JBK: Superstar & Labermaschine

Die Plaudertaschen

Heute Abend moderiert Johannes B. Kerner nach seinem umstrittenen Wechsel zu Sat1 erstmals seit vier Jahren wieder im ZDF. Mit Die Große Zeitreise-Show entfernt er sich allerdings noch weiter von dem, was er beherrscht wie nur wenige im Land, ja nicht mal Reinhold Beckmann: Talkshow. Eine Ehrenrettung zweier viel gescholtener Sündenböcke der Fernsehverdrossenheit.

Von Jan Freitag

Adjektivierte Nachnamen sind selten nett zu ihrem Träger. Quisling’sche Züge etwa spricht man Menschen zu, die wie der norwegische Politiker, Vorname Vidkun, im 2. Weltkrieg ihr Land verrieten. Bushism ist längst ein verbaler Inbegriff des Bösen. Auch Sadisten meinen es wie der exzessive Marquis selten gut mit ihrer Umwelt. Und dann gibt es die Kernerisierung. Mit ihr, so heißt es, kippt man gefühlsduseligen Medienmüll vom Tiefgang einer Balsaholzplatte auf die Bildschirme. Das Synonym heißt Beckmannismus.

Da ist es mal an der Zeit, etwas grade zu rücken: Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann machen nur ihre Arbeit! Keine intellektuell hochtrabende, keine investigativ grabende, keine allzu nachhaltige, gewiss. Aber ihre Gespräche im öffentlich-rechtlichen Programm funktionieren im Grunde wie handelsübliche Tageszeitungen: Etwas Politik vorn, ein Pflichtteil Ökonomie danach, dazu Kultur, Show, Sport und was fürs Herz. So begrüßt Beckmann alles, was zwischen Pfarrer, Boxer, Minister, Sänger und Hartzer denkbar ist.

Es sind bunte Personensträuße voll individueller Brüche, Exzentrik und Eitelkeit, so boulevardtauglich wie relevant, je nach Perspektive. Solchen Leuten bot auch, sagen wir: die linksliberale Frankfurter Rundschau vor ihrem Untergang Raum, wenngleich mit anderer Gewichtung. Klar, dass auch Johannes B. Kerner die Konversation gern mit der Suche nach Befindlichkeiten eröffnetet. Eine persönliche Frage vorweg, heißt das dann bei ihm, „wie geht’s Ihnen eigentlich?“, während Beckmann forscht, ob es seinem Gegenüber heute besser gehe gestern. Kein Einstieg für Politologen, aber fraglos ein Eisbrecher. Denn was folgt, ist oft sachliches Ertasten von Motiven, Folgen, Emotionen. Persönlich eben.

Und darum geht’s doch in der Aufmerksamkeitsökonomie moderner TV-Unterhaltung, der auch die Tagesschau anheim fällt, wenn sie aus einem afrikanischen Krisengebiet meldet, unter den 50.000 Flüchtlingen seien viele Kinder. Wie überraschend… Vor dem Weihnachtsurlaub jedenfalls rechnete bei Beckmann erst Wolfgang Clement mit der SPD ab, dann sein Widersacher Franz Müntefering wiederum mit dem Parteiaustreter, den er – das Zitat rauschte hörbar durch Deutschlands Blätterwald – mit Oscar Lafontaine verglich. Man mag ihm also eine geleckte Arroganz vorwerfen, wie sie die Pro7-Satire Switch auf geradezu geniale Weise persifliert; als Talker zählt Beckmann zum Einfühlsamsten überhupt.

So wie Kollege Kerner. Gut, in seiner aktiven Zeit beim ZDF kuschelte er 2008 eher mit dem Typ Till Schweiger oder Florian Silbereisen. Letzterem versicherte er zum Einstieg gar freundlich, nichts gegen Volksmusik zu haben. Aber das talkende Arbeitstier begrüßte an jährlich bald 150 Abenden auch durchschnittlich drei, vier Gäste pro Sendung, manchmal mehr. Das können kaum durchweg soziokulturelle Alphatiere sein wie ein Michael Schumacher, der ihn fraglos zu einer Homestory lud, der der Restboulevard seit Jahren vergebens nachhechelt. Gut, man könnte bei so einger Gelegenheit ruhig mal nach ökologischer Verantwortung der Formel 1 fragen oder dem Thema Vorbildfunktion für Raser; aber die 1998 zeitgleich gestartete Sabine Christiansen hat er mit seiner Plauderei längst überlebt.

Und sie werden ohne Zweifel noch den einen oder die andere hinter sich lassen. Denn die Quasseltaschen von ARD und ZDF befinden sich mit ihrem Fokus aufs Innere der Befragten ohne das Äußere zu ignorieren exakt zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sehgewohnheiten. Frei von der selbst verordneten Distanz hier oder kommerziellem Seelenstriptease dort. Dabei stand, seit Dietmar Schönherr 1973 mit Je später der Abend das US-erprobte Genre auch hierzulande einführte, seine Gefälligkeit doch stets im Mittelpunkt.

Abgesehen von extremen Rändern wie dem Presseclub hüben oder Oliver Geissen drüben, ging es allerorten vornehmlich um den Menschen hinter der Nachricht. Und als die Talkshow Mitte der Neunziger mit über 60 Formaten vom Heißen Stuhl über Late-Night-Shows bis hin zu Regionaltalks der Dritten die Kanäle geflutet hatte, war ihr Zenit bereits erreicht. Eskalation als Methode fand fortan eher nachmittags statt, während das gehaltvollere „Gerede“ (Schönherr) Richtung Mitternacht rückte, wo die immer gleichen Politprofis die immer gleichen Themen vor den immer gleichen Gastgeber(inne)n diskutieren – auch (und gerade) beim hoch gelobten Talktriumvirat Plasbergillnermaischbergerwill.

Wenn die FAZ dem „meist zahnlosen“ Kerner nach Eva Hermans legendärem Abgang aus seier Sendung also einst ankreidete, er wolle dreimal im Jahr „demonstrieren, dass er auch kraftvoll zubeißen kann“, sei ihr eine Ausgabe von – sagen wir: 3 nach 9 ans Herz gelegt. In der dienstältesten Talkshow wird Woche für Woche alles Mögliche getan – außer zubeißen. Wer Beckmann dennoch eitles Einerlei vorwirft, sollte sein 267-seitiges Gespräch mit Loki Schmidt (Erzähl doch mal von früher) lesen. Darin zeigt er wie kein Zweiter, wo sich Gefühl und Fakten zu treffen vermögen.

Kernersierung mag ja wie Beckmannismus zu Recht als Synonym leichter Kost dienen – mit ihrem Talkgestus hatte das weit weniger zu tun als mit ihrer Showattitüde. Wenn JBK also heute wieder was moderiert, das die Lieblosigkeit öffentlich-rechtlicher Abendunderthaltung bereits im Titel trägt, sollte man sich kurz vor Augen halten, dass es das System Fernsehen ist, dem diese talentierten Fragesteller den Zahn erlegen sind. Auch deshalb hat Kerner das Talken gelassen, auch deshalb macht Beckmann 2014 Schluss. Man wird erst merken, wenn sie weg sind, was das Medium an ihnen hatte.


Christiane Hörbiger: Schauspielerin und 75

Kitsch kann furchtbar schön sein

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Christiane Hörbiger 2009. Foto: Manfred Werner/Tsui

Mit den ARD-Filmen Stiller Abschied vom vorigen Montag und Zurück ins Leben am Freitag (20.15 Uhr) zeigt die österreichische Schauspielerin Christiane Hörbiger zu ihrem 75. Geburtstag, dass sich die Wienerin im leichten Fach ebenso zuhause fühlt wie im harten. Ein Gespräch mit der Jubilarin über Alzheimer, Privatleben, Reizbarkeit, den Welterfolg Schtonk! und warum ihre Filme im Alter immer realistischer werden

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hörbiger, mögen Sie Fragen zu ihrem Privatleben?

