K. Wackernagel: Blümchenkleid & Feminismus

WackernagelMehr Instinkt als Konzept

Katharina Wackernagel ist der personifizierte Hoffnungsschimmer im Untergang. Ab heute sorgt die Schauspielerin auch im Urbino-Krimi für Dauerlächeln im Blümchenkleid (Foto: Degeto/Gordon Mühle). Dabei ist er eher zum Heulen, so uninspiriert, lieblos, klischeehaft und dämlich verpflanzt die ARD-Reihe deutsche Schauspieler an einen italienischen Schauplatz mit weit mehr Schauwert als Inhalt, gar Niveau. Die 37-Jährige aus dem Breisgauer Sommerhoch über nationale Ermittler im internationalen Einsatz, Emanzipation im Damensattel und ihren Onkel bei der RAF.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Katharina Wackernagel, vervollständigen Sie doch mal diese Liste: Bozen, Athen, Venedig, Paris, Istanbul, dazu demnächst Island, Kroatien, Zürich, Tel Aviv…

Katharina Wackernagel: (lacht) Ich nehme mal an Urbino?

Ganz genau. Warum bitte spielen so viele deutsche Krimis mit deutschen Schauspielern in deutscher Sprache außerhalb von Deutschland?

In der Tat kenne ich die anderen Krimis nicht und war mir beim Angebot nicht gewusst, dass es sich dabei um solch ein Phänomen handelt. Aber für das Publikum ist es offenbar reizvoll, das Ungewohnte – in solchen Fällen Mentalität, Umgebung, Atmosphäre – mit dem Gewohnten – also bekannten Gesichtern in der eigenen Sprache zum Thema Mord – zu kombinieren. Unsere anhaltende Leidenschaft für Krimis braucht offenbar Platz, um sich nicht schon geografisch zu wiederholen. Da würde mich als Zuschauerin etwas Abwechslung auch reizen.

Und als Schauspielerin dürfen Sie da die Arbeit mit dem Aufenthalt in einer absoluten Urlaubsumgebung kombinieren, wie Harald Schmidt einmal sein Engagement auf dem Traumschiff erklärt hat.

Urbino als Drehort fand ich in der Tat so schön, dass es mich zusätzlich überzeugt hat; aber entscheidender, ob ich eine Rolle annehme oder nicht, ist natürlich das Drehbuch. Meine Malpomena ist ein eigenwilliger, kurioser Charakter mit gutem Humor und einer kratzbürstigen Weiblichkeit. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen.

Eine feministische Maulheldin, die in der Theorie emanzipiert ist, in der Praxis aber dauernd in klassische Rollenmuster verfällt und im Damensattel Motorroller fährt?

Gerade diese Widersprüchlichkeit finde ich ziemlich modern und spannend. Eine starke Frau, die sich in den Mantel helfen lässt, ist doch beileibe kein Widerspruch mehr. Dennoch drückt sie mit ihrer Weiblichkeit mehr auf die Tube, als ich selbst es täte. Ihre Spielchen sind mir eher fremd.

Als Schauspielerin verkörpern Sie oft Figuren, die mit einer gewissen Lebenskraft und -Freude im bitterernsten Umfeld die Hoffnung aufrechterhalten.

Ja, da ist etwas dran. In meinem Beruf wird so gut wie jeder in ein gewisses Rollenprofil gedrängt, das einen trotz allen Bemühens, verschiedenartigste Charaktere darzustellen, immer wieder einholt, das einem aber eventuell auch ein wenig entspricht. Diese Mischung aus Optimismus, Melancholie und Bodenständigkeit in vielen meiner Rollen kommt daher vielleicht nicht von ungefähr. Umso mehr Spaß macht es mir gegenzusteuern – mit Slapstick oder Sozialdramen wie Die Boxerin, bei dem ich wirklich überhaupt nichts zu lachen hatte.

Suchen Sie danach gezielt?

Wer  zu verbissen nach etwas sucht, steht sich schnell selbst im Weg. Aber wenn so eine abweichende Rolle vor mir liegt, greife ich womöglich selbst dann zu, wenn das Buch schwächer ist.

Scheu vor leichter Kost hatten Sie noch nie…

Nein, warum auch? Ich denke nicht dauernd über mein Renommee nach. Oberflächlich darf es natürlich nicht werden, aber  ich gehe an meine Karriere auch nicht mit einem unveränderlichen Konzept ran. Insbesondere im Bereich Dramen gibt es noch einiges, was ich noch spielen möchte. Aber das ist im Film anders als im Theater, wo man einmal im Leben die Louise oder Julia gespielt haben muss. Für mich hatte Schauspielen schon immer mehr mit Instinkt als Konzept zu tun.

Wenn man in einem Schauspielerhaushalt aufwächst, könnte man das Gegenteil vermuten. Gab es für Sie eine Wahl oder war klar, dass Sie in dieselbe Kerbe schlagen?

Meine Familie hat da weder gedrängt noch abgeraten, aber es war natürlich schon ein Bett bereitet, in das man sich gut legen konnte. Es gab entsprechend nicht die typischen Sprüche wie „lern was Vernünftiges“. Als ich mit 15 die reguläre für die Schauspielschule schmeißen wollte, haben meine Eltern allerdings schon definitiv „Nein“ gesagt.

Mit Erfolg?

Wie man‘s nimmt. Zwei Jahre später habe ich ohne Schauspielabschluss zu Drehen begonnen, was für meine Eltern, Großmutter und meinen Onkel, die alle vom Theater kommen, schon ungewöhnlich war. Umso mehr haben die geschmunzelt, als ich 2013 erstmals wieder auf der Bühne stand. Aber einer meiner Brüder ist zum Beispiel Informatiker geworden; man muss also mit dieser Verwandtschaft nicht zwingend auf die Bühne.

Muss man mit ihr denn zwingend politisch werden?

Das muss man nicht. Meine Eltern sind viel politischer als ich, aber damals war auch die Ensemblearbeit im Theater viel politischer als heute.

Das hat einen Teil davon bis in die RAF getragen.

Ja, meinen Onkel Christof.

Hat es sie von der Politik abgeschreckt, dass er deswegen im Knast saß?

Ich würde sagen: Dadurch hat sich ein anderer Zugang dazu entwickelt. Meine Eltern sind immer offen damit umgegangen, dass Christof praktisch während meiner gesamten Kindheit im Gefängnis saß. Dadurch habe ich viele Fragen gestellt: Was ist die RAF, was ist Terrorismus, was ist los in diesem Land? Das hat mich natürlich geprägt; wir sind alle dazu erzogen worden, unsere Meinung zu äußern.

Lautstark?

Na ja, wenn ich so sehe, wie meine Eltern stets für ihre Vorstellungen gekämpft haben, dann bin ich vermutlich doch, wie soll man das sagen: gemütlicher?

Auch spießiger?

Nein (lacht), aber das gesellschaftliche Klima ist heute anders als vor 30, 40 Jahren, selbst die Demos sind heutzutage ja andere. Aber so sehr meine Eltern auch betont haben, wie wichtig es sei, gegen das eingestaubte Nachkriegssystem mit all den Altnazis in wichtigen Positionen zu kämpfen, haben sie gleichzeitig immer betont, dass es nur gewaltlos möglich sei.

Hat diese Erziehung einen anderen Zugriff auf Ihre Rolle als Terroristin Astrid Proll im Baader-Meinhof-Komplex mit sich gebracht als bei den anderen Darstellern?

Das glaube ich nicht. Eine Rolle bleibt eine Rolle. Die nehme ich an und spiele sie. Ein Leben im Untergrund zu spielen, ist ebenso toll wie eines in dem, was für viele ein Spießerparadies ist; diese Leben tatsächlich  zu führen, das ist etwas völlig anderes.

