Kinderprogramm: Heidi & die Plastikalpen

Alles so schön bunt hier

Nach Maja und Wicki beschleunigt das ZDF nun auch Heidi digital. Das ist in etwa so natürlich wie Tiefkühlpizza und verheißt noch mehr Hektik für fernsehende Kinder. Dem Programm fehlt im kommerziellen Wettstreit mit SuperRTL längst auch öffentlich-rechtlich zusehends der Mut zu Langsamkeit und gepflegter Langeweile.

Von Jan Freitag

Die Entdeckung der Langsamkeit war ein kurzer Frühling. Einfach Kind sein, oft gelangweilt, vorwiegend heiter – so durften bloß ein, zwei Generationen aufwachsen, nachdem jede zuvor nach der Geburt bald Arbeiter, Bauern, Untertanen oder Herrenmenschen, also sehr früh sehr reif sein musste. Jetzt haben Kleinkinder Handys, Grundschulkinder Termine, Hauptschulkinder Existenznöte, Elitenkinder Burnouts, alle also viel Stress. Der Frühling ist vorbei. Womit wir beim Fernsehen wären.

Auch da sind die Tage von Langsamkeit, gar Langeweile gezählt. 73 Minuten sitzen TV-Einsteiger vorm Fernseher. Täglich. Vom Tablet ganz zu schweigen. Mit der Einschulung steigt der Konsum auf fast eineinhalb Stunden. Und geht es dann auf weiterführende Schulen, beschießt landet die Zielgruppe 106 Minuten im Effektgewitter. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa spricht von „erbarmungsloser Steigerungslogik“, die mit der Gesellschaft auch ihr Leitmedium ergreift. Selbst öffentlich-rechtlich, stimmt ein Produzent der ersten Stunde zu, gehe es zunehmend „schrill und schreiend bunt“ zu. Als Armin Maiwald vor 44 Jahren die Sendung mit der Maus erfand, passierte dagegen im Kinderfernsehen meist – nichts.

Vorm dualen System war es ein langer ruhiger Fluss. Bei Wicki etwa bewegten sich 1972 trotz Eroberungsthematik oft nur die Lippen der Wikinger. Kurz darauf mag Paulchen Panther Verfolgungsjagden in Versform kompiliert haben – ihr Tempo war noch niedriger als die Zahl der Schnitte. Sogar Captain Future stand oft regungslos vor starrem Hintergrund. Er wisse „gar nicht, was ich euch erzählen soll“, sagte Flip 1976 zum Start der Biene Maja, „im Moment passiert nicht so viel“. Und alles gab ihm recht: blasse Farben, stille Bilder und ein Grashüpfer, dessen Leben, „ganz schön langweilig“ sei.

Zu langweilig, glaubt das ZDF. „Mit dem alten Material erreicht man jetzige Generationen nicht mehr“, meint Redaktionsleiterin Irene Wellershoff. Also wurden die japanischen Animes des analogen Zeitalters 2011 mit CGI-Technik erneuert, zum Minutenpreis nah am Tatort-Niveau. Nachdem sodann auch Wicki dem Crashkurs in Sachen Hypermoderne unterzogen wurde, ist nun das nächste Idyll früherer Kinderfernsehtage dran.

Heidi.

Vor 135 Jahren von Johanna Spyri erdacht, war das süße Waisenmädchen auf Alm-Öhis Berghof eine Antwort auf die Industrialisierung, deren Folgen schon damals ein Sog zur Natur entfachte. Wenn das flämische Studio 100 diese Entschleunigung nun im Auftrag vom ZDF oder Sendern wie dem französischen TF1 rückbeschleunigt, wird der Geist des Buchs förmlich vergewaltigt – ohne jeden Mehrwert: Anders als in den 52 Folgen von 1977 klingt Heidi nicht unbeschwert selbstbewusst, sondern nach Puddingwerbung. Ihr Umfeld stakst mit seltsamen Wursthaaren durch Plastikalpen wie Videospielfiguren vor 20 Jahren. Warum jene rechnerbasierte „Tiefe und Farbigkeit“, die Barbara Biermann von der ZDF-Kinderredaktion lobpreist, mit Daten besser zur Geltung kommen sollen als per Zeichenstift, bleibt das Geheimnis des Senders. Ebenso wie der Umstand, dass Andreas Gabalier das Titellied von Gitti und Erika nun zu stupidem Volksschlager vergewaltigen darf.

Stimmt schon: das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die Reizunterflutung alter Kinderbuchadaptionen widerspricht dem Zeitgeist ähnlich wie sozialdemokratische Relikte à la Rappelkiste. Minutenlange Regungslosigkeit mag auf drei Sendern mit Staatsauftrag funktioniert“; bei Hunderten ohne Scheu vor Knalleffekten wäre rückständige Zurückhaltung kaum konkurrenzfähig. Sensorische Sperrfeuer von Ninja Turtles bis Power Rangers haben Anfang der Neunziger schließlich mit der Bildsprache auch Sehgewohnheiten verändert. Selbst beim KiKa, 1997 als reklamefreie Alternative zu SuperRTL installiert, steigt der Takt. Sein Senderauftrag gehe zwar übers Entertainment hinaus, so der damalige Programmchef Steffen Kottkamp zum Maja-Relaunch. „Wir können aber nur fördernd auf Kinder einwirken, wenn sie uns zusehen.“

Dem könnte man zustimmen, vollzöge sich die Generalüberholung alter Serien dezent. Doch was denen droht, wenn erst Maja, dann Wickie, nun Heidi, bald Pinocchio beschleunigt werden, zeigte Garfield bereits 2008: zwei Jahrzehnte zuvor hatte der fette Kater bei Sat1 die Dynamik eines Felsvorsprungs, wurde dann aber zusehends von Killerkuchen durch Farbexplosionen gehetzt. Was nichts ist gegen das epileptische Gezappel der SuperRTL-Elfen Cosmo und Wanda. Selbst der betuliche Cartoon Yakari kommt nicht ohne Splitscreen aus. Und überall steigt der Schallpegel. Dabei können „laute, plötzliche, heftige und unvorhergesehene Geräusche, Stimmen und Musik“ aus Sicht des Medienpädagogen Jan-Uwe Rogge Angstzustände erzeugen.

Was fehlt, ist die Chance zur Abstraktion, zum Runterregeln. Der Soziologe Rosa hält Fernsehen da zwar generell eher für ungeeignet. Doch von Musik über Schnitt bis zum Inhalt „waren alte Serien insofern kindgerechter, als sie mehr Zeit zur Vertiefung“ ließen. Die „rasch wechselnden Simulationsflächen“ von heute seien untauglich, TV-Neulingen etwas Wesentliches zu lehren: „Sich selbst zu ertragen.“ Im Augenblick versinken – für dieses Kindertalent lässt das Kinderfernsehen kaum noch Raum.

Gesendete Betulichkeit wie die Augsburger Puppenkiste, ist vom KiKa zu hören, finde halt nur noch wenig Akzeptanz bei Kindern. Und deren Eltern mögen in ihrer Fernsehvergangenheit schwelgen, wenn sie alte Animes auf DVD kaufen; die Quoten digitaler Auffrischungen belegen, dass beides funktioniert – Original wie Fälschung. Eltern wissen ja genau, wie Vorschulkinder quieken, wenn Wickis Wikinger im Affenzahn das Nordmeer durchpflügen. Bei der ereignisarmen Zeichentrickversion kehrt dagegen Ruhe ein, Entspannung, Konzentration. Umso mehr fragt sich, wer zuerst da war: Die Hektik oder der Bedarf danach. Auch Heidi wird keine Antwort geben.


Skandalbausätze & MdB Eichwald

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

6. – 12. April

Dass Reklame zum Fernsehen gehört wie RTL, Heidi Klum oder Der klügere kippt nach, ist eine Tatsache, die man nicht mögen muss, aber akzeptieren. Dennoch – oder deshalb – macht es Konsumenten schlicht wahnsinnig, wenn darin so gelogen und betrogen wird, wie im Nahrungsmittelsektor üblich. Ein großer Discounter – nennen wir ihn Lödl – etwa, bekannt für ausbeutenden, naturzertörenden, strukturvernichtenden Preiskampf bis aufs Messer, zeigt derzeit, was es heißt, die Kundschaft hinters Licht, also an die Kasse zu führen. In Manufactum-Ästhetik stilisieren aufwändige Spots schäbig fabriziertes Folterfleisch aus Massentierhaltung zur nachhaltigen Gourmet-Ware, als sei McDonalds eine Tochter von Greenpeace. Man kann, um es dem Ärger über so viel Verlogenheit gemäß drastisch auszudrücken, gar nicht genug Lödl-Dreck fressen, um so kotzen zu müssen, wie man möchte.

