Schweizers Werbung & Mythos Monaco
Posted: July 22, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
15. – 21. Juli
Selbstkritik ist oft schmerzhaft, noch öfter jedoch ist sie bitter nötig. Schließlich ist Selbstkritik die komplizierte Kunst, innerer Konflikte äußerlich auszutragen, was wir an dieser Stelle tun und Abbitte leisten für unsere Einschätzung zu The Masked Singer. Anders als vorab befürchtet, ist die neue Pro7-Show nämlich nicht (nur) eine Resterampe für gescheiterte Sendergewächse, sondern die kurzweiligste Erfrischung im Sommerloch. Weniger erfrischend sind dagegen andere Lückenfüller der Saison. Auf gleichem Kanal etwa: Jochen Schweizer.
Der selbstverliebte Eventunternehmer kriegt vom entertainmentverliebten Eventsender grad dienstags gute zwei Stunden Dauerreklame geschenkt und tarnt diese Schleichwerbung namens Der Traumjob als Suche nach einem Geschäftsführer für Schweizers Unternehmen. Die „Challenges“ der Kandidaten vom Kühe-Treiben in Kenia bis zum Bergwandcamping sind allerdings so ersichtlich sinnlos, dass die PR-Sause mangels Quote bereits eingedampft wurde. Immerhin. Denn diesen Mut würde man auch der ARD bei Frank Plasberg mal wünschen. Doch obwohl er in Hart, aber fair mal wieder kuschelweich zur anwesenden AfD war, stand das Erste felsenfest zum populistischsten seiner Hosts.
Diese Selbstkritiklosigkeit dürfte sich auch in der norddeutschen ARD-Provinz kaum ändern, wenn der altgediente NDR-Apparatschik Joachim Knuth nach zwei Dritteln seines Lebens beim Sender den Posten als Intendant antritt. Mit 60 Jahren dürfte er zudem vor allem die Generation Angela Merkels bedienen, die parallel zu Knuths Wahl gerade unfreiwillig ins Sommerloch gefallen ist. Das Zittern der Kanzlerin ließ den Boulevard so aufjaulen, dass andere Nachrichten der Medienbranche kaum Platz fanden: der frühe Tod von Lisa Martinek etwa und der späte von Artur Brauner, das Ende der MAD und des Höhenflugs von Netflix.
Die Frischwoche
22. – 28. Juli
Nachdem der Streamingdienst verkündet hatte, Zigaretten aus seinem Angebot zu verbannen, scheint nämlich auch das rasante Wachstum des Marktführers zu verrauchen. Erstmals ging die Zahl der Einnahmen in den USA zurück, was sich womöglich auch mit dem Verlust wichtiger Lizenzserien wie Friends erklären lässt, die trotz gefeierter Eigenproduktionen beharrlich mehr Zugriffe erzielen. Über deren Zahl schweigt sich Read Hastings zwar weiter beharrlich aus; doch wenn strunzblöde Mainstream-Müll Murder Mystery mit Jennifer Aniston und dem notorischen Adam Sandler dank seiner 31 Millionen Zugriffe vor Prestigeobjekten wie Stranger Things liegt, kann man die Verschwiegenheit ganz gut verstehen.
Zumal ein anspruchsvolles Zugpferd am Freitag definitiv in Rente geht: Dann startet die siebte und letzte Staffel von Orange is the new Black, während Jerry Seinfeld an gleicher Stelle bereits zum elften Mal mit anderen Comedians auf Kaffeefahrt geht. Derweil hat Netflix den ersten deutschen Spielfilm produziert: Kidnapping Stella mit Jella Haase als Entführungsopfer in Hochform. Beide. Für die Leinwand gemacht und heutiger Auftaktfilm des Kinosommers im Ersten ist Hugo Gélins Komödie Plötzlich Papa um 20.15 Uhr. Omar Sy, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, spielt darin den Vater eines One-Night-Stand-Unfalls, was nur in der ersten Hälfte rührselig und danach sehr sachlich ist.
Ebenfalls aus Frankreich, ebenfalls lustig und dabei ebenfalls nicht platt ist tags drauf (22.45 Uhr, ARD) die Hochzeitskatastrophe Das Leben ist ein Fest, während das ZDF 2,5 Stunden zuvor mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Europas Hochadel huldigen, diesmal dem Mythos Monaco. Immerhin widmet sich das Zweite 2,5 Stunden später im 95-minütigen Porträt RBG über Ruth Bader Ginsberg, die in den Siebzigern als erste Frau am Obersten Gerichtshof nicht nur amerikanische Emanzipationsgeschichte geschrieben hat. Was wiederum zum Zweiteiler Lustvolle Befreiung passt, mit dem sich Arte um 20.15 Uhr der sexuellen Revolution nach 1945 widmet.
Dort läuft Mittwoch auch die Fortsetzung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Reihe ohne Herr Lehmann, aber mit Charly Hübner als Herr Lehmanns Freund Karl Schmidt, der in Magical Mystery zum Brüllen komisch das Zeitalter des Techno einläutet. Nicht so komisch ist hingegen bis heute der deutsche Umgang mit Sinti und Roma, dem das ZDF Sonntag um 23.45 Uhr eine viel zu kurze Doku widmet, die inhaltlich zum als Populismus verbrämten Rechtsextremismus passt, dem das Zweite am Donnerstag drei Dokus widmet: Störfall AfD und Die innere Unsicherheit ab 20.15 Uhr auf Info plus Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus (21 Uhr) im Hauptprogramm.
Die Wiederholungen der Woche: Danny Boyles Freiluftkammerspiel 127 Hours, in denen ein Bergsteiger 2010 nach wahrer Begebenheit eingeklemmt ums Überleben kämpfte (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele5). Immer wieder sehenswert: Fritz Langs schwarzweißes Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Freitag, 0.35 Uhr, BR) von 1931. Und um 22 Uhr wiederholt die ARD einen der besten Tatorte (Weil sie böse sind) mit einem der besten Duos (Sawatzki/Schüttauf) gegen den vielleicht besten Matthias Schweighöfer (als mörderischer Millionärssohn) ever.
Die Kerzen: True Love & Politik
Posted: July 19, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Im Grunde Instrumentalisten
Die Kerzen aus Ludwigslust gelten gerade als Band der Stunde – auch, weil die vier Freunde mit den verschrobenen Kunstnamen anders als ihre Bundeslandsleute aus Mecklenburg-Vorpommern von Feine Sahne Fischfilet bis Jennifer Rostock nicht hyperpolitisch sind, sondern im Gegenteil federleicht wie eine digitale Bandmischung aus Achtzigern und Übermorgen, Dream Pop und Cloud Rap. Ein Interview zum Debütalbum True Love (staatsakt) mit Sänger Die Katze und Musiker Super Luci.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Eigentlich möchte man Mecklenburg-Vorpommern nicht immer seine auf Nazis reduzieren, aber bislang sind bekanntere Band von dort wie Feine Sahne Fischfilet, Waving The Guns, Jennifer Rostock oder Marteria allesamt extrem politisch. Warum seid ihr nicht nur un-, sondern geradezu apolitisch?
