze 15 Euro pro Stück, verdient damit am Ende dennoch recht wenig und ist doch unter seinesgleichen eine Art Krösus. Denn wenn er von irgendetwas reichlich hat, dann ist es Zeit – nur dass er sie anderen auszahlt, nie sich selbst. „Mein eigenes Zeitkonto“, sagt er und wirkt keinesfalls erschöpft, „ist bei 60 Stunden Arbeit aufwärts die Woche meistens ganz schön leer“.
Daniel Puntas Bernet, dieser seelenruhige Schweizer mit der sanften Stimme, er gibt das einzige Magazin im deutschsprachigen Raum heraus, in dem Zeit nun wirklich keine Rolle spielt und gleichsam die wichtigste. Reportagen heißt es so unprätentiös wie sein monochromes Cover daherkommt. Es ist ein anmutiges Zweimonatsheft im Buchformat, eine bildgewaltige Weltumseglung ohne Foto, ohne Schnickschnack, nichts als Text, viel Text, angereichert nur um ein paar simple Grafiken hier und schwarzweiße Illustrationskunst dort. „Das Wesentliche eben“, sagt sein Herausgeber, Macher, Finanzier: Mal sechs, mal sieben Versionen der journalistischen Königsdisziplin, verteilt auf gut 120 Seiten. Eine gehaltvoller als die vorige, inhaltlich keine wie die nächste, ein themensatter Mix jenseits aller Konventionen.
Da gibt es die Geschichte vom kinderlosen Ehepaar aus Persien, aufgeschrieben vom Nachbarn, der die Odyssee einer künstlichen Befruchtung über alle Vorbehalte der Scharia, alle behördlichen Widerstände und Männerbefindlichkeiten hinweg schildert, ohne einen einzigen Zeitzeugen zu befragen, mehr eine Novelle, nur dass sie der Realität entspricht. Da gibt es die epische Erzählung aus dem finanzkrisengebeutelten Irland, die sich inmitten des Kollapses ums Aufstehen, nicht ums Niedergehen dreht. Da gibt es Krebsdramen, die Tränen der Rührung erzwingen, und Clubschiffverrisse, bei denen es die des Lachens sind. Es gibt, sagt Daniel Puntas Bernet, keine Kriterien, keine Gesetze, nicht mal Regeln bis auf diese: „Alles außer Fiktion, alles außer Oberflächlichkeit.“ Schluss mit der Norm.
Die Standardreportage – szenischer Einstieg, Vorstellung relevanter Personen, Vertiefung des Thema in Richtung Problematik, Anhörung von Experten, Synthese im Finale, möglichst als Happyend – gleiche bisweilen ja doch Sat1-Melodramen, sei also leidlich unterhaltsam, aber leicht durchschaubar. Um nicht missverstanden zu werden: „Ich liebe gut gemachte Texte mit gewöhnlichen Mitteln“. Nur – die kriege man auch andernorts. Der Schöngeist im Reporter Puntas will allerdings mehr als Entertainment: eine Weltsicht nämlich zwischen den Zeilen statt blanker Kommentare, persönliche Eindrücke statt nackter Fakten, ein Stück Wahrhaftigkeit in der Belletristik. Und umgekehrt.
Daniel Puntas Bernet denkt umfassender als wesenverwandte Ressorts – inhaltlich, stilistisch, ästhetisch. Er rührt gefühlte zehn Minuten im Kaffee, versonnnen, aber hochkonzentriert, als er seinen verlegerischen Ansatz schildert, für den der Redakteur vor zwei Jahren eine sichere Stelle bei der Neuen Züricher Zeitung aufgab und mit ihr eine solide Gegenwart: Es gehe ihm ums Große Ganze Besondere, nicht um Aktualität, gar Chronistenpflicht. Reportagen sei folglich weit mehr als Lückenbüßer der wachsenden Leerstelle im Zeitschriftensegment. Ganz kurz ist hier mal der Verkäufer im Erzähler zu hören, wenn Puntas Bernet beteuert: „Wir vereinen das Beste aus Journalismus und Literatur.“
Verfassen lässt er es von Stars des Genres und Nachwuchsreportern, von großen Namen und kleinen Talenten, Schriftstellern oder Reportern, von Sibylle Berg also ebenso wie von Ruedi Leuthold oder auch mal einem Ernest Hemingway, Gattung: historische Reportage. Jedenfalls von echten Überzeugungstätern. „Sie sollten natürlich ihr Handwerk beherrschen“, sagt ihr wählerischer Auftraggeber. Dazu selbstredend brillant schreiben können und versiert recherchieren, ergänzt er das Anforderungsprofil für die rund 40 Druckplätze im Jahr. Außerdem, verstehe sich, überbordendes Interesse zeigen und ein Übermaß an Hingabe, Empathie, vor allem die.
Sie sollten also all das in ihre sprachlichen Kaleidoskope stecken, was Daniel Puntas Bernet von sich selbst erwarten würde, hätte er nur die Zeit. „Wer nicht mindestens zwei Wochen in die Recherche stecken mag und nochmals das Gleiche in Vor- und Nachbearbeitung“, hier legt sich die sonnengebräunte Stirn des Mittvierzigers fast feierlich in Falten, „der ist bei uns fehl am Platze.“ So viel Aufwand lässt er sich schließlich einiges kosten. Reportagen ist in der Herstellung fast so teuer wie im Handel, teuer ist es aber vor allem für ihn selbst. Puntas, macht er in seinem winzigen Büro mit Blick aufs Berner Bundeshaus glaubhaft, verdiene nur so viel an seinem Baby, dass es für Miete und Essen reiche. Nach eineinhalb Jahren trage es sich ja nicht mal annähernd allein.
