Übersee-Clubs & Mystery-Seelen

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Oktober – 6. November

Na, da hat der hessische Verfassungsschutz ja mal richtig Tempo aufgenommen. Nur ein paar Tage, nachdem Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royal den NSU-Untersuchungsbericht zum Totalversagen aka Täterschutzprogramm des hessischen Inlandsgeheimdienstes veröffentlicht hatte, gingen die Hüter des Grundgesetztes gegen unbekannt vor. Ohne Hitlergrüße und Migrantenmorde kann der deutsche Staat ganz schön aktiv werden.

Und na, da hat ja auch Tom Buhrow ja mal gehörig Fahrt aufgenommen. In den letzten gut zwei Jahren seiner Amtszeit ruft der WDR-Intendant zu nicht weniger als einer Revolution auf, will Runde Tische einberufen, Mediatheken bündeln, Gesellschaftsverträge auflegen und womöglich – da blieb er bei seiner Rede vorm Hamburger Übersee-Club vage – die öffentlich-rechtlichen Sender zusammenlegen. Abgesehen vom anwesenden Messingknopf-Publikum, gab es da nur aus vorhersehbarer Richtung Applaus: Christian Lindner.

„Herr Buhrow spricht das bisher Unsagbare und Undenkbare aus“ frohlockte ein FDP-Chef, der fürs Ende des gebührenfinanzierten Rundfunks sicher leichten Herzens das Tempolimit in Spielstraßen aufheben würde. Womit wir bei einer artverwandten Debatte wären, die gerade durch Echoräume analoger und digitaler Medien rauscht: Weil Rettungskräfte auf dem Weg zu einer Unfallstelle im Berliner Stau steckten, wirft die Klimawandelbeschleunigungskoalition von AfD bis CSU Klima-Aktivst:innen quasi vor, das Unfallopfer getötet zu haben.

Nach der Logik wären auch Hersteller des Sekundenklebers (vermutlich bio) schuldig, mit dem sich das demonstrierende Gesocks (vermutlich pädophile Kommunisten) gewissenloser Eltern (vermutlich nicht-arisch) auf den (vermutlich von Gastarbeitern gelegten) Asphalt befestigt haben. Aber bei der Kriminalisierung zivilen Ungehorsams geht es ja nicht um Logik, sondern Politik, so wie Elon Musks Entlassungsorgie nicht Twitter sanieren soll, sondern zum schutzlosen Schlachtfeld seiner rechtspopulistischen Freunde.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

7. – 13. November

In dieser Medienlandschaft sind selbst Zeiten wie jene nicht mehr ausgeschlossen, mit denen sich die Filmemacherin Sharon Ryba-Kahn befasst. Ihre ZDF-Doku Displaced – verschoben, verdrängt, vertrieben blickt heute um 0.05 Uhr autobiografisch auf ihre jüdischen Vorfahren und was Nachfahren wie sie bis heute stigmatisiert. Um eine Unterform dieser Ausgrenzung könnte es ab Freitag auch in der ARD-Mediathek gehen.

Wenn die deutsch-algerische Titelfigur Lamia allerdings sieben Teile lang ihren Platz in der Mehrheitsgesellschaft sucht, erzählt Süheyla Schwenk nach Büchern von Sarah Kilter – Inshallah! – keinen inter-, sondern innerkulturellen Culture-Clash. So unverkrampft wurde migrantisch geprägter Alltag selten fiktional erzählt. Die Überraschung der Woche heißt aber dennoch Souls. Anfangs scheint die Mystery-Serie zwar nur ein billiger Abklatsch von Dark zu sein.

Nach drei der acht Teile jedoch löst sich Alex Eslams dickflüssige Zeitschleifenbrühe zu einer originellen Suppe auf, die zwar weiterhin stark überwürzt wurde, aber ein paar neue Geschmacksnoten von Originalität bis Esprit enthält. Beide Zutaten finden sich – obwohl die Gerichte nun zum fünften Mal aufgewärmt werden – auch in der 5. Staffel von Handmaid’s Tale (Donnerstag, Magenta) und The Crown (Mittwoch, Netflix) oder der 2. von Christian Ulmens Supermarkt-Mockumentary Die Discounter, ab Freitag bei Prime Video.

Abgesehen vom nächsten ZDF-Detective Grace, die ab Sonntag mit – so heißt es im Genre – unkonventionellen Methoden ermittelt, ist der Rest eher Sachfernsehen. Das Bürgerparlament zum Beispiel, in dem Ingo Zamperoni dienstags um 22 Uhr im NDR ganz normale Menschen zur Townhall-Debatte bittet. Auftaktthema: Verzicht? Nicht mit mir! Mittwoch darf sich schöne David bei Disney+ in der Reality-Soap S.O.S. Beckham als Wohltäter inszenieren. Parallel blickt Fifa Uncovered (Netflix) auf die organisierte Kriminalität, während Katrin Bauerfeinds Show Tore, Tränen Tiki Taka ab Donnerstag bei Sky die heiteren Fußballseiten zeigt.


Lemke/Sundermeyer: RBB & Skandale

Es brauchte eine Umverteilung

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Eva-Maria Lemke ist Moderatorin der wichtigsten RBB-Sendung Abendschau, Olaf Sundermeyer Investigativjournalist im selben Haus. Im Doppelinterview (Foto: Hannes Wiedemann), vorab erschienen beim Medienmagazin journalist, kritisieren sie die Senderführung hart und fordern echte Reformen: “Hier im Haus sollten viele Führungspositionen hinterfragt werden.”

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Lemke, Herr Sundermeyer – wann waren Sie das erste Mal im 13. Stock des RBB, eine Etage tiefer als hier unter der Dachterrasse des RBB in Charlottenburg?

Olaf Sundermeyer: Noch nie. Bis heute nicht.

Eva-Maria Lemke: Ich war einmal im 13. Stock, da ging es um eine große Sendung und ich wurde zur Vorbesprechung dorthin eingeladen.

Und – überwältigt gewesen vom Pomp der Führungsetage?

Lemke: Nein, ich hatte es überhaupt nicht als besonders luxuriös, geschweige denn märchenhaft prunkvoll wahrgenommen. Damals war Patricia Schlesinger allerdings auch noch keine ARD-Vorsitzende, die sich selbst bewässernde Wandbegrünung kam erst später, aber den berühmten Holzfußboden und eine maßangefertigte Teeküche, die wir uns bei Kontraste später mal genauer angeschaut haben gab es bereits.

Waren Sie, als die sündhaft teure Neugestaltung publik geworden ist, überrascht davon?

Lemke: Schon, aber ehrlich gesagt eher von dem Umstand, dass ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen, das System dahinter viel zu lange nicht hinterfragt haben. Dass ich mir nie die Frage gestellt habe, ob all diese Umbauarbeiten sein müssen, dass ich täglich an diesem Wagen vorbeigegangen bin, ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken. Das empfinde ich mittlerweile auch persönlich als unangenehm. 

Ältere im Haus, schreiben Sie in einem Zeit-Beitrag, Herr Sundermeyer, hätten sich sogar an die DDR-Bonzensiedlung Wandlitz erinnert gefühlt, andere sprachen von Fürstentum, gar Monarchie. Bedarf es so starker Begriffe, um die Auswüchse des Machtmissbrauchs zu verdeutlichen?

Sundermeyer: Ich finde im Gegenteil, dass sie von der Tatsache ablenken, wie groß das grundsätzliche Hierarchie-Problem beim RBB und in der gesamten ARD ist, weit über die Personalie Schlesinger hinaus. Hier im Haus sollten viele Führungsposition hinterfragt werden, auch die Aufsichtsgremien, die das in der Vergangenheit offensichtlich versäumt haben…

Lemke: Da ist Patricia Schlesinger nur der sichtbarste Fall.

Sundermeyer: Sie ist ja nur sichtbarstes Symptom einer strukturellen Krise, mit der wir nun im RBB umgehen. Dabei liegt das Problem weder in den Redaktionen noch bei deren Reportern und den technischen Kollegen von Bild und Ton. Wir alle arbeiten täglich für das Programm. Die Krise aber steckt in den Hierarchien darüber, bei dem teuren Wasserkopf, der sich verselbständigt hat.

Lemke: Wobei man jetzt auch nicht sagen kann, dass Patricia Schlesinger hier nur mit majestätischer Grandezza durch die Flure gelaufen ist.

Sundermeyer: Fand ich schon.

Lemke: Echt? Interessant! Ich habe sie vor allem als superverbindlich wahrgenommen und wurde immer, wenn ich ihr im Fahrstuhl begegnet bin, freundlich gegrüßt und nach meinem Befinden befragt. Von den Kolleginnen der Maske – wo ja alle buchstäblich ihr wahres Gesicht zeigen – wollte sie angeblich immer wissen, wie es denn laufe und ob es Veränderungswünsche gäbe. Nur: Irgendwann fiel auf: Wenn mal jemand was geäußert hat, hat sich trotzdem nichts geändert. Die Frage danach war ihr wohl wichtiger als die Antwort.

Sundermeyer: Und das ist ja entscheidend. Ich habe im RBB eine Diskrepanz zwischen plakativem Anspruch und Wirklichkeit erlebt. Unsere Unternehmensleitsätze – Verantwortung im Handeln, Transparenz, flache Hierarchien, all sowas – hingen ja sogar auf Plakaten in den Fluren, sind nun aber komischerweise verschwunden. Und eine aktuelle Umfrage der Interessenvertretungen des RBB, an der insgesamt 923 Kollegen teilgenommen haben, zeichnet ein genau gegensätzliches Bild: Demnach gibt es hier einen Veränderungsbedarf – ich zitiere – nach „flacheren Hierarchien, weniger Führungskräften, mehr Geld für das Programm, mehr Transparenz und einer gerechten Arbeitsteilung“.

Und das ist eine Systemfrage, keine Mentalitätsfrage?

Sundermeyer: In erster Linie ist es die Frage eines Systems, das idealerweise so ausgestaltet sein sollte, dass es all die menschlichen Abgründe ausgleichen kann.

Lemke: Und die einzelnen Teile konnten ihre menschlichen Abgründe auch deshalb zu lange frei entfalten, weil kritische Nachfragen etwa zur Chefetage im 13. Stock richtiggehend abgebügelt wurden. Unter Kollegen kursiert die Anekdote, dass Schlesinger darauf erwidert haben soll: „Da draußen können sie ihre kritischen Fragen stellen!“ Drinnen galt das als Nestbeschmutzung. Für Freiberufler bedeutet das auch, dass es schnell existenziell werden kann, wenn sie einer Führung gegenüber forsch werden, die sie handstreichartig entlassen kann.

Oben Denver-Clan, unten Lindenstraße lautet ein hausinterner Spruch vom Flurfunk…

Sundermeyer: Den ich sehr repräsentativ finde, und zwar nicht für einzelne Personen, sondern für komplette Ebenen.

Bräuchten die obersten demnach ein bisschen mehr Lindenstraße oder alle darunter ein bisschen mehr Denver-Clan, um dem RBB im Besonderen und die Öffentlich-Rechtlichen im Allgemeinen aus der Krise zu holen?

