Charly Hübner: Vater & Vaterdarsteller

Ich spreche Dinge zügig aus

Charly Hübner gilt als einer der besten Schauspieler im Land. Sein Polizeiruf-Kommissar Bukow gilt als Quintessenz des überzeugenden Ermittlers. Seit drei paar Jahren allerdings muss der 40-Jährige auch noch zeigen, ob er als Vater überzeugt. Im famosen Beziehungsfilm Eltern zeigt der Mecklenburger ab morgen im Kino, dass er ihn zumindest wunderbar darstellen kann. Ein Gespräch über vertauschte Rollen, verstockte Männer, seinen eigenen Vater und wofür ihm die Zeit fehlt

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Charly Hübner, was ist ein guter Vater?

Charly Hübner: Also auch, wenn mein nicht mein leiblicher Sohn ist: Kinder sind Schutzbefohlene ihrer Eltern, die diese Aufgabe nach Kräften erfüllen sollten. Die einzige Prämisse ist also, ihr Leben zu schützen und bestmöglich aufs Erwachsenenleben vorzubereiten, ohne allzu sehr einzuengen.

Klingt nach moderner Erziehung.

Ich weiß nicht, ob das modern ist; über diesem Begriff sind mir schon zu viele Theorien gescheitert. Aber sie folgt dem ureigenen Wesenskern dessen, was ich als gute Erziehung empfinde.

Die Sie selbst auch genossen haben?

Ich stamme aus einem sehr opportunistischen DDR-Elternhaus stamme, dem es besonders wichtig war, nicht aufzufallen, nicht anzuecken vor allem. Darauf war alles fokussiert, in diesem Rahmen wurde in unsere Entwicklung eingegriffen. Ich vermittle zwar Grundregeln, sorge für Essen, Liebe, ein Dach überm Kopf, lasse es ansonsten aber laufen.

Darin ähnelt Charly dem Konrad in Robert Thalheims Kinofilm Eltern.

Er ist sogar noch ein wenig leichtsinniger als ich. Die Hybris des Ich-krieg-das-schon-hin, ist mir eher fremd. Ich brauche etwas Struktur und Kontrolle, während sein Haushalt ohne den strengen Alltagspragmatismus seiner Frau in Richtung Hippie-Chaos ginge, gerade was Sicherheit und Hygiene betrifft.

Das ist die klassische Rollenumkehr alter Familienverhältnisse, in denen die Frau den Haushalt schmeißt, bis der Mann nach Feierabend heimkehrt und sagt, wie es richtig geht.

Und genau das versucht der Regisseur Robert Thalheim auch zum Ausdruck zu bringen. Auch aus seiner eigenen Elternzeit heraus, die er vor diesem Film genommen hatte. Ich selber stelle mir solche Fragen nach Rollenzuweisungen gar nicht, weil ich für eigene Kinder ohne Zögern sofort das Maximum an Elternzeit nehmen würde. Meine Frau und ich haben schließlich den gleichen Beruf.

Sind sie und Lina Beckmann denn beide im selben Umfang beruflich eingebunden?

Ja. Somit sind wir Quartalseltern, meist im Wechsel. Und es gibt ja auch noch den leiblichen Vater, zu dem wir ein super Verhältnis haben. Es geht halt darum, dass unser Sohn eine gute Zeit hat mit seinen Oldies, die zu dritt sind seit er zwei ist. Die Kinder von Konrad dagegen haben nur einen Vater und eine Mutter, die ständig arbeitet.

Was unterscheidet Konrad noch von Charly?

Beim Bukow aus dem Polizeiruf darf ich tun, was mir an meinem Beruf die größte Freude bereitet: mich vollends verwandeln, im wahrsten Sinne des Wortes spielen. Konrad und ich dagegen entstammen ähnlichen Subkulturen, wir sind beide Künstler und lassen uns von Kindern einen Teil unseres Lebens bestimmen. Deshalb habe ich hier gar nicht so viel über Techniken nachgedacht, sondern meinen Text gelernt, vorm Drehen einen Pullover angezogen und das Tempo gehalten, dass die Kids vorgeben. Was mich an Konrad aber stört, ist seine Verschlossenheit.

Worin äußert sich das?

Daran, mit seinem Ego hinterm Berg zu halten, seine Sorgen und Bedürfnisse nicht zu äußern. Etwa, unbedingt wieder arbeiten zu wollen, jahrelang weder mit seiner Frau noch sich selbst zu besprechen. Dieses Schweigen führt zum Beispiel dazu, dass er zehn Jahre, nachdem es in Mode war, dieses viel zu radikale Castorf-Theater inszenieren will. Und das zwangsläufige Scheitern verstärkt dann die Unvereinbarkeit von Job und Familie so sehr, dass alles, was so lange unausgesprochen blieb, explodiert. Da ticke ich total anders.

Inwiefern?

Er lässt alles ewig in sich rumgrummeln, ich spreche Dinge zügig aus.

Könnte man die Geschichte umgekehrt ebenso spannend, unterhaltsam und relevant erzählen?

Wenn die Hausfrau Christine vom Ernährer Konrad Selbstentfaltung einfordert? Vor 30, 40 Jahren, als Frauen vehement ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe abseits der Mutterrolle eingefordert haben, wäre das eine erzählenswerte Geschichte gewesen.

Um die wieder herzustellen, sagt Konrad, er brauche „auch mal jemanden, der mir den Rücken freihält“, worauf ihm Christine vorwirft, wie „’ne frustrierte Ehefrau“ zu klingen.

Ja, klug gemacht von Robert oder?

Macht erst der Ausbruch aus der Normalität Geschichten erzählenswert?

Nicht nur. Normausbrüche wie die umgedrehte Rollenkonstellation sind zwar spannender als die typische, aber die wirklich interessanten Aspekte des Lebens findet man dort, wo sie gewöhnlich sind. Filme sind toll, wenn sie atmosphärisch auf die Bremse treten, statt es dauernd knallen zu lassen.

Oder Beziehungsprobleme ständig als Komödien zu erzählen.

Genau. Kurzfristig war Eltern als Romantic Comedy geplant; da hab ich gar nicht grundsätzlich was gegen, aber hier wäre das bloß eine Sammlung plakativer Zitate zur allgemeinen Erheiterung gewesen, Papier statt Drehbuch. So aber entsteht ein Mikrokosmos, der Fragen aufwirft, die irgendwann an den Horizont politischer Verantwortung knallen: Macht die Politik eigentlich alles richtig, um Konflikten wie diesen vorzubeugen? Sind die Rahmenbedingungen geschaffen, um finanzielle Absicherung, persönliche Entfaltung und widerstreitende Egos in Einklang zu bringen? Dieses Fass macht Robert auf, lässt den Zuschauern aber genug Raum, es selbst zu füllen.

Wie werden Sie das Ihrer Meinung nach tun?

Es ist witzig, dass mich nach der Premiere in München viele Frauen angesprochen haben, die sich so einen Mann wie Konrad wünschen, also auf einer Metaebene mit mir über den Film geredet haben. Männer dagegen wollten mir eigentlich nur über meine schauspielerische Leistung sprechen.

Als wäre denen das umgedrehte Rollenverhältnis irgendwie unangenehm?

Wahrscheinlich. Ich bin mal gespannt, wie der Film auf meinen Bruder wirkt, der gerade versucht, zwei Kinder und Frau mit dem Beruf zu vereinbaren. Der ist gerade voll in der Mühle. Logistik, Logistik, Logistik. Und das wird natürlich mit jedem Kind komplizierter.

Würden Sie das für weitere Kinder in Kauf nehmen?

Ja. Ich will seit Jahren eigene Kinder und hab dafür nun zum ersten Mal in meinem Leben die richtigen familiären Verhältnisse. Jetzt müssen da nur noch die Götter dran rühren.

Welche Familiengröße verträgt denn das unstete Pendlerleben zweier Schauspieler?

Ach, viele denken ja, wegen all meiner Filme arbeit ich quasi durch. Aber ich habe mir schon immer Freiräume geschaffen und mache – seit ich mir das erlauben kann – fünf Monate im Jahr Drehpause. Das brauche ich für meine Familie, aber auch für mein Seelenheil. Egal, ob zwei oder vier Kinder – ich werde damit einen Umgang finden. So ticke ich. Wenn es die Familie erfordert nehme ich mir die Zeit von der Arbeit, wenn es die Arbeit erfordert, die von der Familie. Das ist alles eine Aushandlungssache, eine Frage des Redens.

Und eine Frage des Portfolios. Denn Sie haben ja gerade ein neues Standbein eröffnet.

Ach!?

Als Dokumentarfilmer.

