Schattenboxen & Digitalexistenz

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

14. – 20. März

Zur Demokratie gehört die Kritik daran zwingend dazu. Man darf Parlamentswahlen demnach gern für manipulativ halten, elitengesteuert, sogar überflüssig – mangelndes Entertainment ist ihm nur noch selten vorzuwerfen. Der deutsche Supersunday etwa bot vor einer Woche zumindest öffentlich-rechtlich feinste Unterhaltung mit kompetenter Berichterstattung vor allem im Ersten, gefolgt von einer hinreißend klugen Anne Will im Anschluss, der das ZDF – nach gewohnt debiler Primetime-Verseifung – die gehaltvolle Maybrit Illner entgegenstellte. Gewiss, die Stimmverteilung attestiert bis zu einem Viertel der Wähler in drei Ländern zwar eher das Niveau von Inga Lindström als der Talkshowgastgeberinnen, aber sei’s drum: die freiheitlich demokratische Grundordnung muss (und kann) auch geistige Schlichtheit schlucken.

Sie puffert ja auch seit Jahrzehnten das Schattenboxen wider die Rundfunkgebühr ab, das gerade in die gefühlt 2763. Runde ging und auch im laufenden Prozess nicht mit dem Aus dessen enden wird, was Kritiker als Zwangsabgabe missverstehen, letztlich aber eine Art kollektiver Investition in die letzten Reste eines unabhängigen Fernsehjournalismus ist. Gut, dass damit auch patriotisch enthemmtes Jubelpersertum wie im lückenlos gezeigten Wintersport finanziert wird, hat mit Journalismus wenig zu tun, aber damit ist es ja seit Sonntag endlich so vorbei wie mit dem Rosenverkäufer namens Bachelor, der RTL im Finale Minusquoten bescherte.

Vorbei ist es auch mit Franz Beckenbauer als Sky-Experte, was weniger schade ist als die Frage aufwirft, wie sich der ebenso selbstgerechte wie undurchsichtige Fußballpatriarch so lang am Mikro eines ernstzunehmenden Senders halten konnte. Weit bedauerlicher ist dagegen, dass Carlo Rola keines mehr zur Hand nehmen wird: Herztod mit 57, heißt es über den Regisseur, der eine Art platonischer Symbiose mit Iris Berben gebildet und praktisch jeden ihrer 2763 Filme verfasst, gedreht, produziert hat. Seine Familiendramen (Die Krupps) und Reihenkrimis (Rosa Roth) bilden dabei eine Art zeitgenössisches Vermächtnis des alten Leitmediums …

blockbustazDie Frischwoche

21. – 27. März

… und somit den Gegenentwurf zu dem, was das ZDF auf seinem Ableger Neo versucht: Internet und Fernsehen zu vereinen. Am Dienstag (22.30 Uhr) geht Blockbustaz mit dem Rapper Eko Fresh als stinkfauler, aber herzenswarmer Kiffer im Kölner Plattenbau in Serie, was sich berechenbar der Netzgemeinde anbiedert – dafür steht auch der HipHop-Star Ferris MC als Sols Kumpel, mehr aber noch Joyce Ilg als fürsorglich-prollige Freundin, deren Facebook-Kanal gut eine Million Abonnenten hat; dennoch hat sich der Sieger des TVLab 2014 im Kreise illustrer Gaststars von Frederick Lau bis Moritz Bleibtreu spürbar vom Schülervideo-Niveau des Pilotfilms emanzipiert.

Die Zielgruppe jedoch dürfte sich höchstens zur Mediathek verirren. Im Regelprogramm wird sie ja selbst den Abriss ihrer eigenen Digitalexistenz am Dienstag beim Partnerkanal wohl ignorieren. Zu blöd eigentlich – ab 8.15 Uhr feiert ZDFinfo einen 16stündigen Nerd-Tag mit Dokus von Teenager in sozialen Netzwerken (16 Uhr) über Das größte Geheimnis der Spiele-Industrie (20.15 Uhr) bis hin zum CCC-Porträt Hacker, Freaks und Funktionäre. Während sich die Spartenkanäle also ums Publikum von morgen abmühen, bedienen die großen Sender parallel dazu jenes von (vor)gestern. Das RTL-Biopic Duell der Brüder um die Spaltung der Familie Dassler in Adidas und Puma vor 70 Jahren (mit anschließender Doku) bietet mit Ken Duken und Torben Liebrecht zwar zwei furiose Streithammel auf, verläuft sich ansonsten aber in der branchenüblichen Opulenz überdekorierter Zeitgeschichte, während Das Geheimnis der Hebamme zeitgleich im Ersten zwar von sich behauptet, das populäre Sujet anspruchsvoller als zuletzt Sat1 zu verarbeiten, am Ende aber doch nur die wichtige Klientel der Mittelalterfans mit Schauwert versorgt.

Dann doch lieber echtes Eye-Candy wie Tut, Donnerstag und Freitag, jeweils 22.15 Uhr, bei Vox – die auf zwei Filme verdichtete US-Miniserie übers Leben des legendären Pharaos Tutanchamun, das dank Ben Kingsley abzüglich der brachialen Musik echt beeindruckend und vergleichsweise realistisch sein soll. Zumindest letzteres gilt gewiss nicht für A Girl Walks Home Alone At Night, ein dystopischer Vampirfilm aus den USA (Montag, 23.15 Uhr, NDR) der nicht nur von einer Frau gedreht wurde, was im Horrorgenre extrem selten ist, sondern auch ungewohnt feministische Töne anschlägt. Auf seine Art immerhin emanzipatorisch war die farbige Wiederholung der Woche (Freitag, 0.00 Uhr, Kabel1) Rocky Horror Picture Show von 1975, wohingegen der schwarzweiße Tipp immerhin Freiheitsliebe im Bann maximaler Unfreiheit zum Gegenstand hat: Das Narrenschiff skizzierte 1965 mit Vivien Leigh in ihrer letzten Rolle die Weltgesellschaft am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung bei einer Fahrt von Südamerika nach Bremerhaven. In diese Zeit passt auch die Doku der Woche: Das Ende des erhabenen Staates (Dienstag, 20.15 Uhr, Arte) über den Zerfall des Osmanischen Reiches und wie es das 20. Jahrhundert geprägt hat. Und zum Abschluss noch der DVD-Tipp: Die dritte Staffel der grandiosen Serie Die Brücke gibt es jetzt für 29.99 Euro (Edel) auch zu kaufen.


