Marco Schreyl, RTL-Alleswegmoderierer

Hübsche Nacktschnecke

Das TV-Gewächs Marco Schreyl ist der Prototyp harmlosen, aber erfolgreichen Kommerzfernsehens schlechthin. Lausbubencharmant und kantenfrei moderiert der 39-Jährige alles grinsend weg, was ihm RTL vor die hübsche Nase setzt. Und weil das so generationenübergreifend ankommt, darf er jetzt sogar öffentlich-rechtlich einen Preis verleihen: die grenzenlos irrelevante Goldene Henne von Superillu und MDR (25. September, auch im RBB).

Von Jan Freitag

Das deutsche Fernsehen ist von einer tiefen Bitternis erfüllt. Allerorten geht sie um, die Frage, wie bitter es denn sei. Wie bitter, die Meisterschaft in drei Minuten vergeigt zu haben oder wegen eines Eigentors abzusteigen. Wie bitter genau, Zero Points aus France zu kriegen, aber zwölf Punkte aus Flensburg. Das Interview als Handwerksstück reduziert sich am Bildschirm zusehends auf diesen Fragetypus; man könnte ihn zu verifizierende Attributivannahme nennen, eine Art Skalierungsgesuch im Single-Choice-Dialog. Sein Großmeister heißt Marco Schreyl.

Als Moderator von Deutschland sucht den Superstar hat er die Wie-Frage perfektioniert. „Wie wichtig ist dir das“, drang er in den späteren Gewinner Mark, nachdem der gerade Pathossatt beteuert hatte, für seinen Voten Vater zu singen. „Wie sehr lieben Sie Ihre Tochter“, presste er aus Lisas Vater heraus, als die ihre Elternliebe beschwor. „Wie schön war dieses Lied für dich“, begann sein Verhör mit Martins Schwester nach dessen Beteuerung, sie sei ihm das Wichtigste. In Schreyls Welt spielen Antworten keine Rolle. Er gibt sie allesamt vor.

Und warum sollte es auch mehr sein. Marco Schreyl ist jene Fassade, die das Fernsehen, zumal privat verantwortet, sucht. Deshalb hat ihn RTL vor zwei Jahren dem ZDF abgekauft und zum Sendergesicht ausgebaut. Vom Altenheim ins Irrenhaus, kommentierte Harald Schmidt den Wechsel. Fünf Jahre lang hatte das „Moderatorentalent“, wie ihn der Tagesspiegel mal nannte, zuvor das Nachmittagsmagazin hallo deutschland präsentiert, recht gehaltvollen Boulevard also. Marco Schreyl sagt lieber: „Journalistischen Boulevard. Er meint es verteidigend.

Schreyl hat also seine Selbstachtung nicht in Mainz vergessen, jenes Berufsethos, das sich der Erfurter 1997, gerade mal 23, in der MDR-Nachrichtenredaktion erarbeiten musste. Es machte ihn zu einem Hoffnungsträger und war für sein Portfolio im Zweiten mitverantwortlich: Boulevard, Boxen, Der Große Preis, Königshochzeit – wenig, das man dem ausgebildeten Sportkommentator nicht zutraute. Man nennt so was Allzweckwaffe, eine attraktive zudem, die das Publikum 2002 zum „Schönsten Moderator Deutschlands“ kürte.

Vielleicht war das ein Titel zu viel. RTL jedenfalls griff zu und machte aus Schreyl die hübsche Rampensau von heute, eine telegene Frontfigur ohne den Ballast kritischer Wissbegier, kreuzbraver Ausdruck leichter Abendunterhaltung. Ihr Credo heißt Nettigkeit. „Ich halte vom ständigen Runtergemache herzlich wenig“, erklärt er und klingt dabei so arglos wie einer, der lieber Tabu spielt als Monopoly. Seine Aufgabe sei es, „nett, verbindlich und als Gastgeber vor allem charmant zu sein“. Kein Wunder, dass er sich bei Alfredissimo zu deutscher Hausmannskost bekannte. Kein Wunder auch, dass er gern für PR-Events von BMW bis Gerolsteiner gebucht wird.

Denn Schreyl lächelt immer, redet flüssig und sagt nie was Zweckfremdes. „Vielleicht haben sie jetzt eine Vorstellung davon“, leitete der Nachfolger des Skisprungexperten Jauch beim früheren Skisprungsender RTL von einem Gespräch über Skisprungbrillen zur Finanzierung teurer Skisprungübertragungen über, „und vielleicht haben Sie ja eine Vorstellung davon, wie viele von diesen Maskottchen in unserem Nissan versteckt sind“. Kommerz verdängt Kompetenz. Welches Weblog, welches Forum man auch liest, kaum jemand lässt ein gutes Haar an Schreyl. „RTL-Foltermeister“ heißt es da, öde, unvorbereitet, langweilig. Nur selten wird er als einer der Besten seiner Zunft geadelt. Außer von Mukoviszidose e.V. Da ist Schreyl Botschafter. Ob er beim Studium der Sprechwissenschaften gelernt habe, „wie man viel und lange sinnloses Zeug redet“, fragt dagegen das Medienportal loovt.de.

Die Antwort lautet: Nein, so funktioniert Fernsehen in der Primetime. Die Show der Merkwürdigkeiten etwa sahen mal 21 Prozent der 14- bis 49-Jährigen. Sie geben sich samt der Anspruchslosen anderer Semester offenbar zufrieden mit den Stichwortgebern unterfordernden Massenentertainments. Wie Marco Schreyl. Ob Superstar-, Verbraucher- oder Sportshow – der 39-Jährige erinnert in seiner Harmlosigkeit an die gemeine Nacktschnecke: ein reines Futtertier unkomplizierter Konsumenten, im Auftreten leicht schleimig, aber unschädlich. Und dreht man sich nur kurz mal um, ist auch schon alles voll von ihnen.

Schließlich hält sich jeder Privatsender seine Aushängeschilder: Daniela Katzenberger ist Vox und Vox ist Daniela Katzenberger. Sat1 hat Oliver Pocher assimiliert, Sky Harald Schmidt und Pro7 gleich ein ganzes Team (Raab, Kraus, Joko und Klaas) während sich Schreyl diesen Rang bei RTL mit Oliver Geissen und Günther Jauch teilt. Sie alle stehen für Spaß ohne Risiko und Nebenwirkungen. Marco Schreyl nennt es „journalistische Unterhaltung“ und beziffert deren Verbreitung auf „fast die Hälfte im deutschen Fernsehen“. Was bitter wäre. Wie bitter, müsste man ihn fragen lassen. Also wie bitter genau. In Bittermaßen bitte, ein Bit vielleicht. Marco Schreyl will es genau so. Er könnte es besser.