In 16x Deutschland, stimmt. Dazu bin ich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, weil die formale Vorgabe der ARD war, der Autor des jeweiligen Beitrags solle aus dem jeweiligen Bundesland kommen. Da haben sie einfach den derzeit bekanntesten Fernseh-Mecklenburger gefragt, also Kommissar Bukow. Nachdem ich drüber geschlafen hatte, war ich plötzlich Dokumentarfilmer.

Und haben ihre Heimat als Nazimoloch geschildert.

Der Ansatz war, den geilsten Erholungsort der Republik zu zeigen, wo man sich in der Natur entspannen kann wie nirgends sonst. Drei Stunden bei uns im Mischwald zu sitzen und nichts zu tun, bringt mich zurück in den Urzustand, wie von Gott gewaschen. Dafür brauche ich nur ein paar Schritte und stehe mittendrin. Das mache ich bei jeder Gelegenheit. Deshalb wollte ich für 16x Deutschland eine Viertelstunde Angeln auf’m See zeigen. Aber als ich im Kopf die Bilder durchgegangen bin, kamen eben auch andere Bilder.

Und haben Sie jetzt Blut geleckt, was dieses Genre betrifft?

Dafür muss mir jemand Vertrauen vorschießen wie es damals der NDR getan hat. Dann bin ich zu allem bereit. Zwei Jahre für ein ehrgeiziges Projekt durch die Instanzen zu gehen, um Mittel zu akquirieren, dafür bin ich zu ungeduldig. Ich funktioniere übers Quatschen.

Da wären wir wieder bei der Familie.

Ja, sobald ich die Möglichkeit kriege, Dinge kommunikativ zu regeln, bin ich froh.

Also: Sind Sie ein guter Vater?

[lacht] Das müssen Sie meinen Sohn fragen. Ich würde mir aber mehr Beständigkeit in der Anwesenheit wünschen. Kinder lieben Rituale, Regelmäßigkeit, Vereinbarungen, die ich ihm leider nicht immer bieten kann. Was umso schlimmer ist, wenn ich mich daran erinnere, wie furchtbar es für mich war, wenn der Vater wochenlang unterwegs war wegen irgendwelcher Karnevalssitzungen der neuen Session, die er organisiert hat. Andere Kinder hatten präsente Väter, richtige Bauernburschen, mit denen es raus ging in die Natur. Unserer arbeitete an Büttenreden.

Und für die Stasi.

Und für die Stasi.

Empfinden Sie diese Erkenntnis heute als Belastung?

Im Gegenteil: als Erleichterung. Wir hatten es ja irgendwie immer geahnt und ständig nachgefragt. Als er es dann nach Leben der anderen endlich von sich aus zugegeben hat, war das ein wichtiger Schritt, auf den jetzt allerdings der zweite folgen muss: in zwei Jahren kriegen wir Akteneinsicht. Ich will wissen wer der Vater  überhaupt war, mit dem wir die Achtzigerjahre verbracht haben und will ihn einfach verstehen,

Im Sinne von Verständnis aufbringen?

Vielleicht. Wo hat er zum Beispiel – das ist die Hoffnung des liberalen Sohnes – falsche Fährten gelegt. Wo hat er aber auch – das ist seine Angst – richtig Mist gebaut?

Und wenn ja?

Würden wir Kinder uns grade machen und sagen, wie’s war.

Drüber reden.

Immer drüber reden.

“Eltern” von Robert Thalheim läuft ab morgen im Kino

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Whistleblowerblower & Gaumen-Auditions

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

4. – 10. November

Es gibt TV-Stars, die sind derart untelegen, dass ihre Präsenz auf dem Bildschirm andere als die üblichen TV-Gründe haben muss. Christian Ströbele ist so einer. Seit der Grüne mit dem roten Schal unterm schlohweißen Haar kürzlich zur Audienz beim Whistleblower Edward Snowden geladen wurde, geistert er so unablässig als Whistleblowerblower durch die Nachrichten, als wären alle anderen Politiker plötzlich kamerascheu. Und es ist ja auch die pure Freude, diesem Parlamentsfossil dabei zuzusehen, wie es die neue Aufmerksamkeit nach all den Jahren am Rande der Macht genießt, wie es vor den Mikrofonwäldern feixend berichtet und dabei spürbar aufblüht. Wie er eine Art Markus Lanz seriöser Berichterstattung gibt, der seine Euphorie zuweilen nicht ganz im Griff hat, damit allerdings nach wie vor Massen von Menschen erreicht.

Nur dass Christian Ströbele dabei nicht halb so langweilig und überkommen ist, wie der Showmaster am Samstag auch bei seiner Hallenser Volksmusikausgabe von Wetten, dass…? bewiesen hat, die sich mit dem Couchbesuch des pornografisierten Exkinderstars Miley Cyrus vor der Minuskulisse von gut 6 Millionen Zuschauern aufs Neue medial infantilisiert hat, ohne damit das heiß ersehnte Publikum unter 63 in geplanter Zahl zu erreichen. Naiv, wer da noch leugnet, dass das ZDF nicht längst am Vorgänger Gottschalk baggert, um ihn womöglich doch, wer weiß, irgendwann, nun ja – zur Rückkehr zu bewegen.

Was ja ohnehin voll im Trend läge: Hans W. Geissendörfer hat vorige Woche schließlich auch angekündigt, seine Lindenstraße durch die Exhumierung der Exbewohner Oli Klatt (Will Herren) und Robert Engel (Martin Armknecht) aus dem Quotentief zu holen. Die Rückbesinnung aufs Hergebrachte ist ja schon deshalb kein Wunder, weil die Ermittler am Tatort Weimar vor acht Tagen zwar jünger als jedes andere waren, in der werberelevanten Zielgruppe aber hinterm neuesten Harry Potter lagen.

Dies Zielgruppe unter 50 ist schließlich fürs Regelprogramm kaum noch zu begeistern. Und wenn sie sich schon vor den Fernseher setzt, dann doch zusehends beim Pay-TV mit der Möglichkeit, Importe im Originalton zu sehen (also nicht wie seit gestern House of Cards bei Sat1 mit gewohnt mieser Synchronisation). Wohl deshalb hat Sky schon das dritte Quartal in Folge schwarze Zahlen geschrieben und wird nun auch filmerisch tätig: In Zusammenarbeit mit der ProSiebenSat1-Tochter Red Arrow lässt der Bezahlsender die internationale Krimiserie 100 Code von Oscar-Gewinner Bobby Moresco produzieren. Im Erfolgsfall dürfte die Ausstrahlung Anfang 2015 einen Wettbewerb handgemachter Qualitätsformate auslösen.

TV-neuDie Frischwoche

11. – 17. November

Und somit hoffentlich öffentlich-rechtliche Hochglanzbiederkeit wie Das Mädchen mit dem indischen Smaragd ersetzen, das nach dem gestrigen Auftakt heute in den zweiten Teil geht. Denn auch wenn das sagenhaft berechenbare ZDF-Märchen ab und an etwas unheile Welt zwischen bitterer Armut und groteskem Reichtum zeigt, ist die sündhaft teure Produktion am Billigdrehort nichts als ärgerliches Kaugummifernsehen für Anspruchsreduzierte.

Was das ZDF an diesem Punkt mit Sat1 gemeinsam hat, wo morgen eine schmerzhaft dämliche Western-Schnulze mit dem schmerzhaft debilen Titel In einem wilden Land läuft. Auch hier scheitert der Versuch, Realismus mit Schauwert zu paaren furios. Wenn Stars von Nadja Uhl über Benno Führmann bis Thomas Thieme ihr Cowboy-und-Indianer-Laienspiel im Texas vor 150 Jahren aufführen, ist das zwar besser besetzt als der subkontinentale Gegenwartsquatsch mit dem Traumschiff-Girl Stephanie Stumph; beides jedoch ist gleichermaßen ebenso schlicht inszeniert wie, sagen wir: nachgestellte Mordfälle bei Aktenzeichen XY.

Um derartige Kapitaldelikte geht es übrigens auch beim Preis gegen das Verbrechen, der dort am Mittwoch verliehen wird. Besser: um verhinderte. Denn die staubige Denunziationssause prämiert Jahr für Jahr couragierte Menschen, die bei Straftaten übelster Art eingeschritten sind. Und weil diese Straftaten Jahr für Jahr irgendwo zwischen Pädophilie, Massenvergewaltigung und Genozid pendeln, erweckt das CSU-Format wie immer den Eindruck, dieses Land brauche dringend mehr Law & Order.