Sundermeyer: Beides, denn derzeit steht die Pyramide bei uns wie bei vielen anderen Anstalten auf dem Kopf, statt auf dem Sockel. Was fatal ist für alles, wofür die Leute ihre Rundfunkbeiträge zahlen: ein gehaltvolles Programm, das wir alle hier unten Tag für Tag erstellen. Während unsere Aufgaben also klar definiert und ausgeführt werden, weiß man das auf den Leitungsebenen nicht immer so genau. Ich wurde in den vergangenen Wochen häufiger gefragt, was eine Intendantin eigentlich genau macht.

Und?

Sundermeyer: Das kann ich bis heute nicht konkret beantworten. Wir haben hier Direktoren verschiedener Gewerke, die für ihre Teilbereiche Verantwortung tragen, für das Programm, die Verwaltung, den technischen Betrieb, die Rechtsabteilung. Warum wechseln die sich nicht als Intendanten in einem alternierenden System ab, anstatt mit Katrin Vernau eine Verwaltungsdirektorin des WDR zur Intendantin zu machen, die auch wieder 100.000 Euro mehr als der Brandenburger Ministerpräsident verdient. Warum?

Lemke: Das wüsste ich auch gern, erlebe aber, wie ausweichend es jene beantworten, die darüber entscheiden. So sei das halt festgeschrieben, heißt es. Genau diese Argumentation sorgt für Ratlosigkeit und Enttäuschung auf den Fluren eines Senders, dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit wenig Geld viel auf die Beine stellen. Wir haben zum Beispiel 14 Regionalkorrespondenten, die oft Gesichter der lokalen Expertise genannt werden. Aber nur die Hälfte dieser Stellen wird auch voll finanziert. Heißt: halbe Stellen. Oft wird die Büroarbeit im Auto erledigt. Im Licht dieser Sparflammen ist schlicht nicht vermittelbar, dass eine Person so viel Geld kriegt – für was auch immer.

Sundermeyer: Es braucht eine Umverteilung zugunsten derer, die das Programm gestalten. Und damit sind vor allem all jene hinter den Geschichten gemeint, die als freie Mitarbeiter teils jahrzehntelang den Staatsauftrag fürs Publikum erfüllen und dennoch oft keinen Bestandsschutz genießen, während die Liste der außertariflich Beschäftigten lang ist.

Außertariflich beschäftigt heißt?

Sundermeyer: Menschen, die -aus mir unverständlichen Gründen- außerhalb der RBB-Gehaltstabelle hoch bezahlt werden. Und das für Positionen, von denen ich mich in vielen Fällen frage, ob es die überhaupt braucht. Bei einigen davon lautet meine Antwort nein. Noch dazu bekommen diese Leute beim RBB fünfstellige Boni, die bislang geheim gehalten wurden.

Lemke: Oder hast du mal versucht, für eine Gesprächsrunde belegte Brötchen auf RBB-Kosten zu organisieren?

Sundermeyer: Horror.

Lemke: Der bürokratische Aufwand für die spätere Abrechnung steht in fast schon absurdem Missverhältnis zur Selbstbedienungsmentalität, die im Fall Schlesinger zutage getreten ist.

Sundermeyer: Und dann sehe ich eben Leute wie jene, von denen Eva gesprochen hatte. Reporter, die bei Wind und Wetter durch die Uckermark fahren, die Prignitz oder das Havelland, wo es aus Kostengründen nicht mal ein Landesstudio gibt. Das hat zur Folge, dass erhebliche Teile Brandenburgs inhaltlich unterrepräsentiert bleiben.

Oder durch noch schlechter bezahlte Freelancer abgedeckt werden?

Sundermeyer: Die aber erstmal dorthin kommen und dann , wie wir alle, auch noch multimedial berichten müssen, also online, linear, Radio. Selbst Berlin wird vor allem in den Innenstadtbezirken lückenlos abgebildet, während die Ränder ausgedünnt sind. In Spandau, das ungefähr so viele Einwohner wie Braunschweig hat, gibt es keinen Reporter, der zum Beispiel regelmäßig Bezirksversammlungen besucht. Von der neuen Intendantin erwarte ich, dass sie jeden Führungsposten mit den Bedürfnissen dort abgleicht, wo unser Programm unmittelbare Folgen hat: Im Regionalen.

Lemke: Auch, um dort alle Zielgruppen zu erreichen, also nicht nur die Älteren. Deshalb hat der Tagesspiegel allein drei Berlin-Podcasts, während wir mit Verweis auf die Kosten-Nutzen-Rechnung keinen einzigen haben. Als Rundfunkanstalt! Das ist einfach nicht mehr hinzunehmen.

Treten Sie, also die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, durch die Skandale der letzten Wochen jetzt selbstbewusster, forscher gegenüber der Führungsspitze auf, dies auch nicht mehr hinnehmen zu wollen?

Sundermeyer: Dafür ist der Abstand zwischen Maschinenraum und Kommandobrücke allein schon räumlich vielfach zu groß. Die meisten der außertariflich bezahlten Führungskräfte sind in der Krise abgetaucht, melden sich weder in den zahlreichen Betriebsversammlungen zu Wort noch öffentlich. Führung nehme ich nicht wahr. Dagegen bringen sich Personalrat, Freienvertretung in der Redaktionsausschuss wahrnehmbar ein und moderieren. Das Momentum des Wandels von unten wurde aber durch den raschen Wechsel ganz oben in der Intendanz schon wieder eingefroren.

Lemke: Hierarchen wie Jan Schulte-Kellinghaus lassen sich allerdings durchaus mal unten blicken und sind dabei durchaus selbstkritisch.

Sundermeyer: Aber im mittleren Management? Fehlanzeige! Das ist schon augenscheinlich und lässt den Reformwillen dort zumindest fraglich erscheinen.

Lemke: Wobei die Wut auf jene, die sich – ohne Namen zu nennen – mal blicken ließen oder auch nicht, schon manchmal sehr pauschal und heftig ist. Die müssen der Pandemie fast dankbar sein, dass solche Versammlungen heute vor allem digital stattfinden, sonst würden sie sich mittlerweile ganzen Stadthallen voll aufgebrachter Kollegen gegenübersehen. Wenngleich oft völlig zurecht. Denn besonders die alte Garde hängt teilweise an Formulierungen, die einfach nicht vermittelbar sind.

Meinen Sie das zeitweilige Beharren von Patricia Schlesinger, es handele sich um Rufmord, schlimmer noch: Verschwörungen?

Lemke: Genau. Da wurden handfeste Drohungen der Führungsspitze in Richtung angeblicher Maulwürfe ausgesprochen. Allein das Wort schon – das klingt ja nach feindlichem Agenten. Und diesen Geist lese ich auch aus Schlesingers Interview mit der Zeit noch immer raus. Dabei können wir alle im Haus jedem Whistleblower dankbar sein.

Sundermeyer: Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: die Personalie Schlesinger zeigt nur ein Symptom, mit ihr beschäftigt sich jetzt die Justiz …

Lemke: Und allenfalls noch die RBB-Compliance oder die mit der Prüfung der Vorwürfe beauftragte Kanzlei.

Sundermeyer: Wir dagegen machen weiter unsere Arbeit und stecken dabei am Anfang eines unvermeidbaren Reformprozesses beim RBB wie hoffentlich in allen Funkhäusern. Angefangen mit deren Großstadtfixierung, die nicht nur, aber besonders den RBB betrifft, der sich unter Schlesingers Führung massiv auf Berlin konzentrierte.

Lemke: Dabei leben zwei Drittel der Berliner Bevölkerung außerhalb des S-Bahn-Ringes.

Sundermeyer: So geht viel Verständnis für die Menschen in Brandenburg verloren – und das in einem Bundesland, wo die Demokratie seit Jahren massiv unter Druck ist – was Schlesinger allein schon durch ihr brüskierendes Nichterscheinen vorm Landtag befeuert hat. Die Wut auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist dadurch gewiss nicht kleiner geworden.

Spüren Sie diese Wut auch im eigenen Arbeitsalltag, werden also in Kollektivhaftung genommen?

Lemke: Ich persönlich nicht, bin als Abendschau-Moderatorin aber auch der nette Besuch zum Abendbrot und erlebe daher vor allem freundliche Gesichter.

Sundermeyer: Die Wut all derer, von denen sie ohnehin schon seit Jahren auf uns einprasselt, ist dagegen noch stärker geworden, seit deren These einer unzulässigen Verquickung von System, Hierarchie, Programm und Finanzen durch Patricia Schlesingers Gebaren neue Nahrung erhalten hat. Diese Verantwortung trägt sie ganz persönlich.

Lemke: Umso irritierender war, dass Jörg Wagner vom Medienmagazin zwar von Anbeginn der Skandale ab Ende Juni übers eigene Haus berichtet hat, andere Sendungen aber sehr spät eingestiegen sind. Viele Versuche, es publik zu machen, wurden mit dem Hinweis abgebügelt, es gäbe ja nun Compliance-Untersuchungen, keine Sorge.

Sundermeyer: Warten wir die doch mal in aller Ruhe ab, hieß es.

Lemke: Dass wir zu dem Zeitpunkt nicht hartnäckiger waren, müssen wir uns zum Vorwurf machen. Schlesingers Niederlegung des ARD-Vorsitzes hat zwar vieles geändert, allerdings wurde da auch deutlich, dass es keine Verteidigungslinie gab. Nicht eine der angedrohten Gegendarstellungen ist jemals rausgegangen. Wir hatten der Kritik nichts entgegenzusetzen. Als wir dann aber angefangen haben, Verwaltungsrat, Chefredakteur, Programmdirektor teils sogar richtig hart zu interviewen, gab es eher positives Feedback – auch wenn ich es oft als vergiftetes oder zumindest zweifelhaftes Lob wahrgenommen habe. Dass niemand von uns erwartet hatte, hart in der Sache zu sein – auch gegen uns selbst, war fast alarmierender als der Skandal selbst.

Wollten Sie die Situation durch Ihren Vergleich der hauseigenen Informationspolitik mit Nordkorea im Interview bei Tilo Jung da bewusst übersteigern?

Lemke: Vielleicht. Unsere Statements waren oft so schmal, dass es im Nachhinein Züge wie „Die Intendantin dementiert die Vorwürfe“ trug. Das wars. Wir alle brauchen unbedingt mehr Demut vor der Institution, in der und für die wir arbeiten. Jene die unsere Abschaffung am lautesten fordern sind ja genau die, die uns so unverzichtbar machen, als demokratische Daseinsvorsorge.

Sundermeyer: Dafür, dass die Leute unsere Bereitschaft zur Selbstreinigung sogar am Bildschirm verfolgen können, gibt es vielfach auch Zuspruch. Dennoch ist auch die Kritik der Wohlmeinenden am öffentlich-rechtlichen Rundfunk für mich spürbar größer geworden: Vor allem über die unvermittelbaren Wahnsinnsgehälter und Kosten, die neben dem Programm entstehen, für das die Menschen ihre Beiträge bezahlen. Die Diskussion darüber dürfte über unsere Daseinsberechtigung auf lange Sicht auch außerhalb des wutbürgerlichen AfD-Milieus weit in die gesellschaftliche Mitte hinein bestimmen.

