Stephan Möller-Titel: Prekariat & Traumjob

moeller-titel-2-540x304Wurschtelnd glücklich

Jeder 15. der bundesweit 15.000 Schauspieler lebt in Hamburg. Ihr Alltag ist oft geprägt vom Kampf gegen sinkende Etats, schlechte Bezahlung, Arbeitsmangel. Einer von ihnen ist Stephan Möller-Titel (Foto: Malte Jäger). Porträt eines talentierten Hanseaten, der sich so durchwurschtelt – und trotz allem glücklich ist.

Von Jan Freitag

Der Teufel, heißt es, scheißt meist auf den größten Haufen. Man kann Erfolg, der die Erfolgreichen durch seine bloße Existenz nur noch erfolgreicher macht, während sich Erfolglose den Misserfolg teilen, allerdings auch gewählter ausdrücken, theatralischer. Stephan Möller-Titel zum Beispiel bemüht den biblischen Matthäus-Effekt, um sein Schauspielerdasein darzustellen. „Wer einmal groß rausgekommen ist“, sagt er in einer gemütlichen Spelunke auf St. Pauli und zieht tief an seiner Selbstgedrehten, „dem fliegen die Aufträge zu“. Wer hingegen allzu lang darauf warten muss, „wartet häufig vergebens.“ Darauf nämlich, sich die Rollen nicht nur aussuchen zu können, sondern nach Belieben ablehnen, darauf, wirklich unabhängig zu sein in seiner künstlerischen Freiheit.

Stephan Möller-Titel wartet seit rund 15 Jahren.

Damals hatte der Hospitant am Hamburger Thalia-Theater sein „Schlüsselerlebnis“ in einer Branche, die dem Nachwuchs als Himmel auf Erden gilt, aber schnell ein Höllentor ins Prekariat öffnet – unterbezahlt, ausgebrannt, wechselwillig. Während der Neuling von einer Bergedorfer Waldorfschule Ende der Neunziger auf dem Klo von Jürgen Flimms Hochkulturinstitution saß, unterhielten sich zwei ganz Große über jene Bretter, die auch Stephan Möller-Titels Welt bedeuten. Robert Wilson und Lou Reed, erinnert er sich voller Ehrfurcht, der Regisseur und sein Komponist, in Alsternähe vereint zum Literaten-Musical POEtry, „und die reden beim Kacken über meinen Kopf hinweg von allem, was mir wichtig ist“. Da war es um den Anfangszwanziger geschehen.

Endgültig.

Der gebürtige Mecklenburger wurde, was er im Grunde schon kurz nach der Ausreisegenehmigung seiner Eltern 1988 wollte, die ihn über Eckernförde rasch in die Kulturmetropole Hamburg führte. Abi-Theater, Bühnenpraktika, Statisterie, Sprechrollen – für den Psychiater-Sohn deutete längst vieles darauf hin, doch nicht seinem Vater nachzueifern. Erst die Leidenschaft jedoch, mit der da zwei Weltstars von seinen Traumberuf redeten, entfachte endgültig seine. Ein Feuer, das bis heute glüht, daran lässt er auch in der Kneipe nie einen Zweifel, mit seinen stechend blauen Augen im rundlichen Gesicht.

Dabei erwies sich besagter Traum trotz früher Erfolge für den dezent ehrgeizigen Anfänger als ewiger Clinch zwischen Ruhm und Dispo. Mal gewann er eine Etappe, schon ging die nächste verloren, aufrappeln, weitermachen, bis heute. Noch während seiner Ausbildung an der Leipziger Schauspielschule bekam er erste Rollen, ein Engagement Schweriner Staatstheater gar. Und als er zwischendurch seinen ersten Fernsehauftritt hatte, ein Mörder im Polizeiruf, an der Seite Henry Hübchens, schienen ihm nicht nur ein paar Bühnentüren offen, sondern alle.

Dann aber gab er seiner Diplomarbeit 2006 den nächsten Richtungswechsel. Ihr Titel Wie ich hinkam, wo ich herkam lautete nun: Wie ich abermals drehte, zurück nach Hamburg, ass Freiberufler. Und dann? „Kam erst mal gar nix.“ Außer Musik, erst mit seiner Schulband Leilanautik, nun im Duett Sasa & Der Bootsmann. Gitarre und Gesang. Viel Spaß, kaum Ertrag. Egal. Er schweigt kurz. Neue Kippe, die achte in einer Stunde. Dazu mehr Bier, auch das in beachtlicher Frequenz – zumindest an diesem Abend, wo er mal Tacheles redet, über seinen Wunschberuf. Stephan Möller-Titel ist kein Mann mit Vollkaskoversicherung wie die Streber im Pilcher-Personal, das jeden Mist spielt, um präsent zu sein. Der Ostflüchtige indes wird auch weiter westlich von Experimentierfreude getrieben, dem Keim des Glücks. Vor allem aber: Scheiterns.

Er hält sich in der Mitte, immerhin. Solide pendelnd zwischen Auskommen und Nachsehen, Oldenburger Staatstheater und dem Wohnort Eimsbüttel. Randfiguren von RTL bis Tatort finanzieren ihm das geliebte Off-Theater. Mit Solostücken wie der Fluchtparabel Krieg oder ab Donnerstag als Gulliver im Ohnsorg-Studio, wo er selbst die Liliputaner spielt. „Auch Reklame kann Spaß machen“, betont er und schwärmt von Bier-Spots in Kapstadt und Toshiba-PR auf Englisch. „Aber man hat Null Absicherung, krank sein ist nicht“. Fazit: „Das nervt!“

