Veronica Ferres: Muttertier & Noethens Frau

Waidwund in der Restidylle

Das Fernsehdrama Mein Mann, ein Mörder (Donnerstag, i(Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDFneo) ist vieles, aber zu keiner Zeit berechenbar – trotz und wegen Veronica Ferres als kämpferisches Muttertier im Kampf ums traute Familienglück. Das spielt sie nun weißgott nicht zum ersten Mal spielt, aber besser denn je, also immerhin akzeptabel. Allerdings vor allem dank ihres Filmmanns Ulrich Noethen.

Von Jan Freitag

Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer, Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereinigt, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen.

Wenn sie ihn also in Mein Mann, ein Mörder vor der besten Freundin ausbreitet, wenn sie Vera (Ulrike Kriener) das stetig brechende Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn ihre vor Wut und Trotz ganz kleinen Augen den Raum doch füllen – dann zeigt Veronica Ferres ihre Kernkompetenz, mit der sie auch hier 90 Minuten in wenigen Sekunden erklären kann. So ist auch dieser Film ein Paradebeispiel dessen, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, was aber noch viel mehr an ihr mögen. Was ihr jüngeres Werk von Marco W. über die Patin bis zur Frau vom Checkpoint Charlie, mehr aber noch die echte Frau dahinter zur innigsten Hassliebe vor den Flachbildschirmen der Nation macht.

Denn die Ferres, wie man Stars mit dem Attribut „Diva“ gern umschreibt, spielt was sie immer spielt, aber sie spielt es grandios. Die außergewöhnliche Ferres nämlich ist die eher gewöhnliche Minette Frei, deren Nachname täuscht. Eine attraktive, sanft alternde Übersetzerin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, schönes Heim, viel Kultur, finanziell sorglos, alles in Ordnung – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul nach bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar ins Liebesnest nach Prag, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happyends der Fernsehgeschichte mündet.

Bis dahin aber bebildert der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass Mein Mann, ein Mörder in aller Zurückgenommenheit fast in Gefahr zu geraten droht, ein eher betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Es wird geredet und geschwiegen. Pausenlos. Und Oliver Thiedes unaufdringliche, fast lautlose Musik aus dem Hintergrund trägt ihr übriges zur reduzierten Aura bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge wachsender Kinder und schwindender Hingabe allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller für Schwung: Ulrich Noethen.

Das jüngste von fünf Kindern einer schwäbisch-bayerischen Pfarrersfamilie kann vom Grimmschen Märchenkönig über Kästners Nonkonformist Justus Bökh bis Heinrich Himmler fast alles so glaubhaft spielen, dass es gelegentlich schmerzt. Seit er vor 18 Jahren als Arzt mit asiatischer Katalogfrau in Dominik Grafs Tatort: Frau Bu lacht brillierte, ist seine Paraderolle allerdings eine andere: der Saubermann mit fleckiger Weste. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht sogar die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, seinen Paul besonders, dieser promiske Familienmensch um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann fürs anspruchsreduzierte Wechseljahredasein mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel verlässlich. So scheint es. Bis ihm seine neueste Affäre, lolitahaft gespielt von Esther Zimmerling, einen Strich durch die Rechnung macht und verschwindet. Spurlos. Dass ein Mord im Raum steht, suggeriert schließlich schon der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.

Was sich daraus entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel geraten. Nein, wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste, statt Tätern also höchstens Geborgenheit im drohenden Verfall einer Institution namens Familie. Auf die Frage ihrer Freundin, ob sie ihn behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des Täters auf, der so vom Jäger zur Beute wird, was er später, als ihm die Handlung entgleitet, ins Gegenteil umdreht.

Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld wie Unschuld hervor. Dass darin freilich immer ein tieferer Sinn steckt, liegt auch in Lancelot von Nasos dritter gemeinsamer Arbeit mit seinem Stammautoren, mit dem er vor vier Jahren bereits das preisgekrönte Langfilmdebüt Waffenstillstand gemacht hat. Nicht zuletzt Kai-Uwe Hasenheits versiertes Drehbuch nämlich liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die Oliver Hoese dann so ausstattet, dass darin die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Der verbissene Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent Luxus auszustellen. Mein Mann, der Mörder spielt nicht in einer Designervilla von Rem Kolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real.

In ihm könnten die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. So wird dieser Film am Ende zu dem, was er sein soll: Ein Ferres-Film, so wie jeder Film mit Veronica Ferres einer ist. Ein Noethen-Film, so wie jeder Film mit ihm einer wird. Vor allem aber ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihr gewohntes Habitat des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in Mein Mann, ein Mörder. Dafür reicht ihr oft nur ein Augenblick.