Lemke: Vielleicht war die Wut im Haus da ganz hilfreich, dass wir so porös und emotional waren, weil wir viele Details dieser Skandale selbst erst aus der Zeitung zu erfahren. Nach Bild-Titeln über Luxus und Gier kannst du dich abends nicht vor die Kamera stellen, als wäre nichts gewesen.  Die Größenordnung hat viele aufrichtig überrascht.

Sundermeyer: Aber auch Bremsen gelöst. Am Montag, nachdem Frau Schlesinger den Rücktritt vom ARD-Vorsitz bekannt gegeben hat, war die Entscheidung gefallen, keine Maulwürfe oder Springer-Kampagnen mehr zu suchen, sondern dem Fall journalistisch zu begegnen. Schon deshalb bin ich Kollegen im Haus, die sich damit zuvor bereits befasst hatten, allen voran Jörg Wagner, bis heute dankbar für ihren Einsatz.      

Lemke: Wobei die Zuspitzung auf Patricia Schlesinger ebenso unglücklich ist wie die auf den RBB als öffentlich-rechtliches Problemkind. Solche Gremien gibt es in der Form ja nicht nur hier, sondern in jeder ARD-Anstalt, die nirgendwo ausschließlich von Fachleuten kontrolliert oder beaufsichtigt wird. Uns wurde bei den Recherchen erzählt: Oft werden sie mit Zahlenkolonnen zugeballert, die schlicht zu kompliziert und umfangreich sind, um sie zu verstehen. Es hieß dann: das hat schon alles seine Richtigkeit.

Kennen Sie die Mitglieder der einzelnen Aufsichtsräte eigentlich auch persönlich?

Lemke: Einige, nicht alle.

Sundermeyer: Wenn Sie politische Berichterstattung machen, kennen Sie zumindest einige der Parteifunktionäre aus Berlin oder Brandenburg. Aber die Kritik derer, die den RBB tatsächlich schon länger angemessen kritisch begleiten, findet man leider häufiger in der Bild-Zeitung wieder als in den eigenen Pressemitteilungen. Auch das gehört zur Demokratie, ändert aber nichts daran, dass viele Aufsichtsräte ihre Qualitätskontrolle schlicht nicht erfüllt haben.

Lemke: Diesen Vorwurf höre ich tatsächlich am häufigsten. Der RBB ist in vielerlei Hinsicht das Schlusslicht der ARD. Wie kann es etwa sein, dass jemand leistungsbezogene Boni oder Gehaltsanpassungen erhält, wenn unsere Quoten besonders am Vorabend und um 20.15 Uhr oft miserabel sind.

Wobei man mit Analogien zwischen Erfolg und Quote angesichts dessen, mit wie geringer Qualität man beides hierzulande erzielt, schon vorsichtig sein sollte…

Lemke: Das stimmt. Aber man hört selbst von denen, die sich mit Quoten gar nicht beschäftigen, wenn die sowieso so niedrig seien, könnten wir doch auch mehr Wagnisse eingehen und experimentelleres Programm anbieten.

Sundermeyer: Darüber hinaus ist die Quote aber einer der wenigen wirklich messbaren Parameter für Relevanz, die leistungsbezogene Vergütungen rechtfertigen könnten, auch Reichweiten im Hörfunk und Onlinezugriffe. Etwas anderes wären Film- oder Fernsehpreise, die allerdings auf der persönlichen Leistung einzelner beruhen und oftmals extern, also nur unterm Label von RBB, produziert werden.

Haben Sie ein Beispiel?

Sundermeyer: Cui Bono etwa, der großartige Podcast über Ken Jepsen. Käme so etwas aus dem eigenen Haus, dürften dafür gerne Boni gezahlt werden.

Sie selbst sprachen kürzlich von einem Essensgutschein über 100 Euro, der Ihnen für eine gelungenen ARD-Dokumentation verliehen wurde…

Sundermeyer: Mein einziger Bonus. Für sechs Wochen Recherche mit zwei Kollegen unter der Grasnarbe in einem nicht ungefährlichen Kontext, damals noch freiberuflich. So eine Gratifikation nimmt man zur Kenntnis, ärgert sich kurz, und arbeitet weiter. Wenn sich parallel dazu aber jene, die uns viel zu wenig Geld für viel zu wenig Drehtage zubilligen, selber riesige Boni gewähren, sorgt das für Unfrieden im Haus. Und den sehe ich überhaupt nicht überwunden.

Lemke: Zumal die Scham unter all den Außertariflichen gerade zu groß ist, um sich darüber öffentlich zu äußern. Kein Wunder: die bekamen ihre Zusatzvergütungen oftmals dafür, ganz normal ihre Aufgaben zu erledigen.

Ist ja auch besser, als Leute zu entlassen.

Lemke: Aber das geschah auch. Einer hat mal öffentlich gemacht, einen Bonus dafür gekriegt zu haben, dass er eine Sendung wie geplant absetzt. 70 Leute konnten danach nicht mehr so arbeiten wie zuvor und haben deutlich, deutlich weniger verdient. Für ihn gab es dafür einen fünfstelligen Betrag.

Sundermeyer: Und all diese Menschen sind sich dessen bewusst, machen trotzdem weiter ihre Arbeit und haben dabei keine Möglichkeit, dieses Ungleichgewicht zu überwinden.

Lemke: Im Gegenteil, diese Operation am offenen Herzen im Zuge der Sparmaßnahmen sorgt überall für Unruhe. Wir haben zum Beispiel keinen Aufnahmeleiter mehr, der unter anderem dafür sorgt, dass alle ihre Aufgaben und die Sendeabläufe kennen und meine Studiogäste zur richtigen Zeit am richtigen Platz sind. So was kann man durchaus als Sendeteam organisieren; wir wissen ja, dass das Geld knapp ist. Aber es bleibt ein schales Gefühl, wenn sich diejenigen, die dir grad das Team verkleinert haben, parallel dazu gegenseitig Summen zuschanzen die viele als obszön empfinden. Das macht mich fassungslos.

Sundermeyer: Gespart wird halt dort, wo es einfach ist. Bei freien Mitarbeitern zum Beispiel, denen man viel leichter Honorare wegnehmen kann als Hierarchen der mittleren oder oberen Führungsebene den vertraglich fixierten Bonus. Das muss sich zwingend ändern.

Hat sich da schon was getan seit dem Führungswechsel an der Spitze?

Sundermeyer: Bislang nicht, nein. Obwohl Katrin Vernau die Überwindung der Entkopplung zwischen den unterschiedlichen Ebenen gleich nach Amtsantritt zu ihrer dringlichsten Aufgabe erklärt hat. Da bin ich mal gespannt auf künftige Umverteilungen. Dass ihr Arbeitsvertrag nur unwesentlich geringer dotiert wurde als der von Patricia Schlesinger, ist da kein allzu glaubhafter Start.

Lemke: Ein wenig müssen wir aber auch abwarten, was geschieht; das ist ja alles noch frisch. Aber viel Zeit zum Brüten hat Frau Vernau nicht, und einige von denen, die ein paar Gehaltsstufen tiefer vom System profitiert haben, sind ja noch da.

Der Business Insider spricht in dieser journalist-Ausgabe vom Kampf der ARD-Systeme: Besitzstandswahrer gegen Bilderstürmer, Status Quo gegen Veränderungswillen, alt gegen jung. Gibt es den hier?

Lemke: Nein, denn der Kampf spielt sich nicht auf der Alters-, sondern der Hierarchie-Ebene ab. Und auch da müssen wir ans System, nicht die Einzelfälle. Wenn dir jemand 40.000 Euro mögliche Gratifikationen in den Arbeitsvertrag schreibt – wer nimmt die nicht? Ich würde sie vermutlich auch nehmen und dann bestimmt nicht so wahnsinnig gerne darüber reden! Das ist rechtlich einwandfrei – aber anständig ist es dadurch noch lange nicht.

Sundermeyer: Dass sich diese Führungskräfte, von denen die wenigsten selbst Sendeminuten produzieren, oder nur einen Kommentar für das Onlineangebot verfassen, offenbar nicht selbst in Frage stellen, sorgt zu einem Autoritätsproblem gegenüber Leuten in der Produktion, denen ihrerseits die Mittel für ihre journalistische Arbeit gekürzt werden. Aber selbst durch den Austausch einzelner Personen an der Spitze würde sich am System dahinter wenig ändern.

Lemke: Und das wird es auch nicht, wenn man sich einige Stimmen in unseren Versammlungen oder Chatverläufen anhört, die fordern, mittlere Führungsebenen doch erstmal in Ruhe in zu lassen, damit nicht das ganze Haus einstürzt. Die Reformbereitschaft ist da offenbar endlich.

Sundermeyer: Und trifft durchaus auf Zustimmung tieferer Ebenen, die auch nicht daran interessiert sind, alles umzustürzen. Das empfinde ich allerdings als angenehm konstruktiv – sofern dabei am Ende mehr rumkommt als sich hinter der neu gewonnenen Glaubwürdigkeit des RRB durch die Aufklärungsarbeit der eigenen Berichterstattung zu verstecken.

Lemke: Es heißt dann immer, der kritische Journalismus im Haus funktioniert. Aber dass er in eigener Sache überhaupt nötig ist, kennzeichnet ja mehr dessen Funktionsversagen als unsere Leistung.

Gab es dieses Funktionsversagen eigentlich auch beim ZDF, von dem Sie 2018 zum RBB gekommen sind, Frau Lemke?

Lemke: Ich sag’s mal so: Diese Entkoppelung zwischen Kommandobrücke und Maschinenraum von der Olaf sprach, geschieht zwangsläufig immer dann, wenn oben zu viele stehen, die sich gegenseitig ihre Bedeutung zusichern. Während unten die Reihen immer dünner werden.

Sie, Herr Sundermeyer, haben seit 2004 zunächst als Freelancer, dann als Redakteur für den RBB gearbeitet. Ziehen die 2000 Festangestellten und 1500 Freiberuflichen des RBB im Kampf gegen dieses Funktionsversagen immer an einem Strang?

Sundermeyer: Leider nein, es ist schon eher ein Gegen- als ein Miteinander. Aber Freiberufler werden in nahezu jeder Branche schlechter behandelt als Festangestellte, das ist also auch RBB-immanent und findet entsprechen bei allen öffentlich-rechtlichen Sendern statt, für die ich bislang schon gearbeitet habe.

Lemke: Hinzu kommt, dass wir viele der Freien mit großem Aufwand ausbilden, um sie dann in prekäre Verhältnisse zu entlassen. Wer beim NDR, wo ich angefangen habe, 15 Jahre frei tätig war, musste – um keine einklagbaren Beschäftigungsverhältnisse zu erzeugen – danach zwei Jahre weg und durfte nicht mal für externe Produktionsfirmen Beiträge zuliefern. Ausgerechnet dann also, wenn viele längst eine Familie gegründet hatten, kam es zum Bruch. Bis heute kommt es nach genau dieser Zeitspanne zu Einschränkungen bei vielen Freien.

Welcher Art?