Das halbe Dutzend ganzseitiger Anzeigern Schweizer Uhrenhersteller, österreichischer Tourismusvereine oder befreundeter Printmedien liefert bestenfalls die finanzielle Grundierung des Kleinunternehmens. Eine Handvoll Redaktionsmitglieder – drei Landsleute samt des deutschen Büroleiters Hannes Grassegger – werden eher ad hoc als geregelt beschäftigt. Puntas Bernets Frau Rocío, „ohne die hier gar nichts liefe“, arbeitet wie ihr Mann eher nach dem Prinzip Selbstausbeutung als Ertragsdenken. Richtig verdienen „tun eigentlich nur die freien Autoren“. Das allerdings nicht schlecht.
3000 Franken pro Auftrag, eher mehr. Je nach Umfang, Aufwand, Dauer, je nach Popularität und Renommee, das auch. Einen Roger Willemsen, um den er ein Jahr buhlte, bis der seinen Reisebericht „In Transit“ beisteuerte, könne man sich eigentlich gar nicht leisten, noch nicht. „Aber auch für ihn kommt das Salär von Herzen“. Gehe es doch in Reportagen nur um dies: geografisch, sprachlich, thematisch breit streuende Texte von Weltrang. In den Produktionsphasen werden die zwar von bis zu 20 Personen – Layouter, Korrektorat, Techniker, Teilzeitkräfte – verwaltet; doch neben seiner rechten Hand (und ein Stück der linken) Christa Bless, heißt die einzig echte Vollzeitkraft der Puntas Reportagen AG: Puntas.
Der stopft gerade das aktuelle Heft, Aufmacherthema: „Käufliche Freiheit“, eigenhändig in braune Versandumschläge, als er zum Gespräch hoch zum – kein Witz – 2 ½. Stock im Käfiggässchen 10 bittet, die tatsächlich so klein ist, wie ihr Name suggeriert. Zwei schmucklose Räume nutzt der Chefredakteur und Chefsekretär, Vermarkter und Versender plus Mädchen für alles in Personalunion zwischen zwei Etagen. Zur Untermiete, sagt Puntas und hält die Hände ein wenig wie Angela Merkel vors blaue Oberhemd, als er die Synergieeffekte verteidigt. Die Reiseagentur Globetrotter, an dessen Briefkasten ein unscheinbarer Aufkleber auf den Untermieter verweist, verhilft dem klammen Puntas nicht nur zu billigen Räumlichkeiten, sondern zu mancher Spesenersparnis.
Reportagen sind eben aufwändig, langwierig, abseitig und bei allem Einsatz nur dann lukrativ, wenn sie auf den Premiumplätzen der Branche residieren: Die Seite 3 der Süddeutschen oder ganze Ausgaben der Geo, das Dossier der Zeit oder das Titelthema des Spiegel – so heißen hierzulande die periodischen Lektüreinseln mit voller Aufmerksamkeit, vollem Renommee und, nun ja: halbvollen Kassen. Allerdings liegen sie in einer Medienlandschaft, die ihre langen Strecken, wie Daniel Puntas Bernet beklagt, „zusehends ausdünnt“.
Er klingt dabei nicht traurig, eher leise trotzig und vor allem: hoffnungsfroh. Das ist sein Naturell. Denn wenn auf dem Zeitungsfriedhof Amerika vier mächtige Reportagemagazine vom Esquirer über Atlantic bis Harpers und New Yorker überleben, wenn sich die Pariser Ikone XXl allein in Frankreichs Buchläden zehnmal besser verkauft als Reportagen insgesamt, wenn es ähnliche Blätter in Italien und England gibt, halb Südamerika, gar Indien – warum dann nicht auch in Deutschland?
Nach dem raschen Aufstieg und Fall der SPIEGELreporter um die Jahrhundertwende gab es zwar keinen analogen Anlauf im verwaisten Genre, das weiß auch Daniel Puntas Bernet. „Aber ich neige dazu, nicht zu akzeptieren, dass die Leser unseres Sprachraums nur nach Fastfood verlangen.“ Gut 7000 Käufer, jeder vierte davon im hiesigen Klein- und Bahnhofsbuchhandel, geben ihm ein Jahr nach der Nullnummer durchaus Recht.
Es gibt sie also, die anspruchsvolle Zielgruppe mit dem Verlangen nach Niveau, Haptik und jener dramaturgischen Härte, die das Genre noch immer prägt. Puntas sträubt sich fühlbar, sie zu skizzieren, aber gut, seine Kundschaft sei tendenziell männlich, gut situiert und jenseits der 40. Er wisse aber auch von Digital Natives unter 30, die im multimedialen Kreuzfeuer nach einem Gegenpol suchen. Dass sich seine Klientel eher bei Manufactum als Ikea einrichtet, dass die Distribution als Dreingabe hochpreisiger „Freitag“-Taschen eher kaufkräftige Schichten anspricht; dass sein Magazin ohne solvente Anteilseigner längst tot wäre – geschenkt. „Aber wir wollen nicht nur auf Salontischen liegen“, auch in Schulen und Bibliotheken, Wohngemeinschaften und Arbeiterhaushalten.