Super Luci: Für mich ist das eine Grundeinstellung, privat zwar politisch, also kein sexistisches oder rassistisches Arschloch zu sein, musikalisch aber nicht.
Die Katze: Wir sind zwar absolut keine unpolitischen Menschen. Aber so gut ich es finde, wie Feine Sahne sich dieser wichtigen Sache annimmt, würde sie in unserer Musik bloß konstruiert wirken. Zu Punkrock könnte ich vielleicht auch nicht so gut von der großen Liebe reden oder?
Andererseits erreicht man mit Punkrock ohnehin immer nur ähnlich tickende Personen, während man mit eurer Art DreamPop auch solchen was unterjubeln kann, die anders denken.
Die Katze: Das mag sein, aber als wir angefangen haben, erste Songs und Texte zu schreiben, war überhaupt nicht absehbar, damit überhaupt irgendwen zu erreichen, den das interessieren könnte. Deswegen war unser Veränderungsgedanke gering. Aber sollten wir irgendwann mal an dem Punkt angelangt sein, mit unserer Meinung den Unterschied zu machen, kann man darüber ja nochmal neu nachdenken.
Super Luci: Das ist allerdings unabhängig von unserer Musik. Man kann ja auch fragen, warum Rezo seine CDU-Kritik als Musiker nicht in einen Song, sondern dieses Video verarbeitet hat. Als Person des öffentlichen Lebens, muss man seine Haltung nicht zwingend in der eigenen Kunst verarbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten sich mitzuteilen. Popkulturell betrachtet finde ich das ziemlich spannend.
Gibt es dennoch Meta-Ebenen auf eurer Platte, die ich womöglich nur nicht entdeckt habe?
Super Luci: Kann schon sein, dass die Tiefen unseres Unterbewusstseins da welche hinterlassen haben. Aber wenn du sie findest, sag uns gern Bescheid.
Ist es also im Gegenteil ein Statement, einfach mal unpolitisch zu bleiben – auch, um den Leuten da draußen zu beweisen, in Mecklenburg-Vorpommern gibt’s auch was anderes als Nazis?
Die Katze: Das wäre möglich, aber auch überinterpretiert. Wir machen uns einfach generell nicht dauernd Gedanken, so ist die Band ja überhaupt erst entstanden: als Spaßprojekt, das cheezy Popsongs machen möchte. Deshalb habe ich fast ein bisschen Angst davor, dass wir uns irgendwann genötigt sehen, uns zu positionieren.
Super Luci: Am Ende wollen wir einfach nur gut unterhalten, also so weiter machen, wie bisher.
Seid ihr damit eine Band, deren Texte eher Instrument als Ausdrucksmittel sind?
Super Luci: Im Grunde genommen sind wir Instrumentalisten, machen uns aber schon auch Gedanken um das, was Die Katze dann singt. Es macht allerdings mehr Spaß, einen Song zu arrangieren als zu betexten.
Die Katze: Als Musiker oder Musikerin ist man in erster Linie handwerklich orientiert, Texte schreiben bleibt da eher abstrakt. Als Hauptsänger ist mir der Gesang aber schon auch wichtig, gerade live. Deshalb sind die Texte auch nicht Random, sondern durchdacht. Aber auf einem sehr einfachen, gerade Weg, den wir alle auch im Entstehungsprozess gemeinsam gehen.
Hat es für ein Leben in der Provinz denn etwas Selbsttherapeutisches, wenn im Klappentext eurer Platte „Hits schreiben, statt Abfrusten“ steht?
Super Luci: Schon. Wir haben ja definitiv aus einer gewissen Langeweile heraus zur Musik gefunden.
Die Katze: In einer Kleinstadt Leute zu finden, mit denen man seine Ansichten und den Geschmack teilen kann, dieses seltene Glück verbindet ungemein. Wie viele Leute gibt es, die bei uns niemanden finden, der ihre Sprache spricht. Und ehrlich: was willst du denn sonst machen in Ludwigslust?
Super Luci: An Mopeds schrauben?
Die Katze: Freiwillige Feuerwehr!
Super Luci: Toll!
Wie lange kennt ihr euch schon?
Super Luki: Aus Schulzeiten, 7. Klasse, man läuft sich bei 11.000 Einwohnern aber auch so ständig über den Weg. Und Jelly Del Monaco habe ich beim FSJ kennengelernt.
Die Katze: Das hat auch eine gewisse Symbolik: Sie kommt aus Baden-Württemberg, wollte das so weit wie möglich hinter sich lassen und ist aus denselben Gründen, warum man Mecklenburg-Vorpommern verlässt, zu uns gekommen. Auch wenn Jelly da womöglich widersprechen würde.
Warum habt ihr euch eigentlich diese Kunstnamen gegeben?
Super Luci: Ach, am Anfang fanden wir das einfach nur lustig.
Die Katze: Mittlerweile geht es zwar auch darum, weitere Ebenen hinzuzufügen. Aber auch hier gilt: es hat nicht alles eine tiefere Bedeutung, was wir machen.
Super Luci: Künstlerische Zusammenhänge haben immer etwas Artifizielles, aber zu viel sollte man da nicht hineininterpretieren.
Wo liegen denn eure musikalischen Referenzgrößen – eher im Dream Pop der Achtziger oder beim Trash Pop von heute wie Bilderbuch.
Super Luci: Sowohl als auch. Als Teenager haben wir immer eher aktuellen Indierock gehört, aber die Art, wie wir das auf unsere Art umgestalten, kommt aus den Achtzigern – Prefab Sprout, Tears for Fears, aber in der Tat auch sowas wie Bilderbuch.
Die Katze: In unserem Sound und der Attitüde findet sich viel vom aktuellen Cloud Rap wieder, auch in der Herangehensweise.
Super Luci: Am Anfang sind unsere Songs in drei, vier Stunden fertiggeworden, weil jeder etwas in den Prozess eingeworfen hat, was dann sofort umgesetzt wurde. Das war zwar noch nicht wie bei den Jung Hurn, die sagen, jede Zeile, über die wir mehr als 15 Sekunden nachdenken, ist Schrott. Aber das intuitive Arbeiten liegt uns schon sehr und unterscheidet uns am Ende doch von den Eighties.
Geht diese Intuition so weit, dass sich euer Stil jederzeit radikal ändern könnte?
Die Katze: Durchaus, aber wir denken über die nächste Platte natürlich noch gar nicht nach. Aber ernsthaft: ich finde es auch voll okay, sich treu zu bleiben.
Super Luci: Außerdem kann man sich oft gar nicht aussuchen, wo es hingeht.
Das Interview ist vorab auf dem Musikblog erschienen
Amüsier-Apps & Maskierte Sänger
Posted: June 24, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
17. – 23. Juni
Was, hörte man sich unlängst verblüfft fragen, ist bloß mit Wladimir Iljitsch Putin los? Da hat der zaristische Herrscher einen Reporter eingeknastet, der ihm und seinem Regime doof gekommen war, und was macht er? Lässt die Geisel seines Unrechtsstaates nach ein paar Tagen wieder frei, obwohl dieser Iwan Golunow das Haus doch angeblich voller Drogen hatte, als die über jeden Zweifel erhabene Polizei seine Wohnung durchsuchte… Damit steigt Russland im Pressefreiheitsindex wohl um ein paar Plätze zurück in die Top 150, immerhin vor Nord-Korea.
