Ach, eigentlich hätte man ihm doch einen würdevolleren Abschied gewünscht. Eigentlich wäre Günther Jauch eine Prise Restanstand zu wünschen gewesen nach vier Jahren unablässigen Bashings seriöser Feuilletons. Eigentlich spricht man von Toten ja nicht schlecht. Nur, warum lädt Deutschlands zahnlosester Talkgastgeber dann nicht Gäste zum Schlussakt, denen er gewachsen ist, eine Krabbelgruppe seines Potsdamer Reichenghettos oder rampenlichtunerfahrene Ottonormalverbraucher, idealerweise RTL-Zuschauer und Quizfans? Aber nein, er muss es im ARD-Finale mit Wolfgang Schäuble aufnehmen, der schon bissigere Moderatoren zerfleischt hat.
Dabei wollte der Plauderonkel jede Konfrontation mit dem kampfeslustigen Gegenüber vermeiden, indem er artige Fragen an „Deutschlands dienstältesten Abgeordneten, beliebtesten und wortmächtigsten Minister und für manche gar heimlichem Kanzler“ mit Gefälligkeitsgutachen wie „viele Wähler möchten ja, dass alles so bleibt“ einleitet. Dennoch kanzelte der Innenminister seinen Stichwortgeber ab wie einen Schülerzeitungsreporter, aber gut – so dürfte auch dem allerletzten Fan des Erklärbärs aufgegangen sein, dass dessen Aus im Ersten keine Minute zu früh, sondern vier Jahre, zwei Monate und 18 Tage zu spät.
Ob sein Niveau allerdings weiter für RTL taugt, das sich nach dem weltweit positiven Medienecho für Deutschland 83 grad in einer Liga mit HBO oder Arte sieht und mindestens drei Spielklassen oberhalb von Sat1, dem selbst bei einem ansehnlichen Kostümkrimi wie Polizeikommission Berlin 1 scharenweise die Zuschauer davonlaufen, bleibt abzuwarten. All die globalen Fernsehpreise – zuletzt der renommierte C21 International Drama Award in London – dürften jedoch auch diesen Donnerstag kaum verhindern, dass mehr Menschen die „Bergretter“ im ZDF sehen als Deutschlands beste TV-Serie 2015 neben Weissensee.
Die Frischwoche
7. – 13. Dezember
Dass beide deutsch-deutschen Inhalts sind, zeigt immerhin, dass Fernsehen zeithistorisch sein sollte, um gegen Shows, Sport, Internet zu bestehen. Auch der ARD-Mittwochsfilm begibt sich diese Woche daher thematisch jenseits der Wende, genauer: in die frühen 60er, wo Charly Hübner und Katharina Lorenz als westdeutsche Biederbürger von einem Kind erfahren, das ihr Sohn sein könnte, der 1945 bei der Flucht aus dem Osten verschollen ist und nun auf Verwandtschaftsverhältnisse hin geprüft wird, was in Zeiten vorm modernen Vaterschaftstest putzige Ausmaße annimmt und seinem Bruder Max gehörig gegen den Strich geht, dem wenig an innerfamiliärer Konkurrenz gelegen ist.
Das Zweistaatenthema ist aber auch dokumentarisch verwertbar. Und zwar nicht nur in den endlosen Rückblicken von ZDFinfo, sondern Sonntag auch auf N24, wo der Übergang zur Einstaatlichkeit am Beispiel eines Künstlers geschildert wird, der von DDR & BRD gleichermaßen profitiert hat: Lindenberg. Udo und Berlin! folgt dem Panikrocker um 15.20 Uhr sehr unterhaltsam auf beide Seiten der Mauer, die seine Karriere geprägt haben. Weiter südwestlich spielt eine andere Dokumentation. Und plötzlich bist du verrückt beleuchtet am Dienstag (22.45 Uhr) im BR einen besonderen Skandal der an Skandalen keinesfalls armen (Un-)Rechtsgeschichte Bayerns: Die kriminelle Kaltstellung des Bankensystemkritikers Gustl Mollath durch Staat und Justiz, wobei es Leonie Stade und Annika Blendl weniger um Politik als die Psychiatrie geht, in der Patienten bis heute entrechtet werden.
Was leider auch für all jene gilt, denen 3sat Mittwoch (20.15 Uhr) den Themenabend Unser Wohlstand, Eure Not widmet (3sat. Mi 2015). Drei Dokus nacheinander handeln darin von Arbeitssklaven, Huren und Hausmädchen, deren Leid unser Konsumglück ermöglicht. Schwer, nach derlei Schwergang leichte Kost zu empfehlen, aber Überfütterung mit Sorge ist ja auch nicht bekömmlich. Problemlos verdaulich wäre zum Beispiel die Einleitung des Abschieds eines anderen Schwergewichts der Unterhaltung: Stefan Raab. Kurz vor seiner Rente mit 49 zeigt Pro7 Freitag vier Stunden lang Das Beste aus TV total, woran sich gut ablesen lässt, warum der Entertainer heute zu den wenigen Lichtblicken des Metiers zählt.
Zu den Lichtblicken früherer Kinokunst zählt die farbige Wiederholung der Woche: Hitchcocks Immer Ärger mit Harry (Montag, 20.15 Uhr, Arte), die 1955 niemand geringeres ins Rampenlicht spülte als die fabelhafte Shirley MacLaine. Schwarzweiß ratsam ist zum 100. Geburtstag von Frank Sinatra sein heroinsüchtiger Drummer im Drama Der Mann mit dem goldenen Arm aus dem gleichen Jahr. Und dokumentarisch geraten: Jesus und der Islam, ein aufwändiger Siebenteiler, mit dem Arte von Dienstag bis Donnerst die Entstehung der orientalischen Religion und die Rolle des christlichen Gottessohns darin beleuchtet.
Sicherheitskonferenz am 01.02.2014 in München. Foto: Tobias Kleinschmidt
Wahnsinnsstadt
Helmut Schmidt und die Olympischen Spiele 2024: Die Hamburg-Kolumne von HH-Mittendrin widmet sich diesmal dem vergeigten Referendum der Jubelperser und was das mit dem verstorbenen Altkanzler zu tun hat.
Von Jan Freitag
Der November, so heißt es, ist ein Monat des Abschieds. Abschied von der Hitze langer Tage, Abschied von der Wärme kurzer Nächte, Abschied vom Wesen aller Lebenslust gewissermaßen. Es sind vier schwindsüchtige Wochen mit erhöhter Suizid- und Depressionsgefahr, die sonntäglich Verblichene beweinen lassen: Heilige, Gefallene, den Tod im Ganzen. Da scheint es irgendwie einer höheren Macht zu gehorchen, dass im November gleich zwei Übergrößen hanseatischen Selbstverständnisses gestorben sind: Helmut Schmidt und die Olympischen Spiele. Genauer: die Illusion von beiden.
Denn thronte der Altbundeskanzler auch annähernd ein halbes Menschenleben nach der finalen Phase seiner politischen Macht noch wie ein Monarch über den Köpfen des führungsgierigen Volkes, so war der Plan, das weltgrößte Sportfest in knapp neun Jahren an Alster und Elbe zu feiern, nicht mehr als die Halluzination aktueller Bedeutsamkeit. Immerhin: Helmut Schmidt lebte, rauchte, dachte, dozierte, analysierte auch mit 96 Jahren wie einst zu Regierungszeiten, unbeirrbar und verehrt von (fast) allen. „Feuer und Flamme“ für Hamburg jedoch, dieser erfrischend anarchistische Slogan fürs staatstragende Ereignis in spe, war von Beginn an eine optische Täuschung, manifestiert auf Tausenden von Plakaten und einer medialen Berichterstattung im Rücken, die dem Begriff „Journalismus“ bis in seriöse Redaktionsetagen hinein spottete.