Dass das Land mehr Kochshows brauche, glaubt dagegen unbeirrbar Sat1, und startet parallel The Taste, eine Art The Voice für Spitzenköche, quasi Gourmet- statt Gesangscasting, also mit Blind Auditions für den Gaumen. Aber nicht alles mit englischem Titel verspricht schlechtes Fernsehen zu werden. Die Comedyserie The League (ab Donnerstag, 22 Uhr, RTL Nitro), über eine Gruppe junger Leute, die zwischen Online-Spiel und Realität nicht recht unterscheiden können, gilt in den USA durchaus zu Recht als lustiger Geheimtipp. Vielleicht hätte es der ARD also geholfen, den Mittwochsfilm Arnes Heritage statt Nachlass zu nennen. So aber ist die nächste Siegfried-Lenz-Verfilmung mit Jan Fedder als irgendwie ausgelaugter Seemann bloß noch ein Abklatsch all der vorigen.

Ein Abklatsch diverser Themenwochen ist im Kern zwar auch die diesjährige. Doch wenn sich das ARD-Programm ab Samstag eine Woche lang ums Glück dreht, tauchen darin garantiert immer mal wieder spannende Fernsehmomente jenseits des Erwartbare auf. So spannend womöglich wie Freitag Lars Beckers Krimidrama Unter Feinden auf Arte mit Fritz Karl als krimineller Bulle. Was jedenfalls allemal spannender sein dürfte als das Fußballfreundschaftsspiel in Italien, das zeitgleich im Zweiten stattfindet. Noch härtere Kost empfiehlt dagegen der Tipp der Woche, morgen auf Arte: Claude Lanzmanns Shoah, 585 Minuten harte Holocaust-Aufarbeitung ohne Leichenberge am Stück.


Report: Reporter in Politik, PR & Wirtschaft

Michael Inacker7Wechselwähler

Die Journalistin Susanne Gaschke hat den sicheren Redakteursposten bei der soliden Zeit gegen das Kieler Bürgermeisterinnenamt getauscht – und ist krachend gescheitert. Doch anders als früher ist der Weg zurück in ihren Lehrberuf durchaus möglich, wie ein Blick in die Branche zeigt. Dort wechseln Journalisten oft fleißig zwischen Presse, Wirtschaft, Politik und PR – wie das Beispiel des Wirtschaftsreporters Michael Inacker zeigt. So oft, dass diese Reportage vom vorigen Jahr schon wieder überholt ist, weil Inacker längst wieder vom Handelsblatt fort Richtung Berichtsgegenstand war.

Von Jan Freitag

Wenn Michael J. Inacker seine Karriere beschreibt, bedient er sich bei Hermann Hesse. Jedem Anfang, zitiert der Wirtschaftsjournalist den Literaten, „wohnt ein Zauber inne“. Und weil Michael J. Inacker diesen Zauber förmlich sucht, weil er auch mit 48 nach vorn blickt, „weil mir Verändern, Entwickeln, Neubeginnen liegt“, deshalb fängt Michael J. Inacker öfter neu an. Doch was heißt öfter – sein Berufsweg gleicht einem Dauerstart. Vorletzte Abfahrt: Handelsblatt.

Der Rang des stellvertretenden Chefredakteurs im Hauptstadtbüro war nur die jüngste vieler Stationen eines langen Publizistenlebens. Nur waren sie mitnichten alle: publizistisch. Nach acht Jahren beim Rheinischen Merkur und Welt am Sonntag wurde der promovierte Politikwissenschaftler 1998 erstmals für die Industrie tätig. Bis 2006 hatte er bei DaimlerCrysler vom Planungsstab des Vorstands bis hin zur Direktion für Politik und Außenbeziehungen stets Leitfunktionen inne, unterbrochen nur von einer vierjährigen Aufbauhilfe beim Sonntagsableger der FAZ, „mein journalistisches Gesellenstück“, wie er es nennt. Nach weiteren drei Jahren als Ressortchef der Wirtschaftswoche folgte dann die PR-Abteilung der Metro AG, bis er im alten Verlag sein neues Zuhause fand, aus dem er allerdings im September wieder auszog, nach dem eine neuerliche Rückkehr zum Handelsriesen aus Düsseldorf scheiterte.

Michael J. Inacker ist also das, was man einen Wandler zwischen zwei Welten nennt. Einen Botschafter, wie er es ausdrückt, „um das Nichtwissen beider Seiten voneinander zu mildern“. Mit etwas mehr Skepsis kann man ihn allerdings durchaus als Lobbyisten bezeichnen, der frei von Berichterstattungsobjekt zu -subjekt und vice versa flottiert. Damit repräsentiert Michael J. Inacker im Organismus der Kommunikation einen Zelltyp, dessen Membranen zusehends durchlässig werden.

Denn nicht nur im Zuge der Krise alter Medien gehören Übertritte gelernter Reporter ins Marketing von Wirtschaft und Politik zur Branche wie das Praktikum. Dafür muss man nur die Nahtstellen zwischen PR und Presse lesen. In den Personalienrubriken von Kontakter über Horizont bis Werben & Verkaufen gehen die Karrieren munter vom Massenmedium für wöchentliche Produkttests (Focus) zum zuständigen Fachmagazin (Stiftung Warentest), vom Managementreporter der FAZ zum Managersprecher von Air Berlin, von der SPD-nahen FR in den SPD-geführten Berliner Senat. Doch das Personalkarussell dreht sich eben nicht mehr nur in eine Richtung.

Das Handelsblatt-Gewächs Daniel Goffart etwa kehrte nach vier Jahren Arbeit für den Telekom-Vorstand zurück ins Hauptstadtbüro seines Exarbeitgebers. Cornelia Eyssen viele ihrer fast 60 Jahre an der Spitze diverser Frauenmagazine, landete nach einem Schwenk zur Bogner GmbH bei der freundin. Zwischen WAZ, dpa und nun die Chefredaktion der Schwäbische Zeitung schob sich in Hendrik Groths Vita die Repräsentanz von ThyssenKrupp in Südamerika. Und demnächst kehrt der Springer-Zögling Bela Anda nach sechs Jahren beim Finanzdienstleister AWD heim zur Bild, die er als Sprecher Gerhard Schröders neben „BamS und Glotze“ zur Hauptquelle erfolgreichen Regierens erklärt hatte.

Abstecher auf die andere Seite sind offenbar nicht mehr jene Sackgassen, vor denen die Platzhirsche der Redaktionen so lange gewarnt haben. Sie kommen eher als begründbare Ausflüge daher: Der Reiz des Neuen, Abstand vom Alten, ein schöner Exkurs, besser bezahlt zudem und kaum schlechter beleumundet. Trotzdem gelten sie weiterhin als „Frontwechsel“, eine Form des Verrats also, moralisch bedenklich. Zweifel, die ein Alphatier wie Michael J. Inacker weder an sich noch seine Laufbahn heran lässt. Innerhalb der ethischen Grundlagen unseres Gemeinwesens, hebt er an, diene die Ökonomie nun mal dem Ganzen. „Deshalb kann ich kein moralisches Defizit darin erkennen, meine Arbeitskraft einem Industrieunternehmen zur Verfügung zu stellen.“ Ein gewissenhafter Reporter sei dort als Netzwerker, Agendasurfer, Einzelkämpfer schließlich aus drei Gründen gut aufgehoben: „Erstens kann er ums Eck zu denken, zweitens Stimmungen erkennen, drittens mit der Kraft des Arguments leiten.“ Kompetenzen die in verschachtelten, strategisch denkenden, zumal großen Firmen hilfreich seien.

Aber was bitte schult, umgekehrt, Journalisten dort für die Rückkehr? Michael J. Inacker lehnt sich weit zurück in seinem Übergangsbüro beim Handelsblatt. Und ein bisschen lächelt er dabei wie neben ihm Hans Albers: Selbstgewiss, jovial. „Nur Lumpen sind bescheiden“, steht auf dem schwarzweißen Poster mit Ufa-Star, und für den lebenden Maßanzugträger darunter dürfte es mehr sein als bloß ein Filmzitat. „Sie kriegen Feinschliff bei der Menschenführung“, behauptet er von sich und anderen, „sie lernen, irgendwann auch mal zu entscheiden, sie lernen an der Quelle, wie die Wirtschaft tickt.“ Das prägt. Dauerhaft.

Auch danach steckte die Visitenkarte des Handelskonzerns sichtbar auf seinem Schreibtisch, mittig zwischen Familienfotos, Porscheschlüssel und FAZ. Darin nun keine Symbolik zu verorten, fällt schwer. Denn die Nähe aus alter und neuer Verantwortlichkeit ist Gegenstand einer berufsethischen Debatte, die noch eher leidenschaftslos geführt wird. Dass Journalisten medienferne PR-Abteilungen jeden Typs bevölkern wie Skifahrer den Lift rauf zur Piste, ist schließlich gängige Praxis; dass sie diesen Lift indes ab und an auch abwärts nehmen – darüber begann die Branche erstmals lauter zu debattieren, als sich vor zwei Jahren zwei besonders bekannte Wedler an der Bergstation begegneten.