Klingt nach Lockerung im Käfig der russischen Zivilgesellschaft? Nun – keine zwei Wochen später hielt Zar Putin wie jedes Jahr um diese Zeit für seine Untertanen fernsehöffentlich Audienz und beantwortete Fragen jeder Art, wenngleich natürlich nur solche, für die er königliche Lösungen hatte. Damit rutschte er dann doch wieder ein Stück weit im Ranking ab, dumm gelaufen. Dennoch bleibt Putin auch hierzulande ein Liebling nationalautoritärer Kräfte wie jener Alternativpartei im Deutschen Bundestag, deren medial geschürter Hass aufs System den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke atmosphärisch vorbereitet hat.
Geschürt wird diese Stimmung allerdings längst auch von Journalisten, die man bei aller Kritik eigentlich auf der Seite faktenfester Haltungen gewähnt hatte. Zum Beispiel Claus Strunz. Gut – das relativ gesittete Kampfblatt Bild am Sonntag hatte zwar auch unter seiner Führung schon einen Hang zu populistischer Zuspitzung; jetzt aber stellte er sich mit seiner rechten Attacke gegen Migranten, deren Heime und überhaupt Neger, Kanaken, kulturfremdes Gesocks so rabiat außerhalb des bürgerlichen Diskurses, dass sein AfD-Beitritt wohl nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.
Und damit bereitet es umso mehr Mühe, zu akzeptieren, dass dieser Mann denselben Beruf ausübt wie die große Wibke Bruhns. Nachdem sie einst als erste Frau die Nachrichten im (Zweiten) deutschen Fernsehen verlesen hatte und danach zu einer der prägenden Journalist(inn)en im Land zählte, ist sie nun mit 80 Jahren verstorben – und damit gewissermaßen erlöst, ihr Metier nicht mehr im Sumpf rechter Lügenmärchen versinken zu sehen. Aber dafür werden wir ja fröhlich mit Unterhaltungsangeboten geflutet wie der neuen Pro7Sat1-App Joyn, die uns seit Mittwoch mit allem nur Erdenklichen entertaint – aber nicht durch wahrhaftige Fakten.
Die Frischwochen
24. Juni – 7. Juli
Im linearen Programm von Pro7 kann man da ab Donnerstag bestaunen, wie sich die Sendergruppe Amüsement so vorstellt: Moderiert vom notorischen Matthias Opdenhövel, singen Prominente als The Masked Singer verkleidet inkognito, wofür sie von den Zuschauern enttarnt werden oder auch nicht, sechs Folgen lang zur besten Sendezeit und danach vermutlich abrufbar auf Joyn. Toll. Das war’s aber auch fast schon mit aktuellen Fernsehtipps. Während die angebrochene Sommerpause im Rest der Woche kaum was anderes als Wiederholungen hervorbringt, gibt es am Donnerstag drauf (4. Juli) jedoch gleich drei Neustarts.
Auf Neo moderiert die Top-Anwältin Laura Karasek um 22.15 Uhr sechsmal das lifestylische Talkformat Zart am Limit und kehrt damit vom knüppelharten Wirtschaftsrecht ins weitaus weichere Gesprächsgenre zurück. Vorschusslorbeer: Die kann das – und zwar nicht nur wegen ihres berühmten Vaters mit Namen Hellmuth. Gut eine Stunde später widmet sich der Schönwetterkabarettist Michael Mittermeier! in seiner selbstbetitelten Nachrichtenpersiflage 45 Minuten lang einem Thema, diesmal: Sicherheit. Vorschussskepsis: könnte ulkig werden im Ersten. Zwischendurch schaltet Netflix die 3. Staffel von Stranger Things frei. Vorschussbonus: Die Güte der ersten zwei Staffeln würde selbst einen Qualitätsabfall um 90 Prozent noch sehenswert machen.
Ansonsten begnügt sich das Regelprogramm dieser heißen Tage so konsequent mit Recyclingware, dass mal wieder nur Arte Platz für Innovationen bietet. Morgen zum Beispiel widmet sich der Kulturkanal um 20.15 Uhr erst den Frauen der Terrormiliz des IS und eine Stunde später deren Kindersoldaten Ashbal, bevor der Themenschwerpunkt 50 Jahre nach Stonewall Freitag (21.45 Uhr) an den Beginn der weltweiten Gay-Pride-Bewegung 1969 erinnert. Und acht Tage danach startet Arte den diesjährige Summer of… mit einem Monat Sendungen jeder Art zum Thema: Freedom. Präsentiert von der glamourösen Beth Ditto, eingeleitet von einer neuen Doku über John und Yoko, deren Liebesbeziehung Anfang der Siebziger mehr spießbürgerliche Verbitterung offengelegt hat als so mancher Beatles-Song.
Dazu passt die einzige Wiederholung der Woche in den Wochen der Wiederholungen, die uns hier der Erwähnung wert ist: das gesellschaftskritische DDR-Spätwerk Coming Out von 1989 aus einem Land, in dem es nach offizieller Diktion nicht nur keine Nazis gab, sondern noch weniger Homosexuelle.
Zweiraumsilke, Friedrich Sunlight, Hot Chip
Posted: June 21, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Zweiraumsilke
Wer je dachte, die Neunziger seien Geschichte, weil sie selbst dort vor allem genervt haben, der muss gerade nur mal über Ballonseide die Leggings abwärts auf dicksolige Buffalos blicken und spontan auf die Bundfaltenhose kotzen. Angesichts dieser revisionistischen Stilistik-Attacke ist es natürlich auch kein Wunder, dass HipHop wieder mal mit robustem Rock vermischt wird, weißer Prollfunk den schwarzen Sprechgesang erobert und Easy Listening durch aasige Schmuseraps schlingert. Klingt nostalgisch? Stimmt! Allerdings auch sehr unterhaltsam – wenn sich ein Freundeskreis aus Bayern mit dem ulkigen Namen Zweiraumsilke im Schlamm von gestern suhlt.
Das elfköpfige Kombinat ums Stimmdoppel Rita Bavanati und Christian Emmel macht herrlich aufgeblähten Orchester-HipHop mit mal ernsten, mal ulkigen, aber immer sehr diskursfreudigen Texten, die dem Genre frischen Wind durch die Festivalsaison pusten. “Denn ich mach jetzt Smoothies und Wellness/ anstatt Droofies und Wellblech / tausch jetzt stressige Tage / gegen Fußreflexzonenmassage” erzählen sie E-Gitarren-flankiert und bringen damit schon im Titeltrack gut zum Ausdruck, worin angemessen linke Bands heutzutage feststecken: Alles muss nice sein, aber eben auch bedeutsam. Hergestellt vom Seeed-Produzenten Kraans de Lutin, klingt Detox nach beidem. Nur ohne Offbeats und Chartsappeal. Zum Glück.
