Heike Hempel: Emanzipation & Süßer Rausch
Posted: October 27, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Die Geschlechterfrage ist keine Frauensache
Seit 1999 ist Heike Hempel (Foto: Tim Thiel/ZDF) in Führungspositionen für ZDF-Fiktionen zuständig. Wäre ein Zweiteiler wie Süßer Rausch voll reifer, ambivalenter, auch mal ätzender Frauen damals möglich gewesen? Ein Interview über Geschlecht und Alter in Film und Fernsehen.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Hempel, wann ist wahre Gleichberechtigung am Bildschirm erreicht – wenn Frauen unter 50 wie im ZDF-Zweiteiler Süßer Rausch ätzend sein dürfen, wenn Frauen über 50 dort ätzend sein dürfen oder wenn es egal ist, wer welchen Geschlechts und Alters ätzend ist?
Heike Hempel: (lacht) Zunächst mal sind wir der Gleichberechtigung nähergekommen, wenn wir beide nicht mehr darüber sprechen müssen. Aber es kommt generell darauf an, Frauen jeden Alters, genauso wie die Männer, im gesamten Spektrum ihrer Möglichkeiten zu erzählen: alt oder jung, schön oder hässlich, dick oder dünn, reich oder arm, alles.
Das wäre qualitativ. Quantitativ hat eine Geschlechterstudie der Uni Rostock vor fünf Jahren herausgefunden, dass der Frauenanteil am Bildschirm über 50 bei 1:3 liegt.
Das stimmt, aber es gibt Fortschritte.
Ist Süßer Rausch, wo es um sechs teils ältere, teils jüngere Frauen im Kampf gegen männliche Machtstrukturen geht, Ausdruck oder Ausgangspunkt dieser Veränderung?
Eher Ausdruck. Das ZDF hat eine lange Tradition selbstbewusster, sichtbarer Frauenfiguren, die schon mit Inge Meysel begonnen hat. Seither gab es von Thekla Carola Wied über Hannelore Hoger bis Senta Berger und Iris Berben wunderbare Darstellerinnen in der Tradition weiblicher Persönlichkeiten im Zentrum starker Geschichten. Von daher kann man nicht sagen, das Phänomen sei neuartig.
Wobei eine Inge Meysel bei aller Stärke noch den mütterlichen Typus Frauenfigur zwischen Ehe, Haushalt, Kindern verkörpert hatte…
Ich glaube, sie hat viel emanzipiertere, ambivalentere Rollen gespielt, als Ihre Erinnerung hergibt, aber abgesehen davon hat sie die Frage, ob Frauen im Fernsehen alt werden dürfen, bereits in den Achtzigern bejaht. Aber natürlich ist, bei allen Fortschritten, die seither gemacht wurden, auch bei uns noch Luft nach oben. Das müssen wir als Auftrag verstehen – und zwar auch im Hinblick darauf, wie wir Frauen erzählen, nicht nur wie viele.
Es geht also eher um Qualität als Quantität?
Es geht um beides: die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Markt, hinter der Kamera und natürlich um die Qualität vor der Kamera– wie erzählen wir Frauenfiguren? Müssen Frauen echt alle jünger aussehen als sie sind? Das geht ja nicht nur mit Joghurt und Yoga. Hab‘ ich ausprobiert, klappt nicht… (lacht)
Aber wenn Sie sich dessen so bewusst sind, warum sind zumindest zwei der drei Frauen um die 60 in Süßer Rausch attraktiv, schlank, elegant und sportlich, also doch wieder 20 Jahre jünger als das Gros ihrer Geschlechts- und Altersgenossinnen?
Dem würde ich widersprechen: Leslie Malton, Désirée Nosbusch und Suzanne von Borsody spielen Figuren, die so alt sind wie sie selbst. Sie sind nicht „jünger“ geschminkt. Man kann in ihren Gesichtern ihre Stärke aber auch die existenziellen Probleme, mit denen sich ihre Figuren herumschlagen, lesen. Das macht „Süßer Rausch“ für mich zu einem ehrlichen Film.
Ging dieser Ehrlichkeit ein kultureller, gesamtgesellschaftlicher Wandel voraus oder sind mehr Frauen an den Schalthebeln der Film- und Fernsehmacht wichtiger?
Idealerweise geschieht beides parallel. Es gibt interessante Entwicklungen wie age diversity oder body positivity, die Schönheit und Körperlichkeit anders definieren. Trotzdem gilt in der Kosmetik- und Modeindustrie oder Social Media noch immer: Alt sein ist okay, alt aussehen nicht. Daran müssen wir arbeiten. Der Optimierungswahn hat im Übrigen nicht nur bei Frauen zugenommen, sondern auch bei Männern. Weil Fernsehfilme und Serien diesbezüglich bewusstseinsstiftend sind, haben wir da große Verantwortung – die wir auch wahrnehmen wollen.
Wodurch?
Indem wir dem Optimierungswahn nicht auch noch befeuern und ausschließlich vollberufstätige, superemanzipierte, multitaskingfähige, idealschöne, ewig junge Frauen zeigen, sondern das ganze Spektrum – bis hin zur vielgeschmähten Hausfrau. Und da ist es in der Tat wichtig, hinter der Kamera weiblicher zu werden. Denn was und wie wir erzählen, hat auch damit zu tun, wer produziert, schreibt, Regie führt. Unser Zahlencontrolling evaluiert einmal im Jahr, an wen unsere Aufträge eigentlich gehen und wie gemischt die Teams sind.
Und?
Wir machen gute Fortschritte, haben an einigen Stellen die Parität schon erreicht, aber auch noch Baustellen.
Damit wären wir auf der mittleren Führungsebene. Wie es mit der oberen in Funkhäusern und Produktionsfirmen? Was können Führungskräfte wie Sie bewirken?
Als Auftraggeberinnen, die Leitlinien setzen und Forderungen stellen, einiges. Aber es sollte nicht nur Aufgabe weiblicher Führungskräfte sein, Rollenbilder auf der Höhe der Zeit einzufordern, sondern auch die der Männer: Die Geschlechterfrage ist keine Frauensache.
Sie selbst sind bald 30 Jahre erst beim WDR, später beim ZDF in leitender Funktion. War Ihnen die Gleichberechtigung da immer ein Anliegen?
(überlegt lange) Jetzt könnte ich es mir leicht machen und „ja“ sagen, aber es war ein wenig komplizierter. Wie so viele Frauen meiner Generation bin ich seinerzeit im Bewusstsein angetreten, es gäbe eigentlich gar nicht mehr so wahnsinnig viel zu tun – sowohl für eigene als auch die Lebensentwürfe anderer Frauen.
Aber?
Als ich mit Anfang 30 Redaktionsleiterin beim ZDF wurde, kamen Produzenten zum Antrittsbesuch. Sie drückten mir Hut und Mantel in die Hand und sagten: gern eine Tasse Kaffee, bitte schwarz.
Das klingt jetzt fast zu klischeehaft, um wahr zu sein.
Ist aber so geschehen. Da können Sie sich vorstellen, wie die geguckt haben, als ich mich als ihre Auftraggeberin zu erkennen gegeben habe.
Ich hoffe, peinlich berührt!
Sehr sogar. Aber wie sollten sie damit auch rechnen? Ich war anfangs oft die einzige Frau im Meeting, wo es dann schon mal Kommentare wie jene gab, mit Zahlen müsse ich mich nicht beschäftigen, das würden andere besser können.
Im Zweifel Männer.
Diese Erfahrungen haben mein Bewusstsein geschärft und auch den Ehrgeiz geweckt, mehr Geschichten aus weiblicher Perspektive zu erzählen. Unsere Ku’damm-Reihe, die Annette Hess mit der Frage kreiert hat, wie es sich angefühlt haben mag, weiblich zu sein in Deutschland in den 50er-Jahren, ist ein Beispiel dafür. Mittlerweile haben wir übrigens im ZDF in den Führungsebenen die Parität erreicht. Es gibt viel mehr Frauen in allen Meetings, und das ist schön.
Kippt diese Parität womöglich so, dass auch mal ein Mann unter Frauen sitzt?
Das kann schon vorkommen, ja. Aber ich finde es persönlich am besten – und lustigsten –, wenn die Teams gemischt sind.
Sind Formate wie Süßer Rausch oder Neuland in ihrer jetzigen Form mit vielen – auch älteren – Frauen an vorderster Besetzungsfront erst heute möglich?
Nein, die Konstellationen wären auch damals möglich gewesen. Aber die Art und Weise, wie Sathyan Ramesh diese Frauen mit einer gewissen Unerbittlichkeit erzählt und Sabine Derflinger sie dann in Szene setzt, mit all ihrem Schmerz, dem Humor, das ist heute möglich. Aber es ist ja generell so, dass Fiktionen à jour sein sollten, also zeitgemäß.
Sind familiäre Dramen wie diese eigentlich besser für emanzipierte, gleichberechtigte Charakter- und Geschichtszeichnungen geeigneter als, sagen wir: Actionstoffe?
Nicht grundsätzlich, aber im scheinbar Privaten hat sich in den vergangenen, sagen wir: zwei Jahrzehnten so viel verändert. Da die Überforderungen und Verwirrungen der Zuschauer*innen groß sind, eignet sich die Familie als fiktionaler Schauplatz besonders. Hier ist auch unsere Miniserie Neuland ein gutes Beispiel, in der es Ende Dezember um die Überforderung von Eltern im bürgerlichen Milieu geht und um die Hilflosigkeit ihren Kindern gegenüber.
Was ist abseits so moderner Stoffe beharrlicher: die Misogynie genannte Geschlechterdiskriminierung, Frauen weniger als Männern zuzutrauen, oder die Ageism genannte Altersdiskriminierung, Jüngeren mehr zuzutrauen als Älteren?
Oh, oh.
Ohne beide gegeneinander in Stellung zu bringen…
Wollte ich grad sagen… Beides ist beharrlich, weshalb wir uns bemühen, Frauenfiguren immer mit einer klaren Kernkompetenz zu erzählen. Ein Beispiel: Simone Thomalla in Frühling, eine unserer erfolgreichsten Herzkino-Reihen, spielt dort eine Dorfhelferin, bei der ich mich darauf verlassen kann, dass sie den Fall löst und der Familie helfen wird. Kompetenz schafft Vertrauen. Das gilt, egal ob wir Hausmänner oder Pilotinnen erzählen.
Vertrauen Sie selbst einer Pilotin denn genauso wie einem Piloten?
Ja, und einer Ärztin wie einem Arzt. Hoffe ich zumindest; das Unterbewusstsein überlistet uns ja gern. Deshalb ist es wesentlich, die Zuschauer*innen nicht nur sachlich, sondern emotional zu erreichen: Es sind Geschichten, die Einstellungen der Menschen prägen. Und das ist unsere Aufgabe.
Populismus & Parlamente
Posted: October 24, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
17. – 23. Oktober
Es klingt ein wenig kühn, keine zehn Jahre nach Beginn des Streamingzeitalters schon wieder dessen Ende auszurufen, aber die ersten Kommentare sagen es zaghaft voraus. Ein Grund: Mitte November erweitert Netflix sein Angebot um ein werbeunterbrochenes, was hierzulande ungefähr fünf Euro kosten soll. Dass Magenta TV beschlossen hat, keine deutschen Inhalte mehr zu produzieren, war bereits im Sommer ein Alarmsignal. Und wenn Paramount+ den rappelvollen Markt im Dezember weiter aufbläst, werden die Kuchenstücke für alle anderen erneut kleiner.
Wen das freuen könnte? Die Platzhirsche. Also ihre Ahnen der öffentlich-rechtlichen Sender. Deren Kernangebot aus Nachrichten, Sport, Seniorenunterhaltung ist in der alternden Gesellschaft schließlich vergleichsweise krisensicherer als beispielsweise Messengerdienste wie Twitter, das anders als noch vor kurzem kolportiert wohl keine Bewegtbilder produzieren wird, sondern unterm neuen Besitzer Elon Musik erstmal dreiviertel der knapp 8000 Angestellten entlässt.