Wotan Wilke Möhring: Prolls & Heimat

tatort2798_v-vierspaltigDabei sein ist nicht alles!

Mit viel Hingabe, großer Empathie und liebenswerter Bodenständigkeit hat sich Wotan Wilke Möhring zum absoluten Sympathieträger des deutschen Films gemausert, der brachiale Komödien mit „Männer“ im Titel ebenso hinreißend verkörpert wie bleischwere Sozialdramen. Kein Wunder, dass er auch als Tatort-Kommissar aktiv ist – der sich im neuen Fall nicht nur mit Islamisten auseinandersetzen muss, sondern nach dem Ausstieg von Petra Schmidt-Schaller auch mit neuer Partnerin (Foto: NDR). Ein Gespräch über knisternde Kolleginnen, leichte Stoffe und was er von seinen drei Kindern gelernt hat.

Interview: Jan Freitag

Herr Möhring, ist Ihnen Dirk Matthies ein Begriff?

Wotan Wilke Möhring: Nee, wer ist das?

Großstadtrevier?

Ah ja, dieser Polizist, genau. Ich brauche immer Bilder, um mich zu erinnern. Namen reichen da oft nicht. Was ist mit dem?

Der fährt seit fast 30 Jahren mit wechselnden Partnerinnen auf Streife, bei denen es oft knistert, aber nie so richtig funkt…

Also wenn Sie da auf Falke und Lorenz im „Tatort“ ansprechen – da hat das ja zum Schluss schon ein bisschen mehr als geknistert.

Wird sich das mit Franziska Weisz als Julia Grosz wiederholen und somit zum Running Gag des Hamburger Tatort?

Auszuschließen ist das nicht, weil so ein bisschen Knistern die Spannung erhöht, aber geplant ist da nix. Wir lassen uns da von der Entwicklung treiben.

Was wird die Neue denn an Ihrer Figur verändern?

Einiges. Schon weil er nicht mehr nur eigenen Geheimnissen nachspürt, sondern auch ihren. Warum macht diese hochqualifizierte Polizistin in so einen kleinen Flughafenjob? Das dürfte ihn auch als Typ verändern.

Welcher Typ im Sinne von Mann ist dieser Falke denn bislang?

Ein physischer, empathischer, loyaler seinen Freunden und Prinzipien gegenüber, darin ist er mir durchaus verwandt. Andererseits ist er ein ungebundener, vereinsamter Mann, mit einem eklatanten Missverhältnis von privater und beruflicher Erfüllung, voller Sehnsüchte, deren Wert verblasst, sobald sie sich erfüllen. Deshalb stürzt er sich aus seiner Unfähigkeit, Nähe zuzulassen, voll in die Arbeit. Darin ähneln wir uns nun überhaupt nicht; ein lonely wolf bin ich mit drei kleinen Kindern sicher nicht. Außerdem ist er kein Fußballfan und ich bin noch heiser von Dortmunds gestrigem Spiel gegen Tottenham.

Was ihn weniger zu jenem Typus liebenswerter Proll macht, den Sie sonst gerne spielen.

Und das, obwohl er aus einer echt harten Ecke in Hamburg-Billstedt kommt, in der drohender Tiefgang gern mit Gewalt, Lautstärke oder Humor überspielt wird, typisch männlich eben, wobei der Scherz bekanntlich das Loch ist, aus dem die Wahrheit pfeift. Solche Typen spiele ich in der Tat gern, zumal Prolls gern unterschätzt werden, und unterschätzte Rollen mag ich. Ich hab als Old Shatterhand zwar grad einen großen Helden in einer großen Geschichte abgedreht, bevorzuge aber einfache Charaktere einfacher Geschichten mit einfachem Kern: Liebe, Schmerz, Verzweiflung, das menschliche Wollen gegen das göttliche Sollen als Destillat unseres Lebens. Ich mag die Zerrissenheit im Einfachen lieber als verkopfte Erzählungen.

Ist das der Grund, warum Sie kaum Berührungsängste mit leichten Stoffen haben?

Das mag sein. So lange du deiner Figur mit dem nötigen Ernst begegnest, kannst du jede spielen. Deine Figur genießt grandiose Freiheiten, wenn sie doof oder klischeebehaftet gezeichnet ist.

Was so weit geht, dass viele Ihrer Filme schon im Titel „Mann“ und „männlich“ durch deklinieren, also humoristisch eher niedere Instinkte ansprechen.

Aber auch da haben meine Figuren alle Sehnsüchte, Ernsthaftigkeit, Tiefe, weshalb sie nicht dauernd oben ohne rumlaufen, sondern kommunizieren. Trotzdem kriege ich gerade mit dem Alter zunehmend Lust auf schwere, unmännliche Stoffe wie Der letzte schöne Tag, wo die Mutter meiner Kinder plötzlich stirbt.

Spielt man so etwas anders, wenn man selbst welche hat?

