Lügenfront & Kliniklegenden

Die Gebrauchtwoche

13. –  19. März

Schwer zu sagen, was am Hype um das BBC-Video, in dem ein südkoreanischer Politikprofessor bei der Live-Schalte ins heimische Arbeitszimmer eher mit seinen Kindern als dem Gesprächsthema zu tun, bemerkenswerter ist: Dass es nach Abermillionen Clicks sogar eine Pressekonferenz mit der gesamten Familie nebst Aufklärungsvideo nach sich zog? Dass ihr natürlich die übliche Erregungsmaschine inklusive Shitstorm (Gewalt! Fake!! Rassismus!!! Und überhaupt!!!!) vorausging? Dass auch wir an dieser Stelle da mitmachen? Oder vielleicht doch, wie schön es in der in der Flut drastischer News von islamistisch über populistisch bis rechtsradikal ist, mal wieder was Belangloses wie das hier zu verbreiten?

Von allem etwas, vermutlich. Weil letzteres aber einfach schöner ist als die ewigen Horrormeldungen von der Lügenfront (an der Justizminister Maaß nun endlich mit schwerem Geschütz des Strafgesetzbuchs aufrüstet), setzen wir die Liste schöner Irrelevanz hier kurz mal fort: Matthias Schweighöfer ist jetzt also ein Amazon-Star und tut in You Are Wanted das einzige, was er kann, nämlich niemandem mit seiner Nettigkeit wehzutun. Von Big Bang Theory entsteht demnächst ein Prequel aus der Kindheit eines dieser liebenswert lustigen Nerds. Sibel Kekilli beendet ihr Tatort-Gastspiel, um auf der Erfolgswelle von Game of Thrones in die Welt zu reiten.

Und dann wäre da noch die Frage, wer denn bloß Guido Westerwelle spielen soll, wenn sein „Lebensbuch“ wie vom Großchronisten deutscher Zeitgeschichtsbefindlichkeiten (Nico Hofmann) verkündet, demnächst verfilmt wird? Heino Ferch? Ulrich Noethen? Heino Ferch? Ken Duken? Oder vielleicht Heino Ferch? Wir sind gespannt! Und zwar ausdrücklich auch auf das lang ersehnte Stück Zeitgeschichtsbefindlichkeit, dem sich ab Dienstag kein Geringerer als Sönke Wortmann widmet.

Die Frischwoche

20. – 26. März

Nachdem der Regisseur bereits mehrfach das Nationalheilmittel Fußball filmisch verabreicht hat, lässt er nun einen Ort auferstehen, an dem der Begriff Heilen einst sehr merkwürdig ausgelegt wurde: die Berliner Charité. Wortmanns Hochglanzblockbuster spielt im Dreikaiserjahr 1888, wo mit Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich zwar gleich drei künftige Medizinnobelpreisträger unterm Klinikchef Rudolf Virchow tätig waren. Allerdings in einem Umfeld, das Menschen seinerzeit mehr krank als gesund machte.

Natürlich geht es im opulent ausgestatteten Historytainment dieser Art auch um ein (fiktives) Mädchen (Alicia von Rittberg) zwischen zwei (duften) Männern. Im Zentrum steht aber der medizinische Epochenwechsel in politisch spannender Zeit an einem Ort, den Wortmann (und die anschließende Doku) stimmig zwischen hygienischer Hölle und wissenschaftlichem Aufbruch skizziert. Wenn man jetzt noch kurz beiseite lässt, dass Charité dank dreier Doppelfolgen eigentlich ein handelsüblicher Mehrteiler ist, könnte man sagen: Serie, nun ja, ganz gut gelungen, Patient meist tot.

Von der Machart her genauso konventionell und doch ebenfalls recht sehenswert ist ein (echter) Dreiteiler, den die ARD ab Freitag jede Woche an gleicher Stelle um 20.15 Uhhr zeigt. Die Titelklammer Eltern allein zu Haus ist zwar denkbar blöde. Doch Harald Krassnitzer und Ann-Kathrin Kramer, die auch im echten Leben verheiratet sind, verkörpern das erste dieser Paare mit Empty-Nest-Syndrom wirklich glaubhaft und dabei sehr humorvoll. Seine Jugend könnten die verlassenen Eheleute aus Hamburg übrigens durchaus im Onkel Pö verbracht haben, ein legendärer Rockschuppen aus den Siebzigern, dem der Dokumentarfilm Die Höhle von Eppendorf am Dienstag (0.00 Uhr) ein wunderbares Denkmal setzt.

Den Abend zuvor verbringt Art damit, den 60. Geburtstag der Römischen Verträge mit einem Schwerpunkt zu begehen. Europa, was nun? wagt dabei erst einen Aus- und dann einen Rückblick auf sechs Jahrzehnte EU, der überaus erhellend ist und dabei Themen wie das streicht, dem 3sat heute die Dokumentation Neuland über junge Flüchtlinge in der Schweiz widmet. Und weil das Wochenende bis aufs Ende der Winterzeit nicht viel Neues zu bieten hat, kommen wir gleich zu den Wiederholungen der Woche: Am Dienstag (20.15 Uhr, BR) Gelobtes Land, der erste gemeinsame Auftritt von Edgar Selge und Michaela May im Polizeiruf , mit dem beide die Tradition herausragender Münchner Folgen der Reihe 2001 eingeläutet haben. Ebenfalls in Farbe, aber nicht künstlerisch, sondern nur phänomenologisch empfehlenswert ist Top Gun (Mittwoch, 20.15 Uhr, Kabel1), der selbst für Hollywood-Verhältnisse 1986 erstaunlich offene Militär-Propaganda war, darin aber sehr kurzweilig ist.

In Schwarzweiß ratsam: Billy Wilders Gerichtsfilmklassiker Zeugin der Anklage, 1957 herausragend kühl verkörpert von Marlene Dietrich (Sonntag, 21.40 Uhr, 3sat) im Anschluss der unfassbar farbsatten Komödie Wie angelt man sich einen Millionär mit der alles andere als kühlen Marilyn Monroe von 1953. Und der Tatort-Tipp: Reifezeugnis (Donnerstag, 23.30 Uhr, NDR), mit Christian Quadflieg im Griff der 1977 noch frühreifen Nastassja Kinski. Ein Meilenstein.


Candelilla/vanHolzen/SamedayRec/Holofernes

Candelilla

Die Achtziger waren nicht ohne Grund aseptisch kühl und trashig bunt. Das Patt globaler Zerstörungsgewalt sorgte mit saurem Regen und Privatfernsehen für jenen unverwüstlichen Mix aus Hedonismus und Fatalismus, der seine Anziehungskraft nie verloren hat. Wenn Donald Trumps nun verkündet, Amerika solle wieder Kriege gewinnen, wirkt der verdrießliche Nihilismus von Candelilla umso weniger nostalgisch, sondern sehr zeitgemäß. Schon auf den ersten zwei Studioalben hat das zum Frauenquartett geschrumpfte Kollektiv sein Thema Liebesleben in Substantive von so rabiater Seelenlosigkeit zerhackt, dass man sich fragte, ob es die Zeichen besserer Zeiten nicht gehört oder ignoriert hat.