Christiane Hörbiger: Es kommt ganz drauf an, welche. Ich bin da vorsichtig geworden.

Hat sich Ihre Intimitätsgrenze verschoben, seit Sie mit Ihrer Rolle in Mathilde liebt eine Diskussion Sex im Alter entfacht haben?

Ach, da bin ich vollkommen frei und habe auch die ganze Aufregung darum nicht verstanden, weil ich nicht ein Stück Haut gezeigt habe. Es war ein guter Film und so wurde ein bisschen Reklame dafür gemacht. Die anschließenden Fragen haben mir nichts ausgemacht.

Trotz des skandalisierenden Tonfalls?

Also nicht, dass das wieder die Schlagzeile wird, aber das Wort Orgasmus hat alle wahnsinnig aufgeschreckt. Ich saß am Vorabend bei Johannes B. Kerner und da haben wir alle ganz lustig darüber gesprochen, was die Bild-Zeitung zum Aufmacher gemacht hat. Aber ich war weder entsetzt noch schockiert.

Was schwingt denn in dieser Erregung mit – Tabudenken?

Man will es einfach nicht so genau wissen. Der Gedanke, eine alte Dame in Amerika hätte sich ausgezogen und läge mit einem Mann im Bett, das will ich auch nicht unbedingt sehen.

Hat das mit Jugendwahn zu tun?

Auch. Als mir Matthias Glasner das Drehbuch vorgelegt hat, meinte ich, hör mal, das ist ja eine dolle Rolle; wenn das verfilmt wird, möchte ich unbedingt dabei sein. Da sagte er, na ja, das ist aber eine Frau Mitte 60 und da geht es eben da rum. Das würdest du spielen? Da sagte ich, das fände ich herrlich! Die spielt ja keine Sexbombe, das ist lächerlich. Die Geschichte basiert auf einer ganz bürgerlichen Frau.

Und um das Thema Veränderung.

Schon, sie emanzipiert sich ein wenig, aber das ist nicht der Kern. Eine Frau lebt zutiefst bürgerlich, ihr Mann stirbt, sie lernt einen neuen kennen und dann passierts eben. Mehr ist das nicht, mit allem Charme und Witz der Geschichte. Dass die Medien das ein wenig aufbauschen, gehört heute wahrscheinlich einfach dazu.

Wie würde Sie ein charmanter Wiener

Wie würde Sie da ein charmanter Wiener Journalist aus Ihrer Heimat auf das Thema Alter ansprechen, in dem es bei Ihrem jüngsten Film Stiller Abschied geht?

Ach, direkt. Schließlich habe ich das Publikum nie mit meinem Alter belogen. Das wäre ja nun wirklich ungleich peinlicher als 75 zu werden.

Spüren Sie wenige Tage davon entfernt, dass der Kopf manchmal hakt, wenn auch nicht so wie bei Ihrer Charlotte, die an Alzheimer erkrankt?

Gott sei Dank nicht. Ehrlich: ich hatte auch bei meinem vorigen Film trotz unzähliger Szenen nicht einen einzigen Hänger.

Bleibt diese Rolle als Alzheimer-Patientin, die nach und nach ihren Geist verliert, vollends abstrakt.

Das bleibt sie nicht. Ich konnte mir diese Krankheit schon vor Drehbeginn lebhaft vorstellen. Das ist allerdings auch dem genialen Drehbuch von Thorsten Näther geschuldet, der fast jede Bewegung, jede Pause, jeden Aspekt minutiös vorgeschrieben und somit fühlbar gemacht hat. Mich in diese Figur hineinzuversetzen, fiel mir also leicht, hat aber auch etwas damit zu tun, dennoch souverän über dem Text zu stehen und in die unbeschreiblichen Tiefen dieser Person vorzudringen.

Wie tief genau war das – sind Sie am Ende diese Figur?

Dement meinen Sie?

Frau Hörbiger…

(lacht). Also ich komme ihr äußerlich wie innerlich schon recht nah, nehme sie aber nicht mit aufs Hotelzimmer. Im Gegenteil – ich bin immer froh, nach dem Abschminken, erschöpft und müde, aber privat zu sein. Vielleicht denke vielleicht ich nach Drehschluss gelegentlich noch darüber nach, was ich hätte anders machen können, aber das ist rein beruflich. Dieses an sich Heranlassen passiert Laien, keinen Profis.

Ist Ihnen also früher in Ihrer Karriere eher widerfahren?

Durchaus, aber das ist länger her. Andererseits ertappe ich mich heute durchaus dabei, meinem Mann nach dem Einstudieren einer eifersüchtigen Ehefrau etwas misstrauisch gegenüberzutreten.

Zum Jubiläum sind Sie nun in grundverschiedenen Stoffen zu sehen: einem harten über Verfall und Tod, einem weichen über Neubeginn und Liebe. Was spielen Sie trotz aller Distanz lieber?

Ich spiele selbstverständlich das Positive lieber, die heitere Welle, alles wunderbar, alles herrlich. Wohlgemerkt: Spiele! Aber gehaltvoller ist ohne Frage Stiller Abschied, weil der uns irgendwie alle berührt, weil jeder Angst vor dieser Krankheit hat oder Betroffene kennt. Im Gegensatz zur Liebesgeschichte ist das die interessantere, allgemeingültigere, konfrontativere.

Auch erschöpfendere?

Natürlich! Diese Unberechenbarkeit, die Verhaltenssprünge waren extrem anstrengend.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Durch drei Fälle, die mir ein Münchner Arzt vorgeführt hat. Eine leichte, eine mittlere, eine schwere Erkrankung. Der leichte Fall hat mir erzählt, wie sie plötzlich die Autobahnausfahrt zu einem Ort verpasst hat, den sie nicht mehr erkannte, so dass sie ihren Sohn anrufen musste. Oder wie schwer es ihr fiel, von 20 rückwärts zu zählen. Der mittlere Fall wirkte eher wie eine schwere Depression. Und der schwere war offenbar so furchtbar, dass ich ihn auf Geheiß der Verwandten nicht getroffen habe.

Bereiten Sie sich auf Ihre Rollen immer so intensiv in der Wirklichkeit vor?

Nicht immer. Manchmal höre ich auch nur in mich selbst hinein: wo meine eigenen schlechten Eigenschaften liegen zum Beispiel, etwa, dass ich früher zuhause vor einer Premiere oft unausstehlich war. Mein verstorbener Mann sagte dann immer, er gehe mal lieber aus der Schusslinie. Dieses verdrängte Böse in mir versuche ich für manche Rolle nutzbar zu machen, denn ich muss da wirklich schrecklich gewesen sein.

Reizbar?

Und nervös. So sehr, dass ich meinen kleinen Sohn angefahren habe, wenn er beim Abfragen vom Einmaleins die Zwölfer nicht mehr konnte. In solchen Momenten habe ich die Verkäuferin im Kaufhaus beneidet, die parterre Parfüm anbieten, ein Beruf, in dem man keine Furcht vorm eigenen Verhalten haben muss und die Rollläden nach Feierabend einfach runterlässt.

Steckt darin auch die Sehnsucht nach dem einfachen Leben?

Allerdings. Aber wenn die Premiere dann geschafft ist, steht ja der Himmel wieder offen und alles ist so gut wie nach einem gelungenen Film.

Haben Sie eigentlich die Interpretation eines Alzheimer-Patienten von Ihrem Landsmann Klaus Maria Brandauer in „Die Auslöschung“ gesehen?

Natürlich.

Hat sie das inspiriert?