Und nicht nur ihn. Fast 15.000 Deutsche nennen sich Schauspieler, jeder Dritte vor der Kamera, ein paar mehr in den Ensembles der bundesweit 700 Bühnen. Sie alle kämpfen eher ums Überleben als es gelegentlich zu verkörpern. Gut die Hälfte, klagt ihr Hamburger Kollege Hans-Werner Meyer im Auftrag des Berufsverbands BFFS, „leben von weniger als 20.000 Euro im Jahr“. Brutto. Abzüglich Spesen, Agentur, Absicherung bleibt auch für jene 13 Prozent, die es nahe 30.000 schaffen, kaum genug für die Miete. Schon gar nicht in der teuren Film- und Theaterstadt Hamburg mit all ihren Studios, Bühnen, Produzenten und an die 1000 professionellen Darstellern. Ihre Mehrzahl muss sich mit dem begnügen, was Großkaliber wie Bleibtreu, Hoger, Charly Hübner von sinkenden Etats übriglassen. Während fünf Prozent sechs- oder mehrstellig verdienen, bringt es die Masse selten auf 20 Drehtage à 750 Euro Tarif, den der BFFS 2013 ausgehandelt hat. Und die erfordern auch noch das Fünffache an Vor- plus Nachbereitungszeit. Am Theater ist es noch schlimmer. „1550 Euro Einstiegsgehalt“, empört sich Möller-Titel in breitem Hamburgisch, das seine Enden jedoch theatralisch korrekt behält, „mein Vetter verdient als Automechaniker mehr“.

So sei sein Berufsstand mit Lebensanstellungen und Topgagen zum „fahrenden Volk“ verkommen. Dabei sah es auch bei ihm mal besser aus. Im Baader-Meinhof-Komplex knallte er 2008 Hanns-Martin Schleyer ab, lernte am Set – „schwer bewaffnet“ – Sandra Borgmann kennen, ebenfalls aufstrebend, bald Mutter seines Kindes. Es gab Angebote, Mörder und Irre wurden zur Marke, mit Anfang 30 lief es – und doch nicht aufwärts, zwar voll Hingabe, aber kaum lukrativ, viel unterwegs, nie auf rotem Teppich. „Wenn man sieht, mit wie wenig Talent manche Kollegen Erfolg haben“, sagt der begabte Bühnenberserker beim letzten Bier, könnte man echt zynisch werden. Tut er aber nicht. Stephan Möller-Titel macht weiter, „es reicht ja“, wenngleich schon wieder nur für den Nebenraum der Ohnsorgs, der dem Miniaturstück zwar atmosphärisch angemessen ist, aber eben eher Off-Bühne als Großes Haus. „Ach, ich bin auch so glücklich.“ Auf den Brettern seines Lebens.

Der Text ist vorab erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-04/schauspieler-stephan-moeller-titel


San Cisco, Itchy Poopzkid, Squarepusher

San Cisco

Wer sich dieser Tage ins erwachende Grün des Frühlings begibt und den richtigen Soundtrack sucht, wäre mit San Cisco nicht allzu schlecht bedient. In ihrer australischen Heimat ist zurzeit Herbst, die schönste Jahreszeit dort, deren Hitze nicht mehr den Pelz verbrennt, also eher gemütserhellend als krebsfördernd wirkt. So gesehen klingt das Quartett aus einer süßen Küstenstadt nahe Perth auch auf dem zweiten Album mit dem gottgefälligen Titel Gracetown wie ein Halleluja auf die Schönheit der Schöpfung.

Anders als beim selbstbetitelten Debüt vor drei Jahren kommt nun allerdings leicht verfeinertes Songwriting hinzu, das dem hübschen Indiepop mehr Tiefe verleiht. In ihrer Mehrheit erinnern die zwölf Stücke zwar immer noch an digitalisierte Beach Boys mit Mädchengesang; doch schon die Singleauskopplung Run steigt zu Beginn kurz vom Surfbrett in die Büsche am Dünenrand, wo es vorbei an der rosafarbenen Strandhütte vom Cover über ein paar Dornen hinweg Richtung Electroclash geht, der hier die Freiluftdisco planiert. Gute Musik kann so unkompliziert sein.

San Cisco – Gracetown (Embassy Of Music)

Itchy Poopzkid

Unkomplizierte Musik kann aber auch ziemlich gut sein. Seit zehn Jahren pressen Itchy Poopzkid ihren Eins-Zwo-Drei-Vier-Karohemdrock mit Doppelgesangschorälen zu mal mehr, mal weniger vertrackten Riffs auf Platte und ihre neue mit dem numerischen Titel SIX fügt den fünf vorherigen jetzt auch keine bemerkenswerte Wende hinzu. Doch was immer die drei Schwaben auch anpacken – es ist geschmeidiger Indie mit etwas Surfpunkeinfluss nebst Alternativetendenzen, die allesamt niemandem wehtun, aber gerade live zum Stagediven und Mitgrölen animieren. Wobei – Mitgrölen; hier hakt es bei Itchy Poopzkid, seit jeher.

Die Band ergeht sich einfach zu sehr in Ohohoh-Refrains wie bei der Single-Auskopplung Dancing In The Sun. Die Gitarren auf Schritthöhe gehängt, wächst da der Eindruck, die drei machen es sich da zuweilen ein wenig einfach. Und das, wo sie es sich an anderer Stelle unnötig kompliziert machen: Beim Vokabular. Ihre behaglich sozialkritischen Texte auf Englisch zu singen, klingt doch allzu oft, als läge beim Dichten das Dictionary auf dem Verstärker. Und die arg deutsche Aussprache des Ganzen macht das Ernstnehmen nicht leichter. Aber auch SIX ist eben ein Album für die Beine, nicht den Kopf. Und in denen fühlt es sich wie immer großartig an. Also Karohemd an, Knöpfe auf, Vans drunter, rauf auf den Moshpit!

