Altersglühen: Prämiert & ungewohnt

Improvisierter Grimmepreis

Mit Altersglühen (Foto: Georges Pauly/WDR) kriegt in diesem Jahr ein Film den bedeutsamen Grimme-Preis, der abgesehen von einigen Stars von vielen Sehgewohnheiten abweicht. Das könnte glatt Hoffnung machen, dass dem Genre etwas frischer Wind durchs öffentlich-rechtliche Gemüt bläst.

Von Jan Freitag

Die hypersupermegaindividualisierte Mediengesellschaft wagt sich nur selten noch an den alten Luftikus Spontaneität. Vermeintlich authentische Dokumentarformate sind zusehends gescriptet, vermeintlich humorindizierte Lacher kommen vom Band, vermeintliche Hingabe ist oft nichts als Angabe. Stand-up wird bis ins letzte Hüsteln durchdekliniert, geflirtet nur noch nach Rundumcheck des Beziehungspartners in spe und Lifeshows (wenn sie nicht sicherheitshalber zeitversetzt laufen) jede Unwägbarkeit weginszeniert. Kurzum: das hinreißende Handwerk der Improvisation – es stirbt bei aller Leichtigkeit des Seins langsam aus.

Genauer: Es starb.

Denn vorigen November ereignete sich Ungewöhnliches im intuitionsbereinigten Regelprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Die ARD zeigte einen Spielfilm zur besten Sendezeit, der keines Drehbuches bedurfte, um seine erlesenen Protagonisten zur Höchstform zu treiben. Altersglühen heißt das famose Gespinst speeddatender Senioren von Senta Berger über Mario Adorf bis Michael Gwisdek und Hildegard Schmahl, die der vielfach spontaneitätserprobte Regisseur Jan Georg Schütte und sein gleichberechtigter Cutter Ulf Albert mit nicht mehr als Kurzbiografien ihrer Charaktere, einer adretten Stadtvilla in Hamburg und zwei knappen Drehtagen ausstattete, um sogleich die zweite Sensation des abgelaufenen TV-Jahres einzuleiten: Altersglühen bekam heute in Essen den Grimme-Preis verliehen.

Womit wir bei Ausnahmezustand Nummer drei wären, von allen erwartet, dennoch sensationell: In der Kategorie „Fiktion“ bekam nämlich auch der gefilmte Aberwitz schlechthin Deutschlands bedeutsamste Fernsehtrophäe: Ulrich Tukurs rauschhafter Tatort: Im Schmerz geboren, dessen heillos überdrehte Theatralik so mitreißend war, dass ein Leichenrekord jenseits der 50 beinahe zum Randaspekt geriet.

Nun muss das gehobene Feuilleton vor Entzücken nicht gleich beide Augenbrauen auf einmal hochziehen, nur weil da zwei komplette Konventionsverweigerungen zu höchsten Ehren kommen; die drei parallel gekürten Spielfilme Bornholmer Straße, Der Fall Bruckner und Männertreu sind zwar überaus ansehnlich, stilistisch aber doch eher gewöhnlich. Und doch ist es mehr als bloß der Erwähnung wert, wie viel Irrsinn den Juroren hier einer Belobigung wert war: Unverstellt faltige Menschen zur formatierten Primetime ohne schwedischen Sonnenuntergang im Rücken einfach mal so frei nach Schnauze quatschen zu lassen, statt nach Quotenkalkulation, ist ja ebenso waghalsig, wie Michael Proehls Shakespeare’sche Dramaturgie in Versform zur Grundlage eines tarantinoesken Gemetzels zu machen, das Regisseur Florian Schwarz im Opernambiente zelebriert.

Zumal diese Freiheit von Kunst und Kreativität langsam aber sicher – wenn schon nicht zur Regel, so doch zur regelmäßigen Abweichung davon wird. Schon im Vorjahr hatte das Marler Institut mit der verstörend realistischen SWR-Echtzeitfiktion Zeit der Helden ein Stück vorstädtischer Lebenswirklichkeit gekürt, das jeder kolportierten Sehgewohnheit von Programmdirektor Volker Herres’ Gnaden streng zuwider lief. Ein Trend, der mit Markus Imbodens Krimigroteske Mörder auf Amrum vor fünf Jahren gewissermaßen seinen Anfang nahm. Jeder Ausbruch vom Erwartbaren stellt sich darin ja nur als Vorbereitung des Nächsten dar.

Dieses Alleinstellungsmerkmal im seicht plätschernden Wellengang heiter bis wolkiger Stromlinienunterhaltung teilen solche Filme im Übrigen mit dem Tatort, der gestern nebenbei auch noch mit dem Grimme-Preis fürs Format im Ganzen gekürt wurde. Weil es zusehends vom Normierten abweicht. Weil es Regelbrüche nicht um seiner selbst willen einsetzt. Weil es einfach gut ist, wenn es denn gut ist. Weil selten gut ist, was noch nicht mal gut gemeint ist, ist es daher kein Wunder, dass von den zwölf vergebenen Grimme-Preisen diesmal exakt Nullkommanull an private Sender gingen. Deren Innovationspotenzial erreicht ja abseits vom Versuch, Inhalt irgendwann vollends durch Effekt zu ersetzen, in etwa die Zahl ihrer Auszeichnungen 2015. So gesehen war das abgelaufene ein gutes Jahr für den deutschen TV-Film. Vor allem aber ein gutes für uns. Die Zuschauer.


Improvisation & Schmunzeleffekt

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. März

Jedes Jahr im März, wenn das Land unterm finalen Eispanzer erstarrt oder die ersten Krokusse hindurchblicken, zeigt unser Fernsehen, was es kann, wenn es mal können darf. Dann werden jene Preise verkündet, wofür eine Schar Medienkritiker wochenlang in den resopalgrauen Räumen des Grimme-Instituts kaserniert wurde. Das Ergebnis ist nicht nur die bedeutsamste, sondern womöglich einzig verbliebene TV-Trophäe von Strahlkraft. Am Mittwoch war es wieder so weit und doch irgendwie anders. Die 51. Auflage hat eine Renaissance jener Kunstform prämiert, die lange Zeit bisher konsequent unterschätzt wurde: Improvisation.