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Avi Primor, Israels Ex-Botschafter in Bonn

Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei

502px-Avi-primor-2010-ffm-033Avi Primor auf einer Pressekonferenz 2010. Foto: Dontworry

Vor 20 Jahren wurde Avi Primor Israels Botschafter in Bonn und bis 1999 nicht nur zum großen Diplomaten auf schwierigem Terrain, sondern zum Experten des Nahostkonfliktes – was ihn selbst mit 78 zum begehrten Ansprechpartner macht, wenn es um die Chancen des Friedens in seiner Region geht. Die bewertet er indes auch nach dem Beginn neuer Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern skeptisch.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Primor, nach drei Jahren Funkstille sitzen Israelis und Palästinenser wieder am Verhandlungstisch. Wie sehen Sie die Friedenschancen diesmal?

Avi Primor: Nicht mit dem größten Optimismus, weil beide Kontrahenten ja nur widerwillig und unter heftigem amerikanischen Druck dorthin gehen. Aber immerhin sieht es so aus, als würden die USA – das einzige Land, das unsere Sicherheit wirklich erzwingen kann – diesmal auf ernsthafte und sachliche Verhandlungen beharren.

Das war zuvor anders?

Ja. Spätestens bei Präsident Obamas Besuch in Israel hätte ich mir im März eine öffentliche Zusicherung gewünscht, den Konflikt zur Not mit der Stationierung von Friedenstruppen zu beenden. Die Mehrheit der Israelis hätte fortan die radikale Minderheit unter Druck gesetzt, einzulenken.

Heißt das, die Siedlungspolitik zu stoppen?

Absolut. Denn ohne Druck von außen fehlt dazu leider der politische Wille im Innern. Wenn die USA, von denen sowohl wir als auch die Palästinenser total abhängig sind, nun aber beide Kontrahenten dazu drängen, zunächst mal über den Verlauf einer Grenze zwischen Israel und dem künftigen Palästinenserstaat zu entscheiden, könnte auch die Siedlungsfrage gelöst werden. Wie im Gazastreifen fiele es dann nämlich keinem Israeli mehr ein, Siedlungen jenseits der Grenze zu bauen. Dafür muss Präsident Obama allerdings das tun, was er im Frühjahr versprochen hat.

Und das wäre?

Die Sicherheit der Israelis nach dem Abzug aus dem Westjordanland zu gewährleisten. Denn in einem Staat wie Israel ist Frieden untrennbar mit Sicherheit verbunden. Die gewähren zu können trauen den Palästinensern allerdings nur wenige jener 70 Prozent der Israelis zu, die der Zweistaatlichkeit positiv gegenüberstehen. Die Regierung in Ramallah kann schließlich kaum garantieren, dass nach dem Rückzug aus dem Westjordanland nicht Extremisten die Politik definieren. Als abschreckendes Beispiel dient da der Gaza-Streifen, den Israel 2005 einseitig geräumt hat.

Ohne allerdings auf Repressalien jeder Art zu verzichten.

Mag sein, doch obwohl es weder Besatzungssoldaten noch Siedlungen gibt, steht das angrenzende Kernland unter permanentem Raketenbeschuss. Für die israelischen Anwohner ist das furchtbar, aber wenn diese Angriffe vom zentralen Westjordanland aus erfolgen, läge Israels gesamte Infrastruktur in Schussweite der primitivsten Hamas-Waffen. Das würde die Stabilität des ganzen Landes gefährden, dessen Mehrheit zudem von einer Minderheit regiert wird.

Inwiefern?

Dem trennungswilligen, aber zögerlichen Teil der Israelis, steht ein kleiner, ideologischer gegenüber, der sich gegen jede Zweitstaatlichkeit mobilisieren lässt. Die versöhnlichen Stimmen dagegen sind nicht nur uneins, sondern schlimmer noch: desinteressiert. Als lebten wir in der Schweiz, haben die erfolgreichen Oppositionsparteien im vorigen Wahlkamp Fragen von Siedlungspolitik, Krieg, Sicherheit einfach gar nicht thematisiert.

Weil ihnen die sozialen Probleme des Landes drängender erschienen?

Eher, weil trotz günstiger Voraussetzungen niemand mehr an Frieden glaubt. Dieser Fatalismus entspringt dem Bedürfnis, keine Energie auf etwas zu verwenden, was unlösbar erscheint.

War es da nicht ein reinigender Prozess, dass die Bürger 2011 israelische Belange endlich nicht mehr rein sicherheitspolitisch bewertet haben?

Schon, sofern sie die sozialen Probleme an deren sicherheitspolitischer Wurzel gepackt hätten. Dass der Lebensstandard trotz allen Wirtschaftswachstums sinkt, hat seine Gründe ja vor allem in einer öffentlichen Hand, die ihre Mittel zuerst in drei Bereiche steckt: Siedlungen, ihren Schutz und deren ultraorthodoxe Bewohner, die weder dienen noch arbeiten. Diese Lage scheint vielen Israelis so ausweglos, dass sie lieber wegsehen.

Es sei denn, die USA griffen ein.

Genau. Würde Obama für Sicherheit garantieren, könnte er von mindestens zwei Dritteln der israelischen Bevölkerung erwarten, dass sie für weitergehende Zugeständnisse Druck auf die eigene Regierung ausüben. Auch wenn diese Garantie noch nicht in ausreichendem Maße erbringt, hat sich der US-Präsident in unerwarteter Weise für Friedensbemühungen einschließlich einer energischen amerikanischen Begleitung und Unterstützung für solch ein Procedere ausgesprochen – mit dem Ergebnis, dass es jetzt zu Friedensverhandlungen kommt. Barack Obama hat also auf seinen ursprünglichen Ehrgeiz, Frieden in Nahosten herbeizuführen, keineswegs verzichtet. Das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer.

Aber ist es auch bereits ein sicherheitspolitische Erfolg?

Ja. Auch wenn er sich nicht offen für Sicherheitsgarantien nach dem Abzug aus dem Westjordanland ausspricht, hat er uns in Sicherheitsfragen ja umfassend den Rücken gestärkt. Die Tatsache, dass sich die Israelis nun zuversichtlicher fühlen, entkrampft sie und ebnet den Weg zu neuen Friedensverhandlungen.

Welchen konkreten Beitrag erwarten Sie dafür von den Palästinensern?