Im Grunde also am Ursprung des Zeitverkäufers, dessen wechselvolle Karriere seinerseits Stoff einer Reportage wäre. Unverhoffte Wendungen, unberechenbare Protagonisten und ungewöhnliche Wege bilden schließlich das Grundgerüst der Gattung. Aufgewachsen im bäuerlichen Umfeld zwischen Bern und Zürich, macht Daniel Puntas Bernet statt Abitur eine Lehre beim Notar, Schwerpunkt Scheidungen und Erbrecht, wo der Teenager von einst, heute muss er sich ein Abschweifen sichtbar verkneifen, „drei Jahre alle menschlichen Abgründe“ kennenlernt. Er zieht zum Jobben nach Spanien, lernt – getrieben vom „produktiven Stress“ – in zwei Wochen die Sprache, gerät sodann in die Immobilienbranche, kehrt bald zurück in die Schweiz, wird Devisenhändler bei einer Bank, vertieft das Business ein Jahr in New York, wird wieder daheim von einem Baseler Tennisvermarkter abgeworben, ohne von Marketing, geschweige denn Tennis eine Ahnung zu haben, und beschließt, noch keine 30, dass diese Scheinwelt kein Dasein sei. Er schnürt den Rucksack: drei Jahre Südamerika.
Daniel Puntas Bernet folgt stets Impulsen. Mal wegen der „Action, mit 21 Millionen zu bewegen“. Mal wegen der Dynamik, „ein Weltklasseturnier zu organisieren“. Mal aus Zuneigung, als er seinem Vater beim Aufbau einer Pizzeria an der Costa Blanca hilft, Sprachlehrer wird, Germanistik nebst Literatur studiert und plötzlich erstmals in seinem Leben („vorher war es höchstens der Sportteil“) liest. Es ist ein Erweckungserlebnis. Der reife Student liest unablässig, eine Art Überkompensation alter Lektüreverweigerung. Das hat Folgen, denn weil ihm die Debatten über Stringenz in der Belletristik eher albern erscheinen, wendet er sich der rasch der Wahrheit im Geschriebenen zu. Genauer: Der Reportage.
Es ist ein Sog, der ihn nie mehr loslässt. Und Daniel Puntas Bernet wäre ein anderer, würde der Spross eines bildungsfernen Elternhauses ohne Literaturbezug mit fast 40 nicht von Null auf Hundert durchstarten im neuen Fach. Ihm zuzusehen, zuzuhören, wie er von seinem Einstieg ins Genre berichtet, dies allein taugt aufs Neue für eine Reportage: Mit wedelnden Händen schildert er jenen Tag, als ihm seine Oma vom Bergmann erzählt, der nach wochenlanger Arbeit an einem nahe gelegenen Bahntunnel plötzlich Risse im Fels entdeckt, mit denen ihm der Berg, „sein Berg“, eher gute Freundin als Stein, zuflüstert, sie möge nicht mehr, breche also gleich zusammen, was sich der herbeieilenden Bauleitung gleich nach der Ankunft als äußerst stichhaltige Ahnung bewahrheitet.
„Supergeschichte“, erinnert sich Daniel Puntas Bernet. Allein: Keiner hat sie gebracht. „Niemand! Und das im Eisenbahnland Schweiz!“ Zehn Absagen hagelt es auch für ihn, den Anfänger ohne Referenzen. Bis die NZZ zugreift und einen Journalisten kreiert, der dem Genre ein Dutzend bereister Länder auf fünft Kontinenten später eine neue Heimstatt schenkt.
Damit die weiter behaust wird, bedarf es indes noch einiger Anstrengungen, das weiß er selbst am besten. Das Anzeigenaufkommen müsse steigen, moderat zwar, um die „Sättigungsgrenze eines hochklassigen Produkts“ nicht zu überschreiten, aber genug für eine Unabhängigkeit, „die sich zu 80 Prozent aus dem Verkaufspreis speist“; mit Storys, deren Spesen die Redaktion bedarfsgerecht, nicht kostenneutral trägt; von Autoren, die um Reportagen werben statt umgekehrt wie im Falle der Popliteraten von Uslar oder Stuckrat-Barre, deren „Arroganz“ Puntas Bernet zu spüren bekam; für ein Publikum, das „meine romantische Naivität“ rechtfertigt, es lasse sich Qualität den Gegenwert einer guten Flasche Wein kosten.
Bis dahin ist der Weg weit. Zwei Jahre noch bis zum Break-even, eher drei. Eine Phase, in der Daniel Puntas Bernet anderen weiter so reichlich gewährt, was er sich selber vorenthält: Zeit. Zeit für seine Kleinfamilie in den geliebten Bergen. Zeit zum Joggen, um nach zehn Stunden im Büro den Kopf zu lüften. Zeit vor allem für eigene Geschichten. Eine Million, sagt er, „tausche ich sofort für eine Sprache, die ich über Nacht kann.“ Oder gegen ein tragfähiges Magazin. Dann ließe er sich nicht mehr nur als Verleger vorstellen, dann bräuchte er keine Investoren mehr, dann wäre er weg, am nächsten Morgen vielleicht, für drei Wochen. Mindestens. Weniger dürfen es bei Reportagen nicht sein.