Panini-Papst & Priester-Schweigen

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

9. – 15. März

Der Papst, People und Panini – mit dieser billigen Alliteration ließe sich das, was die Medienrepublik seit voriger Woche mehr bewegt als Kriege, Krisen, Kriechenland, gut umschreiben. Der Bauer-Verlag, bekannt für Qualitätsjournalismus à la inTouch, bringt ein Magazin namens People heraus, das jede Woche in 300.000facher Auflage Sensationelles, Unglaubliches, Niedagewesenes publiziert: Stars. Dazu Stars. Und Stars, denen das Magazin in alle Unterhosen, Kleiderschränke, Portemonnaies starrt. Das aber wäre keiner Erwähnung wert, würde der Panini-Verlag, bekannt für Qualitätskonsum à la Klebebildchen, nicht seit Donnerstag exakt das Gleiche tun, nur eben mit einem einzelnen Star: Mein Papst. Franziskus genannt, dem 72 Seiten lang in allen Regenbogenfarben gehuldigt wird. Wobei man auch ihm überall hinstarrt, aber wenigstens nicht in die Unterwäsche. Danke, Panini.

Danke ZDF zu sagen, fiele da schon schwerer dieser Tage. Weil ein Sportreporter des Senders wegen unliebsamer Berichterstattung über Dynamo Dresden die Akkreditierung verlor, nahm das Zweite den Artikel kurzerhand von seiner Seite, woraufhin der Journalist wieder ins Stadion darf. Dass die Löschung des inkriminierten Textes irgendwas damit zu tun haben könnte, wurde aus Mainz natürlich heftig dementiert. Einflussnahme auf journalistische Inhalte? Doch nicht bei uns… Never.

So ein zünftiges „Niemals“ hätte man bis voriger Woche auch auf Jürgen Domian angewendet, der seit fast 20 Jahren nachts im WDR die Probleme Wildfremder löst, was schon Mitte der Neunziger irgendwie Fernsehen von gestern war, aber so zeitlos und haltbar, dass niemand je an eine Ende geglaubt hatte. Doch das kommt, nächstes Jahr, irgendwann ist halt für jeden Mal Schluss – wie für Sam Simon. Sam wer? Man füge ein kurzes „ps“ in die Mitte des Nachnamens und jeder ahnt, was der Amerikaner zwei Jahre vor Domians Wechsel vom Radio an den Bildschirm 1991 erfunden hatte. Richtig – Die Simpsons. Zu dumm, dass er die Serie schon kurz darauf wieder verließ. Mangels Erfolgsaussichten, wie er damals glaubte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

15. – 22. März

Aber das dachte man ja schon von vielen TV-Produkten, die sodann unsterblich wurden. Vielleicht sogar vom Tatort, der Sonntag sein neuestes Team begrüßt: Mark Waschke als reservierter Kommissar Karow, der meist übellaunig und sachlich ist. Begleitet von der heißblütigen Meret Becker als Kollegin Rubin, die gleich zu Beginn ihres ersten Falles um einen toten Drogenkurier Sex vor einer Disco hat. Zwei Ermittler wie Feuer und Wasser – das klingt fast so fad wie ein Tatort am Bodensee. Aber warten wir mal ab, wie die Neuen harmonieren.

Vermutlich schlechter als die ARD und die Warenwirtschaft. Wenn das Erste Montag zur besten Sendezeit zum Werbe-Check bittet, mag das nämlich löblich klingen; dummerweise wird nicht die Spitzen der chronisch verlogenen PR-Branche ins Visier genommen, sondern nur deren Ränder wie italienische Kleinwagen oder Koffeinshampoos. Man will es sich mit der Kundschaft ja nicht ganz verderben. Dass der weit wichtigere Sachfilm vom „Schweigen der Männer“ erst lang danach an gleicher Stelle läuft, hat dagegen wohl nichts mit Zurückhaltung gegenüber der katholischen Kirche zu tun. Dennoch verstört es, dass Sebastian Bellwinkels und Birgit Wärnkes sehenswerter, teilweise animierter Test, ob die Kurie ihr Versprechen vom März 2014 einhält, den Sumpf pädophiler Gewalt lückenlos aufzuklären, erst kurz vor Mitternacht läuft.

Exakt zur gleichen Zeit, eine halbe Stunde vor Mitternacht, wechselt drei Tage darauf Michael Hatzius vom RBB ins Erste. In Weltall.Echse.Mensch lässt der Bauchredner sein Zigarre rauchendes Puppenreptil also später, aber prominenter platziert übers Weltgeschehen sinnieren – was allemal besser ist als das brachiale Gebrüll von Carolin Kebekus, die Samstag um 21.45 Uhr im WDR ihr Soloprogramm PussyTerrorTV präsentiert. Komischer ist da am Dienstag (22.05 Uhr) die hinreißende MDR-Doku Wie der Kudamm nach Karl-Marx-Stadt kam, wo die aberwitzigen Mühen gezeigt werden, mit denen die klamme DDR versuchte, für ihre Filme Westrequisiten zu akquirieren.

