Kommissar Pascha: Migra-Krimi & Mundart

Türken vor Grünwald

Mit Kommissar Pascha erfindet die ARD am Donnerstag einen Ermittler mit Migrationshintergrund (Foto: Hendrik Heiden/Degeto) und macht auch sonst nicht alles gut, aber vieles erfrischend anders als im deutschen Krimi-Einerlei üblich.

Von Jan Freitag

Die Erzählung der global gesehen erfolgreichsten Krimireihe deutscher Herkunft ging gefühlt 250 von 281 Fällen ungefähr so: Im noblen Münchner Vorort Grünwald starb irgendwer mit viel Geld eines gewaltsamen Todes, gern per Messer oder Gift. Kurz darauf dann entstiegen Derrick & Harry ihrem Auto der Marke BMW, klingelten an einem Gebäude der Bauart Residenz, trafen dort distinguierte Damen im Pelzmantel, meist Ruth Maria Kubitschek, verhafteten am Ende deren standesbewussten Mann, gern Wolfgang Kieling, und verließen die Upper Class sodann zurück ins biedere Bürgertum. Doch so fremd sich Ober- und Mittelschicht bei Derrick auch waren, so hermetisch die eine von der anderen abgeschlossen war – eins hatten beide 24 Serienjahre gemeinsam: Villenbesitzer namens Güzeloglu gab‘s im TV-München nirgends, Polizisten namens Demirbilek schon gar nicht. Und selbst Tatverdächtige hießen niemals Furat oder Gül.

Wie sich die Zeiten ändern.

Im Grünwald der fernsehkriminalistischen Gegenwart sind die Herrensitze von damals bei aller Pracht längst weniger protzig verziert als kubistisch schlicht, während ihre Bewohner zwar wie gewohnt Unternehmer sind. Ihren Reichtum allerdings haben sie gar nicht zwingend  über Generationen mit Maschinenbauteilen erwirtschaftet, sondern durchaus mal aus eigener Kraft mit Dönerfleisch. Genau damit nämlich hat es Süleyman Güzeloglu in die Oberen Zehntausend gebracht, wo er es sich ein bisschen deutscher sogar als seine eingeborenen Nachbarn stilvoll gut gehen lässt. Bis ihm Zeki Demirbilek alias Kommissar Pascha in die Quere kommt, ein lässig-cooler Grantler mit ortsüblichem Idiom, wie sie wohl nur in der Schickimicki-Hauptstadt glaubhaft ist.

Am gewohnt mörderischen Donnerstagabend im Ersten leitet er eine „Migra“ genannte Abteilung der örtlichen Polizei, die im fremdländisch geprägten Milieu ermittelt. Deutsche Kollegen sind dabei eher beiläufige Sidekicks von latent rassistischer Inkompetenz, Landsleute seiner Ahnen hingegen zum Niederknien cool wie Zekis Assistentin Jale Cengiz, popmodern kernig schön verkörpert von der hinreißenden Almila Bagriacik. Auch wenn der Auftaktfall sogleich mal mit Ehrenmord, Jungefernhäutschen, arrangierter Ehe  und einer Leiche zu tun hat, der das arabische Wort für „Teufel“ mit Heftzwecken in die Brust gestanzt wurde, ist das gesamt Setting kosmopolitisch, ohne in Zuwanderungsfolklore abzudriften.

Das liegt vor allem an Tim Seyfi. Der bayerische Schauspieler, 1971 als Timur Seyfettin Ölmez im Herzen der Türkei geboren, füllt seine Titelfigur mit einer Authentizität, die er in ansehnlichen Episodenrollen mit Migrationshintergrund von Polizeiruf bis Tatort kultiviert hat. Nach dem Roman von Su Turhan inszeniert Regisseur Sascha Bigler seinen Helden als Mitglied zweier Kulturkreise, die sich nah sind und doch so fern, also nur eines coolen Grenzgängers wie den hier benötigen, um ein wenig besser miteinander klarzukommen. Gewiss, manchmal wirkt dessen vorbildlich assimilierter Eigensinn leicht konstruiert, wenn Zeki seinen Frust über die (vielen) Frauen in seinem Leben mit Raki und Obstler ertränkt oder mit akkurat gefalteten Taschentüchern im Schrank deutschen Ordnungssinn zeigt, bevor er jedem Leichenfund ein Gebet zu Allah hinterherschickt. Trotzdem ist der Wille aller Beteiligten spürbar, multikulturelle Differenz nicht bloß auszustellen, sondern durchzufühlen.

Das unterscheidet „Kommissar Pascha“ angenehm vom gängigen Bild des vermeintlichen Ausländers im inländischen Film. Jahrzehntelang hatte es nur drei Typen geduldet: Kriminelle, Armutsopfer, Islamisten – nicht selten in Personalunion. Neuere Serien wie Dimitrios Schulze mit Adam Bousdoukos als griechischer Anwalt am Mannheimer Brennpunkt oder Fahri Yardim als durch und durch norddeutschen Kommissar an Til Schweigers Hamburger Tatort-Seite zeigen allerdings, dass sich sogar das klischeeanfällige Fernsehen von seinen Stereotypen entfernt.

All die Damen in Zeki Demirbileks emotional eher unübersichtlichen Leben müssen natürlich dennoch bildschön sein, ein Bombengürtel kommt selbstredend auch noch vor und Christian Paschmanns arabeske Blasmusik im Hintergrund geht nach einer Weile doch auf den Geist. Davon abgesehen aber macht die Pilotfolge durchaus Lust auf die Fortsetzung am Donnerstag drauf. Am Anfang steht wieder ein türkisches Mordopfer. Es ist allerdings in bayerischem Bier ertrunken. Prosit!


Umstrittene News & Münchner Migra

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. März

Es war kein schlechter Witz von Joko & Claas, dem galadusseligen ZDF ein – noch nicht mal allzu ähnliches – Double von Ryan Gosling auf die Fernsehbühne zu schmuggeln, für den die Funke-Mediengruppe eigens eine Goldene Kamera namens La La Land erfunden hatte, damit der reale Auftritt des falschen Stars nach mehr aussah als Prominenz um der Prominenz Willen. Nichtsdestotrotz wirkt es leicht doppelzüngig, wenn ausgerechnet der promisüchtige Plastikkanal Pro7 die öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit deren Promisucht aufzieht – zumal in Zeiten, wo man Fake-News bei seriösen Medien nicht auch noch inszenieren sollte. Schon, um denen Fans der unseriösen keinen Zucker zu geben.

Wie zum Beweis hat Facebook begonnen, falsche Posts als „umstrittene Nachrichten“ zu kennzeichnen. Was löblich klingt, wurde aber gleich mal ins Gegenteil verkehrt: Als das Landgericht Würzburg eine einstweilige Verfügung gegen die kalifornische Datenkrake ablehnte, das zum Terroristen verfremdete Bild eines arglosen Flüchtlings mit Kanzlerin zu löschen, log Facebook, man habe ja keine „Wundermaschine“, um falsch von richtig zu unterscheiden. Noch so eine Fake News, die der Konzern kaum löschen dürfte.

Wahrhaftiger sind da die Grimme-Preisträger 2017. Allen voran Ashwin Raman für zwei Dokumentationen zum Thema Islamismus. Außerdem Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale natürlich. Dazu die herausragende NSU-Trilogie Mitten in Deutschland. Aber auch die Online-Serie Wishlist des öffentlich-rechtlichen Jugendablegers Funk, wobei unklar ist, ob das Format oder doch das Prinzip ausgezeichnet wird, mit dem sich das analoge Fernsehen auf einem Feld neu zu erfinden versucht, wo bislang Streamingdienste wie Netflix oder Amazon das Sagen haben.

Die Frischwoche

13. – 19. März

Letzterer so laut, dass die erste deutsche Eigenproduktion Your Are Wanted mit von, um, über, durch Matthias Schweighöfer am Mittwoch mit Rotem Teppich vorm Berliner Waldorf Astoria präsentiert wird, bevor die Cyberkriminalitätsserie – eine Art Lola rennt! des digitalen Zeitalters – zwei Tage später ins Netz geht. Zwischendurch jedoch geht das alte Medium mal wieder kriminalistisch in Reihe, was allerdings öder klingt als es letztlich ist. Kommissar Pascha unterscheidet sich klar von anderen Krimis auf Plätzen wie dem ARD-Donnerstag.

Verantwortlich dafür ist Tim Zeyfi, dessen Chef einer „Migra“ genannten Einheit Ermittler im Münchner Milieu weder seine türkischen noch bayrischen Wurzeln ins Lächerliche zieht. Der Ehrenmord zum Auftakt inszeniert Täter wie Opfer mal nicht delinquent, verwahrlost, islamistisch oder alles in einem; die handelnden Einwanderer und ihre Kinder sind integrierte Mitglieder der multikulturellen Gesellschaft, machen darin aber dennoch manchmal Mist. Geben wir dem zweiten Teil also eine Chance, es doch noch ein bisschen besser zu machen als der erste.

Sein Niveau zu halten, würde Christian Rach als Restauranttester in der heutigen Neuauflage des Formats ab 21.15 Uhr locker reichen, um sich vom blödsinnigen Rest auf RTL qualitativ abzusetzen. Der ARD-Freitagsfilm Ich will (k)ein Kind von dir hat zwar einen noch blöderen Titel als Kommissar Pascha, dreht die Suche nach Familienidylle mit Franziska Weisz als wunschlos glückliche Karrierefrau, deren Mann (Felix Klare) unter Vernachlässigung eigener Berufspläne um Nachwuchs kämpft, aber auf angenehm unaufdringliche Art um.