Erschienen in “journalist”, Oktober 2012
Kreuzfahrt – AIDA Rostock-St.Petersburg
Posted: February 9, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentKein Albtraumschiff
Aus: Traumreisen 4/2012
Von Jan Freitag
Mit dem Clubschiff zu verreisen, ist für Individualreisende der Horror. Wer es dennoch auf einem Linienkreuzer wie der AIDA versucht, erlebt sein knallbuntes, sehr lautes, aber auch unvergleichliches Wunder. Ein Frontbericht.
Melodie aus jeder Ritze. Von überhall, so scheint es, kommt Musik. Kein Ort an Bord, der ohne Soundtrack bliebe. Selbst bei der idyllischen Schäreneinfahrt im Morgengrauen, die Stockholmer Inselwelt auf halber Kraft durchmessend, suppt seichter Pop über die Reling. Stille, Schweigen, innere Einkehr? Nirgends, nicht hier, an Bord eines Clubschiffs. Wer so übers Meer fährt, sollte sich schon an Land von der Idee verabschieden, die 14 Decks duldeten irgendwo je Ruhe. Auf diesem Pott von der Länge dreier Fußballfelder sind einzig die 1097 Kabinen schallreduzierte Zonen. Kreuzfahrt – im Jahr 2012 heißt das vor allem: Samba Samba die ganze Nacht. Klingt furchtbar? Ist es auch. Und wunderbar. Je nach Perspektive. Und die ist bei 2000 Passagieren auf derlei Giganten aus grauem Stahl und greller Farbe durchaus einheitlich: Nur her mit den Eindrücken pro Sekunde! Unterhaltet, beschallt, berieselt uns! Dazu ein Schiff wie ein Refrain: Let me entertain you!. Die zugehörige Strophe läuft lange vorm Zustieg.
Denn schon beim Check-In umgibt die euphorisierten Menschenschlangen eine Kakophonie hektischer Betriebsamkeit. Die gibt’s auch beim Desinfizieren am Kai, wo falsche Matrosen ekstatisch Einstiegsfotos befehlen (und kriegen). Drinnen geht es weiter, wo echte Asiaten das Gepäck durchleuchten (und den Alkohol behalten). Und es endet auch nicht im das turmhohe Treppenhaus seine lebende Fracht in die Gangfluchten entlädt mit ihrer bunten Eintönigkeit. Dieses Gewitter klingt ab sofort nicht mehr ab, zehn Tage auf der Ostsee, eine Überdosis Aido. Auf so einem Dampfer, besser: Hochhaus mit Dieselantrieb, eher Kleinstadt als Kreuzfahrer – auf diese Art zu reisen ist wie ein stilles Abkommen, lärmend bespaßt zu werden. Und da ist von Landausflügen, der Quintessenz des Linienfahrens, noch gar nicht die Rede. Erstmal ist Seetag.
Von Rostock zum ersten Halt Estland ist es eine mächtige Strecke. Erst 37 Stunden nach Ablegen küsst der gepinselte Mund am Bug die Hauptstadt Tallinn, ein hanseatischer Ausflugstraum, bezaubernd und spannend wie alle Stationen: Petersburg, Helsinki, Stockholm, Danzig, Kopenhagen. Doch bis zum ersten Stopp herrscht Aufbruchsstimmung. Die Vielfahrer belegen ihre Vertrautheit durch ostentative Verweise auf alles, was unverändert sei („guck mal, gibt wieder Oktoberfest“) ab. Anfänger staunen leiser über alles („die ham hier ja’n Blumenladen!“). Gemeinsam stromert alles aufgeregt durch einen Irrgarten, der sich den meisten nie vollends erschließt. Abfahrt ist Landvermessung auf See: das Heim auf Zeit wird sondiert, ein Anbändeln ohne Verzug, denn so wild die Dekors auch an allen Wänden sprießen, so geschmeidig sich das Leitmotiv Siebzigerjahre mit modernen Materialien und uniformem Mobiliar vermischt, so psychedelisch das Interieur anfangs flimmert: Am Ende ist alles eins und nichts dem Zufall überlassen, ein Saal wie der nächste. Leitmotiv nennt sich das: Orangebraunrot mit Lindgrünlila, alles etwas kräftig, alles sehr einprägsam, keinesfalls hässlich, doch nichts, was in der Natur vorkäme.
Das macht ein Clubschiff zur Antithese jener Bodenständigkeit, die Clubschiffen wie ein Makel anhaftet. Alles daran, darin, darauf ist artifiziell, eine Art einvernehmlicher Betrug. Wie der, Orte nach fünf Stunden organisiertem Landgang auch nur grob zu kennen. Oder dass täglich vier Fütterungen Essen sind statt Mast, die Tischweine gut, nicht bloß gratis, 1000 Hummer zum Abschied Luxus statt Gag und die Cocktails an zwölf Bars mehr als nur Metapher für eine Exotik, die diese Art Schiff- der Kreuzfahrt so rentabel ausgetrieben hat. Vor allem aber ist es eine Illusion, dass dieser Freizeitstress Fun ist. Fun Fun Fun. Allein: wer will’s hier anders? Keiner! Nicht die Orgelpfeifensippe aus dem Rheingau, deren edler SUV für 165 Euro Gebühr am Ufer parkt; nicht das Goldene Hochzeitspaar bei ihrem elften Törn auf gleicher Route, diesmal zwei Enkel im Schlepptau; nicht die kolumbianische Botschaftsangehörige, deren Mann auf dem Oberdeck im Golfkäfig trainiert. Nicht die alleinerziehende Mutter mit drei Teenagern, nicht das Kölner Single-Pärchen in der Innenkabine, ja nicht mal der Autor, der trotz unisono bestätigter Vorurteile glücklich, ach: selig zurückkehrt. Das macht ihn zum Teil eines Organismus. Was Fremde als kollektives Wachkoma verhöhnen, verschweißt Besatzung und Gäste zur Notgemeinschaft. Mag auf den Kabinenpreis zweier Bruttodurchschnittslöhne noch die vierstellige Summe für Trips, Drinks und Tralala hinzukommen, mag man von alledem zwei Monate gediegen durch Südamerika reisen können, mag man nach zehn Abenden auf ewig genug haben von Roulette und Flipper, Showtanz und Artisten, Bord-TV und Dauergedudel – hier Ferien machen, heißt, Abstand zu nehmen von allem, denn so wie auf dem Clubschiff ist es nirgends sonst.