Nein, denn das ist eine Liebesgeschichte, also ein völlig anderer Film als unserer. Wunderbar gespielt, aber fast noch eindrücklicher fand ich zudem Götz George als alzheimerkranker Busfahrer, der ständig die falschen Stationen anfährt. Grandios, auch sein Sohn, Klaus J. Behrendt. „Stiller Abschied“ widmet der Familie ebenfalls den nötigen Raum, dieses Ignorieren, die Ausreden. Das wirft weit mehr die Frage auf, wer an der Krankheit eigentlich mehr leidet, in welche Grenzbereiche beide Seiten dadurch geraten.

Ihre letzten Rollen dringen ebenfalls zusehends in Grenzbereiche vor: Alkoholsucht, Sex im Alter, jetzt Alzheimer. Suchen Sie sich diese Themen ganz gezielt?

Nein, aber es folgt meinem Wunsch, dass eines schönen Tages etwas übrig bleibt von mir, dass mich die Zuschauer nach meinem Tod vor allem mit wesentlichen Themen in Verbindung bringen und vielleicht nach dem dritten Cognac ihrer Mutter sagen, Mutti, erinnere dich mal an diesen Film mit der Hörbiger. Da bin ich meinem Produzenten Trebitsch sehr dankbar, mich an solche Themen herangeführt zu haben. Und das ist mal wirklich ein Segen des Alters, dies erkannt zu haben, wie wertvoll diese Stoffe sind – selbst wenn die Quote dabei geringer bleibt als mit leichteren Themen.

Welcher Ihrer Filme, welcher Schaffensperiode, welche Rolle wird von Ihnen dann am meisten erinnerlich bleiben?

Ich bin der ARD sehr dankbar, in einer Woche zwei vollständig verschiedene Neuproduktionen mit mir zu bringen, die eher meine Bandbreite als meine Paraderolle zeigen. Ein einzelner Film fällt mir da nicht ein.

Schtonk vielleicht?

Ah ja, da sagen sie was. Es wäre schön, wenn etwas von mir bleibt wie dieser große deutsche Filmerfolg, der nahe am Oscar vorbeigeschrammt ist. Im Kino bleibt es leider Gottes wohl doch eher „Hotzenplotz“ und bei den Fernsehspielen diese Kette sozialkritischer Stücke. Da hat der Thorsten Näther nächstes Jahr wieder was mit mir vor, dann zum Thema Altersarmut.

Puh…

Ja, puh. Das ist dann wirklich langsam so viel Schwermut, dass ich fast hoffe, noch mal eine Prinzessinnenrolle zu kriegen. So eine Putzfrau, die den George Clooney kriegt.

Wie stehen da die Chancen?

(lacht) Wenn er selber mitspielen soll, eher gering. Leider. Kitsch kann furchtbar schön sein.


Autoreproduktion und Pickelausdrücken

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

7. – 13. Oktober

Das Fernsehen ist eine Autoreproduktionsmaschine sondergleichen. Wenn öffentlich-rechtlich nichts läuft wie bei der Abrisshausparty Wetten, dass…?, die trotz inhaltlicher Rückwärtsrolle Richtung Elsner-Ära tief unter Lippert-Niveau sank, sorgt halt immer noch Quotenkönig Fußball für (elf Millionen) Zuschauer. Wenn privat noch weniger läuft, zieht RTL halt Lipperts Vorgängernachfolger Gottschalk weiter durch die Einfallslosigkeit des Showfunks und lässt ihn irgendwas mit alten Klassenkameraden machen. Wenn der frühere Marktführer noch den kleinsten Anflug dramaturgischer Erneuerung vermasselt, präsentierter ein Format wie Rising Star als brandneues Ding, das demnächst – irre Idee! – Nachwuchsmusiker castet. Und wenn Hans W. Geißendörfer die Versoapung der Lindenstraße beklagt, verbindet er die zarte Selbstkritik mit der Forderung, seine Endlosserie auch übers Vertragsende 2015 hinaus immer und immer und immer weiter fortzuführen.

Kein Wunder, dass im Strudel dieser medialen Dauerduplizierung seit Donnerstag ein alter Bekannter an die Spitze der deutschen Huffington Post gesaugt wurde: Cherno Jobatey. Richtig, der mit den Turnschuhen (und psst: der Legasthenie). Zum Beweis seiner Innovationskraft durfte zum Auftakt ein echter Newcomer beim amerikanischen Online-Magazin unter Focus-Lizenz gastkommentieren: Boris Becker. Älteren noch ohne Pokerkarten ein Begriff, während ihn Jüngere wie Klaas Heufer-Umlauf schon längst nicht mehr mit Tennis-Ball, sondern bloß Bild-Schlagzeile über dem Kopf kennen.

Aber die kriegt jetzt ja sogar der nassforsche Pro7-Moderator mit ZDFneo-Nebenerwerb. Sofern er sich weiter so bemüht wie vorige Woche, als er „bewusst provokant“ ins Medienland blökte, Kuppelshows wie Schwiegertochter gesucht oder Bauer sucht Frau und das beliebte Bashing-Objekt Dschungel-Camp seien „Behinderten-Fernsehen“. Da mag der hauptamtliche TV-Lümmel Recht haben. Noch glaubwürdiger wäre es indes gewesen, hätte er sie an einem etwas anspruchsvolleren Forum als dem Playboy aufgestellt und dabei nicht nur die Konkurrenz, sondern vielleicht auch ein bisschen den eigenen Arbeitgeber beschimpft. Dessen Große TV Total Stock Car Crash Challenge 2013 am Samstag war ja ebenso wenig fein ziseliertes Kulturfernsehen…

TV-neuDie Frischwoche

14. – 20. Oktober

… wie, sagen wir: das Boulevard-Magazin taff, wo die Moderatorin kurz vorm Schleichwerbebombardement Galileo heute boxenluderlivriert der Frage nachgeht, wie viel Haut im Büro der Karriere hilft. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten. Die richtig stinkende Gülle tropft ja andernorts aus der 104-cm-Flatscreen-Diagonale. Wenn sich das betonbrüstige Privatfernsehartefakt Micaela Schäfer in dem, was RTL2 so „Promi-Magazin“ nennt, Hautnah an ähnlich exhibitionistische Bildschirmexistenzen heranwanzt. Oder Freitag, wo eine Komödiantinnenkarikatur aus Marzahn Markus Lanzens nette PR-Politur für debiles Hilfsentertainment à la Bezaubernde Cindy nutzt.

Nächtens an Plattenbautüren Sat1-Glücksfee zu spielen, ist jedoch nicht nur in Klaas Heufer-Umlaufs anarchischem Pro7-Käfig, der uns ab Donnerstag mit der neuen Staffel von Voice of Germany (aber ohne Xavier Naidoo) ernstes Bemühen um musikalischen Nachwuchs vorgaukelt, televisionäres Pickelausdrücken. Aber wer sich parallel den gebührenfinanzierten Donnerstag ansieht, spürt rasch, dass es sich da um ein strukturelles Problem handelt. Sendungen wie Die Show der unglaublichen Helden (ARD) und Die Große Zeitreise-Show garantieren schließlich nicht nur durch die verquollene Titel Unterhaltung für Einzelleransprüche. Und saugen schon durch ihre Dämlichkeit Aufmerksamkeit aus dem Publikum, dem somit die echten Perlen des Programms verborgen bleiben.