Die sind Obama insofern entgegengekommen, als sie bei der UNO vorübergehend auf einseitige Bemühungen verzichtet haben. Wenn sie jetzt noch seinem Wunsch entsprechen, den Stopp des Siedlungsbaus nicht mehr offiziell zu fordern, beenden ihn die Israelis womöglich inoffiziell. Ihre Rückkehr an den Verhandlungstisch ist jedenfalls ein gutes Zeichen.

Und welcher arabische Nachbar könnte dort der nächste sein?

Wenn der Bürgerkrieg beendet ist, hoffe ich auf Frieden mit Syrien, womit sich der Libanon fast automatisch anschließen würde. Damit hätten wir ihn nach Ägypten und Jordanien mit allen unmittelbaren Nachbarn geschlossen. Noch wichtiger ist jedoch, dass Saudi-Arabien und die Golfstaaten den Palästinensern so weit den Rücken stärken, dass die sich in Verhandlungen mit echten Zugeständnissen trauen. Es muss auf beide Seiten Druck ausgeübt werden.

Was steht dem in dieser Region am meisten im Weg: Nationalismus, Machtpolitik, Religion oder alles zusammen?

Vordringlich ist es ein Nationalismus, der bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts auch im alten Europa herrschte. Es ging dabei um Machtwillen, Territorium, Stolz – Kategorien also, die im neuen Europa weitgehend überholt sind, im Nahen Osten aber weiter wirken. Denn seit Israel 1948 in einem Krieg hinein geboren wurde, der im Grunde immer noch anhält, galt es unter den Nachbarn ja nur als vertagte Selbstverständlichkeit, dass Israel von Landkarte verschwinden würde. Frieden war ohne Chance.

Woran Israel keinesfalls unschuldig war.

Stimmt. Bis 1967 hatte es zwar auf die Hälfte Palästinas verzichtet, nach dem Sechs-Tage-Krieg jedoch auch den historischen Teil ihrer Nation erobert.

Das biblische Judäa und Samaria.

Woraufhin große Teile der Bevölkerung ihre realpolitische Verzichtshaltung zugunsten faktischer Inbesitznahme geändert haben. Die Palästinenser wollten ihren Staat, Israel kein Territorium hergeben – worum hätte man verhandeln sollen? Aber seit die meisten Araber widerwillig zum Schluss gekommen sind, dazu verdammt zu sein, mit Israel zu leben, ist eine friedliche Lösung denkbar. Zumal seit dem Oslo-Abkommen von 1994 eine Mehrheit in Israel die Trennung vom Westjordanland befürwortet. Und weil daran sogar jene Islamisten nicht rütteln, die seit Mubaraks Sturz in Kairo an der Macht sind, scheint Frieden möglich.

Werden Sie den noch erleben – mit fast 80 Jahren ?

1977, als Präsident Sadat uns in Jerusalem wie ein Wunder wider die Natur die Hand gereicht hat, hatte ich diese Hoffnung. Wenn Barack Obama uns nun seine Hand ausstreckt, ist Frieden von einen auf den anderen Tag möglich. Man muss nur die Verantwortung dafür übernehmen. Frieden braucht kühne Männer wie Rabin, wie Sadat, Männer, die dafür ermordet wurden, aber die Geschichte geht weiter.

Also doch optimistisch?

Es könnte klappen, ja. Man muss es nur durchsetzen wollen. Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei.


Kochendheißduscher

fragezeichen_1_Wer in Film und Fernsehen unter die Dusche steigt, füllt das Badezimmer in kürzester Zeit mit Dampf, als läge die Wassertemperatur am Siedepunkt. Merkwürdig

Bei Doktor Mabuse fing alles an. Tief in der schwarzweißen Filmfiktionsära konnte er sich mal unsichtbar machen und wurde erst enttarnt, als sein Widersacher im Badezimmer das Wasser so heiß aufdrehte, dass sich die Konturen des Bösewichtes in den dampfenden Rauchschwaden abzeichneten. Da fragt sich natürlich, ob handelsübliche Hähne seinerzeit zugleich Tauchsieder waren. Denn selbst, wenn wir die Dusche auf Höchsttemperatur drehen, verdampft das Nass nur dann wirklich sichtbar, wenn sie am Polarkreis im Freien stünde.

Merkwürdig.

Und nicht allein mit dem handelsüblichen Visualisierungsbedarf eigentlich unsichtbarer Elemente erklärbar. Selbstredend soll ein heißes Bad auch über Schmerzensschreie hinaus am Bildschirm erlebbar werden. Ebenso wichtig am dichten Zimmernebel ist allerdings der Aspekt des Verruchten. Denn das Diesige im Raum steht in Kombination mit darin befindlichen Körpern für einen gewissen Erotikfaktor. Stichwort: Haut. Stichwort: Schwitzen. Stichwort: Ausdünsten. Stichwort: rrrrrhhhh. Weil man in den wenigsten Duschszenen wirklich alles an den Duschenden sehen können darf, springt der Rauch als Schlüpfrigkeitsverstärker ein. Kochendes Wasser also statt kochender Leidenschaft. Immerhin.


Promibrüder und Wohlstandskinder

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

9. – 15. September

Kaum berichten freitagsmedien vollmundig, die Medienstadt Hamburg verwaise, da reagiert der noch immer ortsansässige Verlag Gruner+Jahr mit einer zutiefst antizyklischen Firmenpolitik und beordert gleich drei auswärtige Redaktionen (Neon, Nido, P.M.) aus dem Süden an die Alster. Falls das auf den Einfluss kleiner Blogs auf Standortentscheidungen großer Medienkonzerne schließen lässt, fordert dieser hier also mal vollmundig: Verlagert die Produktionsstätten der Bild-Gruppe nicht bloß vollends von Hamburg nach Berlin, sondern in den Krater irgendeines aktiven Tiefseevulkans. Und den gesamten Springer-Konzern am besten gleich mit.

Während ausgelagerte Qualitätsblätter wie Hamburger Abendblatt oder Hörzu davon ja nun unbetroffen blieben, müsste die Zeitungslandschaft nur auf publizistischen Dünnschiss wie das neue Online-Magazin für benzinsüchtige Frauen CAR.A.MIA verzichten. Oder auf die Bild-Rubrik Gewinner & Verlierer, die laut einer Auswertung von 4000 Ausgaben – Überraschung! – Linke oder Grüne praktisch immer zu Losern erklärt, Freiheitlich-Liberale und ähnliche Ellenbogenpopulisten dagegen überwiegend zu Siegern.