Obwohl: Wenn Wüstenwandern dem Freejazz des Urlaubs entspräche und Bildungsreisen Beethoven, wenn Backpacking Punkrock wäre und Strandurlaub Kuschelrock – dann ist Clubschiff gleich Musical. Die Menschen lieben das. Warum auch nicht.
ZEIT-Porträt »Was bewegt … Paul Wesjohann«, Wiesenhof AG
Posted: January 31, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentHerr der Hühner
Aus »Die Zeit« Nr. 3/2013
Von Jan Freitag
Der Chef der größten Geflügelschlachterei in Europa, Peter Wesjohann, ist von Skandalen umgeben, genießt aber sogar bei Tierschützern Respekt.
Fabian Freese klopft an, zweimal, dreimal, eher zart als hörbar. Reine Höflichkeit, sagt der Geflügelmäster fröhlich. Und wird plötzlich ernst: »Und zur Warnung: Achtung, wir kommen!« Nichts soll die schreckhaften Tiere ängstigen, nichts die Hühnernerven dehnen. Dann öffnet Freese die Tür mit dem staubverblendeten Fenster, und was im fahlen Licht ewiger Dämmerung auftaucht, macht den Gebrauch guter Manieren noch seltsamer als ohnehin, im Umgang mit unserem täglich Brot.
Denn unterm gedämpften Gackern Abertausender Schnäbel dringt strenger Ammoniakgeruch in die Nase. Und dann der Staub: Federdick legt er sich auf die Atemwege. So riecht, so klingt, so ist es, wenn der Bauer zum Produzenten wird und Landwirtschaft Industrie. Die Hühnerhölle, flüstert das Gewissen, sie liegt hier, beim Zulieferer Freese. Der Hühnerhimmel, entgegnet sein Zulieferer Peter Wesjohann, er sei da, wo die Norddeutsche Tiefebene besonders flach ist, gar nicht so fern. »Sehen Sie«, versonnen blickt der Vorstandsvorsitzende von PHW, Europas größtem Geflügelschlachter, in seinem Ganzkörperoverall durch das stoische Federvieh, »die zwei da vorn spielen richtig«.
Es ist ein Substrat aller Ernährungswidersprüche, das sich hier in drei Minuten Frontalunterricht Massentierhaltung zeigt. Ein Kulturkampf um 38.000 Hühner auf 1.760 Quadratmetern Betonboden, die kaum je ein Sonnenstrahl erreicht. Er beginnt mit der Frage, was zuerst da war: Henne oder Ei. Und dann sei da noch eine andere, vergleichbare Frage: ob die industrielle Fleischproduktion zuerst da war oder der Bedarf nach immer mehr immer billigerem Fleisch. Peter Wesjohann deckt diesen Bedarf – im gigantischen Maßstab, marktbeherrschend. Bei radikalen Tierschützern hat ihn das zur skandalumtosten Hassfigur Nummer eins gemacht. Er ist der Mann, der Hühner quält und Saisonkräfte ausbeutet, Grundwasser verpestet und die Gesundheit gefährdet. Und der mit all diesen Missetaten zum Branchenkönig wurde, zum Umsatzmilliardär, zum reichen Privatmann.
Die Antwort auf die Frage nach der Henne und dem Ei bleibt Wesjohann schuldig. »Ich bin ja nicht Gott.« Für die nach Angebot und Nachfrage braucht der Katholik ein bisschen länger. »Ich sach mo so«, beginnt er im Platt seiner Gegend und doziert über Domestizierung und Evolution, Hungerwinter und Wirtschaftswunder, wo ein »gewisses Angebot« eben eine »gewisse Nachfrage« bedient habe. Und wie er so erzählt, landet Wesjohann bei seinem Großvater Paul, der als Knecht ins arme Rechterfeld kam, bis ihm sein Bauer 1932 die Haltung eigenen Federviehs erlaubte, woraus ein Landhandel erwuchs. 80 Jahre später führt die Replik des Enkels vom Neuaufbau nach Kriegsgefangenschaft und Wachstum in der Freiheit über die Markenbildung der Sechziger weiter zum Stabwechsel im Folgejahrzehnt. Sie endet auch nicht 1987, als die Söhne Paul-Heinz und Erich die befreundete Lohmann & Co. AG kauften und aus der regionalen Paul Wesjohann & Co. ein dreimal größeres Schwergewicht mit Milliardenumsatz formten, das sie elf Jahre später aufteilten: PHW hier, EW-Gruppe da, benannt nach den Initialen ihrer Besitzer. Neue Riesen am Esstisch.