Was hätte Helmut Schmidt gesagt?
Helmut Schmidt, das andere Vexierbild Hamburger Bedeutsamkeit, hat sich dazu dem Vernehmen nach nicht allzu offen geäußert. Aber was hätte der Elder Statesman schon gesagt, in seiner schnodderig präsidialen, leicht altklugen, aber eben auch lebensweisen Art? „Nun kommt mal wieder runter von eurem hohen Ross“, vermutlich. Als unverwüstlicher Schiffermützenlotse liebte er seine Heimat schließlich viel zu sehr, um sie den Gernegrößen aus Wirtschaft, Politik und Presse zu überlassen. Er nahm sein Hamburg ja nicht viel wichtiger als es war, eben weil er es so mochte und umgekehrt, weil er alle Zuneigung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft abglich, weil er auch darüber sinnierte, Tag für Tag, Kippe für Kippe.
Das ist ein schöner, kluger, nostalgischer, intimer Patriotismus, lokal verwurzelt und polyglott. Der einzige womöglich, dem weder Selbstgerechtigkeit noch Ausgrenzung folgen, einer, für den man vielleicht zwei Kriege, vier Systeme, 24 Kanzler und bald 100 Jahre erlebt haben muss. Nun ist die rauchige, oft polarisierende, selten ungerechte Stimme pragmatischer Vernunft verstummt und fehlt selbst jenen, die ihn politisch kaum bewusst erlebt haben, was ein bisschen merkwürdig ist für einen, der ihm politisch noch nicht mal sonderlich nahe stand.
Wille, Demut, Kraft und Bescheidenheit
Vielleicht rührt dieses Verlustgefühl ja daher, dass Helmut Schmidt vier Führungseigenschaften miteinander verbunden hat, deren Kombination – falls es sie je großflächig gab – langsam auszusterben scheint: Wille und Demut, Kraft und Bescheidenheit. Alles versinnbildlicht in der wohl größten Absurdität seiner Amtszeit: Dass er bei alldem, worin dieser Staatsmann von Verachtung der Umweltschutzbewegung bis zur Ablehnung basisdemokratischer Teilhabe falsch lag, ausgerechnet den Tod des tiefbraunen Proletarierfressers Hanns-Martin Schleyers als eigenes Verschulden, mithin als persönlichen Verlust ansah.
Was muss dieser aufrechte Sozialdemokrat den reibungslos vom Helfershelfer des nationalsozialistischen Terrorregimes zum bundesrepublikanischen Arbeitgeberführer aufgestiegenen SS-Sturmbahnführer verachtet haben? Und doch erbot er ihm am Ende jenen Respekt, den die Täter-Generation Schleyer Andersdenkenden bis zur Vernichtung verweigert hatte. Es ist genau diese Größe, die Hamburg fortan fehlen wird, nicht die der elitären Sport- und Funktionärspaläste. Tschüss Helmut, Olympia Ade.
Elektronische Musik ist so voller Sub-, Downsub- und Underdownsubgenres, dass sich jeder, der nicht mindestens 15 Semester Technoide Terminologie studiert hat, nur blamieren kann, wenn er seine Lieblingsplatte sprachlich zuzuordnen versucht. In dieser Atmosphäre Den Sorte Skole zu verorten, grenzt daher schlicht ans Unmögliche. Mit Turntable, Mixer und Effektgeräten generiert das DJ-Team seit 2002 Klangkaskaden, die das Potenzial digitaler Mischtechniken so versiert, verspielt und liebevoll mit nostalgischen Samples aller Epochen verkleben, dass es ebenso gut von einem vieltausendköpfigen Weltorchester stammen könnte.
Tatsächlich aber sind es nur Martin Højland und Simon Dokkedal, die ihrer konzentrierten Gerätschaft am Pult diese Vielfalt kohärenter Töne entlocken. Vor zwei Jahren etwa haben die beiden Freunde 250 Schallplatten aus 51 Ländern aller Kontinente zum schlechthin brillanten Album Lektion III verarbeitet. Beim Nachfolger Indians & Cowboys nun ist es womöglich von allem etwas weniger; das Ergebnis jedoch ist abermals eine Art Konversationslexikon globaler Musik im Eigenverlag, komprimiert auf 75 Minuten, die man sich wie immer gegen Spende runterladen kann, besser aber noch auf Vinyl kauft. Der musikalische Kosmos aller Gattungen darauf ist schließlich ein betörendes, tanzbares Friedensprojekt, das alle Stile, Gattungen, Genres, Geschmäcker vereint, ohne sie gleichzuschalten. Vielleicht das Beste, was im elektronischen Fach 2015 zu hören gewesen sein wird. Eher mehr, nicht weniger.
Den Sorte Skole – Cowboys & Indians (self published)
Bill Ryder-Jones
Nach so einem Feuerwerk der Inspiration und Kreativität ist es nicht ganz einfach, in die profaneren Gefilde des Pop zurückzukehren, aber es geht durchaus. Mit einem Künstler nämlich, für den der Begriff des shoegazenden Slackers vermutlich mal erfunden wurde: Bill Ryder-Jones. Mit seiner blickdichten Lockenwolle vorm Kopf zum verwaschenen Holzfällerhemd fände der kalkblasse Brite wohl auf keiner ernst gemeinten Weihnachtsfeier Einlass. Umso erstaunlicher, dass er sein drittes Studioalbum mit 32 Jahren exakt dort aufgenommen hat, wo auch ein Großteil seiner Bescherungen stattfanden: im Elternhaus von West Kirby nahe Liverpool.
Was da im alten, scheinbar unverändert möblierten Kinderzimmer zwischen älteren Postern und ältesten Polstern entstand, ist eine Art Minimal-Powerpop zwischen Lemonheads und Arctic Monkeys, die der Multiinstrumentalist als Gastmusiker begleitet. Leise, fast flehentlich flüsternd erzählt er zur fröhlichen Fuzz-Gitarre, was aus dem Jungen von früher geworden ist, und wirkt dabei manchmal so euphorisch, als sei er damit ganz zufrieden. Oft aber klingt das alles aber so herzzerreißend melancholisch, als gäbe es doch noch eine Menge zu erledigen auf dem Weg zum Sinn seines Lebens. West Kirby County Primary ist ein erwachsenes Kindheitsalbum übers Großwerden beim Kleinbleiben und dabei vor allem eines: wunderschön!
Bill Ryder-Jones – West Kirby County Primary (Domino)
Zugegeben, das nachfolgende Interview ist zehn Jahre alt. Aber aus gegebenen Anlass lohnt es sich doch mal, zurückzublicken denn als Dr. Ludwig Dressler ist Ludwig Haas (Foto: WDR/GFF) volle 30 Jahre Bewohner der Lindenstraße, die am Sonntag mit einer Live-Sendung Geburtstag feiert. Freitagsmedien wünscht alles Gute!
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Ludwig Haas, wann haben Sie erstmals gedacht, vielleicht nie mehr aus derLindenstraße rauszukommen?
Ludwig Haas: Ach, irgendwie habe ich eigentlich ständig damit rechnen müssen. Immer dann nämlich, wenn ein Vertrag auslief. Das hätte also jederzeit passieren können, deshalb hätte es mich auch nie überrascht.
Sind ihre Verträge so kurz?
Nein, nein. Mittlerweile sind es Dreijahresverträge.
Aber ein Ausstieg wäre mit der Zeit schwerer gefallen.