Absolut. Zumal ich keine Schauspielschule besucht habe und daher ohnehin intuitiver agiere. Filmemachen ist zwar keine Therapie, aber so, wie ich was von zuhause zum Drehen nehme, nehme ich auch was vom Drehen mit heim; das hilft mir sehr bei der Reflektion meines täglichen Handelns und lässt mich erkennen, wie wertvoll es ist, was man hat. Als ich kürzlich mal vier Wochen in Andalusien war, hab ich mich richtig gefreut, den deutschen Wald wiederzusehen.

Ist das bodenständig oder menschlich?

Beides, hat aber mit Heimatduselei wenig zu tun; ich liebe New York ja fast so wie den Pott, aber je mehr du um die Welt reist, desto schöner erscheint dein Zuhause, denn morgen kann schon alles vorbei sein. Um das zu erkennen, helfen reale Dramen wie „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ mehr als Komödien. Dennoch nehme ich von jedem Projekt etwas mit, und sei es die Erkenntnis, dass ich bestimmte Rollen besonders beherrsche. Für die wirst du ja ausgewählt, weil du bist wie du bist, und wenn du im Fußball als Verteidiger besser bist, kannst du es gern mal über die sechs in den Sturm rutschen; deine Position bleibt hinten. Dass muss man auch als Schauspieler akzeptieren und kann sich darüber freuen, für bestimmte Charaktere sofort auf dem Zettel zu sein.

Stört es dennoch, wegen der Oberfläche oder des guten Namens angefragt zu werden?

Nein. Stören tun mich schlechte Bücher. Nur dann sage ich ab.

Muss man sich leisten können…

Stimmt, aber Filmemachen ist ja anders als Olympia: Dabei sein ist nicht alles.

Und wenn Tarantino anruft oder eine Fernsehserie wie Homeland, deren fünfte Staffel voller deutscher Schauspieler ist?

Gut, das ist noch mal ne andere Nummer, aber selbst das würde ich nicht tun, nur um meine kleinen Eitelkeiten zu befriedigen. Die wollen zwar auch gefüttert werden, aber wenn ich wählen müsste zwischen Hollywood um Hollywoods willen und einem lang geplanten Urlaub mit meiner Familie, würde ich den jetzt nicht umstandslos absagen. Andererseits bietet internationales Kino Möglichkeiten, die man nicht ungenutzt lassen kann. Ich will meinen Horizont ja nicht verkleinern, sondern erweitern. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wo man herkommt und wo man hinwill.

Und wo wollen Sie hin?

Das ist mit drei Kindern schwerer zu beschreiben denn je. Die Welt wird plötzlich so groß, es gibt so viel zu erleben und höchstens mal physisch ein „genug“. Wenn man alle drei Tage mit einem breiten Grinsen ins Bett geht, ist schon viel gewonnen.


Magnetic North, Underworld, Killerpilze

The Magnetic North - Prospect Of Skelmersdale FRONT_mailThe Magnetic North

Konzeptalben sind oft Kopfgeburten. Bemüht durchdacht und dadurch wenig spontan, reiten sie ein Thema gern aus anstatt viele Themen ineinander fließen zu lassen wie ein gut komponiertes Festmahl. Konzeptalben sind da eher zerkochter Eintopf. Es sei denn, man vertont wie die britische Band The Magnetic North Landstriche, mit denen die Mitglieder etwas Innerliches verbinden, Gefühle zum Beispiel, Erinnerungen. Beim gefeierten Debüt waren es vor vier Jahren die schottischen Orkney Islands, zu denen die Londoner ein vielgängiges Klangmenü bereitet haben, das auch deshalb lange im Unterbewusstsein hängen blieb, weil es der Gitarrist Gawain Erland Cooper aus seiner Kindheit kannte und liebte. Nun hat sich das Trio die Heimat des Multiinstrumentalisten Simon Tong (The Verve, Blur) vorgenommen: West Lancashire.

Auch Prospect Of Skelmersdale klingt wie ein Besuch in einer Heimat, hier der Nordwesten Englands, den man wie einen dunklen Wald betritt, bis dieser Soundtrack seine Hand ausstreckt und mit sanften Worten der Zuversicht von Sängerin Hannah Peel darin herumführt. Mit hüpfenden Gitarrenpicks, hallenden Drums und spannenden Synthieflächen erinnert das manchmal an The XX, entwickelt aus der unterschwelligen Tristesse aber ungeheuer viel Energie voller Geigen, die sedieren, wenn es zu aufregend wird, und erhellen, wo Trübsinn droht. Eine Platte wie eine Lichttherapie, voller Wärme, Kraft und Indiesound. Das beste im sperrigen Alternative-Fach dieser Tage.

The Magnetic North – Prospect Of Skelmersdale (Full Time Hobby)

UnderworldUnderworld

Es ist Fluch und Segen einer Band zugleich, wenn sie untrennbar mit einem Song verbunden werden, der schon lange zurückliegt. Im Fall der Walisischen Elektropioniere Underworld ist es ohne Frage Born Slippy, die zeitlose Hymne gut gelaunter Selbstzerstörung aus dem Drogenepos Trainspotting, was auch schon wieder zwei Jahrzehnte her ist. Man kommt also nicht umhin, auch beim neunten Album Barbara Barbara, we face a shining future unwillkürlich Tauchgänge durchs Kneipenklo im Kopf zu haben oder sonstige Horrortrips der schottischen Filmjunkies. Der nölige Gesang von Frontmann Karl Hyde, die getragenen Bass-Flächen, all das synthetisch Fließende dessen, was erst seit Underworld Progressive House genannt wird – alles lässt sich irgendwie auf die eigenen Wurzeln zurückführen.