Womit wir beim zweitliebsten Hassobjekt aufgeklärter Mediennutzer nach dem Privatfernsehen wären: der Bild. Die ist weiter das zweitmeistzitierte Infoprodukt nach dem Spiegel und belegt damit eindrücklich, wie man mit dubiosen, meist populistischen, nicht selten unlauteren Mitteln in den Fokus der Aufmerksamkeitsindustrie gerät. Die Mehrheit der Zitate – oft einzige Recherchegrundlage diverser Billigmedien vom Regenbogenblatt bis zum Formatradio – basiert ja auf Falschmeldungen, Skandalbastelbausätzen und sonstigen Formen des elaborierten Schmierenjournalismus, den das notorische Drecksblatt bar ethischen Anspruchs ins Gehirn seiner Nutzer bläst.

Zyniker würden dem Verlag dahinter glatt mal eine Cyber-Attacke wünschen wie jene, die am Donnerstag den französischen Kanal TV5Monde über viele Stunden lahmgelegt hat. Da das aber ein bisschen viel der virtuellen Gewalt wäre, wünschen wir uns lieber, David Lynch würde eine Serie über die Machenschaften des Springer-Konzerns drehen, die ihn als mysteriösen Machtorganismus inszeniert. Dummerweise macht das Regiegenie knapp 25 Jahre später nun aber nicht mal die heiß ersehnte Fortsetzung von Twin Peaks für den US-Sender Showtime. Der habe einfach nicht genug Geld für sein Anspruchsdenken geboten, erklärte der Regisseur seinen Rückzug, weshalb das Sequel womöglich ohne ihn hergestellt wird. Ein Jammer, eigentlich.

0-FrischwocheDie Frischwoche

13. – 19. April

Wie der Umstand, dass Donnerstag erneut ein Stück der seltenen Brillanz jenseits von Krimi und Schnulze ins öffentlich-rechtliche Asyl abseitiger Nachtsendeplätze (ZDFneo, 22.45 Uhr) geschoben wird. Es heißt Eichwald, MdB und porträtiert einen fiktiven Bundesabgeordneten, der in seiner desillusionierten Selbstgerechtigkeit so wahrhaftig wirkt, dass es fast wehtut. Ein guter Grund, dass es auch noch fabelhaft unterhält, ist hingegen Stefan Stuckmann, der sonst unter anderem die heute show mit Pointen versorgt und nun grandios den Berliner Politalltag persifliert. Ein noch besserer Grund allerdings ist Bernhard Schütz. In seiner ersten echten Hauptrolle gibt der geübte Nebendarsteller dem Wahnsinn eines Politikfossils, das sich in 30 Jahren Parlamentsarbeit zerreiben ließ, ein famoses Gesicht.

Gesichterwechsel dagegen beim misanthropischen ARD-Ermittler Zorn. In seinem neuen Fall am gleichen Tag zur ungleich besseren Sendezeit ersetzt der schicke Lover zahlloser Kommerzromanzen Stephan Luca den Charakterdarsteller Mišel Matičević, was wirklich schlimmer hätte kommen können. Gleiches gilt für Anja Kling als Kommissarin, der das ZDF die eigene Filmtochter zur Kollegin im nächsten weiblich besetzten Samstagsmorddezernat macht. Blöder als bei Die Wallensteins kann die Ausgangskonstellation eines Krimis also kaum sein. Die fabelhafte Hauptdarstellerin aber macht dann doch den Unterschied.

Kein Unterschied ist demgegenüber zwischen Christoph Maria Herbst und Christoph Maria Herbst in der betulichen Zwillingskomödie Besser als du zu erkennen, die fast sämtliche Stärken wie Schwächen des ARD-Freitags vereint: ganz nett, aber so glatt, dass man sich sofort einen Schuss Realität auf den Bildschirm wünscht. Wie die schwarzweiße Lowbudget-Sensation Oh Boy (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) mit Tom Schilling als Berliner Antiheld Nico, der stinknormalen Kaffee ohne Latte, Soy, Chichi will und ansonsten einfach nur seine Ruhe. Oder doch gleich die harte ARD-Doku „Countdown zu einem Tabubruch“ (Montag, 22.45 Uhr) übers bedrückende Ringen um die Neuauflage von Mein Kampf, dessen Urheberrechte 2016 auslaufen. Bisschen sanfter, aber ebenfalls gehaltvoll, die Wiederholungen der Woche, in schwarzweiß diesmal Haben und Nichthaben, Howard Hawks‘ legendäres Résistance-Drama mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in ihrer allerersten Rolle als femme fatale von 1944 (Sonntag, 20.15, Arte). Und in Farbe der ebenso legendäre Tatort: Reifezeugnis, (Montag, 23 Uhr, RBB) mit Klaus Kinskis Tochter Nastassja als Lolita, die mit ein bisschen Offenherzigkeit 1977 noch ein mittelschweren TV-Skandal erzeugen konnte.


Rah Rah/White Hills/Adna/Young Fathers

Rah Rah

Wenn Krokusse durch den Winterboden blinzeln und Frühjahrspracht die Herzen wärmt, beginnt die schizoide Zeit saisonal verwirrter Gemüter. Um dem Trübsinn der dunklen Jahreszeit auch atmosphärisch den Garaus zu machen, schwelt alle Welt bereits im nahenden Sommer, was rasch so auf die Nerven geht, dass man sich Regenwolken ins Himmelblau wünscht. Dieser Zerrüttung angemessen zu vertonen, ist eine echte Herausforderung – und führt direkt zu Rah Rah. Das kanadische Trio, dessen Umfang sich seit der Gründung 2008 fast verdoppelt hat, macht einen Power-Pop, der dem Winter Osterfeuer unterm Hintern macht. Mit vielstimmigen Woohoo-Chorälen treibt ihr neues Album Vessels die süffigen Fuzzriffs auf Eisverkäufer-Niveau, regelt die gute Laune sodann mit dumpferen Wave-Flächen auf bedeckt, bis A Love That Sticks ein paar Strahlen hindurch lässt, die noch lange nicht zum Sonnenbad anregen. Man kann den Frühling cooler begrüßen, klüger, seifiger sowieso, aber kaum lässiger. Heiter bis wolkig, würde der Wetterbericht sagen. Gibt es angenehmeres Wetter?

Rah Rah – Vessels (Devil Duck Records)

White Hills

Wobei gutes Wetter wie erwähnt nicht nur eine Frage von Azorenhochs oder polaren Tiefs ist, sondern der ganz persönlichen Wahrnehmung dessen, was die jeweilige Seelenlage gerade am besten untermalt. Für all jene also, denen schon das morgendliche Lüften zu viel der Lebensbejahung darstellt, bieten White Hills das nächste Stück elaborierter Übellaunigkeit, die sich nicht im Zweckpessimismus verläuft, sondern sämtliche Farben des Trübsinns neu verrührt. Auf ihrem grob geschätzt 150. Album in kaum zehn Jahren ist das New Yorker Psychobeat-Duo Dave W. und Ego Sensation wieder in seinen Krautrockkeller gekrochen, um darin alles auf Moll zu drehen, was nicht bei drei auf dem Dur-Baum ist. Sie mögen zwar von frühlingshafter Wanderlust singen, die einige von uns haben. Der Rest jedoch is „lying face down in the dirt“. Auf zertrampelten Krokussen womöglich, was unzweideutig daraufhin deutet, dass Walk for Motorists fern vom Tageslicht entstanden ist. Die Vorhersage für heute: Zäher Bodennebel, der sich bis zum Abend nicht auflöst. Aber manchen macht ja erst das akzeptable Laune.