Sicher und ich kann es mir auch jetzt nur schwer vorstellen, zumal ich in einer qualitativ so hochwertigen Serie mitspiele.
Erklären Sie doch bitte mal kurz die Faszination der Lindenstraße?
Ich glaube, es ist anspruchsvolle Unterhaltung, bei der die Zuschauer das Gefühl haben, durch eine Art Schlüsselloch in die Wohnzimmer der Nation gucken zu können. Und das in einer unglaublichen Aktualität. Dadurch hat die Lindenstraße sehr viel bewegt. Die Einstellung zur Homosexualität etwa oder zu Minderheiten. Der Hans W. Geißendörfer hat eine feine Nase für die Schwingungen der Zeit und die vielen Autoren stellen sich darauf gut ein.
Gibt die Serie damit gesellschaftliche Anstöße oder bildet sie bestehende Strömungen nur ab?
Die Lindenstraße gibt auf jedem Fall Anschübe für öffentliche Diskussionen. Es wurden ja bereits Doktorarbeiten darüber geschrieben, sehr beachtlich für eine reine Unterhaltungsserie.
Mehr ist sie nicht?
Doch, denn sie ist auch eine, pardon: Kultserie, bewegt sich also solche allerdings an der Grenze zur gesellschaftlichen Analyse. Außerdem ist sie äußerst professionell gemacht. Zu Beginn war das nicht so, technisch war sie weniger ausgereift, nicht so versiert, es gab Probleme mit mehreren Kameraeinstellungen. Jetzt das hat manchmal fast Hollywoodqualitäten.
Ist sie dadurch besser als vergleichbare Serien?
Also ich urteile nicht gern über andere Sendungen. Ich gucke sie aber zuweilen – etwa Gute Zeiten, Schlechte Zeiten oder Unter uns, aber nicht regelmäßig, dafür fehlt allein mir die Zeit. Insofern hebt sich die Lindenstraße natürlich schon ab, weil sie eben nur einmal die Woche stattfindet und nicht jeden Tag. Das ist für die Kollegen eine unheimlich harte Arbeit.
In Ihrer Rolle als Dr. Dressler waren Sie bereits Mörder, Gewaltopfer, Witwer, geschieden, Mann einer viel Jüngeren, Vater eines Junkies und eines Schwulen, Buchautor, Arzt, Bösewicht, Samariter – bisschen viel für ein Leben.
Nur, wenn man es mit dem Leben vergleicht, aber nicht für eine derartige Serie. Wenn man den Alltag so zeigen würde, wie er normalerweise ist, wäre das sterbenslangweilig. Es ist die Aufgabe der Autoren, das zu komprimieren, zu verdichten, interessant zu machen.
Und das, ohne die Charaktere zu überfrachten.
Finden Sie es überfrachtet? Ich nicht. Das Denken der Menschen wird jetzt schneller, die Sehgewohnheiten auch, da muss man mit der Zeit gehen.
Schleicht sich Dr. Dressler gelegentlich in den Alltag von Ludwig Haas ein?
Eigentlich nicht. Ich bereite mich sehr intensiv auf die Rolle vor, versuche mich richtig in sie reinzudenken, aber nach der Arbeit gehe ich nach Hause und habe im Prinzip nichts mehr mit Dr. Dressler zu tun.
Dennoch steckt offenbar ein Stück von Ihnen in der Figur.
Das stimmt. In einer solchen Serie kann man sich nicht einfach so verstellen wie für einen einzelnen Film; da muss man eigene Gefühle, sein Inneres einbringen, obwohl es sich nicht mit der Rolle deckt.
Fällt es dem Publikum nach so vielen Jahren nicht schwer, in anderen Rollen nicht ständig den Dressler zu suchen?
Wissen Sie, ich bin ein alter Theaterschauspieler. Da ist man es so sehr gewohnt, wenn Sie Repertoire spielen, jeden Abend in eine andere Haut zu schlüpfen. Es gibt aber auch Schauspieler, die immer sich selbst spielen. Das bin ich nicht.
Was machen Sie denn noch so nebenher?
Ich habe einen Exklusivvertrag mit der Lindenstraße, habe aber auch viel im Ausland gedreht, auch in den USA.
Oder mit Helge Schneider.
Eine tolle Zeit! All das gibt mir immer wieder Kraft für die regelmäßige Arbeit an der Lindenstraße.
Sie haben zum Beispiel mehrfach Adolf Hitler gespielt.
Sechs Mal, das stimmt.
Liegt das an Ihrem Äußeren?
Womöglich, aber ich sehe ja Gott sei dank nicht genau so aus wie er.
Was würden Sie sagen, wenn Herr Geißendörfer Sie plötzlich sterben lassen würde.
Schwer zu sagen. Es ist immer schwierig, wenn jemand sagt du stirbst in zwei Monaten – auch im wirklichen Leben. Ich wäre sicher traurig, weil ich sehr in dieser familiären Gemeinschaft drinhänge. Aber so wäre eben das Leben.
Nirgendwo werden deutsche Befindlichkeiten stärker und erfolgreicher verdichtet als in der Lindenstraße (Foto: WDR/GFF). Am Sonntag feiert die ARD ihren Dauerbrenner mit einer Live-Sendung. Eine Eloge.
Von Jan Freitag
Die Revolution begann bieder: Familie Beimer mit Gitarre, Flöten und Gesang am Adventskranz. Helga, Hans, Benny, Klaus und Marion im hausmusikalischen Kampf gegen den Zerfall unserer gesellschaftlichen Zentralinstanz – so feierte eine Serieninstitution vor genau 25 Jahren ihr Debüt: Die Lindenstraße, dienstälteste, meistdiskutierte, beliebteste, seriöseste, aufwändigste, in einem Wort: beste Serie im Land. Seit Dezember 1985 ist das ARD-Produkt ein Stück Heimatkunde mit dieser heilen Sippe im Zentrum beim Abwehrgefecht gegen den Werteverfall unterm Wohnzimmerfenster. Sie hat es verloren. Wie alles, was verlässlich scheint, irgendwann zu Bruch geht bei Hans W. Geißendörfer.
Der Erfinder, gute Geist und Übervater von Deutschlands bekanntestem TV-Pflaster hat ja noch jeden Keim sozialer Erschütterung in der Lindenstraße gesät; da war auch das Schicksal der Beimers früh besiegelt: Papa Hans hat fremde Kinder, Stammhalter Benny traf der TV-Tod und Onkel Franz den des Schauspielers. Marion, die Älteste, wurde à la Dallas gesichtsverändert und der Stadt verwiesen, Nesthäkchen Klausi war von spießig über promiskuitiv oder psychotisch bis links- und rechtsradikal schon alles Mögliche, seine Mama hingegen neben kontrollsüchtig auch depressiv, alkoholkrank, suizidgefährdet, das volle Programm. Eins aber hält bis heute an: Heiligabend wird gesungen.
„Leider war 1985 das Fremdschämen noch nicht erfunden“, sagt ARD-Programmchef Volker Herres über die erste Szene dieser Art und meint auch die nächste. „Sonst hätte ich es getan.“ Umso mehr freut er sich bis heute Sonntag für Sonntag über einen Quotengaranten, der unser Land von der geistig-moralischen Wende bis Stuttgart 21, von brennenden Flüchtlingsheimen der Nachwendejahre bis zu denen von jetzt in Echtzeit abbildet und damit Sonntag für Sonntag bis zu vier Millionen Menschen fesselt, nicht wenige davon seit dem 8. Dezember 1985, denen die ARD zum 30. Geburtstag am Sonntag eine Live-Sendung schenkt.