Und damit auch noch etwas frische Fiktion auf der Empfehlungsliste ist: Brighton Rock, ein nahezu zweistündiges Musik-Video über Gangkriege der 60er Jahre an Englands Südküste, das am Dienstag (22 Uhr, ServusTV) wunderbar an das Meisterwerk Quadrophenia erinnert. Kein schlechter Übergang zu den Wiederholungen der Woche. In Schwarzweiß: Die blaue Dahlie, ein Liebesthriller im Stile des Film Noir, 1946 geschrieben vom Krimikönig Raymond Chandler (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Und ab Samstag (23.45 Uhr, NDR) in Farbe: Der König von St. Pauli. Dieter Wedels Sechsteiler zeigt den Kiez zwar nicht grad so, wie er 1998 war, schafft aber gerade damit ein schönes Artefakt jener Fernsehfantasien, die aus der Realität Museen machen.


white/fantasma/mars needs woman/life in film

Matthew E. White

Mellow ist wohl das, was Matthew E. White am allernächsten kommt. Ein Attribut, das mit sanft nur unzureichend übersetzt ist. Wie in wohligem Fruchtwasser gesungen, warm und behaglich, selbstzufrieden, tiefenentspannt, um nicht von irgendwas mit Honig, Samt und so Sachen zu sprechen: Wenn der Südstaatenjunge zwischen seinem Namensvetter Barry und den Fun Lovin‘ Criminals von Glaubensdingen wie der Liebe erzählt, fühlt man sich in den Mutterleib zurückversetzt – wenn auch einer, der morgens zur Arbeit in die Fabrik muss, wo es rauscht und scheppert und zischt. Zehn Tracks lang legt sich sein zweites Album Fresh Blood wie eine Lichttherapie aufs Gemüt, bei der gelegentlich die Glühbirnen flackern. Immer wieder rasseln nervöse Saitenwinde durch klavierbetupfte Harmonien, als vertone Hitchcock einen Duschkabinenmord. Der Aberwitz von Whites visionärem Southern Rock Souls war beim Debüt Big Inner vor zwei Jahren zwar noch größer; doch mit 32 Jahren hat der buddhistisch anmutende Zausel die Ruhe gefunden, das Publikum gleichermaßen einzulullen und aufzuwühlen, oft innerhalb weniger Takte eines Albums, das dem dräuenden Krisenjahr 2015 gleich zu Beginn eine wunderbar sanfte Note verpasst.

Matthew E. White – Fresh Blood (Domino) 

Fantasma

Süffig dagegen wird es dank Fantasma, einer Band aus Südafrika, die sich nicht erst mühsam auf die Suche nach passenden Attributen macht, sondern ihrem Fusionsound ein Etikett erfindet: Guzu. Das kann man übernehmen. Man kann es auch lassen. Die hitzige, fast virile Mixtur aus heimatlichem Kwaito, amerikanischem HipHop und staatenlosem Techpop wirkt derart mitreißend, dass sich jede Art Branding als Gefasel erweist wie der Versuch, den Kontinent im Ganzen greifbar zu machen. Fantasmas Debütalbum Free Love ist nicht mehr, nicht weniger als das ortübliche Mashup klanglicher Mikrokosmen, denen die musikalischen Produktionsressourcen fehlen und daher zusammenpacken, was eben verfügbar ist. In den lebenssatten Slums von Accra über Nairobi bis Johannesburg wird der Pop daher gern erst de-, dann rekonstruiert, bis die Welt afrikanisch klingt und Afrika global. Das Quartett um den Percussionisten DJ Spoko tut das jedoch mit einer Grandezza wie weiter nördlich allenfalls Culture-Clash-Remixer wie M.I.A. oder Mano Negra, zutiefst eigenartig, doch hinlänglich bekannt, Tanzmusik für den kosmopolitischen Geschmack. Als läge die Westbronx in Kapstadt.

Fantasma – Free Love (Soundway Records)

Mars Need Woman

Nun lässt sich drüber streiten, ob es ständig rekonstruierter Dekonstruktionen bedarf, statt der Welt des Pop mal wieder genuine Neuigkeiten zu schenken. Etwas, bei dem sich die Versatzstücke nicht nur möglichst abstrus ergänzen, sondern so befruchten, dass Unerhörtes entsteht. Brauchen wir also eine weitere Band, die alten Psychobeat mit uraltem Country zu urälterem Rock’n’Roll vermengt, als wäre „Chuck Berry ein Riot Grrrl“, wie es in der Selbstbeschreibung heißt? Antwort: Wo man das, was diese Band macht, noch nie gehört hat, schon. Von daher war es aus PR-Sicht klug, dass sich Peta Devlin, Barbara Hass und Susie Reinhardt nach jahrelanger Praxis von Die Braut haut ins Auge bis DM Bob nun zu Mars Needs Woman vereint haben. Würde man den Sound des weiblichen Supertrios ohne Kenntnis der verwendeten Stile hören, wäre ihr selbstbetiteltes Debütalbum schlichtweg grandios. Doch auch wenn die Platte dem Genre nichts Wesentliches hinzufügt, macht sie vom 1. bis zum 13. Stück pausenlos Spaß. Das liegt allerdings auch am schrillen Auftritt in silbernen Ganzkörperanzügen mit wirren Künstlerinnennamen. That’s Entertainment.