White Hills – Walk for Motorists (Thrill Jockey)

Adna

Gewitterwolken im Kopf als Distinktionsmerkmal vom Eiapopeia-Fieber des frühlingserwachenden Mainstreams ist allerdings immer noch ein Privileg schwedischer Kommissare und der Pubertät im Ganzen. Bis aufs Kriminelle vereint Adna einen Großteil dieser Attribute auf sich, auch wenn die Sängerin vom Bottnischen Meerbusen mit ihren 20 Jahren schon aus dem Gröbsten raus sein sollte. Da sie aber locker fünf Jahre jünger aussieht und in ihrer gravitätischen Tristesse so skandinavisch wie ein Satz Ystader Ritualmorde, ist die düsterhaarige, düstergekleidete, düsterdaherkommende Wahl-Berlinerin der Inbegriff jugendlichen Katzenjammers. Ein bisschen wie ihre Generationsgenossin Birdie, ebenfalls mit hinreißenden Coverversionen groß geworden, nun eigenkompositorisch der Kindheit entwachsen. Ihr zweites Album Run, Lucifer wimmelt nur so von Lonesomes, Shivers, Silent Shouts und transportiert darin eine ergreifende Traurigkeit, dass man wie sie seinen Kleiderschrank instinktiv von aller Farbe befreien möchte. Doch die spärlich instrumentierten Arrangements mit Synthie-Tupfen und Adnas XX-artiger Gitarre kleiden ihr getragenes Organ in derart elegante Harmonien, dass man beim Schwärmen kaum ins Miesepetern kommt. Ist also doch Regenbogenmusik.

Adna – Run, Lucifer (Despotz Records)

Young Fathers

Ohnehin im Sonnenscheinmodus müssten die Young Fathers sein. Gerade erhielt ihr Debütalbum den Mercury Prize als beste Platte 2014, da legen sie schon den Nachfolger mit dem originellen Titel White Man Are Black Man Too hin. Und schon wieder ist es famos, was die drei Freunde aus dem schottischen Edinburgh machen. Wenn Hip-Hop das ist, was seine Urahnen stets beteuerten, ein Kommunikationsmittel nämlich, in dem es um mehr geht als den tightesten Reim, dann sind Alloysious Massaquoi, ‘G’Hastings und Kayus Bankole Kommunikationswunder. Ihre technoid-verspielte Form des Sprechgesangs wirkt wie ein dauernder Diskurs aller unter-, mit und durcheinander, was ihren Rap auf höhere Ebenen hievt. Versetzt mit viel Funk, Rock, Soul, Pop und allerlei Sounds der afrikanischen Wurzeln zweier Bandmitglieder, klingt das in den helleren Momenten, als träfen sich Bootsy Collins mit Outkast zur Bronxparty, in den dunkleren, als fände sie bei Tricky im Keller statt. In den meisten aber treffen sich alle gemeinsam oberirdisch unterm Frühlingshimmel und feiern die Kreativität.

Young Fathers – White Men Are Black Men Too (Big Dada)

Mehr Text und Bilder und Sound unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-03/young-fathers-san-cisco-adna-rah-rah


Kino: Kurt Cobain – Montage of Heck

Der Schmerzensmann

Brett Morgens Dokumentation Montage of Heck ist gewiss nicht der erste, aber beste Film über Kurt Cobain. Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Selbstmord schildert er sein Leben als Abfolge von Schmerzen und wirkt gerade dadurch ungeheuer heilsam. Ein vertonter Nekrolog mit vielen Comicsequenzen und noch mehr nie gesehenen Archivbildern. Grandios! 

Von Jan Freitag

Mütter sind ein Naturphänomen. Nicht wenige von ihnen halten bis tief ins Erwachsenenalter metaphysisch Kontakt zum Nachwuchs, als sei die Nabelschnur noch intakt. Mit gespenstischer Empfindsamkeit erspüren sie über große Distanzen hinweg das Seelenleben ihrer Kinder, riechen Ängste, wittern Gefahr, fühlen Sorgen und wissen Signale im Hochfrequenzbereich zielsicher zu deuten – selbst auf Musikkassetten. Als Wendy Elizabeth Fradenburg zum Beispiel vor 25 Jahren eine ihres Sohnes hörte, das wusste sie gleich mehr als bloß zu ahnen: „Schnall dich an, Kurt, denn darauf bist du nicht vorbereitet.“

Das allein wäre nun keine aufsehenerregende Interpretationsleistung, hieße der picklige Junge von damals 23 Jahren nicht mit Nachnamen Cobain und das schlichte Demotape in Mamas fürsorglicher Hand Nevermind – kurze Zeit später die wohl berühmteste Schallplatte des Rock vom wohl berühmtesten seiner Antihelden. Und Mama Cobains Antennen behielten recht, denn ihr kleiner Kurt schnallte sich nicht an. Im Gegenteil: er ließ sogar die Fahrertür offen, ignorierte alle Verkehrsregeln, pfiff auf Promillegrenzen und raste mit Vollgas in die Mauer seines eigenen Kreisverkehrs.

Mit welcher Wut er das tat, mit wie viel Eifer und was für einer Energie – das zeigt ein Film, den besser niemand sieht, in dessen Träumen Kurt Cobain ein Engel im Grungehimmel bleiben soll. Einerseits. Den andererseits unbedingt – keine Bitte, ein Befehl! – jeder sehen sollte, für den Musik nicht nur das Abspielen vorgefertigter Tonabfolgen ist, sondern Teil eines Gesamtkunstwerks, mehr Organismus als Sound, komponierte Persönlichkeit. Montage of Heck heißt diese Dokumentation. Es ist bei weitem nicht der erste übers Leben, Sein und Sterben des leidgeprüften Genies aus Aberdeen/Washington, aber die weitaus beste. Benannt nach Kurt Cobains erster Proberaum-MC, deren Titel ahnen lässt, was das künftige Idol einer ganzen Generation auf sich zurollen sah: Installation der Hölle.

Durch die reist Brett Morgen hindurch, vom fröhlichen Anfang bis zum bitteren Ende, atemlos, gnadenlos, kein Horrortrip, aber ein wilder Ritt. Nachdem der vielfach preisgekrönte Regisseur mit Boxern in der Bronx bereits Menschen porträtiert hat, die ihr Leben lang unten bleiben, mit den Rolling Stones aber auch solche, die zeitlebens aufwärts streben, widmet sich Cobains fast gleichalter Landsmann nun einer Figur der Zeitgeschichte, die wie eine Flipperkugel zwischen Decke und Boden des Daseins flottiert.

Streng chronologisch geht Morgen dem Objekt seiner Kamerabegierde auf den Grund. Angefangen mit grisseligen Schmalfilmaufnahmen einer spießbürgerlich behüteten Jugend im Nordwesteck Amerikas, arbeitet er sich peu à peu übers anschwellende Teenager-Desaster vor zu den ersten Gehversuchen als Musiker, die vorbei am höllischen Demotape scheinbar geradlinig auf den Olymp des Rock’n’Roll führen, bis er von ihm runter stürzt, depressiv und drogensüchtig, Flinte im Mund. Exitus. Doch es ist das Verdienst des Autors, fast ein Geschenk an faszinierte Beobachter wie innige Fans, dass er nie formalistisch gerät. Sein Gradmesser dieser totgeweihten Existenz ist weder Sieg noch Niederlage, sondern Schmerz: Des Scheidungskindes, Geborgenheit zu suchen und gleichsam zu verachten. Des Künstlers, Erfolg zu wollen und zu fürchten. Des Workoholics, faul zu sein und ehrgeizig. Des Familienvaters, Liebe zu geben und zu zerstören. Des Gottes, Hitze zu spenden, aber auszubrennen.

Schmerz, das lehrt uns die Pophistorie, ist ein steter Begleiter des Ruhms. Zumindest für alle, die schnell genug leben, um jung zu sterben, wird er vom Leid begleitet wie ein Südstaatenbegräbnis. Das belegt nicht zuletzt der legendäre Klub 27, dem zuletzt die physisch wie psychisch zerschlissene Amy Whinehouse beitrat. Das belegen mehr noch jene Zeitgenossen des Vereinsgründers, die Brett Morgen vors Objektiv kriegt. Sein erstaunlich biederer Bassist Krist Novoselić, der mit ratloser Mine vom täglichen Kampf des Bandhirns mit sich und seinen Dämonen erzählt. Ein erstaunlich offener Vater, der den jungen Kurt als hyperaktives Ritalin-Depot schildert. Dazu, erstaunlich aufgeräumt, Courtney Love, die den Traum ihres Mannes zitiert, drei Millionen verdienen zu wollen „und dann Junkie zu werden“. Und nicht zuletzt sein Träumer selbst, der auf dem Weg dorthin beteuert, alles dafür zu geben, seine chronischen Magenschmerzen loszuwerden, aber Angst habe, „ohne sie weniger kreativ zu sein“. Der in grotesk intimen Heimvideos Einblicke ins Innerste seines Daseins gewährt und doch oft direkt neben sich steht – mal angewidert, mal selbstverliebt, oft erstaunt vom aberwitzigen Kerl an seiner Seite.