Gewonnen hat – neben dem erwarteten Sieg für den Tukur-Tatort: Im Schmerz geboren – Jan Georg Schüttes furioses ARD-Experiment Altersglühen, wo alternde Schauspieler von Senta Berger bis Mario Adorf so überzeugend ohne Drehbuch Speeddating für Senioren darstellten, als wären sie alle echt einsame Herzen auf der Suche nach Geborgenheit. Aber auch die anderen Gewinner – Bornholmer Straße im Bereich Fiktion etwa, Die Anstalt als Unterhaltungsformat oder der verstörende Kriegsbericht Die Kinder von Aleppo – waren jede Sendesekunde wert. Schade nur, dass Alexander Gentelevs Dokumentation Putins Spiele leer ausging, die den Irrsinn von Sotschi beispielhaft beleuchtet und nun unterm Zusatz Ein Jahr danach fortgesetzt wird, dem das IOC allerdings alle Originalfilmaufnahmen nebst die Benutzung des Wortes „Olympia“ verweigerte, weil das ja nun wirklich nicht geht – die Olympischen Spiele zu kritisieren…

Ein Jahr vor der Adaption fürs Fernsehen sind wir hingegen mittlerweile bei jedem realen Ereignis, das nur ansatzweise Stoff für ein saftiges Melodram liefert. Es hat daher nur Monate gedauert, bis sich Nico Hofmann die Rechte am Skandal um Gustl Mollath gesichert hat, dessen Fall bayerischer Behördenwillkür von Raymond Ley (Anne Frank) mit Axel Milberg als Justizopfer verfilmt wird. Der zweite Megatrend des Fernsehens ist und bleibt allerdings die Neuauflage alter Stoffe, wie man derzeit am Remake von Heidi erleben muss, die nun digitalisiert über die Alm zappelt. Fehlt nur noch, dass die Barbapapas reanimiert werden, jetzt, wo mit Talus Taylor auch der letzte Erfinder des Gegenentwurfs zur betonierten Moderne gestorben ist. Witzigerweise fasziniert er auch in der epileptischen RTL2-Gegenwart noch immer mehr Kinder als das neumodische Zeugs der Marke Wickie 2.0.

0-FrischwocheDie Frischwoche

9. – 15. März

Fernsehen 1.0 auf dem Medium 3.0 ist hingegen, was der Streaming-Dienst Netflix freischaltet: Unbreakable Kimmy Schmidt von der famosen US-Komikerin Tina Fey über eine Frau (Ellie Kemper), die nach 15 Jahren in einem Sektenkeller die reale Welt entdeckt Die Serie wurde übrigens für den Kabelsender NBC produziert, läuft aber im Netz, was die Verhältnisse wandelt, Qualität entsteht analog und wird digital verbreitet oder umgekehrt. Bei Block B scheint es andersrum zu laufen. Die Frauenknast-Variation geht Donnerstag (21.15 Uhr) auf RTL in Serie, ist aber so mies, als sei es von drittklassigen Bloggern gedreht. Jeder Vergleich zum fabelhaften Netflix-Vorbild Orange is the new black verbietet sich da ebenso von alleine wie einer zur australischen Vorlage Wentworth.

Das wäre ja fast so, als würde man Florian Lukas als ulkigen Provinzbullen der ZDF-Reihe Friesland, deren zweiter Teil Mittwoch vorab auf dem Ableger Neo läuft, mit einem Vergleich zur famosen Nordseekrimireihe mit Hinnerk Schönemann als Finn Zehender adeln. Dann doch lieber traditionelle Krimis ohne Schmunzeleffekt, dafür mit Senta Berger als Eva-Maria Prohacek, die Freitag auf Arte (20.15 Uhr) erneut Unter Verdacht verdeutlicht, dass vergleichbar konventionelle Verbrechensfälle wie dieser um dubiose Machenschaften im Pflegebereich ungeheuer sehenswert sein können, sofern das Drehbuch mit Hingabe geschrieben ist. So gesehen hätte auch die Autobiografie von Heike Dorsch, deren Mann vor ein paar Jahren während einer Weltreise verschollen ist, durchaus Anlass für einen guten Film abgeben können. Blauwasserleben jedoch (Samstag, 20.15 Uhr, ZDF) ist von so einschläfernder Süffigkeit, dass ein Standbild vom Wellengang in der Südsee aufregender wäre.

Es gibt also nicht viel zu empfehlen diese Woche. Na, vielleicht Futebol e vida, Daniel Cohn-Bendits Roadmovie, in dem der Altlinke am Dienstag (20.15 Uhr, Arte) auf die Suche nach dem wahren Geist des brasilianischen Fußballs geht, was man sich vor einem Jahr gewünscht hatte, als alle nur dessen Oberfläche ankratzen wollten. Also geht’s direkt zu den Wiederholungen der Woche. In Schwarzweiß und immer wieder grandios: Wolfang Staudtes Der Untertan mit Werner Peters als Heinrich Manns Patriot Heßling von 1951 (Montag, 23.40 Uhr, MDR). Und in Farbe: Serpico, zweieinhalb Stunden früher auf Arte, mit Al Pacino als ehrlichem Bullen unter korrupten Kollegen anno 1973.


Hamburg auf der Reisemesse ITB

itb-hamburg-940x400Hamdorf in der Hauptstadt

Hamburgs sündteurer Stand auf der Berliner Reisemesse ITB soll die Vielfalt der hansestädtischen Kultur präsentiern – zeigt aber vor allem Musicals und Kreuzfahrtschiffe.  Ein Besuch.

Von Jan Freitag

Irgendwie scheint Hamburg ein Ort zum Abhauen zu sein. Einer, der Fluchtimpulse auslöst, kurzer Aufenthalt, dann weg hier, bloß weg hier. Den Eindruck könnten zumindest all jene kriegen, die der Hansestadt zurzeit einen Besuch in Berlin abstatten, auf der weltgrößten Reisemesse. Auf der ITB, in Halle 6.1, schlägt auch Hamburg seit jeher eigene Zelte auf. Gewaltige Zelte. Repräsentable Zelte. Glitzernde Zelte. Teure Zelte. Wobei – eigentlich müsste es Festzelte heißen.

Denn wer den Planeten im Miniaturmaßstab am Westrand der Hauptstadt durchmisst, wo nahezu jeder nennenswerte Staat der Erde bis auf Ausnahmen wie Nord-Korea den jeweiligen Standort lobpreist, kriegt gleich gegenüber von Schleswig-Holstein vor allem zweierlei gepriesen: Kreuzfahrtschiffe plus Flughafen, beides – wie eingangs erwähnt – besonders fürs Fernweh geeignet. Hinzu kommen Musicals, viele Musicals, eins am anderen. Selbst der stilisierte Stahlhelm des 54er-WM-Singspiels wurde im Bastelmaßstab nachgebaut, 1:72 unter Glas. Etwa fürs Heimweh? Mitnichten! Das hat schließlich, schenkt man Dietrich von Albedyll Glauben, auf einer Reisemesse wie dieser wenig Bedeutung.