Welche Strahlkraft ARZDF noch haben, zeigte sich zuletzt in Sandra Maischbergers Exklusiv-Interview mit Greta Thunberg, aus dem das Erste der nationalen Info-Industrie ein winzig kleines, angeblich atomkraftfreundliches Bröckchen vor die Füße warf – schon haben FDPCDUAfD daraus verkürzt, also falsch zitiert. Das nennt man Meinungsmacht, aber eben auch Populismus, mit dem selbst seriöse Parteien wie die von Friedrich Merz Politik machen, sobald es sich aufdrängt.
Einer, von dem man es irgendwie nicht erwartet und noch weniger erhofft hatte, übt sich jetzt auch hin populistischer Wutenbrennung: John Cleese. Einst das vielleicht witzigste Exemplar unserer Spezies, moderiert der frühere Monty Python jetzt eine Sendung beim britischem Fox-Pendant und hätte vermutlich auch für den Stürmer geschrieben, wenn der wie Cleese gegen Cancel Culture gewettert hätte. Aber gut – das passt zum britischen Kasperletheater, in dem Boris Johnson nur kurz mal durch Liz Truss ersetzt wurde.
Die Frischwoche
24. – 30. Oktober
Wie bestellt, sind die irrsten Charaktere der aktuell besten Politsatire Engländer*innen. Die 2. Staffel der sehr kleinen, sehr feinen Serie Parlament steht ab heute in der ARD-Mediathek und sorgt am Standort Straßburg erneut für hintergründiges Gelächter übers europäische Plenum. Ebenfalls international koproduziert, allerdings nicht halb so gelungen: Das Netz, ein – vorerst deutsch-österreichisches – Tandem, das den realen Fußballskandal mit gekaufter WM fiktionalisiert.
Zu schade, dass sich weder Rick Ostermann (Spiel am Abgrund) noch Andreas Prochaska (Prometheus) trauen, echte Täter beim Namen zu nennen und selbst die korrupte Fifa noch durch WFA ersetzen. Viel Action, wenig Mumm. Was ungefähr auch für Reset gilt, womit Bushidos Bild-Kumpel Peter Rossberg sein Prime-Porträt Unzensiert bei RTL+ fortsetzt und dem Rapper damit ein werbewirksames Denkmal baut. Ohne Scheiß? Da ist die dreiteilige Doku Mai time, mit der das Erste den Schlagerstar Vanessa Mai skizziert, distanzierter.
Anything else? Netflix hat vorige Woche mit Once upon a small town, Notre-Dame oder Die grünen Handschuhe gleich drei Serien gestartet und Barbaren fortgesetzt, während AppleTV+ für Raymond & Ray die Superstars Ethan Hawke und Ewan McGregor gewinnen konnte. Und diese Woche startet Netflix erst sein Cabinet of Curiosities (Dienstag) und geht Freitag Wenn ich das gewusst hätte und The Bastard Son & The Devil Himself ins Rennen, bevor das deutsche Remake von Im Westen nichts neues für ein Highlight sorgt, das Disney+ mit der zweiten Staffel seiner Mysterious Benedict Society liefert.
Das Glanzlicht der Woche schimmert aber woanders: in ihrer (ersten) TV-Serie Safe beobachtet Caroline Link zwei Berliner Psycholog*innen bei der fiktiven Arbeit. Wenn Carlo Ljubek und Judith Bohle acht Teile vier disruptive Kinder und Jugendliche behandeln, ist das ohne Übertreibung perfektes Fernsehen, also ein Glücksfall für ZDFneo und uns. Ebenso wie Anna Schudt als Die Bürgermeisterin (20.15 Uhr, ZDF). Eher Pech, dass die ARD zeitgleich die Mecklenburgerin Jessy Wellmer auf allzu kritiklose Identitätssuche Russland, Putin und wir Ostdeutsche schickt, was aber noch nicht verglichen mit dem Unglück der Woche ist: um 16 Uhr holt Sat1 Britt – Der Talk aus der Mottenkiste.
Fernsehpodcasts: Serien & Sachgeschichten
Posted: October 18, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentBingenweisheiten im Streamgestöber

Der wachsenden Zahl neuer Filme und Serien steht ein zunehmendes Angebot von Podcasts gegenüber, die es etwas vorsortieren. Eine kleine Reise durch die Welt des Fernsehradios.
Jan Freitag
Spaziergänge durch Deutschlands Städte und Gemeinden sind von Föhr bis Füssen oft Spießrutenläufe lustiger Sprachverirrung – wenngleich weniger, weil es hierzulande vor Orten von Krätze bis Kotzfeld nur so wimmelt. Nein, oft liegt es am Frisiergewerbe. Haareszeiten, Haarmonie, Sahaara und, auweia, Hairreinspaziert – der toupierten Wortspielbesessenheit kann nur ein Handwerk das Wortwitzwasser reichen: Fernsehpodcasts.
Wer online über Serien und Filme redet, verspürt offenbar den Drang, seine Sendung drollig zu betiteln. Es suppt daher Serienweise so viel Freiwillige Filmkontrolle kritischer Bingenweisheiten im Streamgestöber der Schaulustigen aus Apps und Browsern, dass Wiedersehen Freude macht. Aber auch Wiederhören? Angesichts all dieser Podcast-Namen ist das zwar Geschmackssache, aber eine vielvernommene.
Seit Katrin Fricke alias Coldmirror 2015 in ihrem 5 Minuten Harry Podcast 300 Kinosekunden ihres liebsten Zauberlehrlings pro Folge auf Fehler abgeklopft hat und damit ein wachsendes Publikum gefunden, sind Bewertungsformate handelsüblicher Fiktionen omnipräsent. Und während das Themenfeld naturgemäß auf Film oder Fernsehen begrenzt bleibt, waren der Titelschöpfungskreativität keine Grenzen gesetzt außer denen des verarbeiteten Metiers. Bestes Beispiel: Kack & Sachgeschichten.
Kurz nach Coldmirrors Dammbruch vor der heranrollenden Podcast-Welle entstanden, hat sich das Trio dahinter anno 2016 in Hamburg zur ersten Folge getroffen und allenfalls das Interesse einiger Dutzend fernsehaffiner Poetryslam-Nerds geweckt. Jetzt lauschen Woche für Woche gut 400.000 Fans dem Mix aus Talkradio, Medienkritik und Pennälerwitzen von Fred Hilke, Richard Hansen und Tobi Aengenheyster, die als selbsterklärte PoMiBi längst kleinere Mehrzweckhallen der Spaßgesellschaft füllen.
Drei Podcaster mit Bier also, die nie gendern und sehr gerne sehr laut über sich lachen, die sich 208 Folgen ohne Aktualitätsanspruch vier Stunden durch Fantasiewelten von Western bis Westeros, Weißer Hai bis White Lotus gefaselt und ihr Hobby inklusive Merchandising zum (sehr lukrativen) Beruf gemacht haben. Motto laut Jingle: „Total banale Themen/werden hier seziert/scheißegal wie albern/hart analysiert“. Klingt grob, ist grob und damit beispiellos Ansonsten nämlich übt die Szene zwar den Spagat zwischen Analyse und Entertainment vorwiegend locker im Tonfall, nimmt ihr Medium aber ziemlich ernst.
Unsere „Sehnsucht nach dem gesprochenen Wort“, die der Stuttgarter Kommunikationsforscher Oliver Zöllner in Zeiten visueller Reizüberflutung erkennt, trifft hier schließlich auf eine ebenso große Sehnsucht nach sehenswerter Fiktion. Dank HBO und Netflix, Disney oder Apple wurde das neue Kino Serie ja nicht nur zur wichtigsten Freizeitbeschäftigung der halben Welt; es ist ein Milliardenbusiness, das allenfalls inhaltlich, nicht ökonomisch auf Entspannung setzt – was sich auch im Sound der digitalen Nachbereitung spiegelt.
Dass Die Schaulustigen Sophie Passmann und Matthias Kalle im Auftrag des Zeit-Magazins ab 2017 um elaborierte Lässigkeit bemüht waren, lag noch in der Natur des gehobenen Feuilletons. Auch Podcasts tiefkulturellerer Medien wie Bingenweisheiten (TV Spielfilm) oder Streamgestöber (Moviepilot) aber sind feierlicher als ihre Titel. Die freiwilligen Filmkontrolleure des Rolling Stone Sassan Niasseri und Arne Willander etwa setzen sich alle 14 Tage 60 Minuten so nüchtern mit alten 007- oder neuen GoT-Folgen auseinander, als säßen sie im titel, thesen, temperamente. Obwohl die Serien-Nerds Daniel Schröckert und Donnie O’Sullivan zur Gaming-Guerilla Rocket Beans zählen, neigt Bada Bing seit 2017 faktenversessen zur Erbsenzählerei.
Wenn ihre (meist männlichen) Kollegen in Serienweise oder Och, eine noch mal episoden-, meist staffelweise Neuerscheinungen sezieren, wird also schon gelacht. Allerdings mehr miteinander als übers Besprochene. Atmosphärisch verstehen sich die Gesprächsformate dennoch als Gegenpol zum Thrill der True Crime und liefern zudem messbaren Mehrwert. Im Film- und Seriendschungel wildwuchernder Mediatheken und Streamingdienste sortieren die Kuratoren ein explodierendes Angebot, das Flatrate-Portale wie Spotify und Podigee jederzeit günstig verfügbar machen, wenigstens ein wenig vor. Am Ende aber bleiben Fernsehpodcasts in der Regel das, wonach es sich anhört: öffentliches Gelaber.
Lisa Stutzky: Casting & Haus der Träume
Posted: October 13, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentEin Ensemble ist wie Malerei

Lisa Stutzky sorgt seit 14 Jahren dafür, dass Film- und Fernsehrollen perfekt besetzt sind. Für RTL+ hat sie nun das Ensemble der historischen Kaufhausserie Haus der Träume erstellt – und dabei wie so oft Passgenauigkeit vor Popularität gesetzt. Ein Gespräch über namenlosen Nachwuchs, überraschende Stars, die Chemie des Castings und wer dort alles reinredet.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Stuzky, wie bitte schön sind Sie als Casterin auf Naemie Florez und Amy Benkenstein als Hauptdarstellerinnen vom Haus der Träume gestoßen. Abseits der Bühnenlandschaft dürfte die kaum jemand kennen…
Liza Stutzky: Ich gehe einfach sehr oft ins Theater, habe die Schauspielschulen im Blick und weiß, wer dort in welchem Jahrgang ist. So bin ich auch auf Naemie und Amy gestoßen, wobei wir für Vicky Tausende von Darstellerinnen gesichtet hatten, davon ungefähr 200 im Casting, und bei Elsie jeweils ungefähr halb so viele. Und nach den Live-Castings war sofort klar, dass es perfekte Matches für die Rollen sind.
Für zwei Angestellte eines Berliner Kaufhauses, das die Charaktere von Nina Kunzendorf und Alexander Scheer aufbauen. Waren unter den 300 Bewerberinnen, die letztlich vorgespielt haben, auch richtig bekannte Schauspielerinnen?
Einige ja. Die haben auch den gleichen Prozess wie die Unbekannteren durchlaufen. Am Ende haben wir aber genau die Schauspieler:innen über Castings besetzt, die perfekt auf ihre Rollen gepasst haben.
Was sagen etablierte Stars, wenn ihnen der namenlose Nachwuchs Rollen vor der Nase wegschnappt?