Das erinnert ein wenig an die Taktik des staatstragenden NDR, der nach Recherchen des – übrigens als einer der wenigen seines Fachs offensiv Bild-kritischen – Medienjournalisten Stefan Niggemeier das Porträt eines SPD-Politikers aus dem Programm warf, weil die konkurrierende CDU gegen die Ungleichgewichtung protestierte. Das ist peinlich und dumm, aber anders als bei Axel Caesars Dreckschleuder ja doch eher ein Ausrutscher.

Denn die bediente ihr nationalkonservatives Stammtischvolk nach dem Berliner Tatort vom vorvorigen Sonntag mit der Forderung von „Deutschlands härtestem Jugendrichter“, Gewalttäter einfach mal ohne Urteil, Prozess, ach, richterliche Anordnung wegzusperren. Mittelalterliche Justiz für mittelalterliche Werte in einer mittlerweile nur noch albernen Zeitung. Aber immerhin Ausdruck einer Relevanz, an der sich das doch etwas älter als mittelalte Fernsehen da die Woche über erfreuen durfte. Denn über den Dominik-Brunner-Gedenkfall Gegen den Kopf um jugendliche Bahnsteigschläger in Berlin entspann sich eine lebhafte Diskussion auf allen Digital- und Analogkanälen.

So ganz tot ist die Glotze offenbar also noch nicht. Das belegen nicht zuletzt knapp sieben Millionen Zuschauer von Die 2 gegen alle, von denen trotz der gebrauchten Moderatoren Günther Jauch und Thomas Gottschalk eine stattliche Zahl unter 59 gewesen sein sollen. Gut, die Quizshow hatte nicht viel mehr zu bieten als zwei prominente Namen an der Bühnenkante, aber immerhin: wenn das ZDF schon vornehmlich für Senioren sendet, holt RTL noch die ganze Familie vor den Flatscreen und macht sich somit, nun ja: wenigstens ein bisschen bedeutungsvoll. Fast so sehr, wie es Big Brother mal war, aber deutlich mehr, als es die aktuelle Promi-Ausgabe bei Sat1 je sein wird.

Topstars von Hasselhoff über Semmelrogge und Elvers bis hin zum üblichen Casting-Auswurf verbringen unter witzloser Anleitung der Cholerapest Pocher aus Marzahn (und durchsetzt von Werbespots für die Generation 70+) stolze 14 Tage wie gewohnt unter Kameraüberwachung, belegen aber schon am Ende des ersten neuerlich das Ende von Sat1 als seriösen TV-Kanal.

Die Neuwoche

15. – 22. September

Und stärken so seinen Ruf als Spezialist ulkiger Romanzen mit Titeln wie Robin Hood und ich. Die muss sich allerdings mit dem Besten messen, was das serielle Fernsehen hierzulande seit langem (nein – Im Angesicht des Verbrechens war mangels beweglicher Charaktere gar nicht sooo toll) hervorgebracht hat: Weissensee. Dienstag geht das Romeo&Julia-DDR-Dallas in die 2. Staffel und ist abermals glänzend.

RTL setzt dagegen mit Krimiaction à la The Following auf die gewohnten US-Bullen auf der Jagd nach irgendwas mit blablabla. Und versucht sich vor dem, was die kommende Woche zum Ende hin natürlich unschlagbar dominiert, in seiner eigenen Interpretation politischer Wahrnehmbarkeit. Denn am Abend vor der Wahl will Stern-TV-Moderator Steffen Hallaschka wissen: Wie tickt Deutschland. Dafür tut er, wofür das ZDF mit Auf der Flucht zu Recht aufs Mett bekommen hat: weiße Wohlstandskinder (vulgo Hallaschka) testweise auf Wohlstandsverlierer (z.B. Bettler) zu schminken, um so die Wirklichkeit zu simulieren, statt sich ernstlich mit ihr auseinanderzusetzen.

Aber immerhin beschäftigt sich der Sender so mal kurz über die lästigen Nachrichten hinaus mit der Bundestagswahl, zeigt dann, wenn die relevanten Sender das politische Megaereignis aufarbeiten, allerdings doch lieber den Agentenklamauk Johnny English. Sat1 dagegen schaltet schon vor der ersten Hochrechnung auf dumm und bringt das Fake-Format Die strengsten Eltern der Welt oder später (wie schon beim Kanzler-Duell) Navy CIS. Da wäre es dem Anlass angemessener, sich im aktuellen SZ-Magazin das Interview in Bildern mit Peer Steinbrücks Fuck-Finger oder besser: Das Pendant mit Angela Merkel im endlich mal geistreichen Tweet https://twitter.com/hwacookie/status/378427859221487616/photo/1 anzusehen.

Also zurück zum Anspruchsdenken, hin zu Arte. Dort gibt es Mittwochabend das volle Programm niveauvoller Unterhaltung, erst mit Fatih Akins Soul Kitchen um 20.15 Uhr, danach mit der famosen Doku Beat Generation über die Entstehung der Jugendkultur in den 50ern, um Viertel vor elf schließlich mit dem Auftakt der vierteiligen Terrorsatire Four Lions. Dass da nicht viele zusehen werden, dürfte aber weniger an der konsequenten Arte-Verweigerung großer Teile der TV-Bevölkerung liegen, als an Dortmunds Debüt in der Champions League 2013/14 im ZDF gegen wen auch immer.

Dicht gefolgt von viel zweitklassigem Europafußball am Donnerstag beim ausgewiesenen Sportsender Kabel1, der sich mit Berliner Runden im Ersten und Zweiten auseinandersetzen darf. Der Staatsauftrag schafft es also sogar, die üblichen Shows und Schnulzen zu dieser Zeit aus dem Programm zu drängen. Was ein bisschen Demokratie so alles bewirkt… Am Samstag etwa ein bisschen Wahlvorbereitung auf dem Plastikkanal Pro7, allerdings mit viel Stefan Raab, dem einzig wahren King of Kotelett kitakompatibler Politikvermittlung. Bleibt noch der Tipp der Woche: In Deutschland um die Welt, eine kleine Reise durch Deutschlands neue Ethnien, die dienstags um 22.45 Uhr auf EinsPlus zwar inhaltlich schwer einzuschätzen bleibt, mit Pierre M. Krause aber die ungewöhnlichste aller Knallchargen im Bild hat.


Report: 50 Jahre Musikkassette

Soundtrack zum Leben

CompactcassetteEs gibt Dinge, die verschwinden einfach aus unserem Leben: Faxgeräte, Telefonzellen. Und Musikkassetten. Ihr 50. Geburtstag ist also eher ein Anlass zur Trauer, denn die Verkaufszahlen gehen längst gegen Null. Zum Jubiläum zeigen die freitagsmedien daher noch mal eine Reportage aus einer Zeit vor knapp zehn Jahren, als sich eine Schar Unbeugsamer gegen den Niedergang der MC stemmte. Nicht erfolgreich, aber voller Leidenschaft.