Itchy Poopzkid – SIX (Findaway Records)

Squarepusher

Dorthin gehört auch die Zuhörerschaft von Squarpusher. Und nirgendwo sonsthin. Könnte man meinen. Die Hälfte seiner 40 Jahre macht der bassversessene Produzent aus dem südostenglischen Essex eine Art Electronica, die das Gehirn beim Konsum so durchrührt, dass es als Spaßkonzentrat in die Beine sackt und Amok läuft. Drill’n’Bass nennt sich die Variante des ungeheuer schnellen, aber klügeren EDM mit “Intelligent” statt “Electronic” vor “Dance Music”. Dass man sich auch das gefühlt 20. Album aus dem Hause Warp weit jenseits irgendwelcher Tanzflächen anhören kann, hat daher ganz besondere Gründe.

Denn wie die meisten Platten zuvor, enthält auch Damogen Furies nicht nur eine endlose Zahl aberwitziger Soundkonstruktionen zwischen 60 und 200 bpm, sondern mehr noch den ganzen Kosmos dessen, was sich elektronisch an Musik generieren lässt, ohne die Möglichkeiten der Synths und Sequencer um ihrer selbst willen auszutesten. Squarpusher alias Thomas Jenkinson ist ein Forscher, der die Grenzen seines Genres permanent auslotet – und sein Publikum damit dennoch zum Ausrasten bringt. Nichts für stille Lesestunden im Kaminzimmer also, aber auch weit über den Club hinaus von Wert. Durchgeknallt. Fabelhaft!

Squarpusher – Damogen Furies (Warp)


Bernhard Schütz: Schlingensief & MdB

Ich sehe Politik als Kunst

Er hat schon diverse Kanzler verkörpert, dazu Minister und mit Christoph Schlingensief eine Partei gegründet. Als Schauspieler jedoch steht Bernhard Schütz auch nach vielen Jahren im Geschäft nur im zweiten Glied, zumindest vor der Kamera. Als desillusioniertes Politfossil Eichwald, MdB rückt der Rheinländer nun endlich an die Spitze eines grandios bissigen Vierteilers über die Berliner Republik und erzählt, wie es dazu kommen konnte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schütz, Ihr windiger MdB Eichwald lädt vermutlich jeden Zuschauer zum heiteren Parteienraten ein. Welcher gehört er so ungefähr an?

Bernhard Schütz: Was meinen Sie denn?

CDU, alter Blüm-Flügel.

Da müssen Sie sich zweierlei bewusst machen. Grad die Volksparteien machen längst keine Politik mehr, die entlang der alten Grenzen erkennbar ist. Und Eichwald, MdB ist Science Fiction in der Art Stanislaw Lems, wo es kein Oben, kein Unten gibt. Die wissen selbst nicht so genau zu welcher Partei sie gehören. Ich würde also sagen: linker Flügel CDU oder rechter der SPD.

Geht es im Vierteiler denn um dieses Ratespiel?

Es geht eher um eine die Bonner Republik in Berlin. Eichwald ist in der alten BRD groß geworden, Bochum II, als es noch echten Streit gab, Wehner gegen Strauß, Politiker, die ihr Mandat noch als echten Beruf im Sinne Max Webers aufgefasst haben, mit Arbeiterkindern von der SPD und Beamten in der Union

Wo sehen Sie sich als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau?

Mein Vater kommt aus Wuppertaler Lehrerverhältnissen, aber meine Mutter ist tatsächlich Duisburger Arbeiterklasse, ihre Mutter alleinerziehen mit sieben Kindern, Stahlindustrie. Dennoch war sie CDU, wenngleich frauenbewegt.

War ihre Kinderstube politisch geprägt?

Schon. Meine Mutter war Kommunalpolitikerin, mein Vater hat als Soldat noch die letzen Kriegswehen erlebt, alte Schule. Er war mit 18 in Gefangenschaft, sah das Berliner Schloss brennen, das hat seinen Umgang mit Politik geprägt. Ich hingegen war Kriegsdienstverweigerer, Atomkraftgegner, meine Freunde waren alle Trotzkisten, die RAF spielte eine Rolle. Politik hat mich immer bewegt.

Sind Sie auch aktiv politisch?

Wenn Politik überall stattfindet, wo man Einfluss nehmen kann, vom Arbeitsplatz bis ins Private – dann ja. Politische Dynamik entsteht meiner romantischen Ansicht nach überall, wo jemand seine Kraft nach den eigenen Möglichkeiten fürs Ganze einsetzt.

Das klingt nicht nach Parteipolitik.

Die wäre mir auch zu frustrierend. Deshalb habe ich mit Christoph Schlingensief vor vielen Jahren eine Alternative gegründet: Chance 2000. Viele haben sie als Spaßpartei betrachtet, aber das war’s nicht; gerade Christoph ist da völlig unironisch rangegangen. Es ging um Verstehen durch Nachspielenund einen kreativen Umgang mit den Mechanismen des deutschen Vereinigungswesens mit Kassenwarten, Satzung und allem.

Sind Sie mit ihm etwa auf dem Wörthersee zu Kohls Ferienhaus gepaddelt?

Leider nein, da wollte ich lieber selber Urlaub machen. Den Wahlkampfzirkus in Berlin hab ich aber schon mitgemacht. Aber sobald die Politik zu praktisch geworden ist, war ich dagegen. Realität interessiert mich daran nicht so sehr, ich sehe Politik als Kunst.

Ist Ihr Abgeordneter Eichwald also ein Kunstprodukt oder realistisch?

Was dazwischen. Es geht ums Handeln einer realen Kunstfigur wie Stromberg, das aus einer gewissen Bösartigkeit entsteht, die wiederum den Verhältnissen geschuldet ist. Was uns interessiert, ist die Entstehung von politischen Entscheidungen: Wie kommt der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Eisbärenkostüm, wie kommt es bei den Grünen zum Veggie Day, warum agieren Politiker oft so bizarr? In Bonn mussten Politiker Politik machen wollen, um voranzukommen. In Berlin brauchen sie sieben Berufe, müssen gut aussehen, pointiert sein, witzig, rhetorisch begabt, kompetent – sonst kommt man allenfalls ins Landwirtschaftsministerium. Aber selbst dort musst du mitten im Lernprozess suggerieren, alles bereits im Griff zu haben.