Name und Inhalt gelungen gilt für den BBC-Zehnteiler The Coroner, der ab Freitag (21.45 Uhr) in fünf Doppelfolgen auf ZDFneo die Serienlegende Six Feet Under unter Krimiaspekten wiederbelebt. Und nachdem hier kurz das Finale der Wintersportsaison gefeiert wird, die am Sonntag letztmals acht Stunden lang das ARD-Programm verstopft, widmen wir uns vor den Wiederholungen der Woche der Musik: Mittwoch um 21.05 Uhr treten die Kölner Folkpop-Superstars AnnenMayKantereit mit K.I.Z. und Bilderbuch bei One auf, zwei Tage später gibt es auf Arte (21.45 Uhr) das grandiose Zappa-Porträt Zapped, erzählt in den eigenen Worten des Jazzrockgiganten. Und direkt im Anschluss zeigt der Kulturkanal ein (Skandal-)Konzert der Elektrotrashqueen Peaches von 2015 in Paris.

Gut 40 Jahre älter, aber unübertroffen zeitlos ist Das fliegende Klassenzimmer (Montag, 20.15 Uhr, MDR) mit Joachim Fuchsberger als Studienrat Bökh. Weitere vier Jahre betagter ist Jacques Derays Filmklassiker Swimming Pool, dem François Ozon 2003 ein famoses Remake mit Charlotte Rampling, Charles Dance und Ludivine Sagnier verpasst hat, das 3sat morgen um 20.15 Uhr zeigt. Noch schwarzweiß war das Krimidrama Mord im Fahrpreis inbegriffen (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) von 1965 mit Yves Montand als Inspektor, der im Nachtzug einen Mörder jagt. Und um einen Mord der perfidesten Art handelt es sich beim Tatort-Tipp Franziska am selben Tag (22 Uhr, SWR), in dem Tessa Mittelstaedt als Assistentin der Kölner Kommissare 2014 einen unvergesslichen Abgang bekam.


Jugendfußball: Gewalt am Spielfeldrand

fusball-viola3Die Famooligans

Seit Fußball selbst für Kinder nicht mehr als Freizeitbeschäftigung, sondern gezielter Schritt auf dem Wege zum Ruhm betrachtet wird, hält das Leistungsdenken schon in der F-Jugend Einzug. Davon zeugt ein übertriebener Ehrgeiz am Spielfeldrand, der mancherorts zu offener Gewalt von Trainern, aber auch Eltern führt. Eine Reise über die Bolzplätze der Republik, an denen der Tonfall frühzeitig rauer wird – sofern besonnene Kräfte wie beim SC Sternschanze in der FairPlayLiga nicht dagegenhalten.

Von Jan Freitag

Ein lauer Herbstabend im Herzen Hamburgs: Vom Park nebenan weht Vogelgezwitscher über den Kunstrasen. Das Heimteam aus dem schwer angesagten Schanzenviertel führt gegen starke Gegner aus einer weit weniger begehrten Wohngegend, wo Plattenbau eng an Reihenhaus grenzt. Die Achtjährigen der F-Jugend laufen bis zum Umfallen, das tun sie immer. Ihre Fans sind entsprechend stolz, es ist Amateurfußball wie er sein soll: innbrünstig, spaßorientiert, selbstgenügsam. Ergebnis? Egal! Eigentlich.

Bis die Stimmung kippt.

Es beginnt mit einer Grätsche der Gäste. Von hinten auf die Knochen. Und der Schiri? Bleibt stumm. Kein Wunder: Es gibt keinen. Schließlich kickt hier eine Altersklasse, die ohne Ordnungsinstanz funktionieren will, soll, könnte – stünden nicht aufgebrachte Trainer wie der des Gästeteams am Seitenaus. Im Kasernenhofton befiehlt er seiner zurückliegenden Mannschaft, Gas zu geben. „Nachsetzen! Aufstehen! Rauf daaaa!“ – so dröhnt es seit Minuten. Resultat: Der Gefoulte liegt am Boden und heult. Der Foulende spielt weiter und trifft. Der Trainer brüllt vor Freude und zur Unterstreichung des Regelbruchs „geht doch!“ hinterher.

Dieser Sound ist in der Altersklasse abnorm und doch gewöhnlich. Achtjährige denken noch olympisch. Punkte werden nicht gezählt, Tore nach Abpfiff bald vergessen. Im Zentrum steht der Spaß am Sport, weshalb Betreuer zur Mäßigung am Spielfeldrand aufgerufen sind, zu dem Eltern 15 Meter Abstand halten, gern mehr. Das Prinzip heißt FairPlayLiga. Seit 2007 lässt es kindliche Fußballseelen von erwachsenem Eifer ungerührt zur Entfaltung kommen, indem man sie einfach spielen lässt. Theoretisch. Praktisch scheitert es auch diesen Abend am Faktor Mensch.

Extreme Gefühlswallungen sind von den Profis über die Kreisklasse bis zur Pampersliga gewandert, seit viele Eltern hinter jedem Hackentrick ihres Jungen den Weltmeister 2026 wittern. In England, wo das Phänomen maximal invasiver Eltern als pushy parents bekannt ist, wurden in 15 Monaten vor der WM 2014 von Pöbelei bis Krankenhausreife 3731 Unsportlichkeiten registriert. Hierzulande, beteuert DFB-Sprecher Thomas Hackbarth, lägen körperliche Auseinandersetzungen verglichen mit der Masse an Jugendspielen zwar noch „im Promillebereich“. Die aber haben es bisweilen in sich. Anfang 2016 etwa prügelten sich bei einem Juniorenturnier im Süden Hamburgs 20 Eltern auf dem Parkett, bis die Polizei mit sechs Wagen anrückte. Eine Art Eskalation, die in Holzmaden bei Stuttgart mal zu Schwerverletzten geführt hatte.

Und als ein Spielleiter kürzlich im Tagesspiegel anonym die hitzige Atmosphäre jenseits des Platzes beklagte, ergänzte der Berliner Verbandsvize Gerd Liesegang Beispiele ehrgeiziger Verwandtschaft, die von Halbwüchsigen Nachtritte fordert, Trainern Prügel androht oder das eigen Fleisch und Blut als „Scheißkackmongo“ beschimpft. Zuletzt sorgte ein Kinderturnier in Kaiserslautern für Schlagzeilen, auf dem acht Mütter zehnjähriger Jungs so wild aufeinander eindroschen, dass die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung ermittelt. Der Fall hatte zwar offenbar auch mit Trennungsstreitigkeiten zweier Beteiligter zu tun; für Ralf Klohr symbolisiert er dennoch „die sinkende Reizschwelle der ganzen Gesellschaft“.

Bereits zehn Jahre zuvor war sie aus Sicht des hingebungsvollen Jugendtrainers so tief gesunken, dass er sich zum Handeln genötigt sah. Nachdem gewalttätige Eltern zum Abbruch eines Juniorenspiels in seiner pfälzischen Heimat geführt hatten, sah er nur zwei Möglichkeiten: „Ich hör auf oder ändre was.“ Klohr, der vom Bolzplatz über den Jugendwart bis zum Kreisverband die Basis des Nationalsports durchlaufen hat, entschied sich für letzteres und erfand die FairPlayLiga. Nach einem Testlauf im Raum Aachen setzte sich das minimal invasive Konzept bundesweit im Kinderfußball durch – mancherorts gar über die F-Jugend hinaus.

Nach dem Anpfiff, lauten die drei Regeln, beschränken sich Trainer aufs Nötigste, Eltern aufs Loben, Kinder aufs Kicken. Punkt. Dafür hagelt es von Clubs über Eltern bis Funktionären Lob. Der DFB fördert die FPL nach Kräften. Doch um Karriereträume ruhmsüchtiger Väter – und zunehmend auch Mütter – nachhaltig zu regulieren, mahnt der Erfinder landestypisch weich, aber inhaltlich hart, braucht es mehr als einen Verhaltenskodex. Kommunikation vor allem. „Und gute Trainer.“ Besser noch: Trainerinnen. Denn die, weiß Klohr aus 56 Jahren Lebenserfahrung, „sehen Fußball als Spaß-, nicht Kampfsportart“.

Das kann Viola von Düsterlho nur bestätigen. Neben ihrem Vollzeitjob bei einer Versicherung, betreut sie die F-Jugend des SC Sternschanze, seit deren Kinder noch aus der Kita zum Training kamen. 15 Stunden pro Woche. Mindestens. Ehrenamtlich. Die lizensierte Trainerin darf sich also unentgeltlich mit Kollegen wie dem des Freundschaftsspiels herumärgern. Während sie höchstens den Namen anstehender Auswechslungen aufs Feld ruft, richten sich Attacken der Gegenseite inklusive Eltern „oft sogar gegen unsere Kinder und ihren Verein“. Bestürzt erinnert sich die Betreuerin an „Scheiß-Sternschanze-Rufe“ von außen, während die Angefeindeten wie der achtjährige Johnny schon mal heulend vom Platz gehen, „weil der Trainer von den anderen gesagt hat, die sollen uns umtreten“.

Angesichts solcher Entgleisungen habe die Trainerin in der Halbzeit bereits angeboten, ein Spiel abzubrechen. Die Lust, zu kicken, sei jedoch stets größer gewesen als die Furcht vor Aggressivität. Noch. Denn mit dem Spielniveau wachse auch der Leistungsdruck, mahnt die Trainerin und fügt hinzu: „Fußball ist keine Pflicht, sondern Hobby.“ Das aber ist bedroht, wenn „immer Väter und Trainer von ein bis zwei Vereinen cholerisch Kinder anbrüllen“, wie es eine Mutter bei Turnieren ihres Sohnes erlebt. Trainerin Viola nennt die Eltern ihres Teams diesbezüglich zwar „vorbildlich“; aber selbst Barans Papa, meint Mama Özden, sei bei Spielen so hitzig, „dass der Junge ihn nicht mehr dabei haben will, wenn er das nicht lässt“. Fußball ist halt aufwühlend oder um es mit einer alten Trainerweisheit zu sagen: keine Sache von Leben und Tod, sondern viel ernster.