Was mögen Sie denn lieber – Härte oder Leichtigkeit, Contergan oder Romanze?

Da wird wohl jeder Schauspieler ersteres antworten. Aber wenn sie authentisch und glaubhaft sind, mag ich leichtere Stoffe genauso wie schwierige. Ich möchte letztlich eine breite Palette an Filmen spielen.

Und welche Rolle fehlt Ihnen dazu noch ganz dringend?

Da fällt mir so spontan keine ein. Aber ich habe schon Lust auf so ein richtiges historisches Drama. Gern ohne Happyend.


Neofaschismus & Hauswirtschaftslehre

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

8. – 13. März

„Faschistoid“, das zeigt sich auch und gerade seit dem vorhersehbar unfasslichen Erfolg der Blut-und-Boden-rassistischen AfD in allen drei Landtagswahlen, ist ein überaus inflationär gebrauchter Begriff. Dabei muss einiges zusammenkommen, um ihm zu genügen: Totalitarismus, Führerprinzip, Feindbilder und ein verschwörungstheoretischer Ermächtigungsfuror gegen alles, was der Volksgemeinschaft so entgegensteht. Auf die Türkei bezogen, klingt „faschistoid“ da doch gleich weniger inflationär. Wegen angeblicher Kollaboration mit dem Prediger Fethullah Gülen, der die Gunst von Präsident Erdogan 2013 verlor, als er dessen halbem Hofstaat Korruption nachweisen konnte, hat die willfährige Justiz nun die regierungskritische Zeitung „Zaman“ unter staatliche Aufsicht gestellt.

Angesichts der Gefälligkeitsberichte, die Erdogan dort seither feiern, fragt sich: Was macht eigentlich die EU? Antwort: Eine Menge! Garniert mit diplomatisch formulierten Protestfetzen wird die Türkei wegen ihrer Rolle in der Flüchtlingskrise mit Geld und Wegsehen ausgestattet, was die Sache mit der Pressefreiheit, nun ja, irgendwie zweitrangig wirken lässt. Da ist es kaum noch einer Randnotiz wert, dass die Nachrichtenagentur Cihan ebenfalls unter Zwangsverwaltung gestellt wurde, die bereits ein Fernsehkonsortium in Windeseile so heruntergewirtschaftet hat, dass auch am Bildschirm nur präsidiales Wohlgefallen herrscht.

Was einmal mehr beweist, wie wichtig unabhängige Medien in den Händen vieler sind – selbst in demokratischen Rechtsstaaten wie unserem. Das Urteil des Bundeskartellamtes von 2005, die schon damals marktbeherrschenden Aktiengesellschaften Springer und ProSiebenSat1 nicht fusionieren zu lassen, ging exakt in diese Richtung. Dennoch hat es letztere auch ohne erstere geschafft, als erstes Medienunternehmen überhaupt in den DAX aufzusteigen. Mit einem TV-Programm übrigens, das zwar nur noch Peanuts zum Konzernerlös beiträgt, aber selbst die Konkurrenzangebote prägt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. März

Ob das ZDF ohne den Einfluss kommerzieller Unterhaltung allerdings opulentes Zeitgeschichtspuschenkino wie Ku’damm 56 produziert hätte, sei mal dahingestellt. Die inflationär gebrauchte öffentlich-rechtliche Historienschnulze rings ums Kriegsende ist schließlich eine Erfindung des dualen Zeitalters, in dem alle Form den Inhalt besiegt hat. Auch die Geschichte dreier grundverschiedener Töchter einer Berliner Tanzschulbesitzerin hätte demnach das übliche Kostümgelage im Wirtschaftswunderambiente werden können – ginge es Regisseur Sven Bohse (Buch: Annette Hess) zwischen all den Nierentischen und Petticoats nicht um was anderes.

Oberflächlich mag Mauerblümchen Monika (Sonja Gerhardt) nach verpatzter Hauswirtschaftslehre als Tanzlehrerin zwischen mütterlichem Kontrollfreak (Claudia Michelsen) und Freiheitsdrang (Rock’n’Roll), heiratswilliger und verheirateter Schwester, gutem und fiesem Verehrer hin und hergerissen werden. Dahinter aber skizziert der Dreiteiler (Sonntag, Montag, Mittwoch) mit recht tiefgründiger Hingabe das männliche Abwehrgefecht gegen den damaligen Verfall des Patriarchats. Gewiss, es gibt die gewohnten Klischees wie notorische Überdekoration, als trügen 2076 alle Figuren eines Historienfilms übers Jahr 2016 Vollbart oder Steckfrisuren. Aber es ist stets spürbar, dass dies nur den Schauwert für etwas liefert, das Historienschnulze ansonsten fehlt: Haltung.

Die hatte im ersten Teil seiner losen Krimireihe auch Privatdetektiv „Dengler“, eindringlich gespielt von Ronald Zehrfeld. Im zweiten Teil kann er dieses Niveau am Montag im ZDF aber nicht ganz halten – trotz Birgit Minichmayr als burschikose Hackerin an seiner Seite. Ganz anders hält es da Wotan Wilke Möhring, dessen Hamburger Tatort-Ermittler Falke ohne seine Partnerin Lorenz alias Petra Schmidt-Schaller drohte, zur halben Milchbart-Portion zu schrumpfen. Doch die unprätentiöse Franzsika Weisz als Julia Grosz an seiner Seite macht im neuen Fall um islamistischen Terror in Deutschland schnell klar, dass da etwas sehr Apartes zusammenwachsen könnte.

Und das kann man vom nächsten Export deutscher Kommissare in ein reiseprospekttaugliches Ausland nun wirklich nicht behaupten. Im Urbino-Krimi ermittelt ab Donnerstag (ARD) Katharina Wackernagel in einer italienischen Barock-Stadt, was von so jämmerlicher Sinnlosigkeit ist, dass selbst ihr Zuspieler Hannes Jaenicke angeblich vor Scham errötet ist, als er das selten dümmliche Kalauergefasel erstmals am Bildschirm sah. Dann doch lieber David Garrett als Teufelsgeiger Niccolò Paganini Freitag auf Arte. Besser aber noch eine fabelhafte Doku um acht Soundhunters, die Mittwoch (23.30 Uhr SWR) aus Alltagsgeräuschen Musik machen.

Und falls alles nichts nützt: besser Wiederholungen der Woche schauen. In Farbe auf ServusTV (Mittwoch, 22.15 Uhr): Kramer gegen Kramer von 1979 mit Dustin Hoffman und Meryl Streep im Ehekrieg. Und weil es in schwarzweiß nicht recht etwas zu empfehlen gibt, wird es gleich sachlich: Show me your Soul, eine fabelhafte Doku über Don Cornelius‘ legendare Musikshow Soul Train, die 1970 schwarze Musik ins (amerikanische Fernsehen) holte und dort fast 40 Jahren hielt, läuft noch bis Ende der Woche in der Arte-Mediathek. Und zum Abschluss der DVD-Tipp: die ersten zwei Teile vom Tel-Aviv-Krimi (ab 19,99 Euro, Edel), der zwar ebenfalls deutsche Polizei ins Ausland schickt und dabei kaum ein Klischee auslässt, aber dennoch seriös unterhält.


Eule findet den Beat, Tanita Tikaram

TT16-EuleEule findet den Beat

Berechnung ist eigentlich keine sonderlich gute Basis für glaubhafte Musik. Das zeigt sich nirgends auf dem Sound gewordenen Kalkül Schlager, am besten noch kombiniert mit dem blut und bödischen “Volk”. Exakt auf repetitive Mechanismen baugleicher Interpreten zugeschrieben, kann ein einzelner Tonadministrator am Rechner ja Tausende von Hits landen, die sich gerne gleichen wie ein Musikantenstadl dem anderen. Fragt sich nur: Muss man die Jugend nicht früh vor so viel Berechnung schützen? Ja, muss man. Aber konfrontativ. Wie Eule findet den Beat. Das theatralische Bandprojekt aus Hamburg erklärt Kindern seit einiger Zeit bereits die Genres des Pop in musikalisch begleiteten Hörspielen; nun legt das Partyorchester sein zweites Album vor und beginnt die Reise durch Europas Klänge im deutschen Schlagerhimmel.