Im Frühling 2010 wurde der Leiter des Bundespresseamtes Ulrich Wilhelm Intendant des Bayerischen Rundfunks, während zugleich der Nachrichtenmoderator Steffen Seibert seinen Posten beim ZDF mit dem des Sprechers von Angela Merkel tauschte. Ein früherer Fernsehjournalist kehrt nach fast 20 Jahren politischer Exekutive zurück in seinen medialen Lehrbetrieb, ein aktueller Fernsehjournalist folgt ihm ins Marketing der christlich-liberalen Regierungskoalition – ein bizarres Stühlerücken im Schaufenster der Medienrepublik. Mit einer bemerkenswerte Komponente.

Denn Seiberts Wechsel, Motive und Eignung für die Aufgabe im Kanzleramt wurden weit hitziger diskutiert als Wechsel, Motive und Eignung seines Vorgängers für die Aufgabe beim BR. Ob der langjährige Stoiber-Intimus mit CSU-Parteibuch die Distanz zur alten Garde wahren würde, wurde zwar thematisiert; der Spiegel empfand Wilhelms „Karrieresprung“ als „durchaus anstößig“. Doch als der Stern den „Drehtüreffekt“ als „skandalös“ beschrieb, ging es um Seiberts Wechsel vom „Mainzelmann zum Merkelmann“ (Süddeutsche). Dessen Loyalität gegenüber der Kanzlerin wurde hörbarer bezweifelt als die des alten Kanzler-Sprechers zum BR. Es ging um Kompetenz, weniger ums Ethos.

Als allerdings publik wurde, dass das ZDF dem Frauenschwarm Seibert bei Nichtgefallen der Politik ein Rückkehrrecht zubilligte, kam die Frage der Moral doch auf. Man müsse sich schon entscheiden, so der Vorwurf. Ganz oder gar nicht. Wer einmal auf der anderen Seite steht, so die These, verliert jede kritische Distanz, mithin die ethische Grundlage vorurteilsfreier Recherche. „Sicher, der Weg zurück ist seltener“, hält mit Ferdinand Knauß ein Journalist gegen, dem beide Seiten bekannt sind, und verweist auf all die Exkollegen hinterm Sprecherpult der Bundespressekonferenz, die sich genau zu überlegen hätten, welche Inhalte und Personen sie fortan vertreten. „Aber man verkauft beim Wechsel in Wirtschaft und Politik doch nicht seine Seele!“

Schon gar nicht Knauß selbst, den die Auflösung seines Wissensressorts beim Handelsblatt Anfang 2010 ins Bundesministerium für Bildung und Forschung spülte. Nach 16 Monaten BMBF-PR zieht es den 38-Jährigen indes dorthin, wo sein Herz schlägt, wie er es nennt, wo es stets schlug: Journalismus. Als Kommentator von Wirtschaftswoche-Online, auf Bitte seines neuen Vorgesetzten Roland Tichy, der seinerseits in 30 Jahren Berufserfahrung fleißig zwischen Kanzleramt, Zeitungen, Marketing und Medienpolitik changierte. Für Ferdinand Knauß sind das unverdächtige Karriereetappen, sinnvolle gar. „Ich habe im Ministerium viele Einsichten und Erkenntnisse gewonnen“. Dann klingt er fast feierlich: „Übrigens auch in Bezug auf den Journalismus.“ Eher Draufsicht als Einsicht, involviert, aber distanziert. Horizonterweiterung. Und was passiert, falls er nun übers alte Ministerium berichten soll? „Sie werden in der nächsten Zeit nichts von mir übers BMBF oder Annette Schavan lesen!“ Das verstehe sich von selbst.

„Ich habe eine Meinung zu dem, was in meinen alten Unternehmen passiert“, räumte auch Michael J. Inacker ein, als er noch fürs Handelsblatt schrieb. Da er aber ohnehin für Politik zuständig ist, „setze ich mein Wissen nicht für eine Berichterstattung darüber ein“. Inacker klingt dabei sehr gelassen. Wer ansonsten den Weg zurück antritt, verbittet sich jeden Generalverdacht der Voreingenommenheit bisweilen aufs Schärfste. Geradezu respektlos findet es zum Beispiel Marc-Oliver Hänig, „solche Wechsel stets moralisch in Frage zu stellen.“ Fast die Hälfte seiner 40 Jahre habe er für die WAZ gearbeitet, erst frei, dann als Volontär, zuletzt fest angestellt, ein Feuilletonist durch und durch. Dass er nach zweijähriger Etappe als Sprecher von „RUHR.2010“ wieder im alten Job ist, nur bei der Bild in Essen, „so etwas kann und muss jeder mit sich selbst ausmachen“. Zumindest, sofern er im Nachhinein „gewissenhaft genug ist, andere über seinen alten Arbeitgeber berichten zu lassen“. Außerdem habe er mit der europäischen Kulturhauptstadt eine gute Sache vertreten. „Keine Tütensuppen, geschweige denn Waffen.“

Selbst die würde Michael J. Inacker gegebenenfalls vertreten, in einer sozialen Marktwirtschaft, deren freiheitlich demokratische Grundordnung nun mal wehrhaft sei. Das sei eine Frage der persönlichen, nicht der Standesmoral. Informationen suchen oder dosieren, Fragen stellen oder beantworten? Der Gedanke, die Gräben zwischen Marketing und Medien seien zu breit, um sie kreuzweise zu überqueren, erscheint seltsam überholt. Das Verkaufen journalistischer Inhalte hat sein despektierliches Potenzial verloren, seit Finanzinvestoren vom TV-Sender bis zum Lokalblatt alles übernehmen, was Rendite verspricht. Wo Gewinn kein Randaspekt verlegerischen Handelns mehr ist, sondern Wesensinhalt, wirkt Ziffer 6 des Pressekodexes, „Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten“, folglich so alt, wie er ist, aus einer Zeit also, da das Internet noch rein militärisch genutzt wurde.

Spätestens, als sogar die politisch korrekte FR 2007 aufs Tabletformat mit Tratschteil umstellte, hat das Boulevardprinzip als Selling-Proposition auch die letzte Bastion nüchterner Berichterstattung erfasst. Und wenn es auch in der Presse zusehends um Absätze geht – warum bitte nicht mit guten Verkäufern? Pressesprecher und Redakteure, weiß Michael J. Inacker, „kennen ihre Riten und Gebräuche, Bedürfnisse und Vorlieben“, die Zwänge, den Konkurrenzdruck. Das helfe beiden Seiten. Es mag in einer ökonomisch verflochtenen Welt zwar bedenklich sein, dass Wirtschaftsjournalisten am muntersten hin und her pendeln. Ebenso bedenklich ist es, in ernsten Ressorts zum Makel zu machen, was bei Sportlern im Reporterrang zum Einstellungskriterium wird: Insiderwissen, praktische Kompetenz.

Eins aber unterscheidet etwa den moderierenden Exeistänzer Rudi Cerne grundlegend von schreibenden Exsprechern wie Michael J. Inacker: Die aktuelle Station ist rein biologisch wohl die letzte. Auch für Journalisten gebe es zwar einen point of no return, meint der neue, alte Wissenschaftsredakteur Knauß: „Wenn sie die Institutionen durchlaufen.“ Unternehmerisch Richtung Verwaltung, politisch Tendenz Verbeamtung. Grundsätzlich aber bestehe jene Exit-Option fort, die sich ein Steffen Seibert sogar schriftlich geben ließ.

Die Merkelkollaboration scheint also auch für den Nachrichtenmann das zu sein, was viele Kollegin darin sehen: Episode. Nach all den Jahren Feuilleton etwa wollte Marc-Oliver Hänig „einfach mal raus“. Doch auch als RUHR.2010-Sprecher habe er „nie aufgehört, Journalist zu sein“. Sein Intermezzo am freien Markt sieht Hänig somit als Frischluftzufuhr. Wie so viele. Cornelia Eyssen schwärmt noch heute von ihrer Flexibilität beim Modehaus Bogner, dem Glück, „eine Ausstellung zu organisieren“, statt vom Büro aus die Berichte anderer darüber zu koordinieren. Auch Zeit-Herausgeber Michael Naumann war es leid, „ein Dekorationsstück“ zu sein. „Wie Waldorf & Stadler.“ Als ihm Hamburgs SPD anbot, sich als Bürgermeisterkandidat „im politischen Prozess für ein Land zu engagieren, dem ich große patriotische Zuneigung entgegenbringe“, griff der einstige Kulturstaatssekretär zu – und nutzte die Niederlage zum Neubeginn: Als Chefredakteur des Cicero schrieb Naumann künftig wieder mehr als Leitartikel und war seinem Beritt weit näher als vor der politischen Eskapade.