Mars Need Woman – Mars Need Woman (B-Sploitation)

Life In Film

Mit dem sich Life In Film nicht über Gebühr herumplagen müssen. Die vier Londoner machen schließlich das, wofür es noch immer nur eines Minimums an extraordinärer Selbstdarstellung braucht, um auskömmlich wahrgenommen zu werden. Es nennt sich Britrock, auf dem Debütalbum Here It Comes klar beeinflusst von Garagensound der The Strokes, Uptempo-Alternative mit getexteten Selbsterfahrungsberichten zu fluffigen Gitarrenriffs voller Soli, die diesseits der feinen Grenze zum Hardcore verlaufen. Und dann sehen die Verantwortlichen noch nicht mal allzu postertauglich aus. Gut, mal abgesehen von Samuel Fry, der dafür jedoch ebenso wenig kann wie für seine einprägsame Stimme, die das Indie-Konstrukt branchenüblich trägt. Der Name Life In Film steht also bislang nicht für etwaiges Celebrity-Gehabe, auch wenn die erste Singleauskopplung Get Closer gefällig ins Langzeitgedächtnis hüpft. Entertainment wird hier eben weit kleiner geschrieben als Unterhaltung. Keine für den Rockolymp, aber durchaus für den großen Spaß im verschwitzten Kellerclub.

Life In Film – Here It Comes (Embassy Of Music)

Mehr Text’n’Sound’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-02/jimmy-somerville-matthew-white-life-in-film-fantasma


Altersglühen: Prämiert & ungewohnt

Improvisierter Grimmepreis

Mit Altersglühen (Foto: Georges Pauly/WDR) kriegt in diesem Jahr ein Film den bedeutsamen Grimme-Preis, der abgesehen von einigen Stars von vielen Sehgewohnheiten abweicht. Das könnte glatt Hoffnung machen, dass dem Genre etwas frischer Wind durchs öffentlich-rechtliche Gemüt bläst.

Von Jan Freitag

Die hypersupermegaindividualisierte Mediengesellschaft wagt sich nur selten noch an den alten Luftikus Spontaneität. Vermeintlich authentische Dokumentarformate sind zusehends gescriptet, vermeintlich humorindizierte Lacher kommen vom Band, vermeintliche Hingabe ist oft nichts als Angabe. Stand-up wird bis ins letzte Hüsteln durchdekliniert, geflirtet nur noch nach Rundumcheck des Beziehungspartners in spe und Lifeshows (wenn sie nicht sicherheitshalber zeitversetzt laufen) jede Unwägbarkeit weginszeniert. Kurzum: das hinreißende Handwerk der Improvisation – es stirbt bei aller Leichtigkeit des Seins langsam aus.

Genauer: Es starb.

Denn vorigen November ereignete sich Ungewöhnliches im intuitionsbereinigten Regelprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Die ARD zeigte einen Spielfilm zur besten Sendezeit, der keines Drehbuches bedurfte, um seine erlesenen Protagonisten zur Höchstform zu treiben. Altersglühen heißt das famose Gespinst speeddatender Senioren von Senta Berger über Mario Adorf bis Michael Gwisdek und Hildegard Schmahl, die der vielfach spontaneitätserprobte Regisseur Jan Georg Schütte und sein gleichberechtigter Cutter Ulf Albert mit nicht mehr als Kurzbiografien ihrer Charaktere, einer adretten Stadtvilla in Hamburg und zwei knappen Drehtagen ausstattete, um sogleich die zweite Sensation des abgelaufenen TV-Jahres einzuleiten: Altersglühen bekam heute in Essen den Grimme-Preis verliehen.

Womit wir bei Ausnahmezustand Nummer drei wären, von allen erwartet, dennoch sensationell: In der Kategorie „Fiktion“ bekam nämlich auch der gefilmte Aberwitz schlechthin Deutschlands bedeutsamste Fernsehtrophäe: Ulrich Tukurs rauschhafter Tatort: Im Schmerz geboren, dessen heillos überdrehte Theatralik so mitreißend war, dass ein Leichenrekord jenseits der 50 beinahe zum Randaspekt geriet.

Nun muss das gehobene Feuilleton vor Entzücken nicht gleich beide Augenbrauen auf einmal hochziehen, nur weil da zwei komplette Konventionsverweigerungen zu höchsten Ehren kommen; die drei parallel gekürten Spielfilme Bornholmer Straße, Der Fall Bruckner und Männertreu sind zwar überaus ansehnlich, stilistisch aber doch eher gewöhnlich. Und doch ist es mehr als bloß der Erwähnung wert, wie viel Irrsinn den Juroren hier einer Belobigung wert war: Unverstellt faltige Menschen zur formatierten Primetime ohne schwedischen Sonnenuntergang im Rücken einfach mal so frei nach Schnauze quatschen zu lassen, statt nach Quotenkalkulation, ist ja ebenso waghalsig, wie Michael Proehls Shakespeare’sche Dramaturgie in Versform zur Grundlage eines tarantinoesken Gemetzels zu machen, das Regisseur Florian Schwarz im Opernambiente zelebriert.

Zumal diese Freiheit von Kunst und Kreativität langsam aber sicher – wenn schon nicht zur Regel, so doch zur regelmäßigen Abweichung davon wird. Schon im Vorjahr hatte das Marler Institut mit der verstörend realistischen SWR-Echtzeitfiktion Zeit der Helden ein Stück vorstädtischer Lebenswirklichkeit gekürt, das jeder kolportierten Sehgewohnheit von Programmdirektor Volker Herres’ Gnaden streng zuwider lief. Ein Trend, der mit Markus Imbodens Krimigroteske Mörder auf Amrum vor fünf Jahren gewissermaßen seinen Anfang nahm. Jeder Ausbruch vom Erwartbaren stellt sich darin ja nur als Vorbereitung des Nächsten dar.