Um beide zu illustrieren, Realität nebst Trugbild, verdichtet Brett Morgen das vielfältige Archivmaterial aus allen Phasen seiner 27 Jahre mit virtuosen Comic-Passagen, lebenden Skizzen und periodisch verblassendem Bildschirm über Nirvanas variiertem Soundtrack. All dies macht Montage of Heck zum gefilmten Zerfallsprozess, der niemanden schont und jeden bereichert – Cobain, sein Umfeld, die Zuschauer, sie vor allem. Anschnallen bitte!

Montag of Heck läuft für kurze Zeit in ausgewählten Kinos wie dem Cinemaxx; mehr Pics’n’Sound’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-04/cobain-montage-of-heck-film


2 Bier – 1 Platte

Marthe-KanteKante und Cpt. Kirk

Peter Thiessen ist wohl das, was man ein musikalisches Multitalent nennen kann. Bei Kante ist er für Gitarre und Gesang zuständig. Die Band hat nach langer Pause gerade das Album Zuckerfabrik veröffentlicht, eine Sammlung der wichtigsten, vielleicht auch besten Theatersongs, die Kante in den vergangenen Jahren geschrieben haben. Zwischenzeitlich spielte der Hamburger auch noch Bass bei Blumfeld und ist daher wohl zweifelsfrei der Hamburger Schule zuzuordnen. Vielleicht auch deshalb geht es heute um eine der Bands, die diese Musikrichtung entscheidend geprägt hat.

Von Marthe Ruddat

Peter Thiessen: Vor kurzem habe ich für ein Theaterstück, für welches ich mit unserem Schlagzeuger die Musik mache, nach einem richtig linken Lied gesucht. Davon gibt es zwar einige, aber auf der Reformhölle von Cpt. Kirk &. sind wirklich die tollsten linksradikalen Lieder, die ich kenne. Und als ich die Platte dann nach langer Zeit mal wieder gehört habe, ist mir bewusst geworden, dass sie mich in vielerlei Hinsicht beeinflusst und geprägt hat.

Cpt. Kirk & The Incredible Lovers haben sich Mitte der 1980er Jahre gegründet. Auf den zweiten Teil des Namens wurde schnell verzichtet. Offiziell hat sich die Band nie aufgelöst, ihr bisher letztes Album erschien 1994.

Wie bist du auf Cpt. Kirk &. aufmerksam geworden?

1992 bin ich ins Logo zu einem Konzert von Blumfeld und Cpt. Kirk &. gegangen. Ich kannte die beiden Bands eigentlich gar nicht, sondern hatte nur gehört, dassMarthe-Kirk sie gut sein sollen. Ich war dann wirklich sofort ein riesen Fan von beiden Bands. Das Konzert hat mich total geflasht. Musikalisch war es so unglaublich vielfältig und einfach richtig toll! Ich habe mir dann natürlich sofort beide CDs gekauft. Auch wenn ich die Mitglieder der Band heute nicht persönlich kennen würde, so wäre Reformhölle trotzdem eine der besten Platten, die ich kenne. Diese Platte ist so etwas wie ein Werkzeugkasten. Sie liefert ein paar tolle Handwerkszeuge, um ein Stück von der Welt besser zu begreifen und zu ergründen, worum es in der Musik gehen kann.

Mit ihren 6 verschiedenen Covern liefert die Platte selbst ein Rätsel. Konntest du es lösen?

Ja genau! Das hat etwas gedauert. Es sind ja die Cover von sechs verschiedenen Platten, wo die Hauptmotive weggekratzt wurden. Ich weiß noch ziemlich genau, wie ich die Platte immer wieder aufgeklappt habe und mich gefragt habe, welche Platten das wohl sind. Irgendwann hatte ich es dann raus.

Massive Attack – Blue Lines

REM – Out of Time

Madonna – The Immaculate Collection

Prince – Purple Rain

Einstürzende Neubauten – Halber Mensch

Big Black – Songs About Fucking

Ich frage mich aber immer noch, warum vor den Titel Hotel Ruhe geschrieben und dann durchgestrichen wurde. Vielleicht war das ein alternativer Titel. Diese Idee finde ich sehr schön, da dem eigentlich gewählten Titel so das Monolithische genommen wird und man erahnen kann, dass die Platte auch ganz anders hätte heißen können.

Marthe1Ich sitze mit Peter Thiessen in der kleinen Kneipe meines Vertrauens. Reformhölle läuft im Hintergrund, und während wir über die Platte reden, macht er immer wieder Denkpausen und hat dabei stets ein Lächeln auf dem Gesicht.

Du hast die Texte des Albums bereits angesprochen. Welches Lied ist für dich von besonderer Bedeutung?

Das Lied Kommt alle zugleich nach D ist für mich eines der Besten linken Lieder, die ich kenne. Es bezieht sich auf eine Zigarettenwerbung, welche Menschen verschiedener Nationalitäten bei so einer Art cometogether zeigt. Die Veröffentlichung der Platte fiel ja in die Zeit kurz nach der Wiedervereinigung und den Ausschreitungen von Rostock. Ich denke, Cpt. Kirk &. haben das zum Anlass genommen, darauf aufmerksam zu machen, dass diese Werbung eine Welt zeigt, die so nicht existiert, da die abgebildeten Menschen nicht so einfach nach Deutschland reisen konnten. Ich finde daran besonders toll, dass der Text so unkitschig, nicht so selbstgewiss ist. Die Situation wird in ganz einfachen Worten beschrieben, lässt Platz für eigene Interpretationen und wirft viele Fragen auf.

Hat Dich diese Art der Musik und des Textens bei deiner eigenen musikalischen Arbeit inspiriert?

Auf jeden Fall. Wie Tobias Levin die Gitarre spielt, hat mich sehr beeinflusst. Aber vor allem haben mich die Arrangements inspiriert. Auf der Platte sind alle Instrumente immer gleich wichtig. Es gibt kein Schlagzeug, was einfach nur einen gleich bleibenden Beat spielt. Es ist vielmehr ein melodisches Instrument, wie die anderen auch. Auch die Art, wie Cpt. Kirk & getextet haben, hat mich enorm inspiriert. Ich muss da immer an Paul Celan oder expressionistische Lyrik denken. Mehrere Gedanken werden in einem Halbsatz untergebracht. Trotzdem hört man nicht nur Schlagworte. Die große Qualität der Lieder ist einfach, dass sie dem Hörer Raum für eigene Gedanken lassen. Auch ich möchte keine Texte schreiben, die auch auf einem Flugblatt oder in einem Artikel stehen könnten. Musik soll nicht wie ein politisches Pamphlet oder eine Doktorarbeit klingen, aber dennoch zum Nachdenken anregen.

Tobias Levin, Sänger, Gitarrist und Pianist von Cpt. Kirk &., hat die Electric Avenue Studios gegründet. Neben Tocotronic und Nils Koppruch wurden dort auch einige Platten von Kante produziert.

Du kennst die Mitglieder von Cpt. Kirk &. durch eure musikalische Zusammenarbeit. Hast Du mit Ihnen über Reformhölle gesprochen?

Ja, natürlich. Aber auch wenn man die Macher einer solchen Platte kennt, verliert sie nicht ihre Magie. Es ist toll, zusätzliche Informationen über so eine Platte zu bekommen. Tobias hat mir erzählt, dass er bei der Entstehung des Albums oft Talk Talk gehört hat und ich erkenne ähnliche Strukturen bei Cpt. Kirk &. Trotzdem sind die Musikerpersönlichkeiten der Mitglieder weiter deutlich. Es ist immer schön festzustellen, dass ein Album nicht von einem einzelnen Genietypen, sondern in einem größeren Zusammenhang entwickelt wurde.

Das musikalische Werk von Cpt. Kirk &. ist heute leider nur sehr schwer zu ergattern. Weil auch Peter Thiessen der Meinung ist, dass es eine Schande wäre, wenn die Platte einfach verschwindet, hat er mir zugesichert, sich für eine Neuauflage des Albums einzusetzen.