Und ist doch gleichermaßen stets ein Teil ihrer eigenen Modernisierung. Wie eh und je lullt einen der Sound des zum Duo geschrumpften Trios ein und taucht alles ringsum in hypnotische Lässigkeit. Stücke wie If Rah etwa beginnen, schwellen an, schwellen ab und enden auf eine gleichförmige Art und Weise wie ein technoides Mantra, klangreduziert und stets ein wenig nostalgisch, als habe man das alles schon tausendmal gehört. Dennoch lässt es einen nicht wieder los, gräbt sich ins Rückenmark, mäandert dort ein wenig herum und wechselt dann fast unmerklich zum nächsten von sieben langen Tracks, der das Prozedere dann abermals wiederholt. Barbara Barbara ist Unterwanderungsmusik. Fies eigentlich. Aber auch großartig.

Underworld – Barbara Barbara, we face a shining future (Caroline)

Hype der Woche

image003Killerpilze

Auch Schülerbands werden mal erwachsen. Sicher, die alten Zeiten, super, wir bleiben immer Kumpels, rocken einfach immer weiter, wie früher, als wir noch bayerischen Teenager waren und irgendwie zufällig ins Rampenlicht gespült wurden, als junge, wilde, hungrige Indiepopband mit Kraft und Perspektive. Tja. Vier, fünf Stilwellen und sieben Platten später hat sich das Trio nun endgültig in Posterboys verwandelt und produziert Posterboyzeugs wie HIGH, knitterfrei und radiotauglich, noch immer mit diesem hübschen Schimmer angepasster Renitenz von damals, aber, ach, dann kommen diese furchtbaren Ohohoh-Choräle zum Selbstfindungsgefasel und man denkt sich, vielleicht interessiert sich noch die kleine Schwester dafür, wenn Killerpilze Wir sind immer noch jung singbrüllen. Seid ihr noch. Aber trotzdem fast so alt wie Matthias Reim.


K. Wackernagel: Blümchenkleid & Feminismus

WackernagelMehr Instinkt als Konzept

Katharina Wackernagel ist der personifizierte Hoffnungsschimmer im Untergang. Ab heute sorgt die Schauspielerin auch im Urbino-Krimi für Dauerlächeln im Blümchenkleid (Foto: Degeto/Gordon Mühle). Dabei ist er eher zum Heulen, so uninspiriert, lieblos, klischeehaft und dämlich verpflanzt die ARD-Reihe deutsche Schauspieler an einen italienischen Schauplatz mit weit mehr Schauwert als Inhalt, gar Niveau. Die 37-Jährige aus dem Breisgauer Sommerhoch über nationale Ermittler im internationalen Einsatz, Emanzipation im Damensattel und ihren Onkel bei der RAF.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Katharina Wackernagel, vervollständigen Sie doch mal diese Liste: Bozen, Athen, Venedig, Paris, Istanbul, dazu demnächst Island, Kroatien, Zürich, Tel Aviv…

Katharina Wackernagel: (lacht) Ich nehme mal an Urbino?

Ganz genau. Warum bitte spielen so viele deutsche Krimis mit deutschen Schauspielern in deutscher Sprache außerhalb von Deutschland?

In der Tat kenne ich die anderen Krimis nicht und war mir beim Angebot nicht gewusst, dass es sich dabei um solch ein Phänomen handelt. Aber für das Publikum ist es offenbar reizvoll, das Ungewohnte – in solchen Fällen Mentalität, Umgebung, Atmosphäre – mit dem Gewohnten – also bekannten Gesichtern in der eigenen Sprache zum Thema Mord – zu kombinieren. Unsere anhaltende Leidenschaft für Krimis braucht offenbar Platz, um sich nicht schon geografisch zu wiederholen. Da würde mich als Zuschauerin etwas Abwechslung auch reizen.

Und als Schauspielerin dürfen Sie da die Arbeit mit dem Aufenthalt in einer absoluten Urlaubsumgebung kombinieren, wie Harald Schmidt einmal sein Engagement auf dem Traumschiff erklärt hat.

Urbino als Drehort fand ich in der Tat so schön, dass es mich zusätzlich überzeugt hat; aber entscheidender, ob ich eine Rolle annehme oder nicht, ist natürlich das Drehbuch. Meine Malpomena ist ein eigenwilliger, kurioser Charakter mit gutem Humor und einer kratzbürstigen Weiblichkeit. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen.

Eine feministische Maulheldin, die in der Theorie emanzipiert ist, in der Praxis aber dauernd in klassische Rollenmuster verfällt und im Damensattel Motorroller fährt?

Gerade diese Widersprüchlichkeit finde ich ziemlich modern und spannend. Eine starke Frau, die sich in den Mantel helfen lässt, ist doch beileibe kein Widerspruch mehr. Dennoch drückt sie mit ihrer Weiblichkeit mehr auf die Tube, als ich selbst es täte. Ihre Spielchen sind mir eher fremd.

Als Schauspielerin verkörpern Sie oft Figuren, die mit einer gewissen Lebenskraft und -Freude im bitterernsten Umfeld die Hoffnung aufrechterhalten.

Ja, da ist etwas dran. In meinem Beruf wird so gut wie jeder in ein gewisses Rollenprofil gedrängt, das einen trotz allen Bemühens, verschiedenartigste Charaktere darzustellen, immer wieder einholt, das einem aber eventuell auch ein wenig entspricht. Diese Mischung aus Optimismus, Melancholie und Bodenständigkeit in vielen meiner Rollen kommt daher vielleicht nicht von ungefähr. Umso mehr Spaß macht es mir gegenzusteuern – mit Slapstick oder Sozialdramen wie Die Boxerin, bei dem ich wirklich überhaupt nichts zu lachen hatte.