Auf der neuen Platte Camping scheint es: Candelilla waren uns einfach ein paar Erkenntnisse voraus. Nie seit der Gründung in München, als 9/11 kurz bevor stand, wirkten die dystopisch brüllenden Synths und Saiten unterm übellaunigen Sprechgesang aktueller als jetzt. Mögen muss man diese Noisepunk gewordene Skepsis aus der Produktion von Hannes Plattmeier und Tobias Levin nicht; ein virtuoser Kommentar auf den Lauf der Dinge aus weiblicher Perspektive bleibt sie trotzdem.

Candelilla  – Camping (Trocadero)

Van Holzen

Wann immer die Härte aus Deutschland „neu“ genannt wird, scheint sie heillos eingeklemmt zwischen Männlichkeitskult und politischer Radikalität, Rammstein und Messer, Ausdruck und Attitüde. Einfach nur grob in magengrubentief verzerrte Gitarrensaiten zu dreschen wie es Van Holzen gerade tut, ist da zumindest im Rampenlicht eher die Ausnahme. Genau dorthin jedoch könnten es die Schulfreunde aus Ulm durchaus schaffen. Und das liegt (schon ganz schön, aber) nicht allein am mächtigen Majorlabel Warner im Rücken. Wichtiger ist die angenehm unprätentiöse Beiläufigkeit, mit der das junge Trio sein Debütalbum Anomalie präsentiert.

Brettharte Rockriffs aus der Blütezeit des Indie-Rocks dies- und jenseits der späten Neunziger, gepaart mit Jonas Schramms düster flatternden Bass und Daniel Kotitschkes variabl slammenden Drums, grundiert eine Alltagsprosa vorzeitig gereifter Teenager, durch die Gitarrist und Texter Flo Kiesling weder übertrieben poetisch noch allzu politisch wirken will. Da machen dann einfach drei große Jungs aus dem Süden deutschsprachigen Posthardcore, der zu subtil ist für Mackerposen und zu uneitel für Posterboypop.

Van Holzen – Anomalie (Warner)

Sameday Records

Das mit der eigenen Sprache hätte sich ein geografisch benachbartes Trio anderer Art besser mal durch den Kopf gehen lassen. Doch Sameday Records haben sich entschieden, ihren sinnesfreudigen Folkpop aus dem Badischen auf Englisch zu singen. Und das tut ihm angesichts vorgestanzter Gefühlsduseleien wie „our hearts we’re open / feet on the ground“ oder „these walls in front of you / we need to bring them down“ keinesfalls gut. Schade eigentlich. Auf ihrem Erstlingswerk Never Ending kreieren Daniele Cuviello, Severin Ebner und Patrick Huber nämlich etwas sehr Seltenes: unterhaltsamen Folkpop ohne Pahtos.

Die Instrumente fröhlich durchgewechselt, wirkt das perfekt abgestimmte Blending ihres konsequent intonierten Dreifachgesangs auf angenehm aktuelle Art altmodisch. Crosby, Stills, Nash & Young schimmern da hindurch, Simon & Garfunkel, aber beides ohne jeden Hippie-Appeal, einfach glaubhaft einträchtig und trotz einiger Schnulzen eindrücklich schön. Dass sie mit der Schmalz-Stulle Andreas Bourani auf Tour waren und mit dem Gelee-Brötchen Ed Sheeran verglichen werden, kann man einer so jungen Band mit dem Ziel, ihre Leidenschaft zur Profession zu machen, da ja irgendwie nicht vorwerfen.

Sameday Records – Never Ending (Blackwood Music)

Hype der Woche

Judith Holofernes

Ach, wenn man sie so singen hört. “Nichts ist so trist / wie ein Optimist” kommt da von der weltgrößten Heldin im deutschen Popolymp oder noch toller, klüger, zugleich verspielter: “Freude schöner Götterfunken / Tochter mach dein Physikum” gefolgt von “alle Menschen werden Brüder / später, später Rentnerglück”. Wer Judith Holofernes heutzutage singen hört, mag Wir sind Helden stets im Hinterkopf haben. Doch ohne ihr auf Eis gelegtes Stammensemble, so scheint es auch auf dem zweiten Solo-Album Ich bin das Chaos, ist die Sängerin der konsenstauglichsten Band der Nuller im Land buchstäblich wie entfesselt. Da prasseln die Ideen nur so aus den elf Popkunstwerken, da sprüht das Charisma, da pendelt die Hauptverantwortliche mit so einer Innbrunst zwischen soziokulturellem Anspruch und fast kindlicher Lebensfreude, dass einem das Herz aufgeht, von Track zu Track zu Track ein bisschen weiter. Ach Judith, was soll man sagen, mach einfach so weiter, ob solo, ihm Team, wie im freitagsmedien-Interview egal. Einfach immer weiter. Danke!


Judith Holofernes: Solo & Helden

Ich sauf mir nichts schön

Judith Holofernes ist so ziemlich alles, was Pop nur selten ist: kreativ, klug, belesen, schön, sympathisch und bei all dem gesegnet mit einem Gespür für seichte Stellen im Tiefgang, aus denen wahre Nachhaltigkeit erwächst. Als sich die erfolgreichste Deutschpop-Band der Nuller 2012 nach zehn Jahren vorläufig getrennt hat, war daher klar, dass die frühere Straßenmusikerin aus Berlin auch solo was Bleibendes produziert. Ihr zweites Album Ich bin das Chaos (17. März, Därängdängdäng Records) ist von so orchestraler Verspieltheit, dass die melodramatischen Texte Appelle der Zuversicht im drohenden Untergang sind. Ein Gespräch über melancholische Zuversicht, positive Autosuggestion, Glückssuche im Kollektiv und warum sie manchmal gern ein wilder, kaputter Mann wäre.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Kann es sein, dass du zurzeit bester Laune bist, wenn nicht gar richtig glücklich?

Judith Holofernes: Das ist ja lustig. Eben grad wollte jemand wissen, ob ich wirklich so traurig bin. Aber in der Tat, ich bin eigentlich sehr gut aufgelegt. Sollte das Album also gute Laune verbreiten, könnte das mit meiner eigenen Stimmung zu tun haben; obwohl ich berufsbedingt natürlich einen gewissen Zugang zur Schwermut habe und auch sonst für Stimmungen jeder Art empfänglich bin.

Nur die Schlechten?