Helmut Dietl & Robin Hood

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

30. März – 5. April

Aus Sicht des Nordens, sagen wir Hamburg, gibt es 1000 gute Gründe auf den Süden, sagen wir München, missgünstig zu sein. Alles ist dort reicher, nobler, heller, größer, klüger, schneller, derber, langsamer, erfolgreicher, bierseliger, gut – auch bierbräsiger, selbstgerechter, nationalistischer, rassistischer, sexistischer, ungleicher, also bayerischer. Aber um eins, da musste man euch nördlich des Mains abseits vom örtlichen FC und der Alpennähe einfach beneiden: Helmut Dietl. Jetzt ist er mit 70 Jahren nach langer Krebskrankheit gestorben und dem deutschen Film fehlt das letzte Alphatier lässiger Erzählweise.

Das nährt die Hoffnung, zuständige Sender kondolieren nicht nur mit Wiederholungen seiner notorischen Blockbuster von Schtonk bis Rossini, sondern auch mit unvergesslichen Serien, Monaco Franze vor allem, das zurzeit immerhin samstagmittags ab 13.20 Uhr im ORF gezeigt wird. Und Kir Royal, Dietls großartigster Fernsehschöpfung aus den Achtzigern. Einer Zeit, als das Medium noch relevant war, mit sporadischem Mut zu Themen und ihrer Umsetzung, die sich auch mal abseits von Krimi und Romanzen umgesehen hat, in den komplizierten Zwischenräumen von heiligem Ernst und billigen Witzen.

So wie es Die Anstalt vorige Woche praktiziert hat. Am Dienstag bat es im Finale einer mal mehr, mal weniger lustigen Sendung über Griechenlands Werk und Deutschlands Beitrag einen gewissen Argyris Sfountouris auf die Bühne, den zuvor nur Kenner kannten. Er ist der letzte Überlebende eines Dorfes namens Distomo, dessen Bewohner Wehrmacht und SS im 2. Weltkrieg hingemetzelt hatten, wofür die Bundesregierung ihm wie den Hinterbliebenen jede Art Entschädigung mit Zähnen und Klauen versagte. Sein Auftritt sorgte unter Zuschauern und Komikern kurz für Schweigen. Eigentlich kein erstrebenswerter Zustand im Kabarett, aber Beweis, dass dieses Genre noch immer die Kraft hat, unterhaltsam zum Nachdenken zu bringen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. April

Eine Kunstform, die – zumindest mit massentauglicher Wirkung – kaum einer besser versteht als John Irving, wofür ihm der Filmemacher André Schäfer Mittwoch (22 Uhr) auf Arte eine ungeheuer aufschlussreiche Dokumentation widmet, die in Anlehnung an den Bestseller Garp …und wie er die Welt sah heißt, nämlich als eine Art Springbrunnen menschlicher Vielfalt, die in jeder Einzelheit erzählbar ist, wenn man ihr nur ein wenig Raum zur Entfaltung lässt.

Ein wenig arg viel Raum lässt die ARD hingegen am heutigen Montag dem Hamburger Tatort-Kommissar Falke. In seinem Osterfall kriegt er es mit der Entführung einer ganzen Charity-Gesellschaft durch autonome Weltretter zu tun. Netter Versuch, das Genre ähnlich dem grimmepreisgekrönten Tukur-Kunstwerk richtig aufzumischen. Dennoch hätte dem Regisseur Thomas Stiller vorab mal jemand raten können, die Kirche im Dorf zu lassen oder Tarantino in L.A., also bei aller Liebe zum Absurden einen Restbestand Logik im Drehbuch, wie am Sonntag drauf Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel am brandneuen Tatort Nürnberg. Dann wären die linken Täter nicht so seltsame Mixturen aus Zorro, Rambo, Robin Hood und die Geschichte insgesamt nicht nur grotesk, sondern auch sehenswert.

So wie das, was diese Woche vor allem aus Schweden serviert wird. Zunächst das faszinierende Melodram Bekas (2012) um zwei irakische Jungen, die sich Mittwoch (20.15 Uhr, Tele5) auf den Weg nach Amerika machen, um Superman gegen den herrschenden Saddam Hussein zu gewinnen. Ebenfalls träumerisch, dabei weniger realitätsnah, aber ähnlich packend ist hingegen der schwedische Zehnteiler Blutsbande (Doppelfolgen ab Donnerstag auf Arte), in dem die Besitzerin eines kleinen Landhotels ihre Kinder heimholt, um dort Teilnehmer eines grotesken Verwirrspiels zu werden, in das der Selbstmord ihrer Mutter die Hinterbliebenen zieht. Skandinavischer Krimi ohne krasse Ritualmorde, aber mit Abgründen.

Dramaturgisch erinnert das an die Wiederholung der Woche in Farbe: Belle de jour, in der Catherine Deneuve als Arztfrau unter Louis Bunels Regie ihrem bürgerlichen Käfig in sexuelle Fantasien entkommt, die sie 1967 sogar ins Bordell trieben – als Hure (Dienstag, 23.50 Uhr, ZDFkultur). Schwarzweiß geht es heute (20.15 Uhr, Arte) zurück ins Gesellschaftskino der Fünfziger, wo Yves Allégrets Aufenthalt vor Vera Cruz aus Jean-Paul Sartres Geschichte um ein mexikanisches Dorf, das wegen einer Meningitis-Epidemie kollektiv unter Quarantäne gestellt wird, einen der ersten Kulturclashs zwischen 1. und 3. Welt macht.


Thorsten Fischer: Onlinedrucker & Offlineraser

77e89c773fDer Überflyer

Angefangen hat Thorsten Fischer (links, mit seinen Geschäftsführern Tanja Hammerl und Markus Schmedtmann) mit einem Würzburger Stadtmagazin. Als ihm die Welt der Anzeigen zu klein wurde, hat er den stationären Online-Dienstleister Flyeralarm gegründet – und damit die festgefahrene Druck-Branche revolutioniert. Porträt eines DIY-Millionärs im Metier der Flugblätter und Sticker, das viel lässiger klingt, als es ist.

Von Jan Freitag

Annahme, Schuss, Tor. Annahme, Schuss, Tor. Einmal, viermal, sechsmal. Kurzes Lächeln, fester Händedruck, dann ist es vorbei nach zwei bis drei Minuten. Ob gegen einen Gegner oder mehrere, für Thorsten Fischer spielt das keine Rolle. Ihn beim Tischfußball zu schlagen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Fischer zu schlagen, ist auch abseits des Kickers in seinem riesigen Büro schwer vorstellbar. Er spricht es sogar selbst aus, laut, aber nicht aufdringlich – mit einem Selbsbewusstsein, das auf realen Erlebnissen fußt. Siegesgewiss und bodenständig zugleich kommt der 38-jährige Unternehmer rüber. Gegen einen wie ihn zu Null unterzugehen, das brauche niemandem peinlich zu sein. „Ich stell’ mich ja ned her, um zu verlieren.“ Zumal er üblicherweise Gegner ganz anderer Kaliber aus dem Weg räumt – sowohl beim kleinen Pausenwettkampf wie im großen Spielfeld seiner Branche.

Thorsten Fischer ist Chef und Inhaber von Flyeralarm, einer Druckereifirma, die nach eigenen Angaben mit rund 10 000 Aufträgen pro Tag der größte Online-Dienstleister dieser Branche in Europa ist. Dieses Geschäftsfeld hat er 2002 mit einem Hybrid aus E-Commerce und Druckerei „revolutioniert“, wie jedenfalls Christoph Schleunung vom Bundesverband Druck und Medien meint. Zuvor war das Leben des Würzburgers bemerkenswert ziellos verlaufen. Den Beruf des Unternehmensberaters fand er attraktiv, den Weg dahin aber nicht. Sein Vater, ein TÜV-Ingenieur in althergebrachter Alleinernährerrolle, wollte den Filius nach dem Wirtschaftsabitur zu „was Technischem“ bewegen. Doch zuzusehen, wie Beton härte, „das war nicht meine Berufung“, sagt Fischer.

Für ein Studium sei er nicht geeignet gewesen, „zu faul“, kokettiert Fischer und bezeichnet sich zugleich als „für nine-to-five nicht geschaffen“. Eine Versicherungslehre brach er ab und gründete „aus einer Schwimmbadlangeweilelaune“ heraus ein Stadtmagazin mit dem profanen Titel Würzburger Tester. Das Monatsheft warf schon bald solide Erträge ab. Fischer leistete sich eine Sekretärin, einen geleasten BMW und ein mittleres Gehalt. „Echt schöne Zeit“, erinnert er sich. Er war ein Do-it-yourself-Verleger, der viel lernte: Schreiben, Layout, Anzeigengeschäft, Druck und Vertrieb.