Was offenbar auch für andere Sportarten gilt. Im körperbetonten Eishockey etwa werden Eltern wie unlängst bei einem Juniorenspiel im bayrischen Dingolfing schon mal massiv handgreiflich. Und weil selbst die noblere Feldversion jenseits der Bande verbale Entgleisungen kennt, wird die laufende Hallensaison der Hamburger C-Junioren erstmals ohne Punkte und Meister ausgespielt. „Das trägt deutlich zur Entspannung bei“, lobt Klaus Korn vom zuständigen Ortsverband. Leistungsdruck und Trainingsumfang, Spezialisierung und Athletik, Relevanz und Wertigkeit  – all dies nehme schließlich nicht nur im Fußball zu und sorge für aggressionsfördernde Erwartungshaltungen.

Die Sporthochschule Köln bot ihrem Studenten Robert Freis daher schon vor 20 Jahren an, seine Diplomarbeit zum Verhalten von Trainern und Eltern im Tennis und Eislauf zu schreiben, wo Ehrgeiz von außen gleichfalls großen Druck ausübt. Doch als Jugendtrainer beim örtlichen FC forschte der Münchner lieber am Rande seiner großen Liebe. Dort fand er sieben Trainer- und Elterntypen vor. Von „ruhig“ und „lobend“ über „unkritisch“ oder „impulsiv“ bis „besserwisserisch“, gar „aggressiv“. Freis‘ Fazit: Während Grundschüler just for fun spielen und Pleiten zügig verdrängen, „sind Erwachsene oft leistungsorientiert“. Also zu laut, zu fordernd, zu invasiv. Eine Spirale der Emotionen. Kinder und Jugendliche würden den Sound der Eltern und Trainer ja oft eins zu eins übernehmen.

Dabei sei der Tonlage insgesamt gar nicht unbedingt rauer geworden. Weil die postheroische Gesellschaft auch dem Männersport Fußball viel vom Proleten-Image früherer Tage genommen habe, geht es aus Sicht des Mittvierzigers „oft sogar entspannter zu“ als in seiner eigenen Jugend. Falls vom Gegenteil die Rede ist, liege das auch an der wachsenden Transparenz. Bei Zigtausend Spielen, die 98.066 Kinder- und Jugendteams Woche für Woche austragen, sind soziale Medien stets auf Sendung. Von Exzessen wie in Wilhelmsburg oder Kaiserslautern hätte noch vor zehn Jahren allenfalls die Lokalpresse Wind gekriegt. Dank Smartphone und Facebook geht jede Abweichung der Norm in Echtzeit durchs halbe Land. Trotzdem, meint Freis, schraube „langfristiges Erfolgsdenken vieler Eltern und Trainer die Erwartungshaltung höher“. Auch, und das ist dann doch neu, bei den Kleinsten.

Ein DFB-Lehrbuch erklärte „ergebnisorientierte Kinder- und Jugendarbeit“ bereits vor dem Sommermärchen zur „Ursache vieler Fehlentwicklungen“. Anders gesagt: Wer schon bei Bambinis Siegeswillen sät, erntet bei Teenys rasch Verbissenheit. Und die vergiftet das Klima auf dem Platz ebenso wie daneben. Um es wieder zu entgiften, fahren zum Beispiel 30 DFB-Mobile durchs Land, mit denen der weltgrößte Sportbund Juniorenabteilungen schult. „Dank dieser Einstiegsdroge“, lobt Michael Monath vom Südwestdeutschen Fußballverband, hätten 800 Freizeitbetreuer seiner Region am „Jahr des Kindertrainers 2015“ teilgenommen. Jeder Fünfte erwarb die entsprechende Lizenz. Wichtiger Teil der Ausbildung: Kindern Freiraum lassen. Eltern zur Raison bringen. Und sich selbst auch.

Weil das unweit der Reeperbahn so gut gelingt, schicken viele Familien ihre Kids lieber zum kleinen SC Sternschanze als zum großen FC St. Pauli, selbst wenn der Anfahrtsweg dadurch länger wird. Bei letzterem wird schließlich von Beginn an für die Bundesliga gesiebt. Viola von Düsterloh dagegen sortiert vornehmlich nach Sympathie. „Mir ist lieber, dass Freunde zusammenbleiben als ständig gewinnen“. Das kommt dann schon von allein.

Der Text ist vorab im ZEIT-Spezial Schule & Erziehung erschienen

Magnetic Fields, Cleo T., Tokio Hotel

Magnetic Fields

Wer heutzutage 50 wird, verkriecht sich schon lange nicht geschockt mehr unterm nächstbesten Stein, um den Scheideweg ins Greisenalter möglichst unbeobachtet zu überstehen. Weil sich die Selbstoptimierungsgesellschaft mittlerweile zügig darauf zubewegt, dass nicht mehr 40, sondern 60 die neue 30 ist, kann man mit 49 schließlich ganz entspannt zurück blicken auf die erste Lebenshälfte. Wie entspannt Stephin Merritt genau dies zum maximal runden Geburtstag tut, ist dennoch besonders beeindruckend. Nicht nur, aber schon auch wegen der extremem Zahl an Geschenken, die er sich selber macht.

Mit seiner Band The Magnetic Fields gönnt er sich zum 50. nämlich ein 50 Song Memoir, auf dem der amerikanische Songwriter für jedes Jahr auf Erden ein Lied parat hat. Und jeder, wirklich jeder einzelne davon klingt so elegant, vielschichtig, teilweise humorvoll verschroben nach der Mitte des Lebens, dass es überhaupt nicht auffällt, wie wenig die einzelnen Tracks mit ihrer jeweiligen Jahreszahl zu tun haben. Was vor allem daran liegt, dass Merritts lässiger Popbarition gern wie eine Kreuzung aus Sisters of Mercy und Adam Green begleitet von Chili Gonzales klingt, also ein bisschen seltsam, aber schlichtweg fantastisch, gepaart diesmal mit exakt doppelt so vielen Instrumenten, wie der Bostoner reich an Jahren ist. Happy Birthday!

Magnetic Fields – 50 Song Memoir (None Such/Warner)

Cleo T.

Kaum halb so alt und in seiner orchestralen Coolness ähnlich grandios ist Cleo T. aus Paris. Dummerweise wurde der schillernd schöne Elektropop ihres Debütalbums vor drei Jahren selbst in ihrer französischen Heimat nur am Rande wahrgenommen. Jetzt, umgezogen nach – gähn! – Berlin, legt sie den Nachfolger And Then I Saw A Million Skies Ahead nach und es wäre wünschenswert, wenn das Album nun ein bisschen mehr beachtet würde. Und zwar explizit nicht, weil ihm die Klammer Weltmusik verpasst wird. Sondern weil diese Klammer so egal ist.

Gemeinsam mit Musikern aus elf Ländern von Palästina bis Indien nämlich steht das Weltläufige nicht für Folklore; es geht eher um die Weite des inneren Horizonts, den Cleo T. abreist. Umschmeichelt von ihrem leicht kratzigen, aber sehr geschmeidigen Chanson-Gesang wirken Tango-Gitarren nicht spanisch und Arabesken nicht orientalisch. Die Sprache des Sounds gleicht vielmehr einer Art analogem Sampling, das zu vielfach psychedelischem Bigband-Kammerpop im Caféhaus-Ambiente führt. Man kommt kaum los davon.

Cleo T. – And Then I Saw A Million Skies Ahead (RAR)

Hype der Woche

Tokio Hotel

Es gibt schlimmere Orte als den Hintergrund. Es ist ruhiger als davor, man kann sich freier entfalten, unbeeinflusst vom Druck der Bühnenkante, unbeeindruckt von den Erwartungen darunter. Gustav und Georg könnten davon ein Lied singen, obwohl nicht vollends gewiss ist, ob Gustav und Georg reden können. Überhaupt bitte sehr sind Gustav und Georg? Tja.

Im gereiften Boygroupwonder Tokio Hotel liefern Gustav Schäfer und Georg Listing bereits seit 2001 den rhythmischen Background der vordergründigen Zwillinge Tom & Bill Kaulitz. Während letztere zeigen, wie sehr ein identischer Genpool optisch ausdifferenziert werden kann, gleichen sich letztere auch ohne Verwandtschaftsgrad wie ein Ei dem anderen. Kein Wunder: Mehr Konturen als handelsübliche Hühnerprodukte dürfen Gustav und Georg im Schatten von Tom und Bill auch jetzt nicht haben, wo Tokio Hotel ihr fünftes Studioalbum Dream Machine veröffentlichen.

Schließlich ist es seit dem ersten vor zwölf Jahren das Prinzip des international erfolgreichsten Pop-Acts deutscher Sprache: Bill liefert Stimme und Optik, Tom liefert Gitarre und Optik, während Georg und Gustav auch dabei sind, aus Marketingsicht aber weitestgehend egal. Wie so vieles an Tokio Hotel, das über die Oberfläche hinausreicht. Ihr Plattendebüt Schrei war 2005 nicht nur einer nach musikalischer Aufmerksamkeit, der den angemieteten Kompositionsprofis gar nicht mal so schlecht gelungen ist. Noch mehr war es einer nach phänomenologischer Aufmerksamkeit, der hierzulande in dieser Radikalität zwischen Milli Vanilli und Helene Fischer niemals lauter erklang.