Absagen tun immer ein bisschen weh, aber gerade die Erfahrenen können das gut einordnen. Ich bewerbe mich auch für Projekte und kriege Absagen; damit umzugehen ist Teil des Berufes. Zumal selbst erfolglose Castings Geschenke sind, um auszuprobieren, wo man sich wohl fühlt, wo weniger. Am Ende sind das alles Lernprozesse, und auch wenn es bei einem Casting mal nicht klappt, merkt man sich die ein oder andere Person direkt fürs nächste Projekt.
Scheitern Schauspieler:innen mit weniger Castingpraxis manchmal an mangelnder Vorspielerfahrung als an schlechterem Spiel?
Das würde ich nicht so sagen. Schon die Begriffe „besser“ und „schlechter“ sind mit Vorsicht zu genießen. Man kann das mit einer Liebesbeziehung vergleichen, bei der es auch kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, sondern ein „passt“ oder „passt nicht“. Selbst die Unerfahrenen sind in der Regel ja ausgebildete Schauspieler:innen, bei denen es für mich nur darauf ankommt, den Nährboden zu bereiten, um ihre Fähigkeiten zur Anwendung bringen. Castings sind Spielplätze, um Charaktere mit einer Vision auszuprobieren, die mit der von Buch, Regie, Produktion in Einklang zu bringen ist.
Reden die alle mit bei Ihrer Arbeit?
Das ist am Ende projektabhängig: linear oder Streaming, Serie oder Film, Kino oder Fernsehen mit oder ohne Redaktion – das spielt alles mit rein. Die Zusammenarbeit mit Sherry Hormann war hier ein wahnsinniger enger Austausch; so konnten wir eine klare Vision gegenüber allen Beteiligten vertreten, die unsere Vorauswahl, mit der wir in die Castings und Ensembleplanung gegangen sind, ebenso als richtig empfunden haben.
Visualisiert sich diese Auswahl bereits beim Drehbuchlesen oder erst, wenn man die Gesichter dazu im Casting spielen sieht?
Es visualisiert sich vage schon beim Lesen. Weil Sherry Hormann mir aber völlig freie Bahn gelassen hat, konnte ich damit wirklich wild gehen. Das ist nicht immer der Fall, aber ein großes Geschenk, da man dadurch unerwartete Leute miteinbringen kann. Die dann vorn auf der Besetzungsliste zu platzieren, ist nicht immer einfach, aber wenn es funktioniert, großartig.
Müssen Formate, die wie Das Haus der Träume auf ein größeres Publikum abzielen, dennoch Kompromisse machen und bekannte Namen aufweisen?
Klar gibt es Kompromisse. Man kann durchaus unbekannt besetzen, aber größere Namen sind je nach Format, Sender, Sendeplatz mal mehr, mal weniger gewünscht. Wobei auch sie durchs Casting gehen und sich beweisen müssen. Hier ist es wie ich finde ein guter Mix mit Stars wie Nina Kunzendorf und Alexander Scheer – allerdings in extrem ungewöhnlicher Paarkonstellation. Ein Ensemble zusammenzusetzen ist wie Malerei: da fügen sich auch verschiedene Farben zum Gemälde.
Wobei einige Farben, also Schauspieler:innen so oft zu sehen sind, dass für den Rest kaum was übrigbleibt.
Stimmt, aber das Privileg, oft besetzt zu werden, haben sich die Schauspieler:innen meist über Jahre hart erarbeitet. Außerdem ist es von Tag 1 meiner Arbeit vor 14 Jahren als Casterin der Anspruch, auch diese bekannteren Gesichter so zu besetzen, dass sie sich und andere überraschen, anstatt immer dieselben Charaktere zu spielen. Das versuche ich tatsächlich immer.
Ist das ein Versuch oder ein Kampf?
Es ist zumindest schon deshalb nicht immer einfach, weil jede Person, mit der ich zu tun habe, immer auch ein Individuum ist, das ebenfalls versucht, Wünsche und Visionen einer Redaktion oder eines Senders zu erfüllen. Das führt auch mal zu Diskussionen, aber ich diskutiere gerne.
War diese Diskussion bei RTL+ anders als bei ARD und ZDF, wo Historytainment seit Jahrzehnten zuhause ist?
Das kann ich schon deshalb nicht so genau sagen, weil mir lineare Fernseherfahrung fehlt. Ich hatte von Anfang das Glück, viel Kinofilme und Streamingserien zu machen. Dass man da andere Freiheiten genießt, hat sich bei RTL+ jetzt wieder gezeigt, wo es weniger um Namen als Resultate ging. Es ist völlig okay, mit der Besetzung Publikumswünsche zu erfüllen, aber wer mich engagiert, weiß ja, dass ich nicht immer die gleichen Leute suche und Ensembles anders zusammenstelle.
Dennoch sind Sie auch bei RTL+ eine Mediatorin von Massengeschmack und künstlerischem Anspruch.
Und dafür ist wie überall Kommunikation entscheidend, um zu vermitteln, was man mit den Figuren, der Geschichte, dem Gesamtgefüge vorhat. Wenn die Redaktion Besetzungswünsche hat, müssen auch die durchs Casting, um zu beweisen, ob die Chemie stimmt; es muss ja nicht nur bei, sondern auch zwischen den Darsteller:innen funktionieren. Zwei Superstars bringen dir wenig, wenn sie nicht zueinander passen. Weil es also letztlich viel um Dynamik untereinander geht, kämpfe ich seit jeher sehr fürs Live-Casting.
Haben Sie in ihrer Kartei gewissermaßen chemische Zusammensetzungen gespeichert oder zeigen sich die erst beim Vorspielen?
Die Chemie vorherzusagen, ist fast unmöglich. Selbst wer eine Ahnung davon hat, wird vom Casting oft überrascht. Aber diese Magie des Momentes ist ja das Schöne an unserem Beruf. Sie braucht allerdings Zeit, die wir leider oft nicht kriegen. Bei dieser Serie hatten wir zwei Jahre Zeit, aber manchmal kommen Produktionsfirmen auf mich zu und meinen, wir drehen in vier Monaten. Das sage ich mittlerweile ab. Hier haben wir zum Beispiel fast 200 Rollen, die irgendwie aufeinander wirken, das schaffst du nicht in so kurzer Zeit. Jede Rolle muss gesehen werden.
Sind Sie da für jede Rolle zuständig oder delegieren sie kleinere an andere Agenturen?
Ich besetze stets alle Personen, die auch nur ein einziges Wort sagen. Jedes einzelne, das nicht funktioniert, kann dich schließlich komplett aus der Geschichte raushauen. Schauspieler:innen müssen in ihren Figuren versinken; deshalb ist es mir wichtig, jede davon selber auszuwählen.
Auch Kinder?
Auch Kinder.
Sind die beim Casting vergleichbar mit Erwachsenen?
Der Prozess ist ein anderer, weil du dich mit dem Kind erst emotional verbinden musst, um zu erkennen, wann man es los- und spielenlassen kann. Da arbeite ich gelegentlich mit Kolleg:innen zusammen, die darauf spezialisiert sind, mache es aber auch selber, sofern es die Zeit zulässt.
Um dann was genau zu tun?
Kinder lasse ich daher oft erstmal irgendwas spielen, bei dem sich alle von der Regie über die Kamera bis hin zu mir zum Deppen machen, damit die nie das Gefühl bekommen: das sei hier eine Prüfungssituation, sondern etwas, das Spaß machen soll. Das gilt zwar auch für Erwachsene, aber die gehen natürlich mit einem anderen, ausgebildeten Grundverständnis an diesen Spaß heran. Casting ist für mich nicht hierarchisch, sondern gemeinsames Ausprobieren.
Hatte Helena Zengel bei ihrer Rolle als hyperaggressive Systemsprengerin, wofür Sie die damals Neunjährige gecastet haben, wirklich Spaß?
Härte und Spaß schließen sich nie aus. In diesem Fall auch, weil sie verstanden hat, warum es uns wichtig war, diese Figur zu erzählen. Umso bedeutender war es, dass sie sie am Ende des Tages buchstäblich von sich abgewaschen hat, um zu verstehen: ich bin nicht diese Figur. Der Spaß kam aber auch, weil Benni so wild und unberechenbar ist, wie man es selbst als Kind in der Realität nicht kennt. Zusätzlich ist der große Spaß am Schauspiel ja auch der, in Rollen zu schlüpfen – besonders die herausfordernden sind für Schauspieler:innen oft die erfüllendsten.
Zweite Überraschung in Systemsprenger war Teddy Teclbrhan als Erzieher. Wie sind Sie denn auf den gekommen – weil er Publikum in seiner jungen Bubble generiert?
Nein, weil ich ihn abseits seiner Komik kennengelernt habe und überrascht war, was das für ein ruhiger, reflektierter, intelligenter, berührender Mann ist. Ich fand es schön, dass er diese Seiten mal sichtbar machen konnte. Dass er im Casting das perfekte Match war, ist dennoch kein Wunder: Teddy ist ausgebildeter Schauspieler und spielte weit vor Systemsprenger in diversen Produktionen.
Aber auch Teil eines Versuchs, Wagnisse einzugehen?
Nee, aber es macht mir immer Spaß, um die Ecke zu denken oder andere Wege der Suche einzuschlagen. Das wird besonders deutlich, wenn wir Community-Casting machen.
Community-Casting?
Mitglieder Schwarz oder asiatisch gelesener Gruppen, die sich selbst repräsentieren. Beim Community Casting geht es darum, vor allem marginalisierte Communities direkt anzusprechen und einzuladen, um Chancengleichheit zu ermöglichen und die Filmbranche ganz aktiv für alle zu öffnen Für den Ensemble-Gedanken finde ich es unerlässlich, dass sich jede, jeder neu entdecken kann. Da sind mir Social Media, Clicks und Follower völlig egal.
Wissen Sie eigentlich, wie viele Personen Sie in 14 Jahren gecastet haben?
Eine genaue Zahl kann ich nicht sagen. Ich habe die 130.000 registrierten Schauspieler:innen in Deutschland zwar im Blick, bin aber immer wieder froh und überrascht, wie viele ich dann doch nicht kenne, obwohl ich jeden Tag bis zu 80 Mails mit Vorstellungen und Bewerbungen kriege. Im Laufe der Jahre habe ich aber in jedem Fall mehrere tausende Schauspieler*innen gesehen.
Welches war da ihr bestes perfektes Match?
Ich könnte das nicht ranken, weil jedes Projekt einzigartig ist und mein Anspruch natürlich immer, das beste Match zu finden. Ein schönes Beispiel war Kim Riedle in Back for Good, die vorher auch noch nicht so bekannt war. Aber auch Naemie, Amy und so viele andere im Haus der Träume sind aus tiefstem Herzen die einzig perfekte Besetzung für ihre Figuren.
Habets Beaujean & Theklas Martha
Posted: October 10, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
3. – 9. Oktober
Es war schon mal deutlich mehr los im Medienzirkus Maximus. Die meisten Fernsehsender haben den niedersächsischen Wahlabend souverän gemeistert, obwohl dem ZDF nach kurzer Zeit das Tierleben wichtiger war als das politische. Dass bei Anne Will anschließend kein(e) AfD-Vertreter(in) zur Nachbearbeitungsrunde geladen war, machte die Wutpartei zwar noch wütender als ihre Klientel, darf man aber als vorauseilende Gesprächshygiene deuten.
Beim RBB ist mit der juristischen Direktorin Susann Lange zuvor der nächste Kopf ins Rollen geraten, was bei ProSiebenSat1 vermutlich wie ein mittelschwerer Erdrutsch geklungen hat, als bekannt wurde, dass deren Vorstandssprecher Rainer Beaujean für Außenstehende unverhofft durch den früheren RTL-CEO Bert Habets ersetzt werden soll, was für Innenstehende schon deshalb wohl weniger überraschend war, weil der Niederländer ja bereits im Aufsichtsrat der Media SE sitzt.