Wie Tom Schilling heute um 22.40 als grandioser Woyzeck auf Arte. Wie der sinistre Psychothriller Alaska Johannsen, in dem die famose Alina Levshin am Mittwoch im Ersten aufs Neue belegt, warum sie derzeit zum Besten der hiesigen Schauspielszene zählt. Dass es auch die Alten noch können, belegt zudem Christiane Hörbiger, der die ARD zum 75. Geburtstag einen nicht erwähnenswerten Freitagsfilm, aber auch einen schwierigen namens Stiller Abschied schenkt, in dem sie heute überzeugend eine Alzheimer-Patientin darstellt. Noch was? Ach ja, Fußball, am Dienstag, ohne Relevanz, ohne Spannung, werden trotzdem ungleich mehr Leute sehen als Wetten, dass…?. Bleibt noch eine Wiederholungsempfehlung: Jean Gabin als verkarstender Greis in Georges Simenons Die Katze von 1971 (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Und der Tipp der Woche: Markus Kafkas Rockstartreffen Number One!, Freitag um 20.15 Uhr auf ZDFkultur, diesmal mit: „Motörhead“ Lemmy Kilmister.


Begegnung: Hannes Wader

Als guter 68er

220px-Hannes_Wader_(3)Alt, weise, weiter links: Hannes Wader. Foto: Ludwich Lupe

Hannes Wader ist vielleicht nicht der letzte Linke im Land der sozialdemokratischen CDU. Der letzte Liedermacher vom linken Rand mit echter Strahlkraft ist der Schleswig-Holsteiner aber allemal. Zurzeit ist der unermüdliche „Mann mit der Gitarre“, wie er sich selbst nennt, mal wieder auf Deutschland-Tour. Und singt weiter von einer besseren Welt. Eine Begegnung.

Von Jan Freitag

Hannes Wader. Dass ein Name, der so ungemein norddeutsch moduliert, derart international, besser noch: internationalistisch klingt, ist ja schon sonderbar genug. Und dass er es seit nunmehr vier Jahrzehnten tut, grenzt fast an ein Wunder. Links? Heutzutage? 2007? Am geisteswissenschaftlich ausgerufenen Ende der Geschichte? „Nein, die alten Lieder sind noch längst nicht abgehakt“, sagt der „Mann mit der Gitarre”“ wie er sich selbst ganz bescheiden nennt. Er meint sozialkritische Lieder, sozialromantische Lieder, sozialistische Lieder. Und er hat zweifellos Recht.

Derart linke Weltanschauungen mögen ein wenig außer Mode geraten sein in den vergangenen Jahren, im politischen Leben wie auf der Bühne. Doch ihr bekanntester deutschsprachiger Vertoner lässt nicht von ihnen ab, weder hier noch dort. Und wenn er dieser Tage wieder mal von seiner neuen schleswig-holsteinischen Heimat aus bundesweit durch große Städte und kleine Orte tourt, werden die Hallen wie immer rappelvoll sein. Und sie werden Schauplätze eines Chorgesangs wie sonst nur bei Gottlieb Fischer, Waders konservativer Gegenprogrammierung, wenn man so will. Es stimme schon, sagt Hannes Wader mit seiner näselnden, seiner sonderbar pathetischen, fast arroganten Stimme: „Die Leute singen eigentlich alles mit.“

Wenn er allein mit der Gitarre auf einem Hocker sitzt und die unzähligen Stücke aus eigener Feder vorträgt, über Tankerkönige oder die eigene Familiengeschichte. Wenn er Volkslieder, Shantys oder Bob Dylan interpretiert. Wenn er „El pueblo unido“ ruft und es, wie auf seiner berühmten Arbeiterliederplatte von 1977 mit einer Stimme „jamás será vencido!“ aus dem Publikum zurückschallt. Oder von dieser Blume singt und ein Kanon von 30.000 Parteigenossen der DKP antwortet, es sei „die Blume des Partisanen, der für uns’re Freiheit starb“.

Diese rebellischen Zeiten sind natürlich längst vorbei, auch wenn Waders Vermächtnis dieser Klänge noch immer Schauder der Nostalgie über manchen Rücken jagt. Das weiß auch Hannes Wader, der ja in den heißen Tagen der RAF-Hysterie selbst ins Fangnetz aus Staatsschutz, Gesinnungsterror und Auftrittsverboten geriet. Die Linke habe damals, zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, der grünen Gründungsbewegung und der ersten Anti-Terror-Gesetze „mehr Dynamik gehabt“, sagt er, das schon. Doch auch heute noch ist da etwas in den Sälen spürbar: eine Mischung aus Geborgenheit, Vertrautheit, Verlässlichkeit. Die Fans von einst, sagt Wader, seien halt einfach mit ihm älter geworden.

Dabei ist es keinesfalls so, dass nur ehemalige Spontis und die Restbestände von K- und gesinnungsverwandten Gruppen kommen, wenn Hannes Wader auftritt. Sein gesungener Monolog funktioniert bei plattdeutschen Tanztees im Vorpommerschen ebenso gut wie in großen Mehrzweckhallen auf der Schwäbischen Alb. Oder der Hamburger Fabrik: Die bespielt er regelmäßig, obwohl er fraglos auch das Kongresszentrum spielend voll kriegte, „weil man sich einen Rest von Intimität bewahren sollte“. In Berlin, wo er vor seinem Umzug in den Norden zehn Jahre lang lebte, lockt er 2.000 Leute ins Tempodrom. Die Bandbreite ist erklärbar, seit den Siebzigern hat er schließlich auch Volksliedgut im Repertoire, nicht jene Schollenromantik von, sagen wir: Marianne und Michael, selbstverständlich. Aber immerhin: Die Suche nach dem kleinen Glück im Großen.

Der Parteipolitik als Suche nach dem großen Glück im Kleinen hat er dagegen längst abgeschworen. Schon wenige Jahre nach der so genannten Wende, wie er so näselnd betont, dass es fast angewidert klingt, ist er aus der DKP ausgetreten. Nicht im Streit, aber ermüdet. In einer Krise habe er damals gesteckt, keine Plattenfirma, kein Management, private Probleme und dann auch noch jenes System zu Klump gehauen, dem er lange Jahre die Treue gehalten hatte. „Ein kapitalistisches AKW unmenschlich zu finden und ein sozialistisches menschlich, die Einstellung hab ich heute nicht mehr“, sagt er. Nur so ein Beispiel. Dass deshalb nicht alles schlecht gewesen sei, verstehe sich fast von selbst. „Ich habe ja meine Weltanschauung nicht geändert.

Wohl aber den Umgang mit seiner Rolle. Heute spielt Hannes Wader nicht mehr auf jedem Parteitreffen, aber weiterhin im Soltauer Gymnasium oder der Oldenburger Kulturetage. Danach trinkt er nicht mehr die Nacht mit dem Publikum durch, sondern geht brav ins Bett. Hannes Wader zählt, so was klingt immer sonderbar irreal, stolze 71 Jahre, einer der letzten Aktiven großer linker Musikanten von Franz Josef Degenhardt bis Knut Kiesewetter, der ihn 1969 entdeckt hat, ist also bereits im Rentenalter und abseits ein paar wütender Punkbands kommt da wenig aus der Nische ans Tageslicht der Wahrnehmbarkeit. Und die Alten? Gut, da wären noch Kollegen wie Konstantin Wecker, Bettina Wegner, Reinhard Mey, die sich politisch so unermüdlich wie hörbar irgendwie links artikulieren. Dazu die Zwischengeneration, etwa Jo Quetschenpaua aus Waders Nachbarschaft in Itzehoe. Zur Ikone aber, zum Standbild des linken Entertainments der leisen Töne bringt es letztlich nur dieser gebürtige Ostwestfale Hannes Wader, der Mann mit dem Bart und der markanten Hakennase.