Oft sind es indes arbeitsfernere Gründe, die Journalisten zurück auf Los führen. Nicht das Geld; wer heimkehrt in den Schoß der Medien, nimmt meist Gehaltseinbußen in Kauf. Da sich einer wie Michael J. Inacker „in beiden Welten gleich wohl“ fühlt, steckte somit etwas anderes hinter seiner letzten Volte, eine Art familiärer Pragmatismus. „Bei der Metro bin ich täglich stundenlang von Düsseldorf zu meinen Kindern gependelt.“ Die Fahrt von seinem Berliner Handelsblatt-Büro, das nun vom früheren Spiegel-Mann  Thomas Thuma geleitet wird, dauerte nur Minuten.


Peter Behrens: Trio-Drummer und Autobiograf

BehrensIch bin Rentner

Foto: Moritz Thau

Peter Behrens hat seine Biografie geschrieben. Was für Kenner eine Topmeldung ist, muss man Außenstehenden kurz erklären: Behrens, das ist der Drummer von TRIO, die Ursprungsband der Neuen Deutschen Well. Und er hat eine Menge zu erzählen

Von Jan Freitag

Es gibt Produkte, die sind so untrennbar mit der äußeren Erscheinungsform verbunden, dass jede Änderung irritiert. Als VW seinen Käfer auf Beegle trimmte, verstörte das die Kundschaft noch mehr als Meg Ryans Schlauchbootlippen oder Crystal-Coke. Kein Wunder, dass dieser Greis von 66 Jahren mit Trilby überm aschgrauen Haar für stilles Entsetzen sorgt, wie er da im Eck eines Hamburger Bahnhofscafés sitzt. Stattliche Teile der Menschheit haben schließlich ein anderes Bild von Peter Behrens im Kopf, mit roten Hosenträgern, weißem Shirt und dunkler Moritztolle. Doch das, zeigt sich 30 Jahre später, ist längst Geschichte. Hier sitzt die Gegenwart vom Trommler der NDW-Band TRIO und sie hat viel hinter sich, seit Da Da Da

Eine Frage, die bei Ihrem Leben keine Höflichkeitsfloskel ist: Wie geht’s?

Peter Behrens: Jetzt wieder wunderbar.

Wieder, weil es mal anders war.

Ganz anders. Ich war unten und zwar eine Weile. Kokain, Alkohol, Schulden, Arbeitslosigkeit – das volle Programm. Aber als mich Klaus Marshall anrief.

Ein völlig unbekannter Lehrer aus Soest.

… und meinte, du hast eine großartige Vergangenheit, magst du mir die nicht erzählen – da merkten wir, Mensch, da kann man doch ein Buch draus machen.

Die Autobiografie stand gar nicht am Anfang?

Nein, eher am Ende. Vor einem Jahr ging’s dann los mit der Recherche und ich musste mir erstmal bei Google Gedächtnisstützen suchen; was war in dem und dem Jahr – klick, klick, klick. So was merkt man sich ja nicht mal ohne Alkohol.

Und wer hat das dann aufgeschrieben?

Ich hab zwar Sport und Germanistik auf Lehramt studiert, aber langes Schreiben liegt mir nicht und meine Tippfähigkeiten sind eine Katastrophe. Klaus schreibt, ich denke.

Klaus Marschall, Lehrer aus dem Westfälischen. Weit weg also von Behrens’ Heimat Wilhelmshaven und doch ein Katzensprung verglichen mit der Achterbahnfahrt, die der Drummer dem Ghostwriter diktiert hat. Geboren als Sohn eines amerikanischen GI, landete Peter im friesischen Waisenhaus. Danach wurde er von zwei Bundesbahnern adoptiert, die ihn streng auf eine Beamtenlaufbahn hin erzogen. Schon der junge Behrens entzog sich dieser Option jedoch durch die Musik. Sie führte ihn über Schul-, Schlager- und Krautrockbands 1980 per Zeitungsannonce zu Stephan Remmler und Kralle Krawinkel aus Großenkneten. Ob die Geburt von TRIO im Rückblick Glück war oder Pech? Behrens zuckt die Achseln. Dass Dreiviertel der 270 Buchseiten vor allem davon handeln, spricht für beides.

Sie sind mit TRIO hoch gestiegen und tief gefallen. War das Buch da eine Art Therapie?

Ja. Ich hatte ständig mit dem Schicksal gehadert, denn nach dem Ende bin ich in ein langes tiefes Tal geraten, von dessen Mitte aus betrachtet die Berge immer unerreichbarer wurden.

Und dieser Berg hieß TRIO.

Das war der Mount Everest meines Lebens. Ist er bis heute. Deshalb haben wir von TRIO uns alle, egal wie schlecht es mir selbst ging, auch immer gegen all die Angebote entschieden, die Gruppe wiederzubeleben. Wir haben Geschichte geschrieben, von den Texten übers Entertainment bis hin zum Minimalismus, und ein Denkmal sollte man nicht anpinkeln.

Zumindest sollte man es nicht durch Mehrzweckhallen der Provinz schleifen.

Stimmt. Wir wollten ja noch Underground sein, als es in die Charts ging und waren ebenso vom eigenen Erfolg überrascht wie die Zuschauer der Hitparade, die plötzlich Spaß an uns gefunden hatten. Das konnte keiner der Beteiligten so richtig fassen.

Hat Sie der Erfolg abgeschreckt?

Eher verunsichert. Anfangs fand ich die Streicheleinheiten noch ganz schön, durch Wilhelmshaven zu gehen und hinter mir zu hören, ey, das ist doch Peter Behrens. Mit der Zeit wurde das aber zu viel. Und mit Turaluraluralu, unserem letzten Hit, war die Grenze auch musikalisch überschritten. Kralle und ich dachten, so einen Kack spielen wir nicht. Das war eher so Remmlers Ding.

Remmler. Im Buch sagt Behrens selten Stephan zum Sänger. Man sei im Guten auseinander gegangen, doch während er mit Gitarrist Kralle so gut befreundet blieb wie mit NDW-Größen von Spliff bis Ideal, brach der Kontakt zum Schlagerstar in spe ab. Leider, sagt Behrens heute und stochert im Kartoffelsalat mit Knackwurst. Sein Blick gerät fast so leer, wie es der ausgebildete Clown vor TRIO auf der Mailänder Artistenschule gelernt hat. Diese Teilnahmslosigkeit wurde sein Markenzeichen.

War Ihre Rolle, war TRIO als Ganzes ein Kunstprodukt?

Nein. Jeder hatte zwar seine Rolle: Kralle das Landei, Stefan der Dandy, ich der Clown; aber da war nichts aufgesetzt, unser Zirkus war echt. Auf der Artistenschule hatte ich gelernt, dass das Stoische genau mein Ding ist; darauf gründet der Minimalismus von TRIO, doch das Ruhige, Zurückhaltende entspricht auch meinem Naturell. Ich musste mich nicht groß verstellen. Sowohl die Show als auch die Musik kamen aus mir selbst.

Machen Sie noch welche?

Nicht wirklich. Manchmal werd ich gefragt, ob ich als Schlagzeuger live einspringen kann, man verlernt das ja nicht.

Fehlt Ihnen was?

Nein.

Ehrlich?

Ja.

Warum?

Ach, Wilhelmshaven ist ja nun keine Musikhochburg, wo sich Musik ständig aufdrängt.

Peter Behrens ist jetzt spürbar geschafft, seine Stimme wird dünner, der Blick trüb. Die Jahre ganz unten haben ihn mehr Kraft gekostet als jene oben zwischen Wetten, dass…? und Japantournee. Sein Buch mag fröhlich von der alten Zeit erzählen, in Anekdoten von einer Wahrsagerin schwelgen, die ihm eine Schriftstellerkarriere prophezeite, oder dem „fünften Beatle“ Klaus Voormann, der ihr mit der Entdeckung von TRIO zuvorkam. Von durchgebrachten Millionen, durchzechten Nächten mit Falco, vom „Schnee, auf dem wir  talwärts fahren“ – wie der kleine Mann mit dem zerlebten Gesicht indes die Zigarette zum Abschalten bereit hält, da wird deutlich: Er sehnt sich mehr nach Ruhe als dem Ruhm von einst.