Deshalb geht es dem geschäftsführenden Vorstand der Hamburg Tourismus GmbH, kurz HHT, auch gar nicht so sehr um potenzielle Feriengäste, die ab heute die 20 Hallen von Berlin fluten, „sondern um mehr als 6000 Fachbesucher und 1000 Gäste unseres großen Empfangs“, die seine schicken Verkaufsflächen in den Insidertagen zuvor besuchen. Deshalb geht es ihm mehr um jene Besucher, die Hamburgs Tourismusumsatz von sechs Milliarden Euro, an dem gut 100.000 Menschen mitarbeiten, im Hintergrund mehren sollen. Deshalb heißt der aristokratische anmutende Wirtschaftsvertreter mit den Messingknöpfen am blauen Zweiteiler auf der Visitenkarte auch CEO und sein Kerngeschäft Business to Business, also Geschäftsleute für Geschäftsleute. Deshalb lässt sich der Chief Executive Officer fremdenverkehrsbezogenen Stadtmarketings sein B2B an sechs Tagen Messepräsenz auch an die 600.000 Euro kosten. Und deshalb ist das Angebot an Hamburg, mit dem Reisende wie Reiseanbieter hier beglückt werden, auch so, sagen wir mal vorsichtig: inhaltsreduziert.

Während nämlich gleich neun Reedereien den Mietanteil von 500 Euro fürs Stehpult am Rande bis hin zur eleganten Business-Lounge für 20.000 Euro hinblättern, dazu ein Dutzend großer Kulturinstitutionen von Schauspielhaus bis Stage-Entertainment und der Airport mit seiner gediegenen Weißpolsterwelt hinter Milchglas, findet man das, was die Metropole weit nachhaltiger prägt, allenfalls mit etwas Forschertrieb. St. Pauli zum Beispiel.

Dessen subkultureller Charme – ob es die offizielle PR hören mag oder nicht – hat international zwar weniger lukrative, aber weit anspruchsvollere Strahlkraft als alle Cruisecenter und Löwenkönige zusammen. Auf der ITB aber? Reduziert sich die Existenz des Viertels auf ein Faltblatt zwischen, klar, einem Folder zum Thema Kreuzfahrt und einem über homosexuelles Entertainment. Immerhin. Denn die betörenden Gründerzeitquartiere westlich der Alster, weltberühmte Off-Art von Gänge-Viertel bis Park Fiction, zwei zugkräftige Fußballclubs und ein paar mehr der schönsten Großstadtgrünflächen im Land, dazu Reeperbahnfestival, Dockville, der legendäre Mojo-Club – all dies sucht man vergeblich unter einer gigantischen LED-Wand, die Stunde um Stunde ein hochglänzendes Phantom aus gefühlt 2000 Perspektiven zeigt, rauf und runter, mal animiert, mal real.

Gut, so dauersonnig wie auf den quietschbunten Panoramabildern der merkelorangenen Ausstellungsfläche nebenan ist es zwar nicht mal im wetterverwöhnten Mecklenburg-Vorpommern. Und das bettelarme Bremen verdient mittlerweile doch etwas weniger Geld mit der christlichen Seefahrt als die schicken Installationen am Stand gegenüber suggerieren. Aber die konkurrierenden Nordländer werben wenigstens mit etwas, das existiert. Und Hamburg?

Wirbt mit der Elbphilharmonie.

Einer Konzerthalle, die mit viel Glück in zwei Jahren jene Symphoniekonzerte erleben darf, die derzeit in Berlin über all Flatscreens flimmern. Na, vielleicht hilft ja der viele Gratis-Schampus gestärkt beschürzter Kellnerinnen, um den Adressaten so die Sinne zu vernebeln, dass sie schon mal vorab ein paar Tickets ordern. Aber vielleicht hätte man auch einfach mal konsequent sein sollen und den kollektiven Rausch des Wochenendkiezes auf den vereinzelten aberwitziger 789-Millionen-Euro-Projeke übertragen. Kleiner Vorschlag für die ITB 2016: Elbphilharmonie im Maßstab 72:1 für sechs Milliarden Euro Kostenvoranschlag aufs Berliner Messegelände bauen und eine Ladung Punkrockbands aus der Roten Flora über den Cruise Terminal in der Hafencity einschiffen, die sechs Tage lang Musicaltexte mit Kettensägen interpretieren. Die Bundesländer ringsum dürften sich dann darüber beschweren, dass der Hamburger Stand zu laut sei, aber das, erklärt ein HHT-Sprecher lachend, „machen die ohnehin jedes Jahr.“ Hamburg ist schließlich eine große Stadt mit großer Kultur und eindrucksvoller Architektur. Recht hat der Mann. Fragt sich nur, warum er sie dann als kleines Dorf mit angeschlossenem Yachthafen und Kirmeszelt präsentiert.

vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/2015-03/itb-tourismus-hamburg


Jimmy Somerville: Communards & Comeback

IMG_20140918_155102Der Kampf geht weiter!

Jimmy Somerville auf dieser winzigen Bühne in einer Seitenstraße von St. Pauli zu hören, ist schon gewöhnungsbedürftig. Die meiste Zeit seiner langen Karriere hat der Countertenor aus Schottland mit Bronski Beat und The Communards in den angesagtesten Clubs und größten Hallen gespielt – für sein Comeback reicht ihm ein burlesker Stripclub am Rande des Kiezes. Mit Homage (Membran Records) bringt der 53-Jährige am 6. März allerdings nicht nur seine erste Platte seit 2005 raus; er wagt damit auch eine Zeitreise zu seinen musikalischen Wurzeln in der Disco. Begegnung mit einem Weltstar früherer Tage, der seine Zukunft in der Vergangenheit sucht und doch nach vorne schaut.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Jimmy Somerville, selbst ausgewiesene Musikfans haben vermutlich jahrelang nichts von dir gehört.

Jimmy Somerville: Ach, vermutlich sind es bei manchen sogar Jahrzehnte.

Ist dein markenbildendes Falsett denn noch immer in Form?

Schon, aber es ist nicht mehr auf dem gleichen Countertenor-Niveau der Achtzigerjahre. Wie jede Stimme ist auch meine älter geworden und kratzt in einigen Oktaven, aber ich komme noch immer überall dorthin, wo ich will. Und das Alter verleiht ihr auch ein bisschen Reife, wie ich finde.

Nur der Stimme oder auch der ganzen Persönlichkeit?

In jedem Fall auch der. Persönlichkeit und Stimme gehören untrennbar zusammen, deshalb mögen diese ganzen Castingshow-Gewächse auch die wunderbarsten Gesangsstimmen haben; Persönlichkeit kommt von ganz wo anders her, unter anderem von Erfahrung und Alter.