Nein, auch die Guten. Ich bin im Rückblick oft selber erstaunt, wie wenig ich beides in meiner Musik verbergen kann. Wenn ich Platten aufnehme, sind die Gefühle der Songs darauf schon mal ein Jahr und mehr her. Da fühle ich mich beim Hören oft ganz schön entblößt.

Auch im Fall dieser Platte?

Ja. Im Dunklen wie im Hellen.

Wobei alle Songs etwas gemeinsam haben: Während sie textlich entweder melodramatisch, wütend oder beides sind, ist die zugehörige Musik vorwiegend heiter.

Das war im Prinzip auch geplant. Ich gehe zwar selten ins Studio, um Platten genau so oder so zu machen. Andererseits hatte ich frühzeitig eine Art Farbe vor Augen, eine Ausstrahlung, die ich nur noch wahrnehmbar machen musste. Und die sollte in diesem Fall eher glänzend sein, funkensprühend.

Darf man sich das dann als farbenfrohes Statement in grauer Zeit dunkler Populisten schönhören?

Sehr gern sogar, auch wenn ich mir das nicht bewusst so überlegt hatte. Ich halte sehr viel davon, magisches Handeln in sein Leben zu integriert.

Magisches Handeln in Form von Autosuggestion?

Genau. Wobei ich Autosuggestion nicht von Wahrnehmung insgesamt unterscheiden würde, weil aus meiner Sicht jede Wahrnehmung Autosuggestion ist und umgekehrt. Ich gehe da jetzt nicht in Richtung Eskapismus, sich das Schlechte der Welt schön zu fantasieren. Aber man muss die guten Gefühle wie Freude, Liebe, Verbundenheit unabhängig vom äußeren Einfluss verinnerlichen, um ihnen nicht ein Leben lang vergebens hinterherzulaufen.

Und du hast diese Kraft positiver Autosuggestion?

Schon. Ich kann mich ganz gut in Stimmungen versetzen, die mir weiterhelfen, ohne ein Schäfchengrinsen aufzusetzen. Ich sauf mir also nichts schön, habe aber verstanden, dass aus einer Haltung von Verzagen, Angst, gar Panik noch nie etwas besser geworden ist.

Halse ich dem Genre Pop zu viel auf, wenn es mir so vorkommt, als wäre seine vielleicht vornehmste Aufgabe, über eine gewisse Leichtigkeit Optimismus zu erzeugen?

Warum nicht! Musik hat ja generell die sehr spezielle Möglichkeit, gleichzeitig Kopf, Körper und Herz zu erreichen. Es so gesehen eine Chance des Pop, die Widersprüche der Wirklichkeit in eine Gleichzeitigkeit der Stimmungen zu verwandeln. Das wollte ich auch mit diesem Album.

Auf dem du sehr an einen deiner Kollegen erinnerst.

Da bin ich ja gespannt.

Moritz Krämer.

Echt? Toll! Warum?

Der versprüht auch diese melancholische Zuversicht.

Das nehme ich als Kompliment. Komischerweise hat kürzlich jemand getwittert, ob der Typ von Die Höchste Eisenbahn eigentlich Judith Holofernes‘ Bruder von einer anderen Mutter ist. Ich dachte da eher an Francesco Wilking, weil ich mit dem seit 15 Jahren befreundet bin. Aber es stimmt: ich habe einen ausgeprägten Hang sowohl zur Melancholie als auch zur Zuversicht, gern auch gleichzeitig. Das hatte ich aber auch schon mit Wir sind Helden.

Worin unterscheiden die sich von dir als Solo-Künstlerin?

Das kann man insofern gar nicht genau sagen, weil ja auch die Helden Entwicklungen durchgemacht haben. Bring mich nach Hause klingt völlig anders als Von hier an blind. Schon deshalb ist Judith Holofernes nicht Wir sind Helden minus drei. Andererseits steckte auch in den Helden so viel von mir, dass man mich nie ganz davon abstrahieren kann. Ein leichtes Schwert war analoger und damit näher an den mittleren zwei Alben, während die Synthies auf Ich bin das Chaos mit der ersten und vierten Platte verwandt sind. Es war immer so viel möglich, dass keiner von uns rausgeht und sagt, endlich mach ich was anderes!

Gibt es solo nicht trotzdem irgendwas, das vorher nicht ging?

Klar. Spezielle Vorlieben wie Alternative Country oder die Cramps waren immer mein Ding und finden jetzt eher mal statt. In meiner Fantasie bin ich oft ein wilder, kaputter Mann. Umso frustrierter bin ich dann, dass es am Ende ja doch wieder nur ich ist.

Plus Band allerdings oder spielst du alle Instrumente selbst ein.

Natürlich nicht!

Es klingt halt stets ein bisschen selbstverliebt, wenn jemand unterm eigenen Namen aus einem Bandkontext aussteigt, aber immer noch nicht alleine musiziert…

Deshalb finde ich das Label „Solo“ komisch. Hab ich mir auch nicht ausgedacht. Das Interessante ist aber, dass man durch das Lösen alter Verbindungen ein Stück seiner Selbstgenügsamkeit im vertrauten Zusammenhang verliert. Mit den Helden hätte ich nicht meine tolle Live-Band oder was mit Bonaparte geschrieben. Ganz allein kann ich gar nicht, dafür arbeite ich viel zu gern mit Leuten zusammen.

Allein mit Hocker und Westerngitarre auf großer Bühne wäre nichts für dich?

Na ja, von dort aus bin ich einst zu den Helden gekommen, weil ich allein überhaupt nicht glücklich war.

Ist es ein Ausdruck dieser Glückssuche im Kollektiv, dass diese Platte so orchestral klingt?

Schön, das ist gewollt. Wir alle waren uns einig, dass der rote Faden des Albums ein fiktives Orchester sein soll, das manchmal neben der Spur liegt. Zu echten Streichern und Bläsern kommt daher manchmal eine bescheuerte Flöte hinzu.

Klingt, als wären gewöhnliche Clubbühnen dafür demnächst zu klein…

Wir waren auch vorher schon zu sechst. Aber obwohl Teitur ein Multiinstrumentalist ist, müssen wir uns Live vermutlich schon noch mal neu aufstellen. Das wird ‘ne echte Herausforderung.

Eine Frage zum Schluss, die sich schwer vermeiden lässt.

Die Helden…

Liegen die wirklich nur auf Eis oder ist damit Schluss?

Dass wir uns nicht abschließend aufgelöst haben, war eine Bauchentscheidung, die immer noch nicht ganz getroffen ist. Ob wir je wieder was zusammen machen, steht in den Sternen, aber es wäre doch traurig, wenn wir alle dächten, unser eigentliches Leben hätte bis vor fünf Jahren stattgefunden. Wir sind mit dem, was wir machen, sehr zuhause im Leben.

