Wahnsinnsstadt: Hamburgs Innensenatoren
Posted: February 13, 2016 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Neumanns Grote
Mit Andy Grote wird sowas wie das geistig-moralische Gewissen der hanseatischen SPD zum Innensenator. Einer, nach dem man sich nach der nächsten Wahl im und vorm Rathaus (Foto: Mariano Mantel) womöglich noch zurücksehnen könnte.
Von Jan Freitag
Die Innenpolitik, man wagt es seit der rechtspopulistischen Koksnase Ronald B. Schill kaum zu schreiben, war mal liberal besetztes Terrain. Als die FDP Freiheit nicht vornehmlich zur Gewinnmaximierung ihrer Klientel genutzt hat, stellte sie drei Bundesminister in Folge, die sich als Verfechter von Bürger- statt Millionärsrechten sahen. Seit der Ära Kohl jedoch waren Innenpolitiker oft reaktionäre Haudraufs wie das altrechte NSDAP-Mitglied Zimmermann oder der neurechte Burschenschaftler Kanther. Da ist man schnell geneigt, aktuelle Amtsinhaber mit ihren rabiaten Vorgängern gleichzusetzen.
Auch Michael Neumann.
Das aber ist differenzierungsbedürftig. Die Amtszeit des alten Innensenators mag im öffentlichen Bewusstsein von bürokratischer Halsstarrigkeit (Lampedusa-Flüchtlinge), Kommunikationsdesastern (Olympia-Bewerbung) und konservativen Erbstücken (Gefahrenzone) geprägt sein. Und dass unter seiner Ägide „polizeiliche Informationskarteien“ angelegt wurden, in denen offenbar massenhaft unbescholtene Fußballfans auch ohne Tatverdacht als potenziell gewalttätig aktenkundig sind, trübt die Bilanz des Sozialdemokraten aus sozialer wie demokratischer Sicht nachhaltig. Dennoch fällt sie schon deshalb nicht durchweg negativ aus, weil zuletzt eher selten von ihm zu hören war. Für Innenpolitiker gilt das als ebenso wichtiges Gütekriterium wie das Sicherheitsempfinden der Leute. Von denen fühlt sich statistisch nur jeder 20. durch Kriminalität bedroht, wie die Zeit lobt. Unter Neumanns paranoidem CDU-Amtsvorgänger waren es dreimal so viele.
Konstruktives Krisenmanagement
Der Wert zieht seit den „Ereignissen von Köln“, die längs der Reeeperbahn herkunftsbergreifend seit jeher Wochenendalltag sind, nun wieder anziehen; doch in der populistisch vergifteten Flüchtlingsdebatte etwa attestieren Neumann selbst Kritiker des neoliberalen SPD-Kurses ein recht konstruktives Krisenmanagement. Wenn sich Hamburgs CDU, seit vier Jahren schwer auf Machtentzug, bei der nächsten Wahl mit AfD und FDP zum hartrechtsbürgerlichen Block vereinigt, dürfte sich der linke Mainstream daher durchaus nach einem Neumann zurücksehnen.
Mehr aber noch nach einem wie Andy Grote. Der neue Innensenator ist schließlich so etwas wie das geistig-moralische Gewissen der hanseatischen SPD, die im Bundesvergleich naturgemäß eher rechts der FDP steht als links von Gabriel. Schon als Lokalpolitiker im Bezirk Mitte, aber auch noch in staatstragenderer Rolle als dessen Amtsleiter, eilte ihm der Ruf Richtung Rathaus voraus, lieber Politik für Bewohner als Investoren zu machen. Im geldroten Hamburg gilt das eigentlich schon als Kommunismus. In seiner Wahlheimat St. Pauli hingegen, bei dessen FC er selbstredend Mitglied ist, hält man seinen Hang zu Präsenz und Empathie für ein verloren geglaubtes Stück Ethos, mit dem man sonst nicht weit kommt im Ellenbogenzirkus Politik.
Mit sozialdemokratischer Attitüde vom Kiez
Bleibt abzuwarten, wie weit es der Volljurist aus dem Teutoburger Wald, wo ein anderer Germane vor 2000 Jahren massenhaft Römer besiegt haben soll, darin mit seiner geradezu – Achtung! – sozialdemokratischen Attitüde bringt. Das hängt auch davon ab, ob der Bürgermeister weiterhin effektiv vermeidet, dass ihn einer, wenn schon an Wuchs, so doch wenigstens nicht an Strahlkraft überragt. Vielleicht hat Olaf Scholz dafür ja seine Finger in der Pleite vom HSV Hamburg, dessen einst aus Lübeck eingemeindetes Retortenteam exakt fünf Tage nach Grotes Amtsantritt seinen Rückzug aus der Handballbundesliga verkündete. Als Sportsenator kann man ihm das im Zweifel ja anlasten, falls er zu Höherem strebt. Dorthin also, wo an der Elbe leichter kommt, wer in Alsternähe residiert. Andy Grote lebt auf dem Kiez.
Club-Mausoleum: Front (1983 – 1997)
Posted: January 23, 2016 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentFront der Erleuchtung
Von Jan Freitag
Ein Beispiel dafür liefert momentan Star Wars, wo alles Klare irgendwann mal im Trüben fischt und umgekehrt. Wo der vermeintlich wesensfiese Darth Vader seinem vermeintlich herzensguten Feind Luke Skywalker im dritten (später sechsten) Teil der Saga glaubhaft macht, sein Vater zu sein, also gleichfalls auf der hellen Machtseite gestanden zu haben. Da kann es doch kein Zufall sein, dass parallel zum Kinostart der Weltraumsaga vor fast 40 Jahren im Herzen Hamburgs ein Club eröffnet hat, dessen Historie erstaunlich taghell war, bevor die dunkle Seite der Nacht Besitz von ihm ergriff.
Das Front.
Wer einmal drin war, in Deutschlands erster echter House-Disco (das behaupten zumindest Eingeweihte), ja selbst wer nur aus sicherer Entfernung davon gehört hat, dürfte bis heute überrascht sein, was sich bis zum Jahr 1983 im Klinkerbau zwischen Horner Kreisel und Elbbrücken befunden hat: Danny’s Pan, ein wandergitarrenseliger Folkloreschuppen, Wohnzimmer altruistischer Chansonniers von Reinhard Mey bis Hannes Wader, die dem Hedonismus der Nachnutzer wohl ein paar Protestsongs entgegengeklampft hätten, wäre es je zur Begegnung gekommen.
Als Danny’s Pan schloss, verwehte am verkehrsumtosten Heidenkampsweg umgehend alles Analoge und Liedhafte und wurde zu Bass, Beat und Stroboskop. Das Technozeitalter nahm Fahrt auf. Während sich die Generation Bundfaltenhose gerade entspannt beim Milchkaffee von Friedensbewegung und Punk erholte, suppte ein bislang unerhörtes Sounds takkato nach Hamburg. Es bestand aus Rhythmen, die nicht mehr nach-, sondern in-, neben-, über-, und durcheinander spielten, artifiziell und treibend. Nichts für Harmonieästheten, aber umso mehr für Feierwütige.
Im DJ-Kabuff des Front legte ein gewisser Klaus Stockhausen Vinyl aus den Industrieruinen Chicagos auf, das den Laden in kürzester Zeit zur suburban legend machte. Es zog neben späteren Clubgiganten wie Boris Dlugosch verschiedene Gästeschichten ins Neonrampenlicht, die bis dato oft unter sich waren: Fans synthetischer Drogen, repetitiver Musik und gleichgeschlechtlicher Liebe, gern alles zusammen. An drei von fünf Öffnungstagen war das Front mehr oder weniger frauenfrei. Doch auch an den anderen Tagen tanzten nie weniger als ein Drittel der Männer paarweise eng umschlungen mit nackten Oberkörpern, die bereits zu einer Zeit vielfach gepierct waren, als Tattoos noch nach Knast und Viermastern rochen.
Als heteronormaler Gymnasiast aus Hamburg-Eppendorf fiel es mir Ende der achtziger Jahre, als die Tonlage dank Acid-House nochmals dumpfer wurde, gar nicht so leicht, dem Ruf des Abseitigen zu folgen. Für manche Männer in Phasen der Persönlichkeitssuche sind Schwule vornehmlich verwirrend. Und dann die Anreise: Fern der Epizentren gewöhnlicher Tanzkultur brauchte es mit dem Fahrrad halbe Ewigkeiten für die kurze Realitätsflucht, von Bus und Bahn ganz zu schweigen, die seinerzeit noch ausgerechnet dann den Verkehr einstellten, wenn es gerade lustig wurde.
Ich war also eher selten im ehemaligen Lederwarenkontor, obwohl dort ungewöhnlich aufgeschlossene Türsteher mehr nach Auslastung im Innern als Reifegrad im Gesicht selektierten. Ein Dutzend Mal vielleicht fuhr ich nach Hammerbrook, allerdings nie freitags, als die homosexuelle Libertinage unter Fernsehern mit schwulen Pornos leicht in offene Promiskuität ausufern konnte. Jeder einzelne Besuch war für heranwachsende Kleinbürger wie mich, bei aller Distanz zur Kernzielgruppe, heilsam, ja erleuchtend.