Denn dort, singt die vielköpfig virtuose Band im Seifentimbre, seien nicht nur alle Ecken rund, sondern die grauesten Wolken bunt und Ferkel landen auch nicht in der Wurst, sondern bleiben pumperlgesund ein Leben lang. Das ist so lehrreich wie entlarvend und auf kritische Art unterhaltsam. Zumal im Anschluss auch die regionale Folklore von Frankreich über Irland bis Schweden ihr Fett wegkriegt, ohne verächtlich gemacht zu werden. Um irgendwann mal empfänglich zu sein für vertracktere Töne, ist so ein Crahkurs überaus heilsam. Zumal er wie beim hinreißenden Debütalbum doppelt verabreicht wird. Während Eule die Welt der Musik von Pop bis Oper, von Reggae bis Rock auch 2014 in Form eines ziemlich putzigen Hörspiels erkundet hatte, gibt es auch diesmal eine CD mit purem Liedgut und eine mit Begleitgeschichte, was die Kernzielgruppe naturgemäß am besten entertaint. Also: Eule an, Radio aus, so schaffen‘s auch Eltern schmerzfreier durch die Pubertät ihrer Kleinen.

Eule findet den Beat – Auf Europatour (Universal)

Hype der Woche

Tanita-Tikaram-Closer-To-The-People-CDCover-px400Tanita Tikaram

Mit dem Alter fängt man an, sangen einst die famosen Aeronauten, sich für Country-Musik zu interessieren. Variante zwei: Loungejazz. Machen ja viele, die in jungen Jahren Pop machten, der mit, sagen wir, Richtung 50 beginnt, ein bisschen peinlich zu wirken. Wenn jemand schon in jüngeren Jahren allerdings so getragen klingt wie die britisch-deutsch-südseeische Songwriterin Tanita Tikaram, ist das irgendwie völlig angebracht. Mit Closer To The People bringt sie heute fast 30 Jahre nach ihrem Superhit Twist In My Sobriety ihr neuntes Album raus und es ist musikalisch definitiv ein jazzloungiges Alterswerk, das man aber schon deshalb nicht als solches missverstehen sollte, weil sie fernab der Aufmerksamkeitsindustrie eigentlich immer Platten gemacht hat. Dieses hier muss man nicht mögen, nur weil man mit Tanita Tikaram erwachsen geworden ist. Man kann es jedoch nur mögen, wenn man kein Teenager mehr ist.

 


Sebastian Koch: Hollywood & Wildnisstimme

Wildnis_Koch_02Ohne Anliegen drehe ich selten

Sebastian Koch ist einer der ganz wenigen Weltstars des deutschen Kinos. Kein Grund, nicht auch mal nur seine Stimme zur Verfügung zu stellen wie als Sprecher des faszinierenden Naturfilms Unsere Wildnis (Foto@Universum Film). Ein Gespräch über Filme, die Welt retten wollen, Kochs eigenen fossilen Fußabdruck und warum er zu Homeland trotz Überlastung nicht nein sagen konnte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, was bleibt von einem Weltstar, der sie im deutschlandmöglichen Sinne ja sind, eigentlich übrig, wenn man wie in Unsere Wildnis nur seine Stimme hört?

Sebastian Koch: Ach wissen Sie, es gibt Filme, die müssen einfach gemacht, gezeigt, unterstützt werden und Unsere Wildnis gehört unbedingt dazu. Deshalb trage ich bei, was mir eben möglich ist: meine Stimme. Der „Weltstar“, wie Sie es nennen, tut da wenig zur Sache.

Sie verschwinden letztlich also nicht nur optisch hinter dem Film?

Also ich hoffe nicht, zu verschwinden, betrachte meinen Support aber realistisch. Es gibt Dokumentationen, in denen uns der Sprecher das Gezeigte und somit die Welt vollumfänglich erklärt. Meine Stimme nimmt die Zuschauer dagegen allenfalls an die Hand, um das zu begleiten, was diesen Film ausmacht: einen völlig eigenen Rhythmus im Ablauf der Natur und ihre Abläufe, ihre Jahreszeiten zu entwickeln. Ein Rhythmus, den wir Menschen verloren haben, durch so einen wichtigen Film aber wieder aufs Neue erleben können. Die Bilder sprechen in einer so großen Emotionalität für sich, dass es keiner weiteren Erklärungen bedarf.

Bleibt Sebastian Koch dennoch erkennbar in dieser Aura selbsterklärender Bilder?

Ich denke schon, sonst hätte man viele andere mindestens ebenso gute Sprecher fragen können. Weil die Mehrheit der Leute ein Sehverhalten hat, dass doch eher von Action und Entertainment geprägt ist, sind Filme wie dieser ungemein schwer zu vermarkten; ein Name wie meiner kann da ein bisschen helfen. Darüber hinaus definiere ich mich aber so sehr über meine Arbeit, dass grundsätzlich ein tieferer Sinn dahinter stecken sollte. Hier ist das der Fall.

Verfolgen Sie mit Filmen generell ein Anliegen über die reine Unterhaltung hinaus?

Wenn Sie die der vergangenen 20 Jahre betrachten, liegt die Antwort doch auf der Hand. Das sind oft Filme wie Danish Girl, wo es ums sperrige Thema Transgender [wofür Alice Vikander gerade den Oscar als beste Nebendarstellerin erhalten hat] geht; mein Beitrag dazu ist ebenfalls vergleichsweise klein, aber der Film so wichtig, dass ich unbedingt dabei sein wollte. Ohne Anliegen drehe ich selten.

Wäre es ein Anliegen dieses Films, das Verhalten der Menschen gezielt zu ändern?

Die Hoffnung habe ich. Und wenn ich von mir selber ausgehe, hat mich nicht nur die Arbeit, sondern auch das Ergebnis so nachhaltig beschäftigt, dass es dazu geeignet ist, mein eigenes Verhalten zu ändern. Ich gehe seither bewusster durch die Natur. Wir merken ja immer auf, wenn es um große, exotische Lebewesen geht – Löwen, Tiger, Giftschlangen; nach diesem Film nimmt man auch Tiere des eigenen Waldes wahr, die wir ansonsten als gegeben übersehen. Das könnte in der Tat Verhaltensweisen verändern, die den jahrmillionenalten Rhythmus in wenigen Jahrhunderten aus der friedlichen Balance gebracht haben. Ich denke jeden Tag an diesen Film.

Ist Unsere Wildnis so gesehen ein pessimistischer oder doch hoffnungsfroher Film?

Weil er sich jeder Wertung enthält, also nur eine Situationsbeschreibung darstellt, lässt er alle Interpretationsspielräume offen, die umso mehr von der Wucht der Bilder beeinflusst werden. Wer deren Schönheit auf sich wirken lässt, erkennt die eigene Begrenztheit im Weltmaßstab und kann daraus Kraft schöpfen. Ich persönlich kriege da Mut, zu kämpfen – etwa gegen den Verlust von Zeit und Ruhe auf der ewigen Jagd nach immer mehr.

Andererseits stelle man sich Ihr Leben als international gefragter Schauspieler auch nicht grad als Zustand ständiger Tiefenentspannung vor…

(lacht) Da liegen Sie nicht falsch, aber mein Beruf beinhaltet enorme Tempowechsel. Ich habe zum Beispiel zwei Jahre irrsinnig gearbeitet, das reicht jetzt wirklich, weshalb ich seit Dezember bis einschließlich Mai fast nichts mache.