Lemke: Beispielsweise nur noch für Langformate tätig zu sein oder nicht mehr oberhalb einer sehr niedrigen Gehaltsgrenze zu verdienen. Das wird mittlerweile mit „programmlicher Abwechslung“ begründet. Dabei ist es irrsinnig, die erfahrensten gehen zu lassen, wenn man sie noch dazu teuer ausgebildet hat. Ich habe nur einmal erlebt, dass ein freier Kollege in den Ruhestand verabschiedet wurde. Noch wütender macht mich aber, dass Freie schlechter verdienen als Feste. Das ist schon deshalb widersinnig, weil die auch noch private Vorsorge betreiben müssen.

Sundermeyer: Das sorgt für ein ständiges Wettrennen, die Hürde von der Freiberuflichkeit in die Festanstellung, also von der Selbstausbeutung in die Vollversorgung, zu überspringen.

Lemke: Und wer diese Hürde nimmt, ist erstmal froh, im Trockenen zu sitzen.

Klingt nicht sonderlich solidarisch…

Sundermeyer: Im Gegenteil, es ist erinnert an ein Kastensystem, aus dem es oftmals kaum ein Entrinnen gibt, so sehr die Menschen darin auch strampeln und schuften.

Lemke: Und wer doch aufsteigt, wird so in die herrschenden Strukturen eingebunden, dass er oder sie selbst weisungsgebend wird und damit das System stützt. Aus Reportern werden beispielsweise Redakteure, also quasi als Belohnung für gute Arbeit draußen in den Innendienst versetzt und verlieren dadurch im schlimmsten Fall auch das Verständnis für die, die sich weiter von Auftrag zu Auftrag hangeln.

Sundermeyer: Systeme prägen eben Leute, nicht umgekehrt. Und der RBB ist eine Behörde, deren Logik sich nach innen richtet, auf die Vorgesetzten und die Verwaltungsebenen. Private Medien sind dagegen nutzerorientiert, sie richten sich mehr an ihren Lesern, Zuschauern, und Zuhörern aus.

Bei all den Baustellen, die Sie hier auflisten, klingt abgesehen vom konstruktiven Verhalten der Belegschaft und ein wenig Vorvertrauen für die neue Intendantin kaum Zuversicht…

Lemke: … Na ja, wir erwarten, dass Katrin Vernau etwas ändert, ob das auch gelingt, lässt sich nach drei Tagen im Amt noch nicht annähernd vorhersagen. Aber immerhin hat sie die 13. Etage…

Abreißen lassen?

Lemke: Nicht ganz (lacht). Geöffnet! Man mag das als Symbolpolitik sehen, aber sie nutzt das quadratmeterstarke Intendantinnenbüro jetzt für Besprechungen und zieht selbst in einen viel kleineren Raum.

Sundermeyer: Den Dienstwagen hat sie auch abgegeben.

Macht Ihnen das Hoffnung, RBB und ARD so reformieren zu können, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk womöglich sogar gestärkt aus dieser Krise hervorgeht?

Lemke: Ich bin jedenfalls froh, dass genug zutage getreten ist, um mittlerweile offen und ehrlicher miteinander umzugehen. Nur so kann die Zukunft rosiger werden. Aber zugleich fühlt es sich auch an wie Trauerarbeit im laufenden Betrieb. Ich bin da vorsichtig mit Prognosen.

Sundermeyer: Sie glauben gar nicht, wie viele Informationen mich auch aus anderen ARD-Anstalten über dortige Gepflogenheiten und Vorgänge erreichen – wobei sich viele gar nicht erst an interne, sondern gleich an externe Adressaten wenden. Von daher glaube ich, dass Redaktionen wie Business Insider oder Welt noch weitere Recherchen über den ÖRR veröffentlichen. Wenn sich die Verantwortlichen da nicht reformwillig zeigen, wird es schwierig. Stimmen wie die des Bundesfinanzministers, der eine Deckelung der Intendantengehälter fordert, müssen wir da ebenso ernst nehmen wie grundsätzliche Kritik an der Beitragsfinanzierung durch Landesregierungen wie der aus Sachsen-Anhalt.

Lemke: Tom Burow hat ja vorgeschlagen, die Compliance-Regeln der ARD zu vereinheitlichen. Superidee! Wir haben allerdings gar kein Problem mit den Regeln, sondern ihrer Kontrolle und Durchsetzung.

Sundermeyer: Aussitzen wird jedenfalls nicht funktionieren. Und ohne Druck von außen wird sich nicht viel ändern.

Lemke: Für den Anfang wichtig wäre es da, nicht mehr von Schlesinger-Affäre zu sprechen. Das ist sie schon längst nicht mehr, war es aber auch nie.


Trumps Gezwitscher & Davids Network

Die Gebrauchtwoche

TV

24. – 30. Oktober

So, nach Lage der Dinge gehört Twitter seit Freitag dem reichsten Mann des Universums und wird in Echtzeit zur Plattform für narzisstische Demokratieverächter wie Donald Trump, denen der narzisstische Demokratieverächter Elon Musk die Schranken zur Hölle öffnet. Noch ist @realdonaldtrump zwar gesperrt, aber der Account des Chief Twit dürfte bald die Öffnung ankündigen und als Beitrag zur Debattenkultur verkaufen. Einige Populist*innen hartrechts der Mitte durften ihre gesperrten Twitter-Konten jedenfalls schon wieder voll pesten.

Jan Böhmermanns investigatives ZDF Magazin Royal hat fast zeitgleich als geheim eingestufte Ermittlungsakten zum NSU-Prozess, die das hessische Innenministerium für mindestens 30 (anfangs gar 120) Jahre unter Verschluss halten wollte, abgetippt und unter bundesverfassungsschutzschutz veröffentlicht. Der Inhalt scheint zwar alles andere als aufregend zu sein; die Tatsache allein allerdings könnte für neue Diskussionen um Wohl und Wehe geleakter Geheimnisse sorgen, die zuletzt ja auch das öffentlich-rechtliche Selbstbedienungssystem ins Wanken gebracht haben.

Nachdem Sabine Rossbach von der Antikorruptionsbeauftragten ihres – äh – eigenen Hauses vom Vorwurf der Begünstigung freigesprochen wurde, darf sich die Landesfunkhausdirektorin des NDR Hamburg auf einen Ruhestand in Saus und Braus einstellen. Frisch publizierte Zahlen nämlich zeigen, mit welch grotesken Summen staatsvertraglich garantierte Fernsehanstalten ihr Spitzenpersonal selbst dann versorgen, falls sie nur einen Tag in leitender Position waren. Erschaffen wurde hierzu ein System namens Ruhegeld, das bis zur Rente läuft.

Für Susann Lange, Juristische Direktorin des neofeudalistischen RBB, wären da satte 195.000 Euro jährlich plus 8,3 Prozent „variabler Vergütung“ drin gewesen, und zwar ungeachtet ihrer Bezüge aus anderer Tätigkeit. So fürstlich haben übrigens sämtliche Funkhäuser bis auf den klitzekleinen SR ihre Führungskräfte versorgt – auch wenn riesengroße wie der SWR oder BR diese Praxis gerade auslaufen lassen. Es lebt sich gut, im Unruhestand gebührenfinanzierter Altenteile.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

31. Oktober – 6. November

Angesichts dieser Selbstbereicherungsnetzwerke könnte man glatt denken, Ze Network wäre bereits eine Echtzeitverfilmung des ARD-Skandals. In der Agententhriller-Persiflage bastelt sich RTL+ hingegen ab Dienstag ein postkaltes Kriegsgeflecht, in dem David Hasselhoff als David Hasselhoff landet, um mit Henry Hübchen als Henry Hübchen selbstironischen Radau zu machen. Das wäre sogar ganz drollig gewesen, hätte Christian Alvert – dessen Tatort-Attrappen dank Til Schweiger eher unfreiwillig komisch sind – seinen US-Star nicht synchronisiert.

Dass er Deutsch spricht, nimmt der Serie jeden, wirklich jeden Anflug von Esprit und lenkt alle Aufmerksamkeit dieser Woche auf andere Erstausstrahlungen. Helsinki-Syndrome zum Beispiel. Im finnischen Achtteiler nimmt Vikings-Star Peter Franzén eine Zeitungsredaktion als Geiseln, um die wahren Hintergründe der Finanzspekulationskrise vor 30 Jahren herauszufinden. Und das räumt nicht nur mit diversen Klischees übers polare Land auf, sondern ist ab Donnerstag bei Arte auf fesselnde Art tiefgründig.

Beides gilt mit ein paar Abstrichen für Musik und Effekthascherei auch für den Real-Crime-Dreiteiler Das Mädchen in der Kiste, womit Sky parallel dazu einen der spektakulärsten deutschen Kriminalfälle nachzeichnet: die Entführung und Ermordung von Ursula Herrmann 1981. Der ARD-Mittwochsfilm Kalt lässt zuvor einen Kita-Ausflug virtuos eskalieren, während die großartige Friederike Becht am Samstag (ZDF-Mediathek) im #MeToo-Drama So laut du kannst brilliert und Jennifer Lawrence ab Freitag in Causeway bei Apple+ eine posttraumatische Belastungsstörung verarbeitet.

Interessant klingt auch der Ansatz von Starzplay/Lionsgate, das opulente Neunzigerjahre-Kostümfest Gefährliche Liebschaften ab Sonntag in Serienform zu gießen. Und eher chronistenpflichtig: zugleich startet die ARD-Themenwoche 2022, diesmal zum Thema WIR, also das pflegliche Miteinander in Zeiten des wütenden Gegeneinanders. Richtig los geht der Schwerpunkt aber erst am Montag drauf.


Leftovers, Hermanos Gutiérrez, Moka Efti

Leftovers

Die Hamburger Schule, wenn sie denn je geöffnet war, ist geschlossen und hat auch keinen Ersatz hinterlassen. Deutschsprachiger Diskurspop existiert zwar weiterhin, aber er ist flatterhaft geworden, irgendwie unbehaust, allerdings mit einem Epizentrum, das undeutscher kaum sein könnte. Dass die ortsansässige Band Leftovers das Auftaktstück ihres famosen Debütalbums Wiener Schule nennt, hat damit allerdings wenig zu tun und grundiert auch keinen neuen Stil, sondern eher das Schreddern eines alten.

Krach ist schließlich kein Austro-Pop. Wenn überhaupt der Begriff darauf anwendbar ist, dann als Pogo- oder Kettensägen-Pop, was mit den Neo-Strizzis Wanda, Bilderbuch, Voodoo Jürgens wenig gemein hat – nicht mal den Schmäh. Ohrenkundig stinksauer brüllen sich Leonid, Leon, Anna und Alex hochdeutsch durch die Gossen ihrer Stadt, arten aber nur partiell in selbstreferenzielles Geschrei aus und sammeln lieber Eighties-Fetzen für ihren Postpunkt-Hardcore, der manchmal ein bisschen wie Messer auf Slayer klingt., manchmal nach Die Nerven auf Frittenbude. aber immer eigensinnig brutal britisch.