Nirgends sonst ging es so ausgelassen, exzessiv und fröhlich zu. Stress schien die Ausnahme, Polizeipräsenz die Regel, ebenso wie exquisite Musik und punktgenaues Licht. Im unverputzten Fabrikambiente herrschte kein Chichi, aber viel Geschmack: graue Wände, wuchtige Boxen und schöne Menschen, auch weiblichen Geschlechts. Man flirtete sie allerdings besser nur perfekt vorbereitet an, da sie alle irrsinnig cool waren.
Sie wurden jedoch weniger mit den Jahren: die ausgelassenen, exzessiven, stressresistenten, angrabenswürdigen Leute. Aids, Drogen und Reeperbahn-Revival nahmen dem Front bald viel seines Zaubers. Als es 1997 dichtmachte, war die Avantgarde bereits Mainstream und der Technotross Richtung Kiez weitergezogen. Willi Prange und Phillip Clarde, die Gründer und Betreiber des Front, sind dem Vernehmen nach längst gestorben. Heute befindet sich unter dem Pflaster des wichtigsten Verkehrsknotenpunkts im Südosten der Stadt ein Club namens Shake. Er vermag nur wenige in eine Gegend zu ziehen, die schon vor 30 Jahren mausetot war, aber an einer Stelle noch zuckte.
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S. Maischberger: Guter Göring & Mittwochstalk
Posted: January 9, 2016 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Ich bleibe Geschichtensucherin
Sandra Maischberger (Foto: ARD) zählt zu Talkshowstars im Land. Dass sie auch Filme macht, ist weniger bekannt. Ein Gespräch über ihr Dokuspiel Der gute Göring (Sonntag, 22 Uhr, ARD), ob sie den Regimegegner lieber in der Talkshow hätte als dessen Nazi-Bruder Hermann und welcher Sendeplatz ihr dafür kurz vorm Wechsel auf den Mittwoch am liebsten wäre.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Maischberger, vor diesem Film hatte ich ehrlich gesagt noch nie was von Hermann Görings gutem Bruder gehört…
Sandra Maischberger: Keine Sorge, da befinden Sie sich in bester Gesellschaft der meisten Menschen, die ich kenne.
Wie sind Sie da auf ihn gestoßen?
Da muss ich etwas ausholen. Als seine Geschichte in den 60er Jahren erstmals erzählt werden sollte, wollte hierzulande noch keiner was über die damalige Zeit hören. Zur Jahrtausendwende dann gab es eine britische Dokumentation, die ein australischer Forscher gesehen hat, der ein Buch darüber schrieb. Dieses Buch nahm der Autor Gerhard Spörl zum Anlass seines Spiegel-Artikels Görings Liste. Darin schreib er nicht nur, dass man mit diesem Brüderpaar die ganze Dramatik des Nationalsozialismus erzählen könnte, sondern auch den Satz: Das wäre ein guter Filmstoff.
Und dann kamen Sie!
Genau. Wir haben uns getroffen und gemeinsam gefunden: Es ist ein Filmstoff!
Dachten Sie da noch an einen dokumentarischen oder schon fiktionalen?
Unser Ansatz war zunächst ein dokumentarischer, aber wir haben schnell gemerkt, dass es im Gegensatz zur Fülle an Material über Hermann Göring zu wenig Archivmaterial vom Bruder gibt. Und das, obwohl mindestens viermal versucht wurde, ihn an den Galgen zu bringen: zweimal durch die Gestapo, weil er gegen die Nazis war, zweimal durch die Alliierten und die Tschechen, weil er für die Nazis gewesen sein soll.
Und immer hat ihn Hermann rausgehauen?
Natürlich nur während der Nazidiktatur.
Ist es dennoch verbrieft, dass er so operettenhaft war wie der Reichsfeldmarschall?
(lacht) Operettenhaft, das passt. Und ist in der Tat belegbar. Dieser antiquierte Stil war damals durchaus angesagt. Außerdem waren beide sehr auf Äußerlichkeiten bedacht, auch wenn Albert seine Gäste anders als Hermann wohl nie in der Toga begrüßt hat (lacht).
Sorgt dessen Darstellung unterm Titel “Guter Göring” nicht womöglich für Schnappatmung beim kritischen Publikum, jetzt würden nach Volk und Mitläufern auch noch Nazi-Größen reingewaschen.
Sehr gut, wir haben Ihre Neugierde geweckt, dann klappt’s vielleicht auch mit dem Rest der Zuschauer. Hermann Görings gute Seite war aber allenfalls die, seinem Bruder trotz aller Differenzen stets loyal gegenübergestanden zu haben. Sonst hätte Albert nicht überlebt. Andererseits hat Hermann Göring den Ufa-Star Henny Porten, die mit einem Juden verheiratet war, nicht aus Empathie geschützt, sondern um sich seiner Herrschaft über Leben und Tod zu vergewissern.
Dennoch – ist das Publikum von Hermanns Abgründigkeit nicht mehr fasziniert als vom netten Albert?
Schwer zu sagen. Aber deshalb war es ja auch unser Ziel, Interesse am Spannungsverhältnis beider zu entwickeln, statt eine reine Heldengeschichte zu erzählen. Die Sympathien sind am Ende des Tages beim Guten, aber ohne das Böse ist dieser hier nicht erklärlich und fad.
Wenn Ihre Talkshow zu Lebzeiten der beiden auf Sendung gewesen wäre – wen hätten Sie sich lieber eingeladen?
Oje. Also vor 1930, als Hermann noch vornehmlich ein Weltkriegsheld war und Albert glaubte, die Ideologie seines Bruders würde sich nicht durchsetzen, hätte ich vielleicht in Erwägung gezogen, mit beiden zu reden. Aber ich lade gewiss keine Menschheitsverbrecher in eine Runde. Albert Göring alleine wäre dagegen immer ein toller Gast gewesen; dummerweise bin ich 1966 geboren – in dem Jahr, in dem er starb.
Was taugt für eine Talkshow Ihrer Art grundsätzlich besser – das Böse oder das Gute?
In Reinkultur weder das eine noch das andere. Das ist nämlich nicht nur äußerst selten, sondern auch ziemlich langweilig. Erst Brüche machen Biografien interessant, und wir haben sie alle. Ich würde auch Ihren finden, glauben Sie mir.
Themen ohne menschliche Komponente scheinen Sie nicht sonderlich zu interessieren.
Ich will den Menschen jedenfalls nie ausblenden, auch wenn ein Minister vor mir sitzt. Wenn ich mit dem, sagen wir, über Flüchtlinge rede, ist es doch wichtig, ob er selbst zum Beispiel aus einer Flüchtlingsfamilie kommt. Ich kann gar nicht sagen, ob ich lieber über die Sache zum Menschen vordringe oder umgekehrt, aber ohneeinander ist beides meist zu wenig.
Nach dem Tod von Helmut Schmidt, den Sie beruflich wie persönlich lange begleitet haben – gibt es da noch viele potenzielle Gesprächspartner, die das Biografische so intensiv mit dem Politischen verbinden wie er?
Ich habe mir vorgenommen, nicht über ihn zu sprechen. Aber von seinem Kaliber gibt‘s in der Tat zusehends weniger, die für mich, aber auch für das Publikum derart interessant sind. Das liegt, abgesehen von aller Intelligenz, Bildung und Lebenserfahrung vor allem an der Fähigkeit, Sachverhalte und Meinungen leidenschaftlich und rhetorisch so mitreißend zu vermitteln wie er.
Wen dieses Kalibers hätten Sie denn gern noch in der Sendung?
Ach, in Deutschland hab ich mittlerweile mit fast allen schon gesprochen. Aber den einen oder anderen US-Präsidenten hätte ich schon noch gerne.
Und das, obwohl sie seit fast 30 Jahren beruflich das Leben der anderen durchleuchten. Treten da bisweilen Ermüdungserscheinungen auf?
Ich habe als Journalistin drei Interessen: Sachthemen, Persönlichkeiten, Austausch. Solange alles wie in meinen Talkformaten zusammentrifft, gibt es keine Ermüdungserscheinungen.
Dieser Spielfilm hier könnte immerhin andeuten, dass sie Ihr Portfolio erweitern…
So neu ist dieses Interesse gar nicht. Ich hab vor gut 20 Jahren einen Kameramann geheiratet, den ich bei Spiegel-TV kennengelernt hatte. Bei der Arbeit mit ihm stoße ich seither regelmäßig an die Grenzen des Dokumentarischen, was den Pfad in Richtung Dokudrama schon früh öffnete, von dem der Weg zum Spielfilm nicht mehr weit ist. Deshalb ist es kein Zufall, dass ich Matthias Martens in meine Firma geholt habe, der bei Sat1 explizit für Fiktion zuständig war. Als Fan von Heinrich Berloer empfinde ich die dokumentarische Fiktion als logische Fortsetzung der journalistischen Erzählweise.
Also – künftig mehr Fiktion?
Ich bleibe vornehmlich Geschichtensucherin statt -erzählerin, aber der Anteil könnte steigen.
Auch in Richtung gänzlich erdachter Fiktion?
Finde ich als Zuschauerin auch hochinteressant. Aber ich bin Journalistin. Ich kann vielleicht existierende Geschichten weiterentwickeln. Fiktionale Kollegen ersinnen ihre Storys auf weißem Papier. Es wäre anmaßend, zu behaupten, das könnte ich auch.
Sieht die es als Up- oder Downgrade, wenn ihre Talkshow ab Januar vom Dienstag zum Mittwoch wandert?