Bald aber hatte er eine noch bessere Idee. Statt „noch 20 Jahre lang in Kneipen Anzeigen zu verkaufen“, auf deren Bezahlung man oft Wochen warte, gründete der Drucker ohne Druckerausbildung eine Vertriebsplattform für Drucksachen und nennt sie Flyeralarm. „Ich hatte null Ahnung von dem Geschäft, null Maschinen und null Ahnung, wie die Dinger überhaupt funktionieren“, sagt der Gründer heute. Und doch zeigt er den Platzhirschen im Druckgewerbe rasch, womit man Geld verdienen kann. Fischer holt Getränkedosen mit Bundesligistenaufdruck aus der Vitrine und reiht sie stolz nebeneinander auf: „Wir haben ja quasi einen völlig neuen Markt generiert.“ Bei seinem Start vor elf Jahren trifft er auf eine Branche im Umbruch. Das Druckgewerbe liegt am Boden. Seit man im Internet für einige Euro Flyer basteln kann, sinken die Erträge der professionellen Unternehmen auf diesem Markt. Aber sie werden auch produktiver.

„Die Arbeit von fünf Maschinen machen heute vier und bald drei“, sagt Fischer. Der europäische Druckmarkt schrumpfe zwar. Aber „weil wir am günstigsten sind“, weil Flyeralarm für 5000 Werbezettel mit 30 Euro heute nur ein Zehntel des Preises von 2002 verlange und daran doch gut verdiene, „profitieren wir selbst vor der Krise“. Das trifft zwar durchaus auf Kritik. Über seine Art gedruckter Massenabfertigung kursiert brancheintern der Vergleich zu McDonalds, Quantität gehe zu Lasten der Qualität, Verbraucherforen sind gut gefüllt mit Klagen über erfolglose Reklamationen, mangelnde Kulanz, dazu die schlechte Bezahlung vieler Mitarbeiter. Doch mit solchen Mitteln hat Thorsten Fischer offenbar die Zeichen der Zeit erkannt. Auf der einen Seite der Entwicklung standen die traditionellen Betriebe mit ihrem Handwerkerethos, auf der anderen junge Start-upper mit ihrem Garagen-Gestus. Die Alten konnten wenig mit der Ästhetik von heute anfangen, die neuen noch weniger mit dem Know-how von einst.

In diese Lücke stieß Flyeralarm. Mit einer aggressiven Preispolitik rollt ihr Gründer seither den Markt auf. Aber eben auch mit echtem Willen „zur win-win-Situation per Handschlag, der bei Herrn Fischer noch was zählt“, wie sein Geschäftspartner Stefan Aumüller vom gleichnamigen Druckhaus in Regensburg lobt. Das sorgt für diese Mixtur aus Reputation und Lässigkeit. Oder ist die womöglich Fassade? Mal ehrlich, Herr Fischer: Ein urbanes Produkt, ein cooler Name, ein lässiges Image  – ist bei Ihnen alles Party, Party, Party? Der Mann im mausgrauen Zweiteiler, der episch über die Vorteile des Sammeldrucks dozieren kann, wehrt ab. Nein, so sei er nicht. „Diskos mochte ich nie.“ Da sei es laut, da könne man nicht reden. „Schon in jungen Jahren ging ich lieber essen“. Ging? Er benutzt tatsächlich die nostalgische Vergangenheitsform und zerstört gleich noch die letzte Illusion: „Flyeralarm hat mit Feiern nichts zu tun.“

Der Herr der Flugzettel, ein kleiner Mark Zuckerberg analogen Sendungsbewusstseins, passt also ähnlich gut ins Bild der Eventindustrie wie etwa die Volksmusik. Die klingt nach großer Gaudi, ist aber bloß ein gutes Geschäft. Fischer beschreibt seines als „solide“. Treffender wäre aber: bombig. Mit drei Mitarbeitern erzielt seine GmbH aus dem Stand 250 000 Euro Umsatz 2002 und schafft rasch den Break-even. Sechs Jahre später knacken 644 Angestellte die 100-Millionen-Grenze. Heute erwirtschaften gut doppelt so viele Menschen mehr als 280 Millionen Euro. Das sind große Zahlen in einer Branche, in der sich rund 10 000 Betriebe einen Gesamtumsatz von rund 20 Milliarden Euro teilen.

Der Erfolg hat Gründe, einer ist das Portfolio: statt nur Flugblatt, Folder, Visitenkarte wie zu Beginn bietet Flyeralarm an vier deutschen Standorten mittlerweile vom Kundenmagazin über bedruckte Schlitten bis zum kompletten Markenauftritt knapp 1000 Produkte in drei Millionen Ausführungen. Rund 300 000 Abnehmer beliefert das Unternehmen, die meisten davon, 95 Prozent, sind Geschäftskunden. „Noch“, sagt Fischer und grinst vieldeutig. Sollte der kleinteilige Business-to-Consumer-Bereich nicht kräftig wachsen, dann nur, weil der margenstarke Business-to-Business-Bereich schneller zulegt.

Wie schnell, das ist nicht nur an Flagshipstores in München, Frankfurt und Düsseldorf, an Vertretungen in Österreich und Spanien und an Tochtergesellschaften in vier weiteren Ländern abzulesen. Es zeigt sich vor allem auf dem Firmengelände im Würzburger Industriegebiet. Während von 400 direkten Mitbewerbern die drei Nächstplatzierten selbst gemeinsam nicht das Volumen des Marktführers erreichen, schwillt hier ein imposantes Logistikzentrum an. Und dann diese Lobby: urbanes Latte-Macchiato-Design voll berufsfröhlicher Vertriebler und Marketingleute im Duz-Modus. Man gibt sich jung, man kleidet sich hipp, man hat ja ein eher nostalgisches Produkt im Angebot, der Fachterminus lautet Druckerzeugnis. Um Kunden jeden Alters anzusprechen, hat Fischer das Image seiner Firma frisch aufpolieren lassen: „Bisschen anders, dynamischer, peppiger.“

Die Agentur wollte ihm seinen Namen nehmen, der zwar die Banden bei Spielen der Fußballnationalmannschaft und die Brust von Bayern Münchens Basketballern ziert, aber eben auch etwas kindisch klingt. Doch der Inhaber mahnte: „Flyeralarm hat uns geholfen, vom Billigdrucker zum Kataloglieferanten für Global Player zu werden.“ So blieb der Name. Wenigstens der. Denn statt „Druck deine Idee“ lautet der Slogan jetzt „Powered by Print“ und heißt bei einem Reifenwechsel „auf der Pole Position“ willkommen. Die Botschaft ist klar: Überholspur, Tempo, Sieg. Allerdings nicht mit der prolligen Formel 1, sondern einem lässigen Mini als Werbeträger. Das spricht eher Großstädterinnen mit lustigen Strickmützen an als Vollgasfans mit Benzin im Blut.

Vor allem aber hat es Fischer angesprochen. Der mag zwar seit jeher Autos, fuhr damit aber erst um die Wette, als man beim Marken-Relaunch auf eine Rallye der britischen Kleinwagen stieß. „Wenn wir es sponsorn, können wir auch mitfahren“, erklärt der Badminton-Spieler seinen Pistenabstecher und schwärmt, Beschleunigen auf der Geraden sei „langweilig, aus der Kurve ist toll“. Selbst eine Rennlizenz hat er. Doch der Spaß höre auf, wenn er die Wochenenden fresse.