Dieses Alleinstellungsmerkmal im seicht plätschernden Wellengang heiter bis wolkiger Stromlinienunterhaltung teilen solche Filme im Übrigen mit dem Tatort, der gestern nebenbei auch noch mit dem Grimme-Preis fürs Format im Ganzen gekürt wurde. Weil es zusehends vom Normierten abweicht. Weil es Regelbrüche nicht um seiner selbst willen einsetzt. Weil es einfach gut ist, wenn es denn gut ist. Weil selten gut ist, was noch nicht mal gut gemeint ist, ist es daher kein Wunder, dass von den zwölf vergebenen Grimme-Preisen diesmal exakt Nullkommanull an private Sender gingen. Deren Innovationspotenzial erreicht ja abseits vom Versuch, Inhalt irgendwann vollends durch Effekt zu ersetzen, in etwa die Zahl ihrer Auszeichnungen 2015. So gesehen war das abgelaufene ein gutes Jahr für den deutschen TV-Film. Vor allem aber ein gutes für uns. Die Zuschauer.


Improvisation & Schmunzeleffekt

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. März

Jedes Jahr im März, wenn das Land unterm finalen Eispanzer erstarrt oder die ersten Krokusse hindurchblicken, zeigt unser Fernsehen, was es kann, wenn es mal können darf. Dann werden jene Preise verkündet, wofür eine Schar Medienkritiker wochenlang in den resopalgrauen Räumen des Grimme-Instituts kaserniert wurde. Das Ergebnis ist nicht nur die bedeutsamste, sondern womöglich einzig verbliebene TV-Trophäe von Strahlkraft. Am Mittwoch war es wieder so weit und doch irgendwie anders. Die 51. Auflage hat eine Renaissance jener Kunstform prämiert, die lange Zeit bisher konsequent unterschätzt wurde: Improvisation.

Gewonnen hat – neben dem erwarteten Sieg für den Tukur-Tatort: Im Schmerz geboren – Jan Georg Schüttes furioses ARD-Experiment Altersglühen, wo alternde Schauspieler von Senta Berger bis Mario Adorf so überzeugend ohne Drehbuch Speeddating für Senioren darstellten, als wären sie alle echt einsame Herzen auf der Suche nach Geborgenheit. Aber auch die anderen Gewinner – Bornholmer Straße im Bereich Fiktion etwa, Die Anstalt als Unterhaltungsformat oder der verstörende Kriegsbericht Die Kinder von Aleppo – waren jede Sendesekunde wert. Schade nur, dass Alexander Gentelevs Dokumentation Putins Spiele leer ausging, die den Irrsinn von Sotschi beispielhaft beleuchtet und nun unterm Zusatz Ein Jahr danach fortgesetzt wird, dem das IOC allerdings alle Originalfilmaufnahmen nebst die Benutzung des Wortes „Olympia“ verweigerte, weil das ja nun wirklich nicht geht – die Olympischen Spiele zu kritisieren…

Ein Jahr vor der Adaption fürs Fernsehen sind wir hingegen mittlerweile bei jedem realen Ereignis, das nur ansatzweise Stoff für ein saftiges Melodram liefert. Es hat daher nur Monate gedauert, bis sich Nico Hofmann die Rechte am Skandal um Gustl Mollath gesichert hat, dessen Fall bayerischer Behördenwillkür von Raymond Ley (Anne Frank) mit Axel Milberg als Justizopfer verfilmt wird. Der zweite Megatrend des Fernsehens ist und bleibt allerdings die Neuauflage alter Stoffe, wie man derzeit am Remake von Heidi erleben muss, die nun digitalisiert über die Alm zappelt. Fehlt nur noch, dass die Barbapapas reanimiert werden, jetzt, wo mit Talus Taylor auch der letzte Erfinder des Gegenentwurfs zur betonierten Moderne gestorben ist. Witzigerweise fasziniert er auch in der epileptischen RTL2-Gegenwart noch immer mehr Kinder als das neumodische Zeugs der Marke Wickie 2.0.

0-FrischwocheDie Frischwoche

9. – 15. März

Fernsehen 1.0 auf dem Medium 3.0 ist hingegen, was der Streaming-Dienst Netflix freischaltet: Unbreakable Kimmy Schmidt von der famosen US-Komikerin Tina Fey über eine Frau (Ellie Kemper), die nach 15 Jahren in einem Sektenkeller die reale Welt entdeckt Die Serie wurde übrigens für den Kabelsender NBC produziert, läuft aber im Netz, was die Verhältnisse wandelt, Qualität entsteht analog und wird digital verbreitet oder umgekehrt. Bei Block B scheint es andersrum zu laufen. Die Frauenknast-Variation geht Donnerstag (21.15 Uhr) auf RTL in Serie, ist aber so mies, als sei es von drittklassigen Bloggern gedreht. Jeder Vergleich zum fabelhaften Netflix-Vorbild Orange is the new black verbietet sich da ebenso von alleine wie einer zur australischen Vorlage Wentworth.