Ist es eigentlich Bodenständigkeit, dass Sie nahe Ihrer Geburtsstadt leben?

Nein, das hat sich so ergeben. Und wenn das mit dem Buch klappt, würde ich auch gern wieder eine Weile in Hamburg leben. Oder noch besser: In Wien. Da haben wir einen Fanclub, der mich ein, zweimal im Jahr einladen. Außerdem ist die Stadt großartig.

Und was machen Sie dann da?

Nix.

Wie nix?

Na nix. Bisschen was mit Freunden machen macht mich schon zufrieden. Ich bin Rentner. Und ich vermisse auch nichts von früher. Schon gar nicht den Stress.


Inka Bause: Kuppelmutter & Ex-Talkerin

inkaBauern-Bause kann keinen Talk

Foto: ZDF/Brand New Media

Inka Bause war schon als Teenie ein Star. Geboren in Leipzig, kam sie mit 16 zum DDR-Fernsehen, nahm als Sängerin bis 1992 vier erfolgreiche Platten auf und wurde nach einer Dürreperiode 2005 von RTL für Bauer sucht Frau reanimiert. Seither ist die 44-Jährige ein Schwergewicht leichter Unterhaltung, hat auf dem Traumschiff gespielt, Abendshows moderiert, sogar eine Talkshow gelenkt. Bis Freitag – dann nimmt das ZDF inka! mangels Quote nach wenigen Wochen vom Sender. Zur Erinnerung eines Flops zeigen freitagsmedien ein Interview, das sie vorm Start gegeben hatte. Damals noch optimistisch.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Bause, Hand aufs Herz – sind Sie eigentlich immer so nett wie im Fernsehen?

Inka Bause: Ich bin gar nicht immer nett. Denn von wem ist „nett“ die kleine Schwester?

Von Scheiße.

(lacht laut) Genau, ich kann das nicht mehr hören! Früher stand der Begriff auch im Fernsehen ja für irgendwie angenehme Unterhaltung; wenn heute jemand sagt, die Sendung sei nett gewesen, meint er eigentlich harmlos, artig und bieder. Das liegt vor allem daran, dass nur noch der Weltstar zählt und alles toller, größer, schärfer sein muss. Sobald man mal eine Stufe runter schaltet, werden die Leute seltsam nervös wie Fotografen, die kein Lächeln von mir wollen, sondern Strahlen. Unter gewaltig geht’s nicht mehr. Da passt nett nicht rein.

Also weder angenehm noch freundlich?

Schade oder? Dabei sollte man seinem Gegenüber zumindest in der Unterhaltung nicht sofort eine reinhauen. Ich bin einfach im Privaten wie im Job eine gute Gastgeberin und so erzogen, Unbekannten stets mit Respekt und Höflichkeit zu begegnen.

Heißt das, sie auch in der Talkshow nicht mit Kritik zu konfrontieren?

Konfrontieren ja, attackieren nein. Wenn etwas nicht stimmt, lasse ich mich nicht für blöd verkaufen und hake nach, aber mir geht es nicht darum, irgendwen vorzuführen. Wem das missfällt, sollte mich nicht einschalten.

Diese Haltung muss man sich in der quotenfixierten Fernsehwelt leisten können.

Mag sein, aber selbst in den zehn richtig dürren Jahren vor Bauer sucht Frau hab ich mich geweigert, Menschen mit der Kamera so auf die Pelle zu rücken, wie ich es selbst nicht wollen würde. Wenn mir jemand unvorbereitet zu nahe tritt, kann ich auch ganz anders als nett.

Heißt das, richtig wütend?

Ja klar, ich kann mich privat höllisch aufregen, über Kleinigkeiten genauso wie über Banker. Aber doch bitte nicht über meine Talkgäste am Nachmittag, geschweige denn meine Bauern. Das sind hart arbeitende, schlecht bezahlte, oft einsame Menschen; warum soll ich da für eine Tagesgage, die die vielleicht im Monat verdienen, mit einem Mercedes vorfahren und denen einen reindrücken? Das finde ich charakterlos. Wer allerdings mit den Milliarden anderer jongliert oder freiwillig für viel Geld in den Dschungel zieht, der muss sich auch Härte gefallen lassen.

Auch von Ihnen?

Nein, weil ich fürs Dschungelcamp die falsche Kandidatin wäre. Für Sonja Zietlows Kommentare fehlt mir jede Frechheit. Ich kann ja nicht mal lustige Kommentare zu Musikvideos oder die zehn tollsten Promiunfälle abgeben. Da werd ich schon gar nicht mehr gefragt.

Ist das die berüchtigte Ironiefreiheit, die Ihnen unterstellt wird?

Nee, mir fehlt einfach jeder Zynismus. Ich bilde mir ein, Humor zu haben und witzig sein zu können, selbst vor der Kamera, will aber nicht auf Kosten anderer unterhalten, dann schon lieber auf meine eigenen. Ich verkaufe mich gern blöder als ich bin, weil ich lieber unter- als überschätzt werde. Mit fehlender Eitelkeit macht man sich seine Gäste viel lockerer als mit Überheblichkeit.

Qualifiziert Sie das für eine Talkshow?

Nein, was mich qualifiziert, seit ich meine Moderationskarriere mit 17 Jahren live in der harten Schule des DDR-Jugendfernsehens begonnen habe, ist Kommunikation. Und warum bitte ist denn Bauer sucht Frau so viel erfolgreicher als all diese Trash-Sendungen, wo man arglose Leute niedermacht? Weil die Leute es mögen, dass ich nie böswillig bin.

Dennoch hat das Format hohen Fremdscham-Charakter.

Glaub ich nicht. Die wenigsten machen sich über meine Bauern lustig, die werden nicht alle gemocht, aber einige geradezu geliebt. Wenn es zu Fremdscham-Momenten kommt, liegt das oft eher an den Bauern selbst, die durchdrehen, wenn endlich mal jemand anderes als der Milchmann oder Melasse-Lieferant zum Kaffee kommt. Da ist es mein Job, sie oft stundenlang wie verängstige Kätzchen vorzubereiten. Diese Zuneigung spürt und mag das Publikum, sonst hätten nicht wir acht Millionen Zuschauer, sondern „Frauentausch“.

Sind Ihnen die unbekannten Gäste am Ende lieber als die berühmten?

Zumindest erzählen sie oft die spannenderen Geschichten. Aber ich habe bei meiner ersten Talkshow im Hessischen Rundfunk eine Lektion gelernt: Von denen, auf die man sich am dollsten freut, wird man auch mal enttäuscht. Deshalb gehe ich mit möglichst geringen Erwartungen in die Runde, so unvoreingenommen wie möglich. Was natürlich nicht immer leicht ist. Wenn jemand zur Tür reinkommt, hab ich auch oft schnell eine Meinung. Weil ich aber offen dafür bin, überrascht zu werden, negativ wie positiv, blockiert mich meine Voreingenommenheit nicht. Nichts ist langweiliger als bestätigte Vorurteile.

Und nun sind Sie die Nachfolgerin von Jürgen Fliege, dem letzten öffentlich-rechtlichen Nachmittagstalker.

Weeß ick.

Wissen Sie denn auch, was Sie mit dem gemeinsam haben?

Ich hoffe, nicht allzu viel.

Sie beide werden entweder geliebt gehasst.

Gut, denn dazwischen herrscht Langeweile. Gut, mir ist nicht egal, was die Leute über mich denken und ich glaube niemandem, der das für sich behauptet. Aber ich forciere diese Polarisierung nicht und ziehe es mir auch nicht mehr rein, google meinen Namen nicht oder lese die Foren zu meinen Sendungen. Das würde mir nur mein Lächeln nehmen, meine Naivität.

Noch so ein Begriff mit kleiner fieser Schwester…

Zu unrecht! Die kleine Schwester der Naivität ist nämlich nicht Blödheit, sondern die Offenheit, sich Dingen mit den Augen eines Kindes zu nähern und Gefühlen freien Lauf zu lassen, zu weinen, zu lachen. Das hab ich mir bewahrt.

Vorhin sagten Sie noch, sich über jemanden erstmal eine Meinung zu bilden, wenn er zur Tür reinkommt…

Ja, aber dazwischen liegt große Neugier und die Fähigkeit, nicht ständig Angst vor Fehlern zu haben. Das ist eine Form von Naivität, über die ich nach 30 Jahren im Beruf stolz bin. Manche würden sogar sagen, Blödheit – trotz großen Erfolgs am Abend zum Beispiel das Risiko Nachmittagstalk einzugehen. Aber ich finde Scheitern nicht schlimm. Natürlich hab ich ein bisschen Bammel, aber schlimmer ist doch, sich so verängstigen zu lassen, dass man kein Wagnis mehr eingeht, weil Bauern-Bause keinen Talk kann zum Beispiel.