Das Interview ist vorab auf MusikBlog erschienen

Kommissar Pascha: Migra-Krimi & Mundart

Türken vor Grünwald

Mit Kommissar Pascha erfindet die ARD am Donnerstag einen Ermittler mit Migrationshintergrund (Foto: Hendrik Heiden/Degeto) und macht auch sonst nicht alles gut, aber vieles erfrischend anders als im deutschen Krimi-Einerlei üblich.

Von Jan Freitag

Die Erzählung der global gesehen erfolgreichsten Krimireihe deutscher Herkunft ging gefühlt 250 von 281 Fällen ungefähr so: Im noblen Münchner Vorort Grünwald starb irgendwer mit viel Geld eines gewaltsamen Todes, gern per Messer oder Gift. Kurz darauf dann entstiegen Derrick & Harry ihrem Auto der Marke BMW, klingelten an einem Gebäude der Bauart Residenz, trafen dort distinguierte Damen im Pelzmantel, meist Ruth Maria Kubitschek, verhafteten am Ende deren standesbewussten Mann, gern Wolfgang Kieling, und verließen die Upper Class sodann zurück ins biedere Bürgertum. Doch so fremd sich Ober- und Mittelschicht bei Derrick auch waren, so hermetisch die eine von der anderen abgeschlossen war – eins hatten beide 24 Serienjahre gemeinsam: Villenbesitzer namens Güzeloglu gab‘s im TV-München nirgends, Polizisten namens Demirbilek schon gar nicht. Und selbst Tatverdächtige hießen niemals Furat oder Gül.

Wie sich die Zeiten ändern.

Im Grünwald der fernsehkriminalistischen Gegenwart sind die Herrensitze von damals bei aller Pracht längst weniger protzig verziert als kubistisch schlicht, während ihre Bewohner zwar wie gewohnt Unternehmer sind. Ihren Reichtum allerdings haben sie gar nicht zwingend  über Generationen mit Maschinenbauteilen erwirtschaftet, sondern durchaus mal aus eigener Kraft mit Dönerfleisch. Genau damit nämlich hat es Süleyman Güzeloglu in die Oberen Zehntausend gebracht, wo er es sich ein bisschen deutscher sogar als seine eingeborenen Nachbarn stilvoll gut gehen lässt. Bis ihm Zeki Demirbilek alias Kommissar Pascha in die Quere kommt, ein lässig-cooler Grantler mit ortsüblichem Idiom, wie sie wohl nur in der Schickimicki-Hauptstadt glaubhaft ist.

Am gewohnt mörderischen Donnerstagabend im Ersten leitet er eine „Migra“ genannte Abteilung der örtlichen Polizei, die im fremdländisch geprägten Milieu ermittelt. Deutsche Kollegen sind dabei eher beiläufige Sidekicks von latent rassistischer Inkompetenz, Landsleute seiner Ahnen hingegen zum Niederknien cool wie Zekis Assistentin Jale Cengiz, popmodern kernig schön verkörpert von der hinreißenden Almila Bagriacik. Auch wenn der Auftaktfall sogleich mal mit Ehrenmord, Jungefernhäutschen, arrangierter Ehe  und einer Leiche zu tun hat, der das arabische Wort für „Teufel“ mit Heftzwecken in die Brust gestanzt wurde, ist das gesamt Setting kosmopolitisch, ohne in Zuwanderungsfolklore abzudriften.

Das liegt vor allem an Tim Seyfi. Der bayerische Schauspieler, 1971 als Timur Seyfettin Ölmez im Herzen der Türkei geboren, füllt seine Titelfigur mit einer Authentizität, die er in ansehnlichen Episodenrollen mit Migrationshintergrund von Polizeiruf bis Tatort kultiviert hat. Nach dem Roman von Su Turhan inszeniert Regisseur Sascha Bigler seinen Helden als Mitglied zweier Kulturkreise, die sich nah sind und doch so fern, also nur eines coolen Grenzgängers wie den hier benötigen, um ein wenig besser miteinander klarzukommen. Gewiss, manchmal wirkt dessen vorbildlich assimilierter Eigensinn leicht konstruiert, wenn Zeki seinen Frust über die (vielen) Frauen in seinem Leben mit Raki und Obstler ertränkt oder mit akkurat gefalteten Taschentüchern im Schrank deutschen Ordnungssinn zeigt, bevor er jedem Leichenfund ein Gebet zu Allah hinterherschickt. Trotzdem ist der Wille aller Beteiligten spürbar, multikulturelle Differenz nicht bloß auszustellen, sondern durchzufühlen.

Das unterscheidet „Kommissar Pascha“ angenehm vom gängigen Bild des vermeintlichen Ausländers im inländischen Film. Jahrzehntelang hatte es nur drei Typen geduldet: Kriminelle, Armutsopfer, Islamisten – nicht selten in Personalunion. Neuere Serien wie Dimitrios Schulze mit Adam Bousdoukos als griechischer Anwalt am Mannheimer Brennpunkt oder Fahri Yardim als durch und durch norddeutschen Kommissar an Til Schweigers Hamburger Tatort-Seite zeigen allerdings, dass sich sogar das klischeeanfällige Fernsehen von seinen Stereotypen entfernt.

All die Damen in Zeki Demirbileks emotional eher unübersichtlichen Leben müssen natürlich dennoch bildschön sein, ein Bombengürtel kommt selbstredend auch noch vor und Christian Paschmanns arabeske Blasmusik im Hintergrund geht nach einer Weile doch auf den Geist. Davon abgesehen aber macht die Pilotfolge durchaus Lust auf die Fortsetzung am Donnerstag drauf. Am Anfang steht wieder ein türkisches Mordopfer. Es ist allerdings in bayerischem Bier ertrunken. Prosit!


Umstrittene News & Münchner Migra

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. März

Es war kein schlechter Witz von Joko & Claas, dem galadusseligen ZDF ein – noch nicht mal allzu ähnliches – Double von Ryan Gosling auf die Fernsehbühne zu schmuggeln, für den die Funke-Mediengruppe eigens eine Goldene Kamera namens La La Land erfunden hatte, damit der reale Auftritt des falschen Stars nach mehr aussah als Prominenz um der Prominenz Willen. Nichtsdestotrotz wirkt es leicht doppelzüngig, wenn ausgerechnet der promisüchtige Plastikkanal Pro7 die öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit deren Promisucht aufzieht – zumal in Zeiten, wo man Fake-News bei seriösen Medien nicht auch noch inszenieren sollte. Schon, um denen Fans der unseriösen keinen Zucker zu geben.

Wie zum Beweis hat Facebook begonnen, falsche Posts als „umstrittene Nachrichten“ zu kennzeichnen. Was löblich klingt, wurde aber gleich mal ins Gegenteil verkehrt: Als das Landgericht Würzburg eine einstweilige Verfügung gegen die kalifornische Datenkrake ablehnte, das zum Terroristen verfremdete Bild eines arglosen Flüchtlings mit Kanzlerin zu löschen, log Facebook, man habe ja keine „Wundermaschine“, um falsch von richtig zu unterscheiden. Noch so eine Fake News, die der Konzern kaum löschen dürfte.