Muss man sich diese Privileg durch Erfolg erarbeiten oder waren Sie schon immer der Sabbatical-Typ?

Ach, weder noch. Der Beruf des Schauspielers ist alles Mögliche, aber gewiss nicht rhythmisch. Als ich in Frankreich mit dem wunderbaren Daniel Auteuil gedreht habe, rief Spielberg an, wo man ja auch nicht sagt, grad mal Pause machen zu wollen, und dann kam Homeland. Wenn man bei solchen Angeboten seine Kraftreserven checkt, findet man womöglich doch noch ein paar Energiereste. Umso mehr genieße ich die jetzige Auszeit, die von einer entspannenden Arbeit wie Unsere Wildnis überhaupt nicht aus der Ruhe gebracht werden kann – zumal ich damit so große Hoffnungen zur Rettung des Planeten verbinde.

Auf dem Sie einen stattlichen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, wenn sie für Regisseure in aller Welt um den Globus fliegen.

Das ist nicht ganz fair! Ich versuche im Alltag verantwortungsvoll zu handeln. Beim Zähneputzen Wasser laufen zu lassen, geht gar nicht, Langstreckenflüge für die Arbeit gehören dazu. Verantwortungslos wäre es erst, wenn ich meinen eigenen Privatjet hätte und damit kurz nach Köln fliege. Das ist pervers.

Ihre Rolle in Homeland bietet für Sie so gesehen ökologische Idealbedingungen, wenn Hollywood nach Berlin kommt…

Aber während mein Fußbadruck nicht wächst, tut er es bei denen, die aus Amerika hierherkommen. Alles ist relativ.

Fällt es nach einer Rolle wie in der für viele besten Serie schwer, auf den kleineren deutschen Markt zurückzukehren, fürs Fernsehen womöglich?

Nein. Das hängt von den Büchern ab, von der Freiheit, vom Film. Ich liebe die deutsche Sprache, da mache ich natürlich auch Fernsehen, hab ich schon immer gemacht. Mir ist wichtig, ob ein Film existieren soll, nicht wo er entsteht oder läuft. Nehmen sie Die Hard. Intellektuell gibt es sicher anspruchsvollere Sachen, aber ich wollte einmal im Leben so einen Hollywood-Kracher machen. Hat mich interessiert, hat Spaß gemacht, muss nicht noch mal sein.

Zeigt aber offenbar, dass auch bei Sebastian Koch nicht immer die große Sinnstiftung hinter jedem Film stecken braucht?

Das stimmt. Aber spannend werden solche Projekte erst im Kontrast zum Gesamtwerk. Kurz zuvor hatte ich Gefährliche Begierde mit Mike Figgis gedreht, was nun wirklich komplett anders ist als Die Hard. Denn jedes, wirklich jedes Klischee, dass ich von dieser Art Action-Kino im Kopf hatte, ist wahr. It’s a boy’s game. Tolle Erfahrung.


Aus der Haut: Praunheim & der schwule Milan

MilanComing-out-of-Age

So sehr sich die Gesellschaft auch liberalisiert: Noch bricht beim Coming-out für Jugendliche fast alles zusammen, was besteht. Stefan Wagner hat daraus seinen hinreißend subtilen und dennoch aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm Aus der Haut gemacht, der das Umfeld weitaus mehr durchdrehen lässt als den Betroffenen (Foto@MDR/Michael Kotschi) Milan.

Von Jan Freitag

Rosa von Praunheim, das ist die Matrix seines Daseins, war menschlich und moralisch schon sehr früh sehr viel weiter als die (spieß)bürgerlich biedere Gesellschaft ringsum. Schon 1971 hat der schwule Regisseur dieses fortwährende Missverhältnis zwischen Sollen und Sein, das vernunftbegabte Wesen schier in den Wahnsinn treibt, in den legendär sperrigen Titel Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt gegossen. Kein Wunder, dass sein halbfiktionales Szeneporträt zwei Jahre, nachdem gleichgeschlechtlicher Sex unter Erwachsenen legalisiert worden war, heftig angefeindet (und vom BR natürlich zensiert) wurde. Ein Furor, der im Rückblick wirkt wie die letzten Abwehrgefechte gegen Sklaverei und Klassenwahlrecht, aber auch heute noch spürbar ist.

Fragen Sie mal Milan!

Bewusst normal Schultz mit Nachnamen, entdeckt der Teenager zu Beginn des ARD-Mittwochsfilms, dass er schwul ist, also irgendwie unnormal. Auch im Jahr 2016. Besonders unter Gleichaltrigen, die mit 17 noch mühsam an ihrer Identität feilen, aber auch eine Generation höher, die sich in Milans wohlhabend bildungsaffinen Kreisen gern modern und aufgeklärt gibt, bis, ja bis Modernität und Aufklärung mal in Konflikt mit Furcht und Vorurteil geraten. Dieser Milan also, hinreißend zerrissen dargestellt von Merlin Rose (Als wir träumten), versucht seinen Kumpel Christoph zu küssen, wird brüsk abgewiesen, befürchtet ein ferngesteuertes Outing, schreibt einen Abschiedsbrief, steigt besoffen in Papas Auto und fliegt kurz darauf in Zeitlupe kopfüber durch sein aufgeräumtes Großstadtviertel.

Wäre Aus der Haut zu diesem Zeitpunkt nicht 15 sondern 85 Minuten alt, es könnte das übliche Unhappyend derartiger Sozialdramen sein – Betroffenheit, Begräbnis, Schluss. Ist es aber nicht. Weshalb mit dem Erwachen im Krankenhaus, weinende Mutter (Angst um den Sohn) zur Linken, zeternder Vater (Angst um den Wagen) zur Rechten, Halskrause dazwischen ein Coming-of-Age-Film mit Coming-out folgt, das selten ist im hiesigen Fernsehen. Nach dem Drehbuch von Jan Braren, der schon im umjubelten Homevideo stimmige Empathie für Heranwachsende in Extremsituationen bewiesen hat, schafft es Regisseur Stefan Schaller wie im Porträt 5 Jahre Leben des deutschen Guantanomo-Häftlings Murat Kurnaz, das Kollabieren einer individuellen Existenz aus der Perspektive des Umfelds zu erzählen, ohne die Hauptfigur zum Objekt vermeintlich autonomer Subjekte zu degradieren, die ja selbst in den Sog der neuen Lage geraten.

Zum Niederknien verkörpert wird dieser milde Zivilisationsbruch besonders durch Claudia Michelsen und Johann von Bülow als Eltern, die alles richtig machen und gerade dabei so vieles falsch. Die bei Milans Homosexualitätsbekenntnis sofort Respekt zollen, Liebe bekunden, gar Schampus servieren – und mit ihrem Unbehagen doch nie hinterm Berg halten können, auch wenn es nicht mehr die Praunheimsche Perversion mit offener Verachtung ist, sondern subtiler daherkommt: Kleine Gesten, falsches Lächeln, unkontrollierte Aggression.

Und erst das Umfeld: Offen schwulenfeindliche Mitschüler hier, latent homophobe Eltern dort, dazwischen Milans bedauernswerte Freundin Larissa (Nicole Mercedes Müller) als bedauernswertes Feigenblatt der Heteronormalität. Sie alle sind mal mehr, mal weniger bemüht, liberal und cool zu wirken, wollen am Ende aber doch lieber nicht mit dem ansteckenden Milan auf engstem Raum sein. So hält Stefan Schaller dem Publikum einen Spiegel vor, der meist kaum zu bemerken ist und damit nur umso genauer reflektiert, womit selbst aufgeklärte Gemeinwesen kämpfen, wenn die gemütliche Regelexistenz ins Wanken gerät. Und mittendrin Milan, den Kameramann Michael Kotschi zwar ein bisschen penetrant über diverse Fensterscheiben ins Bild setzt, dem Gesamteindruck damit aber keinen Schaden zufügt. Im Gegenteil: Seit Angelina Maccarones Kommt Mausi raus?! ist Aus der Haut vielleicht das Glaubhafteste und Beste, was in 20 Jahren zum Thema gemacht wurde.