Sucht Bauern-Bause also bewusst Formate mit dem Potenzial zum Scheitern?

Nein, ich versuche die Formate zu machen, die zu mir passen, und auch wenn ich bei der Sendezeit um 15.05 Uhr nicht gleich „Hurra“ gerufen habe. Wichtig ist, dass mir die Formate entsprechen. Denn eins weiß ich genau: Unterhalten kann ich, würde aber nicht neben Giovanni di Lorenzo passen.

Aber die Schönheit des Scheiterns beinhaltet doch, genau das dann zu versuchen?

Warum? Ich kann auch nicht Sportreporter. Man muss doch beherrschen, was man tut, das bin ich meinem Beruf wie dem Publikum schuldig. Und ich bin nun mal in einer Unterhaltungsfamilie groß geworden, in dem Umfeld kenne ich mich aus, ich habe ganz normale Freunde, bin so kommunikativ, dass ich über ein Gespräch mit meinem Postboten Termine vergesse, kann aber auch mit Prominenten umgehen, wenn Sie mich interessieren. Das ist meine Welt.

Warum waren Sie dann bloß bei Wetten, dass…? nicht in der Lostrommel?

War da nicht jeder Kabelträger irgendwann mal drin? Meine Tochter sagt ja immer: hätte hätte Fahrradkette. Ich find den Lanz da super, hab bereits genug zu tun, warum soll ich mir darum Gedanken machen. Ich habe den Erfolg, den ich habe, weil ich ihm nie nachgerannt bin, und wenn ich mir jetzt schon Kreuze im Kalender vom nächsten Jahr mache, bekäme ich sofort Vor-Burnout. Für jemanden, der wie ich mit 16 als Schlagersängerin eher durch Glück und mit etwas Vitamin B von meinem Vater Arndt zum Erfolg gekommen ist, zählt allein das heute. Vor einem Jahr hätte ich genauso wenig gedacht, eine Talkshow zu machen, wie es mal undenkbar war, aufs Traumschiff zu gehen.

Heißt das, Bauer sucht Frau kann auch jederzeit vorbei sein?

Das ist Privatfernsehen und läuft so lange wie es läuft.

Zumindest aber bis zum 10. Geburtstag 2014.

Je nachdem, wie es dieses Jahr funktioniert. Ich bin nicht der Typ fürs Festlegen.

Wenn Inka Bause in 30 Jahren mit ihren Enkeln am Kamin sitzt und das Leben Revue passieren lässt – als was sieht sie sich dann: Als Moderatorin, Sängerin, Showmasterin, Talkhost, Kuppelmutter?

Als glücklichen Menschen. Wenn morgen überall steht, dass Inka Bause die schlimmste Moderatorin von allen ist, würde ich übermorgen aufhören, aber ehrlich: Ich habe so viele Jahre so glücklich von so wenig Geld gelebt, da definiere ich mich sicher nicht über den Job.


Deutsch als Weltsprache

fragezeichen_1_Wo immer deutsches Melodramenfernsehen vor Anker geht – die Menschen vor Ort sprechen fließend Deutsch, und zwar akzentfrei. Merkwürdig

Rom, es ist heiß, die Sprache sitzt. Namibia, der Wind weht, die Sprache sitzt. Singapur, Äquatorwetter, die Sprache sitzt. Ganz gleich, an welchem Traumstrand das Traumschiff auch landet – vor Ort begrüßen eingeborene Exoten ihre deutschen Besucher ausnahmslos in geschliffenem Hochdeutsch. Akzent, eine sprachliche Färbung, ach nur grammatikalische Unschärfen? Fehlanzeige! Das hiesige Melodramenfernsehen erklärt unser vertracktes Idiom mit all den harten Konsonanten und komplizierten Diphtongs fast jeden Freitag im Ersten, fast jeden Sonntag im Zweiten und auch sonst alle Nase lang zur Weltsprache. Das hätte es wohl gerne!

Denn dahinter mag die Liebe der weißhaut und -köpfigen Stammzuschauer einschlägiger Romanzensendeplätze zur leichten Verständlichkeit stecken; verstärkt wird sie von der Gewohnheit, ausländische Filme ausnahmslos synchronisiert vorgesetzt zu bekommen. Und so richtig paradox würde das Paradox kenianischer Savannenbewohner mit Goethe-Institut-Germanisch ja erst, wenn sie es doch mit Akzent sprächen. Doch im Kern bedienen die Regisseure strunzdämlicher Pilcher-Stoffe das nur leidlich verschüttete Bedürfnis großdeutscher Befindlichkeiten, im Kaiserreich möge die Sonne niemals untergehen. Und keine Sorge: nur weil der putzige Neger einschlägiger Schnulzen putzig lächelnd perfektes Deutsch kann, geht er den edlen Muttersprachlern beim Retten seines armen Landes nur zur Hand, blickt ihn also garantiert nicht scheel an.


Würfelstapel & Trockenpflaumen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

28. Oktober – 3.  November

Es gibt so Nachrichten der Medienwelt, die hätten vor einiger Zeit zumindest unter alten Intellektuellen noch indigniertes Kopfschütteln hervorgerufen. Dass etwa Matthias Matussek, der bekannte Kolumnist beim restliberalen Spiegel, demnächst zum billigen Propagandisten der erzkonservativen Welt wird. Oder dass die amerikanische Onlineplattform Netflix seinen TV-Konkurrenten HBO im Vorjahr dank genuiner Internetinhalte wie dem dreifachen Emmy-Gewinner House of Cards um 800.000 auf nunmehr 29,93 Millionen US-Abonnenten überholt hat. In Zeiten aber, da vermeintlich anspruchsvolle mit offen populistischen Blättern ihre Mitarbeiter durchtauschen wie Bild-Schlagzeilen die Kampagnenopfer, überrascht auch die Wachablösung am Markt zugkräftiger Serienproduzenten kaum noch.

Wobei die USA nicht Europa sind. Hier nämlich, in Deutschland zumal, setzt wie gehabt das kostenlose Fernsehen programmatisch die Maßstäbe. RTL zum Beispiel, das sich erst kürzlich die Produktion dreier eigenproduzierter Serien geleistet hat. Nun haben HBO-Formate von Sopranos bis Boardwalk Empire mit dem, was der deutsche Privatmarktführer so unter Unterhaltung versteht, bis auf die fortlaufende Handlung weniger gemeinsam als eine Topfpflanze mit dem Regenwald. Doch der quietschebunte Hauptabendstrauß aus Doc meets Dorf, Christine und Sekretärinnen war immerhin nicht importiert, sondern handgefertigt. Dass die zwei letztgenannten nun mangels Quote eingestellt werden, wirft dennoch eher die Frage auf, warum erstgenannte weiterläuft, wo das doch der gleiche inspirationsfreie, lieblose, inhaltlich abgekupferte Mist in Reihe ist.

Andererseits gehört es zum Wesenskern RTL, mit billigem Schund zwar weiter Zuschauer einzubüßen, nicht aber an Rendite, die nach wie vor hervorragend ist. Umso erstaunlicher, dass die nicht wie 2010 in die Übertragung der anstehenden Fußball-WM investiert wird. Von der ziehen sich die Kölner nämlich 2014 zurück. Und überlassen sicher auch das Spielfeld des europäischen Spitzenfußballs weiter dem ZDF. Das nämlich hat vorige Woche angekündigt, im Jahr drauf erneut um die Champions League zu bieten, eine dreistellige Millionenausgabe, die mit dem Sendeauftrag zwar ähnlich gut erklärbar wäre wie, sagen wir: der Bau eines Teilchenbeschleunigers; aber – hey! – Gebühren gibt’s genug und Fußball ist nun mal ein so integratives Element der Mehrheitsgesellschaft, dass statt RTL womöglich sogar die krankheitsbedingt moderationsuntaugliche Monica Lierhaus in Brasilien davon berichten wird, nachdem ihr die Deutsche Fernsehlotterie kein Halbmillionengehalt mehr für den sonntäglichen Teilzeiteinsatz zahlen will.

Seinen Vollzeiteinsatz im Ersten hat dagegen Kai Pflaume beendet, der dort bis Samstag im Grunde täglich Deutsche Meister im Würfelstapeln auf der flachen Hand oder Hochsprung rückwärts an der Wand hoch zu sehen war und damit ähnlich viele Zuschauer erreichte wie RTL2, wo die durchgespielte Zombieserie The Walking Dead wohl erstmals höhere Primetimequoten erzielte als sein Mutterschiff.