Sie alle schauen zuhause oder mit Freunden, in Altenheimlobbys und Szenebars. Der Altersschnitt liegt klar unter dem der ARD. Und wem das nicht reicht, kann sich in fast 200 wissenschaftlichen Arbeiten fortbilden oder in einer der vielen Bücher blättern wie „1000 Folgen in Wort und Bild“. Vor sechs Jahren ließ es das Jubiläum im Format mittelalterlicher Folianten mit einer Seite pro Folge Revue passieren. Eine Zeitreise durch bundesdeutsche Befindlichkeiten wie die Serie selbst. Familienalbum, nennt es Erfinder Geißendörfer im Vorwort, „das Großmutter angelegt hat und die Kinder weiterführen, um es eines Tages den Enkeln zu übergeben“. Und wer sich nicht all die DVD-Boxen zulegen will oder wie ein Ultrafan alle 1559Episoden auf 30-minütigen VHS-Kassetten speichern, kann sich so noch mal all jene Momente vor Augen führen, die Fernsehgeschichte geschrieben haben.
Da ist er also wieder, in Folge 68, der erste schwule Zungenkuss via TV und kurz darauf die heterosexuelle Premiere mit Priester. Die verhängnisvolle Affäre von Hans mit seiner Verwandten Anna– Urkatastrophe der Beimeridylle in Episode 147. Oder Gung, dieser „Konfuze“ zitierende Flüchtling aus Vietnam, der im Herbst 1998 fiktional als Kanzler kandidierte und ganz reale Stimmen erhielt. Oder. Oder. Oder. Szenen, die sich ins Zuschauergedächtnis gebrannt haben, Landmarken einer Zuschauernation im dauerhaften Umbruch, stets donnerstagesaktuell kommentiert von zwei Dutzend wechselnden Regisseuren: Unfälle, Raub, Mord, Aids, Bulimie und Ärztepfusch, Terrorismus, Islamismus, Rechtsextremismus, Zivilcourage. Dazu Mobbing, Vergewaltigungen, Immobilienspekulation, Organtransplantationen, Kinderschwangerschaften, Atomdebatten, Drogenexzesse, Seniorenerotik – viel Sex & Crime also, aber auch ganz biedere Liebe, dargestellt allein in 27 Hochzeiten, die meisten unter Nachbarn, demnächst wieder eine; in 30 Jahren dürfte die Lindenstraße ein Inzestproblem haben und damit eines der wenigen Tabus, das auf 70.000 Drehbuchseiten ungebrochen blieb. Sonst war fast alles dabei.
Zum Beispiel bei Ludwig Haas, einem von sechs verbliebenen Darstellern der 1. Folge. Als Dr. Dressler war der Arzt bereits Mörder, Dealer, Opfer, Täter, Patriarch von Schwulen und Junkies, Mann einer blutjungen, einer biederen, einer psychotischen Frau, verwitwet, geschieden, verlassen, dazu Schriftsteller, Bösewicht, Samariter, Telefonseelsorger, Intrigant, Kumpel, Adoptivvater – etwas viel für ein Leben. „Nur, wenn man es mit dem echten vergleicht“, meint der Schauspieler. Normalität sei sterbenslangweilig und gehe an beschleunigten Sehgewohnheiten vorbei. „Da muss man mit der Zeit gehen“.
Das tut die Lindenstraße. Nicht immer geschmackssicher, deshalb muss zur Geburtstagsausgabe mit ein paar Peinlichkeiten gerechnet werden wie stets, wenn sich die Serie selbst thematisiert. Aber wer die Serienlandschaft betrachtet, gute wie schlechte Zeiten all der Dr. Kleists unter uns in aller Freundschaft, kehrt oft reuig zurück zu 150 Meter Außenkulisse samt Studio dahinter. Ein falsches Stück realistischer Welt, ausgerechnet im Fernsehen.
Manche behaupten, in Kneipen finde man nur Saufkumpane, keine ernstzunehmenden Freundschaften. So ein Quatsch! Deshalb habe ich Pohlmann nach unserer ersten Begegnung auf biergetränktem Terrain erneut getroffen. Neben Star Wars, der aktuellen Flüchlingssituation und dem Untergang der Welt, sprachen wir dieses Mal aber vor allem über ein Lieblingsthema des Hamburgers: Ben Harpers Fight for Your Mind.
Von Marthe Ruddat
Fight for Your Mind erschien 1995. Es war das letzte Soloalbum Harpers, bevor er sich mit The Innocent Criminals zusammen getan hat.
Pohlmann: Dünnwandiges Glas, süffiges Bier, viel Kohlensäure, eiskalt. So muss das sein! Aus so dicken Humpen trinke ich ja gar nicht gerne.
freitagsmedien: Dann mal Prost! Fight for Your Mind, das klingt fast wie ein Lebensmotto. Wie interpretierst du den Albumtitel?
Solche Interpretationsfragen sind ja bei englischsprachiger Musik besonders spannend. Bei Ben Harper lassen die vielen Bilder und Symbole sehr viel interpretativen Freiraum. Aber für mich ist Mind der Geist. Fight for Your Mind heißt für mich also, den Geist lebendig zu halten. Ich glaube, dass der Geist einen Hang zum Vergessen hat. Wir neigen dazu, gedanklich abzudriften. Wenn man sich aber Mühe gibt und kämpft, dann kann man sich sozusagen wach und bewusst halten. Das ist allerdings eine Prozedur, die viel Kraft kostet. Du zündest dich quasi selber an, gerätst mit dir selbst in einen Konflikt. Am Ende brennst du. Ich glaube dieses Brennen sieht man auf dem Albumcover.
Das Cover der Fight for Your Mind zeigt nicht nur Harpers brennendes Gesicht. Das Artwork ist außerdem von den militärischen Wappen der afrikanischen Staaten inspiriert, und so ist jedem Song ein Wappen zugeordnet.
Das klingt, als würdest du aus Erfahrung sprechen!?
Absolut! Als Musiker kann es passieren, dass man Songs schreibt und auf einmal merkt, auf wie viele Leute man mit dem Finger gezeigt hat. Und plötzlich kann man dabei zusehen, wie sich der Finger umdreht und auf einen selbst zeigt. Da merkt man dann, dass man kein bisschen besser ist als die anderen. Am Ende kann ich mich aber kaum dazu durchringen, so kritische Songs zu veröffentlichen. Meistens schafft es ein solch ein Song auf eine neue Platte.
Hilft dir die Platte dabei, diesen Kampf in dir auszutragen und zu überstehen?
Ja, auf jeden Fall. Es gibt da zum Beispiel den ersten Song, Oppression. Ich glaube Unterdrückung spüren wir alle auf irgendeine Art und Weise. Der Song beschreibt, wie man sich dagegen zur Wehr setzen kann. Das ganze Album ist durchzogen von Religiosität und Spiritualität. Eigentlich stehe ich solchen Dingen sehr skeptisch gegenüber. Aber wenn es einen Gott gibt und ein Sänger daran glauben kann, dann kann er über sich hinaus wachsen. Ich glaube, Ben Harper nimmt mich da einfach mit. Seine Musik ist für mich wie eine Droge. Naja, nicht Droge, eher Bewusstseinserweiterung!
Wie oft und in welchen Momenten gibst du dich denn dieser Bewusstseinserweiterung hin?
Ehrlich gesagt, höre ich im Moment kaum noch Musik. Ich bin da gar nicht so auf dem Laufenden. Aber wenn ich diese Scheibe höre, dann mit Kopfhörern. Und dann genieße ich einfach diesen wahnwitzig geilen Sound, voller Seele, voller Freude, voller Energie.