Leftovers – Krach (Phat Penguin Records)

Hermanos Gutiérrez

Und wo wir grad bei alpinen Bands sind, die so gar nicht danach klingen, woher sie stammen, muss an dieser Stelle dringend von Hermanos Gutiérrez geredet werden. Das Brüderpaar Estevan und Alejandro kommt zwar aus der Schweiz, hört sich aber schwer nach der Sierra Nevada an, irgendwas mit Mexico oder zumindest so, als würde jemand von außerhalb einen Soundtrack für Spaghetti-Western im Süden Nordamerikas drehen, wobei die ja auch nur selten dort entstanden sind, wo sie sich atmosphärisch verortet haben.

Ohne Gesang, aber mit verschwitzt verhallender Gitarre mäandert das Debütalbum El Bueno Y El Malo durch staubige Wüsten wie einst Sergio Leone oder Ennio Morricone, entfaltet zugleich aber einen fast mediterranen Charme – was natürlich auch mit dem Produzenten zu tun hat: Dan Auerbach verleiht ja auch schon seinen Black Keys grenzgängerische Vielschichtigkeit, die immer nur so wirkt, wie sie nie sein will. Die zehn Stücke mit Titeln wie Hermosa Drive oder Pueblo Man sind, wie sie wirken wollen und doch ganz woanders: schnauzbärtiger Psychopop für Eskapisten.

Hermanos Gutiérrez – El Bueno Y El Malo (Easy Eye Sound-Concorde)

Moka Efti Orchestra

Stichwort Eskapismus: Das Moka Efti Orchestra, vor ein paar Jahren bekannt geworden als 14-köpfige Bigband der Sky-Serie Babylon Berlin und damit Inbegriff der fiktionalen Roaring Twenties, bringt heute sein zweites Album raus – und es hat den Anspruch, der filmischen Vorlage zu entkommen, ohne sie ganz zu verdrängen. Babylon Berlin, wer die ersten drei Staffeln sieht, wird es nie vergessen, ist eine Art tanzchoreografierte Zwischenkriegszeit, gleichermaßen historisch korrekt und komplett drüber, wofür unter anderem Nikko Weidemanns Jazz-Combo verantwortlich war.

Auf Telegramm nun ist sie geerdeter, weniger funkensprühend, spürbar im Studio entstanden und damit nicht unbedingt besser als der Vorgänger, aber irgendwie echter weil weniger cineastisch. Während in der 4. Staffel Babylon Berlin nun die artverwandte Hamburger Bigband Meute den Ton angibt, emanzipiert sich das Moka Efti Orchestra quasi vom Fernsehen und probiert mehr aus – eher sixtiesorientierten Swing wie Sohn zum Beispiel oder Katakomben-Souljazz wie Surabaya Johnny. Eine Weiterentwicklung also. Immer gut.

Moka Efti Orchestra – Telegramm (Motor)


Heike Hempel: Emanzipation & Süßer Rausch

Heike Hempel

Die Geschlechterfrage ist keine Frauensache

Seit 1999 ist Heike Hempel (Foto: Tim Thiel/ZDF) in Führungspositionen für ZDF-Fiktionen zuständig. Wäre ein Zweiteiler wie Süßer Rausch voll reifer, ambivalenter, auch mal ätzender Frauen damals möglich gewesen? Ein Interview über Geschlecht und Alter in Film und Fernsehen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hempel, wann ist wahre Gleichberechtigung am Bildschirm erreicht – wenn Frauen unter 50 wie im ZDF-Zweiteiler Süßer Rausch ätzend sein dürfen, wenn Frauen über 50 dort ätzend sein dürfen oder wenn es egal ist, wer welchen Geschlechts und Alters ätzend ist?

Heike Hempel: (lacht) Zunächst mal sind wir der Gleichberechtigung nähergekommen, wenn wir beide nicht mehr darüber sprechen müssen. Aber es kommt generell darauf an, Frauen jeden Alters, genauso wie die Männer, im gesamten Spektrum ihrer Möglichkeiten zu erzählen: alt oder jung, schön oder hässlich, dick oder dünn, reich oder arm, alles.

Das wäre qualitativ. Quantitativ hat eine Geschlechterstudie der Uni Rostock vor fünf Jahren herausgefunden, dass der Frauenanteil am Bildschirm über 50 bei 1:3 liegt.

Das stimmt, aber es gibt Fortschritte.

Ist Süßer Rausch, wo es um sechs teils ältere, teils jüngere Frauen im Kampf gegen männliche Machtstrukturen geht, Ausdruck oder Ausgangspunkt dieser Veränderung?

Eher Ausdruck. Das ZDF hat eine lange Tradition selbstbewusster, sichtbarer Frauenfiguren, die schon mit Inge Meysel begonnen hat. Seither gab es von Thekla Carola Wied über Hannelore Hoger bis Senta Berger und Iris Berben wunderbare Darstellerinnen in der Tradition weiblicher Persönlichkeiten im Zentrum starker Geschichten. Von daher kann man nicht sagen, das Phänomen sei neuartig.

Wobei eine Inge Meysel bei aller Stärke noch den mütterlichen Typus Frauenfigur zwischen Ehe, Haushalt, Kindern verkörpert hatte…

Ich glaube, sie hat viel emanzipiertere, ambivalentere Rollen gespielt, als Ihre Erinnerung hergibt, aber abgesehen davon hat sie die Frage, ob Frauen im Fernsehen alt werden dürfen, bereits in den Achtzigern bejaht. Aber natürlich ist, bei allen Fortschritten, die seither gemacht wurden, auch bei uns noch Luft nach oben. Das müssen wir als Auftrag verstehen – und zwar auch im Hinblick darauf, wie wir Frauen erzählen, nicht nur wie viele.

Es geht also eher um Qualität als Quantität?

Es geht um beides: die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Markt, hinter der Kamera und natürlich um die Qualität vor der Kamera– wie erzählen wir Frauenfiguren? Müssen Frauen echt alle jünger aussehen als sie sind? Das geht ja nicht nur mit Joghurt und Yoga. Hab‘ ich ausprobiert, klappt nicht… (lacht)

Aber wenn Sie sich dessen so bewusst sind, warum sind zumindest zwei der drei Frauen um die 60 in Süßer Rausch attraktiv, schlank, elegant und sportlich, also doch wieder 20 Jahre jünger als das Gros ihrer Geschlechts- und Altersgenossinnen?

Dem würde ich widersprechen: Leslie Malton, Désirée Nosbusch und Suzanne von Borsody spielen Figuren, die so alt sind wie sie selbst. Sie sind nicht „jünger“ geschminkt. Man kann in ihren Gesichtern ihre Stärke aber auch die existenziellen Probleme, mit denen sich ihre Figuren herumschlagen, lesen. Das macht „Süßer Rausch“ für mich zu einem ehrlichen Film.   

Ging dieser Ehrlichkeit ein kultureller, gesamtgesellschaftlicher Wandel voraus oder sind mehr Frauen an den Schalthebeln der Film- und Fernsehmacht wichtiger?

Idealerweise geschieht beides parallel. Es gibt interessante Entwicklungen wie age diversity oder body positivity, die Schönheit und Körperlichkeit anders definieren. Trotzdem gilt in der Kosmetik- und Modeindustrie oder Social Media noch immer: Alt sein ist okay, alt aussehen nicht. Daran müssen wir arbeiten. Der Optimierungswahn hat im Übrigen nicht nur bei Frauen zugenommen, sondern auch bei Männern. Weil Fernsehfilme und Serien diesbezüglich bewusstseinsstiftend sind, haben wir da große Verantwortung – die wir auch wahrnehmen wollen.

Wodurch?

Indem wir dem Optimierungswahn nicht auch noch befeuern und ausschließlich vollberufstätige, superemanzipierte, multitaskingfähige, idealschöne, ewig junge Frauen zeigen, sondern das ganze Spektrum – bis hin zur vielgeschmähten Hausfrau. Und da ist es in der Tat wichtig, hinter der Kamera weiblicher zu werden. Denn was und wie wir erzählen, hat auch damit zu tun, wer produziert, schreibt, Regie führt. Unser Zahlencontrolling evaluiert einmal im Jahr, an wen unsere Aufträge eigentlich gehen und wie gemischt die Teams sind.

Und?

Wir machen gute Fortschritte, haben an einigen Stellen die Parität schon erreicht, aber auch noch Baustellen.

Damit wären wir auf der mittleren Führungsebene. Wie es mit der oberen in Funkhäusern und Produktionsfirmen? Was können Führungskräfte wie Sie bewirken?

Als Auftraggeberinnen, die Leitlinien setzen und Forderungen stellen, einiges. Aber es sollte nicht nur Aufgabe weiblicher Führungskräfte sein, Rollenbilder auf der Höhe der Zeit einzufordern, sondern auch die der Männer: Die Geschlechterfrage ist keine Frauensache.

Sie selbst sind bald 30 Jahre erst beim WDR, später beim ZDF in leitender Funktion. War Ihnen die Gleichberechtigung da immer ein Anliegen?

(überlegt lange) Jetzt könnte ich es mir leicht machen und „ja“ sagen, aber es war ein wenig komplizierter. Wie so viele Frauen meiner Generation bin ich seinerzeit im Bewusstsein angetreten, es gäbe eigentlich gar nicht mehr so wahnsinnig viel zu tun – sowohl für eigene als auch die Lebensentwürfe anderer Frauen.

Aber?

Als ich mit Anfang 30 Redaktionsleiterin beim ZDF wurde, kamen Produzenten zum Antrittsbesuch. Sie drückten mir Hut und Mantel in die Hand und sagten: gern eine Tasse Kaffee, bitte schwarz.

Das klingt jetzt fast zu klischeehaft, um wahr zu sein.

Ist aber so geschehen. Da können Sie sich vorstellen, wie die geguckt haben, als ich mich als ihre Auftraggeberin zu erkennen gegeben habe.

Ich hoffe, peinlich berührt!

Sehr sogar. Aber wie sollten sie damit auch rechnen? Ich war anfangs oft die einzige Frau im Meeting, wo es dann schon mal Kommentare wie jene gab, mit Zahlen müsse ich mich nicht beschäftigen, das würden andere besser können.

Im Zweifel Männer.

Diese Erfahrungen haben mein Bewusstsein geschärft und auch den Ehrgeiz geweckt, mehr Geschichten aus weiblicher Perspektive zu erzählen. Unsere Ku’damm-Reihe, die Annette Hess mit der Frage kreiert hat, wie es sich angefühlt haben mag, weiblich zu sein in Deutschland in den 50er-Jahren, ist ein Beispiel dafür. Mittlerweile haben wir übrigens im ZDF in den Führungsebenen die Parität erreicht. Es gibt viel mehr Frauen in allen Meetings, und das ist schön.

Kippt diese Parität womöglich so, dass auch mal ein Mann unter Frauen sitzt?

Das kann schon vorkommen, ja. Aber ich finde es persönlich am besten – und lustigsten –, wenn die Teams gemischt sind.

Sind Formate wie Süßer Rausch oder Neuland in ihrer jetzigen Form mit vielen – auch älteren – Frauen an vorderster Besetzungsfront erst heute möglich?