Vier Jahre nach der Zeitenwende von 9/11, Überlebende erinnern sich, hatte das Phänomen Boygroup seinen Zenit grad überschritten. Take That waren getrennt, die Back Street Boys nicht global Nr. 1, fünf auf verschieden gestylte Typen im Gleichschritt stereotypen Plastikpops also nicht mehr per se rentabel. Und als Krachmacher von The Strokes bis Arctic Monkeys dem visuellen Britpop lässigen Garagenrock ohne viel Layout vor den Latz knallten, tat sich für vier Schüler aus Magdeburg zwischen Jungs- und Mädchensound eine Lücke auf.

Sie füllten sie inhaltlich durchaus eigensinnig, instrumentell teilweise gekonnt. Man tut ihnen aber sicherlich kein Unrecht, wenn man den Erfolg der Band vor allem mit der modischen und erotischen Aura ihres Sängers Bill Kaulitz erklärt. Während das pubertierende Publikum mit Selbstsuche, Körper- und Identitätsfragen beschäftigt war, zeigte Bill, was alles möglich ist: Manga, Gothic, Geschlechterspiel bei sexueller Unentschlossenheit. Und dann gab’s da auch noch den Zwilling, der zu ganz anderen Antworten kam. Der sorgfältig verwahrloste Dreadlock-Rebell Tom war auf feminine Art kernig, die flamboyante Schaufensterpuppe Bill auf kernige Art feminin. Die androgyne Gefahreninszenierung, die Ausbeutung der juvenilen Erotik der Kaulitz-Zwillinge, war grundsätzlich kein neues Ertragskonzept, dafür aber umso erfolgreicher.

Unter der Ägide des Produzenten Peter Hoffmann präsentierte sich besonders Bill als metrosexuelle Verführungschiffre aller Geschlechter. Dieses Crossgendermainstreaming war erfrischend, entlarvend, also nötig. Im Hinblick auf die psychosoziale Verfassung des Zwillingspaares, das sich mittlerweile nach Los Angeles abgesetzt hat, erscheint es doch etwas bedenklich: Sind Menschen im Realschulalter im Popgeschäft selbst handelnde Subjekte oder bloß gehandelte Objekte ihres Erfolgs? So lobenswert die Auflösung tradierter Geschlechtercodes im Rückblick auch ist – Tokio Hotel wurden dadurch gleichermaßen zu Opfern und Tätern eines Systems, dem die einzelnen Teile gleichgültig sind, solange der Rubel rollt.

Anders als eine Lady Gaga, der es in dieser Sadomaso-Falle des Pop zumindest materiell prächtig geht, fragt sich hier allerdings, wer dafür bei Heranwachsenden Verantwortung trägt: vorzeitig gereifte Teenager mit eigenem Kopf, die moderne Erziehung ihres musikaffinen Vaters, ein geschäftstüchtiges Management? Wie auch immer – das Konzept ging, es geht auf. Gut sieben Millionen Tonträger, Superstarstatus auch westlich des Rheins, Massenhysterie bis Japan, mit Platz 35 einst höchste Charts-Platzierung deutscher Musik in den USA, Stadionkonzerte auf jedem Kontinent und das Ganze dem Vernehmen nach ohne Überlastungsexzesse von Drogen bis Größenwahn, dafür mit nachgeholtem Fernschulabschluss und Komplett-Relaunch des Sängers auf maskulin nach sechsjähriger Plattenpause. Endlich auch mit der passenden Musik zur voranschreitenden Künstlichkeit.

Der aalglatte Synthiepop war 2014 gewissermaßen die finale Antithese zur ursprünglichen Unschuldsvermutung, da machen vier Schulfreunde doch eigentlich nur gemeinsam Musik und sind damit eher zufällig erfolgreich. Schon Humanoid klang vollumfänglich artifiziell, was von Dream Machine so auf die Spitze getrieben wird, dass sich ein inhaltlicher Umgang damit verbietet. Die Videoauskopplung Something New zum Beispiel ist so blutleer und öde, als dimmte man bei Lady Gaga und Robbie Williams Bass und Hochtöner weg.

Zu sehen ist Bill Kaulitz im Wüstensand. Halbkörpertätowiert, dreiviertelfacegepierct, eher aufdringlich hetero als unterschwellig schwul, optisch gewohnt sehenswert drapiert, aber per Vocoder um jede Substanz gebracht. Mit dieser bulimischen Soundreduktion schaffen es Tokio Hotel, musikalisch egaler zu werden als je zuvor. Da es aber wie üblich global erfolgreich sein dürfte, erscheint im Angesicht des aseptischen Rechnersounds nur eines noch viel egaler: Gustav und Georg. Von Bass oder Schlagzeug ist in keinem der zehn Tracks, die klingen wie ein einziger, etwas zu hören. Selbst der Hintergrund furchtbar.

Der Text ist vorab mit (unterhaltsamen) Kommentaren auf ZEIT-Online erschienen

Zimmer 108: Arte-Serie & Real-Mystery

Totgeburt

In der belgischen Mystery-Serie Zimmer 108 sucht eine Tote seit vorigen Donnerstag auf Arte ihren eigenen Mörder. Der Zehnteiler ist so unterhaltsam morbide, dass man sich fragt, warum sowas eigentlich nie aus Deutschland stammt.

Von Jan Freitag

Es ist eine jener Alltagssituationen, in die keine Frau, kein Mann, eigentlich niemand geraten will: Aufzuwachen in einem fremden Bett, angezogen zwar, aber ohne jede Erinnerung an die Nacht zuvor und zudem spürbar verletzt. Vergewaltigung – das scheint auch Kato durch den Kopf zu schießen, als sich die junge Frau mutterseelenallein auf einem blutbefleckten Laken wiederfindet. Kaum vorstellbar, dass es schlimmer kommen könnte.

Doch es kommt schlimmer.

Denn bei der Suche nach dem Grund ihres unfreiwilligen Aufenthaltsortes, findet die Belgierin eine Leiche in der Badewanne: Sich selbst! So bizarr, so irre ist die Ausgangslage der fabelhaften Mysteryserie Zimmer 108. Sie ist betitelt nach dem Raum von Katos Erwachen in einem wallonischen Provinzhotel namens Beau Sejour, wie der Zehnteiler auf Arte im belgischen Original heißt. Von hier aus bricht die lebende Leiche auf, um in der öden deprimierenden Kleinstadt Limbourg den Mord an sich selbst aufzuklären. Dabei ist sie umringt von ein paar Menschen, die Kato sehen können, und der überwiegenden Mehrheit jener, die durch sie hindurch blicken als wäre sie Luft, was sie ja irgendwie ist und auch wieder nicht.

Fürs Opfer macht es die Suche dabei nicht leichter, dass zur ersten Kategorie Zeitgenossen ihr Vater gehört und zur zweiten ihre Mutter. Angesichts dieser Konstellation muss man sich nur mal vorstellen, rein hypothetisch und ganz kurz, jemand wäre in Deutschland auf die äußerst unwahrscheinliche Idee gekommen, solch einen außergewöhnlichen Stoff zu entwickeln. Diese Person hätte dann, zweitens, sogar Geldgeber gefunden, um das Ganze zu realisieren. Und anschließend auch noch eine Produktionsfirma, die es fortan mit Leben füllt: Der Handlungsort wäre vermutlich Berlin gewesen oder was visuell Ansehnliches à la Ostsee, Alpen, Touristenregionen halt. Und das Personal? Höchst attraktiv, möglichst populär, Jürgen Vogel und Heike Makatsch wären toll, aber wohl zu teuer…

Das Nachwuchstalent Lynn van Royen hingegen ist als Zombie ohne Appetit auf Gehirne zwar hintergründig hübsch. Für ein TV-Produkt auf ARZDF wäre sie aber viel zu burschikos. Überhaupt sind sämtliche Figuren normale Alltagsfiguren mit Pickeln und Problemzonen statt telegene Platzhalter dramaturgisch verwertbarer Klischees. Und die Region, in der sie alle agieren ist von solcher Ödnis, dass man dort nicht tot überm Zaun hängen mag. Genau das aber gibt der Geschichte von Nathalie Basteyns und Kaat Beels, die beide auch am Drehbuch beteiligt waren, jenes Aroma, das Kameramann Anton Mertens trotz des weiten Lands klaustrophobisch in Szene setzt. So morbide die Atmosphäre auch ist und so kriminalistisch der Inhalt – Zimmer 108 will mehr als das übliche Whodunit sein.

Als Sittenporträt einer abgehängten Region, die zwischen Tradition und Fatalismus, Schützenfest und häuslicher Gewalt um ihren Platz im globalisierten Europa ringt, schert sich die Serie spürbar um ihr Personalen – selbst wenn es erst wie Kato erst nach dem Tod zu Leben erwacht. Gewiss, es gibt ein paar Ungereimtheiten. Warum Katos Mutter die Umarmung ihrer Tochter zum Beispiel nicht bemerkt, während dieser Geist andernorts allerlei Irdisches in Bewegung setzen kann. Doch wenn der unsichtbare Teenager beim Motocross-Rennen eine Polizeipistole abfeuert, um an der Reaktion Umstehender zu erkennen, wer den Schuss gehört hat und wer nicht, wird dieser Logikbruch wenigstens konsequent fortgesetzt.