Welcher ist din Lieblingssong auf der Platte?
Es gibt zu viele Songs, die sich um diesen Platz streiten. Aber der Song Power of the Gospel berührt mich sehr. Es ist ein Song, der mich irgendwie aufbricht und alle Zweifel auflöst. Hass, Neid, Missgunst, Angst, all diese Gefühle bedrängen uns und werden in Liebe verstanden. Wenn wir uns mit unseren Monstern allein fühlen, kann so ein Song helfen.
Ben Harper – Power of the Gospel
It will make a weak man mighty / it will make a mighty man fall
it will fill your heart and hands / or leave you with nothing at all.
It’s the eyes for the blind / and legs for the lame
it is love for hate / and pride for shame.
That’s the power of the gospel / that’s the power of the gospel
that’s the power of the mighty power / that’s the power of the gospel.
Gospel on the water / gospel on the land
the gospel in every woman / the gospel in every man.
Gospel in the garden / gospel in the trees
the gospel that’s inside of you / the gospel inside of me.
Hast du Ben Harper mal getroffen?
Oh ja! Und ich habe mich davor so besoffen, dass ich heute immer noch darüber nachdenke, wie dämlich ich eigentlich bin. Also du musst dir vorstellen, Ben Harper ist für mich, was Prince für andere Leute ist. Ich hab jetzt kein Poster von ihm Zuhause. Bei diesem Treffen hätte ich einfach cool und gelassen sein müssen. Statt dessen habe ich all das gemacht, was man nicht machen sollte, wenn man einen guten Eindruck hinterlassen möchte.
Klingt viel schlimmer als es ist!
Es gab da so eine Radioshow und ich sollte ihn danach treffen. Meine Plattenfirma hatte das organisiert. Ich war aber so nervös, dass ich vorher erst mal drei Tequila getrunken habe. Ben Harper kam dann mit dem Handtuch um den Hals von seiner Show und meinte ganz cool: „Tonight I am gonna drink my ass off!“ Naja, dann haben alle halt getrunken, aber ich war eben drei Tequila im Vortreffen. Als ich dann endlich neben ihm saß, hab ich den Typen einfach nur vollgequatscht. So wie ich dich gerade vollquatsche, nur mit etwa drei Gin Tonic und noch vier Bier.
Was hast Du ihm denn so erzählt?
Das weiß ich noch ganz genau! Ich hatte auf dem Hinweg eine Dokumentation über so eine Mozartlocke gesehen. Ich erzähle das jetzt nicht alles. Im Endeffekt ging es um Laudanum, Drogen und Rock’n’Roll. Mozart war ein taffer Kollege. Nach seinem Tod fand man in seiner Locke keine Spuren von Laudanum. Das haben die Menschen damals genommen wie Aspirin, aber es ist sehr viel stärker. Mozart wollte sich aber nicht so benebeln lassen und hielt seine Schmerzen aus, um bei klarem Verstand zu bleiben. Du musst beachten, dass ich die ganze Geschichte auf Englisch erzählen musste und noch eine längere Hintergrundgeschichte dazu gehörte. Naja, ich glaube ich hole manchmal zu weit aus. Er ist irgendwann einfach aufgestanden und hat gesagt: „It’s time to go, I am tired.“ Und ich saß da dann so…naja… Ich war einfach angetüdelt und habe zu viel Mut bekommen. Ich hätte ihn ja auch tausend Sachen zu seinen Songs fragen können. Aber nein, ich musste ihm irgend eine Geschichte erzählen.
Was würdest du ihn denn fragen, wenn du Ben Harper nüchtern treffen würdest?
Ich würde ihn etwas über Spiritualität fragen und was für ihn Glaube und Musik bedeutet.
Weil er in dieser Hinsicht ein Vorbild für dich ist?
Von Vorbildern halte ich nicht viel. Kill your Idols, heißt es immer so schön! Ich möchte nicht sein wie Ben Harper. Das ist ein Gefängnis, in das man als Künstler geraten kann. Aber ich möchte genau so wie er ein Gefühl der Selbstvergessenheit empfinden, wenn ich Musik mache. Ich glaube, wenn ich ihn heute treffen würde, dann würde ich die Sache mit mehr Würde und weniger Angst angehen.
Seit 2013 warten wir auf ein neues Pohlmann-Album, müssten uns aber noch ein bisschen weiter gedulden. Die Wartezeit kann allerdings mit einem Besuch der Jahr aus Jahr ein – unplugged Tour überbrückt werden. Ab dem 11.12.15 reist Pohlmann durch die Republik und ist am 21.12. in der Hamburger Fabrik zu Gast. Tickets und Infos auf www.ingopohlmann.de.
In der permanenten Krisenberichterstattung geht derzeit unter, dass es parallel dazu noch einen anderen Informationsoverkill gibt: Wintersport. Die öffentlich-rechtliche Druckbetankung damit war schon am Startwochenende so ergiebig, dass vier Monate vorm Finale bereits alle Kanister des guten Geschmacks gefüllt sind. Und beim Bemühen, auch ja das hinterletzte Rodelrennen zu übertragen, ist zudem ein irrer Wettstreit entbrannt: Wer bietet das subjektivste Paar moderierender Jubelperser?
Nach Punkten vorn – nein, nicht Günther Jauch, dessen chronischer Mangel an journalistischer Tiefe und Kompetenz zum gestrigen ARD-Abschied sogar vom zuständigen WDR bestätigt wurde. Sondern der patriotisch betäubte Matthias Opdenhövel und sein dauergrinsender Grüßaugust Dieter Thoma, die gemeinsam noch jede Sprungschanze zur Comedybühne maximaler Schlichtheit machen. Dicht gefolgt von Alexander Ruda und Fritz Fischer, bei denen ein deutscher Biathlon-Sieg weit vor Klimawandel, Terrorismus und Flüchtlingskrise atmosphärisch zur wichtigsten Sache der Welt hochgefaselt wird. Da haben es kritisch-kompetente Kommentatoren wie Tom Bartels oder Aris Donzelli schwer, den Nebel der Dummheit zu durchdringen.
Ein Nebel übrigens, der grad nirgends dicker ist als in Hamburg, wo die dummdreiste Olympiabesoffenheit von Politik und Wirtschaft längst auf ortsansässige Medien übergegriffen hat. Nachdem die lokale Bild unlängst eine Sonderausgabe ohne jeden Missklang veröffentlicht hatte und die einst objektive Mopo ohnehin in subjektiver Euphorie ersäuft, feierte nun das altehrwürdig konservative Abendblatt die Spiele in einer Science-Fiction-Ausgabe vom Sommer 2024 als beste aller Zeiten, deren Kosten – erstmals in der neueren olympischen Geschichte – vollends gedeckt gewesen sein werden, was – kein Scherz! – „Bundeskanzler Olaf Scholz“ mit Stolz erfüllen wird. Ach Medienhauptstadt, was bist du dörflich geworden…
Die Frischwoche
30. November – 6. Dezember
Aprops: Das bekannteste Dorf der TV-Republik feiert am Sonntag mit einer verlängerten Live-Sendung 30. Geburtstag, wobei die Lindenstraße dramaturgisch in München steht und baulich in Köln, aber egal – der Mikrokosmos rings ums Wohnhaus von Familie Beimer hat sich auch im digitalen Zeitalter seinen provinziellen Charme erhalten. Und genau das stellt für viele Fans trotz all der tagesaktuellen Themen ein Stück Geborgenheit im aufgewühlten Umfeld wirkmächtiger Weltpolitik dar.