Wir werden im Chor der ARD weiter jene Stimme sein, die namenlose Personen im Kontrast zu populären Figuren auf die Bühne bringt. Da wir die Talkwoche im Ersten fortan beschließen und im WDR zudem nicht mehr der Abteilung Unterhaltung, sondern Politik unterstehen, wird sich unser Schwerpunktleicht verschieben – aktueller, politischer, experimenteller, auch mal ein Rededuell zwischen zwei Kontrahenten zum Beispiel. Das ist nach zwölf Jahren auf dem Dienstag eine Chance, uns ein wenig selbst neu zu erfinden.
Also Aufstieg?
Absolut.
In Memoriam: Lemmy Kilmister 1945 – 2015
Posted: January 3, 2016 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Jacky and Lemmy
Sind 70 Jahre jetzt viel oder wenig? Lemmy Kilmister (Foto: Mark Marek), trinkfeste Trutzburg des Rock’n’Roll alter Schule, ist trotz seines selbstzerstörerischen Lebensstils vergleichsweise alt gestorben – an Krebs! Ein wehmütiger Nachruf auf die Zeiten des Ausbrennens, denen sich der Wegbereiter des Heavy Metal aus allen möglichen Gründen unterzogen hat, aber gewiss nicht nicht fürs Marketing.
Von Jan Freitag
Das Leben spielt bisweilen ein seltsames Spiel mit dem Tod. Während es auserwählte Schauspieler mit kaum 25 schuldlos aus einer kalifornischen Highway-Kurve reißt, nachdem James Dean kurz zuvor noch glaubhaft für Verkehrssicherheit geworben hatte, kriegt das Propagandafilmfossil Jopi Heesters fast die fünffache Zeit auf Erden, ohne je irgendwas am ersten Drittel seiner rückgratlosen Karriere bereut zu haben. Und während kettenrauchende Altkanzler schon mal unbeirrbar auf die 100 zumarschieren, sorgt ein pfleglicherer Umgang mit dem Körper noch lange nicht für vergleichbar hohes Alter. Wobei: 50 Jahre Rock’n’Roll mit einer Flasche Whisky täglich – ist das nun eigentlich viel oder wenig? Dazu würde man gern einen befragen, der das alte Rock’n’Roll-Motto live fast die young länger als die meisten seiner Kollegen zelebriert hat. Lemmy Kilmister zum Beispiel.
Doch Lemmy Kilmister ist tot.
Gestern Nacht ist der scheinbar unverwüstliche Berserker am Bass daheim in Los Angeles gestorben. Im geradezu biblischen Bühnenalter von 70 Jahren. Weshalb Außenstehende, die den Sänger, genauer: Brüller der Hardrock-, genauer: Multiplerock-Band Motörhead nur noch aus ihrer Blütephase in Erinnerung haben, kurz stutzen dürften: Wie – der hat noch gelebt? Ja hat er und zwar länger als so mancher Geschlechtsgenosse mit artgerechterem Alltagsverhalten. Länger vor allem, als der Mythos dessen, was Ian Fraser Kilmister zu seiner Lebensmaxime gemacht hat, seit er sein Elternhaus im walisischen Seebad Benllech bereits als Teenager verlassen hat. Berufswunsch, so schien es früh, termingerechter Eintritt in den „Club 27“, zum himmlischen Exzess mit Joplin, Morrison, Winehouse, Georg Trakl, den genialen Todesverächtern des globalen Pop.
Für diese Mitgliedschaft hat Lemmy Kilmister fast alles getan. Er hat gesoffen und geraucht und gespielt und gehurt und immer noch mehr von allem, bis ihn ein Herzleiden vor zwei Jahren erstmals wirksam in seine Schranken wies. Bis dahin hatte er angetrieben von Jack Daniels und zwei Päckchen Kippen pro Tag getan, was hedonistische Agnostiker halt tun dürfen, um die Gesundheit im Diesseits so zu ruinieren, dass fürs Jenseits keine unerfüllten Wünsche offen bleiben. Nur: dieser zügellose Pastorensohn aus dem mittelenglischen Stoke-on-Trent, Heimathafen sturmumtoster Berühmtheiten vom Titanic-Kapitän Edward J. Smith über Robbie Williams bis zum Darts-Champ Phil Taylor – er hat es partout nicht vermocht, den frühzeitig eingeleiteten Selbstzerstörungsprozess auch zu vollenden, bevor ihn allen Ernstes ein bösartiger Krebs in wenigen Tagen dahingerafft hat.
Also doch nicht der Rock’n’Roll, dieses gefräßige Monster des Showbiz. Für derartige Nachsichtigkeit hinterlässt ihm Lemmy nun ein Werk, das seinesgleichen sucht im Genre grölender Gitarren und rasender Drums. Schon nach seinem Schulabbruch suchte er in diversen Bands seines Exils Manchester nach dem rauen Sound der Zukunft, die Anfang der Sechziger noch ziemlich brav klang. Das änderte sich Ende des Jahrzehnts, als er einem gewissen Jimy Hendrix kurz vor dessen Eintritt in den 27er Club als Roadie diente und 1972 mit der britischen Spacerocklegende Hawkwind jene Art struppiger Musikgeschichte schrieb, die drei Jahre später mit der Gründung von Motörhead endgültig zum Mythos reife.
Denn ein Stahlgewitter wie das des unpolitischen Nazidevotionaliensammlers Kilmister hatte es bis dahin selbst im aufblühenden Hardrock nie gegeben. Das dissonante Hochgeschwindigkeitsstakkato, Lemmys monoton gegrölter Gesang, all die krachende Antiharmonie zwischen ungeborenem Punk, frisch geschlüpftem Heavy Metal und geriatrischem Blues radikalisierte seinerzeit den Härtegrad von Black Sabbath oder AC/DC auf eine Weise, die noch eine Weile brauchte, um hörbar zu sein. Zwei Jahre, um genau zu sein – dann machte Motörheads selbstbetiteltes Debütalbum lautstark auf sich aufmerksam. Drei weitere, dann gebar der Bandkopf/geist/bauch Kilmister mit Ace of Spades einen Meilenstein des Genres – und sich selbst als Ikone fröhlicher Destruktivität am eigenen Leib, die im glattgebügelten Popgeschäft allenfalls in PR-bewussten Rotzlöffeln wie Pete Doherty noch kurz mal aufblitzt.
Kotelettenbärtig und warzenversehrt stilisierte sich der Bürgersohn von vergleichsweise kleinem Wuchs mit Cowboyhut und Eisernem Kreuz dagegen fernab aller Postertauglichkeit zur Ikone einer vergehenden Zeit, in der ein Leben noch on stage verglühen durfte, ja musste. Verglüht ist sie nun jedoch nicht an Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll, sondern einer schnöden Massenkrankheit namens Krebs. Im Verhältnis zum Leben erstaunlich spät und doch, wie immer, wenn Geschichte vergeht, viel zu früh. Darauf einen Jack and Coke mit Kippe.
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Reportage: Sightseeing & Wirklichkeit
Posted: December 19, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Vieles Fassade
Von Jan Freitag
Und dann sagt Dominik Schönemann ihn doch, den peinlichsten Satz regionaler Selbstüberschätzung. Vier Wörter, die das ortsüblich obergärige Gebräu aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn zur lokalpatriotischen Phrase verdichten: „Schönste Stadt der Welt.“ Hamburg!
Hamburg?
Die Stadt hat ihren Reiz, keine Frage: Den Hafen samt Speicherstadt, baumgesäumte Gründerzeitpracht weiter nördlich, dazu ein Rathaus mit Seeblick – schon schön, aber am schönsten? Gäbe es so etwas wie eine Miss-Wahl der Metropolen, hätte diese dank mitteleuropäischer Randlage ohne Brandenburger Tor oder Meeresbrandung ganz klar Standortnachteile. Nur: davon wollen ihre Fremdenführer hier nichts hören, geschweige denn sagen. Berufskrankheit, Standesbewusstsein, Überzeugung? Wer weiß.
Einige Hundert sind in diesem hochkomplexen Ballungsraum unterwegs, um ihn für Zugereiste auf seine Hotspots zu reduzieren. Zu Fuß wie Daniell mit dem blauen Haar, motorisiert wie Dominik mit der bürgerlichen Aura, beide grundverschieden und doch unterwegs in gemeinsamer Mission: Die Stadt zu zeigen, wie sie ist, nicht wie es das Marketing mag. Dominik tut dies auf einem der 30 verschiedenfarbigen Doppeldeckbusse, die Hamburg 365 Tage durchmessen. Ihre Routen sind der zuständigen Wirtschaftsbehörde egal, solange StVO und Beförderungsrecht beachtet werden. Trotzdem führen fast alle vom Alten Elbtunnel gen City um die Alster zum Kiez mit Halt an Speicherstadt und Michel – fertig ist die Posterwelt fernab aller Brenn- und Kritikpunkte.
Dann aber betritt dieser unscheinbare Hamburger Jung seine Bühne ohne Bretter, und der Sound wird rauer, ehrlicher. „Augen rechts!“, befiehlt Dominik mit Blick zur Stadthausbrücke. Ein Dutzend Augenpaare auf dem Oberdeck leistet Folge und staunt hörbar angesichts der napoleonischen Pracht. So stellen sich Gäste die Stadt eben vor: kaufmannsstolz, aber nicht protzig. Und immerzu Wasser, überall.