Von Jan Freitag

Der tägliche Gang zum Briefkasten steckt für Kristian Menke voll Hoffnung. „Heute morgen war wieder eine drin“, frohlockt der 27-jährige Hamburger und zählt die Folgen einer Schnapsidee durch. Gut 25 Mixtapes lagen bisher in seiner Post – Querschnitte privater Plattensammlungen, liebevoll arrangiert auf Kompaktkassetten. Jenen analogen Speichermedien, die ähnlich der LP allen Abgesängen zum Trotz in der Liebhaberecke überleben.

Nicht zuletzt dank Sympathisanten wie Menke. Voriges Jahr hat er mit seiner besten Freundin Dani Schuster [heute: Freitag] in der Stammkneipe namens Egal Bar das Projekt „rettet die mixkassette“ ausgebrütet. Nach dem Kettenbriefprinzip versandten sie kurz darauf Kopien hintersinnig kompilierter Eigenkreationen, baten die Adressaten per Flyer das Gleiche zu tun und erhalten seither regen Rücklauf.

Aus ganz Deutschland, Österreich, sogar Südafrika – der Freundeskreis des antiquierten Tonträgers scheint nicht groß aber grenzenlos. Und Emotionsgeladen. „Ich habe einen Teil meiner selbst abgeschickt“, preist Medizinstudent Menke seine „90minütige Symphonie“. Damit ist er aus wissenschaftlicher Sicht ein typischer Vertreter der „Generation Mixtape“. So nennen Gerrit Herlyn und Thomas Overdick 20- bis 40-Jährige, die mit den akustischen Sammelsurien mehr verbinden als aufgereihtes Liedgut. Vor anderthalb Jahren haben die beiden Doktoranden am Hamburger Volkskundeinstitut ihr Seminar „C90 – Vom Umgang mit einem technischen Speichermedium“ gestartet. Eingebettet in ein Projekt über technische Erinnerungsspeicher ist es der erste Versuch, das Phänomen Mixkassette akademisch zu ergründen.

Im Zentrum stehen für Herlyn, 33, die „Menschen hinter den Tapes“. Und Empirie, Geschenktheorie, Kommunikationsmodelle, Kulturwissenschaft, Technikforschung – schließlich leitet er eine Lehrveranstaltung für 25 Studierende. Die Resultate zeigt ab 21. Mai das benachbarte „Museum für Kommunikation“. Kassettenmixer, erklärt Kollege Overdick, 32, „sind trotz aller kulturpessimistischen Theorie keine reinen Konsumenten, sondern ganz bewusste, kreative Nutzer der Technik“. Oder besser: Audiophile Biographen mit Hang zum ausgefeilten Verpackungsdesign.

Per Annonce hat das Duo bundesweit Teilnehmer gesucht. Verschiedenen Alters, geschlechterparitätisch, mitteilsam. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen: 80 Probanden berichteten oft stundenlang über ihre Erfahrungen mit dem Mixtape. Hinzu kamen 120 E-Mails und Briefe – gespickt mit teils intimen Bekenntnissen aus dem Mischer-Nähkästchen. „Wir konnten gar nicht alle Interessenten befragen“, meint Herlyn stolz. Ergebnis: Das Forschungsobjekt ist Kommunikationsmittel, Gedächtnisstütze und Duftmarke in einem. Es dient als Liebeserklärung, Briefersatz, Geschenk, Druckventil, Visitenkarte, Schmerzmittel oder sorgt einfach für Hörspaß. „Soundtrack zum Leben“, nennt es einer der 21 Teilnehmer, deren Berichte nun in Wort, Bild und Ton unter dem Titel „KassettenGeschichten“ ausgestellt werden.

Es dürfte nicht nur ein multimediales Happening werden, sondern auch ein sentimentales. Denn die Audiokassette hat eigentlich ausgedient. Seit die CD 1982 ihren Siegeszug antrat und Epigonen wie MD und DAT folgten, befindet sich die MC auf dem Rückzug. Kein Hersteller mag die Zukunft leerer Modelle garantieren. Jahr für Jahr bricht europaweit ein Viertel des Absatzes weg. Gingen 1991 noch 151 Millionen Stück über deutsche Ladentische, so zählte die „Gesellschaft für Unterhaltungselektronik“ 2002 ganze 24 Millionen. Und auch bespielt liegt das zumeist eisenbeschichtete Sounddepot unter zehn Prozent aller verkauften Tonträger – nur Kinderhörspiele und Volksmusik verhindern den totalen Einbruch. Dabei feierte es Mitte der 80er Jahre 60 Prozent Marktanteil.

Damals, in der bundesdeutschen Boomphase von Walkman und Auto-Hifi, verkörperten die 2,81-Millimeter-Bänder jugendliche Mobilität schlechthin. Und in der DDR waren es die teuren aber „einzig zugänglichen Tonträger, deren Produktion, Vervielfältigung und Verteilung auch außerhalb von kontrollierten Zusammenhängen möglich war“, wie die Berliner Musikforscherin Susanne Binas ausführt. Die Kompaktkassette als Kassiber und Kulturgut. Heute, 40 Jahre, nachdem der Technikkonzern Philips seine Erfindung auf der IFA Berlin vorstellte, hockt sie in der Randgruppennische. Im Pkw setzt sich der CD-Player durch, Abspielgeräte á la Walkman profitieren bestenfalls von gelegentlichen Revivals.

Philips hat sich längst aus dem Software-Markt zurückgezogen. Und die Hardware bezeichnet Sprecher Klaus Petri als „Auslaufmodell“; außerhalb von Kompaktanlagen seien Tapedecks schwer zu kriegen. Kein Wunder, dass bei ebay um fast 2000 Stück gefeilscht wird – wenngleich es MP3-Player auf dreimal so viele Auktionen bringen. Auch im Speicherbereich zeigt kein Hersteller Interesse, Lücken zu schließen. „Solange noch Nachfrage besteht“, verspricht Johannes Lerch vom BASF-Nachfolger Emtec, „wird der Produktzweig erhalten“. Länger nicht. Auch Marktführer TDK hält eine komplette Verdrängung der MC für möglich. Das deprimierendste Abstiegssignal funkt aber der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. „Analoges Kopieren ist für uns kein Problem“, beteuert Hartmut Spiesecke, der im Fall des explodierenden Absatzes von CD-Rohlingen nicht müde wird, den musikalischen Untergang des Abendlandes zu prophezeien. Von den 2,5 Milliarden Euro hohen Verlusten durch Piraterie kosten traditionelle Raubduplikate nur 50 Millionen. Zu wenig für Gegenmaßnahmen.