Zweiraumsilke – Detox (Musik ist Weltsprache)
Friedrich Sunlight
Aber wenn wir schon beim Thema Retrosound sind, dann doch bitte in ultimativer, konsequenter, allerletzter Konsequenz, wie sie Friedrich Sunlight vornimmt, eine Band, die seltsamerweise auch aus Bayern stammt, ihre Nostalgie allerdings mit einer spielerischen Leichtigkeit vollführt, als gäbe es ringsum nicht überall Lederhosen und Rassismus. Wie schon auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum vor knapp drei Jahren zelebriert das Quintett aus Augsburg einen Schlagerpop im Sixties-Gewand, der praktisch ohne Peinlichkeit zu Herzen geht und dort ein bisschen im Alterskonservatismus hamburgerschulgeprägter Diskurspopveteranen rührt.
Zu Kenji Kitahamas androgyn verwackelter Stimme mäandert Sag es erst morgen abermals mit grandioser Nonchalance durchs Caféhaus unserer aufgewühlten Seelen, die sich manchmal eben doch nach etwas uncooler Besinnung sehnen, ohne dafür gleich vom angesagten Hafenviertel in den Speckgürtel ziehen zu müssen. Pianogeplauder, Streicherkaskaden, Stadtfolkgitarre und ein Schlagzeug von verblüffend unaufdringlicher Dynamik machen die Reise in gedanken(nicht: sorg)losere Zeiten dabei so leicht wie einen Sommerausflug ins Grüne, der einem die inneren Akkus randvoll auffüllt. Das Gestern kann sehr angenehm nach Gegenwart klingen.
Friedrich Sunlight – Sag es erst morgen (Tapete)
Hype der Woche
Hot Chip
Und auch wenn, der Vergleich zweier Bands aus Bayern vor eher provinziellem Background mit einer der ganz großen Abräumer des globalen Pop irgendwie vermessen klingt: ihre ausgestellt arglose Aura teilen Friedrich Sunlight und Zweiraumsilke durchaus ein wenig mit Hot Chip. Gut, die fünf Londoner machen weltweit gefeierten Elektropendent der auch in siebter Studiofassung massenkompatibler ist als die zwei deutschen Bands allenfalls im eigenen Umfeld. Dennoch teilt A Bath Full Of Ecstasy (Domino) deren selbstreferenzielle Lässigkeit – dickt sie aber natürlich mit einer High-End-Produktion an, die auf jedem Dancefloor der Erde vom Kopf über den Bauch in die Beine geht und von dort aus Kauf-mich-Impuls zurück nach oben feuert. Melancholie klingt halt selten enthusiastischer als in Alexis Taylors synthiefunkumflatterten Gesang.
Nestlès Hündchen & Eichwalds Bundestag
Posted: June 10, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
3. – 9. Juni
Nein, eine Liebesbeziehung wird das so bald nicht mehr – die CDU und social media. Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer mit der Attacke auf digital Eingeborene der Generation Y bis Z fleißig daran gearbeitet hatte, den Altersschnitt ihrer Wähler*innen über 70 Jahre zu hieven, begab sich Freiwilligkeitsministerin Julia Klöckner mit ihren Memes aufs selbe Niveau und brauchte 24 Stunden, um auf den Shitstorm für ihr Kuschelvideo mit Nestlé zu reagieren. Wie ein verliebter Teenager wanzt sie sich darin an den Lebensmittelkonzern heran, wofür Oli Welke die Verantwortliche in der heute-show zur wichtigsten Werbeikone nach Clementine (Ariel) und Tilly (Palmolive) erklärte.
Noch irritierender war allerdings, dass Klöckner die (wie üblich online sprachlich robuste, aber grundsätzlich berechtige) Kritik an ihrer Korrumpierbarkeit durch Renditeinteressen multinationaler Unternehmen mit Hatespeech verwechselt und allen, die nicht ihrer Meinung sind, Informations-, wenn nicht Demokratie-Defizite unterstellt. Das ist von so himmelschreiender Hilflosigkeit im Umgang mit dem, was aus Unionssicht halt immer noch „Neue Medien“ sind – man könnte diese Peinlichkeit glatt lustig finden, wäre sie nicht Ausdruck einer so tiefgreifenden Betriebsblindheit im Umgang mit den Befindlichkeiten junger Menschen.
Obwohl die Leiterin eines der wichtigsten Ressorts im Kampf gegen den Klimawandel seit zehn Jahren auf Twitter ist und dort seither nahezu 28.000 Tweets abgesetzt hat, tickt sie also noch immer zutiefst analog und befindet sich daher geistig-moralisch auf dem Niveau der Bild-Zeitung. Die nämlich wurde vom Presserat mal wieder gerügt: wegen der Berichterstattung zum rechtsextremen Attentäter von Christchurch, dem das Springer-Organ als eines der ganz wenigen Medien in Deutschland breitenwirksame Aufmerksamkeit in Wort, Bild, Ton gewidmet hatte.
Aus diesem Grund beginnen wir die anstehenden Angebote mal mit den Wiederholungen der Woche, namentlich: Kir Royal. In Helmut Dietls alterslosem Meisterwerk ging es vor 33 Jahren schließlich auch um den Klatschreporter eines Boulevardblatts, das sich um Ethos, Moral und Nachhaltigkeit wenig schert, solange Auflage, Umsatz und Einfluss stimmen. Ab Montag um 22.45 Uhr zeigt der BR die Regenbogenschlacht von Baby Schimmerlos zum 75. Geburtstag des verstorbenen Regisseurs in drei Doppelfolgen, und abgesehen von Wählscheiben, Schulterpolstern, Messingmöbeln ist alles daran wie heute, nur ohne Internet, Klimakrise, Donald Trump.
Die Frischwoche
10. – 16. Juni
Was beide Epochen über Klöckners aasige Anbiederung hinaus verbindet, ist ein Mitglied des Bundestags, das es so nicht gibt und doch vermutlich überall: Eichwald, MdB. Vor zwei Jahren überraschte das ZDF mit einer Art Mockumentary, die den halbfiktionalen Langzeitabgeordneten einer viertelfiktionalen Kanzlerinnenpartei im Aberwitz achtelfiktionaler Tagespolitik karikiert hat. Am Freitag um 22.30 Uhr kehrt Bernhard Schütz als modernisierungsresistenter Chef seiner drei Mitarbeiter (Leon Ulrich, Lucie Heinze, Rainer Reiners) zurück, und es ist abermals von bedauernswerter Wahrhaftigkeit.
Das ließe sich natürlich auch übers Debüt im Ersten ab Dienstag (22.45 Uhr) sagen – echt gut gemeinte Idee, aber was war noch mal das Gegenteil von gut? Ohne der Plattform für Nachwuchsregisseure entweder (wie der österreichischen Landkrimi-Groteske Höhenstraße tags drauf) die Primetime zu räumen oder wenigstens mehr PR-Präsenz im Netz zu verschaffen, dürfte die Filmreihe auch 2019 unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Das gilt für Laura Lackmanns Erstlingswert Mängelexemplar um die depressive Borderlinerin Karo (Claudia Eisinger), mehr aber noch für Helene Hegemanns eigene Romanadaption Axolotl Overkill mit Jasna Fritzi Bauer als altersgerecht wildgewordenen Teenager. Da könnte man auch ein Standbild zeigen – es hätte kaum weniger Publikum.