Wahrhaftiger sind da die Grimme-Preisträger 2017. Allen voran Ashwin Raman für zwei Dokumentationen zum Thema Islamismus. Außerdem Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale natürlich. Dazu die herausragende NSU-Trilogie Mitten in Deutschland. Aber auch die Online-Serie Wishlist des öffentlich-rechtlichen Jugendablegers Funk, wobei unklar ist, ob das Format oder doch das Prinzip ausgezeichnet wird, mit dem sich das analoge Fernsehen auf einem Feld neu zu erfinden versucht, wo bislang Streamingdienste wie Netflix oder Amazon das Sagen haben.

Die Frischwoche

13. – 19. März

Letzterer so laut, dass die erste deutsche Eigenproduktion Your Are Wanted mit von, um, über, durch Matthias Schweighöfer am Mittwoch mit Rotem Teppich vorm Berliner Waldorf Astoria präsentiert wird, bevor die Cyberkriminalitätsserie – eine Art Lola rennt! des digitalen Zeitalters – zwei Tage später ins Netz geht. Zwischendurch jedoch geht das alte Medium mal wieder kriminalistisch in Reihe, was allerdings öder klingt als es letztlich ist. Kommissar Pascha unterscheidet sich klar von anderen Krimis auf Plätzen wie dem ARD-Donnerstag.

Verantwortlich dafür ist Tim Zeyfi, dessen Chef einer „Migra“ genannten Einheit Ermittler im Münchner Milieu weder seine türkischen noch bayrischen Wurzeln ins Lächerliche zieht. Der Ehrenmord zum Auftakt inszeniert Täter wie Opfer mal nicht delinquent, verwahrlost, islamistisch oder alles in einem; die handelnden Einwanderer und ihre Kinder sind integrierte Mitglieder der multikulturellen Gesellschaft, machen darin aber dennoch manchmal Mist. Geben wir dem zweiten Teil also eine Chance, es doch noch ein bisschen besser zu machen als der erste.

Sein Niveau zu halten, würde Christian Rach als Restauranttester in der heutigen Neuauflage des Formats ab 21.15 Uhr locker reichen, um sich vom blödsinnigen Rest auf RTL qualitativ abzusetzen. Der ARD-Freitagsfilm Ich will (k)ein Kind von dir hat zwar einen noch blöderen Titel als Kommissar Pascha, dreht die Suche nach Familienidylle mit Franziska Weisz als wunschlos glückliche Karrierefrau, deren Mann (Felix Klare) unter Vernachlässigung eigener Berufspläne um Nachwuchs kämpft, aber auf angenehm unaufdringliche Art um.

Name und Inhalt gelungen gilt für den BBC-Zehnteiler The Coroner, der ab Freitag (21.45 Uhr) in fünf Doppelfolgen auf ZDFneo die Serienlegende Six Feet Under unter Krimiaspekten wiederbelebt. Und nachdem hier kurz das Finale der Wintersportsaison gefeiert wird, die am Sonntag letztmals acht Stunden lang das ARD-Programm verstopft, widmen wir uns vor den Wiederholungen der Woche der Musik: Mittwoch um 21.05 Uhr treten die Kölner Folkpop-Superstars AnnenMayKantereit mit K.I.Z. und Bilderbuch bei One auf, zwei Tage später gibt es auf Arte (21.45 Uhr) das grandiose Zappa-Porträt Zapped, erzählt in den eigenen Worten des Jazzrockgiganten. Und direkt im Anschluss zeigt der Kulturkanal ein (Skandal-)Konzert der Elektrotrashqueen Peaches von 2015 in Paris.

Gut 40 Jahre älter, aber unübertroffen zeitlos ist Das fliegende Klassenzimmer (Montag, 20.15 Uhr, MDR) mit Joachim Fuchsberger als Studienrat Bökh. Weitere vier Jahre betagter ist Jacques Derays Filmklassiker Swimming Pool, dem François Ozon 2003 ein famoses Remake mit Charlotte Rampling, Charles Dance und Ludivine Sagnier verpasst hat, das 3sat morgen um 20.15 Uhr zeigt. Noch schwarzweiß war das Krimidrama Mord im Fahrpreis inbegriffen (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) von 1965 mit Yves Montand als Inspektor, der im Nachtzug einen Mörder jagt. Und um einen Mord der perfidesten Art handelt es sich beim Tatort-Tipp Franziska am selben Tag (22 Uhr, SWR), in dem Tessa Mittelstaedt als Assistentin der Kölner Kommissare 2014 einen unvergesslichen Abgang bekam.


Jugendfußball: Gewalt am Spielfeldrand

fusball-viola3Die Famooligans

Seit Fußball selbst für Kinder nicht mehr als Freizeitbeschäftigung, sondern gezielter Schritt auf dem Wege zum Ruhm betrachtet wird, hält das Leistungsdenken schon in der F-Jugend Einzug. Davon zeugt ein übertriebener Ehrgeiz am Spielfeldrand, der mancherorts zu offener Gewalt von Trainern, aber auch Eltern führt. Eine Reise über die Bolzplätze der Republik, an denen der Tonfall frühzeitig rauer wird – sofern besonnene Kräfte wie beim SC Sternschanze in der FairPlayLiga nicht dagegenhalten.

Von Jan Freitag

Ein lauer Herbstabend im Herzen Hamburgs: Vom Park nebenan weht Vogelgezwitscher über den Kunstrasen. Das Heimteam aus dem schwer angesagten Schanzenviertel führt gegen starke Gegner aus einer weit weniger begehrten Wohngegend, wo Plattenbau eng an Reihenhaus grenzt. Die Achtjährigen der F-Jugend laufen bis zum Umfallen, das tun sie immer. Ihre Fans sind entsprechend stolz, es ist Amateurfußball wie er sein soll: innbrünstig, spaßorientiert, selbstgenügsam. Ergebnis? Egal! Eigentlich.

Bis die Stimmung kippt.

Es beginnt mit einer Grätsche der Gäste. Von hinten auf die Knochen. Und der Schiri? Bleibt stumm. Kein Wunder: Es gibt keinen. Schließlich kickt hier eine Altersklasse, die ohne Ordnungsinstanz funktionieren will, soll, könnte – stünden nicht aufgebrachte Trainer wie der des Gästeteams am Seitenaus. Im Kasernenhofton befiehlt er seiner zurückliegenden Mannschaft, Gas zu geben. „Nachsetzen! Aufstehen! Rauf daaaa!“ – so dröhnt es seit Minuten. Resultat: Der Gefoulte liegt am Boden und heult. Der Foulende spielt weiter und trifft. Der Trainer brüllt vor Freude und zur Unterstreichung des Regelbruchs „geht doch!“ hinterher.