Trotz kürzerer Längen und zweier eher blasser Stadtermittlerinnen im Landeinsatz ist Zimmer 108 daher absolut sehenswert. Nach dem dänischen Drama Die Erbschaft und vorm Komödienimport Helden am Herd ab Mai ist es aber auch ein weiterer Beleg, dass gute Serien ohne skandinavischen Zwang zum Gewaltexzess auf Arte laufen. Oder eben bei Netflix. Sieht nicht gut aus fürs Mehrheitsprogramm.


2 Bier – 1 Platte

Chefboss & Gainsbourg

Chefboss – das sind die Tänzerin Maike Mohr und Rapperin Alice Martin. Mit ihrer Mischung aus Dancehall, Electro und Vogueing (ja, das gibt es wirklich) mischen die zwei Hamburgerinnen seit einiger Zeit die Clubs und Bühnen gehörig auf. Am 17. März erscheint nun ihr Debüt Blitze aus Gold. Bevor es nach dem Winterschlaf zurück auf die großen Festivalbühnen geht, haben sich die zwei Zeit genommen, um über ihre Lieblingsmusik zu sprechen.

Hamburg, St. Pauli. Kaffee Stark. Draußen regnet es in Strömen. Drinnen gibt’s Bier und grünen Tee.

freitagsmedien: Alice, Maike – was ist für euch eigentlich eine Lieblingsplatte?

Alice: Genau darüber haben wir beide ziemlich lange nachgedacht. Bei mir ist es so, dass die Lieblingsplatte meist gar nicht eine bestimmte Platte ist, sondern eher eine Playlist mit verschiedenen Songs. Die wechseln dann ständig, aber ich habe schon so fünf all-time-classics, die auch über die Jahre immer wieder laufen. Ich habe dann aber nochmal überlegt und bin auf eine Platte gekommen, die vielleicht nicht meine Lieblingsplatte ist, mir aber auf eine bestimmte Art und Weise einen neuen Blickwinkel gegeben hat.

Maike: Bei mir ist das ähnlich, ich habe auch kein richtiges Lieblingslied. Meistens finde ich ein Lied für vielleicht zwei Wochen richtig gut und dann kommt auch schon das nächste. Deshalb habe ich mir überlegt, welches Lied mich an eine besondere Situation erinnert.

And the winner is…?

Alice: Serge Gainsbourg! Ich glaube, das war ein Best-of-Album, was ich gehört habe. Ich weiß nicht ob du den kennst?! Geiler Typ. Das war so in den Sechzigern, der ist mittlerweile auch schon tot. Auf jeden Fall war er so ein richtiger Künstler, rauchend am Klavier und so. Ich glaube mit Brigitte Bardot hatte der auch mal was.

Wie soll man seine Musik denn beschreiben?

Alice: Ey, ich weiß nicht, wie man das beschreiben soll. Die Musik an sich ist einfach geil, mit Streichern und so. Und sein Gesang ist oft gar kein richtiger Gesang. Oft haucht der auch einfach irgendwas ins Mikro oder knurrt vor sich hin, während die Geigen spielen. Genau deshalb habe ich mir die Platte ausgesucht. Eigentlich war sie von Anfang an gar nicht so mein Stil, aber trotzdem habe ich immer wieder mal reingehört. Stück für Stück habe ich den Stuff aber immer mehr gefühlt. Und dann hat sich mir ein ganz neuer Blick auf die Mucke eröffnet. Also eine neue Art, wie Mucke sein kann und wie man sie auch verstehen kann.

Serge Gainsbourg war so etwas wie ein künstlerischer Tausendsassa: Sänger, Komponist, Schauspieler, Autor. Seine Discographie scheint endlos, auch weil er die Musik zu etlichen Filmen beisteuerte. Seine besondere Art zu „singen“ sorgte Ende der Sechziger für Empörung, als er im Duett mit Jane Birkin zu Je t’aime…moi non plus ins Mikrofon stöhnte. Den Song hatte Gainsbourg zunächst mit Brigitte Bardot aufgenommen. Sie stimmte einer Veröffentlichung aber erst in den Achtzigern zu – vorher war sie zu besorgt um ihre Ehe.

Wie bist du denn auf so eine spezielle Musik gekommen?

Alice: Meine Patentante hat mir das Album mal geschenkt. Da war ich so ungefähr 15, ich glaube noch viel zu jung für die Mucke. Aber jetzt feier ich das.

Seid ihr also beide über die Familie musikalisch sozialisiert worden?

Alice: Ja, auch. Aber ich habe mir auch viel einfach selber rausgesucht.

Maike: Ich eigentlich eher nicht so. Um das zu erklären muss ich vielleicht eben sagen, welchen Song ich mir ausgesucht habe.

Hau raus!

Maike: Also ich habe mir einen Song ausgesucht, der mich an die Zeit erinnert, zu der ich angefangen habe zu tanzen. Mystikal – Edge of the Blade. Zu diesem Song hatte ich meinen ersten Auftritt. Wenn ich ihn höre habe ich sofort wieder dieses Bild im Kopf, wie ich vor der Bühne stehe und auf meinen Auftritt warte. Ich hatte so Bock auf die Bühne zu gehen!

Edge of the Blade war Mystikals Beitrag zum Soundtrack von Blade (1998). Berühmtheit erlangte er vor allem durch seinen Hit Shake Ya Ass und seine ausgiebigen Knastbesuche.

Alice: Der erste Auftritt zu Mystikal, das ist zu geil!

Maike: Ja! Der Song erinnert mich einfach an die Zeit, als ich meine Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt habe. Damals wusste ich ja nicht, dass ich so eine Leidenschaft für eine Sache habe. Und dann habe ich diese Welt entdeckt, in der ich mich so Zuhause fühle. Deswegen höre ich den Song heute immer noch gerne.

Inwiefern haben euch Serge Gainsbourg und Mystikals Song inspiriert selbst Musik zu machen?

Alice: Hm, ich glaube Serge Gainsbourg hat mir einfach eine neue Perspektive auf Musik eröffnet. Irgendwie war da ein neues Gefühl auf Musik und das war schon inspirierend.

Maike: Durch die Choreographien, die wir getanzt haben, habe ich die Songs damals plötzlich total anders wahrgenommen. Man bekommt als Tänzer ein ganz anderes Gehör für einen Song und fühlt ihn anders.

Alice: Deshalb ist Maikes Beitrag zu der Mucke die wir machen auch immer so geil. Wenn ich denen als Außenstehende manchmal beim Üben zusehe denke ich so: Kein normaler Mensch würde da jetzt noch einen Move reinpacken! Tänzer hören die Musik aber einfach ganz anders, deswegen ist es so geil, dass Maike da auch noch immer ihren Input gibt. Ohne diesen gegenseitigen Austausch wäre unsere Mucke einfach nicht so, wie sie ist.

Auf eurem Album sind keine Features. Hättet ihr denn mal Bock auf Kollaborationen?

Alice: Grundsätzlich auf jeden Fall. Und wenn ich es mir aussuchen könnte hätte ich gerne ein Feature mit Vybz Kartel.

Vybz Kartel gilt als Begründer des Dancehall in Jamaika. Er wurde unter anderem wegen Drogenbesitzes verurteilt und sitzt nun eine lebenslange Haftstrafe wegen zweifachen Mordes ab. Könnte rein praktisch schwierig werden mit dem Feature…

Er hat nicht gerade eine weiße Weste. Trennst du da stark zwischen der musikalischen Leistung und dem, was eventuell dahinter steht?

Alice: Gute Frage! Ich meine, wir reden hier ja von Träumen. In einer idealen Welt, in der Vybz Kartel nicht die Dinger gebracht hätte, die er nun mal gebracht hat, wäre ich auf jeden Fall dabei. Es ist aber echt die Frage, wie viel Credit man einem Künstler gibt, der richtig Scheisse gebaut hat. Aus musikalischer Sicht fände ich ein Feature geil, persönlich ist die Frage offen. Grundsätzlich arbeiten wir aber nur mit Leuten zusammen, mit denen wir eine persönliche Basis haben. Da kommt keiner wegen seiner Skills mit ins Boot, wenn er eigentlich ein Arschloch ist.

Und aus der tänzerischen Sicht? Hättet ihr gerne mal einen bestimmten Choreographen mit dabei?

Maike: Über einen Gast-Choreographen haben wir uns ehrlich gesagt noch nie so Gedanken gemacht…

Alice: Dazu muss ich sagen: Ich flash so auf Maike, ich kann mir nicht vorstellen, dass in dem Bereich mal jemand anderes was zu sagen hätte.

Maike: Es gibt aber eine Tänzerin aus Japan, die ich ganz toll finde. Sie heißt Ibuki und macht Waacking, einfach total krass. Die würde ich echt gerne mal treffen. Und wenn sie mal zu einem Song von uns tanzen würde, das wäre natürlich total krass.

Am 06.05.2017 kann erst einmal jeder im Mojo mittanzen. Im Sommer spielen Chefboss auf diversen Festivals, u.a. Rock am Ring und Rock im Park. Eine Aufwärmphase gibt’s auch: Am 17.03.2017 erscheint das Album Blitze aus Gold.


Streamingoscars & Altkleiderrente

TVDie Gebrauchtwoche

27. Februar – 5. März

Es gibt vieles, was von den diesjährigen Oscars haften bleibt. Die hinreißende Moderation des TV-Talkers Jimmy Kimmel zum Beispiel, der glaubhaft machte, in Hollywood werde „niemand wegen der Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert, nur wegen Alter und Gewicht“. Oder das sensationelle Entertainment des vertauschten Siegerfilms. Fürs TV-Zuschauer allerdings war zumindest langfristig wichtiger, dass mit Manchester By The Sea erstmals ein Streaming-Produkt prämiert wurde.