Womit wir im Grunde beim sportlichen Highlight dieser Tage sind: Der Frauenfußball-WM, täglich in ARD oder ZDF, täglich mit Einschaltquoten, die angesichts der nachmittäglichen Anstoßzeiten wohl nur unwesentlich über denen von Warrior liegen. Und das, obwohl die US-Serie ab Samstag im Pay-TV läuft. Allerdings mit einem Thema, dem das Testosteron aus jeder Szene suppt: Martial-Arts-Kämpfer prügelt sich produziert von Bruce-Lee-Tochter, durch den amerikanischen Bürgerkrieg. Auweia. Kultivierte Ablenkungswiederholung gefällig? Etwa den Clan der Sizilianer, legendärer Heist-Movie mit Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura von 1969 (Samstag, 21.55 Uhr, ServusTV) oder – noch ‘ne Legende, nur drei Jahre älter: Steve McQueen als Nevada Smith (So, 20.15 Uhr, Arte) auf Rachefeldzug gegen fiese Cowboys von 1966.
Das Wichtigste im Leben: Vogel & Lamprecht
Posted: June 7, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Normaler Wahnsinn des Lebens
Jürgen Vogel ist ein alter Hase in der obersten ersten Besetzungsriege von Film und Fernsehen, Bettina Lamprecht dagegen noch relativ neu dort, gemeinsam spielen sie nun die Eltern dreier Kinder in der fabelhaft leichtfüßigen und dennoch höchst präzisen Familienserie Das Wichtigste im Leben, mittwochs auf Vox.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Lamprecht, Herr Vogel – wenn man hinter Ihrer Familienserie Das Wichtigste im Leben ein Satzzeichen setzen würde, wäre es ein Frage- oder Ausrufezeichen?
Jürgen Vogel: Gute Frage, keine Ahnung. Aber wir beide hatten mit der Auswahl des Titels ja auch nichts zu tun. Und wenn es anders gewesen wäre, hätten wir ganz sicher einen anderen gewählt.
Lamprecht: Und weil der Titel außerdem ja kein Satzzeichen hat, würde ich mal denken, dass eher beide gelten.
Gibt die Serie denn Antworten darauf, was das Wichtigste im Leben sein könnte, oder stellt sie nur Fragen?
Lamprecht: Ich hoffe jedenfalls schwer, dass nicht ersteres der Fall ist. Ich finde Fragen grundsätzlich interessanter als Antworten.
Vogel: Wobei gar nicht so wichtig ist, welche Fragen es stellt oder wie klug die genau sind, sondern ob sie dem Zuschauer Anregungen zum Nachdenken liefern. Und weil jede Figur unserer Serie auf der Suche nach dem jeweils besten Weg durchs Leben in einem berührenden, authentischen Tonfall erzählt wird, könnte das aus meiner Sicht auch klappen.
Lamprecht: Es geht darum, welche Rolle jeder in der Familie und darüber hinaus spielt. Wie viel Raum muss man sich selber nehmen, wie viel Raum den anderen geben? Darum geht es doch schließlich in jedem sozialen Zusammenhang.
Der sich im Fall der Familie Fankhauser mit schwer pubertierender Tochter, kleinerem Bruder und einem Adoptivkind mit abruptem Interessenswandel von Basketball zu einer völlig anderen Beschäftigung als dauerhaftes Ringen, fast schon Kämpfen um Nähe und Abgrenzung zeigt.
Lamprecht: Stimmt, Nähe und Abgrenzung bilden den Kern der Serie, aber nicht nur der Kindern, sondern auch meiner Rolle als Frau und Mutter, die nach Aufgaben außerhalb der Familie sucht, ohne sich von ihr abzugrenzen.
Vogel: Und diese Suche ist in der Tat oft ein Kampf.
Der Genrebegriff Feel Good, mit dem hierzulande Familienserien oft etikettiert werden, passt demnach nicht so richtig auf Das Wichtigste im Leben oder?
Lamprecht: Absolut, aber die offizielle Überschrift „Familiendramaserie“ trifft es irgendwie auch nicht; dafür steht das Drama nicht genug im Vordergrund.
Vogel: Für Etiketten sind aus meiner Sicht eher Kritiker wie Sie zuständig; wir sind dafür zu sehr involviert. Richtig ist aber, dass solche Serien vor zwanzig Jahren noch anders konzipiert waren. Da wurde Familie tendenziell viel eher als heile Welt erzählt. Heutzutage ist Realismus wichtiger, also die Normalität des Lebens nicht weich zu zeichnen. Das schafft definitiv mehr Identifikationsmöglichkeiten.
Lamprecht: Und genau deshalb schlagen die Amplituden wie im wahren Leben bei uns in beide Richtungen aus, also Tragödie und Komödie – weil der alltägliche Wahnsinn des Familienlebens auch in der Realität oft eine Prise Humor enthält.
Vogel: Es geht eben darum, Normalität unterhaltsam zu machen, ohne sie zu überzeichnen.
Im Laufe der Serie tauchen also nicht noch dunkle Geheimnisse und menschliche Abgründe auf?
Vogel: Nein, wir wollen den normalen Wahnsinn des Lebens so erzählen, dass er auch ohne Knalleffekte spannend ist.
Lamprecht: Am Ende der ersten Staffel löst sich schon ein geheimnisvoller Bogen auf, aber eben kein allzu ausgefallener. Es gibt also weder eine Drogenküche im Keller noch Ufos auf dem Dach. Gibt’s bei uns zuhause ja auch nicht.
Schöpfen Sie für Ihre Rollen daher auch aus eigener Familienerfahrung?
Vogel: Ich schöpfe auf der Suche nach der bestmöglichen Lösung bei jeder Rolle aus meinem eigenen Leben oder wie ich die Dinge als Schauspieler und Mensch sehe – selbst, wenn es um einen Mörder geht.
Lamprecht: Anders könnte ich gar nicht spielen. Aber bei diesen Drehbüchern war es auch leicht, an eigene Erfahrungen anzuknüpfen.
Haben Sie sich als Eltern beide denn manchmal auch wiederentdeckt in Kurt und Sandra Fankhauser, ihren Denkweisen, Alltagshandlungen, womöglich auch Verschrobenheiten?
Vogel: Ich finde Kurt besonders in seiner Verschrobenheit toll, will mich aber nicht in dieser Figur spiegeln.
Lamprecht: Ich konnte in fast jeder Szene irgendwelche privaten Gefühle oder Erlebnisse heranziehen, und hätte da entsprechend oft genauso oder genau anders reagiert als Sandra. Zum Glück geht es hier aber nicht um mein Leben.
Vogel: Über mein eigenes will ich öffentlich aber ohnehin auch gar nicht so viel preisgeben, ganz ehrlich.
Die Frage war Ihnen also zu boulevardesk?
Vogel: (lacht) mir persönlich ja.
Ist trotzdem die erlaubt, was für Sie beide das Wichtigste im Leben ist?
Vogel: Fragen darf man alles, aber schon, weil diese hier jetzt fast unvermeidbar ist, war ich so strikt gegen den Titel. Meine Antwort lautet daher: gute Verdauung.