Suchen Sie danach gezielt?

Wer  zu verbissen nach etwas sucht, steht sich schnell selbst im Weg. Aber wenn so eine abweichende Rolle vor mir liegt, greife ich womöglich selbst dann zu, wenn das Buch schwächer ist.

Scheu vor leichter Kost hatten Sie noch nie…

Nein, warum auch? Ich denke nicht dauernd über mein Renommee nach. Oberflächlich darf es natürlich nicht werden, aber  ich gehe an meine Karriere auch nicht mit einem unveränderlichen Konzept ran. Insbesondere im Bereich Dramen gibt es noch einiges, was ich noch spielen möchte. Aber das ist im Film anders als im Theater, wo man einmal im Leben die Louise oder Julia gespielt haben muss. Für mich hatte Schauspielen schon immer mehr mit Instinkt als Konzept zu tun.

Wenn man in einem Schauspielerhaushalt aufwächst, könnte man das Gegenteil vermuten. Gab es für Sie eine Wahl oder war klar, dass Sie in dieselbe Kerbe schlagen?

Meine Familie hat da weder gedrängt noch abgeraten, aber es war natürlich schon ein Bett bereitet, in das man sich gut legen konnte. Es gab entsprechend nicht die typischen Sprüche wie „lern was Vernünftiges“. Als ich mit 15 die reguläre für die Schauspielschule schmeißen wollte, haben meine Eltern allerdings schon definitiv „Nein“ gesagt.

Mit Erfolg?

Wie man‘s nimmt. Zwei Jahre später habe ich ohne Schauspielabschluss zu Drehen begonnen, was für meine Eltern, Großmutter und meinen Onkel, die alle vom Theater kommen, schon ungewöhnlich war. Umso mehr haben die geschmunzelt, als ich 2013 erstmals wieder auf der Bühne stand. Aber einer meiner Brüder ist zum Beispiel Informatiker geworden; man muss also mit dieser Verwandtschaft nicht zwingend auf die Bühne.

Muss man mit ihr denn zwingend politisch werden?

Das muss man nicht. Meine Eltern sind viel politischer als ich, aber damals war auch die Ensemblearbeit im Theater viel politischer als heute.

Das hat einen Teil davon bis in die RAF getragen.

Ja, meinen Onkel Christof.

Hat es sie von der Politik abgeschreckt, dass er deswegen im Knast saß?

Ich würde sagen: Dadurch hat sich ein anderer Zugang dazu entwickelt. Meine Eltern sind immer offen damit umgegangen, dass Christof praktisch während meiner gesamten Kindheit im Gefängnis saß. Dadurch habe ich viele Fragen gestellt: Was ist die RAF, was ist Terrorismus, was ist los in diesem Land? Das hat mich natürlich geprägt; wir sind alle dazu erzogen worden, unsere Meinung zu äußern.

Lautstark?

Na ja, wenn ich so sehe, wie meine Eltern stets für ihre Vorstellungen gekämpft haben, dann bin ich vermutlich doch, wie soll man das sagen: gemütlicher?

Auch spießiger?

Nein (lacht), aber das gesellschaftliche Klima ist heute anders als vor 30, 40 Jahren, selbst die Demos sind heutzutage ja andere. Aber so sehr meine Eltern auch betont haben, wie wichtig es sei, gegen das eingestaubte Nachkriegssystem mit all den Altnazis in wichtigen Positionen zu kämpfen, haben sie gleichzeitig immer betont, dass es nur gewaltlos möglich sei.

Hat diese Erziehung einen anderen Zugriff auf Ihre Rolle als Terroristin Astrid Proll im Baader-Meinhof-Komplex mit sich gebracht als bei den anderen Darstellern?

Das glaube ich nicht. Eine Rolle bleibt eine Rolle. Die nehme ich an und spiele sie. Ein Leben im Untergrund zu spielen, ist ebenso toll wie eines in dem, was für viele ein Spießerparadies ist; diese Leben tatsächlich  zu führen, das ist etwas völlig anderes.

Was mögen Sie denn lieber – Härte oder Leichtigkeit, Contergan oder Romanze?

Da wird wohl jeder Schauspieler ersteres antworten. Aber wenn sie authentisch und glaubhaft sind, mag ich leichtere Stoffe genauso wie schwierige. Ich möchte letztlich eine breite Palette an Filmen spielen.

Und welche Rolle fehlt Ihnen dazu noch ganz dringend?

Da fällt mir so spontan keine ein. Aber ich habe schon Lust auf so ein richtiges historisches Drama. Gern ohne Happyend.


Neofaschismus & Hauswirtschaftslehre

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

8. – 13. März

„Faschistoid“, das zeigt sich auch und gerade seit dem vorhersehbar unfasslichen Erfolg der Blut-und-Boden-rassistischen AfD in allen drei Landtagswahlen, ist ein überaus inflationär gebrauchter Begriff. Dabei muss einiges zusammenkommen, um ihm zu genügen: Totalitarismus, Führerprinzip, Feindbilder und ein verschwörungstheoretischer Ermächtigungsfuror gegen alles, was der Volksgemeinschaft so entgegensteht. Auf die Türkei bezogen, klingt „faschistoid“ da doch gleich weniger inflationär. Wegen angeblicher Kollaboration mit dem Prediger Fethullah Gülen, der die Gunst von Präsident Erdogan 2013 verlor, als er dessen halbem Hofstaat Korruption nachweisen konnte, hat die willfährige Justiz nun die regierungskritische Zeitung „Zaman“ unter staatliche Aufsicht gestellt.