Gut, Menschen mit Gewissen und Moral wäre es vielleicht lieb gewesen, Kimmel hätte den verantwortlichen Amazon-Boss Jeff Bezos im Publikum für dessen menschenverachtende Firmenpolitik so hart rangenommen wie Mel Gibson, den der Moderator für dessen Scientology-Mitgliedschaft veräppelte. Aber mit Donald Trump hatte die Show schließlich einen weit größeren Menschheitsverächter zwischen den Zähnen.

Einen aus der Liga von Warren Buffet also, der seine Milliarden durch die brutale Durchsetzung eigner Interessen zusammenspekuliert hat und nun der Presse ein baldiges Ende prophezeit, das in den USA allenfalls ausgewählte Zeitungen wie New York Times und Washington Post überleben würden. Es ist eine – fraglos mit Rendite-Zielen des Starinvestors verbundene – Prognose, die unmittelbar mit einer Studie der Uni Bielefeld unter Journalisten zusammenhängt. Sie besagt, dass mehr als zwei Drittel davon verstärkten Hass auf ihren Berufsstand spüren, der bei 42 Prozent verbale Attacken nach sich zieht, die bisweilen sogar physisch enden.

Wenn man die irgendwem wünschen würde, der einfach nur seine Arbeit macht, dann höchstens den Machern des schlechtesten Tatort aller Zeiten vom vorvorigen Sonntag (Babbeldasch). Wobei das Erstaunlichste am improvisierten Mundartfall aus Ludwigshafen nicht war, dass nach 15 Minuten viele abgeschaltet, sondern gut sechs Millionen weitergeschaut haben. Das sind aber immer einige Hunderttausend weniger als beim DFB-Pokalspiel des FC Bayern gegen Schalke, dessen völlig irrelevante Übertragung nur damit zu erklären ist, dass die ARD ihrem Lieblingsverein erneut so tief dorthin gekrochen ist, wo es nur wahre Fans aushalten. Ein fachliches, vor allem aber journalistisches Armutszeugnis, wie es sich die Presse in Zeiten der populistisch verabreichten Vorsilbe „Lüge“ eigentlich besser verkneifen sollte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. März

Und ein Grund, warum die Primetime so mit Sport verstopft ist, dass Dokumentationen fast nur noch zur Nacht laufen. Akte D zum Beispiel, für das es heute mal wieder eine Anstoßzeit kurz vor Mitternacht gibt. Das ist auch so ärgerlich, weil sich Die Rentenlüge zum Auftakt der neuen Staffel nicht nur einem ungemein wichtigen Thema widmet, sondern das auch noch (trotz ein wenig dramatisierenden Ballasts) überaus verständlich. Angefangen bei der Caritas, wo Rentner nach Obdachlosen und Flüchtlingen mittlerweile am häufigsten mit Altkleidern versorgt werden, macht die Reihe sehr plastisch, wie die Altersvorsorge von der ersten Reform 1957 bis zur heutigen Privatvorsorge zu scheitern droht. Sehr sehenswert. Leider viel zu spät.

Na, wenigstens das ZDF bietet dem Sachfilmgenre ab und zu mal die Primetime. Am Dienstag etwa Florian Hubers Porträt Mensch Gerhard Schröder, das dem Altkanzler näher kommt, als ihm selbst womöglich bewusst war. Nicht ganz so attraktiv ist hingegen die Sendezeit vom Showpiloten Kroymann, in dem die Kabarettistin Donnerstag (23.30 Uhr, WDR) konsequent Frauen ins Zentrum ihrer Gesellschaftskritik stellt, ohne in verbiesterten Feminismus abzudriften. Ebenfalls humorvoll ruft Arte zwei Tage später zum 60. EU-Geburtstag von 20.15 Uhr bis Mitternacht Ach, Europa!, was Annette Frier als eine der Moderatorinnen dieses Zehnteilers (Fortsetzung am Mittwoch drauf) sehr leichtfüßig gestaltet.

Ähnlich heiter geht es im 3sat-Porträt der exzentrischen Modemacherin Vivienne Westwood (Samstag, 20.15 Uhr) oder bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 24 Stunden später an gleicher Stelle zu. Ganz im Gegensatz zum heutigen neuen Fall von Heino Ferch auf den Spuren des Bösen, wo es seit jeher sehr düster und durchaus spannend zugeht. All dies trifft zwar nicht auf die Wiederholungen der Woche zu. Dafür sind sie umso zauberhafter. Am Samstag (20.15 Uhr, Disney) etwa ein Trickfilm, der 1970 noch von Hand gezeichnet und dennoch (oder darum) zum Klassiker wurde: Aristocats.

Viel jünger, kaum vergleichbar und doch wundervoll ist die deutsche Komödie Drei Zimmer/Küche/Bad (Mittwoch, 23.45 Uhr, HR) in der vor fünf Jahren wie selten zuvor die Befindlichkeiten der Generation Praktikum von heute skizziert wurde. Und die Tatort-Retorte der Woche: Pauline, in der es Charlotte Lindholm 2006 mal wieder mit einem toten Kind zu tun kriegte, aber eben auch mit Schauspielerin wie Martin Wuttke und Wotan Wilke Möhring, was den Fall (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) sehr sehenswert macht.


Essay: Die Polizei – dein Feind und Helfer

800px-polizei_laser_messungAre Cops All Bastards?

Seit Jugendbeinen macht es die Polizei (Foto: Christian “VisualBeo” Horvat) dem freitagsmedien-Autor mit viel Willkür und manchem Rechtsbruch im Dienst schwer, sie zu respektieren. Dank wachsender Aufgaben bei sinkendem Renommee und mäßigem Lohn ruft er jetzt aber zur Milde für jene auf, die ungeachtet schwarzer Schafe, Racial Profiling, Gewaltexzessen und Korpsgeist täglich den Kopf zwischen alle Fronten halten. Bei der Veröffentlichung auf ZEIT-Online hat das erstaunlich vielfältige Reaktionen hervorgerufen. Hier ist der Text in voller Länge.

Von Jan Freitag

Es war ein kühler Samstag in Hamburg, als das Gefühl in mir hochkroch, langsam zu alt zu sein, mindestens aber zu bürgerlich fürs radikale Revoltieren. Auf der Bühne stand die Band Waving The Guns und erhob Worte Waffen gleich gegen alles, was ihr HipHop gern fickt: Nazis, Kapital, Trump, das System – von weit links betrachtet alles äußerst verachtenswert, wenngleich nicht halb so sehr wie sie: Cops.

Polizisten.

„ACAB“ brüllt das Publikum mehrfach lautstark, manchmal als Teil eines Songs, manchmal einfach so. Wie es halt so ist, wenn sich ein Publikum gemeinsam mit der Gruppe on stage weit links verortet. Oder andernorts im schwarzen Block antifaschistischer Demos. Oder im schwarzen Block antiantifaschistischer Demos. Oder unter fußballfanatischen Ultras beider Lager. All Cops Are Bastards – darauf können sich braune wie rote Hardcorefans einigen. Moment, Bastards? Bevor man sich fragt, warum „uneheliches Kind“ einer libertären Ideologie als Schimpfwort dient und Individuen ungeachtet ihrer Persönlichkeit in Sippenhaft nimmt, bevor man sich also den Kopf zerbricht, wie rechts die linke Parole ACAB klingt, zerbreche ich mir meinen darüber, warum ich pauschalen Hass auf Polizisten so selbstgerecht und engstirnig finde, so nazikapitaltrumpsystemgefickt dumm.

Die Polizei, das zu sagen fällt mir als Bilderstürmer der Castor-Blockieren- bis Rote-Flora-Verteidigen-Ära nicht leicht, verdient Solidarität auch von denen, die Freunde und Helfer in toto für Feinde und Faschisten halten. Leider gibt‘s nämlich grad ein paar Feinde und Faschisten, die den Namen auch wirklich durchweg verdienen, zu viel. Und wer stellt sich zwischen die und uns, wenn‘s haarig wird? Genau! Doch der Reihe nach. Vor einiger Zeit wäre mir das Gebrüll wider die Staatsmacht durchaus lieb gewesen. Ich hatte ja auch Grund dazu.

Kaum volljährig, wurde ich erstmals Ziel polizeilicher Willkür. Gut, mit drei Freunden auf einer Wache betrunken die Freilassung des vierten zu fordern, dem wegen Alkohols am Steuer (zu Recht) Blut abgenommen wird, war wenig diplomatisch. Doch dass ausgerechnet die zwei Besonnenen unter uns Prügel bezogen und – bezeugt von mehr Beamten als zugegen – eine Anzeige wegen Widerstands, hat mein Vertrauen in die Ordnung der Ruhe früh erschüttert. Und so ging es weiter, je weiter ich auch deshalb nach links rückte. Anfang der Neunziger wurde ich als junger Journalist Zeuge uniformierter Gewalt gegen zwei Fotografen im Einsatz. Damit nicht genug, erzählte mir der Abteilungsleiter „Interne Ermittlungen“ meiner Heimatstadt, die fünf Jahre zuvor 861 Demonstranten 13 Stunden im berühmten „Hamburger Kessel“ ihrer Freiheit beraubt hatte, deprimiert von zwei Handvoll Anklagen gegen rechtsbrüchige Kollegen in zwei Dekaden Dienst.