Nein, die Konstellationen wären auch damals möglich gewesen. Aber die Art und Weise, wie Sathyan Ramesh diese Frauen mit einer gewissen Unerbittlichkeit erzählt und Sabine Derflinger sie dann in Szene setzt, mit all ihrem Schmerz, dem Humor, das ist heute möglich. Aber es ist ja generell so, dass Fiktionen à jour sein sollten, also zeitgemäß.

Sind familiäre Dramen wie diese eigentlich besser für emanzipierte, gleichberechtigte Charakter- und Geschichtszeichnungen geeigneter als, sagen wir: Actionstoffe?

Nicht grundsätzlich, aber im scheinbar Privaten hat sich in den vergangenen, sagen wir: zwei Jahrzehnten so viel verändert. Da die Überforderungen und Verwirrungen der Zuschauer*innen groß sind, eignet sich die Familie als fiktionaler Schauplatz besonders. Hier ist auch unsere Miniserie Neuland ein gutes Beispiel, in der es Ende Dezember um die Überforderung von Eltern im bürgerlichen Milieu geht und um die Hilflosigkeit ihren Kindern gegenüber.

Was ist abseits so moderner Stoffe beharrlicher: die Misogynie genannte Geschlechterdiskriminierung, Frauen weniger als Männern zuzutrauen, oder die Ageism genannte Altersdiskriminierung, Jüngeren mehr zuzutrauen als Älteren?

Oh, oh.

Ohne beide gegeneinander in Stellung zu bringen…

Wollte ich grad sagen… Beides ist beharrlich, weshalb wir uns bemühen, Frauenfiguren immer mit einer klaren Kernkompetenz zu erzählen. Ein Beispiel: Simone Thomalla in Frühling, eine unserer erfolgreichsten Herzkino-Reihen, spielt dort eine Dorfhelferin, bei der ich mich darauf verlassen kann, dass sie den Fall löst und der Familie helfen wird. Kompetenz schafft Vertrauen. Das gilt, egal ob wir Hausmänner oder Pilotinnen erzählen.

Vertrauen Sie selbst einer Pilotin denn genauso wie einem Piloten?

Ja, und einer Ärztin wie einem Arzt. Hoffe ich zumindest; das Unterbewusstsein überlistet uns ja gern. Deshalb ist es wesentlich, die Zuschauer*innen nicht nur sachlich, sondern emotional zu erreichen: Es sind Geschichten, die Einstellungen der Menschen prägen. Und das ist unsere Aufgabe.


Populismus & Parlamente

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Oktober

Es klingt ein wenig kühn, keine zehn Jahre nach Beginn des Streamingzeitalters schon wieder dessen Ende auszurufen, aber die ersten Kommentare sagen es zaghaft voraus. Ein Grund: Mitte November erweitert Netflix sein Angebot um ein werbeunterbrochenes, was hierzulande ungefähr fünf Euro kosten soll. Dass Magenta TV beschlossen hat, keine deutschen Inhalte mehr zu produzieren, war bereits im Sommer ein Alarmsignal. Und wenn Paramount+ den rappelvollen Markt im Dezember weiter aufbläst, werden die Kuchenstücke für alle anderen erneut kleiner.

Wen das freuen könnte? Die Platzhirsche. Also ihre Ahnen der öffentlich-rechtlichen Sender. Deren Kernangebot aus Nachrichten, Sport, Seniorenunterhaltung ist in der alternden Gesellschaft schließlich vergleichsweise krisensicherer als beispielsweise Messengerdienste wie Twitter, das anders als noch vor kurzem kolportiert wohl keine Bewegtbilder produzieren wird, sondern unterm neuen Besitzer Elon Musik erstmal dreiviertel der knapp 8000 Angestellten entlässt.

Welche Strahlkraft ARZDF noch haben, zeigte sich zuletzt in Sandra Maischbergers Exklusiv-Interview mit Greta Thunberg, aus dem das Erste der nationalen Info-Industrie ein winzig kleines, angeblich atomkraftfreundliches Bröckchen vor die Füße warf – schon haben FDPCDUAfD daraus verkürzt, also falsch zitiert. Das nennt man Meinungsmacht, aber eben auch Populismus, mit dem selbst seriöse Parteien wie die von Friedrich Merz Politik machen, sobald es sich aufdrängt.

Einer, von dem man es irgendwie nicht erwartet und noch weniger erhofft hatte, übt sich jetzt auch hin populistischer Wutenbrennung: John Cleese. Einst das vielleicht witzigste Exemplar unserer Spezies, moderiert der frühere Monty Python jetzt eine Sendung beim britischem Fox-Pendant und hätte vermutlich auch für den Stürmer geschrieben, wenn der wie Cleese gegen Cancel Culture gewettert hätte. Aber gut – das passt zum britischen Kasperletheater, in dem Boris Johnson nur kurz mal durch Liz Truss ersetzt wurde.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. Oktober

Wie bestellt, sind die irrsten Charaktere der aktuell besten Politsatire Engländer*innen. Die 2. Staffel der sehr kleinen, sehr feinen Serie Parlament steht ab heute in der ARD-Mediathek und sorgt am Standort Straßburg erneut für hintergründiges Gelächter übers europäische Plenum. Ebenfalls international koproduziert, allerdings nicht halb so gelungen: Das Netz, ein – vorerst deutsch-österreichisches – Tandem, das den realen Fußballskandal mit gekaufter WM fiktionalisiert.

Zu schade, dass sich weder Rick Ostermann (Spiel am Abgrund) noch Andreas Prochaska (Prometheus) trauen, echte Täter beim Namen zu nennen und selbst die korrupte Fifa noch durch WFA ersetzen. Viel Action, wenig Mumm. Was ungefähr auch für Reset gilt, womit Bushidos Bild-Kumpel Peter Rossberg sein Prime-Porträt Unzensiert bei RTL+ fortsetzt und dem Rapper damit ein werbewirksames Denkmal baut. Ohne Scheiß? Da ist die dreiteilige Doku Mai time, mit der das Erste den Schlagerstar Vanessa Mai skizziert, distanzierter.

Anything else? Netflix hat vorige Woche mit Once upon a small town, Notre-Dame oder Die grünen Handschuhe gleich drei Serien gestartet und Barbaren fortgesetzt, während AppleTV+ für Raymond & Ray die Superstars Ethan Hawke und Ewan McGregor gewinnen konnte. Und diese Woche startet Netflix erst sein Cabinet of Curiosities (Dienstag) und geht Freitag Wenn ich das gewusst hätte und The Bastard Son & The Devil Himself ins Rennen, bevor das deutsche Remake von Im Westen nichts neues für ein Highlight sorgt, das Disney+ mit der zweiten Staffel seiner Mysterious Benedict Society liefert.

Das Glanzlicht der Woche schimmert aber woanders: in ihrer (ersten) TV-Serie Safe beobachtet Caroline Link zwei Berliner Psycholog*innen bei der fiktiven Arbeit. Wenn Carlo Ljubek und Judith Bohle acht Teile vier disruptive Kinder und Jugendliche behandeln, ist das ohne Übertreibung perfektes Fernsehen, also ein Glücksfall für ZDFneo und uns. Ebenso wie Anna Schudt als Die Bürgermeisterin (20.15 Uhr, ZDF). Eher Pech, dass die ARD zeitgleich die Mecklenburgerin Jessy Wellmer auf allzu kritiklose Identitätssuche Russland, Putin und wir Ostdeutsche schickt, was aber noch nicht verglichen mit dem Unglück der Woche ist: um 16 Uhr holt Sat1 Britt – Der Talk aus der Mottenkiste.


Fernsehpodcasts: Serien & Sachgeschichten

Bingenweisheiten im Streamgestöber

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Der wachsenden Zahl neuer Filme und Serien steht ein zunehmendes Angebot von Podcasts gegenüber, die es etwas vorsortieren. Eine kleine Reise durch die Welt des Fernsehradios.

Jan Freitag

Spaziergänge durch Deutschlands Städte und Gemeinden sind von Föhr bis Füssen oft Spießrutenläufe lustiger Sprachverirrung – wenngleich weniger, weil es hierzulande vor Orten von Krätze bis Kotzfeld nur so wimmelt. Nein, oft liegt es am Frisiergewerbe. Haareszeiten, Haarmonie, Sahaara und, auweia, Hairreinspaziert – der toupierten Wortspielbesessenheit kann nur ein Handwerk das Wortwitzwasser reichen: Fernsehpodcasts.

Wer online über Serien und Filme redet, verspürt offenbar den Drang, seine Sendung drollig zu betiteln. Es suppt daher Serienweise so viel Freiwillige Filmkontrolle kritischer Bingenweisheiten im Streamgestöber der Schaulustigen aus Apps und Browsern, dass Wiedersehen Freude macht. Aber auch Wiederhören? Angesichts all dieser Podcast-Namen ist das zwar Geschmackssache, aber eine vielvernommene.

Seit Katrin Fricke alias Coldmirror 2015 in ihrem 5 Minuten Harry Podcast 300 Kinosekunden ihres liebsten Zauberlehrlings pro Folge auf Fehler abgeklopft hat und damit ein wachsendes Publikum gefunden, sind Bewertungsformate handelsüblicher Fiktionen omnipräsent. Und während das Themenfeld naturgemäß auf Film oder Fernsehen begrenzt bleibt, waren der Titelschöpfungskreativität keine Grenzen gesetzt außer denen des verarbeiteten Metiers. Bestes Beispiel: Kack & Sachgeschichten.

Kurz nach Coldmirrors Dammbruch vor der heranrollenden Podcast-Welle entstanden, hat sich das Trio dahinter anno 2016 in Hamburg zur ersten Folge getroffen und allenfalls das Interesse einiger Dutzend fernsehaffiner Poetryslam-Nerds geweckt. Jetzt lauschen Woche für Woche gut 400.000 Fans dem Mix aus Talkradio, Medienkritik und Pennälerwitzen von Fred Hilke, Richard Hansen und Tobi Aengenheyster, die als selbsterklärte PoMiBi längst kleinere Mehrzweckhallen der Spaßgesellschaft füllen.

Drei Podcaster mit Bier also, die nie gendern und sehr gerne sehr laut über sich lachen, die sich 208 Folgen ohne Aktualitätsanspruch vier Stunden durch Fantasiewelten von Western bis Westeros, Weißer Hai bis White Lotus gefaselt und ihr Hobby inklusive Merchandising zum (sehr lukrativen) Beruf gemacht haben. Motto laut Jingle: „Total banale Themen/werden hier seziert/scheißegal wie albern/hart analysiert“. Klingt grob, ist grob und damit beispiellos Ansonsten nämlich übt die Szene zwar den Spagat zwischen Analyse und Entertainment vorwiegend locker im Tonfall, nimmt ihr Medium aber ziemlich ernst.

Unsere „Sehnsucht nach dem gesprochenen Wort“, die der Stuttgarter Kommunikationsforscher Oliver Zöllner in Zeiten visueller Reizüberflutung erkennt, trifft hier schließlich auf eine ebenso große Sehnsucht nach sehenswerter Fiktion. Dank HBO und Netflix, Disney oder Apple wurde das neue Kino Serie ja nicht nur zur wichtigsten Freizeitbeschäftigung der halben Welt; es ist ein Milliardenbusiness, das allenfalls inhaltlich, nicht ökonomisch auf Entspannung setzt – was sich auch im Sound der digitalen Nachbereitung spiegelt.