Hätte diese Stimme, die ja die Androgynität einer ganzen Kulturepoche mitgeprägt hat, auch in anderen Jahrzehnten, heute etwa funktioniert?

Das ist schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Vor den Achtzigern wäre es wohl schwieriger geworden, da herrschte trotz aller Disco noch weit mehr Machismo in der Musik. Und zum Glück hat die Wirkung einer Stimme nicht immer nur mit ihrem Klang zu tun. Ganz ehrlich: Der hat mir selbst schon immer weniger bedeutet als dem Marketing und vielen Fans. Am Ende ist es bloß die Vibration der Bänder im Hals, mit denen man einen bestimmten Sound begleiten möchte.

Auf Homage erinnert er nun ganz schön an Disco.

Das sind meine musikalischen Wurzeln. Mein neues Album ist daher auch eine Hommage an diese wunderbare Zeit, weit mehr als bei den Communards. Mit denen hatten wir damals auch zurück geblickt in die Musikgeschichte, allerdings in eine Zeit, die mir zwar eine Menge bedeutet hat, mit der ich aber nicht aufgewachsen bin. Soul und Motown haben mich eher aus der Ferne inspiriert, Disco ist Teil meiner Jugend.

Mit 53 Jahren landest du also quasi zwischen Communards und Bronski Beat?

Zeitlich auf jeden Fall. Obwohl sich die Disco heute näher anfühlt als es der Soul der Communards in den späten Achtzigern getan hat.

Hast du deshalb damals so viel gecovert?

Nein, eher gefeiert. Deshalb würde ich es auch gar nicht covern nennen. Ich wollte die fantastischen Lieder dieser Ära eher für die Gegenwart tauglich machen.

Auch verbessern?

Thelma Houston verbessern? Unmöglich! Nein, das kann man nur interpretieren.

Interpretierst du auch auf dem neuen Album so viel wie früher?

Nein, es widmet sich zwar einer anderen Zeit, kommt aber ausschließlich von mir und aus mir heraus. Purer Jimmy. So gesehen ist es neu und alt zugleich.

Kannst du damit denn nochmals den gleichen Einfluss auf die zeitgenössische Popmusik ausüben, wie in den Achtzigern?

Die Frage ist da eher, ob ich das noch will. Damals wollte ich noch viel mehr zum Ausdruck bringen, was mir auf dem Herzen lag. Jetzt ist da viel mehr Spaß drin. Ich will mich wohl fühlen mit dem, was ich tue, und dass andere sich wohl fühlen. Trotzdem hatte alles natürlich auch eine politische Komponente, da kann ich nicht aus meiner Haut.

Politisch besonders im Sinne von Gleichberechtigung und Gay-Rights, nehme ich an?

So ganz frei davon ist nichts, was ein Homosexueller mit meinem Sendungsbewusstsein von sich gibt. Aber auch das war damals natürlich drängender, als große Teile der Gesellschaft uns weit mehr als heute förmlich das Existenzrecht absprachen. Wenn dir so viel Hass entgegenschlägt wie es mir in meinem Leben nur für das widerfahren ist, was ich bin, wenn du also jemandes Feind bist und angegriffen wirst, musst du dich wehren, sonst geht man unter. Das macht den Alltag von so vielen ungewollt politisch, ob sie nun schwarz, schwul, sonst wie anders oder auch nur weiblich sind, also der Hälfte der Weltbevölkerung angehören, die von der anderen Hälfte noch immer benachteiligt wird.

Hat das neue Album eine ähnlich emanzipatorische Stoßrichtung wie die vorherigen?

Schon, aber es ist weit weniger abstrakt als persönlich und handelt vor allem von mir als Mann und Mensch mit all meinen Gefühlen, Ängsten, Wünschen, die immer auch von Gleichberechtigung handeln, aber nicht mehr so verbissen.

Hat sich die Situation für Homosexuelle denn signifikant verbessert?

Absolut. Umgangsformen, Meinungen, die Rechtsprechung vor allem hat sich zum Positiven verändert. Aber da sprechen wir von Großbritannien und dem westlichen Europa. Direkt vor unserer Haustür dagegen, in Polen, Bulgarien, Russland zum Beispiel, ist es nicht nur extrem gefährlich schwul zu sein; die Uhr der Emanzipation wird da auch immer weiter zurückgedreht.

Der Kampf geht also weiter?

Immer. Wenn du anders bist als die Masse, wirst du dein Leben lang kämpfen müssen. Bis in alle Ewigkeit, so leid es mit tut.

Das Interview ist vorab bei http://www.musikblog.eu erschienen


Lars Mikkelsen: Mads’ Bruder & Serienstar

Wir sind keine Konkurrenten

Bei Mikkelsen denken viele schnell an Mads, der es vom Bond-Bösewicht in die erste Riege des internationalen Films geschafft hat. Dass sein Bruder Lars ähnlich erfolgreich ist, wird da rasch vergessen. Daheim ist der 50-Jährige ein Superstar und dank Serien wie Borgen oder Sherlock auch weltweit geschätzt. Jetzt spielt der Familienvater aus Kopenhagen die Hauptrolle in der europäischen Koproduktion The Team (ab 8. März, ZDF) und ist darin das, was seine Landsleute oft verkörpern: der melancholische Ermittler einer krassen Mordserie. Lars Mikkelsen nennt seine Figur lieber kontemplativ. Ein Interview über Höhenangst, Bruderliebe, deutsche Kollegen und warum er so selten auf Familienfotos zu sehen ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Lars Mikkelsen, stellen Sie sich vor, Sie wären Harald aus The Team und machen mit Ihrer schwangeren Frau kurz vor der Geburt Urlaub im Traumhotel – würden Sie da kurzfristig für einen Job abreisen?

Lars Mikkelsen: Ich würde mir die Entscheidung wohl etwas schwerer machen als er. Aber in meinem Job sollte man sich jede Absage gut überlegen. Man weiß nie, wann ein neues Angebot kommt.

Haben Sie deshalb schon wichtige Ereignisse wie eine Geburt verpasst?

Das nicht. Aber als ich kürzlich ein altes Familienfotoalbum in der Hand hatte, wurde mir schmerzhaft bewusst, auf wie vielen Bildern ich nicht zu sehen bin, weil ich so viele Geburtstage oder Ausflüge verpasst habe. Immerhin – meinen 50. Geburtstag haben wir voriges Jahr zusammen gefeiert. Aber so ein Beruf lässt sich leider nicht sonderlich gut mit lückenlosem Familienleben koordinieren und wie Harald bin ich Feuer und Flamme für meine Arbeit, was es zumindest bei wirklich wichtigen Filmen schwierig macht, nein zu sagen. Zum Glück ist meine Frau da tolerant.