Dass er sie noch immer von der Bühne ins Publikum reckt, hat durchaus praktische Gründe. Zum Geld habe er immer ein eher gebrochenes Verhältnis gehabt, sagt er und lacht. „Als Alt-68er war es irgendwie bähbäh.“ Nicht, dass seine Karriere nicht einträglich gewesen wäre. Im Gegenteil. „Das Geld hat mich oft geliebt.“ Rund 40 Platten, unablässige Touren, ein furioses Live-Projekt mit dem gleichgesinnten Liedermacher Konstantin Wecker – das bringt nicht nur Mühe, sondern auch Einkünfte. „Aber als guter 68er hab ich das Geld natürlich immer nur so rausgeworfen.“ Er lacht sich sein Schicksal moralisch schön: „Und jetzt steh ich da und muss singen, bis ich 80 bin.“ Nicht die schlechteste Aussicht fürs Publikum. „Obwohl“, Hannes Wader denkt kurz nach. Wenn er die Bühne vorher verließe, sagt er dann, „würde ich mir was aus dem Herzen reißen“.

Hannes Wader ist noch bis 18. November auf Tour. Termine: http://www.scala-kuenstler.de/hwauftritt.html


Nils Koppruch: Sänger und Maler

400px-Fink_nilskoppruchOhne Worte

Vor einem Jahr ist das Unfassbare, vor allem unfassbar Traurige passiert: Nils Koppruch ist gestorben, plötzlich und unerwartet. Der Sänger, dessen Band Fink dem Country ein deutsches Gesicht ohne Cowboyhutpeinlichkeit gegeben hat, riss eine Riesenlücke in unzählige Lebensläufe und seinen Stadtteil St. Pauli. Zum Todestag bringen freitagsmedien einen Nachruf, der damals bei Zeit-Online erschienen ist

Von Jan Freitag

Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzenes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot.

Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten Musik des Öfteren mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. Nils Koppruch ist tot, und mit ihm starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen  Singer/Songwriter deutscher Sprache überhaupt. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Der globale Pop lässt Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber an dieser Stelle muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben, die ohne ihn womöglich unbesetzt bleibt.

Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg Fink gründete, hierzulande die erste Band, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop, da dachte er selbst noch, „das machen nur Nazis und Arschgeigen“. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.

Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel, dessen Zauseligkeit schon Ausdruck einer Haltung des Understatements war, als die Hipsterbeardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten, einen zerzausten „Gegenentwurf zum elitären Cliquending“, wie er es erst kürzlich umschrieb. „Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist“, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.

Arbeiter, Weber, Handwerker – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon im gebrauchten Zweiteiler zu Turnschuhen zwischen uralten Instrumenten in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 48-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphusen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten und grauen Fusseln, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.

„Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben“, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Nur: er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento?, sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. „Ohne meine Bilder“, sagte Nils Koppruch, „könnte ich nicht davon leben“.

Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von „Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen“. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ihm ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie, und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen und prominenter Kundschaft. Dass er unterm Pseudonym SAM schon lange vor der Musik tätig war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: „Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen“. Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, seine Cash-Interpretationen und Benefizkonzerte, seine sprachliche Poesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.

Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, „so dick“, seine Hände gingen schulterbreit auseinander, „totaler Stuss heute“, aber immerhin ein Ausdruck. „Das kannst du posthum veröffentlichen lassen“, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Dann wird es Zeit, denn Nils Koppruch ist tot, er starb gestern in Hamburg und ja, er hinterlässt eine Lücke. Nein, viele Tausend Lücken.


Selbstberuhigungshölle

fragezeichen_1_Grundsätzlich muss nur die Silhouette New Yorks ins Bild geraten, schon sind in Film und Fernsehen die ersten Polizeisirenen von unten zu hören. Merkwürdig

Es ist ja auch der ideale Resonanzraum: Gewaltige Gebäude, durchzogen von mächtigen Häuserschluchten – besser kann sich Sound kaum ausbreiten als in den Tiefen der New Yorker Skyline. Was läge da näher, als sie entsprechend zu nutzen. Für Konzerte zum Beispiel, am besten opulente Klassik oder, wenn’s sein muss, auch profane Musicals, gesehen bei dem Straßentanzszenen von Fame. Wann immer Big Apple jedoch am Bildschirm erscheint, ist kein ganz so harmonischer Klang daraus vernehmbar, sondern zunächst mal: Polizeisirenen. Immer. Überall. Als würden sie dort nie verstummen. Merkwürdig.

Denn die örtliche Polizeistatistik besagt zwar vermutlich eine ziemlich bedenkliche, nicht aber lückenlose Einsatzquote, also zu jeder Sekunde. Und genau das wollen uns Film wie Fernsehen ja auch nur zu gern suggerieren. Abseits der gewohnten Sensualisierung des Unsichtbaren, um dem Inhalt frühestmöglich ein Gesicht zu verleihen, gibt das dauernde Alarmgeheule dem hiesigen Publikum schließlich das wohlige Gefühl, eben nicht in solch einem Moloch zu leben, wo ständig die Blaulichter blinken, um die Folgen einer strauchelnden Zivilgesellschaft leidlich zu beheben. Orte wie New York dienen im krimisüchtigen Deutschland also vor allem der Beruhigung des Zuschauers. Vielleicht klingt die amerikanische Polizeisirene ja deshalb ganz anders als unsere.


Facebookfans & Forsthaus Falkenau

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

30. September – 6. Oktober

Man muss gewiss keine Sympathie für die FDP und ihre 500 Bundestagshelfer hegen, um deren Weg von der Spitze zur Stütze, pardon: Arbeitsagentur Empathie entgegenzubringen; man muss sogar den Parteivorsitzenden im Niedergang nicht mal ständig mit alten Parolen wie der von den Schleckerfrauen, die sich schon um sich selbst kümmern müssen, konfrontieren; man muss die abgewählte Partei also keinesfalls mögen, um das digitale Nachtreten sozialer Netzwerke auf geschundene radikalliberale Seelen zu missbilligen. Aber den Facebook-Account – Herr Rösler, Herr Brüderle! – einfach so abschalten, weil die Pinnwände mehr Häme als Elitenpolitik enthalten, das jagt der AfD bei der nächsten Wahl kaum Stimmen ab.

Am Ende kommt es noch so weit, dass beide aufhören, von den Segnungen des Manchesterkapitalismus zu twittern, nur weil die Antworten darauf womöglich unbotmäßig geraten. Aber da die FDP fortan sparen muss, kann sie sich das Zwitschern künftig ohnehin nicht mehr leisten, falls Twitter seinen Börsengang tatsächlich mit kostenpflichtigen Angeboten begleitet, um fast acht Jahre nach dem ersten Tweet erstmals Rendite zu erzielen, statt unablässig zweistellige Millionenverluste einzufahren.

Jenseits jeder Gewinnaussicht derart viel Geld zu verbraten, davon durfte ein kleines Lokalblatt namens Harburger Anzeigen und Nachrichten dagegen nur träumen. Nach 159 Jahren ist es mit beidem – den Träumen und dem Blatt – nun vorbei. Mit der traditionsreichen Zeitung aus Herbert Wehners Wahlkreis im Hamburger Süden, das der berühmte Sozialdemokrat einst mit bissigen Kommentaren bereicherte, setzt sich der Abstieg des Lokaljournalismus ebenso fort wie mit der Ankündigung des Madsack-Verlags, sämtliche Regionalausgaben künftig von einer zentralen Mantelredaktion aus zu beliefern. Da kann Giovanni di Lorenzo noch so motzen, dass man den Untergang auch herbeireden könne – abseits einiger Auflagenkrösusse wie seiner Zeit ist er längst Realität.