Ignoriert zu werden lässt den echten Fan indes kalt. Er hat es sich in der Subkultur eingerichtet – und erregt dort fast zwangsläufig die Neugierde des Mainstream. Seit Nick Hornbys Antiheld Rob in „High Fidelity“ das Baggerpotenzial von Mixtapes verteidigte, nimmt sich die Literatur der rauschenden Materie an. Von Max Goldt (Mind-boggling) über Karin Duve (Dies ist kein Liebeslied) und Benjamin von Stuckrad-Barre (Kassettenmädchen) bis zu Christian Gassers 13 Mixkassettenregeln in „Mein erster Sanyo“ hagelt es Erinnerungen für Thirtysomethings. Der Retrowelle entgeht nichts.

Keine Großstadt, in der nicht eine Radiosendung die Mixkassette adelt, kaum eine ohne Partys unter dem Logo der seit 23 Jahren fast unveränderten Klangkörper. Reggae- und HipHop-Szene setzen eisern auf spulbare Ware, in der Hamburger „Kassettentanke“ kann man die Ergüsse der DJ’s auf sechs Tapedecks mitschneiden. Das Internet liefert Cover, Tracklists, Tauschpartner per Mausklick. Trotz Digitalisierung, trotz aller Macken erweist sich die MC als zäh. Und das, obwohl die Konkurrenz kontert, sobald sie unterlegen scheint: Wurde die Flexibilität der Kassette gerühmt, kam die wieder bespielbare CD-R, war von Längenvorteilen die Rede, erreichte die Rivalin 90 Minuten. Rohlinge sind spottbillig, Brenner gehören zum Computerstandard wie der Rückspiegel zum Auto. Faden, mischen, LPs kopieren? Am PC kein Problem mehr. Und die Mär digitaler Datenverluste erweist sich als Pfeifen im Walde audioreaktionärer Vinylfreaks.

Doch die Nachteile, sagt Seminarleiter Overdick, „sind eigentlich ihr Vorzug“. Was in der Musiktherapie gilt, wo knackende Rillen und surrende Bänder den sterilen Silberlingen oft vorgezogen werden, gilt erst recht daheim. Überlegener Klangbrillanz entgegnen Overdicks Interviewpartner analoge Geborgenheit, Bandsalat gilt als Herausforderung. Der CD, das ist Konsens, fehlt jegliche Wärme. Verlustängste steigern dieses Empfinden nur noch. Das denkt auch der Nachwuchs. Ein 17-Jähriger spricht vom „Atmosphärenspeicher“, eine 21-Jährige spürt ein Eigenleben. Von Alltagskunst ist die Rede, von Lebensläufen, Heiligtümern und Magie. „Die haben ihr Inneres nach außen gekehrt“, so Overdick, der aus Zeitmangel nur noch selten die Recordtaste drückt.

Ganz anders Kristian Menke. Der Kettenbriefinitiator hat schon wieder neue Symphonien abgeschickt – nicht zuletzt an seine Freundin in spe, natürlich. „und jetzt hebst du die linke faust und rufst laut `lang lebe die mixkassette´“, lautet die Forderung am Ende des Beipackzettels. Das klingt nach mehr als dem Pfeifen im Walde.


Jan-Gregor Kremp, Zartrüpel

Der Gangster und sein Jäger

Jan-Gregor Kremp war lange Zeit auf kriminelle Figuren abonniert. Jetzt wird der Schauspieler mit kaum 50 Jahren der neue Alte und zeigt damit: eigentlich kann er alles. Das beweist der kantige Ruhrpottler morgen in der neuen Staffel, die zwar keine Quadratur des Fernseheis ist, aber allemal besser als seine Vorgänger.

Von Jan Freitag

Die Sache mit dem Alter muss man dem ZDF wohl doch noch mal erklären. Wer alt ist, wird es ja nicht durch Reife oder Make-up allein. Alt ist man an Jahren, und die hinterlassen Spuren im Kalender des Lebens, dem Gesicht. Wenn einer „Der Alte“ heißt, sollte das also tief blicken lassen – in Falten, in der Haut. Nur: richtig tief sind bei Jan-Gregor Kremp allenfalls die Augenringe.

Aber warum spielt der ziemlich junge, ziemlich lässige, ziemlich alles Mögliche außer alte Schauspieler dann bloß den ältesten aller TV-Kommissare im Land? Weil das Attribut „für Chef im Sinne von Weisungsbefugnis steht“, beschreibt Jan-Gregor Kremp seine neue Rolle als „Der Alte“. Weil es eine Floskel sei, um Hierarchien zu kennzeichnen. Und weil man mit fast 50 „jedem die Führungsrolle abnimmt“.

Wobei man Jan-Gregor Kremp eigentlich alles abnimmt, seit er 1991 vom Staatstheater Hannover vor die Kamera wechselte und nach kleineren Rollen mit einer kaum größeren für Furore sorgte: in Detlef Bucks „Wir können auch anders“. Sein Wegelagerer machte ihn bekannt, er stempelte ihn aber auch ab. Denn in der Folge spielte der unrasierte Charakterkopf mit der Aura zwischen Melancholie, Skrupellosigkeit und Trotz meist Schurken.

Kremp wurde der Ganove vom Dienst, durchaus liebenswert in seiner flapsigen Art, tendenziell heimtückisch. Der massige Typ aus dem Ruhrpott beherrscht schließlich wie kein Zweiter das Prinzip Druckkessel: ein Charmeur mit schönen Augen, doch ein Millibar zuviel, und… Der ideale Verbrecher also. Mit dem passenden Gesicht. Sagt sein Träger. „Das  taugt halt gut für Verbrecher“, er klingt dabei nicht genervt. Warum auch: „Mit meiner Visage kann man noch viel mehr anfangen“. Das hätten auch die Produzenten irgendwann verstanden.

Und so spielt er trotz Visage, trotz Druck, trotz Image bald auch diesseits des Gesetzes alles Mögliche. Er spielt Travestieclubbetreiber („Mein Vater, die Tunte“) und Buchhalter („Weihnachten im September“), er spielt Köche („Die Quittung“), Krankenpfleger („Kammerflimmern“), Kapitäne („Untergang der Pamir“) und seit 2004, dem Einstieg als hessischer „Polizeiruf“-Ermittler, sogar den Gegenpol der Gangster. In Serie. Von da an, Kremp lacht, „fragt man eher, warum es ständig Polizisten sind“. Seine Antwort: Alles zu seiner Zeit.