Steckt also mehr Wahrheit in Eichwald als uns lieb ist?

Na ja, wir haben in der Vorbereitung eine Sozialdemokratin getroffen, die morgens um halb acht mit dem ersten Ausschuss beginnt, um 23 Uhr den letzten hat, zwischendurch dauernd Akten ließt und extrem diszipliniert, kompetent, fleißig ist. Das kennzeichnet die meisten Abgeordneten. Von daher überhöhen wir ihn schon stark.

Überhöhen oder angesichts dieser Erfahrungen nicht doch eher verunglimpfen?

Nein, denn seine Darstellung hat vor allem mit unseren Ansprüchen zu tun, ist also Konsumentensicht. Und ich glaube, dass in der pointierten Polemik oft mehr Realismus steckt als in der wahrheitsgemäßen Abbildung. Entertainment hilft enorm beim Verstehen.

Und Sie scheinen dafür besonders geeignet, so viele Politiker Sie spielen…

Vielleicht. Ich hab schon fast alle Kanzler durch. Den alten Schmidt. Und Kohl hab ich getötet, damals mit Christoph. Schröder nackt im Fellkostüm als Siegfried in der Berliner Republik und Doris, gespielt von Irm Herrman, angeschrien: ICH WILL EIN SCHWARZES KIND VON DIR!

Ah ja. Gibt es etwas, das Schauspieler dazu prädestiniert, Politiker zu spielen?

Es gibt höchstens eine gewisse Denkfaulheit bei Produzenten und Publikum. Wenn einer wie ich mal einen Politiker gespielt hat, fragt man ihn eben dauernd danach.

Wobei Eichwald Ihre erste große Hauptrolle ist.

Ich habe 25 Jahre Theater durchgerockt, da stand ich dem Filmmarkt gar nicht zur Verfügung. Als ich in den Neunzigern Film ausprobiert habe, war das dann eher ein Lückenfüller. Richtig mit Anspruch drehe ich erst seit fünf, sechs Jahren, da kann ich noch keine Hauptrollen erwarten. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste… Dafür spiele ich öfter mal international mit, Most Wanted Man zum Beispiel. Und demnächst im Independent-Film Dog Wedding zweier New Yorker Juden. Da bin ich ein deutscher Gurkenproduzent.

Fühlen Sie sich in der zweiten Reihe womöglich gar wohler als an erste Stelle?

Nö, Hauptrollen sind viel leichter zu spielen. Man hat 1000 Szenen, in denen man sich ausprobieren kann, und viele Sklaven, die mit weniger Drehtagen dramaturgisch heillos überfrachtet die Geschichte schleppen. Hauptrollen sind toll.

Gibt es eine, von der Sie träumen?

Ich würde wahnsinnig gern mit den Dardenne-Brüdern aus Belgien arbeiten. Die machen Film wie Theater, mit viel Proben und biografischer Vermengung. Und Mike Leigh, der Naked gemacht hat, interessiert mich.

Think global!

Komischerweise, ja. Das ist mir so zugeflogen. Reines Glück.


Kinderprogramm: Heidi & die Plastikalpen

Alles so schön bunt hier

Nach Maja und Wicki beschleunigt das ZDF nun auch Heidi digital. Das ist in etwa so natürlich wie Tiefkühlpizza und verheißt noch mehr Hektik für fernsehende Kinder. Dem Programm fehlt im kommerziellen Wettstreit mit SuperRTL längst auch öffentlich-rechtlich zusehends der Mut zu Langsamkeit und gepflegter Langeweile.

Von Jan Freitag

Die Entdeckung der Langsamkeit war ein kurzer Frühling. Einfach Kind sein, oft gelangweilt, vorwiegend heiter – so durften bloß ein, zwei Generationen aufwachsen, nachdem jede zuvor nach der Geburt bald Arbeiter, Bauern, Untertanen oder Herrenmenschen, also sehr früh sehr reif sein musste. Jetzt haben Kleinkinder Handys, Grundschulkinder Termine, Hauptschulkinder Existenznöte, Elitenkinder Burnouts, alle also viel Stress. Der Frühling ist vorbei. Womit wir beim Fernsehen wären.

Auch da sind die Tage von Langsamkeit, gar Langeweile gezählt. 73 Minuten sitzen TV-Einsteiger vorm Fernseher. Täglich. Vom Tablet ganz zu schweigen. Mit der Einschulung steigt der Konsum auf fast eineinhalb Stunden. Und geht es dann auf weiterführende Schulen, beschießt landet die Zielgruppe 106 Minuten im Effektgewitter. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa spricht von „erbarmungsloser Steigerungslogik“, die mit der Gesellschaft auch ihr Leitmedium ergreift. Selbst öffentlich-rechtlich, stimmt ein Produzent der ersten Stunde zu, gehe es zunehmend „schrill und schreiend bunt“ zu. Als Armin Maiwald vor 44 Jahren die Sendung mit der Maus erfand, passierte dagegen im Kinderfernsehen meist – nichts.

Vorm dualen System war es ein langer ruhiger Fluss. Bei Wicki etwa bewegten sich 1972 trotz Eroberungsthematik oft nur die Lippen der Wikinger. Kurz darauf mag Paulchen Panther Verfolgungsjagden in Versform kompiliert haben – ihr Tempo war noch niedriger als die Zahl der Schnitte. Sogar Captain Future stand oft regungslos vor starrem Hintergrund. Er wisse „gar nicht, was ich euch erzählen soll“, sagte Flip 1976 zum Start der Biene Maja, „im Moment passiert nicht so viel“. Und alles gab ihm recht: blasse Farben, stille Bilder und ein Grashüpfer, dessen Leben, „ganz schön langweilig“ sei.