Lamprecht: Für mich ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Dingen, und das sage ich nicht, um mich vor der Antwort zu drücken, sondern weil es die eine eben nicht gibt. Unter den vielen Faktoren, die mein Leben besser machen, ist daher natürlich auch Familie enthalten. Aber auch mein Beruf, Humor, Offenheit, Selbstreflexion – all so was ist mir wichtig.
Hatten Sie denn einen Alternativ-Titel im Kopf?
Lamprecht: Es gab sogar einen, aber der wurde verändert.
Besinnungsmomente & einsame Herzen
Posted: June 3, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
27. Mai – 2. Juni
Die ganz großen Momente des Fernsehens entstehen manchmal im ganz Kleinen. Immer mal wieder weltbewegendes Enthüllungsentertainment von Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale zum Beispiel. Ein kurzer Augenblick der Stille im Gebrüll tausender Talkshows. Claus Klebers Rührungstränen für Busfahrer, der sich dem rechtspopulistischen Mainstream engegenstellte. Und seit Mittwoch weit vorn im Pantheon unvergesslicher TV-Sequenzen: Joko & Klaas.
Tags zuvor hatten beide im Showkampf mit dem eigenen Arbeitgeber 15 Minuten Sendezeit zur freien Verfügung gewonnen. Eine Viertelstunde Anarchie, die angesichts der Begrüßung („Na, ihr Pissnelken“) am Mittwoch um 20.15 Uhr auf Pro7 den personalüblichen Dadaismus befürchten ließ. Dann aber räumte das lustige Rampensauduett bierernst die Bühne und ließ dort nichts als einen Stuhl stehen, auf dem sodann nacheinander drei Menschen platznahmen, die sonst nie zu Wort kämen. Nicht auf diese Sender, nicht zu dieser Zeit.
Erst durfte die Seenotretterin Pia Klemp den zynischen Irrsinn der europäischen Flüchtlingsabwehrpolitik schildern. Danach warb Dieter Puhl von der Bahnhofsmission Zoo in gleicher Länge um Verständnis für Obdachlose. Und als eine Birgit Lohmeyer in aller Stille davon sprach, wie sie im berüchtigten Neonazi-Dorf Jamel die Stellung der Vernunft, der Kraft, der Zivilcourage hält, war klar: Hier kommt das dauererregte Fernsehen und sein aufgeputschtes Publikum kurz zur Besinnung.
Schwer zu glauben, dass so etwas weiter drin sein wird, wenn Silvio Berlusconi mehr als jene 9,6 Prozent übernimmt, mit denen sich seine Mediaset vorige Woche bei ProSiebenSat1 eingekauft hat. Und dass deren CEO Max Conze das Investment nicht als Bedrohung der programmatischen Vielfalt, sondern „Vertrauensbeweis in unsere Strategie“ bezeichnet, lässt Schlimmes befürchten. Es passt jedoch zur Stimmung, die Annegret Kramp-Karrenbauer verbreitet.
Der Peinlichkeit im Streit mit dem Youtuber Rezo ließ sie parallel dazu ja flugs jene folgen, sich öffentlich Gedanken über die Einschränkung der Meinungsfreiheit im Netz zu machen. Für den Versuch, die brennende Demokratie mit populistischem Feuer zu löschen, kreierte das Bohemian Browser Ballett daraufhin den Begriff „verakken“, der die Panik mittiger Parteien im Kampf gegen Bedeutungsverlust gut umschreibt. Aber gut – ganz ähnlich verakkt ja auch das Erste den täglichen Kampf ums junge Publikum.
Die Frischwoche
3. – 9. Juni
Am Samstag etwa in einer Schnulze um drei betagte Freundinnen, die es – so heißt das dann im PR-Sprech – „noch mal wissen wollen“ und ein Tanzcafé für Senioren eröffnen. Der Club der einsamen Herzen ist so saftig, seifig, soßig, dass man Mitleid mit der verstorbenen Hannelore Elsner kriegt, die hier neben Jutta Speidel und Uschi Glas ihr Talent verschleudert hat. Besser macht es (wie so oft) der ARD-Mittwochsfilm. In Die Auferstehung nutzt Regisseur Niki Stein einen Erbschaftsstreit dazu, die beteiligte Verwandtschaft um den gut aufgelegten Joachim Król erst emotional zu vereinen, dann lustvoll zu zerstören.
Noch viel besser macht es (wie so oft) der Privatsender Vox. Trotz des denkbar blöden Titels Das Wichtigste im Leben, verhandeln Bettina Lamprecht und Jürgen Vogel als Eltern einer gewöhnlich ungewöhnlichen Familie ab Mittwoch fünf Doppelfolgen lang ihren Alltag mit drei Kindern, in dem die Probleme nicht künstlich aufgebläht, sondern mit feinem Witz skizziert werden. Und das ist bei aller Fiktion fast so wahrhaftig wie der HBO-Zweiteiler What’s My Name.
Ab heute porträtiert Antoine Fuqua auf Sky Muhammad Ali in einer Art dokumentarischem Tanzfilm, der die Komplexität des weltgrößten Boxers ohne störenden Off-Kommentar als Balanceakt zwischen sportlichem, gesellschaftlichem und menschlichem Rhythmus zeigt. Morgen erinnert dann Arte ab 20.15 Uhr mit einer zweiteiligen Doku und einem Porträt von Liu Xiaobo, dem Mann, der Peking die Stirn bot, ans Massaker auf dem Tian’anmen-Platz vor 30 Jahren. Dass Discovery Donnerstag seinen conscious-lifestyle-Kanal Home & Garden startet, verstauen wir da mal wohlwollend in der Schublade Eskapismus, in die das spanische Netflix-Melodram Elisa und Marzella nicht gehört; schließlich geht es in der Eigenproduktion um zwei lesbisch Liebende im katholischen Spanien des Jahres 1901.
Irgendwie soziokulturell ist auch die Wiederholung der Woche: In Vorbereitung zur 2. Staffel, zeigt das ZDF heute um 23.50 Uhr alle vier Teile der Bundestagsrealsatire Eichwald, MdB mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Parlamentarier am Stück. Eine Viertelstunde zuvor zeigt Arte Hans Karl Breslauers Schwarzweißfilm Die Stadt ohne Juden, in dem der aufziehende Nationalsozialismus 1924 auf beklemmende Art vorfiktionalisiert wurde. Wer die Abgründe unserer Spezies lieber theatralisch überhöht mag, sollte den Im Schmerz geboren von 2014 (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) sehen, der vielleicht furioseste Austritt des Tatort.
K.O.G., The Gotobeds, Denzel Curry
Posted: May 31, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
K.O.G. & The Zongo Brigade
Folklore ist auch nicht mehr, was sie mal war. Träumte man sich damit einst in eigene oder exotische, also heimische oder fremde Welten, dient sie im zitierfreudigen Turbopop oft nur als Stichwortgeber selbstfreferenzieller Vielschichtigkeit – ein Schicksal, das besonders afrikanischen Sounds zuteil wird, die als purer Ethnosound jenseits seiner Ursprünge schlichtweg nicht anschlussfähig sind. Vielleicht liegt es also, dass eurozentristisch geschulte Ohren erstmal mit K.O.G. fremdeln. Allerdings nur ganz kurz.