TV-neuDie Frischwoche

28. Oktober – 3.  November

Aber damit das garantiert nicht so schnell noch mal vorkommt, begibt sich RTL2 heute Nachmittag gleich wieder aufs intellektuelle Niveau einer Trockenpflaume: Unterm Deckmantel der Hilfsbereitschaft macht die Dokusoap Jung, pleite, verzweifelt zum Auftakt ein dusseliges Model, morgen dann eine erfolglose Fitnessstudiobesitzerin, also allerlei Ahnungslose verächtlich.

Und auch sonst hält das Programm diese Woche wenig bereit, was substanziell neue Ideen verbreitet. Die CIA-Agentenstory im US-Zehnteiler Missing etwa ist so innovationsfrei, dass Vox den importierten Serienflop heute nach Mitternacht versendet. Morgen zeigt Matthias Schweighöfers rasend erfolgreiche Kinokoproduktion What a Man auf Sat1, wie man von 175 gängigen Geschlechterklischees 173 in nur einer Komödie verwurstet. Während sich Veronica Ferres tags drauf im Ersten als – hoppela! – Alltagsheldin mit den Fußballhelden der Champions League im Zweiten misst. Wohingegen Kommissarin Camilla Läckberg heute auf ZDFneo, belegt, dass auch schwedische Krimis langweilen können.

Besser macht es da die unterschwellig sinistre Dramaserie Top of the Lake auf Arte, wo eine Polizistin ab Donnerstag in Dreifachfolgen ein verschwundenes Kind sucht. Thema banal, Umsetzung genial – das schafft in einzelnen Momenten auch die österreichische Polizeiserie CopStories, ab Freitag um 21 Uhr im Bayerischen Rundfunk, die ein ganz klein wenig an Kottan ermittelt erinnert. Thema genial, Umsetzung begnadet heißt es dagegen abermals beim Kulturkanal, wo die Dokumentation Kalter Krieg der Konzerte am Samstag (21.55 Uhr) Live-Auftritte jenseits des eisernen Vorhangs historisch einordnet, bevor die wunderbare Reportage Vivan Las Antipodas – fast zeitgleich zum neuen Schimanski-quasi-Tatort – am Sonntag Menschen porträtiert, die jeweils auf der gegenüberliegenden Seite der Erde leben.

Ein Ort übrigens, wo nicht wenige Markus Lanz längst hinwünschen, der sich diesmal in Halle (Saale) aufs Sofa setzt. Und mal sehen, ob er da den zur Pornoqueen umprogrammierten Kinderstar Miley Cyres besser als Vorgänger Gottschalk daran hindert, ihr PR-Gefasel von „meinen tollen Fans“ oder „I love you all“ abzusondern. Da darf man sich doch umso mehr auf den Tipp der Woche freuen, der diesmal doppelt ausfällt: am Dienstag im BR Dominik Grafs Frau Bu lacht von 1995, einer der besten Tatorte überhaupt. Und am Tag drauf, 22.20 bei Servus TV: Peter Weirs mystisches Gothic-Drama Picknick am Valentinstag von 1975.


Reisereportage: Monument Valley, Arizona

P1010164Das Tal der Filme

Der Weg von Tuscon ins Munument Valley ist nicht nur eine Reise durch die Schönheiten Arizonas, sondern auch eine in die Historie Hollywoods.

Von Jan Freitag

Eine Landschaft wie ein Filmmuseum. Dort drüben, Dennis Tsosie zeigt nach Osten, „lief Forrest Gump in den Sonnenaufgang“. Weiter westlich, sein Arm schwingt durchs Tal, „ist Michael J. Fox lang geritten“. Und überall, jetzt dreht sich der ledergegerbte Navajo lachend im Kreis, „überall John Wayne“. Das Monument Valley ist ein geschichtsträchtiger Ort und Dennis Tsosie führt Menschen aus aller Welt hinein, durch die Heimat seiner Vorfahren, eines der schönsten Naturdenkmäler überhaupt, zwischen Utah und Arizona gelegen. Würde man nicht die Kälte des Winters so in den Gliedern spüren wie die Freiheit in der Nase – man wähnte sich vor einem Gemälde.

Eines, das wohl jeder schon mal gesehen hat, diese steil aufragenden Felsen inmitten des Nichts. Den linken Handschuh und den rechten, Merrick’s Butte, der Elefant, das Kamel. All die schmalen Bergekuppen auf breitem Sockel dienten bereits als Kulisse vieler berühmter Western und weil jeder von ihnen so unverwechselbar ist, tragen sie die Namen ihrer Formen. Am Totempfahl etwa, meint Dennis, musste Clint Eastwood mal hochklettern. Ganz Arizona scheint ein einziger Drehort zu sein. Phoenix, die Hauptstadt, das museale Sedona im Herzen des sonnigen Bundesstaats, Flaggstaff weiter nördlich, das Cowboyhutsatte Eisenbahnernest an der alten Route 66  – wer von den Old Tuscon Movie Studios mit ihren künstlichen Häuserzeilen im Südosten aus die schnurgeraden Highways hinauf Richtung Grand Canyon fährt, reist durch eine Art virtueller Videothek, wo Hollywood so gern seine Außenaufnahmen macht. Die bizarren Steinformationen des Monument Valley aber atmen Zelluloid aus jedem Körnchen Wüstensand. Nicht mal an den Niagarafällen standen so häufig Kameras wie in jenem Tal, das geologisch gesehen gar keines ist.

Einer hat sie besonders oft aufgestellt, am liebsten auf einem flachen Vorsprung mit Blick übers ganze Terrain. Es wurde nach ihm benannt: John Ford’s Point. Der größte aller Westernregisseure hat die Gegend zur Attraktion gefilmt und dort den Topstar des Genres erschaffen. In der Goulding’s Lodge kann man seine Streifen an der Rezeption leihen und hinterher aus dem Zimmerfenster sehen, wo John Wayne vorbei reiten durfte, immer und immer wieder, Film für Film, meist im Kreis, so fotogen ist das Panorama. Frühaufsteher dürfen mit einem Kaffee in der Hand vom eigenen Balkon aus erleben, wie sich die Sonne hineinleckt in die Ebene, den nächtlichen Nebel über die Monumente drückt und in orangefarbenes Licht taucht. Dann rast mit etwas Fantasie die Postkutsche auf ihrer „Höllenfahrt nach Santa Fe“ über rote Erde. Oder Dennis Hopper auf seinem Chopper. Auch Easy Rider entstand zum Teil nur einen Steinwurf von der Lodge entfernt.

Es ist das markanteste Motel der Umgebung und selbst ein beliebter Drehort, mit seinen pittoresken Holzhütten, vor denen John Wayne als „Teufelsgeneral“ 1949 seine Kavallerie zum Ritt durchs Indianergebiet sammelte. In einem ist ein Museum voller Originalrequisiten, Filmplakate, Erinnerungen an die große Zeit des Kintopp untergebracht. Als John Ford hier seine Crew anleitete, für die nächste Klappe des nächsten Films, einem von gut 50 im Valley. Es sind weniger geworden, weniger Western zumindest, dafür mehr Road-Movies à la Thelma und Louise, die zum Finale in den benachbarten Grand Canyon stürzen. Die Werbeindustrie schaut öfters vorbei – Marlboro, Autos, Parfüm. Und Britney Spears tanzt im Video überm Lake Powell am Westrand des Tals, als sie noch niedlich war. „Es ist ruhiger geworden“, sagt Matt vom Weatherford Hotel in Flaggstaff, 160 Meilen südwestlich. Früher, als im Valley kaum mehr stand als die runden Lehmhütten der Navajo, hätten John Ford und Sam Peckinpah, ihre Darsteller oder Rex Allen, der singende Cowboy, noch lange in der historischen Herberge im Saloonstil residiert. Doch 1999 ließ sich Will Smith für Wild Wild West schon kaum noch blicken. Und Forrest Gump? „We’re the dog poop town“, erzählt Matt grinsend über jene Szene vor der Hoteltür, wo Tom Hanks in Hundemist tritt. Das war’s.

So hängt ein bisschen Wehmut über dem Filmset Arizona, der von seiner Vergangenheit zehrt. Auch Dennis Tsosie schwelgt im Gestern, wenn er Besuchern vom Land seiner Väter erzählt, die als Statisten, Helfer, Führer am Drehen mitverdienten. Vom Ford’s Point, wo das Objektiv so oft nach einem Mann suchte, blickt er hinter sich. „Siehst du die drei Spitzen?“, fragt der Ureinwohner lächelnd, „das W steht für Wayne“. Und das J für John? Er lacht. „Gone with the Wind…“