Brachialpopulisten & Geigenteppiche

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

29. Januar – 6. Februar

Seit die Medien nicht mehr als Informationsplattform, sondern zusehends als Bühne wahrgenommen werden, steht die Frage im Raum, wem man sie freiwillig überlassen darf und wem weniger. Erich Böhme etwa hielt es vor 16 Jahren für ratsam, Jörg – möge er in der Hölle braten – Haider zum Talk im Turm einzuladen  und wurde vom Kärntner Rechtsaußen nach allen Regeln der Redekunst vorgeführt. Dem versierten Reporter Jörg Schönenborn, vor allem aber seinem Kollegen Hubert Seipel erging es bei ihren Audienzen im Palast Wladimir Putins zuletzt kaum anders. Nun aber traf ihr ARD-Kollege Thomas Anders mit Bashir al-Assad einen echten Schurken zum Interview, was angesichts der Menschheitsverbrechen des syrischen Diktators noch deutlicher die Frage aufwirft: Darf man das? Bringt das was? Und vor allem: wem?

Antwort: Man darf, es bringt und zwar allen. Kommunikation ist wichtig, immer, wie abstrus die Kommunizierenden auch kommunizieren. Gewiss, die Herren Böhme, Seipel, Anders sind wie so viele Journalisten an der geschmeidigen Eloquenz des Bösen im 21. Jahrhundert abgeprallt. Aber was wäre die Alternative – Schweigen, Maulen, Luft anhalten? Wie gut, dass es da den Humor gibt. Mit dem schaffte es vorige Woche ein „Papagei, der als Bankangestellter arbeite“, wie sich Moderator John Oliver in seiner HBO-Show Last Week Tonight nannte, Donald Trump als das zu entlarven, was der irrlichternde Brachialpopulist ist, nämlich ein irrlichternder Brachialpopulist.

Womit bewiesen wäre: dem Aberwitz unserer Tage begegnet man mit witzigem Widerspruch immer noch besser als mit Waffen und Gewalt. Ein telegenes Beispiel dafür liefert ausgerechnet Til Schweiger. Sein (leider nicht letzter, sondern nur) voriger Tatort hat laut einer Studie der Medienforscher Nielsen doch nicht wie zunächst berechnet 596.375 Abrufe in der ARD-Mediathek erzielt, sondern ein Drittel weniger. Weshalb ein Fall der Ulknudeln Liefers und Prahl mit 463.351 weiterhin Rekordträger bleibt. Den Hang zu heißer Luft haben Nick Tschiller und Donald Trump offenbar gemeinsam.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. -13. Februar

Die entweicht bekanntlich auch Sat1, wenn es sein Publikum emotional zu Kasse bittet. Wenn Annette Frier mitspielt, gelingt dem Schnulzen-Sender allerdings gern etwas Gutes wie das Melodram Zwei Leben. Eine Hoffnung (Dienstag, 20.15 Uhr). Thema: Organspende. Auf die wartet Frank seit Jahren, und bevor die Frage geklärt ist, welche Berliner Eltern ihr Kind 1999 wohl so genannt hätten, halten wir fest: Bis auf ein paar seltsame Namen wie den Titel des Films, ist er auch deshalb so gut, weil es mal nicht um Annette Frier als bodenständiger Fels in der kapitalistischen Brandung geht, sondern die menschliche Seite der Transplantationsökonomie ringsum.

Als endlich eine Leber mit Franks seltener Blutgruppe übereinstimmt, braucht sie das Flüchtlingskind Dafina noch dringender. Zwischen kalkulierender Klinikleitung, zweckoptimistischen Eltern, zerrissenen Kindern und Frier als überforderte Chirurgin, entsteht daraus ein intensives Kammerspiel, das Regisseur Richard Huber gottlob nicht ständig in Geigenteppiche wickelt. Das eint den Regisseur mit seinem Kollegen Stefan Schaller, der das andere Großdrama der Woche verantwortet. In Aus der Haut hat Franks Altersgenosse Milan ein Coming-Out, das sich wohltuend vom Mainstream über Homosexuelle abhebt. Die Geschichte eines Jungen, der an seiner Verwirrung zu zerbrechen droht, wird konsequent übers Umfeld erzählt, in dem Milans Bekenntnis die gesamte Vielfalt der Homophobie offenlegt. Nicht nur wegen Merlin Rose als lebensfroh verzweifelte Hauptfigur unbedingt empfehlenswert.

Und bevor alle politisch relevanten Sender den Superdoppelbundesländernamenwahlsonntag in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg ab 17.30 Uhr mit Aufmerksamkeit bedenken (die dem Weltfrauen(diens)tag trotz dreier Arte-Dokus namens The Power of Woman, Der Freiheitskampf der Kurdinnen und Kriegsfotografinnen ab 20.15 Uhr eher nicht so zuteil wird), gibt es auch noch leichtere Kost. Die österreichische Tragikomödie Der Glanz des Tages etwa (Mittwoch, 22.35 Uhr, 3sat), wo ein Schauspieler (Philipp Hochmeier) in den Bann eines Vagabunden gerät, der alle Realitäten auf die Probe stellt. Oder die Netflix-Serie Flaked ab Freitag mit Will Arnett als Selbsterfahrungsguru Chip, der sich irgendwie liebenswert im eigenen Lügengeflecht verheddert.

Die Wiederholungen der Woche widmen sich zum Weltfrauentag dann wieder den Betroffenen. In schwarz-weiß Billy Wilders oscarprämierte Hollywood-Nabelschau Boulevard der Dämmerung“ von 1950, in dem er heute (20.15 Uhr, Arte) die Stummfilmdiva Norma Desmond (Gloria Swanson) am Übergang zum Tonkino skiziiert. Tags drauf darf Barbara Sukowa in Farbe nochmals als Margarethe von Trottas Rosa Luxemburg von 1986 brillieren (22.40 Uhr, 3sat), bevor die Doku der Woche (Mittwoch, 21.55 Uhr, Arte) die wohl unvergleichlich politische Philosophien Hannah Arendt porträtiert. Und ab sofort, ganz neu und wirklich gut gemeint, ein DVD-Tipp. Zum Auftakt die 1. Staffel von Candice Renoir (27,99 Euro, Edel) mit Cécile Bois als alleinerziehende Kommissarin, was atmosphärisch typisch für französische Filme ungeheuer leicht ist, ohne seicht zu sein.


Wahnsinnsstadt: Klaus-Störtebeker-Straße

Störte-StraßePirat statt Piratenjäger

Bis heute sind Hamburger Straßen, Orte, Schulen nach nationalsozialistischen Euthanasie-Ärzten, demokratiefeindlichen Reichskanzlern und vormodernen Generälen benannt. Nur für einen berühmten Seeräuber, den selbst das offizielle Stadtmarketing gekapert hat, ist bislang kein Wegesschild übrig. Eine Initiative namens “Klaus-Störtebeker-Straße für St. Pauli” will das nun ändern.