Denn eins ist Thorsten Fischer geblieben: Ein Genussmensch, ein Freund feiner Weine und guter Hotels. Also hat er sich eins gebaut, gleich beim Firmensitz. Eigentlich, so erzählt er im barocken Stadtchateau unter alten Wandmalereien, sollte die „Wiener Botschaft“ nur ein Ort sein, wo der Österreichfan auch daheim sein Schnitzel kriegt und Geschäftskunden gut unterkommen. Mittlerweile aber sei es ein „echtes Hotel mit einfacher Küche auf Sterneniveau“. Geld verdiene man damit zwar keines, räumt der Hobbygastronom ein, „aber es macht riesig Spaß.“ Der ist ihm zwar vergangen, seit die Nobelherberge standortbedingt schließen musste, doch sein Kerngeschäft boomt weiter. Und das, obwohl das Druckgewerbe alles andere als eine Wachstumsbranche ist. Um 25 Prozent im Jahr, hofft Fischer, solle Flyeralarm im Jahr zulegen, falls nötig auch ohne das Drucken, als reiner Dienstleister. Das wird man sehen. „Ich traue keiner Kristallkugel.“ Aber in zehn Jahren, so fügt der Nachhaltigkeitsfan und Einkommensmillionär mit eigener Kinderhilfsstiftung hinzu, „machen wir Gewinne genug, um die Welt zu retten.“ Und wie er dazu lächelt, irgendwo zwischen bodenständig und siegesgewiss, meint er das womöglich ernst.

http://www.zeit.de/2013/36/flyeralarm-thorsten-fischer


Ulrich Tukur: B. Kingsley & B. Grzimek

Moralisch, ich weiß nicht…

Ob Abgründe oder Oberflächen – Ulrich Tukur spielt alles mit der gleichen Hingabe, Virtuosität – und oft seltsamer Ähnlichkeit zu realen Figuren , die wenig mit ihm gemeinsam haben. Im ARD-Zweiteiler Grzimek zeigt der Schwabe mit Herzensheimat Hamburg am Karfreitag (Dokumentation im Anschluss) nun die zwei Seiten des betulichen Tierschützers aus dem Fernsehen. Ein Gespräch über Perücken, Peter Zadek und warum schon verloren hat, wer nicht kämpft.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Tukur, wissen Sie eigentlich, was Ben Kingsley mit Ihnen gemeinsam hat?

Ulrich Tukur: Meinen Sie unsere Vorliebe für Rollen mit spärlichem Haarwuchs?

Sie beide spielen oft reale Figuren, für die Sie sich optisch kaum verändern müssen, um Ähnlichkeit zu entwickeln.

Sehr schmeichelhaft, aber unterschätzen Sie nicht die subversive Kraft der Maske! Grzimek war eine Orgie der Perücken! Und bei Kunsthaar, das nicht hundertprozentig sitzt, weil es das fast nie tut, kämpfst du immer gegen den Feind auf deinem Kopf. Persönlichkeit lebt vor allem durchs Wesen, hat man es begriffen, kann man auf viele Hilfsmittel verzichten. Dennoch ist es wichtig, zu verstehen: Ich bin weder optisch noch innerlich Grzimek, ich verkörpere ihn nur. Meine Arbeit ist Interpretation, keine Kopie.

Das Publikum erwartet womöglich von letzterem etwas mehr als von ersterem…

Einige sicher, aber viele wissen ja gar nicht mehr, wer der Professor war und wie er  aussah. Und wer unter 30 ist, weiß vermutlich nicht einmal mehr von seiner Existenz. Äußerlich war er prägnant. Wenn Sie also über das Eigentliche des Charakters hinaus Ähnlichkeit entwickeln und nicht bei Loriot landen wollen, dann nur über vorsichtige Akzente.

Zum Beispiel?

Seine gewählte Sprache etwa. Das Näselnde seiner Stimme. Das Schlacksige seiner Körperhaltung.

Was unterscheidet ihn von all den extremen Figuren, die Sie zuletzt gespielt haben?

Das Spannende an Grzimek ist seine kuriose Widersprüchlichkeit. Einerseits bürgerlich, autoritär, wertkonservativ, auf der anderen Seite leidenschaftlich, eitel, kämpferisch, mit einem fast kriminellen Hang zur Aktion. Noch als über Siebzigjähriger steigt er in eine Anlage für Legebatteriehühner ein, filmt die Tierquälerei und stellt sie kurz danach ins Fernsehen, um den deutschen Zuschauer über die Abgründigkeit seiner Essgewohnheiten aufzuklären. Er bricht mit seiner Frau, heiratet die Witwe seines tödlich verunglückten Sohnes und adoptiert seine Enkel. Das ist schon starker Tobak!

Gibt die Zeichnung dieser Ambivalenz dem Biopic auch eine moralische Stoßrichtung?

Moralisch, ich weiß nicht. Uns ist schnell klar geworden, dass der Film einen starken politischen Kontext hat. Da ist ein Mann, der sich nicht damit abfindet, dass der Mensch die Natur und mit ihr seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört, indem er alles seiner unersättlichen Gier unterwirft als gäbe es kein morgen. Grzimek spricht aus, was bis dahin so noch nicht gesagt wurde, handelt, macht Filme, sammelt Geld und reist immer wieder nach Afrika, um sich für die Serengeti und viele andere Projekte einzusetzen. Er ist ein Mann der kurzen Wege und hasst die Umständlichkeit und den Lobbyismus in der Politik. Er war ein Kämpfer, fehlbar als Mensch, aber unbeirrbar in seinem Weg. Und sein Ziel war nichts weniger als die Rettung des Planeten mit seiner herrlichen Natur. An eine solche Persönlichkeit zu erinnern, könnte doch in diesen Zeiten der Anpassung und Gleichgültigkeit durchaus etwas bewirken.

Auch wenn der Film mit dem Ende einsteigt, wo Grzimek im Alter sagt, sein Kampf sei hoffnungslos?

Auch dann. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Ist das auch Ihre Maxime?

Ja. Sehen Sie, ich weiß doch, dass am Ende meines nicht mehr so furchtbar lange währenden Lebens der Tod steht. Und danach wird nicht mehr viel mehr sein. Trotzdem gehe ich auf die Bühne und singe vom Zauber einer Mondnacht oder spiele wie jetzt eine Komödie über einen melancholischen Versicherungsbeamten. Ich gebe nicht auf, ich mache immer weiter, weil ich der Überzeugung bin, dass wir ein wunderbares Geschenk bekommen haben, das Leben heißt und jeden Tag nutzen sollten, um es zu verzaubern. Und wenn einem Menschen wie Grzimek die Seele blutet, weil er sieht wie unser Heimatplanet Stück für Stück verkonsumiert und zerstört wird, und er dann einen Kampf aufnimmt, von dem er ja eigentlich wissen muss, dass er nicht zu gewinnen ist, und ihn trotzdem kämpft, dann hat er meine größte Bewunderung.

Welche Erinnerungen haben Sie persönlich an ihn?

Wenige. Im Elternhaus gab es keinen Fernsehapparat. Ein paar mal bin ich über den Zaun zu den Nachbarskindern gestiegen und habe mir Ein Platz für Tiere in fremden Wohnzimmern angesehen. Für mich war Grzimek ein betulicher Fernsehonkel mit bunter Krawatte und großer Brille, der immer ein interessantes Tier auf dem Schreibtisch hocken hatte.

Sie haben in den letzten drei Jahren den Nazigeneral Rommel, den Päderasten Pistorius und nun den Naturfreund Grzimek gespielt. Wie geht man so verschiedene Typen an?

Wer immer es ist, den Sie spielen sollen, er muss Sie interessieren, und Sie müssen einen Zugang zu ihm finden. In diesem Theaterstück Leben stehen manchmal Protagonisten auf der Bühne, die ungeheuer viel über das Wesen unserer Spezies aussagen. Und die drei von Ihnen erwähnten, haben eines gemeinsam – und das macht sie für mich interessant: Eine schillernde Oberfläche und darunter etwas Unwägbares, das es zu erforschen und zu zeigen gilt. Als Darsteller ist man dabei Verteidiger der Person, die man verkörpert. Man darf sie nicht beurteilen oder gar verurteilen, das soll der Zuschauer tun.

Sind Sie schon mal an einer Figur gescheitert, wo die Abscheu vor ihren Taten zu groß war, um den biografischen Ursprüngen auf die Spur kommen zu wollen?

Nein, bislang noch nicht. Es gab Figuren, die mir unsympathisch, sogar widerwärtig waren. Dazu gehörte sicher die des Herrn Pistorius von der Odenwaldschule. Aber selbst solche Menschen sind keine Monster, sie sind auf eine sehr unangenehme Art ein Teil von uns. Andere mochte ich sofort oder sie haben mich fasziniert. Das war zum Beispiel Kurt Gerstein…

Ihr Obersturmführer in der Hochhuth-Verfilmung Der Stellvertreter.

… ein SS-Hygieniker, der als einer der ersten Zeuge der Vergasung von Juden war und beauftragt wurde, ein Mittel zu finden, um den Tötungsvorgang zu beschleunigen. Er stellt sich der Aufgabe, dokumentiert alles und fährt in den Vatikan, um den Papst aufzufordern, etwas gegen den Massenmord zu unternehmen. Gerstein war tief religiös und kam aus der Bewegung der Bekennenden Kirche. Für mich war er der dunkle Bruder Bonhoeffers. Die abgründigen Charaktere sind natürlich die spannendsten, mit ihnen kommt man schauspielerisch am weitesten.