Dass Die Schaulustigen Sophie Passmann und Matthias Kalle im Auftrag des Zeit-Magazins ab 2017 um elaborierte Lässigkeit bemüht waren, lag noch in der Natur des gehobenen Feuilletons. Auch Podcasts tiefkulturellerer Medien wie Bingenweisheiten (TV Spielfilm) oder Streamgestöber (Moviepilot) aber sind feierlicher als ihre Titel. Die freiwilligen Filmkontrolleure des Rolling Stone Sassan Niasseri und Arne Willander etwa setzen sich alle 14 Tage 60 Minuten so nüchtern mit alten 007- oder neuen GoT-Folgen auseinander, als säßen sie im titel, thesen, temperamente. Obwohl die Serien-Nerds Daniel Schröckert und Donnie O’Sullivan zur Gaming-Guerilla Rocket Beans zählen, neigt Bada Bing seit 2017 faktenversessen zur Erbsenzählerei.

Wenn ihre (meist männlichen) Kollegen in Serienweise oder Och, eine noch mal episoden-, meist staffelweise Neuerscheinungen sezieren, wird also schon gelacht. Allerdings mehr miteinander als übers Besprochene. Atmosphärisch verstehen sich die Gesprächsformate dennoch als Gegenpol zum Thrill der True Crime und liefern zudem messbaren Mehrwert. Im Film- und Seriendschungel wildwuchernder Mediatheken und Streamingdienste sortieren die Kuratoren ein explodierendes Angebot, das Flatrate-Portale wie Spotify und Podigee jederzeit günstig verfügbar machen, wenigstens ein wenig vor. Am Ende aber bleiben Fernsehpodcasts in der Regel das, wonach es sich anhört: öffentliches Gelaber.


Lisa Stutzky: Casting & Haus der Träume

Ein Ensemble ist wie Malerei

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Lisa Stutzky sorgt seit 14 Jahren dafür, dass Film- und Fernsehrollen perfekt besetzt sind. Für RTL+ hat sie nun das Ensemble der historischen Kaufhausserie Haus der Träume erstellt – und dabei wie so oft Passgenauigkeit vor Popularität gesetzt. Ein Gespräch über namenlosen Nachwuchs, überraschende Stars, die Chemie des Castings und wer dort alles reinredet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Stuzky, wie bitte schön sind Sie als Casterin auf Naemie Florez und Amy Benkenstein als Hauptdarstellerinnen vom Haus der Träume gestoßen. Abseits der Bühnenlandschaft dürfte die kaum jemand kennen…

Liza Stutzky: Ich gehe einfach sehr oft ins Theater, habe die Schauspielschulen im Blick und weiß, wer dort in welchem Jahrgang ist. So bin ich auch auf Naemie und Amy gestoßen, wobei wir für Vicky Tausende von Darstellerinnen gesichtet hatten, davon ungefähr 200 im Casting, und bei Elsie jeweils ungefähr halb so viele. Und nach den Live-Castings war sofort klar, dass es perfekte Matches für die Rollen sind.

Für zwei Angestellte eines Berliner Kaufhauses, das die Charaktere von Nina Kunzendorf und Alexander Scheer aufbauen. Waren unter den 300 Bewerberinnen, die letztlich vorgespielt haben, auch richtig bekannte Schauspielerinnen?

Einige ja. Die haben auch den gleichen Prozess wie die Unbekannteren durchlaufen. Am Ende haben wir aber genau die Schauspieler:innen über Castings besetzt, die perfekt auf ihre Rollen gepasst haben.

Was sagen etablierte Stars, wenn ihnen der namenlose Nachwuchs Rollen vor der Nase wegschnappt?

Absagen tun immer ein bisschen weh, aber gerade die Erfahrenen können das gut einordnen. Ich bewerbe mich auch für Projekte und kriege Absagen; damit umzugehen ist Teil des Berufes. Zumal selbst erfolglose Castings Geschenke sind, um auszuprobieren, wo man sich wohl fühlt, wo weniger. Am Ende sind das alles Lernprozesse, und auch wenn es bei einem Casting mal nicht klappt, merkt man sich die ein oder andere Person direkt fürs nächste Projekt.

Scheitern Schauspieler:innen mit weniger Castingpraxis manchmal an mangelnder Vorspielerfahrung als an schlechterem Spiel?

Das würde ich nicht so sagen. Schon die Begriffe „besser“ und „schlechter“ sind mit Vorsicht zu genießen. Man kann das mit einer Liebesbeziehung vergleichen, bei der es auch kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, sondern ein „passt“ oder „passt nicht“. Selbst die Unerfahrenen sind in der Regel ja ausgebildete Schauspieler:innen, bei denen es für mich nur darauf ankommt, den Nährboden zu bereiten, um ihre Fähigkeiten zur Anwendung bringen. Castings sind Spielplätze, um Charaktere mit einer Vision auszuprobieren, die mit der von Buch, Regie, Produktion in Einklang zu bringen ist.

Reden die alle mit bei Ihrer Arbeit?

Das ist am Ende projektabhängig: linear oder Streaming, Serie oder Film, Kino oder Fernsehen mit oder ohne Redaktion – das spielt alles mit rein. Die Zusammenarbeit mit Sherry Hormann war hier ein wahnsinniger enger Austausch; so konnten wir eine klare Vision gegenüber allen Beteiligten vertreten, die unsere Vorauswahl, mit der wir in die Castings und Ensembleplanung gegangen sind, ebenso als richtig empfunden haben.

Visualisiert sich diese Auswahl bereits beim Drehbuchlesen oder erst, wenn man die Gesichter dazu im Casting spielen sieht?

Es visualisiert sich vage schon beim Lesen. Weil Sherry Hormann mir aber völlig freie Bahn gelassen hat, konnte ich damit wirklich wild gehen. Das ist nicht immer der Fall, aber ein großes Geschenk, da man dadurch unerwartete Leute miteinbringen kann. Die dann vorn auf der Besetzungsliste zu platzieren, ist nicht immer einfach, aber wenn es funktioniert, großartig.

Müssen Formate, die wie Das Haus der Träume auf ein größeres Publikum abzielen, dennoch Kompromisse machen und bekannte Namen aufweisen?

Klar gibt es Kompromisse. Man kann durchaus unbekannt besetzen, aber größere Namen sind je nach Format, Sender, Sendeplatz mal mehr, mal weniger gewünscht. Wobei auch sie durchs Casting gehen und sich beweisen müssen. Hier ist es wie ich finde ein guter Mix mit Stars wie Nina Kunzendorf und Alexander Scheer – allerdings in extrem ungewöhnlicher Paarkonstellation. Ein Ensemble zusammenzusetzen ist wie Malerei: da fügen sich auch verschiedene Farben zum Gemälde.

Wobei einige Farben, also Schauspieler:innen so oft zu sehen sind, dass für den Rest kaum was übrigbleibt.

Stimmt, aber das Privileg, oft besetzt zu werden, haben sich die Schauspieler:innen meist über Jahre hart erarbeitet. Außerdem ist es von Tag 1 meiner Arbeit vor 14 Jahren als Casterin der Anspruch, auch diese bekannteren Gesichter so zu besetzen, dass sie sich und andere überraschen, anstatt immer dieselben Charaktere zu spielen. Das versuche ich tatsächlich immer.

Ist das ein Versuch oder ein Kampf?

Es ist zumindest schon deshalb nicht immer einfach, weil jede Person, mit der ich zu tun habe, immer auch ein Individuum ist, das ebenfalls versucht, Wünsche und Visionen einer Redaktion oder eines Senders zu erfüllen. Das führt auch mal zu Diskussionen, aber ich diskutiere gerne.

War diese Diskussion bei RTL+ anders als bei ARD und ZDF, wo Historytainment seit Jahrzehnten zuhause ist?

Das kann ich schon deshalb nicht so genau sagen, weil mir lineare Fernseherfahrung fehlt. Ich hatte von Anfang das Glück, viel Kinofilme und Streamingserien zu machen. Dass man da andere Freiheiten genießt, hat sich bei RTL+ jetzt wieder gezeigt, wo es weniger um Namen als Resultate ging. Es ist völlig okay, mit der Besetzung Publikumswünsche zu erfüllen, aber wer mich engagiert, weiß ja, dass ich nicht immer die gleichen Leute suche und Ensembles anders zusammenstelle.

Dennoch sind Sie auch bei RTL+ eine Mediatorin von Massengeschmack und künstlerischem Anspruch.

Und dafür ist wie überall Kommunikation entscheidend, um zu vermitteln, was man mit den Figuren, der Geschichte, dem Gesamtgefüge vorhat. Wenn die Redaktion Besetzungswünsche hat, müssen auch die durchs Casting, um zu beweisen, ob die Chemie stimmt; es muss ja nicht nur bei, sondern auch zwischen den Darsteller:innen funktionieren. Zwei Superstars bringen dir wenig, wenn sie nicht zueinander passen. Weil es also letztlich viel um Dynamik untereinander geht, kämpfe ich seit jeher sehr fürs Live-Casting.

Haben Sie in ihrer Kartei gewissermaßen chemische Zusammensetzungen gespeichert oder zeigen sich die erst beim Vorspielen?

Die Chemie vorherzusagen, ist fast unmöglich. Selbst wer eine Ahnung davon hat, wird vom Casting oft überrascht. Aber diese Magie des Momentes ist ja das Schöne an unserem Beruf. Sie braucht allerdings Zeit, die wir leider oft nicht kriegen. Bei dieser Serie hatten wir zwei Jahre Zeit, aber manchmal kommen Produktionsfirmen auf mich zu und meinen, wir drehen in vier Monaten. Das sage ich mittlerweile ab. Hier haben wir zum Beispiel fast 200 Rollen, die irgendwie aufeinander wirken, das schaffst du nicht in so kurzer Zeit. Jede Rolle muss gesehen werden.

Sind Sie da für jede Rolle zuständig oder delegieren sie kleinere an andere Agenturen?

Ich besetze stets alle Personen, die auch nur ein einziges Wort sagen. Jedes einzelne, das nicht funktioniert, kann dich schließlich komplett aus der Geschichte raushauen. Schauspieler:innen müssen in ihren Figuren versinken; deshalb ist es mir wichtig, jede davon selber auszuwählen.

Auch Kinder?

Auch Kinder.

Sind die beim Casting vergleichbar mit Erwachsenen?

Der Prozess ist ein anderer, weil du dich mit dem Kind erst emotional verbinden musst, um zu erkennen, wann man es los- und spielenlassen kann. Da arbeite ich gelegentlich mit Kolleg:innen zusammen, die darauf spezialisiert sind, mache es aber auch selber, sofern es die Zeit zulässt.

Um dann was genau zu tun?

Kinder lasse ich daher oft erstmal irgendwas spielen, bei dem sich alle von der Regie über die Kamera bis hin zu mir zum Deppen machen, damit die nie das Gefühl bekommen: das sei hier eine Prüfungssituation, sondern etwas, das Spaß machen soll. Das gilt zwar auch für Erwachsene, aber die gehen natürlich mit einem anderen, ausgebildeten Grundverständnis an diesen Spaß heran. Casting ist für mich nicht hierarchisch, sondern gemeinsames Ausprobieren.