Von Jan Freitag

Von wegen Kleider – Namen machen Leute. Wer Fäule oder Stümper heißt, wird wohl besser kein Zahnarzt. The Facebook war zu kompliziert fürs erdumspannende Netzwerk. Als Justin, Dustin, Kevin schafft man es gemeinhin höchstens sportlich auf höhere Prestige-Ebenen, wer Billstedt, Bitterfeld, gar Dresden bewohnt, sollte es im Bewerbungsschreiben an gewisse Arbeitgeber vielleicht doch unterschlagen. Und auch Straßennamen sind nicht einfach abstrakte Adressbestandteile, sondern etwas seltsam Aussagekräftiges, fast Beseeltes. Trotzdem erhalten noch immer allein in Hamburg durchschnittlich 36 Straßen pro Jahr neue Bezeichnungen, was sogar dann selten ohne Anliegerproteste vonstatten geht, wenn etwa der preußische Juncker Paul von Hindenburg das Privileg eines eigenen Wegs zugunsten des Sozialdemokraten Otto Wels verliert, der als letzter Reichstagsredner 1933 gegens Ermächtigungsgesetz jenes Mannes eintrat, dem der Reichspräsident kurz zuvor ins Amt gebracht hatte: Adorf Hitler.

Trotzdem begehrten viele Bewohner seinerzeit auf gegen die Umbenennung. Da fragt sich doch, was die der Simon-von-Utrecht-Straße sagen würden, wäre sie – sagen wir: nicht mehr nach dem spätmittelalterlichen Piratenjäger der Hanse, sondern – sagen wir: einem seiner angeblichen Opfer benannt, nämlich Klaus Störtebeker? Weil Menschen ungern lieb gewonnene Gewohnheiten ändern und neue Straßennamen zudem mit bürokratischem Mehraufwand verbunden sind, würde es mit Sicherheit Widerspruch hageln. Andererseits: Störtebeker – ist das nicht so eine Art inoffizieller Nationalheld der Hamburger, dessen Strahlkraft bis hoch ins offizielle Stadtmarketing reicht?

Das dachte sich offenbar auch eine Initiative namens „Klaus-Störtebeker-Straße für St. Pauli“, die seit ein paar Wochen in einer eigenen Facebook-Gruppe für die Umsetzung ihres Titels wirbt und damit eine Menge Wind macht. Die ersten Aufkleber mit erstaunlich authentisch wirkender Beschilderung zieren bereits jenes vermeintliche Zweitheimatviertel des Likedeeler genannten Freibeuters, der den vergleichsweise unterprivilegierten Anwohnern mit seinem historisch überlieferten Hang zum Teilen naturgemäß etwas näher steht als der niederländische Kriegsschiffhauptmann in Diensten raffgieriger Pfeffersäcke.

Schließlich lässt es sich trefflich diskutieren, wer in Zeiten extremer Ungleichheit eigentlich die wahren Verbrecher waren: Piraten, die nach den vielfach ungeschriebenen Buchstaben der mittelalterlichen Elitenjustiz schlichtweg als Diebe galten? Oder doch jene bestohlenen Kaufleute, die ihren unermesslichen Reichtum auf den Schultern eines rechtlosen Lumpenproletariats erbeu…, pardon erzielt haben? Gut 600 Jahre und ein paar kräftige Emanzipationsschübe nach Störtebekers Ergreifung ist das jedoch eine eher philosophische Debatte, die der „Klaus-Störtebeker-Straße“ wohl selbst aus Sicht der wirtschaftsnahen FDP kaum im Wege stehen dürfte.

Und doch ehrt zwar im Dörfchen Greetsiel bei Aurich ein Weg den einzig prominenten Seeräuber deutscher Herkunft. Auf Rügen gibt es Festspiele seines Namens, in Ostfriesland den Tourismusverbund dreier Gemeinden und in Stralsund ein (ziemlich leckeres) Bier. Hamburg dagegen hat unweit eines verschämten Denkmals in der HafenCity seit 2008 den Störtebeker SV. Das war’s. Was umso ärgerlicher ist, als es nach wie vor zwei Straßen gibt, die nach den ortsansässigen Euthanasie-Ärzten Georg-Ernst Konjetzny und Max Nonne benannt sind. Als der unverbesserliche Proletarierhasser Fürst von Bismarck sogar einer Schule als Patron dient. Als das Eppendorfer Generalsviertel nach sieben hochrangigen Militärs vordemokratischer Epochen benannt ist, deren Beruf das Töten im Dienste wechselnder Willkürherrscher war. Wenn Helmut Schmidt nun einen eigenen Flughafen ziert und Friedrich Ebert Hamburgs wichtigste Ost-West-Tangente, scheint eine Straße für Hamburgs berühmteste Figur der Zeitgeschichte gar nicht so abwegig.


Jain, Isolation Berlin, Poliça

TT16-JainJain

Mainstream oder Alternative? Original oder Kopie? Inspiration oder Fälschung? Wer sich so wahllos im Referenzsystem des globalen Ethnopop bedient wie eine junge Dame namens Jain, darf sich nicht wundern, wenn sie an anderen gemessen wird. In Frankreich schwer gehypt, hüpft ihr Gesang kieksend zwischen dem trotzigen Furor einer M.I.A. und Katy Perrys geschmeidiger Extravaganz in die globale Disco. Klingt also nicht sonderlich exklusiv, ist aber doch von hinreißender Grandezza – auch und weil die Stimme der Multiinstrumentalistin aus dem Spatzennest Toulouse so schön nebensächlich daherkommt.

https://www.youtube.com/watch?v=r0553nZvUrw

So, als gehe sie ihr seltsam oberflächlich wirkendes Gefasel übers offenbar nicht allzu tiefschürfende Beziehungsallerlei junger Großstädter im 21. Jahrhundert, das in Videoform auch ohne Platte millionenfach geladen wurde, nur am Rande wirklich was an. So als sei der begleitende Streifzug durch die Sounds der großen weiten Welt von Brasilien über den Balkan bis in die Bastelstuben westlicher Metropolen bloß etwas Ablenkung von ihrer eigenen Langeweile. Ist es aber wohl gar nicht; dafür klingt Zanaka viel zu lebendig, manchmal gar wütend und fast immer gut.

Jain – Zanaka (Columbia)

TT16-Isolation BerlinIsolation Berlin

Wer wissen will, wie ein tragfähiger Hype ohne Anschein von Verbissenheit gebastelt wird, der muss dieser Tage natürlich auf diese Stadt schauen: Berlin. Lektion 1: Schon im Namen Bezug zum Standort herstellen, der den Erfolg garantiert. Lektion 1: Beim Band-Foto trotzdem unbeteiligt dreinblicken, als sei dieser Erfolg bloß Beifang hauptstädtischer Kreativität. Lektion 3: Stilistisch den Mittelweg zwischen ideologischen (Rio Reiser) und musikalischen (Ja, Panik!) Vorbildern der Gegend entwickeln. Lektion 4: Zur weiteren Einordnung Label finden, dass ironisch, nicht albern klingt.

https://www.youtube.com/watch?v=bRqkeL2sQTs

So in etwa haben es Isolation Berlin bereits mit ihrer vorausgegangenen EP Berliner Schule zu reichlich hyperlokaler Popularität gebracht, die vom Albumdebüt Und aus den Wolken tropft die Zeit nun überregional erweitert werden soll. Wird. Und darf. Denn wenn Sänger, Gitarrist, Songwriter Tobias mit der zillehaften Anrede Bamborschke im Rückkopplungsfuror seiner drei Freunde Ich will, dass ihr mich liebt / und auch die ganze Welt hinaus brüllt, mag das nämlich oberflächlich leicht berechnend klingen; klingt die Berechnung des Underground allerdings so sperrig und schief, ist das schon okay.

Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit (Staatsakt)

Hype der Woche

PolicaPoliça

Ach, was war das erfrischend schön, erfrischend anders vor allem, als uns Channy Leaneagh aus Minneapolis mit ihren fünf männlichen Bandmates 2012 ihr fabelhaftes Debüt Give You The Ghost vor die Füße kippte, auf dem der Indierock fragmentarisch vor sich hin wummerte, ohne Zusammenhang, ohne Halt, ohne Metrik, was ihm eine fantastische Tief verlieh. Ach, was war es noch immer höchst ansehnlich, als der Nachfolger Shulamith ein Jahr drauf  zwar einige Ecken abschliff, aber immer noch Platz zum Stoßen bot. Ach, was ist es, tja, noch immer irgendwie im besten Sinne eigenartig, was Poliças drittes Album United Crushers jetzt liefert – und doch ernüchternd, angesichts des gezeigten Potenzials. Immer noch schön, trotzdem schade. Vielleicht bei der nächsten Platte nächstes Jahr. Produktiv sind sie ja…


Alwara Höfels: Cowboygang & Kommissarin

alwara-hoefels-ist-henni-sieland-team-dresden-100-_v-standard368_b7ff45Gescheitert? Mehrfach!

Obwohl sie nur bedingt den optischen Anforderungen des deutschen Films entspricht, zählt Alwara Höfels (Foto@Andreas Wünschirs/MDR) gerade zu den angesagtesten Schauspielerinnen im Land. Sonntag gipfelt die gute Buchungslage der Hessin in ihrem ersten Einsatz als Hauptkommissarin im Dresdner Tatort: Auf einen Schlag. Ein Gespräch über ihren Cowboygang, Geschlechterfragen im Krimi, gebotenen Zweckpessimismus und ob man Dresden dieser Tage ohne Pegida erzählen kann.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Höfels, wo Sie grad stehen – können Sie einmal kurz zeigen, wie sie ohne Kamera gehen?

Alwara Höfels: Gehen? Ist das hier ein Catwalk oder was? (lacht)

Das ist ein Test, ob Sie auch in echt laufen wie ein Cowboy, dem man das Pferd unterm Hintern weg geklaut hat, oder nur in ihrer Rolle als Oberkommissarin Henni Wieland.

(geht einmal durch den Raum) Und?

Ein bisschen burschikos ist ihr Gang schon.

Die Art der Körperlichkeit ist eine erste Idee zur Figur, die die übliche Sexualisierung weiblicher Charaktere im Film ein wenig unterdrückt. Mit der Physis gehen ja immer viele Fantasien einher; trotzdem steckt meine Figur noch in den Kinderschuhen.

Zeigt aber bereits im ersten Fall so klare Kante in Geschlechterfragen, dass der Krimi dabei fast in den Hintergrund rückt.

Ich finde, das ist leicht überinterpretiert.

Aber wenn die drei Frauen zum Beispiel mit dem Kommissariatsleiter Schnabel zu tun haben, geht es doch exakt um nichts anderes als Frauen und Männer?

Neben dem Mordfall geht es eher um Zwischenmenschliches als Geschlechterfragen. Deshalb finde ich es auch gar nicht so erwähnenswert, dass wir das erste rein weibliche Tatort-Team sind. So wie sie sich die Gesellschaft wandelt, wandeln sich auch ihre Filme: Schleichend. Da ist meine Henni nur ein kleiner Beitrag.

Würden Sie sich denn als ebenso feministisch bezeichnen wie Ihre Kommissarin, die fast alles in den Kontext der Emanzipation stellt?

Puh, das sind aber große Fragen zu einem kleinen Krimi. Ich bin wie meine Figur eine denkende Frau, die sich mit ihrer Umgebung kritisch auseinandersetzt. Viel mehr Schnittmenge ist da nicht. Mir ist wichtig, bei ihr erst mal vieles in der Schwebe zu lassen. Klar kann man bereits sagen, dass sie pragmatisch, resolut, empathisch ist und einen diffusen Kinderwunsch hat, aber wir legen uns da noch nicht fest.

Der Autor Ralf Husmann ist spätestens seit Stromberg dafür bekannt, dass Männer in seinen Büchern schlechter wegkommen als Frauen. Wenn man sich seinen Dresdner Wutbürger ansieht oder Martin Brambachs Chef – haben Sie das Gefühl, hier ist das ähnlich?

Nein. Unabhängig vom Geschlecht sind viele Figuren sicher ein Stück weit als Klischees notiert, die wir im Prozess ihrer Entwicklung sozial einbinden müssen. Aber so funktioniert Gesellschaft insgesamt, die der Tatort bekanntlich gern abbildet. Und ich finde auch Martins Rolle vielschichtiger, als Sie es darstellen.

Na ja – sein Peter Michael Schnabel ist rassistisch, sexistisch, heimattümelnd. Darf man das als Kommentar auf die aktuelle Stimmung in Dresden verstehen?

Ein bisschen schon, aber eigentlich liefert den eher Walther Ungerland.

Ein schwer sächselnder Schlagerfan.

Genau.

Womit er sich von fast allen anderen Ausgaben der Reihe unterscheidet, die das Hohelied auf ihren Standort singen. Wie, glauben Sie, kommt der Dresdner vor Ort an?

Schwer zu sagen. Ich weiß, dass er nicht die Freundlichkeit anderer Tatorte ausstrahlt, denke aber auch, er hat Potenzial für positive Kritik von Einheimischen. Warten wir’s mal ab.

Ist es Ihnen wichtig, dass Ihre Filme über die Unterhaltung hinaus zur Kritik anregen?

Wer Geschichten aus der Gesellschaft erzählt, sollte schon eine Vision haben. Die gilt es in jedem Drehbuch zu überprüfen. Nur, wenn man sie glaubhaft und mitfühlend aus den Menschen heraus erzählt, vermeidet man Beliebigkeit oder erhobene Zeigefinger. Nur die schönen oder schrecklichen Aspekte zu erzählen, interessiert mich nicht. Das Leben ist eben schrecklich schön und die Chance unseres Berufes besteht darin, vielfältiger sein zu können als andere. Dummerweise sind wir als Schauspieler auf das angewiesen, was man uns anbietet, befinden uns also dennoch am Ende der Nahrungskette. Umso mehr müssen wir uns ständig die Frage stellen, was wir sind und wo wir hinwollen.

Und – was sind Sie und wo wollen Sie hin?

In Vielfalt und Beständigkeit. Deshalb hab ich mich schon ein ums andere Mal lieber in die zweite Reihe gestellt, wenn die Geschichte dort erzählenswerter war als in der Hauptrolle oder Romantic Comedys bei Privatsendern.

Dennoch sind Hauptrollen in anspruchsvollen Filmen angesichts Ihrer jüngsten Karriereentwicklung derzeit wahrscheinlicher oder?

Seit drei, vier Jahren, das ist mein Riesenglück, in der Tat. Aber weil wir wissen, wie schnell sich das Blatt wendet, bleibe ich dankbar und demütig meinen Aufgaben gegenüber. Man weiß es nicht…

Ist das der gebotene Zweckpessimismus, um nicht überrascht zu werden?

Nein, ich komme aus einer Schauspielerfamilie, da verliert man alle Illusionen über den Beruf zugunsten eines gewissen Realismus. Ich habe frühzeitig gelernt, dass es stets auf und ab geht und Scheitern eine Chance ist.

Sind Sie schon mal so richtig krachend gescheitert?

Natürlich, mehrfach! Und ich bin im Nachhinein dankbarer dafür als für jeden Erfolg. Niederlagen spürt man sofort, und ich mag das, mich zu spüren. Nur so weiß man, wo man wirklich steht. Trotzdem gibt es Karrieren, die nur bergauf gehen, kann auch klappen. Ich komme vom Theater und hatte überhaupt nicht vor, zum Film zu gehen – bis Til Schweiger kam und mich von Shakespeare zu Keinohrhasen geholt hat. Da war es wichtig für mich, hinterher gleich eine tiefsinnige Literaturverfilmung zu machen, um nicht im kommerziellen Erfolg zu verbrennen. Das geht nämlich gerade in Deutschland verdammt schnell.