Im Phrasenfechtsport Sightseeing könnte Dominik nun das Florett ziehen: Ja, so schön ist‘s an der Waterkant. Touché! Doch was tut der Jurist beim touristischen Zubrot? Wählt den Säbel und haut „Achtung, alles Fassade!“ in den Bus der „gelben Doppeldecker GmbH“. Innen Entkernen, außen verputzen, geschichtslose Augenwischerei: „Genau so geht Hamburger Denkmalschutz!“ Genau so hat er ihn auch erklärt, als er vor Landungsbrücke 4 Besucher an Bord koberte. „Ich darf den Leuten von einer Stadt erzählen, die ich wirklich liebe“, beteuerte der 32-Jährige im beige-grauen Outfit desjenigen, der nicht vom Arbeitsobjekt ablenken will. „Aber sie macht mir das echt nicht leicht.“
Wenn man ihr unbeirrt die steinerne Identität aus dem Baubestand reißt oder pastellfarben verputzt, bis Hamburgs architektonische Textur verwechselbar wird und arm. Da könne der Barmbeker, den die Tourismusbehörde mitten im Referendariat nach einem „Riesenhaufen Broschüren“ über Highlights und Historie zweisprachig zum staatlich anerkannten Stadtführer prüfte, nicht einfach auf eitel Sonnenschein machen, als sei seine Heimat schick wie ihre polierten Hüllen.
Offiziell geprüft wurde sein Kollege Daniell nicht, ein bisschen gebüffelt hat er trotzdem, mehr als alle Theorie hilft dem Multijobber mit Barschwerpunkt jedoch die Lebenserfahrung: Ein Drittel seiner 33 Jahre lebt der Lübecker auf St. Pauli, „mein Viddel“, das er in dieser Klaren Herbstnacht knapp 20 Gästen zeigt. „Was ist der Unterschied zwischen Touristen und Terroristen?“, fragt der buntgescheckte Freak von nebenan die buntgemischten Gäste aus sieben Ländern plus Wien zur Begrüßung und erntet verstörtes Kichern: „Terroristen haben Sympathisanten!“ Ein Säbeltreffer unter die Gürtellinie und dennoch die ideale Einstimmung auf das, was zwei Stunden folgt.
Sein St. Pauli Tourist Office wurde ja von einem befreundeten Anwohner zur Fußball-WM 2006 gegründet, um kostümierten Jubelpersern wie Olivia Jones endemische Stimmen mitfühlender Vernunft entgegenzusetzen. „Das wahre St. Pauli“, sagt Daniell mit Astra plus Kippe am Hals und beginnt einen Parforceritt durch die Schattenseiten der Glitzerwelt. Nur einmal quert er kurz die Reeperbahn, warnt vorm Nepp der Großen Freiheit, umkurvt wortreich alles, was die Guides in Hörweite feiern und schimpft lieber 20 Minuten am Park Fiction auf Verdrängung, Kommerz, Eventkultur, bevor es über den Hans-Albers-Platz hinter den Kiez geht, wo sich zwischen S/M-Club und Komet auch Einheimische blicken lassen.
Und sein Publikum? Macht alles mit. Auch, weil Daniell jene Standards liefert, für die es 20 Euro pro Person zahlt: den Weg des Gettos dreckiger Berufe zum Spaßviertel, gepflastert mit Störtebekers, Reepschlägern, Hafenhuren, Fußballfans. Instantwissen, versiert verabreicht, rasch vergessen, und man merkt: Nach drei Jahren auf Tour ist er ein empathischer Profi wie Dominik Schönemann. Auch der begrüßt seine Zuhörer, wie sie es von ihm hören wollen: „Moin, Moin erstmal“. So viel Klischee muss erlaubt sein. Die Berliner nicken sodann als er den Startpunkt Landungsbrücken mit acht Millionen Besuchern zu Deutschlands beliebtestem Baudenkmal kürt; die Pfälzer prusten, als er vom Weinberg gegenüber erzählt; die Paderborner kichern, als er die Wallanlagen als Schutz vor „Katholiken wie euch“ im 30-jährigen Krieg lobt; die Schweizerin blinzelt, als er ihr Reiseziel als „eine der ältesten Demokratien der Welt“ lobt. Doch all dies ist eher Häkchenmachen als Herzensangelegenheit.
Zu der wird es erst, als der Guide die Kosten der Elbphilharmonie abfragt. „500 Millionen?“, lacht er den mutigsten Vorschlag des Münsteraners nieder – „Hälfte dazu, dann sind Sie knapp dran“, was er „peinlich für die Freie und Kaufmannsstadt Hamburg“ nennt. Mit der hat Dominik bei aller Liebe viel Last und äußert sie laut: Wenn er die Hafencity „architektonischer Würfelhusten“ nennt, vom Alster-Pavillon abrät oder fragt, wer am Rödingsmarkt aussteigen wolle. Niemand? „Hätte mich auch gewundert.“ Neben einer zerbombten Kirche, die 1872 das weltgrößte Gebäude war, „gibt’s hier bloß Autos“.
Doch nicht nur Verkehr und Steine kriegen ihr Fett weg, auch Fleisch und Blut, vor allem die Haute-Volée, deren Garagen und Baumhäuser am Harvestehuder Weg manch Einfamilienhaus in den Schatten stellten. Halb respektvoll, halb spöttisch leiert der Kleinbürgersohn klangvolle Namen runter. Stich, Sander, Joop, Lagerfeld, dazu Reeder-Erben von Laeisz bis Rickmers. Und erst ein Stück uferaufwärts, wo Napoleon im Angesicht des Sees entzückt „quelle belle vue“ gerufen haben soll, Schönemann grinst, „da leben wirklich die Reichen.“
Nur, dass man von denen nicht laut spricht; eine Frage des Understatements, aber auch des Persönlichkeitsrechts, meint der angehende Anwalt und verfremdet die Anwohner. Der da drüben heiße wie ein ostfriesischer Komiker. Daneben der trinke Kaffee Marke Eigenröstung. Etwas weiter „niest man ins eigene Papiertaschentuch“. Stadtführerhumor als wohlmeinende Infiltration um der Wahrheit willen, dass diese Stadt nicht nur die meisten Bäume, Brücken und eine Börse mit direktem Rathauszugang hat, sondern hinter all der Fassadenschönheit ein Inneres, das vielerorts ums Lebenswerte gebracht wird.
Die Sophienterrassen zum Beispiel, eine „Gated Community mit Concierge und Security für Hamburgs Geldadel“, trägt der Barmbeker genüsslich vor, dessen Lobby mit all ihrer Macht grad ein Flüchtlingsheim verhindert. „Dabei waren es Migranten, die Hamburg groß gemacht haben“, empört er sich, verweist auf St. Pauli und St. Georg, in die Hamburgs Patrizier seit jeher alles Unliebsame von Huren über Galgen abschieben, zitiert noch das Bonmot von Freiheit, die stets an der des anderen endet und siehe da – der Redner erntet Applaus.
Vielleicht wollen Touristen also gar nicht mit Jubelarien beschallt werden. Vielleicht interessiert selbst die Anspruchsloseren leichtes Baedeker-Wissen weniger als schweres vom Gängeviertel, „dessen kreatives Chaos verhindert, dass das Kapital auch dieses Stück City übernimmt“. Um Dominik Schönemann nicht misszuverstehen: Der Mann mit dem akkurat gekämmten Kurzhaarschnitt ist kein linker Ideologe. Er nennt sich „eher bodenständig“, die Berufswahl Jura „was Solides“ und dessen Vorfinanzierung im Doppeldeckerbus für 14 Euro pro Stunde plus Trinkgeld „Berufung“. Deshalb serviert er die Stadt statt filetiert am Stück.
Das ist nicht nur für Ortsfremde nahrhaft. Wer an Fahrern wie dem wortkargen Tarek zu Guides wie dem redseligen Dominik aufs Cabriodeck klettert, versteht seinen Lebensraum fortan ebenso besser wie nach einem Kiezmarsch mit Daniell. Für 18.50 Euro erhält man ja nicht nur nützliches Halbwissen wie jenes, dass die erste Asphaltstraße am Jungfernstieg gebaut wurde und schon 1852 eine „Kinderverwahranstalt“ am Holstenwall. In den Zwischenräumen zweistündiger Highlight-Betankung gewähren gute Guides auch Blicke über den Tellerrand einer Metropole, deren Bewohner die Alster allenfalls zum Dom oder Horner Kreisel queren, als seien ferne Viertel zollrechtlich Ausland wie einst die Speicherstadt.
Da wäre es wünschenswert, die Illusionsverkäufer des Lokalmarketings führen mal Bus mit einem wie Dominik, den es gewiss auch bei anderen Anbietern gibt, deren Zahl 2009 nach wildem Kampf um Marktanteile von zehn auf sieben gesenkt wurde. Sie würden lernen, wie weit sich ihr Handelsobjekt davon entfernt, eine besondere Stadt zu sein. Weil die Dominiks und Daniells ihre Seitenhiebe mit so spürbarer Zuneigung garnieren, erhielten sie einen realistischeren Blick auf Hamburg, der ein nachhaltigeres Lächeln aufs Gesicht zaubert als die Katalogsprache mit Ah- und Oh-Garantie.