Dieser Sound ist in der Altersklasse abnorm und doch gewöhnlich. Achtjährige denken noch olympisch. Punkte werden nicht gezählt, Tore nach Abpfiff bald vergessen. Im Zentrum steht der Spaß am Sport, weshalb Betreuer zur Mäßigung am Spielfeldrand aufgerufen sind, zu dem Eltern 15 Meter Abstand halten, gern mehr. Das Prinzip heißt FairPlayLiga. Seit 2007 lässt es kindliche Fußballseelen von erwachsenem Eifer ungerührt zur Entfaltung kommen, indem man sie einfach spielen lässt. Theoretisch. Praktisch scheitert es auch diesen Abend am Faktor Mensch.

Extreme Gefühlswallungen sind von den Profis über die Kreisklasse bis zur Pampersliga gewandert, seit viele Eltern hinter jedem Hackentrick ihres Jungen den Weltmeister 2026 wittern. In England, wo das Phänomen maximal invasiver Eltern als pushy parents bekannt ist, wurden in 15 Monaten vor der WM 2014 von Pöbelei bis Krankenhausreife 3731 Unsportlichkeiten registriert. Hierzulande, beteuert DFB-Sprecher Thomas Hackbarth, lägen körperliche Auseinandersetzungen verglichen mit der Masse an Jugendspielen zwar noch „im Promillebereich“. Die aber haben es bisweilen in sich. Anfang 2016 etwa prügelten sich bei einem Juniorenturnier im Süden Hamburgs 20 Eltern auf dem Parkett, bis die Polizei mit sechs Wagen anrückte. Eine Art Eskalation, die in Holzmaden bei Stuttgart mal zu Schwerverletzten geführt hatte.

Und als ein Spielleiter kürzlich im Tagesspiegel anonym die hitzige Atmosphäre jenseits des Platzes beklagte, ergänzte der Berliner Verbandsvize Gerd Liesegang Beispiele ehrgeiziger Verwandtschaft, die von Halbwüchsigen Nachtritte fordert, Trainern Prügel androht oder das eigen Fleisch und Blut als „Scheißkackmongo“ beschimpft. Zuletzt sorgte ein Kinderturnier in Kaiserslautern für Schlagzeilen, auf dem acht Mütter zehnjähriger Jungs so wild aufeinander eindroschen, dass die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung ermittelt. Der Fall hatte zwar offenbar auch mit Trennungsstreitigkeiten zweier Beteiligter zu tun; für Ralf Klohr symbolisiert er dennoch „die sinkende Reizschwelle der ganzen Gesellschaft“.

Bereits zehn Jahre zuvor war sie aus Sicht des hingebungsvollen Jugendtrainers so tief gesunken, dass er sich zum Handeln genötigt sah. Nachdem gewalttätige Eltern zum Abbruch eines Juniorenspiels in seiner pfälzischen Heimat geführt hatten, sah er nur zwei Möglichkeiten: „Ich hör auf oder ändre was.“ Klohr, der vom Bolzplatz über den Jugendwart bis zum Kreisverband die Basis des Nationalsports durchlaufen hat, entschied sich für letzteres und erfand die FairPlayLiga. Nach einem Testlauf im Raum Aachen setzte sich das minimal invasive Konzept bundesweit im Kinderfußball durch – mancherorts gar über die F-Jugend hinaus.

Nach dem Anpfiff, lauten die drei Regeln, beschränken sich Trainer aufs Nötigste, Eltern aufs Loben, Kinder aufs Kicken. Punkt. Dafür hagelt es von Clubs über Eltern bis Funktionären Lob. Der DFB fördert die FPL nach Kräften. Doch um Karriereträume ruhmsüchtiger Väter – und zunehmend auch Mütter – nachhaltig zu regulieren, mahnt der Erfinder landestypisch weich, aber inhaltlich hart, braucht es mehr als einen Verhaltenskodex. Kommunikation vor allem. „Und gute Trainer.“ Besser noch: Trainerinnen. Denn die, weiß Klohr aus 56 Jahren Lebenserfahrung, „sehen Fußball als Spaß-, nicht Kampfsportart“.

Das kann Viola von Düsterlho nur bestätigen. Neben ihrem Vollzeitjob bei einer Versicherung, betreut sie die F-Jugend des SC Sternschanze, seit deren Kinder noch aus der Kita zum Training kamen. 15 Stunden pro Woche. Mindestens. Ehrenamtlich. Die lizensierte Trainerin darf sich also unentgeltlich mit Kollegen wie dem des Freundschaftsspiels herumärgern. Während sie höchstens den Namen anstehender Auswechslungen aufs Feld ruft, richten sich Attacken der Gegenseite inklusive Eltern „oft sogar gegen unsere Kinder und ihren Verein“. Bestürzt erinnert sich die Betreuerin an „Scheiß-Sternschanze-Rufe“ von außen, während die Angefeindeten wie der achtjährige Johnny schon mal heulend vom Platz gehen, „weil der Trainer von den anderen gesagt hat, die sollen uns umtreten“.

Angesichts solcher Entgleisungen habe die Trainerin in der Halbzeit bereits angeboten, ein Spiel abzubrechen. Die Lust, zu kicken, sei jedoch stets größer gewesen als die Furcht vor Aggressivität. Noch. Denn mit dem Spielniveau wachse auch der Leistungsdruck, mahnt die Trainerin und fügt hinzu: „Fußball ist keine Pflicht, sondern Hobby.“ Das aber ist bedroht, wenn „immer Väter und Trainer von ein bis zwei Vereinen cholerisch Kinder anbrüllen“, wie es eine Mutter bei Turnieren ihres Sohnes erlebt. Trainerin Viola nennt die Eltern ihres Teams diesbezüglich zwar „vorbildlich“; aber selbst Barans Papa, meint Mama Özden, sei bei Spielen so hitzig, „dass der Junge ihn nicht mehr dabei haben will, wenn er das nicht lässt“. Fußball ist halt aufwühlend oder um es mit einer alten Trainerweisheit zu sagen: keine Sache von Leben und Tod, sondern viel ernster.

Was offenbar auch für andere Sportarten gilt. Im körperbetonten Eishockey etwa werden Eltern wie unlängst bei einem Juniorenspiel im bayrischen Dingolfing schon mal massiv handgreiflich. Und weil selbst die noblere Feldversion jenseits der Bande verbale Entgleisungen kennt, wird die laufende Hallensaison der Hamburger C-Junioren erstmals ohne Punkte und Meister ausgespielt. „Das trägt deutlich zur Entspannung bei“, lobt Klaus Korn vom zuständigen Ortsverband. Leistungsdruck und Trainingsumfang, Spezialisierung und Athletik, Relevanz und Wertigkeit  – all dies nehme schließlich nicht nur im Fußball zu und sorge für aggressionsfördernde Erwartungshaltungen.