Ach ja – und dann war da ja noch die Sache mit Twitter. Das nämlich will, besser: muss Elon Musk nun doch wie vereinbart kaufen und damit vermutlich einer gerichtlichen Niederlage wegen vorsätzlichen Vertragsbruchs zuvorkommen. Ob der Zwitscherdienst noch eine Zukunft hat, wenn Faschisten wie Donald Trump darauf wieder Lügen und Hass verbreiten, wird sich zeigen. Jan Böhmermann empfahl derweil auf – tihi – Twitter, von dort zur Konkurrenz von Fediverse zu wechseln.
Das allerdings hat vermutlich weniger Konsequenzen als der wahre Coup seines ZDF Magazin Royal. Dort nämlich hat seine Redaktion Kontakte des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik nach Russland entlarvt, was nun Ermittlungen der Bundesanwaltschaft nach sich zieht und Amtsleiter Arne Schönbohm den Job kosten könnte. Drollig nur, dass die CDU den Untergebenen der sozialdemokratischen Innenministerin Nancy Faeser in Schutz nahm. Ach ja – unter Unionsführung war er ja inthronisiert worden. Verrückte Politikwelt…
Die Frischwoche
10. – 16. Oktober
Gewöhnliche Fernsehwelt. Denn dort gibt es heute Abend im Ersten mit dem realfiktionalen Biopic Martha Liebermann das nächste Stück Reanactment mit Widerstandskämpferin unter Hakenkreuzfahnen und Thekla Carola Wied als Malergattin in ihrer (angeblich) letzten Rolle. Morgen dann wanderte die deutsche Murmeltiertag-Variation Another Monday aus der Mediathek zu ZDFneo. In der Arte-Mediathek hingegen ereignet sich echt Bemerkenswertes.
Der Sechsteiler Die Welt von morgen zeichnet den Weg der französischen HipHop-Pioniere Nique Ta Mère nach – und herausgekommen ist ein absolut fantastisches Stück Popkulturgeschichte, für das man alle Frankophonen, die das auch im Original verstehen, nur beneiden kann. RTL+ hat sich mit Peacemaker ab Donnerstag derweil die nächste DC-Verfilmung gesichert.
Apple+ macht den Bestseller Shantaram tags drauf zur fiebrigen Verfolgungsjagd des autobiografischen Bankräubers Lindsey Ford auf der Flucht durch Indien Anfang der Achtzigerjahre, ohne sich zehn fast einstündige Episoden lang nur auf Action zu versteifen. In der ARD startet parallel die spanische Dramaserie mit dem nicht so richtig iberisch klingenden Titel You shall not lie. Am Sonntag schickt das ZDF mit Désirée Nosbusch, Leslie Malton und Suzanne von Borsody drei Frauen über 50 in die zweiteilige Melodramenschlacht Süßer Rausch um ein deutsch-italienisches Schnapsimperium schickt.
Das wahre Augenmerk sollte abends zuvor allerdings auf die ZDF-Mediathek gerichtet sein. Dort nämlich überzeugt Anna Schudt als Die Bürgermeisterin einer deutschen Kleinstadt im Kreuzfeuer eines rechtspopulistischen Mobs, der ehrenamtlichen Freizeitpolitikerinnen wie dieser auch in der Realität längst das Leben zur Hölle macht. Was im Vorweg ein bisschen nach bedeutungsschwangerem Gefühlskitsch klang, erweist sich als ziemlich solide Persönlichkeits- und Milieustudie eines irritierten, irritierenden Landes.
Die Nerven, Sorry, The Düsseldorf Düsterboys
Posted: October 9, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentDie Nerven
Der Bandname war ja schon immer fantastisch: Die Nerven. Auch ihr musikalischer Duktus zwischen Wut und Melancholie, Lyrikrock und Politipoesie: selbst im breiten Flussbett alternativer Indie-Seitenarme etwas ganz Besonderes. Jetzt aber schickt das Trio sein sechstes Studioalbum aus dem Stuttgarter Kessel ins krisengeschüttelte Land, und es gibt kein verklausuliertes Erbarmen mehr, nur noch klare Kante.
Wenn Max Rieger “Deutschland muss in Flammen stehen / ich will alles brennen sehen” singt, mag seine Stimme daher noch immer ein bisschen nach Tocotronic beim Beerdigungskaffeeundkuchen klingen, aber der Subtext passt sich den Begebenheiten an, und das ist gut so, weil es gut ist. Weil sich Riffs und Läufe wie und je eher unter die Haut schieben, als darauf herumzukratzen, weil Die Nerven einfach das sind, was man sich im Pop für alle wünscht: aufrichtig.
Die Nerven – Die Nerven (Glitterhouse Records)
Sorry
Noch ein fabelhafter Bandname: Sorry. Sorry für gar nix, müsste man hinzufügen oder wie es im Londoner Norden heißt, wo das Quintett schon seit Jugendtagen musiziert: Fuck you. Das nämlich schleudern Asha Lorenz und Louis O’Bryan ins weite Rund elegischen Alternativepops, sie sind also gleichsam pissed und entspannt. Ein Rezept, das schon ihr Debütalbum prägte und auf Anywhere But Here noch eindrücklicher klingt.
Elegant zerdeppert von Drummer Lincoln Barrett, Multi-Instrumentalist Campbell Baum und Elektroniker Marco Pini nämlich klingen die 13 Tracks wie eine Strandparty in der Gummizelle – gleichermaßen sonnig und betrübt, wach und betäubt, gefangen und befreit, optimistisch und dystopisch. Es sind Fanfaren des selbstgenügsamen Unwohlseins, die über industriell verzerrte Gitarren gelegt und damit spürbar werden. Das muss man eher verkraften als hören, aber dann wirkt es Wunder.
Sorry – Anywhere but Here (Domino)
The Düsseldorf Düsterboys
Und dann wäre da natürlich der depperte, aber irgendwie ja auch famose Bandname The Düsseldorf Düsterboys. Das Duo, bestehend aus Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti, die aus Mainz stammen und in Essen spielen, haben den Nachfolger ihres vielbeachteten, präpandemischen Debütalbums Nenn mich Musik herausgebracht, und wieder ist der enthaltene Zweipersonenbigbandfolk darauf alles andere als düster.
Im Gegenteil: das Potpourri aus Fieldrecordings und Studioarrangements klingt oft, als träfen sich Peter Licht und Niels Koppruch fürs deutschsprachige Coveralbum der Greatest Hits von Simon & Garfunkel im Bällebad. Das Resultat? Ein retrofuturistisches Manifest augenzwinkernden Unernstes und damit das weltbeste Poesiealbum einer Zeit, in der man ja nie weiß, ob man heulen oder tanzen soll. The Düsseldorf Düsterboys machen immer beides.
The Düsseldorf Düsterboys – Duo Duo (Staatsakt)
Maria Furtwängler: 20 Jahre & 30 Tatorte
Posted: October 8, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentMaria, lass den Hut bitte liegen
In 20 Jahren Tatort hat Charlotte Lindholm (Foto: NDR) 30 Fälle geklärt. Ein Interview mit deren Darstellerin Maria Furtwängler über das Jubiläum (9. Oktober. 20.15 Uhr), ihre Stiftung, Männergewalt und warum die Kommissarin ihrer befreundeten Anwältin manchmal auf die Nerven geht.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Furtwängler, ihr Jubiläums-Tatort nach 20 Jahren im niedersächsischen Fernsehpolizeidienst scheint sich bewusst auf dünnem Eis zu bewegen.
Maria Furtwängler: Ah, ja?
Es geht um Frauenmorde und Geflüchtete als Verdächtige. Haben Stefan Krohmer und Daniel Nocke das in Zeiten rechtspopulistischer Spaltung bewusst gewählt?
Im Sinne von: Weil sie die Spaltung vertiefen wollen, sicher nein. Das hätte niemand von uns mitgemacht, da können Sie sicher sein. Was die Ausarbeitung und Umsetzung betrifft, müssten Sie Stefan Krohmer und Daniel Nocke direkt fragen. Ausgangspunkt für die NDR- Redaktion war ein realer Fall, der diesem Tatort zugrunde liegt.
2016 in Freiburg.
Ja, als Ausgangspunkt. Wichtig ist doch vor allem, mit wieviel Fingerspitzengefühl man Themen mit potentieller Vereinnahmung von der falschen Seite angeht. Das war uns allen jederzeit bewusst. Auch weil es fatal wäre, den Eindruck zu erwecken, diese Art von Verbrechen sei durch andere Kulturen nach Deutschland gekommen oder verstärkt worden. Vergewaltigung und Mord an Frauen sind in unserer Gesellschaft schon immer präsent, und die Täter sind primär im sozialen Umfeld verortet. Alle zweieinhalb Tage wird hierzulande eine Frau vom Partner oder Ex umgebracht.
Die Sozialforschung spricht von Femizid.
Und der ist nicht importiert, sondern ein dramatisches Nebenprodukt patriarchaler Strukturen, die es bei uns ebenso gibt wie überall sonst in der Welt. Machen wir uns also nichts vor: Von Millionen Geflüchteten sind die allermeisten achtbare Menschen. Aber genauso wie zu uns Biodeutschen eben auch Verbrecher jedweder Couleur gehören, gibt’s die auch unter denen, die vor Krieg, Hunger oder dem Klimawandel fliehen.
Ein Opfer ihres 30. Tatort sagt dazu, jede Kultur bringt ihre Arschlöcher hervor.
Und das auszusparen wäre ähnlich falsch, wie unsere Willkommenskultur zu diskreditieren.
Arbeitet Die Rache an der Welt Versäumnisse von 2015 auf, als über syrische Flüchtlinge im Angesicht rechtspopulistischer Abwehr vor allem positiv berichtet wurde?
Nein. Das ist nicht die Aufgabe eines Sonntagabendkrimis. Davon abgesehen hat sich die Berichterstattung über Geflüchtete ab 2016 bereits stark ins Negative verschoben. Und in diesem Kontext von Versäumnissen zu sprechen, scheint mir generell nicht passend.
Haben Sie bei der Auswahl Ihrer Rollen generell das Bedürfnis, etwas gesellschaftlich Relevantes zum Ausdruck zu bringen?
Filme wie der Tatort sollen, dürfen und wollen keine Debattenbeiträge sein. Klar haben wir die Chance, aktuelle Ereignisse aufzugreifen – aber doch nicht als politisches Statement, sondern als Bezugsrahmen. Für die Inhalte sind zwar Redaktion, Buch und Regie verantwortlich, ich hatte jedoch im Vorfeld durchaus Diskussionen mit dem NDR über das Narrativ, also warum wir schon wieder aus der Perspektive männlicher Täter statt der des weiblichen Opfers erzählen.
Mit welchem Ergebnis?
Dass wir nächstes Jahr ein Fernsehspiel machen, in dem genau das zum Tragen kommt. Man muss nicht in jedem Tatort jede Perspektive erzählen, aber in Summe müssen diverse Perspektiven eröffnet werden. Nicht zuletzt dafür setze ich mich auch mit meiner Stiftung ein.
In der Sie mit Ihrer Tochter Lisa Gleichberechtigung fördern. Sind Sie als Schauspielerin immer MaLisa-Botschafterin?
Dagegen spricht schon unser Lindenberg-Tatort, ein Riesenspaß ohne Message. Dennoch bin ich mir der Wirkmacht von Bildern bewusst und versuche, darauf Einfluss zu nehmen. Und das nicht nur, wenn es um die Darstellung von Gewalt geht, sondern um Geschlechterfragen generell. Insofern: Ja, Fiktion kann vieles zu einer neuen Sichtweise beitragen, aber nicht aus eigener Kraft Probleme lösen. Und das gilt auch für Charlotte Lindholm.
Kennen Sie eigentlich deren Wikipedia-Eintrag?
Nein.
Der hat locker vier Seiten.
Nicht wirklich! Was steht denn da alles drin?