Hinterm Kürzel von “Kweku of Ghana” verbirgt sich nämlich der Sheffielder Klangvisionär Kweku Sackey, der mit dem jamaikanischen Rapper Franz Von und einer vielköpfigen Band namens Zongo Brigade ein amerikanisch inspiriertes Futurefunk-Fundament unter treibende Afro Fusion legt und die Basis auf dem Umweg des Überbaus gewissermaßen mit sich selbst versöhnt. Heillos aufgetakelt mit Bläsern, HipHop und Percussion in wild wechselnden On/Offbeat-Kreiseln, ist das Debütalbum Wahala Wahala ein tolles Feuerwerk des kosmopolitischen Durcheinanders und einfach grandios.
K.O.G. – Wahala Wahala (Pure Vida Sounds)
The Gotobeds
Ob es unter den Abermilliarden The-Bands der Musikhistorie eine gibt, deren Name fluffiger ist als The Gotobeds, bleibt Geschmackssache, aber was das Rootspunk-Quartett aus der verrosteten Stahlstadt Pittsburgh macht, ist nicht annähernd so schläfrig wie sein Label. Auch auf dem dritten Album Debt Begins at 30 klingt der Garagensound nach den Ursprüngen ihres Metiers im britischen Kohlegürtel, hat sich aber angemessen von dessen ungewaschener Dilettanz verabschiedet.
Das Besondere am Sound von Cary, TFP, Eli and Gavin ist allerdings weniger die Modernisierung eines nostalgischen Sounds, als vielmehr, dass weder das Gestern noch das Heute Deutungshoheit für sich beanstprucht. Während der Opener Calquer The Hound zum Beispiel nach einer misanthropischen Fusion aus Clash und Shellac klingt, scheppern die Gitarren auf Poor People Are Revolting fast noisig, ohne bloß Krach zu machen. Alles in allem ein unfassbar stimmiges Album einer Band, die sich keiner Zeit zuordnen lässt. Und will.
The Gotobeds – Debt Begins at 30 (Sub Pop)
Hype der Woche
Denzel Curry
Mit Anfang 20 ein aufstrebendes Genre geprägt zu haben, ist ja schon mal was. Diesem Genre dabei in drei Jahren vier Alben hinzuzufügen, ist sogar noch viel mehr. Ihm auch, nachdem es bis zum Rand der akustischen Folter ausgewalzt wurde, noch Impulsen zu geben – im Durchlauferhitzer Cloud Rap grenzt das an ein Wunder. Eines, das Denzel Curry auf Zuu (PH Recordings), dem neuen Longlplayer im Fachgebiet des sphärischen HipHop, spielend vollbringt. Wie so vieles aus der virilen Szene in Florida, verzichtet auch Curry zwar nicht auf ein, zwei “Niggers” pro Punchline, aber auf die nervigen Bass-Kanonaden des Trap und schafft in der Mitte dieser maßgeblichsten aller aktuellen Sprechgesänge ein vielschichtiges, meinungsstarkes, bedeutsames weil unberechenbares Album. Man lernt dabei viel übers Lebensgefühl randständiger Existenzen in den USA, kann sich aber auch gut die Birne wegkiffen und durch den Wald tanzen.
Netflix: How To Sell Drugs Online (Fast)
Posted: May 30, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a comment
Böser Nettewicht
In der schwer unterhaltsamen Netflix-Serie How To Sell Drugs Online (Fast) wird ab Freitag ein deutscher Außenseiter aus Liebeskummer zum Drogendealer. Das ist mit großer Lässigkeit gespielt – und passt in eine Epoche voller Fernsehbösewichter, die im Grunde gar nicht so sind.
Von Jan Freitag
Das Bösewichte richtig böse aussehen, ach überhaupt richtig böse sind – diesen Fetisch einer gottlob längst vergangenen Fernsehästhetik hat uns spätestens der psychisch labile, physisch biedere Mafiaboss Toni Soprano ausgetrieben. Seither sprießen sympathische Gangster mit Familie und Durchschnittsjobs von Buchhändler bis Chemielehrer wie Pilze aus dem Streamingwald, der für Bösewichte klassischer Prägung längst keinen Nährwert mehr hat. Als Zuschauer ist man Freundliches vom Fiesen also durchaus gewohnt. Aber dieser böser Nettewicht auf Netflix, der ist schon noch mal was anderes.
Moritz Zimmermann heißt die Hauptfigur einer deutschen Serie mit dem englischen Titel How To Sell Drugs Online (Fast), und wer ihm im realen Rinteln am Rande Niedersachsens begegnen würde, ginge vermutlich achtlos vorbei. Gespielt vom neun Jahre älteren, angemessen picklig dekorierten, aber nicht überschminkten Maximilian Mundt (26), ist dieser Teenager ein spätpubertierender Nerd der Generation Z wie er bei im Wikipedia-Eintrage steht: kontaktgestört, schüchtern, unzugänglich, stillos. Ein echter Prototyp seiner sozialen Randlage. Mit einem Unterschied: Er verkauft Drogen. Und zwar im ganz großen Stil. Wenngleich nicht ganz freiwillig.
Wie einst Walther White wird der Schüler von äußeren Umständen in die Kriminalität getrieben. Weil seine Freundin Lisa nach ihrem Auslandsaufenthalt mit dem Kleindealer Daniel anbändelt, versucht er den Nebenbuhler erwerbsmäßig auszutrocknen und kauft das gesamte Ecstasy des Weserberglands auf. Klar, dass der Plan krachend scheitert. Anstatt diesem Kampfsportler auf Lisas Willkommensparty den Rang abzulaufen, kriegt er vom sportlich schönen „Dan“ aufs Maul, weil er das Geld ihres gemeinsamen Gamer-Startups veruntreut hat, auch noch Ärger mit seinem körperbehinderten Kumpel Lenny. Und dann kommt ihm auch noch der bewaffnete Drogenhändler ins Haus.
Schon nach anderthalb von sechs halbstündigen Folgen liegt das ohnehin ernüchternde Leben des Außenseiters also heillos in Scherben. Die Lösung: Ein digitaler Rauschgift-Shop im Darknet. Klingt irre, wird irre, ist irre, vor allem aber irre unterhaltsam. Wie in Coming-of-Age-Serien mit krimineller Backstory – etwa The End ofthe F***cking World an gleicher Stelle – üblich, eskaliert die Komödie schließlich rasch Richtung Gangstergroteske im Kreisverkehr unerwarteter Wendungen. Und nebenbei lehrt sie uns noch einiges über Heranwachsende, deren Rationalität unterm Dauerbeschuss maximaler Onlinekommunikation bei minimaler Impulskontrolle steht.
Genau hier allerdings hätte man den Autoren ein wenig mehr dramaturgische Sorgfalt gewünscht. Warum der innerlich wie äußerlich verwahrloste Moritz überhaupt mit dem innerlich wie äußerlich bezaubernden Influencer Lisa zusammenwar, bleibt ebenso rätselhaft wie der Anachronismus, dass die jungen Digital Natives hier alle noch über Facebook kommunizieren. Dafür sind sie allesamt gestylt wie frisch aus Kreuzberg geschlüpft, wohnen aber entweder in Gelsenkirchener Barock oder Rem-Koolhaas-Villen.