Peter Wesjohann erzählt von Gott und der Welt, den rissigen Händen des Firmengründers und höherer Handelsschule des Sohns. Er erzählt, bis die Eingangsfrage vergessen ist, womit Wesjohann gut leben kann. Denn der Hühnerbaron mit drei Dutzend Firmenzweigen auf fast allen Kontinenten mag riesige Teile des hiesigen Geflügelverbrauchs decken und auch sonst alle Branchenfelder von Tierarznei bis Futterzusatz beackern – er ist im Innern zerrissen. Den grübelnden Tierfreund im profitsüchtigen Aberwitz intensiver Agrarwirtschaft nimmt man ihm ab. Leise schwärmt er von Eukalyptus im Gebläse oder Sterilität wie im OP. Und weil ihnen weder Hitze noch Greifvögel zusetzten, »haben die Tiere es hier besser als wir Menschen«. Wären es bloß nicht so viele.
Eins von drei Hähnchen auf unseren Tellern, gut 240 Millionen, werden von 800 PHW-Partnern wie diesem im Kreis Vechta auf Schlachtmaß gebracht. Dazu ein Viertel aller Puten plus die Hälfte der Enten aus deutschen Landen. Pro Jahr vermarktet die Geflügelsparte Wiesenhof eine halbe Million Tonnen Fleisch: filetiert, paniert, als Ganzes oder Wurst. Wissenschaftlich optimiert, nehmen die Küken von einst am Ende ihrer fünf Wochen bis zu 100 Gramm zu. Täglich. Stolz zeigt Wesjohann die Armatur der 500.000-Euro-Anlage: 24,2 Grad Celsius, 71 Prozent Luftfeuchtigkeit, 3.110 Gramm Kraftfutter bisher, automatisch ergänzt um Vitamine und Impfstoffe von AD3E-Forte bis ND Hitcher. Es sind die Codes der Effizienz für 7,5 Aufzuchten pro Jahr.
Und so technisch deren Zutaten klingen, so entzückt redet ihr Beimischer von »Tophygiene, Topimpfmanagement, Topkontrolle«. Alles für »gesunde« Hühner aus »anständiger Haltung«. Aber ist sie auch artgerecht? Der Bankkaufmann mit BWL-Diplom und Praxiszeit an der Supermarktkasse wird energisch: »Wir sind tiergerecht!« Artgerecht sei freie Wildbahn, »da stirbt jedes zweite Tier«. Bei ihm betrügen die »Abgänge« keine drei Prozent. Mit 1.600 Gramm Futter pro Kilo Fleisch sei die Ökobilanz zudem der ressourcenintensiven Biomast vergleichbar und die Bauernhofidylle sowieso Sozialromantik. »Unser Vieh hat Wasser, Futter, keine Leiden.« Für grüne Extremforderungen »müsste man dem Huhn halb Deutschland überlassen«.
Man merkt es schon: Bei diesem Thema ist Weshojann leicht reizbar. Doch es ist nicht seine Art, zu explodieren. Er ist ruhig, berechenbar – so bodenständig wie seine Region. Sagt man. Und stets klingt es respektvoll. »Ehrlich, fleißig, mit Rückgrat«, so sieht ihn Vater Paul-Heinz, der nebenan ein Büro hat. »Zuverlässig, kameradschaftlich, kümmert sich«, so sieht ihn Klaus Brengelmann, der dem Ex-Kreisligisten im Vorstand der örtlichen SV Arminia beisitzt. »Integer, geerdet, regional verwurzelt«, so sieht ihn Werders Marketingchef Klaus Filbry, der Wiesenhof auf Bremens Erstligabrust gelotst hat. »Angenehm, selbstkritisch, zuverlässig«, so sieht ihn Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta. Sogar der.
Sonst lässt Haferbeck nämlich kein gutes Haar an Wesjohann. Doch unter den »skrupellosen Brutalos der Branche«, sagt er, hinterfrage Wesjohann immerhin »als Einziger sein Tun«. Welch ein Lob! Gemeinhin hocken Kritiker wie Kritisierte ja tief in ihren Gräben. Geredet wird über-, selten miteinander. Die einen fluteten das Netz mit Videos gefolterten Federviehs, die anderen wetterten über Fehlinformation und halten mit einem eigenen YouTube-Kanal dagegen. Das ARD-Magazin Report berichtete vom Grauen in einigen Ställen, später verweigerte Wiesenhof ARD-Reportern den Zutritt zur Pressekonferenz. So lief es oft und gehörig schief.
Wesjohann begreift das. Darum krempelt er den Familienbetrieb um, seit sein Vater ihn vor 13 Jahren bat, nicht für Aldi Süd nach England zu gehen. Schon zuvor war das Prinzip Integration, bei dem vom Ei bis zur Einzelhandelsrampe allein die Mast ausgelagert ist, überaus rentabel. Doch der Neue verdoppelte die Mitarbeiterzahl auf 5.300 und katapultierte den Umsatz auf 2,23 Milliarden.