Angesichts der Gefälligkeitsberichte, die Erdogan dort seither feiern, fragt sich: Was macht eigentlich die EU? Antwort: Eine Menge! Garniert mit diplomatisch formulierten Protestfetzen wird die Türkei wegen ihrer Rolle in der Flüchtlingskrise mit Geld und Wegsehen ausgestattet, was die Sache mit der Pressefreiheit, nun ja, irgendwie zweitrangig wirken lässt. Da ist es kaum noch einer Randnotiz wert, dass die Nachrichtenagentur Cihan ebenfalls unter Zwangsverwaltung gestellt wurde, die bereits ein Fernsehkonsortium in Windeseile so heruntergewirtschaftet hat, dass auch am Bildschirm nur präsidiales Wohlgefallen herrscht.

Was einmal mehr beweist, wie wichtig unabhängige Medien in den Händen vieler sind – selbst in demokratischen Rechtsstaaten wie unserem. Das Urteil des Bundeskartellamtes von 2005, die schon damals marktbeherrschenden Aktiengesellschaften Springer und ProSiebenSat1 nicht fusionieren zu lassen, ging exakt in diese Richtung. Dennoch hat es letztere auch ohne erstere geschafft, als erstes Medienunternehmen überhaupt in den DAX aufzusteigen. Mit einem TV-Programm übrigens, das zwar nur noch Peanuts zum Konzernerlös beiträgt, aber selbst die Konkurrenzangebote prägt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. März

Ob das ZDF ohne den Einfluss kommerzieller Unterhaltung allerdings opulentes Zeitgeschichtspuschenkino wie Ku’damm 56 produziert hätte, sei mal dahingestellt. Die inflationär gebrauchte öffentlich-rechtliche Historienschnulze rings ums Kriegsende ist schließlich eine Erfindung des dualen Zeitalters, in dem alle Form den Inhalt besiegt hat. Auch die Geschichte dreier grundverschiedener Töchter einer Berliner Tanzschulbesitzerin hätte demnach das übliche Kostümgelage im Wirtschaftswunderambiente werden können – ginge es Regisseur Sven Bohse (Buch: Annette Hess) zwischen all den Nierentischen und Petticoats nicht um was anderes.

Oberflächlich mag Mauerblümchen Monika (Sonja Gerhardt) nach verpatzter Hauswirtschaftslehre als Tanzlehrerin zwischen mütterlichem Kontrollfreak (Claudia Michelsen) und Freiheitsdrang (Rock’n’Roll), heiratswilliger und verheirateter Schwester, gutem und fiesem Verehrer hin und hergerissen werden. Dahinter aber skizziert der Dreiteiler (Sonntag, Montag, Mittwoch) mit recht tiefgründiger Hingabe das männliche Abwehrgefecht gegen den damaligen Verfall des Patriarchats. Gewiss, es gibt die gewohnten Klischees wie notorische Überdekoration, als trügen 2076 alle Figuren eines Historienfilms übers Jahr 2016 Vollbart oder Steckfrisuren. Aber es ist stets spürbar, dass dies nur den Schauwert für etwas liefert, das Historienschnulze ansonsten fehlt: Haltung.

Die hatte im ersten Teil seiner losen Krimireihe auch Privatdetektiv „Dengler“, eindringlich gespielt von Ronald Zehrfeld. Im zweiten Teil kann er dieses Niveau am Montag im ZDF aber nicht ganz halten – trotz Birgit Minichmayr als burschikose Hackerin an seiner Seite. Ganz anders hält es da Wotan Wilke Möhring, dessen Hamburger Tatort-Ermittler Falke ohne seine Partnerin Lorenz alias Petra Schmidt-Schaller drohte, zur halben Milchbart-Portion zu schrumpfen. Doch die unprätentiöse Franzsika Weisz als Julia Grosz an seiner Seite macht im neuen Fall um islamistischen Terror in Deutschland schnell klar, dass da etwas sehr Apartes zusammenwachsen könnte.

Und das kann man vom nächsten Export deutscher Kommissare in ein reiseprospekttaugliches Ausland nun wirklich nicht behaupten. Im Urbino-Krimi ermittelt ab Donnerstag (ARD) Katharina Wackernagel in einer italienischen Barock-Stadt, was von so jämmerlicher Sinnlosigkeit ist, dass selbst ihr Zuspieler Hannes Jaenicke angeblich vor Scham errötet ist, als er das selten dümmliche Kalauergefasel erstmals am Bildschirm sah. Dann doch lieber David Garrett als Teufelsgeiger Niccolò Paganini Freitag auf Arte. Besser aber noch eine fabelhafte Doku um acht Soundhunters, die Mittwoch (23.30 Uhr SWR) aus Alltagsgeräuschen Musik machen.

Und falls alles nichts nützt: besser Wiederholungen der Woche schauen. In Farbe auf ServusTV (Mittwoch, 22.15 Uhr): Kramer gegen Kramer von 1979 mit Dustin Hoffman und Meryl Streep im Ehekrieg. Und weil es in schwarzweiß nicht recht etwas zu empfehlen gibt, wird es gleich sachlich: Show me your Soul, eine fabelhafte Doku über Don Cornelius‘ legendare Musikshow Soul Train, die 1970 schwarze Musik ins (amerikanische Fernsehen) holte und dort fast 40 Jahren hielt, läuft noch bis Ende der Woche in der Arte-Mediathek. Und zum Abschluss der DVD-Tipp: die ersten zwei Teile vom Tel-Aviv-Krimi (ab 19,99 Euro, Edel), der zwar ebenfalls deutsche Polizei ins Ausland schickt und dabei kaum ein Klischee auslässt, aber dennoch seriös unterhält.