Zeit also für die Nachfolge der ewig grauen Alten von Schlage eines Siegfried Lowitz? Dieser Typ Beamter, der selbst im Farbfernsehzeitalter schwarzweiß wirkte, führte die Mordkommission München II, als der kleine Jan-Gregor noch Gymnasiast im Rheinland war. Zum Familienvater gereift, könnte Erwin Kösters Epigone Richard Voss jetzt zum weißköpfigen Alte-Assi Michael Ande Papa sagen. Verrückte Fernsehwelt.

Die allerdings Veränderung noch weniger als Stagnation. „Ich musste mich schon anpassen, um die Figur nicht neu zu erfinden“, sagt Kremp und füllt sie daher in der Auftaktfolge „Königskinder“ nicht mit Druck, aber Empathie, „mal ruppig, dann humorvoller.“ So erklärt der komikbegabte Kremp den drögen Serienoldie, dem er etwas mehr Leichtigkeit, besser: Beweglichkeit verpassen will, jedenfalls Leidenschaft, gar Liebe. Schließlich wird Voss trotz befristeten Verträgen sein neues Alter Ego. Unvermeidbar. Fortlaufende Figuren haben das so an sich.

Angst davor? Vor Festlegung? Nein, beruhigt Kremp sich und andere. Eine Krimiserie werde seinen Spielraum eher erweitern als einschränken. Für Musik etwa, die er Anfang der Achtziger in Köln studiert und am Salzburger Mozarteum verfeinert hat. Kremp spielt Trompete und Klavier, er singt und rockt, ist solo auf Tour und könne das mit neun Alten im Jahr weit besser planen.

Überhaupt: Pläne. Die Gangstervisage Kremp mag es da sicher. Mit gut 50, sagt seine Kollegin Johanna Gastorf, sei es wichtig, sich anständig zu benehmen und nicht mehr positionieren zu müssen. Mit fast 50, stimmt ihr Mann Jan-Gregor Kremp zu, „muss ich nicht mehr dauernd vortanzen, um zu zeigen, was ich kann“. Nicht das einzige, was das völlig unglamouröse Schauspielerpaar vereint. Beide mimen oft Seite an Seite, beide haben einen Stall voller Geschwister, beide lieben ihr Haus im Essener Grüngürtel mit Hund, beide mögen Applaus als „Nahrungsbestandteil des Künstlers“, wie Kremp einräumt, beide „hassen den roten Teppich“, wie Gastorf einschränkt. Beide sind Kämpfer – sie gegen das Branchendiktat unbedingter Schönheit, er gegen sieben Schauspielschulabsagen, die ihn nicht vom achten Anlauf abhielt. Und beide haben kein Problem mit all den Jahren, die bereits hinter ihnen liegen. Eher schon mit dem, was nur noch bleibt, um andere Ziele zu verwirklichen.

Das Alter, da ist dem ZDF also zuzustimmen, bleibt eben doch, was man draus macht. Bei Jan-Gregor Kremp muss es eine Menge sein: Der Produzent hatte ihn schon vor zehn Jahren als Lowitz-Erben im Visier, noch keine 40. Kremp hatte keine Zeit. Schade eigentlich.


Hannah Herzsprung & Florian Lukas

Es bleibt ein großes Drama

Die ARD-Serie Weissensee war vor drei Jahren einer der deutschen Serienerfolge schlechthin – und das in einer Zeit, als die deutsche Serie quasi hirntot. Das sie wiederbelebt wurde, lag auch an Florian Lukas und Hannah Herzsprung, deren Variante von Romeo & Julia in der maximal despotischen DDR Anfang der 80er Jahre nicht weniger als brillant war. Kurz vorm Start der 2. Staffel ab 17. September und der Wiederholung der 1. (Sonntag zuvor, 0.15 Uhr), bringen die freitagsmedien ein Doppelinterview mit den beiden Hauptdarstellern.

Hannah Herzsprung: Wieso wollen Sie eigentlich uns zwei zusammen sprechen?

freitagsmedien: Weil man, was zusammengehört, nicht trennen sollte.

Herzsprung: Wie Romeo und Julia.

Oder JR und Bobby Ewing. Haben Sie je „Dallas“ gesehen?

Florian Lukas: Nur den Vorspann. Weil ich zu der Zeit abends nicht fernsehen durfte, hab ich eher „Ein Colt für alle Fälle“ gesehen. Deshalb wollte ich sogar Schauspieler werden. Glob ick. „Love Boat“ hab ick ooch jekiekt (lacht).

Herzsprung: „Love Boat“ – ernsthaft? (lacht auch)  Bei mir war’s „Hart aber herzlich“. „Dallas“ lief zu spät. Erinnert Sie etwa „Weissensee“ an Dallas?

Diese Fehde zweier Familien, die doch miteinander verstrickt sind, der Bruderzwist…

Lukas: Mag sein, aber der Hintergrund unserer Serie ist seriöser, sachlicher, wenn man so will: politischer.

Eher Stasi-Serie oder Serie mit Stasielementen?

Lukas: Eher Familiengeschichte mit Stasi-Hintergrund. Es werden sehr klassische Themen in sehr klassischer Konstellation verhandelt, wobei Politik nicht bloß zurr historischen Tapete degradiert wird, vor der sich Liebesgeschichten abspielen.

Herzsprung: Aber es bleibt ein großes Drama, dass im Grunde auch ohne DDR funktionieren würde.

Tut Sie aber nicht. Wann ist die Zeit reif, die DDR filmisch ohne Stasi, Repression und Schießbefehl zu erzählen?

Herzsprung: Es gibt bereits viele Erzählungen, die das Leben in der DDR mit Leichtigkeit dargestellt haben. Dennoch wird dieses Spannungselement gern genutzt – für die Einen ist es die Erinnerung für die Anderen Neugierde am Unbekannten.

Lukas: Bei aller Unterhaltung, denen Spielfilme und Serien dieser Art dienen, würde das Element der Politik fürs Dramaturgische sicher fehlen. Aber es geht nicht nur um Stasi-Effekte, sondern den Faktor der Durchdringung, die das gesamte Privatleben erfasst. Die extreme Einflussnahme des Staates war Alltag, und sei es nur als permanente Bedrohung. Das System hat sich ja nur solange aus privaten Biografien herausgehalten, wie man sich ihm gegenüber absolut konform verhalten hat. Um es dennoch unablässig zu spüren, brauchte man keinen MfS-Offizier in der Familie; das ganze Geflecht aus Lehrern, Behörden, Spitzeln konnte dafür sorgen, dass man sein Leben mit 16 in die Tonne treten konnte. Diese Möglichkeit hat alles beeinflusst.