Würde die Sie wie Ihre Film-Frau womöglich gar bestärken, einen spannenden Auftrag anzunehmen?

Käme auf den Auftrag an. Aber dieses Zuraten ist im Vierteiler ja auch als Zeichen einer erwachsenen, gleichberechtigen, liberalen Beziehung gemeint, die wir führen. Und wenn man wie wir 25 Jahre zusammen ist, scheinen wir ja einiges richtig gemacht zu haben. In so einer langen Zeit bringen beide naturgemäß auch Opfer.

Für The Team mussten Sie noch ganz andere Opfer bringen, zum Beispiel Ihre Höhenangst überwinden.

Oh, in der Tat. Als im Drehbuch stand, dass meine Rolle Bergsteiger ist, dachte ich zuerst, die spinnen. Andererseits hat mich die Vorstellung, so eine konkrete Angst zu überwinden, ungeheuer gereizt. Deshalb kann ich nun dank meines Trainers Leo fast problemlos an einer Felskante stehen. Ich nehme jedoch noch einiges mehr mit vom Set. Mein Deutsch zum Beispiel ist wieder fast so gut wie zu der Zeit, als ich es in der Schule gelernt habe.

Wie war es denn, mit Deutschen, Dänen, Belgiern gemeinsam zu drehen?

Spannend. Ich habe viel über verschiedene Mentalitäten und Arbeitsweisen gelernt. Deutsche zum Beispiel arbeiten hierarchischer als wir Dänen, die besser im Dialog funktionieren, während Belgier eine Art konstruktives Chaos pflegen, das ich selten zuvor erlebt habe. Zusammengenommen haben mir all diese Faktoren ermöglicht, meine Figur mit zu entwickeln, ohne damit alleine gelassen zu werden.

Sind Sie eher diskussionsfreudig oder folgsam, was Ihre Charaktere betrifft?

Beides. Ein Drehbuch ist ein Drehbuch, aber immer auch Ergebnis eines Entwicklungsprozesses.  Die Arbeit an einem guten Film endet mit der letzten Seite, nicht der ersten Klappe. In Skandinavien ist das eins der Grundprinzipien jedes Films.

Ist es auch das Geheimnis seines Erfolgs in der ganzen Welt, vor allem in Deutschland?

Es ist ein Geheimnis unter vielen. Sie reichen von den filmtauglichen Romanvorlagen skandinavischer Autoren wie Sjöwall/Wahlöö oder Mankell über das Bedürfnis, realistische Figuren in politisch relevanten Geschichten zu erzählen bis hin zum Dogma, das extrem aufs Schauspiel und seine Botschaft ausgerichtet ist und weniger auf Effekte. Gemeinsam schafft all dies offenbar gute Grundlagen für Dramen, die auch international Interesse wachrufen. Und wenn sich das wie in diesem Fall mit den Fähigkeiten anderer Kulturkreise vereint, kommt schnell etwas Großes heraus.

Welche Fähigkeiten wären das?

Deutsche Schauspieler zum Beispiel sind stärker vom Theater geprägt, dessen Sprache wohl besser zur Bühne passt als jede andere. [Auf Deutsch:] „Sein oder Nichtsein“ – das lässt sich nirgends so eindrücklich aussprechen wie bei euch! Man sollte derlei Stereotype nicht verallgemeinern, aber das Theatralische der Deutschen mit der Liberalität der Dänen und dem belgischen Laissez Faire – das war schon eine besondere Art zu arbeiten…

Und ein Stück gelebter europäischer Gedanke.

Absolut. Weil die Macher von Anfang akzeptiert haben, dass sich die verschiedenen Temperamente auch aneinander reiben werden und somit ein gutes Bild von Europa zeichnen, dessen Länder auch zueinander gehören, ohne gleich zu sein. Deshalb finden die drei Hauptfiguren zueinander, so verschieden Sie auch sein mögen.

Ihrer ist dabei der Typus Melancholiker, den man von vielen skandinavischen Figuren kennt und erwartet.

Ich würde ihn nicht melancholisch nennen, sondern kontemplativ. Darin ist er sogar richtig dänisch: Einer, der anpackt, aber nicht unbedingt die Führungsrolle beansprucht, ein bisschen in sich gekehrt, aber keinesfalls verschlossen.

Ähnelt er darin auch ein wenig Ihnen?

Nicht nur ein wenig. In fast jeder meiner Rollen finden sich Aspekte meiner eigenen Persönlichkeit, aber hier sind sie schon sehr ausgeprägt. Besonders die Ruhe, mit der wir beide an Dinge herangehen, ohne sie schleifen zu lassen – das haben Harald und ich gemeinsam. Wir sind beide Anpacker.

Was sind Sie sonst noch für ein Typ – neidisch womöglich oder eifersüchtig?

Nein, bis auf die Tatsache, dass ich zu viel rauche bin ich eigentlich ganz umgänglich. Warum fragen … ah, ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Nein, ich bin weder neidisch noch eifersüchtig auf meinen Bruder (lacht), auch wenn mir das alle Welt immer unterstellt, weil er mal der Bond-Bösewicht war. Ernsthaft: ich wünsche Mads alles erdenklich Gute im Beruf und bin mir sicher, er wünscht es mir ebenfalls. Auch wenn viele da gern was Aufregenderes hören wollen: Wir sind keine Konkurrenten, sondern Brüder, die sich bei jeder Gelegenheit helfen.

Wie beim allerersten Film, den Sie gemeinsam gedreht haben?

Sie meinen die Serie The Unit?

Eher Café Hector vor fast 20 Jahren.

Ein Kurzfilm, stimmt, über das ausschweifende Leben reicher Leute.

Haben Sie darin Brüder gespielt?

Nein. Und wir hatten auch in Unit One nur eine gemeinsame Szene. Das war’s. Schade eigentlich. Wir beide suchen nach einem guten Drehbuch, in dem wir miteinander spielen könnten. Einmal gab es eins, doch das haben wir terminlich nicht hingekriegt. Aber ehrlich: Ich bin nicht neidisch auf seinen Erfolg.

Was bedeutet Ihnen Erfolg, den Sie beruflich dank Serien wie Sherlock oder Kommissarin Lund ja längst auch international haben?

Materiell bedeutet er mir so wenig wie Popularität. Aber Erfolg heißt ja auch, die Chance zum Arbeiten an spannenden Projekten zu kriegen. Nur dank neuer Aufträge kann man auch besser werden als bei den alten, und da ist ein guter Name überaus hilfreich. Dafür musst du immer in Bewegung bleiben und in alle Richtungen denken.

Denken Sie da eher in Richtung Serie oder Film?