Und scheint langsam auch RTL zu drohen. Deren sauteures Nationalmelodram Helden etwa ist am Einheitstag ja (zu Recht) gefloppt, was dazu beiträgt, dass Pro7 den früheren Quotenkrösus bald überholen wird. Im September sank die Reichweitendifferenz des Plastikkanals zum Deppensender in der Zielgruppe auf gut ein Prozent, fällt also Richtung öffentlich-rechtliches Niveau – das allerdings im gleichen Tempo mitstürzt, falls es sein Angebot weiter vergreist. Mit patriotischer Heimatsoße wie bei NDR und SWR, denen die Otto Brenner Stiftung attestiert, ihre angeblichen 70% Informationsanteil vor allem mit provinziellen Ratgebersendungen zu erzielen, erreicht man eben doch nur das geriatrische Stammpublikum.

Als Jugendoffensive ist auch die Nachricht der Vorwoche nicht zu verstehen, dass ein gewisser Wolfram Koch Nachfolger des hessischen Tatort-Kommissars Joachim Król wird. Nicht nur, dass er schon 51 ist – den kennt auch kaum jemand oder? Womit wir an dieser Stelle unsere Intellektuellenpflicht erfüllen und wenigstens einmal kurz Bild bashen. Denn die vermeintliche „Zeitung“ hat es Freitag geschafft, ihre Titelseite völlig frei von der Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa zu halten. Man kann sich Kai Diekmann in der Schlagzeilenkonferenz lebhaft vorstellen: Die paar Neger weniger…

TV-neuDie Neuwoche

7. – 13. Oktober

Ein paar davon zuviel gibt es indes, wenn Schnulzensender wie Sat1 in Afrika drehen. Am Dienstagabend nutzt die Abenteuersülze Wüstenherz sämtliche Marokkaner vor Ort nur als Klischeelieferanten – und liefert somit ein weiteres Argument, zeitgleich im Ersten dem nahenden Staffelfinale von Weissensee beizuwohnen. Oder der ZDF-Reportage Unser Krieg über den deutschen Kampfeinsatz in Afghanistan. Oder der Arte-Doku In-Vitro-Fleisch. Oder doch bis Mittwoch abzuschalten, wenn der Filmemacher Rithy Panh auf Arte die Zeit der Roten Khmer mit der preisgekrönten Tonfiguren-Animation Das fehlende Bild aufarbeitet. Oder ein früherer Titanic-Chef auf ZDFneo zur satirischen Reportagereihe Sonneborn rettet die Welt bittet.

Zu befürchten ist jedoch, dass besonders leicht beeinflussbare weil blutjunge Zuschauerinnen parallel bei Pro7 landen, wo Claudia Schiffer Heidi Klum spielt und Designer castet. Fashion Hero wäre jedoch nicht halb so ärgerlich, ginge es acht Teile lang um etwas anderes als Product Placement. Denn die präsentierten Produkte sind tags drauf bei Händlern von s.Oliver bis Karstadt zu kaufen, die selber bei der Show mitmischen. Bei so dreister Schleichwerbung könnte man glatt RTL empfehlen, wäre das, was dort zeitgleich gezeigt wird, nicht noch absurder als Schiffers Schaulaufen: Mario Barth spielt dort nämlich Journalist und deckt auf, wie es im Titel heißt, zum Auftakt Steuerverschwendung. Einen billigen Comedian derart zweckzuentfremden ist in etwa so, als würde man Bashir al-Assad zum Wahlbeobachter in Deutschland ernennen, aber na ja, gutes Personal ist halt schwer zu finden, wo Die Schulermittler am Nachmittag zuvor unter „Information“ firmiert.

Kommen wir also zu etwas Erbaulicherem: Freitag geht nach gefühlten 200 Jahren im Hauptabendprogramm das Forsthaus Falkenau in die letzte Staffel. Außerdem fällt Minuten später die sendeplatzübliche ARD-Romanze aus, wenngleich für ein Fußballspiel. Das entschädigt gewissermaßen im Voraus für den neuen Polizeiruf Magdeburg, der mit Claudia Michelsen und Sylvester Groth zwar hervorragendes Personal bereithält, dramaturgisch trotz Friedemann Fromms Regie allerdings hanebüchener Quatsch ist. Bleibt also noch der Tipp der Woche, heute: Nordlicht, das nächste Krimihighlight aus Dänemark, womit Arte ab Freitag um 21.45 Uhr abermals zeigt, warum skandinavische Serien einfach besser sind.

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Borgia: Geschichte & Bombast

Unterm Sperrholzdom

Der Überraschungserfolg des Fernsehjahres 2011 geht in die 2. Staffel: Neben viel Sex’n’Crime’n’Dramadrama glänzt die europäische Mammutproduktion Borgia seit Montag im ZDF wieder vor allem durch detailverliebte Kulissen. Ein Setbesuch in Prag

Von Jan Freitag

Das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte, es endet an einem furchtbaren Ort. Bücher werden längst gedruckt, da Vinci versachlicht Gottes Werk, Amerika ist entdeckt, die Aufklärung steht vor der Tür – hier aber versinkt alles in infernalischem Gestank. Selbst vornehm beschuhte Füße waten durch Schlamm, Kot und Fäulnis. Der zerlumpte Pöbel ringsum pisst aufs Pflaster, isst bloß Unrat, vergisst alle Regeln. Wer diese Szenerie sieht, wähnt sich ganz real am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance – wären nur die Umstehenden des römischen Marktplatzes nicht so auffällig tätowiert, hingen da keine Scheinwerfer von stählernen Gerüsten, käme der wabernde Dunst vom regennassen Boden im Sonnenschein, statt aus leise tuckernden Nebelmaschinen nebenan.

Geschichtsfernsehen ist seit langem eine globale Schlacht detailversessene Kulissenbastler. Doch in den Prager Barrandov-Studios, wo einst Pan Tau entstand und Amadeus, gerät historische Authentizität quasi zur Leitwährung. Und ihr Schatzmeister heißt: Tom Fontana. „Korrektheit ist neben der Story unser wichtigstes Pfund“, sagt der renommierte TV-Produzent aus New York am Rande des originalgetreuen Nachbaus vom Petersplatz. Dem gewaltigsten Drehort seines wichtigsten Produkts, das ihn längst in den Traum verfolge, selbst unter die Dusche: Borgia.

Vor zwei Jahren lief die 1. Staffel der Biografie des mächtigsten Geschlechts seiner Zeit, das der christlichen Welt vor 500 Jahren einen Stempel aufdrückte wie zuvor nur das der Staufer oder die Medici im benachbarten Florenz danach. Und dieses opulente Familienepos, dramaturgisch Sopranos oder Dallas, ästhetisch eher Petersen und Emmerich, war dabei nicht nur ein zehnstündiges Lehrstück in Sachen seriellen Bombasts, sondern das „absolute Highlight 2011“, wie das ZDF seinen Anteil der 25 Millionen Euro Herstellungskosten verteidigt: ein Quotenhit, verkauft an 85 Länder, erfolgreich bis in die USA, wo zugleich eine ähnliche Version des Oscar-Gewinners Neil Jordan entstand. Dieser Triumph, daran lässt sein Landsmann Fontana keinen Zweifel, liege auch am Drehort.

Denn in Prag sind die Bedingungen ideal, da gibt es reichlich Fachleute mit dem nötigen Know-how für die originalgetreue Nachbildung der Petersplatzes, da warten sorgsam kostümierte Komparsen im Schatten der gewaltigen Sperrholzkonstruktion auf ihren Einsatz. Und weil das Preis-Leistungs-Verhältnis so günstig ist, entsteht lange vor Ausstrahlung der zweiten Staffel bereits die dritte, zu der Hunderte stiller Helfer für schmale 700 Kronen Tagesgage ihr Scherflein Glaubwürdigkeit beitragen.