Was die im Stillen für Schweinereien betreibt, wissen wir alle oft erst, seit sie von WikiLeaks ausgeplaudert werden. Zurzeit übt sich die Enthüllungsplattform von Julian Assange zwar gern mal in obskuren Verschwörungstheorien über die Anschläge von Paris; welche Bedeutung WikiLeaks für die globale Transparenz hat, kann man aber dennoch in der erhellenden US-Doku We Steal Secrets sehen, die das ZDF Donnerstagfrüh um 0.10 Uhr zeigt. Ganze fünf Minuten früher läuft heute Nacht auf gleichem Kanal Komm schon!, eine Sitcom, deren Thema den unfreundlichen Sendeplatz sogar rechtfertigen könnte; doch das komplizierte Liebes- und Berufsleben einer Sexualtherapeutin mit allerlei eigenen Baustellen im Bett, kommt fast ohne Körpereinsatz aus, vor allem aber ohne Zoten, Peinlichkeit, Lacher vom Band.
Auch darum ist der Vierteiler von Esther Bialas eine echte Programperle zur Geisterstunde, die man unbedingt zur publikumsfreundlicheren Zeit sehen sollte: in der Mediathek. Die Primetime großer Kanäle dagegen ist ja gewohnt knitterfrei. Obwohl: manchmal heißt glattgebügelt nicht unbedingt faltenfrei. Etwa in der opulenten Räuberpistole Mordkommission Berlin 1. Am Beispiel des real existierenden Ernst Gennat, der in den Goldenen Zwanzigern die Polizeiarbeit forensisch revolutionierte, kriegt es Friedrich Mücke Dienstag auf Sat1 mit einer heillos überfrachteten Filmmuseumsunterwelt zu tun, die so herrlich ans Technikolorkino der Jahrhundertmitte erinnert, dass man ihr den ästhetischen Mainstream durchaus verzeiht.
Als Gennat noch selbst nach Mördern suchte, erschien übrigens ein Buch, das ebenfalls Geschichte schrieb und die kurze Phase der Freizügigkeit rabiat terminieren half: Mein Kampf. Am 1. Januar endet das Urheberrecht an Hitlers Machwerk, weshalb es – kommentiert – wiederveröffentlicht werden kann. Was das in Zeiten von Pegida und AfD bedeutet, die sich zusehends als leidlich ziviliserte SA gerieren, erkundet Manfred Oldenburg am Donnerstag auf Arte (20.15 Uhr) in seiner Doku Das gefährliche Buch.
Wer das zu schwer, zu belastend findet, aber den Sender nicht wechseln will, kann sich heute ab 20.15 Uhr einen Themenabend lang mit Woody Allen entspannen, angefangen mit seinem Stadtneurotiker von 1977. Womit es nahtlos zu den Wiederholungen der Woche geht. In Farbe: 28 Days Later, Danny Boyles furioser Zombie-Pop von 2002 (Montag, 23.15 Uhr, Kabel1) oder Mittwoch auf Arte (20.15 Uhr) M – eine Stadt sucht einen Mörder mit Peter Lorre als schwarzweißer Triebtäter, den die Unterwelt durch Berlin jagt. Parallel dazu von dokumentarischer Bedeutung: Geschichte der RAF (18.45-23.15 Uhr), nicht immer neutral, aber voll bemerkenswerter Archivbilder.
Nach kaum mehr als vier Jahren beendet der König des belanglosen Plauderns an diesem Sonntag seine sündhaft teure ARD-Talkshow – und damit ein großes Missverständnis: Günther Jauch (Foto: ARD) ist weder Journalist noch Anwalt des kleinen Mannes. Sondern einfach ein sehr, sehr guter Geschäftsmann mit gewissen Entertainerqualitäten.
Von Jan Freitag
Irrtümer können ganz schön hartnäckig sein. Derjenige zum Beispiel, nach drei Bierchen könne man problemlos Auto fahren, hält sich bekanntlich selbst unter bayrischen Spitzenpolitikern beharrlich. Auch, dass Hunde den Mond anheulen, Jugendliche immer gewalttätiger werden oder Erkältungen durch Kälte entstehen, wird nicht dadurch richtiger, dass man es dauernd wiederholt. Da könnte man ja gleich dem denkbar größten Irrtum unserer Tage Glauben schenken: Bei einer Direktwahl durchs Volk bekäme Günther Jauch die Mehrheit.
Wer das glaubt, glaubt womöglich auch, Deutschlands beliebtester Fernsehmoderator sei auch ein guter Talkshowmaster oder noch ein bisschen verrückter: Journalist. Aber gut – jetzt ist mit diesem Märchen ja Schluss. Diesen Sonntag hört Günther Jauch auf, zu sein, wofür er einfach nicht bestimmt ist und doch Abermillionen sinnlos vergeudete Euro kriegt: Günther Jauch. Dann wechselt das RTL-Gesicht letztmals zum Wochenendfinale vom privaten Biotop rüber ins öffentlich-rechtliche Exil und begrüßt seine Gäste bei der ARD. Dann ist seine Gesprächsrunde nach vier Jahren auf Sendung trotz konstanter Einschaltquoten überm Senderschnitt Geschichte. Ein Irrtum weniger auf dem Feld beharrlicher urban legends.
Denn Günther Jauch war, er ist alle Mögliche: Ein Kaiser arglosen Entertainments, der König des belanglosen Plauderns, Edelmann diverser Unterhaltungsshows für Bürger, Bauern Bettelleute. Er kann profane Alltagsquizrunden ebenso wie übersteuerte Samstagabendsausen zum heiteren Hochamt gesamtdeutscher Abendgestaltung weihen und dem Altmedium Fernsehen somit eine Art nonchalanter Relevanz suggerieren. Noch besser aber kann Jauch den Hochadel seriöser TV-Dispute so profanisieren, dass sie intellektuell belanglos werden, äußerlich mitunter wärmend, innerlich bedeutungslos und leer.
Dafür muss man nur ein paar Monate zurückwandern auf der Zeitachse linearen Fernsehens. Im April war es, da ertranken im Mittelmeer zwar auch nicht mehr Flüchtlinge als üblich, aber die Medien waren durch ein paar besonders verlustreiche Schlepperhavarien aufgeschreckt. Aus diesem Grund nun lud der nette Herr Jauch nicht nur den rassistischen Brachialpublizisten Roger Köppel aus der Schweiz zum Disput, sondern auch einen freundlichen Philanthropen, der auf eigene Faust Schiffbrüchige rettet und plötzlich etwas tat, das den Moderator an den Rande der Zurechnungsfähigkeit brachte: Er forderte Schweigeminute für die Opfer von Europas Abschottungspolitik.
Und was tat Jauch? Er sträubte sich, stammelte, winkte ab, rang sichtbar um Regelhoheit und gewährte doch eine Audienz der Stille im Quasselforum, nur dass sie keine 60 Sekunden währen durfte, sondern rund die Hälfte – dann brach er den erhabenen Moment ab, ging zur Tagesordnung über und riss sich somit endgültig die Maske vom Gesicht. Günther Jauch, 1958 in Münster geboren, als dort noch Priester statt Grüne den Ton angaben, gilt nämlich im Medium der Machtinteressen als Stimme des kleinen Mannes – obwohl er sich wie kein zweiter Promi seines Ranges den Fangarmen der Springerkrake entzieht.
Er ist also wie gemacht fürs Unterschichtenfernsehen von RTL mit seiner verantwortungslosen Ballermannbespaßung, das die Lüge strukturell zum Faktum verdreht und Sachlichkeit allenfalls homöopathisch dosiert. Hier spielt das sportaffine BR-Gewächs seit 1999 für gut fünf Millionen Zuschauer den vertrauenswürdigen Ratepaten mit lausbübischer Empathie für den rätselnden Pöbel. Spätestens die Flüchtlingssendung vom April aber legt nahe, wie viel Pose darin steckt und wie wenig Wahrhaftigkeit.