Das ist eine ziemlich deutsche Frage (lacht). Fiktion aus Dänemark ist unter anderen auch deshalb so erfolgreich, weil wir da keinen Unterschied machen.

Und wann kehren Sie auf die Bühne, wo Ihre Karriere einst begann, zurück?

Hoffentlich bald. In den letzten Jahren hatte ich dafür keine Zeit. Aber ebenso gern würde ich mehr in anderen Sprachen drehen. Da ist ein Projekt wie The Team toll, aber ich zähle nicht zu den Schauspielern, die alles im Voraus planen. Ich lasse Dinge gern auf mich zukommen.


Fernseh-Nepotismus: Emma Schweiger

Familienbanden

Til Schweigers Töchter brauchen weder Talent noch Handwerk, um im deutschen Film zu Stars zu reifen. Seine jüngste Emma schafft es dank Vatis Protektion nun sogar an die Seite von Johannes B. Kerner in die Samstagabendshow Das Spiel beginnt! Doch nicht nur bei den Schweigers überwiegt der klingende Namen sonstige Qualitäten.

Von Jan Freitag

Vitamin B. ist ein diskreter Wirkstoff. Wer es dank guter Beziehungen aufwärts bringen will, schluckt die karrierefördernde Pille und schweigt. In Film und Fernsehen stößt die heimliche Verabreichung indes an natürliche Grenzen: Name, Aussehen, Gestus, Stimme – Schauspielerkinder berühmter Schauspielereltern können ihre Herkunft oft schwer verbergen. Wenn sie es denn wollen. Emma Schweiger will nicht.

Wenn sie es denn könnte.

Schon bei der Anrede rauscht es ja in den Ohren der Medienwelt. Schweiger: Superstar, Superregisseur, Superproduzent, Superselbstvermarkter. Superfremdvermarkter. Vor allem seiner Töchter. Alle drei sind ja fett im Geschäft, besonders Emma, die jüngste, noch keine 13, schon zehn Jahre vor Kameras, gern im Dienste von Papas eigenem Filmimperium Mr. Brown Entertainment, das sie mit Luna und Lilli Richtung Ruhm päppelt.

Noch im Brabbelalter hat das Nesthäkchen Schweigers Barfuß geziert, bis zwei Jahre drauf die erste Sprechrolle (Keinohrhasen) hinzukam und seither in keinem Blockbuster des Patriarchen verstummte. Zweimal  durfte sie sogar schon ohne väterliche Patronage mitspielen. Doch nur wenige Monate vorm Sprung zum Teenager, der die Verwertungslogik empfindlich stören könnte, wird das väterliche Einflussgebiet um die Hauptklimazone deutscher Massenbespaßung erweitert: Emma Schweiger moderiert eine TV-Show.

Und zwar nicht irgendeine: Das Spiel beginnt!, Samstagabend, ZDF, Gottschalkzone, nur an der Seite von Johannes B. Kerner, dem letzten großen Stammeshäuptling am erlöschenden Lagerfeuer der Fernsehnation, und beim Zusatz Große Show von 3 bis 99 dürften selbst Waldmeistergummibärchen erblassen. Vor Neid, vor Scham. Emma S. mag hier ja vier Stufen die Lebenslaufleiter auf einmal nehmen – noch vorm sichtbaren Einsetzen der Pubertät eine so profane wie aufgeblasene Kulleraugensause um mehrzweckhallengroße Brettspiele zu präsentieren – mit Verlaub: das muss den Fratz fürs Leben versauen wie so viele ihrer Altersgenossen unterm Brennglas des Rampenlichts, hießen sie nun Macauley Culkin, River Phoenix oder Tatum O’Neal. Aber wir wollen es nicht beschreien, was dem Spross des larmoyanten Spaßfabrikanten neben den üblichen Panelpromis von Veronica Ferres bis Bülent Ceylan widerfahren könnte. Wir wollen uns stattdessen der Mechanik einer Branche widmen, in der Til Schweigers Vetternwirtschaft nicht Ausnahme ist, sondern Regel.

Denn so wie der erfolgreichste Vetternwirt drei seiner vier Abkömmlinge siebzehnmal in Eigenprodukte geschleust hat und mehrfach in fremde, so halten es auch viele seiner Kollegen. Der Ex-Kinderstar Fritz Wepper zum Beispiel hat Tochter Sophie 1991 bereits als Zehnjährige zwischen die Kommissaren Klein und Derrick geklemmt, ein Schraubstock, dem sie auch mit 33 kaum je entkommen ist. Ähnliches gilt für Wolfgang Stumphs Stephanie, Robert Atzorns Jens, Martin Semmelrogges Justin. Und da ist noch nicht mal von Familie Ochsenknecht die Rede, der es geschafft hat, zwei optisch, nun ja, ungewöhnliche Jungs mit realsatirischen Echtkünstlernamen Jimi Blue und Wilson Gonzales bar jeden schauspielerischen Geschicks, gar Handwerks zu lukrativen Stars des Kinderkinos zu machen, mit ersten Ausflügen in das der Altvorderen.

Hierin ruht allerdings – abgesehen von ehrbaren Dynastien à la Millowitsch, Hörbiger, Thalbach oder erblich belasteter Ausnahmetalente wie Hannah Herzsprung – auch das einende Element vieler Steigbügelgören des heimischen Films: Es sind keine Schauspieler! Und falls praktische Beharrlichkeit etwas in diese Richtung bewirkt, sind es allenfalls schlechte, Tendenz miserable. Der beste Beweis heißt Luna. Wie im richtigen Leben spielt sie am Hamburger Tatort Til Schweigers Älteste und ist damit trotz des Realitätsbezugs so heillos überfordert wie zuletzt Berti Vogts als Kommissar Stoevers Zeuge 1999 am gleichen Drehort.

Dass sie und ihre namensprivilegierten Kollegen am Rande der Kompetenzverweigerung dennoch reihenweise gut dotierte Kameraeinsätze haben, folgt demnach einer Mixtur aus Nepotismus, Niedlichkeitsfaktor und Hamsterradmentalität. Emma Schweiger – seien wir fair! – ist in all ihren wahrnehmbaren Einsätzen seit Keinohrhasen so süß wie der Honig im Namen ihrer aktuellen Komödie. Sie kann, beteuern sämtliche ausgebildeten Begleiter dieser lebenslangen Karriere pflichtschuldig, ganze Sets mit ihrer Herzlichkeit bereichern. Und fraglos wird sie das nächsten Samstag auch an der Seite des Vaters von vier leiblichen und Millionen zuschauenden Kindern (JBK) tun. Ein echter Sonnenschein eben. Nur würde ihn niemand außerhalb ihres Sichtfeldes je spüren, hätte sie die handelsübliche Prozedur aus Castings, Vorsprechen, Agentureintrag über sich ergehen lassen.