Das wäre ja fast so, als würde man Florian Lukas als ulkigen Provinzbullen der ZDF-Reihe Friesland, deren zweiter Teil Mittwoch vorab auf dem Ableger Neo läuft, mit einem Vergleich zur famosen Nordseekrimireihe mit Hinnerk Schönemann als Finn Zehender adeln. Dann doch lieber traditionelle Krimis ohne Schmunzeleffekt, dafür mit Senta Berger als Eva-Maria Prohacek, die Freitag auf Arte (20.15 Uhr) erneut Unter Verdacht verdeutlicht, dass vergleichbar konventionelle Verbrechensfälle wie dieser um dubiose Machenschaften im Pflegebereich ungeheuer sehenswert sein können, sofern das Drehbuch mit Hingabe geschrieben ist. So gesehen hätte auch die Autobiografie von Heike Dorsch, deren Mann vor ein paar Jahren während einer Weltreise verschollen ist, durchaus Anlass für einen guten Film abgeben können. Blauwasserleben jedoch (Samstag, 20.15 Uhr, ZDF) ist von so einschläfernder Süffigkeit, dass ein Standbild vom Wellengang in der Südsee aufregender wäre.

Es gibt also nicht viel zu empfehlen diese Woche. Na, vielleicht Futebol e vida, Daniel Cohn-Bendits Roadmovie, in dem der Altlinke am Dienstag (20.15 Uhr, Arte) auf die Suche nach dem wahren Geist des brasilianischen Fußballs geht, was man sich vor einem Jahr gewünscht hatte, als alle nur dessen Oberfläche ankratzen wollten. Also geht’s direkt zu den Wiederholungen der Woche. In Schwarzweiß und immer wieder grandios: Wolfang Staudtes Der Untertan mit Werner Peters als Heinrich Manns Patriot Heßling von 1951 (Montag, 23.40 Uhr, MDR). Und in Farbe: Serpico, zweieinhalb Stunden früher auf Arte, mit Al Pacino als ehrlichem Bullen unter korrupten Kollegen anno 1973.


Hamburg auf der Reisemesse ITB

itb-hamburg-940x400Hamdorf in der Hauptstadt

Hamburgs sündteurer Stand auf der Berliner Reisemesse ITB soll die Vielfalt der hansestädtischen Kultur präsentiern – zeigt aber vor allem Musicals und Kreuzfahrtschiffe.  Ein Besuch.

Von Jan Freitag

Irgendwie scheint Hamburg ein Ort zum Abhauen zu sein. Einer, der Fluchtimpulse auslöst, kurzer Aufenthalt, dann weg hier, bloß weg hier. Den Eindruck könnten zumindest all jene kriegen, die der Hansestadt zurzeit einen Besuch in Berlin abstatten, auf der weltgrößten Reisemesse. Auf der ITB, in Halle 6.1, schlägt auch Hamburg seit jeher eigene Zelte auf. Gewaltige Zelte. Repräsentable Zelte. Glitzernde Zelte. Teure Zelte. Wobei – eigentlich müsste es Festzelte heißen.

Denn wer den Planeten im Miniaturmaßstab am Westrand der Hauptstadt durchmisst, wo nahezu jeder nennenswerte Staat der Erde bis auf Ausnahmen wie Nord-Korea den jeweiligen Standort lobpreist, kriegt gleich gegenüber von Schleswig-Holstein vor allem zweierlei gepriesen: Kreuzfahrtschiffe plus Flughafen, beides – wie eingangs erwähnt – besonders fürs Fernweh geeignet. Hinzu kommen Musicals, viele Musicals, eins am anderen. Selbst der stilisierte Stahlhelm des 54er-WM-Singspiels wurde im Bastelmaßstab nachgebaut, 1:72 unter Glas. Etwa fürs Heimweh? Mitnichten! Das hat schließlich, schenkt man Dietrich von Albedyll Glauben, auf einer Reisemesse wie dieser wenig Bedeutung.

Deshalb geht es dem geschäftsführenden Vorstand der Hamburg Tourismus GmbH, kurz HHT, auch gar nicht so sehr um potenzielle Feriengäste, die ab heute die 20 Hallen von Berlin fluten, „sondern um mehr als 6000 Fachbesucher und 1000 Gäste unseres großen Empfangs“, die seine schicken Verkaufsflächen in den Insidertagen zuvor besuchen. Deshalb geht es ihm mehr um jene Besucher, die Hamburgs Tourismusumsatz von sechs Milliarden Euro, an dem gut 100.000 Menschen mitarbeiten, im Hintergrund mehren sollen. Deshalb heißt der aristokratische anmutende Wirtschaftsvertreter mit den Messingknöpfen am blauen Zweiteiler auf der Visitenkarte auch CEO und sein Kerngeschäft Business to Business, also Geschäftsleute für Geschäftsleute. Deshalb lässt sich der Chief Executive Officer fremdenverkehrsbezogenen Stadtmarketings sein B2B an sechs Tagen Messepräsenz auch an die 600.000 Euro kosten. Und deshalb ist das Angebot an Hamburg, mit dem Reisende wie Reiseanbieter hier beglückt werden, auch so, sagen wir mal vorsichtig: inhaltsreduziert.