Dafür spricht nicht zuletzt der Geschäftsmann im Moderator, dem das mitfühlende Image seit Jahren das Konto bläht, seit 2011 mit geschätzt zehn Gebührenmillionen im Jahr für eine Stunde Wochenarbeitszeit plus Vor- und Nachbereitung, die er zudem von seiner eigenen Firma i&u TV produzieren lässt. Dafür hat der Elitenzögling mit herrschaftlichem Anwesen in der reichen Residenzstadt Potsdam nicht nur die bessere Anne Will vom wichtigen „Tatort“-Anschluss auf den Aschenputtelplatz am Mittwoch verdrängt, sondern die „Gremlins“ der ARD auch sonst am Nasenring durch die Arena des Kampfs um unerreichbare Zielgruppen gezogen.
Selbst Vater Ernst-Alfred, er immerhin tatsächlich Journalist, soll mal über seinen Sohn gesagt haben, „was Günther macht, verstehe ich zwar nicht, aber es wird wohl gut bezahlt“, um hinzufügen: „Kein Mensch weiß, warum.“ Dem kann man, auch wenn es dem beruflichen Standesdünkel eines alten Printreporters vor Wer wird Millionär entsprungen sein mag, nur beipflichten. Jauch Junior ist zwar überaus nett, aber erschreckend beliebig; bildungsstark, aber meinungsschwach; unterhaltsam, aber trivial. Alles Relationen, die einer lukrativen Karriere im Kommerzfunk zuträglich sind. Fürs staatsvertraglich grundierte Hauptabendprogramm des Grundversorgers ARD taugen sie deutlich weniger.
Dass er mit kaum 60 Jahren nun – aus privaten und beruflichen Gründen, wie er mitteilen ließ – die Reißleine zieht und zum morgigen Finale allein mit Wolfgang Schäuble über Terror, Flucht und Pegida spricht, ist somit ein Schlag ins Kontor des verlängerungswilligen NDR als Auftraggeber. Bedauern sollte sie es dort nur solange, wie sich ein seriöserer Host am wichtigsten Talkshowplatz der Medienrepublik findet. Irgendjemand, der nicht nur über hohe Sympathiewerte beim anspruchsloseren Publikum verfügt, sondern über ein paar andere Dinge, die politischem Fernsehjournalismus dienlich sind: Kompetenz, Informiertheit, Augenhöhe. Irrtum ade.
Kinder sind bekanntlich bis zur Besinnungslosigkeit begeisterungsfähig. Selbst die schlichteste Kindergartenmusik zum Beispiel trifft in der Zielgruppe auf größtmöglichen Zuspruch; schließlich mangelt es jenseits von Rolfs Freunden seit jeher an erträglichen Alternativen für die lieben Kleinen. Bis sie kamen: Deine Freunde. Ihre ersten zwei Alben haben den verschütteten Geschmack vorm Teenageralter nicht nur aufgegriffen und verarbeitet; das Trio aus Hamburg hat ihn förmlich dekodiert. Seine Mischung aus hüpftauglichem HipHop zu fetten Beats hat dem Genre Niveau verpasst, Spaß und große Ernsthaftigkeit ohne erhobenen Zeigefinger. Von daher ist die Forderung auf Platte 3 völlig überflüssig. Gebt uns eure Kinder! singen Flo, Markus und Pauli gleich zu Beginn. Das hätten sie sich schön sparen können!
Deine Freunde haben sie ja schon, die Kinder. Alle! Und daran wird auch Kindsköpfe nichts ändern. Im Gegenteil Wer nämlich dachte, Ausm Häuschen und Heile Welt hätten längst alle Themen zwischen Familie, Spielplatz und Schule erschöpfend in lebenskluge Hymnen des vorpubertären Alltags verwandelt, wird eines Besseren belehrt. Musikalisch etwas discoaffiner als zuvor, strotzt das neue Album vor Bedeutsamkeiten kindlicher Lebenswelten, die auch Erwachsene betreffen. Heimweh und Redeverbote, Hausaufgaben und Tobsucht, gute Eltern und schlimme Eltern – all dies wird bei aller Heiterkeit inhaltlich so empathisch und musikalisch so anspruchsvoll verarbeitet, dass aus jedem der 17 Stücke Respekt für den Nachwuchs perlt. Nie zuvor war der raketenartige Aufstieg einer Band angebrachter als dieser.
Deine Freunde – Kindsköpfe (Universal)
Josefin Öhrn + The Liberation
Eine größer angelegte Karriere auf welcher Festivalgrundlage auch immer scheint für Josefin Öhrn hingegen unwahrscheinlich. Auch die Schwedin sieht super aus, hat eine höchst kompetente Kapelle zur Seite und mit einer ersten EP im Vorjahr zumindest daheim für eine Vorstufe von Aufmerksamkeit gesorgt. Ihr psychedelischer Alternativerock ist jedoch viel zu verschroben für Hörgewohnheiten abseits dunkler Kellerclubs und Roskilder Randbühnen. Herrlich verschroben, muss man hinzufügen; das Debütalbum Horse Dance strotzt ja nur so von Ideen, wie man die pathetische Grundstimmung des elaborierten Trübsinns ihres Metiers ein wenig aufhellt.
Sei es Öhrns hoffnungsfroh verhallender Gesang übers vertrackte Dasein im Ungewissen, aber Aussichtsreichen; sei es das hintergründig schwungvolle Schlagzeug, das dem Ganzen Tempo und Tiefsinn verleiht; seien es sorgsam gepickte Gitarrensprengsel im umgebenden Flächenbrei – alles vereint in der Videoauskopplung Take Me Beyond, die angenehm zwischen Hawkwind und Familiy of the Year, Psychedelic und Americana, Überfluss und dem Wesentlichen mäandert. Nichts für die ganz große Karriere, aber sehr viel fürs Gemüt.
Josefin Öhrn + The Liberation – Horse Dance (Rocket Recordings)
Barbara Dennerlein
Ach, die Seele, unser amorphes Zentralorgan, das zur Weihnachtszeit so niederträchtig im Fokus der Unterhaltungsindustrie steht, weshalb sie uns Jahr für Jahr vermeintlich leise klingende Arzneien verschreibt, die es salben sollen und heilen. Doch leider landen zur Adventszeit bloß profitorientierte Generika unterm Baum, verabreicht durch gewissenlose Quacksalber(innen) wie Helene Fischer und Kylie Minogue, die ihr bestens gefülltes Konto auch dieses Jahre mit Recyclingschrott von Stille Nacht bis White Christmals mästen und mästen und mästen. Ab und zu jedoch findet sich selbst auf dieser stinkenden Müllkippe etwas Altgold. Diesmal: Barbara Dennerlein.
Das Münchner Jazz-Kindl hat ihrem Genre Mitte der Achtziger die Hammond-Orgel untergejubelt, was es nun im ausgedudelten Weihnachtsfach versucht und siehe da – Christmals Soul ist ein bemerkenswertes Stück Festtagsuntermalung, das schon darum über Heiligabend hinaus von Belang ist, weil man bei vielen der 13 Stücke mehrfach hinhören muss, um die Tradition herauszuhören. Mit pittoresker Querflöte wird Sleigh Ride tanzbar, mit elegantem Sax Oh Tannenbaum existenzialistenclubtauglich, mit viel Hingabe die ganze weihrauchvernebelte Konsumzeit erträglicher. Und das – versprochen! – war‘s dann auch schon an dieser Stelle für mindestens fünf Jahre mit Weihnachtsmusik.