Daniells Gruppe jedenfalls nimmt spürbar Anteil, als er vom Kampfgeist erzählt, den seine Nachbarn im Kampf gegen Investorenträume zuweilen an den Tag legen. Und als Dominik drei Gründe sucht, warum Hamburger zum Fischmarkt gehen, antwortet er selber „Besuch von auswärts, eine lange Nacht auf dem Kiez oder Hochwasser, um abgesoffene Touristenautos anzugucken“. Schwer zu sagen, ob das Lachen der Gäste herzlich oder verlegen ist, aber sein Nachsatz sorgt für Erlösung. „Schön ist der Fischmarkt trotzdem“. Recht hat er ja.
Hamburg-Kolumne: Schmidt & Olympia
Posted: December 6, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentWahnsinnsstadt
Helmut Schmidt und die Olympischen Spiele 2024: Die Hamburg-Kolumne von HH-Mittendrin widmet sich diesmal dem vergeigten Referendum der Jubelperser und was das mit dem verstorbenen Altkanzler zu tun hat.
Von Jan Freitag
Der November, so heißt es, ist ein Monat des Abschieds. Abschied von der Hitze langer Tage, Abschied von der Wärme kurzer Nächte, Abschied vom Wesen aller Lebenslust gewissermaßen. Es sind vier schwindsüchtige Wochen mit erhöhter Suizid- und Depressionsgefahr, die sonntäglich Verblichene beweinen lassen: Heilige, Gefallene, den Tod im Ganzen. Da scheint es irgendwie einer höheren Macht zu gehorchen, dass im November gleich zwei Übergrößen hanseatischen Selbstverständnisses gestorben sind: Helmut Schmidt und die Olympischen Spiele. Genauer: die Illusion von beiden.
Denn thronte der Altbundeskanzler auch annähernd ein halbes Menschenleben nach der finalen Phase seiner politischen Macht noch wie ein Monarch über den Köpfen des führungsgierigen Volkes, so war der Plan, das weltgrößte Sportfest in knapp neun Jahren an Alster und Elbe zu feiern, nicht mehr als die Halluzination aktueller Bedeutsamkeit. Immerhin: Helmut Schmidt lebte, rauchte, dachte, dozierte, analysierte auch mit 96 Jahren wie einst zu Regierungszeiten, unbeirrbar und verehrt von (fast) allen. „Feuer und Flamme“ für Hamburg jedoch, dieser erfrischend anarchistische Slogan fürs staatstragende Ereignis in spe, war von Beginn an eine optische Täuschung, manifestiert auf Tausenden von Plakaten und einer medialen Berichterstattung im Rücken, die dem Begriff „Journalismus“ bis in seriöse Redaktionsetagen hinein spottete.
Was hätte Helmut Schmidt gesagt?
Helmut Schmidt, das andere Vexierbild Hamburger Bedeutsamkeit, hat sich dazu dem Vernehmen nach nicht allzu offen geäußert. Aber was hätte der Elder Statesman schon gesagt, in seiner schnodderig präsidialen, leicht altklugen, aber eben auch lebensweisen Art? „Nun kommt mal wieder runter von eurem hohen Ross“, vermutlich. Als unverwüstlicher Schiffermützenlotse liebte er seine Heimat schließlich viel zu sehr, um sie den Gernegrößen aus Wirtschaft, Politik und Presse zu überlassen. Er nahm sein Hamburg ja nicht viel wichtiger als es war, eben weil er es so mochte und umgekehrt, weil er alle Zuneigung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft abglich, weil er auch darüber sinnierte, Tag für Tag, Kippe für Kippe.
Das ist ein schöner, kluger, nostalgischer, intimer Patriotismus, lokal verwurzelt und polyglott. Der einzige womöglich, dem weder Selbstgerechtigkeit noch Ausgrenzung folgen, einer, für den man vielleicht zwei Kriege, vier Systeme, 24 Kanzler und bald 100 Jahre erlebt haben muss. Nun ist die rauchige, oft polarisierende, selten ungerechte Stimme pragmatischer Vernunft verstummt und fehlt selbst jenen, die ihn politisch kaum bewusst erlebt haben, was ein bisschen merkwürdig ist für einen, der ihm politisch noch nicht mal sonderlich nahe stand.
Wille, Demut, Kraft und Bescheidenheit
Vielleicht rührt dieses Verlustgefühl ja daher, dass Helmut Schmidt vier Führungseigenschaften miteinander verbunden hat, deren Kombination – falls es sie je großflächig gab – langsam auszusterben scheint: Wille und Demut, Kraft und Bescheidenheit. Alles versinnbildlicht in der wohl größten Absurdität seiner Amtszeit: Dass er bei alldem, worin dieser Staatsmann von Verachtung der Umweltschutzbewegung bis zur Ablehnung basisdemokratischer Teilhabe falsch lag, ausgerechnet den Tod des tiefbraunen Proletarierfressers Hanns-Martin Schleyers als eigenes Verschulden, mithin als persönlichen Verlust ansah.
Was muss dieser aufrechte Sozialdemokrat den reibungslos vom Helfershelfer des nationalsozialistischen Terrorregimes zum bundesrepublikanischen Arbeitgeberführer aufgestiegenen SS-Sturmbahnführer verachtet haben? Und doch erbot er ihm am Ende jenen Respekt, den die Täter-Generation Schleyer Andersdenkenden bis zur Vernichtung verweigert hatte. Es ist genau diese Größe, die Hamburg fortan fehlen wird, nicht die der elitären Sport- und Funktionärspaläste. Tschüss Helmut, Olympia Ade.
Günther Jauch: Plaudertasche & Talkpensionär
Posted: November 28, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Irrtum ade!
Nach kaum mehr als vier Jahren beendet der König des belanglosen Plauderns an diesem Sonntag seine sündhaft teure ARD-Talkshow – und damit ein großes Missverständnis: Günther Jauch (Foto: ARD) ist weder Journalist noch Anwalt des kleinen Mannes. Sondern einfach ein sehr, sehr guter Geschäftsmann mit gewissen Entertainerqualitäten.
Von Jan Freitag
Irrtümer können ganz schön hartnäckig sein. Derjenige zum Beispiel, nach drei Bierchen könne man problemlos Auto fahren, hält sich bekanntlich selbst unter bayrischen Spitzenpolitikern beharrlich. Auch, dass Hunde den Mond anheulen, Jugendliche immer gewalttätiger werden oder Erkältungen durch Kälte entstehen, wird nicht dadurch richtiger, dass man es dauernd wiederholt. Da könnte man ja gleich dem denkbar größten Irrtum unserer Tage Glauben schenken: Bei einer Direktwahl durchs Volk bekäme Günther Jauch die Mehrheit.
Wer das glaubt, glaubt womöglich auch, Deutschlands beliebtester Fernsehmoderator sei auch ein guter Talkshowmaster oder noch ein bisschen verrückter: Journalist. Aber gut – jetzt ist mit diesem Märchen ja Schluss. Diesen Sonntag hört Günther Jauch auf, zu sein, wofür er einfach nicht bestimmt ist und doch Abermillionen sinnlos vergeudete Euro kriegt: Günther Jauch. Dann wechselt das RTL-Gesicht letztmals zum Wochenendfinale vom privaten Biotop rüber ins öffentlich-rechtliche Exil und begrüßt seine Gäste bei der ARD. Dann ist seine Gesprächsrunde nach vier Jahren auf Sendung trotz konstanter Einschaltquoten überm Senderschnitt Geschichte. Ein Irrtum weniger auf dem Feld beharrlicher urban legends.
Denn Günther Jauch war, er ist alle Mögliche: Ein Kaiser arglosen Entertainments, der König des belanglosen Plauderns, Edelmann diverser Unterhaltungsshows für Bürger, Bauern Bettelleute. Er kann profane Alltagsquizrunden ebenso wie übersteuerte Samstagabendsausen zum heiteren Hochamt gesamtdeutscher Abendgestaltung weihen und dem Altmedium Fernsehen somit eine Art nonchalanter Relevanz suggerieren. Noch besser aber kann Jauch den Hochadel seriöser TV-Dispute so profanisieren, dass sie intellektuell belanglos werden, äußerlich mitunter wärmend, innerlich bedeutungslos und leer.
Dafür muss man nur ein paar Monate zurückwandern auf der Zeitachse linearen Fernsehens. Im April war es, da ertranken im Mittelmeer zwar auch nicht mehr Flüchtlinge als üblich, aber die Medien waren durch ein paar besonders verlustreiche Schlepperhavarien aufgeschreckt. Aus diesem Grund nun lud der nette Herr Jauch nicht nur den rassistischen Brachialpublizisten Roger Köppel aus der Schweiz zum Disput, sondern auch einen freundlichen Philanthropen, der auf eigene Faust Schiffbrüchige rettet und plötzlich etwas tat, das den Moderator an den Rande der Zurechnungsfähigkeit brachte: Er forderte Schweigeminute für die Opfer von Europas Abschottungspolitik.
Und was tat Jauch? Er sträubte sich, stammelte, winkte ab, rang sichtbar um Regelhoheit und gewährte doch eine Audienz der Stille im Quasselforum, nur dass sie keine 60 Sekunden währen durfte, sondern rund die Hälfte – dann brach er den erhabenen Moment ab, ging zur Tagesordnung über und riss sich somit endgültig die Maske vom Gesicht. Günther Jauch, 1958 in Münster geboren, als dort noch Priester statt Grüne den Ton angaben, gilt nämlich im Medium der Machtinteressen als Stimme des kleinen Mannes – obwohl er sich wie kein zweiter Promi seines Ranges den Fangarmen der Springerkrake entzieht.