Zu langweilig, glaubt das ZDF. „Mit dem alten Material erreicht man jetzige Generationen nicht mehr“, meint Redaktionsleiterin Irene Wellershoff. Also wurden die japanischen Animes des analogen Zeitalters 2011 mit CGI-Technik erneuert, zum Minutenpreis nah am Tatort-Niveau. Nachdem sodann auch Wicki dem Crashkurs in Sachen Hypermoderne unterzogen wurde, ist nun das nächste Idyll früherer Kinderfernsehtage dran.

Heidi.

Vor 135 Jahren von Johanna Spyri erdacht, war das süße Waisenmädchen auf Alm-Öhis Berghof eine Antwort auf die Industrialisierung, deren Folgen schon damals ein Sog zur Natur entfachte. Wenn das flämische Studio 100 diese Entschleunigung nun im Auftrag vom ZDF oder Sendern wie dem französischen TF1 rückbeschleunigt, wird der Geist des Buchs förmlich vergewaltigt – ohne jeden Mehrwert: Anders als in den 52 Folgen von 1977 klingt Heidi nicht unbeschwert selbstbewusst, sondern nach Puddingwerbung. Ihr Umfeld stakst mit seltsamen Wursthaaren durch Plastikalpen wie Videospielfiguren vor 20 Jahren. Warum jene rechnerbasierte „Tiefe und Farbigkeit“, die Barbara Biermann von der ZDF-Kinderredaktion lobpreist, mit Daten besser zur Geltung kommen sollen als per Zeichenstift, bleibt das Geheimnis des Senders. Ebenso wie der Umstand, dass Andreas Gabalier das Titellied von Gitti und Erika nun zu stupidem Volksschlager vergewaltigen darf.

Stimmt schon: das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die Reizunterflutung alter Kinderbuchadaptionen widerspricht dem Zeitgeist ähnlich wie sozialdemokratische Relikte à la Rappelkiste. Minutenlange Regungslosigkeit mag auf drei Sendern mit Staatsauftrag funktioniert“; bei Hunderten ohne Scheu vor Knalleffekten wäre rückständige Zurückhaltung kaum konkurrenzfähig. Sensorische Sperrfeuer von Ninja Turtles bis Power Rangers haben Anfang der Neunziger schließlich mit der Bildsprache auch Sehgewohnheiten verändert. Selbst beim KiKa, 1997 als reklamefreie Alternative zu SuperRTL installiert, steigt der Takt. Sein Senderauftrag gehe zwar übers Entertainment hinaus, so der damalige Programmchef Steffen Kottkamp zum Maja-Relaunch. „Wir können aber nur fördernd auf Kinder einwirken, wenn sie uns zusehen.“

Dem könnte man zustimmen, vollzöge sich die Generalüberholung alter Serien dezent. Doch was denen droht, wenn erst Maja, dann Wickie, nun Heidi, bald Pinocchio beschleunigt werden, zeigte Garfield bereits 2008: zwei Jahrzehnte zuvor hatte der fette Kater bei Sat1 die Dynamik eines Felsvorsprungs, wurde dann aber zusehends von Killerkuchen durch Farbexplosionen gehetzt. Was nichts ist gegen das epileptische Gezappel der SuperRTL-Elfen Cosmo und Wanda. Selbst der betuliche Cartoon Yakari kommt nicht ohne Splitscreen aus. Und überall steigt der Schallpegel. Dabei können „laute, plötzliche, heftige und unvorhergesehene Geräusche, Stimmen und Musik“ aus Sicht des Medienpädagogen Jan-Uwe Rogge Angstzustände erzeugen.

Was fehlt, ist die Chance zur Abstraktion, zum Runterregeln. Der Soziologe Rosa hält Fernsehen da zwar generell eher für ungeeignet. Doch von Musik über Schnitt bis zum Inhalt „waren alte Serien insofern kindgerechter, als sie mehr Zeit zur Vertiefung“ ließen. Die „rasch wechselnden Simulationsflächen“ von heute seien untauglich, TV-Neulingen etwas Wesentliches zu lehren: „Sich selbst zu ertragen.“ Im Augenblick versinken – für dieses Kindertalent lässt das Kinderfernsehen kaum noch Raum.

Gesendete Betulichkeit wie die Augsburger Puppenkiste, ist vom KiKa zu hören, finde halt nur noch wenig Akzeptanz bei Kindern. Und deren Eltern mögen in ihrer Fernsehvergangenheit schwelgen, wenn sie alte Animes auf DVD kaufen; die Quoten digitaler Auffrischungen belegen, dass beides funktioniert – Original wie Fälschung. Eltern wissen ja genau, wie Vorschulkinder quieken, wenn Wickis Wikinger im Affenzahn das Nordmeer durchpflügen. Bei der ereignisarmen Zeichentrickversion kehrt dagegen Ruhe ein, Entspannung, Konzentration. Umso mehr fragt sich, wer zuerst da war: Die Hektik oder der Bedarf danach. Auch Heidi wird keine Antwort geben.


Skandalbausätze & MdB Eichwald

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

6. – 12. April

Dass Reklame zum Fernsehen gehört wie RTL, Heidi Klum oder Der klügere kippt nach, ist eine Tatsache, die man nicht mögen muss, aber akzeptieren. Dennoch – oder deshalb – macht es Konsumenten schlicht wahnsinnig, wenn darin so gelogen und betrogen wird, wie im Nahrungsmittelsektor üblich. Ein großer Discounter – nennen wir ihn Lödl – etwa, bekannt für ausbeutenden, naturzertörenden, strukturvernichtenden Preiskampf bis aufs Messer, zeigt derzeit, was es heißt, die Kundschaft hinters Licht, also an die Kasse zu führen. In Manufactum-Ästhetik stilisieren aufwändige Spots schäbig fabriziertes Folterfleisch aus Massentierhaltung zur nachhaltigen Gourmet-Ware, als sei McDonalds eine Tochter von Greenpeace. Man kann, um es dem Ärger über so viel Verlogenheit gemäß drastisch auszudrücken, gar nicht genug Lödl-Dreck fressen, um so kotzen zu müssen, wie man möchte.