Die Sporthochschule Köln bot ihrem Studenten Robert Freis daher schon vor 20 Jahren an, seine Diplomarbeit zum Verhalten von Trainern und Eltern im Tennis und Eislauf zu schreiben, wo Ehrgeiz von außen gleichfalls großen Druck ausübt. Doch als Jugendtrainer beim örtlichen FC forschte der Münchner lieber am Rande seiner großen Liebe. Dort fand er sieben Trainer- und Elterntypen vor. Von „ruhig“ und „lobend“ über „unkritisch“ oder „impulsiv“ bis „besserwisserisch“, gar „aggressiv“. Freis‘ Fazit: Während Grundschüler just for fun spielen und Pleiten zügig verdrängen, „sind Erwachsene oft leistungsorientiert“. Also zu laut, zu fordernd, zu invasiv. Eine Spirale der Emotionen. Kinder und Jugendliche würden den Sound der Eltern und Trainer ja oft eins zu eins übernehmen.

Dabei sei der Tonlage insgesamt gar nicht unbedingt rauer geworden. Weil die postheroische Gesellschaft auch dem Männersport Fußball viel vom Proleten-Image früherer Tage genommen habe, geht es aus Sicht des Mittvierzigers „oft sogar entspannter zu“ als in seiner eigenen Jugend. Falls vom Gegenteil die Rede ist, liege das auch an der wachsenden Transparenz. Bei Zigtausend Spielen, die 98.066 Kinder- und Jugendteams Woche für Woche austragen, sind soziale Medien stets auf Sendung. Von Exzessen wie in Wilhelmsburg oder Kaiserslautern hätte noch vor zehn Jahren allenfalls die Lokalpresse Wind gekriegt. Dank Smartphone und Facebook geht jede Abweichung der Norm in Echtzeit durchs halbe Land. Trotzdem, meint Freis, schraube „langfristiges Erfolgsdenken vieler Eltern und Trainer die Erwartungshaltung höher“. Auch, und das ist dann doch neu, bei den Kleinsten.

Ein DFB-Lehrbuch erklärte „ergebnisorientierte Kinder- und Jugendarbeit“ bereits vor dem Sommermärchen zur „Ursache vieler Fehlentwicklungen“. Anders gesagt: Wer schon bei Bambinis Siegeswillen sät, erntet bei Teenys rasch Verbissenheit. Und die vergiftet das Klima auf dem Platz ebenso wie daneben. Um es wieder zu entgiften, fahren zum Beispiel 30 DFB-Mobile durchs Land, mit denen der weltgrößte Sportbund Juniorenabteilungen schult. „Dank dieser Einstiegsdroge“, lobt Michael Monath vom Südwestdeutschen Fußballverband, hätten 800 Freizeitbetreuer seiner Region am „Jahr des Kindertrainers 2015“ teilgenommen. Jeder Fünfte erwarb die entsprechende Lizenz. Wichtiger Teil der Ausbildung: Kindern Freiraum lassen. Eltern zur Raison bringen. Und sich selbst auch.

Weil das unweit der Reeperbahn so gut gelingt, schicken viele Familien ihre Kids lieber zum kleinen SC Sternschanze als zum großen FC St. Pauli, selbst wenn der Anfahrtsweg dadurch länger wird. Bei letzterem wird schließlich von Beginn an für die Bundesliga gesiebt. Viola von Düsterloh dagegen sortiert vornehmlich nach Sympathie. „Mir ist lieber, dass Freunde zusammenbleiben als ständig gewinnen“. Das kommt dann schon von allein.

Der Text ist vorab im ZEIT-Spezial Schule & Erziehung erschienen

Magnetic Fields, Cleo T., Tokio Hotel

Magnetic Fields

Wer heutzutage 50 wird, verkriecht sich schon lange nicht geschockt mehr unterm nächstbesten Stein, um den Scheideweg ins Greisenalter möglichst unbeobachtet zu überstehen. Weil sich die Selbstoptimierungsgesellschaft mittlerweile zügig darauf zubewegt, dass nicht mehr 40, sondern 60 die neue 30 ist, kann man mit 49 schließlich ganz entspannt zurück blicken auf die erste Lebenshälfte. Wie entspannt Stephin Merritt genau dies zum maximal runden Geburtstag tut, ist dennoch besonders beeindruckend. Nicht nur, aber schon auch wegen der extremem Zahl an Geschenken, die er sich selber macht.

Mit seiner Band The Magnetic Fields gönnt er sich zum 50. nämlich ein 50 Song Memoir, auf dem der amerikanische Songwriter für jedes Jahr auf Erden ein Lied parat hat. Und jeder, wirklich jeder einzelne davon klingt so elegant, vielschichtig, teilweise humorvoll verschroben nach der Mitte des Lebens, dass es überhaupt nicht auffällt, wie wenig die einzelnen Tracks mit ihrer jeweiligen Jahreszahl zu tun haben. Was vor allem daran liegt, dass Merritts lässiger Popbarition gern wie eine Kreuzung aus Sisters of Mercy und Adam Green begleitet von Chili Gonzales klingt, also ein bisschen seltsam, aber schlichtweg fantastisch, gepaart diesmal mit exakt doppelt so vielen Instrumenten, wie der Bostoner reich an Jahren ist. Happy Birthday!

Magnetic Fields – 50 Song Memoir (None Such/Warner)

Cleo T.

Kaum halb so alt und in seiner orchestralen Coolness ähnlich grandios ist Cleo T. aus Paris. Dummerweise wurde der schillernd schöne Elektropop ihres Debütalbums vor drei Jahren selbst in ihrer französischen Heimat nur am Rande wahrgenommen. Jetzt, umgezogen nach – gähn! – Berlin, legt sie den Nachfolger And Then I Saw A Million Skies Ahead nach und es wäre wünschenswert, wenn das Album nun ein bisschen mehr beachtet würde. Und zwar explizit nicht, weil ihm die Klammer Weltmusik verpasst wird. Sondern weil diese Klammer so egal ist.

Gemeinsam mit Musikern aus elf Ländern von Palästina bis Indien nämlich steht das Weltläufige nicht für Folklore; es geht eher um die Weite des inneren Horizonts, den Cleo T. abreist. Umschmeichelt von ihrem leicht kratzigen, aber sehr geschmeidigen Chanson-Gesang wirken Tango-Gitarren nicht spanisch und Arabesken nicht orientalisch. Die Sprache des Sounds gleicht vielmehr einer Art analogem Sampling, das zu vielfach psychedelischem Bigband-Kammerpop im Caféhaus-Ambiente führt. Man kommt kaum los davon.