Während nämlich gleich neun Reedereien den Mietanteil von 500 Euro fürs Stehpult am Rande bis hin zur eleganten Business-Lounge für 20.000 Euro hinblättern, dazu ein Dutzend großer Kulturinstitutionen von Schauspielhaus bis Stage-Entertainment und der Airport mit seiner gediegenen Weißpolsterwelt hinter Milchglas, findet man das, was die Metropole weit nachhaltiger prägt, allenfalls mit etwas Forschertrieb. St. Pauli zum Beispiel.

Dessen subkultureller Charme – ob es die offizielle PR hören mag oder nicht – hat international zwar weniger lukrative, aber weit anspruchsvollere Strahlkraft als alle Cruisecenter und Löwenkönige zusammen. Auf der ITB aber? Reduziert sich die Existenz des Viertels auf ein Faltblatt zwischen, klar, einem Folder zum Thema Kreuzfahrt und einem über homosexuelles Entertainment. Immerhin. Denn die betörenden Gründerzeitquartiere westlich der Alster, weltberühmte Off-Art von Gänge-Viertel bis Park Fiction, zwei zugkräftige Fußballclubs und ein paar mehr der schönsten Großstadtgrünflächen im Land, dazu Reeperbahnfestival, Dockville, der legendäre Mojo-Club – all dies sucht man vergeblich unter einer gigantischen LED-Wand, die Stunde um Stunde ein hochglänzendes Phantom aus gefühlt 2000 Perspektiven zeigt, rauf und runter, mal animiert, mal real.

Gut, so dauersonnig wie auf den quietschbunten Panoramabildern der merkelorangenen Ausstellungsfläche nebenan ist es zwar nicht mal im wetterverwöhnten Mecklenburg-Vorpommern. Und das bettelarme Bremen verdient mittlerweile doch etwas weniger Geld mit der christlichen Seefahrt als die schicken Installationen am Stand gegenüber suggerieren. Aber die konkurrierenden Nordländer werben wenigstens mit etwas, das existiert. Und Hamburg?

Wirbt mit der Elbphilharmonie.

Einer Konzerthalle, die mit viel Glück in zwei Jahren jene Symphoniekonzerte erleben darf, die derzeit in Berlin über all Flatscreens flimmern. Na, vielleicht hilft ja der viele Gratis-Schampus gestärkt beschürzter Kellnerinnen, um den Adressaten so die Sinne zu vernebeln, dass sie schon mal vorab ein paar Tickets ordern. Aber vielleicht hätte man auch einfach mal konsequent sein sollen und den kollektiven Rausch des Wochenendkiezes auf den vereinzelten aberwitziger 789-Millionen-Euro-Projeke übertragen. Kleiner Vorschlag für die ITB 2016: Elbphilharmonie im Maßstab 72:1 für sechs Milliarden Euro Kostenvoranschlag aufs Berliner Messegelände bauen und eine Ladung Punkrockbands aus der Roten Flora über den Cruise Terminal in der Hafencity einschiffen, die sechs Tage lang Musicaltexte mit Kettensägen interpretieren. Die Bundesländer ringsum dürften sich dann darüber beschweren, dass der Hamburger Stand zu laut sei, aber das, erklärt ein HHT-Sprecher lachend, „machen die ohnehin jedes Jahr.“ Hamburg ist schließlich eine große Stadt mit großer Kultur und eindrucksvoller Architektur. Recht hat der Mann. Fragt sich nur, warum er sie dann als kleines Dorf mit angeschlossenem Yachthafen und Kirmeszelt präsentiert.

vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/2015-03/itb-tourismus-hamburg


Jimmy Somerville: Communards & Comeback

IMG_20140918_155102Der Kampf geht weiter!

Jimmy Somerville auf dieser winzigen Bühne in einer Seitenstraße von St. Pauli zu hören, ist schon gewöhnungsbedürftig. Die meiste Zeit seiner langen Karriere hat der Countertenor aus Schottland mit Bronski Beat und The Communards in den angesagtesten Clubs und größten Hallen gespielt – für sein Comeback reicht ihm ein burlesker Stripclub am Rande des Kiezes. Mit Homage (Membran Records) bringt der 53-Jährige am 6. März allerdings nicht nur seine erste Platte seit 2005 raus; er wagt damit auch eine Zeitreise zu seinen musikalischen Wurzeln in der Disco. Begegnung mit einem Weltstar früherer Tage, der seine Zukunft in der Vergangenheit sucht und doch nach vorne schaut.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Jimmy Somerville, selbst ausgewiesene Musikfans haben vermutlich jahrelang nichts von dir gehört.

Jimmy Somerville: Ach, vermutlich sind es bei manchen sogar Jahrzehnte.

Ist dein markenbildendes Falsett denn noch immer in Form?