Hatte Helena Zengel bei ihrer Rolle als hyperaggressive Systemsprengerin, wofür Sie die damals Neunjährige gecastet haben, wirklich Spaß?

Härte und Spaß schließen sich nie aus. In diesem Fall auch, weil sie verstanden hat, warum es uns wichtig war, diese Figur zu erzählen. Umso bedeutender war es, dass sie sie am Ende des Tages buchstäblich von sich abgewaschen hat, um zu verstehen: ich bin nicht diese Figur. Der Spaß kam aber auch, weil Benni so wild und unberechenbar ist, wie man es selbst als Kind in der Realität nicht kennt. Zusätzlich ist der große Spaß am Schauspiel ja auch der, in Rollen zu schlüpfen – besonders die herausfordernden sind für Schauspieler:innen oft die erfüllendsten.

Zweite Überraschung in Systemsprenger war Teddy Teclbrhan als Erzieher. Wie sind Sie denn auf den gekommen – weil er Publikum in seiner jungen Bubble generiert?

Nein, weil ich ihn abseits seiner Komik kennengelernt habe und überrascht war, was das für ein ruhiger, reflektierter, intelligenter, berührender Mann ist. Ich fand es schön, dass er diese Seiten mal sichtbar machen konnte. Dass er im Casting das perfekte Match war, ist dennoch kein Wunder: Teddy ist ausgebildeter Schauspieler und spielte weit vor Systemsprenger in diversen Produktionen.

Aber auch Teil eines Versuchs, Wagnisse einzugehen?

Nee, aber es macht mir immer Spaß, um die Ecke zu denken oder andere Wege der Suche einzuschlagen. Das wird besonders deutlich, wenn wir Community-Casting machen.

Community-Casting?

Mitglieder Schwarz oder asiatisch gelesener Gruppen, die sich selbst repräsentieren. Beim Community Casting geht es darum, vor allem marginalisierte Communities direkt anzusprechen und einzuladen, um Chancengleichheit zu ermöglichen und die Filmbranche ganz aktiv für alle zu öffnen Für den Ensemble-Gedanken finde ich es unerlässlich, dass sich jede, jeder neu entdecken kann. Da sind mir Social Media, Clicks und Follower völlig egal.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Personen Sie in 14 Jahren gecastet haben?

Eine genaue Zahl kann ich nicht sagen. Ich habe die 130.000 registrierten Schauspieler:innen in Deutschland zwar im Blick, bin aber immer wieder froh und überrascht, wie viele ich dann doch nicht kenne, obwohl ich jeden Tag bis zu 80 Mails mit Vorstellungen und Bewerbungen kriege. Im Laufe der Jahre habe ich aber in jedem Fall mehrere tausende Schauspieler*innen gesehen.

Welches war da ihr bestes perfektes Match?

Ich könnte das nicht ranken, weil jedes Projekt einzigartig ist und mein Anspruch natürlich immer, das beste Match zu finden. Ein schönes Beispiel war Kim Riedle in Back for Good, die vorher auch noch nicht so bekannt war. Aber auch Naemie, Amy und so viele andere im Haus der Träume sind aus tiefstem Herzen die einzig perfekte Besetzung für ihre Figuren.


Habets Beaujean & Theklas Martha

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 9. Oktober

Es war schon mal deutlich mehr los im Medienzirkus Maximus. Die meisten Fernsehsender haben den niedersächsischen Wahlabend souverän gemeistert, obwohl dem ZDF nach kurzer Zeit das Tierleben wichtiger war als das politische. Dass bei Anne Will anschließend kein(e) AfD-Vertreter(in) zur Nachbearbeitungsrunde geladen war, machte die Wutpartei zwar noch wütender als ihre Klientel, darf man aber als vorauseilende Gesprächshygiene deuten.

Beim RBB ist mit der juristischen Direktorin Susann Lange zuvor der nächste Kopf ins Rollen geraten, was bei ProSiebenSat1 vermutlich wie ein mittelschwerer Erdrutsch geklungen hat, als bekannt wurde, dass deren Vorstandssprecher Rainer Beaujean für Außenstehende unverhofft durch den früheren RTL-CEO Bert Habets ersetzt werden soll, was für Innenstehende schon deshalb wohl weniger überraschend war, weil der Niederländer ja bereits im Aufsichtsrat der Media SE sitzt.

Ach ja – und dann war da ja noch die Sache mit Twitter. Das nämlich will, besser: muss Elon Musk nun doch wie vereinbart kaufen und damit vermutlich einer gerichtlichen Niederlage wegen vorsätzlichen Vertragsbruchs zuvorkommen. Ob der Zwitscherdienst noch eine Zukunft hat, wenn Faschisten wie Donald Trump darauf wieder Lügen und Hass verbreiten, wird sich zeigen. Jan Böhmermann empfahl derweil auf – tihi – Twitter, von dort zur Konkurrenz von Fediverse zu wechseln.

Das allerdings hat vermutlich weniger Konsequenzen als der wahre Coup seines ZDF Magazin Royal. Dort nämlich hat seine Redaktion Kontakte des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik nach Russland entlarvt, was nun Ermittlungen der Bundesanwaltschaft nach sich zieht und Amtsleiter Arne Schönbohm den Job kosten könnte. Drollig nur, dass die CDU den Untergebenen der sozialdemokratischen Innenministerin Nancy Faeser in Schutz nahm. Ach ja – unter Unionsführung war er ja inthronisiert worden. Verrückte Politikwelt…

Die Frischwoche

0-Frischwoche

10. – 16. Oktober

Gewöhnliche Fernsehwelt. Denn dort gibt es heute Abend im Ersten mit dem realfiktionalen Biopic Martha Liebermann das nächste Stück Reanactment mit Widerstandskämpferin unter Hakenkreuzfahnen und Thekla Carola Wied als Malergattin in ihrer (angeblich) letzten Rolle. Morgen dann wanderte die deutsche Murmeltiertag-Variation Another Monday aus der Mediathek zu ZDFneo. In der Arte-Mediathek hingegen ereignet sich echt Bemerkenswertes.

Der Sechsteiler Die Welt von morgen zeichnet den Weg der französischen HipHop-Pioniere Nique Ta Mère nach – und herausgekommen ist ein absolut fantastisches Stück Popkulturgeschichte, für das man alle Frankophonen, die das auch im Original verstehen, nur beneiden kann. RTL+ hat sich mit Peacemaker ab Donnerstag derweil die nächste DC-Verfilmung gesichert.

Apple+ macht den Bestseller Shantaram tags drauf zur fiebrigen Verfolgungsjagd des autobiografischen Bankräubers Lindsey Ford auf der Flucht durch Indien Anfang der Achtzigerjahre, ohne sich zehn fast einstündige Episoden lang nur auf Action zu versteifen. In der ARD startet parallel die spanische Dramaserie mit dem nicht so richtig iberisch klingenden Titel You shall not lie. Am Sonntag schickt das ZDF mit Désirée Nosbusch, Leslie Malton und Suzanne von Borsody drei Frauen über 50 in die zweiteilige Melodramenschlacht Süßer Rausch um ein deutsch-italienisches Schnapsimperium schickt.

Das wahre Augenmerk sollte abends zuvor allerdings auf die ZDF-Mediathek gerichtet sein. Dort nämlich überzeugt Anna Schudt als Die Bürgermeisterin einer deutschen Kleinstadt im Kreuzfeuer eines rechtspopulistischen Mobs, der ehrenamtlichen Freizeitpolitikerinnen wie dieser auch in der Realität längst das Leben zur Hölle macht. Was im Vorweg ein bisschen nach bedeutungsschwangerem Gefühlskitsch klang, erweist sich als ziemlich solide Persönlichkeits- und Milieustudie eines irritierten, irritierenden Landes.


Die Nerven, Sorry, The Düsseldorf Düsterboys

Die Nerven

Der Bandname war ja schon immer fantastisch: Die Nerven. Auch ihr musikalischer Duktus zwischen Wut und Melancholie, Lyrikrock und Politipoesie: selbst im breiten Flussbett alternativer Indie-Seitenarme etwas ganz Besonderes. Jetzt aber schickt das Trio sein sechstes Studioalbum aus dem Stuttgarter Kessel ins krisengeschüttelte Land, und es gibt kein verklausuliertes Erbarmen mehr, nur noch klare Kante.

Wenn Max Rieger “Deutschland muss in Flammen stehen / ich will alles brennen sehen” singt, mag seine Stimme daher noch immer ein bisschen nach Tocotronic beim Beerdigungskaffeeundkuchen klingen, aber der Subtext passt sich den Begebenheiten an, und das ist gut so, weil es gut ist. Weil sich Riffs und Läufe wie und je eher unter die Haut schieben, als darauf herumzukratzen, weil Die Nerven einfach das sind, was man sich im Pop für alle wünscht: aufrichtig.

Die Nerven – Die Nerven (Glitterhouse Records)

Sorry

Noch ein fabelhafter Bandname: Sorry. Sorry für gar nix, müsste man hinzufügen oder wie es im Londoner Norden heißt, wo das Quintett schon seit Jugendtagen musiziert: Fuck you. Das nämlich schleudern Asha Lorenz und Louis O’Bryan ins weite Rund elegischen Alternativepops, sie sind also gleichsam pissed und entspannt. Ein Rezept, das schon ihr Debütalbum prägte und auf Anywhere But Here noch eindrücklicher klingt.

Elegant zerdeppert von Drummer Lincoln Barrett, Multi-Instrumentalist Campbell Baum und Elektroniker Marco Pini nämlich klingen die 13 Tracks wie eine Strandparty in der Gummizelle – gleichermaßen sonnig und betrübt, wach und betäubt, gefangen und befreit, optimistisch und dystopisch. Es sind Fanfaren des selbstgenügsamen Unwohlseins, die über industriell verzerrte Gitarren gelegt und damit spürbar werden. Das muss man eher verkraften als hören, aber dann wirkt es Wunder.

Sorry – Anywhere but Here (Domino)

The Düsseldorf Düsterboys

Und dann wäre da natürlich der depperte, aber irgendwie ja auch famose Bandname The Düsseldorf Düsterboys. Das Duo, bestehend aus Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti, die aus Mainz stammen und in Essen spielen, haben den Nachfolger ihres vielbeachteten, präpandemischen Debütalbums Nenn mich Musik herausgebracht, und wieder ist der enthaltene Zweipersonenbigbandfolk darauf alles andere als düster.

Im Gegenteil: das Potpourri aus Fieldrecordings und Studioarrangements klingt oft, als träfen sich Peter Licht und Niels Koppruch fürs deutschsprachige Coveralbum der Greatest Hits von Simon & Garfunkel im Bällebad. Das Resultat? Ein retrofuturistisches Manifest augenzwinkernden Unernstes und damit das weltbeste Poesiealbum einer Zeit, in der man ja nie weiß, ob man heulen oder tanzen soll. The Düsseldorf Düsterboys machen immer beides.

The Düsseldorf Düsterboys – Duo Duo (Staatsakt)