Womit wir beim zweitliebsten Hassobjekt aufgeklärter Mediennutzer nach dem Privatfernsehen wären: der Bild. Die ist weiter das zweitmeistzitierte Infoprodukt nach dem Spiegel und belegt damit eindrücklich, wie man mit dubiosen, meist populistischen, nicht selten unlauteren Mitteln in den Fokus der Aufmerksamkeitsindustrie gerät. Die Mehrheit der Zitate – oft einzige Recherchegrundlage diverser Billigmedien vom Regenbogenblatt bis zum Formatradio – basiert ja auf Falschmeldungen, Skandalbastelbausätzen und sonstigen Formen des elaborierten Schmierenjournalismus, den das notorische Drecksblatt bar ethischen Anspruchs ins Gehirn seiner Nutzer bläst.

Zyniker würden dem Verlag dahinter glatt mal eine Cyber-Attacke wünschen wie jene, die am Donnerstag den französischen Kanal TV5Monde über viele Stunden lahmgelegt hat. Da das aber ein bisschen viel der virtuellen Gewalt wäre, wünschen wir uns lieber, David Lynch würde eine Serie über die Machenschaften des Springer-Konzerns drehen, die ihn als mysteriösen Machtorganismus inszeniert. Dummerweise macht das Regiegenie knapp 25 Jahre später nun aber nicht mal die heiß ersehnte Fortsetzung von Twin Peaks für den US-Sender Showtime. Der habe einfach nicht genug Geld für sein Anspruchsdenken geboten, erklärte der Regisseur seinen Rückzug, weshalb das Sequel womöglich ohne ihn hergestellt wird. Ein Jammer, eigentlich.

0-FrischwocheDie Frischwoche

13. – 19. April

Wie der Umstand, dass Donnerstag erneut ein Stück der seltenen Brillanz jenseits von Krimi und Schnulze ins öffentlich-rechtliche Asyl abseitiger Nachtsendeplätze (ZDFneo, 22.45 Uhr) geschoben wird. Es heißt Eichwald, MdB und porträtiert einen fiktiven Bundesabgeordneten, der in seiner desillusionierten Selbstgerechtigkeit so wahrhaftig wirkt, dass es fast wehtut. Ein guter Grund, dass es auch noch fabelhaft unterhält, ist hingegen Stefan Stuckmann, der sonst unter anderem die heute show mit Pointen versorgt und nun grandios den Berliner Politalltag persifliert. Ein noch besserer Grund allerdings ist Bernhard Schütz. In seiner ersten echten Hauptrolle gibt der geübte Nebendarsteller dem Wahnsinn eines Politikfossils, das sich in 30 Jahren Parlamentsarbeit zerreiben ließ, ein famoses Gesicht.

Gesichterwechsel dagegen beim misanthropischen ARD-Ermittler Zorn. In seinem neuen Fall am gleichen Tag zur ungleich besseren Sendezeit ersetzt der schicke Lover zahlloser Kommerzromanzen Stephan Luca den Charakterdarsteller Mišel Matičević, was wirklich schlimmer hätte kommen können. Gleiches gilt für Anja Kling als Kommissarin, der das ZDF die eigene Filmtochter zur Kollegin im nächsten weiblich besetzten Samstagsmorddezernat macht. Blöder als bei Die Wallensteins kann die Ausgangskonstellation eines Krimis also kaum sein. Die fabelhafte Hauptdarstellerin aber macht dann doch den Unterschied.

Kein Unterschied ist demgegenüber zwischen Christoph Maria Herbst und Christoph Maria Herbst in der betulichen Zwillingskomödie Besser als du zu erkennen, die fast sämtliche Stärken wie Schwächen des ARD-Freitags vereint: ganz nett, aber so glatt, dass man sich sofort einen Schuss Realität auf den Bildschirm wünscht. Wie die schwarzweiße Lowbudget-Sensation Oh Boy (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) mit Tom Schilling als Berliner Antiheld Nico, der stinknormalen Kaffee ohne Latte, Soy, Chichi will und ansonsten einfach nur seine Ruhe. Oder doch gleich die harte ARD-Doku „Countdown zu einem Tabubruch“ (Montag, 22.45 Uhr) übers bedrückende Ringen um die Neuauflage von Mein Kampf, dessen Urheberrechte 2016 auslaufen. Bisschen sanfter, aber ebenfalls gehaltvoll, die Wiederholungen der Woche, in schwarzweiß diesmal Haben und Nichthaben, Howard Hawks‘ legendäres Résistance-Drama mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in ihrer allerersten Rolle als femme fatale von 1944 (Sonntag, 20.15, Arte). Und in Farbe der ebenso legendäre Tatort: Reifezeugnis, (Montag, 23 Uhr, RBB) mit Klaus Kinskis Tochter Nastassja als Lolita, die mit ein bisschen Offenherzigkeit 1977 noch ein mittelschweren TV-Skandal erzeugen konnte.


Rah Rah/White Hills/Adna/Young Fathers

Rah Rah

Wenn Krokusse durch den Winterboden blinzeln und Frühjahrspracht die Herzen wärmt, beginnt die schizoide Zeit saisonal verwirrter Gemüter. Um dem Trübsinn der dunklen Jahreszeit auch atmosphärisch den Garaus zu machen, schwelt alle Welt bereits im nahenden Sommer, was rasch so auf die Nerven geht, dass man sich Regenwolken ins Himmelblau wünscht. Dieser Zerrüttung angemessen zu vertonen, ist eine echte Herausforderung – und führt direkt zu Rah Rah. Das kanadische Trio, dessen Umfang sich seit der Gründung 2008 fast verdoppelt hat, macht einen Power-Pop, der dem Winter Osterfeuer unterm Hintern macht. Mit vielstimmigen Woohoo-Chorälen treibt ihr neues Album Vessels die süffigen Fuzzriffs auf Eisverkäufer-Niveau, regelt die gute Laune sodann mit dumpferen Wave-Flächen auf bedeckt, bis A Love That Sticks ein paar Strahlen hindurch lässt, die noch lange nicht zum Sonnenbad anregen. Man kann den Frühling cooler begrüßen, klüger, seifiger sowieso, aber kaum lässiger. Heiter bis wolkig, würde der Wetterbericht sagen. Gibt es angenehmeres Wetter?