Eule findet den Beat, Tanita Tikaram

TT16-EuleEule findet den Beat

Berechnung ist eigentlich keine sonderlich gute Basis für glaubhafte Musik. Das zeigt sich nirgends auf dem Sound gewordenen Kalkül Schlager, am besten noch kombiniert mit dem blut und bödischen “Volk”. Exakt auf repetitive Mechanismen baugleicher Interpreten zugeschrieben, kann ein einzelner Tonadministrator am Rechner ja Tausende von Hits landen, die sich gerne gleichen wie ein Musikantenstadl dem anderen. Fragt sich nur: Muss man die Jugend nicht früh vor so viel Berechnung schützen? Ja, muss man. Aber konfrontativ. Wie Eule findet den Beat. Das theatralische Bandprojekt aus Hamburg erklärt Kindern seit einiger Zeit bereits die Genres des Pop in musikalisch begleiteten Hörspielen; nun legt das Partyorchester sein zweites Album vor und beginnt die Reise durch Europas Klänge im deutschen Schlagerhimmel.

Denn dort, singt die vielköpfig virtuose Band im Seifentimbre, seien nicht nur alle Ecken rund, sondern die grauesten Wolken bunt und Ferkel landen auch nicht in der Wurst, sondern bleiben pumperlgesund ein Leben lang. Das ist so lehrreich wie entlarvend und auf kritische Art unterhaltsam. Zumal im Anschluss auch die regionale Folklore von Frankreich über Irland bis Schweden ihr Fett wegkriegt, ohne verächtlich gemacht zu werden. Um irgendwann mal empfänglich zu sein für vertracktere Töne, ist so ein Crahkurs überaus heilsam. Zumal er wie beim hinreißenden Debütalbum doppelt verabreicht wird. Während Eule die Welt der Musik von Pop bis Oper, von Reggae bis Rock auch 2014 in Form eines ziemlich putzigen Hörspiels erkundet hatte, gibt es auch diesmal eine CD mit purem Liedgut und eine mit Begleitgeschichte, was die Kernzielgruppe naturgemäß am besten entertaint. Also: Eule an, Radio aus, so schaffen‘s auch Eltern schmerzfreier durch die Pubertät ihrer Kleinen.

Eule findet den Beat – Auf Europatour (Universal)

Hype der Woche

Tanita-Tikaram-Closer-To-The-People-CDCover-px400Tanita Tikaram

Mit dem Alter fängt man an, sangen einst die famosen Aeronauten, sich für Country-Musik zu interessieren. Variante zwei: Loungejazz. Machen ja viele, die in jungen Jahren Pop machten, der mit, sagen wir, Richtung 50 beginnt, ein bisschen peinlich zu wirken. Wenn jemand schon in jüngeren Jahren allerdings so getragen klingt wie die britisch-deutsch-südseeische Songwriterin Tanita Tikaram, ist das irgendwie völlig angebracht. Mit Closer To The People bringt sie heute fast 30 Jahre nach ihrem Superhit Twist In My Sobriety ihr neuntes Album raus und es ist musikalisch definitiv ein jazzloungiges Alterswerk, das man aber schon deshalb nicht als solches missverstehen sollte, weil sie fernab der Aufmerksamkeitsindustrie eigentlich immer Platten gemacht hat. Dieses hier muss man nicht mögen, nur weil man mit Tanita Tikaram erwachsen geworden ist. Man kann es jedoch nur mögen, wenn man kein Teenager mehr ist.

 


Sebastian Koch: Hollywood & Wildnisstimme

Wildnis_Koch_02Ohne Anliegen drehe ich selten

Sebastian Koch ist einer der ganz wenigen Weltstars des deutschen Kinos. Kein Grund, nicht auch mal nur seine Stimme zur Verfügung zu stellen wie als Sprecher des faszinierenden Naturfilms Unsere Wildnis (Foto@Universum Film). Ein Gespräch über Filme, die Welt retten wollen, Kochs eigenen fossilen Fußabdruck und warum er zu Homeland trotz Überlastung nicht nein sagen konnte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, was bleibt von einem Weltstar, der sie im deutschlandmöglichen Sinne ja sind, eigentlich übrig, wenn man wie in Unsere Wildnis nur seine Stimme hört?

Sebastian Koch: Ach wissen Sie, es gibt Filme, die müssen einfach gemacht, gezeigt, unterstützt werden und Unsere Wildnis gehört unbedingt dazu. Deshalb trage ich bei, was mir eben möglich ist: meine Stimme. Der „Weltstar“, wie Sie es nennen, tut da wenig zur Sache.

Sie verschwinden letztlich also nicht nur optisch hinter dem Film?

Also ich hoffe nicht, zu verschwinden, betrachte meinen Support aber realistisch. Es gibt Dokumentationen, in denen uns der Sprecher das Gezeigte und somit die Welt vollumfänglich erklärt. Meine Stimme nimmt die Zuschauer dagegen allenfalls an die Hand, um das zu begleiten, was diesen Film ausmacht: einen völlig eigenen Rhythmus im Ablauf der Natur und ihre Abläufe, ihre Jahreszeiten zu entwickeln. Ein Rhythmus, den wir Menschen verloren haben, durch so einen wichtigen Film aber wieder aufs Neue erleben können. Die Bilder sprechen in einer so großen Emotionalität für sich, dass es keiner weiteren Erklärungen bedarf.

Bleibt Sebastian Koch dennoch erkennbar in dieser Aura selbsterklärender Bilder?

Ich denke schon, sonst hätte man viele andere mindestens ebenso gute Sprecher fragen können. Weil die Mehrheit der Leute ein Sehverhalten hat, dass doch eher von Action und Entertainment geprägt ist, sind Filme wie dieser ungemein schwer zu vermarkten; ein Name wie meiner kann da ein bisschen helfen. Darüber hinaus definiere ich mich aber so sehr über meine Arbeit, dass grundsätzlich ein tieferer Sinn dahinter stecken sollte. Hier ist das der Fall.