Von Diebstählen als Kind übers Anti-AKW-Engagement bis zur Heirat eines weit älteren Manns. Ist das aus den Fällen heraus entstanden oder vorher verfasst worden?
Das hat sich jemand früh ausgedacht, spielte aber bislang keine Rolle. Angeblich soll sie Jahrgang 1968 sein. Da Kommissarinnen mit 63 in Rente gehen, hab‘ ich noch ein paar Jahre mit ihr. Schließlich haben wir längst heimlich geheiratet (lacht). Ich erinnere mich, mit Euphorie, aber auch Naivität in den ersten Fall gestolpert zu sein und mir wer-weiß-was ausgedacht zu haben, was Charlotte alles kennzeichnet.
Zum Beispiel?
Ach, dass sie außen ein bisschen trottelig ist und innen helle, so mit Miss-Marple-Hut. Der lag auch lange in der Requisite, aber die Regisseure meinten, Maria, lass den bitte liegen (lacht). Zum Glück! Eine Marotte von mir hat sich allerdings bei ihr durchgesetzt: Dass sie stets ihr eigenes Kopfkissen mit ins Hotel nimmt, das mache ich auch. Ansonsten ist wenig von langer Hand geplant; das meiste ergibt sich aus den Fällen, sollte aber schlüssig sein und nichts suggerieren, was sie niemals täte – da verstehe ich mich als Anwältin der Figur.
Nur Anwältin oder auch Freundin?
Beides. Ein Zeichen dafür ist, dass wir dieselben, ausgelatschten Stiefeletten von Miu Miu tragen, die ich selbst mal mit zum Set gebracht habe, weil die so gut zu ihrer Jeans passen. Endlich reden wir mal über Fashion (lacht)… Immer, wenn ich zuhause in Marias Regal gucke, stehen da also Charlottes Boots. Trotzdem hat sie ein Eigenleben, das von mir unabhängig ist. Etwa, dass sie überhaupt keine Teamplayerin ist.
Sie schon?
Unbedingt.
Geht sie Ihnen da manchmal auf den Wecker?
Klar. Wir hatten auch unsere Krisen. Aber nicht wegen der Figur an sich, sondern weil ich es nicht mag, mich zu wiederholen. Das führte hier jedoch nicht zur Trennung, sondern zu mehr Sorgfalt mit ihrer Darstellung und der Reduktion auf einen Fall pro Jahr. Seither liebe ich sie umso mehr.
Hat sich da in 20 Jahren einer der 30 Fälle besonders eingebrannt?
Zwei sogar. Einmal Der Fall Holdt, als sie selbst Opfer von Gewalt wurde.
… und 2019 zum Wechsel nach Göttingen führte.
Der war toll, weil ihr Leben so aus dem Ruder läuft und offenlegt, wie brüchig ihre toughe Fassade ist; eine Eigenschaft, die so genannte – ich hasse diesen Begriff – “starke Frauen” im Fernsehen selten zeigen dürfen. Und dann natürlich der Doppel-Tatort Wegwerfmädchen und Das goldene Band.
Wieder Thema Männergewalt gegen Frauen.
Das ich selber eingebracht hatte und entsprechend stolz drauf bin, wie eindringlich die Umsetzung und wie erfolgreich die Filme waren.
Lässt Sie so ein harter Missbrauchsstoff nach Drehschluss schnell wieder los?
Schwer, schon weil das Spielen ein intimer Prozess ist, auf den ich mich intensiv vorbereite und nach einer realen Emotionalität, einer Entsprechung in mir selbst suche, also was ich der Rolle persönlich geben kann. Aber „Wegwerfmädchen“ habe ich auch so lange rumgeschleppt, weil sie keine Abstraktion waren, sondern wirklich existieren.
Ist Ihre Stiftung vier Jahre später aus Arbeiten wie dieser heraus entstanden?
Nein, der Impuls kam von meiner Tochter, nachdem wir mit den German Doctors, für die ich schon lange tätig bin, ein Schutzhaus für zwangsprostituierte Mädchen auf den Philippinen eröffnet hatten. Ich bin ihr sehr dankbar dafür – auch, weil sie zwei Generationen mit zwei Perspektiven auf Ungleichheit in diesem Land zusammenführt.
Sind Sie hauptberuflich eigentlich Schauspielerin oder Gleichberechtigungsaktivistin?
Ich spiele in Filmen, ich produziere Filme und ich blicke mit sehr wachen Augen auf Missstände und was sich dagegen unternehmen lässt. Ich bin, wenn sie so wollen, von Beruf vielseitig.
Prechts Schlägerei & Branaghs Johnson
Posted: October 3, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | 1 CommentDie Gebrauchtwoche

26. September – 2. Oktober
Das Wortspiel ist älter als der Barte des Propheten, aber immer, wenn irgendwas bei gleicher Zusammensetzung irgendwie umbenannt wird, sagt irgendwer garantiert, und Raider heiße jetzt Twix. Mehr Querverweise in die Zeit, als der deutsche Schokoriegel globalisiert wurde, gibt es allerdings nicht durch die Umbenennung von Starzplay ins weltweit bekannte Lionsgate+, das Unternehmen hinter der Videoplattform, die andernorts wiederum unter Starz bekannter ist, vor 27 Jahren in Kanada gegründet wurde und damit 13 Jahre jünger ist als zwei Kinder der Raider-Epoche, die grad 40. Geburtstag feiern.
Im Herbst 1982 feierten nämlich zwei Serien Fernsehpremiere, die unterschiedlicher kaum sein könnten und einander dennoch bedingt haben: Knight Rider und Pumuckl, bedingungsloser Technikglaube hier, fortschrittsmüde Nostalgie dort. Und dass letzterer gerade ein Remake erhält, während erster schon durch die Teilnahme David Hasselhoffs längst absurder ist als der drolligste Kobold, zeigt ein bisschen, wohin die Reise im Angesicht von Krieg und Klimawandel gesellschaftlich gerade geht.
Die Sehnsucht nach dem Gestern ist so stark am Bildschirm, dass viele Zuschauer*innen sich erschüttert abwenden von der Realität – allerdings nicht aus Gründen, die Richard David Precht mit Harald Welzer in seiner philosophischen Wirtshausschlägerei Die Macht der Massenmedien insinuiert, sondern weil die Wucht der Dauerkrisen für viele nur mit Eskapismus erträglich geworden ist. Talkshows wie die, in der Markus Lanz vorigen Mittwoch mit dem Verfasser kollidierte, sehen viele von denen schon lange nicht mehr.
Der Rest konnte am Mittwoch live erleben, wie sich Precht beim ähnlich wohlfrisierten Moderator bitterlich beklagte, dass Presse-Organe links vom rechten Rand seine populistisch anschlussfähige Medienschelte nicht ebenso abfeiern wie die AfD und vermutlich auch das Kampfblatt des Springer-Chefs, über den das hauseigene Wirtschaftsportal Business Insider Ulkiges veröffentlichte: Mails des deutschen Trumpeters Mathias Döpfner nämlich, in denen er Elon Musk schon Anfang des Jahres riet, Twitter zu kaufen.
Die Frischwoche
3. – 9. Oktober
Schöne neue Alphatierwelt, der ein ausgesprochen narzisstisches Exemplar abhandengekommen ist, aber nun als Biopic-Figur zurückkehrt: Boris Johnson. In der Sky-Serie This England spielt kein geringerer als Kenneth Branagh ab Donnerstag den frisch ersetzten Premierminister, und zwar als betriebsblinde Knalltüte, deren Zögern zu Beginn der Corona-Pandemie (nicht nur) aus Sicht von Showrunner Michael Winterbottom Tausende von Menschenleben und Abermilliarden Pfund gekostet haben könnte.
So bitter das reale Resultat war, so unterhaltsam ist das fiktive – und ähnelt damit Andrew Dominiks Biopic Blond mit der Spanierin Ana de Armas als Marilyn Monroe, seit kurzem bei Netflix. Auch sonst steht die Woche im Zeichen beeindruckender Frauen. In der deutsche-schwedischen Neo-Serie Lea – The Fighter zum Beispiel wird ab Freitag eine Boxerin skizziert. Im Sky-Remake Kung Fu wird der legendäre Siebzigerjahre-Shaolin David Carradine ab Sonntag durch eine Kämpferin ersetzt. Parallel dazu feiert Maria Furtwängler den 30 Tatort-Einsatz als Charlotte Lindholm in 20 Jahren.
Tags zuvor dominiert Liv Lisa Fries (mehr als ihr querdenkender Kollege VOLKer Bruch) an gleicher Stelle auch die vierte Staffel von Babylon Berlin der wilden Zwanziger bis Dreißigerjahre (in denen heute Abend auch der schale ARD-Zweiteiler Das weiße Haus am Rhein spielt). Im achtteiligen Mystery-Thriller Himmelstal geraten Zwillingsschwestern (Josefin Asplund) ab morgen auf One in ein psychiatrisches Experiment. Und selbst die 13. (angeblich letzte) Staffel Walking Death wird ab heute bei Disney+ eher weiblich als männlich dominiert.
Aus diesem Geschlechterschema fallen nur zwei Neustarts heraus: Die Anthology-Serie The Resort verhandelt ab Freitag bei Peacock/Sky auf mystische Art Eheprobleme im Ferienparadies. Parallel dazu startet der Grusel-Spezialist Mike Flanagan sein drittes Netflix-Format mit dem sagenhaft dämlich übersetzten Titel Gänsehaut um Mitternacht, eine Art Club der roten Bänder im Spukhaus.
1000 Robota, Gaddafi Gals, Fink
Posted: October 2, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment1000 Robota
Normalerweise taugen die PR-Beipackzettel neuer Platten alter Bands selten zur Weiterverbreitung, aber jener zum dritten Album der bemerkenswerten Hamburger Indierockband 1000 Robota enthält eine schöne Umschreibung dessen, was Sebastian Muxfeldt, Jonas Hinnerkort und Anton Spielmann seit ihrem Plattendebüt Du nicht er nicht sie nicht vor 15 Jahren auf Tapete Records beherrschen wie kaum drei zweite: den Zeitgeist anschreien.
Seinerzeit taten sie es mit einem Mix aus wütendem Postpunk und avantgardistischem Industrial. Jetzt sind alle, wirklich alle, die sich nicht in eskapistischen Heididei flüchten, auf industriell-avantgardistische Art sauer, und was machen 1000 Robota: dasselbe, nur besser. Gitarrensoli und Kinderchöre vereinen sich auf 3/3 mit Bassgemurmel und Endzeitpoesie zu einer brachialen Melancholie, die zwischen Feuilleton und Gummizelle alle Genres jenseits vom Mainstream bedient, ohne sich irgendwo anzubiedern.
1000 Robota – 3/3 (Tapete Records)
Gaddafi Gals
Eigentlich bürgt ja schon die Rapperin Ebru Düzgün alias Ebow allein für kreative Ausdifferenzierung des planquadratischen HipHop deutscher Herkunft. Fügte man ihr noch die Songwriterin Nalan Karacagil aus Berlin hinzu, wäre das Ergebnis schon die Ausdifferenzierung der Ausdifferenzierung. Gemeinsam mit dem Produzenten walter p99 arkestra jedoch differenziert sich die Ausdifferenzierung zur eklektischen Sinnsuche zeitgenössischer Musik insgesamt aus.
Nach dreijähriger Pause haben sie ihr elektroalternatives Projekt Gaddafi Gals reanimiert, und auch an Romeo Must Die beißen sich Kategorisierungsversuche vermutlich wieder die Zähne aus. Zwölf Stücke lang mäandert das Trio schließlich so virtuos durch Schlabber-Soul und Oriental-Dub, kratzigem Trap und poppigem R’n’B, dass sich die Autotunes nur so im Ohr verhaken, aber nie nerven. Einfach weil es grandios ist, was die drei aus allem machen, was ihnen unters Mischpult gerät.