Rah Rah – Vessels (Devil Duck Records)

White Hills

Wobei gutes Wetter wie erwähnt nicht nur eine Frage von Azorenhochs oder polaren Tiefs ist, sondern der ganz persönlichen Wahrnehmung dessen, was die jeweilige Seelenlage gerade am besten untermalt. Für all jene also, denen schon das morgendliche Lüften zu viel der Lebensbejahung darstellt, bieten White Hills das nächste Stück elaborierter Übellaunigkeit, die sich nicht im Zweckpessimismus verläuft, sondern sämtliche Farben des Trübsinns neu verrührt. Auf ihrem grob geschätzt 150. Album in kaum zehn Jahren ist das New Yorker Psychobeat-Duo Dave W. und Ego Sensation wieder in seinen Krautrockkeller gekrochen, um darin alles auf Moll zu drehen, was nicht bei drei auf dem Dur-Baum ist. Sie mögen zwar von frühlingshafter Wanderlust singen, die einige von uns haben. Der Rest jedoch is „lying face down in the dirt“. Auf zertrampelten Krokussen womöglich, was unzweideutig daraufhin deutet, dass Walk for Motorists fern vom Tageslicht entstanden ist. Die Vorhersage für heute: Zäher Bodennebel, der sich bis zum Abend nicht auflöst. Aber manchen macht ja erst das akzeptable Laune.

White Hills – Walk for Motorists (Thrill Jockey)

Adna

Gewitterwolken im Kopf als Distinktionsmerkmal vom Eiapopeia-Fieber des frühlingserwachenden Mainstreams ist allerdings immer noch ein Privileg schwedischer Kommissare und der Pubertät im Ganzen. Bis aufs Kriminelle vereint Adna einen Großteil dieser Attribute auf sich, auch wenn die Sängerin vom Bottnischen Meerbusen mit ihren 20 Jahren schon aus dem Gröbsten raus sein sollte. Da sie aber locker fünf Jahre jünger aussieht und in ihrer gravitätischen Tristesse so skandinavisch wie ein Satz Ystader Ritualmorde, ist die düsterhaarige, düstergekleidete, düsterdaherkommende Wahl-Berlinerin der Inbegriff jugendlichen Katzenjammers. Ein bisschen wie ihre Generationsgenossin Birdie, ebenfalls mit hinreißenden Coverversionen groß geworden, nun eigenkompositorisch der Kindheit entwachsen. Ihr zweites Album Run, Lucifer wimmelt nur so von Lonesomes, Shivers, Silent Shouts und transportiert darin eine ergreifende Traurigkeit, dass man wie sie seinen Kleiderschrank instinktiv von aller Farbe befreien möchte. Doch die spärlich instrumentierten Arrangements mit Synthie-Tupfen und Adnas XX-artiger Gitarre kleiden ihr getragenes Organ in derart elegante Harmonien, dass man beim Schwärmen kaum ins Miesepetern kommt. Ist also doch Regenbogenmusik.

Adna – Run, Lucifer (Despotz Records)

Young Fathers

Ohnehin im Sonnenscheinmodus müssten die Young Fathers sein. Gerade erhielt ihr Debütalbum den Mercury Prize als beste Platte 2014, da legen sie schon den Nachfolger mit dem originellen Titel White Man Are Black Man Too hin. Und schon wieder ist es famos, was die drei Freunde aus dem schottischen Edinburgh machen. Wenn Hip-Hop das ist, was seine Urahnen stets beteuerten, ein Kommunikationsmittel nämlich, in dem es um mehr geht als den tightesten Reim, dann sind Alloysious Massaquoi, ‘G’Hastings und Kayus Bankole Kommunikationswunder. Ihre technoid-verspielte Form des Sprechgesangs wirkt wie ein dauernder Diskurs aller unter-, mit und durcheinander, was ihren Rap auf höhere Ebenen hievt. Versetzt mit viel Funk, Rock, Soul, Pop und allerlei Sounds der afrikanischen Wurzeln zweier Bandmitglieder, klingt das in den helleren Momenten, als träfen sich Bootsy Collins mit Outkast zur Bronxparty, in den dunkleren, als fände sie bei Tricky im Keller statt. In den meisten aber treffen sich alle gemeinsam oberirdisch unterm Frühlingshimmel und feiern die Kreativität.

Young Fathers – White Men Are Black Men Too (Big Dada)

Mehr Text und Bilder und Sound unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-03/young-fathers-san-cisco-adna-rah-rah


Kino: Kurt Cobain – Montage of Heck

Der Schmerzensmann

Brett Morgens Dokumentation Montage of Heck ist gewiss nicht der erste, aber beste Film über Kurt Cobain. Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Selbstmord schildert er sein Leben als Abfolge von Schmerzen und wirkt gerade dadurch ungeheuer heilsam. Ein vertonter Nekrolog mit vielen Comicsequenzen und noch mehr nie gesehenen Archivbildern. Grandios! 