Könnten Sie umstandslos aus dem Rampenlicht des Films wieder heraustreten und auf der Bühne glücklich werden?

Ja! Das ist mein Boden, da will ich hin zurück, irgendwann, bald.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-Eljot QuentEljot Quent: Hathaway/Beginner

Es ist mal wieder Zeit für HipHop bei 2 Bier – 1 Platte! Wie unglaublich passend, dass sich Müwie und Len Kurios gerne auf zwei Bier treffen. Gemeinsam mit Fogel haben sie vor knapp sechs Jahren die HipHop-Kombo Eljot Quent gegründet. Seitdem haben die Hamburger zwei Studioalben veröffentlicht und ihr derbes Publikum bei unzähligen Festivals und Konzerten zum Kopfnicken gebracht. Ihre schöpferische Winterpause haben Müwie und Len genutzt, um ihre Lieblingsplatten endlich mal in eine Bar auszuführen.

Von Marthe Ruddat 

freitagsmedien: Das sind ja gleich mehrere Lieblingsplatten! Konntet ihr euch nicht entscheiden?

Auf dem Tisch liegen unter anderem Platten von Lenny Krawitz, The Jackson Five und Mike Krüger.

Len: Irgendwie nicht so richtig! Alle Platten hatten Einfluss auf mich und sind mir wichtig.

Das verstehe ich sehr gut! Aber jetzt müsst ihr euch entscheiden.

Len: Dann muss ich noch mal kurz überlegen.

Müwie: Für mich ist es leicht. Ich nehme die Bambule von Absolute Beginner.

Bambule! Das überrascht nicht wirklich.

Bambulevon Absolute Beginner war das 1998 veröffentlichte, zweite Studioalbum der Eimsbütteler Jungs und ihr kommerzieller Durchbruch, obwohl es die Platte nie in die Top 10 der Charts geschafft hat.

Müwie: Nee, natürlich nicht. Aber es geht ja hier auch darum, dass wir Musik machen und genau dafür war diese Platte von Anfang an sehr wichtig. Ich war vor Marthe-Bambule17 Jahren in Japan und hatte die Platte vorher geschenkt bekommen. Mit meiner Gastfamilie waren wir viel im Auto unterwegs und ich durfte immer die Musik aussuchen. Und da ich nur die eine CD dabei hatte, lief die Bambule ununterbrochen. Zeitlich war ich zwar spät dran, aber das war mein erster Kontakt mit deutschem Hip Hop und ist auch bis heute die einzige Platte, von der ich jeden Song mitrappen kann. Ich glaube, ich kann da auch für uns alle sprechen und sagen, dass der Style der Platte und die Art des Hip Hop für uns sehr prägend waren.

Mit so einem Vorbild wie den Beginnern ist der Anspruch sehr hoch…

Müwie: Ja, aber das ist ja nicht unbedingt schlecht. Vorbild ist ja aber irgendwie ein schwieriger Begriff. Es geht uns eher darum, Alben wie dieses zu machen: Jeder Song ein Hit! Es darf keine Lückenfüller geben, jeder Song muss geil sein.

Welchen Song findest du auf der Bambule denn besonders gut?

Müwie: Das ist nicht so einfach. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann wäre das Das Boot, also gleich der erste Song. Als ich den Rap das erste Mal gehört habe, konnte ich es nicht fassen. So etwas gab es vorher einfach nicht.

Absolute Beginner – Das Boot

[…]

Irgendwo auf einer Fähre Richtung Karriere

Saßen mehrere, eher leerere Köpfe mit ‘ner Riesenschere

Fischten die wenigen, frischen MC’saus’m Wasser

Schnitten sich was ab und ließen die guten dann in den Fluten verbluten

In trüben Gewässern taten Piraten warten

Wollten uns Hanseaten an den Kragen, uns unsere Styles abjagen

Die Penner wollten uns entern, doch wir brachten sie zum kentern

Denn mein DJ hat ‘ne Motorsäge und die wiegt 10 Zentner.

[…]

Texte wachsen nicht auf Bäumen

Beats kommen nicht mit der Post

Darum feilen wir, weilen wir, feilen wir

Bauen Sachen wovon andere nur träumen

Nur beste Kost und so stylen wir

Geile Styles stylen wir.

Marthe1Ihr habt doch die Beginner bestimmt schon mal getroffen. Wie groß war da der Fan-Faktor?

Müwie: Ja, das war schon ein sehr wichtiger Moment. Mad kennen wir schon ein bisschen länger und auch Denyo haben wir schon einmal getroffen. Im November haben wir dann beim Catch-A-Fire alle drei Mitglieder getroffen. Das war schon wirklich etwas besonderes, am gleichen Tisch zu sitzen und die gleiche Bühne zu bespielen. Weißt du, es war nie mein Ziel die Jungs unbedingt zu treffen. Aber jetzt, wo es passiert ist, frage ich mich wirklich, was da noch kommen soll!

Len: Deshalb haben wir in dem Moment auch beschlossen unsere Karriere zu beenden.

Scherz!

Dir gefällt die Platte also auch?

Len: Ja klar! Die Bambule ist einfach klasse. Wenn man sich die Zeit anschaut, dann haben die Jungs wahrscheinlich vor 20 Jahren angefangen die Platte aufzunehmen. Bis heute sind die Beats aber zeitlos großartig.

Du hast dich jetzt aber doch für eine andere Platte entschieden?

Len: Ja, ich habe mich jetzt entschieden! Meine Platte ist die Live von Donny Hathaway!

Donny Hathaway ist nicht zu verwechseln mit der 90er-Eurodance-Ikone Haddaway! Der Soul-Musiker brachte 1972 das Album Live auf den Markt. Es wurde in Hollywood und Manhattan aufgenommen und enthält auch Cover, wie zum Beispiel Marvin Gayes What’s Going On. 

Soul! Warum Soul?

Len: Mein Vater hat immer viel Soul und Jazz gehört und das hatte einen großen Einfluss auf mich. Ich baue mit Fogel zusammen ja auch die Beats von Eljot Quent und Soul und Jazz sind einfach ein großer Bestandteil der Sampling-Arbeit.

Also konntest Du die Platte schon für Eure eigene Musik nutzen?

Len: Nein, von der Platte habe ich noch nichts gesampelt, dafür ist sie auch schon zu bekannt! Aber wie der Name schon sagt, ist es eine Live-Platte und Konzerte sind auch für uns eine wichtige Sache, wenn nicht das Wichtigste. Wir sind lieber eine Live-Kapelle als eine Album-Kapelle. Die Live ist dafür eine Marthe-Hathawayhervorragende Inspiration, von der man viel lernen kann.

Stellt Euch vor, jemand kennt die Bambule und die Live nicht. Wie würde eure Promo-Punchline klingen?

Müwie: Oha, darüber muss ich erst einmal nachdenken.

Len: Oh man, das ist schwer! Ich bin ja auch eigentlich nicht so der Texter. Aber die Punchlines für die Live stehen ja quasi schon im Booklet. Aretha Franklin hat offenbar gesagt: „The baddestnewsound on thescene!“ Ich finde das sehr passend. Auf jeden Fall ist es Herzmucke, einfach warme Musik fürs Herz.

Müwie?

Müwie: Das ist nicht so einfach. Vielleicht: Sie halten mich für einen nostalgischen Spinner, aber ich will zeitlos sein wie Bambule, Beginner.

Wer nun auf den Geschmack der Reimkünste von Eljot Quent gekommen ist, dem seien die Alben Alles auf Anfang und Batman ist tot empfohlen. Im Moment befindet sich die Band in der „Winterpause“, welche auf ein neues Album hoffen lässt. Neueste Ankündigungen, Videos und Livetermine gibt es auf eljotquent.com.