Gaddafi Gals – Romeo Must Die (3-Headed Monster Posse)
Fink
Und dann noch, weil es immer noch so unendlich traurig und zugleich tröstlich ist, dass Nils Koppruch vor zehn Jahren zwar viel zu früh gestorben ist, aber in unseren Herzen weiterlebt, feiern wir hiermit eine Reissue, die alle Aufmerksamkeit der Welt verdient: das wundervolle Nischenlabel Trocadero hat den kompletten Fundus seiner großartigen Alternativecountry-Band Fink von Soundgarden-Chef Chris von Rautenkranz bearbeiten und auf buntes Vinyl pressen lassen.
Ein Vierteljahrhundert erscheinen damit nicht nur längst vergriffene LPs in herausragender Qualität als Coffeetable-Box für Boomer und andere zum Hinstellen, Durchhören, Liebehaben. Die ersten zwei Alben Vogelbeobachtung im Winter und Loch in der Welt erscheinen sogar erstmals auf 12# und sind wie alle anderen auch einzeln erhältlich. Endlich. Als Hommage an den unbekanntesten Weltstar der deutschen Popkultur, ein Poet von urbaner Windschiefe.
Fink – ne Menge Leute, Ltd Box-Set (Indigo/Trocadero)
Maja Göpel: Klimakrise & Kreativität
Posted: September 30, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentWir brauchen ein neues Fortschrittsvokabular
Seit Jahren schon mahnt die Politökonomin Maja Göpel, die Klimarettung sei machbar, aber nur im Team. Davon handelt auch ihr neues Buch Wir können auch anders, um das es im Vorfeld einen kleinen Aufreger wegen intransparenten Ghostwritings gegeben hat. Im freitagsmedien-Interview, zuvor im Medienmagazin journalist erschienen, rät die zweifache Mutter (Foto: Johannes Arlt), Dinge endlich umzusetzen, statt auf Grad-Zahlen zu starren.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Göpel, wenn man wie Sie vier Jahre nach Erscheinen des prophetischen Weltbestsellers Die Grenzen des Wachstums in einer ökologischen Hausgemeinschaft bei Bielefeld aufgewachsen ist – entwickelt man sich da automatisch in Richtung des Club of Rome?
Maja Göpel: Nicht so sehr aus der globalen Prognose als aus der Alltagspraxis. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Eltern mich ein bisschen dahingehend instrumentalisiert hatten, die ökologische Zeitschrift Schmetterling im Dorf zu verteilen, ein ziemlich konservatives Dorf. Da war also nicht das genuin eigene Interesse an grünen Themen ausschlaggebend. Das kam dann erst 1986 durch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl.
Da waren Sie zehn.
Und hatte den ersten Schreckmoment meines friedlichen Landlebens voll grüner Wiesen, auf denen wir erstmal ein paar Tage nicht spielen durften. Dass da draußen plötzlich eine unsichtbare Gefahr lauert, gegen die man keinerlei Maßnahme ergreifen kann, war für mich zwar zunächst mal faszinierend, aber auch sehr bedrohlich. Damals habe ich begonnen, über die größeren Zusammenhänge nachzudenken. Den Bericht des Club of Rome hingegen habe ich erst richtig wahrgenommen, als ich mich in den verschiedenen Bildungsinstitutionen zum Thema Klimawandel vorgerobbt hatte.
Sie haben also anders als andere Teenager nicht gegen die Haltungen Ihrer Eltern rebelliert und das Gegenteil von Umweltschutz propagiert?
Nein, denn auch wenn ich mal Öko-Magazine austragen sollte, haben sie mich weder konditioniert noch infiltriert, sondern einfach so erzogen, auf die Welt zu schauen, wie sie wirklich ist. Dass ich die Beobachtungen zweier atomkraftkritischer Ärzt*innen geteilt habe, ist daher nicht anders, als dass andere lernen, ständig Fleisch zu essen oder Auto zu fahren. Da fragt nur niemand, ob sie indoktriniert wurden.
Haben Sie sich Mitte der Achtzigerjahre, als grüne Ideen trotz Tschernobyl und saurem Regen noch als linke Spinnerei galten, eher als Außenseiterin oder Avantgarde gefühlt?
Solche Fragen stellt man sich mit zehn Jahren noch nicht. Es war einfach Teil meines Lebensalltags, mir die Welt mit offenen Augen anzusehen und eigene Antworten zu finden. Deshalb habe ich natürlich rebelliert, aber eben nicht gegen den Umweltschutz meiner Eltern, sondern zu früh nach Hause zu müssen oder später nicht so viel Alkohol trinken zu sollen (lacht).
Und wann wurde ihr Interesse am Umweltschutz erst zur Berufung, dann zum Beruf?
Vermutlich vorm Bonner Klimagipfel im Jahr 2000, bei dem ich zwar nicht akkreditiert war, aber trotzdem an vielen der Side Events teilgenommen habe. Mich hatte das Thema Nachhaltigkeit im Studium zur Medienwirtin angetrieben und meine Diplomarbeit ist der Nachhaltigkeitskommunikation gewidmet. Aber in die Politikprozesse eingestiegen bin ich erst, als ich dort mit Leuten wie Klaus Töpfer geredet und direkt mit anderen eine europäische Jugendorganisation gegründet habe.
Das ist 22 Jahre her. Seither gab bei ungebremst steigenden Emissionen viele Klimagipfel voll ehrgeiziger Abkommen mit zwei Zahlen, die den politökonomischen Diskurs bestimmen: 1,5 oder 2 Grad maximaler Erderwärmung. Können wir die aus Ihrer Sicht noch erreichen?
Ich finde schon die Frage nicht allzu hilfreich. Im Prinzip ist es zwar richtig, wissenschaftlich fundierte Ziele so zu setzen, dass wir die Überschreitung bestimmter CO2-Budgets verhindern, von denen wir wissen: sie ziehen sehr viele sehr gravierende Konsequenzen nach sich, deren Gesamtvolumen kaum vorhersehbar wäre. Deshalb würde es nicht nur sehr teuer werden, sondern auch sehr viele Dinge, die wir heute noch gewohnt sind, unmöglich machen, wenn wir diese Nutzungsgrenzen überschreiten.
Und warum ist die Frage nach Gradzahlen nun kontraproduktiv?
Weil wir anhand dieser Budgets rückwärts rechnen sollten, wie viel CO2 wir in welcher Zeit noch verbrauchen dürfen und einen Transformationspfad bauen, den man daran messen muss, ob die Maßnahmen im richtigen Verhältnis zum Ziel stehen. Wenn wir jedoch direkt nach der Zielvereinbarung diskutieren, ob die 1,5 oder 2,0 Grad überhaupt noch erreichbar sind, anstatt einfach das, was wir wissen, so schnell wie irgend möglich umzusetzen, verlabern wir weiter unsere Chancen und erwecken den Anschein, als ob es sich sonst nicht mehr lohne, als ginge es um einen Schalter, Klimawandel an oder aus. Dabei geht es darum, dass auch 2 Grad noch viel, viel, viel besser sind als 3 Grad Erhitzung. Aus der Notwendigkeit zu handeln, kommen wir also gar nicht heraus.
Die Botschaft lautet also?
Weder wie ein Reh im Scheinwerferkegel aufs herannahende Temperaturziel zu starren noch wie ein Faultier irgendwann vom brennenden Baum zu plumpsen, sondern sich klarzumachen: 1,6 Grad sind viel besser als 2 Grad und 2,1 Grad viel besser als 3. Denn die will wirklich niemand von uns erleben.
Bedeutet das aus krisenkommunikativer Sicht demnach, bei den Zielmarken möglichst unkonkret zu bleiben und dafür das Mindset der Menschen so zu beeinflussen, dass sie zur Veränderung der Wegmarken bereit sind?
Beides ist wichtig. Wir brauchen quantifizierbare Zielgrößen, sonst ist ja unklar, wie schnell wir agieren sollten. Aber wir brauchen eben genau die vielen kleinen Zwischenziele, die dann zeigen, ob wir auf Kurs sind. Also ob wir es jetzt schaffen, den Trend zu drehen, anstatt schon wieder mehr Emissionen als zuvor auszustoßen. Denn je weniger das in Frage gestellt wird und umso konsequenter die Lenkungswirkung der politischen Mittel auf die Zielmarken ausgelegt und ihre Wirkung gemessen wird, umso eher wird auch die Aufmerksamkeit und Alltagspraxis der Menschen verändert.
Was bedeutet das für die politische und publizistische Kommunikation?
Dass die Menschheit darin als lernbereite, anpassungsfähige und kreative Spezies dargestellt wird, die ihre Zukunft selbst gestalten kann, sofern sie sich nicht von einem Konsum-, Bequemlichkeits- und Anspruchsnarrativ unterwerfen lässt, das wir mit viel Geld dahinter normalisiert haben.
Aber wenn die Mehrheit der Menschen in dieser Komfortzone den Klimawandel akzeptieren, während nur eine Minderheit bereit ist, persönlich Konsequenzen daraus zu ziehen – reichen da Appelle an die Eigenverantwortung oder muss die Gesetzgebung ran?
Sowohl als auch. Wobei wir hier mal wieder vorsichtig sein sollten mit solch hypothetischen Spielchen und Framings, die nicht den empirischen Befunden entsprechen: wiederholt geben 80 Prozent der Deutschen an, dass Klimaschutz unter den Top 2-3 der wichtigsten Themen für sie sind. Ja, es gibt den Gap zwischen Sagen und im Alltag tun.
Ein gewaltiger Gap sogar…
Darum ist es zentral, dass wir die rechtlichen Rahmenbedingen und politischen Strategien, in denen Industrie- und Lebensmittelproduktion, Mobilität oder Infrastrukturen geplant, subventioniert, angereizt und gefördert werden, grundlegend neuordnen, damit Nachhaltigkeit zum Standard und für alle überall zugänglich wird. Damit entwickeln wir dann auch hier die Lösungen, die im 21. Jahrhundert die wiederum Chancen auf globale Verbreitung haben. Dieser Kreislauf muss so kommuniziert werden, dass jene, die überzeugt werden wollen, auch überzeugt werden können.
Das bremsen konservative Politiker*innen und ihre Medien im Rahmen ihrer Wahlzyklen allerdings gern mit der Floskel aus, alle mitnehmen zu müssen, also nicht ständig mit Konsequenzen und Wahrheiten zu verschrecken.
Wie schon angedeutet, lassen sich mittlerweile theoretisch 80 Prozent, die den Klimawandel als reale Bedrohung betrachten, sehr wohl mitnehmen. Diese Menschen sind in großer Sorge, aber in noch größerer davor, dass Politik, Wirtschaft und die Medien zu wenig dagegen unternehmen. Das heißt, dieses Rumdrücken, Wahrheiten zu unterschlagen, beeinträchtigt das Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit weit mehr, als sie klar zu formulieren. Das Überforderungsnarrativ hinkt der öffentlichen Wahrnehmung extrem hinterher – was sich auch darin zeigt, dass Politiker wie Robert Habeck, der unbequeme Wahrheiten offener ausspricht, im Sympathieranking weiter oben stehen als jene, die zögern. Wer Probleme transparent benennt, kommt in den Lösungsmodus, wer sie verschweigt, schürt Ängste ob versteckter Agenden.
Klingt nach Innenminister Thomas de Maiziere, der 2016 nach der Absage eines Fußballländerspiels im Zuge einer Anschlagswarnung öffentlich sagte, nähere Informationen darüber würden die Bevölkerung verunsichern…
Hm, also böse Absichten von Mitmenschen sind aus meiner Sicht noch etwas anderes als naturwissenschaftliche Fakten und entsprechende Risikoabwägungen. Aber in beiden Fällen sehen wir eine große Zahl sich selbstverantwortlich einbringender Menschen. Viele wünschen sich mittlerweile aber auch deshalb mehr Regeln und Verbote, weil ihnen auf Instagram und Facebook ständig präsentiert wird, wie andere ihr ressourcenintensives Leben einfach weiterführen, während sie selbst sich freiwillig einschränken. Wie wichtig klar kommunizierte Regeln sind, zeigt sich ja auch in der Pandemie.