Von Jan Freitag

Mütter sind ein Naturphänomen. Nicht wenige von ihnen halten bis tief ins Erwachsenenalter metaphysisch Kontakt zum Nachwuchs, als sei die Nabelschnur noch intakt. Mit gespenstischer Empfindsamkeit erspüren sie über große Distanzen hinweg das Seelenleben ihrer Kinder, riechen Ängste, wittern Gefahr, fühlen Sorgen und wissen Signale im Hochfrequenzbereich zielsicher zu deuten – selbst auf Musikkassetten. Als Wendy Elizabeth Fradenburg zum Beispiel vor 25 Jahren eine ihres Sohnes hörte, das wusste sie gleich mehr als bloß zu ahnen: „Schnall dich an, Kurt, denn darauf bist du nicht vorbereitet.“

Das allein wäre nun keine aufsehenerregende Interpretationsleistung, hieße der picklige Junge von damals 23 Jahren nicht mit Nachnamen Cobain und das schlichte Demotape in Mamas fürsorglicher Hand Nevermind – kurze Zeit später die wohl berühmteste Schallplatte des Rock vom wohl berühmtesten seiner Antihelden. Und Mama Cobains Antennen behielten recht, denn ihr kleiner Kurt schnallte sich nicht an. Im Gegenteil: er ließ sogar die Fahrertür offen, ignorierte alle Verkehrsregeln, pfiff auf Promillegrenzen und raste mit Vollgas in die Mauer seines eigenen Kreisverkehrs.

Mit welcher Wut er das tat, mit wie viel Eifer und was für einer Energie – das zeigt ein Film, den besser niemand sieht, in dessen Träumen Kurt Cobain ein Engel im Grungehimmel bleiben soll. Einerseits. Den andererseits unbedingt – keine Bitte, ein Befehl! – jeder sehen sollte, für den Musik nicht nur das Abspielen vorgefertigter Tonabfolgen ist, sondern Teil eines Gesamtkunstwerks, mehr Organismus als Sound, komponierte Persönlichkeit. Montage of Heck heißt diese Dokumentation. Es ist bei weitem nicht der erste übers Leben, Sein und Sterben des leidgeprüften Genies aus Aberdeen/Washington, aber die weitaus beste. Benannt nach Kurt Cobains erster Proberaum-MC, deren Titel ahnen lässt, was das künftige Idol einer ganzen Generation auf sich zurollen sah: Installation der Hölle.

Durch die reist Brett Morgen hindurch, vom fröhlichen Anfang bis zum bitteren Ende, atemlos, gnadenlos, kein Horrortrip, aber ein wilder Ritt. Nachdem der vielfach preisgekrönte Regisseur mit Boxern in der Bronx bereits Menschen porträtiert hat, die ihr Leben lang unten bleiben, mit den Rolling Stones aber auch solche, die zeitlebens aufwärts streben, widmet sich Cobains fast gleichalter Landsmann nun einer Figur der Zeitgeschichte, die wie eine Flipperkugel zwischen Decke und Boden des Daseins flottiert.

Streng chronologisch geht Morgen dem Objekt seiner Kamerabegierde auf den Grund. Angefangen mit grisseligen Schmalfilmaufnahmen einer spießbürgerlich behüteten Jugend im Nordwesteck Amerikas, arbeitet er sich peu à peu übers anschwellende Teenager-Desaster vor zu den ersten Gehversuchen als Musiker, die vorbei am höllischen Demotape scheinbar geradlinig auf den Olymp des Rock’n’Roll führen, bis er von ihm runter stürzt, depressiv und drogensüchtig, Flinte im Mund. Exitus. Doch es ist das Verdienst des Autors, fast ein Geschenk an faszinierte Beobachter wie innige Fans, dass er nie formalistisch gerät. Sein Gradmesser dieser totgeweihten Existenz ist weder Sieg noch Niederlage, sondern Schmerz: Des Scheidungskindes, Geborgenheit zu suchen und gleichsam zu verachten. Des Künstlers, Erfolg zu wollen und zu fürchten. Des Workoholics, faul zu sein und ehrgeizig. Des Familienvaters, Liebe zu geben und zu zerstören. Des Gottes, Hitze zu spenden, aber auszubrennen.

Schmerz, das lehrt uns die Pophistorie, ist ein steter Begleiter des Ruhms. Zumindest für alle, die schnell genug leben, um jung zu sterben, wird er vom Leid begleitet wie ein Südstaatenbegräbnis. Das belegt nicht zuletzt der legendäre Klub 27, dem zuletzt die physisch wie psychisch zerschlissene Amy Whinehouse beitrat. Das belegen mehr noch jene Zeitgenossen des Vereinsgründers, die Brett Morgen vors Objektiv kriegt. Sein erstaunlich biederer Bassist Krist Novoselić, der mit ratloser Mine vom täglichen Kampf des Bandhirns mit sich und seinen Dämonen erzählt. Ein erstaunlich offener Vater, der den jungen Kurt als hyperaktives Ritalin-Depot schildert. Dazu, erstaunlich aufgeräumt, Courtney Love, die den Traum ihres Mannes zitiert, drei Millionen verdienen zu wollen „und dann Junkie zu werden“. Und nicht zuletzt sein Träumer selbst, der auf dem Weg dorthin beteuert, alles dafür zu geben, seine chronischen Magenschmerzen loszuwerden, aber Angst habe, „ohne sie weniger kreativ zu sein“. Der in grotesk intimen Heimvideos Einblicke ins Innerste seines Daseins gewährt und doch oft direkt neben sich steht – mal angewidert, mal selbstverliebt, oft erstaunt vom aberwitzigen Kerl an seiner Seite.

Um beide zu illustrieren, Realität nebst Trugbild, verdichtet Brett Morgen das vielfältige Archivmaterial aus allen Phasen seiner 27 Jahre mit virtuosen Comic-Passagen, lebenden Skizzen und periodisch verblassendem Bildschirm über Nirvanas variiertem Soundtrack. All dies macht Montage of Heck zum gefilmten Zerfallsprozess, der niemanden schont und jeden bereichert – Cobain, sein Umfeld, die Zuschauer, sie vor allem. Anschnallen bitte!

Montag of Heck läuft für kurze Zeit in ausgewählten Kinos wie dem Cinemaxx; mehr Pics’n’Sound’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-04/cobain-montage-of-heck-film