Herzsprung. Und wahrscheinlich ist es deshalb schwer, einen Alltag ohne  gesellschaftliche Impulse seiner Zeit zu erzählen. Man braucht die Kulisse, um verstehen zu können, welchen Schwierigkeiten die Figuren ausgesetzt sind und warum sie wie handeln.

Lukas: Trotzdem war meiner damals viel normaler als man es sich im Westen vorstellen mag. Da hat man ja gern die Vorstellung einer permanenten Präsenz des Bösen. Ich hatte im Großen und Ganzen eine schöne Kindheit, auch wegen der unverfälschten Natur. Heute ist alles elektrifiziert, geharkt, gepflastert, beleuchtet, beschildert, umzäunt. In den Achtzigern konnten wir uns freier bewegen, obwohl überall in den Wäldern um Berlin Soldaten stationiert waren.

Wie war Ihr Ostbild aus Westsicht?

Herzsprung: Als die Mauer fiel, war ich acht. Die Bilder haben sich eingeprägt und ich wusste auch, dass es die DDR gab mit Menschen, die nicht grundsätzlich anders leben als wir. Darüber hinaus bin ich selten mit dem Thema konfrontiert worden. Heute ist für mich unverständlich, dass diesem Teil deutscher Geschichte so wenig Gewicht in der Schule gegeben wurde.

Lukas: Bei mir ist mit der Zeit die Einsicht gewachsen, stärker vom Alltag geprägt worden zu sein, als ich mir lange Zeit eingestehen wollte. Aber Erinnerungen verflüchtigen sich und werden überlagert durch nachträgliches Wissen. Trotzdem ist jeder Gegenstand von damals, den man bei solchen Dreharbeiten nach Jahren wiederentdeckt, wie eine Zeitreise. Bis ich 14 war, bestand überhaupt kein Zweifel, dass die Welt, in der ich lebe, unverrückbar normale Realität war.

Herzsprung: So geht es sicherlich vielen Menschen. Man richtet sich in seinen Lebensumständen ein und wenn dann auf einmal alles zusammenbricht…

Lukas: …wird unsere Normalität von heute plötzlich zur Ausnahmesituation von morgen. Meine Welt hatte sich nach 89 in wenigen Monaten völlig geändert, als plötzlich alle mit Helmut-Kohl-Plastiktüten rumgelaufen sind. Da hab ich mich erstmals von den Jublern abgewendet, weil ich schon mit 16 geahnt habe, dass da irgendwas falsch läuft. Als dann zehn Jahre später „Good Bye Lenin“ lief, hab ich die wieder wohlwollender gesehen, weil sich für Erwachsene von 1990 ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat.

Herzsprung: Wenn Gewohnheiten plötzlich nichts mehr wert sind, kann schnell das ganze Leben wertlos werden. Genau deshalb gibt es nicht nur eine Sicht auf die DDR.

Lukas: Auch „Weissensee“ zeigt nur Facetten. Historische Stoffe werden stets mit größtmöglicher Authentizität verkauft. Das finde ich problematisch, weil für viele die Versuchung groß ist, Spiel- und Dokumentarfilm zu verwechseln. Wichtiger ist Glaubwürdigkeit.

Herzsprung: Neu an „Weissensee“ ist der Grad an Privatheit, die zugelassen wird, ihre zentrale Position in der Handlung, die die Romeo-und-Julia-Konstellation erst ermöglicht.

Was lernt das Publikum dabei?

Lukas: Schwer zu sagen. Im besten Fall liefern wir Anlass zum Gespräch, um verschiedene Erinnerungen miteinander abzugleichen. Innerhalb der Familie, des Umfelds, sogar der Gesellschaft, die das DDR-System zunehmend als Abenteuergeschichte empfindet. Ich erlebe es noch heute, dass Menschen ungläubig staunen, wenn ich Geschichten aus einer Zeit erzähle, die auch für mich tief in der ersten Hälfte meines Lebens spielen. Selbst mir erscheint die Intensität der Beeinflussung ja kaum noch begreiflich. Die meisten Menschen verhalten sich ja unauffällig und angepasst. In der DDR allerdings machte man sich mit einer Diktatur gemein, in der BRD mit der Demokratie.

Herzsprung: Ich bin in Ausstellungen und Museen gelaufen, hab Bücher und Bildbände gewälzt, Leute befragt – beim Drehen wurde dann alles Aufgenommene greifbar. Ich wollte die Zeit wirklich begreifen, weil mir der eigene Erfahrungshorizont fehlte. Die Geschichten von Katrin Sass oder Uwe Kockisch haben mich in die Zeit gezogen, so wie ich es mir auch für die Zuschauer wünsche.

Lukas: Die haben auch mir vieles erzählt, was ich kaum noch kannte. Oftmals sehr deprimierende, schreckliche Erlebnisse. Umso erstaunlicher, dass sie das heute so unbefangen spielen können. Trotzdem: wir mussten uns alle neu einarbeiten, weil unsere Figuren ja in anderen Zeiten aufgewachsen waren. Meine zum Beispiel eher kurz nach dem Mauerbau, als kurz vor dem Mauerfall, deren eher vor als nach dem Krieg. In einer Szene lese ich die „Junge Welt“ von damals und darin stand eine Theaterkritik über den jungen Uwe (lacht).

Herzsprung: Und in unserer Filmwohnung habe ich eine Zeitschrift der Requisite entdeckt, auf der Katrin auf dem Titel war. Die beiden haben eine bewegende Zeit durchlebt.

Wie alt sind Sie im Film?

Herzsprung: So um die 24. Meine Rollen sind generell etwas jünger als ich selbst, aber so festgelegt ist das Alter meistens gar nicht.

Lukas: Ich spiele seit jeher immer so vier, fünf Jahre drunter. Deswegen passen Filmbiografien häufiger nicht mit meiner realen überein. Als ich „Absolute Giganten“ gespielt habe, war meine erste Tochter schon auf der Welt. Ich musste mir diesmal richtig Diagramme zeichnen, um meine Filmbiografie nicht mit meiner eigenen durcheinander zu bringen, ein echter Lebenslauf inklusive denen meiner Eltern, die als Kommunisten in der Nazizeit emigrieren mussten. Was das für Menschen bedeutet ist wichtig, wenn man so eine Serie begreifen will.