Er ist also wie gemacht fürs Unterschichtenfernsehen von RTL mit seiner verantwortungslosen Ballermannbespaßung, das die Lüge strukturell zum Faktum verdreht und Sachlichkeit allenfalls homöopathisch dosiert. Hier spielt das sportaffine BR-Gewächs seit 1999 für gut fünf Millionen Zuschauer den vertrauenswürdigen Ratepaten mit lausbübischer Empathie für den rätselnden Pöbel. Spätestens die Flüchtlingssendung vom April aber legt nahe, wie viel Pose darin steckt und wie wenig Wahrhaftigkeit.
Dafür spricht nicht zuletzt der Geschäftsmann im Moderator, dem das mitfühlende Image seit Jahren das Konto bläht, seit 2011 mit geschätzt zehn Gebührenmillionen im Jahr für eine Stunde Wochenarbeitszeit plus Vor- und Nachbereitung, die er zudem von seiner eigenen Firma i&u TV produzieren lässt. Dafür hat der Elitenzögling mit herrschaftlichem Anwesen in der reichen Residenzstadt Potsdam nicht nur die bessere Anne Will vom wichtigen „Tatort“-Anschluss auf den Aschenputtelplatz am Mittwoch verdrängt, sondern die „Gremlins“ der ARD auch sonst am Nasenring durch die Arena des Kampfs um unerreichbare Zielgruppen gezogen.
Selbst Vater Ernst-Alfred, er immerhin tatsächlich Journalist, soll mal über seinen Sohn gesagt haben, „was Günther macht, verstehe ich zwar nicht, aber es wird wohl gut bezahlt“, um hinzufügen: „Kein Mensch weiß, warum.“ Dem kann man, auch wenn es dem beruflichen Standesdünkel eines alten Printreporters vor Wer wird Millionär entsprungen sein mag, nur beipflichten. Jauch Junior ist zwar überaus nett, aber erschreckend beliebig; bildungsstark, aber meinungsschwach; unterhaltsam, aber trivial. Alles Relationen, die einer lukrativen Karriere im Kommerzfunk zuträglich sind. Fürs staatsvertraglich grundierte Hauptabendprogramm des Grundversorgers ARD taugen sie deutlich weniger.
Dass er mit kaum 60 Jahren nun – aus privaten und beruflichen Gründen, wie er mitteilen ließ – die Reißleine zieht und zum morgigen Finale allein mit Wolfgang Schäuble über Terror, Flucht und Pegida spricht, ist somit ein Schlag ins Kontor des verlängerungswilligen NDR als Auftraggeber. Bedauern sollte sie es dort nur solange, wie sich ein seriöserer Host am wichtigsten Talkshowplatz der Medienrepublik findet. Irgendjemand, der nicht nur über hohe Sympathiewerte beim anspruchsloseren Publikum verfügt, sondern über ein paar andere Dinge, die politischem Fernsehjournalismus dienlich sind: Kompetenz, Informiertheit, Augenhöhe. Irrtum ade.
Mehr Bilder und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-06/guenther-jauch-talksendung-ard-irrtum-ade
Kolumne: Hamburgs Olympia-Referendum
Posted: November 7, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Wahnsinnsstadt
Es gibt es so viele Gründe gegen Olympia, dass sich Hamburg genauso gut um die Austragung der amerikanischen Basketballliga bewerben könnte. Die Mittendrin-Kolumne Wahnsinnsstadt diesmal zu einem ungeheuer wichtigen Referendum, das eigentlich auch egal ist.
Von Jan Freitag
Am 29. November ist es also so weit, der Wahnsinn hat ein Ende: 1,3 Millionen Bürger und -innen dürfen abstimmen, ob die Olympischen Spiele 2024 nach Hamburg kommen. Gut, genauso könnten sie auch wählen lassen, ob der Klimawandel beendet wird, Gott eine Frau ist oder Günther Jauch am gleichen Tag doch nicht seinen ARD-Talk beendet; aber das sind eher theologische als politische Fragen.
Entscheidend ist, dass den Wahlberechtigten mit einer PR-Kampagne von biblischer Schlichtheit eingebimst wird, den Lauf der Geschichte allein mit Willenskraft zu lenken. Ein Selbstverständnis, der dieser Stadt seit Zeiten sturmumtoster Handelskoggen zueigen ist. Von der Realität hat sich das hanseatische Geltungsbedürfnis bei allem Pragmatismus noch nie aufhalten lassen. Beim Alten Elbtunnel – einst ein Weltwunder – hat das ganz gut geklappt, bei der Elbphilharmonie – jetzt eine Lachnummer – eher weniger, aber egal: Wenn sich das kaufmannsstolze Miniaturwunderland was in den Kopf setzt, wird‘s gemacht. Also ab ins Referendum.
Da hilft nur noch Verwirrung
Für das die Wahnsinnsstadt eine Empfehlung abgibt: Stimmt mit Ja! Wer seinen Gegner nicht besiegen kann, sprach ein mal fetter Fernsehkater, muss ihn verwirren. Und nichts verwirrt Hamburger Großmannssucht mehr als die verflixte Sache mit der Wirklichkeit. In der nämlich gibt es nur Gegenargumente einer erfolgreichen Bewerbung ums Mega-Ereignis, das bis auf Lillehammer noch jede Stadt zum Negativen verändert hat: Von der Fußball-EM im gleichen Jahr, das ein weiteres Megaevent hierzulande praktisch ausschließt, übers professoral kritisierte Nachhaltigkeitskonzept, das dem IOC angesichts der Vergaben an die Umweltfeinde Peking, Rio, Tokio herzlich egal ist, bis zur ungedeckten Finanzierung von 6,2 der 7,4 Milliarden Euro aus öffentlicher Hand, gibt es so viele Gründe gegen Olympia, dass sich Hamburg genauso gut um die Austragung der amerikanischen Basketballliga bewerben könnte.
Womit wir bei der Konkurrenz wären, besonders L.A., das 2024 nach dann 28 Jahren US-Abstinenz turnusmäßig dran wäre und gegenüber Europa nur das Nachsehen hätte, wenn die dortige Stadt einen Namen trüge, den man international mit etwas anderem assoziiert als einem Fleischklopsbrötchen, also Paris oder Rom. So schwer es dem Marketing auch fällt, das angesichts all der Ballermannbesucher aus Deutschlands Schützenfestgürtel zu akzeptieren: außerhalb Nordeuropas ist diese Stadt nahezu unbekannt. Und Fans gediegener Independent-Musik, denen sie dank des Reeperbahn-Festivals doch ein Begriff ist, sind tendenziell eher weniger an Rhythmischer Sportgymnastik interessiert.
Eigentlich nur Formsache
Aber um Gäste mit mehr Anspruch als umgehende Druckbetankung mit Musicalpathos und Promille ging es den Seelenverkäufern der Eventkultur noch nie – weshalb sie ein Werbevideo ohne Frauen gedreht haben und verdrängen, dass Olympische Spiele in der Regel mindestens dreimal teurer werden als kalkuliert; weshalb alle Warnrufe von Elbphilarmonietraumatsierten über die Hafenwirtschaft bis hin zu Umweltschutz und Universität in den Wind geschlagen werden und die Hamburger Presse willfährig faselt, das Referendum sei eigentlich nur Formsache. „So wird Olympia die Stadt verändern“, titelte die Mopo Anfang Oktober. Kein Konjunktiv.
Indikativ!
Also bitte, liebe Wahlberechtigte: Seid gefälligst ebenfalls für die Kandidatur! Mit 100 Prozent Zustimmung in die sichere Niederlage – vielleicht holt das die selbstgerechten Pfeffersäcke ja auf den Boden der Tatsachen zurück. Und falls nicht, falls sie einfach weitermachen wie bisher, könnte ein gelungener Plebiszit Vorbild sein für weitere Abstimmungen über den Größenwahn einer kleingeistigen Stadt. Her mit dem Referendum über Schlagermove, Harley-Treffen und Cruise Days! Wenn diese Stadt schon nicht bekannter werden kann, dann doch wenigstens ein bisschen lebenswerter.
Club-Mausoleum: Posemuckel (1980-92)
Posted: October 24, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentKleinkleckersdorfdisco
Cocktails kippen, Italo-Pop hören, Frauen anbaggern: Das Club-Mausoleum holt diesmal das Posemuckel aus der Gruft, ein Kneipenkonglomerat nahe der Alster, das in den Achtzigern erstaunlich viele Hamburger nicht gekannt haben wollen, obwohl es immer brechend voll war.
Von Jan Freitag
Die Achtziger, ein diffuses Jahrzehnt. Viel ambivalenter jedenfalls, als es das 36. Revival seit 1990 gemeinhin suggeriert. Die Achtziger, das war ja eine Ära der aseptisch distanzierten Wave-Disco ebenso wie des septisch biederen Emailleschilderwald-Ambientes. Neonlichtdurchzuckte Einzeltanzfabriken koexistierten vergleichsweise harmonisch neben heillos überfrachteten Schankstuben in Gelsenkirchener Barock. Es gab die ersten Technokeller, die letzten Rockschuppen, die lässigen Discos am Übergang. Es gab Läden für Goths oder Popper, Hippies und Punker, Soul-Kids oder Rocker. Und es gab das Posemuckel.