Inwiefern?
Im ersten Lockdown sind bis auf systemrelevante Berufe die meisten bereitwillig zuhause geblieben, weil alles klar kommuniziert und einheitlich geregelt war. Ergebnis: breiter Zuspruch für die Corona-Maßnahmen. Im zweiten Lockdown hingegen gab es zahllose Ausnahmen und ständige Regeländerungen, keine klar formulierte Strategie, nach der die Maßnahmen eingeschätzt werden konnten. Ergebnis: großer Vertrauensverlust. Die meisten sind bereit, ihr Verhalten zu verändern, sofern es alle gleichermaßen trifft und nicht nur die mit wenig Geld oder Einfluss. Und damit zurück zur Frage danach, alle mitnehmen zu müssen: Es gibt ja nicht ein einziges Politikfeld, auf dem jemals im Konsens entschieden wurde, aber im Bereich des Klimaschutzes soll das plötzlich notwendig sein? Das ist keine Demokratie, sondern Realitätsflucht.
Aber welche Rolle spielen denn nun wir, die Medien, um – wenn schon keinen Konsens, so doch wenigstens – allgemeine Akzeptanz unwiderlegbarer Realitäten zu erzielen?
Durch umfassende, ausgewogene Informationen. Dauerhaft. Es gibt da zum Beispiel die Initiative KLIMA° vor acht, die einerseits um ehrliche Aufklärung über den Stand des Klimawandels und der restlichen CO2-Budgets bemüht ist, andererseits mehr mediale Aufmerksamkeit für Lösungen zur Primetime fordert. Menschen lernen unter drei Motivationsfaktoren: moralisch, um schlechte Zustände zu beenden; innovativ, um bessere Zustände zu erreichen; und komparativ, indem sie etwas Überzeugendes nachmachen. Berichterstattung, die beschreibt, was ist, wie es sich verbessern lässt und was das Einzelnen ebenso wie allen anderen bringt, ist zielführende Berichterstattung.
Haben Sie das Gefühl, publikumswirksame Medien haben das im Großen und Ganzen auch verstanden?
Ich würde das eher an Individuen als Medien festmachen. Es gibt in unterschiedlichen Redaktionen unterschiedlicher Bereiche Vorreiter*innen, die das sogar ganz hervorragend machen. Ein Mike Moser zum Beispiel, der fundierte, reportageorientierte Berichterstattung bei RTL macht, die ihm öffentlich-rechtlich offenbar nicht möglich war.
Interessant, dass Sie angesichts der großen Zahl öffentlich-rechtlicher Journalisten von Dirk Steffens bis Ranga Yogeshwar ausgerechnet einen des vielgescholtenen Privatfernsehens nennen…
Genau dadurch, dass es nicht erwartet wird, erreicht es eben auch neue Zielgruppen. Verstörend ist demgegenüber der Opportunismus von Journalist*innen, die einerseits bereit sind, jede Nachricht entsprechend dem emotionalen Zustand der Gesellschaft zum Drama aufzublasen, es andererseits dann aber als Zumutung darstellen, analog zur Dramatisierung Konsequenzen zu ziehen.
Sie sprechen von der Bild-Zeitung…
Ach, ich möchte da jetzt gar nicht einzelne Medien an den Pranger stellen, aber natürlich ist es ein Problem, wenn Wissenschaftler*innen für ihre Erkenntnisse als „Klima-Expertokratie“ oder „Lockdown-Macher“ verunglimpft werden. Wer der gesellschaftlichen Verantwortung nachkommt, auch unbequemes Wissen zu teilen, bietet dem Boulevard offenbar Angriffsflächen. Dann kommen noch so Sätze wie „wer die Hitze nicht ertragen kann, sollte nicht in die Küche gehen“. Es ist aus meiner Sicht was sehr anderes, ob ich Öffentlichkeit für meine Person suche, oder ob ich Öffentlichkeit für überlebensnotwendiges Wissen suche.
Wenn Sie hier keine klassischen Medien an den Pranger stellen wollen – könnten Sie das mit den sozialen tun, die zwar zur Erweiterung und damit Demokratisierung der Debattenräume führen, andererseits aber auch zu deren Radikalisierung?
Die Plattformen an sich bieten zunächst mal allen gleichermaßen Platz zur Entfaltung. Aber durch die Algorithmisierung der Beitragspräsenz werden negative Emotionen und Tabubrüche bekanntlich schneller nach oben gespült. Das verzerrt die Wahrnehmung dessen, was inzwischen als normal gilt. Auch, was die Umgangsformen betrifft, hat es eine Erosion zum Negativen gegeben. Auf der anderen Seite sehen wir aber, wie aufklärerische Positionen dank Social Media eine Präsenz kriegen, die auf den Plattformen klassischer Medien kaum möglich wäre.
Ein Rezo zum Beispiel.
Oder auch eine Mai Thi Nguyen-Kim, die ebenso wie viele Podcaster*innen ihre Informationen in einer Form und Frequenz verbreitet, mit denen tradierte Medien schwerer klarkommen oder sie nun kopieren und bei sich einbauen. Eine Rückbesinnung auf die Funktion von Medien als 4. Gewalt ist aber aus meiner Sicht noch etwas anderes und kann nur funktionieren, wenn das Spielfeld Debattenräume sorgfältig kuratiert und Beiträge gut recherchiert werden. Einen solchen Schutzraum gibt es auf Social-Media-Kanälen natürlich nicht. Ich merke ja bei mir selbst, wie ich mich vor manchen Tweets frage, ob ich die Kraft habe, das Feuer zu parieren.
Als Wissenschaftlerin oder als Frau?
Beides, aber letzteres ist die schwerere Rolle. Selbst Wissenschaftlerinnen, die nie persönlich werden, werden nachweislich anders und öfter als ihre Kollegen auf einer sehr persönlichen Ebene dafür attackiert, wie sie reden, aussehen, agieren. Schutzräume, in denen sich Menschen aller Art trauen, Dinge barrierefrei darzulegen, müssen wir als zivilisatorische Errungenschaften verteidigen.
Was ist da Ihr Ratschlag als wissenschaftliche Publizistin an Gleichgesinnte, die sich gegen eine kleine, aber sehr laute Minderheit behaupten müssen: dagegenhalten oder ignorieren?
Da gibt es mehrere Strategien, aber die wichtigste vorweg: ich halte bei direkten Angriffen oft gegen, würde aber niemals Menschen persönlich, also anders als evidenzbasiert angehen. Mir geht es daher selten um Einzelfälle, sondern ich versuche die Muster aufzuzeigen, die sich abspielen. Also nicht, dass ich als Frau angegriffen werde, sondern dass diese Form von Angriff nachweislich Frauen viel häufiger trifft. Mir ist an Transparenz über die strukturelle Verhältnismäßigkeit gelegen.
Aber weil diese Verhältnismäßigkeit tendenziell eine strukturelle Unverhältnismäßigkeit zugunsten der Lauten, Brutalen, Bauchorientierten ist, fragen sich die Leisen, Friedfertigen, Vernunftbegabten langsam: sollten wir nicht – ohne dabei die Sprache der Hater zu übernahmen – nicht auch mal zurückpöbeln?
Bei mir persönlich endet der Versuch der Überzeugung spätestens nach zwei Schritten, in denen die andere Seite zeigt, dass es ja gar nicht um die Inhalte geht. Aber Zurückpöbeln? Als Wissenschaftlerin möchte ich einfach mit Fakten und Quellen arbeiten, nicht mit Beschimpfungen. Denn viel schlimmer ist ja, dass viele der Zivilisierten den Diskursraum verlassen, wenn es zu fies wird.
Aber wenn Sie schon bei bloßer Wissenschaftskritik taktvoll bleiben – wie ist es dann bei der nächsthöheren populistischen Zündstufe: manifester Wissenschaftsfeindlichkeit, die Haltung mit Wissen gleichsetzt und Youtube-Videos höher gewichtet als evidenzbasierte Forschung?
Aus eigener Erfahrung können Sie diese Personen sowieso nicht medial, sondern nur im persönlichen Austausch erreichen. Ich bin keine Medienwissenschaftlerin, finde aber interessant, was Bernhard Pörksen als solcher dazu gesagt hat: Wichtiger als Debunking, also die reaktive Wiederlegung von Fake News, sei Prebunking – die aktive Vorbeugung wissenschaftsfeindlicher Behauptungen, bevor sie zum Trend werden. Zugleich sollten wir uns aber davor hüten, solche ersten Behauptungen zu Trends hochzuschreiben und die Filterblasen, in denen sie entstehen, damit aufzuwerten. Je öfter wir diese Spaltung der Gesellschaft herbeischreiben, desto mehr betrachten Menschen die Welt durch diese Perspektive, desto größer könnte dieser Spalt werden. Ähnliches gilt für die erwähnte Wissenschaftsfeindlichkeit. In der Pandemie hat sich zuletzt ja die Wertschätzung großer Teile der Gesellschaft für Wissenschaft und Forschung gezeigt.
Und beim Klimawandel?
Fiel mir grad auf, wie Ökonomen, die zuvor moralisierende Bevormundung durch jahrzehntelangen Klimaforschung deklariert haben, einige Änderungen in ihr makroökonomisches Modell getippt haben und der Bundesregierung daraufhin empfehlen, die Gasimporte aus Russland sofort zu stoppen, sonst würde sie unmoralisch und feige handeln. In dieser Form sollte sich Wissenschaft aus meiner Sicht nie in politische Diskurse einmischen. Wir können nur die wissenschaftliche Grundlage politischer Entscheidungen liefern und aus Expertensicht bewerten, ob die Maßnahmen auch zu den deklarierten Zielen passen, nie die Entscheidungen, welche Ziele aufgegeben werden und bei welcher Risikokalkulation. Da ist unsere Zunft gut beraten, mit der Macht, die wir durch Forschung und Prognosen haben, verantwortungsvoll umzugehen.
Waren Sie selbst schon mal Teil von Enquete-Kommission oder Wissenschaftsbeiräten, die politische Entscheidungen gezielt herbeiführen?
Nein. Ich werde zwar öfter wegen meiner wissenschaftlichen Expertise angehört, bin also beratend tätig. Aber solche Kommissionen bleiben in der Regel denen vorbehalten, die an der Spitze wissenschaftlicher Institutionen oder der Zivilgesellschaft sitzen und sie damit auch repräsentieren.
Finden Sie eigentlich, dass die Leugnung des Klimawandels angesichts seiner unwiderlegbaren Existenz ein Straftatbestand wie Hatespeech sein sollte?
(überlegt lange) Ich bin tatsächlich gerade intensiv damit befasst, inwieweit das Nichthandeln juristisch als Verstoß gegen die völkerrechtlichen Verträge aber auch unsere Verfassungsziele zu ahnden sind. Aber dass eine x-beliebige Person das nicht mehr leugnen kann, das ginge mir zu weit. Viel wichtiger finde ich daher, dass Wissenschaftler*innen, deren Erkenntnisse regelmäßig falsifiziert werden, die aber dennoch gegen unwiderlegte Kolleg*innen polemisieren, nicht als gleichberechtige zweite Meinung in den Medien gehört werden.
Stichwort False Balance.
Oder False Bias. Da muss der öffentliche Raum selbst dann sorgfältig kuratiert werden, wenn die Redaktion einer Talkshow meint, Meinungspluralität widerspiegeln zu müssen. Stichhaltige Evidenz liefern und eine Meinung haben, sind eben nicht das Gleiche – wie das stichhaltige Monitoring der Einhaltung von Zielen nicht das Gleiche ist, wie Ziele zu definieren. Um zu zeigen, dass selbst ein überwältigender Konsens weiter von einigen bestritten wird, muss man die Wenigen ja nicht gleich in identischer Anzahl einladen; es reicht, ihre Existenz zu erwähnen.