Interessieren Sie dabei die realen echter Personen am meisten?

Unsere jüngste Geschichte kennt viele Figuren, die Beeindruckendes geleistet, aber auch Schreckliches getan haben. An den ein oder anderen sollte man vielleicht doch noch erinnern. Da ist zum Beispiel Carl Friedrich Goerdeler, Oberbürgermeister von Leipzig, ein faszinierender, mutiger Mensch, der eine große Rolle im zivilen Widerstand gegen das NS Regime gespielt hat.

Das klingt, als ginge es Ihnen um Hommagen, um Menschen zu würdigen.

Mehr noch – sie dem Vergessen zu entreißen. Vielleicht ist das mein Lebensthema: Die Erinnerung an Künstler und Persönlichkeiten wachzuhalten, die sonst im Wirbel der Moderne verschwinden würden. Ohne sie wären wir nichts, und das sollten wir doch respektieren. Wer vom Wind der Politik und anderer diffuser Geschehnisse nicht umgeblasen werden will, muss sich in der Tiefe verorten und sehen wie andere Generationen mit den Anwerfungen ihrer Zeit umgegangen sind. Daraus kann man viel lernen und in unsere Zeit mitnehmen.

Empfinden Sie es als Privileg, dafür spielerisch werben zu dürfen?

Als Riesenprivileg! Und dann werde ich auch noch dafür bezahlt. Ich kann nur sagen: Danke!

Dennoch sind Sie seit Jahren eher Musiker als Schauspieler oder?

Na ja, ich liebe die Musik über alles, und ein Leben ohne Klavier und Akkordeon könnte ich mir gar nicht vorstellen. Aber da bin ich ein gehobener Dilettant und gewiefter Hochstapler. Ich kann ganz gut Theater spielen, im Film habe ich mir nie so recht über den Weg getraut, und es ist ein Wunder für mich, dass ich ohne größere Rückschläge so gut durch die letzten dreißig gekommen bin.

Mit Peter Zadek das Hamburger Schauspielhaus in den 80ern zur wichtigsten deutschen Sprechbühne gemacht zu haben, war ein Kollateralschaden ihres Dilettantismus?

Zadek hat uns alle verzaubert und beflügelt. Er war die große künstlerische Erfahrung meines Lebens zu einem Zeitpunkt als ich formbar war. Im Wesentlichen habe ich ihm meinen schauspielerischen Erfolg zu verdanken. Und diese Zeit mit ihm am Theater war der poetischste Kollateralschaden, den man sich wünschen kann.


ARD: Nackt unter Wölfen

Die Ästhetik der Gewalt

Zehn Tage vorm 70. Jahrestag der Buchenwald-Befreiung zeigt Philipp Kadelbachs schonungslose Neuverfilmung von Bruno Apitz’ Weltbestseller Nackt unter Wölfen (1. April, 20.15 Uhr), was Menschlichkeit im unmenschlichen System eines KZ bedeutet. Und wie man unterhaltsame Filme über Nazi-Gräuel macht.

Von Jan Freitag

Normalerweise sind Hauptdarsteller aus Fleisch und Blut, meist Menschen, selten Tiere, alles andere bleibt Accessoire. Kulissen zum Beispiel, Orte, Musik. Und Bekleidung. Philipp Kadelbach hatte da eine andere Idee. Als der Regisseur ein Drehbuch verfilmte, dessen Vorlage nicht weniger ist als Teil des filmischen Weltgedächtnisses, suchte er für die Figuren ein Zubehör, das ihr elendes Dasein besser symbolisierte als blanke Gewalt und sich zudem ein wenig vom Original absetzte: Mützen.

Wenn am Mittwoch Nackt unter Wölfen läuft, Kadelbachs werkgetreues ARD-Remake von Frank Beyers gleichnamigem DEFA-Drama nach dem Weltbestseller von Bruno Apitz, mögen die Protagonisten in Buchenwald denen von 1962 gleichen, seinerzeit gespielt vom blutjungen Armin Müller-Stahl oder dem recht alten Erwin Geschonneck. Auch die Atmosphäre von Brutalität und Disziplin aus der Erzählungen des langjährigen Insassen Apitz hat er mit drastischen Bildern in zeitgenössische Ästhetik übertragen. Dieses seltsam hermetische System kommunistischer Kapos, die das Lagerleben unterm übermächtigen SS-Diktat so geschickt im eigenen Interesse führten, dass angeblich nur gut 70 KPD-Mitglieder unter den mehr als 50.000 Toten gezählt wurden.

Heute wie vor 53 Jahren fragt der Film also, wie viel Menschlichkeit im Unmenschlichen verbleibt, als wenige Wochen vor der Befreiung – nach wahren Motiven – ein Kind ins KZ geschmuggelt wird, dessen Überleben den Humanismus der Häftlinge auf eine ernste Probe stellt – gefährdet es doch nicht nur die kommunistische Kommandostruktur, sondern mehr noch deren akribisch geplanten Aufstand. Dieses Spannungsfeld überbrückt Kadelbach unter anderem mit Kopfbedeckungen. Eine brillante Volte.

Minutenlang befiehlt etwa der eiskalte Kommandant auf dem Exerzierplatz, die Mützen aufzusetzen, abzusetzen, aufzusetzen, immer weiter. Erscheinen Befehlsgeber, saust das Barett in Echtzeit vom Kopf, liegen Befehlsempfänger zerschunden am Boden, landet es als erster Akt der Selbstermächtigung zurück auf dem geschorenen Haar, weshalb sie sich ihrer Kappen nicht mal entledigen, als die SS schon unbedeckt vor den Amerikanern flieht. Nicht grundlos spielt die autobiografische Erzählung überwiegend in der Kleiderkammer. Wenn der Irrsinn regiert, sind es oft banale Dinge, die zeigen, dass man noch am Leben ist. Philipp Kadelbach hat das begriffen. Und nicht nur das.

Kaum ein anderer Regisseur seiner Generation schafft es, Realität so versiert in Entertainment zu verwandeln, ohne dass eins unterm anderen leidet. Gemeinsam mit Autor Stefan Kolditz (Dresden) ist das dem 40-Jährigen bereits im Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter gelungen, wie Nackt unter Wölfen von Nico Hofmann produziert. Selbst als ihm der Ufa-Großproduzent zwei Jahre zuvor den Auftrag zur Regie des RTL-Krachers Hindenburg gegeben hatte, sorgte sein Ziehkind von der Filmhochschule Ludwigsburg abgesehen von standesgemäß überwältigender Bildsprache auch für ein paar leise Zwischentöne im Eventgetöse.

Gelernt hat das der gebürtige Frankfurter ausgerechnet in der Werbebranche, wo er unterm Pseudonym Begbie preisgekrönte Clips von BMW über Burger bis Baumarkt herstellte. Verfeinern konnte er sein Gespür für zugkräftige Bildsprache 2010 in der inhaltlich lausigen, ästhetisch gediegenen Ferres-Schnulze Das Geheimnis der Wale, mit der Kadelbach seine anhaltende Zusammenarbeit mit der Filmschmiede teamworx begann. Um die Marktgesetze zu lernen, war er sich nicht mal für den dämlichen Wanderhuren-Abklatsch Die Pilgerin zu schade, von dem er sich nun distanziert, indem er deren Darstellerin Josefine Preuß offen als das umschrieb, was sie schauspielerisch ist: eine Katastrophe.

Probieren, scheitern, aufstehen, durchsetzen – so machen es auch Altersgenossen von Florian Schwarz über Lars Kraume bis Alexander Dierbach. Dank Nackt unter Wölfen hat ihr Altersgenosse Kadelbach nun letzteres vollzogen. Mit dem anämischen Matthias Bundschuh als SS-Mann oder Frauenschwarm Florian Stetter als kommunistischer Häftling Pippig zeigt er sein Gespür für kreative Besetzungen, mit denen er sein kompliziertes System drastischen Understatements verkörpert, das dem Betrachter, wie Kadelbach es nennt, „nur wenige Augenblicke des Glücks“ erlaube, die „den Schmerz nur noch unerträglicher machen“. Hoffentlich unerträglich genug, um jenen Deutschen, die einen Schlussstrich unterm NS ziehen wollen, zehn Tage vorm 70. Jahrestag der Buchenwald-Befreiung zu antworten: Niemals.