Falls es das wirklich gab.
Mit dem Posemuckel verhielt es sich nämlich wie mit dem westfälischen Festland-Atlantis Bielefeld: Über die Existenz des Kneipendorfes am Binnenalsterfleet konnte letztlich nur gemutmaßt werden. Kaum jemand wollte schließlich je dort gewesen sein. Im Posemuckel waren allenfalls Freunde von Freunden entfernter Bekannter, die dann auch noch schamlos leugneten, je dort gewesen zu sein. Was den Zweifel daran nährte, dass sich unter Hamburgs teuerster Konsumzone etwas anderes als gut gefüllte Warenlager umliegender Edelboutiquen befänden, die ab 1980 wie Schulterpolster aus den Einkaufspassagen jener Jahre wuchsen. Posemuckel, das war zur These menschenleerer Innenstädte nach Einbruch der Dunkelheit die Antithese eines vitalen Nachtlebens, deren Synthese ausgerechnet nach einem polnischen Dorf benannt wurde, das hierzulande rasch zum Synonym für Pampa wie Kleinkleckersdorf oder JottWeDe geriet: Podmokle Małe, zu deutsch: Klein Posemuckel.
Doch um jedweder Verschwörungstheorie das Brackwasser abzugraben: So wie es das 458-Seelen-Nest nahe der alten DDR-Grenze gibt, gab es auch den hanseatischen Kneipenkomplex in Rathausnähe. Mehr noch: es war gigantisch, weiträumig, verwinkelt wie das Tunnelsystem der Vietkong, fast ebenso dunkel, nur weitaus bevölkerter. Die unterirdische Gaststättenlandschaft nämlich, deren Vorkommen so gern dementiert wurde, war besonders am Wochenende derart brechend voll, dass die Menschentraube davor selbst im Winter, der seinen Namen damals noch wirklich verdient hatte, bis weit über die angrenzende Bleichenbrücke hing.
Und ich weiß, wovon ich rede, auch ich stand einmal darin und begehrte Einlass in Hamburgs meistgehasster, meistgeliebter Partylocation eines Jahrzehnts, das zusehends unangenehm wurde: selbstgefällig, schlageresk, überfönt, die Rick-Astley-Achtziger halt. Doch wie jeder Bundfaltenhosenträger wurde auch ich irgendwann, es muss etwa 1987 gewesen sein, vom Lord Voldemort der erwachenden Eventkultur angesaugt wie durch blutige Kriegsbilder oder fiese Autounfälle. Einmal mit eigenen Augen sehen, was alle Welt so hassliebt. Gut, detailliertere Erinnerungen hat mein halbwissenschaftlicher Eigenversuch nicht ins Langzeitgedächtnis kodiert. Aber ein bisschen ist dennoch hängengeblieben.
Die Unübersichtlichkeit vor allem, das unfassliche Durcheinander, ein Chaos aus 13 vorwiegend bürgerlichen Bierschenken mit Discocharakter, verteilt aufs tiefgaragengroße Untergeschoss vom „Kaufmannshaus“ genannten Altbau drüber, den zahllose Säulen auf Abstand hielten, um die sich Unmengen eher stinknormaler Leute scharten, als sei oben gerade jener 3. Weltkrieg ausgebrochen, der den bierseligen Hedonismus des anwesenden Mainstreams im Zeitalter der Ostermärsche und Hausbesetzungen noch zu rechtfertigen hatte. Deren Stammpersonal war hier allerdings so rar wie Stil und Geschmack.
Innenarchitektonisch gestaltete sich das Posemuckel rings um den zentralen Bierbrunnen ja irgendwo zwischen Hafen-Pinte, Pupasch und Peepshow. Musikalisch wurde es mit den zeitgenössischen Mittelschichtscheußlichkeiten von Italo-Disco über Chart-Sülze bis Schweine-Rock und den wiedererblühenden Schlager beschallt, zu denen auf mehreren Dancefloors weniger getanzt als bemüht rhythmisch gedrängelt, besser: gebaggert wurde. Denn unterm Einfluss des Hitti Hitti genannten Longdrinks unbekannter Zusammensetzung (Jägermeister war wohl drin) galt das Posemuckel eingangs der Technoepoche als analoger Aufreißschuppen schlechthin, der nicht nur über eine eigene Währung namens Posemuckel-Taler verfügte, sondern über Straßennamen, Regierungsmitglieder, eine Zeitung. So weit der vernebelte Volksglaube.
Die Realität entzauberte ihn jedoch an einem einzigen Samstagabend als das, was seien Ruf bis zur kollektiven Verleugnung seiner bloßen Existenz ruiniert hatte: Ins Posemuckel ging, wer fürs Madhouse zu gesittet daherkam, fürs Trinity zu schnauzbärtig, fürs Mojo zu banal, fürs Top Ten zu alt, fürs Café Keese zu jung und für die frische Konkurrenz von Tempelhof bis Subito zu konservativ. In den Ecken fern des zentralen Ballermann-Pultes spielten die DJs zwischen den notorischen Mikro-Texten zwar schon mal Soul, als er noch nicht ausnahmslos auf Vinylsingles ohne Coverbedruck verabreicht wurde, doch das waren elaborierte Ausnahmen vom Abschleppservice Posemuckel, der die Partystadt um nicht mehr als einen fahlen Mythos bereicherte, die Innenstadt sei auch nach Ladenschluss noch lebenswert.
Das ist sie nicht, sie ist täglich ab zehn Uhr abends zum Sterben verurteilt, wie nicht nur die architektonisch verunstaltete Bleichenbrücke belegt, wo die Stadt vor 35 Jahren begann, echtes Leben durch überdachte Passagen zu ersetzen. Mit einem tageslichtlosen Omakneipen-Konglomerat als Feigenblatt vermeintlicher Vitalität. Falls es denn existierte.
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Klaus Marschall: Augsburger Puppenkiste
Posted: October 17, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Der Strippenzieher
Als Klaus Marschall (Foto: Augsburger Puppenkiste) noch auf allen Vieren durchs Marionettentheater seiner Eltern krabbelte, kannte jedes Kind im Land die Augsburger Puppenkiste. Seit er sie leitet, sind die Holzpuppen zwar zusehends vom Bildschirm verschwunden, aber längst lukrative Global Player des Guten, Schönen, Wahren im digitalen Zeitalter. Porträt eines echten Überzeugungstäters.
Von Jan Freitag
Falls der Himmel ein Dachgeschoss hat – so könnte es aussehen. Durchs Heiliggeist-Kloster im Augsburger Stadtkern geht man rauf ins kollektive Gedächtnis aller Nachkriegsgenerationen: Ein schummrig beleuchteter Schaukasten beherbergt das Sams samt Taschenbier. Ein paar Schritte weiter reitet Lord Schmetterhemd durch die Wüste. Don Blech, Kater Mikesch, Urmel – hier hängen sie an ihren Fäden, als komme das Fernsehen weiter aus Röhren. Und da drüben, in voller Pappmachépracht: Lummerland, Lukas, Jim Knopf. Kindheitsträume hinter Glas, ein Stockwerk voller Erinnerungen.
Klaus Marschall ist schon oft hinaufgegangen, ins hauseigene Museum des berühmtesten Puppentheaters der Republik. Er kennt jeden Holzkopf, jede Requisite, jedes noch so kleine Detail. Und doch kriegt auch der Theaterdirektor hier oben das Kinderstrahlen kaum aus seinem grauen Fünftagebart. „Des ist ja ned nur die Geschichte unseres Hauses“, schwärmt er im bauchigen Ton seiner Heimatstadt, „es ist auch meine eigene“.
Schließlich kennt niemand die Augsburger Puppenkiste besser als ihr Geschäftsführer mit den hellwachen Augen. Und das will was heißen, bei einer Bühne, deren handgeschnitztes Personal mehr Bürger über 40 vor Augen haben dürften als so manchen Bundesminister. Deren Kollegen waren 1961 noch von Konrad Adenauer ernannt worden, als Klaus Marschall hineingeboren wurde ins aufstrebende Provinztheater, das 13 Jahre nach der Zerstörung im Krieg gerade mit der Muminfamilie den Durchbruch im Fernsehen gefeiert hatte. Es war der Beginn eines goldenen Zeitalters für beide – die Puppenkiste und ihren späteren Chef.
Denn parallel zur Geburt des Erben produzierte die Puppenkiste Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Die nachproduzierte Farbversion von 1976 fegte nicht nur bei der Erstausstrahlung die Straßen leer, sie gilt bis heute als Meilenstein zeitloser Familienunterhaltung. Wer Emma nie im Frischhaltefolienmeer gesehen hat, ist entweder im Funkloch aufgewachsen oder bei Technikhassern. Noch heute verkauft sich die Marionettenversion von Michael Endes Bestseller gut, das Fernsehen spart nicht an Wiederholungen. Nur an einem Ort hat sie keiner je gesehen: In der Augsburger Puppenkiste.