Schon, aber es ist nicht mehr auf dem gleichen Countertenor-Niveau der Achtzigerjahre. Wie jede Stimme ist auch meine älter geworden und kratzt in einigen Oktaven, aber ich komme noch immer überall dorthin, wo ich will. Und das Alter verleiht ihr auch ein bisschen Reife, wie ich finde.

Nur der Stimme oder auch der ganzen Persönlichkeit?

In jedem Fall auch der. Persönlichkeit und Stimme gehören untrennbar zusammen, deshalb mögen diese ganzen Castingshow-Gewächse auch die wunderbarsten Gesangsstimmen haben; Persönlichkeit kommt von ganz wo anders her, unter anderem von Erfahrung und Alter.

Hätte diese Stimme, die ja die Androgynität einer ganzen Kulturepoche mitgeprägt hat, auch in anderen Jahrzehnten, heute etwa funktioniert?

Das ist schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Vor den Achtzigern wäre es wohl schwieriger geworden, da herrschte trotz aller Disco noch weit mehr Machismo in der Musik. Und zum Glück hat die Wirkung einer Stimme nicht immer nur mit ihrem Klang zu tun. Ganz ehrlich: Der hat mir selbst schon immer weniger bedeutet als dem Marketing und vielen Fans. Am Ende ist es bloß die Vibration der Bänder im Hals, mit denen man einen bestimmten Sound begleiten möchte.

Auf Homage erinnert er nun ganz schön an Disco.

Das sind meine musikalischen Wurzeln. Mein neues Album ist daher auch eine Hommage an diese wunderbare Zeit, weit mehr als bei den Communards. Mit denen hatten wir damals auch zurück geblickt in die Musikgeschichte, allerdings in eine Zeit, die mir zwar eine Menge bedeutet hat, mit der ich aber nicht aufgewachsen bin. Soul und Motown haben mich eher aus der Ferne inspiriert, Disco ist Teil meiner Jugend.

Mit 53 Jahren landest du also quasi zwischen Communards und Bronski Beat?

Zeitlich auf jeden Fall. Obwohl sich die Disco heute näher anfühlt als es der Soul der Communards in den späten Achtzigern getan hat.

Hast du deshalb damals so viel gecovert?

Nein, eher gefeiert. Deshalb würde ich es auch gar nicht covern nennen. Ich wollte die fantastischen Lieder dieser Ära eher für die Gegenwart tauglich machen.

Auch verbessern?

Thelma Houston verbessern? Unmöglich! Nein, das kann man nur interpretieren.

Interpretierst du auch auf dem neuen Album so viel wie früher?

Nein, es widmet sich zwar einer anderen Zeit, kommt aber ausschließlich von mir und aus mir heraus. Purer Jimmy. So gesehen ist es neu und alt zugleich.

Kannst du damit denn nochmals den gleichen Einfluss auf die zeitgenössische Popmusik ausüben, wie in den Achtzigern?

Die Frage ist da eher, ob ich das noch will. Damals wollte ich noch viel mehr zum Ausdruck bringen, was mir auf dem Herzen lag. Jetzt ist da viel mehr Spaß drin. Ich will mich wohl fühlen mit dem, was ich tue, und dass andere sich wohl fühlen. Trotzdem hatte alles natürlich auch eine politische Komponente, da kann ich nicht aus meiner Haut.

Politisch besonders im Sinne von Gleichberechtigung und Gay-Rights, nehme ich an?

So ganz frei davon ist nichts, was ein Homosexueller mit meinem Sendungsbewusstsein von sich gibt. Aber auch das war damals natürlich drängender, als große Teile der Gesellschaft uns weit mehr als heute förmlich das Existenzrecht absprachen. Wenn dir so viel Hass entgegenschlägt wie es mir in meinem Leben nur für das widerfahren ist, was ich bin, wenn du also jemandes Feind bist und angegriffen wirst, musst du dich wehren, sonst geht man unter. Das macht den Alltag von so vielen ungewollt politisch, ob sie nun schwarz, schwul, sonst wie anders oder auch nur weiblich sind, also der Hälfte der Weltbevölkerung angehören, die von der anderen Hälfte noch immer benachteiligt wird.

Hat das neue Album eine ähnlich emanzipatorische Stoßrichtung wie die vorherigen?

Schon, aber es ist weit weniger abstrakt als persönlich und handelt vor allem von mir als Mann und Mensch mit all meinen Gefühlen, Ängsten, Wünschen, die immer auch von Gleichberechtigung handeln, aber nicht mehr so verbissen.

Hat sich die Situation für Homosexuelle denn signifikant verbessert?

Absolut. Umgangsformen, Meinungen, die Rechtsprechung vor allem hat sich zum Positiven verändert. Aber da sprechen wir von Großbritannien und dem westlichen Europa. Direkt vor unserer Haustür dagegen, in Polen, Bulgarien, Russland zum Beispiel, ist es nicht nur extrem gefährlich schwul zu sein; die Uhr der Emanzipation wird da auch immer weiter zurückgedreht.

Der Kampf geht also weiter?

Immer. Wenn du anders bist als die Masse, wirst du dein Leben lang kämpfen müssen. Bis in alle Ewigkeit, so leid es mit tut.

Das Interview ist vorab bei http://www.musikblog.eu erschienen