Cleo T. – And Then I Saw A Million Skies Ahead (RAR)

Hype der Woche

Tokio Hotel

Es gibt schlimmere Orte als den Hintergrund. Es ist ruhiger als davor, man kann sich freier entfalten, unbeeinflusst vom Druck der Bühnenkante, unbeeindruckt von den Erwartungen darunter. Gustav und Georg könnten davon ein Lied singen, obwohl nicht vollends gewiss ist, ob Gustav und Georg reden können. Überhaupt bitte sehr sind Gustav und Georg? Tja.

Im gereiften Boygroupwonder Tokio Hotel liefern Gustav Schäfer und Georg Listing bereits seit 2001 den rhythmischen Background der vordergründigen Zwillinge Tom & Bill Kaulitz. Während letztere zeigen, wie sehr ein identischer Genpool optisch ausdifferenziert werden kann, gleichen sich letztere auch ohne Verwandtschaftsgrad wie ein Ei dem anderen. Kein Wunder: Mehr Konturen als handelsübliche Hühnerprodukte dürfen Gustav und Georg im Schatten von Tom und Bill auch jetzt nicht haben, wo Tokio Hotel ihr fünftes Studioalbum Dream Machine veröffentlichen.

Schließlich ist es seit dem ersten vor zwölf Jahren das Prinzip des international erfolgreichsten Pop-Acts deutscher Sprache: Bill liefert Stimme und Optik, Tom liefert Gitarre und Optik, während Georg und Gustav auch dabei sind, aus Marketingsicht aber weitestgehend egal. Wie so vieles an Tokio Hotel, das über die Oberfläche hinausreicht. Ihr Plattendebüt Schrei war 2005 nicht nur einer nach musikalischer Aufmerksamkeit, der den angemieteten Kompositionsprofis gar nicht mal so schlecht gelungen ist. Noch mehr war es einer nach phänomenologischer Aufmerksamkeit, der hierzulande in dieser Radikalität zwischen Milli Vanilli und Helene Fischer niemals lauter erklang.

Vier Jahre nach der Zeitenwende von 9/11, Überlebende erinnern sich, hatte das Phänomen Boygroup seinen Zenit grad überschritten. Take That waren getrennt, die Back Street Boys nicht global Nr. 1, fünf auf verschieden gestylte Typen im Gleichschritt stereotypen Plastikpops also nicht mehr per se rentabel. Und als Krachmacher von The Strokes bis Arctic Monkeys dem visuellen Britpop lässigen Garagenrock ohne viel Layout vor den Latz knallten, tat sich für vier Schüler aus Magdeburg zwischen Jungs- und Mädchensound eine Lücke auf.

Sie füllten sie inhaltlich durchaus eigensinnig, instrumentell teilweise gekonnt. Man tut ihnen aber sicherlich kein Unrecht, wenn man den Erfolg der Band vor allem mit der modischen und erotischen Aura ihres Sängers Bill Kaulitz erklärt. Während das pubertierende Publikum mit Selbstsuche, Körper- und Identitätsfragen beschäftigt war, zeigte Bill, was alles möglich ist: Manga, Gothic, Geschlechterspiel bei sexueller Unentschlossenheit. Und dann gab’s da auch noch den Zwilling, der zu ganz anderen Antworten kam. Der sorgfältig verwahrloste Dreadlock-Rebell Tom war auf feminine Art kernig, die flamboyante Schaufensterpuppe Bill auf kernige Art feminin. Die androgyne Gefahreninszenierung, die Ausbeutung der juvenilen Erotik der Kaulitz-Zwillinge, war grundsätzlich kein neues Ertragskonzept, dafür aber umso erfolgreicher.

Unter der Ägide des Produzenten Peter Hoffmann präsentierte sich besonders Bill als metrosexuelle Verführungschiffre aller Geschlechter. Dieses Crossgendermainstreaming war erfrischend, entlarvend, also nötig. Im Hinblick auf die psychosoziale Verfassung des Zwillingspaares, das sich mittlerweile nach Los Angeles abgesetzt hat, erscheint es doch etwas bedenklich: Sind Menschen im Realschulalter im Popgeschäft selbst handelnde Subjekte oder bloß gehandelte Objekte ihres Erfolgs? So lobenswert die Auflösung tradierter Geschlechtercodes im Rückblick auch ist – Tokio Hotel wurden dadurch gleichermaßen zu Opfern und Tätern eines Systems, dem die einzelnen Teile gleichgültig sind, solange der Rubel rollt.

Anders als eine Lady Gaga, der es in dieser Sadomaso-Falle des Pop zumindest materiell prächtig geht, fragt sich hier allerdings, wer dafür bei Heranwachsenden Verantwortung trägt: vorzeitig gereifte Teenager mit eigenem Kopf, die moderne Erziehung ihres musikaffinen Vaters, ein geschäftstüchtiges Management? Wie auch immer – das Konzept ging, es geht auf. Gut sieben Millionen Tonträger, Superstarstatus auch westlich des Rheins, Massenhysterie bis Japan, mit Platz 35 einst höchste Charts-Platzierung deutscher Musik in den USA, Stadionkonzerte auf jedem Kontinent und das Ganze dem Vernehmen nach ohne Überlastungsexzesse von Drogen bis Größenwahn, dafür mit nachgeholtem Fernschulabschluss und Komplett-Relaunch des Sängers auf maskulin nach sechsjähriger Plattenpause. Endlich auch mit der passenden Musik zur voranschreitenden Künstlichkeit.

Der aalglatte Synthiepop war 2014 gewissermaßen die finale Antithese zur ursprünglichen Unschuldsvermutung, da machen vier Schulfreunde doch eigentlich nur gemeinsam Musik und sind damit eher zufällig erfolgreich. Schon Humanoid klang vollumfänglich artifiziell, was von Dream Machine so auf die Spitze getrieben wird, dass sich ein inhaltlicher Umgang damit verbietet. Die Videoauskopplung Something New zum Beispiel ist so blutleer und öde, als dimmte man bei Lady Gaga und Robbie Williams Bass und Hochtöner weg.

Zu sehen ist Bill Kaulitz im Wüstensand. Halbkörpertätowiert, dreiviertelfacegepierct, eher aufdringlich hetero als unterschwellig schwul, optisch gewohnt sehenswert drapiert, aber per Vocoder um jede Substanz gebracht. Mit dieser bulimischen Soundreduktion schaffen es Tokio Hotel, musikalisch egaler zu werden als je zuvor. Da es aber wie üblich global erfolgreich sein dürfte, erscheint im Angesicht des aseptischen Rechnersounds nur eines noch viel egaler: Gustav und Georg. Von Bass oder Schlagzeug ist in keinem der zehn Tracks, die klingen wie ein einziger, etwas zu hören. Selbst der Hintergrund furchtbar.

Der Text ist vorab mit (unterhaltsamen) Kommentaren auf ZEIT-Online erschienen