Wobei es mit der so eine Sache ist. TV-Dramen wie dieses haschen ja vor allem Effekte. Wenn sich Papst-Sohn Cesare Borgia (Mark Ryder) in der Fortsetzung also peu à peu zum Herrscher der Heiligen Stadt intrigiert und dabei unablässig tötet, vögelt, finster dreinblickt, geht es zu unablässig dröhnender Musik vor allem um krachende Bilder. Überliefertes Wissen bis hin zur exakten Form des Käses, den ein gewisser Michelangelo bei den aktuellen Dreharbeiten auf dem falschen Pflaster kauft, mag also durchaus zum guten Ton der Boombranche zählen; wenn sich der Künstler kurz darauf mit einem ebenso berühmten Zeitgenossen prügelt, wird das reale Ereignis den Erfordernissen der Primetime, nun ja: leicht angepasst.

„Leonardo da Vinci hat ihm wirklich mal die Nase gebrochen“, betont Autor Fontana, der allein für dieses Projekt 350 Bücher durchstöbert hat, „aber in Florenz, nicht Rom“. Alles mithin irgendwie verbrieft, sagt der Macher erfolgreicher Serien von Copper über Homicide bis Oz mit schönstem Hollywoodgrinsen, „aber wir müssen die kleinen Goldklumpen historischer Authentizität natürlich ausschmücken“. Es geht um Schauwert. Um Massentauglichkeit. Weltweit. Schließlich hat die neue Staffel fünf Millionen Euro mehr verschlungen als die alte, von der entstehenden ganz zu schweigen – da muss das Ergebnis in möglichst vielen Ländern funktionieren, um sich zu rechnen.

Aber weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie vor elf Jahren Napoleon oder zuletzt Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“.

Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia“ unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.

Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden hierzulande auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. So gesehen könnte Borgia nach den europaweiten Quotenrekorden auch in der 2. Staffel durchstarten. Und das, obwohl die Reihe abermals in sechs abendfüllenden Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende, und dabei zudem stets am Rande der Überzeichnung balanciert.

Filmevents dieser Bauart funktionieren eben offenbar nur mit einer Monsterwelle an Sex’n’Crime’n’Dramadrama, die nun erneut jede der 600 Minuten flutet, bis Blut, Schweiß, Sperma förmlich vom Flatscreen spritzen. Und zwar so energisch, dass das ZDF 25 Minuten herausschneiden ließ. Aber keine Sorge: der Rest ist saftig genug. Ebenso wichtig wie ein Maximum an – historisch selbstredend belegbarer – Körperlichkeit, wie Tom Fontana beschwört, ist allerdings ein Casting, das allen Zielmärkten ausreichend Rechnung trägt. Der Wire-Star John Doman beliefert als Rodrigo Borgia erneut den amerikanischen, Assumpta Serna als seine mächtige Mätresse den spanischen, Mark Ryder als gemeinsamer Sohn den britischen. Und aus Deutschland: Isolda Dychauk als durchgehend bedeutsame Papst-Tochter Lukrezia oder Victor Schefé, dessen Zeremonienmeister Johann Burckhardt nur scheinbar eine Nebenrolle spielt.

Tatsächlich sorgt seine Figur für die schriftliche Überlieferung der ganzen Epoche und somit für den nötigen Kitt in die Gegenwart. „Ich bin das Gedächtnis der Serie“, sagt der versierte Bühnenmime in Birkenstocksandalen zwischen zwei Drehterminen und freut sich spürbar über seine Relevanz. „Erst im Nachhinein ist ja vieles verfälscht worden.“ Durch Päpste und Puristen, Kaiser, Kirchenfürsten und ein bisschen durch Tom Fontana – den alten neuen Herrscher des Historienevents.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/1415454#/beitrag/video/1970538/Borgia—Folge-1-der-zweiten-Staffel


Edgar Reitz: Heimatsuche & Regie

Heimat ist ortslos geworden

Nach dem großen Erfolg von Heimat, der durchgefallen Fortsetzung Die Zweite Heimat und dem gefeierten 3. Teil Heimat3 setzt der Filmemacher Edgar Reitz seinen epochalen Fernseh-Zyklus aus dem Hunsrück nun wie immer ohne Stars mit dem Prequel Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht fort. Es ist das rückwärtsgewandte Finale einer mehr als 50-stündigen Erzählung deutscher Geschichte über zweieinhalb Jahrhunderte, die zum Wichtigsten zählt, was der deutsche Film je produziert hat. Aus Anlass des morgigen Kino-Starts bringen die freitagsmedien ein mittwochsgespräch aus dem Jahr 2004 übers Werk, Heimatgefühle und Kindheitserinnerungen des Regisseurs, der am 1. November 82 Jahre alt wird.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Reitz, wo genau ist eigentlich Ihre Heimat?

Edgar Reitz: Ich lebe seit 40 Jahren in München. Mit Unterbrechungen, ich war auch mal in anderen großen Städten zuhause. Aber München ist der Ort, an den ich letztlich immer wieder zurückgekehrt bin. Wichtig ist, wenn man so lange an einem Ort lebt: ich habe dort auch meine wichtigen Freunde und meine Familie. Was mich diese Stadt so heimatlich erscheinen lässt, spüre ich immer, wenn ich durch die Straßen fahre, immer weiß, wo ich bin. Dass ich die Geografie der Stadt inzwischen im Blut habe, das Wiedererkennen der Wege, das erzeugt in mir das Gefühl von Heimat. Es ist sozusagen eine zweite Heimat, denn ich bin ja kein gebürtiger, kein bayerischer Münchener.

Sie stammen aus dem Hunsrück, dem Ort, an dem Ihr Heimat-Zyklus spielt.

Ganz genau.

Heimat ist für sie also wandelbar.

Das muss man heute so sehen; ursprünglich war es ja nicht so. Es gibt aber auch etwas nicht Wandelbares: Die Welt der Kindheit. Wir können als Kinder eben nicht wählen, wo wir aufwachsen, und wir können uns auch nicht die Familie oder das Umfeld aussuchen. Das wird uns durch Geburt serviert. Diese ersten Erfahrungen, die frühen Bilder, die ersten Horizonte sind von einer Intensität, die es später im Leben nie mehr wieder gibt. Das sieht man auch in jeglicher Form künstlerischer Verarbeitung – alle Künstler schöpfen doch aus diesen Quellen, aus den Bildern der Kindheit. Deswegen dreht sich auch alles, was sich in meiner Phantasie, in meinen Erinnerungen, im Bereich der Poesie abspielt, irgendwie immer um den Hunsrück.

Und diese Kindheitsheimat ist schmerzunempfindlicher, was in der Kindheit passiert, kann der Heimat nichts anhaben.

An dem Ort, wo man es ursprünglich erfährt, verliert man sie immer, indem man wächst, größer wird, sich immer weiter in die Welt hinausbewegt. Und wenn man mal dem Sichtfeld der Eltern entwischt ist, dann spielt sie dann irgendwann eine geringere Rolle. Es gibt ja heutzutage immer weniger Menschen, die ein Leben lang am Ort ihrer Kindheit bleiben. Die Menschen bewegen sich so wie ich.

Sind Sie in diesem Sinne dennoch ein klassischer Provinzler?

Also von meiner Herkunft her ja, auf jedem Fall.

Wie viel Provinz steckt denn noch im Begriff Heimat?

Ursprünglich sehr viel, nachträglich gar keine mehr. Weil Provinz früher die Welt der Dörfer war, das Ländliche, gekennzeichnet durch ein riesiges Informationsgefälle gegenüber den Großstädten und vor allem durch einen engeren Erfahrungshorizont. Aber das hat sich sehr gewandelt. Provinz gibt es heute nicht mehr als Ort. Die Menschen auf dem Land sind heutzutage ja längst up to date, in Fragen des Lebensstils ganz vorn, manchmal sogar weiter vorn als in den Großstädten, wo man mittlerweile einen neuen Konservativismus beobachten kann, der auf dem Lande immer weniger zu Hause ist. Zumindest außerhalb Bayerns. Aber Provinz findet sich in den Köpfen wieder. Und da findet sich dieses neue Phänomen wieder: Ebenso wie Heimat ortslos geworden ist, ist auch Provinz ortslos geworden. Die provinziellen Köpfe findet man überall, in den größten Städten und mitten im Publikum.