Und den Rest erledigt gutes Fact Checking?
Theoretisch ja. Praktisch war es vor der letzten Bundestagswahl so, dass Klimawissenschaflter*innen sich die Parteiprogramme durchgeschaut haben, die sich zu den Pariser Klimazielen bekennen, und erkannt haben, dass nicht eins davon ausreichende CO2-Einsparpotenziale enthält. Bei denen, die am schlechtesten abgeschnitten hatten, war die Reaktion darauf dann der Vorwurf, die Wissenschaft reagiere damit ideologisch. Da fällt mir nix mehr ein.
Aber wie berichten Medien zwischen Politik, die in Wahlperioden denkt, und Wissenschaft, die in Epochen denkt, denn nun so, dass das Publikum ausreichend informiert wird, ohne angesichts der Katastrophen von Klima über Krieg bis hin zu Inflation oder Energiekrise in Dauerpanik zu geraten?
Indem sie die Bücher von Sara Schurmann oder Maren Urner lesen und weder beschönigen noch berichten, dass es bald eh zu spät sei, sondern aufzeigen, wieso es dringend und kein vorübergehender Trend ist und welche Handlungsspielräume existieren.
Anders gefragt: müssen sich die Medien in der Klimaberichterstattung zwischen Alarmismus und Diplomatie entscheiden oder geht beides?
Gegenfrage: ist eines von beiden denn Ihr Auftrag? Besteht der nicht darin, ehrlich zu berichten, wo wir stehen und Leute zu zitieren, die nach Lösungen suchen? Da gibt es mittlerweile ja Schlagworte wie „konstruktiver Journalismus“ oder aus dem Englischen „solutions journalism“. Schönreden ist jedenfalls Quatsch! In einer partizipativen, lösungsorientierten, lernfähigen Gesellschaft möchte doch niemand erst dann gewarnt werden, wenn die Katastrophe da ist. Genau das aber ist beim Klimawandel geschehen, so dass es jetzt schockbasierte Innovationen braucht, um auf die Krise zu reagieren.
Wobei Sie selbst mit dem Satz, Corona sei verglichen mit dem Klimawandel Pillepalle angesichts der globalen Dramatik dieser Pandemie durchaus schockbasiert argumentiert haben…
Wo wir hier über Verantwortung der Medien reden: Das Zitat stammt aus einem Hintergrundgespräch, in dem ich anderthalb Stunden lang hochkomplexe Zusammenhänge aus jeder möglichen Perspektive zu erklären versucht habe, aber was landet in der Überschrift und letztlich gar in meinem Wikipedia-Eintrag? Dieser eine, aus dem Zusammenhang gerissene Satz, und das Portrait aus dem Gespräch hat mich dann wie eine wissenschaftliche Punkrock-Göre dargestellt. Das ist für mich eben kein verantwortungsbewusster Journalismus.
Dennoch: war der Vergleich statthaft?
Angesichts der Tatsache, dass eine Pandemie irgendwann vorbei ist und zwar Menschen befällt, aber nicht die Lebensgrundlagen zerstört: ja. Insofern sollte der Vergleich mal wieder die Verhältnismäßigkeit anregen und zeigen, dass wir bei Corona viel drastischere Maßnahmen ergreifen, weil eben Ursache und Wirkung zeitlich und räumlich eng beieinanderliegen. Mehr nicht.
Gibt es aus Ihrer Sicht als publizistisch tätige Wissenschaftlerin so etwas wie einen weder didaktischen noch verharmlosenden journalistischen Handlungsleitfaden „Klimawandel erklären?“
Mein Tipp wäre die Erwähnung und Erklärung des Begriffs „Anthropozän“.
Also die Klassifizierung unserer erdgeschichtlichen Epoche als menschengeprägt.
Weil wir in einer Welt leben, die sich radikal von jener vor der Industrialisierung unterscheidet, ist die Idee, vorindustrielle Lösungen oder auch nur solche des frühen 20. Jahrhunderts zur Gestaltung des Anthropozäns zu wählen, schlicht und einfach aus der Zeit gefallen. Bevor wir Lösungen suchen, müssen wir erstmal die aktuelle Lage richtig verstehen. Und neben der Erderhitzung gehören dazu auch das Artensterben, Vermüllung, die Begrenztheit materieller Ressourcen. Wir leben in einer komplett anderen Gesamtsituation als sie in der menschlichen Geschichte bisher gegeben war. Kontext herstellen ist die Aufgabe der Medien.
Jetzt sorgt die Erkenntnis, wie endlich sie wirklich sind, dafür, dass wir hier im Westen unser Konsumverhalten grundlegend ändern müssen. Wie sähe da der journalistische Handlungsleitfaden „Wohlstandseinschränkung erklären“ aus?
Er würde zuallererst mal die Begrifflichkeiten klären. Wenn wir solche wie „Wohlstand“ oder „Konsum“ und ganz wichtig: „Wachstum“ entglorifizieren und auseinandernehmen, was sich dahinter verbirgt und warum das immer positiv sein sollte, dann kämen wir schon ein Stück weit aus der Panikzone des Verlustdenkens heraus. Ob mit Wachstum das zunimmt, was wir uns unter Wohlstand vorstellen oder ob mit Konsum Wertschöpfung verbunden ist, sagen so abstrakte Kennzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt gar nicht aus. Wir brauchen ein neues Fortschrittsvokabular, und da könnte der Journalismus auch mithelfen.
Welche Vokabeln schlagen Sie vor?
Wertschöpfung ist doch ein super Start: was empfinden wir als wertvoll? Und wie drückt sich das in Zahlen aus, mit denen wir ökonomische Geschichten von Kosten-Nutzen oder „leisten können“, von „wirtschaftlich handeln“ oder „erfolgreich sein“ erzählen? Ist der soziale, ökologische, menschliche Mehrwert aus einer Produktion oder einer Leistung in den Preisen ausgedrückt? Oder die Minderwerte, die wenig rücksichtslose Produktionsprozesse mit sich bringen? Dann würden die Geschäftsmodelle, Tätigkeiten und Investitionen honoriert, die ökologisches, soziales, menschliches Vermögen in einer Gesellschaft aufbauen, anstatt dass wir jubeln, wie viel Geld irgendwo angehäuft wird, egal wer dafür aus Wohnungen vertrieben oder Landflächen verloren hat, wie die dann genutzt werden und ob die Nutzung den Bestand langfristig gut erhält oder regeneriert. Ohne einen Blick auf diese qualitativen Fortschrittsfragen, starren wir gebannt auf den Wachstums-Tacho und fragen dabei weder, wohin es eigentlich gehen soll oder was die Tankanzeige so sagt.
Und bei diesem Tachoblick gilt aus publizistischer Sicht dann auch: nicht sagen, was schlecht ist, sondern wie wir es besser machen?
Ja klar! Wenn wir mal ehrlich bilanzierten, sähen viele an Nachhaltigkeit orientierte Veränderungen direkt wie ein Schritt nach vorn aus (lacht). Natürlich darstellen, wie sehr die konventionelle Landwirtschaft die Böden ruiniert, aber gekoppelt an die Information, wie regenerative Landwirtschaft den Böden dabei hilft, wieder Nährstoffe und Wasser zu speichern. Gleiches gilt für Mobilität, Stadtplanung. Bebauung eines Planeten, dessen Landfläche begrenzt ist. Eher positiv sein und Mut machen.
Geht es auch darum, Verzicht nicht als Verlust, sondern Zugewinn darzustellen, und Wohlstand weniger materiell als immateriell, in Form von Ruhe, Zeit, Konzentration aufs Wesentliche zum Beispiel?
Es geht vor allem um Verantwortung und die Freiheit, auch wieder aufhören zu können. Dass Konsumismus Wohlstand mehrt, ist doch kein Naturzustand, sondern das Narrativ unablässiger Werbebotschaften. Dass mangelnder Konsumismus unsere Wirtschaft ins Stottern bringt, ist der eigentliche Elefant im Raum. Aber an den will keiner ran, dann müsste nämlich deutlich mehr verhandelt werden als weniger schädliche Produkte zu shoppen.
Die oftmals Greenwashing betreiben. Wie verhindere ich als Journalist, darauf hereinzufallen?
Nach transparenten Kriterien und Zeitreihen fragen, nach etablierten Reportingstandards Dritter anstatt Eigenlabeln gucken, mal bei der Verbraucherzentrale oder der Deutschen Umwelthilfe nachfragen.
Sind Sie selbst durch ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema gefeit gegen dieses Narrativ?
Weitgehend schon. Bei mir verfängt dieser Werbemist schlichtweg selten – außer, es geht um solche für Carsharingportale, auf die ich auch erst durch Anzeigen aufmerksam gemacht werden musste. Aber durch mein Wissen darüber, was hinter Statussymbolik und Massenproduktion steckt, kriege ich immer so ein schales Gefühl, wenn jemand zu suggerieren versucht, mir würden ganz dringend irgendwelche Konsumgüter fehlen, mit denen alles so irre unbeschwert und cool werde.
Haben Sie trotzdem ein paar guilty pleasures?
Mein Warmwasserverbrauch ist definitiv noch nicht auf nachhaltigem Niveau, weil Duschen nach einem anstrengenden Tag für mich die effektivste Form der Rehabilitation ist. Außerdem habe ich ein Faible für handwerklich ausgefeilte, langlebige, ästhetische Dinge. Davon brauche ich dann aber nicht viele, sondern mag wenige, die dann eben auch mehr kosten dürfen.
Wie ist es mit den schmutzigen Vergnügen Fleisch?
Ich esse seit 25 Jahren gar kein Fleisch mehr. Die Bilder der brennenden Kadaver-Berge in der BSE-Krise haben mir die Perversion unseres Fleischsystems aufgezeigt. Und inzwischen mag ich es einfach nicht mehr, nicht mal, wenn mir ein Bauer ganz stolz sein Galloway aus regenerativer Landwirtschaft anbietet.
Fliegen?
Fast nie. Weil ich als Mutter von zwei Grundschulkindern die Reisezeiten mit dem Nachtzug nicht schaffe, sage ich deshalb sehr viele Vorträge im Ausland ab. Langstrecke bin ich zuletzt vor vier Jahren für einen langen Urlaub geflogen.
Und zwei Kinder in einem Industrieland – aus Sicht vieler Klimaschützer*innen die ressourcenintensivste Anschaffung?
Da halte ich es mit dem Steady-State Ansatz! Denn ob es mit dem eigenen Aussterben besser läuft für unsere Spezies? Ich weiß nicht… Interessanter ist aber, dass bei dieser Thematik nie gefragt wird, wie sich das eherne Gesetzt auswirkt, dass wir alle so lange wie irgend maschinell möglich leben sollen, wenn wir einmal da sind. Warum ist das Tabu noch größer als das der Frage nach den neu dazukommenden Menschen?
Und die Antwort lautet?
Da halte ich es mit dem Steady-State Ansatz. Denn ob es mit dem eigenen Aussterben besser läuft für unsere Spezies? Ich weiß nicht… Interessanter ist aber, dass bei diesem Zugang zur Ressourcen-Thematik nie gefragt wird, wie sich das eherne Gesetzt auswirkt, dass wir alle so lange wie irgend maschinell möglich leben sollen, wenn wir einmal da sind. Warum ist das Tabu noch größer als das der Frage nach den neu dazukommenden Menschen? Die Brücke zwischen beiden wäre die Frage nach dem guten Maß – eine Frage, die sich immer wieder sehr lohnt, zu stellen, gerade weil unsere Kultur sie seltsam konsequent abgestellt hat.