Während Mitbewerber wie der französische Branchenvize Doux trotz europaweit steigenden Geflügelhungers pleitegingen und kleine wie Stolle im Nachbardorf an Investoren verkauft wurden, wächst bei PHW alles: Absatz, Export, Gewinn. Auch weil Wesjohann »Geldverschwendung hasst«. Als CEO, den seine drei jüngeren Geschwister – das erwähnt er mehrmals – ständig abwählen könnten, zahlt sich der 43-Jährige ein Salär, »von dem ich nur gut leben kann«. Keine Jacht, kaum Luxus, ein großes statt nobles Auto, das Haus gut gedämmt, nicht repräsentabel. »Unser Geld soll in der Gruppe arbeiten«, sagt er. 1,2 Milliarden Euro hat er seit 1999 investiert, in Anlagen und Expansion, in Wachstum und Marktmacht, aber auch ins Tierwohl. Seiner Verantwortung will Wesjohann nicht nur mit »radikaler Aufarbeitung jedes Fehlers« gerecht werden, sondern auch durch die Information der Öffentlichkeit. Nach zwei Generationen Austernpolitik stellt sich dieser schüchterne Mann mit den schmalen Schultern der Presse.
Er sponsert Werder Bremen und führt kritische Fans durch die Ställe. Als Gesprächspartner sucht er den Dialog, sogar mit Peta und der ARD. Als Trikotsponsor lotst er kritische Werder-Fans durch gläserne Ställe. Als Chef verweist er, anders als sein Vater, der jeden Vorwurf billiger Leiharbeit mit Vertragsfreiheit der Subunternehmer abbügelt, diplomatisch auf Zwänge in Stoßzeiten und 90 Prozent Festverträge. Als Laudator begrüßt er ein Symposium seiner Ernährungsstiftung zum »Shitschtorm«, dem sich die Fleischindustrie stellen müsse. Und wenn er da die Hände nervös zum Merkel-Herz faltet, wirkt er zwar seltsam deplatziert; doch derlei Präsenz trug dazu bei, die Markenbekanntheit auf 86 Prozent zu erhöhen. Das habe auch Kehrseiten, sagt er im dunkel getäfelten Vorstandsbüro vor Bildern seiner zwei Söhne und einer Landkarte vom Standort Polen: »Als einzige Fleischmarke sind wir die ideale Zielscheibe.« Da täten Treffer unter die Gürtellinie »im System politischer, publizistischer Interessen« doppelt weh, »und zwar persönlich«.
Denn seine Bilanz könne sich doch sehen lassen; lang bevor es Gesetz wurde, sei sein Futter frei von Antibiotika, tierischem Eiweiß und Gentechnik gewesen. Freiwillig setze er auf Ökostrom, Herkunftsgarantie, Nachhaltigkeit. Etwa mit dem »Privathuhn«, das Wiesenhof 100.000 Mal die Woche verkauft. Verglichen mit fünf Millionen insgesamt ist das teurere Hybrid zwischen konventionell und bio indes ein Nischenprodukt. Ganz zu schweigen vom echten Bioprodukt, das bleischwer im Kühlfach liege. »Aber hey«, sagt Peter Wesjohann fast locker, »wir sind auf dem richtigen Weg.« Ginge Wiesenhof darauf allein zu weit, stiege nur die Zahl billiger Importe von jenseits deutscher Tierschutzstandards. »Aber ich hab die Verantwortung, ein ordentliches Angebot für anständige, bezahlbare Lebensmittel zu machen.«
Klingt oldenburgisch, bodenständig, sorgsam. Den Ammoniakgeruch muss man sich kurz wegdenken.
Portmeirion/Wales – Drehort von The Prisoner
Posted: January 30, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage 1 Comment„Urlaub in Gefangenschaft“
Frankfurter Rundschau Nr. 30/2012
Von Jan Freitag
Das nordwalisische Dorf Portmeirion ist ein irrealer Ort. So irreal, dass die psychedelischste Serie aller Zeiten darin stattfand und nichts verändern musste. „Nummer 6“ lebt hier noch heute.
Langeweile kann ein kreativer Quell sein. Clough Williams-Ellis langweilte sich. „Furchtbar sogar“, erinnert sich sein Enkel. Im Original klingt es noch gelangweilter, wie sein Großvater empfand, vor bald einem Jahrhundert auf der Architekturakademie: „He was terribly bored“, sagt Robin Llywelyn und ist dabei so schwer zu verstehen wie sein Name, wie der Ort seiner Arbeit, seiner ganzen Existenz: Portmeirion. Einer, den es im Grunde gar nicht gibt.
Und auch nicht gäbe, hätte Clough, wie ihn jeder nennt, das Studium nicht abgebrochen, um seinen Traum vom lebenden Handwerk an der walisischen Nordküste umzusetzen. Dort wo die Menschen seltsamen Dialekt sprechen, noch seltsamere Namen tragen, sogar ein wenig merkwürdig aussehen wie Robin, mit den drei gegenläufigen Streifemustern unter der Dirigentenfrisur. Vor allem aber: seltsame Häuser errichten. „Architectural Mongrels eines Jägers und Sammlers“, nennt er sie, gebastelt aus Fenstern der Bank of England, Steinen des zerbombten Bristols, Quadern der benachbarten Burgruine, Pflanzen vom ganzen Globus. Nur wer das Mosaik mit eigenen Augen sieht, kann dieses Dorf an diesem Ort verstehen. Beinahe.