Doch eine Schweiger braucht kein Management; es reicht die Marktmacht des Vaters, der schon mal vom eigenen Filmpreis faselte, weil ihm außer banalen Bambis partout kein anständiger in die Hände gerät, dank gewaltiger Zuschauerzahlen all seiner Filme aber derart einflussreich ist, dass er für den plumpen Slapstick unter eigener Regie reihenweise Charakterdarsteller gewinnt. So einer darf alles. Sogar seine radebrechenden Kids mit Drehzeit versorgen, von der begabte Darsteller nur träumen können. Ihm nachzuweisen, dass er auch bei Kerners Brettspielshow die Finger im Spiel hatte, bedarf da gar keines Beweises. Til Schweiger hat das nicht mehr nötig. Die nehmen Lunalilliemma auch so.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-MaikeMaike und Die Hit-Giganten

Das Hamburger Künstlerkollektiv HGich.T sorgt mit dem Video zu Heinz Strunks neu veröffentlichter Single Geht ja gar nicht mal wieder für Aufsehen. Für ihre sonderbaren Videos und anarchistischen Konzerte werden sie von Fans geliebt, lassen Kritiker und -innen allerdings meist verwirrt und ratlos zurück. Die schöne Maike ist festes Mitglied bei HGich.T und wohnt nach eigenen Aussagen in einer Kneipe. Ihr Zuhause konnte ich zwar nicht finden, trotzdem haben wir uns auf ein paar Bier getroffen, um über eine Platte zu sprechen, de ihr Leben nachhaltig geprägt hat.

Von Marthe Ruddat

Die schöne Maike: Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, über welche Platte ich sprechen möchte, aber es war viel zu schwer sich zu entscheiden. Deshalb möchte ich lieber über ein paar Lieder sprechen, die auf so etwas wie einer Compilation sind. Kennst Du die Hit-Giganten mit Hugo Egon Balder? So etwas möchte ich machen: Die Hit-Giganten von der schönen Maike.

Die Hit-Giganten liefen bis 2010 auf Sat1. Hugo Egon Balder präsentierte in der Sendung die Hits eines bestimmten Mottos. Im Laufe der Zeit wurden einige CDs zu den verschiedenen Themen der Sendung veröffentlicht.

Marthe: Also stellen wir uns vor, die schöne Maike sitzt mit Herrn Balder auf dem Sofa und spricht über ihre Hit-Giganten.Marthe-Hitgiganten

Genau! Das erste Lied ist ein Kinderlied. Es heißt Winter ade und der Text ist: „Winter ade! Scheiden tut weh“. Und genau das habe ich wirklich nicht verstanden. Warum tut die Scheide weh, wenn der Winter geht? Das hat mich zwei Jahre lang beschäftigt, denn eigentlich war ich aufgeklärt und wusste Bescheid über die Sache mit dem Storch. Aber dann kam dieses Lied und hat mich wirklich verwirrt!

Ich hoffe du wurdest irgendwann aufgeklärt!?

Ja, aber erst mit 17 im Sexualkundeunterricht. Obwohl ich vorher schon einiges von den Großen in der Siedlung mitbekommen hatte. Aber wo wir gerade beim Thema Scheide sind: Das zweite Lied ist Girl I’mGonna Miss You von Milli Vanilli. Zu dem Lied wurde ich entjungfert und das ist eigentlich auch schon die Geschichte dazu.

Ich nehme einen Schluck Bier, vielleicht hilft das dabei, ernsthaft zu bleiben?!

Das nächste Lied ist I’ll be Loving You Forever von New Kids On The Block. Das ist ein Lied, was die Großen immer gehört haben. Ich habe es damals beim Schaukeln auf meinem Walkman gehört und mir vorgestellt, dass die ganzen Jungs in mich verliebt sind. Deshalb muss ich auch immer in den Spiegel gucken. Ich muss ja gut aussehen für die Jungs!

Dass sie um ihr Aussehen bemüht ist zeigt die schöne Maike auch heute. Sie trägt die Dreadlocks zu Zöpfen gebündelt, Glitzersternchen auf den Lidern und roten Nagellack.

Ist deine erste Platte auch auf Deinem Sampler?

Ja genau! Das war Tears Don’t Lie von Mark Oh. Die habe ich mir von meinem ersten Taschengeld gekauft. Wenn ich dieses Lied höre bekomme ich immer Gefühle, unglaubliche Gefühle. Allerdings nur bei der Radio-Version, die Instrumental-Version hat mir überhaupt keine Gefühle gemacht.

Marthe1Bisher sind alle Lieder deiner Hit-Giganten sehr emotional.

Ich bin ja auch sehr leidenschaftlich! Man hat zwar auch Bedürfnisse wie Essen, Trinken und Pissen, aber eigentlich besteht das Leben aus reinen Emotionen. Ich möchte aber auch noch Beinhart von Torfrock auf meinen Sampler nehmen. Das dengeldengeldengeldengeldengel find ich einfach so schön. Das ist dann auch weniger emotional, einfach nur schön! Genauso wie Le Fly, von denen nehme ich Klassenfahrt. Die sind einfach so witzig, die trümmern immer so rum und saufen ganz viel, das finde ich gut. Bei denen geht’s halt nicht immer nur um die Musik. Die sind also nicht wie wir, bei uns steht ja die Musik immer im Vordergrund.

So, deine Hit-Giganten haben jetzt sechst Tracks. Gibt es noch ein ganz bestimmtes Lied, das dir wichtig ist?

Es gibt noch einen Bonus! Vor dem ersten Lied kommt als Hidden-Track Zu geil für diese Welt von Die Fantastischen Vier. Der Grund liegt ja auf der Hand! Trotzdem habe ich mich gewundert: Das Lied ist von 1993. Wie konnten die damals schon wissen, wie toll ich bin? Ich war da ja noch sehr jung! Heute finde ich Die Fantastischen Vier aber nicht mehr gut. Thomas D hat gesagt, dass er HGich.T nicht gut findet. Obwohl dieser Dicke von denen gesagt hat, dass wir cool sind, und er eigentlich der einzige ist, der was von Musik versteht, finde ich die jetzt einfach doof.

 

Bei dir ist alles im alles im alles im alles im Lack,

Bei dir geht’s ab und du sagst „Mann o Mann was sieh’ mal an”

Was ich so alles machen kann ist alles was ich kann ist alles Mann.

Denn du fühlst was du willst, weißt was du willst

Tief in dir drin kommt dir in den Sinn, jetzt weiß ich was ich bin

Ich bin zu geil – du bist zu was – ich bin zu geil – wie viel zu geil

Na viel zu geil – für was zu geil – zu geil für diese Welt.