Wuchs mein Zweifel an der Polizei da bereits heftig, geriet er nach einer Demo in Kiel zur Gewissheit. Auf dem Rückweg nahm mich ein SEK-Kommando wahllos fest und garnierte das Unrecht mit einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs, die trotz eines Dutzends Zeugen mit Dienstgrad „mangels Beweisen“ zurückgezogen wurde. Obwohl ich über Rangeleien im Getümmel hinaus nie die Hand gegen Polizisten erhoben habe, arbeiten sie also hart an meiner Antipathie. Wie vor vier Jahren, als ganz St. Pauli zum Gefahrengebiet wurde. Über Tage patrouillierten Einsatzkräfte damals mit schlechter Laune und Schlagstock im Wohngebiet für 23.000 Bewohner wie mir. Es war erniedrigend. Doch obwohl mein achtjähriger Sohn sich nun ein wenig vor Uniformen fürchtet, mache ich hiermit ein Friedensangebot. Denn trotz überdurchschnittlich rechter Gesinnung, trotz Korpsgeist aus dem ethischen Präkambrium kaiserlichen Obrigkeitsdenkens, trotz Racial Profiling, Scheinexekutionen und Lächelverbot im Fronteinsatz sind Polizisten ja zunächst mal – Menschen.

Und als solche, liebe „ACAB“-Hater, bitte individuell zu beurteilen. Davon abgesehen ist die Polizei 2017 trotz aller Auswüchse nicht mit der von 1987 zu vergleichen, schon gar nicht mit der von 1968. Seither ist sie liberaler geworden, weiblicher, selbstkritischer, demokratischer, ja sogar migrationshintergründiger. Vielleicht nicht im Tempo der Gesamtgesellschaft, aber in ähnlicher Richtung. Und abgesehen vom Häuflein Anarchisten, das Ordnung per se ablehnt, seid ihr am Ende vermutlich ebenso erleichtert wie ich, wenn ein rechtschaffender „Bulle“ den Raddiebstahl aufnimmt, Brandanschlag aufklärt, Vergewaltiger findet. Das aber erfordert Personal, zumindest mal rund 10.000 Stellen, denen 20 Millionen Überstunden der 310.000 Beamten 2016 entsprechen. Gut geschult und moralisch gefestigt, versteht sich. Dazu unbestechlich, liberal, human und auch dann cool, wenn es attackiert wird. Da dies selbst im Alltag so oft passiert, dass 2015 mit 64.371 Delikten gegen Polizisten 2,5 Prozent als im Jahr zuvor registriert wurden (wo die Steigerung gar doppelt so hoch war), legte Justizminister Maas gerade den Straftatbestand „tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ vor. Höchststrafe: Fünf Jahre.

Man muss kein Fanatiker sein, um die Streichung von fast jeder zehnten Polizeistelle seit 1995 angesichts wachsender Aufgabenfelder irgendwie kontraproduktiv zu finden. Die Zahl insbesondere schwerer Delikte geht laut Kriminalstatistik trotz aller Überwachung zwar konstant nach unten; parallel indes wächst der Präventionsbedarf, wenn jeder Päderast, jeder Islamist, jeder potenzielle Täter 24/7 eskortiert und zugleich jedes Fußballspiel, jede Nazidemo, jeder Weihnachtsmarkt bewacht werden soll. Umso mehr verstört ein Zeit-Dossier, das die Misere von ungeheizten Diensträumen bis uralter Bewaffnung am Beispiel der Berliner Polizei gerade tragisch auf den Punkt brachte: So inakzeptabel jeder Rechtsbruch durch jene ist, die das Recht schützen sollen, so bizarr wirkt es, den überforderten, unterbezahlten und doch oft hingebungsvollen Rest verantwortlich für den statistisch üblichen Arschloch-Anteil zu machen.

Der „Bürgernahe Beamte“ meines Wohnviertels zum Beispiel ist von einer verbindlichen Lässigkeit, als gehöre er nicht mal derselben Spezies an wie mancher Kollege, der offenbar Polizist wurde, weil Hooligans keinen Sold beziehen. Auf seiner Wache wurde mir zuletzt nach einem Unfall die Strafanzeige mit einer so klugen Philippika zur heilenden Kraft des Diskurses ausgeredet, dass ich die überlastete Justiz damit nicht behelligt habe. Als der US-Rapper Ice-T angesichts der vielfach tödlichen Diskriminierung schwarzer Amerikaner durch weiße Cops einst “Fuck the Police” ins Mikro brüllte, klang das irgendwie nach Notwehr. Aber in Deutschland, dessen Polizei pro Jahr überhaupt nur 40 Mal auf Menschen schießt? Gut, selbst da trifft es auch falsche Opfer. Und bei Bundesligaspielen ums Eck sähe ich gern mal ein Lächeln zwischen Helm und Schild statt provokanten Missmut. Aber das ist wohl ein Panzer, den in der 356. Überstunde für 2300 Euro brutto selbst jene anlegen, die ihren Job mit gewissenhafter Hingabe ausüben.

Ich werde also auch weiter laut, wenn die Polizei das Recht beugt. Zugleich aber will ich nicht, dass Individuen – ob Flüchtling, Sachse, Journalist, Mann, Frau, Häftling oder eben Ordnungshüter – pauschal verunglimpft werden. Da halte ich es lieber mit Extrabreit als Waving The Guns oder Body Count: „Sie haben Angst vor Terroristen / denn sie ziehen oft nicht schnell genug“, sang die Band 1981, als Polizisten mehr Respekt als Überstunden auf dem Konto hatten. „Sie rauchen Milde Sorte / weil das Leben ist doch hart genug.“ Die Zigaretten gibt’s nicht mehr, das harte Polizisten-Leben schon. Machen wir‘s nicht härter als nötig.


Grandaddy, Chicano Batman, Findlay

tt17-grandaddyGrandaddy

Es war einmal Anfang der Neunziger, da wurde der alternative Rock härter und zugleich weicher. Zum wüsten Grunge stinkwütender Punk-Epigonen jener Jahre gesellte sich Mitte der Dekade ein Powerpop, in dem (gern kalifornische) Jungs zu gefälligen Fuzz-Gitarren eher hauchten als brüllten und überhaupt nie wütend wirkten oder gar stanken. Eine dieser Bands hieß Grandaddy. Ihr Indiesound war roh, aber nie rotzig. Es klang nach Garage, die aber recht aufgeräumt wirkte. Nach ein paar Eigenproduktionen kam 1997 das Debüt. Drei weitere Platten machten die – klaro – Kalifornier nicht berühmt, aber bekannt. Es war ein kleines, sehr beschauliches, durchaus schönes Postpunk-Phänomen. Und dann war es weg.

Elf Jahre lang, um genau zu sein. Denn jetzt hat Jason Lytle seine Kumpels von einst wieder ins Studio gebeten und der Gegenwart somit ein sehr liebenswertes Comeback beschert. Denn gemeinsam mit den Gründungsmitgliedern Aaron Burtch am Schlagzeug und Bassist Kevin Garcia, schafft Last Place eine wunderbar heruntergeregelte Aura altgedienter Indie-Musiker, die sich selbst nicht ernster nehmen als nötig, aber auch nicht leichter. Das Ergebnis klingt zwar manchmal wie eine Mischung aus Jean-Michel Jarre und Smokie, dabei aber so hinreißend beachbeseelt mit Lytles gelangweilt-schnodderigen Eels-Stimme, dass man die Platte einfach so durchhören kann, ohne sich je mies zu fühlen dabei.

Grandaddy – Last Place (Sony)

tt17-chicanoChicano Batman

Die Stimme ist es auch, von der man bei Chicano Batman ergriffen und nicht mehr losgelassen wird. Die Stimme, aber auch sonst so einiges, was sich um Bardo Martinez’ entspanntes Schmuseorgan webt wie ein durchlässiges Gespinst aus Seifenblasen, Wattebällchen und Millionen himmelschreiend lässiger Harmonien im Bigband-Kammerpop-Soulsound. Auf ihrem dritten Album, dem ersten auf ATO Records, mäandern die vier (schon wieder) Kalifornier mit hörbar und spürbar hispanischen Wurzeln so luftig leicht zwischen Siebzigerjahre-Filmmusik, Neunzigerjahre-Slackerindierock, Zehnerjahre-Retroswingpop hin und her, dass man selbst auf groben Kies niedersinkt wie im Moosbett.

Dass Chicano Batman dazu auch noch wie Barpianisten auf Kreuzfahrtschiffen der Disaster-Movie-Ära eleganten Einheitslook mit Rüschenhemd über mauvefarbenen Anzug tragen, ist dabei zwar vor allem Gepose, passt aber zur Atmssphäre wie geslappte Gitarren auf Funk. Garniert mit Hammondorgel und Querflöten wird all dies dem hinreißenden Plattentitel Freedom is Free mehr als gerecht. Meistens klingt das wie eine Supergroup aus Cake, Elvez und Barry White mit einer Prise Fun Lovin’ Criminals, die schlicht und einfach glücklich macht. Mehr davon, und vier Jahre Trump nebst Gleichgesinnter könnten nicht besser, aber erträglich werden.

Chicano Batman – Freedom is Free (ATO Records)

tt17-findlayFindlay

Ein Dilemma weiblicher Selbstermächtigung im Pop besteht darin, dass Frauen die Mechanik männlicher Dominanz oft kopieren statt umwälzen, gar zerstören. Auch Riot Grrrls fiel es nie leicht, das rechte Maß zwischen Assimilation und Umsturz zu finden, weshalb sie mal dicht am Mainstream waren, mal schlicht unerträglich. Natalie Findlay hat ein Maß gefunden, keins davon zu sein und alternativem Rock dennoch kräftig den Marsch zu blasen. Auf ihrem furiosen Debütalbum reiht die Britin alles, wonach ihr der Sinn steht, so dicht aneinander, dass es Referenzen regnet, ohne den radikalen Eigensinn zu verwässern.