Barbara Dennerlein – Christmas Soul (MPS)
Zwei der drei Platten wurden vorab auf ZEIT-Online vorgestellt
Die Agentenserie Deutschland 83 gilt schon vor ihrer heutigen Premiere bei RTL als Missning Link zur internationalen Güte. Kein Wunder – wurde sie doch von Anna Winger (mit ihrem Mann Jörg; Foto@Ufa Fiction), amerikanische Autorin mit Wohnsitz Berlin, konzipiert. Ein Interview über History-Helden ohne Hakenkreuz und Judenstern, Musik als Ansporn und was unser Fernsehen in den USA mit Kakao zu tun hat.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Anna Winger, nach Jonathan Franzen erklärt uns in diesem Jahr schon zum zweiten Mal ein Autor aus den USA, was die DDR mit dem vereinten Deutschland zu tun. Wie kommt es zu diesem fremden Blick aufs Vertraute?
Anna Winger: Ach, so fremd fühle ich mich schon längst nicht mehr. Ich lebe hier seit 2002 und zahle brav Steuern, mein Mann und meine zwei Kinder sind Deutsche, ich schreibe also nicht über einen zufälligen Ort, der mich neugierig macht, sondern meine eigene Welt, die ich mein halbes erwachsenes Leben bewohne.
Das erklärt ihr Interesse am Deutschland der Gegenwart. Aber woher rührt das am historischen, 30 Jahre zuvor?
Ich bin generell an Geschichte interessiert, aber diese hier interessiert ich schon deshalb, um meinen Kindern erklären zu können, dass vor gar nicht langer Zeit eine Mauer im Weg war, wenn man von Kreuzberg nach Mitte wollte. Daran interessiert mich auch, wie es ist, seine Heimat zu verlieren, ohne sie zu verlassen. Andererseits ist meine Begeisterung für Deutschland 83 gar nicht unbedingt historisch, weil ich zu jener Zeit 13 Jahre alt war. Für mich ist diese Handlung also Teil meiner bewussten Gegenwart. Living history.
An der im zeitgeschichtssüchtigen Fernsehen hierzulande eigentlich kein Mangel besteht oder?
So wenig wie an großen amerikanischen Gesellschaftserzählungen. Deshalb wollte ich ja eine mit deutschen Protagonisten machen, in der weder Hakenkreuze noch Judensterne vorkommen.
Und warum das Jahr 1983?
Wegen der Musik! Damals habe ich eine echte Beziehung zu ihr aufgebaut. Und als Jörg und ich mal mit Hans-Otto Bräutigam geredet haben, damals [auf Deutsch] Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, sagte er, wegen der Milliardenkredite und der Friedensbewegung deutete sich in dem Jahr erstmals die theoretische Möglichkeit einer Wiedervereinigung an. Außerdem war es für mich als Amerikanerin leichter als für einen Ost- oder Westdeutschen, so eine Geschichte zu schreiben.
Warum?
Weil sie einen Ost- oder Westblick einnehmen würden. Meine Perspektive ist neutraler.
Warum haben Sie da ausgerechnet eine Agentenstory gewählt?
Weil ich fish-out-of-water-Storys liebe, die ihre Helden in feindliche Umgebungen schickt. Dennoch ist Deutschland 83 mehr eine coming-of-age– als Agentengeschichte. Es geht hier eher um Martin als Deutschland, der wie Dorothy im Wizzard of Oz in eine bizarre Welt eindringt, aus der er unbeschadet heimkehren will. Es geht um Heimat, Identität, Herausforderungen.
Die auch darin besteht, innerhalb weniger Wochen vom NVA-Soldaten zum 007 trainiert zu werden, der unter Druck nicht mal schwitzt. Ist das Realität oder Märchen?
Weil er eben doch schwitzt und oft scheitert, ist es keines; zumal die DDR in den 80ern wirtschaftlich schon so danieder lag, dass sie mit geringsten Mitteln Erfolge erzielen wollte. Ich frage mal zurück: Würde ein spießiger Chemielehrer Chrystal Meth kochen? Im Rahmen der Wirklichkeit ist vieles möglich und Martins Job ist dabei nur ein Tor in die Handlung, kein Wesensmerkmal. Man findet es in jeder amerikanischen Serie, die abgefeiert wird. Haben Sie die Sopranos gesehen?
Natürlich!
Und glauben Sie, ein Mafiaboss würde zur Psychiaterin gehen, um ihr sein Innerstes zu öffnen? Auch das ist ein wenig realistisches, aber theoretisch denkbares Setup für eine grandiose Serie. Wir erhoffen uns das Gleiche mit dem Spionagethema.
Sorgt das für Anschlussfähigkeit auf dem amerikanischen, actionaffineren Markt?
Schon, Amerikaner haben deutsche Geschichte nicht nur im Kalten Krieg stets auch als eigene empfunden und dazu gehört sicher auch die Geheimdiensttätigkeit. Dennoch wurde die Serie eindeutig für den deutschen Markt konzipiert – schon weil sie so viel visuell und sprachlich vermitteltes Insiderwissen über beide Deutschlands vor 30 Jahren aufweist.
Welchen Ruf hat deutsches Fernsehen denn in den USA?
Im Grunde hat es überhaupt keinen Ruf. Viele haben bislang abgesehen von Deutschland 83 noch nie etwas aus Deutschland gesehen. Einzige Ausnahme ist vielleicht Wetten, dass…?, aber auch nur, weil es von amerikanischen Gästen der Show publikumswirksam durch den Kakao gezogen wurde. Ansonsten habe ich noch nie was übers deutsche Fernsehen in amerikanischen Medien gehört.
Umso erstaunlicher, dass Deutschland 83 erfolgreich beim Kabelkanal Sundance Channel lief…
Und zwar untertitelt, was amerikanische Zuschauer nur selten akzeptieren. Das lag zum einen daran, dass er auf der Berlinale lief und dort von den richtigen Leuten gesehen wurde. Und an der Hauptfigur: Martin ist ein normaler Junge mit normalem Leben, der plötzlich in ein Abenteuer gerät, wo er weder auf der guten noch der bösen, sondern der eigenen Seite steht, die er zur bestmöglichen machen will. Amerikaner lieben solche Charaktere. Wir denken ja immer, Geschichte sei eine schicksalhafte Intelligenz über unseren Köpfen; tatsächlich wird sie von Individuen gemacht. Das Gewöhnliche im aufrechten Kampf mit dem Außergewöhnlichen – so funktionieren Fernsehserien.
Von denen es hierzulande noch immer zu wenig gibt.
Weil sie ihren Charakteren nicht erlauben, sich zu entfalten; weil Handlung oft bloß Beiwerk der Dialoge ist und umgekehrt; weil man sich für Action oder Drama oder Leidenschaft oder Historie entscheidet, anstatt alles miteinander zu verbinden, wie wir es versuchen. Deshalb wurde die Storylines, die Jörg und ich entwickelt hatte, von uns einer Art Writers’ Room mit vier Autoren weiter ausgearbeitet. Der kollektive Teil der Arbeit war immens wichtig.
Will die uns denn vornehmlich unterhalten oder geschichtlich aufklären?
Beides, auch um damit die Gegenwart besser zu verstehen. Die Zeit vorm Fall der Mauer ist ja nicht nur für Jüngere noch immer abstrakt, gerade im Osten. Dennoch sind wir ein Unterhaltungs-, kein Bildungsformat. Deutschland 83 ist also weniger Infotainment als Alice in Wonderland mit viel Politik.