Doch davon abgesehen sorgt Regisseur Lars Montag in den ersten drei Episoden, mehr aber noch Arne Feldhusen in den letzten drei dafür, dass dem stilistischen Durcheinander nie der Schwung ausgeht. Sie können sich ja auch leichten Herzens auf die Darsteller verlassen – besonders wie Maximilian Mundt als überforderter Antiheld der mit stammelndem Trotz im anschwellenden Chaos die Würde zu wahren versucht. Auch Anna Lena Klenke und Damian Hardung machen ihre Parts als Serienbeautys gut. Wie Ulrike Folkerts zwanghaft lachend die Egoshooter-Höhle ihres gehbehinderten Sohns Lenny (Danilo Kamperidis) mit Raumspray lüftet, ist zudem herrlich lakonisch – und aus erwachsener Sicht gehaltvoller als Chatverläufe, Schnittgewitter, Videoclips, die unablässig den Screen zu splitten. Aber so sind halt die neuen Sehgewohnheiten einer Generation, die erkennbare Bösewichter kaum noch kennt. Der nette Dealer Moritz ist einer von ihnen. Und das sehr unterhaltsam.
Rezos Zerstörung & Drogen im Netz
Posted: May 27, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
20. – 26. Mai
Nun hat ist es also aus und doch noch am Anfang: Nach 73 Folgen in 8 Staffeln sind die letzten Kriege gefochten, die letzten Ränke geschmiedet, die letzten Feinde besiegt, die letzten Freunde verraten, doch nach dem Game of Thrones ging das Spiel des Publikums ja erst los. Uninspiriert, langweilig, banal, einfallslos, schlicht scheiße lautet die Kritik an einem eigentlich sehr kreativen, weil bedächtigen Ende. Das liegt allerdings weniger am Inhalt als an Verlustängsten; schließlich hat die erfolgreichste TV-Serie aller Zeiten ihre Fans neun Jahre lang von Zuschauern zu Angehörigen einer Großfamilie gemacht, in der jeder Stimmrecht beansprucht.
Seither geistern Petitionen für a) ein Staffel-Remake oder b) die Fortsetzung durchs Netz. Angesichts der glaubhaften Feststellung von HBO, GoTxit meens GoTxit, wäre es allerdings wahrscheinlicher, dass die ARD bei der Übertragung eines Pokalendspiels der Bayern gegen Dosenbrause Leipzig a) auch nur ein Wort über die sportverachtende Wettbewerbsverzerrung beider Finalisten verliert oder b) Fifa-Besitzer Infantino in der Pause zu Korruption und Diktatorenkuscheln befragt. Ähnlich undenkbar: dass Heinz-Christian Strache sein Ibiza-Video a) wiederholen oder b) weiterspinnen darf.
Dafür könnte man dann a) Shahak Shapira oder b) Philipp Amthor einsetzen, der aber zuvor noch einen Beef mit a) seiner juvenilen Greisenhaftigkeit oder b) dem Youtuber Rezo ausfechten muss, dessen fast acht Millionen Mal geklickter Film Die Zerstörung der CDU ein journalistisch teils unausgewogenes, aber sehr kraftvolles Bekenntnis der jungen Objekte bürgerlichen Regierungshandelns zur politischen Partizipation ist, das – bei aller Kritik am renitenten Mitglied einer unionsfremden Alterskohorte – nun mal vollumfänglich der Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes unterliegt.
Die Frischwoche
27. Mai – 2. Juni
Pünktlich zum 70. Verfassungsgeburtstag startet übrigens der wunderbare Indie-Entertainer Micky Beisenherz unterm Namen des unabänderlichen Grundrechts eine Comedy-Show, in der genau diese Art konservativer Ignoranz durch den Kakao gezogen wird. Schade, dass Artikel 5 ab Donnerstag vorerst zehnmal auf Magenta TV, nicht öffentlich-rechtlich zu sehen ist. Dort läuft dafür heute bisschen spät, aber immerhin im Ersten (23.30 Uhr) die sehenswerte Doku Der Schwulen-Paragraf, mit dem die Bundesrepublik nationalsozialistisches Unrecht bis tief in die Gegenwart fortgesetzt hatte.
Das passt gut zum musikalischen Themenabend, an dem 3sat am Mittwoch ab 20.15 Uhr das Rechtsrockland von Neonazi-Band bis Blut-und-Boden-Barde erkundet und im Anschluss das thüringische Themar besucht, wo sie sich die singenden Demokratiefeinde Jahr für Jahr versammeln. Gewissermaßen zurück zur Quelle geht tags zuvor Arte, wenn es erst die Menschenversuche der Nazi-Wissenschaft unters Mikroskop nimmt und im Anschluss den Nazi-Jäger Fritz Bauer porträtiert.
Eher links der Rechten, letztlich aber jenseits parteipolitischer Grenzen stößt Jessy Wellmers Reportage- und Talkformat Sportschau-Thema ab Samstag um 18.25 Uhr in die Bundesligapause und erkundet dort investigativ die Abseiten des Leistungssports. Fiktional, aber nicht unrealistisch spielt der spanisch-deutsche Achtteiler La Zona ab Samstag, 22.15 Uhr, auf Neo durch, wie es drei Jahre nach einem Atomunfall im unbewohnbaren Nordspanien zugeht. Darüber hinaus aber laufen die Serien der Woche online. Auf Netflix zum Beispiel startet Freitag der Vierteiler When They See Us, in dem fünf Farbige 1989 nach einer wahren Begebenheit fälschlich für eine Vergewaltigung im Central Park verurteilt werden.
Parallel dazu beginnt dort die Eigenproduktion How to Sell Drugs (Fast), in der ein deutscher Provinz-Nerd aus Liebeskummer mit seinem körperbehinderten Kumpel Drogen im Darknet verkauft. Das ist volle acht Teile lang angenehm aberwitzig, ohne völlig durchzudrehen. Letzteres mag ja für alles Mögliche gelten, aber sicher nicht für Good Omens. Mit Stars wie Michael Sheen oder Jon Hamm als Engel und Dämonen, die nach einem Roman von Terry Pratchett mit viel groteskem Humor versuchen, den jüngsten Tag einzuläuten – wofür die Videoabteilung des diabolischen Einzelhandels- und Umweltzerstörer Amazon sicher nicht der unpassendste Sender ist.
So wie RTL ein adäquater Kanal fürs Remake von Ben Hur am Donnerstag um 20.15 Uhr ist, das mehr Musik und Effekte, dafür weniger Pathos und Moral als 1959 hat. Damals spielte Charlton Heston den jüdischen Revoluzzer, neun Jahre später war er die Titelfigur der farbigen Wiederholungen der Woche am selben Tag (23 Uhr, Kabel1), als der spätere Waffennarr Planet der Affen zur Filmlegende machte, also elf Jahre nach dem Westernklassiker Zähl bis drei und bete mit John Ford als Farmer im Clinch mit Banditen (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Den Tatort-Klassiker gibt’s 90 Minuten später beim HR: Schichtwechsel um einen Mord im Kieler Werftenmilieu, 2004 noch mit Borowskis wunderbarer Kollegin Frieda Jung.