Du bist zu geil – ich bin zu was – du bist zu geil – wie viel zu geil

Na viel zu geil – für was zu geil – zu geil für diese Welt.

 

Stell Dir vor, Du könntest mit einem der Künstler Deines Samplers auf der Bühne stehen. Wen würdest Du wählen?

Die schöne Maike und Scooter, aber die sind ja gar nicht auf der Hitliste. Und eigentlich sind die auch doof. Dann nehme ich HGich.T und Torfrock. Vielleicht auch mit dem Kinderchor von dem Kinderlied. Aber dann muss ich wieder über diese Sache mit der Scheide nachdenken… 


Mr. Spock & Emma Schweiger

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

23. Februar – 1. März

Utopien sind Ideen von einer grundlegend anderen, irgendwie besseren Welt. Zum Beispiel, die Mr. Spock – dessen Darsteller Leonard Nimoy nun im Alter von 83 Jahren gestorben ist – sonnensystemübergreifend mit kühler Rationalität so gerecht machen wollte, das überall Gleichheit, Demokratie und Frieden herrschte. Da sich die Bewohner der Erde – das musste die Besatzung der Enterprise bei gelegentlichen Abstechern dorthin erleben – jedoch mehrheitlich weigern, solche Utopien mit vollem Einsatz zu unterstützen, gilt utopisch als Synonym für unerreichbar. So gesehen lag Sat1 sogar ein Stück weit richtig, als es vorigen Montag etwas fürwahr Utopisches in Angriff nahm. Der Sender meinte damit zwar, dass John de Mols neues Reality-Format Newtopia mit der üblichen Containerbesetzung auf Krawall gecasteter Knallchargen so etwas wie eine neue Gesellschaft gründen könnte, was schon nach wenigen Minuten in heißer Luft aufging. Eine andere deutete sich allerdings sachte am Horizont der Fernsehunterhaltung an: Dass der Romanzenkanal ausgerechnet mit 100 weiteren Kameras im Dauereinsatz aus dem Quotenkeller am Vorabend kommen könnte. Doch siehe da: Fast drei Millionen Zuschauer wollten die verlorene Lebenszeit der Bewohner eines Brandenburger Gehöfts und ihres Publikums sehen. Na ja, zum Auftakt. Neugierde halt.

Die indes bestand bezüglich #Beckmann im Anschluss, dessen Rückkehr ins Reich des Journalismus zur ARD-Primetime kaum die Hälfte davon sehen wollte, nicht die Bohne. Von der jungen Zielgruppe ganz zu schweigen, der man mit harten Themen wie IS-Kämpfern im Nordirak ohnehin nicht kommen braucht, sofern es keine hochpixeligen Feinde auf der Spielkonsole sind. Dem Durchschnittsjugendlichen dürfte daher auch entgangen sein, dass NDR und BR bei der gähnend langweiligen Oscar-Verleihung den wichtigen Dokumentarfilm-Award abgeräumt haben: Citizenfour von Laura Poitras über den Leidensweg Edward Snowdons von der Wahrheitsliebe eines Geheimdienstlers zum Wahrheitshass seiner Regierung.

Was nicht nur amerikanische Republikaner mit der deutschen Bild gemeinsam haben, die am Freitag mal wieder Logik, Geist, Gehirn unter Pathos, Dummheit, Ignoranz begrub, als sie ihr rassistisches Griechenland-Bashing aufwärmte, mit dem sie vor drei Jahren ganze Wochen vor hasserfüllter Dilettanz geifernd verbracht hatte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

2. – 8. März

So gesehen kann man sich auf nächsten Freitag beinahe freuen, wenn das Springer-Blatt statt politischer Realpolitik wieder regenbogenbunten Glamour auf den Titel hebt. Tags zuvor wird schließlich – von der Glamourbombe Barbara Schöneberger moderiert – Unser Song für Österreich im Ersten gewählt, was für den Boulevard schon deshalb ein Akt vaterländischer Pflichterfüllung ist, weil er den teilnehmenden Castingshow-Gewächsen seit jeher in fröhlicher Marketingkooperation verbunden ist.

Na mal gucken, wie er es mit Johannes B. Kerners neuer Samstagabendshow hält, wo ein Name auf der Moderationsliste steht, der dem Boulevard reflexartig zu Schnappatmung verhilft: Schweiger. Gut, es ist nur Emma, Tils Jüngste, die sich dank väterlicher Protektion zum breit aufgestellten TV-Star mausert. Aber Prominame ist Prominame, also ab in die Schlagzeilen, dorthin also, wo ein weiteres Monstermegathema der anstehenden Fernsehwoche steht. Es heißt The Team und ist der Versuch des ZDF, sein Programm mit skandinavischer Hilfe kosmopolitischer zu machen. Drei Ermittler aus Belgien, Dänemark und Deutschland haben es ab Sonntag mit einer politischen Mordserie zu tun, die im grenzübergreifender Gemeinschaftsarbeit aufklärt wird. Dass die versiert inszenierte Hatz trotz dänischer Autoren, Regisseure, Producer dennoch oft arg deutsch, also stereotyp aussieht, liegt an zweierlei: Der Fehlbesetzung des deutschen Parts mit der sehr schönen, aber eher überforderten Jasmin Gerat. Und einer Komplettsynchronisation, die der belgischen Hauptdarstellerin Veerle Baetens bei der Vorstellung in Hamburg eine Wutrede auf das entseelte Endprodukt entriss.

Aber dieses Schicksal teilt The Team mit allen Importprodukten von Rang, deren Verhunzung durch theatralische Übersetzung versaut wird. Zwei Formate aus dem Norden Europas sind dennoch unbedingt empfehlenswert diese Woche. Zum einen die schwedische Krimikomödie Sound of Noise am Sonntag (22.05 Uhr, Tele5), in der ein hörempfindlicher Kommissar vier Schlagzeuger verfolgt, die seine Stadt terrorisieren. Zum anderen die hinreißende Politserie Borgen, die Arte ab Mittwoch (22.40 Uhr) wiederholt. Apropos Wiederholung: Die Rubrik Tipp der Woche trägt künftig passender Wiederholung im Titel und rät in Farbe zum abermaligen Genuss von Fargo (Sonntag, 20.15 Uhr, Tele5), mit dem die Coen-Brüder 1996 ihre Karriere begründeten. In Schwarzweiß dagegen ist es diesmal Bestie Mensch (Montag, 20.15 Uhr, Arte) mit Jean Gabin als Lokführer, der in Jean Renoirs düsterer Tragödie von 1939 den Mann seiner Geliebten töten soll. Herausragend!