Verfolgen Sie mit Filmen generell ein Anliegen über die reine Unterhaltung hinaus?

Wenn Sie die der vergangenen 20 Jahre betrachten, liegt die Antwort doch auf der Hand. Das sind oft Filme wie Danish Girl, wo es ums sperrige Thema Transgender [wofür Alice Vikander gerade den Oscar als beste Nebendarstellerin erhalten hat] geht; mein Beitrag dazu ist ebenfalls vergleichsweise klein, aber der Film so wichtig, dass ich unbedingt dabei sein wollte. Ohne Anliegen drehe ich selten.

Wäre es ein Anliegen dieses Films, das Verhalten der Menschen gezielt zu ändern?

Die Hoffnung habe ich. Und wenn ich von mir selber ausgehe, hat mich nicht nur die Arbeit, sondern auch das Ergebnis so nachhaltig beschäftigt, dass es dazu geeignet ist, mein eigenes Verhalten zu ändern. Ich gehe seither bewusster durch die Natur. Wir merken ja immer auf, wenn es um große, exotische Lebewesen geht – Löwen, Tiger, Giftschlangen; nach diesem Film nimmt man auch Tiere des eigenen Waldes wahr, die wir ansonsten als gegeben übersehen. Das könnte in der Tat Verhaltensweisen verändern, die den jahrmillionenalten Rhythmus in wenigen Jahrhunderten aus der friedlichen Balance gebracht haben. Ich denke jeden Tag an diesen Film.

Ist Unsere Wildnis so gesehen ein pessimistischer oder doch hoffnungsfroher Film?

Weil er sich jeder Wertung enthält, also nur eine Situationsbeschreibung darstellt, lässt er alle Interpretationsspielräume offen, die umso mehr von der Wucht der Bilder beeinflusst werden. Wer deren Schönheit auf sich wirken lässt, erkennt die eigene Begrenztheit im Weltmaßstab und kann daraus Kraft schöpfen. Ich persönlich kriege da Mut, zu kämpfen – etwa gegen den Verlust von Zeit und Ruhe auf der ewigen Jagd nach immer mehr.

Andererseits stelle man sich Ihr Leben als international gefragter Schauspieler auch nicht grad als Zustand ständiger Tiefenentspannung vor…

(lacht) Da liegen Sie nicht falsch, aber mein Beruf beinhaltet enorme Tempowechsel. Ich habe zum Beispiel zwei Jahre irrsinnig gearbeitet, das reicht jetzt wirklich, weshalb ich seit Dezember bis einschließlich Mai fast nichts mache.

Muss man sich diese Privileg durch Erfolg erarbeiten oder waren Sie schon immer der Sabbatical-Typ?

Ach, weder noch. Der Beruf des Schauspielers ist alles Mögliche, aber gewiss nicht rhythmisch. Als ich in Frankreich mit dem wunderbaren Daniel Auteuil gedreht habe, rief Spielberg an, wo man ja auch nicht sagt, grad mal Pause machen zu wollen, und dann kam Homeland. Wenn man bei solchen Angeboten seine Kraftreserven checkt, findet man womöglich doch noch ein paar Energiereste. Umso mehr genieße ich die jetzige Auszeit, die von einer entspannenden Arbeit wie Unsere Wildnis überhaupt nicht aus der Ruhe gebracht werden kann – zumal ich damit so große Hoffnungen zur Rettung des Planeten verbinde.

Auf dem Sie einen stattlichen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, wenn sie für Regisseure in aller Welt um den Globus fliegen.

Das ist nicht ganz fair! Ich versuche im Alltag verantwortungsvoll zu handeln. Beim Zähneputzen Wasser laufen zu lassen, geht gar nicht, Langstreckenflüge für die Arbeit gehören dazu. Verantwortungslos wäre es erst, wenn ich meinen eigenen Privatjet hätte und damit kurz nach Köln fliege. Das ist pervers.

Ihre Rolle in Homeland bietet für Sie so gesehen ökologische Idealbedingungen, wenn Hollywood nach Berlin kommt…

Aber während mein Fußbadruck nicht wächst, tut er es bei denen, die aus Amerika hierherkommen. Alles ist relativ.

Fällt es nach einer Rolle wie in der für viele besten Serie schwer, auf den kleineren deutschen Markt zurückzukehren, fürs Fernsehen womöglich?

Nein. Das hängt von den Büchern ab, von der Freiheit, vom Film. Ich liebe die deutsche Sprache, da mache ich natürlich auch Fernsehen, hab ich schon immer gemacht. Mir ist wichtig, ob ein Film existieren soll, nicht wo er entsteht oder läuft. Nehmen sie Die Hard. Intellektuell gibt es sicher anspruchsvollere Sachen, aber ich wollte einmal im Leben so einen Hollywood-Kracher machen. Hat mich interessiert, hat Spaß gemacht, muss nicht noch mal sein.

Zeigt aber offenbar, dass auch bei Sebastian Koch nicht immer die große Sinnstiftung hinter jedem Film stecken braucht?

Das stimmt. Aber spannend werden solche Projekte erst im Kontrast zum Gesamtwerk. Kurz zuvor hatte ich Gefährliche Begierde mit Mike Figgis gedreht, was nun wirklich komplett anders ist als Die Hard. Denn jedes, wirklich jedes Klischee, dass ich von dieser Art Action-Kino im Kopf hatte, ist wahr. It’s a boy’s game. Tolle Erfahrung.