So gesehen spielt ihr Heimat-Zyklus gar nicht in der Provinz.

Nein, er spielt in der Welt, in der wir leben. Im vollen Bewusstsein aller Strömungen, aller kulturellen Einflüsse und etwa denen des Marktes.

Thomas Brussig, Ihr Co-Autor des dritten Teils der Reihe, hat gesagt, Heimat sei nach Freiheit der meist missbrauchte Begriff. Welcher von beiden wurde nach 1989 mehr missbraucht?

Ich denke das mit der Freiheit ist schlimmer. Denn Freiheit ist fast nicht ideologiefrei zu haben. Freiheit muss definiert werden, während Heimat auch ohne intellektuelle Vorleistung zu haben ist.

Aber Heimat hat es trotzdem schwerer, weil Freiheit einfach erstrebenswerter klingt, oder?

Sicher, der Begriff hat’s schwer. Und trotzdem wissen alle, was damit gemeint ist. Heimat wird erst schwierig, wenn man darüber spricht, während Freiheit schwierig wird, wenn man aufhört darüber zu reden.

Schöner Satz. Jetzt könnte man das Interview eigentlich beenden.

Könnten Sie. Wollen Sie denn schon?

Um Gottes Willen! Ist Heimat3 eine Wendegeschichte oder einfach eine Geschichte nach der Wende?

Die Impulse der Wende spielen eine sehr große Rolle bei Heimat3. Sie brachte so eine Euphorie des Deutschseins mit sich. Man stellte sich plötzlich vor, dass im erweiterten Raum so etwas wie ein neues Glück zu haben sei und dass es nur darauf ankäme, mit entsprechender Initiativkraft und Phantasie die neue Epoche in Angriff zu nehmen und schön wird alles besser als es war. Für die im Osten sowieso, aber für die im Westen auch. Dort haben sich zum Beispiel viele Geschäftsleute das ganz große Geld erhofft. In der Phantasie ist alles mögliche passiert. Es sind Tausende von neuen Lebensentwürfen entstanden.

Die in Heimat3 einfließen.

Die mit einfließen. So habe ich einen großen stofflichen Anschwung gehabt. Denn so viele Lebensentwürfe am Anfang einer so großen Erzählung – da stellt sich die Frage, was daraus werden kann. Und genau das ist die Story geworden.

Hätte es Heimat3 ohne den Fall der Mauer gegeben?

Vielleicht hätte es eine dritte Heimat gegeben, aber ganz bestimmt nicht diese. Denn der Fall der Mauer war für mich der unmittelbare Anstoß, Heimat3 zu planen. Das passierte damals mitten in den Dreharbeiten zu Die zweite Heimat und ich musste mich schon von Berufs wegen fragen: kann man so was erleben, ohne je filmisch darauf zu reagieren? Ich konnte das während der damaligen Dreharbeiten leider noch nicht und hab das damit später nachgeholt.

Werden Ihre Geschichten deshalb so monumental, weil sie als Autor und Regisseur wirklich jeden Impuls der Zeit aufnehmen müssen?

Na ja, was heißt monumental – die Filme sind doch einfach Lebensläufe. Ich mache ja keine dramatische Unterhaltungsgeschichte. Für mich ist es das Interesse am Leben, an den Menschen, und wo soll denn das enden? Solange einer lebt, ist er für mich ein Thema. Und wenn er stirbt, taucht immer jemand anderes aus dem Umfeld auf, der es wert ist, erzählt zu werden. Das Prinzip des unendlichen Erzählens ist für mich ein großes Stimulans. Ich kann überhaupt nicht aufhören damit. Es gibt einfach nichts Schöneres als Geschichtenerzählen, sich immer wieder erneuern zu lassen. Es ist ja nicht so, dass ich von meinen Zuschauer erwarte, in eine Einbahnstraße mit mir zu gehen. Die Auswahl ist riesig. Mittlerweile geht es um über 300 Figuren aus allen sozialen Schichten, aus allen Lebensaltern. Da kann man sich schon was aussuchen.

Könnten Sie nach nunmehr 30 Teilen Heimat überhaupt noch einen abgeschlossenen 90-minütigen Film drehen?

Ach, ich will das nicht ausschließen. Aber man tut immer gut daran, sein Talent zu nutzen. Ich habe nun mal die Fähigkeit, große Geschichten so zu erzählen, dass mir mein Publikum nicht wegläuft. Und wenn ich das nicht mehr nutzen würde, wäre ich schlecht beraten. Es gibt unendlich viele Formen des Kinos und des Films und das ist meine. Jeder nach seinem Talent.

Klingt schwer nach Heimat4.

Ich mache Filme solange ich lebe und kann mir kein Jahr ohne ein Filmprojekt vorstellen. Das ist für mich nicht nur ein Lebensmittel, sondern auch ein Überlebensmittel. Ob das dann wieder Heimat heißt, wird sich zeigen.

Die Charaktere sind aber vermutlich noch nicht durch erzählt.

Es gibt immer wieder neue Anfänge, auch in Heimat3 gibt es wunderbare Anfänge für Geschichten, wenn Sie zum Beispiel den kleinen Millionenerben nehmen, der 1992 geboren wird. Das schreit danach, zu erzählen, was an seinem 18. Geburtstag passiert, wenn er mündig ist und an seine Konten kann.

Und Sie lassen sich aus Altersgründen nicht davon abhalten, dass selbst zu machen.

In künstlerischen Dingen kann man nicht delegieren. Jeder kann nur seinen eigenen Weg finden und meiner kann nur meiner sein. Das ist ja keine Altersfrage, sondern eine Frage der Kondition.


Akte X-Factor

fragezeichen_1_Wann immer Frauen in schicken Klamotten zweidimensional herumstehen, rutschen die Fußspitzen aufeinander zu wie bei schüchternen Klosterschülern. Merkwürdig

Parfumwerbemodels tun es. DSDS-Kandidatinnen tun es. Gestandene Fernsehschönheiten tun es. Ja selbst Heidi Klum tut es, die besonders: Gefilmte, fotografierte, moderierende, castende oder gecastete Frauen stehen bei aufreizenden, also sexualisierten Posen in engen, also sexualisierten Klamotten und halsbrecherischen, also sexualisierten Schuhen grundsätzlich herum, wie alles andere als aufreizende, sexualisierte Schulmädchen – Hacken auseinander, Fußspitzen zusammen, Beine leichte geöffnet, infantil also bis kindisch. Merkwürdig.

Aber irgendwie auch logisch. Denn selbst vermeintlich starke Frauen wie, sagen wir: Barbara Schöneberger sind bloß vermeintlich selbstbestimmte Platzhalterinnen der permanenten, lustfixierten, dauerhafaten Verfügbarkeit ihres Geschlechts. Da Männer sich ihre Miezen noch immer gern untertan träumen, da viele insgeheim die alten Zeiten rückratloser Heimchen zurücksehnen, da emanzipierte Frauen doch eher nein als ja sagen, liefern ihnen die Medien nämlich zumindest dem Habitus nach dämliche Mädels frei Haus. Und die tragen zwar selten mehr als 26 Gramm Textilien am Leib; ihre Killerheals – deren Höhe die Zehen schon physiognomisch zusammendrückt – suggerieren allerdings Pubertät, also latente Willenlosigkeit. Klingt befremdlich machtgeil, ist am Ende aber doch bloß männlich.