Die nämlich trennt Bühne und Kamera seit schwarzweißen Zeiten strikt. Da das pittoreske Kreuzgewölbe im Herzen der nordbayrischen Stadt fürs raumgreifende TV-Format ungeeignet war, wurde schon das weit simplere Peter und der Wolf 1953 aus einem Hamburger Luftschutzbunker gesendet. Umgekehrt taugen die üppig ausstaffierten Serien nicht für den Saal. „Statt 40 verschiedener Kulissen wie am Bildschirm, müsste Jim Knopf live mit drei bis vier auskommen“, meint Klaus Marschall, „da wären die Zuschauer zu Recht enttäuscht“. Dramaturgisch lassen sich Film und Theater also kaum vereinbaren. Wirtschaftlich sieht das ein wenig anders aus.
Nicht zuletzt dank jahrzehntelanger Präsenz im Hessischen Rundfunk ist aus dem berühmten, aber winzigen Bretterverschlag eine Großbühne globaler Kleinkunst geworden. Und auch, seit nicht mehr jedes Jahr ein neues Holzensemble zu nationaler Bekanntheit kommt, sprudeln solide Einnahmen aus Ticketverkauf, Merchandising, Gastronomie ins denkmalgeschützte Haus. Wie Brunnenbach und Brunnenlech, die sich direkt unter Marschalls verwinkeltem Büro im grandiosen Renaissance-Bau vereinen, rauschten sie jedoch meist auch gleich wieder hindurch. Heute wie damals. „Wenn mein Vater Anschaffungen machte“, erinnert er an die Zeit des Generationenwechsels, „ging er zur Sekretärin und fragte, ob noch Geld da ist“. Beschauliche Zeiten. Ohne Spielkonsolen und Privatfernsehkonkurrenz.
Heute dagegen – ein Internet, 200 Kanäle und Milliarden Touchscreens später – könne sich ein rentabler Kulturbetrieb mit 26 Vollzeitkräften und zwei Millionen Umsatz so kreative Buchhaltung nicht mehr leisten. Deshalb hat der gelernte Dekorateur ohne betriebswirtschaftliche Ausbildung schon als einfacher Mitarbeiter „nächtelang Vierjahrespläne erstellt“. 1992 dann, frisch mit der Leitung betraut, hat er dann rasch Abläufe gestrafft, Investitionen strukturiert, Löhne erhöht, also auch am Arbeitsmarkt für Konkurrenzfähigkeit gesorgt und zudem Tourneen organisiert, „um die Marke international bekannt zu machen und Kapazitäten auszulasten“.
Gab es bei Vater Hanns-Joachim 350 Vorstellungen im Jahr, inszeniert der Filius ein Drittel mehr – 120 Gastspiele von Japan über Amerika bis in Arabiens Wüste inklusive. Die Zahl der Sitzplätze ist auf 212 gestiegen und damit Einnahmen, Personalgröße, Sponsorengelder, Fördermittel. Dafür arbeitet Klaus Marschall sechs, manchmal sieben Tage, oft bis in die Nacht. Wenn er danach mal mit seiner Frau essen gehe, „besprechen wir geschäftliche Dinge, für die vorher keine Zeit war“. Ganze zwei Sommerwochen, wenn sich das Paar in ein italienisches Bergdorf zurückzieht, ist er mal unerreichbar.
Mit dem Eifer eines Nachlassnehmers, der sich des Erbes wert erweisen will, kniet er somit in einer Aufgabe, die so alt ist wie der Chef selbst. Oma Oehmichen nahm das Wickelkind bereits mit in die hauseigene Werkstatt, wo sie wie später ihre Tochter im Akkord Puppen schnitzte. Kaum groß genug zum Rechnen half er später an Tür und Kasse aus, um mit zwölf das erste Mal von den Hausaufgaben ins Theater gerufen zu werden. „Als ein Puppenspieler krank wurde“, erinnert er sich in seinem museumsartigen Büro voller Rundbögen und Krimskrams aus aller Welt ans Jahr 1973, „bin ich ins Taxi gestiegen und eingesprungen“.
Wenngleich nicht grad ins eiskalte Wasser. „Ich hatte ja schon mein eigenes Theater“, er zeigt auf den historischen Dielenboden: „Aus Opas Keller.“ In Altenheimen und Kindergärten führte er damals Geschichten seines Bücherregals auf, aus Spaß, aber auch Veranlagung. Da war also kein Zwang, nur Überzeugung – die ersterem allerdings rasch nahe kommt, wenn daraus Existenzen erwachsen, Verpflichtungen. Zum 25. Firmenjubiläum hatte er seine erste Sprechrolle, Der gestiefelte Kater, als Küchenjunge, klein, doch unersetzbar. Von da an war Marschall aus dem Familienbetrieb nicht wegzudenken. Dass er nach der Bundeswehr fest einstieg und zehn Jahre später an die Spitze auf, schien genetisch kodiert. Und als er kurz darauf seinen älteren Bruder Jürgen als Schnitzer ins Team holte, war das Generationenprojekt vollendet. Vorerst: Bald arbeiteten neben seiner Frau auch zwei der drei Kinder mit.
Nach dem Willen des Intendanten, Geschäftsführers, Aushilfspuppenspielers, Ersatzschreiners, „oft Mädchen für alles“ helfen sie dabei, die Puppenkiste als das zu erhalten, was sie ist: ein familiärer Mittelständler, untadelig kreditbelastet, staatlich bezuschusst, nicht defizitfinanziert, also solide wie immer, seit Klaus Marschall die Fäden führt. Eine halbe Million stecken Land und Kommune jährlich in die Puppenkiste. Doch angesichts der gut 70 Euro, mit denen jedes Ticket der 700 deutschen Sprechbühnen im Schnitt subventioniert wird, sind Marschalls 5,32 pro Karte nicht nur bescheiden, sondern eine glänzende Investition.
Augsburg ohne Puppenkiste, das wäre ja wie Bayern ohne München, und weil sie ohne den obersten Strippenzieher ähnlich undenkbar scheint, schwärmt der Oberbürgermeister vom „wunderbaren und verdienten Botschafter“ seiner Stadt, fast so bekannt wie die Fugger, nur weniger elitär. „Immer wenn wir uns begegnen“, fügt Kurt Gribl hinzu, „erlebe ich Klaus Marschall als bodenständigen, heimatverbundenen Menschen“, kompetent, zuverlässig, „immer gut drauf“. Ein bisschen wie der örtliche FCA, dessen Team jede Saison im Theater des leidenschaftlichen Clubfans vorstellig wird und zurzeit mit bodenständigen, heimatverbundenen Fußballern jene Liga stürmt, die etwas höher von echten Großkonzernen dominiert wird.
Bayern, Wolfsburg, Leverkusen – abseits des Sports hießen ihre Unterhaltungsäquivalente Apple, Pixar, PS5. Namen, bei denen die Frohnatur erstmals aus der Haut fährt. Die milliardenschweren Player globalen Hochglanzentertainments, klagt Marschall im abgewetzten Sofa aus Zeiten dreier Fernsehprogramme, „ersticken alle Phantasie mit keimfreier Perfektion“. Seine bis zu 40 Mitarbeiter hingegen „erwecken lebloses Holz zum Leben“. Das verlange dem Publikum bei allem Spaß auch was ab, statt es mit Megapixxeln zu sedieren. Und keinesfalls nur Kindern.
Vor zehn Jahren, meint er mit wedelnden Händen, „haben Eltern ihren Nachwuchs oft nur als Alibi mitgebracht“. Nun zählt sein Theater auch für Erwachsene zur Hochkultur. Gerade am Abend, wenn Marschall wie sein Großvater normale Stücke aufführen lässt, nur eben mit Marionetten. Ein paar Hundert von knapp 5000 hängen hinter der Bühne. In Jeans klettert der Mittfünfziger behände auf ein Spielpodest und holt einige vom Haken: Steinalte wie Kasperl, bei dem sein Herz spürbar aufgeht. Brandneue wie Gregor Gysi, Teil eines Kabarettstücks mit 120 Puppen. Protagonisten allesamt, die Grimms Märchen ebenso mit Leben füllen wie Wagners Nibelungenring, von dem Klaus Marschall derzeit träumt.
Im Hof läuten die Glocken der Spitalskirche, als er seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, das Theater werde auch auf Bildschirm und Leinwand wieder präsenter. Schließlich ging Ende der Neunziger eine Million Zuschauer in die Kinoversion von Monty Spinnenratz. Mit den Rundfunkanstalten der Umgebung sei man längst in Verhandlungen. Marschalls Stimme hebt sich abermals leicht: „Die Menschen sehnen sich nach was Echtem, Greifbarem“. Auch darum ist seine Puppenkiste so unverwüstlich wie die Figuren im Museum. Gut, es gebe Wellen, sagt Marschall. Privat, geschäftlich. Sein Salär bemesse sich am Schuldendienst. „Und unser Etat ist immer auf Kante genäht“, besonders, wenn wie jüngst die Tonanlage Ersatz braucht.
Dann aber springen wie so oft lokale Sponsoren ein. Die Platzauslastung liegt unverdrossen nahe 100 Prozent. Zwei Jahre in Folge warfen jüngst Gewinn ab. Und Pacht verlange Augsburg auch künftig nicht für ihre Räume aus dem 17. Jahrhundert. Die Puppenkiste mag den Himmel im Obergeschoss haben – weil ihr alle wohlgesonnen sind, ist sie auch auf Erden erfolgreich.
Der Artikel ist vorab in der ZEIT erschienen