Denn Portmeirion ist nicht bloß eine Häufung irdener Domizile, sondern Kunst. Eher Objekt als Siedlung, mehr erschaffen als gebaut. Wer den Triumphal Arch am Nordwestrand oder das Gate House weiter südlich durchläuft, erreicht eine verwunschene Welt. Den mäandernden Weg Richtung Bucht entlang passiert man begehbare Landschaftsgemälde in Technicolor, gesäumt von Treppen, Mauern, Arkaden, Kolonnaden im Filmkulissenstil, überragt von Fassaden, die in ihrer bonbonbunten Verspieltheit Alices Wunderland entsprungen scheinen. Geträumt, entworfen, realisiert von einem Mann wie aus Romanen von Charles Dickens.
Im Jahr 1925 kaufte sich Clough eine Schmiede nebst Schieferhafen und gestaltete die Einöde am Rande des Snowdonia-Nationalparks um. Stein für Stein, Beet für Beet, Cottage für Cottage schuf der visuelle Visionär an der süßen Steilküste sein Nachhaltigkeitsideal. Im Jahr drauf taufte er das erste von zwei Dutzend Gebäuden Neptune, und als der Pastorensohn sah, dass sich sein Modell nicht von allein finanziert, „hat er eben ein Hotel draus gemacht“, wie Enkel Robin erzählt. Auf 50 Hektar wuchs es fortan zum Ensemble – jedes Jahr größer, jedes Jahr bizarrer, jedes Jahr mediterraner und dabei very britisch.
Licht und Luft, Symmetrie und Vielfalt, ein Hauch von Mittelmeer am Nordseestrand im hermetischen Ambiente mit Perspektive – das war es, was Clough wollte. Das war es auch, was Patrick McGoohan suchte für das Skurrilste, was Fernsehen je geschaffen hat: The Prisoner. In der psychedelischen Atmosphäre Portmeirion fand der Hauptdarsteller und Regisseur das perfekte Ambiente für seine klaustrophobische Serie um einen grundlos entführten Agenten. Bis zu 13 Millionen BBC-Zuschauer sagen zu, als „Nummer 6“, wie das Format hierzulande hieß, 17 Folgen lang versuchte, seinem Freiluftgefängnisses mit allem Komfort zu entfliehen.
Doch der Star war nicht „Nummer 6“, wie das Format hierzulande hieß, weder die paradoxen Dialoge, Kostüme, Bräuche im Village, noch ein riesiger Gummiball, der als Strafinstanz durchs Dorf waberte. Es war Portmeirion. Das ist auch 45 Jahre nach Drehbeginn zu spüren. Erst recht, seit 2009 ein Remake entstand – in Namibia statt in Portmeirion. Doch grad das hat dem alten Spielort einen Popularitätsschub verschafft. Von 250.000 Besuchern kämen die meisten wegen der Serie, weiß Robin, den Regisseur McGoohan einst aus den Büschen verjagte, wenn der Achtjährige die Arbeit störte. Wer jetzt eins der 33 Appartements diesseits der 20 ruhigeren Zimmer und Suiten im Strandhotel mietet, wohnt nicht nur im Flair früherer Tage samt Messingarmatur, Samtvorhänge und 24 Stunden Prisoner im Fernseher, sondern über, unter, neben den Besuchern die sich durchs Filmset staunen. Das Hotel ist der Drehort ist Portmeirion ist sein Publikum ist das Hotel. Und seit dem Remake trifft man noch mehr Kenner, die inmitten der Kulisse „I’m not a number, I’m a free man“ murmeln wie die grauhaarige Frau in der Townhall, wo der berühmteste Seriensatz fiel.
Man trifft Japaner, die sich an der Piazza mit Pool fotografieren. Man trifft Pepitahüte und Basecaps, britische Spleens und amerikanische Großspur. Man trifft sogar eine pfälzische Reisegruppe, der die Serie fremd ist. Nur Margot Rieschmann hat sie gesehen. Erinnern kann sich die damals 13-Jährge aber nur noch an „diesen ekligen Gummiball“. Den gibt’s für 14,99 Pfund. Im Prisoner-Shop, wo der entführte Agent einst erwachte. Sonst trifft man hier kaum Deutsche, aber Liz und Paul aus Liverpool, die allein 2011 zum dritten Mal Nostalgie tanken. Das täte auch Not, sagt Paul. Denn das Remake sei furchtbar: „Zu düster, zu grau, zu wenig Portmeirion.“ Das Verschrobene, dem George Harrison verfallen war; das Surreale, Grundlage vieler Musikvideos; eine Britishness, die den ersten Prince of Wales 1930, die Symbiose aus Natur und Wohnen, Rhododendren und Landhausstil, der sein Nachfolger Charles folgte – alles verweht vom Wüstensand.
Vor allem aber fehlt der Neuverfilmung die Aura der Fluchten und Bauten, die Kupferkuppel des Green Dome, das eingemauerte Schiff, auf dem Nr. 6 zu fliehen versucht, all die optischen Scheinriesen, die durch falsche Fenster, kleine Türen, dürre Säulen wachsen. Und der Glockenturm natürlich, dem ein Sturm die Zeiger abriss. Vielleicht will Meurig Jones, der Manager, sie mal ersetzen. „Vielleicht aber auch nicht“, sagt er. „Es ist ja ein zeitloser Ort.“
PORTMEIRION, Gwynedd, LL48 6ER, Wales, Tel: +44(0)1766-770000