Zum Auftakt klingt Electric Bones nach M.I.A., Waste My Time sodann wie Katie Perry, während Le Tigre durch Junk Food hetzen oder L7 durch Junk Food. Im Einzelnen eine Werkschau des musikalischen Femizismus, gerät das Gesamtwerk so zu einer Art Elektrogaragenpunktrashpop, der sich mit fröhlicher Aggressivität aus dem Schwitzkasten maskuliner Studiobeherrschung löst. Nun ist Forgotten Pleasures noch keineswegs die Rückgewinnung des Paradieses; ein sattgrünes Rasenstück inmitten der Brache zeitgenössischen Crossovers ist es aber allemal.

Findley – Forgotten Pleasures (BMG)


Bela B: Die Ärzte & Alternative Country

belabIronie – that’s me!

Als Schlagzeuger der Ärzte zählt Dirk Albert Felsenheimer, seit früher Kindheit Bela B genannt, zu den ganz großen Popstars. Selbst in Film & Fernsehen ist der 54-Jährige von Trashfilmen seines Berliner Schulfreundes Jörg Buttgereit über den Tatort bis hin zu Serienrollen auf RTL präsent. Dennoch sei bei ihm immer alles Musik, erzählt Bela B im Gespräch über sein viertes Solo-Album Bastard, das ganz im Stil seiner großen Leidenschaft gehalten ist: Alternative Country – sehr psychedelisch, stets humorvoll, dabei extrem visuell. Eine Begegnung in seiner zweiten Heimat Hamburg.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bela, vorweg ein Angebot: du schreibst auf, was ich dich in keinem Fall fragen soll, und ich schreibe die Antwort auf, die ich von dir erwarte.

Bela B: Kein Problem [schreibt]. Was hast du?

Ob du noch immer Punk bist.

Auch gut! Ich hab „Familie“ aufgeschrieben. Wenn es um meine Solo-Sachen geht, hätte ich aber auch „Die Ärzte“ schreiben können. Andererseits: Wenn mir eine Frage nicht passt, sage ich einfach weiter, ist auch bei Familie kein Problem.

Wobei du jetzt auch nicht so sehr dein Innerstes nach außen kehrst in deinen Texten, dass großes Interesse daran entsteht, aus welcher Gefühlslage du die herholst.

Das gab’s schon auch mal, allerdings nicht auf dieser Platte hier.

Die an ein klingendes Hörspiel erinnert. Ist Bastard ein Konzeptalbum?

Wir haben das Hörbuch SARTANA gemacht und neben dem Original-Titelthema noch sieben weitere Songs dafür geschrieben. Das Ergebnis gefiel mir so gut, dass ich beschloss mit zusätzlichen Songs ein Album daraus zu schnitzen. Es steckt also schon Konzept dahinter, allerdings kein monothematisches.

Trotzdem orientiert sich Bastard zumindest musikalisch durchgehend an einer Art Psycho-Country oder?

Mit Smokestack Lightnin spiele ich keinen Heavy Metal, das ist schon klar. Aber es ist schon vielseitiger geworden als die ursprüngliche Idee, einen Italo-Soundtrack zu machen, bei der Bilder im Kopf entstehen. Dennoch ist es ist weit mehr als das vorige ein visuelles Album.

Und offenbart es in gewisser Weise deine musikalische Seele mehr als es die Ärzte je taten?

Es war tatsächlich so, dass es sich für mich komplett richtig angefühlt hat, als ich das erstmals mit Smokestack Lightnin auf der Bühne stand. Das ist zwar immer noch Rock, aber mir gefällt diese Alternative-Country-Western-Root-Schiene schon lange. Andererseits hört man das ja auch vielen Ärzte-Songs an, vor allem der Frühphase.

El Cattivo zum Beispiel.

Genau. Das macht mir tierisch Spaß. Aber ich habe voriges Jahr auch erstmals mit einer Gypsyswing-Kapelle gespielt. Es ist jetzt nicht so, dass Klarinette oder Saxophon nun meine Lieblingsinstrumente sind, aber das gefiel mir tierisch gut. Und ich würde mich auch nicht gerade bei einem Reggae-Konzert am wohlsten fühlen oder bei Two-Step und modernem R’n‘B, bin aber echt in fast jeder Musik zuhause.

Sofern, so scheint es, eine gewisse Humorebene erreicht wird.

Stimmt, die fehlt bei zuhaus, das wirklich mal ganz ohne auskommt, aber sonst nie ganz. Das hat zwei Gründe: Zum einen komplettiert erst Humor ein Thema oder einen Menschen, was ich besonders durch die Schauspielerei gelernt habe. Zum anderen habe ich meine frühen Ärzte-Erfahrungen, die damalige Abgrenzung gegen den bierernsten Parolen-Punkrock so verinnerlicht, dass ich beim Texten fast Angst kriege, zu ernst zu werden, belehrend. Ich will niemals mit dem Zeigefinger wedeln.

Sorgt der Humor bei dieser Angst nicht auch für eine Art Panzer vor nachhaltiger Beschäftigung mit ernsten Themen?

Panzer – vielleicht… Nee, ich würde nicht Panzer sagen, aber ich habe einen Hang zur ironischen Brechung. Es ist nicht einem Song nicht immer dienlich, das hab ich mal in einem Liebeslied gemerkt, wo es die ganze Zeit über sehr persönlich um meine Gefühle geht, am Ende aber doch noch ein „Ick liebe dir“ kommt. Es sind Kleinigkeiten, aber – that’s me!

Diese Ironie entspricht also deiner Persönlichkeitsstruktur?

Definitiv, das prägt mich als Mensch und entsprechend auch als Musiker.

Wobei man angesichts deiner ewig langen Filmografie eigentlich fragen musst, ob du nicht vielmehr Schauspieler bist?

Na ja, als ich mit 16 das Glück hatte, in diesen Punk-Kosmos zu geraten, hatten viele Eltern meiner Mitschüler diese Super-8-Kameras. Unter anderem auch mein damaliger Schulfreund Jörg Buttgereit in Berlin.

Echt, mit einem der bekanntesten deutschen Underground-Regisseure?!

Ich habe in einem seiner ersten Kurzfilme mitgespielt, später aber auch in einem seiner bekannteren Werke Todesking, wo ich 1989 einen Auftritt als Rockstar hatte, der auf der Bühne erschossen wird. Dann bin ich noch in so eine Clique schwuler Freaks geraten, die sehr absurde Filme gedreht haben. Alle haben ja damals gefilmt. Später verliebte ich mich ich eine kanadische Regisseurin, die immerhin schon auf 16 Millimeter gedreht hat. Und bumms war ich plötzlich Ausstatter. Ich hatte also schon immer viel mit Film zu tun.

Klingt also tatsächlich fast, als seist du im Herzen Schauspieler.

Nee, die Musik war und ist für mich absolut zentral. Immer. Jeden Tag. Als Schlagzeuger gehe ich sogar im bestimmten Rhythmus über die Straße. Was ich am Filmemachen sehr mag, ist die Teamarbeit, so ein family-Ding. Und es hat mir ein paar Kindheitsträume erfüllt. Ich konnte zweimal in einem Pilotfilm der RTL-Serie Cobra 11 mitspielen und dabei mit echt krassen Stuntmen arbeiten. Die ganz harten Sachen habe ich zwar nur beobachtet, aber auch ein paar Stunts selber gemacht. Von einer 20 Meter hohen Feuerwehrleiter aufs Dach springen zum Beispiel, durch eine Feuersbrunst laufen, ein paar Stürze, Autoverfolgungsjagd und ein bisschen Scheinschlägerei. Das war herrlich!

Du hast offenbar weder körperlich noch kulturell Schmerzgrenzen.

Hahaha… ich sage Projekten zu, die mir den meisten Spaß versprechen. Andererseits hab ich voriges Jahr zwei ernstere Filme gedreht. „Das letzte Mahl“ dreht sich um ein Abendessen einer jüdischen Familie am Tag der Machtergreifung Hitlers. Ein Film der leider viele Parallelen zur Jetztzeit aufweist. Naja und dann spielte ich noch in der Verfilmung des Buches von Tino Hanekamp, der hier in Hamburg einen Club betrieben hat.

Das Uebel & Gefährlich.

Außerdem durfte ich in der Fernsehserie Einstein einen Elvis-Impersonator spielen. Daran hat mich gar nicht so sehr das Format interessiert als vielmehr den ganzen Tag über mit echten falschen Elvissen rumzuhängen und mir ihre Geschichte erzählen zu lassen.

Hast du keine Angst vor einer gewissen Überpräsenz in den Medien?

Doch, manchmal schon. Als ich vor kurzem in einem Video der Antilopen Gang mitgespielt hab, dachte ich kurz mal, ob das vielleicht gerade ein bisschen viel Bela B. in der Öffentlichkeit ist. Dass ich zuletzt zweimal in Talkshows saß und demnächst das zweite Mal im Frühstücksfernsehen auftreten werde, hat aber auch damit zu tun, dass es kein richtiges Musikfernsehen mehr gibt, wo ich über meine Musik sprechen kann und Angebote von Castingshows dort als Juror mitzuwirken, lehne ich regelmäßig ab. Tja und wenn ich gefragt werde, ob ich meine Prominenz nicht auch für einen guten Zweck einbringen kann, sage ich manchmal ein bisschen zu oft ja. Aber am Ende mache ich das, worauf ich Lust habe. Und ich kann mich ja auch jederzeit wieder zurückziehen und mir einfach mal einen Haufen Spaghetti-Western reinziehen, während die Welt sich auch ohne mich weiterdreht.